Kitabı oku: «Johann Wolfgang von Goethe: Gesammelte Dramen»
Clavigo
Personen.
Clavigo, Archivarius des Königs
Carlos, dessen Freund
Beaumarchais
Marie Beaumarchais
Sophie Guilbert, geborne Beaumarchais
Guilbert, ihr Mann
Buenco
Saint George
Der Schauplatz ist zu Madrid.
Erster Akt
Clavigos Wohnung.
Clavigo. Carlos.
CLAVIGO vom Schreibtisch aufstehend. Das Blatt wird eine gute Wirkung tun, es muß alle Weiber bezaubern. Sag mir, Carlos, glaubst du nicht, daß meine Wochenschrift jetzt eine der ersten in Europa ist?
CARLOS. Wir Spanier wenigstens haben keinen neueren Autor, der so viel Stärke des Gedankens, so viel blühende Einbildungskraft mit einem so glänzenden und leichten Stil verbände.
CLAVIGO. Laß mich! Ich muß unter dem Volke noch der Schöpfer des guten Geschmacks werden. Die Menschen sind willig, allerlei Eindrücke anzunehmen; ich habe einen Ruhm, ein Zutrauen unter meinen Mitbürgern; und, unter uns gesagt, meine Kenntnisse breiten sich täglich aus, meine Empfindungen erweitern sich, und mein Stil bildet sich immer wahrer und stärker.
CARLOS. Gut, Clavigo! Doch wenn du mir's nicht übelnehmen willst, so gefiel mir damals deine Schrift weit besser, als du sie noch zu Mariens Füßen schriebst, als noch das liebliche, muntere Geschöpf auf dich Einfluß hatte. Ich weiß nicht, das Ganze hatte ein jugendlicheres, blühenderes Ansehen.
CLAVIGO. Es waren gute Zeiten, Carlos, die nun vorbei sind. Ich gestehe dir gern, ich schrieb damals mit offnerem Herzen, und wahr ist's, sie hatte viel Anteil an dem Beifall, den das Publikum mir gleich anfangs gewährte. Aber in der Länge, Carlos, man wird der Weiber gar bald satt; und warst du nicht der erste, meinem Entschluß Beifall zu geben, als ich mir vornahm, sie zu verlassen!
CARLOS. Du wärst versauert. Sie sind gar zu einförmig. Nur, dünkt mich, wär's wieder Zeit, daß du dich nach einem neuen Plan umsähest, es ist doch auch nichts, wenn man so ganz auf'm Sand ist.
CLAVIGO. Mein Plan ist der Hof, und da gilt kein Feiern. Hab ich's für einen Fremden, der ohne Stand, ohne Namen, ohne Vermögen hieher kam, nicht weit genug gebracht? Hier an einem Hofe! unter dem Gedräng von Menschen, wo es so schwer hält, sich bemerken zu machen? Mir ist's so wohl, wenn ich den Weg ansehe, den ich zurückgelegt habe. Geliebt von den Ersten des Königreichs! geehrt durch meine Wissenschaften, meinen Rang! Archivarius des Königs! Carlos, das spornt mich alles; ich wäre nichts, wenn ich bliebe, was ich bin! Hinauf! Hinauf! Und da kostet's Mühe und List! Man braucht seinen ganzen Kopf; und die Weiber, die Weiber! Man vertändelt gar zu viel Zeit mit ihnen.
CARLOS. Narre, das ist deine Schuld. Ich kann nie ohne Weiber leben, und mich hindern sie an gar nichts. Auch sag ich ihnen nicht so viel schöne Sachen, röste mich nicht monatelang an Sentiments und dergleichen; wie ich denn mit honetten Mädchen am ungernsten zu tun habe. Ausgeredt hat man bald mit ihnen; hernach schleppt man sich eine Zeitlang herum, und kaum sind sie ein bißchen warm bei einem, hat sie der Teufel gleich mit Heiratsgedanken und Heiratsvorschlägen, die ich fürchte wie die Pest. Du bist nachdenkend, Clavigo?
CLAVIGO. Ich kann die Erinnerung nicht loswerden, daß ich Marien verlassen – hintergangen habe, nenn's, wie du willst.
CARLOS. Wunderlich! Mich dünkt doch, man lebt nur Einmal in der Welt, hat nur Einmal diese Kräfte, diese Aussichten, und wer sie nicht zum besten braucht, wer sich nicht so weit treibt als möglich, ist ein Tor. Und heiraten! heiraten just zur Zeit, da das Leben erst recht in Schwung kommen soll! sich häuslich niederlassen, sich einschränken, da man noch die Hälfte seiner Wanderung nicht zurückgelegt, die Hälfte seiner Eroberungen noch nicht gemacht hat! Daß du sie liebtest, das war natürlich, daß du ihr die Ehe versprachst, war eine Narrheit, und wenn du Wort gehalten hättest, wär's gar Raserei gewesen.
CLAVIGO. Sieh, ich begreife den Menschen nicht. Ich liebte sie wahrlich, sie zog mich an, sie hielt mich, und wie ich zu ihren Füßen saß, schwur ich ihr, schwur ich mir, daß es ewig so sein sollte, daß ich der Ihrige sein wollte, sobald ich ein Amt hätte, einen Stand – Und nun, Carlos!
CARLOS. Es wird noch Zeit genug sein, wenn du ein gemachter Mann bist, wenn du das erwünschte Ziel erreicht hast, daß du alsdann, um all dein Glück zu krönen und zu befestigen, dich mit einem angesehenen und reichen Hause durch eine kluge Heirat zu verbinden suchst.
CLAVIGO. Sie ist verschwunden! glatt aus meinem Herzen verschwunden, und wenn mir ihr Unglück nicht manchmal durch den Kopf führe – Daß man so veränderlich ist!
CARLOS. Wenn man beständig wäre, wollt ich mich verwundern. Sieh doch, verändert sich nicht alles in der Welt? warum sollten unsere Leidenschaften bleiben? Sei du ruhig, sie ist nicht das erste verlaßne Mädchen, und nicht das erste, das sich getröstet hat. Wenn ich dir raten soll, da ist die junge Witwe gegenüber –
CLAVIGO. Du weißt, ich halte nicht viel auf solche Vorschläge. Ein Roman, der nicht ganz von selbst kommt, ist nicht imstande, mich einzunehmen.
CARLOS. Über die delikaten Leute!
CLAVIGO. Laß das gut sein, und vergiß nicht, daß unser Hauptwerk gegenwärtig sein muß, uns dem neuen Minister notwendig zu machen. Daß Whal das Gouvernement von Indien niederlegt, ist immer beschwerlich für uns. Zwar ist mir's weiter nicht bange; sein Einfluß bleibt – Grimaldi und er sind Freunde, und wir können schwatzen und uns bücken –
CARLOS. Und denken und tun, was wir wollen.
CLAVIGO. Das ist die Hauptsache in der Welt. Schellt dem Bedienten. Tragt das Blatt in die Druckerei!
CARLOS. Sieht man Euch den Abend?
CLAVIGO. Nicht wohl. Nachfragen könnt Ihr ja.
CARLOS. Ich möchte heut abend gar zu gern was unternehmen, das mir das Herz erfreute; ich muß diesen ganzen Nachmittag wieder schreiben. Das endigt nicht.
CLAVIGO. Laß es gut sein! Wenn wir nicht für so viele Leute arbeiteten, wären wir so viel Leuten nicht über den Kopf gewachsen. Ab.
Guilberts Wohnung.
Sophie Guilbert. Marie Beaumarchais. Don Buenco.
BUENCO. Sie haben eine üble Nacht gehabt?
SOPHIE. Ich sagt's ihr gestern abend. Sie war so ausgelassen lustig und hat geschwatzt bis eilfe, da war sie erhitzt, konnte nicht schlafen, und nun hat sie wieder keinen Atem und weint den ganzen Morgen.
MARIE. Daß unser Bruder nicht kommt! Es sind zwei Tage über die Zeit.
SOPHIE. Nur Geduld, er bleibt nicht aus.
MARIE aufstehend. Wie begierig bin ich, diesen Bruder zu sehen; meinen Richter und meinen Retter. Ich erinnere mich seiner kaum.
SOPHIE. O ja, ich kann mir ihn noch wohl vorstellen; er war ein feuriger, offner, braver Knabe von dreizehn Jahren, als uns unser Vater hierher schickte.
MARIE. Eine edle, große Seele Sie haben den Brief gelesen, so den er schrieb, als er mein Unglück erfuhr. Jeder Buchstabe davon steht in meinem Herzen. »Wenn du schuldig bist«, schreibt er, »so erwarte keine Vergebung; über dein Elend soll noch die Verachtung eines Bruders auf dir schwer werden, und der Fluch eines Vaters. Bist du unschuldig – o dann alle Rache, alle, alle glühende Rache auf den Verräter!« – Ich zittere! Er wird kommen. Ich zittere, nicht für mich, ich stehe vor Gott in meiner Unschuld. – Ihr müßt, meine Freunde – Ich weiß nicht, was ich will! O Clavigo!
SOPHIE. Du hörst nicht! Du wirst dich umbringen.
MARIE. Ich will stille sein! Ja ich will nicht weinen. Mich dünkt auch, ich hätte keine Tränen mehr! Und warum Tränen? Es ist mir nur leid, daß ich euch das Leben sauer mache. Denn im Grunde, worüber beklag' ich mich? Ich habe viel Freude gehabt, solang unser alter Freund noch lebte. Clavigos Liebe hat mir viel Freude gemacht, vielleicht mehr als ihm die meinige. Und nun – was ist's nun weiter? Was ist an mir gelegen? an einem Mädchen gelegen, ob ihm das Herz bricht? ob es sich verzehrt und sein armes junges Leben ausquält?
BUENCO. Um Gottes willen, Mademoiselle!
MARIE. Ob's ihm wohl einerlei ist – daß er mich nicht mehr liebt? Ach! warum bin ich nicht mehr liebenswürdig? Aber bedauern, bedauern sollt er mich! daß die Arme, der er sich so notwendig gemacht hatte, nun ohne ihn ihr Leben hinschleichen, hinjammern soll. – Bedauern! Ich mag nicht von dem Menschen bedauert sein.
SOPHIE. Wenn ich dich ihn könnte verachten lehren, den Nichtswürdigen! den Hassenswürdigen!
MARIE. Nein, Schwester, ein Nichtswürdiger ist er nicht; und muß ich denn den verachten, den ich hasse? – Hassen! Ja, manchmal kann ich ihn hassen, manchmal, wenn der spanische Geist über mich kommt. Neulich, o neulich, als wir ihm begegneten, sein Anblick wirkte volle warme Liebe auf mich! und wie ich wieder nach Hause kam, und mir sein Betragen auffiel, und der ruhige, kalte Blick, den er so über mich herwarf an der Seite der glänzenden Donna – da ward ich Spanierin in meinem Herzen, und griff nach meinem Dolch, und nahm Gift zu mir, und verkleidete mich. Ihr erstaunt, Buenco? Alles in Gedanken, versteht sich.
SOPHIE. Närrisches Mädchen!
MARIE. Meine Einbildungskraft führte mich ihm nach, ich sah ihn, wie er zu den Füßen seiner neuen Geliebten alle die Freundlichkeit, alle die Demut verschwendete, mit der er mich vergiftet hat – ich zielte nach dem Herzen des Verräters! Ach, Buenco! – Auf einmal war das gutherzige französische Mädchen wieder da, das keine Liebestränke kennt und keine Dolche zur Rache. Wir sind übel dran! Vaudevilles, unsere Liebhaber zu unterhalten, Fächer, sie zu strafen, und wenn sie untreu sind? – Sag, Schwester, wie machen sie's in Frankreich, wenn die Liebhaber untreu sind?
SOPHIE. Man verwünscht sie.
MARIE. Und?
SOPHIE. Und läßt sie laufen.
MARIE. Laufen! Nun, und warum soll ich Clavigo nicht laufen lassen? Wenn das in Frankreich Mode ist, warum soll's nicht in Spanien sein? Warum soll eine Französin in Spanien nicht Französin sein? Wir wollen ihn laufen lassen und uns einen andern nehmen; mich dünkt, sie machen's bei uns auch so.
BUENCO. Er hat eine feierliche Zusage gebrochen, und keinen leichtsinnigen Roman, kein gesellschaftliches Attachement. Mademoiselle, Sie sind bis ins innerste Herz beleidigt, gekränkt. O, mir ist mein Stand, daß ich ein unbedeutender ruhiger Bürger von Madrid bin, nie so beschwerlich, nie so ängstlich gewesen als jetzt, da ich mich so schwach, so unvermögend fühle, Ihnen gegen den falschen Höfling Gerechtigkeit zu schaffen!
MARIE. Wie er noch Clavigo war, noch nicht Archivarius des Königs, wie er der Fremdling, der Ankömmling, der Neueingeführte in unserm Hause war, wie liebenswürdig war er, wie gut! Wie schien all sein Ehrgeiz, all sein Aufstreben ein Kind seiner Liebe zu sein! Für mich rang er nach Namen, Stand, Gütern: er hat's, und ich! – –
Guilbert kommt.
GUILBERT heimlich zu seiner Frau. Der Bruder kommt.
MARIE. Der Bruder! – Sie zittert, man führt sie in einen Sessel. Wo? wo? Bringt mir ihn! Bringt mich hin!
Beaumarchais kommt.
BEAUMARCHAIS. Meine Schwester! Von der ältesten weg, nach der jüngsten zustürzend. Meine Schwester! Meine Freunde! O meine Schwester!
MARIE. Bist du da? Gott sei Dank, du bist da!
BEAUMARCHAIS. Laß mich zu mir selbst kommen!
MARIE. Mein Herz, mein armes Herz!
SOPHIE. Beruhigt euch! Lieber Bruder, ich hoffte, dich gelassener zu sehn.
BEAUMARCHAIS. Gelassener! Seid ihr denn gelassen? Seh ich nicht an der zerstörten Gestalt dieser Lieben, an deinen verweinten Augen, deiner Blässe des Kummers, an dem toten Stillschweigen eurer Freunde, daß ihr so elend seid, wie ich mir euch den ganzen langen Weg vorgestellt habe? Und elender – denn ich seh euch, ich hab euch in meinen Armen, die Gegenwart verdoppelt meine Gefühle, o meine Schwester!
SOPHIE. Und unser Vater?
BEAUMARCHAIS. Er segnet euch und mich, wenn ich euch rette.
BUENCO. Mein Herr, erlauben Sie einem Unbekannten, der den edlen braven Mann in Ihnen beim ersten Anblick erkennt, seinen innigsten Anteil an Tag zu legen, den er bei dieser ganzen Sache empfindet. Mein Herr! Sie machen diese ungeheure Reise, Ihre Schwester zu retten, zu rächen. Willkommen! sein Sie willkommen wie ein Engel, ob Sie uns alle gleich beschämen!
BEAUMARCHAIS. Ich hoffte, mein Herr, in Spanien solche Herzen zu finden, wie das Ihre ist; das hat mich angespornt den Schritt zu tun. Nirgend, nirgend in der Welt mangelt es an teilnehmenden, beistimmenden Seelen; wenn nur einer auftritt, dessen Umstände ihm völlig Freiheit lassen, all seiner Entschlossenheit zu folgen. Und o, meine Freunde ich habe das hoffnungsvolle Gefühl: überall gibt's treffliche Menschen unter den Mächtigen und Großen, und das Ohr der Majestät ist selten taub; nur ist unsere Stimme meist zu schwach, bis dahinauf zu reichen.
SOPHIE. Kommt, Schwester! Kommt! Legt Euch einen Augenblick nieder! Sie ist ganz außer sich. Sie führen sie weg.
MARIE. Mein Bruder!
BEAUMARCHAIS. Will's Gott, du bist unschuldig, und dann alle, alle Rache über den Verräter! Marie, Sophie ab. Mein Bruder! Meine Freunde! ich seh's an euren Blicken, daß ihr's seid. Laßt mich zu mir selbst kommen! Und dann! Eine reine, unparteiische Erzählung der ganzen Geschichte. Die soll meine Handlungen bestimmen. Das Gefühl einer guten Sache soll meinen Entschluß befestigen; und glaubt mir, wenn wir recht haben, werden wir Gerechtigkeit finden.
Zweiter Akt
Das Haus des Clavigo.
Clavigo.
CLAVIGO. Wer die Franzosen sein mögen, die sich bei mir haben melden lassen? – Franzosen! Sonst war mir diese Nation willkommen! – Und warum nicht jetzt? Es ist wunderbar, ein Mensch, der sich über so vieles hinaussetzt, wird doch an einer Ecke mit Zwirnsfäden angebunden. – Weg! – Und wär ich Marien mehr schuldig als mir selbst? und ist's eine Pflicht, mich unglücklich zu machen, weil mich ein Mädchen liebt?
Ein Bedienter.
BEDIENTER. Die Fremden, mein Herr.
CLAVIGO. Führe sie herein! Du sagtest doch ihrem Bedienten, daß ich sie zum Frühstück erwarte?
BEDIENTER. Wie Sie befahlen.
CLAVIGO. Ich bin gleich wieder hier. Ab.
Beaumarchais. Saint George.
Der Bediente setzt ihnen Stühle und geht.
BEAUMARCHAIS. Es ist mir so leicht! so wohl! mein Freund, daß ich endlich hier bin, daß ich ihn habe; er soll mir nicht entwischen. Sein Sie ruhig; wenigstens zeigen Sie ihm die gelassenste Außenseite! Meine Schwester! meine Schwester! Wer glaubte, daß du so unschuldig als unglücklich bist? Es soll an den Tag kommen, du sollst auf das grimmigste gerächt werden. Und du, guter Gott, erhalte mir die Ruhe der Seele, die du mir in diesem Augenblicke gewährest, daß ich mit aller Mäßigung in dem entsetzlichen Schmerz und so klug handle als möglich!
SAINT GEORGE. Ja diese Klugheit, alles, mein Freund, was Sie jemals von Überlegung bewiesen haben, nehm ich in Anspruch. Sagen Sie mir's zu, mein Bester, noch einmal daß Sie bedenken, wo Sie sind. In einem fremden Königreiche, wo alle Ihre Beschützer, wo all Ihr Geld nicht imstande ist, Sie gegen die geheimen Maschinen nichtswürdiger Feinde zu sichern.
BEAUMARCHAIS. Sein Sie ruhig! Spielen Sie Ihre Rolle gut, er soll nicht wissen, mit welchem von uns beiden er's zu tun hat. Ich will ihn martern. O, ich bin guten Humors genug, um den Kerl an einem langsamen Feuer zu braten.
Clavigo kommt wieder.
CLAVIGO. Meine Herren, es ist mir eine Freude, Männer von einer Nation bei mir zu sehen, die ich immer geschätzt habe.
BEAUMARCHAIS. Mein Herr, ich wünsche, daß auch wir der Ehre würdig sein mögen, die Sie unsern Landsleuten anzutun belieben.
SAINT GEORGE. Das Vergnügen, Sie kennen zu lernen, hat bei uns die Bedenklichkeit überwunden, daß wir beschwerlich sein könnten.
CLAVIGO. Personen, die der erste Anblick empfiehlt, sollten die Bescheidenheit nicht so weit treiben.
BEAUMARCHAIS. Freilich kann Ihnen nicht fremd sein, von Unbekannten besucht zu werden, da Sie durch die Vortrefflichkeit Ihrer Schriften sich ebensosehr in auswärtigen Reichen bekannt gemacht haben, als die ansehnlichen Ämter, die Ihro Majestät Ihnen anvertrauen, Sie in Ihrem Vaterlande distinguieren.
CLAVIGO. Der König hat viel Gnade für meine geringen Dienste, und das Publikum viel Nachsicht für die unbedeutenden Versuche meiner Feder; ich wünschte, daß ich einigermaßen etwas zu der Verbesserung des Geschmacks in meinem Lande, zur Ausbreitung der Wissenschaften beitragen könnte. Denn sie sind's allein, die uns mit andern Nationen verbinden, sie sind's, die aus den entferntesten Geistern Freunde machen und die angenehmste Vereinigung unter denen selbst erhalten, die leider durch Staatsverhältnisse öfters getrennt werden.
BEAUMARCHAIS. Es ist entzückend, einen Mann so reden zu hören, der gleichen Einfluß auf den Staat und auf die Wissenschaften hat. Auch muß ich gestehen, Sie haben mir das Wort aus dem Munde genommen, und mich geradeswegs auf das Anliegen gebracht, um dessen willen Sie mich hier sehen. Eine Gesellschaft gelehrter würdiger Männer hat mir den Auftrag gegeben, an jedem Orte, wo ich durchreiste und Gelegenheit fände, einen Briefwechsel zwischen ihnen und den besten Köpfen des Königreichs zu stiften. Wie nun kein Spanier besser schreibt als der Verfasser der Blätter, die unter dem Namen »Der Denker« so bekannt sind, ein Mann, mit dem ich die Ehre habe zu reden –
CLAVIGO macht eine verbindliche Beugung.
BEAUMARCHAIS. Und der eine besondere Zierde der Gelehrten ist, indem er gewußt hat, mit seinen Talenten einen solchen Grad von Weltklugheit zu verbinden; dem es nicht fehlen kann, die glänzenden Stufen zu besteigen, deren ihn sein Charakter und seine Kenntnisse würdig machen – ich glaube, meinen Freunden keinen angenehmern Dienst leisten zu können, als wenn ich sie mit einem solchen Manne verbinde.
CLAVIGO. Kein Vorschlag in der Welt konnte mir erwünschter sein, meine Herren: ich sehe dadurch die angenehmsten Hoffnungen erfüllt, mit denen sich mein Herz oft ohne Aussicht einer glücklichen Gewährung beschäftigte. Nicht daß ich glaubte, durch meinen Briefwechsel den Wünschen Ihrer gelehrten Freunde genugtun zu können; so weit geht meine Eitelkeit nicht. Aber da ich das Glück habe, daß die besten Köpfe in Spanien mit mir zusammenhängen, da mir nichts unbekannt bleiben mag, was in unserm weiten Reiche von einzelnen, oft verborgenen Männern für die Wissenschaften, für die Künste getan wird, so sahe ich mich bisher als einen Kolporteur an, der das geringe Verdienst hat, die Erfindungen anderer gemeinnützig zumachen; nun aber werd' ich durch Ihre Dazwischenkunft zum Handelsmann, der das Glück hat, durch Umsetzung der einheimischen Produkte den Ruhm seines Vaterlandes auszubreiten und darüber es noch mit fremden Schätzen zu bereichern. Und so erlauben Sie, mein Herr, daß ich einen Mann, der mit solcher Freimütigkeit eine so angenehme Botschaft bringt, nicht wie einen Fremden behandle; erlauben Sie, daß ich frage, was für ein Geschäft, was für ein Anliegen Sie diesen weiten Weg geführt hat? Nicht, als wollt ich durch diese Indiskretion eine eitle Neugier befriedigen; nein, glauben Sie vielmehr, daß es in der reinsten Absicht geschieht, alle Kräfte, allen Einfluß, den ich etwa haben mag, für Sie zu verwenden: denn ich sage Ihnen zum voraus, Sie sind an einen Ort gekommen, wo sich einem Fremden zu Ausführung seiner Geschäfte, besonders bei Hofe, unzählige Schwierigkeiten entgegensetzen.
BEAUMARCHAIS. Ich nehme ein so gefälliges Anerbieten mit allem Dank an. Ich habe keine Geheimnisse für Sie, mein Herr, und dieser Freund wird bei meiner Erzählung nicht zuviel sein; er ist sattsam von dem unterrichtet, was ich Ihnen zu sagen habe.
CLAVIGO betrachtet Saint George mit Aufmerksamkeit.
BEAUMARCHAIS. Ein französischer Kaufmann, der bei einer starken Anzahl von Kindern wenig Vermögen besaß, hatte viele Korrespondenten in Spanien. Einer der reichsten kam vor fünfzehn Jahren nach Paris und tat ihm den Vorschlag: »Gebt mir zwei von Euern Töchtern, ich nehme sie mit nach Madrid und versorge sie. Ich bin ledig, bejahrt, ohne Verwandte, sie werden das Glück meiner alten Tage machen, und nach meinem Tode hinterlaß ich ihnen eine der ansehnlichsten Handlungen in Spanien.« Man vertraute ihm die älteste und eine der jüngern Schwestern. Der Vater übernahm, das Haus mit allen französischen Waren zu versehn, die man verlangen würde, und so hatte alles ein gutes Ansehn, bis der Korrespondent mit Tode abging, ohne die Französinnen im geringsten zu bedenken, die sich denn in dem beschwerlichen Falle sahen, allein einer neuen Handlung vorzustehen.
Die älteste hatte unterdessen geheiratet, und unerachtet des geringen Zustandes ihrer Glücksgüter erhielten sie sich durch gute Aufführung und durch die Annehmlichkeit ihres Geistes eine Menge Freunde, die sich wechselsweise beeiferten, ihren Kredit und ihre Geschäfte zu erweitern.
CLAVIGO wird immer aufmerksamer.
BEAUMARCHAIS. Ungefähr um eben die Zeit hatte sich ein junger Mensch, von den Kanarischen Inseln bürtig, in dem Hause vorstellen lassen.
CLAVIGO verliert alle Munterkeit aus seinem Gesicht, und sein Ernst geht nach und nach in eine Verlegenheit über, die immer sichtbarer wird.
BEAUMARCHAIS. Ungeachtet seines geringen Standes und Vermögens nimmt man ihn gefällig auf. Die Frauenzimmer, die eine große Begierde zur französischen Sprache an ihm bemerkten, erleichtern ihm alle Mittel, sich in weniger Zeit große Kenntnisse zu erwerben.
Voll von Begierde, sich einen Namen zu machen, fällt er auf den Gedanken, der Stadt Madrid das seiner Nation noch unbekannte Vergnügen einer Wochenschrift im Geschmack des englischen »Zuschauers« zu geben. Seine Freundinnen lassen es nicht ermangeln, ihm auf alle Art beizustehn; man zweifelt nicht, daß ein solches Unternehmen großen Beifall finden würde; genug, ermuntert durch die Hoffnung, nun bald ein Mensch von einiger Bedeutung werden zu können, wagt er es, der jüngsten einen Heiratsvorschlag zu tun.
Man gibt ihm Hoffnung. »Sucht Euer Glück zu machen«, sagt die älteste, »und wenn Euch ein Amt, die Gunst des Hofes, oder irgend sonst ein Mittel ein Recht wird gegeben haben, an meine Schwester zu denken, wenn sie Euch denn andern Freiern vorzieht, kann ich Euch meine Einwilligung nicht versagen.«
CLAVIGO bewegt sich in höchster Verwirrung auf seinem Sessel.
BEAUMARCHAIS. Die jüngste schlägt verschiedene ansehnliche Partieen aus; ihre Neigung gegen den Menschen nimmt zu und hilft ihr die Sorge einer ungewissen Erwartung tragen; sie interessiert sich für sein Glück wie für ihr eigenes, und ermuntert ihn, das erste Blatt seiner Wochenschrift zu geben, das unter einem vielversprechenden Titel erscheint.
CLAVIGO ist in der entsetzlichsten Verlegenheit.
BEAUMARCHAIS ganz kalt. Das Werk macht ein erstaunendes Glück; der König selbst, durch diese liebenswürdige Produktion ergetzt, gab dem Autor öffentliche Zeichen seiner Gnade. Man versprach ihm das erste ansehnliche Amt, das sich auftun würde. Von dem Augenblick an entfernt er alle Nebenbuhler von seiner Geliebten, indem er ganz öffentlich sich um sie bemühte. Die Heirat verzog sich nur in Erwartung der zugesagten Versorgung. – Endlich, nach sechs Jahren Harrens, ununterbrochener Freundschaft, Beistands und Liebe von seiten des Mädchens, nach sechs Jahren Ergebenheit, Dankbarkeit, Bemühungen, heiliger Versicherungen von seiten des Mannes, erscheint das Amt – und er verschwindet.
CLAVIGO es entfährt ihm ein tiefer Seufzer, den er zu verbergen sucht, und ganz außer sich ist.
BEAUMARCHAIS. Die Sache hatte zu großes Aufsehn gemacht, als daß man die Entwicklung sollte gleichgültig angesehen haben. Ein Haus für zwei Familien war gemietet. Die ganze Stadt sprach davon. Alle Freunde waren aufs höchste aufgebracht und suchten Rache. Man wendete sich an mächtige Gönner; allein der Nichtswürdige, der nun schon in die Kabalen des Hofs initiiert war, weiß alle Bemühungen fruchtlos zu machen und geht in seiner Insolenz so weit, daß er es wagt, den Unglücklichen zu drohen, wagt, denen Freunden, die sich zu ihm begeben, ins Gesicht zu sagen: die Französinnen sollten sich in acht nehmen, er biete sie auf, ihm zu schaden, und wenn sie sich unterständen, etwas gegen ihn zu unternehmen, so wär's ihm ein leichtes, sie in einem fremden Lande zu verderben, wo sie ohne Schutz und Hülfe seien. Das arme Mädchen fiel auf die Nachricht in Konvulsionen, die ihr den Tod drohten. In der Tiefe ihres Jammers schreibt die Älteste nach Frankreich die offenbare Beschimpfung, die ihnen angetan worden. Die Nachricht bewegt ihren Bruder aufs schrecklichste, er verlangt seinen Abschied, um in so einer verwirrten Sache selbst Rat und Hülfe zu schaffen, er ist im Fluge von Paris zu Madrid, und der Bruder – bin ich! der alles verlassen hat, Vaterland, Pflichten, Familie, Stand, Vergnügen, um in Spanien eine unschuldige, unglückliche Schwester zu rächen. Ich komme, bewaffnet mit der besten Sache und aller Entschlossenheit, einen Verräter zu entlarven, mit blutigen Zügen seine Seele auf sein Gesicht zu zeichnen, und der Verräter – bist du!
CLAVIGO. Hören Sie mich, mein Herr – Ich bin – Ich habe – Ich zweifle nicht –
BEAUMARCHAIS. Unterbrechen Sie mich nicht. Sie haben mir nichts zu sagen und viel von mir zu hören. Nun um einen Anfang zu machen, sein Sie so gütig, vor diesem Herrn, der expreß mit mir aus Frankreich gekommen ist, zu erklären: ob meine Schwester durch irgend eine Treulosigkeit, Leichtsinn, Schwachheit, Unart oder sonst einen Fehler diese öffentliche Beschimpfung um Sie verdient habe.
CLAVIGO. Nein, mein Herr. Ihre Schwester, Donna Maria, ist ein Frauenzimmer voll Geist, Liebenswürdigkeit und Tugend.
BEAUMARCHAIS. Hat sie Ihnen jemals seit Ihrem Umgange eine Gelegenheit gegeben, sich über sie zu beklagen, oder sie geringer zu achten?
CLAVIGO. Nie! Niemals!
BEAUMARCHAIS aufstehend. Und warum, Ungeheuer! hattest du die Grausamkeit, das Mädchen zu Tode zu quälen? Nur weil dich ihr Herz zehn andern vorzog, die alle rechtschaffner und reicher waren als du.
CLAVIGO. Oh mein Herr! Wenn Sie wüßten, wie ich verhetzt worden bin, wie ich durch mancherlei Ratgeber und Umstände –
BEAUMARCHAIS. Genug! Zu Saint George. Sie haben die Rechtfertigung meiner Schwester gehört; gehn Sie und breiten Sie es aus! Was ich dem Herrn weiter zu sagen habe, braucht keine Zeugen.
Clavigo steht auf. Saint George geht.
BEAUMARCHAIS. Bleiben Sie! Bleiben Sie! Beide setzen sich wieder. Da wir nun so weit sind, will ich Ihnen einen Vorschlag tun, den Sie hoffentlich billigen werden. Es ist Ihre Konvenienz und meine, daß Sie Marien nicht heiraten, und Sie fühlen wohl, daß ich nicht gekommen bin, den Komödienbruder zu machen, der den Roman entwickeln und seiner Schwester einen Mann schaffen will. Sie haben ein ehrliches Mädchen mit kaltem Blute beschimpft, weil Sie glaubten, in einem fremden Lande sei sie ohne Beistand und Rächer. So handelt ein Niederträchtiger, ein Nichtswürdiger. Und also, zuvörderst erklären Sie eigenhändig, freiwillig, bei offenen Türen, in Gegenwart Ihrer Bedienten: daß Sie ein abscheulicher Mensch sind, der meine Schwester betrogen, verraten, sie ohne die mindeste Ursache erniedrigt hat; und mit dieser Erklärung geh ich nach Aranjuez, wo sich unser Gesandter aufhält, ich zeige sie, ich lasse sie drucken, und übermorgen ist der Hof und die Stadt davon überschwemmt. Ich habe mächtige Freunde hier, habe Zeit und Geld, und das alles wend' ich an, um Sie auf alle Weise aufs grausamste zu verfolgen, bis der Zorn meiner Schwester sich legt, befriedigt ist und sie mir selbst Einhalt tut.
CLAVIGO. Ich tue diese Erklärung nicht.
BEAUMARCHAIS. Das glaub ich, denn vielleicht tät ich sie an Ihrer Stelle ebensowenig. Aber hier ist das andere: Schreiben Sie nicht, so bleib ich von diesem Augenblicke bei Ihnen, ich verlasse Sie nicht, ich folge Ihnen überallhin, bis Sie, einer solchen Gesellschaft überdrüssig, hinter Buenretiro meiner loszuwerden gesucht haben. Bin ich glücklicher als Sie: ohne den Gesandten zu sehn, ohne mit einem Menschen hier gesprochen zu haben, fass' ich meine sterbende Schwester in meine Arme, hebe sie in den Wagen und kehre mit ihr nach Frankreich zurück. Begünstigt Sie das Schicksal, so hab ich das Meine getan, und so lachen Sie denn auf unsere Kosten. Unterdessen das Frühstück!
Beaumarchais zieht die Schelle. Ein Bedienter bringt die Schokolade.
Beaumarchais nimmt seine Tasse und geht in der anstoßenden Galerie spazieren, die Gemälde betrachtend.
CLAVIGO. Luft! Luft! – Das hat dich überrascht, angepackt wie einen Knaben – Wo bist du, Clavigo? Wie willst du das enden? – Wie kannst du das enden? – Ein schrecklicher Zustand, in den dich deine Torheit, deine Verräterei gestürzt hat! Er greift nach dem Degen auf dem Tische. Ha! Kurz und gut! – Er läßt ihn liegen. – Und da wäre kein Weg, kein Mittel, als Tod – oder Mord, abscheulicher Mord! – Das unglückliche Mädchen ihres letzten Trostes, ihres einzigen Beistandes zu berauben, ihres Bruders! – Des edeln, braven Menschen Blut zu sehen! – Und so den doppelten unerträglichen Fluch einer vernichteten Familie auf dich zu laden! – O, das war die Aussicht nicht, als das liebenswürdige Geschöpf dich die ersten Stunden ihrer Bekanntschaft mit so viel Reizen anzog! Und da du sie verließest, sahst du nicht die gräßlichen Folgen deiner Schandtat! – Welche Seligkeit wartete dein in ihren Armen in der Freundschaft solch eines Bruders! – Marie! Marie! O daß du vergeben könntest! daß ich zu deinen Füßen das alles abweinen dürfte! – Und warum nicht? – Mein Herz geht mir über; meine Seele geht mir auf in Hoffnung! – Mein Herr!
BEAUMARCHAIS. Was beschließen Sie?
CLAVIGO. Hören Sie mich! Mein Betragen gegen Ihre Schwester ist nicht zu entschuldigen. Die Eitelkeit hat mich verführt. Ich fürchtete, meine Plane, meine Aussichten auf ein ruhmvolles Leben durch diese Heirat zugrunde zu richten. Hätte ich wissen können, daß sie so einen Bruder habe, sie würde in meinen Augen keine unbedeutende Fremde gewesen sein, ich würde die ansehnlichsten Vorteile von dieser Verbindung gehofft haben. Sie erfüllen mich, mein Herr, mit der größesten Hochachtung für Sie; und indem Sie mir auf diese Weise mein Unrecht lebhaft empfinden machen, flößen Sie mir eine Begierde ein, eine Kraft, alles wieder gutzumachen. Ich werfe mich zu Ihren Füßen! Helfen Sie! Helfen Sie, wenn's möglich ist, meine Schuld austilgen und das Unglück endigen! Geben Sie mir Ihre Schwester wieder, mein Herr, geben Sie mich ihr! Wie glücklich wär ich, von Ihrer Hand eine Gattin die Vergebung aller meiner Fehler zu erhalten!
BEAUMARCHAIS. Es ist zu spät! Meine Schwester liebt Sie nicht mehr, und ich verabscheue Sie. Schreiben Sie die so verlangte Erklärung, das ist alles, was ich von Ihnen fordere, und überlassen Sie mir die Sorgfalt einer ausgesuchten Rache!
CLAVIGO. Ihre Hartnäckigkeit ist weder gerecht noch klug. Ich gebe Ihnen zu, daß es hier nicht auf mich ankommt, ob ich eine so sehr verschlimmerte Sache wieder gutmachen will. – Ob ich sie gutmachen kann, das hängt von dem Herzen Ihrer vortrefflichen Schwester ab, ob sie einen Elenden wieder ansehn mag, der nicht verdient, das Tageslicht zu sehen. Allein Ihre Pflicht ist's, mein Herr, das zu prüfen und darnach sich zu betragen, wenn Ihr Schritt nicht einer jugendlichen unbesonnenen Hitze ähnlich sehen soll. Wenn Donna Maria unbeweglich ist – o ich kenne das Herz! o ihre Güte, ihre himmlische Seele schwebt mir ganz lebhaft vor! Wenn sie unerbittlich ist dann ist es Zeit, mein Herr.
BEAUMARCHAIS. Ich bestehe auf der Erklärung.
CLAVIGO nach dem Tisch zu gehend. Und wenn ich nach dem Degen greife?
BEAUMARCHAIS gehend. Gut, mein Herr! Schön, mein Herr!
CLAVIGO ihn zurückhaltend. Noch ein Wort. Sie haben die gute Sache; lassen Sie mich die Klugheit für Sie haben. Bedenken Sie, was Sie tun! Auf beide Fälle sind wir alle unwiederbringlich verloren. Müßt' ich nicht für Schmerz, für Beängstigung untergehn, wenn Ihr Blut meinen Degen färben sollte, wenn ich Marien noch über all ihr Unglück auch ihren Bruder raubte, und dann – der Mörder des Clavigo würde die Pyrenäen nicht zurückmessen.
BEAUMARCHAIS. Die Erklärung, mein Herr, die Erklärung!
CLAVIGO. So sei's denn. Ich will alles tun, um Sie von der aufrichtigen Gesinnung zu überzeugen, die mir Ihre Gegenwart einflößt. Ich will die Erklärung schreiben, ich will sie schreiben aus Ihrem Munde. Nur versprechen Sie mir, nicht eher Gebrauch davon zu machen, bis ich imstande gewesen bin, Donna Maria von meinem geänderten, reuvollen Herzen zu überzeugen; bis ich mit Ihrer Ältesten ein Wort gesprochen, bis diese ihr gütiges Vorwort bei meiner Geliebten eingelegt hat. So lange, mein Herr!
BEAUMARCHAIS. Ich gehe nach Aranjuez.
CLAVIGO. Gut denn, bis Sie wiederkommen, so lange bleibt die Erklärung in Ihrem Portefeuille; hab ich meine Vergebung nicht, so lassen Sie Ihrer Rache vollen Lauf. Dieser Vorschlag ist gerecht, anständig, klug, und wenn Sie nicht wollen, so sei's denn unter uns beiden um Leben und Tod gespielt. Und der das Opfer seiner Übereilung wird, sind immer Sie und Ihre arme Schwester.
BEAUMARCHAIS. Es steht Ihnen an, die zu bedauern, die Sie unglücklich gemacht haben.
CLAVIGO sich setzend. Sind Sie das zufrieden?
BEAUMARCHAIS. Gut denn, ich gebe nach! Aber keinen Augenblick länger. Ich komme von Aranjuez, ich frage, ich höre! Und hat man Ihnen nicht vergeben, wie ich denn hoffe, wie ich's wünsche! – gleich auf, und mit dem Zettel in die Druckerei.
CLAVIGO nimmt Papier. Wie verlangen Sie's?
BEAUMARCHAIS. Mein Herr! in Gegenwart Ihrer Bedienten.
CLAVIGO. Wozu das?
BEAUMARCHAIS. Befehlen Sie nur, daß sie in der anstoßenden Galerie gegenwärtig sind. Man soll nicht sagen, daß ich Sie gezwungen habe.
CLAVIGO. Welche Bedenklichkeiten!
BEAUMARCHAIS. Ich bin in Spanien, und habe mit Ihnen zu tun.
CLAVIGO. Nun denn! Er klingelt. Ein Bedienter. Ruft meine Leute zusammen, und begebt euch auf die Galerie herbei! Der Bediente geht, die übrigen kommen und besetzen die Galerie.
CLAVIGO. Sie überlassen mir, die Erklärung zu schreiben.
BEAUMARCHAIS. Nein, mein Herr! Schreiben Sie, ich bitte, schreiben Sie, wie ich's Ihnen sage.
CLAVIGO schreibt.
BEAUMARCHAIS. Ich Unterzeichneter, Joseph Clavigo, Archivarius des Königs –
CLAVIGO. Des Königs.
BEAUMARCHAIS. – bekenne, daß, nachdem ich in dem Hause der Madame Guilbert freundschaftlich aufgenommen worden –
CLAVIGO. Worden.
BEAUMARCHAIS. – ich Mademoiselle von Beaumarchais, ihre Schwester, durch hundertfältig wiederholte Heiratsversprechungen betrogen habe. – Haben Sie's? –
CLAVIGO. Mein Herr!
BEAUMARCHAIS. Haben Sie ein ander Wort dafür?
CLAVIGO. Ich dächte –
BEAUMARCHAIS. Betrogen habe. Was Sie getan haben, können Sie ja noch eher schreiben. – Ich habe sie verlassen, ohne daß irgend ein Fehler oder Schwachheit von ihrer Seite einen Vorwand oder Entschuldigung dieses Meineids veranlaßt hätte.
CLAVIGO. Nun!
BEAUMARCHAIS. Im Gegenteil ist die Aufführung des Frauenzimmers immer rein, untadelig und aller Ehrfurcht würdig gewesen.
CLAVIGO. Würdig gewesen.
BEAUMARCHAIS. Ich bekenne, daß ich durch mein Betragen, den Leichtsinn meiner Reden, durch die Auslegung, der sie unterworfen waren, öffentlich dieses tugendhafte Frauenzimmer erniedrigt habe; weswegen ich sie um Vergebung bitte, ob ich mich gleich nicht wert achte, sie zu erhalten.
CLAVIGO hält inne.
BEAUMARCHAIS. Schreiben Sie! Schreiben Sie! – Welches Zeugnis ich mit freiem Willen und ungezwungen von mir gegeben habe, mit dem besondern Versprechen, daß, wenn diese Satisfaktion der Beleidigten nicht hinreichend sein sollte, ich bereit bin, sie auf alle andere erforderliche Weise zu geben. Madrid.
CLAVIGO steht auf, winkt den Bedienten, sich wegzubegeben, und reicht ihm das Papier. Ich habe mit einem beleidigten, aber mit einem edeln Menschen zu tun. Sie halten Ihr Wort und schieben Ihre Rache auf. In dieser einzigen Rücksicht, in dieser Hoffnung hab ich das schimpfliche Papier von mir gestellt, wozu mich sonst nichts gebracht hätte. Aber ehe ich es wage, vor Donna Maria zu treten, hab ich beschlossen, jemanden den Auftrag zu geben, mir bei ihr das Wort zu reden, für mich zu sprechen – und der Mann sind Sie.
BEAUMARCHAIS. Bilden Sie sich das nicht ein!
CLAVIGO. Wenigstens sagen Sie ihr die bittere herzliche Reue, die Sie an mir gesehn haben. Das ist alles, alles, warum ich Sie bitte; schlagen Sie mir's nicht ab; ich müßte einen andern, weniger kräftigen Vorsprecher wählen, und Sie sind ihr ja eine treue Erzählung schuldig. Erzählen Sie ihr, wie Sie mich gefunden haben!
BEAUMARCHAIS. Gut, das kann ich, das will ich. Und so adieu.
CLAVIGO. Leben Sie wohl. Er will seine Hand nehmen, Beaumarchais hält sie zurück.
CLAVIGO allein. So unerwartet aus einem Zustand in den andern. Man taumelt, man träumt! – Diese Erklärung, ich hätte sie nicht geben sollen. – Es kam so schnell, so unerwartet als ein Donnerwetter!
Carlos kommt.
CARLOS. Was hast du für Besuch gehabt? Das ganze Haus ist in Bewegung; was gibt's?
CLAVIGO. Mariens Bruder.
CARLOS. Ich vermutet's. Der Hund von einem alten Bedienten, der sonst bei Guilberts war und der mir nun trätscht, weiß es schon seit gestern, daß man ihn erwartet habe, und trifft mich erst diesen Augenblick. Er war da?
CLAVIGO. Ein vortrefflicher Junge.
CARLOS. Den wollen wir bald los sein. Ich habe den Weg über schon gesponnen! – Was hat's denn gegeben? Eine Ausforderung? eine Ehrenerklärung? War er fein hitzig, der Bursch?
CLAVIGO. Er verlangte eine Erklärung, daß seine Schwester mir keine Gelegenheit zur Veränderung gegeben.
CARLOS. Und du hast sie ausgestellt?
CLAVIGO. Ich hielt es fürs Beste.
CARLOS. Gut, sehr gut! Ist sonst nichts vorgefallen?
CLAVIGO. Er drang auf einen Zweikampf oder die Erklärung.
CARLOS. Das letzte war das Gescheitste. Wer wird sein Leben gegen einen so romantischen Fratzen wagen. Und forderte er das Papier ungestüm?
CLAVIGO. Er diktierte mir's, und ich mußte die Bedienten in die Galerie rufen.
CARLOS. Ich versteh! Ah! nun hab ich dich, Herrchen! das bricht ihm den Hals. Heiß mich einen Schreiber, wenn ich den Buben nicht in zwei Tagen im Gefängnis habe, und mit dem nächsten Transport nach Indien.
CLAVIGO. Nein, Carlos. Die Sache steht anders, als du denkst.
CARLOS. Wie?
CLAVIGO. Ich hoffe, durch seine Vermittlung, durch mein eifriges Bestreben, Verzeihung von der Unglücklichen zu erhalten.
CARLOS. Clavigo!
CLAVIGO. Ich hoffe, all das Vergangene zu tilgen, das Zerrüttete wieder herzustellen und so in meinen Augen und in den Augen der Welt wieder zum ehrlichen Mann werden.
CARLOS. Zum Teufel, bist du kindisch geworden? Man spürt dir doch immer an, daß du ein Gelehrter bist. – Dich so betören zu lassen! Siehst du nicht, daß das ein einfältig angelegter Plan ist, um dich ins Garn zu sprengen?
CLAVIGO. Nein, Carlos, er will die Heirat nicht; sie sind dagegen, sie will nichts von mir hören.
CARLOS. Das ist die rechte Höhe. Nein, guter Freund, nimm mir's nicht übel, ich hab wohl in Komödien gesehen, daß man einen Landjunker so geprellt hat.
CLAVIGO. Du beleidigst mich. Ich bitte, spare deinen Humor auf meine Hochzeit! Ich bin entschlossen, Marien zu heiraten. Freiwillig, aus innerm Trieb. Meine ganze Hoffnung, meine ganze Glückseligkeit ruht auf dem Gedanken, ihre Vergebung zu erhalten. Und dann fahr hin, Stolz! An der Brust dieser Lieben liegt noch der Himmel wie vormals; aller Ruhm, den ich erwerbe, alle Größe, zu der ich mich erhebe, wird mich mit doppeltem Gefühl ausfüllen: denn das Mädchen teilt's mit mir, die mich zum doppelten Menschen macht. Leb wohl! ich muß hin! ich muß die Guilbert wenigstens sprechen.
CARLOS. Warte nur bis nach Tisch!
CLAVIGO. Keinen Augenblick.
CARLOS ihm nachsehend und eine Weile schweigend. Da macht wieder jemand einmal einen dummen Streich. Ab.
Dritter Akt
Guilberts Wohnung.
Sophie Guilbert. Marie Beaumarchais.
MARIE. Du hast ihn gesehen? Mir zittern alle Glieder! Du hast ihn gesehen? Ich war nah an einer Ohnmacht, als ich hörte, er käme, und du hast ihn gesehen? Nein, ich kann, ich werde, nein, ich kann ihn nie wieder sehn.
SOPHIE. Ich war außer mir, als er hereintrat; denn ach! liebt ich ihn nicht, wie du, mit der vollsten, reinsten, schwesterlichsten Liebe? Hat mich nicht seine Entfernung gekränkt, gemartert? – Und nun, den Rückkehrenden, den Reuigen zu meinen Füßen! – Schwester! es ist so was Bezauberndes in seinem Anblick, in dem Ton seiner Stimme. Er –
MARIE. Nimmer, nimmermehr!
SOPHIE. Er ist noch der alte, noch ebendas gute, sanfte, fühlbare Herz, noch ebendie Heftigkeit der Leidenschaft. Es ist noch ebendie Begier, geliebt zu werden, und das ängstliche, marternde Gefühl, wenn ihm Neigung versagt wird. Alles! alles! Und von dir spricht er, Marie! wie in jenen glücklichen Tagen der feurigsten Leidenschaft; es ist, als wenn dein guter Geist diesen Zwischenraum von Untreu und Entfernung selbst veranlaßt habe, um das Einförmige, Schleppende einer langen Bekanntschaft zu unterbrechen und dem Gefühl eine neue Lebhaftigkeit zu geben.
MARIE. Du redst ihm das Wort?
SOPHIE. Nein, Schwester, auch versprach ich's ihm nicht. Nur, meine Beste, seh ich die Sachen, wie sie sind. Du und der Bruder, ihr seht sie in einem allzu romantischen Lichte. Du hast das mit gar manchem guten Kinde gemein, daß dein Liebhaber treulos ward und dich verließ! Und daß er wiederkommt, reuig seinen Fehler verbessern, alle alte Hoffnungen erneuern will – das ist ein Glück, das eine andere nicht leicht von sich stoßen würde.
MARIE. Mein Herz würde reißen!
SOPHIE. Ich glaube dir. Der erste Anblick muß auf dich eine empfindliche Wirkung machen – und dann, meine Beste, ich bitte dich, halt diese Bangigkeit, diese Verlegenheit, die dir alle Sinne zu übermeistern scheint, nicht für eine Wirkung des Hasses, für keinen Widerwillen. Dein Herz spricht mehr für ihn, als du es glaubst, und eben darum traust du dich nicht, ihn wiederzusehen, weil du seine Rückkehr so sehnlich wünschest.
MARIE. Sei barmherzig!
SOPHIE. Du sollst glücklich werden. Fühlt ich, daß du ihn verachtetest, daß er dir gleichgültig wäre, so wollt ich kein Wort weiter reden, so sollt er mein Angesicht nicht mehr sehen. Doch so, meine Liebe – Du wirst mir danken, daß ich dir geholfen habe, diese ängstliche Unbestimmtheit zu überwinden, die ein Zeichen der innigsten Liebe ist.
Die Vorigen. Guilbert. Buenco.
SOPHIE. Kommen Sie, Buenco! Guilbert, kommen Sie! Helft mir dieser Kleinen Mut einsprechen, Entschlossenheit, jetzt, da es gilt.
BUENCO. Ich wollte, daß ich sagen dürfte: Nehmt ihn nicht wieder an!
SOPHIE. Buenco!
BUENCO. Mein Herz wirft sich mir im Leib herum bei dem Gedanken: Er soll diesen Engel noch besitzen, den er so schändlich beleidigt, den er an das Grab geschleppt hat. Und besitzen? – warum? – wodurch macht er das alles wieder gut, was er verbrochen hat? – Daß er wiederkehrt, daß ihm auf einmal beliebt, wiederzukehren und zu sagen: »Jetzt mag ich sie, jetzt will ich sie!« – Just als wäre diese treffliche Seele eine verdächtige Ware, die man am Ende dem Käufer doch noch nachwirft, wenn er euch schon durch die niedrigsten Gebote und jüdisches Ab- und Zulaufen bis aufs Mark gequält hat. Nein, meine Stimme kriegt er nicht, und wenn Mariens Herz selbst für ihn spräche. – Wiederzukommen, und warum denn jetzt? – jetzt? – Mußte er warten, bis ein tapferer Bruder käme, dessen Rache er fürchten muß, um wie ein Schulknabe zu kommen und Abbitte zu tun? – Ha! er ist so feig, als er nichtswürdig ist!
GUILBERT. Ihr redet wie ein Spanier, und als wenn Ihr die Spanier nicht kenntet. Wir schweben diesen Augenblick in einer größern Gefahr, als ihr alle nicht seht.
MARIE. Bester Guilbert!
GUILBERT. Ich ehre die unternehmende Seele unsers Bruders, ich habe im stillen seinem Heldengange zugesehen und wünsche, daß alles gut ausschlagen möge, wünsche, daß Marie sich entschließen könnte, Clavigo ihre Hand zu geben, denn – lächelnd ihr Herz hat er doch. –
MARIE. Ihr seid grausam.
SOPHIE. Hör ihn, ich bitte dich, hör ihn!
GUILBERT. Dein Bruder hat ihm eine Erklärung abgedrungen, die dich vor den Augen aller Welt rechtfertigen soll, und die wird uns verderben.
BUENCO. Wie?
MARIE. O Gott!
GUILBERT. Er stellte sie aus in der Hoffnung, dich zu bewegen. Bewegt er dich nicht, so muß er alles anwenden, um das Papier zu vernichten; er kann's, er wird's. Dein Bruder will es gleich nach seiner Rückkehr von Aranjuez drucken und ausstreuen. Ich fürchte, wenn du beharrest, er wird nicht zurückkehren.
SOPHIE. Lieber Guilbert!
MARIE. Ich vergehe!
GUILBERT. Clavigo kann das Papier nicht auskommen lassen. Verwirfst du seinen Antrag und er ist ein Mann von Ehre, so geht er deinem Bruder entgegen, und einer von beiden bleibt; und dein Bruder sterbe oder siege, er ist verloren. Ein Fremder in Spanien! Mörder dieses geliebten Höflings! – Schwester, es ist ganz gut, daß man edel denkt und fühlt; nur, sich und die Seinigen zugrunde zu richten –
MARIE. Rate mir, Sophie, hilf mir!
GUILBERT. Und, Buenco, widerlegen Sie mich!
BUENCO. Er wagt's nicht, er fürchtet für sein Leben; sonst hätt er gar nicht geschrieben, sonst böt er Marien seine Hand nicht an.
GUILBERT. Desto schlimmer; so findet er hundert, die ihm ihren Arm leihen, hundert, die unserm Bruder tückisch auf dem Wege das Leben rauben. Ha! Buenco, bist du so jung? Ein Hofmann sollte keine Meuchelmörder im Solde haben?
BUENCO. Der König ist groß und gut.
GUILBERT. Auf denn! Durch alle die Mauern, die ihn umschließen, die Wachen, das Zeremoniell und alle das, womit die Hofschranzen ihn von seinem Volke geschieden haben, dringen Sie durch und retten Sie uns! – Wer kommt?
Clavigo kommt.
CLAVIGO. Ich muß! Ich muß!
MARIE tut einen Schrei und fällt Sophien in die Arme.
SOPHIE. Grausamer! in welchen Zustand versetzen Sie uns!
Guilbert und Buenco treten zu ihr.
CLAVIGO. Ja, sie ist's! Sie ist's! Und ich bin Clavigo. – Hören Sie mich, Beste, wenn Sie mich nicht ansehen wollen! Zu der Zeit, da mich Guilbert mit Freundlichkeit in sein Haus aufnahm, da ich ein armer unbedeutender Junge war, da ich in meinem Herzen eine unüberwindliche Leidenschaft für Sie fühlte, war's da Verdienst an mir? Oder war's nicht vielmehr innere Übereinstimmung der Charaktere, geheime Zuneigung des Herzens, daß auch Sie für mich nicht unempfindlich blieben, daß ich nach einer Zeit mir schmeicheln konnte, dies Herz ganz zu besitzen? Und nun – bin ich nicht ebenderselbe? Warum sollt ich nicht hoffen dürfen? warum nicht bitten? Wollten Sie einen Freund, einen Geliebten, den Sie nach einer gefährlichen, unglücklichen Seereise lange für verloren geachtet, nicht wieder an Ihren Busen nehmen, wenn er unvermutet wiederkäme und sein gerettetes Leben zu Ihren Füßen legte? Und habe ich weniger auf einem stürmischen Meere diese Zeit geschwebet? Sind unsere Leidenschaften, mit denen wir in ewigem Streit leben, nicht schrecklicher, unbezwinglicher als jene Wellen, die den Unglücklichen fern von seinem Vaterlande verschlagen! Marie! Marie! Wie können Sie mich hassen, da ich nie aufgehört habe, Sie zu lieben? Mitten in allem Taumel, durch allen verführerischen Gesang der Eitelkeit und des Stolzes hab ich mich immer jener seligen unbefangenen Tage erinnert, die ich in glücklicher Einschränkung zu Ihren Füßen zubrachte, da wir eine Reihe von blühenden Aussichten vor uns liegen sahen. – Und nun, warum wollten Sie nicht mit mir alles erfüllen, was wir hofften? Wollen Sie das Glück des Lebens nun nicht ausgenießen, weil ein düsterer Zwischenraum sich unsern Hoffnungen eingeschoben hatte? Nein, meine Liebe, glauben Sie, die besten Freuden der Welt sind nicht ganz rein; die höchste Wonne wird auch durch unsere Leidenschaften, durch das Schicksal unterbrochen. Wollen wir uns beklagen, daß es uns gegangen ist wie allen andern, und wollen wir uns strafbar machen, indem wir diese Gelegenheit von uns stoßen, das Vergangene herzustellen, eine zerrüttete Familie wieder aufzurichten, die heldenmütige Tat eines edeln Bruders zu belohnen und unser eigen Glück auf ewig zu befestigen? – Meine Freunde um die ich's nicht verdient habe, meine Freunde, die es sein müssen, weil Sie Freunde der Tugend sind, zu der ich rückkehre, verbinden Sie Ihr Flehen mit dem meinigen! Marie! Er wirft sich nieder. Marie! Kennst du meine Stimme nicht mehr? Vernimmst du nicht mehr den Ton meines Herzens? Marie! Marie!
MARIE. O Clavigo!
CLAVIGO springt auf und faßt ihre Hand mit entzückten Küssen. Sie vergibt mir, sie liebt mich! Er umarmt den Guilbert, den Buenco. Sie liebt mich noch! O Marie, mein Herz sagte mir's! Ich hätte mich zu deinen Füßen werfen, stumm meinen Schmerz, meine Reue ausweinen wollen; du hättest mich ohne Worte verstanden, wie ich ohne Worte meine Vergebung erhalte. Nein, diese innige Verwandtschaft unserer Seelen ist nicht aufgehoben; nein, sie vernehmen einander noch wie ehemals, wo kein Laut, kein Wink nötig war, um die innersten Bewegungen sich mitzuteilen. Marie – Marie – Marie! –
Beaumarchais tritt auf.
BEAUMARCHAIS. Ha!
CLAVIGO ihm entgegen fliegend. Mein Bruder!
BEAUMARCHAIS. Du vergibst ihm?
MARIE. Laßt, laßt mich! Meine Sinne vergehn. Man führt sie weg.
BEAUMARCHAIS. Sie hat ihm vergeben?
BUENCO. Es sieht so aus.
BEAUMARCHAIS. Du verdienst dein Glück nicht.
CLAVIGO. Glaube, daß ich's fühle!
SOPHIE kommt zurück. Sie vergibt ihm. Ein Strom von Tränen brach aus ihren Augen. »Er soll sich entfernen«, rief sie schluchzend, »daß ich mich erhole! Ich vergeb ihm. Ach Schwester!« rief sie und fiel mir um den Hals, »woher weiß er, daß ich ihn so liebe?«
CLAVIGO ihr die Hand küssend. Ich bin der glücklichste Mensch unter der Sonne. Mein Bruder!
BEAUMARCHAIS umarmt ihn. Von Herzen denn. Ob ich Euch schon sagen muß: noch kann ich Euch nicht lieben. Und somit seid Ihr der Unsrige, und vergessen sei alles! Das Papier, das Ihr mir gabt, hier ist's. Er nimmt's aus der Brieftasche, zerreißt es und gibt's ihm hin.
CLAVIGO. Ich bin der Eurige, ewig der Eurige.
SOPHIE. Ich bitte, entfernt Euch, daß sie Eure Stimme nicht hört, daß sie sich beruhigt.
CLAVIGO sie rings umarmend. Lebt wohl! Lebt wohl! – Tausend Küsse dem Engel! Ab.
BEAUMARCHAIS. Es mag denn gut sein, ob ich gleich wünschte, es wäre anders. Lächelnd. Es ist doch ein gutherziges Geschöpf, so ein Mädchen – Und, meine Freunde, auch muß ich's sagen: es war ganz der Gedanke, der Wunsch unsers Gesandten, daß ihm Marie vergeben und daß eine glückliche Heirat diese verdrießliche Geschichte endigen möge.
GUILBERT. Mir ist auch wieder ganz wohl.
BUENCO. Er ist euer Schwager, und so adieu! Ihr seht mich in eurem Hause nicht wieder.
BEAUMARCHAIS. Mein Herr!
GUILBERT. Buenco!
BUENCO. Ich haß ihn nun einmal bis ans Jüngste Gericht. Und gebt acht, mit was für einem Menschen ihr zu tun habt! Ab.
GUILBERT. Er ist ein melancholischer Unglücksvogel. Und mit der Zeit läßt er sich doch wieder bereden, wenn er sieht, es geht alles gut.
BEAUMARCHAIS. Doch war's übereilt, daß ich ihm das Papier zurückgab.
GUILBERT. Laßt! Laßt! Keine Grillen! Ab.
Vierter Akt
Clavigos Wohnung.
CARLOS allein. Es ist löblich, daß man dem Menschen, der durch Verschwendung oder andere Torheiten zeigt, daß sein Verstand sich verschoben hat, von Amts wegen Vormünder setzt. Tut das die Obrigkeit, die sich doch sonst nicht viel um uns bekümmert, wie sollten wir's nicht an einem Freunde tun? Clavigo, du bist in übeln Umständen! Noch hoff' ich! Und wenn du nur noch halbweg lenksam bist wie sonst, so ist's eben noch Zeit, dich vor einer Torheit zu bewahren, die bei deinem lebhaften, empfindlichen Charakter das Elend deines Lebens machen und dich vor der Zeit ins Grab bringen muß. Er kommt.
Clavigo nachdenkend.
CLAVIGO. Guten Tag, Carlos.
CARLOS. Ein schwermütiges, gepreßtes: Guten Tag! Kommst du in dem Humor von deiner Braut?
CLAVIGO. Es ist ein Engel! Es sind vortreffliche Menschen!
CARLOS. Ihr werdet doch mit der Hochzeit nicht so sehr eilen, daß man sich noch ein Kleid dazu kann sticken lassen?
CLAVIGO. Scherz oder Ernst, bei unserer Hochzeit werden keine gestickten Kleider paradieren.
CARLOS. Ich glaub's wohl.
CLAVIGO. Das Vergnügen an uns selbst, die freundschaftliche Harmonie sollen der Prunk dieser Feierlichkeit sein.
CARLOS. Ihr werdet eine stille, kleine Hochzeit machen?
CLAVIGO. Wie Menschen, die fühlen, daß ihr Glück ganz in ihnen selbst beruht.
CARLOS. In den Umständen ist es recht gut.
CLAVIGO. Umständen! Was meinst du mit den Umständen?
CARLOS. Wie die Sache nun steht und liegt und sich verhält.
CLAVIGO. Höre, Carlos, ich kann den Ton des Rückhalts an Freunden nicht ausstehen. Ich weiß, du bist nicht für diese Heirat; demungeachtet, wenn du etwas dagegen zu sagen hast, sagen willst: so sag's geradezu! Wie steht denn die Sache? wie verhält sie sich?
CARLOS. Es kommen einem im Leben mehr unerwartete, wunderbare Dinge vor, und es wäre schlimm, wenn alles im Gleise ginge. Man hätte nichts, sich zu verwundern, nichts, die Köpfe zusammenzustoßen, nichts in Gesellschaft zu verschneiden.
CLAVIGO. Aufsehn wird's machen.
CARLOS. Des Clavigo Hochzeit! das versteht sich. Wie manches Mädchen in Madrid harrt auf dich, hofft auf dich, und wenn du ihnen nun diesen Streich spielst?
CLAVIGO. Das ist nun nicht anders.
CARLOS. Sonderbar ist's. Ich habe wenig Männer gekannt, die so großen und allgemeinen Eindruck auf die Weiber machten als du. Unter allen Ständen gibt's gute Kinder, die sich mit Planen und Aussichten beschäftigen, dich habhaft zu werden. Die eine bringt ihre Schönheit in Anschlag, die ihren Reichtum, ihren Stand, ihren Witz, ihre Verwandte. Was macht man mir nicht um deinetwillen für Komplimente! Denn wahrlich, weder meine Stumpfnase, noch mein Krauskopf, noch meine bekannte Verachtung der Weiber kann mir so was zuziehen.
CLAVIGO. Du spottest.
CARLOS. Wenn ich nicht schon Vorschläge, Anträge in Händen gehabt hätte, geschrieben von eignen zärtlichen, kritzlichen Pfötchen, so unorthographisch, als ein originaler Liebesbrief eines Mädchens nur sein kann. Wie manche hübsche Duenna ist mir bei der Gelegenheit unter die Finger gekommen!
CLAVIGO. Und du sagtest mir von allem dem nichts?
CARLOS. Weil ich dich mit leeren Grillen nicht beschäftigen wollte, und niemals raten konnte, daß du mit einer einzigen Ernst gemacht hättest. O Clavigo, ich habe dein Schicksal im Herzen getragen wie mein eigenes! Ich habe keinen Freund als dich; die Menschen sind mir alle unerträglich, und du fängst auch an, mir unerträglich zu werden.
CLAVIGO. Ich bitte dich, sei ruhig!
CARLOS. Brenn einem das Haus ab, daran er zehen Jahre gebauet hat, und schick ihm einen Beichtvater, der ihm die christliche Geduld empfiehlt! – Man soll sich für niemand interessieren als für sich selbst; die Menschen sind nicht so wert – –
CLAVIGO. Kommen deine feindseligen Grillen wieder?
CARLOS. Wenn ich aufs neue ganz drein versinke, wer ist schuld dran als du? Ich sagte zu mir: Was soll ihm jetzt die vorteilhafteste Heirat? ihm, der es für einen gewöhnlichen Menschen weit genug gebracht hätte; aber mit seinem Geist, mit seinen Gaben ist es unverantwortlich – ist es unmöglich, daß er bleibt, was er ist. – Ich machte meine Projekte. Es gibt so wenig Menschen, die so unternehmend und biegsam, so geistvoll und fleißig zugleich sind. Er ist in alle Fächer gerecht; als Archivarius kann er sich schnell die wichtigsten Kennt nisse erwerben, er wird sich notwendig machen, und laßt eine Veränderung vorgehn, so ist er Minister.
CLAVIGO. Ich gesteh dir, das waren oft auch meine Träume!
CARLOS. Träume! So gewiß ich den Turm erreiche und erklettere, wenn ich darauf losgehe, mit dem festen Vorsatze, nicht abzulassen, bis ich ihn erstiegen habe, so gewiß hättest du auch alle Schwierigkeiten überwunden. Und hernach wäre mir für das übrige nicht bang gewesen. Du hast kein Vermögen von Hause, desto besser; das hätte dich auf die Erwerbung eifriger, auf die Erhaltung aufmerksamer gemacht. Und wer am Zoll sitzt, ohne reich zu werden, ist ein Pinsel. Und dann seh ich nicht, warum das Land dem Minister nicht so gut Abgaben schuldig ist als dem Könige. Dieser gibt seinen Namen her und jener die Kräfte. Wenn ich denn mit allem dem fertig war, dann sah ich mich erst nach einer Partie für dich um. Ich sah manch stolzes Haus, das die Augen über deine Abkunft zugeblinkt hätte, manches der reichsten, das dir gern den Aufwand deines Standes verschafft haben würde, nur um an der Herrlichkeit des zweiten Königs teilnehmen zu dürfen – und nun –
CLAVIGO. Du bist ungerecht, du setzest meinen gegenwärtigen Zustand zu tief herab. Und glaubst du denn, daß ich mich nicht weiter treiben, nicht auch noch mächtigere Schritte tun kann?
CARLOS. Lieber Freund, brich du einer Pflanze das Herz aus, sie mag hernach treiben und treiben, unzählige Nebenschößlinge – es gibt vielleicht einen starken Busch, aber der stolze königliche Wuchs des ersten Schusses ist dahin. Und denke nur nicht, daß man diese Heirat bei Hofe gleichgültig ansehen wird. Hast du vergessen, was für Männer dir den Umgang, die Verbindung mit Marien mißrieten? Hast du vergessen, wer dir den klugen Gedanken eingab, sie zu verlassen? Soll ich dir sie an den Fingern herzählen?
CLAVIGO. Der Gedanke hat mich auch schon gepeinigt, daß so wenige diesen Schritt billigen werden.
CARLOS. Keiner! Und deine hohen Freunde sollten nicht aufgebracht sein, daß du, ohne sie zu fragen, ohne ihren Rat, dich so geradezu hingegeben hast, wie ein unbesonnener Knabe auf dem Markte sein Geld gegen wurmstichige Nüsse wegwirft?
CLAVIGO. Das ist unartig, Carlos, und übertrieben.
CARLOS. Nicht um einen Zug. Denn daß einer aus Leidenschaft einen seltsamen Streich macht, das laß ich gelten. Ein Kammermädchen zu heiraten, weil sie schön ist wie ein Engel! gut, der Mensch wird getadelt, und doch beneiden ihn die Leute.
CLAVIGO. Die Leute, immer die Leute.
CARLOS. Du weißt, ich frage nicht ängstlich nach andrer Beifall, doch das ist ewig wahr: wer nichts für andere tut, tut nichts für sich; und wenn die Menschen dich nicht bewundern oder beneiden, bist du auch nicht glücklich.
CLAVIGO. Die Welt urteilt nach dem Scheine. O! wer Mariens Herz besitzt, ist zu beneiden!
CARLOS. Was die Sache ist, scheint sie auch. Aber freilich dacht ich, daß das verborgene Qualitäten sein müssen, die dein Glück beneidenswert machen; denn was man mit seinen Augen sieht, mit seinem Menschenverstande begreifen kann –
CLAVIGO. Du willst mich zugrunde richten.
CARLOS. Wie ist das zugegangen? wird man in der Stadt fragen. Wie ist das zugegangen? fragt man bei Hofe. Um Gottes willen, wie ist das zugegangen? Sie ist arm, ohne Stand; hätte Clavigo nicht einmal ein Abenteuer mit ihr gehabt, man wüßte gar nicht, daß sie in der Welt ist. Sie soll artig sein, angenehm, witzig! – Wer wird darum eine Frau nehmen? Das vergeht so in den ersten Zeiten des Ehestands. Ach! sagt einer, sie soll schön sein, reizend, ausnehmend schön. – Da ist's zu begreifen, sagt ein anderer –
CLAVIGO wird verwirrt, ihm entfahrt ein tiefer Seufzer. Ach!
CARLOS. Schön? O! sagt die eine, es geht an! Ich hab sie in sechs Jahren nicht gesehn, da kann sich schon was verändern, sagt eine andere. Man muß doch achtgeben, er wird sie bald produzieren, sagt die dritte. Man fragt, man guckt, man geht zu Gefallen, man wartet, man ist ungeduldig, erinnert sich immer des stolzen Clavigo, der sich nie öffentlich sehen ließ, ohne eine stattliche, herrliche, hochäugige Spanierin im Triumph aufzuführen, deren volle Brust, ihre glühenden Wangen, ihre heißen Augen die Welt ringsumher zu fragen schienen: bin ich nicht meines Begleiters wert? und die in ihrem Übermut den seidnen Schlepprock so weit hinten aus im Winde segeln ließ als möglich, um ihre Erscheinung ansehnlicher und würdiger zu machen. – Und nun erscheint der Herr – und allen Leuten versagt das Wort im Munde – kommt angezogen mit seiner trippelnden, kleinen, hohläugigen Französin, der die Auszehrung aus allen Gliedern spricht, wenn sie gleich ihre Totenfarbe mit Weiß und Rot überpinselt hat. O Bruder, ich werde rasend, ich laufe davon, wenn mich nun die Leute zu packen kriegen und fragen und quästionieren und nicht begreifen können –
CLAVIGO ihn bei der Hand fassend. Mein Freund, mein Bruder, ich bin in einer schrecklichen Lage. Ich sage dir, ich gestehe dir: Ich erschrak, als ich Marien wieder sah! Wie entstellt sie ist, – wie bleich, abgezehrt! O das ist meine Schuld, meiner Verräterei! –
CARLOS. Possen! Grillen! Sie hatte die Schwindsucht, da dein Roman noch sehr im Gange war. Ich sagte dir's tausendmal, und – aber ihr Liebhaber habt keine Augen, keine Nasen. Clavigo, es ist schändlich! So alles, alles zu vergessen, eine kranke Frau, die dir die Pest unter deine Nachkommenschaft bringen wird, daß alle deine Kinder und Enkel so in gewissen Jahren höflich ausgehen, wie Bettlerslämpchen. – Ein Mann, der Stammvater einer Familie sein könnte, die vielleicht künftig – Ich werde noch närrisch, der Kopf vergeht mir!
CLAVIGO. Carlos, was soll ich dir sagen! Als ich sie wieder sah: im ersten Taumel flog ihr mein Herz entgegen – und ach! – da der vorüber war – Mitleiden – innige, tiefe Erbarmung flößte sie mir ein; aber Liebe – sieh! es war, als wenn mir in der Fülle der Freuden die kalte Hand des Todes übern Nacken führe. Ich strebte, munter zu sein, wieder vor denen Menschen, die mich umgaben, den Glücklichen zu spielen – es war alles vorbei, alles so steif, so ängstlich. Wären sie weniger außer sich gewesen, sie müßten's gemerkt haben.
CARLOS. Hölle! Tod und Teufel! und du willst sie heiraten? –
CLAVIGO steht ganz in sich selbst versunken, ohne zu antworten.
CARLOS. Du bist hin! verloren auf ewig! Leb wohl, Bruder, und laß mich alles vergessen, laß mich mein einsames Leben noch so ausknirschen über das Schicksal deiner Verblendung! Ha! das alles! sich in den Augen der Welt verächtlich zu machen, und nicht einmal dadurch eine Leidenschaft, eine Begierde befriedigen! dir mutwillig eine Krankheit zuziehen, die, indem sie deine innern Kräfte untergräbt, dich zugleich dem Anblick der Menschen abscheulich macht!
CLAVIGO. Carlos! Carlos!
CARLOS. Wärst du nie gestiegen, um nie zu fallen! Mit welchen Augen werden sie das ansehn! Da ist der Bruder, werden sie sagen! das muß ein braver Kerl sein, der hat ihn ins Bockshorn gejagt, er hat sich nicht getraut, ihm die Spitze zu bieten. Ha! werden unsre schwadronierenden Hofjunker sagen, man sieht immer, daß er kein Kavalier ist. Pah! ruft einer und rückt den Hut in die Augen, der Franzos hätte mir kommen sollen! und patscht sich auf den Bauch, ein Kerl, der vielleicht nicht wert wäre, dein Reitknecht zu sein.
CLAVIGO fällt in dem Ausbruch der heftigsten Beängstigung, mit einem Strom von Tränen, dem Carlos um den Hals. Rette mich! Freund! mein Bester, rette mich! Rette mich von dem gedoppelten Meineid, von der unübersehlichen Schande, von mir selbst – ich vergehe!
CARLOS. Armer! Elender! Ich hoffte, diese jugendlichen so Rasereien, diese stürmenden Tränen, diese versinkende Wehmut sollte vorüber sein, ich hoffe, dich als Mann nicht mehr erschüttert, nicht mehr in dem beklemmenden Jammer zu sehen, den du ehemals so oft in meinen Busen ausgeweint hast. Ermanne dich, Clavigo, ermanne dich!
CLAVIGO. Laß mich weinen! Er wirft sich in einen Sessel.
CARLOS. Weh dir, daß du eine Bahn betreten hast, die du nicht endigen wirst! Mit deinem Herzen, deinen Gesinnungen, die einen ruhigen Bürger glücklich machen würden, mußtest du den unseligen Hang nach Größe verbinden! Und was ist Größe, Clavigo? Sich in Rang und Ansehn über andre zu erheben? Glaub es nicht! Wenn dein Herz nicht größer ist als andrer Herzen, wenn du nicht imstande bist, dich gelassen über Verhältnisse hinauszusetzen, die einen gemeinen Menschen ängstigen würden, so bist du mit allen deinen Bändern und Sternen, bist mit der Krone selbst nur ein gemeiner Mensch. Fasse dich, beruhige dich!
CLAVIGO richtet sich auf, sieht Carlos an und reicht ihm die Hand, die Carlos mit Heftigkeit anfaßt.
CARLOS. Auf! auf, mein Freund und entschließe dich. Sieh, ich will alles beiseitesetzen, ich will sagen: Hier liegen zwei Vorschläge auf gleichen Schalen. Entweder du heiratest Marien und findest dein Glück in einem stillen bürgerlichen Leben, in den ruhigen häuslichen Freuden; oder führest auf der ehrenvollen Bahn deinen Lauf weiter nach dem nahen Ziele. Ich will alles beiseitesetzen und will sagen: Die Zunge steht inne, es kommt auf deinen Entschluß an, welche von beiden Schalen den Ausschlag haben soll! Gut! Aber entschließe dicht – Es ist nichts erbärmlicher in der Welt als ein unentschlossener Mensch, der zwischen zweien Empfindungen schwebt, gern beide vereinigen möchte und nicht begreift, daß nichts sie vereinigen kann als eben der Zweifel, die Unruhe, die ihn peinigen. Auf, und gib Marien deine Hand, handle als ein ehrlicher Kerl, der das Glück seines Lebens seinen Worten aufopfert, der es für seine Pflicht achtet, was er verdorben hat, wieder gutzumachen, der auch den Kreis seiner Leidenschaften und Wirksamkeit nie weiter ausgebreitet hat, als daß er imstande ist, alles wieder gutzumachen, was er verdorben hat: und so genieße das Glück einer ruhigen Beschränkung, den Beifall eines bedächtigen Gewissens und alle Seligkeit, die denen Menschen gewährt ist, die imstande sind, sich ihr eigen Glück zu schaffen und Freude den Ihrigen – Entschließe dich; so will ich sagen, du bist ein ganzer Kerl –
CLAVIGO. Einen Funken, Carlos, deiner Stärke, deines Muts.
CARLOS. Er schläft in dir, und ich will blasen, bis er in Flammen schlägt. Sieh auf der andern Seite das Glück und die Größe, die dich erwarten. Ich will dir diese Aussichten nicht mit dichterischen bunten Farben vormalen; stelle sie dir selbst in der Lebhaftigkeit dar, wie sie in voller Klarheit vor deiner Seele standen, ehe der französische Strudelkopf dir die Sinne verwirrte. Aber auch da, Clavigo, sei ein ganzer Kerl, und mache deinen Weg stracks, ohne rechts und links zu sehen! Möge deine Seele sich erweitern und die Gewißheit des großen Gefühls über dich kommen, daß außerordentliche Menschen eben auch darin außerordentliche Menschen sind, weil ihre Pflichten von den Pflichten des gemeinen Menschen abgehen; daß der, dessen Werk es ist, ein großes Ganze zu übersehen, zu regieren, zu erhalten, sich keinen Vorwurf zu machen braucht, geringe Verhältnisse vernachlässiget, Kleinigkeiten dem Wohl des Ganzen aufgeopfert zu haben. Tut das der Schöpfer in seiner Natur, der König in seinem Staate – warum sollten wir's nicht tun, um ihnen ähnlich zu werden?
CLAVIGO. Carlos, ich bin ein kleiner Mensch.
CARLOS. Wir sind nicht klein, wenn Umstände uns zu schaffen machen, nur, wenn sie uns überwältigen. Noch einen Atemzug, und du bist wieder bei dir selber. Wirf die Reste einer erbärmlichen Leidenschaft von dir, die dich in jetzigen Tagen ebensowenig kleiden als das graue Jäckchen und die bescheidene Miene, mit denen du nach Madrid kamst. Was das Mädchen für dich getan hat, hast du ihr lange gelohnt; und daß du ihr die erste freundliche Aufnahme schuldig bist – Oh! eine andre hätte um das Vergnügen deines Umgangs ebensoviel und mehr getan, ohne solche Prätensionen zu machen – und wird dir einfallen, deinem Schulmeister die Hälfte deines Vermögens zu so geben, weil er dich vor dreißig Jahren das Abc gelehrt hat? Nun, Clavigo?
CLAVIGO. Das ist all gut; im ganzen magst du recht haben, es mag also sein; nur, wie helfen wir uns aus der Verwirrung, in der wir stecken? Da gib Rat, da schaff Hülfe, und dann rede!
CARLOS. Gut! Du willst also?
CLAVIGO. Mach mich können, so will ich. Ich habe kein Nachdenken; hab's für mich!
CARLOS. Also denn. Zuerst gehst du, den Herrn an einen dritten Ort zu bescheiden, und alsdann forderst du mit der Klinge die Erklärung zurück, die du gezwungen und unbesonnen ausgestellt hast.
CLAVIGO. Ich habe sie schon, er zerriß und gab mir sie.
CARLOS. Trefflich! Trefflich! Schon den Schritt getan – und du hast mich so lange reden lassen? – Also kürzer! Du schreibst ihm ganz gelassen: Du fändest nicht für gut, seine Schwester zu heiraten; die Ursache könnte er erfahren, wenn er sich heute nacht, von einem Freunde begleitet und mit beliebigen Waffen versehen, da oder dort eins finden wolle. Und somit signiert. – Komm, Clavigo, schreib das! Ich bin dein Sekundant und – es müßte mit dem Teufel zugehen –
CLAVIGO geht nach dem Tische.
CARLOS. Höre! Ein Wort! Wenn ich's so recht bedenke, ist das ein einfältiger Vorschlag. Wer sind wir, um uns gegen einen aufgebrachten Abenteurer zu wagen? Und die Aufführung des Menschen, sein Stand verdient nicht, daß wir ihn für unsersgleichen achten. Also hör mich! Wenn ich ihn nun peinlich anklage, daß er heimlich nach Madrid gekommen, sich bei dir unter einem falschen Namen mit einem Helfershelfer anmelden lassen, dich erst mit freundlichen Worten vertraulich gemacht, dann dich unvermutet überfallen, eine Erklärung dir abgenötigt und sie auszustreuen weggegangen ist – das bricht ihm den Hals; er soll erfahren, was das heißt, einen Spanier mitten in der bürgerlichen Ruhe zu befehden.
CLAVIGO. Du hast recht.
CARLOS. Wenn wir nun aber unterdessen, bis der Prozeß eingeleitet ist, bis dahin uns der Herr noch allerlei Streiche machen könnte, das Gewisse spielten, und ihn kurz und gut beim Kopfe nähmen?
CLAVIGO. Ich verstehe, und kenne dich, daß du Mann bist, es auszuführen.
CARLOS. Nun auch! wenn ich, der ich schon fünfundzwanzig Jahre mitlaufe und dabei war, da den Ersten unter den Menschen die Angsttropfen auf dem Gesichte standen – wenn ich so ein Possenspiel nicht entwickeln wollte! Und somit lässest du mir freie Hand; du brauchst nichts zu tun, nichts zu schreiben. Wer den Bruder einstecken läßt, gibt pantomimisch zu verstehen, daß er die Schwester nicht mag.
CLAVIGO. Nein, Carlos: es gehe, wie es wolle, das kann, das wird ich nicht leiden! Beaumarchais ist ein würdiger Mensch, und er soll in keinem schimpflichen Gefängnisse verschmachten um seiner gerechten Sache willen. Einen andern Vorschlag, Carlos, einen andern!
CARLOS. Pah! pah! Kindereien! Wir wollen ihn nicht fressen, er soll wohl aufgehoben und versorgt werden, und so lang kann's auch nicht währen. Denn siehe, wenn er spürt, daß es Ernst ist, kriecht sein theatralischer Eifer gewiß zum Kreuz, er kehrt bedutzt nach Frankreich zurück und dankt auf das höflichste, wenn man ja seiner Schwester ein jährliches Gehalt aussetzen will, warum's ihm vielleicht einzig und allein zu tun war.
CLAVIGO. So sei's denn! Nur verfahrt gut mit ihm!
CARLOS. Sei unbesorgt! – Noch eine Vorsicht! Man kann nicht wissen, wie's verschwätzt wird, wie er Wind kriegt, und er überläuft dich, und alles geht zugrunde. Drum begib dich aus deinem Hause, daß auch kein Bedienter weiß, wohin. Laß nur das Nötigste zusammenpacken. Ich schicke dir einen Burschen, der dir's forttragen und dich hinbringen soll, wo dich die heilige Hermandad selbst nicht findet. Ich hab so ein paar Mauslöcher immer offen. Adieu.
CLAVIGO. Leb wohl!
CARLOS. Frisch! Frisch! Wenn's vorbei ist, Bruder, wollen wir uns laben.
Guilberts Wohnung.
Sophie Guilbert. Marie Beaumarchais, mit Arbeit.
MARIE. So ungestüm ist Buenco fort?
SOPHIE. Das war natürlich. Er liebt dich, und wie konnte er den Anblick des Menschen ertragen, den er doppelt hassen muß?
MARIE. Er ist der beste, tugendhafteste Bürger, den ich je gekannt habe. Ihr die Arbeit zeigend. Mich dünkt, ich mach es so? Ich ziehe das hier ein, und das Ende steck ich hinauf. Es wird gut stehn.
SOPHIE. Recht gut. Und ich will Pailleband zu dem Häubchen nehmen! es kleid't mich keins besser. Du lächelst?
MARIE. Ich lache über mich selbst. Wir Mädchen sind doch eine wunderliche Nation: kaum heben wir den Kopf nur ein wenig wieder, so ist gleich Putz und Band, was uns beschäftigt.
SOPHIE. Das kannst du dir nicht nachsagen; seit dem Augenblick, da Clavigo dich verließ, war nichts imstande, dir eine Freude zu machen.
MARIE fährt zusammen und sieht nach der Tür.
SOPHIE. Was hast du?
MARIE beklemmt. Ich glaubte, es käme jemand! Mein armes Herz! O, es wird mich noch umbringen. Fühl, wie es schlägt, von dem leeren Schrecken!
SOPHIE. Sei ruhig. Du siehst blaß; ich bitte dich, meine Liebe!
MARIE auf die Brust deutend. Es drückt mich hier so. – Es sticht mich so. – Es wird mich umbringen.
SOPHIE. Schone dich!
MARIE. Ich bin ein närrisches, unglückliches Mädchen. Schmerz und Freude haben mit all ihrer Gewalt mein armes Leben untergraben. Ich sage dir, es ist nur halbe Freude, daß ich ihn wiederhabe. Ich werde das Glück wenig genießen, das mich in seinen Armen erwartet; vielleicht gar nicht.
SOPHIE. Schwester, meine liebe Einzige! Du nagst mit solchen Grillen an dir selber.
MARIE. Warum soll ich mich betrügen?
SOPHIE. Du bist jung und glücklich und kannst alles hoffen.
MARIE. Hoffnung! O der süße einzige Balsam des Lebens bezaubert oft meine Seele. Mutige jugendliche Träume schweben vor mir und begleiten die geliebte Gestalt des Unvergleichlichen, der nun wieder der Meine wird. O Sophie, wie reizend er ist! Seit ich ihn nicht sah, hat er – ich weiß nicht, wie ich's ausdrücken soll – es haben sich alle großen Eigenschaften, die ehemals in seiner Bescheidenheit verborgen lagen, entwickelt. Er ist ein Mann worden, und muß mit diesem reinen Gefühle seiner selbst, mit dem er auftritt, das so ganz ohne Stolz, ohne Eitelkeit ist, er muß alle Herzen wegreißen. – Und er soll der Meinige werden? – Nein, Schwester, ich war seiner nicht wert – Und jetzt bin ich's viel weniger!
SOPHIE. Nimm ihn nur und sei glücklich! – Ich höre deinen Bruder!
Beaumarchais kommt.
BEAUMARCHAIS. Wo ist Guilbert?
SOPHIE. Er ist schon eine Weile weg; lang kann er nicht mehr ausbleiben.
MARIE. Was hast du, Bruder? – Aufspringend und ihm um den Hals fallend. Lieber Bruder, was hast du?
BEAUMARCHAIS. Nichts! Laß mich, meine Marie!
MARIE. Wenn ich deine Marie bin, so sag mir, was du auf dem Herzen hast!
SOPHIE. Laß ihn! Die Männer machen oft Gesichter, ohne just was auf dem Herzen zu haben.
MARIE. Nein, nein. Ich sehe dein Angesicht nur wenige Zeit; aber schon drückt es mir alle deine Empfindungen aus, ich lese jedes Gefühl dieser unverstellten, unverdorbenen Seele auf deiner Stirne. Du hast etwas, das dich stutzig macht. Rede, was ist's?
BEAUMARCHAIS. Es ist nichts, meine Lieben. Ich hoffe, im Grunde ist's nichts. Clavigo –
MARIE. Wie?
BEAUMARCHAIS. Ich war bei Clavigo. Er ist nicht zu Hause.
SOPHIE. Und das verwirrt dich?
BEAUMARCHAIS. Sein Pförtner sagt, er sei verreist, er wisse nicht, wohin; es wisse niemand, wie lange. Wenn er sich verleugnen ließe! Wenn er wirklich verreist wäre! Wozu das? Warum das?
MARIE. Wir wollen's abwarten.
BEAUMARCHAIS. Deine Zunge lügt. Ha! Die Blässe deiner Wangen, das Zittern deiner Glieder, alles spricht und zeugt, daß du das nicht abwarten kannst. Liebe Schwester! Er faßt sie in seine Arme. An diesem klopfenden, ängstlich bebenden Herzen schwör ich dir. Höre mich, Gott, der du gerecht bist! Höret mich an, alle seine Heiligen! Du sollst gerächt werden, wenn er – die Sinne vergehn mir über dem Gedanken – wenn er rückfiele, wenn er doppeltes gräßliches Meineids sich schuldig machte, unsers Elends spottete – Nein, es ist, es ist nicht möglich, nicht möglich – Du sollst gerächt werden!
SOPHIE. Alles zu früh, zu voreilig. Schone ihrer, ich bitte dich, mein Bruder!
MARIE setzt sich.
SOPHIE. Was hast du? du wirst ohnmächtig.
MARIE. Nein, nein. Du bist gleich so besorgt.
SOPHIE reicht ihr Wasser. Nimm das Glas!
MARIE. Laß doch! wozu soll's? – Nun meinetwegen, gib her.
BEAUMARCHAIS. Wo ist Guilbert? Wo ist Buenco? Schick nach ihnen, ich bitte dich. Sophie ab. Wie ist dir, Marie?
MARIE. Gut, ganz gut! Denkst du denn, Bruder –?
BEAUMARCHAIS. Was, meine Liebe?
MARIE. Ach!
BEAUMARCHAIS. Der Atem wird dir schwer?
MARIE. Das unbändige Schlagen meines Herzens versetzt mir die Luft.
BEAUMARCHAIS. Habt ihr denn kein Mittel? Brauchst du nichts Niederschlagendes?
MARIE. Ich weiß ein Mittel, und darum bitt ich Gott schon lange.
BEAUMARCHAIS. Du sollst's haben, und ich hoffe, von meiner Hand.
MARIE. Schon gut.
Sophie kommt.
SOPHIE. Soeben gibt ein Kurier diesen Brief ab; er kommt von Aranjuez.
BEAUMARCHAIS. Das ist das Siegel und die Hand unsers Gesandten.
SOPHIE. Ich hieß ihn absteigen und einige Erfrischungen zu sich nehmen; er wollte nicht, weil er noch mehr Depeschen habe.
MARIE. Willst du doch, Liebe, das Mädchen nach dem Arzte schicken?
SOPHIE. Fehlt dir was? Heiliger Gott! was fehlt dir?
MARIE. Du wirst mich ängstigen, daß ich zuletzt kaum traue, ein Glas Wasser zu begehren – Sophie! – Bruder! – Was enthält der Brief? Sieh, wie er zittert! wie ihn aller Mut verläßt!
SOPHIE. Bruder, mein Bruder!
BEAUMARCHAIS wirft sich sprachlos in einen Sessel und läßt den Brief fallen.
SOPHIE. Mein Bruder! Sie hebt den Brief auf und liest.
MARIE. Laß mich ihn sehn! ich muß – Sie will aufstehn. Weh! Ich fühl's. Es ist das Letzte. Schwester, aus Barmherzigkeit den letzten schnellen Todesstoß! Er verrät uns!
BEAUMARCHAIS aufspringend. Er verrät uns! An die Stirn schlagend und auf die Brust. Hier! hier! es ist alles so dumpf, so tot vor meiner Seele, als hätt ein Donnerschlag meine Sinne gelähmt. Marie! Marie! du bist verraten! – und ich stehe hier! Wohin? – Was? – Ich sehe nichts, nichts! keinen Weg, keine Rettung! Er wirft sich in den Sessel.
Guilbert kommt.
SOPHIE. Guilbert! Rat! Hülfe! Wir sind verloren!
GUILBERT. Weib!
SOPHIE. Lies! Lies! Der Gesandte meldet unserm Bruder: Clavigo habe ihn peinlich angeklagt, als sei er unter einem falschen Namen in sein Haus geschlichen, habe ihm im Bette die Pistole vorgehalten, habe ihn gezwungen, eine schimpfliche Erklärung zu unterschreiben; und wenn er sich nicht schnell aus dem Königreiche entfernt, so schleppen sie ihn ins Gefängnis, daraus ihn zu befreien der Gesandte vielleicht selbst nicht imstande ist.
BEAUMARCHAIS aufspringend. Ja, sie sollen's! sie sollen's! sollen mich ins Gefängnis schleppen. Aber von seinem Leichname weg, von der Stätte weg, wo ich mich in seinem Blute werde geletzt haben. – Ach! der grimmige, entsetzliche Durst nach seinem Blute füllt mich ganz. Dank sei dir, Gott im Himmel, daß du dem Menschen mitten im glühenden unerträglichsten Leiden ein Labsal sendest, eine Erquickung! Wie ich die dürstende Rache in meinem Busen fühle! wie aus der Vernichtung meiner selbst, aus der stumpfen Unentschlossenheit mich das herrliche Gefühl, die Begier nach seinem Blute herausreißt, mich über mich selbst reißt! Rache! Wie mir's wohl ist! wie alles an mir nach ihm hinstrebt, ihn zu fassen, ihn zu vernichten!
SOPHIE. Du bist fürchterlich, Bruder.
BEAUMARCHAIS. Desto besser. – Ach! Keinen Degen, kein Gewehr! Mit diesen Händen will ich ihn erwürgen, daß mein die Wonne sei! ganz mein eigen das Gefühl: ich hab ihn vernichtet!
MARIE. Mein Herz! Mein Herz!
BEAUMARCHAIS. Ich habe dich nicht retten können, so sollst du gerächet werden. Ich schnaube nach seiner Spur, meine Zähne gelüstet's nach seinem Fleisch, meinen Gaumen nach seinem Blut. Bin ich ein rasendes Tier geworden? Mir glüht in jeder Ader, mir zuckt in jeder Nerve die Begier nach ihm! – Ich würde den ewig hassen, der mir ihn jetzt mit Gift vergäbe, der mir ihn meuchelmörderisch aus dem Wege räumte. O hilf mir, Guilbert, ihn aufsuchen! Wo ist Buenco? Helft mir ihn finden!
GUILBERT. Rette dich! Rette dich! Du bist außer dir.
MARIE. Fliehe, mein Bruder!
SOPHIE. Führ ihn weg, er bringt seine Schwester um.
Buenco kommt.
BUENCO. Auf, Herr! Fort! Ich sah's voraus. Ich gab auf alles acht. Und nun! man stellt Euch nach, Ihr seid verloren, wenn Ihr nicht im Augenblick die Stadt verlaßt.
BEAUMARCHAIS. Nimmermehr! Wo ist Clavigo?
BUENCO. Ich weiß nicht.
BEAUMARCHAIS. Du weißt's. Ich bitte dich fußfällig, sag mir's!
SOPHIE. Um Gottes willen, Buenco!
MARIE. Ach! Luft! Luft! Sie fällt zurück. Clavigo!
BUENCO. Hülfe, sie stirbt!
SOPHIE. Verlaß uns nicht, Gott im Himmel! – Fort, mein Bruder, fort!
BEAUMARCHAIS fällt vor Marien nieder, die ungeachtet aller Hülfe nicht wieder zu sich selbst kommt. Dich verlassen! Dich verlassen!
SOPHIE. So bleib, und verderb uns alle, wie du Marien getötet hast! Du bist hin, o meine Schwester! durch die Unbesonnenheit deines Bruders.
BEAUMARCHAIS. Halt, Schwester!
SOPHIE spottend. Retter! – Rächer! – Hilf dir selber!
BEAUMARCHAIS. Verdien ich das?
SOPHIE. Gib mir sie wieder! Und dann geh in Kerker, geh aufs Martergerüst, geh, vergieße dein Blut, und gib mir sie wieder!
BEAUMARCHAIS. Sophie!
SOPHIE. Ha! und ist sie hin, ist sie tot – so erhalte dich uns! Ihm um den Hals fallend. Mein Bruder, erhalte dich uns! unserm Vater! Eile, eile! Das war ihr Schicksal! Sie hat's geendet. Und ein Gott ist im Himmel, dem laß die Rache.
BUENCO. Fort! fort! Kommen Sie mit mir, ich verberge Sie bis wir Mittel finden, Sie aus dem Königreiche zu schaffen.
BEAUMARCHAIS fällt auf Marien und küßt sie. Schwester! Sie reißen ihn los, er faßt Sophien, sie macht sich los, man bringt Marien weg, und Buenco mit Beaumarchais ab.
Guilbert. Ein Arzt.
SOPHIE aus dem Zimmer zurückkommend, darein man Marien gebracht hat. Zu spät! Sie ist hin! Sie ist tot!
GUILBERT. Kommen Sie, mein Herr! Sehen Sie selbst! Es ist nicht möglich! Ab.
Fünfter Akt
Straße vor dem Hause Guilberts. Nacht.
Das Haus ist offen. Vor der Türe stehen drei in schwarze Mantel gehüllte Männer mit Fackeln. Clavigo, in einen Mantel gewickelt, den Degen unterm Arm, kommt. Ein Bedienter geht voraus mit einer Fackel.
CLAVIGO. Ich sagte dir's, du solltest diese Straße meiden.
BEDIENTER. Wir hätten einen gar großen Umweg nehmen müssen, und Sie eilen so. Es ist nicht weit von hier, wo Don Carlos sich aufhält.
CLAVIGO. Fackeln dort?
BEDIENTER. Eine Leiche. Kommen Sie, mein Herr.
CLAVIGO. Mariens Wohnung! Eine Leiche! Mir fährt ein Todesschauer durch alle Glieder. Geh, frag, wen sie begraben?
BEDIENTER geht zu den Männern. Wen begrabt ihr?
DIE MÄNNER. Marien Beaumarchais.
CLAVIGO setzt sich auf einen Stein und verhüllt sich.
BEDIENTER kommt zurück. Sie begraben Marien Beaumarchais.
CLAVIGO aufspringend. Mußtest du's wiederholen, Verräter! Das Donnerwort wiederholen, das mir alles Mark aus meinen Gebeinen schlägt!
BEDIENTER. Stille, mein Herr, kommen Sie! Bedenken Sie die Gefahr, in der Sie schweben!
CLAVIGO. Geh in die Hölle! ich bleibe.
BEDIENTER. O Carlos! O daß ich dich fände, Carlos! Er ist außer sich! Ab.
Clavigo. In der Ferne die Leichenmänner.
CLAVIGO. Tot! Marie tot! Die Fackeln dort! ihre traurigen Begleiter! – Es ist ein Zauberspiel, ein Nachtgesicht, das mich erschreckt, das mir einen Spiegel vorhält, darin ich das Ende meiner Verrätereien ahndungsweise erkennen soll. – Noch ist es Zeit! Noch! – Ich bebe, mein Herz zerfließt in Schauer! Nein! Nein! du sollst nicht sterben. Ich komme! Ich komme! – Verschwindet, Geister der Nacht, die ihr euch mit ängstlichen Schrecknissen mir in den Weg stellt – Er geht auf sie los. Verschwindet! – Sie stehen! Ha! sie sehen sich nach mir um! Weh! Weh mir! es sind Menschen wie ich. – Es ist wahr – Wahr? – Kannst du's fassen? – Sie ist tot – Es ergreift mich mit allem Schauer der Nacht das Gefühl: sie ist tot! Da liegt sie, die Blume, zu deinen Füßen – und du – Erbarm dich meiner, Gott im Himmel, ich habe sie nicht getötet! – Verbergt euch, Sterne, schaut nicht hernieder, ihr, die ihr so oft den Missetäter saht in dem Gefühl des innigsten Glückes diese Schwelle verlassen durch eben diese Straße mit Saitenspiel und Gesang in goldnen Phantasieen hinschweben, und sein am heimlichen Gegitter lauschendes Mädchen mit wonnevollen Erwartungen entzünden! – und du füllst nun das Haus mit Wehklagen und Jammer! und diesen Schauplatz deines Glückes mit Grabgesang! – Marie! Marie! nimm mich mit dir! nimm mich mit dir! Eine traurige Musik tönt einige Laute von innen. Sie beginnen den Weg zum Grabe! Haltet, haltet! Schließt den Sarg nicht! Laßt mich sie noch einmal sehen! Er geht aufs Haus los. Ha! wem, wem wag ich's unters Gesicht zu treten? wem in seinen entsetzlichen Schmerzen zu begegnen? – Ihren Freunden? Ihrem Bruder? dem wütender Jammer den Busen füllt! Die Musik geht wieder an. Sie ruft mir! sie ruft mir! Ich komme! Welche Angst umgibt mich! Welches Beben hält mich zurück!
Die Musik fängt zum dritten Male an und fährt fort. Die Fackeln bewegen sich vor der Tür, es treten noch drei andere zu ihnen, die sich in Ordnung reihen, um den Leichenzug einzufassen, der aus dem Hause kommt. Sechs tragen die Bahre, darauf der bedeckte Sarg steht.
Guilbert, Buenco, in tiefer Trauer.
CLAVIGO hervortretend. Haltet!
GUILBERT. Welche Stimme!
CLAVIGO. Haltet! Die Träger stehen.
BUENCO. Wer untersteht sich, den ehrwürdigen Zug zu stören?
CLAVIGO. Setzt nieder!
GUILBERT. Ha!
BUENCO. Elender! Ist deiner Schandtaten kein Ende? Ist dein Opfer im Sarge nicht sicher vor dir?
CLAVIGO. Laßt! macht mich nicht rasend! die Unglücklichen sind gefährlich! Ich muß sie sehen! Er wirft das Tuch ab. Marie liegt weiß gekleidet und mit gefalteten Händen im Sarge.
Clavigo tritt zurück und verbirgt sein Gesicht.
BUENCO. Willst du sie erwecken, um sie wieder zu töten?
CLAVIGO. Armer Spötter! – Marie! Er fällt vor dem Sarge nieder.
Beaumarchais kommt.
BEAUMARCHAIS. Buenco hat mich verlassen. Sie ist nicht tot, sagen sie, ich muß sehen, trotz dem Teufel! Ich muß sie sehen. Fackeln! Leiche! Er rennt auf sie los, erblickt den Sarg und fällt sprachlos drüber hin; man hebt ihn auf, er ist wie ohnmächtig. Guilbert hält ihn.
CLAVIGO der an der andern Seite des Sargs aufsteht. Marie! Marie!
BEAUMARCHAIS auffahrend. Das ist seine Stimme! Wer ruft Marie? Wie mit dem Klang der Stimme sich eine glühende Wut in meine Adern goß!
CLAVIGO. Ich bin's.
BEAUMARCHAIS wild hinsehend und nach dem Degen greifend. Guilbert hält ihn.
CLAVIGO. Ich fürchte deine glühenden Augen nicht, nicht die Spitze deines Degens! Sieh hierher, dieses geschlossene Auge, diese gefalteten Hände!
BEAUMARCHAIS. Zeigst du mir das? Er reißt sich los, dringt auf Clavigo ein, der zieht, sie fechten, Beaumarchais stößt ihm den Degen in die Brust.
CLAVIGO sinkend. Ich danke dir, Bruder! Du vermählst uns. Er sinkt auf den Sarg.
BEAUMARCHAIS ihn wegreißend. Weg von dieser Heiligen, Verdammter!
CLAVIGO. Weh! Die Träger halten ihn.
BEAUMARCHAIS. Blut! Blick auf, Marie, blick auf deinen Brautschmuck, und dann schließ deine Augen auf ewig. Sieh, wie ich deine Ruhestätte geweiht habe mit dem Blute deines Mörders! Schön! Herrlich!
Sophie kommt.
SOPHIE. Bruder! Gott! was gibt's?
BEAUMARCHAIS. Tritt näher, Liebe, und schau! Ich hoffte, ihr Brautbette mit Rosen zu bestreuen – sieh die Rosen, mit denen ich sie ziere auf ihrem Wege zum Himmel.
SOPHIE. Wir sind verloren!
CLAVIGO. Rette dich, Unbesonnener! rette dich, eh der Tag anbricht. Gott, der dich zum Rächer sandte, geleite dich! – Sophie – vergib mir! – Bruder – Freunde, vergebt mir!
BEAUMARCHAIS. Wie sein fließendes Blut alle die glühende Rache meines Herzens auslöscht! wie mit seinem wegfliehenden Leben meine Wut abschwindet!
Auf ihn losgehend.
Stirb, ich vergebe dir!
CLAVIGO. Deine Hand! und deine, Sophie! Und Eure!
Buenco zaudert.
SOPHIE. Gib sie ihm, Buenco!
CLAVIGO. Ich danke dir! du bist die alte. Ich danke euch! Und wenn du noch hier diese Stätte umschwebst, Geist meiner Geliebten, schau herab, sieh diese himmlische Güte, sprich deinen Segen dazu, und vergib mir auch! – Ich komme! ich komme! – Rette dich, mein Bruder! Sagt mir, vergab sie mir? Wie starb sie?
SOPHIE. Ihr letztes Wort war dein unglücklicher Name. Sie schied weg ohne Abschied von uns.
CLAVIGO. Ich will ihr nach, und ihr den eurigen bringen.
Carlos. Ein Bedienter.
CARLOS. Clavigo? Mörder!
CLAVIGO. Höre mich, Carlos! Du siehest hier die Opfer deiner Klugheit – Und nun, um des Blutes willen, in dem mein Leben unaufhaltsam dahinfließt! rette meinen Bruder –
CARLOS. Mein Freund! Ihr steht da? Lauft nach Wundärzten!
Bedienter ab.
CLAVIGO. Es ist vergebens. Rette! rette den unglücklichen Bruder! – Deine Hand darauf! Sie haben mir vergeben, und so vergeb ich dir. Du begleitest ihn bis an die Grenze, und – ah!
CARLOS mit dem Fuße stampfend. Clavigo! Clavigo!
CLAVIGO sich dem Sarge nähernd, auf den sie ihn niederlassen. Marie! deine Hand! Er entfaltet ihre Hände und faßt die rechte.
SOPHIE zu Beaumarchais. Fort, Unglücklicher! fort!
CLAVIGO. Ich hab ihre Hand! Ihre kalte Totenhand! Du bist die Meinige – Und noch diesen Bräutigamskuß. Ah!
SOPHIE. Er stirbt! Rette dich, Bruder!
BEAUMARCHAIS fällt Sophien um den Hals.
SOPHIE umarmt ihn, indem sie zugleich eine Bewegung macht, ihn zu entfernen.
Der Bürgergeneral
Personen.
Röse
Görge
Märten
Der Edelmann
Schnaps
Der Richter
Bauern
Erster Auftritt
Der Schauplatz ist vor Märtens Hause, wie in den vorigen Stücken.
Röse. Görge.
GÖRGE der zum Hause mit einem Rechen herauskommt, spricht zurück. Hörst du, liebe Röse?
RÖSE die unter die Türe tritt. Recht wohl, lieber Görge!
GÖRGE. Ich gehe auf die Wiese und ziehe Maulwurfshaufen auseinander.
RÖSE. Gut.
GÖRGE. Hernach seh ich, wie es auf dem Acker aussieht.
RÖSE. Schön! Und dann kommst du aufs Krautland und gräbst, und findest mich da mit dem Frühstück.
GÖRGE. Und da setzen wir uns zusammen und lassen es uns schmecken.
RÖSE. Du sollst eine gute Suppe haben.
GÖRGE. Wenn sie noch so gut wäre! Du mußt mitessen, sonst schmeckt sie mir nicht.
RÖSE. Mir geht's ebenso.
GÖRGE. Nun leb wohl, Röse!
RÖSE. Leb wohl, Görge!
GÖRGE geht, bleibt stehen, sieht sich um; sie werfen sich Kußhände zu, er kehrt zurück. Höre, Röse! – die Leute reden kein wahr Wort.
RÖSE. Selten wenigstens. Wieso?
GÖRGE. Sie sagen: als Mann und Frau hätte man sich nicht mehr so lieb wie vorher. Es ist nicht wahr, Röse. Wie lange haben wir uns schon? Wart!
RÖSE. Zwölf Wochen.
GÖRGE. Wahrhaftig! Und da ist immer noch Görge und Röschen, und Röschen und Görge wie vorher. Nun leb wohl!
RÖSE. Leb wohl. Wie oft haben wir das nicht schon gesagt!
GÖRGE entfernt sich. Und wie oft werden wir es noch sagen!
RÖSE. Und uns immer wieder suchen und finden.
GÖRGE stille stehend. Das ist eine Lust!
RÖSE. Ich komme gleich nach. Leb wohl!
GÖRGE gehend. Leb wohl!
RÖSE unter der Türe. Görge!
GÖRGE zurückkommend. Was gibt's?
RÖSE. Du hast was vergessen.
GÖRGE sich ansehend. Was denn?
RÖSE ihm entgegenspringend. Noch einen Kuß!
GÖRGE. Liebe Röse!
RÖSE. Lieber Görge! Küssend.
Zweiter Auftritt
Die Vorigen. Der Edelmann.
EDELMANN. Brav, ihr Kinder! Brav! an euch merkt man nicht, daß die Zeit vergeht.
GÖRGE. Wir merken's auch nicht, gnädiger Herr.
RÖSE bedeutend. Sie werden's auch bald nicht mehr merken.
EDELMANN. Wieso?
RÖSE. Machen Sie nur kein Geheimnis daraus! – Sie ist ja so hübsch.
EDELMANN lächelnd. Wer?
GÖRGE. Hm! Röse, du hast recht. Jawohl, recht hübsch.
RÖSE. Und Sie sind auch so ein schöner junger Herr.
EDELMANN. Görge! Darf sie das sagen?
GÖRGE. Jetzt eher als sonst. Denn ich will's nur gestehen, ich bin oft eifersüchtig auf Sie gewesen.
EDELMANN. Du hast's auch Ursache gehabt. Röse gefiel mir immer.
RÖSE. Sie scherzen, gnädiger Herr.
GÖRGE. Es ist mir nur immer gar zu ernstlich vorgekommen.
RÖSE. Er hat mich oft genug gequält.
GÖRGE. Und sie mich auch.
EDELMANN. Und jetzt?
GÖRGE. Jetzt ist Röse meine Frau und, ich denke, eine recht brave Frau.
EDELMANN. Das ist gewiß.
RÖSE bedeutend. Und Sie? –
EDELMANN. Nun?
GÖRGE mit Bücklingen. Darf man gratulieren?
EDELMANN. Wozu?
RÖSE sich neigend. Wenn Sie's nicht ungnädig nehmen wollen.
GÖRGE. Sie werden bald auch ein allerliebstes Weibchen haben.
EDELMANN. Daß ich nicht wüßte.
RÖSE. In wenig Tagen leugnen Sie es nicht mehr.
GÖRGE. Und sie ist so liebenswürdig.
EDELMANN. Wer denn?
RÖSE. Fräulein Karoline, die neulich mit der alten Tante hier zum Besuche war.
EDELMANN. Daher habt ihr euren Argwohn? Wie ihr fein seid!
GÖRGE. Ich dächte doch, so etwas ließe sich einsehen.
RÖSE. Es ist recht schön, daß Sie sich auch verheiraten.
GÖRGE. Man wird ein ganz anderer Mensch. Sie werden's sehen.
RÖSE. Jetzt gefällt mir's erst zu Hause.
GÖRGE. Und ich meine, ich wäre da drin im Hause geboren.
RÖSE. Und wenn der Vater die Zeitungen liest und sich um die Welthändel bekümmert, da drücken wir einander die Hände.
GÖRGE. Und wenn der Alte sich betrübt, daß es draußen so wild zugeht, dann rücken wir näher zusammen und freuen uns, daß es bei uns so friedlich und ruhig ist.
EDELMANN. Das Beste, was ihr tun könnt.
RÖSE. Und wenn der Vater gar nicht begreifen kann, wie er die französische Nation aus den Schulden retten will, da sag ich: »Görge, wir wollen uns nur hüten, daß wir keine Schulden machen.«
GÖRGE. Und wenn er außer sich ist, daß man allen Leuten dort ihre Güter und ihr Vermögen nimmt, da überlegen wir zusammen, wie wir das Gütchen verbessern wollen, das wir von dem Lottogelde zu kaufen gedenken.
EDELMANN. Ihr seid gescheite junge Leute.
RÖSE. Und glücklich.
EDELMANN. Das hör ich gern.
GÖRGE. Sie werden's auch bald erfahren.
RÖSE. Das wird wieder eine Lust auf dem Schlosse werden!
GÖRGE. Als wie zu Lebzeiten Ihrer seligen Frau Mama.
RÖSE. Zu der man immer lief, wenn jemand krank war.
GÖRGE. Die einem so guten Spiritus auflegte, wenn man sich eine Beule gestoßen hatte.
RÖSE. Die so gute Salben wußte, wenn man sich verbrannt hatte.
EDELMANN. Wenn ich heirate, will ich mich nach einem Frauenzimmer umsehen, die ihr ähnlich ist.
GÖRGE. Die ist schon gefunden.
RÖSE. Ich denk's. Sein Sie nicht böse, gnädiger Herr, daß wir so vorlaut sind.
GÖRGE. Wir können's aber nicht abwarten –
RÖSE. Sie so glücklich zu sehen als uns.
GÖRGE. Sie müssen nicht länger zögern.
RÖSE. Es ist verlorne Zeit.
GÖRGE. Und wir haben schon den Vorsprung.
EDELMANN. Wir wollen sehen.
GÖRGE. Es tut freilich nichts, wenn unser Junge ein bißchen älter ist als der Ihrige; da kann er desto besser auf den Junker achthaben.
RÖSE. Das wird hübsch sein, wenn sie zusammen spielen. Sie dürfen doch?
EDELMANN. Wenn sie nur schon da wären. Ja! – meine Kinder sollen mit den eurigen aufwachsen, wie ich mit euch.
RÖSE. Das wird eine Lust sein!
GÖRGE. Ich sehe sie schon.
Dritter Auftritt
Die Vorigen. Märten am Fenster.
MÄRTEN. Röse! Röse! Wo bleibt das Frühstück?
RÖSE. Gleich! Gleich!
MÄRTEN. Muß ich schon wieder warten! Das Fenster zu.
RÖSE. Den Augenblick!
GÖRGE. Mach nur, Röse.
RÖSE. Da werd ich ausgeschmält.
EDELMANN. Daran ist der Kuß schuld, über dem ich euch ertappte. Ich vergaß auch darüber mein Wildpret.
GÖRGE. Ihre Freundlichkeit ist schuld, gnädiger Herr!
RÖSE. Jawohl. Ich vergaß darüber den Vater.
GÖRGE. Und ich Wiese, Acker und Krautland.
EDELMANN. Nun denn jedes auf seinen Weg.
Unter wechselseitigen Begrüßungen an verschiedenen Seiten ab, und Röse ins Haus.
Vierter Auftritt
Märtens Stube, mit einem Kamin, einigen Schränken, einem Tisch mit Stühlen. An der Seite ein Fenster. Gegenüber eine angelehnte Leiter.
Märten. Röse.
MÄRTEN. Röse, wo bist du?
RÖSE. Hier, Vater.
MÄRTEN. Wo bleibst du?
RÖSE. Der gnädige Herr kam gegangen, und wie er so gut ist, schwatzte er mit uns.
MÄRTEN. Und mein Kaffee?
RÖSE auf den Kamin deutend. Steht hier.
MÄRTEN. Das seh ich. Aber die Milch?
RÖSE. Ist gleich warm. Geht nach dem Schranke, öffnet ihn mit einem Schlüssel des Bundes, das sie anhängen hat, nimmt Rahm heraus und setzt ihn in den Kamin.
MÄRTEN indessen. Röse, das ist nicht hübsch!
RÖSE beschäftigt. Was denn, Vater?
MÄRTEN. Daß du mich ganz und gar über Görgen vergissest.
RÖSE wie oben. Wieso?
MÄRTEN. Mit ihm hast du geplaudert; für ihn hast du gesorgt.
RÖSE. Auch, Vater. Ich hab ihm ein Butterbrot gegeben.
MÄRTEN. Für ihn allein sorgst du.
RÖSE. Nicht doch! Für Euch so gut wie für ihn.
MÄRTEN. Und doch versprachst du mir, wenn ich dich heiraten ließe –
RÖSE. Sollte alles bleiben vor wie nach.
MÄRTEN. Hältst du nun Wort?
RÖSE. Gewiß. Hier ist der Kaffee.
MÄRTEN. Bist du alle Morgen gleich bei der Hand wie sonst?
RÖSE. Hier ist die Milch. Sie läuft wieder nach dem Schranke.
MÄRTEN. Und muß ich nicht auf alles warten?
RÖSE. Hier die Tasse! der Löffel! der Zucker! Wollt Ihr auch ein Butterbrot?
MÄRTEN. Nein, nein. – Du bleibst mir die Antwort schuldig.
RÖSE auf das Frühstück deutend. Hier steht sie.
MÄRTEN. Es mag gut sein. Erzähle mir etwas.
RÖSE. Ich muß fort.
MÄRTEN. Schon wieder?
RÖSE. Görgen die Suppe bringen, der mag den Kaffee nicht.
MÄRTEN. Warum ißt er sie nicht zu Hause?
RÖSE. Er will erst was arbeiten. Auf dem Krautlande hat er eine Laube gebaut, da machen wir ein Feuerchen an, wärmen die Suppe und verzehren sie miteinander.
MÄRTEN. So geh hin! Es ist doch nicht anders.
RÖSE. Wie meint Ihr?
MÄRTEN. Vater und Mutter verlaßt ihr und folgt dem Manne nach.
RÖSE. So soll's ja sein.
MÄRTEN. Geh nur.
RÖSE. Zu Mittag sollt Ihr ein gut Essen haben; ich sage nicht was.
MÄRTEN. Schon recht.
RÖSE. Seid nicht verdrießlich.
MÄRTEN. Nein doch!
RÖSE. So lebt wohl.
MÄRTEN. Geh nur! Ich komme auch hinaus.
Fünfter Auftritt
MÄRTEN allein, sitzend und trinkend. Es ist gut, daß sie geht. Schnaps sagte mir gestern im Vorbeigehn: wenn die Kinder im Felde wären, wollte er mich besuchen und mir viel Neues erzählen. – Ein vertrackter Kerl, der Schnaps! Alles weiß er! – Wenn er nur mit Görgen besser stände! Aber der hat geschworen, wenn er ihn wieder im Hause trifft, will er ihn lederweich schlagen. Und Görge hält sein Wort. – Ein guter Bursch! Ein heftiger Bursch! – Ich höre was. An der Türe. Ha! Ha! Schnaps! – Da ist er ja.
Sechster Auftritt
Märten. Schnaps.
SCHNAPS hereinsehend. Seid Ihr allein, Vater Martin?
MÄRTEN. Nur herein!
SCHNAPS einen Fuß hereinsetzend. Görgen sah ich gehen; ist Röse nach?
MÄRTEN. Ja, Gevatter Schnaps. Wie immer.
SCHNAPS. Da bin ich.
MÄRTEN. Ihr seid vorsichtig.
SCHNAPS. Das ist die erste Tugend.
MÄRTEN. Wo kommt Ihr her?
SCHNAPS. Hm! Hm!
MÄRTEN. Seit acht Tagen hat man Euch nicht gesehen.
SCHNAPS. Ich glaub es.
MÄRTEN. Habt Ihr auswärts eine Kur verrichtet?
SCHNAPS. Vater Martin! – Ich habe kurieren gelernt.
MÄRTEN. Gelernt? – Als wenn Ihr noch was zu lernen brauchtet.
SCHNAPS. Man lernt nie aus.
MÄRTEN. Ihr seid bescheiden.
SCHNAPS. Wie alle große Männer.
MÄRTEN. Nun, was die Größe betrifft! – Ihr seid ja kleiner als ich.
SCHNAPS. Vater Martin, davon ist die Rede nicht. Aber hier! hier! Auf die Stirn deutend.
MÄRTEN. Ich verstehe.
SCHNAPS. Und da gibt's Leute in der Welt, die das zu schätzen wissen.
MÄRTEN. Ohne Zweifel.
SCHNAPS. Da findet man Zutrauen –
MÄRTEN. Ich glaub's.
SCHNAPS. Da erfährt man –
MÄRTEN ungeduldig. Was denn? Sagt!
SCHNAPS. Und erhält Aufträge.
MÄRTEN. Geschwind! Was gibt's?
SCHNAPS bedeutend. Man wird ein Mann von Einfluß.
MÄRTEN. Ist's möglich?
SCHNAPS. In wenig Tagen erfahrt Ihr's.
MÄRTEN. Nur gleich! Nur heraus damit!
SCHNAPS. Ich kann nicht. Schon das ist genug gesagt.
MÄRTEN bedenklich. Gevatter Schnaps –
SCHNAPS. Was gibt's?
MÄRTEN. Seht mich an!
SCHNAPS. Nun?
MÄRTEN. Gerad in die Augen!
SCHNAPS. So?
MÄRTEN. Scharf!
SCHNAPS. Zum Henker! Ich seh Euch ja an. Mich wundert's, daß Ihr meinen Blick ertragen könnt.
MÄRTEN. Hört.
SCHNAPS. Was soll's?
MÄRTEN. Wäre das, was Ihr zu erzählen habt –
SCHNAPS. Wie meint Ihr?
MÄRTEN. Nicht etwa wieder so eine Historie?
SCHNAPS. Wie könnt Ihr so denken?
MÄRTEN. Oder –
SCHNAPS. Nicht doch, Vater Martin!
MÄRTEN. Oder von den vielen Schnäpsen, Euren hochansehnlichen Vorfahren?
SCHNAPS. Das war Scherz, lauter Scherz! Nun fängt's an, Ernst zu werden.
MÄRTEN. Überzeugt mich.
SCHNAPS. Nun denn! Weil Ihr's seid.
MÄRTEN. Ich bin äußerst neugierig.
SCHNAPS. So hört! – Sind wir auch sicher?
MÄRTEN. Ganz gewiß! Görge ist aufs Feld, und Röse zu ihm.
SCHNAPS mit Vorbereitung. Sperrt die Ohren auf! Sperrt die Augen auf!
MÄRTEN. So macht denn fort!
SCHNAPS. Ihr habt oft gehört – Es lauscht doch niemand?
MÄRTEN. Niemand.
SCHNAPS. Daß die berühmten Jakobiner – es ist doch niemand versteckt? –
MÄRTEN. Gewiß nicht.
SCHNAPS. Gescheite Leute in allen Ländern aufsuchen, kennen, benutzen.
MÄRTEN. So sagt man.
SCHNAPS. Nun ist mein Ruf – ich höre jemand!
MÄRTEN. Nein doch!
SCHNAPS. Mein Ruf über den Rhein erschollen –
MÄRTEN. Das ist weit.
SCHNAPS. Und man gibt sich schon seit einem halben Jahre alle erdenkliche Mühe –
MÄRTEN. So fahrt nur fort!
SCHNAPS. Mich für die Sache der Freiheit und Gleichheit zu gewinnen.
MÄRTEN. Das wäre!
SCHNAPS. Man kennt in Paris meinen Verstand –
MÄRTEN. Ei! Ei!
SCHNAPS. Meine Geschicklichkeit.
MÄRTEN. Kurios!
SCHNAPS. Genug, die Herren Jakobiner sind seit einem halben Jahre um mich herumgeschlichen, wie die Katze um den heißen Brei!
MÄRTEN. Ich kann mich nicht genug verwundern!
SCHNAPS. Bis man mich vor acht Tagen in die Stadt bestellte.
MÄRTEN. Ihr solltet einen Fremden kurieren, der das Bein gebrochen hatte. So sagtet Ihr.
SCHNAPS. So hatte man mir gesagt.
MÄRTEN. Wir wunderten uns.
SCHNAPS. Ich auch.
MÄRTEN. Ob's denn nicht auch in der Stadt Chirurgen gäbe.
SCHNAPS. Genug, ich wunderte mich – und ging.
MÄRTEN. Da habt Ihr wohlgetan.
SCHNAPS. Ich finde meinen Patienten.
MÄRTEN. Wirklich?
SCHNAPS. Und wie ich den Fuß aufbinde –
MÄRTEN. Nun?
SCHNAPS. Ist er so gesund wie meiner.
MÄRTEN. Was?
SCHNAPS. Ich erstaune!
MÄRTEN. Das glaub ich.
SCHNAPS. Der Herr lacht –
MÄRTEN. Natürlich.
SCHNAPS. Und fällt mir um den Hals.
MÄRTEN. Ist's möglich!
SCHNAPS. »Bürger Schnaps!« ruft er aus.
MÄRTEN. Bürger Schnaps? das ist kurios!
SCHNAPS. »Wertester Bruder!«
MÄRTEN. Und weiter?
SCHNAPS. Genug, er eröffnete mir alles.
MÄRTEN. Was denn?
SCHNAPS. Daß er ein Abgesandter des Jakobinerklubs sei.
MÄRTEN. Wie sah er denn aus?
SCHNAPS. Wie ein andrer Mensch.
MÄRTEN. Habt Ihr Euch nicht vor dem Manne gefürchtet?
SCHNAPS. Ich mich fürchten?
MÄRTEN. Und habt mit ihm gesprochen wie mit Euresgleichen?
SCHNAPS. Natürlich! – Alle Menschen sind gleich.
MÄRTEN. So sagt nur!
SCHNAPS. Was soll ich alles weitläufig erzählen?
MÄRTEN. Ich hör es gern.
SCHNAPS. Er nahm mich in seine Gesellschaft auf.
MÄRTEN. Wie ging das zu?
SCHNAPS. Mit vielen Zeremonien.
MÄRTEN. Die möcht ich wissen.
SCHNAPS. Ihr könnt alles sehn.
MÄRTEN. Wieso?
SCHNAPS. Gebt acht! hier im Barbiersacke trage ich das ganze Geheimnis.
MÄRTEN. Ist's möglich?
SCHNAPS. Schaue her!
MÄRTEN. Laßt sehen!
SCHNAPS. Eins nach dem andern.
MÄRTEN. Nur zu!
SCHNAPS nach einer Pause. Erstlich umarmt er mich nochmals.
MÄRTEN. Ein höflicher Herr!
SCHNAPS. Das dank ihm der Henker!
MÄRTEN. Ich wüßte nicht –
SCHNAPS. Dann bracht er – Er bringt eine rote Mütze hervor.
MÄRTEN. Das rote Käppchen? Ihr seid ja kein Ehemann.
SCHNAPS. Ungeschickt! – Die Freiheitsmütze.
MÄRTEN. Laßt sehen.
SCHNAPS. Und setzte mir sie auf. Er setzt das Käppchen auf.
MÄRTEN. Ihr seht schnakisch aus!
SCHNAPS. Ferner den Rock. Er zieht eine Nationaluniform hervor.
MÄRTEN. Das ist ein schmuckes Kleid.
SCHNAPS. Helft mir, Vater, es ist ein bißchen knapp.
MÄRTEN indem sie sich mit Anziehen plagen. Oh, das ist eine Not! das zwängt!
SCHNAPS. Das ist die Uniform der Freiheit.
MÄRTEN. Da ist mir meine weite Bauerjacke doch lieber.
SCHNAPS. Nun seht her! Was sagt Ihr zu dem Säbel?
MÄRTEN. Gut!
SCHNAPS. Nun die Kokarde!
MÄRTEN. Ist das die Nationalkokarde?
SCHNAPS. Freilich. Steckt sie auf den Hut.
MÄRTEN. Wie sie den alten Hut nicht ziert!
SCHNAPS. Möchtet Ihr nicht auch so eine tragen?
MÄRTEN. Es käme drauf an.
SCHNAPS. Wie mich der Fremde so angezogen hatte –
MÄRTEN. Er selbst?
SCHNAPS. Freilich. Wir bedienen jetzt alle einander.
MÄRTEN. Das ist hübsch.
SCHNAPS. So sagte er –
MÄRTEN. Ich bin neugierig.
SCHNAPS. »Ich habe schon viele hier im Lande angeworben –«
MÄRTEN. So ist das doch wahr.
SCHNAPS. »Aber keinen gefunden, auf den ich mehr Vertrauen setzte als auf Euch.«
MÄRTEN. Das ist schmeichelhaft.
SCHNAPS. »So erfüllt nun meine Hoffnungen –«
MÄRTEN. Und wie?
SCHNAPS. »Geht zu Euren Freunden und macht sie mit unsern Grundsätzen bekannt.«
MÄRTEN. Laßt sie hören.
SCHNAPS. Gleich! – »Und wenn Ihr tausend redliche –«
MÄRTEN. Tausend Redliche? Das ist viel!
SCHNAPS. »Wohldenkende und beherzte Leute beisammen habt –«
MÄRTEN. Nun?
SCHNAPS. »So fangt die Revolution in Eurem Dorfe an.«
MÄRTEN. In unserm Dorfe? Hier, in unserm Dorfe?
SCHNAPS. Freilich!
MÄRTEN. Behüt uns Gott!
SCHNAPS. Ei! wo denn?
MÄRTEN. Eh! was weiß ich? Da und dort! Überall! Nur nicht hier.
SCHNAPS. Hört nur, nun kommt das Wichtigste.
MÄRTEN. Noch was Wichtigers?
SCHNAPS. »Fangt die Revolution an!« sagte er.
MÄRTEN. Gnad uns Gott!
SCHNAPS. »Ich gebe Euch dazu völlige Autorität und mache Euch hiermit –«
MÄRTEN. Wozu?
SCHNAPS. »Zum Bürgergeneral.«
MÄRTEN. Zum General? – Herr Schnaps, Herr Schnaps! das klingt nun fast wieder nach dem ostindischen Generalgouverneur.
SCHNAPS. Stille! Es ist nicht Zeit zu scherzen.
MÄRTEN. Es scheint.
SCHNAPS. »Und zum Zeichen geb ich Euch diesen Schnurrbart –«
MÄRTEN. Einen Schnurrbart?
SCHNAPS. »Den jeder Bürgergeneral tragen muß.«
MÄRTEN. Ist's möglich!
SCHNAPS hat den Schnurrbart angeheftet. »Ihr habt nun ein Ansehn.«
MÄRTEN. Wahrhaftig!
SCHNAPS. »Eine Autorität.«
MÄRTEN. Zum Erstaunen!
SCHNAPS. »Und an der Spitze der Freigesinnten werdet Ihr Wunder tun.«
MÄRTEN. Ohne Zweifel, Herr General.
SCHNAPS. Man sagt nicht: Herr General. Man sagt: mein General! Bürgergeneral! – Es ist kein Mensch ein Herr.
MÄRTEN. Mein General!
SCHNAPS. Was gibt's, Bürger?
MÄRTEN. Ich bin nur ein Bauer.
SCHNAPS. Wir sind alle Bürger.
MÄRTEN. So sagt mir nur, wo das hinauswill?
SCHNAPS. Worauf es hinauswill?
MÄRTEN. Ja.
SCHNAPS. Unsre Grundsätze heißt man das.
MÄRTEN. Ich dächte fast, es ginge auf Schläge hinaus.
SCHNAPS. Nun müßt Ihr hören.
MÄRTEN. Was denn?
SCHNAPS. Die Grundsätze, die ich ausbreiten soll.
MÄRTEN. Die hatt ich ganz und gar vergessen.
SCHNAPS. Hört!
MÄRTEN der zufälligerweise im Aufundabgehen an das Fenster kommt. O weh!
SCHNAPS. Was gibt's?
MÄRTEN. Herr General! Mein General – da kommt Görge den Berg herein.
SCHNAPS. Verflucht!
MÄRTEN. Herr – mein General! Er hat einen großen Prügel.
SCHNAPS nach dem Fenster laufend. Ich bin in großer Verlegenheit.
MÄRTEN. Das glaub ich.
SCHNAPS. Ich fürchte –
MÄRTEN. So kommt mir's vor.
SCHNAPS. Meint Ihr etwa Görgen?
MÄRTEN. Nein doch, den Prügel.
SCHNAPS. Nichts in der Welt, als verraten zu werden.
MÄRTEN. Da habt Ihr recht.
SCHNAPS. Die gute Sache würde leiden, wenn man unsre Absicht zu früh entdeckte.
MÄRTEN. Gewiß.
SCHNAPS. Versteckt mich!
MÄRTEN. Steigt auf den Boden.
SCHNAPS. Ja! Ja!
MÄRTEN. Nur unters Heu.
SCHNAPS. Ganz recht.
MÄRTEN. Nur fort, Herr General! Der Feind ist in der Nähe.
SCHNAPS. Geschwind den Sack her! Er nimmt den Barbiersack auf.
MÄRTEN. Fort! Fort!
SCHNAPS indem er die Leiter hinaufsteigt. Verratet mich ja nicht.
MÄRTEN. Nein, nein.
SCHNAPS. Und denkt nicht, daß ich mich fürchte.
MÄRTEN. Nicht doch!
SCHNAPS. Lauter Klugheit!
MÄRTEN. Die ist zu loben. Nur zu!
SCHNAPS ganz oben, indem er hineinsteigt. Lauter Klugheit!
Siebenter Auftritt
Märten. Görge mit einem Stock.
GÖRGE. Wo ist der Schurke?
MÄRTEN. Wer?
GÖRGE. Ist es wahr, Vater?
MÄRTEN. Was denn?
GÖRGE. Röse sagte mir, sie hätte, da sie weggegangen wäre, Schnapsen ins Haus schleichen sehen.
MÄRTEN. Er kam; ich habe ihm aber gleich die Wege gewiesen.
GÖRGE. Da habt Ihr wohlgetan. Ich schlag ihm Arm und Bein entzwei, wenn ich ihn hier antreffe.
MÄRTEN. Du bist gar zu aufgebracht.
GÖRGE. Was? nach allen den Streichen?
MÄRTEN. Das ist vorbei.
GÖRGE. Er hat noch keine Ruhe. Jetzt, da Röse meine Frau ist –
MÄRTEN. Was denn?
GÖRGE. Hört er nicht auf, uns zu necken, uns zu beunruhigen.
MÄRTEN. Und wie denn?
GÖRGE. Da sagt er zu Rösen im Vorbeigehen: »Guten Abend, Röse! Wie Ihr doch allen Leuten in die Augen stecht! Der Offizier, der da durchritt, hat nach Euch gefragt.«
MÄRTEN. Das kann wohl wahr sein.
GÖRGE. Was braucht er's wiederzusagen? Nein, es sind lauter Lügen.
MÄRTEN. Wahrscheinlich.
GÖRGE. Da kommt er einmal und sagt: »Der Fremde, der auf dem Schlosse gewohnt hat, der hat Euch recht gelobt. Wollt Ihr ihn in der Stadt besuchen? Es wird ihm recht lieb sein. Er wohnt in der Langen Straße Numero 636.«
MÄRTEN. Das heißt man ja kuppeln.
GÖRGE. Er ist alles imstande.
MÄRTEN. Ich glaub's wohl.
GÖRGE. Und Röse gibt ihm immer was ab, wie er's verdient, und der böse Kerl trägt's ihr nach. Ich fürchte, er tut uns einen Possen.
MÄRTEN. So böse ist er doch nicht. Er spaßt nur.
GÖRGE. Ein schöner Spaß! Ich will ihn aber treffen.
MÄRTEN. Nimm dich in acht! das kostet Strafe.
GÖRGE. Die bezahl ich gern. Und ich will's ihm gedenken, daß er mich jetzt von Rösen weggesprengt hat. Wenn er nur nicht gar draußen bei ihr ist! Geschwind, geschwind! ich muß fort. Eilig ab.
Achter Auftritt
Märten. Hernach Schnaps.
MÄRTEN. Ein Glück, daß er ihn nicht vermutet! Das hätte schöne Händel gesetzt! Am Fenster. Wie er läuft! Er ist schon am Berge. Nun kann mein General wieder aus dem Hinterhalte hervorkommen. Es ist doch kurios, daß jetzt die schlimmsten Leute immer in die Höhe kommen! Man liest's in allen Zeitungen. Der da oben taugt nun ganz und gar nichts, und kommt zu solchen Ehren! Wer weiß, was noch daraus wird! Es sind gefährliche Zeiten; man weiß gar nicht mehr, wen man um sich hat. Auf alle Fälle will ich ihm schmeicheln. Er nutzt mir wohl wieder. – Mein General!
SCHNAPS an der Bodentüre. Es fällt Heu herunter. Ist er fort?
MÄRTEN. Schon weit weg.
SCHNAPS mit Heu bedeckt. Ich komme schon.
MÄRTEN. Ihr seht verzweifelt aus, General Schnaps.
SCHNAPS auf der Leiter sich reinigend. Das ist im Felde nicht anders; man kann nicht alles sauber haben.
MÄRTEN. Kommt nur herunter.
SCHNAPS. Ist er wirklich fort?
MÄRTEN. Schon weit weg. Er war besorgt, Ihr möchtet indessen zu Rösen schleichen, und lief, als wenn es hinter ihm brennte.
SCHNAPS herunterkommend. Vortrefflich! Nun schließt mir aber die Haustür zu.
MÄRTEN. Das sieht verdächtig aus.
SCHNAPS. Besser verdächtig als ertappt. Schließt zu, Vater Martin. Mit wenig Worten sag ich Euch alles.
MÄRTEN gehend. Nun gut.
SCHNAPS. Wenn jemand pocht, pack ich ein und schleiche mich zur Hintertür hinaus; und Ihr macht, was Ihr wollt.
Neunter Auftritt
Schnaps. Nachher Märten.
SCHNAPS. Wenn ich ihm nur erst ein Frühstück abgewonnen hätte! Eine rechte Schande! ein reicher Mann und immer so knauserig! Er schleicht an den Schränken herum. Alles verschlossen, wie gewöhnlich, und Röse hat wieder die Schlüssel mit. – Hernach brauch ich noch ein paar Laubtaler patriotische Kontribution. Wieder am Schranke. Die Türen klappern, die Schlösser sind schlecht verwahrt. Der Magen knurrt, der Beutel noch ärger. Schnaps! Bürgergeneral! Frisch dran! Mach ein Probestück deines Handwerks!
MÄRTEN zurückkommend. Alles ist verwahrt. Nun seid kurz.
SCHNAPS. Wie es die Sache zuläßt.
MÄRTEN. Ich fürchte, die Kinder kommen zurück.
SCHNAPS. Das hat Zeit. Wenn sie beisammen sind, wissen sie nicht, wenn's Mittag oder Abend ist.
MÄRTEN. Ihr wagt am meisten.
SCHNAPS. So hört mich.
MÄRTEN. So macht fort.
SCHNAPS nach einer Pause. Doch wenn ich bedenke –
MÄRTEN. Noch ein Bedenken?
SCHNAPS. Ihr seid ein gescheiter Mann, das ist wahr.
MÄRTEN. Großen Dank!
SCHNAPS. Doch ohne Studien.
MÄRTEN. Das ist meine Sache nicht.
SCHNAPS wichtig. Den guten unstudierten Leutchen, die man sonst den gemeinen Mann zu nennen pflegte –
MÄRTEN. Nun?
SCHNAPS. Trägt man eine Sache besser durch Exempel, durch Gleichnisse vor.
MÄRTEN. Das läßt sich hören.
SCHNAPS. Also zum Exempel – Er geht heftig auf und nieder und stößt an Märten.
MÄRTEN. Zum Exempel: das ist grob.
SCHNAPS. Verzeiht, ich war in meiner Revolutionslaune.
MÄRTEN. Die gefällt mir ganz und gar nicht.
SCHNAPS. Zum Exempel – Auf Märten losgehend.
MÄRTEN. Bleibt mir vom Leibe!
SCHNAPS. Zum Exempel, wir haben uns vereinigt.
MÄRTEN. Wer?
SCHNAPS. Wir beide und noch neunhundertneunundneunzig.
MÄRTEN. Ehrliche Leute.
SCHNAPS. Das macht tausend.
MÄRTEN. Richtig.
SCHNAPS. Gehen wir gewaffnet auf den Edelhof, mit Flinten und Pistolen.
MÄRTEN. Wo sollen die Flinten und Pistolen herkommen?
SCHNAPS. Das findet sich alles. Seht Ihr nicht, daß ich schon einen Säbel habe? Er nimmt Märten an die eine Seite des Theaters.
MÄRTEN. Ei wohl!
SCHNAPS. Wir ziehen auf den Edelhof und stellen den Edelmann zur Rede. Da kommen wir nun hinein. Er agiert das Hereinkommen.
MÄRTEN macht sich los. Hört nur, ich muß Euch sagen, ich mag nicht mitgehen. Wir sind dem Edelmanne viel Dank schuldig.
SCHNAPS. Narrenspossen! Dankbarkeit ist das, was Ihr zum voraus abschaffen müßt.
MÄRTEN. Wie ist das möglich?
SCHNAPS. Es ist ganz natürlich. Schafft sie nur ab! Ihr werdet finden, der Undank ist die bequemste Sache von der Welt.
MÄRTEN. Hätt ich nicht gedacht!
SCHNAPS. Probiert's und kommt! Macht keine Umstände, es ist ja nur ein Gleichnis.
MÄRTEN. Ja so! ein Gleichnis.
SCHNAPS nimmt ihn wieder an der Seite. Nun kommen wir herein. – Aber wißt Ihr was!
MÄRTEN. Nun?
SCHNAPS. Es ist besser, daß Ihr den Edelmann macht. Er führt ihn hinüber. Stellt Euch hierher.
MÄRTEN. Meinetwegen.
SCHNAPS. Ich komme mit dem Bürgerausschuß.
MÄRTEN. Mit den neunhundertneunundneunzig?
SCHNAPS. Drüber oder drunter.
MÄRTEN. Gut.
SCHNAPS. Herr! sag ich –
MÄRTEN. Nur gemach!
SCHNAPS. Nein! das war nicht recht; es soll niemand ein Herr sein.
MÄRTEN. Nun, wie sagt Ihr denn?
SCHNAPS. Warte – Kurz und gut: im Namen der Freiheit und Gleichheit macht Eure Keller auf und Eure Vorratskammern; wir wollen essen, und Ihr seid satt.
MÄRTEN. Wenn's nach Tische ist, mag's angehn.
SCHNAPS. Tut Eure Garderoben auf! Wir sind entblößt.
MÄRTEN. Pfui! Ihr werdet doch nicht –
SCHNAPS. Nicht anders. – Tut Eure Beutel auf! Wir sind nicht bei Gelde.
MÄRTEN. Das glaubt Euch jedermann.
SCHNAPS. Nun antwortet.
MÄRTEN. Ja, was soll ich sagen?
SCHNAPS auffahrend und trotzig. Was wollt Ihr sagen?
MÄRTEN. Nur gemach!
SCHNAPS. Was könnt Ihr sagen? Ihr seid ein Verwegner! Auf den Schrank losgehend. Ihr habt verschloßne Gewölbe!
MÄRTEN. Das ist Rösens Milchschrank.
SCHNAPS natürlich. Pfui! Ihr müßt im Gleichnisse bleiben.
MÄRTEN. Ja so!
SCHNAPS wie oben. Und versperrte Kasten!
MÄRTEN. Da sind Kleider drin.
SCHNAPS. Wo sind die Schlüssel?
MÄRTEN. Röse hat sie mitgenommen. Sie ist sehr häuslich, sehr sorgfältig; sie verschließt alles und trägt die Schlüssel bei sich.
SCHNAPS. Ausflüchte! Weitläufigkeiten! Wo sind die Schlüssel?
MÄRTEN. Ich habe sie nicht.
SCHNAPS. So werd ich aufbrechen müssen. Er zieht den Säbel und macht sich an den Schrank.
MÄRTEN. Reitet Euch der Henker?
SCHNAPS. Das ist nur zum Exempel.
MÄRTEN. Laßt das bleiben.
SCHNAPS. Was! Ihr wollt Euch widersetzen? Er bricht an den Leisten.
MÄRTEN. Seid Ihr denn vom Teufel besessen?
SCHNAPS. Das muß auf! Er bricht. Krick! Krack!
MÄRTEN herumlaufend. Röse! Röse! Wo bist du?
SCHNAPS bricht. Es geht! Krick! Krack!
MÄRTEN. Görge! Görge!
SCHNAPS. So haltet Euer Maul und bedenkt, daß ich es Euch nur erzählungsweise vorbringe.
MÄRTEN. Nur erzählungsweise? Ich dächte, es wäre handgreiflich genug.
SCHNAPS. Bedenkt doch! Ihr seid jetzt der Edelmann.
Der Schrank geht indessen auf.
MÄRTEN. Gott bewahre mich! Da steht der Schrank auf. Die Leisten sind weggebrochen, das Schloß verdorben. Was wird Röse sagen? Packt Euch zum Henker! Wißt Ihr, daß ich das nicht leide! daß das Grobheiten sind! Ungezogenheiten! daß ich die Nachbarn rufen werde, daß ich zum Richter gehen werde!
SCHNAPS der sich indessen im Schranke umgesehen und die Töpfe visitiert hat. Zum Richter? Eurem Todfeind? Zu dem stolzen Kerl?
MÄRTEN. Pest!
SCHNAPS. Wißt nur, daß Ihr Richter werden müßt, wenn wir nur hier erst den Freiheitsbaum errichtet haben.
MÄRTEN. Richter? Ich weiß wohl noch, wie ich geheimer Landrichter werden sollte.
SCHNAPS. Das sind jetzt andere Zeiten; man betrügt niemand mehr.
MÄRTEN. Das wäre mir lieb.
SCHNAPS. Man hat niemand zum besten.
MÄRTEN. Das ist mir angenehm.
SCHNAPS. Nun, vor allen Dingen –
MÄRTEN. Macht, daß ich Richter werde!
SCHNAPS. Ohne Zweifel. – Vor allen Dingen aber hört, wovon die Rede ist.
MÄRTEN. Die Rede ist, daß wir die Schränke wieder zumachen.
SCHNAPS. Mitnichten.
MÄRTEN. Daß wir die Leisten wieder annageln.
SCHNAPS. Keinesweges. Die Rede ist, daß Ihr begreift, warum man mich zum General gemacht hat.
MÄRTEN. Das seh ich freilich nicht so deutlich ein.
SCHNAPS. Also exempli gratia.
MÄRTEN. Noch ein Exempel?
SCHNAPS. Wir haben ja noch keins gehabt.
MÄRTEN. Nur zu viel.
SCHNAPS. Ich sage also – Er holt einen großen Milchtopf und setzt ihn auf den Tisch.
MÄRTEN. Um Gottes willen rührt mir den Topf nicht an! Röse sagt, das wäre jetzt ihr bester.
SCHNAPS. Das ist mir lieb zu hören.
MÄRTEN. Nehmt doch einen kleinen Topf, wenn's ja sein soll.
SCHNAPS. Nein, ich brauche den größten zu meinem Exempel.
MÄRTEN. Nun, so sag ich Euch kurz und gut, daß ich von allem dem Zeuge nichts wissen will.
SCHNAPS. So!
MÄRTEN. Und daß Ihr Euch aus dem Hause packen könnt.
SCHNAPS. Ei!
MÄRTEN. Und daß ich ganz und gar nichts hören will.
SCHNAPS. Ihr wollt nichts hören?
MÄRTEN. Nein.
SCHNAPS. Ihr wollt nichts wissen?
MÄRTEN. Nein.
SCHNAPS. Nichts annehmen?
MÄRTEN. Nein.
SCHNAPS zieht den Säbel. So wißt, daß ich Euch das Verständnis eröffnen werde.
MÄRTEN. Mit dem Säbel? Das ist eine schöne Manier.
SCHNAPS ihm zu Leib gehend. So wißt, daß Ihr schuldig seid, Euch zu unterrichten, neue Gedanken, zu erfahren; daß Ihr gescheit werden müßt, daß Ihr frei werden müßt, daß Ihr gleich werden müßt, Ihr mögt wollen oder nicht.
MÄRTEN beiseite. Görge! Görge! Kämst du nur! ich wollt ihn nicht verstecken.
SCHNAPS. Ihr hört also gern?
MÄRTEN. Gewiß.
SCHNAPS. Und habt keine Abneigung, Euch zu unterrichten?
MÄRTEN. Keinesweges.
SCHNAPS. So ist's recht.
MÄRTEN. Ich find es auch.
SCHNAPS. Nun gebt acht!
MÄRTEN. Recht gern.
SCHNAPS. Dieser Topf stellt ein Dorf vor.
MÄRTEN. Ein Dorf?
SCHNAPS. Oder eine Stadt.
MÄRTEN. Kurios!
SCHNAPS. Oder eine Festung.
MÄRTEN. Wunderlich!
SCHNAPS. Ja! Zum Exempel eine Festung.
MÄRTEN beiseite. Wenn ich nur die Exempel los wäre!
SCHNAPS. Ich ziehe davor.
MÄRTEN. Was gibt das?
SCHNAPS. Ich fordre sie auf! Treteng! Treteng! Die Trompete nachahmend.
MÄRTEN. Er ist ganz und gar verrückt.
SCHNAPS. Sie macht Mäuse und will sich nicht ergeben.
MÄRTEN. Daran tut sie wohl. Beiseite. Wenn nur Röse käme, die Festung zu entsetzen.
SCHNAPS. Ich beschieße sie! Pu! Pu!
MÄRTEN. Das wird arg!
SCHNAPS. Ich mache ihr die Hölle heiß. Ich setze ihr Tag und Nacht zu. Pu! Pu! Pu! Sie ergibt sich.
MÄRTEN. Da tut sie übel.
SCHNAPS nähert sich dem Topfe. Ich ziehe hinein.
MÄRTEN. Es wird ihr schlimm gehen.
SCHNAPS nimmt den Löffel. Ich versammle die Bürgerschaft.
MÄRTEN. Nun ist's aus.
SCHNAPS. Die Wohlgesinnten kommen eilig. Da laß ich mich nieder – Er setzt sich. – und rede sie an.
MÄRTEN. Du armer Topf!
SCHNAPS. Brüder Bürger! sag ich.
MÄRTEN. Das klingt freundlich genug.
SCHNAPS. Leider seh ich euch uneins.
MÄRTEN. Im Topfe ist es ja ganz stille.
SCHNAPS. Es ist eine heimliche Gärung.
MÄRTEN horchend. Ich spüre nichts davon.
SCHNAPS. Ihr habt den ursprünglichen Zustand der Gleichheit verlassen.
MÄRTEN. Wieso?
SCHNAPS pathetisch. Da ihr zusammen noch reine Milch wart, fand sich ein Tropfen wie der andere.
MÄRTEN. Das läßt sich nicht leugnen.
SCHNAPS. Nun aber seid ihr sauer geworden.
MÄRTEN. Die Bürger?
SCHNAPS. Ihr habt euch geschieden.
MÄRTEN. Sieh doch!
SCHNAPS. Und ich finde, die Reichen, die unter dem sauren Rahm vorgestellt werden –
MÄRTEN. Das ist schnakisch!
SCHNAPS. Die Reichen schwimmen oben.
MÄRTEN. Die Reichen sind der saure Rahm? Ha! ha!
SCHNAPS. Sie schwimmen oben! Das ist nicht zu dulden.
MÄRTEN. Es ist unleidlich!
SCHNAPS. Ich schöpfe sie also ab. Er schöpft auf einen Teller.
MÄRTEN. O weh! Nun geht's drüber her.
SCHNAPS. Und wie ich den Rahm abgehoben habe, find ich die Schlippermilch.
MÄRTEN. Natürlich.
SCHNAPS. Die ist auch nicht zu verachten.
MÄRTEN. Mich deucht.
SCHNAPS. Das ist so der hübsche, wohlhabende Mittelstand.
MÄRTEN. Die Schlippermilch der Mittelstand? Was das für Einfälle sind!
SCHNAPS. Davon nehme ich nach Gutdünken. Er schöpft.
MÄRTEN. Der versteht's.
SCHNAPS. Nun rühre ich sie untereinander – Er rührt. – und lehre sie, wie man sich verträgt.
MÄRTEN. Was soll's nun?
SCHNAPS steht auf und geht nach dem Schranke. Nun sehe ich mich in der Gegend um und finde – Er bringt ein großes Brot hervor. – einen Edelhof.
MÄRTEN. Das ist ja ein Brot.
SCHNAPS. Die Edelleute haben immer die besten Äcker in der Flur; drum werden sie billig unter dem Brote vorgestellt.
MÄRTEN. Das soll auch dran?
SCHNAPS. Natürlich! Es muß alles gleich werden.
MÄRTEN beiseite. Hätte er nur den Säbel nicht anhängen! Das macht unser Spiel verwünscht ungleich.
SCHNAPS. Da wird nun auch das Nötige abgeschnitten und –
MÄRTEN. Käme nur Görge!
SCHNAPS. Auf dem Reibeisen gerieben.
MÄRTEN. Gerieben?
SCHNAPS. Ja, um den Stolz, den Übermut zu demütigen.
MÄRTEN. Ja! Ja!
SCHNAPS. Und wird sodann unter das übrige gemischt und umgerührt.
MÄRTEN. Seid Ihr bald fertig?
SCHNAPS bedächtig. Nun fehlen noch die geistlichen Güter.
MÄRTEN. Wo sollen die herkommen?
SCHNAPS. Hier find ich eine Zuckerschachtel. Er greift nach der, welche bei dem Kaffeezeuge steht.
MÄRTEN fällt ihm in den Arm. Laßt stehen! Rührt sie nicht an! Röse wiegt mir immer für die ganze Woche Zucker ab; damit muß ich reichen.
SCHNAPS an den Säbel greifend. Bürger!
MÄRTEN. Geduld!
SCHNAPS. Die geistlichen Herren haben immer die schmackhaftesten, die süßesten Besitztümer –
MÄRTEN. Es muß sie ja jemand haben.
SCHNAPS. Und werden deshalb billig durch den Zucker repräsentiert. Der wird nun auch gerieben –
MÄRTEN. Was fang ich an?
SCHNAPS. Und drüber gestreut.
MÄRTEN beiseite. Ich hoffe, du sollst mir das bezahlen. Ans Fenster. Horch! Kommt Görge wohl?
SCHNAPS. Und so ist die sauersüße Milch der Freiheit und Gleichheit fertig.
MÄRTEN am Fenster, leise. Es war nichts.
SCHNAPS. Kommt her! Was macht Ihr am Fenster?
MÄRTEN. Ich dachte, es käme jemand.
SCHNAPS. Görge kömmt doch nicht? Er steht auf.
MÄRTEN. Es ist alles stille.
SCHNAPS. Laßt einmal sehen. Er tritt an das Fenster und legt sich auf Märten.
Zehnter Auftritt
Die Vorigen. Görge, der zur Hintertür hereinschleicht.
GÖRGE leise. Wer zum Henker ist beim Vater? Sollte das Schnaps sein?
MÄRTEN am Fenster. Drückt mich nicht so!
SCHNAPS. Ich muß ja sehen. Lehnt sich hinaus.
MÄRTEN. Was denn?
SCHNAPS. Wie sich meine Soldaten betragen.
GÖRGE wie oben. Es ist seine Stimme! Wie sieht der Kerl aus?
SCHNAPS. Brav! meine wackern Freunde!
MÄRTEN. Mit wem redet Ihr?
SCHNAPS. Seht Ihr nicht, wie meine Leute um den Freiheitsbaum tanzen?
MÄRTEN. Seid Ihr toll? Es regt sich keine Seele.
GÖRGE. Er ist's fürwahr! Was heißt das? Der Vater schließt sich mit ihm ein! Wie er vermummt ist! Glücklich, daß ich die Hintertür offen fand!
SCHNAPS. So seht doch, wie man euern Weibern und Töchtern Begriffe von der Freiheit und Gleichheit beibringt!
MÄRTEN der sich losmachen will, aber von Schnaps gehalten wird. Das ist zu arg!
GÖRGE. Was sie nur zusammen reden! Ich verstehe nichts. Sich umsehend. Was soll das heißen? Der Schrank offen! Saure Milch zurechtegemacht! Das soll wohl ein Frühstück werden?
SCHNAPS wie oben. So freut Euch doch, wie alles einig und vergnügt ist.
MÄRTEN. In Eurem Kopfe muß es wunderlich spuken. Ich sehe nichts.
GÖRGE sich zurückziehend. Ich muß nur horchen.
SCHNAPS Märten loslassend. Ich sehe alles im Geiste; Ihr werdet es bald vor Eurem Hause mit Augen sehen.
MÄRTEN. In meinem Hause seh ich schon im voraus nichts Gutes.
SCHNAPS noch einmal zum Fenster hinaussehend, für sich. Alles ist ruhig und sicher. Nun geschwind an die Mahlzeit! Er tritt an den Tisch.
MÄRTEN. Säh ich dich woanders!
SCHNAPS. O du liebliche Suppe der Freiheit und Gleichheit, sei mir gesegnet! – Seht her!
MÄRTEN. Was gibt's?
SCHNAPS. Nun setzt sich der Bürgergeneral drüber.
MÄRTEN. Das dacht ich.
SCHNAPS. Und verzehrt sie.
MÄRTEN. Allein?
SCHNAPS essend. Nicht doch! – Mit den Seinigen.
MÄRTEN. Das ist honett.
SCHNAPS. Setzt Euch, Bürger Martin.
MÄRTEN. Danke schön!
SCHNAPS. Laßt's Euch schmecken.
MÄRTEN. Ich bin nicht hungrig.
SCHNAPS. Scheut Euch nicht vor mir, wir sind alle gleich.
MÄRTEN. Das merk ich.
SCHNAPS. Ihr seid ein braver Bürger.
MÄRTEN. Davon weiß ich kein Wort.
SCHNAPS. Ihr sollt mein Korporal werden.
MÄRTEN. Viel Ehre!
SCHNAPS. Setzt Euch, mein Korporal!
MÄRTEN. Ihr scherzt, mein General.
SCHNAPS aufstehend und komplimentierend. Mein Korporal!
MÄRTEN. Mein General!
Görge, der sich indessen hervorgeschlichen, trifft Schnapsen mit dem Stocke, indem er sich bückt.
SCHNAPS. Was ist das?
GÖRGE. Mein General!
MÄRTEN. Bravo, Görge!
GÖRGE auf Schnapsen schlagend. Mein Korporal!
SCHNAPS. Heilige Freiheit, stehe mir bei!
GÖRGE. Find ich dich so?
MÄRTEN. Nur zu!
SCHNAPS. Heilige Gleichheit, nimm dich meiner an!
GÖRGE. Singe nur! ich schlage den Takt.
SCHNAPS den Säbel ziehend und sich zur Wehre setzend. Heilige Revolutionsgewalt, befreie mich!
GÖRGE. Was? Du willst dich wehren?
MÄRTEN. Nimm dich in acht, der Kerl ist desperat.
GÖRGE. Der Nichtswürdige! er soll mir kommen! Dringt auf Schnaps ein.
SCHNAPS. O weh mir!
GÖRGE. Du sollst empfinden!
MÄRTEN. Den Säbel her!
GÖRGE ihn entwaffnend. Ich habe ihn schon.
SCHNAPS hinter Tisch und Stühle sich verschanzend. Nun gilt Kapitulieren.
GÖRGE. Hervor!
SCHNAPS. Bester Görge, ich spaße nur!
GÖRGE. Ich auch. Er schlägt nach ihm, trifft aber nur den Tisch.
MÄRTEN. Triff ihn!
SCHNAPS macht sich hervor und läuft herum. Oder sonst –
GÖRGE ihm nach. Das soll dir nichts helfen.
SCHNAPS da er gegen das Fenster kommt. Hülfe! Hülfe!
GÖRGE treibt ihn weg. Willst du schweigen!
SCHNAPS wie oben. Feuer! Feuer!
MÄRTEN verrennt ihm von der andern Seite den Weg. Stopf ihm das Maul!
SCHNAPS hinter zwei Stühlen verschanzt. Verschont mich! Es ist genug.
GÖRGE. Willst du heraus!
SCHNAPS wirft ihnen die Stühle nach den Beinen, sie springen zurück. Da habt ihr's!
GÖRGE. Warte nur!
SCHNAPS. Wer ein Narr wäre! Springt zur Hintertür hinaus.
GÖRGE. Ich hasche dich doch. Ihm nach.
MÄRTEN steht und reibt das Bein, das der Stuhl getroffen hat, und hinkt den übrigen Teil des Stücks. Der Bösewicht! Mein Bein! Hat er's doch auch brav abgekriegt!
Elfter Auftritt
Märten. Röse. Hernach Görge.
RÖSE von außen. Vater! Vater!
MÄRTEN. O weh! Röse! Was wird die zu der Geschichte sagen?
RÖSE. Macht auf, Vater! Was ist das für ein Lärm?
MÄRTEN am Fenster. Ich komme! Warte nur!
GÖRGE zur Hintertür herein. Der verwünschte Kerl! Er hat sich in die Kammer eingesperrt; ich hab aber gleich das Vorlegeschloß vorgelegt, er soll uns nicht entwischen.
RÖSE. Vater! wo bleibt Ihr? Macht auf!
GÖRGE. Das ist ja Röse.
MÄRTEN. Geh! Ich hinke. Mach ihr die Tür auf.
Görge ab.
MÄRTEN. Nun geht das Unglück an. Die arme Röse! Der schöne Topf! Setzt sich.
GÖRGE der mit Rösen hereinkommt. Sieh nur, Röse.
RÖSE. Was ist das? Was gibt das?
GÖRGE. Denk nur –
RÖSE. Mein Topf! Vater, was heißt das?
MÄRTEN. Schnaps –
GÖRGE. Stell dir nur vor –
RÖSE. Mein Schrank! Der Zucker! Hin und her laufend. O weh! o weh! Schnaps? Wo ist er?
GÖRGE. Sei ruhig, er ist eingesperrt.
RÖSE. Das ist recht. Wir wollen ihn gleich den Gerichtsleuten überliefern. Sie kommen schon.
MÄRTEN aufspringend und hinkend. Wer?
RÖSE. Die Nachbarn sind zum Richter gelaufen, da es hier im Hause Lärm gab.
MÄRTEN. Zum Richter? O weh, wir sind verloren!
RÖSE. Mein schöner Topf!
GÖRGE. Er soll's bezahlen.
MÄRTEN. Hört mich, Kinder, hört mich! Vergeßt Topf und alles!
RÖSE. Warum nicht gar.
MÄRTEN. Schweig und höre! Wir dürfen Schnapsen nicht verraten; wir müssen ihn verleugnen.
GÖRGE. Das wäre schön!
MÄRTEN. So höre doch! Wir sind alle verloren, wenn sie ihn finden. Er ist ein Abgesandter vom Jakobinerklub.
RÖSE. Unmöglich! Der Schuft?
MÄRTEN. Warum nicht? Sie finden ihn in der Uniform. Er kann's nicht leugnen.
GÖRGE. Ja, die hat er an.
MÄRTEN. Und wir werden verdächtig, wir werden eingezogen, wir müssen vors Amt! Gott weiß!
GÖRGE. Wir könnten ja aber sagen –
MÄRTEN. Eile nur und sag, es sei nichts gewesen.
GÖRGE. Wenn sie's nur glauben! Eilig ab.
RÖSE. Ich gebe mich nicht zufrieden. Mein schöner Topf!
MÄRTEN. Narrenspossen! Besinne dich auf was, unsre Köpfe zu retten.
RÖSE. Die verliert man nicht gleich. Ihr dürft ja nur sagen: wie Euch der Kerl hätte anwerben wollen, hätte ihn Görge brav durchgeprügelt.
MÄRTEN. Das wäre vortrefflich! Warum ist dir's nicht gleich eingefallen? Nun ist Görge hinunter und verleugnet ihn; nun sind wir verdächtig. Es ist ein Unglück! Ein Unglück!
RÖSE. O verwünscht!
Zwölfter Auftritt
Die Vorigen. Der Richter. Görge. Bauern.
RICHTER hereindringend. Nein, nein, ich muß die Sache untersuchen.
GÖRGE ihn abhaltend. Es ist nichts.
MÄRTEN. Muß ich den Richter in meinem Hause sehen? Ich unglücklicher Mann!
RÖSE vortretend. Bemüh Er sich nicht, Herr Richter.
RICHTER. Kein Bemühen! Es ist Schuldigkeit. Wer hat Feuer geschrien?
RÖSE. Es war Spaß.
RICHTER. Man spaßt nicht so. Wer hat Hülfe gerufen?
RÖSE. Ich – Ich – neckte mich mit Görgen.
RICHTER. Necktet Euch?
RÖSE führt den Richter herum und erzählt, indem sie sich besinnt. Da hatt ich im Milchschranke einen schönen Topf saure Milch – und schloß den Schrank zu und ging weg – Da kam Görge – Warte nur, Görge! – Da kam Görge, und hatte Appetit – und brach den Schrank auf.
RICHTER. Ei! ei!
RÖSE. Und rahmte mir den Topf ab – und machte sich ein Frühstück zurecht – hier steht es noch – da kam ich nach Hause – und war böse – und – gab ihm eine Ohrfeige – da hascht er mich – und kitzelte mich, und da schrie ich – und da balgten wir uns, und da warfen wir die Stühle um – und da fiel einer dem Vater auf die Füße – Nicht wahr, Vater?
MÄRTEN. Ihr seht, wie ich hinke.
RÖSE. Und da schrie ich noch ärger – und –
RICHTER. Und da log ich dem Richter was vor.
RÖSE. Ich lüge nicht.
RICHTER. Ich glaube, Ihr wißt es selbst nicht, so glatt geht's Euch vom Maule. Glaubt Ihr, daß unsereiner nicht besser aufpaßte?
GÖRGE. Wieso?
RICHTER zu Rösen. Gingt Ihr nicht eben vor meinem Hause vorbei?
RÖSE. Ja.
RICHTER. Begegnetet Ihr nicht diesen Leuten?
RÖSE. Ich erinnere mich's nicht.
RICHTER zu den Bauern. Ist sie euch nicht begegnet?
EIN BAUER. Ja! und sie hat mit uns gesprochen, und wir haben ihr gesagt, daß bei ihrem Vater großer Lärm wäre.
MÄRTEN. Nun ist's aus!
RÖSE. O verwünscht!
GÖRGE. So geht's mit dem Ausreden!
RICHTER. Da steht Ihr nun! Was sagt Ihr dazu?
Sie sehen einander an; der Richter geht auf und nieder und findet die Mütze.
Oho! Was ist das?
GÖRGE. Ich weiß nicht.
RICHTER sieht sich um und findet den Hut mit der Kokarde. Und das?
RÖSE. Ich versteh's nicht.
RICHTER hält sie Märten hin. Nun? Vielleicht wißt Ihr? Vielleicht versteht Ihr?
MÄRTEN für sich. Was soll ich sagen?
RICHTER. So werd ich's euch wohl erklären müssen. Das ist eine Freiheitsmütze. Das ist eine Nationalkokarde. Eine schöne Entdeckung! Nun steht ihr da und verstummt, weil es zu deutlich ist. – In diesem Hause ist also der Klub der Verschwornen, die Zusammenkunft der Verräter, der Sitz der Rebellen? – Das ist ein Fund! das ist ein Glück! – Ihr habt euch gewiß untereinander veruneinigt, wie die Franzosen auch – und seid euch einander in die Haare gefallen – habt euch selbst verraten. So ist's schon recht! – Wir wollen weiter hören.
RÖSE. Lieber Herr Richter!
RICHTER. Sonst seid Ihr so schnippisch. Jetzt könnt Ihr bitten.
GÖRGE. Ihr müßt wissen –
RICHTER. Ich muß? – Ihr werdet bald anders reden.
MÄRTEN. Herr Gevatter!
RICHTER. Bin ich einmal wieder Gevatter?
RÖSE. Seid Ihr nicht mein Pate?
RICHTER. Seit der Zeit hat sich vieles geändert.
MÄRTEN. Laßt Euch sagen –
RICHTER. Schweigt! Ihr dürft mir gar nicht kommen! Habt ihr nicht etwa schon Anstalt zum Freiheitsbaum gemacht? Habt ihr nicht schon abgeredet, mich an den ersten besten Pfahl zu hängen? Man weiß, wie jetzt das unruhige Volk von seiner Obrigkeit spricht, wie es denkt! Es soll ihm übel bekommen. Es soll euch übel bekommen! Zu den Bauern. Fort mit ihnen! Und gleich zum Gerichtshalter! Es muß versiegelt werden, es muß inventiert werden. Es finden sich Waffen, Pulver, Kokarden! Das gibt eine Untersuchung. Fort! Fort!
MÄRTEN. Ich unglücklicher Mann!
RÖSE. So laßt Euch bedeuten, Herr Richter.
RICHTER. Etwa belügen, Mamsell Röschen? Fort! fort!
GÖRGE. Wenn's nicht anders ist, so soll Schnaps auch mit. Da muß sich die Sache aufklären.
RICHTER. Was sagt Ihr von Schnaps?
GÖRGE. Ich sage –
RÖSE am Fenster. Da kommt zum Glück der gnädige Herr.
RICHTER. Der wird's zeitig genug erfahren.
GÖRGE. Ruf ihn!
RÖSE. Gnäd'ger Herr! Gnäd'ger Herr! Zu Hülfe! Zu Hülfe!
RICHTER. Schweigt nur! Er wird euch nicht helfen; er wird froh sein, daß solche Bösewichter entdeckt sind. Und dann ist es eine Polizeisache, eine Kriminalsache; die gehört für mich, für den Gerichtshalter, für die Regierung, für den Fürsten! Es muß ein Exempel statuiert werden!
MÄRTEN. Da haben wir das Exempel!
Dreizehnter Auftritt
Die Vorigen. Der Edelmann.
EDELMANN. Kinder, was gibt's?
RÖSE. Helfen Sie uns, gnädiger Herr!
RICHTER. Hier sehen Euer Gnaden, was sich im Hause findet.
EDELMANN. Was denn?
RICHTER. Eine Freiheitsmütze.
EDELMANN. Sonderbar!
RICHTER. Eine Nationalkokarde.
EDELMANN. Was soll das heißen?
RICHTER. Verschwörung! Aufruhr! Hochverrat! Er behält die Mütze und Kokarde in der Hand und nimmt sie hernach mit hinaus.
EDELMANN. Laßt mich fragen!
RICHTER. Lassen Sie uns nachsuchen! Wer weiß, was noch im Hause steckt.
EDELMANN. Stille!
RÖSE. Gnädiger Herr!
EDELMANN. Diese Sachen?
MÄRTEN. Brachte Schnaps ins Haus.
GÖRGE. In meiner Abwesenheit.
MÄRTEN. Brach die Schränke auf –
RÖSE. Machte sich über die Milchtöpfe –
MÄRTEN. Und wollte mich in der Gleichheit und Freiheit unterrichten.
EDELMANN. Wo ist er?
GÖRGE. In der Hinterkammer. Er hat sich eingesperrt, als ich ihn verfolgte.
EDELMANN. Schafft ihn herbei!
Görge mit dem Richter und den Bauern ab.
EDELMANN. Das ist also wieder ein Streich von Herrn Schnaps, wie ich merke.
MÄRTEN. Nichts anders.
EDELMANN. Wie kam er ins Haus?
MÄRTEN. In meiner Kinder Abwesenheit.
RÖSE. Er fürchtet sich vor Görgen.
MÄRTEN. Er machte mich neugierig.
EDELMANN. Man sagt, Ihr seid's manchmal.
MÄRTEN. Verzeihen Sie!
EDELMANN. Und ein bißchen leichtgläubig dazu.
MÄRTEN. Er machte es gar zu wahrscheinlich, daß er die wichtigsten Sachen wisse.
EDELMANN. Und hatte Euch zum besten.
MÄRTEN. Wie es scheint.
RÖSE. Es war ihm nur um ein Frühstück zu tun. Da sehen Sie nur, gnädiger Herr, welche schöne saure Milch er sich zurechtgemacht hat, mit geriebenem Brot und Zucker und allem. Das liebe Gut! man muß es nun wegwerfen; es kann's kein ehrlicher Mensch genießen, da der Unflat die Schnauze drüber gehabt hat.
EDELMANN. Er wollte also ein Frühstück gewinnen?
MÄRTEN. Nach seiner Art. Er sagte, er sei von den Jakobinern abgeschickt.
EDELMANN. Und weiter?
MÄRTEN. Zog er eine Uniform an und bewaffnete sich.
EDELMANN. Toll genug!
MÄRTEN. Und sagte, er wäre Bürgergeneral, und ward mit jedem Augenblick gröber.
EDELMANN. Das ist so die Art.
MÄRTEN. Erst tat er freundlich und vertraut, dann ward er brutal und brach mir den Schrank auf und nahm, was ihm gefiel.
EDELMANN. Gerade wie seine Kollegen!
MÄRTEN. Ich bin recht übel dran.
EDELMANN. Noch nicht so übel wie die Provinzen, wo seinesgleichen gehaust haben; wo gutmütige Toren ihnen auch anfangs zufielen, wo sie mit Schmeicheln und Versprechungen anfingen, mit Gewalt, Raub, Verbannung ehrlicher Leute und allen Arten böser Begegnung endigten. Dankt Gott, daß ihr so wohlfeil davonkommt!
RÖSE. Sie schützen uns also, gnädiger Herr?
EDELMANN. Es scheint, daß ihr nichts verschuldet habt.
MÄRTEN. Da kommen sie.
Vierzehnter Auftritt
Die Vorigen. Görge. Der Richter. Schnaps, von den Bauern geführt, in der Uniform, mit Säbel und Schnurrbart.
EDELMANN. Hervor, Herr General!
RICHTER. Hier ist der Rädelsführer! Sehen Sie ihn nur an. Alles, wie die Zeitungen schreiben. Uniform! Säbel! Er setzt ihm Mütze und Hut auf. Mütze! Hut! So soll er am Pranger stehen! Geschwind zum Gerichtshalter! Verhört! In Ketten und Banden nach der Residenz geschleppt!
EDELMANN. Sachte! sachte!
RICHTER. Boten fort! Der Kerl ist nicht allein! Man muß ihn torquieren! Man muß die Mitverschwornen entdecken! Man muß Regimenter marschieren lassen! Man muß Haussuchung tun!
EDELMANN. Nur gemach! – Schnaps, was sind das für Possen?
SCHNAPS. Jawohl, eitel Possen!
EDELMANN. Wo sind die Kleider her? Geschwind! Ich weiß schon.
SCHNAPS. Sie können unmöglich wissen, gnädiger Herr, daß ich diese Kleider mit dem ganzen militärischen Apparat von einem armen Teufel geerbt habe.
EDELMANN. Geerbt? Er pflegt sonst zu stehlen.
SCHNAPS. Hören Sie mich an.
MÄRTEN. Was wird er sagen?
SCHNAPS. Als der letzte Transport französischer Kriegsgefangenen durch die Stadt gebracht wurde –
EDELMANN. Nun?
SCHNAPS. Schlich ich aus Neugierde hinein.
EDELMANN. Weiter!
SCHNAPS. Da blieb im Wirtshause in der Vorstadt ein armer Teufel liegen, der sehr krank war.
RICHTER. Das ist gewiß nicht wahr.
SCHNAPS. Ich nahm mich seiner an, und er – verschied.
EDELMANN. Das ist sehr wahrscheinlich.
SCHNAPS. Er vermachte mir seine Sachen, für die Mühe, die ich mir genommen –
EDELMANN. Ihn umzubringen.
SCHNAPS. Bestehend aus diesem Rocke und Säbel.
EDELMANN. Und die Mütze? Die Kokarde?
SCHNAPS. Fand ich in seinem Mantelsack unter alten Lumpen.
EDELMANN. Da fand Er sein Generalspatent.
SCHNAPS. Ich kam hierher und fand den einfältigen Märten.
MÄRTEN. Den einfältigen Märten? Der Unverschämte!
SCHNAPS. Leider gelang es mir nur zur Hälfte; ich konnte die schöne Milch nicht aufessen, die ich eingebrockt hatte. Ich kriegte darüber eine kleine Differenz mit Görgen –
EDELMANN. Ohne Umstände! Ist alles die reine Wahrheit, was Er sagt?
SCHNAPS. Erkundigen Sie sich in der Stadt. Ich will angeben, wo ich den Mantelsack verkauft habe. Diese Garderobe trug ich im Barbierbeutel herüber.
EDELMANN. Es wird sich alles finden.
RICHTER. Glauben Sie ihm nicht!
EDELMANN. Ich weiß, was ich zu tun habe. Findet sich alles wahr, so muß eine solche Kleinigkeit nicht gerügt werden; sie erregt nur Schrecken und Mißtrauen in einem ruhigen Lande. Wir haben nichts zu befürchten. Kinder, liebt euch, bestellt euren Acker wohl und haltet gut Haus.
RÖSE. Das ist unsre Sache.
GÖRGE. Dabei bleibt's.
EDELMANN. Und Euch, Alter, soll es zum Lobe gereichen, wenn Ihr Euch auf die hiesige Landsart und auf die Witterung versteht und Euer Säen und Ernten darnach einrichtet. Fremde Länder laßt für sich sorgen, und den politischen Himmel betrachtet allenfalls einmal Sonn- und Festtags.
MÄRTEN. Es wird wohl das beste sein.
EDELMANN. Bei sich fange jeder an, und er wird viel zu tun finden. Er benutze die friedliche Zeit, die uns gegönnt ist; er schaffe sich und den Seinigen einen rechtmäßigen Vorteil: so wird er dem Ganzen Vorteil bringen.
RICHTER der indessen seine Ungeduld gezeigt hat, gleichsam einfallend. Aber dabei kann's doch unmöglich bleiben! Bedenken Sie die Folgen! Ginge so was ungestraft hin –
EDELMANN. Nur gelassen! Unzeitige Gebote, unzeitige Strafen bringen erst das Übel hervor. In einem Lande, wo der Fürst sich vor niemand verschließt; wo alle Stände billig gegeneinander denken; wo niemand gehindert ist, in seiner Art tätig zu sein; wo nützliche Einsichten und Kenntnisse allgemein verbreitet sind: da werden keine Parteien entstehen. Was in der Welt geschieht, wird Aufmerksamkeit erregen; aber aufrührische Gesinnungen ganzer Nationen werden keinen Einfluß haben. Wir werden in der Stille dankbar sein, daß wir einen heitern Himmel über uns sehen, indes unglückliche Gewitter unermeßliche Fluren verhageln.
RÖSE. Es hört sich Ihnen so gut zu!
GÖRGE. Wahrhaftig, Röse! – Reden Sie weiter, gnädiger Herr.
EDELMANN. Ich habe schon alles gesagt. Er zieht Schnapsen hervor. Und wieviel will das schon heißen, daß wir über diese Kokarde, diese Mütze, diesen Rock, die so viel Übel in der Welt gestiftet haben, einen Augenblick lachen konnten!
RÖSE. Ja, recht lächerlich sieht Er aus, Herr Schnaps.
GÖRGE. Ja, recht albern!
SCHNAPS. Das muß ich mir wohl gefallen lassen. Nach der Milch schielend. Wenn ich nur vor meinem Abzug die andere Hälfte der patriotischen Kontribution zu mir nehmen dürfte!
RÖSE. So gut soll's Ihm nicht werden!
Der Großkophta
Personen.
Der Domherr
Der Graf
Der Ritter
Der Marquis
Die Marquise
Ihre Nichte
Der Oberst der Schweizergarde
Saint Jean, Bedienter des Domherrn
La Fleur, Bedienter des Marquis
Jäck, ein Knabe, Diener der Marquise
Gesellschaft von Herren und Damen
Zwei Hofjuweliere
Jünglinge
Kinder
Ein Kammermädchen
Sechs Schweizer
Bediente
Erster Aufzug
Erster Auftritt
Erleuchteter Saal.
Im Grunde des Theaters an einem Tische eine Gesellschaft von zwölf bis funfzehn Personen beim Abendessen. An der rechten Seite sitzt der Domherr, neben ihm hinterwärts die Marquise, dann folgt eine bunte Reihe; der letzte Mann auf der linken Seite ist der Ritter. Das Dessert wird aufgetragen, und die Bedienten entfernen sich. Der Domherr steht auf und geht nachdenklich am Proscenio bin und wider. Die Gesellschaft scheint sich von ihm zu unterhalten. Endlich steht die Marquise auf und geht zu ihm. Die Ouvertüre, welche bis dahin fortgedauert, hört auf, und der Dialog beginnt.
MARQUISE. Ist es erlaubt, so zerstreut zu sein? gute Gesellschaft zu fliehen, seinen Freunden die Lust traulicher Stunden zu verderben? Glauben Sie, daß wir scherzen und genießen können, wenn unser Wirt den Tisch verläßt, den er so gefällig bereitet hat? Schon diesen ganzen Abend scheinen Sie nur dem Körper nach gegenwärtig. Noch hofften wir gegen das Ende der Tafel, jetzt, da sich die Bedienten entfernt haben, Sie heiter, offen zu sehen, und Sie stehen auf, Sie treten von uns weg und gehen hier am andern Ende des Saals gedankenvoll auf und nieder, als wenn nichts in der Nähe wäre, das Sie interessieren, das Sie beschäftigen könnte.
DOMHERR. Sie fragen, was mich zerstreut? Marquise, meine Lage ist Ihnen bekannt – wäre es ein Wunder, wenn ich von Sinnen käme? Ist es möglich, daß ein menschlicher Geist, ein menschliches Herz von mehr Seiten bestürmt werden kann als das meinige! Welche Natur muß ich haben, daß sie nicht unterliegt! Sie wissen, was mich aus der Fassung bringt, und fragen mich?
MARQUISE. Aufrichtig, so ganz klar seh ich es nicht ein. Geht doch alles, wie Sie es nur wünschen können!
DOMHERR. Und diese Erwartung, diese Ungewißheit?
MARQUISE. Wird doch wenige Tage zu ertragen sein? – Hat nicht der Graf, unser großer Lehrer und Meister, versprochen, uns alle und Sie besonders weiter vorwärts in die Geheimnisse zu führen? Hat er nicht den Durst nach geheimer Wissenschaft, der uns alle quält, zu stillen, jeden nach seinem Maße zu befriedigen versprochen? Und können wir zweifeln, daß er sein Wort halten werde?
DOMHERR. Gut! er hat. – Verbot er aber nicht zugleich alle Zusammenkünfte, wie eben die ist, die wir jetzt hinter seinem Rücken wagen? Gebot er uns nicht Fasten, Eingezogenheit, Enthaltsamkeit, strenge Sammlung und stille Betrachtung der Lehren, die er uns schon überliefert hat? – Und ich bin leichtsinnig genug, heimlich in diesem Gartenhause eine fröhliche Gesellschaft zu versammeln, diese Nacht der Freude zu weihen, in der ich mich zu einer großen und heiligen Erscheinung vorbereiten soll! – Schon mein Gewissen ängstiget mich, wenn er es auch nicht erführe. Und wenn ich nun gar bedenke, daß seine Geister ihm gewiß alles verraten, daß er vielleicht auf dem Wege ist, uns zu überraschen! – Wer kann vor seinem Zorn bestehen? – Ich würde vor Scham zu Boden sinken – jeden Augenblick! – es scheint mir, ich höre ihn; ich höre reiten, fahren. Er eilt nach der Türe.
MARQUISE für sich. O Graf! du bist ein unnachahmlicher Schelm! Der meisterhafteste Betrüger! Immer hab ich dich im Auge, und täglich lern ich von dir! Wie er die Leidenschaft dieses jungen Mannes zu brauchen, sie zu vermehren weiß! Wie er sich seiner ganzen Seele bemächtigt hat und ihm unumschränkt gebietet! Wir wollen sehen, ob unsre Nachahmung glückt.
Der Domherr kommt zurück.
Bleiben Sie außer Sorgen. Der Graf weiß viel; all wissend ist er nicht, und dieses Fest soll er nicht erfahren. – Seit vierzehn Tagen habe ich Sie, habe ich unsre Freunde nicht gesehen, habe mich vierzehn Tage in einem elenden Landhause verborgen gehalten, manche langweilige Stunde ausdauern müssen, nur um in der Nähe unsrer angebeteten Prinzessin zu sein, manchmal ein Stündchen ihr heimlich aufzuwarten und von den Angelegenheiten eines geliebten Freundes zu sprechen. Heute kehre ich nach der Stadt zurück, und es war sehr freundlich von Ihnen, daß Sie mir auf halbem Wege, hier in diesem angenehmen Landhause, ein Gastmahl bereiteten, mir entgegenkamen und meine besten Freunde zu meinem Empfange versammelten. Gewiß, Sie sind der guten Nachrichten wert, die ich Ihnen bringe. Sie sind ein warmer, ein angenehmer Freund. Sie sind glücklich, Sie werden glücklich sein; nur wünschte ich, daß Sie auch Ihres Glücks genössen.
DOMHERR. Es wird sich bald geben, bald!
MARQUISE. Kommen Sie, setzen Sie sich. Der Graf ist abwesend, seine vierzigtägigen Fasten in der Einsamkeit auszuhalten und sich zu dem großen Werke vorzubereiten. Er erfährt unsre Zusammenkunft nicht, sowenig er unser großes Geheimnis erfahren darf. Bedenklich. Könnte es vor der Zeit entdeckt werden, daß die Prinzessin verzeiht, daß sich der Fürst wahrscheinlich durch eine geliebte Tochter bald versöhnen läßt: wie leicht könnte das ganze schöne Gebäude durch die Bemühungen der Mißgunst zugrunde gehen! Ausdrücklich hat mir die Prinzessin, die Ihre Verbindung mit dem Grafen kennt, befohlen, diesem Manne, den sie fürchtet, unsre wichtige Angelegenheit zu verbergen.
DOMHERR. Ich hange ganz von ihrem Willen ab; auch dieses schwere Gebot will ich erfüllen, ob ich gleich überzeugt bin, daß ihre Furcht ungegründet ist. Dieser große Mann würde uns eher nützen als schaden. Vor ihm sind alle Stände gleich. Zwei liebende Herzen zu verbinden ist sein angenehmstes Geschäft. »Meine Schüler«, pflegt er zu sagen, »sind Könige, wert, die Welt zu regieren, und eines jeden Glückes wert.« – Und wenn es ihm seine Geister anzeigen, wenn er sieht, daß in diesem Augenblick Mißtrauen gegen ihn unsre Herzen zusammenzieht, da er die Schätze seiner Weisheit vor uns eröffnet!
MARQUISE. Ich kann nur sagen, daß es die Prinzessin ausdrücklich verlangt.
DOMHERR. Es sei. Ich gehorche ihr, und wenn ich mich zugrunde richten sollte.
MARQUISE. Und wir bewahren unser Geheimnis leicht, da niemand auch nur von ferne vermuten kann, daß die Prinzessin Sie begünstigt.
DOMHERR. Gewiß, jedermann glaubt mich in Ungnade, auf ewig vom Hofe entfernt. Mitleidig, ja verachtend sind die Blicke der Menschen, die mir begegnen. Nur durch einen großen Aufwand, durch Ansehn meiner Freunde, durch Unterstützung mancher Unzufriedenen erhalte ich mich aufrecht. Gebe der Himmel, daß meine Hoffnungen nicht trügen, daß dein Versprechen in Erfüllung gehe!
MARQUISE. Mein Versprechen? – Sagen Sie nicht mehr so, bester Freund. Bisher war es mein Versprechen; aber seit diesem Abend, seitdem ich Ihnen einen Brief überbrachte, gab ich Ihnen nicht mit diesem Briefe die schönsten Versicherungen in die Hände?
DOMHERR. Ich habe es schon tausendmal geküßt, dieses Blatt. Er bringt ein Blatt aus der Tasche. Laß es mich noch tausendmal küssen! Von meinen Lippen soll es nicht kommen, bis diese heißen begierigen Lippen auf ihrer schönen Hand verweilen können: auf der Hand, die mich unaussprechlich entzückt, indem sie mir auf ewig mein Glück versichert.
MARQUISE. Und wenn dann der Schleier von diesem Geheimnis hinwegfällt und Sie mit dem völligen Glanze des vorigen Glückes, ja in einem weit schönern vor den Augen der Menschen dastehn, neben einem Fürsten, der Sie wieder erkennt, neben einer Fürstin, die Sie nie verkannt hat: wie wird dieses neue, dieses leuchtende Glück die Augen des Neides blenden, und mit welcher Freude werde ich Sie an dem Platze sehen, den Sie so sehr verdienen! –
DOMHERR. Und mit welcher Dankbarkeit werde ich eine Freundin zu belohnen wissen, der ich alles schuldig bin!
MARQUISE. Reden Sie nicht davon. Wer kennt Sie und ist nicht gleich lebhaft für Sie hingerissen? Wer wünscht nicht, Ihnen, selbst mit Aufopferung, zu dienen?
DOMHERR. Horch! es kommt ein Wagen angefahren. Was ist das?
MARQUISE. Sein Sie unbesorgt; er fährt vorbei. Die Türen sind verschlossen, die Läden verwahrt; ich habe aufs genaueste die Fenster zudecken lassen, daß niemand den Schein eines Lichts bemerken kann. Niemand wird glauben, daß in diesem Hause Gesellschaft sei.
DOMHERR. Welch ein Lärm, welch ein Getümmel?
EIN BEDIENTER tritt ein. Es ist ein Wagen vorgefahren; man pocht an die Tür, als wenn man sie einschlagen wollte. Ich höre des Grafen Stimme; er droht und will eingelassen sein.
MARQUISE. Ist das Haus verriegelt? – Macht ihm nicht auf! Rührt euch nicht. Antwortet nicht. Wenn er ausgetobt hat, mag er abfahren.
DOMHERR. Sie bedenken nicht, mit wem wir zu tun haben. – Macht ihm auf! Wir widerstehn vergebens.
BEDIENTE die hereinstürzen. Der Graf! Der Graf!
MARQUISE. Wie ist er hereingekommen?
BEDIENTER. Die Türen taten sich von selbst auf, beide Flügel.
DOMHERR. Wo soll ich hin?
DIE FRAUEN. Wer wird uns retten!
RITTER. Nur getrost!
DIE FRAUEN. Er kommt! er kommt!
Zweiter Auftritt
Der Graf. Vorige.
GRAF unter der Türe hinterwärts sprechend. Assaraton! Pantassaraton! Dienstbare Geister, bleibt an der Türe, laßt niemand entwischen! leidet nicht, daß jemand über die Schwelle gehe, der nicht von mir bezeichnet ist.
DIE FRAUEN. Weh uns!
DIE MÄNNER. Was soll das werden!
GRAF. Uriel, du zu meiner Rechten, Ithruriel, du zu meiner Linken, tretet herein. Bestrafet die Verbrecher, denen ich diesmal nicht vergeben werde.
DIE FRAUEN. Wohin verkriech ich mich!
DOMHERR. Es ist alles verloren!
GRAF. Uriel! Pause, als wenn er Antwort vernähme. So recht! – »Hier bin ich!«, das ist dein gewöhnlicher Spruch, folgsamer Geist. – Uriel, fasse diese Weiber!
Die Mädchen tun einen lauten Schrei.
Führe sie weit über Berg und Tal, setze sie auf einen Kreuzweg nieder; denn sie glauben nicht, sie gehorchen nicht, bis sie fühlen. Greif zu!
DIE FRAUEN. Ai! Ai! Er hat mich! – Großer Meister, um Gottes willen!
MARQUISE. Herr Graf!
DIE FRAUEN. Kniend bitten wir unsre Schuld ab.
GRAF. Uriel, du bittest für sie! Soll ich mich erweichen lassen!
DIE FRAUEN. Bitte für uns, Uriel!
MARQUISE. Ist es erlaubt, diese Geschöpfe so zu ängstigen!
GRAF. Was! Was! Auf Ihre Knie nieder, Madame! Nicht vor mir, vor den unsichtbaren Mächten, die neben mir stehen, auf die Knie! Können Sie ein schuldloses Herz ein freies Angesicht gegen diese himmlischen Gestalten wenden?
EIN MÄDCHEN. Siehst du was?
DIE ANDRE. Einen Schatten, ganz dicht an ihm!
GRAF. Wie sieht es in Ihrem Herzen aus?
MARQUISE. Großer Meister! Schone des zarten Geschlechts!
GRAF. Ich bin gerührt, nicht erweicht. Ithruriel! ergreife diese Männer, führe sie in meine tiefsten Keller.
DOMHERR. Mein Herr und Meister!
RITTER. Nicht ein Wort mehr! Ihre Geister erschrecken uns nicht, und hier ist eine Klinge gegen Sie selbst. Glauben Sie nicht, daß wir noch Arm und Mut genug haben, uns und diese Frauen zu verteidigen?
GRAF. Törichter Jüngling! Zieh völlig, ziehe! Stoß hieher, hieher auf diese freie unbeschützte Brust! stoß her, daß ein Zeichen geschehe für dich und alle. Ein dreifacher Harnisch, der Rechtschaffenheit, der Weisheit, der Zauberkraft, schützt diese Brust. Stoß her und suche die Stücke deiner zerbrochenen Klinge beschämt zu meinen Füßen.
DIE MÄNNER. Welche Majestät!
DIE FRAUEN. Welche Gewalt!
DIE MÄNNER. Welche Stimme!
DIE FRAUEN. Welch ein Mann!
DER RITTER. Was soll ich tun?
DOMHERR. Was kann das werden?
MARQUISE. Was soll ich sagen?
GRAF. Steht auf! ich begnadige das unverständige Geschlecht. Meine verirrten Kinder will ich nicht ganz verstoßen; doch alle Züchtigung erlaß ich euch nicht. Zu den Männern. Entfernt euch!
Die Männer treten in den Grund zurück.
Zu den Frauen. Und ihr, faßt und sammelt euch! Als wenn er vertraulich zu den Geistern spräche. Uriel! Ithruriel! geht zu euren Brüdern! Zu den Frauen. Nun laßt hören, ob ihr meiner Lehren noch eingedenk seid. – Was sind die Haupttugenden der Weiber?
ERSTES MÄDCHEN. Geduld und Gehorsam.
GRAF. Was ist ihr Sinnbild?
ZWEITES MÄDCHEN. Der Mond.
GRAF gegen die Marquise. Warum?
MARQUISE. Weil er sie erinnert, daß sie kein eigen Licht haben, sondern daß sie allen Glanz vom Manne erhalten.
GRAF. Wohl, das merkt euch! – Und nun, wenn ihr nach Hause fahrt, werdet ihr linker Hand das erste Viertel am klaren Himmel erblicken; dann sprecht untereinander: »Seht, wie zierlich es da steht! welches gemäßigte Licht! welche schöne Taille! welche Sittsamkeit! das wahre Bild einer liebenswürdigen heranwachsenden Jungfrau.« Erblickt ihr künftig den Vollmond, so ermahnt euch untereinander und sprecht: »Wie schön glänzt das Bild einer glücklichen Hausfrau! sie wendet ihr Gesicht gerade ihrem Manne zu; sie fängt die Strahlen seines Lichtes auf, die sanft und lieblich von ihr widerglänzen.« Das bedenkt recht und führt untereinander dieses Bild aus, so gut ihr nur könnt; setzt eure Betrachtungen so weit fort, als ihr vermöget; bildet euren Geist, erhebt euer Gemüt: denn so nur könnt ihr würdig werden, das Angesicht des Großkophta zu schauen. – Nun geht! übertretet keines meiner Gebote, und der Himmel behüte euch vor dem abnehmenden Lichte, vor dem betrübten Witwenstande! – Ihr fahrt sogleich sämtlich nach der Stadt, und nur eine strenge Buße kann euch Vergebung erwerben und die Ankunft des Großkophta beschleunigen. Lebt wohl.
MARQUISE beiseite. Der verwünschte Kerl! Er ist ein Phantast, ein Lügner, ein Betrüger; ich weiß es, ich bin's überzeugt; und doch imponiert er mir!
Die Frauenzimmer neigen sich und gehen ab.
Dritter Auftritt
Die Vorigen außer den Damen.
GRAF. Nun, Ritter und ihr andern, tretet herbei! Ich hab euch vergeben; ich seh euch beschämt, und meine Großmut überläßt eurem eigenen Herzen Strafe und Besserung.
RITTER. Wir erkennen deine Huld, väterlicher Meister.
GRAF. Wenn ihr aber in der Folge meine Verordnungen überschreitet, wenn ihr nicht alles anwendet, den begangenen Fehler wiedergutzumachen, so hoffet nie, das Angesicht des Großkophta zu sehen, nie, an der Quelle der Weisheit eure durstigen Lippen zu erquicken. – Nun, laßt hören, habt ihr gefaßt, was ich euch überlieferte? – Wann soll ein Schüler seine Betrachtungen anstellen?
RITTER. Bei Nachtzeit.
GRAF. Warum?
ERSTER SCHÜLER. Damit er desto lebhafter fühle, daß er im Finstern wandelt.
GRAF. Welche Nächte soll er vorziehen?
ZWEITER SCHÜLER. Nächte, wenn der Himmel klar ist und die Sterne funkeln.
GRAF. Warum?
RITTER. Damit er einsehe, daß viele tausend Lichter noch nicht hell machen, und damit seine Begierde nach der einzig erleuchtenden Sonne desto lebhafter werde.
GRAF. Welchen Stern soll er vorzüglich im Auge haben?
ERSTER SCHÜLER. Den Polarstern.
GRAF. Was soll er sich dabei vorstellen?
ZWEITER SCHÜLER. Die Liebe des Nächsten.
GRAF. Wie heißt der andere Pol?
ERSTER SCHÜLER. Die Liebe der Weisheit.
GRAF. Haben diese beiden Pole eine Achse?
RITTER. Freilich, denn sonst könnten sie keine Pole sein. Diese Achse geht durch unser Herz, wenn wir rechte Schüler der Weisheit sind, und das Universum dreht sich um uns herum.
GRAF. Sage mir den Wahlspruch des ersten Grades.
RITTER. Was du willst, daß dir die Leute tun sollen, wirst du ihnen auch tun.
GRAF. Erkläre mir diesen Spruch.
RITTER. Er ist deutlich, er bedarf keiner Erklärung.
GRAF. Wohl! – Nun geht in den Garten, und faßt den Polarstern recht in die Augen.
RITTER. Es ist sehr trübe, großer Lehrer; kaum daß hie und da ein Sternchen durchblinkt.
GRAF. Desto besser! – So bejammert euren Ungehorsam, euren Leichtsinn, eure Leichtfertigkeit; das sind Wolken, welche die himmlischen Lichter verdunkeln.
RITTER. Es ist kalt, es geht ein unfreundlicher Wind, wir sind leicht gekleidet.
GRAF. Hinunter! hinunter mit euch! Darf ein Schüler der Weisheit frieren? – Mit Lust solltet ihr eure Kleider abwerfen, und die heiße Begierde eures Herzens, der Durst nach geheimer Wissenschaft sollte Schnee und Eis zum Schmelzen bringen. Fort mit euch! fort!
Der Ritter und die andern mit einer Verbeugung ab.
Vierter Auftritt
Der Graf. Der Domherr.
GRAF. Nun hervor mit Ihnen, Domherr! hervor! Sie erwartet ein strenger Gericht. – Ihnen hätte ich es nicht zugetraut. Der Schüler, dem ich mehr als allen andern die Hand reiche, den ich mit Gewalt zu mir heraufziehe, dem ich schon die Geheimnisse des zweiten Grades enthüllt habe – dieser besteht so schlecht bei einer geringen Prüfung! – Nicht die Drohungen seines Meisters, nicht die Hoffnung, den Großkophta zu sehen, können ihn abhalten, seine Gelage nur wenige Nächte zu verschieben. Pfui! ist das männlich? ist das weise? Die Lehren des größten Sterblichen! die Hülfe der Geister! die Eröffnung aller Geheimnisse der Natur, eine ewige Jugend, eine immer gleiche Gesundheit, eine unverwüstliche Stärke, eine nie verschwindende Schönheit! Um diese größten Schätze der Welt bemühest du dich und kannst nicht einem Abendschmause entsagen!
DOMHERR niederkniend. Du hast mich oft zu deinen Füßen gesehen; hier lieg ich wieder. Vergib mir! entziehe mir nicht deine Huld. – Die Reize – die Lockung – die Gelegenheit – die Verführung! – Nie sollst du mich wieder ungehorsam finden! gebiete! lege mir auf, was du willst!
GRAF. Wie kann ich mit dir zürnen, du mein Liebling! wie kann ich dich verstoßen, du Erwählter des Schicksals! Steh auf, komm an meine Brust, von der du dich, selbst mit Gewalt, nicht losreißen kannst.
DOMHERR. Wie entzückst du mich! – Aber darf ich in diesem Augenblicke, wo ich büßen und trauren sollte, darf ich als ein Zeichen der Versöhnung mir eine Gnade von dir ausbitten?
GRAF. Sprich, mein Teurer!
DOMHERR. Laß mich nicht länger in Ungewißheit, gib mir ein helleres Licht über den wunderbaren Mann, den du Großkophta nennst, den du uns zeigen willst, von dem du uns so viel versprichst. Sage mir: wer ist er? Wo ist er? Ist er schon nah? Werd ich ihn sehen? Kann er mich würdigen? Kann er mich aufnehmen? Wird er mir die Lehren überliefern, nach denen mein Herz so heftig begehrt?
GRAF. Mäßig! mäßig, mein Sohn! Wenn ich dir nicht gleich alles entdecke, so ist dein Bestes meine Absicht. – Deine Neugierde zu wecken, deinen Verstand zu üben, deine Gelehrsamkeit zu beleben, das ist es, was ich wünsche! so möchte ich mich um dich verdient machen. – Hören und lernen kann jedes Kind; merken und raten müssen meine Schüler. – Als ich sagte: Kophta, fiel dir nichts ein?
DOMHERR. Kophta! Kophta! – Wenn ich dir es gestehen soll, wenn ich mich vor dir nicht zu schämen brauche! Meine Einbildungskraft verließ sogleich diesen kalten, beschränkten Weltteil; sie besuchte jenen heißen Himmelsstrich, wo die Sonne noch immer über unsäglichen Geheimnissen brütet. Ägypten sah ich auf einmal vor mir stehen; eine heilige Dämmerung umgab mich; zwischen Pyramiden, Obelisken, ungeheuren Sphinxen, Hieroglyphen verirrte ich mich; ein Schauer überfiel mich. – Da sah ich den Großkophta wandeln; ich sah ihn umgeben von Schülern, die wie mit Ketten an seinen klugen Mund gebunden waren.
GRAF. Diesmal hat dich deine Einbildungskraft nicht irregeführt. Ja, dieser große herrliche, und ich darf wohl sagen, dieser unsterbliche Greis ist es, von dem ich euch sagte, den ihr zu sehen dereinst hoffen dürfet. In ewiger Jugend wandelt er schon Jahrhunderte auf diesem Erdboden. Indien, Ägypten ist sein liebster Aufenthalt. Nackt betritt er die Wüsten Libyens; sorglos erforscht er dort die Geheimnisse der Natur. Vor seinem gebieterisch hingestreckten Arm stutzt der hungrige Löwe; der grimmige Tiger entflieht vor seinem Schelten, daß die Hand des Weisen ruhig heilsame Wurzeln aufsuche, Steine zu unterscheiden wisse, die wegen ihrer geheimen Kräfte schätzbarer sind als Gold und Diamanten.
DOMHERR. Und diesen trefflichen Mann sollen wir sehen? Gib mir einen Wink, auf welche Weise es möglich sei?
GRAF. O du Kurzsichtiger! welche Winke soll ich dir geben? Dir, dessen Augen geschlossen sind!
DOMHERR. Nur ein Wort!
GRAF. Es ist genug! – Was der Hörer wissen soll, pflege ich ihm nie zu sagen.
DOMHERR. Ich brenne vor Begierde, besonders seitdem du mich in den zweiten Grad der Geheimnisse erhoben hast. Oh! daß es möglich wäre, daß du mir auch sogleich den dritten schenktest!
GRAF. Es kann nicht geschehen!
DOMHERR. Warum?
GRAF. Weil ich noch nicht weiß, wie du die Lehren des zweiten Grades gefaßt haben magst und ausüben wirst.
DOMHERR. Prüfe mich sogleich.
GRAF. Es ist jetzt nicht Zeit.
DOMHERR. Nicht Zeit?
GRAF. Hast du schon vergessen, daß die Schüler des zweiten Grades ihre Betrachtungen bei Tage und besonders morgens anstellen sollen?
DOMHERR. So sei es denn morgen bei guter Zeit.
GRAF. Gut! Nun aber zuvörderst die Buße nicht versäumt! – Hinunter zu den andern in den Garten! – – Aber du sollst einen großen Vorzug vor ihnen haben. – – Wende ihnen den Rücken zu – schaue gegen Mittag. Von Mittag kommt der Großkophta; dieses Geheimnis entdeck ich dir allein. Alle Wünsche deines Herzens eröffne ihm; sprich, so leise du willst, er hört dich.
DOMHERR. Ich gehorche mit Freuden. Er küßt dem Grafen die Hand und entfernt sich.
Fünfter Auftritt
Der Graf. Saint Jean.
SAINT JEAN der vorsichtig hereintritt. Hab ich meine Sachen nicht recht gemacht?
GRAF. Du hast deine Pflicht erfüllt.
SAINT JEAN. Flogen die Türen nicht auf, als wenn Geister sie voneinander sprengten? Meine Kameraden erschraken und flohen; es hat keiner was gesehen noch gemerkt.
GRAF. Es mag gut sein! Ich hätte sie auch ohne dich aufgebracht; nur verlangt eine solche Operation mehr Umstände. Ich nehme nur manchmal zu gemeinen Mitteln meine Zuflucht, um die edlen Geister nicht immer zu inkommodieren. Einen Beutel eröffnend. Hier für deine Mühe! Gib dies Geld nicht frevelhaft weg; es ist philosophisches Gold. Es bringt Segen! – – Wenn man's in der Tasche behält, wird sie nie leer.
SAINT JEAN. So! da will ich's wohl verwahren.
GRAF. Wohl, und spare dir immer zwei, drei Goldstücke dazu, du wirst Wunder sehen.
SAINT JEAN. Haben Sie das Gold selbstgemacht, Herr Graf?
GRAF. Ich gebe gar kein andres aus.
SAINT JEAN. Wie glücklich sind Sie!
GRAF. Weil ich Glückliche mache.
SAINT JEAN. Ich bin Ihnen mit Leib und Seele ergeben.
GRAF. Das soll dein Schade nicht sein. Gehe hin und schweige, damit nicht andre diese Quelle kennenlernen. In wenig Zeit sollst du die Stelle haben, um die du gebeten hast.
Bedienter ab.
Sechster Auftritt
Der Graf.
DER GRAF. Glücklicherweise find ich hier eine wohlbesetzte Tafel, ein feines Dessert, treffliche Weine. Der Domherr läßt's nicht fehlen. Wohl, hier kann ich meinen Magen restaurieren, indes die Menschen glauben, ich halte meine vierzigtägigen Fasten. Ich scheine ihnen auch darum ein Halbgott, weil ich ihnen meine Bedürfnisse zu verbergen weiß.
Zweiter Aufzug
Erster Auftritt
Wohnung des Marquis.
Der Marquis, hernach La Fleur.
DER MARQUIS in einem sehr eleganten Frack vor dem Spiegel. Geburt, Rang, Gestalt, was sind sie alle gegen das Geld! Wie dank ich der kühnen Industrie meiner Frau, daß sie mir soviel verschafft. Wie anders seh ich aus, da ich nun das erstemal nach meinem Stande gekleidet bin! Ich kann nicht erwarten, bis ich mich öffentlich zeige. Er klingelt.
LA FLEUR. Was befehlen Sie, gnädiger Herr?
MARQUIS. Gib mir die Schatulle.
LA FLEUR bringt sie. So schwer hab ich noch nie daran getragen.
MARQUIS indem er die Schatulle öffnet. Was sagst du, sind diese beiden Uhren nicht schön, die ich gestern kaufte?
LA FLEUR. Sehr schön.
MARQUIS. Und diese Dose?
LA FLEUR. Kostbar und zierlich.
MARQUIS. Dieser Ring?
LA FLEUR. Gehört auch Ihnen?
MARQUIS. Diese Schnallen? Diese Stahlknöpfe? Genug, alles zusammen! Findest du mich nicht elegant und vornehm gekleidet?
LA FLEUR. Sie zeichnen sich nun auf dem Spaziergange gewiß vor vielen aus.
MARQUIS. Wie wohl mir das tut! – Aus Not ewig in der Uniform zu gehen, immer in der Menge verloren zu sein, die Aufmerksamkeit keines Menschen zu reizen! Ich hätte lieber tot sein mögen als länger so leben. – Ist die Nichte schon aufgestanden?
LA FLEUR. Ich glaube kaum. Sie hat wenigstens das Frühstück noch nicht gefordert. Es scheint mir, sie ist erst wieder eingeschlafen, seitdem Sie heute früh von ihr wegschlichen.
MARQUIS. Unverschämter! – Stille!
LA FLEUR. Unter uns darf ich doch aufrichtig sein!
MARQUIS. Wenn dir in Gegenwart meiner Frau so ein Wort entführe!
LA FLEUR. Glauben Sie nicht, daß ich Herr über meine Lippen bin?
MARQUIS. Noch kann die Marquise unmöglich etwas argwöhnen. Sie hält die Nichte für ein Kind, in drei Jahren haben sie sich nicht gesehen; ich fürchte, wenn sie das Kind recht ansieht –
LA FLEUR. Das möchte noch alles gehen. Wenn sie nur nicht die Bekanntschaft mit dem alten Hexenmeister hätte; vor dem fürchte ich mich. Der Mann ist ein Wunder! Alles weiß er, alles verraten ihm seine Geister. Wie ging es im Hause des Domherrn? Der Zauberer entdeckte ein wichtiges Geheimnis, und nun sollte es der Kammerdiener verschwatzt haben.
MARQUIS. Er ist eben, soviel ich weiß, nicht der größte Freund meiner Frau.
LA FLEUR. Ach, er bekümmert sich um alles; und wenn er seine Geister fragt, bleibt ihm nichts verborgen.
MARQUIS. Sollte denn das alles wahr sein, was man von ihm erzählt?
LA FLEUR. Es zweifelt niemand daran. Nur die Wunder, die ich gewiß weiß –
MARQUIS. Es ist doch sonderbar! – Sieh zu, es fährt ein Wagen vor.
La Fleur ab.
MARQUIS. Wenn meine Frau mein Verhältnis zur schönen Nichte erfahren könnte! – Nun, es käme auf den ersten Augenblick an. Wenn sie ihre Plane durchsetzt, wenn ich ihr zum Werkzeug diene, läßt sie mich dann nicht machen, was ich will? – Sie selbst!
Zweiter Auftritt
Der Marquis. Die Marquise.
MARQUISE. Ich komme früher, als ich dachte.
MARQUIS. Ich freue mich, dich endlich wiederzusehen.
MARQUISE. Warum kamst du mir nicht auch entgegen? Der Domherr hatte dich eingeladen.
MARQUIS. Verzeih mir! Ich hatte eben gestern vieles zu berichtigen. Du schriebst mir ja, daß ich mich zu einer Reise vorbereiten sollte.
MARQUISE. Du hast nicht viel verloren. Der Domherr war unleidlich und die Gesellschaft verstimmt. Zuletzt überraschte uns noch der Graf und jagte uns auseinander. Man muß sich nun einmal die Tollheiten dieses Menschen gefallen lassen.
MARQUIS lächelnd. Wie geht es denn mit deiner Unterhandlung? Ironisch. Hast du dich bei Hofe recht eingeschmeichelt?
MARQUISE. Es ist wahr, wir haben uns lange nicht gesehen. Du warst abwesend, als ich verreiste. Gleich als der Fürst und die Prinzessin auf das Lustschloß hinausgezogen waren, mietete ich mir ein kleines Landhaus in der Nähe und wohnte da ganz im stillen, indes sich der Domherr einbildete, ich sähe die Prinzessin täglich. Ich schickte ihm Boten, ich erhielt Briefe von ihm, und seine Hoffnung war aufs äußerste gespannt. Denn wie unglücklich dieser Mann ist, seitdem ihn sein unkluges Betragen vom Hofe entfernt hat, wie leichtgläubig, wenn seinen Hoffnungen geschmeichelt wird, läßt sich nicht denken. Ich brauchte es nicht so künstlich anzulegen, als ich es getan habe, und ich überredete ihn doch.
MARQUIS. Aber auf die Länge kann dieses Märchen nicht halten.
MARQUISE. Dafür laß mich sorgen. Er ist jetzt nahe dem Gipfel seiner Glückseligkeit. Heute nacht, als er mich auf seinem Landhause empfing, brachte ich ihm einen Brief von der Prinzessin –
MARQUIS. Von der Prinzessin?
MARQUISE. Den ich selbst geschrieben hatte. Er war in allgemeinen Ausdrücken gefaßt; die Überbringerin, hieß es, würde mehr sagen.
MARQUIS. Und weiter?
MARQUISE. Ich kündigte ihm die Gnade der Prinzessin an; ich versicherte ihn, daß sie sich bei ihrem Vater verwenden und die Gnade des Fürsten gewiß für ihn wiedererlangen würde.
MARQUIS. Gut! aber welchen Vorteil versprichst du dir von allem diesem?
MARQUISE. Erstlich eine Kleinigkeit, in die wir uns auf der Stelle teilen wollen. Sie zieht einen Beutel hervor.
MARQUIS. Bestes Weib!
MARQUISE. Das erhielt ich vom Domherrn, um die Garderobe der Fürstin mir günstig zu machen. Zähle dir nur gleich deine Hälfte davon ab.
Marquis tritt an den Tisch und zählt, ohne auf das, was sie sagt, achtzugeben.
MARQUISE. aber, wie gesagt, eine Kleinigkeit! – Gelingt mir mein Anschlag, so sind wir auf immer geborgen. – Die Hofjuweliere haben schon lange ein kostbares Halsband liegen, das sie gern verkaufen möchten; der Domherr hat so viel Kredit, daß sie es ihm wohl einhändigen, wenn er ihnen eine terminliche Zahlung garantiert, und ich –
MARQUIS der nach ihr hinsieht. Was sagst du von Terminen? von Zahlung?
MARQUISE. Merkst du denn nicht auf? Du bist so ganz bei dem Gelde.
MARQUIS. Hier hast du deine Hälfte! Die meine soll gut angewendet werden. Sieh einmal, wie ich mich herausgeputzt habe. Er zeigt sich ihr; dann tritt er vor den Spiegel.
MARQUISE für sich. O des eitlen, kleinlichen Menschen!
MARQUIS sich herumkehrend. Was wolltest du sagen?
MARQUISE. Du hättest besser aufgemerkt, wenn du hättest ahnen können, von welcher wichtigen Sache ich sprach. Es ist nichts weniger, als mit einem einzigen Schlage unser ganzes Glück zu machen.
MARQUIS. Und wie?
MARQUISE. Erinnerst du dich, von dem kostbaren Halsbande gehört zu haben, das die Hofjuweliere arbeiten ließen, in Hoffnung, der Fürst solle seiner Tochter damit ein Geschenk machen?
MARQUIS. Ganz recht! Ich habe es sogar diese Woche noch bei ihnen gesehen, als ich diesen Ring kaufte; es ist von unglaublicher Schönheit. Man weiß nicht, ob man die Größe der Steine, ihre Gleichheit, ihr Wasser, die Anzahl oder den Geschmack, womit sie zusammengesetzt sind, am meisten bewundern soll. Ich konnte mich vom Anblick nicht scheiden; dieser Ring verschwand zu nichts dagegen; ich ging recht unzufrieden weg und konnte mir das Halsband einige Tage nicht aus dem Sinne schaffen.
MARQUISE. Und dieses Halsband soll unser werden!
MARQUIS. Dieses Halsband? Unser? Du erschreckst mich! Welch ein ungeheurer Gedanke!
MARQUISE. Glaubst du, daß ich weiter keine Absicht habe, als dir für Uhren, Ringe und Stahlknöpfe zu sorgen? Ich bin gewohnt, armselig zu leben, aber nicht armselig zu denken. – Wir haben uns lange genug elend beholfen, unter unserm Stande, unter der Würde meiner großen Vorfahren leben müssen; jetzt, da sich eine Gelegenheit darbietet, will ich gewiß nicht kleinlich sein und sie entschlüpfen lassen.
MARQUIS. Aber um's Himmels willen, was ist dein Plan? Wie ist es möglich, ihn auszuführen?
MARQUISE. Höre mich! Dem Domherrn mach ich glauben, die Prinzessin wünsche das Halsband zu besitzen, und daran sage ich keine ganze Unwahrheit: denn man weiß, daß es ihr außerordentlich gefallen hat und daß sie es gern besessen hätte. Ich sage dem Domherrn ferner: die Prinzessin wünsche das Halsband zu kaufen, und verlange von ihm, daß er nur seinen Namen dazu hergeben solle, daß er den Kauf mit den Juwelieren schließe, die Termine festsetze und allenfalls den ersten Termin bezahle. Sie wolle ihn völlig schadlos halten und diesen Dienst als ein Pfand seiner Treue, seiner Ergebenheit ansehen.
MARQUIS. Wie verblendet muß er sein, so viel zu wagen!
MARQUISE. Er glaubt ganz sicher zu gehen. Auch habe ich ihm schon ein Blatt zugestellt, in welchem die Prinzessin ihm Sicherheit zu versprechen scheint.
MARQUIS. Liebe Frau, das wird gefährlich!
MARQUISE. Schäme dich! Mit mir darfst du alles wagen. Ich habe mich schon vorgesehen in Absicht auf die Ausdrücke, die Unterschrift. Sei nur ruhig! – Und wenn alles entdeckt würde, bin ich nicht als ein Seitenzweig der fürstlichen Familie so gut als anerkannt? – Höre nur! Der Domherr ist jetzt voller Freuden über dieses Vertrauen; er sieht darin ein gewisses Zeichen der neugeschenkten Gunst und wünscht nichts sehnlicher, als daß der Kauf zustande und das Halsband schon in ihren Händen sei.
MARQUIS. Und dieses Halsband denkst du zu unterschlagen?
MARQUISE. Natürlich! Mache dich nur immer reisefertig. Sobald der Schatz in unsern Händen ist, wollen wir ihn nutzen. Wir brechen den Schmuck auseinander, du gehst nach England hinüber, verkaufest, vertauschest zuerst die kleinen Steine mit Klugheit; ich komme nach, sobald mir meine Sicherheit nicht mehr erlaubt, hier zu bleiben; indessen will ich die Sache schon so führen und so verwirren, daß der Domherr allein steckenbleibt.
MARQUIS. Es ist ein großes Unternehmen; aber sage mir, fürchtest du dich nicht, in der Nähe des Grafen, dieses großen Zauberers, solch einen Plan zu entwerfen?
MARQUISE. Ein großer Schelm ist er! Seine Zauberei besteht in seiner Klugheit, in seiner Unverschämtheit. Er fühlt wohl, daß ich ihn kenne. Wir betragen uns gegeneinander, wie sich's gebührt; wir verstehen einander, ohne zu sprechen; wir helfen einander ohne Abrede.
MARQUIS. Aber die Geister, die er bei sich hat?
MARQUISE. Possen!
MARQUIS. Die Wunder, die er tut?
MARQUISE. Märchen!
MARQUIS. So viele haben doch gesehen –
MARQUISE. Blinde!
MARQUIS. So viele glauben –
MARQUISE. Tröpfe!
MARQUIS. Es ist zu allgemein! Die ganze Welt ist davon überzeugt!
MARQUISE. Weil sie albern ist!
MARQUIS. Die Wunderkuren –
MARQUISE. Scharlatanerie!
MARQUIS. Das viele Geld, das er besitzt –
MARQUISE. Mag er auf ebendem Wege erlangt haben, wie wir das Halsband zu erlangen gedenken.
MARQUIS. Du glaubst also, daß er nicht mehr weiß als ein anderer?
MARQUISE. Du mußt unterscheiden – wenn du kannst. Er ist kein gemeiner Schelm. Er ist so unternehmend und gewaltsam als klug, so unverschämt als vorsichtig; er spricht so vernünftig als unsinnig; die reinste Wahrheit und die größte Lüge gehn schwesterlich aus seinem Munde hervor. Wenn er aufschneidet, ist es unmöglich zu unterscheiden, ob er dich zum besten hat oder ob er toll ist. – – Und es braucht weit weniger als das, um die Menschen verwirrt zu machen.
JÄCK hereinspringend. Ihre Nichte fragt, ob sie aufwarten kann? – Sie ist hübsch, Ihre Nichte!
MARQUISE. Gefällt sie dir? – Laß sie kommen.
Jäck ab.
MARQUISE. Ich wollte dich eben fragen, wie dir es gegangen ist, ob du sie glücklich in die Stadt gebracht hast? Wie ist sie geworden? Glaubst du, daß sie ihr Glück machen wird?
MARQUIS. Sie ist schön, liebenswürdig, sehr angenehm; und gebildeter, als ich glaubte, da sie auf dem Lande erzogen ist.
MARQUISE. Ihre Mutter war eine kluge Frau, und es fehlte in ihrer Gegend nicht an guter Gesellschaft. – Da ist sie.
Dritter Auftritt
Die Vorigen. Die Nichte.
NICHTE. Wie glücklich bin ich, Sie wiederzusehen, liebste Tante!
MARQUISE. Liebe Nichte! Sein Sie mir herzlich willkommen.
MARQUIS. Guten Morgen, Nichtchen! Wie haben Sie geschlafen?
NICHTE beschämt. Ganz wohl.
MARQUISE. Wie sie groß geworden ist, seit ich sie nicht gesehen habe!
NICHTE. Es werden drei Jahre sein.
MARQUIS. Groß, schön, liebenswürdig! Sie ist alles geworden, was ihre Jugend uns weissagte.
MARQUISE zum Marquis. Erstaunst du nicht, wie sie unserer Prinzessin gleicht?
MARQUIS. So obenhin. In der Figur, im Wuchse, in der Größe mag eine allgemeine Ähnlichkeit sein; aber diese Gesichtsbildung gehört ihr allein, und ich denke, sie wird sie nicht vertauschen wollen.
MARQUISE. Sie haben eine gute Mutter verloren.
NICHTE. Die ich in Ihnen wiederfinde.
MARQUISE. Ihr Bruder ist nach den Inseln.
NICHTE. Ich wünsche, daß er sein Glück mache.
MARQUIS. Diesen Bruder ersetze ich.
MARQUISE zum Marquis. Es ist eine gefährliche Stelle, Marquis!
MARQUIS. Wir haben Mut.
JÄCK. Der Ritter! – Er ist noch nicht freundlicher geworden.
MARQUISE. Er ist willkommen!
Jäck ab.
MARQUISE zur Nichte. Sie werden einen liebenswürdigen Mann kennenlernen.
MARQUIS. Ich dächte, sie könnte seinesgleichen schon mehr gesehen haben.
Vierter Auftritt
Die Vorigen. Der Ritter.
MARQUISE. Es scheint, Sie haben sowenig geschlafen als ich.
RITTER. Gewiß, diesmal hat der Graf unsere Geduld sehr geprüft, besonders die meine. Er ließ uns eine völlige Stunde im Garten stehen, dann befahl er uns, in die Wagen zu sitzen und nach Hause zu fahren; er selbst brachte den Domherrn herein.
MARQUISE. So sind wir denn glücklich alle wieder in der Stadt zusammen.
RITTER. Ist dieses Frauenzimmer Ihre Nichte, die Sie uns ankündigten?
MARQUISE. Sie ist's.
RITTER. Ich bitte, mich ihr vorzustellen.
MARQUISE. Dies ist der Ritter Greville, mein werter Freund.
NICHTE. Ich freue mich, eine so angenehme Bekanntschaft zu machen!
RITTER nachdem er sie aufmerksam betrachtet. Ihre Tante hat nicht zuviel gesagt; gewiß, Sie werden die schönste Zierde unsers gemeinschaftlichen Kreises sein.
NICHTE. Ich merke wohl, daß man sich in der großen Welt gewöhnen muß, diese schmeichelhaften Ausdrücke zu hören. Ich fühle meine Unwürdigkeit und bin von Herzen beschämt; noch vor kurzer Zeit würden mich solche Komplimente sehr verlegen gemacht haben.
RITTER. Wie gut sie spricht!
MARQUISE setzt sich. Sagt ich Ihnen nicht voraus, daß sie Ihnen gefährlich werden könnte?
RITTER setzt sich zu ihr. Sie scherzen, Marquise!
Marquis ersucht pantomimisch die Nichte, ihm an der Hutkokarde, an dem Stockbande etwas zurechtezumachen; sie tut es, indem sie sich an ein Tischchen der Marquise gegenübersetzt. Der Marquis bleibt bei ihr stehen.
MARQUISE. Wie haben Sie den Domherrn verlassen?
RITTER. Er schien verdrießlich und verlegen; ich verdenk es ihm nicht. Der Graf überraschte uns, und ich darf wohl sagen: er kam uns allen zur Unzeit.
MARQUISE. Und Sie wollten sich mit gewaffneter Hand den Geistern widersetzen?
RITTER. Ich versichere Sie, schon längst war mir die Arroganz des Grafen unerträglich; ich hätte ihm schon einigemal die Spitze geboten, wenn nicht sein Stand, sein Alter, seine Erfahrung, seine übrigen großen Eigenschaften mehr als seine Güte gegen mich mir wiederum die größte Ehrfurcht einflößten. Ich leugne es nicht, oft ist er mir verdächtig: bald erscheint er mir als ein Lügner, als ein Betrüger; und gleich bin ich wieder durch die Gewalt seiner Gegenwart an ihn gebunden und wie an Ketten gelegt.
MARQUISE. Wem geht es nicht so?
RITTER. Auch Ihnen?
MARQUISE. Auch mir.
RITTER. Und seine Wunder? Seine Geister?
MARQUISE. Wir haben so große, so sichere Proben von seiner übernatürlichen Kraft, daß ich gerne meinen Verstand gefangennehme, wenn bei seinem Betragen mein Herz widerstrebt.
RITTER. Ich bin in dem nämlichen Fall, wenn meine Zweifel gleich stärker sind. Nun aber muß sich's bald entscheiden, heute noch! denn ich weiß nicht, wie er ausweichen will. – Als er uns heute gegen Morgen aus dem Garten erlöste – denn ich muß gestehen, wir gehorchten ihm pünktlich, und keiner wagte nur einen Schritt –, trat er endlich zu uns und rief: »Seid mir gesegnet, die ihr die strafende Hand eines Vaters erkennt und gehorcht. Dafür soll euch der schönste Lohn zugesichert werden. Ich habe tief in eure Herzen gesehn. Ich habe euch redlich gefunden. Dafür sollt ihr heute noch den Großkophta erkennen.«
MARQUISE. Heute noch?
RITTER. Er versprach's.
MARQUISE. Hat er sich erklärt, wie er ihn zeigen will? Wo?
RITTER. In dem Hause des Domherrn, in der ägyptischen Loge, wo er uns eingeweiht hat. Diesen Abend.
MARQUISE. Ich verstehe es nicht. Sollte der Großkophta schon angelangt sein?
RITTER. Es ist mir unbegreiflich!
MARQUISE. Sollte ihn der Domherr schon kennen und es bis hieher geleugnet haben?
RITTER. Ich weiß nicht, was ich denken soll; aber es werde nun, wie es wolle, ich bin entschlossen, den Betrüger zu entlarven, sobald ich ihn entdecke.
MARQUISE. Als Freundin kann ich Ihnen ein so heroisches Unternehmen nicht raten; glauben Sie, daß es so ein leichtes sei?
RITTER. Was hat er denn für Wunder vor unsern Augen getan? Und wenn er fortfährt, uns mit dem Großkophta aufzuziehen – wenn es am Ende auf eine Mummerei hinausläuft, daß er uns einen Landstreicher seinesgleichen als den Urmeister seiner Kunst aufdringen will: wie leicht werden dem Domherrn, wie leicht der ganzen Schule die Augen zu öffnen sein!
MARQUISE. Glauben Sie es nicht, Ritter! Die Menschen lieben die Dämmerung mehr als den hellen Tag, und eben in der Dämmerung erscheinen die Gespenster. Und dann denken Sie, welcher Gefahr Sie sich aussetzen, wenn Sie einen solchen Mann durch eine rasche, durch eine übereilte Tat beleidigen. Ich verehre ihn noch immer als ein übernatürliches Wesen. – Seine Großmut, seine Freigebigkeit und sein Wohlwollen gegen Sie! Hat er Sie nicht in das Haus des Domherrn gebracht? Begünstigt er Sie nicht auf alle Weise? Können Sie nicht hoffen, durch ihn Ihr Glück zu machen, wovon Sie als ein dritter Sohn weit entfernt sind? – – Doch Sie sind zerstreut – Irre ich, Ritter? oder Ihre Augen sind mehr auf meine Nichte als Ihr Geist auf mein Gespräch gerichtet!
RITTER. Verzeihen Sie meine Neugierde. Ein neuer Gegenstand reizt immer.
MARQUISE. Besonders wenn er reizend ist.
MARQUIS der bisher mit der Nichte leise gesprochen. Sie sind zerstreut, und Ihre Blicke scheinen nach jener Seite gerichtet zu sein.
NICHTE. Ich sah meine Tante an. Sie hat sich nicht geändert, seitdem ich sie gesehen habe.
MARQUIS. Desto mehr verändert find ich Sie, seitdem der Ritter eingetreten ist.
NICHTE. Seit diesen wenigen Augenblicken?
MARQUIS. O ihr Weiber! ihr Weiber!
NICHTE. Beruhigen Sie sich, Marquis! Was fällt Ihnen ein?
MARQUISE. Wir machen doch diesen Morgen eine Tour, Nichtchen?
NICHTE. Wie es Ihnen gefällt.
RITTER. Darf ich mich zum Begleiter anbieten?
MARQUISE. Diesmal nicht, es würde Ihnen die Zeit lang werden. Wir fahren von Laden zu Laden. Wir haben viel einzukaufen: denn es muß dieser schönen Gestalt an keinem Putze fehlen. Diesen Abend finden wir uns in der ägyptischen Loge zusammen.
Fünfter Auftritt
Die Vorigen. Jäck. Der Graf.
JÄCK. Der Graf! –
GRAF der gleich hinter Jäck hereinkommt. Wird nirgends angemeldet. Keine Tür ist ihm verschlossen, er tritt in alle Gemächer unversehens herein. Und sollte er auch unerwartet, unwillkommen herabfahren wie ein Donnerschlag: so wird er doch nie hinweggehen, ohne, gleich einem wohltätigen Gewitter, Segen und Fruchtbarkeit zurückzulassen.
Jäck, der indes unbeweglich dagestanden, den Grafen angesehen und ihm zugehört, schüttelt den Kopf und geht ab.
DER GRAF setzt sich und behält in diesem sowie in den vorhergehenden und folgenden Auftritten den Hut auf dem Kopfe, den er höchstens nur, um jemand zu grüßen, lüftet. Auch Sie treff ich wieder hier, Ritter? Fort mit Ihnen, überlassen Sie sich der Meditation; und diesen Abend zur gesetzten Stunde finden Sie sich in dem Vorzimmer des Domherrn.
RITTER. Ich gehorche. Und Ihnen allerseits empfehle ich mich. Ab.
NICHTE. Wer ist dieser Herr?
MARQUIS. Der Graf Rostro, der größte und wunderbarste aller Sterblichen.
GRAF. Marquise! Marquise! Wenn ich nicht so nachsichtig wäre, wie würde es um Sie stehen?
MARQUISE. Wie das, Herr Graf?
GRAF. Wenn ich nicht so nachsichtig und mächtig zugleich wäre! Ihr seid ein leichtsinniges Volk! Wie oft habt ihr mich nicht fußfällig gebeten, daß ich euch weiter in die Geheimnisse führen soll! Habt ihr nicht versprochen, euch allen Prüfungen zu unterwerfen, wenn ich euch den Großkophta zeigen, wenn ich euch seine Gewalt über die Geister sehen und mit Händen greifen ließe; und was habt ihr gehalten?
MARQUISE. Keine Vorwürfe, bester Graf! Sie haben uns genug gestraft.
GRAF. Ich lasse mich erweichen. Nach einigem Nachdenken. Ich sehe wohl, ich muß anders zu Werke gehen und euch durch eine ganz besondere Weihung, durch die kräftigste Anwendung meiner Wundergaben in wenig Augenblicken rein und fähig machen, vor dem Wundermann zu erscheinen. Es ist eine Operation, die, wenn sie nicht gerät, uns allen gefährlich sein kann. Ich sehe es immer lieber, wenn meine Schüler sich selber vorbereiten, damit ich sie als umgeschaffene Menschen ruhig und sicher in die Gesellschaft der Geister führen kann.
MARQUISE. Lassen Sie uns nicht länger warten. Machen Sie uns noch heute glücklich, wenn es möglich ist. Lieber will ich mich der größten Gefahr aussetzen, die nur einen Augenblick dauert, als mich dem strengen Gebot unterwerfen, das mir monatelang Tage und Nächte raubt.
GRAF. Leicht wollt ihr alles haben, leicht und bequem! und ihr fragt nicht, wie schwer mir nun die Arbeit werden muß?
MARQUISE. Ihnen schwer? – Ich wüßte nicht, was Ihnen schwer werden könnte.
GRAF. Schwer! sauer! und gefährlich! – Glaubt ihr, der Umgang mit Geistern sei eine lustige Sache? Man zwingt sie nicht, wie ihr die Männer, mit einem Blick, mit einem Händedruck. Ihr denkt nicht, daß sie mir widerstehen, daß sie mir zu schaffen machen, daß sie mich überwältigen möchten, daß sie auf jeden meiner Fehler achthaben, mich zu überlisten. Schon zweimal in meinem Leben habe ich gefürchtet, ihnen unterzuliegen; darum trage ich dieses Gewehr – Er zieht ein Terzerol aus der Tasche. – immer bei mir, um mich des Lebens zu berauben, wenn ich fürchten müßte, ihnen untertänig zu werden.
NICHTE zum Marquis. Welch ein Mann! Es zittern mir die Knie vor Schrecken! So hab ich nie reden hören! von solchen Dingen hab ich nie reden hören! von solchen Dingen hab ich nichts geträumt!
MARQUIS. Wenn Sie erst die Einsichten, die Gewalt dieses Mannes kennen sollten, Sie würden erstaunen.
NICHTE. Er ist gefährlich! mir ist angst und bange!
Der Graf sitzt indes unbeweglich und sieht starr vor sich hin.
MARQUISE. Wo sind Sie, Graf? Sie scheinen abwesend! – So hören Sie doch! Sie faßt ihn an und schüttelt ihn. Was ist das? Er rührt sich nicht! Hören Sie mich doch!
MARQUIS tritt näher. Sie sind ein Kenner von Steinen, wie hoch schätzen Sie diesen Ring? – – Er hat die Augen auf und sieht mich nicht an.
MARQUISE die ihn noch bei dem Arm hält. So steif wie Holz, als wenn kein Leben in ihm wäre!
NICHTE. Sollte er ohnmächtig geworden sein? Er sprach so heftig! Hier ist etwas zu riechen!
MARQUIS. Nein doch, er sitzt ja ganz gerade, es ist nichts Hinfälliges an ihm.
MARQUISE. Stille! er bewegt sich!
Der Marquis und die Nichte treten von ihm weg.
GRAF sehr laut und heftig, indem er vom Stuhle auffährt. Hier! halt ein, Schwager! hier will ich aussteigen!
MARQUISE. Wo sind Sie, Graf?
GRAF nachdem er tief Atem geholt hat. Ah – Sehen Sie, so geht mir's! Nach einer Pause. Da haben Sie ein Beispiel! Pause. Ich kann es Ihnen wohl vertrauen. – Ein Freund, der gegenwärtig in Amerika lebt, kam unversehens in große Gefahr; er sprach die Formel aus, die ich ihm anvertraut habe; nun konnte ich nicht widerstehen! Die Seele ward mir aus dem Leibe gezogen, und ich eilte in jene Gegenden. Mit wenig Worten entdeckte er mir sein Anliegen, ich gab ihm schleunigen Rat; nun ist mein Geist wieder hier, verbunden mit der irdischen Hülle, die inzwischen als ein lebloser Klotz zurückblieb. – Pause. Das sonderbarste ist dabei, daß eine solche Abwesenheit sich immer damit endigt, daß es mir vorkommt, ich fahre entsetzlich schnell, sehe meine Wohnung und rufe dem Postillion zu, der eben im Begriff ist, vorbeizufahren. – Hab ich nicht so was ausgerufen?
MARQUISE. Sie erschreckten uns damit. – Sonderbar und erstaunlich! Leise. Welche Unverschämtheit!
GRAF. Sie können aber nicht glauben, wie ich ermüdet bin. Mir sind alle Gelenke wie zerschlagen; ich brauche Stunden, um mich wieder zu erholen. Davon ahnet ihr nichts; ihr wähnt, man mache nur alles bequem mit dem Zauberstäbchen.
MARQUIS. Wunderbarer, verehrungswürdiger Mann! Leise. Welch ein dreister Lügner!
NICHTE herbeitretend. Sie haben mir recht bange gemacht, Herr Graf.
GRAF. Ein gutes, natürliches Kind! Zur Marquise. Ihre Nichte?
MARQUISE. Ja, Herr Graf! Sie hat vor kurzem ihre Mutter verloren; sie ist auf dem Lande erzogen und erst drei Tage in der Stadt.
GRAF die Nichte scharf ansehend. So hat mich Uriel doch nicht betrogen.
MARQUISE. Hat Ihnen Uriel von meiner Nichte was gesagt?
GRAF. Nicht geradezu; er hat mich nur auf sie vorbereitet.
NICHTE leise zum Marquis. Um Gottes willen, der weiß alles, der wird alles verraten.
MARQUIS leise. Bleiben Sie ruhig, wir wollen hören.
GRAF. Ich war diese Tage sehr verlegen, als ich die wichtige Handlung überdachte, die noch heute vorgehen soll. – Sobald sich euch der Großkophta wird offenbart haben, wird er sich umsehen und fragen: Wo ist die Unschuldige? Wo ist die Taube? Ein unschuldiges Mädchen muß ich ihm stellen. Ich dachte hin und wider, wo ich sie finden, wie ich sie zu uns einführen wollte. Da lächelte Uriel und sagte: »Sei getrost, du wirst sie finden, ohne sie zu suchen. Wenn du von einer großen Reise zurückkehrest, wird die schönste, reinste Taube vor dir stehen.« – Alles ist eingetroffen, wie ich mir's gar nicht denken konnte. Ich komme aus Amerika zurück, und dieses unschuldige Kind steht vor mir.
MARQUIS leise. Diesmal hat Uriel gewaltig fehlgegriffen.
NICHTE leise. Ich zittre und bebe!
MARQUIS leise. So hören Sie doch aus.
MARQUISE. Dem Großkophta soll ein unschuldiges Mädchen gebracht werden? Der Großkophta kommt von Orient? Ich hoffe nicht –
GRAF zur Marquise. Entfernen Sie alle fremden, alle leichtfertigen Gedanken! Zur Nichte, sanft und freundlich. Treten Sie näher, mein Kind! nicht furchtsam, treten Sie näher! – So! – Ebenso zeigen Sie sich dem Großkophta. Seine scharfen Augen werden Sie prüfen; er wird Sie vor einen blendenden, glänzenden Kristall führen, Sie werden darin die Geister erblicken, die er beruft, Sie werden das Glück genießen, wornach andere vergebens streben, Sie werden Ihre Freunde belehren und sogleich einen großen Rang in der Gesellschaft einnehmen, in die Sie treten, Sie, die jüngste, aber auch die reinste. – – Wetten wir, Marquise! dieses Kind wird Sachen sehen, die den Domherrn höchst glücklich machen. Wetten wir, Marquise?
MARQUISE. Wetten? Mit Ihnen, der alles weiß?
NICHTE die bisher ihre Verlegenheit zu verbergen gesucht. Verschonen Sie mich, Herr Graf! Ich bitte Sie, verschonen Sie mich!
GRAF. Sein Sie getrost, gutes Kind! die Unschuld hat nichts zu fürchten!
NICHTE in der äußersten Bewegung. Ich kann die Geister nicht sehen! ich werde des Todes sein!
GRAF schmeichelnd. Fassen Sie Mut. Auch diese Furcht, diese Demut kleidet Sie schön und macht Sie würdig, vor unsre Meister zu treten! Reden Sie ihr zu, Marquise!
Die Marquise spricht heimlich mit der Nichte.
MARQUIS. Darf ich nicht auch ein Zeuge dieser Wunder sein?
GRAF. Kaum! Sie sind noch unvorbereiteter als diese Frauen. Sie haben diese ganze Zeit unsere Versammlungen gemieden.
MARQUIS. Verzeihen Sie, ich war beschäftigt.
GRAF. Sich zu putzen, das Sie den Weibern überlassen sollten.
MARQUIS. Sie sind zu strenge.
GRAF. Nicht so strenge, daß ich den ausschließen sollte, der mich noch hoffen läßt. Kommen Sie, kommen Sie! Lassen Sie uns eine Viertelstunde spazierengehn. Wenigstens muß ich Sie examinieren und vorbereiten. Leben Sie wohl! Auf Wiedersehn beide!
NICHTE die den Grafen zurückhält. Ich bitte, ich beschwöre sie!
GRAF. Noch einmal, mein Kind: verlassen Sie sich auf mich, daß Ihnen nichts Schreckliches bevorsteht, daß Sie die Unsterblichen mild und freundlich finden werden. Marquise! geben Sie ihr einen Begriff von unsern Versammlungen, belehren Sie das holde Geschöpf. Unser Freund, der Domherr, fragt den Großkophta gewiß nach dem, was ihm zunächst am Herzen liegt; ich bin überzeugt, die Erscheinung wird seine Hoffnungen stärken. Er verdient, zufrieden, verdient, glücklich zu werden; und wie sehr, meine Taube, wird er Sie schätzen, wenn die Geister ihm durch Sie sein Glück verkündigen. Leben Sie wohl. Kommen Sie, Marquis!
NICHTE dem Grafen nacheilend. Herr Graf! Herr Graf!
Sechster Auftritt
Die Marquise. Die Nichte.
Nichte. Da der Graf und der Marquis abgegangen sind, bleibt sie in einer trostlosen Stellung im Hintergrunde stehen.
MARQUISE an dem vordern Teile des Theaters für sich. Ich verstehe diese Winke; ich danke dir, Graf, daß du mich für deines gleichen hältst. Dein Schade soll es nicht sein, daß du mir nutzest. – Er merkt schon lange, daß ich dem Domherrn mit der Hoffnung schmeichle, die Prinzessin für ihn zu gewinnen. Von meinem großen Plan ahnet er nichts; er glaubt, es sei auf kleine Prellereien angelegt. Nun denkt er mir zu nützen, indem er mich braucht; er gibt mir in die Hand, dem Domherrn durch meine Nichte vorzuspiegeln, was ich will, und ich kann es nicht tun, ohne den Glauben des Domherrn an die Geister zu stärken. Wohl, Graf! so müssen Kluge sich verstehen, um törichte leichtgläubige Menschen sich zu unterwerfen. Sich umkehrend. Nichtchen, wo sind Sie? Was machen Sie?
NICHTE. Ich bin verloren! Geht mit unsichern Schritten auf die Tante los und bleibt auf halbem Wege stehen.
MARQUISE. Fassen Sie sich, meine Liebe!
NICHTE. Ich kann – ich werde die Geister nicht sehen!
MARQUISE. Gutes Kind, dafür lassen Sie mich sorgen. Ich will Ihnen schon raten, schon durchhelfen.
NICHTE. Hier ist kein Rat, keine Hülfe! Retten Sie mich! Retten Sie eine Unglückliche vor öffentlicher Schmach! Der Zauberer wird mich verwerfen, ich werde keine Geister sehen! Ich werde beschämt vor allen dastehen!
MARQUISE für sich. Was kann das bedeuten?
NICHTE. Auf meinen Knien, ich bitte! Ich flehe! Erretten Sie mich! Alles will ich bekennen! Ach Tante! Ach liebe Tante! Wenn ich Sie noch so nennen darf! Sie sehen kein unschuldiges Mädchen vor sich. Verachten Sie mich nicht! Verstoßen Sie mich nicht!
MARQUISE für sich. Unerwartet genug! Gegen die Nichte. Stehn Sie auf, mein Kind!
NICHTE. Ich vermöchte nicht, wenn ich auch wollte! Meine Knie tragen mich nicht! Es tut mir wohl, so vor Ihnen zu liegen. Nur in dieser Stellung darf ich sagen: vielleicht bin ich zu entschuldigen! Meine Jugend! Meine Unerfahrenheit! Mein Zustand! Meine Leichtgläubigkeit –
MARQUISE. Unter den Augen Ihrer Mutter glaubt ich Sie sicherer als in einem Kloster. Stehen Sie auf. Sie hebt die Nichte auf.
NICHTE. Ach! Soll ich sagen, soll ich gestehn?
MARQUISE. Nun?
NICHTE. Erst seit dem Tode meiner Mutter ist die Ruhe, die Glückseligkeit von mir gewichen.
MARQUISE. Wie? Abgewendet. Sollt es möglich sein? Laut. Reden Sie weiter!
NICHTE. O Sie werden mich hassen! Sie werden mich verwerfen! Unglückseliger Tag, an dem Ihre Güte selbst mich zugrunde richtete!
MARQUISE. Erklären Sie sich!
NICHTE. O Gott! Wie schwer ist es auszusprechen, was uns ein unglücklicher Augenblick so süß vorschmeichelt! – Vergeben Sie, daß ich ihn liebenswürdig fand! Wie liebenswürdig war er! Der erste Mann, der mir die Hand mit Inbrunst drückte, mir in die Augen sah und schwur, er liebe mich. Und in welcher Zeit? In den Augenblicken, da mein Herz, von dem traurigsten Verluste lange unaussprechlich gepreßt, sich endlich in heißen Tränen Luft machte, weich, ganz weich war; da ich in der öden Welt um mich her durch die Wolken des Jammers nur Mangel und Kummer erblickte; wie erschien er mir da als ein Engel; der Mann, den ich schon in meiner Kindheit verehrt hatte, erschien als mein Tröster! Er drückte sein Herz an das meinige. – Ich vergaß, daß er nie der Meine werden konnte – daß er Ihnen angehört – Es ist ausgesprochen! – Sie wenden Ihr Gesicht von mir weg? Hassen Sie mich, ich verdiene es! Verstoßen Sie mich! Lassen Sie mich sterben! Sie wirft sich in einen Sessel.
MARQUISE für sich. Verführt – durch meinen Gemahl! – Beides überrascht mich, beides kommt mir ungelegen. – – Fasse dich! – Weg mit allen kleinen beschränkten Gesinnungen! Hier ist die Frage, ob du nicht auch diesen Umstand benutzen kannst? – – Gewiß! – – Oh! sie wird nur desto geschmeidiger sein, mir blindlings gehorchen – – und über meinen Mann gibt mir diese Entdeckung auch neue Vorteile. – Wenn ich meine Absichten erreiche, so ist mir das übrige alles gleichgültig! – Laut. Kommen Sie, Nichte, erholen Sie sich! Sie sind ein gutes, braves Kind! Alles vergebe ich! Kommen Sie, werfen Sie Ihren Schleier über, wir wollen ausfahren, Sie müssen sich zerstreuen.
NICHTE indem sie aufsteht und der Marquise um den Hals fällt. Beste, liebste Tante, wie beschämen Sie mich!
MARQUISE. Sie sollen eine Freundin, eine Vertraute an mir finden. Nur der Marquis darf nicht wissen, daß ich es bin; wir wollen ihm die Verlegenheit ersparen.
NICHTE. Welche Großmut!
MARQUISE. Sie werden ihn auf eine geschickte Weise vermeiden; ich werde Ihnen behülflich sein.
NICHTE. Ich bin ganz in Ihren Händen!
MARQUISE. Und was die Geister betrifft, will ich Ihnen die wunderbarsten Geheimnisse entdecken; und Sie sollen diese fürchterliche Gesellschaft lustig genug finden. Kommen Sie! Kommen Sie nur!
Dritter Aufzug
Erster Auftritt
Zimmer des Domherrn.
Im Grunde ein Kamin, auf dessen beiden Seiten zwei Bilder in Lebensgröße, eines ältlichen Herrn und einer jungen Dame.
DER DOMHERR Papiere in der Hand haltend. Soll ich denn wieder einmal, angebetete Fürstin, vor dein schönes Bild mit hoffnungsvoller Freude treten! Soll die Sehnsucht, die zu dir hinaufblickt, endlich einigen Trost von deinen Lippen erwarten dürfen! – Noch schweb ich in Ungewißheit. Diese köstlichen Züge seh ich vor mir – Auf die Papiere deutend. ich erkenne deine Hand, ich fühle deine Gesinnungen; aber noch ist es nur allgemeine Höflichkeit, noch steht keine Silbe von dem, was ich so heftig wünsche, auf diesen Blättern. – Tor! und was verlangst du? – Ist es nicht schon genug, daß sie schreibt? Dir so viel schreibt. Und wäre nicht ihr bloßer Namenszug schon ein Zeuge ihrer glücklich veränderten Gesinnungen? – Veränderten? – Nein, sie hat sich nie verändert. Sie schwieg, als man mich verstieß; sie verstellte sich, um mir zu nutzen. Und nun belohnt sie mich mit zehnfachem Vertrauen und wird bald Gelegenheit finden, mich wieder heraufzuführen. – Sie wünscht das kostbare Halsband, sie gibt mir den Auftrag, ohne Vorbewußt ihres Vaters ihr dieses Kleinod zu verschaffen, sie sendet mir ihre Garantie, sie wird wegen der Zahlungen immer in Verbindung mit mir bleiben; gerne lege ich den ersten Termin aus, um sie noch fester an mich zu knüpfen. – Ja, du wirst – du wirst – darf ich es in der Gegenwart deines Bildes aussprechen? – du wirst mein sein! – Welch ein Wort! – Welch ein Gedanke! – Schon füllt die Glückseligkeit wieder ganz mein Herz aus. Ja! dieses Bild scheint wieder sich zu bewegen, mir zu lächeln, mir freundlich zuzuwinken. – Schon hebt sich der Ernst von des Fürsten Stirne hinweg. Huldreich sieht er mich an, wie in jenen Tagen, als er mir diese kostbaren Gemälde unvermutet schenkte. Und sie! – Komm herab, Göttin, herab! – Oder hebe mich zu dir hinauf, wenn ich nicht vor deinen Augen sterben soll!
Zweiter Auftritt
Der Domherr. Ein Bedienter, hernach die Hofjuweliere.
BEDIENTER. Euer Gnaden haben die Hofjuweliere befohlen; sie sind vor der Türe.
DOMHERR. Laß sie hereinkommen! Zu den Juwelieren. Nun, wie sind Sie mit dem Entwurfe des Kontrakts zufrieden, den ich Ihnen zugeschickt habe?
JUWELIER. Wegen der Summe hätten wir noch einige Erinnerungen zu machen.
DOMHERR. Ich dächte doch, der Schmuck wäre gut bezahlt. Sie finden nicht leicht einen Käufer. Liegt Ihnen das Halsband nicht schon ein Jahr müßig?
JUWELIER. Leider! – Und dann – Verzeihen Sie, gnädiger Herr –
DOMHERR. Was ist's noch?
JUWELIER. Wenn wir auch mit der gebotenen Summe uns begnügen und sie in den festgesetzten Terminen annehmen wollten, so werden Sie doch nicht ungnädig nehmen, wenn wir auf Ihre bloße handschriftliche Versicherung ein so kostbares Stück abzuliefern Bedenken tragen. Es ist gewiß nicht Mißtrauen; nur unsre Sicherheit in einem so wichtigen Geschäfte –
DOMHERR. Ich verdenke Ihnen nicht, daß Sie mir eine so große Summe nicht geradezu anvertrauen wollen. Ich habe Ihnen aber schon gesagt, daß ich das Halsband nicht für mich, sondern für eine Dame kaufe, die allerdings so viel Kredit bei Ihnen haben sollte.
JUWELIER. Wir trauen völlig Ihren Worten und wünschten nur eine Zeile von der Hand unsrer gnädigsten Käuferin.
DOMHERR. Ich sagte Ihnen schon, daß es nicht angeht, und empfehle Ihnen nochmals das Geheimnis. Genug, ich werde Ihr Schuldner. Damit Sie aber nicht glauben, als handelte ich übereilt und hätte nicht gewußt, mich und Sie zu decken: so lesen Sie hier. Er gibt ihnen ein Papier und spricht für sich, indem sie es lesen. Zwar hat die Marquise ausdrücklich verlangt, ich soll das Blatt niemanden zeigen, soll es nur zu meiner eigenen Sicherheit verwahren. – Wenn nun aber diese Leute auch an ihre Sicherheit denken, wenn sie nun auch wissen wollen, wer mir und ihnen für eine so große Summe steht – Laut. Was sagen Sie nun, meine Herren?
JUWELIER indem er das Blatt zurückgibt. Wir bitten um Vergebung, wir zweifeln keinen Augenblick. – Auch ohne dies würden wir das Halsband ausgeliefert haben. Hier ist es. Wäre es gefällig, den Kontrakt zu unterschreiben?
DOMHERR. Sehr gern. Er unterschreibt und wechselt das Papier gegen das Schmuckkästchen aus. Leben Sie wohl, meine Herren! Die Termine sollen richtig abgetragen werden, und künftig haben wir mehr miteinander zu tun.
Die Juweliere, gehen mit tiefen Verbeugungen ab.
Dritter Auftritt
Domherr, nachher ein Bedienter, dann Jäck.
DOMHERR indem er das Halsband betrachtet. Kostbar, sehr kostbar! – und wert des schlanken weißen Halses, der dich tragen soll, wert des himmlischen Busens, den du berühren wirst. Eile zu ihr, glänzender Schmuck, damit sie einen Augenblick lächle und gefällig an den Mann denke, der viel wagt, um ihr diese Freude zu verschaffen. Geh, sei ihr ein Zeuge, daß ich alles für sie zu tun bereit bin. Den Schmuck ansehend. Wäre ich ein König, du solltest sie als ein Geschenk überraschen und bald durch kostbarere Geschenke wieder verdunkelt werden. – Ach, wie betrübt's mich, wie demütigt's mich, daß ich jetzt nur den Mäkler machen kann!
BEDIENTER ein Billett bringend. Ein Bote von der Marquise!
DOMHERR. Er soll warten.
Bedienter ab.
DOMHERR liest. »Wenn der Schmuck in Ihren Händen ist, so geben Sie ihn gleich dem Überbringer. Ich habe die schönste Gelegenheit, ihn hinauszuschicken; eine Kammerfrau ist in der Stadt; ich schicke verschiedene Putzwaren an die Göttliche und packe die Juwelen bei. Der Lohn für diesen kleinen Dienst erwartet Sie schon heute nacht. In einer Viertelstunde bin ich bei Ihnen. Was steht uns nicht heute bevor! Das Angesicht des Großkophta und das Angesicht eines Engels. Leben Sie wohl, liebster Auserwählter. Verbrennen Sie dies Blatt.«
Traue ich meinen Augen? Noch heute nacht? Geschwinde! geschwinde! Sei der Vorläufer des Glücklichsten unter allen Sterblichen. Er schreibt wenige Worte und siegelt das Schmuckkästchen ein. Warum muß auch heute sich alles zusammendrängen? Soll ein einziger Abend mich für soviel Langeweile, soviel Ungeduld und Schmerzen entschädigen? Erscheine, sehnlich erwarteter Zeitpunkt meines Glücks! Führet mich, ihr Geister, ins Heiligtum der geheimen Kenntnisse; führe mich, o Liebe, in dein Heiligtum! Er klingelt.
Bedienter tritt ein.
DOMHERR. Wer ist von der Marquise da?
BEDIENTER. Ihr Jäck.
DOMHERR. Laß ihn hereinkommen!
Bedienter ab.
DOMHERR. Ich habe keine Ruhe, bis ich das Kleinod in ihren Händen weiß.
JÄCK tritt auf. Was befehlen Ihro Gnaden?
DOMHERR. Bringe dies Paket deiner gnädigen Frau. Eile und halt es fest, damit du es nicht etwa verlierst.
JÄCK. Sowenig als meinen Kopf.
DOMHERR. Du bist so leichtsinnig.
JÄCK. Nicht im Bestellen.
DOMHERR. So geh hin.
JÄCK. Gnädiger Herr! Sie verwöhnen die Boten.
DOMHERR. Ich verstehe. Gibt dem Knaben Geld. Hier, wende es wohl an!
JÄCK. Ich geb es gleich aus, damit ich es nicht verliere. Ich danke untertänig! Halblaut, als spräche er für sich, doch so, daß es der Domherr hören kann. Welch ein Herr! Fürst verdient er zu sein! Mit vielen mutwilligen Bücklingen ab.
DOMHERR. Eile nur! eile! – Wie glücklich, daß ich diesen Auftrag so schnell ausrichten konnte! – Nur das einzige macht mit Sorge, daß ich es dem Grafen verbergen mußte. – Es war der Fürstin ausdrücklicher Wille. – O ihr guten Geister, die ihr mir so sichtbar beistandet, bleibt auf meiner Seite und verbergt die Geschichte nur auf kurze Zeit eurem Meister!
Vierter Auftritt
Domherr. Ritter. Bedienter.
ST. JEAN. Der Ritter.
DOMHERR. Drei Sessel!
St. Jean stellt die Sessel.
RITTER. Hier bin ich! Kaum habe ich diesen Augenblick erwarten können. Schon lange geh ich ungeduldig auf der Promenade hin und wider; es schlägt die Stunde, und ich fliege hieher.
DOMHERR. Sein Sie mir willkommen.
RITTER. Den Grafen fand ich auf der Treppe. Er redete mich liebreich an, mit einem sanften Tone, den ich nicht an ihm gewohnt bin. Er wird gleich hier sein.
DOMHERR. Ist er hinüber ins Logenzimmer gegangen?
RITTER. So schien mir's.
DOMHERR. Er bereitet sich zu feierlichen Handlungen, Sie erst hier in den zweiten Grad aufzunehmen, dann mich in den dritten zu erheben und uns dem Großkophta vorzustellen.
RITTER. Ja, er hatte die Miene eines Wohltäters, eines Vaters. Diese Miene ließ mich viel hoffen. O wie schön glänzt die Güte vom Angesicht des Gewaltigen!
Fünfter Auftritt
Die Vorigen. Der Graf.
GRAF indem er seinen Hut abnimmt und gleich wieder aufsetzt. Ich grüße euch, Männer des zweiten Grades!
DOMHERR. Wir danken dir!
RITTER. Nennst du mich auch schon so?
GRAF. Den ich so grüße, der ist's. Er setzt sich auf den mittelsten Sessel. Bedeckt euch.
DOMHERR. Du befiehlst es! Er setzt auf.
GRAF. Ich befehle nicht. Ihr bedient euch eures Rechtes; ich erinnere euch nur.
RITTER beiseite, indem er den Hut aufsetzt. Welche Milde! Welche Nachsicht! Ich brenne vor Begierde, die Geheimnisse des zweiten Grades zu hören.
GRAF. Setzt euch, meine Freunde, setzt euch, meine Gehülfen!
DOMHERR. Die Gehülfen sollten vor dem Meister stehen, um, gleich dienstbaren Geistern, seine Befehle schleunig auszurichten.
GRAF. Wohl gesprochen! Aber sie sitzen bei ihm, weil sie seine Räte mehr als seine Diener sind.
Beide setzen sich.
GRAF zum Ritter. Wie nennt man die Männer des zweiten Grades?
RITTER. Wenn ich eben recht hörte: Gehülfen.
GRAF. Warum mögen sie diesen Namen tragen?
RITTER. Wahrscheinlich, weil sie der Meister aufgeklärt und tätig genug findet, zu seinen Absichten mitzuwirken und seine Zwecke zu erfüllen.
GRAF. Was denkst du von den Endzwecken dieses Grades?
RITTER. Ich kann mir nichts anders denken, als daß wir nun erst ausüben sollen, was uns der erste Grad gelehrt hat. Dem Schüler zeigt man von weitem, was zu tun ist; dem Gehülfen gibt man die Mittel an die Hand, wie er das Ziel erreichen könne.
GRAF. Was ist das Ziel, das man den Schülern vorsteckt?
RITTER. Das eigene Beste in dem Besten der andern zu suchen.
GRAF. Was erwartet nun der antretende Gehülfe?
RITTER. Daß ihm der Meister die Mittel anzeigen soll, das allgemeine Beste zu befördern.
GRAF. Erkläre dich näher.
RITTER. Du weißt besser als ich selbst, was ich zu sagen habe. In jedes gute Herz ist das edle Gefühl von der Natur gelegt, daß es für sich allein nicht glücklich sein kann, daß es sein Glück in dem Wohl der andern suchen muß. Dieses schöne Gefühl weißt du in den Schülern des ersten Grades zu erregen, zu stärken, zu beleben! – Und wie nötig ist es, uns zum Guten Mut zu machen! Unser Herz, das von Kindheit an nur in der Geselligkeit sein Glück findet, das sich so gern hingibt und nur dann am höchsten und reinsten genießt, wenn es sich für einen geliebten Gegenstand aufopfern kann – ach! dieses Herz wird leider durch den Sturm der Welt aus seinen liebsten Träumen gerissen! Was wir geben können, will niemand nehmen; wo wir zu wirken streben, will niemand helfen; wir suchen und versuchen und finden uns bald in der Einsamkeit.
GRAF nach einer Pause. Weiter, mein Sohn.
RITTER. Und was noch schlimmer ist, mutlos und klein. Wer beschreibt die Schmerzen eines verkannten, von allen Seiten zurückgestoßenen menschenfreundlichen Herzens? Wer drückt die langen, langsamen Qualen eines Gemüts aus, das, zu wohltätiger Teilnehmung geboren, ungern seine Wünsche und Hoffnungen aufgibt und sich doch zuletzt derselben auf ewig entäußern muß? Glücklich, wenn es ihm noch möglich wird, eine Gattin, einen Freund zu finden, denen er das einzeln schenken kann, was dem ganzen Menschengeschlechte zugedacht war; wenn er Kindern, wenn er – Tieren nützlich und wohltätig sein kann!
GRAF. Ihr habt noch mehr zu sagen, fahrt fort.
RITTER. Ja, dieses schöne Gefühl belebt Ihr in Euren Schülern aufs neue. Ihr gebt ihnen Hoffnung, daß die Hindernisse, die dem sittlichen Menschen entgegenstehen, nicht unüberwindlich sei'n, daß es möglich sei, sich nicht allein zu kennen, sondern sich auch zu bessern; daß es möglich sei, die Rechte der Menschen nicht nur einzusehen, sondern auch geltend zu machen, und indem man für andere arbeitet, zugleich den einzigen schönen Lohn für sich gewinnen –
GRAF zum Domherrn, der sich bisher unruhig auf seinem Sessel bewegt hat. Was sagt Ihr zu diesen Äußerungen unsers Ritters?
DOMHERR lächelnd. Daß sie von einem Schüler kommen und von keinem Gefährten.
RITTER. Wie?
DOMHERR. Es ist nicht von ihm zu verlangen, er muß belehrt werden.
RITTER. Was?
DOMHERR. Sage mir den Wahlspruch des ersten Grades.
RITTER. Was du willst, daß die Menschen für dich tun sollen, das tue für sie.
DOMHERR. Vernimm dagegen den Wahlspruch des zweiten Grades: Was du willst, daß die Menschen für dich tun sollen, das tue für sie nicht.
RITTER aufspringend. Nicht? Hat man mich zum besten? – Darf ein vernünftiger, ein edler Mensch so reden?
GRAF. Setze dich nieder und höre zu. Zum Domherrn. Wo ist der Mittelpunkt der Welt, auf den sich alles beziehen muß?
DOMHERR. In unserm Herzen.
GRAF. Was ist unser höchstes Gesetz?
DOMHERR. Unser eigener Vorteil.
GRAF. Was lehrt uns der zweite Grad?
DOMHERR. Weise und klug zu sein.
GRAF. Wer ist der Weiseste?
DOMHERR. Der nichts anders weiß noch will als das, was begegnet.
GRAF. Wer ist der Klügste?
DOMHERR. Der in allem, was ihm begegnet, seinen Vorteil findet.
RITTER der wieder aufspringt. Entlaßt mich! Es ist mir unmöglich, es ist mir unerträglich, solche Reden zu hören.
DOMHERR halb lachend. Ging es mir doch beinahe ebenso wie Ihnen. Zum Grafen. Es ist ihm zu verzeihen, daß er sich so ungebärdig stellt. Zum Ritter: Beruhigen Sie sich, Sie werden schon über sich selbst lachen und uns das Lächeln verzeihen, das Sie in diesem Augenblick verdrießt. Aus dem Felde der jugendlichen Schwärmerei, worin der Meister seine Schüler gängelt, glaubt man über eine goldene Brücke in eine reizende Feenwelt hinübergeführt zu werden. Und freilich ist es unerwartet, wenn man unsanft in die wirkliche Welt wieder zurückgebracht wird, aus der man sich zu entfernen glaubte.
RITTER. Meine Herren, Sie erlauben, daß ich gehe, daß ich mich von meinem Erstaunen erhole.
DOMHERR. Gehn Sie nur, gehn Sie und sehn Sie sich in der Welt, sehn Sie sich in Ihrem Herzen um. Bedauren Sie meinetwegen die Toren; aber ziehen Sie Vorteil aus der Torheit. Sehn Sie, wie jeder vom andern soviel als möglich zu nehmen sucht, um ihm sowenig als möglich zurückzugeben. Jeder mag lieber befehlen als dienen, lieber sich tragen lassen als tragen. Jeder fordert reichlich Achtung und Ehre und gibt sie so spärlich als möglich zurück. Alle Menschen sind Egoisten; nur ein Schüler, nur ein Tor kann sie ändern wollen. Nur wer sich selbst nicht kennt, wird leugnen: daß es in seinem Herzen ebenso bestellt sei.
RITTER. Wohin bin ich geraten!
DOMHERR. Diesen Lauf der Welt wird Ihnen der Meister im zweiten Grade ganz enthüllen. Er wird Ihnen zeigen, daß man von den Menschen nichts verlangen kann, ohne sie zum besten zu haben und ihrem Eigensinne zu schmeicheln; daß man sich unversöhnliche Feinde macht, wenn man die Albernen aufklären, die Nachtwandler aufwecken und die Verirrten zurechtweisen will; daß alle vorzüglichen Menschen nur Marktschreier waren und sind – klug genug, ihr Ansehn und ihr Einkommen auf die Gebrechen der Menschheit zu gründen.
RITTER. Abscheulich! Abscheulich!
GRAF. Es sei genug! Er mag nun selbst denken; und noch ein Wort, eh wir uns trennen. Wie nennt man den ersten Grad?
DOMHERR. Die Lehre.
GRAF. Warum?
DOMHERR. Damit die Schüler glauben, sie lernen etwas.
GRAF. Wie nennt man den zweiten Grad?
DOMHERR. Die Prüfung.
GRAF. Und weswegen?
DOMHERR. Weil der Kopf eines Menschen darin geprüft wird und man sieht, zu was er fähig ist.
GRAF. Vortrefflich! Leise zum Domherrn. Laß uns allein; ich muß diesen Trotzkopf zu begütigen suchen.
DOMHERR. Ich hoffte, du würdest meine Wünsche erhören und mich in den dritten Grad erheben.
GRAF. Ich darf dem Großkophta nicht vorgreifen. Warte seine Erscheinung ab; in kurzer Zeit werden alle deine Wünsche befriedigt sein.
Sechster Auftritt
Der Graf. Der Ritter.
GRAF. Junger Mann!
RITTER der indessen nachdenklich und unbeweglich gestanden. Leben Sie wohl, Herr Graf!
GRAF. Wo wollen Sie hin? Ich lasse Sie nicht weg.
RITTER. Halten Sie mich nicht! Ich lasse mich nicht halten!
GRAF. Bleiben Sie!
RITTER. Nicht länger, als bis ich Ihnen Dank gesagt für das Gute, das Sie mir erzeigt, für die Bekanntschaften, die Sie mir gemacht, für den guten Willen, den Sie mir versichert. Und nun leben Sie wohl! auf ewig wohl! denn ich möchte mich nicht undankbar zeigen gegen meinen Wohltäter. Leben Sie wohl! und lassen mich nur noch das sagen: Ihre Wohltaten beschämten mich nicht, denn ich glaubte sie einem edlen großen Manne zu verdanken.
GRAF. Weiter! weiter! Reden Sie aus, eher kommen Sie nicht von der Stelle.
RITTER. Sie wollen es? Sie befehlen es? Es sei denn! O Graf! wie haben Sie in dieser Viertelstunde mein Glück, meine Hoffnungen zernichtet! Haben Sie mich nicht besser gekannt, nicht besser beurteilt?
GRAF. Worin hab ich mich denn so sehr betrogen? Ich lernte Sie als einen jungen Mann kennen, der sein Glück zu machen wünschte; der mit Eifer, ja mit Heftigkeit nach Rang, nach Vermögen strebte, und desto heftiger, je weniger ihm seine Lage Ansprüche zu großen Hoffnungen erlaubte.
RITTER. Wohl! Aber zeigte ich mich nicht auch mit einem Herzen, das niedrige, gewöhnliche Mittel verschmähete? Wünschte ich nicht meine beste Empfehlung von meiner Redlichkeit, meiner Gesetzlichkeit, meiner Treue, von allen jenen Eigenschaften, die einen edlen Mann, die einen Soldaten zieren? – Und nun?
GRAF. Und nun erschrecken Sie über den Fuchspelz, mit dem Sie Ihre Löwenmähne bedecken sollten.
RITTER. Scherzen Sie nur, ich will ernsthaft reden; ernsthaft zum letzten Male mit einem Manne, den ich für meinen Freund hielt. Ja, ich gesteh es Ihnen: Ihr Betragen war mir längst verdächtig. Diese geheimen Wissenschaften, in deren Vorhof mir dunkler ward als vorher in der freien Welt, diese wunderbaren Kräfte, die uns auf guten Glauben versichert wurden, diese Verwandtschaft mit Geistern, diese unfruchtbaren Zeremonien, alles weissagte mir nichts Gutes; nur die Großheit Ihrer Gesinnungen, die ich in vielen Fällen kennenlernte, die Entäußerung von jedem Eigennutz, Ihre Teilnehmung, Ihre Dienstfertigkeit, Ihre Freigebigkeit, das alles deutete mir dagegen auf einen tiefen Grund eines edlen Herzens. Ich hing an Ihrem Munde, saugte Ihre Lehren ein bis auf diesen Augenblick, der alle meine Hoffnungen zerstörte. Leben Sie wohl! – Wenn ich je ein kleinlicher, niedriger Schelm werden, wenn ich dem Strome nachschwimmen und nur einen augenblicklichen elenden Vorteil für mich zum Schaden der andern gewinnen sollte: so bedurft es nicht dieser Vorbereitungen, dieser Anstalten, die mich beschämen und erniedrigen. Ich verlasse Sie! Aus mir werde, was da will.
GRAF. Ritter, sehen Sie mich an!
RITTER. Was verlangen Sie von mir?
GRAF. Was Sie mich tun sehn, tun Sie auch. Er nimmt den Hut ab.
RITTER. Sollen wir mit Zeremonien scheiden?
GRAF. Selbst die Höflichkeit gebietet Ihnen, zu folgen.
RITTER indem er den Hut abnimmt. Nun denn, so empfehle ich mich Ihnen.
GRAF der seinen Hut wegwirft. Nun, Ritter?
RITTER. Was soll das?
GRAF. Ich verlange, daß Sie mir nachfolgen.
RITTER der seinen Hut wegwirft. So sei denn zum letzten Male etwas Unverständliches, etwas Törichtes getan!
GRAF. Nicht so töricht, wie du glaubst. Er geht mit offnen Armen auf ihn zu. Siehe mich von Angesicht zu Angesicht, du Erwählter. Komm in meine Arme, schließe dich an meine Brust, erhabener Meister!
RITTER. Was soll das? Lassen Sie mich los!
GRAF. Niemals, wenn ich dich nicht eher lassen sollte, als bis meine Freude über diesen meinen trefflichen Freund erschöpft wäre!
RITTER. Erklärt Euch, Ihr macht mich verwirrt.
GRAF. Erinnerst du dich, wie nannte der Domherr den zweiten Grad?
RITTER. Mich dünkt: die Prüfung.
GRAF. Gut, die hast du überstanden.
RITTER. Erklärt Euch!
GRAF. Laß mich erst meine lebhafteste Freude in diesen Umarmungen ausdrücken.
RITTER. Ich verstumme!
GRAF. Wie selten hab ich sie genossen! Ich wünsche Euch Glück und mir.
RITTER. Laß mich nicht länger in Ungewißheit.
GRAF. Du hast das sonderbarste Abenteuer überstanden, du hast dir die Würde eines Meisters selbst gegeben, du hast dir die Vorzüge des dritten Grades wie mit stürmender Faust erobert.
RITTER. Noch immer bin ich in Zweifel und Ungewißheit!
GRAF. Ich wünschte nun, daß dein Verstand dir er klärte, was dein Herz ausgeübt hat; mit weniger Aufmerksamkeit wirst du es leicht. Was waren deine Hoffnungen als Schüler des ersten Grades?
RITTER. Besser zu werden, als ich bin, und, durch Eure Hülfe, das Gute, was ich erkenne, in Ausübung zu bringen.
GRAF. Und was erfuhrst du, als du aus dem Munde des Domherrn die Grundsätze des zweiten Grades vernahmst?
RITTER. Ich erfuhr zu meinem Entsetzen: daß Ihr Euch bisher nur verstelltet und die Schüler zum besten hattet; daß man die, die Ihr Gehülfen nennt, zu weltklugen Menschen machen, sie zu Egoisten stempeln, die zartesten Empfindungen der Freundschaft, der Liebe, der Treue und jeder schönen Anforderung, die unser Herz unwiderstehlich macht, aus ihrem Busen reißen und sie, ich darf es wohl sagen, zu gemeinen, ganz gemeinen, schlechten, ganz schlechten Menschen machen wollte. Du weißt, mit welchem Abscheu ich diesen Übergang verwarf. Weiter hab ich nichts zu sagen: ich verändere meine Gesinnungen nicht, und – entlaß mich!
GRAF. Eben deswegen schließ ich dich an mein Herz, werfe meinen Hut vor dir weg und grüße dich als Meister. Du hast die Prüfung überstanden, du bist der Versuchung entgangen, du hast dich als einen Mann gezeigt, den ich suche. Alles, was du aus dem Munde des Domherrn gehört hast, was leider dieser Unglückliche nebst mehrern andern für Wahrheit hält, ist nur Prüfung, nur Versuchung. Wenn die erhabenen, großen, uneigennützigen Meister einen Lehrling, der sich gut anläßt, weiter vorwärts führen wollen, so versuchen sie ihn erst, und am sichersten geschieht es, wenn sie ihm die scheinbaren Vorteile eines eigennützigen Betragens vorlegen. Greift er darnach, so tut er einen Schritt zurück, indem er glaubt, einen vorwärts zu tun. Wir lassen ihn lange Zeit in seinem Sinne hingehen, und glücklich ist er, wenn wir ihn nach und nach durch große Umwege zum Licht führen.
RITTER. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Glaubt denn der Domherr, daß die Grundsätze, die er mir mit soviel Behaglichkeit vorgetragen, die rechten, die wahren sind?
GRAF. Freilich glaubt er's, der Unglückliche!
RITTER. Und du, sein Busenfreund, ziehst ihn nicht aus diesem Irrtum?
GRAF. Ich arbeite daran. Es ist aber schwerer, als du denkst. Der Eigendünkel eines halbklugen Egoisten hebt ihn über alle Menschen hinweg; indem er sie zu übersehen glaubt, läßt er sich alles nach und gibt andern eben dadurch Gelegenheit, ihn zu übersehen, ihn zu beherrschen.
RITTER. Ihr solltet nicht ruhen, bis ihm die Augen geöffnet sind.
GRAF. Damit du einsehen lernst, wie schwer das ist, sollst du mir helfen, ihn auf den rechten Weg zu bringen.
RITTER nach einer Pause. So wäre es denn wahr, daß ich mich an Euch nicht geirrt habe? daß ich in dir, je länger ich dich kenne, immer den Bessern, den Größern, den Unbegreiflichen finde? Meine Dankbarkeit ist grenzenlos, meine Freude verstummt in dieser Umarmung.
GRAF. Nun gehe, mein Sohn. Drüben in dem Zimmer sind Kleider zurechtgelegt, in denen man sich nur dem Großkophta zeigen darf. Wären alle, die sich ihm heute vorstellen, rein wie du, so würde er von seiner Erscheinung selbst große Freude haben. Du wirst große Wunder sehen und wirst sie bald verstehen, ja bald selbst hervorbringen lernen. Gehe, staune und schweige.
RITTER. Ich bin ganz, ich bin ewig dein!
Siebenter Auftritt
DER GRAF allein. So wäre denn auch dieser nach seiner Art zur Ordnung gewiesen. Man muß die Angeln, die Netze nach Proportion der Fische einrichten, die man zu fangen gedenkt, und wenn es ein Walfisch ist, wirft man mit Harpunen nach ihm. Den Mäusen stellt man Fallen, Füchsen legt man Eisen, Wölfen gräbt man Gruben, und die Löwen verscheucht man mit Fackeln. Diesen jungen Löwen habe ich auch mit einer Fackel zur Ruhe gebracht, und ich darf den Meisterstreich wagen, der mein Ansehen bei allen befestigen muß. Die Dekoration ist in Ordnung, die Marquise hat mich verstanden, und es wird alles glücklich vonstatten gehen.
EIN BEDIENTER in einem langen weißen Feierkleide. Alles ist fertig, Herr Graf! Der Domherr, der Ritter, die Damen sind alle gekleidet. Wollen Sie sich hier anziehen? Soll ich Ihre Kleider herüberbringen?
GRAF. Nein, ich komme! Folge mir und tue dein Amt.
Achter Auftritt
Vorsaal und Eingang in die ägyptische Loge.
Musik.
Sechs Kinder kommen gepaart in weißen langen Kleidern, mit fliegendem Haar, Rosenkränze auf dem Kopfe und Rauchfässer in den Händen.
Sechs Jünglinge hinter ihnen, weiß, aber kurz gekleidet, gleichfalls mit Rosenkränzen auf dem Haupte, jeder zwei Fackeln kreuzweise über der Brust. Sie ziehen anständig über das Theater und stellen sich an beide Seiten.
CHOR DER KINDER.
Schon eröffnet ist der Tempel,
Sind die Hallen, sind die Grüfte.
Weihrauch reinige die Lüfte,
Die um diese Säulen wehn.
CHOR DER JÜNGLINGE.
Holde Kinder, zarte Sprossen,
Bleibet in dem Vorhof stehn,
Und ihr Weisen, ihr Genossen,
Eilt, ins Heiligtum zu gehn.
Musik.
Die Genossen der Loge kommen zwei und zwei aus entgegengesetzten
Kulissen, jedesmal ein Frauenzimmer und eine Mannsperson. Sie begegnen einander, grüßen sich und treten an die Tür der Loge.
CHOR DER KINDER UND JÜNGLINGE.
Klein und ärmlich wie die Zwerge,
Tief umhüllt von Rauch und Wahn,
Stehn wir vor dem heil'gen Berge –
Geister, dürfen wir hinan?
CHOR VON INNEN.
Bringet Ernst zur ernsten Sache,
Kommt zum Licht aus Dunst und Wahn.
Daß der Kophta nicht erwache –
Leise, leise tretet an.
Die Pforte öffnet sich. Die Genossen treten hinein; die Pforte schließt sich, und es kommt wieder ein neues Paar. Zeremonie und Gesang werden wiederholt. Es fügt sich, daß der Domherr und die Nichte zusammentreffen und miteinander ins Heiligtum gehen. Sie sind die letzten. Die Musik verliert sich ins Pianissimo, die Kinder treten in die Kulissen, die Jünglinge fallen auf die Knie zu beiden Seiten des Proscenii.
Neunter Auftritt
Der Vorhang geht auf, und es zeigt sich ein Saal mit ägyptischen Bildern und Zieraten. In der Mitte steht ein tiefer Sessel, auf welchem eine in Goldstoff gekleidete Person zurückgelehnt liegt, deren Haupt mit einem weißen Schleier bedeckt ist. Zur rechten Hand kniet der Domherr, zur linken der Ritter, vorwärts neben dem Domherrn die Marquise, neben dem Ritter der Marquis, dann die Nichte. Die Musik verliert sich.
DOMHERR. Erhabener unsterblicher Greis! Du erlaubst Unwürdigen, sich deinen Füßen zu nähern, Gnade und Hülfe von dir zu erbitten. Du schläfst, oder vielmehr du scheinst zu schlafen: denn wir wissen, daß du selbst in deiner Ruhe aufmerksam und tätig bist und das Wohl der Menschen beförderst. Gib uns ein Zeichen, daran wir erkennen, daß du uns hörst, daß du uns hold bist!
Musik, nur wenige Töne. Der Verschleierte hebt die rechte Hand auf.
RITTER. Du siehst hier eine Anzahl Menschen vor dir, die, aufgemuntert durch das Versprechen deines würdigsten Schülers, in vollem Vertrauen sich zu dir nahen und hoffen, daß du ihre Bedürfnisse befriedigen werdest. Freilich sind diese Bedürfnisse sehr verschieden; doch selbst das Mannigfaltigste wird einfach vor deinem allgemeinen Blick, vor deiner ausgebreiteten Macht. Wirst du uns erhören, wenn wir gleich unwürdig sind?
Musik, wie oben, nach Verhältnis. Der Verschleierte richtet sich auf.
MARQUISE. Verzeihe der Ungeduld eines Weibes, laß uns dein Angesicht sehen, wir schmachten schon monatelang nach deiner Gegenwart.
Musik, wie oben. Der Verschleierte steht auf und bleibt vor dem Sessel stehen.
MARQUIS. Erlaube, daß wir uns dir nahen, daß wir den Saum deines Rockes küssen. Die Wünsche, die so lange in unsern Herzen schliefen, sind jetzt aufgewacht; in deiner Gegenwart werden sie unerträglich unruhig.
Musik, wie oben. Der Verschleierte tritt sachte die Stufen herunter.
NICHTE leise. Mir zittern alle Glieder!
DOMHERR. Versage uns nicht länger den Glanz deines Angesichts!
ALLE. Großer Kophta, wir bitten!
Musik, wenige rasche Töne.
Der Schleier fällt.
ALLE indem sie auf einmal aufstehen und weiter vortreten. Der Graf!
Die Jünglinge stehen auf.
GRAF der hervortritt. Ja, der Graf! Der Mann, den ihr bisher mit einem Namen nanntet, unter dem ihn die Welt in dem gegenwärtigen Augenblicke kennt. O ihr Blinden! Ihr Hartherzigen! Fast ein Jahr gehe ich mit euch um, ich unterrichte eure Unwissenheit, ich belebe euren toten Sinn, ich deute euch auf den Großkophta, ich gebe euch die entscheidendsten Winke; und es geht euch kein Licht auf, daß ihr denselben Mann, den ihr sucht, beständig vor euch habt, daß ihr die Güter, nach denen ihr euch sehnt, täglich von seinen Händen empfangt, daß ihr mehr Ursache habt, zu danken als zu bitten. Doch ich habe Mitleiden mit eurem irdischen Sinn, ich lasse mich zu eurer Schwäche herab. Seht mich denn in meiner Herrlichkeit; mögen eure Augen mich erkennen, wenn euer Herz mich verkannt hat! Und wenn die Gewalt, die ich über eure Gemüter ausübte, euren Glauben schwach ließ, so glaubt nun an die Wunder, die ich außer euch, aber in eurer Gegenwart vollende!
DOMHERR beiseite. Ich erstaune!
RITTER beiseite. Ich verstumme!
MARQUISE beiseite. Seine Unverschämtheit übertrifft meine Erwartung.
MARQUIS beiseite. Ich bin neugierig, zu sehen, wo das hinauswill.
GRAF. Ihr steht bestürzt? Ihr seht vor euch nieder? Ihr getraut euch kaum, mich von der Seite anzublicken? Wendet euer Gesicht zu mir, seht mir freudig und zutraulich in die Augen, werft alle Furcht weg und erhebt euer Herz! – Ja, ihr seht den Mann vor euch, der, so alt als die ägyptischen Priester, so erhaben als die indischen Weisen, sich in dem Umgange der größten Männer gebildet hat, die ihr seit Jahrhunderten bewundert; der über allen Rang erhaben ist, keiner Güter bedarf, in der Stille das Gute wirkt, das die Welt bald dieser, bald jener Ursache zuschreibt; der in einer geheimen, durch die ganze Welt ausgebreiteten Gesellschaft von Männern lebt, die mehr oder weniger einander gleich sind, sich selten persönlich, öfters aber durch ihre Werke offenbaren.
DOMHERR. Ist es möglich, daß es noch mehrere deinesgleichen gebe?
GRAF in die Höhe deutend. Alles findet seinesgleichen, außer ein Einziger!
RITTER. Welch ein erhabener Gedanke!
MARQUISE beiseite. Welch ein Schelm! Das Heiligste in seine Lüge zu verweben!
GRAF. Ja, seht her. Diesem Haupte kann die brennende Sonne, der beizende Schnee nichts anhaben. Mit diesem unbewehrten vorgestreckten Arm habe ich in den libyschen Wüsten einen brüllenden hungrigen Löwen aufgehalten, mit dieser Stimme, die zu euch spricht, ihm gedroht, bis er mir zu meinen Füßen schmeichelte. Er erkannte seinen Herrn, und ich konnte ihn nachher auf die Jagd ausschicken; nicht für mich, der ich blutige Speise nicht genieße, ja kaum einer irdischen Speise bedarf, sondern für meine Schüler, für das Volk, das sich oft in der Wüste um mich versammelte. Diesen Löwen habe ich in Alexandrien gelassen; ich werde bei meiner Rückkunft einen treuen Gefährten an ihm finden.
DOMHERR. Haben die übrigen Meister deiner Gesellschaft auch so große Fähigkeiten als du?
GRAF. Die Gaben sind verschieden ausgeteilt; keiner von uns darf sagen: er sei der größte.
RITTER. Ist denn der Zirkel dieser großen Männer geschlossen, oder ist es möglich, darin aufgenommen zu werden?
GRAF. Vielen wäre es möglich; wenigen gelingt es. Die Hindernisse sind zu groß.
DOMHERR. Wenn uns deine Erscheinung nicht unglücklicher machen soll, als wir bisher waren, so gib uns wenigstens einen Wink, wohin wir unsere Aufmerksamkeit, unser Bestreben richten sollen?
GRAF. Das ist mein Vorsatz. – Nach allen Prüfungen, die ihr ausgestanden habt, ist es billig, daß ich euch einen Schritt weiter führe, daß ich euch gleichsam eine Magnetnadel in die Hand gebe, die euch zeige, wohin ihr eure Fahrt zu richten habt. Vernehmt! –
DOMHERR. Ich bin ganz Ohr!
RITTER. Meine Aufmerksamkeit kann nicht höher gespannt werden!
MARQUIS beiseite. Ich bin äußerst neugierig!
MARQUISE beiseite. Was wird er vorbringen?
GRAF. Wenn der Mensch, mit seinen natürlichen Kräften nicht zufrieden, etwas Besseres ahnet, etwas Höheres begehrt; wenn er sich eine unverwüstliche Gesundheit, ein dauerhaftes Leben, einen unerschöpflichen Reichtum, die Neigung der Menschen, den Gehorsam der Tiere, ja sogar Gewalt über Elemente und Geister stufenweise zu verschaffen denkt: so kann es nicht ohne tiefe Kenntnis der Natur geschehen. Hierzu eröffne ich euch die Pforte. – – Die größten Geheimnisse, Kräfte und Wirkungen liegen verborgen – – in verbis, herbis et lapidibus.
ALLE. Wie?
GRAF. In Worten, Kräutern und Steinen.
Pause.
MARQUISE für sich. In Steinen? Wenn er die meint, die ich in der Tasche habe, so hat er vollkommen recht.
MARQUIS. In Kräutern? Man sagt, es sei kein Kraut gewachsen, das unser bestimmtes Lebensziel verlängern könne; und doch muß Ihnen ein solches Kraut bekannt sein, da Sie Ihr Leben nicht allein hoch gebracht, sondern auch Ihre Kräfte, Ihr äußeres Ansehen so lange erhalten haben.
GRAF. Die Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache.
DOMHERR. In Worten? Hier ahne ich das meiste, erhabner Lehrer. Gewiß habt Ihr eine Sprache, eine Schrift, wodurch ganz andere Dinge bezeichnet werden als mit unsern armseligen Lauten, wodurch wir nur die gemeinsten Dinge auszudrücken imstande sind. Gewiß besitzest du die geheimnisvollen Zeichen, mit denen Salomon die Geister bezwang?
GRAF. Alle diese, ja die sonderbarsten Charaktere, die man jemals gesehen hat, Worte, die eine menschliche Lippe kaum auszusprechen vermag.
RITTER. O lehre sie uns nach und nach buchstabieren.
GRAF. Vor allen Dingen müßt ihr erkennen, daß es nicht auf die Lippen ankommt, nicht auf die Silben, die ausgesprochen werden, sondern auf das Herz, das diese Worte nach den Lippen sendet. Ihr sollt erfahren, was eine unschuldige Seele für Gewalt über die Geister hat.
NICHTE für sich. Ach Gott! Nun wird er mich vorrufen; ich zittre und bebe! Wie schlecht werde ich meine Rolle spielen! Ich wollte, ich wäre weit von hier, ich hätte diesen Menschen niemals gesehen.
GRAF. Tritt herbei, schönes unschuldiges Kind! Ohne Furcht, ohne Sorge, tritt näher, mit einer holden Freude, daß du zu dem Glück auserlesen bist, wornach so viele sich sehnen.
DOMHERR. Was soll das geben?
RITTER. Was haben Sie vor?
GRAF. Wartet und merket auf!
Musik. Der Graf gibt ein Zeichen. Ein Dreifuß steigt aus dem Boden, auf welchem eine erleuchtete Kugel befestigt ist. Der Graf winkt der Nichte und hängt ihr den Schleier über, der ihn vorher bedeckt hat, doch so, daß ihr Gesicht frei bleibt; sie tritt hinter den Dreifuß. Bei dieser Pantomime legt der Graf sein gebieterisches Wesen ab; er zeigt sich sehr artig und gefällig, gewissermaßen ehrerbietig gegen sie. Die Kinder mit den Rauchfässern treten neben den Dreifuß. Der Graf steht zunächst der Nichte, die übrigen gruppieren sich mit Verstand. Die
Jünglinge stehen ganz vorn. Die Nichte sieht auf die Kugel, die Gesellschaft auf sie, mit der größten Aufmerksamkeit. Sie scheint einige Worte auszusprechen, sieht wieder auf die Kugel und biegt sich dann erstaunt, wie jemand, der was Unerwartetes sieht, zurück und bleibt in der Stellung stehen. Die Musik hört auf.
GRAF. Was siehst du, geliebte Tochter? Erschrick nicht, fasse dich! Wir sind bei dir, mein Kind!
RITTER. Was kann sie sehen? Was wird sie sagen?
DOMHERR. Still, sie spricht!
Nichte spricht einige Worte, aber leise, daß man sie nicht verstehen kann.
GRAF. Laut, meine Tochter, lauter, daß wir es alle verstehen!
NICHTE. Ich sehe Kerzen, helle brennende Kerzen in einem prächtigen Zimmer. Jetzt unterscheide ich chinesische Tapeten, vergoldetes Schnitzwerk, einen Kronleuchter. Viele Lichter blenden mich.
GRAF. Gewöhne dein Auge, sieh starr hin; was siehst du weiter? Ist niemand im Zimmer?
NICHTE. Hier! – Laßt mir Zeit – hier in dem Schimmer beim Kerzenlichte – am Tische sitzend – erblick ich eine Dame; sie schreibt, sie liest.
DOMHERR. Sag, kannst du sie erkennen? Wie sieht sie aus? Wer ist's? Verschweige nichts!
NICHTE. Ihr Gesicht kann ich nicht sehen; die ganze Gestalt schwankt vor meinen Augen wie ein Bild auf bewegtem Wasser.
MARQUISE für sich. Ganz vortrefflich spielt das gute Kind uns ihre Lektion vor.
MARQUIS für sich. Ich bewundere die Verstellung. Liebe Natur, wozu bist du nicht fähig!
NICHTE. Jetzt! jetzt! Ihr Kleid kann ich deutlicher sehen; himmelblau fällt es um ihren Sessel, und wie der Himmel ist es mit silbernen Sternen besät.
DOMHERR zur Marquise. Nun werde ich ganz glücklich! Es ist die geliebte Fürstin. Man sagte mir von diesem Kleide, blau mit silbernen Muschen, die den Augen des Kindes als Sterne erscheinen. Horch!
NICHTE. Was seh ich! Großer Meister, erhabener Kophta, entlaß mich! Ich sehe fürchterliche Dinge.
GRAF. Bleibe getrost und sprich: was siehst du?
NICHTE. Ich sehe zwei Geister hinter dem Stuhle; sie flüstern einer um den andern der Dame zu.
GRAF. Sind sie häßlich?
NICHTE. Sie sind nicht häßlich, aber mich schaudert's.
GRAF zum Domherrn. Diese Geister sprechen zum Vorteil eines Freundes. Kannst du die Dame erkennen? Kennst du den Freund?
DOMHERR ihm die Hand küssend. Du bist ewig meiner Dankbarkeit versichert!
NICHTE. Sie wird unruhig; das Flüstern der Geister hindert sie am Lesen, hindert sie am Schreiben; ungeduldig steht sie auf; die Geister sind weg. Sie wendet ihr Gesicht ab. Laßt mich einen Augenblick.
GRAF. Nur gelassen, meine Tochter! Wenn du wüßtest, unter welchem Schutze du stehst! Er unterstützt sie.
RITTER für sich. O wie sie liebenswürdig ist! Wie reizend in ihrer Unschuld! Nie hat mich ein Mädchen so gerührt. Nie hab ich eine solche Neigung empfunden! Wie sorge ich für das gute Kind! Gewiß, der Domherr, die Tante – das himmlische Wesen ahnet nicht, in welcher Gefahr sie schwebt! O wie gern möcht ich sie aufmerksam machen, sie retten, wenn ich mich auch ganz dabei vergessen sollte.
GRAF. Nimm dich zusammen, meine Taube, sieh hin; gewiß, du hast uns noch mehr zu offenbaren!
NICHTE auf die Kugel blickend. Sie tritt ans Kamin, sie blickt in den Spiegel! Ahi!
GRAF. Was ist dir?
NICHTE. Ahi!
MARQUISE. Was hast du?
NICHTE. Ach, in dem Spiegel steht der Domherr.
DOMHERR. Welche Glückseligkeit! Meister – ich – wie soll ich dir danken! Das tust du alles für mich!
NICHTE. Sie sieht hinein, sie lächelt; weg ist der Domherr, sie sieht sich selbst.
RITTER. Welche Wunderkraft! Welche Gaben!
NICHTE mit einem gefühlvollen freudigen Ausdruck. Ja nun! – Ich sehe alles nun deutlich, ich sehe die herrliche Schönheit, das liebenswürdige Gesicht. Wie ihm die Traurigkeit so schön steht, die sich über alle Züge verbreitet.
DOMHERR der bisher die Hände des Grafen gehalten und sie öfters geküßt. Unaussprechlich, unbeschreiblich beglückst du deinen Knecht!
NICHTE. Sie wird unruhig, das Zimmer scheint ihr zu enge, sie geht nach der Glastüre, sie will hinaus. Ach! Ach! –
GRAF. Ermanne dich! Nur noch einen Augenblick! Sieh noch einmal hin!
NICHTE verwirrt. Die Geister stehn ihr zur Seite. Sie öffnen die Türe, draußen ist's dunkel.
MARQUISE zum Domherrn. Sie geht dir entgegen.
DOMHERR. Ist's möglich!
MARQUISE. Du wirst's erfahren.
NICHTE. Ach! Sie fällt in Ohnmacht.
RITTER. O Gott! Helft ihr! Schont sie! Es ist unverzeihlich, daß Ihr sie nicht eher entlassen habt!
MARQUISE. Hier ist Salz.
Die Hauptpersonen drängen sich zu ihr, die Jünglinge treten aus dem Proscenio ins Theater, die Kinder furchtsam zu ihnen. Es macht alles eine schöne, aber wilde Gruppe.
GRAF. Überlaßt sie mir! Nur durch himmlischen Balsam kann sie erquickt werden.
Der Vorhang fällt.
Vierter Aufzug
Erster Auftritt
Zimmer der Nichte.
Die Nichte. Ein Mädchen.
NICHTE bei der Toilette. Ein Mädchen hilft ihr sich ankleiden und geht sodann in die Garderobe; sie kommt mit einem Bündel zurück und geht über das Theater. Was trägst du da? Was ist in dem Bündel?
MÄDCHEN. Es ist das Kleid, das Sie mir befahlen zum Schneider zu schaffen.
NICHTE. Gut. Daß ich es, wo möglich, morgen oder übermorgen wiederhabe.
Mädchen geht ab.
NICHTE. Nun bin ich angezogen, wie es meine Tante befohlen hat. – Was mag diese neue Mummerei bedeuten? – Wenn ich bedenke, was mir heute begegnet ist, so habe ich alles zu befürchten. Kaum erhole ich mich von jener schauderhaften Szene, so mutet man mir zu, mich umzukleiden, und wenn ich mich recht ansehe, so ist daß ungefähr, wie ich die Prinzessin beschrieben habe. Der Domherr liebt die Fürstin, und ich soll sie wohl gar vorstellen? In welche Hände bin ich geraten! Was hab ich zu erwarten? Welchen grausamen Gebrauch macht meine Tante von dem Vertrauen, das ich ihr zu voreilig hingab! Wehe mir! Ich sehe niemanden, an den ich mich wenden könnte. Die Gesinnungen des Marquis werden mir nun deutlicher. Es ist ein eitler, frecher, leichtsinniger Mann, der mich unglücklich gemacht hat und bald in mein Verderben willigen wird, um mich nur loszuwerden. Der Domherr ist ebenso gefährlich. Der Graf ein Betrüger. – – Ach, nur der Ritter wäre der Mann, an den ich mich wenden könnte. Seine Gestalt, sein Betragen, seine Gesinnungen zeichneten mir ihn im ersten Augenblicke als einen rechtschaffenen, einen zuverlässigen tätigen Jüngling; und wenn ich mich nicht irre, war ich ihm nicht gleichgültig. – Aber ach! betrogen durch die unverschämte Mummerei der Geisterszene, hält er mich für ein Geschöpf, das der größten Verehrung wert ist. Was soll ich ihm bekennen? Was soll ich ihm vertrauen? – – Es komme, wie es wolle, ich will es wagen! Was hab ich zu verlieren? Und bin ich nicht schon in diesen wenigen Stunden der Verzweiflung nahe gebracht? – Es entstehe, was wolle, ich muß ihm schreiben. Ich werde ihn sehen, mich ihm vertrauen; der edle Mann kann mich verdammen, aber nicht verstoßen! Er wird einen Schutzort für mich finden. Jedes Kloster, jede Pension soll mir ein angenehmer Aufenthalt werden. Sie spricht und schreibt.
»Ein unglückliches Mädchen, das Ihrer Hülfe bedarf und von dem Sie nicht übler denken müssen, weil sie Ihnen vertraut, bittet Sie morgen früh um eine Viertelstunde Gehör. Halten Sie sich in der Nähe, ich lasse Ihnen sagen, wenn ich allein bin. Die traurige Lage, in der ich mich befinde, nötigt mich zu diesem zweideutigen Schritt.«
So mag es sein! – – Der kleine Jäck ist mir wohl ein sichrer Bote. Sie geht an die Türe und ruft. Jäck!
Zweiter Auftritt
Nichte. Jäck.
NICHTE. Kleiner! weißt du des Ritters Greville Wohnung?
JÄCK. Ich bin oft dort gewesen.
NICHTE. Willst du mir wohl gleich ein Billett an ihn bestellen? Aber daß es niemand erfährt!
JÄCK. Recht gern! Was hab ich davon?
NICHTE indem sie ihm Geld reicht. Einen Laubtaler!
JÄCK der sich auf einem Fuß einigemal herumdreht. Ich habe Flügel.
NICHTE indem sie ihm das Billett gibt. Hier!
JÄCK. Das Geld wird bald verdient sein. Wahrscheinlich ist er in der Nähe. Um diese Zeit pflegt er in das Kaffeehaus an der Ecke zu kommen.
NICHTE. Das wäre schön. Nur vorsichtig!
JÄCK. Geben Sie nur. Verlassen Sie sich auf mich.
NICHTE. Du bist ein durchtriebener Schelm!
JÄCK. Ich bin zu brauchen, das weiß Ihre Tante.
Dritter Auftritt
NICHTE allein. Wie frech dieser Knabe ist! Wie abgerichtet! So sollt ich auch werden; und wäre sie langsamer zu Werke gegangen, sie hätte mich Schritt vor Schritt ins Verderben geführt. Glücklicherweise werd ich es gewahr und fühle noch soviel Kraft, mich zu retten. Geist meiner Mutter, steh mir bei! Ein Fehler riß mich aus dem gleichgültigen Zustande, in welchem ich sonst zwischen Tugend und Laster schlummerte. O möge dieser Fehler der erste Schritt zur Tugend sein!
Vierter Auftritt
Nichte. Marquise.
MARQUISE. Lassen Sie sehen, Nichte, wie finden Sie sich in das neue Kleid?
NICHTE. Nicht eben so ganz, als wenn es mein eigen wäre.
MARQUISE. Nun, nun, es geht schon! Es kleidet Sie alles.
NICHTE. Auch der Betrug, wie Sie heute gesehen haben.
MARQUISE. Wer wird solche Worte brauchen! Etwas an ihr zurechtrückend. So! es muß mehr an den Leib geschlossen sein, und diese Falte muß reicher fallen. Der Wagen wird bald kommen, und wir fahren heute noch aufs Land.
NICHTE. Noch heute?
MARQUISE. Ja, und Sie haben heute noch eine Rolle zu spielen.
NICHTE. Noch eine? Sie sind unbarmherzig, Tante. Die erste hat mir schon so viel Mühe gekostet, daß Sie mich mit der zweiten verschonen sollten.
MARQUISE. Eben deswegen, mein Kind. Noch diese und dann die dritte und vierte, und es wird Ihnen keine Mühe mehr kosten.
NICHTE. Ich fürchte, Sie finden mich nicht halb so fähig, als Sie glauben.
MARQUISE. Es kommt auf einen Versuch an. Diese Nacht werden Sie eine sehr geringe Rolle zu spielen haben.
NICHTE. In diesem prächtigen Kleide?
MARQUISE. Dem Inhalte nach, meine ich. Sie haben eine halb stumme Liebhaberin vorzustellen.
NICHTE. Wie verstehn Sie das?
MARQUISE. Ich bringe Sie in einen Garten, führe Sie in eine Laube, gebe Ihnen eine Rose, und Sie verweilen einen Augenblick. Es kommt ein Kavalier auf Sie zu, er wirft sich Ihnen zu Füßen, er bittet Sie um Vergebung, Sie geben einen unvernehmlichen Laut von sich: »Mein Herr!« – oder was Sie wollen; – er fährt fort, um Verzeihung zu bitten. »Stehn Sie auf!« versetzen Sie leise; er bittet um Ihre Hand als um ein Zeichen des Friedens. Sie reichen ihm Ihre Hand; er bedeckt sie mit tausend Küssen. »Stehn Sie auf!« sagen Sie alsdann, »entfernen Sie sich, man könnte uns überraschen!« Er zaudert; Sie stehen vom Sitze auf: »Entfernen Sie sich!« sagen Sie dringend und drücken ihm die Rose in die Hand. Er will Sie aufhalten. »Es kommt jemand!« lispeln Sie und eilen aus der Laube. Er will zum Abschiede einen Kuß wagen; Sie halten ihn zurück, drücken ihm die Hand und sagen sanft: »Wir sehn uns wieder!« und machen sich von ihm los.
NICHTE. Liebe Tante, verzeihen Sie mir, es ist eine schwere, eine gefährliche Aufgabe. Wer ist der Mann? Wen soll ich vorstellen? Wird die Nacht, werden die Umstände ihn nicht verwegner machen? Können Sie mich so aussetzen?
MARQUISE. Du bist sicher, mein Kind. Ich bin in der Nähe und werde nicht einen Augenblick verweilen, wenn ich diese letzten Worte höre. Ich trete herbei und verscheuche ihn.
NICHTE. Wie soll ich meine Rolle recht spielen, da ich nicht weiß, wen ich vorstelle?
MARQUISE. Betragen Sie sich edel, sprechen Sie leise; das übrige wird die Nacht tun.
NICHTE. Welch einen Argwohn erregt mir das blaue Kleid, diese silbernen Muschen!
MARQUISE. Nun gut, wenn Sie es denn vermuten, wenn Sie es erraten. Sie stellen die Prinzessin vor, und der Kavalier wird der Domherr sein.
NICHTE. Liebe Tante, wie können Sie einem unglücklichen verlassenen Mädchen solch eine sonderbare Unternehmung zumuten! Ich begreife den Zusammenhang nicht, ich sehe nicht, was es Ihnen nutzen kann; aber bedenken Sie, daß es kein Scherz ist. Wie hart würde einer gestraft, der die Hand des Fürsten in irgendeiner Unterschrift nachahmte, der das Bild seines Königes auf ein unechtes Metall zu prägen sich unterfinge? Und ich soll, wissentlich, mein armseliges Selbst für die geheiligte Person einer Fürstin geben, soll mit erlogenen Zügen, durch erborgte Kleider die äußere Gestalt jener erhabenen Person nachäffen und durch mein Betragen in ebendem Augenblick die edle Sittlichkeit schänden, die den Charakter dieser großen Fürstin macht? Ich schelte mich selbst, ich bin zu bestrafen, bin zu verdammen. Haben Sie Mitleid mit mir! denn Sie werden mich nicht retten, wenn man mich verurteilt. Wollen Sie mich zu einer Verbrecherin machen, weil ich Ihnen einen Fehler eingestand?
MARQUISE. Es ist nicht zu ändern.
NICHTE bittend. Meine Tante!
MARQUISE gebieterisch. Meine Nichte! – Sobald der Wagen da ist, erfahren Sie es; werfen Sie dann Ihren Mantel um und folgen Sie mir.
NICHTE. Ich wünschte –
MARQUISE. Sie wissen, was zu tun ist; es kann nichts abgeändert werden.
Fünfter Auftritt
Nichte, nachher Jäck.
NICHTE. So war mein Argwohn auf dem rechten Wege! Es ist gewiß, was ich fürchtete. Sie will mich dem Domherrn auf eine oder die andere Weise in die Hände liefern, und vielleicht ist der Marquis selbst mit ihr einig. Von solchen Menschen läßt sich alles erwarten, und desto besser habe ich getan, mich an den Ritter zu wenden. Ich werde mich heute schon zu betragen wissen, und morgen, wenn ich mich in ihm nicht betrogen habe –
JÄCK in der Türe. Ist sie weg?
NICHTE. Nur herein!
JÄCK. Wie gesagt, so getan!
NICHTE. Was bringst du?
JÄCK. Hier ein Blättchen! Indem er ihr ein Billett gibt und sich dann im Sprunge herumdreht. Und noch einen Laubtaler vom Ritter für meine Mühe. Brauchen Sie mich ferner zum Kurier.
NICHTE. Wo hast du ihn angetroffen?
JÄCK. Im Kaffeehause gegenüber, wie ich sagte.
NICHTE. Sagte er was zu dir?
JÄCK. Er fragte, ob Sie zu Hause, ob Sie allein seien? – Ich muß sehen, was es gibt; ich höre, die gnädige Frau fährt aus.
Sechster Auftritt
Nichte, nachher der Ritter.
NICHTE das Billett lesend. »Ich weiß Ihr Vertrauen zu schätzen und freue mich unendlich darüber. Schon habe ich Sie im stillen beklagt; in wenig Minuten bin ich bei Ihnen« –
O Gott, was will das heißen?
»Bis morgen früh kann ich meiner Ungeduld nicht gebieten. In Ihrem Quartier hab ich eine Zeitlang gewohnt und besitze noch durch einen Zufall den Hauptschlüssel. Ich eile nach Ihrer Garderobe; sein Sie ohne Sorgen, es soll mich niemand entdecken, und verlassen Sie sich in jedem Sinn auf meine Diskretion.«
Ich bin in der entsetzlichsten Verlegenheit! Er wird mich in diesen Kleidern finden! Was soll ich sagen?
RITTER der aus der Garderobe tritt. Sie verzeihen, daß ich eile; wie hätt ich diese Nacht ruhig schlafen können?
NICHTE. Mein Herr –
RITTER sie scharf ansehend. Wie find ich Sie verändert? Welcher Aufputz! Welche sonderbare Kleidung! Was soll ich dazu sagen?
NICHTE. O mein Herr! ich hatte Sie jetzt nicht vermutet. Entfernen Sie sich, eilen Sie! Meine Tante erwartet mich diesen Augenblick. Morgen früh –
RITTER. Morgen früh wollen Sie mir vertrauen, und heute nicht?
NICHTE. Ich höre jemand kommen, man wird mich rufen.
RITTER. Ich gehe, sagen Sie nur: was stellt das Kleid vor?
NICHTE. O Gott!
RITTER. Was kann das für ein Vertrauen sein, wenn Sie mir diese Kleinigkeit verschweigen?
NICHTE. Alles Vertrauen hab ich zu Ihnen, nur – das ist nicht mein Geheimnis. Dieses Kleid –
RITTER. Dieses Kleid ist mir merkwürdig genug. Einigemal hat sich die Prinzessin in einem solchen Kleide sehen lassen. Selbst heute haben Ihnen die Geister die Fürstin in diesem Kleide gezeigt, und nun find ich Sie –
NICHTE. Rechnen Sie mir diese Maskerade nicht zu.
RITTER. Welche entsetzliche Vermutungen?
NICHTE. Sie sind wahr.
RITTER. Die Geisterszene?
NICHTE. War Betrug.
RITTER. Die Erscheinungen?
NICHTE. Abgeredet.
RITTER. O ich Unglücklicher! O hätten Sie mir ewig geschwiegen! Hätten Sie mir den süßen Irrtum gelassen! Sie zerstören mir den angenehmsten Wahn meines Lebens!
NICHTE. Ich habe Sie nicht berufen, Ihnen zu schmeicheln, sondern Sie als einen edeln Mann um Rettung und Hülfe anzuflehn. Eilen Sie, entfernen Sie sich! Wir sehen uns morgen wieder. Verschmähen Sie nicht ein unglückliches Geschöpf, das nach Ihnen wie nach einem Schutzgott hinaufsieht!
RITTER. Ich bin verloren! Auf ewig zugrunde gerichtet! Wüßten Sie, was Sie in diesem Augenblick mir geraubt haben, so würden Sie zittern; Sie würden mich nicht um Mitleid anflehn. Ich habe kein Mitleid mehr! Den Glauben an mich selbst und an andre, an Tugend, Unschuld, an jede Größe und Liebenswürdigkeit haben Sie mir entrissen. Ich habe kein Interesse mehr, und Sie verlangen, daß ich es an Ihnen nehmen soll? Meine Zutraulichkeit ist auf das schändlichste mißhandelt worden, und Sie wollen, daß ich Ihnen trauen soll? Ihnen, einer doppelten, dreifachen Schauspielerin? Welch ein Glück, daß ich diesen Abend hieher kam und Ihnen nicht Zeit ließ, sich vorzubereiten, die Maske anzulegen, mit der Sie auch mich zu hintergehen dachten!
NICHTE. Ich bin ganz unglücklich! Eilen Sie! Entfernen Sie sich! Man kommt!
RITTER. Ich gehe, Sie nie wiederzusehen!
Siebenter Auftritt
Die Nichte. Der Marquis.
MARQUIS halb in der Türe. Sind Sie allein, Nichte? Nur ein Wort!
NICHTE indem der Marquis wieder zur Tür hinaussieht, betrachtet sie sich geschwind im Spiegel. Ich sehe verweint, verworren aus! Was werd ich sagen?
MARQUIS sie umarmend und fest an sich drückend. Süßes, holdes Geschöpf!
NICHTE ihn zurückhaltend. Um Gottes willen, Marquis!
MARQUIS. Wir sind allein, fürchten Sie nichts!
NICHTE sich von ihm losmachend. Die Marquise erwartet mich.
Beiseite. Wenn der Ritter noch da wäre!
MARQUIS. Was haben Sie? Sie sehen ganz verstört aus.
NICHTE. Ach Gott! Die Zumutungen meiner Tante –
MARQUIS. Du dauerst mich, liebes Kind; aber ich will dich retten.
NICHTE. Sie wissen doch, heute nacht soll ich die Rolle der Prinzessin spielen. Es ist erschrecklich! Kommen Sie! Sie sieht sich inzwischen furchtsam nach der Garderobetür um.
MARQUIS. Bleiben Sie, bleiben Sie, eben deswegen bin ich hier! Spielen Sie heute nacht Ihre Rolle nur gut, Sie haben nichts zu besorgen.
NICHTE. So lassen Sie uns gehen.
MARQUIS. Nein doch; ich wollte Ihnen sagen –
NICHTE. Dazu ist's morgen Zeit.
MARQUIS. Keineswegs! Sie scheinen diese Abenteuer weniger zu fürchten, als Sie sollten.
NICHTE wie oben. Ich bin in der größten Verlegenheit!
MARQUIS. Es steht Ihnen noch etwas Seltsames diese Nacht bevor, an das Sie nicht denken.
NICHTE. Was denn? Sie erschrecken mich!
MARQUIS. Daß Sie mit mir wegreisen werden.
NICHTE. Mit Ihnen?
MARQUIS. Und das sagen Sie mit einer Art von Widerwillen?
NICHTE. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
MARQUIS. Ich werde Sie leicht aufklären. Die Maskerade, zu der Sie angezogen sind, ist nicht ein bloßer Scherz. Meine Frau hat im Namen der Prinzessin den Domherrn um einen wichtigen Dienst ersucht, und Sie sollen die Dankbarkeit der Fürstin gegen den betrogenen Mann ausdrücken.
NICHTE wie oben in Verlegenheit. Ich soll ihm eine Rose geben.
MARQUIS. Eine würdige Belohnung für einen solchen Dienst! Denn zu nichts Geringerem hat sich die blinde Leidenschaft des Domherrn bereden lassen, als das schöne Halsband von den Hofjuwelieren zu kaufen.
NICHTE. Das Halsband?
MARQUIS. Das wir gestern so sehr bewunderten, als wir diesen Ring kauften.
NICHTE. Es ist nicht möglich!
MARQUIS. So gewiß, daß ich schon einen Teil davon in der Tasche habe.
NICHTE. Sie? Was soll das heißen? – Man könnte horchen.
MARQUIS. So treten Sie hieher! Er nähert sich der Garderobe. Ja, mein Kind! Der Domherr besaß es kaum eine Viertelstunde; gleich war es in den Händen meiner Frau, um es der Prinzessin noch heute abend zu überliefern. Wie glücklich war das Weib in diesem Augenblick, und ich nicht weniger! Unbarmherzig brach sie die schöne Arbeit voneinander; es tat mir im Herzen weh, den kostbaren Schmuck so zerstört zu sehen, und ich konnte nur durch das herrliche Paketchen getröstet werden, das sie mir zu meiner Reise zubereitete. Ich habe wenigstens für hunderttausend Livres Steine in der Tasche. Ich geh noch heute nach England ab, mache dort alles zu Gelde, schaffe Silbergeschirr und Kostbarkeiten in Menge.
NICHTE welche bisher die größte Verlegenheit verborgen. Welche gefährliche Unternehmung!
MARQUIS. Wir müssen jetzt nicht sorgen, sondern wagen.
NICHTE. Ich wünsche Ihnen Glück!
MARQUIS. Nein, du sollst es mir bringen! Du sollst und mußt meine Reisegefährtin sein.
NICHTE. Sie wollen mich dieser Gefahr aussetzen?
MARQUIS. Die Gefahr ist weit größer, wenn du zurückbleibst. Meine Frau ist verwegen genug, das Märchen, solang es nur gehen will, durchzuspielen. – Bis der erste Zahlungstermin kommt, ja noch weiter, ist sie ziemlich sicher. Indes kann ich dich nicht hier lassen.
NICHTE. Bedenken Sie –
MARQUIS. Ich weiß nicht, wie ich dein Betragen erklären soll. Wär es möglich, daß man mir schon dein Herz entwendet hätte? – Nein, es ist nicht möglich! Du bist verlegen, aber nicht verändert. Laß dich nicht etwa den anscheinenden Reichtum des Domherrn blenden; wir sind jetzt reicher als er, der in kurzem sich in der größten Verlegenheit sehen wird. Ich habe alles genau berechnet. Du magst heute nacht die Person der Prinzessin noch vorstellen. – Es ist die Absicht meiner Frau, daß ich euch hinausbegleiten und dann gleich weiterfahren soll. Ich nehme deswegen einen besondern Wagen. Ist die Szene vorbei, so erkläre ich der Marquise kurz und gut, daß du mich begleitest. Du magst ein wenig widerstehen, ich führe dich mit Gewalt weg. Lärm darf sie nicht machen, aus Furcht, daß alles verraten wird. – Du hörst nicht zu; was ist dir?
NICHTE. Verzeihen Sie mir – dieser Vorschlag – Ich bin verwirrt – ich verstumme! Bedenken Sie, in welcher Lage wir die Tante zurücklassen!
MARQUIS. Sie wird sich schon helfen, sie ist klug genug. Sie hat diese Sache so weit gebracht, und wir verderben ihr nichts an ihrem Plan. Genug, ich will, ich kann dich nicht entbehren, und wenn du je an meiner Liebe zweifeltest, so siehst du nun, wie heftig sie ist. Ich werde dich nicht hier lassen, so vielen Nachstellungen, so vielen Gefahren ausgesetzt; nicht acht Tage, so hab ich dich verloren. Die unsinnige Leidenschaft des Domherrn zur Fürstin hält ihn nicht von andern Liebeshändeln zurück. Nur wenige Tage, und du wirst unter dem Schleier seine Gebieterin und ohne Schleier sein gehorsamstes Liebchen sein. Komm! – So hab ich es beschlossen, und davon laß ich nicht ab. Er umarmt sie. Du bist mein geworden, und niemand soll dich mir rauben! Meine Frau war mir niemals hinderlich, und wenn sie die Steine glücklich davonbringt, wird sie uns gern verzeihen. – Wie ist dir? Du bist nicht bei dir!
NICHTE. Es ist um mich geschehen! Führen Sie mich, wohin Sie wollen.
MARQUIS. Wisse nur, es ist schon alles richtig. Unter einem andern Vorwande habe ich von deinem Kammermädchen nur das Notwendigste zusammenpacken lassen. Es kommt auf wenige Tage an, so sind wir neu und besser als jemals gekleidet. Wir wollen uns nicht mit alter Trödelware beschweren. Er führt die Nichte ab, die ihm trostlos folgt und nochmals zurück nach der Garderobetür sieht.
Achter Auftritt
DER RITTER der aus dem Kabinett hervorgeht. Was hab ich gehört, und in welchen Abgrund von Verräterei und Nichtswürdigkeit hab ich hineingeblickt! Niemals konnte ich diese Menschen achten, mit denen ich leben mußte! Oft waren sie mir verdächtig; aber wenn man sie bei mir solcher verruchten Handlungen wegen angeklagt hätte, ich hätte sie gegen jedermann in Schutz genommen. Nun versteh ich dich, schöne Verführerin, warum du mich erst morgen früh sehen wolltest! Gewiß war es ihr bekannt, daß der Marquis heute nacht verreisen solle; aber daß er sie zwingen würde, mit ihm zu gehen, dachte sie nicht. Sie glaubte gewiß, seine Neigung zu ihr sei erschöpft, wie ihre Neigung zu ihm. O die Abscheuliche! Diese Unschuld zu heucheln! – Wie ein himmlischer Geist stand sie vor uns, und die reinsten Wesen schienen durch ihren Mund zu sprechen, indes sie, eines Liebhabers überdrüssig, sich nach andern umsieht und über die Zauberkugel weg nach den betrogenen Männern schielt, die sie als ein himmlisches Wesen anbeten. Wie soll ich das alles zurechtlegen, was ich gehört habe? Was soll ich tun? Der Graf und die Marquise spinnen den unerhörtesten Betrug an. Um ihren ungeheuern Plan durchzuführen, wagen sie es, den Namen einer vortrefflichen Fürstin zu mißbrauchen, ja sogar ihre Gestalt in einem schändlichen Possenspiel nachzuäffen. Früher oder später wird sich's entdecken, und die Sache endige sich, wie sie wolle, so muß sie dem Fürsten und der Fürstin höchst unangenehm sein. Es leidet keinen Aufschub. – Soll ich hingehen und dem betrogenen Domherrn die Augen eröffnen? Noch wäre es möglich, ihn zu retten! Das Halsband ist zerstückt; aber noch ist der Marquis hier, man kann sie festhalten, ihnen den Schmuck abnehmen, die Betrüger beschämen und sie in der Stille verjagen. – Gut, ich gehe. – Doch halt! Das tu ich um des kalten, eigennützigen Weltmannes willen? Er wird mir danken und für die Rettung aus der ungeheuren Gefahr mir seine Protektion versprechen, mir eine ansehnliche Charge zusichern, sobald er sich wieder würde in Gunst gesetzt haben. Diese Erfahrung macht ihn nicht klug; er wird dem ersten besten Betrüger sich wieder in die Hände geben, sich immer leidenschaftlich, ohne Sinn, Verstand und ohne Folge betragen; wird mich als einen Schmarotzer in seinem Hause dulden; wird bekennen, daß er mir Verbindlichkeiten habe, und ich werde vergebens auf eine reelle Unterstützung warten, da es ihm, ungeachtet seiner schönen Einnahme, immer an barem Gelde fehlt. – – Geht nachdenkend auf und nieder. Törichter, beschränkter Mensch! Und du siehst nicht ein, daß sich hier der Weg zu deinem Glücke öffnet, den du so oft vergebens gesucht hast? Mit Recht hat dich heute der Domherr als einen Schüler verlacht, mit Recht der Graf deine Gutmütigkeit auf eine verruchte Weise mißbraucht! Du verdientest jene Lektion, da du nicht einmal durch sie klüger geworden bist. – Sie glaubten nicht, dich zu ihrem Verderben zu unterrichten. – Wohl, so soll es sein! Ich eile zu dem Minister. Er ist eben auf dem Landhause, wohin diese Betrüger zusammen in die Falle gehen. Sie sind keiner Schonung wert! Es ist eine Wohltat fürs menschliche Geschlecht, wenn sie nach Verdienst gestraft werden, wenn man sie außerstand setzt, ihre Künste weiter fort zu treiben. Ich eile; der Moment ist entscheidend! Werden sie über der Tat ergriffen, so ist alles bewiesen. Die Steine, die der Marquis in der Tasche hat, zeugen wider ihn; es hängt von dem Fürsten ab, die Schuldigen zu behandeln, wie es ihm recht dünkt, und ich werde mit leeren Versprechungen gewiß nicht hingehalten. Ich sehe mein Glück mit dem Anbruche des Tages hervortreten! Hier ist nicht ein Augenblick zu säumen! Fort! Fort!
Fünfter Aufzug
Erster Auftritt
Nacht.
Ein Lustgarten. Rechter Hand der Schauspieler eine Laube.
Der Graf. La Fleur.
LA FLEUR. Ich höre noch niemand. Es rührt sich nichts im ganzen Garten. Ich bin recht verlegen. Ich habe doch gewiß recht gehört.
DER GRAF mit anmaßlicher Bedeutung. Du hast recht gehört.
LA FLEUR. Nun, wenn Sie es selbst wissen, so ist es desto besser; denn Sie können versichert sein, daß ich immer die Wahrheit sage. Um diese Stunde wollte meine Herrschaft hier in diesem Garten sein. Ich weiß nicht, was sie vorhaben. Mit vier Pferden sind sie vor uns weggefahren, und ihr Wagen wird an der kleinen Tür stillhalten. Ich habe Sie deswegen an der andern Seite aussteigen lassen. Ich vermute, der Domherr ist auch hierher bestellt.
GRAF wie oben. Warte! Er hält seinen kleinen Finger ans Ohr. Dieser Ring sagt mir, daß du gewissermaßen wahr redest.
LA FLEUR. Gewissermaßen?
GRAF. Ja. Das heißt: insoferne du es selbst wissen kannst. Ich bin nicht allwissend; aber dieser Ring sagt mir immer: ob die Menschen lügen oder ob sie sich irren.
LA FLEUR. Wenn ich Ihnen raten sollte – doch Sie wissen schon, was das Beste ist.
GRAF. Sprich nur! ich will schon sehn, ob du mir das Beste rätst.
LA FLEUR. Ich dächte, wir gingen sachte diese dunkle Allee hinauf und horchten immer im Gehen, ob wir nicht irgend etwas kommen oder lispeln hören.
GRAF. Ganz recht. Geh nur voraus und horche, ob der Weg sicher ist.
Zweiter Auftritt
DER GRAF allein. Ich begreif es nicht – und nach allen Umständen, die dieser Mensch angibt, ist es höchst wahrscheinlich. Die Marquise bestellt den Domherrn hier heraus; wär es möglich, daß es ihr gelungen wäre, die Prinzessin zu gewinnen? was ich immer für ein albernes Unternehmen, was ich für Lüge und Trug hielt. – Wenn ihr das gelingt, was soll dann dem Menschen nicht gelingen! Er geht von der linken Seite im Grunde ab.
Dritter Auftritt
Der Ritter. Der Oberst der Schweizergarde. Sechs Schweizer kommen von der linken Seite aus den vordern Kulissen.
OBERST der zuletzt herauskommt, nach der Szene. Hier bleibt versteckt und rührt euch nicht eher, es mag sich zutragen, was will, bis ihr Waldhörner hört. In dem Augenblick, da sie stillschweigen, fallt zu und nehmt gefangen, wen ihr im Garten findet. Zu den Schweizern, die auf dem Theater stehn. Ihr gebt auf das nämliche Signal acht. Viere verbergen sich bei der großen Pforte; laßt herein, es komme, wer will, aber niemanden hinaus.
EIN SCHWEIZER. Herein mögen sie kommen, hinaus soll keiner.
DER OBERST. Und wer hinaus will, den haltet fest.
SCHWEIZER. Wir wollen schon wacker anfassen.
OBERST. Und wenn die Waldhörner schweigen, so bringt hierher, wen ihr etwa angehalten habt. Zwei aber halten die Pforte besetzt.
SCHWEIZER. Ja, Herr Obrist. Ich und mein Kamrad bringen Euch die Gefangenen, und der Michel und der Dusle bleiben bei der Pforte, daß nicht etwa ein anderer hinausschlupfet.
OBERST. Geht nur, Kinder, geht, so ist's recht!
Die vier Schweizer gehen ab.
OBERST. Ihr beiden tretet etwa zehn Schritte von hier ins Gebüsch; das übrige wißt ihr.
SCHWEIZER. Gut.
OBERST. So, Ritter, wären unsre Posten alle besetzt. Ich zweifle, daß uns einer entgeht. Wenn ich sagen soll, so glaub ich, wir werden hier auf diesem Platze den besten Fang tun.
RITTER. Wieso, Herr Oberst?
OBERST. Da von Liebeshändeln die Rede ist, so werden sie dieses Plätzchen gewiß aussuchen. In dem übrigen Garten sind die Alleen zu gerade, die Plätze zu licht; dieses Buschwerk, diese Lauben sind für die Schalkheiten der Liebe dicht genug zusammengewachsen.
RITTER. Ich bin recht in Sorgen, bis alles vorüber ist.
OBERST. Unter solchen Umständen sollt es einem Soldaten erst recht wohl werden.
RITTER. Ich wollte als Soldat lieber an einem gefährlichen Posten stehn. Sie werden mir es nicht verdenken, daß es mir bang um das Schicksal dieser Menschen ist, wenn sie gleich nichtswürdig genug sind und meine Absicht ganz löblich war.
OBERST. Sein Sie ruhig! Ich habe Befehl vom Fürsten und vom Minister, die Sache in der Kürze abzutun; man verläßt sich auf mich. Und der Fürst hat sehr recht. Denn wenn es Händel gibt, wenn die Geschichte Aufsehn macht, so denken doch die Menschen von der Sache, was sie wollen, und es ist also immer besser, man tut sie im stillen ab. Desto größer wird auch Ihr Verdienst, lieber junger Mann, das gewiß nicht unbelohnt bleiben wird. Mich dünkt, ich höre was; lassen Sie uns beiseite treten.
Vierter Auftritt
Die Marquise. Der Marquis. Die Nichte.
DIE MARQUISE zum Marquis, der nur eben heraustritt. Bleiben Sie nur immer in diesem Gebüsch und halten Sie sich still. Ich trete gleich wieder zu Ihnen.
Der Marquis tritt zurück.
MARQUISE. Hier, liebes Kind, ist die Laube, hier ist die Rose; das übrige wissen Sie.
NICHTE. O liebste Tante, verlassen Sie mich nicht! Handeln Sie menschlich mit mir; bedenken Sie, was ich Ihnen zuliebe tue, was ich Ihnen zu Gefallen wage!
MARQUISE. Wir sind bei Ihnen, mein Kind; nur Mut! Es ist keine Gefahr, in fünf Minuten ist alles vorüber. Die Marquise tritt ab.
NICHTE allein. O Gott, was hilft es, daß eine tiefe Nacht die Schuld bedeckt? Der Tag bewillkommt eine jede gute Tat, die im stillen geschah, und zeigt ein ernstes fürchterliches Gesicht dem Verbrecher.
Fünfter Auftritt
Die Nichte. Der Domherr.
Die Nichte setzt sich in die Laube und hält die Rose in der Hand.
DER DOMHERR der von der entgegengesetzten Seite aus dem Grunde des Theaters hervorkommt. Eine tiefe Stille weissagt mir meine nahe Glückseligkeit. Ich vernehme keinen Laut in diesen Gärten, die sonst durch die Gunst des Fürsten allen Spaziergängern offenstehn und bei schönen Abenden oft von einem einsamen unglücklich Liebenden, öfter von einem glücklichen frohen Paar besucht werden. O ich danke dir, himmlisches Licht, daß du dich heute in einen stillen Schleier hülltest! Du erfreuest mich, rauher Wind, du drohende trübe Regenwolke, daß ihr die leichtsinnigen Gesellschaften verscheuchet, die in diesen Gängen oft umsonst hin und wider schwärmen, die Lauben mit Gelächter füllen und ohne eigenen Genuß andere an den süßesten Vergnügungen stören. O ihr schönen Bäume, wie scheint ihr mir seit den wenigen Sommern gewachsen, seit mich der traurige Bann von euch entfernte! Ich seh euch nun wieder, seh euch mit den schönsten Hoffnungen wieder, und meine Träume, die mich einst in euern jungen Schatten beschäftigten, werden nunmehr erfüllt. Ich bin der glücklichste von allen Sterblichen.
MARQUISE die leise zu ihm tritt. Sind Sie es, Domherr? Nähern Sie sich, nähern Sie sich Ihrem Glück! Sehn Sie dort in der Laube?
DOMHERR. O ich bin auf dem Gipfel der Seligkeit!
Die Marquise tritt zurück.
DER DOMHERR tritt an die Laube und wirft sich der Nichte zu Füßen. Anbetungswürdige Sterbliche, erste der Frauen! Lassen Sie mich zu Ihren Füßen verstummen, lassen Sie mich auf dieser Hand meinen Dank, mein Leben aushauchen.
NICHTE. Mein Herr –
DOMHERR. Öffnen Sie mir nicht Ihre Lippen, Göttliche! es ist an Ihrer Gegenwart genug. Verschwinden Sie mir wieder, ich habe jahrelang an diesem glücklichen Augenblicke zu genießen. Die Welt ist voll von Ihrer Vortrefflichkeit; Ihre Schönheit, Ihr Verstand, Ihre Tugend entzückt alle Menschen. Sie sind wie eine Gottheit; niemand naht sich ihr, als um sie anzubeten, als um das Unmögliche von ihr zu bitten. Und so bin ich auch hier, meine Fürstin –
NICHTE. O stehn Sie auf, mein Herr –
DOMHERR. Unterbrechen Sie mich nicht. So bin ich auch hier, aber nicht um zu bitten, sondern um zu danken, für das göttliche Wunder zu danken, womit Sie mein Leben retteten.
NICHTE indem sie aufsteht. Es ist genug!
DOMHERR kniend und sie zurückhaltend. Jawohl, der Worte genug, der Worte schon zuviel! Vergeben Sie! Die Götter selbst verzeihen, wenn wir mit Worten umständlich bitten, ob sie gleich unsre Bedürfnisse, unsre Wünsche lange schon kennen. Vergeben Sie meinen Worten! Was hat der arme Mensch Bessers als Worte, wenn er das hingeben möchte, was ihm ganz zugehört. Sie geben den Menschen viel, erhabene Fürstin; kein Tag, der nicht durch Wohltaten ausgezeichnet wäre; aber ich darf mir in diesem glücklichen Augenblicke sagen, daß ich der einzige bin, der Ihre Huld in diesem Grade erfährt, der sich sagen kann: Sie bezeigt dir Vergebung auf eine Weise, die dich höher erhebt, als du jemals tief fallen konntest. Sie kündigt dir ihre Gnade an auf eine Art, die dir ein ewiges Pfand dieser Gesinnungen ist; sie macht dein Glück, sie befestigt's, sie verewigt's, alles in einem Augenblick.
DIE NICHTE macht eine Bewegung vorwärts, die den Domherrn nötigt, aufzustehn. Entfernen Sie sich; man kommt! Wir sehn uns wieder. Sie hat ihm, indem er aufstand, die Hand gereicht und läßt ihm, da sie sich zurückzieht, die Rose in den Händen.
DOMHERR. Ja nun will ich eilen, ich will scheiden, will dem brennenden Verlangen widerstehn, das mich zur größten Verwegenheit treibt. Er naht sich ihr mit Heftigkeit und tritt gleich wieder zurück. Nein, befürchten Sie nichts! Ich gehe, aber lassen Sie mich es aussprechen, denn es hängt doch nur mein künftiges Leben von Ihren Winken ab. Ich darf alles bekennen, weil ich Macht genug über mich selbst habe, diesem glücklichen Augenblick hier gleichsam zu trotzen. Verbannen Sie mich auf ewig von Ihrem Angesicht, wenn Sie mir die Hoffnung nehmen, jemals in diesen Armen von allen verdienten und unverdienten Qualen auszuruhn. Sagen Sie ein Wort. Sie bei der Hand fassend.
NICHTE ihm die Hände drückend. Alles, alles, nur jetzt verlassen Sie mich!
DOMHERR auf ihren Händen ruhend. Sie machen mich zum glücklichsten Menschen, gebieten Sie unumschränkt über mich.
Es lassen sich in der Ferne zwei Waldhörner hören, die eine höchst angenehme Kadenz miteinander ausführen. Der Domherr ruht indessen auf den Händen der Nichte.
Sechster Auftritt
Die Vorigen. Die Marquise. Der Marquis, hernach der Oberste der Schweizergarde. Schweizer.
MARQUISE zwischen die beiden hineintretend. Eilen Sie, mein Freund, entfernen Sie sich; ich habe ein Geräusch gehört, Sie sind keinen Augenblick sicher. Man könnte die Prinzessin im Schlosse vermissen; eilen Sie, wir müssen weg.
DOMHERR sich losreißend. Ich muß, ich will hinweg. Leben Sie wohl, lassen Sie mich keine Ewigkeit schmachten. Er geht sachte nach der linken Seite des Grundes.
MARQUISE. Nun folgen Sie mir, Nichte. Leben Sie wohl, Marquis, machen Sie Ihre Sachen gut, Sie sollen Ihre Frau – Ihre Freundin bald wiedersehn. Umarmen Sie ihn zum Abschied, Nichte.
DER MARQUIS umarmt die Nichte und zieht sie auf seine Seite herüber. Hierher, schönes Kind, kommen Sie mit mir; vor jener Türe steht mein Wagen.
DIE NICHTE zaudernd. O Gott, was will das werden!
MARQUISE nach der Nichte greifend. Was heißt das, Marquis? Sind Sie toll?
MARQUIS. Machen Sie keinen Lärm; das Mädchen ist mein. Lassen Sie mir dieses Geschöpf, in das ich rasend verliebt bin, und ich verspreche Ihnen dagegen, alles treulich auszurichten, was Sie mir aufgetragen haben. Ich gehe nach England, besorge Ihre Geschäfte, wir erwarten Sie dort und wollen Sie wohl und redlich empfangen; aber lassen Sie mir das Mädchen.
MARQUISE. Es ist nicht möglich! Folgen Sie mir, Nichte. Was sagen Sie zu der Verwegenheit meines Mannes? Reden Sie! Sind Sie mit ihm einverstanden?
NICHTE zaudernd. Meine Tante –
MARQUIS sie fortziehend. Gestehn Sie es ihr, keine Verstellung! Es ist abgeredet! Kommen Sie! Keinen Widerstand, oder ich mache Lärm und bin in diesem Augenblicke meiner Verzweiflung fähig, uns alle zu verraten.
MARQUISE. Entsetzlich! Entsetzlich! Ich bin zugrunde gerichtet.
Die Waldhörner schweigen auf einmal, nachdem sie ein lebhaftes Stück geblasen.
DER OBERSTE der den Domherrn zurückbringt und dem zwei Schweizer folgen. Hierher, mein Herr, hierher!
DOMHERR. Was unterstehn Sie sich? Dieser Spaziergang ist einem jeden freigegeben.
OBERSTER. Jedem Spaziergänger, nicht dem Verbrecher! Sie entkommen nicht; geben Sie sich gutwillig.
DOMHERR. Glauben Sie, daß ich unbewaffnet bin? Er greift in die Tasche und zieht ein Terzerol hervor.
OBERSTER. Stecken Sie Ihr Terzerol ein. Sie können nach mir schießen; aus dem Garten kommen Sie nicht. Alle Zugänge sind besetzt. Es kommt niemand hinaus. Ergeben Sie sich in das Schicksal, dem Sie mutwillig entgegenrannten.
MARQUISE die indessen aufmerksam geworden ist und gehorcht hat. Welch ein neuer, unerwarteter Auftritt! Kommt auf diese Seite. Wenn wir nicht einig sind, gehen wir miteinander zugrunde.
Die Marquise, der Marquis, die Nichte wollen sich auf die Seite zurückziehn, wo sie hereingekommen sind; es treten ihnen zwei Schweizer in den Weg.
MARQUISE. Wir sind zugrunde gerichtet!
MARQUIS. Wir sind verraten!
NICHTE. Ich bin verloren!
DOMHERR der in diesem Augenblick neben die Nichte zu stehen kommt. O Gott!
OBERSTER. Niemand gehe von der Stelle! Sie sind alle meine Gefangenen.
DOMHERR auf die Nichte deutend. Auch diese?
OBERSTER. Gewiß!
DOMHERR. Mein Unglück ist so groß, daß ich es in diesem Augenblick nicht überdenken kann.
OBERSTER. Nicht so groß als Ihre Unbesonnenheit!
DOMHERR. Ich will jeden Vorwurf ertragen, alles, was mir eine beleidigte Gerechtigkeit von Strafen auferlegen kann; ich folge Ihnen, schleppen Sie mich in einen Kerker, wenn es Ihnen befohlen ist: nur verehren Sie dies überirdische Wesen! Verbergen Sie, was Sie gesehen haben, leugnen Sie, erfinden Sie. Sie tun dem Fürsten einen größern Dienst als mit der traurigen, schrecklichen Wahrheit, daß seine Tochter, seine einzig geliebte Tochter –
OBERSTER. Ich kenne meine Pflicht. Ich sehe hier nur meine Gefangenen; ich kenne nur meine Ordre und werde sie vollziehn.
MARQUISE. Wohin!
MARQUIS. O warum mußt ich mit hieherkommen!
NICHTE. Meine Furcht war gegründet!
DOMHERR. So bin ich denn der unglücklichste aller Menschen! Was hat man im Sinn? Ist's möglich! Was kann der Fürst gegen das Liebste beginnen, das er auf der Welt hat? Meine Gebieterin – meine Freunde – ich bin's, der euch unglücklich macht! O warum mußt ich leben? warum so lieben? warum verfolgt ich nicht den Gedanken, der mir mehr als einmal einkam, in einem fremden Lande meine Zärtlichkeit, meine Ehrbegier an andern Gegenständen abzustumpfen? Warum floh ich nicht? Ach, warum ward ich immer wieder zurückgezogen? Ich möchte euch Vorwürfe machen, ich möchte mich schelten, mich hassen; und doch, wenn ich mich in diesem Augenblicke ansehe, so kann ich nicht wünschen, daß es anders sein möchte. Ich bin immer noch der Glücklichste mitten im Unglück!
OBERSTER. Endigen Sie, mein Herr; denn es ist Zeit, und hören Sie mich an.
DOMHERR. Ja, ich will; aber zuerst entlassen Sie unsre Gebieterin. Wie? sie sollte hier in Nacht und Tau stehen und das Urteil eines Unglücklichen anhören, an dem sie teilnimmt? Nein, sie kehre zurück in ihre Zimmer, sie bleibe nicht länger den Augen dieser Knechte ausgesetzt, die sich über ihre Beschämung freuen! Eilen Sie, eilen Sie, meine Fürstin! wer kann sich Ihnen widersetzen? Und dieser Mann, der mich gefangenhalten darf, diese Kolossen, die mir ihre Hellebarden entgegensetzen, sind Ihre Diener. Gehn Sie, leben Sie wohl! Wer will Sie aufhalten? Aber vergessen Sie nicht eines Mannes, der endlich zu Ihren Füßen liegen konnte, der endlich Ihnen beteuern durfte, daß Sie ihm alles in der Welt sind. Sehn Sie noch einen Augenblick auf seine Qual, auf seine Wehmut, und dann überlassen Sie ihn dem grausamen Schicksal, das sich gegen ihn verschworen hat.
Er wirft sich der Nichte zu Füßen, die sich auf die Marquise lehnt. Der Marquis steht dabei in einer verlegenen Stellung, und sie machen auf der rechten Seite des Theaters eine schöne Gruppe, in welcher die zwei Schweizer nicht zu vergessen sind. Der Oberste und zwei Schweizer stehn an der linken Seite.
Siebenter Auftritt
Die Vorigen. Der Graf.
DER GRAF den zwei Schweizer mit den umgekehrten Hellebarden vor sich hertreiben. Ich sag euch, daß ihr eure Grobheit zeitlebens zu büßen haben werdet! Mir so zu begegnen! Dem größten aller Sterblichen! Wißt, ich bin Conte di Rostro, di Rostro impudente, ein ehrsamer, überall verehrter Fremder, ein Meister aller geheimen Wissenschaften, ein Herr über die Geister –
SCHWEIZER. Bring Er das unserm Obersten vor, der versteht das Welsche, sieht Er; und wenn Er nicht geradezu geht, so werden wir Ihn rechts und links in die Rippen stoßen und Ihm den Weg weisen, wie's uns befohlen ist.
GRAF. Habt Ihr Leute denn gar keine Vernunft?
SCHWEIZER. Die hat der, der uns kommandiert. Ich sag's Ihm, geh Er geradezu, ganz gerade dahin, da steht unser Oberster.
GRAF gebieterisch. Wagt es nicht, mich anzurühren!
DOMHERR der auf die Stimme des Grafen zu sich kommt und auffährt. Ja, da erwartete ich dich, großer Kophta, würdigster Meister, erhabenster unter allen Sterblichen! So ließest du deinen Sohn fallen, um ihn durch ein Wunder wieder zu erheben. Wir sind dir alle auf ewig verpflichtet. Ich brauche dir nicht zu gestehen, daß ich dieses Abenteuer hinter deinem Rücken unternahm. Du weißt, was geschehen ist; du weißt, wie unglücklich es ablief; sonst wärst du nicht gekommen. In dieser einzigen Erscheinung, großer Kophta, verbindest du mehr edle Seelen, als du vielleicht auf deiner langen Wallfahrt auf Erden beisammen gesehen hast. Hier steht ein Freund vor dir, vor wenig Augenblicken der glücklichste, jetzt der unglücklichste aller Menschen. Hier eine Dame, des schönsten Glücks wert. Hier Freunde, die das Mögliche und Unmögliche zu wirken mit der lebhaftesten Teilnahme versuchten. Es ist was Unglaubliches geschehen. Wir sind hier beisammen, und wir leiden nur aus Mißtrauen gegen dich. Hättest du die Zusammenkunft geführt, hätte deine Weisheit, deine Macht die Umstände gefügt – Einen Augenblick nachdenkend und mit Entschlossenheit fortfahrend. Nein, ich will nichts sagen, nichts wünschen: dann wäre alles gegangen, wie es abgeredet war, du hättest nicht Gelegenheit gehabt, dich in deinem Glanze sehen zu lassen, gleichsam als ein Gott aus einer Maschine herunterzusteigen und unsre Verlegenheit zu endigen. Er naht sich ihm vertraulich und lächelnd. Was beschließen Sie, mein Freund? Sehn Sie, schon stehn unsre Wächter wie betäubt: nur ein Wort von Ihnen, so fallen sie in einen Schlummer, in dem sie alles vergessen, was geschah, und wir begeben uns inzwischen glücklich hinweg. Geschwind, mein Freund, drücken Sie mich an Ihre Brust, verzeihen Sie mir und retten Sie mich!
GRAF gravitätisch ihn umarmend. Ich verzeihe dir! Zu dem Obersten. Wir werden zusammen sogleich von hier wegfahren.
OBERSTER lächelnd. O ja! recht gern!
DOMHERR. Welch ein Wunder!
MARQUISE zum Marquis. Was soll das heißen? Wenn der uns noch rettete!
MARQUIS. Ich fange an zu glauben, daß er ein Hexenmeister ist.
OBERSTER. Ich brauche diese Reden nicht weiter anzuhören; ich weiß nur schon zu klar, mit wem und was ich zu tun habe. Gegen die Szene gekehrt. Treten Sie nur auch herein, junger Mann, Sie haben mich lange genug allein gelassen.
Achter Auftritt
Die Vorigen. Der Ritter.
RITTER. Ja, hier bin ich, die Abscheulichen zu beschämen und die Toren zu bedauern!
DIE ÜBRIGEN außer dem Obersten. Was soll das heißen? Der Ritter! Entsetzlich! Es ist nicht möglich!
RITTER. Ja, ich bin hier, um gegen euch alle zu zeugen.
NICHTE. Daran bin ich allein schuld!
DOMHERR. Was soll das heißen? Ich werde wahnsinnig!
OBERSTER. Sie kennen also diesen Mann? Hier geht alles natürlich zu, außer daß dieser in solcher Gesellschaft ehrlich geblieben ist. Er hat eure Schelmereien beobachtet, er hat sie dem Fürsten entdeckt, und ich habe den Auftrag, zu untersuchen und zu strafen. Zum Domherrn. Zuvörderst also, damit Sie einsehen, auf welchem Wege man Sie bisher geführt, von wem Sie geführt worden, wie sehr Sie betrogen sind, so erkennen Sie doch endlich das Phantom, womit man diesen Abend unsre Fürstin gelästert hat. Er hebt der Nichte den Schleier vom Gesicht.
Domherr erkennt sie und drückt pantomimisch sein Entsetzen aus.
RITTER. Wie die Fürstin, so die Geister! – Solchen Menschen vertrauten Sie!
DOMHERR. Auch Ihnen vertraut ich, und Sie, merk ich, haben mich zugrunde gerichtet.
OBERSTER. Diese Nichtswürdigen haben sich Ihrer Schwäche bedient und Sie zu den strafwürdigsten Unternehmungen angefeuert. Was können Sie erwarten?
DOMHERR. Herr Oberst –
OBERST. Beruhigen Sie sich! Und erfahren Sie zuvörderst, daß der Fürst edel genug denkt, um auch diesmal Ihren Leichtsinn, Ihren Frevel mit Gelindigkeit zu bestrafen. Was sag ich, bestrafen? Er will vielmehr den zweiten Versuch machen, ob es möglich sei, Sie zu bessern, Sie der großen Ahnherrn würdig zu machen, von denen Sie abstammen. Ihre Entfernung vom Hofe, die nun zwei Jahre dauert, hat Ihnen wenig genutzt. Ich kündige Ihnen an, daß Sie frei sind, aber nur mit der Bedingung, daß Sie binnen acht Tagen das Land verlassen, unter dem Vorwande, als wenn Sie eine große Reise zu tun willens wären. Mit Ihrem Oheim, den der Fürst besonders schätzt, dem er vertraut, wird alles abgeredet und eingerichtet werden. Sie können frei in Ihrem Wagen zurückkehren, wenn Sie nur erst unterrichtet sind, wie es mit dem gefährlichen Juwelenhandel aussieht, in den Sie sich eingelassen haben.
DOMHERR. Was muß ich erfahren! Was muß ich erleben!
OBERST zu dem Marquis. Geben Sie zuvörderst die Juwelen heraus, die Sie in der Tasche haben.
MARQUIS. Die Juwelen? Ich weiß von keinen!
EIN SCHWEIZER. Er hat da was erst in den Busch geworfen. Es muß nicht weit liegen.
Man sucht und bringt das Kästchen hervor, das man dem Obersten überreicht.
OBERST. Leugnet nicht weiter! Es ist alles am Tage. Zur Marquise. Wo sind die übrigen Steine? Gestehn Sie nur! Sie kommen nicht wieder nach Hause, und zu Hause bei Ihnen ist in diesem Augenblicke alles versiegelt. Verdienen Sie die Gelindigkeit, mit der man Sie zu behandeln gedenkt.
MARQUISE. Hier sind sie. Das Schmuckkästchen hervorbringend. So dacht ich sie nicht loszuwerden.
OBERST zum Domherrn. Man wird diese Juwelen den Hofjuwelieren wieder zustellen und Ihre Verbindlichkeit dagegen einlösen. Die falsche Unterschrift der Prinzessin werden Sie dagegen zurücklassen. Ich halte Sie nicht weiter auf, Sie können gehen.
DOMHERR. Ja, ich gehe. Sie haben mich beschämt gesehn; aber glauben Sie nicht, daß ich erniedrigt bin. Meine Geburt gibt mir ein Recht auf die ersten Bedienungen im Staate; diese Vorzüge kann mir niemand nehmen, und noch weniger wird man mir die Leidenschaft aus dem Herzen reißen, die ich für meine Fürstin empfinde. Sagen Sie es ihr, wie glücklich mich dieses Phantom gemacht hat. Sagen Sie ihr, daß alle Demütigungen nichts gegen den Schmerz sind, mich noch weiter von ihr entfernen zu müssen; in ein Land zu gehen, wo ich sie nicht mehr auch nur im Vorüberfahren erblicken werde: aber ihr Bild und die Hoffnung werden nie aus meinem Herzen kommen, solange ich lebe. Sagen Sie ihr das. Euch übrige verachte ich. Ihr waret geschäftig um meine Leidenschaft, wie Käfer um einen blühenden Baum; die Blätter konntet ihr verzehren, daß ich mitten im Sommer wie ein dürres Reis dastehe; aber die Äste, die Wurzeln mußtet ihr unangetastet lassen. Schwärmt hin, wo ihr wieder Nahrung findet! Der Domherr geht ab.
OBERSTER. Die übrigen werden unter guter Bedeckung ganz in der Stille auf eine Grenzfestung gebracht, bis man hinlänglich untersucht hat, ob ihre Schelmstreiche nicht vielleicht noch weiter um sich gegriffen haben. Findet sich's, daß sie in weiter keine Händel verwickelt sind, so wird man sie in der Stille des Landes verweisen und so von diesem betrügerischen Volke sich befreien. Es sind eben vier, ein Wagen voll. Fort mit ihnen! Man begleite sie bis an das große Tor, wo ein Fuhrwerk steht, und übergebe sie dort den Dragonern.
NICHTE. Wenn ein unglückliches Mädchen von einem strengen Urteilsspruch noch auf Gnade sich berufen darf, so hören Sie mich an. Ich unterziehe mich jeder Strafe, nur trennen Sie mich von diesen Menschen, die meine Verwandten sind, sich meine Freunde nannten und mich in das tiefste Elend gestürzt haben. Verwahren Sie mich, entfernen Sie mich; nur haben Sie Barmherzigkeit, bringen Sie mich in ein Kloster.
RITTER. Was höre ich?
OBERST. Ist es Ihr Ernst?
NICHTE. O hätte dieser Mann geglaubt, daß meine Gesinnungen aufrichtig seien, so wären wir alle nicht, wo wir sind. Ritter, Sie haben nicht edel gehandelt! Durch meine Unvorsichtigkeit, durch einen Zufall haben Sie das Geheimnis erfahren. Wären Sie der Mann gewesen, für den ich Sie hielt, Sie hätten diesen Gebrauch nicht davon gemacht, Sie hätten den Domherrn unterrichten, die Juwelen beischaffen und ein Mädchen retten können, das nun unwiederbringlich verloren ist. Es ist wahr, man wird Sie für diesen Dienst belohnen; unser Unglück wird ein Kapital sein, von dem Sie große Renten ziehen. Ich verlange nicht, daß Sie im Genuß der fürstlichen Gunst, der einträglichen Stellen, in deren Besitz Sie sich bald befinden werden, an die Tränen eines armen Mädchens denken sollen, deren Zutraulichkeit Ihnen Gelegenheit gab, zu horchen. Aber brauchen Sie jetzt, da Sie ein bedeutender Mann bei Hofe sind, Ihren Einfluß, das zu bewirken, warum ich Sie bat, da Sie noch nichts hatten, wenigstens zeigten, als Gesinnungen, die ich ehren mußte. Erlangen Sie von diesem ernsthaften würdigen Manne nur, daß ich nicht mit dieser Gesellschaft weggebracht werde; daß meine Jugend in einem fremden Lande nicht größern Erniedrigungen ausgesetzt werde, als ich in diesem leider schon dulden mußte. Zum Obersten. Ich bitte, ich beschwöre Sie, mein Herr, wenn Sie eine Tochter haben, an der Sie Freude zu erleben wünschen, so schicken Sie mich fort; aber allein. Verwahren Sie mich; aber verbannen Sie mich nicht!
OBERST. Sie rührt mich!
RITTER. Ist es Ihr Ernst?
NICHTE. O hätten Sie es früher geglaubt!
OBERST. Ich kann Ihren Wunsch erfüllen; ich gehe in nichts von meiner Instruktion ab.
NICHTE. Ja, Sie erfüllen ganz Ihre Instruktion, wenn die Absicht ist, wie es scheint, diesen verwegenen Handel im stillen beizulegen. Verbannen Sie mich nicht, schicken Sie mich in kein fremdes Land; denn die Neugierde wird rege werden. Man wird die Geschichte erzählen, man wird sie wiederholen. Man wird fragen: »Wie sieht das abenteuerliche Mädchen aus? Sie soll, sie muß der Prinzessin gleichen, sonst hätte die Fabel nicht können erfunden, nicht gespielt werden. Wo ist sie? Man muß sie sehen, man muß sie kennen.« O Ritter, wenn ich ein Geschöpf war, wie Sie dachten, so wäre der gegenwärtige Fall für mich erwünscht genug, und ich brauchte keine Ausstattung weiter, um in der Welt mein Glück zu machen.
OBERST. Hiermit sei es genug! Begleitet jene drei an den Wagen; der Offizier, dem ihr sie übergebt, weiß schon das Weitere.
MARQUIS leise zur Marquise. Es ist nur von Verbannung die Rede. Wir wollen demütig abziehn, um das Übel nicht ärger zu machen.
MARQUISE. Wut und Verdruß kochen mir im Herzen; nur die Furcht vor einem größern. Übel hält mich ab, ihr Luft zu machen.
OBERST. Nun fort!
MARQUISE. Bedenken Sie, Herr Oberst, und lassen Sie den Fürsten bedenken, welches Blut in meinen Adern fließt, daß ich ihm verwandt bin und daß er seine eigne Ehre verletzt, wenn er mich erniedrigt!
OBERST. Das hätten Sie bedenken sollen! – Gehen Sie! Schon hat man diese noch lange nicht erwiesene Verwandtschaft zu Ihrem Vorteil mit in Anschlag gebracht.
GRAF. Mein Herr, Sie vermischen mit diesem Gesindel einen Mann, der gewohnt ist, überall ehrenvoll behandelt zu werden.
OBERST. Gehorchen Sie!
GRAF. Es ist mir unmöglich!
OBERST. So wird man Sie's lehren.
GRAF. Ein Reisender, der überall, wo er hinkommt, Wohltaten verbreitet.
OBERST. Es wird sich zeigen.
GRAF. Dem man wie einem Schutzgeist Tempel bauen sollte.
OBERST. Es wird sich finden.
GRAF. Der sich als Großkophta legitimiert hat.
OBERST. Wodurch?
GRAF. Durch Wunder.
OBERST. Wiederholen Sie eins und das andre, rufen Sie Ihre Geister herbei, lassen Sie sich befreien!
GRAF. Ich achte euch nicht genug, um meine Macht vor euch sehen zu lassen.
OBERST. Groß gedacht! So unterwerfen Sie sich dem Befehl.
GRAF. Ich tue es, meine Langmut zu zeigen; aber bald werde ich mich offenbaren. Ich werde Ihrem Fürsten solche Geheimnisse melden, daß er mich im Triumphe zurückholen soll, und Sie werden vor dem Wagen voranreiten, in dem der Großkophta verherrlicht zurückkehren wird.
OBERST. Das wird sich alles finden; nur heute kann ich Sie unmöglich begleiten. Fort mit Ihnen!
SCHWEIZER. Fort, sagt der Oberste, und wenn Ihr nicht geht, so werdet Ihr unsre Hellebarden fühlen.
GRAF. Ihr Elenden, ihr werdet bald vor mir ins Gewehr treten.
DIE SCHWEIZER schlagen auf ihn los. Will Er das letzte Wort haben?
Die Schweizer mit den drei Personen ab.
OBERST zur Nichte. Und Sie sollen noch heute nacht in das Frauenkloster, das keine Viertelstunde von hier liegt. Wenn es Ihr Ernst ist, sich von der Welt zu scheiden, so sollen Sie Gelegenheit finden.
NICHTE. Es ist mein völliger Ernst. Ich habe keine Hoffnung mehr auf dieser Welt. Zum Ritter. Aber das muß ich Ihnen noch sagen, daß ich meine erste, lebhafte Neigung mit in die Einsamkeit nehme – die Neigung zu Ihnen.
RITTER. Sagen Sie das nicht, strafen Sie mich nicht so hart. Jedes Ihrer Worte verwundet mich tief. Ihr Zustand ist gegen den meinigen zu beneiden. Sie können sagen: »Man hat mich unglücklich gemacht«; und welchen unerträglichen Schmerz muß ich empfinden, wenn ich mir sage: »Auch dich zählt sie unter die Menschen, die zu ihrem Verderben mitwirkten.« O vergeben Sie mir! vergeben Sie einer Leidenschaft, die, durch einen unglückseligen Zufall mit sich selbst uneins, das verletzte, was ihr noch vor wenig Augenblicken das Liebste, das Werteste auf der Welt war. Wir sollen uns trennen! Unaussprechlich ist die Qual, die ich in diesem Zustand empfinde. Erkennen Sie meine Liebe und bedauren Sie mich. O daß ich nicht meiner Empfindung folgte und nach der zufälligen Entdeckung gleich zum Domherrn eilte! Ich hätte mir einen Freund, eine Geliebte erworben, und ich hätte mein Glück mit Freuden genießen können. Es ist alles verloren.
OBERST. Fassen Sie sich!
NICHTE. Leben Sie wohl! Diese letzten tröstlichen Worte werden mir immer gegenwärtig bleiben. Zum Oberst. Ich sehe an Ihren Augen, daß ich scheiden soll. Möge Ihre Menschlichkeit belohnt werden!
Sie geht mit der Wache ab.
OBERST. Das arme Geschöpf dauert mich! Kommen Sie! Alles ist gut gegangen. Ihre Belohnung wird nicht ausbleiben.
RITTER. Sie mag sein, welche sie will, so fürstlich, als ich sie erwarten darf; ich werde nichts genießen können, denn ich habe nicht recht gehandelt. Mir bleibt nur ein Wunsch und eine Hoffnung, das gute Mädchen aufzurichten und sie sich selbst und der Welt wiederzugeben.
Der Triumph der Empfindsamkeit
Personen.
Andrason, ein humoristischer König
Mandandane, seine Gemahlin
Dieselbe noch einmal
Feria, seine Schwester, eine junge Witwe
Mana,
Sora,
Lato,
Mela, Hoffräulein der Feria
Oronaro, Prinz
Merkulo, sein Kavalier
Der Oberste seiner Leibwache
Leibwache
Mohren
Bediente
Askalaphus, Mandandanens Kammerdiener
Erster Akt
Saal, im guten Geschmacke dekoriert.
Mana und Sora begegnen einander.
MANA. Wo willst du hin, Sora?
SORA. In den Garten, Mana.
MANA. Hast du soviel Zeit? Wir erwarten den König jeden Augenblick; verliere dich nicht vom Schlosse.
SORA. Ich kann es unmöglich aushalten; ich bin den ganzen Tag noch nicht an die freie Luft gekommen.
MANA. Wo ist die Prinzessin?
SORA. In ihrem Zimmer. Sie probiert mit der kleinen Mela einen Tanz und läuft jeden Augenblick ans Fenster, zu sehen, ob der Bruder kommt.
MANA. Es ist eine rechte Not, seitdem die großen Herren auf das Inkognito gefallen sind. Man weiß gar nicht mehr, woran man ist. Sonst wurden sie monatelang voraus angekündigt, und wenn sie sich näherten, war alles in Bewegung; Kuriere sprengten herbei, man konnte sich schicken und richten. Jetzo, eh man sich's versieht, sind sie einem auf dem Nacken. Wahrhaftig, das letztemal hat er mich in der Nachtmütze überrascht.
SORA. Darum warst du heut so frühe fertig?
MANA. Ich finde keine Lust daran. – Wenn mir ein Fremder auf der Treppe begegnet, wird mir's immer bang; ich denke gleich, es ist wieder einmal ein König oder ein Kaiser, der seinen gnädigen Spaß mit uns zu treiben kommt.
SORA. Diesmal ist er nun gar zu Fuße. Andre lassen sich doch ins Gebirge zum Orakel in Sänften tragen, er nicht so; allein, mit einem tüchtigen Stabe in der Hand, trat er seine Reise an.
MANA. Schade, daß er nicht zu Theseus' Zeiten gelebt hat!
Feria tritt auf, mit ihr Mela.
FERIA. Seht ihr noch niemand? Wenn ihm nur kein Unglück begegnet ist!
SORA. Seid ruhig, meine Fürstin! Die Gefahren und der üble Humor scheinen sich beide vor ihm zu fürchten.
FERIA. Er will mich nur einen Augenblick sprechen und dann gleich wieder fort.
Lato tritt auf.
LATO. Der König kommt.
FERIA. Wohl! sehr wohl!
LATO. Ich sah hinüber in das Tal und erblickte ihn eben, als er über den Bach schritt.
FERIA. Laßt uns ihm entgegengehen.
SORA. Da ist er.
Andrason kommt.
FERIA. Sei uns willkommen! herzlich willkommen!
ALLE. Willkommen!
ANDRASON. Ich umarme dich, meine Schwester! Ich grüße euch, meine Kinder! Eure Freude macht mich glücklich, eure Liebe tröstet mich.
FERIA. Mein Bruder, bedarfst du noch Trostes? Hat das Orakel dir keinen gegeben? Möchtest du doch immer vergnügt sein! Möchte dir doch immer wohl sein! Wir waren, seit du uns ehegestern verließest, voller Hoffnung für dich und dein Anliegen.
MANA. Majestät! –
ANDRASON. Schönheit!
SORA. Herr!
ANDRASON. Gebieterin!
LATO. Wie soll man Euch denn nennen?
ANDRASON. Ihr wißt, daß ihr keine Umstände mit mir machen sollt.
MANA für sich. Nur damit er auch keine mit uns zu machen braucht.
LATO. Wir möchten von dem Orakel hören.
SORA. Hat das Orakel nichts Gutes gesagt?
MELA. Habt Ihr das Orakel nicht unsertwegen gefragt?
ANDRASON. Liebe Kinder, das Orakel ist eben ein Orakel.
LATO. Sonderbar!
ANDRASON. Daß ein zartes Herz, voller Gefühle, Hoffnungen und Ahnungen, das einer ungewissen Zukunft sehnsuchtsvoll entgegenlebt, nach Würfeln hascht, den Becher schüttelt, Wurf über Wurf versucht und in dem Glückstäfelchen sorgfältig forscht, was ihm die Würfe bedeuten, und dann fröhlich oder traurig einen halben Tag verlebt, das mag hingehn, mag recht gut sein.
LATO für sich. Woher er alles weiß? Damit habe ich mich erst heute beschäftigt.
ANDRASON. Daß ein schönes Kind Punkte über Punkte tüpfelt, nachschlägt und sucht, was ihr für ein Gatte werden möchte? ob der Liebhaber treu ist? und so weiter, das find ich wohlgetan.
MELA für sich. Er ist ein Hexenmeister! Wenn wir allein sind, wissen wir nichts Bessers.
ANDRASON. Aber wer ein positives Übel, Zahnweh oder Unfrieden, im Hause hat, der frage keinen Arzt und kein Orakel! Ihr Wissen und ihre Kunst fällt zu kurz; dies und jenes Mittelchen und vorzüglich Geduld ist, was sie euch empfehlen.
FERIA. Kannst du, darfst du uns sagen? Hat's dir eine Antwort gegeben? Darfst du sie entdecken?
ANDRASON. Ich will sie in vier Sprachen übersetzen und an allen Landstraßen aufhängen lassen, es weiß doch kein Mensch, was es soll.
FERIA. Wie?
ANDRASON. Da ich ankomme und eingeführt werde –
SORA. Wie sieht's im Tempel aus?
MANA. Ist der recht prächtig?
FERIA. Ruhe, ihr Mädchen!
ANDRASON. Wie mich die Priester zur heiligen Höhle bringen –
MELA. Die ist wohl schwarz und dunkel?
ANDRASON. Wie deine Augen. – Ich trete vor die Tiefe und sage klar und vernehmlich: »Geheimnisvolle Weisheit! hier tritt ein Mann auf, der sich bisher für den Glücklichsten hielt; denn es geht ihm nichts ab; alles, was die Götter einem Menschen Gutes zueignen können, schenkten sie mir, selbst das köstlichste aller Besitztümer versagten sie mir nicht: ein treffliches Weib. Aber – ach! daß Aber und Aber sich immer zu dem Danke gesellen, den wir den Göttern zu bringen haben! – Diese Frau, dieses Muster der Liebe und Treue, nimmt seit kurzem unglücklicherweise an einem Menschen teil, der sich ihr aufdringt und der mir verhaßt ist. Dir, hohe Weisheit, der alles bekannt ist, sag ich nichts weiter und bitte: enthülle mir mein Schicksal! gib mir Rat und, was mehr ist, Hülfe!« – Ich dächte, das hieße sich deutlich erklären?
LATO. Wir verstehn es wohl.
FERIA. Und die Antwort?
ANDRASON. Wer sagen könnte: ich verstehe sie!
SORA. Ich bin höchst neugierig – Haben wir doch manches Rätsel erraten!
MELA. Geschwinde!
ANDRASON. Ich steh und horche, und es fängt von unten auf an – erst leise – dann vernehmlich – dann vernehmlicher:
»Wenn wird ein greiflich Gespenst von schönen Händen entgeistert« –
ALLE. Oh!
ANDRASON. Gebt mir ein Licht. Das greifliche Gespenst soll entgeistert werden.
LATO. Von schönen Händen.
ANDRASON. Die fänden sich allenfalls. Ein greiflich Gespenst, das ist etwas aus der neuen Poesie, die mir immer unbegreiflich gewesen ist.
FERIA. Es ist arg.
ANDRASON. Wartet nur und merkt; es kommt noch besser:
»Wenn wird ein greiflich Gespenst von schönen Händen entgeistert
Und der leinene Sack seine Geweide verleiht« –
ALLE. Oh! oh! Ei! Oh! ah! ha! ha!
ANDRASON. Seht! Ein leinen Gespenst und ein greiflicher Sack und Eingeweide von schönen Händen! Nein, was zuviel ist, bleibt zuviel! Was so ein Orakel nicht alles sagen darf!
MANA. Wiederholt es uns!
ANDRASON. Nicht wahr, ihr hört gar zu gerne, was erhaben klingt, wenn ihr's gleich nicht versteht?
»Wenn wird ein greiflich Gespenst von schönen Händen entgeistert
Und der leinene Sack seine Geweide verleiht« –
Seid ihr nun klüger, meine Lieben? Nun aber merkt auf:
»Wird die geflickte Braut mit dem Verliebten vereinet:
Dann kommt Ruhe und Glück, Fragender, über dein Haus.«
SORA. Nein, das ist nicht möglich!
ANDRASON. O ja; die Götter haben sich diesmal sehr ihrer poetischen Freiheit bedient.
LATO. Habt Ihr es nicht aufgeschrieben?
ANDRASON. Freilich! Hier ist die Rolle, wie ich sie aus den Händen der Priester erhielt.
LATO. Laßt es uns lesen, vielleicht wird es uns klärer.
Andrason bringt eine Rolle aus dem Gürtel und wickelt sie auf. Die Frauenzimmer drängen sich wechselsweise zu, lesen, lachen und machen ihre Anmerkungen. Es kommt auf den guten Humor der Schauspielerinnen an, dieses munter und angenehm vorzustellen; deswegen ihnen überlassen bleibt; hier
zu extemporieren. Die Hauptabsicht dieser Wiederholung ist, daß das Publikum mit dem Orakelspruch recht bekannt werde.
FERIA. Das ist höchst sonderbar und unbegreiflich! Wie ist es dir weiter ergangen? Hast du nicht irgendeine Aufklärung gefunden?
ANDRASON. Nicht Aufklärung, aber Hoffnung. Verwundert über die unverschämte Dunkelheit der Antwort, aber nicht außer Fassung gebracht, trat ich aus der Höhle. Ich sah den ältesten Priester auf einem goldenen Sessel sitzen. Ich nahte mich ihm, und indem ich einige Edelsteine in seinen Schoß legte, rief ich aus: »O welche Fülle der Weisheit kommt uns von den Göttern! Wie erleuchtet werden wir, die wir auf dunkeln Wegen irren, durch ihre Offenbarungen! Aber nicht raten allein, helfen müssen die Unsterblichen. Der Jüngling, über den ich mich beklage, der mir das Leben verbittert, wird ehstens hier erscheinen, voll Zutrauens und Gehorsams. Möge die alles durchdringende Stimme der Götter ihn ergreifen, sein Herz fassen und ihm gebieten, nie wieder einen Fuß über meine Schwelle zu setzen! Mein Dank würde ohne Grenzen bleiben.« – Der Alte nickte mit dem Kopfe, sein weißer Bart bewegte sich murmelnd; ich ging mit wechselnder Hoffnung und Sorgen zurück und bin nun hier.
FERIA. Möge alles zum Besten ausschlagen! – Du verzeihst, Bruder; ich muß vor Tafel mit meinen Räten, die schon lange warten, noch einige Geschäfte abtun; ich lasse dir die Kinder; unterhalte dich mit meinem muntern Geschlechte.
ANDRASON. Ich danke dir, Schwester. Wenn ich dich missen soll, weiß ich nichts Bessers als diese freundlichen Augen.
FERIA. Bald seh ich dich wieder. Ab.
SORA. Sagt uns nun, Herr, was Ihr denkt.
ANDRASON. Von der geflickten Braut?
SORA. Ich meine, was Ihr tun wollt.
ANDRASON. Tun! als ob das Orakel nichts gesagt hätte; mit meinem Übel beladen wieder nach Hause gehn und nach meiner Frau sehen, die ich in wunderbaren Zuständen anzutreffen fürchte.
SORA. Was macht sie denn indessen?
ANDRASON. Sie geht im Mondscheine spazieren, schlummert an Wasserfällen und hält weitläufige Unterredungen mit den Nachtigallen. Denn seitdem der Prinz weg ist, einen Zug durch seine Provinzen und hiernächst zum Orakel zu tun, ist's nicht anders, als ob ihre Seele in einen langen Faden gezogen wäre, der bis zu ihm hinüberreichte. Eins noch, an dem sie großes Vergnügen findet, ist, daß sie Monodramen aufführt.
MANA. Was sind das für Dinge?
ANDRASON. Wenn ihr Griechisch könntet, würdet ihr gleich wissen, daß das ein Schauspiel heißt, wo nur eine Person spielt.
LATO. Mit wem spielt sie denn?
ANDRASON. Mit sich selbst, das versteht sich.
LATO. Pfui, das muß ein langweilig Spiel sein!
ANDRASON. Für den Zuschauer wohl. Denn eigentlich ist die Person nicht allein, sie spielt aber doch allein; denn es können noch mehr Personen dabeisein, Liebhaber, Kammerjungfern, Najaden, Oreaden, Hamadryaden, Ehemänner, Hofmeister; aber eigentlich spielt sie für sich, es bleibe ein Monodrama. Es ist eben eine von den neuesten Erfindungen; es läßt sich nichts darüber sagen. Solche Dinge finden großen Beifall.
SORA. Und das spielt sie ganz allein für sich?
ANDRASON. O ja! Oder, wenn etwa Dolch oder Gift zu bringen ist – denn es geht meistens etwas bunt her –, wenn eine schreckliche Stimme aus dem Felsen oder durchs Schlüsselloch zu rufen hat, solche wichtige Rollen nimmt der Prinz über sich, wenn er da ist, oder in seiner Abwesenheit ihr Kammerdiener, ein sehr alberner Bursche; aber das ist eins.
MELA. Wir wollen auch einmal so spielen.
ANDRASON. Laßt's doch gut sein und dankt Gott, daß es noch nicht bis zu euch gekommen ist! Wenn ihr spielen wollt, so spielt zu zweien wenigstens; das ist seit dem Paradiese her das üblichste und gescheiteste gewesen. Nun noch eins, meine Besten – daß wir die Zeit nicht mit fremden Dingen verplappern –, meine Hoffnung, wieder glücklich zu werden, ruht nicht allein bei den Göttern, sondern auch auf euch, ihr Mädchen.
SORA. Auf uns?
ANDRASON. Ja, auf euch! und ich hoffe, ihr werdet das Eure tun.
MANA. Wie soll das werden?
ANDRASON. Der Prinz, wenn er nach dem Orakel geht, wird hier vorbeikommen, euch seine Ehrerbietung zu bezeigen, wie Fremde gewöhnlich tun, die diesen Weg nehmen. Meine Schwester wird artig sein und ihm Quartier anbieten; ihm anbieten, daß sie seine Leute, sein Gepäcke beherbergen will, indes er sich ins Gebirge nach dem Orakel tragen läßt, wo jeder, er sei, wer er wolle, allein, ohne Gefolge anlangen muß. Wenn er nun kommt, meine Besten, so sucht sein Herz zu rühren. – Ihr seid liebenswürdig. Ich will die als eine Göttin verehren, die ihn an sich zieht und mich von ihm befreit.
SORA. Gut! Euch ist er unerträglich, und uns wollt Ihr ihn zuschieben! Wenn er uns nun auch unerträglich ist?
ANDRASON. Seid ruhig, Kinder! Das findet sich. Ihr andern liebt meistenteils an den Männern, was Männer an sich untereinander nicht leiden können. Und gewiß, er ist so übel nicht und wäre, denk ich, noch zu kurieren.
MELA. Wie sollen wir es denn anfangen?
ANDRASON. Bravo, liebes Kind! du zeigst doch guten Willen! Ich muß erst eure Anlagen ein wenig kennenlernen. Laßt sehn! Stellt euch vor, ich sei der Prinz; ich will ankommen, schmachtend und traurig tun – wie wollt ihr mich empfangen?
Sie beginnen einen lebhaften Tanz.
ANDRASON. Nicht doch, Kinder, nicht doch! Meint ihr, daß alles Wild nach einer Witterung geht? Mit einem solchen Bauerntanz wollt ihr meinen sublimierten Helden gewinnen? Nein! seht auf mich! das muß in einem andern Geiste traktiert werden.
Sanfte Musik.
Er macht ihnen die hergebrachten Bewegungen vor, womit die Schauspieler gewöhnlich die Empfindungen auszudrücken denken.
ANDRASON. Habt ihr wohl achtgegeben, Kinder? Erstlich, immer den Leib vorwärtsgebogen und mit den Knien geknickt, als wenn ihr kein Mark in den Knochen hättet! Hernach immer eine Hand an der Stirne und eine am Herzen, als wenn's euch in Stücken springen wollte; mitunter tief Atem geholt, und so weiter. Die Schnupftücher nicht vergessen!
Die Musik geht fort, und die Fräulein befolgen seine Vorschrift. Er stellt den Prinzen vor; bald korrigiert er sie, bald nimmt er die Person des Prinzen wieder an; endlich hört man eine Trompete in der Ferne.
ANDRASON. Aha!
LATO. Es wird aufgetragen.
ANDRASON. Es heißt zu Pferde und zu Tische! Beides eine schöne Einladung. Kommt! diese Empfindsamkeit zuletzt hat mich hungriger gemacht als meine Reisen bisher.
Zweiter Akt
Saal, in chinesischem Geschmacke, der Grund gelb mit bunten Figuren.
Mana und Sora.
MANA. Nun, das heiß ich ein Gepäcke! Der ganze Hof ist voll Kisten, Kasten, Mantelsäcke und ungeheurer Verschläge.
SORA läuft ans Fenster. Wir werden ihm den ganzen Flügel des Palastes geben müssen, nur seine Sachen unterzubringen.
MANA. Es ist abscheulich, wenn Mannspersonen reisen, als ob sie Wöchnerinnen wären. Über uns halten sie sich auf, daß, wenn wir doch auf vier Wochen ins Bad gehen, der Schachteln, Kästchen, Pappen und Wachstücher kein Ende werden will; und sich erlauben sie's!
SORA. Wie mehr Sachen, liebes Kind, die sie uns übelnehmen.
Ein Bedienter kommt.
BEDIENTER. Der Kavalier des Prinzen läßt sich melden.
MANA. Führt ihn herein.
Bedienter ab.
Sieh zu, es hat sich doch nichts an meinem Kopfputze verschoben?
SORA. Halt! – Die Locke hier – Er kommt.
Merkulo tritt herein.
MERKULO. Vollkommene Damen! Es sind nicht viel Augenblicke meines Lebens, worin ich mich so glücklich fühlte als in dem gegenwärtigen. Sonst werden wir armen Diener meistenteils bei verdrießlichen Angelegenheiten vorgeschoben, bei angenehmen Ereignissen stehen wir zurück; aber diesmal erhebt mich mein Prinz über sich selbst, indem er mich voraus in die Wohnung des Vergnügens und der Reize sendet.
MANA. Sie sind sehr gütig.
SORA. Und recht willkommen. Wir haben so viel Gutes von dem Prinzen gehört, daß wir vor Neugierde brennen, ihn zu sehen.
MERKULO. Mein Fürst ist glücklich, daß er schon in der Entfernung Ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen können; und wenn er, wie ich nicht anders hoffe, durch seine Gegenwart Ihre Gunst erhalten sollte, so kann er sich als den glücklichsten der Menschen preisen. Dürfte ich nicht indes Ihrer Prinzessin aufwarten, an die er mir eine Unzahl Verbindlichkeiten aufgetragen hat?
MANA. Sie werden ihr bald vorgestellt werden können. Sie hat uns befohlen, Ihnen diese und die anstoßenden Zimmer anzuweisen. Bedienen Sie sich davon, soviel und wie Sie's nötig finden.
MERKULO. Wollen Sie mir erlauben, daß ich unsere Gerätschaften, deren freilich nicht wenige sind, herein- und in Ordnung bringen lasse?
MANA. Nach Ihrer Bequemlichkeit.
Merkulo mit einer Verbeugung ab.
SORA. Wir wollen bleiben. Ich bin gar zu neugierig, was sie alles mitbringen.
Es läßt sich ein lebhafter Marsch hören, und es kommt ein Zug. Merkulo voraus, der Oberste, die Wache, sodann Trabanten, welche Kasten von verschiedener Größe tragen, vier Mohren, die eine Laube bringen, und Gefolge. Sie umgehen das Theater. Die Kasten werden auf beiden Seiten, die Laube in den Grund und ein großer Kasten auf die Laube gesetzt. Die stummen Personen gehn alle ab, der Marsch hört auf. Es bleiben Sora, Mana, Merkulo.
SORA. Wer sind denn die hübschen bewaffneten jungen Leute, und wer ist der Herr, der uns salutierte?
MERKULO. Das ist der Oberste über des Prinzen Kriegsvolk, und die andern sind junge Edelleute, militärische Edelknaben meines gnädigsten Herrn und lose Vögel.
MANA. Wir erstaunen, mein Herr! Sie führen Dekorationen mit sich! Wollen Sie etwa eine Komödie spielen? Vermutlich ist die Theatergarderobe in diesen Kasten?
MERKULO. Verzeihen Sie, meine Damen! – Eigentlich sollte ich den Finger auf den Mund legen und Sie mit guter Art bitten, diesen Saal, der von nun an ein Platz der Geheimnisse wird, zu verlassen; allein wie vermag ich das gegen Ihre Güte und gegen Ihre Reize! Nur vor unheiligen fremden Augen bewahren wir unsere heiligen Empfindungen, nicht vor so angenehmen Seelen, deren Teilnehmung wir wünschen.
SORA. Sagen Sie uns um 's Himmels willen, was soll die Laube?
MERKULO. An diesem Zug, meine schönen Kinder, können Sie einen großen Teil des Charakters meines liebenswürdigen Prinzen erkennen. Er, der empfindsamste Mann von allen Männern, der für die Schönheiten der Natur ein gefühlvolles Herz trägt, der Rang und Hoheit nicht so sehr schätzt als den zärtlichen Umgang mit der Natur –
SORA. Ach, das ist ein Mann für uns! Wir gehn auch gar zu gern im Mondschein spazieren und hören die Nachtigallen lieber als alles.
MERKULO. Da ist eins zu bedauern, meine vortrefflichen Damen! Mein Prinz ist von so zärtlichen, äußerst empfindsamen Nerven, daß er sich gar sehr vor der Luft und vor schnellen Abwechselungen der Tageszeiten hüten muß. Freilich, unter freiem Himmel kann man's nicht immer so temperiert haben, wie man wünscht. Die Feuchtigkeit des Morgen- und Abendtaues halten die Leibärzte für höchst schädlich, den Duft des Mooses und der Quellen bei heißen Sommertagen für nicht minder gefährlich! Die Ausdünstungen der Täler, wie leicht geben die einen Schnupfen! Und in den schönsten wärmsten Mondnächten sind die Mücken just am unerträglichsten. Hat man sich auf dem Rasen seinen Gedanken überlassen, gleich sind die Kleider voll Ameisen, und die zärtlichste Empfindung in einer Laube wird oft durch eine herabfahrende Spinne gestört. Der Prinz hat durch seine Akademien Preise ausgesetzt, um zu erfahren, ob diesen Beschwerden, zum Besten der zärtlichen Welt, nicht abgeholfen werden könne? Es sind auch verschiedene Abhandlungen gekrönt worden; die Sache aber ist bis jetzo noch um kein Haar weiter.
SORA. Oh, wenn je ein Mittel gegen die Mücken und Spinnen erfunden werden sollte, machen Sie es doch ja gemeinnützig! Denn wenn man oft in himmlischen Entzückungen aufgefahren ist, erinnert einen das leidige Geziefer, mit seinen Stacheln und krabbligen Füßen, gleich wieder an die Sterblichkeit.
MERKULO. Inzwischen, meine schönen Damen, hat der Prinz, der seinen Genuß weder verschoben noch unterbrochen haben will, den Entschluß gefaßt, durch tüchtige Künstler sich eine Welt in der Stube zu verschaffen. Sein Schloß ist daher auf die angenehmste Weise ausgeziert, seine Zimmer gleichen Lauben, seine Säle Wäldern, seine Kabinette Grotten, so schön und schöner als in der Natur; und dabei alle Bequemlichkeiten, die Stahlfedern und Ressorts nur geben können.
SORA. Das muß scharmant sein!
MERKULO. Und weil der Prinz so sehr dran gewöhnt ist, wie er denn in jedem Lustschloß seine Natur hat, so haben wir auch eine Reisenatur, die wir auf unsern Zügen überall mit herumführen. Unser Hof-Etat ist mit einem sehr geschickten Manne vermehrt worden, dem wir den Titel als Naturmeister, Directeur de la nature, gegeben haben. Er hat eine große Anzahl von Künstlern unter sich. Ein würdiger Schüler von ihm ist dieser Mann hier, der unsere Natur auf der Reise besorgt und den ich die Ehre habe, Ihnen in dieser Qualität zu präsentieren. Was uns allein noch abgeht, das sind die kühlen Lüftchen. Die Versuche davon sind immer noch unvollkommen; wir hoffen aber, aus Frankreich auch diesem Mangel nächstens abgeholfen zu sehen.
SORA. Um Vergebung, was ist in den Kasten da? Darf man's wissen?
MERKULO. Geheimnisse, meine schönen Fräulein, Geheimnisse! Aber Sie haben das Geheimnis gefunden, die Geheimnisse meines Herzens aufzulösen, so daß Ihnen eben weiter nichts verborgen bleibt. Hier führen wir die vorzüglichsten Glückseligkeiten empfindsamer Seelen bei uns. In diesem Kasten sind sprudelnde Quellen.
MANA. Oh!
MERKULO. Hier in diesem ist der Gesang, der lieblichste Gesang der Vögel verborgen.
MANA. Warum nicht gar?
MERKULO. Und hier in diesem größern ist Mondschein eingepackt.
SORA. Es ist nicht möglich! Lassen Sie's uns doch sehn.
MERKULO. Es steht nicht in meiner Gewalt. Der Prinz allein weiß diese Herrlichkeiten in Bewegung und Leben zu setzen. Er ganz allein darf sie fühlen; ich könnte Ihnen nur den groben Stoff sichtbar machen.
MANA. O wir müssen den Prinzen bitten, daß er uns die Maschinen einmal spielen läßt.
MERKULO. Um 's Himmels willen, lassen Sie sich nichts merken! Und besonders unter dem Titel von Spielen würde der Prinz seine Liebhabereien nicht erkennen. Jeder Mensch, meine schönen Fräulein, treibt seine Liebhabereien sehr ernsthaft, meistens ernsthafter als seine Geschäfte. Indessen halte ich für Schuldigkeit, Ihr Vergnügen, soviel an mir ist, zu befördern, und wollte Ihnen gern unsre Raritäten, wenngleich nur leblos, vorzeigen, wäre nur die Dekoration des Saales einigermaßen mit dieser eingeschloßnen Natur übereinstimmend.
MANA. So vollkommen muß man die Illusion nicht verlangen.
SORA. Dem ist leicht abzuhelfen. Wir haben ja die gewirkten Tapeten, die nichts als Wälder und Gegenden vorstellen.
MERKULO. Das wird allerliebst sein.
SORA. He!
Ein Bedienter kommt.
Sagt dem Hoftapezier, er soll die gewirkte Waldtapete gleich herunterlassen!
MERKULO. An mir soll's auch nicht fehlen.
Musik.
Er gibt ein Zeichen, und in dem Augenblicke, als sich die Szene in Wald verwandelt, verwandeln sich die Kasten in Rasenbänke, Felsen, Gebüsche und so
weiter; der Kasten über der Laube in Wolken. Der Dekorateur wird sorgen, daß das Ganze übereinstimmend und reizend sei und mit der verschwindenden Dekoration einen recht fühlbaren Kontrast mache.
MERKULO. Bravo! Bravo!
SORA. O wie schön!
Sie besehen alles auf das emsigste, solange die Musik fortdauert.
MANA. Die Dekoration ist allerliebst.
MERKULO. Um Vergebung, nicht Dekoration, sondern künstliche Natur nennen wir das; denn das Wort Natur, merken Sie wohl, muß überall dabeisein.
SORA. Scharmant! Allerliebst!
MERKULO. Da muß ich Sie noch ein Kunstwort lehren, mit dem weit zu reichen ist. »Scharmant! Allerliebst!«, das könnten Sie allenfalls auch von einer Florschürze, von einem Häubchen sagen. Nein, wenn Sie etwas erblicken, es sei, was es wolle, sehn Sie es steif an und rufen: »Ach, was das für einen Effekt auf mich macht!« – Es weiß zwar kein Mensch, was Sie eigentlich sagen wollen; denn Sonne, Mond, Fels und Wasser, Gestalten und Gesichter, Himmel und Erde und ein Stück Glanzleinewand, jedes macht seinen eignen Effekt; was für einen, das ist ein bißchen schwerer auszudrücken. Halten Sie sich aber nur ans Allgemeine: »Ach! was das für einen besondernEffekt auf mich macht!« – Jeder, der dabeisteht, sieht auch hin und stimmt in den besondern Effekt mit ein; und dann ist's ausgemacht – daß die Sache einen besondern Effekt tut.
MANA. Mit allem dem scheint mir Ihr Prinz Liebhaber vom Theater.
MERKULO. Sehr! sehr! Das Theater und unsere Natur sind freilich nahe miteinander verwandt. Dabei ist er ein trefflicher Schauspieler. Wenn Sie ihn bereden könnten, etwas vor Ihnen aufzuführen!
SORA. Haben Sie denn eine Truppe bei sich?
MERKULO. Das nicht! Wir sind aber alle eine Art von Komödianten. Und dann agiert der Prinz, wenn's dazu kommt, meistenteils allein.
SORA. Ach! davon haben wir schon gehört.
MERKULO. Ei! – Sehen Sie, meine Damen, das ist eine Erfindung oder vielmehr eine Wiederauffindung, die unsern erleuchteten Zeiten aufbehalten war. Denn in den alten Zeiten, schon auf dem römischen Theater, waren die Monodramen vorzüglich eingeführt. So lesen wir zum Exempel vom Nero –
MANA. Das war der böse Kaiser?
MERKULO. Es ist wahr, er taugte von Haus aus nichts, war aber drum doch ein exzellenter Schauspieler. Er spielte bloß Monodramen. Denn erstlich sagt Suetonius – Nun, das werden Sie alles in der trefflich gelehrten Schrift eines unserer Akademisten über diese Schauspielart lesen! Sie wird auf Befehl unsers Prinzen geschrieben und auf seine Kosten gedruckt. Wir führen aber auch die neusten Werke auf, wie man sie von der Messe kriegt: Monodramen zu zwei Personen, Duodramen zu dreien, und so weiter.
SORA. Wird denn auch drin gesungen?
MERKULO. Ei, gesungen und gesprochen! Eigentlich weder gesungen noch gesprochen. Es ist weder Melodie noch Gesang drin, deswegen es auch manchmal Melodram genannt wird.
SORA. Wie ist das?
MERKULO. Gelegentlich, meine Fräulein! Gelegentlich!
SORA. Nun, wir hoffen, der Prinz soll gut Freund mit uns werden. Wir hoffen, Sie sollen recht lange bei uns bleiben. Sie bleiben doch recht lange bei uns?
MERKULO. Gar zu gütig! – Ach! wer glauben könnte, daß so eine Einladung aus einem so schönen Herzen käme! Es ist aber leider eins der gewöhnlichen Hofkomplimente, womit man einen Fremden bewillkommt, nur um sich zu versichern, daß er bald wieder weggehen werde.
MANA. Warten Sie nur, wir haben dem Prinzen schon allerlei Scherze von unsrer Art zugedacht, die ihn gewiß unterhalten sollen.
MERKULO. Meine Fräulein, ich wünsche Ihnen Glück und uns allen! Möchten Sie sein Herz, sein zärtlich Herz, gewinnen und ihn durch Ihren Liebreiz aus der sanften Traurigkeit ziehen, in der er verschmachtet!
SORA. Ach! Wir haben auch zärtliche Herzen, das ist just recht unsre Sache.
MANA. Bringen Sie uns nicht auch neue Liedchen mit?
SORA. Ja, wir haben's in der Art, wenn wir eine hübsche Melodie finden, singen wir sie meist tot, daß sie kein Mensch mehr hören mag.
MANA. Kein Liedchen an den Mond?
MERKULO. Oh, deren haben wir verschiedene. Ich kann gleich mit einem aufwarten.
SORA. Tun Sie's ja!
MERKULO singt.
Du gedrechselte Laterne
Überleuchtest alle Sterne,
Und an deiner kühlen Schnuppe
Trägst du der Sonne mildesten Glanz.
SORA. O pfui! das ist gar nichts Empfindsames!
MERKULO. Schönes Kind, um 's Himmels willen, es ist aus dem Griechischen!
MANA. Es gefällt mir ganz und gar nicht.
MERKULO. Daran ist wohl die Melodie schuld, ich hab es immer gedacht. Das Lied an sich selbst ist gewiß vortrefflich; hören Sie nur!
Er singt's auf die Melodie: »Monseigneur, voyez nos larmes«, und die Fräulein fangen an mitzusingen.
BEDIENTE. Der Prinz kommt! Man eilt ihm entgegen!
Merkulo und die Fräulein gehn singend ab.
Dritter Akt
Wald, die Laube im Grunde wie zu Ende des vorigen Akts.
Die vier Fräulein führen den Prinzen unter einer sanften Musik herein. Merkulo folgt ihnen. Die Frauenzimmer bemühen sich in einem gefälligen Tanze um den nachdenklichen und in sich selbst versunkenen Ankömmling; er antwortet ihren Freundlichkeiten nur gezwungen. Da die Musik einen Augenblick pausiert, spricht.
MERKULO für sich. Das sind recht Homerische Sitten, wo die schönen Töchter des Hauses sich um die Fremden bemühen. Ich hätte wohl Lust, mich ins Bad zu setzen und mich abreiben zu lassen.
Die Musik geht fort; endlich, da die Fräulein ihre Bemühungen ganz vergeblich sehn, eilen sie verdrießlich davon, und es bleiben
Prinz und Merkulo.
PRINZ. Gesegnet seist du, liebe Einsamkeit! Wie erbärmlich habe ich mich seit dem Eintritt in dieses Haus zwingen müssen!
MERKULO. Das muß ich Eurer Durchlaucht bekennen, daß mir's manchmal unbegreiflich gewesen ist, wie Sie sich an einer wohlbesetzten Tafel und zwischen liebenswürdigen Frauen ennuyieren können?
PRINZ. Es ist nicht Langeweile, es ist die Gefälligkeit dieser angenehmen Geschöpfe, die mich ängstet. Ach! warum muß ich dem weiblichen Geschlechte zur Qual geschaffen sein? Denn nur eine kann mein Herz besitzen, und die übrigen – Ach! – –
MERKULO. Die hab ich schon oft bedauert! und ich hab ihnen auch gelegentlich mein Mitleiden auf eine so überzeugende Art zu verstehn gegeben, daß ich wirklich sagen kann: ich habe das Glück gehabt, einigen das Leben zu fristen, die auf dem Sprunge standen, durch Ihre Grausamkeit in die elysischen Felder vertrieben zu werden.
PRINZ. Rede davon nicht! vermehre nicht meinen Kummer!
MERKULO. Ich sage nichts! denn wenn man Ihren hohen Stand und Ihre trefflichen Qualitäten zusammennimmt, so ist's evident, daß einer Ihrer Blicke ganz unglaubliche Bewegungen in einem schönen Herzen hervorbringen muß.
PRINZ. Meinen Stand erwähnst du, Unglücklicher? Was ist mein Stand gegen dieses Herz?
MERKULO. Halten Sie mir's zu Gnaden. Wir wollen der Sache ihr Recht antun. Eine wahre Liebe ist zum Exempel was Vortreffliches; aber eine wahre Liebe mit einem wohlgespickten Beutel, darüber geht gar nichts. So auch, was den Stand betrifft –
PRINZ. Rede nur nicht immer! nicht solche Dinge!
MERKULO. Nein, ich müßte undankbar sein, wenn ich es nicht gestände, nicht bekennte! In Ihrer Nähe, mein Gebieter, bin ich ohnehin sicher. Ihre fürstliche Gegenwart zieht, wie ein Gewitterableiter, alle Elektrizität zärtlicher Herzen an sich, daß wir andern vorm Einschlagen ganz gesichert sind.
PRINZ. Ist es bald eilfe?
MERKULO. Es wird gleich sein, und ich gehe, um Sie Ihren Empfindungen in der feierlichen Stunde der Mitternacht allein zu überlassen. Es ist eine vortreffliche neuere Erfindung, daß jeder Stunde, jeder Tagszeit ihre eignen Gefühle gewidmet sind. Darin waren die Alten rechte Tröpfe. In ihren Schauspielen konnte das Feierlichste, Schrecklichste bei hellem Tage und unter freiem Himmel vorgehn; unter eilfe und zwölfe tun wir's aber gar nicht, und ohne Särge, Kirchhöfe und schwarze Tücher läßt sich nichts Rechts ausrichten.
PRINZ. Sind meine Pistolen geladen?
MERKULO. Auf Ihren Befehl, wie immer. Aber ich bitte Sie um Gottes willen, erschießen Sie sich nicht einmal!
PRINZ. Sei ruhig!
Es schlägt eilfe.
Es schlägt!
MERKULO. Sie haben hier eine Glocke, die gar keinen feierlichen Ton hat. Es klingt, als wenn man auf Blech hämmerte; mich könnte nun so etwas gleich vollkommen aus meiner zärtlichsten Fassung bringen.
Die Musik gibt einige Laute und entfernte Melodien zum folgenden an.
PRINZ. Schweig, Unheiliger! und entflieh!
MERKULO. Ab! Ab.
PRINZ. Vergebens sucht ihr mich durch eure Schönheit, durch euer einschmeichelndes Wesen abzuziehen, von den Gedanken wegzuwenden, die ich immer mit den Armen meiner Seele umschlungen halte. Fahrt wohl, ihr sterblichen Mädchen! Das Unsterbliche umschwebt meine Stirne, und die Geister steigen herab, meine Wohnung zu beleben und mein Herz zu beseligen.
Die feierliche Musik geht fort, die Wasserfälle fangen an zu rauschen, die Vögel zu singen, der Mond zu scheinen.
Dich ehr ich, heiliges Licht,
Reiner, hoher Gefühle Freund!
Du, der du mir
Der Liebe stockende Schmerzen
Im Busen auf zu sanften Tränen lösest!
Ach, welche Seligkeiten säuselst du mir
Ins tiefe Heiligtum der Nacht
Und deutest mir
Auf der geheimnisvollen Liebe Ruhestätte!
Ach, verzeih! Ach, mein Herz
Fühlt nicht immer gleich!
Verzeih dem trüben Blick auf deine Schönheit!
Verzeih dem flüchtigen!
Nach der Laube gekehrt.
Hier, hier wohnt meine Gottheit,
Die ganz mein Herz nach ihrem Herzen zieht!
Dies Pochen und dies Zittern!
Ha! es schlägt dem Augenblick entgegen,
Wo die Zauberei
Die Seligkeit des Wahren überflügelt!
O den Genuß, ihr Götter, gabt ihr mir!
O den Genuß bewahret mir, ihr Götter!
Die Laube tut sich auf, man sieht ein Frauenzimmer darin sitzen: sie muß vollkommen an Gestalt und Kleidung der Schauspielerin gleichen, die nachher als Mandandane auftritt.
Himmel, sie ist's! Himmel, sie ist's!
Seligkeit tauet herab. – –
Deine Hand an dieses Herz,
Geliebte, süße Freundin!
Du ganz für mich Geschaffne,
Ganz durch Sympathie Gefundene,
Gewählte!
In dieser schönen Stimmung unsrer Herzen
Wird mir ein Glück, das nur die Götter kennen.
Ach, in hohen Himmelsfreuden
Fühl ich schaudernd mich verschweben!
Ha! vor Wonne stockt mein Leben,
Stockt der Atem in der Brust!
Ach, umweht mich, Seligkeiten!
Lindert dieses heiße Streben,
Und in wonnevolles Leben
Löset auf die schöne Lust!
Während der letzten Kadenz, da die Instrumente die Stimme zu lange nachahmen, setzt sich der Prinz auf eine Rasenbank und schläft endlich ein. Man gibt ihm verschiednemal den Ton an, damit er einfallen und schließen möge; allein er rührt sich nicht, und es entsteht eine Verlegenheit im Orchester; endlich sieht sich die erste Violine genötigt, die Kadenz zu schließen, die Instrumente fallen ein, die Laube geht zu, der mittlere Vorhang fällt nieder, und es zeigt sich.
Ein Vorsaal.
Feria und die vier Fräulein.
FERIA. Mich dünkt, der Prinz pflegt seiner Ruhe ziemlich lange. Es soll nicht gesagt sein, daß ein Mann in unserm Schlosse ungestraft die Morgenröte herbeigeschlafen habe! Sind die Klappern bei der Hand und die Rasseln? Wir wollen ihm ein Chariwari machen und die fatale Schläfrigkeit, unsre verhaßte Nebenbuhlerin, von seinen Augen peitschen.
Lebhafter Tanz zu fünfen mit Kastagnetten und Metallbecken; mitunter tanzt Feria solo. Der Oberste kommt, die Prinzessin zu bitten, daß sie des Prinzen Ruhe nicht stören möge, indem die Wache die Fräulein aufhalten will. Diese machen immer ärgern Lärm. Der hintere Vorhang geht auf; das Theater ist wieder wie zu Anfang des Akts; Merkulo tritt zu gleicher Zeit herein, der Prinz fährt bewegt von seiner Rasenbank in die Hohe, ergrimmt und singt.
Ja, ihr seid's, Erinnyen, Mänaden!
Ohne Gefühl für Liebe,
Ohne Gefühl für Schmerz!
Ich hofft im Arm der Grazien zu baden,
Und ihr zerreißt mein Herz!
Mein Herz! mein Herz!
Zerreißt mein leidend Herz!
Während der Arie begibt sich Feria, die Fräulein und die Wache, eins nach dem andern, auf die Seite; es bleiben allein.
Prinz und Merkulo.
MERKULO. Mein Prinz, fassen Sie sich!
PRINZ. Mein Freund, welche tödliche Wunde!
MERKULO. Gnädiger Herr, nur Chariwari!
PRINZ. Ich will weg! diesen Augenblick mich in die Einsamkeit des Gebirgs verlieren!
MERKULO. Was wird die Prinzessin, was werden die Damen denken?
PRINZ. Denken sie doch, auch nicht, wen sie vor sich haben. Ohne das mindeste Gefühl für das Hohe, Überirdische meiner Stimmung, rasseln sie mit knirschenden Tönen der Vorhölle drein. Ach, ihr goldnen Morgenträume, wo seid ihr hin? auf ewig! auf ewig!
MERKULO. Es war nicht böse gemeint. Schon vor Sonnenaufgang waren die Mädchen geschäftig, ein Dejeuner im Garten zurechtzumachen; wir haben auch wirklich den Morgenstern mit Bratwürsten in der Hand und einem vortrefflichen Glas Zyperwein bewillkommt. Man fürchtete, es möchte alles kalt werden, verderben, und wir wollten Ihr angenehmes Gesicht im Glanz der ersten Morgensonne genießen.
PRINZ. Ja, mit Schellen und Klapperblechen genießt man den Morgen! – Fort! – Leb wohl!
MERKULO. Gnädiger Herr!
PRINZ. Du weißt, meine Entschließungen sind rasch und fest.
MERKULO für sich. Leider!
PRINZ. Ich gehe nach dem Orakel! Laß aufs schärfste dieses Heiligtum bewachen, daß unter keinem Vorwand eine lebendige Seele einen Fuß hereinsetze!
MERKULO. Bleiben Sie beruhigt.
PRINZ. Leb wohl. Ab.
Vierter Akt
Andrasons Schloß, eine rauhe und felsige Gegend, Höhle im Grunde.
Mandandanens Kammerdiener als Askalaphus tritt auf mit einem Reverenz und spricht den Prologus.
Herrn und Frauen allzugleich,
Merkt wohl, das hier ist Plutons Reich,
Und ich, wie ich mich vor euch stelle,
Das ich zuerst bedeuten muß,
Ich nenne mich Askalaphus
Und bin Hofgärtner in der Hölle.
Die Charge ist hier unten neu;
Denn ehmals war Elysium dadrüben,
Die rauhen Wohnungen dahüben,
Man ließ es eben so dabei.
Nun aber kam ein Lord herunter,
Der fand die Hölle gar nicht munter,
Und eine Lady fand Elysium zu schön.
Man sprach so lang, bis daß der seltne Gusto siegte
Und Pluto selbst den hohen Einfall kriegte,
Sein altes Reich als einen Park zu sehn.
Da schleppen nun Titanen ohne Zahl,
Den alten Sisyphus mit eingeschlossen,
Rastlos geschunden und verdrossen,
Gar manches schöne Berg und Tal
Zusammen.
Aus den flutenden Flammen
Des Acherons herauf
Müssen die ewigen Felsen jetzt!
Und, gält's tausend Hände,
Sie werden an irgendeinem Ende
Als Point de vue zurechtgesetzt.
Um eins nur ist es jammerschade,
Ums schöne Erdreich in Elysium!
Aber es ist keine Gnade,
Wir gehn damit ganz sündlich um.
Sonst dankt man Gott, wenn man die Steine
Vom Acker hat;
Aber hier! sechs Meilen herum sind keine
Zu finden mehr, und wir haben es noch nicht satt;
Damit verschütten wir den Boden,
Wo das weichste Gras,
Die liebsten Blümchen blühen, und warum das?
Alles um des Mannigfaltigen willen.
Ein frischer Wald, eine feine Wiese,
Das ist uns alles alt und klein;
Es müssen in unserm Paradiese
Dorn und Disteln sein.
Dafür aber auch graben wir in den Hainen
Elysiums die schönsten Bäume aus
Und setzen sie, wo wir es eben meinen,
An manche leere Stelle
Herüber in die Hölle,
Um des Cerberus Hundehaus,
Und formieren das zu einer Kapelle.
Denn, notabene! in einem Park
Muß alles ideal sein,
Und, salva venia, jeden Quark
Wickeln wir in eine schöne Schal ein.
So verstecken wir zum Exempel
Einen Schweinstall hinter einen Tempel;
Und wieder ein Stall, versteht mich schon,
Wird geradeswegs ein Pantheon.
Die Sach ist, wenn ein Fremder drin spaziert,
Daß alles wohl sich präsentiert;
Wenn's dem denn hyperbolisch dünkt,
Posaunt er's hyperbolisch weiter aus.
Freilich, der Herr vom Haus
Weiß meistens, wo es stinkt.
Wie ich also sagte: unsre elysischen Bäume
Schwinden wie elysische Träume,
Wenn man sie verpflanzen will.
Ich bin zu allen Sachen still:
Denn in einem Park ist alles Prunk;
Verdorrt ein Baum und wird ein Strunk.
»Ha!« sagen sie, »da seht die Spur,
Wie die Kunst auch hinterdrein der Natur
Im Dürren ist.« – Ja, leider stark!
Was ich sagen wollte! Zum vollkommnen Park
Wird uns wenig mehr abgehn.
Wir haben Tiefen und Höhn,
Eine Musterkarte von allem Gesträuche,
Krumme Gänge, Wasserfälle, Teiche,
Pagoden, Höhlen, Wieschen, Felsen und Klüfte,
Eine Menge Reseda und andres Gedüfte,
Weimutsfichten, babylonische Weiden, Ruinen,
Einsiedler in Löchern, Schäfer im Grünen,
Moscheen und Türme mit Kabinetten,
Von Moos sehr unbequeme Betten,
Obelisken, Labyrinthe, Triumphbögen, Arkaden,
Fischerhütten, Pavillons zum Baden,
Chinesisch-gotische Grotten, Kiosken, Tings,
Maurische Tempel und Monumente,
Gräber, ob wir gleich niemand begraben –
Man muß es alles zum Ganzen haben.
Ein einziges ist noch zurücke,
Und drauf ist jeder Lord so stolz:
Das ist eine ungeheure Brücke
Von Holz
Und einem Bogen von Hängewerk,
Das ist unser ganzes Augenmerk.
Denn erstlich kann kein Park bestehn
Ohne sie, wie wir auf jedem Kupfer sehn.
Auch in unsern toleranten Tagen
Wird immer mehr drauf angetragen,
Auf Kommunikation, wie bekannt,
Dem man sich auch gleichstellen muß;
Elysium und Erebus
Werden vice versa tolerant.
Wir freuten uns der Brücke schon;
Doch, leider, Acheron und Pyriphlegethon
Speien ewige Flammen;
Da fehlt's uns an gescheiten Leuten.
Und bringen wir die Brücke nicht zusammen,
So will der ganze Park nichts bedeuten;
Das Kostüm leidet weder Erz noch Stein,
Von Holz muß so eine Brücke sein.
Aber warum ich komme! ohne Zeit zu verlieren:
Plutons schönes junges Weib
Geht gewöhnlich hierher spazieren,
Denn drin ist nicht viel Zeitvertreib.
Da sucht sie bei den armen Toten
So schöne Gegenden wie auf Siziliens Boden;
Wir haben's aber nur in Gedichten.
Dann fragt sie täglich nach herrlichen Früchten;
Wir haben aber keine zu reichen:
Pfirschen, Trauben, darnach liefen wir weit;
Holzbirn, Schlehn, rote Beerchen und dergleichen
Ist alles, was bei uns gedeiht.
Zwei höllische Geister bringen einen Granatenbaum in einem Kübel.
Drum hab ich zu einem Treibhaus geraten
Und brüte, zum Exempel, diese Granaten
In einem frostbedeckten Haus
Mit unterirdischem Feuer aus;
Den will ich in die Erde kleben, –
– Er macht alles zurechte, wie er's sagt –
Mit Felsen, Rasen, Moos umgeben,
Daß meine Königin vermeine,
Es wüchse alles aus dem Steine,
Und, wenn sie den Betrug verspürt,
Den Künstler lobe, wie sich's gebührt.
Ab.
Vorbereitende Musik, ahnend seltne Gefühle.
MANDANDANE als Proserpina.
Halte! halt einmal, Unselige! Vergebens
Irrst du in diesen rauhen Wüsten hin und her!
Endlos liegen vor dir die Trauergefilde,
Und was du suchst, liegt immer hinter dir.
Nicht vorwärts,
Aufwärts auch soll dieser Blick nicht steigen!
Die schwarze Höhle des Tartarus
Verwölbt die lieben Gegenden des Himmels,
In die ich sonst
Nach meines Ahnherrn froher Wohnung
Mit Liebesblick hinaufsah!
Ach! Tochter du des Jupiters,
Wie tief bist du verloren! –
Gespielinnen!
Als jene blumenreiche Täler
Für uns gesamt noch blühten,
Als an dem himmelklaren Strom des Alpheus
Wir plätschernd noch im Abendstrahle scherzten,
Einander Kränze wanden
Und heimlich an den Jüngling dachten,
Dessen Haupte unser Herz sie widmete:
Da war uns keine Nacht zu tief zum Schwätzen,
Keine Zeit zu lang,
Um freundliche Geschichten zu wiederholen,
Und die Sonne
Riß leichter nicht aus ihrem Silberbette
Sich auf, als wir, voll Lust zu leben,
Früh im Tau die Rosenfüße badeten. –
O Mädchen! Mädchen!
Die ihr, einsam nun,
Zerstreut an jenen Quellen schleicht,
Die Blumen auflest,
Die ich, ach Entführte!
Aus meinem Schoße fallen ließ,
Ihr steht und seht mir nach, wohin ich verschwand!
Weggerissen haben sie mich,
Die raschen Pferde des Orkus;
Mit festen Armen
Hielt mich der unerbittliche Gott!
Amor! ach, Amor floh lachend auf zum Olymp –
Hast du nicht, Mutwilliger,
Genug an Himmel und Erde?
Mußt du die Flammen der Hölle
Durch deine Flammen vermehren? –
Heruntergerissen
In diese endlosen Tiefen!
Königin hier!
Königin?
Vor der nur Schatten sich neigen!
Hoffnungslos ist ihr Schmerz!
Hoffnungslos der Abgeschiedenen Glück,
Und ich wend es nicht.
Den ernsten Gerichten
Hat das Schicksal sie übergeben;
Und unter ihnen wandl' ich umher,
Göttin! Königin!
Selbst Sklavin des Schicksals!
Ach, das fliehende Wasser
Möcht ich dem Tantalus schöpfen,
Mit lieblichen Früchten ihn sättigen!
Armer Alter!
Für gereiztes Verlangen gestraft! –
In Ixions Rad möcht ich greifen,
Einhalten seinen Schmerz!
Aber was vermögen wir Götter
Über die ewigen Qualen!
Trostlos für mich und für sie,
Wohn ich unter ihnen und schaue
Der armen Danaiden Geschäftigkeit!
Leer und immer leer,
Wie sie schöpfen und füllen!
Leer und immer leer!
Nicht einen Tropfen Wassers zum Munde,
Nicht einen Tropfen Wassers in ihre Wannen!
Leer und immer leer!
Ach, so ist's mit dir auch, mein Herz!
Woher willst du schöpfen? – und wohin? –
Euer ruhiges Wandeln, Selige,
Streicht nur vor mir vorüber;
Mein Weg ist nicht mit euch!
In euern leichten Tänzen,
In euern tiefen Hainen,
In eurer lispelnden Wohnung
Rauscht's nicht von Leben wie droben,
Schwankt nicht von Schmerz zu Lust
Der Seligkeit Fülle. –
Ist's auf seinen düstern Augenbraunen,
Im verschlossenen Blicke?
Magst du ihn Gemahl nennen?
Und darfst du ihn anders nennen?
Liebe! Liebe!
Warum öffnetest du sein Herz
Auf einen Augenblick?
Und warum nach mir,
Da du wußtest,
Es werde sich wieder auf ewig verschließen?
Warum ergriff er nicht eine meiner Nymphen
Und setzte sie neben sich
Auf seinen kläglichen Thron?
Warum mich, die Tochter der Ceres?
O Mutter! Mutter!
Wie dich deine Gottheit verläßt
Im Verlust deiner Tochter,
Die du glücklich glaubtest,
Hinspielend, hintändelnd ihre Jugend!
Ach, du kamst gewiß
Und fragtest nach mir,
Was ich bedürfte?
Etwa ein neues Kleid
Oder goldene Schuhe?
Und du fandest die Mädchen,
An ihre Weiden gefesselt,
Wo sie mich verloren,
Nicht wiederfanden,
Ihre Locken zerrauften,
Erbärmlich klagten,
Meine lieben Mädchen! –
»Wohin ist sie? Wohin?« rufst du;
»Welchen Weg nahm der Verruchte?
Soll er ungestraft Jupiters Stamm entweihen?
Wohin geht der Pfad seiner Rosse?
Fackeln her!
Durch die Nacht will ich ihn verfolgen!
Will keine Stunde ruhen, bis ich sie finde,
Will keinen Gang scheuen,
Hierhin und dorthin.« –
Dir blinken deine Drachen mit klugen Augen zu,
Aller Pfade gewohnt, folgen sie deinem Lenken;
In der unbewohnten Wüste treibt dich's irre –
Ach nur hierher, hierher nicht!
Nicht in die Tiefe der Nacht,
Unbetreten den Ewiglebenden,
Wo, bedeckt von beschwerendem Graus,
Deine Tochter ermattet!
Wende aufwärts,
Aufwärts den geflügelten Schlangenpfad,
Aufwärts nach Jupiters Wohnung!
Der weiß es,
Der weiß es allein, der Erhabene,
Wo deine Tochter ist! –
Vater der Götter und Menschen!
Ruhst du noch oben auf deinem goldenen Stuhle,
Zu dem du mich Kleine
So oft mit Freundlichkeit aufhobst,
In deinen Händen mich scherzend
Gegen den endlosen Himmel schwenktest,
Daß ich kindisch droben zu verschweben bebte?
Bist du's noch, Vater? –
Nicht zu deinem Haupte,
In dem ewigen Blau
Des feuerdurchwebten Himmels,
Hier! hier! – –
Leite sie her!
Daß ich auf mit ihr
Aus diesem Kerker fahre!
Daß mir Phöbus wieder
Seine lieben Strahlen bringe,
Luna wieder
Aus den Silberlocken lächle!
O du hörst mich,
Freundlichlieber Vater;
Wirst mich wieder,
Wieder aufwärtsheben,
Daß, befreit von langer, schwerer Plage,
Ich an deinem Himmel wieder mich ergetze!
Letze dich, verzagtes Herz!
Ach! Hoffnung!
Hoffnung gießt
In Sturmnacht Morgenröte!
Dieser Boden
Ist nicht Fels, nicht Moos mehr;
Diese Berge
Nicht voll schwarzen Grauses!
Ach, hier find ich wieder eine Blume!
Dieses welke Blatt,
Es lebt noch,
Harrt noch,
Daß ich seiner mich erfreue!
Seltsam! seltsam!
Find ich diese Frucht hier?
Die mir in den Gärten droben
Ach! so lieb war –
Sie bricht den Granatapfel ab.
Laß dich genießen,
Freundliche Frucht!
Laß mich vergessen
Alle den Harm!
Wieder mich wähnen
Droben in Jugend,
In der vertaumelten
Lieblichen Zeit,
In den umduftenden
Himmlischen Blüten,
In den Gerüchen
Seliger Wonne,
Die der Entzückten,
Der Schmachtenden ward!
Sie ißt einige Körner.
Labend! labend
Wie greift's auf einmal
Durch diese Freuden,
Durch diese offne Wonne
Mit entsetzlichen Schmerzen,
Mit eisernen Händen
Der Hölle durch! –
Was hab ich verbrochen,
Daß ich genoß?
Ach, warum schafft
Die erste Freude hier mir Qual?
Was ist's? was ist's? –
Ihr Felsen scheint hier schrecklicher herabzuwinken,
Mich fester zu umfassen!
Ihr Wolken tiefer mich zu drücken!
Im fernen Schoße des Abgrunds
Dumpfe Gewitter tosend sich zu erzeugen!
Und ihr weiten Reiche der Parzen
Mir zuzurufen:
Du bist unser!
DIE PARZEN unsichtbar.
Du bist unser!
Ist der Ratschluß deines Ahnherrn:
Nüchtern solltest wiederkehren,
Und der Biß des Apfels macht dich unser!
Königin, wir ehren dich!
PROSERPINA.
Hast du's gesprochen, Vater?
Warum? warum?
Was tat ich, daß du mich verstößest?
Warum rufst du mich nicht
Zu deinem lichten Thron auf!
Warum den Apfel?
O verflucht die Früchte!
Warum sind Früchte schön,
Wenn sie verdammen?
PARZEN.
Bist nun unser!
Warum trauerst du?
Sieh, wir ehren dich,
Unsre Königin!
PROSERPINA.
O wäre der Tartarus nicht eure Wohnung,
Daß ich euch hin verwünschen könnte!
O wäre der Kozyt nicht euer ewig Bad,
Daß ich für euch
Noch Flammen übrig hätte!
Ich Königin,
Und kann euch nicht vernichten!
In ewigem Haß sei ich mit euch verbunden! –
So schöpfet, Danaiden!
Spinnt, Parzen! wütet, Furien!
In ewig gleich elendem Schicksal!
Ich beherrsche euch
Und bin darum elender als ihr alle.
PARZEN.
Du bist unser!
Wir neigen uns dir!
Bist unser! unser!
Hohe Königin!
PROSERPINA.
Fern! weg von mir
Sei eure Treu und eure Herrlichkeit!
Wie haß ich euch!
Und dich, wie zehnfach haß ich dich –
Weh mir! ich fühle schon
Die verhaßten Umarmungen!
PARZEN.
Unser! Unsre Königin!
PROSERPINA.
Warum reckst du sie nach mir?
Recke sie nach dem Avernus!
Rufe die Qualen aus stygischen Nächten empor!
Sie steigen deinem Wink entgegen,
Nicht meine Liebe.
Wie haß ich dich,
Abscheu und Gemahl,
O Pluto! Pluto!
Gib mir das Schicksal deiner Verdammten!
Nenn es nicht Liebe! –
Wirf mich mit diesen Armen
In die zerstörende Qual!
PARZEN.
Unser! unser! hohe Königin!
Andrason erscheint mit den Worten: Abscheu und Gemahl usw. Mandandane richtet die Apostrophe an ihn und flieht vor ihm mit Entsetzen. Er erstaunt, sieht sich um und folgt ihr voller Verwunderung.
Fünfter Akt
Vorsaal.
Mana. Sora. Lato. Mela.
SORA. Liebe Schwestern, es koste, was es wolle, wir müssen in des Prinzen Zimmer.
MANA. Aber die Wache?
SORA. Die hindert uns nicht; es sind Männer. Wir wollen ihnen schöntun und Wein geben; damit führen wir sie, wie wir wollen.
LATO. Laß sehn!
SORA. Ich habe vom süßen Wein genommen und ihn mit Schlaftrunk gemischt. Denn, ihr Kinder, es liegt viel dran.
MELA. Wieso?
SORA. Wer nicht neugierig ist, erfährt nichts. Mir brannt es auf dem Herzen, zu wissen, wie's im Zimmer wohl sein möchte, wenn die schönen Sachen alle spielten. Gegen Mitternacht schlich ich mich hinan und guckte durch einen Ritz in der Tür, den ich von alters her wohl kenne.
MANA. Was sahst du?
SORA. Was ihr nicht denkt! Nun glaub ich wohl, daß der Prinz gegen uns so unempfindlich blieb, so verachtend von uns wegging!
LATO. Ach! er ist ein schöner Geist von der neuen Sorte, die sind alle grob.
SORA. Das nicht allein. Er führt seine Geliebte mit sich herum.
MANA. Nicht möglich!
LATO. Ei wie?
SORA. Wenn ich euch nichts aufspürte! In dem verfluchten Kasten, in der geheimnisvollen Laube sitzt sie. Mich wundert nur, wie sie sich mag so herumschleppen lassen, so stille sitzen!
MANA. Drum wurde das Ding von Mauleseln getragen!
MELA. Wie sieht sie aus?
SORA. Ich habe nur einen Zipfel vom Kleide sehen können und daß der Prinz ihre Hand nahm und küßte. Gar nichts weiter. Hernach entstand ein Geräusche; da ruscht ich fort.
LATO. O laßt uns sehen!
MANA. Wenn sich's nur schickte!
SORA. Es ist ja Nacht, kein Mensch wird es erfahren. Ich habe schon den Hauptschlüssel. Nun spielt mit der Wache hübsch die Mädchen.
Musik.
Die Frauenzimmer spielen unter sich kleine Spiele. Die von der Wache kommen einzeln herein und sehen zu; sie rufen einander herbei, endlich mischen sie sich in die Spiele. Die Fräulein tun erst fremd, dann freundlich, endlich bringen sie Wein und
Früchte; die Jünglinge lassen sich's wohl schmecken, Tanz und Scherz geht fort, bis die Wache anfängt, schläfrig zu werden; sie taumeln hin und her, zuletzt in die Kulissen, und die Mädchen behalten das Feld.
SORA. Nun frisch ohne Zeitverlust ins Zimmer! Laßt uns die Verwegene aus ihrer Dunkelheit reißen, ihre Schande zu unserm Triumph offenbaren!
Alle ab.
Der hintere Vorhang geht auf, das Theater verändert sich in die Waldszene. Nacht ohne Mondschein. Um die Laube ist alles düster und stille. Die vier Fräulein kommen mit Fackeln: Pantomime und Tanz, worin sie Neugierde und Verdruß ausdrücken. Sie öffnen die Laube, leuchten starrend hinein und fahren zurück.
SORA. Was ist das? Mandandane!
LATO. Ein Gespenst oder Andrasons Gemahlin!
MELA. Eine Maske. Was steckt darunter?
Sie nähern sich wieder allmählich.
MANA. Wir wollen sie anrufen.
LATO. Heda, junge Dame!
SORA. Sie rührt sich nicht.
MELA. Ich dächte, wir blieben aus dem Spiele; ich fürchte, es steckt Zauberei dahinter.
SORA. Ich muß es doch näher besehn.
MANA. Nimm dich in acht! wenn's auffährt –
LATO. Sie wird dich nicht beißen.
MELA. Ich gehe meiner Wege.
SORA die es anrührt und zurückfährt. Ha!
MANA. Was gibt's?
MELA. Es ist wahrlich lebendig! Sollt es denn Mandandane selbst sein? Es ist nicht möglich!
LATO indem sie sich immer weiter entfernt. Wir müssen's doch heraus haben.
MELA. So redet es doch an!
SORA die sich furchtsam nähert. Wer du auch seist, seltsame, unbekannte Gestalt, rede! rühre dich! und gib uns Rechenschaft von deinem abenteuerlichen Hiersein!
MANA. Es will sich nicht rühren.
LATO. Geh eins hin und nehm ihr die Maske ab!
SORA. Ich will einen Anlauf nehmen! Kommt alle mit!
Sie halten sich aneinander, und es zerrt eine die andre nach sich bis zur Laube.
MANA. Wir wollen am Sessel ziehen, ob's leicht oder schwer ist.
Sie ziehen am Sessel und bringen ihn mit leichter Mühe bis ganz hervor ans Theater; sie gehen drum herum, machen allerlei Versuche, die Maske fällt
herunter, und sie tun einen allgemeinen Schrei.
MANA. Eine Puppe!
SORA. Eine ausgestopfte Nebenbuhlerin!
LATO. O ein schönes Gehirn!
SORA. Wenn sie ebenso ein Herz hat?
MANA. Die soll uns nicht umsonst vexiert haben! Auskleiden soll man sie und in den Garten stellen, die Vögel damit zu scheuchen.
LATO. So was ist mir in meinem Leben nicht vorgekommen.
MELA. Es ist doch ein schönes Kleid.
MANA. Man sollte schwören, es gehöre Mandandanen.
MELA. Ich begreife nicht, was der Prinz mit der Puppe will.
Sie versuchen an der Puppe verschiedenes, endlich bringen sie aus der Brust einen Sack hervor und erheben ein lautes Geschrei.
SORA. Was ist in dem Sack? Laßt sehn, was ist in dem Sack?
MANA. Häckerling ist drin, wie sich's anfühlen läßt.
SORA. Es ist doch zu schwer –
LATO. Es ist auch etwas Festes drin.
MELA. Bindet ihn auf; laßt sehn!
Andrason kommt.
ANDRASON. Ihr Kinder, wo seid ihr? Ich such euch überall ihr Kinder.
MANA. Du kommst eben zur gelegenen Zeit! Da sieh!
ANDRASON. Was Teufel ist das? meiner Frauen Kleider? meiner Frauen Gestalt?
MANA ihm den Sack zeigend. Mit Häckerling ausgestopft.
SORA. Sieh dich um! Das ist die Natur, worin der Prinz lebt, und das ist seine Geliebte.
ANDRASON auffahrend. Ihr großen Götter!
SORA. Mach nur den Sack auf!
ANDRASON aus tiefen Gedanken. Halt!
MANA. Was ist dir, Andrason?
ANDRASON. Mir ist, als wenn mir in dieser Finsternis ein Licht vom Himmel käme.
SORA. Du bist verzückt.
ANDRASON. Seht ihr nichts, ihr Mädchen? Begreift ihr nichts?
MANA. Ja, Ja! das Gespenst, das uns geängstet hat, ist begreiflich genug und der Sack, den ich in meinen Armen habe, dazu.
ANDRASON. Verehre die Götter!
SORA. Du machst mich mit deinem Ernst zu lachen.
ANDRASON. Seht ihr nicht die Hälfte des mir Glück weissagenden Orakels erfüllt? –
MANA. Daß wir nicht darauf gefallen sind!
ANDRASON. »Wenn wird ein greiflich Gespenst von schönen Händen entgeistert« –
SORA. Nichts kann klärer sein!
ANDRASON. »Und der leinene Sack seine Geweide gibt her«. Nun aufgemacht, ihr Kinder! Laßt uns vor allem sehn, was der enthält!
Sie binden ihn auf, und wie sie ihn umschütteln, fällt eine ganze Partie Bücher, mit Häckerling vermischt, heraus.
ANDRASON. Gebt acht, das werden Zauberbücher sein. Er hebt eins auf. Empfindsamkeiten!
MANA. O gebt's her!
Die andern haben indessen die übrigen Bücher aufgehoben.
ANDRASON. Was hast du? »Siegwart, eine Klostergeschichte, in drei Bänden.«
MANA. O das muß scharmant sein! Gib her, das muß ich lesen. – »Der gute Jüngling«!
LATO. Den müssen wir kennenlernen!
SORA. Da ist ja auch ein Kupfer dabei!
MELA. Das ist gut, da weiß man doch, wie er ausgesehen hat.
LATO. Er hat wohl recht traurig, recht interessant ausgesehn.
Es bleibt den Schauspielern überlassen, sich hier auf gute Art über ähnliche Schriften lustig zu machen.
ANDRASON. Eine schöne Gesellschaft unter einem Herzen!
MELA. Wie kommen die Bücher nur da herein?
ANDRASON. Laßt sehn! Ist das alles? Er wendet den Sack völlig um, es fallen noch einige Bücher und viel Häckerling heraus. Da kommt erst die Grundsuppe!
SORA. O laßt sehn!
ANDRASON. »Die neue Héloïse«! – weiter! – » Die Leiden des jungen Werthers«! – Armer Werther!
SORA. O gebt's! das muß ja wohl traurig sein.
ANDRASON. Ihr Kinder, da sei Gott vor, daß ihr in das Zeug nur einen Blick tun solltet! Gebt her!
Er packt die Bücher wieder in den Sack zusammen, tut den Häckerling dazu und bindet's ein.
MANA. Es ist nicht artig von Euch, daß Ihr uns den Spaß verderben wollt! Wir hätten da manche schöne Nacht lesen können, wo wir ohnedem nicht schlafen.
ANDRASON. Es ist zu euerm Besten, ihr Kinder! Ihr glaubt's nicht, aber es ist wahrlich zu euerm Besten. Nur ins Feuer damit!
MANA. Laßt sie nur erst die Prinzessin sehn!
ANDRASON. Ohne Barmherzigkeit! Nach einer Pause. Aber was erscheinen mir für neue Lichter auf dem dunkeln Pfade der Hoffnung! Ich seh! ich seh, die Götter nehmen sich meiner an.
SORA. Was habt Ihr für Erscheinungen?
ANDRASON. Hört mich! Diese Bücher sollen nicht ins Feuer!
MANA. Das ist mir sehr lieb.
ANDRASON. Und ihr sollt sie auch nicht haben!
SORA. Warum?
ANDRASON. Hört, was das Orakel ferner gesagt hat:
»Wird die geflickte Braut mit dem Verliebten vereinet:
Dann kommt Ruhe und Glück, Fragender, über dein Haus.«
Daß von dieser lieblichen Braut die Rede sei, das ist wohl keine Frage mehr. Wie wir sie aber mit dem lieben Prinzen vereinen sollen, das seh ich noch nicht ein. Ich will auch nicht darüber nachdenken; das ist der Götter Sache! Aber geflickt muß sie zuerst werden, das ist klar, und das ist unsere Sache!
Er tut den Sack wieder an den vorigen Ort, die Mädchen helfen dazu, und man bittet, daß alles mit der größten Dezenz geschehe. Darauf wird die
Maske wieder vorgebunden und die Puppe in gehörige Positur gesetzt.
SORA. Ich verstehe noch von allem dem kein Wort; und das, was mir an dem Orakel nicht gefällt, ist, daß es von so gemeinen Sachen und in so niedrigen Ausdrücken spricht.
ANDRASON. Liebes Kind, die gemeinen Sachen haben auch ihr hohes Interesse, und ich verzeihe dir, daß du den tiefen Sinn des Orakels nicht einsiehst.
MANA. Nun, so seid nicht so geheimnisvoll, erklärt einem was.
ANDRASON. Ist es nicht deutlich, meine schönen Kinder, daß in diesen Papieren eine Art von Talisman steckt, daß in ihnen diese magische Gewalt liegt, die den Prinzen an eine abgeschmackte, ausgestopfte Puppe fesselt, wozu er die Gestalt von eines ehrlichen Mannes Frau geborgt hat? Seht ihr nicht, daß, wenn wir diese Papiere verbrennten, der Zauber aufhören und er seine Geliebte als ein hohles Bild der Phantasie gleich erkennen würde? Die Götter haben mir diesen Wink gegeben, und ich danke ihnen, daß ich sie nicht mißverstanden habe. O du liebliche, holde, geflickte Braut, möge die Kraft aller lügenhaften Träume auf dich herabsteigen! möge dein papiernes Herz, deine leinenen Gedärme so viel Kraft haben, den hoch und fein empfindenden Prinzen an sich zu ziehen, wie sonst magische Zeichen, geweihte Kerzen, Alraune und Totenköpfe Geister und Schätze an sich zu ziehen pflegen! – Die Laube war wohl der Aufenthalt dieser himmlischen Nymphe? Kommt! wir wollen sie verwahren, alles in Ordnung bringen, niemand etwas davon entdecken und der Mitwirkung der Götter fürs Folgende gewiß sein.
MANA. Andrason, nun kommt mir's erst wunderbar vor, daß Ihr da seid.
ANDRASON. Ein Seltsames verdrängt die Empfindung des andern.
SORA. Wie kommt Ihr so schnell wieder und in tiefer Nacht bei uns an?
ANDRASON. Laßt's euch sagen und klagen, meine lieben Kinder! Als ich von euch wegging, eilte ich gerade nach Hause. Ich machte den Weg in ziemlich kurzer Zeit; das Verlangen, mein Haus, meine liebe Frau wiederzusehen, wurde immer größer bei mir. Ich fühlte mich schon in ihren Armen und letzte mich für die lange Abwesenheit recht herzlich. Wie ich in meinen Schloßhof hineintrete, ihr Kinder, höre ich oben ein Gebrause, ein Getöne, Rufen, hohles Anschlagen und eine Wirtschaft durcheinander, daß ich nicht anders dachte, als der wilde Jäger sei bei mir eingezogen. Ich gehe hinauf; es wird immer ärger; die Stimmen werden unvernehmlicher und hohler, je näher ich komme; nur meine Frau höre ich schreien und rufen, als wenn sie unsinnig geworden wäre. Ganz verwundert tret ich in den Saal. Ich finde ihn finster wie eine Höhle, ganz zur Hölle dekoriert, und mein Weib fährt mir in ungeheurer Leidenschaft und mit entsetzlichem Fluchen auf den Hals, traktiert mich als Pluto, als Scheusal und flieht endlich vor mir, daß ich eben wie versteint dastehe und kein Wort hervorzubringen weiß.
MANA. Aber um Gottes willen, was war ihr denn?
ANDRASON. Wie ich's beim Licht besah, war's ein Monodrama!
MELA. Das muß doch ganz kurios sein.
ANDRASON. Nun muß ich euch noch eine Neuigkeit sagen: sie ist mit hier.
MANA. Mit hier?
SORA. O laßt uns gleich zu ihr gehen! Wir haben sie doch alle recht lieb.
MANA. Wie kommt's denn aber, daß Ihr sie mit hierherbringt, da Ihr wißt, der Prinz wird wieder durchkommen?
ANDRASON. Ihr kennt ja, lieben Kinder, meine alte Gutmütigkeit. Wie sie sich aus ihrer poetisch-theatralischen Wut ein bißchen erholt hatte, war sie wieder gefällig und gut gegen mich. Ich erzählte ihr allerlei, um sie zu zerstreuen, erzählte ihr allerhand von euch und meiner Schwester; sie sagte, sie hätte längst gewünscht, euch wieder einmal zu sehn; ich sagte ihr, daß eine Reise ihr sehr gut sein würde, und weil die schnellsten Entschlüsse die besten seien, sollte sie sich gleich in den Wagen setzen. Sie nahm's an, und erst hinterdrein fiel mir ein, daß ich einen dummen Streich gemacht hatte, sie, ehe es nötig war, mit dem Prinzen wieder zusammenzubringen. Doch war's gleich mein Trost, wie gewöhnlich, daß ich dachte, es entsteht vielleicht etwas Gutes daraus. Und wie ihr seht, gelegner hätten wir nicht kommen können.
Mandandane, Feria kommen.
MANA. Sei uns willkommen, Mandandane!
MANDANDANE. Willkommen, meine Freundinnen!
FERIA. Das war eine recht unvermutete Freude! – Was macht ihr in des Prinzen Zimmer?
MANDANDANE. Ist das sein Zimmer?
FERIA. Was gibt's denn da? Was ist das?
MANDANDANE. Wie? Meine Gestalt? Meine Kleider?
ANDRASON für sich. Wie wird das ausgehn?
MANA. Wir haben diese ausgestopfte Puppe in der Laube gefunden, die der Prinz mit sich herumschleppt.
SORA. Dies ist die Göttin, die seine vollkommene Anbetung hat.
MANDANDANE. Es ist Verleumdung! Der Mann, dessen Liebe ganz in geistigen Empfindungen schwebt, sollte sich mit so einem schalen Puppenwerk abgeben? Ich weiß, daß er mich liebt; aber es ist meine Gesellschaft, die Unterhaltung, die er für seinen Geist bei mir findet. – Ihn mit so einem kindischen Spiel im Verdacht haben, heißt ihn und mich beleidigen!
SORA. Man könnte sagen, daß er Euer Andenken so werthält und Euer Bild überall mit sich herumträgt, um sich mit ihm wie mit Euch selbst zu unterhalten.
ANDRASON leise zu ihr. Halte dein verwünschtes Maul!
FERIA. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.
MANDANDANE. Nein! Sollte sein Andenken so eine erlogene, abgeschmackte Nahrung brauchen, so müßte seine Liebe selbst von dieser kindischen Art sein; er würde nicht mich, sondern eine Wolke lieben, die er nur nach meiner Gestalt zu modeln Belieben trüge.
ANDRASON. Wenn du wüßtest, womit sie ausgestopft ist.
MANDANDANE. Es ist nicht wahr!
MANA. Wir beteuern's. Wo sollten wir denn die Puppe hernehmen? Sieh hier noch den Platz, wo sie gesteckt hat.
ANDRASON. Wenn du es nicht glauben willst, so ist das beste Mittel: wenn wir merken, daß der Prinz wiederkommt, nimm die Maske vor, setze dich selbst in die Laube, tue, als seist du mit Häckerling ausgestopft, und sieh alsdann zu, ob wir wahr reden.
Die Mädchen setzen indes die Puppe wieder in die Laube.
MANDANDANE. Das ist ein seltsamer Vorschlag.
FERIA. Laßt uns gehen, eh der Tag und jemand von seinen Leuten uns überrascht.
Alle ab bis auf Andrason, der Sora zurückhält.
ANDRASON. Sora!
SORA. Herr!
ANDRASON. Ich bin in der größten Verlegenheit.
SORA. Wie?
ANDRASON. Der fünfte Akt geht zu Ende, und wir sind erst recht verwickelt!
SORA. So laßt den sechsten spielen!
ANDRASON. Das ist außer aller Art.
SORA. Ihr seid ein Deutscher, und auf dem deutschen Theater geht alles an.
ANDRASON. Das Publikum dauert mich nur; es weiß noch kein Mensch, woran er ist.
SORA. Das geschieht ihnen oft.
ANDRASON. Sie könnten denken, wir wollten sie zum besten haben.
SORA. Würden sie sich sehr irren?
ANDRASON. Freilich! denn eigentlich spielen wir uns selber.
SORA. Ich habe so etwas gemerkt.
ANDRASON. Mut gefaßt! – O ihr Götter! Seht, wie ihr euerm Orakel Erfüllung, dem Zuschauer Geduld und diesem Stück eine Entwicklung gebt! denn ohne ein Wunder weiß ich nicht, wie wir auf gute Art auseinanderkommen sollen.
Sechster Akt
Wald und Laube.
Prinz und Merkulo.
Prinz auf dem Rasen liegend.
MERKULO für sich. Der Besuch beim Orakel ist meinem Prinzen nicht wohl bekommen. War er vorher betrübt, so ist er jetzt außer sich. Könnt ich seinen Schmerz nur zu Worten bringen! Zum Prinzen. Teuerster Herr! Hat die kurze Abwesenheit Ihr Herz so gegen mich zugeschlossen, daß Sie mich nicht würdigen, der Vertraute Ihres Schmerzes zu sein, da ich so oft der Vertraute Ihres Entzückens gewesen bin?
PRINZ. Ich verstehe nicht, was sie sagen – und doch ist mir's, als wenn die Götter etwas Großes über mich verhängten. Mein Gemüt ist von unbekannten Empfindungen durchdrungen.
MERKULO. Wie lautet der Ausspruch des Orakels?
PRINZ. Seine Worte sind zweideutig, und was mich am meisten verdrießt, ihnen fehlt der Stempel der Ehrfurcht, den meine Fragen und mein Zustand selbst den Göttern einflößen sollten. Ich bat sie mit gerührtem Herzen, mir zu entwickeln: wann denn diese stürmische Bewegung meines Herzens endlich aufhören, wann dieses tantalische Streben nach ewig fliehendem Genuß endlich ersättiget werden würde? wann ich, für meine Mühseligkeiten und Leiden endlich belohnt, die Entzückungen mit der Ruhe und diese holde Traurigkeit mit einem bestätigten Herzen würde verbinden können? Und was gaben sie mir für eine Antwort! Ich mag sie meinem Gedächtnis nicht wieder zurückrufen! Nimm und lies! Er gibt ihm eine Rolle.
MERKULO liest.
»Wird nicht ein kindisches Spiel vom ernsten Spiele vertrieben,
Wird dir lieb nicht und wert, was du besitzend nicht hast,
Gibst entschlossen dafür, was du nicht habend besitzest:
Schwebt in ewigem Traum, Armer, dein Leben dahin.«
Ein witziges Orakel! ein antithetisches Orakel! Er liest weiter.
»Was du töricht geraubt, gib du dem Eigener wieder;
Eigen werde dir dann, was du so ängstlich erborgst.
Oder fürchte den Zorn der überschwebenden Götter!
Hier und über dem Fluß fürchte des Tantalus Los.«
Merkulo kann nach Belieben den Orakelspruch wiederholen, Anmerkungen machen usw., bis er glaubt, das Publikum habe die Worte genugsam gehört.
PRINZ. Warum mußt ich Törichter fragen, da ich nunmehr wider meinen Willen folgen oder der Götter Zorn auf mich laden muß!
MERKULO. Bei dieser Gelegenheit, dächt ich, könnten Sie sich immer mit der Unwissenheit entschuldigen; denn ich sehe wenigstens nicht, wie das Orakel prätendieren kann, daß man's verstehen soll.
PRINZ. Ich versteh es nur zu wohl! Nicht die Worte, aber den Sinn. Gegen die Laube gekehrt. Dich soll ich weggeben! Dich soll ich aufopfern! Als wenn ich Ruhe der Seele und Glück erwerben könnte, wenn ich mich ganz zugrunde richte!
MERKULO. Freilich lassen sich allenfalls die Worte des Orakels dahin deuten.
PRINZ.
Es ist allzu grausam!
Wegzugeben, was ich habe,
Götter, ach! ist allzuviel.
MERKULO.
Nennen doch die hohe Gabe
Götter selbst ein Kinderspiel!
PRINZ.
Ich verliere diese Freuden!
Mir verschwindet dieses Licht!
MERKULO für sich.
O wahrhaftig! zu beneiden
Sind die Seligkeiten nicht.
PRINZ.
Götter neiden dies Entzücken,
Und sie nennen es ein Spiel.
MERKULO.
Uns weit besser zu erquicken,
Gibt's doch andrer Sachen viel.
PRINZ. Es ist ein entsetzlicher Entschluß, der in meiner Seele sich hin und her bewegt, und was für Empfindungen auf- und absteigen, die mir diesen Entschluß bald zu erleichtern, bald zu erschweren scheinen! – Laß mich allein, und sei bereit, auf meinen Wink alle meine Leute, alle Bewohner dieses Hauses zusammenzurufen: denn was ich tun will, ist eine große und männliche Tat und leidet den Anblick vieler Zeugen.
MERKULO. Bester Herr, Sie machen mir bange.
PRINZ. Erfülle deine Pflicht!
MERKULO im Weggehen umkehrend. Noch eins! Andrason ist wieder hier; wollen Sie den auch zum Zeugen haben?
PRINZ. Himmel! Andrason!
MERKULO. Er selbst. Ich hab ihn, wie ich aufstand, mit seiner Schwester am Fenster gesehen.
PRINZ. Laß mich allein! – Meine Sinnen verwirren sich; ich muß Luft haben, um die tausend Gedanken, die in mir durcheinandergehn, zurechtzulegen.
Merkulo ab.
PRINZ allein, nach einer Pause. Fasse dich! Entschließe dich: denn du mußt! – Weggeben sollst du das, was dein ganzes Glück macht; aufgeben, was die Götter wohl Spiel nennen dürfen, weil ihnen die ganze Menschheit ein Spiel zu sein scheint. Dich weggeben!
Er macht die Laube auf. Mandandane mit einer Maske vor dem Gesicht sitzt drin.
Es ist ganz unmöglich! Es ist, als griff' ich nach meinem eignen Herzen, um es herauszureißen! Und doch! – Er fährt zusammen und von der Laube weg. Was ist das in mir? Wie unbegreiflich! Wollen mir die Götter meinen Entschluß erleichtern? Soll ich mir's leugnen oder gestehn? Zum erstenmal fühl ich den Zug, der mich nach dieser himmlischen Gestalt zieht, sich verringern! Diese Gegenwart umfängt mich nicht mehr mit dem unendlichen Zauber, der mich sonst vor ihr mit himmlischen Nebeln bedeckte! Ist's möglich? In meinem Herzen entwickelt, bestimmt sich das Gefühl: du kannst, du willst sie weggeben! – Es ist mir unbegreiflich! Er geht auf sie los. Geliebteste! Er wendet kurz wieder um. Nein, ich belüge mich! Mein Herz ist nicht hier! In fremden Gegenden schwärmt's herum und sucht nach voriger Seligkeit – Mir ist's, als wenn du es nicht mehr wärest, als wenn eine Fremde mir untergeschoben wäre. O ihr Götter! die ihr so grausam seid, welche seltsame Gnade erzeigt ihr mir wieder, daß ihr mir das so erleichtert, was ich auf euern Befehl tue! – Ja, lebe wohl! Von ungefähr ist Andrason nicht hier. Ich hatte ihm die beste Hälfte seines Eigentums geraubt; hier nehme er sie wieder! Und ihr, himmlische Geister, gebt euerm folgsamen Sohn aus den Weiten der Welt neues unbekanntes Glück! Er ruft. Merkulo!
Merkulo kommt.
PRINZ. Bringe sie zusammen, die Meinigen, das Haus: könnt ich die Welt zusammenrufen, sie sollte Zeuge der wundervollen Tat sein!
Merkulo ab.
Der Prinz verschließt die Laube. Unter einer feierlichen Musik kommen der Oberste, die Wache, das ganze Gefolge, nach ihnen die Fräulein; alles stellt sich zu beiden Seiten, wie sie stehen müssen, um das Schlußballett anzufangen. Zuletzt kommen Feria und Andrason mit Merkulo. Die Musik hört
auf.
PRINZ. Tritt näher, Andrason, und höre mich einen Augenblick geruhig an. Bisher sind wir nicht die besten Freunde gewesen; nunmehr haben die Götter mir die Augen geöffnet. Das Unrecht, seh ich, war auf meiner Seite; ich raubte dir die beste Hälfte des Weibes, das du liebst. Auf Befehl der Unsterblichen geb ich dir sie zurück. Nimm als ein Heiligtum wieder, was ich als ein Heiligtum bewahrt habe; und verzeih das Vergangne meiner Not, meinem Irrtum, meiner Jugend und meiner Liebe!
ANDRASON laut. Was soll das heißen? Für sich. Was wird das geben?
PRINZ eröffnet die Laube, man sieht Mandandane sitzen. Hier, erkenne das Geheimnis und empfange sie zurück!
ANDRASON. Meine Frau! Du entführst mir meine Frau? schleppst sie mit dir herum? beschimpfest mich öffentlich, da du sie mir vor den Augen aller Welt zurückgibst?
PRINZ. Dies sei dir ein Beweis der Heiligkeit meiner Gesinnungen, daß ich jetzt das Licht nicht scheue!
ANDRASON. Himmel und Hölle! Ich will es rächen. Er greift nach dem Schwert, Feria hält ihn, er spricht leise zu ihr. Laß sein! Ich muß ja so tun.
PRINZ. Entrüste dich nicht! Mein Schwert hat auch eine Schärfe. Sei stille, gib der Vernunft Gehör! Du kannst nicht sagen: es ist mein Weib; und es ist doch dein Weib.
ANDRASON. Ich hasse die Rätsel! Nach einem Augenblick, stille für sich. Ich erstaune! Wieder entbindet sich in meiner Seele ein neuer Verstand, eine Erklärung der letzten Worte des Orakels! Wär es möglich? O helft mir, gütige Götter! Laut: Verzeih! ich fühle, daß ich dir unrecht tue. Hierin ist Zauberei oder eine andere geheime Kraft, die der Menschen Sinne zwiespaltig mit sich selbsten macht. Was soll ich mit zwei Weibern tun? Ich verehre den Wink des Himmels und deinen Schwur. Diese nehm ich wieder an; aber gern geb ich dir jene dagegen, die ich gegenwärtig besitze.
PRINZ. Wie?
ANDRASON. Bringt sie her!
Die Sklaven ab.
PRINZ. Sollte ich nach so viel Leiden noch glücklich werden können?
ANDRASON. Vielleicht tun hier die Himmlischen ein Wunder, um uns beide zur Ruhe zu bringen. Laß uns diese beiden als Schwestern betrachten, jeder darf eine besitzen, und jeder die Seinige ganz.
PRINZ. Ich vergeh in Hoffnung!
ANDRASON. Komm du auf mein Teil, immer gleich Geliebte!
Die Mohren heben den Sessel aus der Laube und setzen ihn an die linke Seite des Grundes.
MANDANDANE im Begriff, die Maske abzuwerfen, an Andrasons Hals. O Andrason!
ANDRASON der sie nicht aufstehn noch die Maske abnehmen läßt. Still, Püppchen! Stille, Liebchen! Es naht der entscheidende Augenblick!
Die Sklaven bringen die Puppe, der Prinz auf sie los und fällt vor ihr nieder.
PRINZ. Himmel, sie ist's! Himmel, sie ist's! Seligkeit tauet herab!
Die Puppe wird an die andere Seite des Theaters Mandandanen gegenübergesetzt. Hier muß die Ähnlichkeit beider dem Zuschauer noch Illusion machen, wie es überhaupt durchs ganze Stück darauf angesehen ist.
ANDRASON. Komm und gib mir deine Hand! Aller Groll höre unter uns auf, und feierlich entsag ich hier dieser zweiten Mandandane und vereine sie mit dir auf ewig! Er legt ihre Hände zusammen. Sei glücklich! Für sich. mit deiner geflickten Braut!
PRINZ. Ich weiß nicht, wo mich die Trunkenheit der Wonne hinführt. Diese ist's, ich fühl ihre Nähe, die mich so lang an sich zog, die so lang das Glück meines Lebens machte! Ich fühl's, ich bin wieder in dem Zauberstrudel fortgerissen, der unaufhörlich von ihr ausfließt. Zu Mandandanen. Verzeih und leb wohl! Auf die Puppe deutend. Hier, hier ist meine Gottheit, die ganz mein Herz nach ihrem Herzen zieht!
MANDANDANE die die Maske abwirft, zu Andrason.
Laß uns den Bund erneuen,
Gib wieder deine Hand!
Verzeih, daß ich den Treuen,
So töricht dich verkannt.
PRINZ zur Puppe.
Was, Menschen zu erfreuen,
Die Götter je gesandt,
Das Leben zu erneuen,
Fühl ich an deiner Hand!
MERKULO.
Wie mir's ist, sag ich nicht!
Als zögen uns die Wände ein Fratzengesicht!
Himmel und Erde scheint uns Esel zu bohren,
Wir sind unwiederbringlich verloren.
MANDANDANE zu Andrason.
Laß uns den Bund erneuen,
Gib wieder deine Hand!
Verzeih, daß ich den Treuen,
So töricht dich verkannt.
PRINZ zur Puppe.
Was, Menschen zu erfreuen,
Die Götter je gesandt,
Das Leben zu erneuen,
Fühl ich an deiner Hand!
ANDRASON. Wenn je ein seltsam Orakel buchstäblich erfüllt worden, so ist's dieses, und alle meine Wünsche sind befriedigt, da ich dich so wieder in meinen Armen halte. Auf, Schwester, Kinder, Freunde! Laßt's nun an Lustbarkeiten nicht fehlen! Wir wollen unsers Glücks genießen, über die wunderbare Geschichte unsere stillen Betrachtungen anstellen – Mehr hervortretend, gegen die Zuschauer. – und von hundert Lehren, die wir daraus ziehen könnten, uns besonders diese merken: daß ein Tor erst dann recht angeführt ist, wenn er sich einbildet, er folge gutem Rat oder gehorche den Göttern.
Ein großes Ballett zum Schlusse.
Des Epimenides Erwachen
Den Frieden kann das Wollen nicht bereiten:
Wer alles will, will sich vor allen mächtig;
Indem er siegt, lehrt er die andern streiten,
Bedenkend macht er seinen Feind bedächtig.
So wachsen Kraft und List nach allen Seiten,
Der Weltkreis ruht von Ungeheuern trächtig,
Und der Geburten zahlenlose Plage
Droht jeden Tag als mit dem jüngsten Tage.
Der Dichter sucht das Schicksal zu entbinden,
Das, wogenhaft und schrecklich ungestaltet,
Nicht Maß, noch Ziel, noch Richte weiß zu finden
Und brausend webt, zerstört und knirschend waltet.
Da faßt die Kunst, in liebendem Entzünden,
Der Masse Wust; die ist sogleich entfaltet
Durch Mitverdienst gemeinsamen Erregens,
Gesang und Rede, sinnigen Bewegens.
Erster Aufzug
Ein prächtiger Säulenhof; im Grunde ein tempelähnliches Wohngebäude.
Erster Auftritt
DIE MUSE zwei Genien, der eine an einem Thyrsus Leier, Masken, geschriebene Rolle trophäenartig tragend, der andere einen Sternenkreis um sich her.
In tiefe Sklaverei lag ich gebunden,
Und mir gefiel der Starrheit Eigensinn;
Ein jedes Licht der Freiheit war verschwunden,
Die Fesseln selbst, sie schienen mir Gewinn:
Da nahte sich, in holden Frühlingsstunden,
Ein Glanzbild; gleich entzückt – so wie ich bin –
Seh' ich es weit und breiter sich entfalten,
Und rings umher ist keine Spur des Alten.
Die Fesseln fallen ab von Händ' und Füßen,
Wie Schuppen fällt's herab vom starren Blick,
Und eine Träne, von den liebesüßen,
Zum ersten Mal sie kehrt ins Aug' zurück;
Sie fließt – ihr nach die Götterschwestern fließen,
Das Herz empfindet längst entwohntes Glück,
Und mir erscheint, was mich bisher gemieden,
Ganz ohne Kampf, der reine Seelenfrieden.
Und mir entgegnet, was mich sonst entzückte:
Der Leier Klang, der Töne süßes Licht
Und, was mich schnell der Wirklichkeit entrückte,
Bald ernst, bald frohgemut, ein Kunstgesicht;
Und das den Pergamenten Aufgedrückte,
Ein unergründlich schweres Leichtgewicht;
Der Sterne Kreis erhebt den Blick nach oben,
Und alle wollen nur das Eine loben.
Und Glück und Unglück tragen so sich besser,
Die eine Schale sinkt, die andre steigt,
Das Unglück mindert sich, das Glück wird größer,
So auf den Schultern trägt man beide leicht!
Da leere das Geschick die beiden Fässer,
Der Segen trifft, wenn Fluch uns nie erreicht;
Wir sind für stets dem guten Geist zuteile,
Der böse selbst, er wirkt zu unserm Heile.
So ging es mir! Mög' es euch so ergehen,
Daß aller Haß sich augenblicks entfernte
Und, wo wir noch ein dunkles Wölkchen sehen.
Sich alsobald der Himmel übersternte,
Es tausendfach erglänzte von den Höhen
Und alle Welt von uns die Eintracht lernte;
Und so genießt das höchste Glück hienieden:
Nach hartem äußern Kampf den innern Frieden.
Die Muse bewegt sich, als wenn sie abgehen wollte; die Kinder ziehen voran und sind schon in der Kulisse, sie aber ist noch auf dem Theater, wenn Epimenides erscheint; dann spricht sie folgende Stanze, geht ab, und jener kommt die Stufen herab.
MUSE.
Und diesen lass' ich euch an meiner Stelle,
Der, früher schon geheimnisvoll belehrt,
Als Mann der Weisheit unversiegter Quelle
Und ihrem Schaun sich treulich zugekehrt,
Nun freigesinnt, beinah zur Götterhelle
Die wunderbarsten Bilder euch erklärt;
Doch laßt vorher die wildesten Gestalten
In eigensinn'ger Kraft zerstörend walten.
Ab.
Zweiter Auftritt
EPIMENIDES.
Uralten Waldes majestätische Kronen,
Schroffglatter Felsenwände Spiegelflächen
Im Schein der Abendsonne zu betrachten –
Erreget Geist und Herz zu der Natur
Erhabnen Gipfeln, ja zu Gott hinan.
Auch schau' ich gern der Menschenhände Werk,
Woher des Meisters Hochgedanke strahlt;
Und dieser Pfeiler, dieser Säulen Pracht
Umwandl' ich sinnend, wo sich alles fügte,
Wo alles trägt und alles wird getragen!
So freut mich auch, zu sehn ein edles Volk
Mit seinem Herrscher, die im Einklang sich
Zusammenwirkend fügen, für den Tag,
Ja für Jahrhunderte, wenn es gelingt.
Und so begrüß' ich froh die Morgensonne,
Begrüße gleicherweis' die scheidende.
Dann wend' ich meinen Blick den Sternen zu,
Und dort wie hier ist Einklang der Bewegung.
Der Jugend Nachtgefährt' ist Leidenschaft,
Ein wildes Feuer leuchtet ihrem Pfad;
Der Greis hingegen wacht mit hellem Sinn,
Und sein Gemüt verschließt das Ewige.
Dritter Auftritt
GENIEN treten rasch auf und stellen sich ihm zu beiden Seiten.
Wandelt der Mond und bewegt sich der Stern,
Junge wie Alte, sie schlafen so gern;
Leuchtet die Sonne nach löblichem Brauch,
Junge wie Alte, sie schlafen wohl auch.
EPIMENIDES.
Ein heitres Lied, ihr Kinder; doch voll Sinn.
Ich kenn' euch wohl! Sobald ihr scherzend kommt,
Dann ist es Ernst, und wenn ihr ernstlich sprecht,
Vermut' ich Schalkheit. Schlafen, meint ihr, schlafen?
An meine Jugend wollt ihr mich erinnern.
Auf Kretas Höhn, des Vaters Herde weidend,
Die Insel unter mir, ringsum das Meer,
Den Tageshimmel von der einzigen Sonne,
Von tausenden den nächtigen erleuchtet
Da strebt's in meiner Seele, dieses All,
Das herrliche, zu kennen; doch umsonst:
Der Kindheit Bande fesselten mein Haupt.
Da nahmen sich die Götter meiner an,
Zur Höhle führten sie den Sinnenden,
Versenkten mich in tiefen langen Schlaf.
Als ich erwachte, hört' ich einen Gott:
»Bist vorbereitet«, sprach er, »wähle nun!
Willst du die Gegenwart und das, was ist,
Willst du die Zukunft sehn, was sein wird?« Gleich
Mit heiterm Sinn verlangt' ich zu verstehn,
Was mir das Auge, was das Ohr mir beut.
Und gleich erschien durchsichtig diese Welt,
Wie ein Kristallgefäß mit seinem Inhalt.
Den schau' ich nun so viele Jahre schon;
Was aber künftig ist, bleibt mir verborgen.
Soll ich vielleicht nun schlafen, sagt mir an,
Daß ich zugleich auch Künftiges gewahre?
GENIEN.
Wärest du fieberhaft, wärest du krank,
Wüßtest dem Schlafe du herzlichen Dank;
Zeiten, sie werden so fieberhaft sein,
Laden die Götter zum Schlafen dich ein.
EPIMENIDES.
Zum Schlafen? jetzt? – Ein sehr bedeutend Wort.
Zwei euresgleichen sind's, wo nicht ihr selbst,
Sind Zwillingsbrüder, einer Schlaf genannt,
Den andern mag der Mensch nicht gerne nennen;
Doch reicht der Weise einem wie dem andern
Die Hand mit Willen – also, Kinder, hier!
Er reicht ihnen die Hände, welche sie anfassen.
Hier habt ihr mich! Vollziehet den Befehl
Ich lebte nur, mich ihm zu unterwerfen.
GENIEN.
Wie man es wendet und wie man es nimmt,
Alles geschieht, was die Götter bestimmt!
Laß nur den Sonnen, den Monden den Lauf,
Kommen wir zeitig und wecken dich auf.
Epimenides steigt, begleitet von den Knaben, die Stufen hinan, und als die Vorhänge sich öffnen, sieht man ein prächtiges Lager, über demselben eine wohlerleuchtende Lampe. Er besteigt es; man sieht ihn sich niederlegen und einschlafen. Sobald der Weise ruht, schließen die Knaben zwei eherne Pfortenflügel, auf welchen man den Schlaf und Tod, nach antiker Weise, vorgestellt sieht. Fernes Donnern.
Vierter Auftritt
HEERESZUG im Kostüm der sämtlichen Völker, welche von den Römern zuerst bezwungen und dann als Bundesgenossen gegen die übrige Welt gebraucht worden.
Der Ruf des Herrn
Der Herrn ertönt;
Wir folgen gern,
Wir sind's gewöhnt;
Geboren sind
Wir all' zum Streit,
Wie Schall und Wind
Zum Weg bereit.
Wir ziehn, wir ziehn
Und sagen's nicht,
Wohin? wohin?
Wir fragen's nicht;
Und Schwert und Spieß,
Wir tragen's fern,
Und jens und dies,
Wir wagen's gern.
Fünfter Auftritt
DÄMON DES KRIEGS sehr schnell auftretend.
Mit Staunen seh' ich euch, mit Freude,
Der ich euch schuf, bewundr' euch heute:
Ihr zieht mich an, ihr zieht mich fort,
Mich muß ich unter euch vergessen:
Mein einzig Streben sei immerfort,
An eurem Eifer mich zu messen.
Des Höchsten bin ich mir bewußt,
Dem Wunderbarsten widm' ich mich mit Lust:
Denn wer Gefahr und Tod nicht scheut,
Ist Herr der Erde, Herr der Geister;
Was auch sich gegensetzt und dräut,
Er bleibt zuletzt allein der Meister.
Kein Widerspruch! kein Widerstreben!
Ich kenne keine Schwierigkeit,
Und wenn umher die Länder beben,
Dann erst ist meine Wonnezeit.
Ein Reich mag nach dem andern stürzen,
Ich steh' allein und wirke frei;
Und will sich wo ein schneller Knoten schürzen,
Um desto schneller hau' ich ihn entzwei.
Kaum ist ein großes Werk getan,
Ein neues war schon ausgedacht;
Und wär' ich ja aufs Äußerste gebracht,
Da fängt erst meine Kühnheit an. –
Ein Schauder überläuft die Erde,
Ich ruf' ihr zu ein neues Werde.
Ein Brandschein verbreitet sich über das Theater.
Es werde Finsternis! – Ein brennend Meer
Soll allen Horizont umrauchen
Und sich der Sterne zitternd Heer
Im Blute meiner Flammen tauchen.
Die höchste Stunde bricht herein,
Wir wollen ihre Gunst erfassen:
Gleich unter dieser Ahnung Schein
Entfaltet euch, gedrängte Massen;
Vom Berg ins Land, flußab ans Meer
Verbreite dich, unüberwindlich Heer!
Und wenn der Erdkreis überzogen
Kaum noch den Atem heben mag,
Demütig seine Herrn bewirtet
Am Ufer schließet mir des Zwanges ehrnen Bogen:
Denn wie euch sonst das Meer umgürtet,
Umgürtet ihr die kühnen Wogen:
So Nacht für Nacht, so Tag für Tag;
Nur keine Worte – Schlag auf Schlag!
HEERESZUG sich entfernend.
So geht es kühn
Zur Welt hinein;
Was wir beziehn,
Wird unser sein:
Will einer das,
Verwehren wir's;
Hat einer was,
Verzehren wir's.
Hat einer gnug
Und will noch mehr,
Der wilde Zug
Macht alles leer.
Da sackt man auf,
Und brennt das Haus,
Da packt man auf
Und rennt heraus.
So zieht vom Ort
Mit festem Schritt
Der Erste fort
Den Zweiten mit;
Wenn Wahn und Bahn
Der Beste brach,
Kommt an und an
Der Letzte nach.
Sechster Auftritt
DÄMONEN DER LIST treten, in verschiedenen Gestalten, von derselben Seite, nach welcher das Kriegsheer abzieht, auf, schlingen sich durch die Kolonne durch, welche, in ihrem raschen Schritt gehindert, langsamer abzieht.
Wenn unser Sang
Gefällig lockt,
Der Siegesdrang,
Er schwankt und stockt;
Wenn unser Zug
Sich krümmt und schlingt,
Der Waffen Flug
Wird selbst bedingt.
Nur alle mit
Dahin! dahin!
Nur Schritt vor Schritt,
Gelassen kühn.
Wie's steht und fällt,
Ihr tretet ein;
Geschwind die Welt
Wird euer sein.
Wenn der Kriegszug das Theater verlassen hat, haben die Neuangekommenen dasselbe schon völlig
eingenommen, und indem der Dämon des Kriegs den Seinigen folgen will, treten ihm die Dämonen der List in den Weg.
Siebenter Auftritt
Dämonen der List.
ALLE.
Halt ein! Du rennst in dein Verderben!
DÄMON DES KRIEGS.
Wer also spricht, der müsse sterben.
PFAFFE.
Erkenn' ich doch, daß du unsterblich bist;
Doch auch unsterblich ist die Pfaffenlist.
DÄMON DES KRIEGS.
So sprecht!
JURIST.
Fürwahr, dein ungezähmter Mut
Läßt sich durch Güte nicht erbitten.
Du wirst mit einem Meer von Blut
Den ganzen Erdkreis überschütten.
DIPLOMAT.
Doch wandl' ich dir nicht still voran
Und folg' ich nicht den raschen Pfaden,
So hast du wenig nur getan
Und wirst dir immer selber schaden.
DAME.
Wer leise reizt und leise quält,
Erreicht zuletzt des Herrschers höchstes Ziel;
Und wie den Marmor selbst der Tropfen Folge höhlt,
So töt' ich endlich das Gefühl.
DIPLOMAT.
Du eilst uns vor, wir folgen still,
Und mußt uns noch am Ende schätzen:
Denn wer der List sich wohl noch fügen will,
Wird der Gewalt sich widersetzen.
DÄMON DES KRIEGS.
Verweilet ihr, ich eile fort!
Der Abschluß, der ist meine Sache.
Du wirkest hier, du wirkest dort,
Und wenn ich nicht ein Ende mache,
So hat ein jeder noch ein Wort.
Ich löse rasch mit einem Male
Die größten Zweifel Angesichts:
So legte Brennus in die Schale
Das Schwert statt goldenen Gewichts.
Du magst nur dein Gewerbe treiben,
In dem dich niemand übertrifft;
Ich kann nur mit dem Schwerte schreiben,
Mit blut'gen Zügen, meine Schrift.
Geht rasch ab.
Achter Auftritt
Dämonen der List.
PFAFFE.
Der Kriegesgott, er wüte jetzt,
Und ihr umgarnt ihn doch zuletzt.
DIPLOMAT.
Zertret' er goldner Saaten Halme
Mit flügelschnellem Siegeslauf,
Allein wenn ich sie nicht zermalme,
Gleich richten sie sich wieder auf.
DAME.
Die Geister macht er nie zu Sklaven;
Durch offne Rache, harte Strafen
Macht er sie nur der Freiheit reif.
HOFMANN.
Doch alles, was wir je ersonnen,
Und alles, was wir je begonnen,
Gelinge nur durch Unterschleif.
PFAFFE.
Den Völkern wollen wir versprechen,
Sie reizen zu der kühnsten Tat;
Wenn Worte fallen, Worte brechen,
Nennt man uns weise, klug im Rat.
JURIST.
Durch Zaudern wollen wir verwehren,
Und alle werden uns vertraun.
Es sei ein ewiges Zerstören,
Es sei ein ew'ges Wiederbaun.
LUSTIGE PERSON.
Steht nur nicht in so eng geschloßnen Reihen,
Schließt mich in eure Zirkel ein,
Damit zu euren Gaukeleien
Die meinigen behilflich sei'n!
Bin der Gefährlichste von allen!
Dieweil man mich für nichtig hält;
Daran hat jedermann Gefallen,
Und so betrüg' ich alle Welt.
Euch dien' es allen zum Bescheide:
Ich spiele doppelte Person
Erst komm' ich an in diesem Kleide,
In diesem mach' ich mich davon.
Zeigt sich als böser Geist, versinkt, eine Flamme schlägt empor.
DIPLOMAT.
Und nun beginnet gleich – das herrliche Gebäude,
Der Augen Lust, des Geistes Freude,
Im Wege steht es mir vor allen;
Durch eure Künste soll es fallen.
HOFMANN.
Leise müßt ihr das vollbringen,
Die gelinde Macht ist groß;
Wurzelfasern, wie sie dringen,
Sprengen wohl die Felsen los.
CHOR.
Leise müßt ihr das vollbringen,
Die geheime Macht ist groß.
HOFMANN.
Und so löset still die Fugen
An dem herrlichen Palast;
Und die Pfeiler, wie sie trugen,
Stürzen durch die eigne Last.
In das Feste sucht zu dringen
Ungewaltsam, ohne Stoß.
CHOR.
Leise müßt ihr das vollbringen,
Die geheime Macht ist groß.
Während dieses letzten Chors verteilen sich die Dämonen an alle Kulissen, nur der Hofmann bleibt in der Mitte, die übrigen sind mit dem letzten Laute auf einmal alle verschwunden.
Neunter Auftritt
Dämon als Hofmann allein. Lauschend.
Ich trete sacht, ich halte Puls und Oden
Ich fühle sie wohl, doch hör' ich sie nicht;
Es zittert unter mir der Boden;
Ich fürchte selbst, er schwankt und bricht:
Er entfernt sich von der einen Seite.
Die mächtig riesenhaften Quadern,
Sie scheinen unter sich zu hadern;
Er entfernt sich von der andern Seite.
Die schlanken Säulenschäfte zittern,
Die schönen Glieder, die in Liebesbanden
Einträchtig sich zusammenfanden,
Jahrhunderte als Eins bestanden
Erdbeben scheinen sie zu wittern,
Bei dringender Gefahr und Not,
Die einem wie dem andern droht,
Sich gegenseitig zu erbittern.
Er tritt in die Mitte, argwöhnisch gegen beide Seiten.
Ein Wink, ein Hauch den Bau zugrunde stößt,
Wo sich von selbst das Feste löst.
In dem Augenblicke bricht alles zusammen. Er steht in schweigender, umsichtiger Betrachtung.
Zehnter Auftritt
DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG tritt auf, im Kostüm eines orientalischen Despoten.
DÄMON DER LIST ehrerbietig.
Mein Fürst! mein Herrscher, so allein?
DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG.
Da, wo ich bin, da soll kein andrer sein.
DÄMON DER LIST.
Auch die nicht, die dir angehören?
DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG.
Ich werde niemals dir verwehren,
Zu schaun mein fürstlich Angesicht;
Doch weiß ich wohl, du liebst mich nicht.
Dein Vielbemühn, was hilft es dir?
Denn ewig dienstbar bist du mir.
DÄMON DER LIST.
Herr, du verkennest meinen Sinn!
Zu dienen dir, ist mein Gewinn;
Und wo kann freieres Leben sein,
Als dir zu dienen, dir allein!
Was Großes auch die Welt gesehn,
Für deinen Zepter ist's geschehn;
Was Himmel zeugte, Hölle fand,
Ergossen über Meer und Land,
Es kommt zuletzt in deine Hand.
DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG.
Sehr wohl! Die Mühe mir verkürzen,
Das ist dein edelster Beruf:
Denn was die Freiheit langsam schuf,
Es kann nicht schnell zusammenstürzen,
Nicht auf der Kriegsposaune Ruf;
Doch hast du klug den Boden untergraben,
So stürzt das alles Blitz vor Blitz.
Da kann ich meinen stummen Sitz
In sel'gen Wüsteneien haben.
Du hast getan, wie ich gedacht.
Ich will nun sehn, was du vollbracht.
Verliert sich unter die Ruinen.
Eilfter Auftritt
DÄMON DER LIST zuversichtlich.
Ja, gehe nur und sieh dich um!
In unsrer Schöpfung magst du wohnen.
Du findest alles still und stumm,
Denkst du in Sicherheit zu thronen.
Ihr brüstet euch, ihr unteren Dämonen;
So mögt ihr wüten, mögt auch ruhn,
Ich deut' euch beides heimlich an.
Da mag denn jener immer tun
Und dieser glauben, es sei getan.
Ich aber wirke schleichend immerzu,
Um beide nächstens zu erschrecken:
Dich Kriegesgott bring' ich zur Ruh,
Dich Sklavenfürsten will ich wecken.
Zu dringen und zu weichen,
Das ist die größte Kunst,
Und so zu überschleichen
Das Glück und seine Gunst.
Die Wege, die sie gehen,
Sie sind nach meinem Sinn;
Der Übermut soll gestehen,
Daß ich allmächtig bin.
Ab.
Zwölfter Auftritt
DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG aus den Ruinen hervortretend.
Es ist noch allzu frisch, man könnt' es wieder bauen;
Die graue Zeit, wirkend ein neues Grauen
Verwittrung, Staub und Regenschlick –,
Mit Moos und Wildnis düstre sie die Räume.
Nun wachst empor, ehrwürd'ge Bäume!
Und zeiget dem erstaunten Blick
Ein längst veraltetes, verschwundenes Geschick,
Begraben auf ewig jedes Glück.
Während dieser Arie begrünet sich die Ruine nach und nach.
Nicht zu zieren – zu verdecken,
Nicht zu freuen – zu erschrecken,
Wachse dieses Zaubertal!
Und so schleichen und so wanken,
Wie verderbliche Gedanken,
Sich die Büsche, sich die Ranken
Als Jahrhunderte zumal.
So sei die Welt denn einsam! aber mir,
Dem Herrscher, ziemt es nicht, daß er allein:
Mit Männern mag er nicht verkehren,
Eunuchen sollen Männern wehren,
Und halb umgeben wird er sein;
Nun aber sollen schöne Frauen
Mit Taubenblick mir in die Augen schauen,
Mit Pfauenwedeln luftig wehen,
Gemeßnen Schrittes mich umgehen,
Mich liebenswürdig all' umsehnen,
Und ganze Scharen mir allein.
Das Paradies, es tritt herein!
Er ruht im Überfluß gebettet,
Und jene, die sich glücklich wähnen,
Sie sind bewacht, sie sind gekettet.
Dreizehnter Auftritt
LIEBE ungesehen, aus der Ferne.
Ja, ich schweife schon im Weiten
Dieser Wildnis leicht und froh:
Denn der Liebe sind die Zeiten
Alle gleich und immer so.
DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG,
Wie? was hör' ich da von weiten?
Ist noch eine Seele froh?
Ich vernichte Zeit auf Zeiten,
Und sie sind noch immer so! –
Melodie jenes Gesangs, durch blasende Instrumente. Der Dämon zeigt indessen Gebärden der Überraschung und Rührung.
Doch dein Busen will entflammen,
Dich besänftigt dieser Schall?
Nimm, o nimm dich nur zusammen
Gegen diese Nachtigall!
LIEBE tritt auf.
Der Dämon ist zurückgetreten.
Ja, ich walle gern im Weiten
Dieser Pfade leicht und froh:
Denn der Liebe sind die Zeiten
Alle gleich und immer so.
DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG.
O, wie kommt sie da von weiten,
Ohne Furcht und immer froh!
LIEBE.
Denn der Liebe sind die Zeiten
Immer gleich und immer so.
DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG zu ihr tretend.
Wen suchst du denn? Du suchest wen!
Ich dächte doch, du mußt ihn kennen.
LIEBE.
Ich suche wohl – es ist so schön!
Und weiter weiß ich nichts zu nennen.
DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG anständig zudringlich, gehalten und scherzhaft.
Nun, o nenne mir den Lieben,
Dem entgegen man so eilt.
LIEBE.
Ja, es ist, es ist das Lieben,
Das im Herzen still verweilt!
Der Dämon entfernt sich.
Vierzehnter Auftritt
Glaube hat die Schwester am Gesang erkannt, kommt eilig herbei, wirft sich ihr an die Brust. Liebe fährt in ihrem heitern Gesange noch eine Zeitlang fort, bis Glaube sich leidenschaftlich losreißt und abwärts tritt.
GLAUBE.
O liebste Schwester! Kannst du mich
Und meine Leiden so empfangen?
Ich irre trostlos, suche dich,
An deinem Herzen auszubangen;
Nun flieh' ich leider, wie ich kam,
Mich abgestoßen muß ich fühlen:
Wer teilt nun Zweifel, Kummer, Gram,
Wie sie das tiefste Herz durchwühlen!
LIEBE sich nähernd.
O Schwester! mich so im Verdacht?
Die immer neu und immer gleich
Unsterbliche unsterblich macht,
Die Sterblichen alle gut und reich.
Von oben kommt mir der Gewinn –
Die höchste Gabe willst du lästern?
Denn ohne diesen heitren Sinn
Was wären wir und unsre Schwestern!
GLAUBE.
Nein, in diesen Jammerstunden
Klinget keine Freude nach!
Schmerzen, tausendfach empfunden,
Herz um Herz, das knirschend brach,
Leer Gebet, vergebne Tränen,
Eingekettet unser Sehnen,
Unsrer Herrlichkeit Verhöhnen,
Der Erniedrigung Gewöhnen! –
Ewig deckt die Nacht den Tag.
LIEBE.
Es sind nicht die letzten Stunden,
Laß den Göttern das Gericht!
GLAUBE.
Nie hast du ein Glück empfunden:
Denn der Jammer rührt dich nicht!
Sie treten auseinander.
DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG für sich.
Still! nun hab' ich überwunden –
Schwestern und verstehn sich nicht!
Zum Glauben.
Herrlich Mädchen! welches Bangen,
Welche Neigung, welch Verlangen
Reget diese schöne Brust?
GLAUBE.
Herr, o Herr! gerecht Verlangen
War, die Schwester zu umfangen,
Treue bin ich mir bewußt.
DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG zur Liebe.
Wie, du Holde? Das Verlangen,
Deine Schwester zu umfangen,
Regt sich's nicht in deiner Brust?
LIEBE.
Sie, die Beste, zu umfangen,
Fühl' ich ewiges Verlangen;
Komm, o komm an meine Brust!
GLAUBE.
O verzeih dem Schmerz, dem Bangen!
Kaum getraut' ich, zu verlangen
Lieb' um Liebe, Lust um Lust!
Sie umarmen sich.
DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG für sich.
Immer wächst mir das Verlangen,
Zu betören; sie zu fangen,
Sei mein Streben, meine Lust.
Zwischen sie tretend.
Holdsel'ges Paar, das himmlisch mir begegnet,
Es sei der Tag für euch und mich gesegnet,
Er sei bezeichnet immerdar!
Ja, dieser Stunde jedes von uns gedenke!
Kleine Dämonen mit Juwelen.
Verschmähet nicht die wenigen Geschenke
Aus meiner Hand, verehrtes Paar.
Die Liebe liebkosend und ihr Armbänder anlegend.
Hände, meiner Augen Weide,
O wie drück' und küss' ich sie!
Nimm das köstlichste Geschmeide,
Trag es und vergiß mich nie!
Den Glauben liebkosend und ihr einen köstlichen Gürtel oder vielmehr Brustschmuck anlegend.
Wie sie sich in dir vereinen,
Hoher Sinn und Lebenslust:
So mit bunten Edelsteinen
Schmück' ich dir die volle Brust.
Die kleinen Dämonen bringen heimlich schwarze schwere Ketten hervor.
GLAUBE.
Das verdient wohl dieser Busen,
Daß ihn die Juwele schmückt.
Der eine Dämon hängt ihr die Kette hinten in den Gürtel, in dem Augenblick fühlt sie Schmerzen, sie ruft, indem sie auf die Brust sieht.
Doch wie ist mir! von Medusen
Werd' ich greulich angeblickt.
LIEBE.
O! wie sich das Auge weidet,
Und die Hand, wie freut sie sich!
Sie streckt die Arme aus und besieht die Armbänder von oben; das Dämonchen hängt von unten eine Doppelkette ein.
Was ist das? wie sticht's und schneidet,
Und unendlich foltert's mich!
DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG zur Liebe, mäßig spottend.
So ist dein zartes Herz belohnt!
Von diesen wird dich nichts erretten;
Doch Ende dich, du bist's gewohnt,
Du gehst doch immerfort in Ketten.
Zum Glauben, der sich ängstlich gebärdet, mit geheuchelter Teilnahme.
Ja, schluchze nur aus voller Brust
Und mache den Versuch, zu weinen!
Zu beiden gewaltsam.
Verzichtet aber auf Glück und Lust;
Das Beßre wird euch nie erscheinen!
Sie fahren von ihm weg, werfen sich an den Seiten nieder; Liebe liegt ringend, Glaube still.
DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG.
So hab' ich euch dahin gebracht,
Beim hellsten Tag in tiefste Nacht.
Getrennt wie sie gefesselt sind,
Ist Liebe töricht, Glaube blind.
Allein die Hoffnung schweift noch immer frei –
Mein Zauber winke sie herbei!
Ich bin schon oft ihr listig nachgezogen,
Doch wandelbar wie Regenbogen,
Setzt sie den Fuß bald da, bald dort, bald hier;
Und hab' ich diese nicht betrogen,
Was hilft das andre alles mir!
Funfzehnter Auftritt
Hoffnung erscheint auf der Ruine linker Hand des Zuschauers, bewaffnet mit Helm, Schild und Speer.
DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG.
Sie kommt! sie ist's! – Ich will sie kirren:
's ist auch ein Mädchenhaupt, ich will's verwirren.
Sie sieht mich, bleibt gelassen stehn,
Sie soll mir diesmal nicht entgehn.
Sanft teilnehmend.
Im Gedränge hier auf Erden
Kann nicht jeder, was er will;
Was nicht ist, es kann noch werden,
Hüte dich und bleibe still.
Sie hebt den Speer gegen ihn auf und steht in drohender Gebärde unbeweglich.
Doch welch ein Nebel, welche Dünste
Verbergen plötzlich die Gestalt!
Wo find' ich sie? Ich weiß nicht, wo sie wallt:
An ihr verschwend' ich meine Künste.
Verdichtet schwankt der Nebelrauch und wächst
Und webt, er webt undeutliche Gestalten,
Die deutlich, doch undeutlich, immerfort
Das Ungeheure mir entfalten.
Gespenster sind's, nicht Wolken, nicht Gespenster,
Die Wirklichen, sie dringen auf mich ein.
Wie kann das aber wirklich sein,
Das Webende, das immer sich entschleiert?
Verschleierte Gestalten, Ungestalten,
In ewigem Wechseltrug erneuert!
Wo bin ich? Bin ich mir bewußt? –
Sie sind's! sie sind auch nicht, und aus dem Grauen
Muß ich voran lebendig Kräft'ge schauen;
Fürwahr, es drängt sich Brust an Brust
Voll Lebensmacht und Kampfeslust;
Die Häupter in den Wolken sind gekrönt,
Die Füße schlangenartig ausgedehnt,
Verschlungen schlingend,
Mit sich selber ringend,
Doch alle klappernd nur auf mich gespitzt.
Die breite Wolke senkt sich, eine Wolke
Lebendig tausendfach, vom ganzen Volke,
Von allen Edlen schwer; sie sinkt, sie drückt,
Sie beugt mich nieder, sie erstickt!
Er wehrt sich gegen die von der Einbildungskraft ihm vorgespiegelte Vision, weicht ihr aus, wähnt, in die Enge getrieben zu sein, ist ganz nahe, zu knien. Die Hoffnung nimmt ihre ruhige Stellung wieder an. Er ermannt sich.
Aufgeregte Höllenbilder,
Zeigt euch wild und immer wilder,
Und ihr fechtet mich nicht an!
Euer Wanken, euer Weben
Sind Gedanken; sollt' ich beben
Vor dem selbstgeschaffnen Wahn?
Euer Lasten, euer Streben,
Ihr Verhaßten, ist kein Leben;
Eure Häupter, eure Kronen
Sind nur Schatten, trübe Luft.
Doch ich wittre Grabesduft:
Unten schein' ich mir zu wohnen,
Und schon modert mir die Gruft.
Er entflieht mit Grauen. Hoffnung ist nicht mehr zu sehen. Der Vorhang fällt.
Zweiter Aufzug
Erster Auftritt
LIEBE erhebt sich nach einiger Zeit, wie abwesend, wo nicht wahnsinnig.
Sag', wie ist dir denn zumalen?
Was beengt dir so das Herz?
Was ich fühle, sind nicht Qualen,
Was ich leide, ist nicht Schmerz.
Ob ich gleich den Namen höre,
Liebe, so hieß ich immerfort;
Es ist, als ob ich gar nicht wäre,
Liebe, 's ist ein leeres Wort.
GLAUBE die indessen aufgestanden, aber nicht sicher auf ihren Füßen steht.
Wankt der Felsen unter mir,
Der mich sonst so kräftig trug?
Nein! ich wanke, sinke hier,
Habe nicht mehr Kraft genug,
Mich zu halten; meine Knie
Brechen, ach, ich beuge sie
Nicht zum Beten; sinnenlos,
Herzlos lieg' ich an dem Boden,
Mir versagt, mir stockt der Oden;
Götter! meine Not ist groß!
LIEBE weiterschreitend.
Zwar gefesselt sind die Hände,
Doch der Fuß bewegt sich noch;
Wenn ich, ach, dorthin mich wende,
Schüttl' ich ab das schwere Joch.
GLAUBE wie jene, nur etwas rascher und lebhafter.
Will ich mich vom Ort bewegen,
Wird vielleicht der Busen frei.
Sieht die Schwester herankommen.
O, die Schwester! Welch ein Segen!
Ja, die Gute kommt herbei.
Indem sie gegeneinander die Arme ausstrecken, sehen sie sich so weit entfernt, daß sie sich nicht berühren können.
LIEBE.
Gott! ich kann dich nicht erreichen,
Ach, von dir steh' ich gebannt!
Indem sie an ihren vorigen Platz eilig zurückkehrt.
GLAUBE.
Gibt's ein Elend solchesgleichen!
Die noch gezögert und sich hin und wieder umgesehen hat, stürmt auch nach ihrer Seite.
Nein! die Welt hat's nicht gekannt.
Beide werfen sich an ihrer Stelle nieder.
Zweiter Auftritt
HOFFNUNG welche indessen oben erschienen und heruntergetreten ist.
Ich höre jammern, höre klagen –
In Banden meine Schwestern? Wie,
O wie sie ringen, wie sie zagen!
Vernehmt mein Wort, es fehlet nie.
Ihr zeigt mir freilich eure Ketten,
Getrauet nicht, mich anzuschaun;
Doch bin ich, hoff' euch zu erretten –
Erhebt euch, kommt, mir zu vertraun!
Dritter Auftritt
GENIEN herbeieilend.
Immer sind wir noch im Lande,
Hier und dort mit raschem Lauf.
Sie nehmen die Ketten ab, zugleich mit dem Schmuck.
Erstlich lösen wir die Bande –
Richte du sie wieder auf!
Denn uns Genien gegeben
Ward gewiß ein schönes Teil;
Euer eigenes Bestreben
Wirke nun das eigne Heil.
Sie entfernen sich.
HOFFNUNG zu den wegeilenden Genien.
Nehmt Gotteslohn, ihr süßen Brüder!
Sie hebt erst den Glauben auf und bringt ihn gegen die Mitte.
Und steht nur erst der Glaube fest,
So hebt sich auch die Liebe wieder.
LIEBE die von selbst aufspringt und auf die Hoffnung loseilt.
Ja, ich bin's, und neugeboren
Werf' ich mich an deine Brust.
GLAUBE.
Völlig hatt' ich mich verloren,
Wieder find' ich mich mit Lust.
HOFFNUNG.
Ja, wer sich mit mir verschworen,
Ist sich alles Glücks bewußt.
Denn wie ich bin, so bin ich auch beständig,
Nie der Verzweiflung geb' ich mich dahin;
Ich mildre Schmerz, das höchste Glück vollend' ich;
Weiblich gestaltet, bin ich männlich kühn.
Das Leben selbst ist nur durch mich lebendig,
Ja übers Grab kann ich's hinüberziehn,
Und wenn sie mich sogar als Asche sammeln,
So müssen sie noch meinen Namen stammeln.
Und nun vernehmt! – Wie einst in Grabeshöhlen
Ein frommes Volk geheim sich flüchtete
Und allen Drang der himmlisch reinen Seelen
Nach oben voll Vertrauen richtete,
Nicht unterließ, auf höchsten Schutz zu zählen,
Und auszudauern sich verpflichtete:
So hat die Tugend still ein Reich gegründet
Und sich, zu Schutz und Trutz, geheim verbündet.
Im Tiefsten hohl, das Erdreich untergraben,
Auf welchem jene schrecklichen Gewalten
Nun offenbar ihr wildes Wesen haben
In majestätisch häßlichen Gestalten
Und mit den holden überreifen Gaben
Der Oberfläche nach Belieben schalten
Doch wird der Boden gleich zusammenstürzen
Und jenes Reich des Übermuts verkürzen.
Von Osten rollt, Lauinen gleich, herüber
Der Schnee- und Eisball, wälzt sich groß und größer,
Er schmilzt, und nah und näher stürzt vorüber
Das alles überschwemmende Gewässer:
So strömt's nach Westen, dann zum Süd hinüber
Die Welt sieht sich zerstört – und fühlt sich besser:
Vom Ozean, vom Belt her kommt uns Rettung;
So wirkt das All in glücklicher Verkettung.
Vierter Auftritt
GENIEN den drei Schwestern Kronen darreichend.
Und so bestärkt euch, Königinnen!
Ihr seid es, obschon jetzt gebeugt.
Ihr müßt noch alles Glück gewinnen:
Vom Himmel seid ihr uns gezeugt;
Zum Himmel werdet ihr euch heben
Die Sterblichen, sie sehn's entzückt
Und glorreich über Welten schweben,
Die ihr auf ewig nun beglückt.
Doch was dem Abgrund kühn entstiegen,
Kann durch ein ehernes Geschick
Den halben Weltkreis übersiegen,
Zum Abgrund muß es doch zurück.
Schon droht ein ungeheures Bangen,
Vergebens wird er widerstehn!
Und alle, die noch an ihm hangen,
Sie müssen mit zugrunde gehn.
HOFFNUNG.
Nun begegn' ich meinen Braven,
Die sich in der Nacht versammelt,
Um zu schweigen, nicht zu schlafen,
Und das schöne Wort der Freiheit
Wird gelispelt und gestammelt,
Bis in ungewohnter Neuheit
Wir an unsrer Tempel Stufen
Wieder neu entzückt es rufen:
Mit Überzeugung, laut.
Freiheit!
Gemäßigter.
Freiheit!
Von allen Enden Echo.
Freiheit!
LIEBE.
Kommt, zu sehn, was unsre frommen
Guten Schwestern unternommen,
Die mit Seufzen sich bereiten
Auf die blutig wilden Zeiten.
GLAUBE.
Denn der Liebe Hilf' und Laben
Wird den schönsten Segen haben,
Und im Glauben überwinden
Sie die Furcht, die sie empfinden.
GENIUS I.
Ihr werdet eure Kraft beweisen,
Bereitet still den jüngsten Tag.
GENIUS II.
Denn jenes Haupt von Stahl und Eisen
Zermalmt zuletzt ein Donnerschlag.
Die sämtlichen fünfe, unter musikalischer Begleitung, kehren sich um und gehen nach dem Grunde. Die Hoffnung besteigt die Ruinen links des Zuschauers, Glaube und Liebe die Ruinen rechts; die Knaben besteigen die Treppen und stellen sich an die Pforten. Sie begrüßen sich alle untereinander nochmals zum Abschied. Es wird Nacht.
Fünfter Auftritt
UNSICHTBARES CHOR.
Sterne versanken und Monden in Blut.
Aber nun wittert und lichtet es gut:
Sonne, sie nahet dem himmlischen Thron,
Lieber, sie kommen und wecken dich schon.
Die Genien eröffnen die Pforten, indem sie sich dahinter verstecken und lauschen. Epimenides ruht noch, wie er eingeschlafen; die Lampe brennt. Er erwacht, regt sich, steht auf, tritt unter die Türe, gibt seine Verwunderung zu erkennen, tritt wankend die Stufen herunter, ungewiß, wo er sich befinde.
Sechster Auftritt
EPIMENIDES.
Und welch Erwachen! wunderbar genug!
Die Pforten öffnen sich bei düstrer Nacht.
Täuscht mich der Genien sonst so treuer Dienst?
Kein Stern am Himmel?
Es erscheint ein Komet, ungeheuer.
Welch ein furchtbar Zeichen
Erschreckt den Blick mit Rutenfeuerschein!
Wo bin ich denn? – In eine Wüstenei,
Von Fels und Baum beschränkt, bin ich begraben.
Wie war es sonst! als mir die Flügeltüren
Beim ersten Morgenlicht von Geisterhand
Sich öffneten, das liebe Himmelspaar
Mich in die holde Welt herunterführte,
Mich Tempel und Palast, und nah und fern
Die herrlichste Natur mich glänzend grüßte.
Wie düster jetzt! und was der Feuerschein
Mir ahnungsvoll entdeckt, ist grausenhaft.
Wer leitet mich? wer rettet vom Verderben?
Verdient wohl euer Freund, ihr Götter, so zu sterben?
Die Genien treten, oben an der Pforte, hervor mit
Fackeln.
Doch ihr erhört des treuen Priesters Ruf!
Ich sehe neuen goldnen Schein umschimmern:
Die Lieben sind's! o, wo sie leuchtend gehn,
Liegt keine Wüste, haust kein Schrecknis mehr.
Sie sind heruntergekommen und stehen neben ihm.
O sagt mir an, ihr Holden, welchen Traum
Von Ängstlichkeiten schafft ihr um mich her?
Sie legen den Finger auf den Mund.
Ich träume, ja! wo nicht, so hat ein Gott
In tiefe Wüsteneien mich verschlagen
Hier – keine Spur von jenem alten Glanz,
Nicht Spur von Kunst, von Ordnung keine Spur!
Es ist der Schöpfung wildes Chaos hier,
Das letzte Grauen endlicher Zerstörung.
Genien deuten hinüber und herüber.
Was deutet ihr? Ich soll mich hier erkennen!
Die Genien leuchten voran nach der einen Seite.
Euch folgen? wohl! ihr leuchtet dieserseits.
Was seh' ich hier! ein wohlbekanntes Bild!
In Marmorglanze, Glanz vergangner Tage.
»Der Vater ruht auf seinem breiten Polster,
Die Frau im Sessel, Kinder stehn umher
Von jedem Alter; Knechte tragen zu,
Das Pferd sogar es wiehert an der Pforte;
Die Tafel ist besetzt, man schwelgt und ruht.«
Fürwahr! es ist die Stätte noch, wo mir
Des Freudentages hellste Sonne schien;
Ist alles doch in Schutt und Graus versunken.
Sie deuten, und leiten ihn nach der andern Seite.
Noch weiter? Nein, ihr Guten, nein, ach nein!
Ich glaub' es auch, es ist die alte Stätte;
Doch während meines Schlafes hat ein Gott
Die Erd' erschüttert, daß Ruinen hier
Sich aufeinander türmen, durch ein Wunder
Der Bäume, der Gesträuche Trieb beschleunigt.
So ist es hin, was alles ich gebaut
Und was mit mir von Jugend auf emporstieg.
O, wär' es herzustellen! Nein, ach nein!
Ihr nötigt mich an diese Tafel hin!
Zerschlagen ist sie, nicht mehr leserlich.
Hinweg von mir! O mein Gedächtnis! O!
Du hältst das Lied noch fest, du wiederholst es.
UNSICHTBARES CHOR.
Hast du ein gegründet Haus,
Fleh' die Götter alle,
Daß es, bis man dich trägt hinaus,
Nicht zu Schutt zerfalle
Und noch lange hinterdrein
Kindeskindern diene,
Und umher ein frischer Hain
Immer neu ergrüne.
EPIMENIDES.
Dämonen seid ihr, keine Genien!
Der Hölle, die Verzweiflung haucht, entstiegen.
Sie haucht mich an, durchdringt, erstarrt die Brust,
Umstrickt das Haupt, zerrüttet alle Sinnen.
Er beugt seine Knie, richtet sich aber gleich wieder auf.
Nein, kniee nicht! sie hören dich nicht mehr;
Die Genien schweigen, wünsche dir den Tod.
Denn wo der Mensch verzweifelt, lebt kein Gott,
Und ohne Gott will ich nicht länger leben.
Er wendet sich ab, verzweifelnd.
GENIEN sich einander zuwinkend.
Komm! wir wollen dir versprechen
Rettung aus dem tiefsten Schmerz
Pfeiler, Säulen kann man brechen,
Aber nicht ein freies Herz:
Denn es lebt ein ewig Leben,
Es ist selbst der ganze Mann,
In ihm wirken Lust und Streben,
Die man nicht zermalmen kann.
EPIMENIDES wehmütig.
O sprecht! o helft! mein Knie, es trägt mich kaum:
Ihr wollt euch bittern Spott erlauben?
GENIEN.
Komm mit! den Ohren ist's ein Traum;
Den Augen selbst wirst du nicht glauben.
Es wird auf einmal Tag. Von ferne kriegerische Musik. Epimenides und die Genien stehen vor der Pforte.
Siebenter Auftritt
Die kriegerische Musik kommt näher. Die Hoffnung, den Jugendfürsten an der Seite, führt über die Ruinen, da wo sie abgegangen ist, ein Heer herein, welches die verschiedenen neuern, zu diesem Kriege verbündeten Völker bezeichnet.
CHOR.
Brüder, auf! die Welt zu befreien!
Kometen winken, die Stund' ist groß.
Alle Gewebe der Tyranneien
Haut entzwei und reißt euch los!
Hinan! – Vorwärts – hinan!
Und das Werk, es werde getan!
So erschallt nun Gottes Stimme,
Denn des Volkes Stimme, sie erschallt,
Und entflammt von heil'gem Grimme,
Folgt des Blitzes Allgewalt.
Hinan! – Vorwärts – hinan!
Und das große Werk wird getan.
Und so schreiten wir, die Kühnen,
Eine halbe Welt entlang;
Die Verwüstung, die Ruinen,
Nichts verhindre deinen Gang.
Hinan! – Vorwärts – hinan!
Und das große, das Werk sei getan.
JUGENDFÜRST.
Hinter uns her vernehmt ihr schallen
Starke Worte, treuen Ruf:
Siegen, heißt es, oder fallen
Ist, was alle Völker schuf.
Hinan! – Vorwärts – hinan!
Und das Werk, es wäre getan.
HOFFNUNG.
Noch ist vieles zu erfüllen,
Noch ist manches nicht vorbei;
Doch wir alle, durch den Willen
Sind wir schon von Banden frei.
CHOR.
Hinan! – Vorwärts – hinan!
Und das große, das Werk sei getan.
JUGENDFÜRST.
Auch die Alten und die Greisen
Werden nicht im Rate ruhn;
Denn es ist um den Stein der Weisen,
Es ist um das All zu tun.
Hinan! – Vorwärts – hinan!
Und das Werk, es war schon getan.
CHOR.
Denn so einer »Vorwärts« rufet,
Gleich sind alle hinterdrein,
Und so geht es, abgestufet,
Stark und schwach und groß und klein.
Hinan! – Vorwärts – hinan!
Und das große, das Werk ist getan.
Und wo eh' wir sie nun erfassen,
In den Sturz, in die Flucht sie hinein!
Ja, in ungeheuren Massen
Stürzen wir schon hinterdrein.
Hinan! – Vorwärts – hinan!
Und das alles, das Werk ist getan.
Achter Auftritt
Glaube und Liebe mit den Frauen und Landbewohnern an der andern Seite.
CHOR.
Und wir kommen
Mit Verlangen,
Wir, die Frommen,
Zu empfangen
Sie, die Braven,
Sie mit Kränzen
Zu umschlingen.
Und mit Hymnen
Zu umsingen,
Zu erheben
Jene Braven,
Die da schlafen,
Die gegeben
Höhrem Leben.
LANDBEWOHNER aller Alter und Stände.
Und die wir zurückgeblieben,
Eurer Kraft uns anvertraut,
Haben unsren kühnen Lieben
Haus und Hof und Feld gebaut;
Und wie ihr im Siege schreitet,
Drückt uns traulich an die Brust:
Alles, was wir euch bereitet,
Lang' genießt es und mit Lust.
SÄMTLICHE CHÖRE.
Und mit den wichtigsten Geschäften
Verherrlicht heut' den großen Tag,
Zusammen all' mit vollen Kräften
Erhebt den Bau, der niederlag:
Strebt an – Glück auf – Strebt an!
Nur zu! und schon regt sich's hinan.
Und schon der Pfeiler, der gespalten,
Er hebt gefüget sich empor,
Und Säulenreihen, sie entfalten
Der schlanken Stämme Zierd' und Flor.
Strebt an – Glück auf – Strebt an!
Es steht, und das Werk ist getan.
Indessen sind die Ruinen wieder aufgerichtet. Ein Teil der Vegetation bleibt und ziert.
Neunter Auftritt
Epimenides mit zwei Priestern.
EPIMENIDES nach oben.
Wie selig euer Freund gewesen,
Der diese Nacht des Jammers überschlief,
Ich konnt's an den Ruinen lesen,
Ihr Götter, ich empfind' es tief!
Zu den Umstehenden.
Doch schäm' ich mich der Ruhestunden;
Mit euch zu leiden, war Gewinn:
Denn für den Schmerz, den ihr empfunden,
Seid ihr auch größer, als ich bin.
PRIESTER.
Tadle nicht der Götter Willen,
Wenn du manches Jahr gewannst:
Sie bewahrten dich im stillen,
Daß du rein empfinden kannst.
Und so gleichst du künft'gen Tagen,
Denen unsre Qual und Plagen,
Unser Streben, unser Wagen
Endlich die Geschichte beut;
Und nicht glauben, was wir sagen,
Wirst du, wie die Folgezeit.
GLAUBE.
Zum Ungeheuren war ich aufgerufen,
Mir dienten selbst Zerstörung, Blut und Tod;
So flammte denn an meines Thrones Stufen
Der Freiheit plötzlich furchtbar Morgenrot.
Schneidend eisige Lüfte blasen,
Ströme schwellen Schlund auf Schlund,
Und der Elemente Rasen,
Alles kräftigte den Bund.
Heil der Edlen, die den Glauben
In der tiefsten Brust genährt,
Unter Glut und Mord und Rauben
Das Verderben abgewehrt.
Ihr danken wir, nach mancher Jahre Grauen,
Das schöne Licht, das wir vergnüglich schauen.
LIEBE.
Begrüßet ihn mit liebevollen Blicken,
Der liebevoll bei seinem Volk verweilt,
Der treuen Seinen neubelebt Entzücken
Mit offnem holden Vaterherzen teilt.
Der Edle hat mit Edlen sich verbündet,
Da jauchzte kühn die treue Schar;
Und wo die Liebe wirkt und gründet,
Da wird die Kraft der Tugend offenbar,
Das Glück ist sicher und geründet.
HOFFNUNG.
Ich will gestehn den Eigennutz, o Schwestern!
Für jedes Opfer fordr' ich meinen Lohn,
Ein selig Heute für ein schrecklich Gestern,
Triumpheswonne statt der Duldung Hohn:
So wollt' ich es dem hohen Paare geben,
Von dessen Blick beseelt wir alle leben.
EPIMENIDES.
Die Tugenden, die hier ein kräftig Wirken
Und in unendlichen Bezirken
Sich herrlich tausendfach gezeigt,
Den höchsten Zweck mit Blitzesflug erreicht,
Sie helfen uns die größten Tage feiern.
Nur eine, die mit treuer Hand
Die Schwestern fest und zart verband,
Abseits, verhüllt bescheiden stand,
Die Einigkeit muß ich entschleiern.
Er führt eine bisher verborgen gebliebene Verschleierte hervor und schlägt ihr den Schleier zurück.
Zehnter Auftritt
DIE EINIGKEIT.
Der Geist, der alle Welten schafft,
Durch mich belehrt er seine Teuren:
»Von der Gefahr, der ungeheuren,
Errettet nur gesamte Kraft.«
Das, was ich lehre, scheint so leicht,
Und fast unmöglich zu erfüllen:
»Nachgiebigkeit bei großem Willen.«
Nun ist des Wortes Ziel erreicht,
Den höchsten Wunsch seh' ich erfüllen.
JUGENDFÜRST.
Ja, alle Kronen seh' ich neu geschmückt
Mit eignem Gold, mit Feindes Beute;
Ihr habt das Volk, ihr habt euch selbst beglückt;
Was ihr besitzt, besitzt ihr erst von heute.
Zwar hat der Ahnen würdiges Verdienst
Die goldnen Reife längst geflochten,
Doch nun ist's eigener Gewinst:
Ihr habt das Recht daran erfochten.
EPIMENIDES.
Und wir sind alle neugeboren,
Das große Sehnen ist gestillt;
Bei Friedrichs Asche war's geschworen
Und ist auf ewig nun erfüllt.
CHOR DER KRIEGER.
Und wir wandeln mit freien Schritten,
Weil wir uns was zugetraut,
Und empfangen in unsre Mitten
Gattin, Schwester, Tochter, Braut.
Getan! – Glück auf! – Getan!
Und den Dank nun zum Himmel hinan!
CHOR DER FRAUEN.
Euch zu laben,
Laßt uns eilen,
Unsre Gaben
Auszuteilen,
Eure Wunden
Auszuheilen:
Selige Stunden
Sind gegeben
Unsrem Leben!
Große Gruppe.
EPIMENIDES.
Ich sehe nun mein frommes Hoffen
Nach Wundertaten eingetroffen;
Schön ist's, dem Höchsten sich vertraun.
Er lehrte mich das Gegenwärt'ge kennen;
Nun aber soll mein Blick entbrennen,
In fremde Zeiten auszuschaun.
PRIESTER.
Und nun soll Geist und Herz entbrennen,
Vergangnes fühlen, Zukunft schaun.
CHOR.
So rissen wir uns ringsherum
Von fremden Banden los.
Nun sind wir Deutsche wiederum,
Nun sind wir wieder groß.
So waren wir und sind es auch
Das edelste Geschlecht,
Von biederm Sinn und reinem Hauch
Und in der Taten Recht.
Und Fürst und Volk und Volk und Fürst
Sind alle frisch und neu!
Wie du dich nun empfinden wirst
Nach eignem Sinne frei.
Wer dann das Innere begehrt,
Der ist schon groß und reich;
Zusammen haltet euren Wert,
Und euch ist niemand gleich.
Gedenkt unendlicher Gefahr,
Des wohlvergoßnen Bluts,
Und freuet euch von Jahr zu Jahr
Des unschätzbaren Guts.
Die große Stadt, am großen Tag,
Die unsre sollte sein –
Nach ungeheurem Doppelschlag
Zum zweitenmal hinein!
Nun töne laut: Der Herr ist da!
Von Sternen glänzt die Nacht.
Er hat, damit uns Heil geschah,
Gestritten und gewacht.
Für alle, die ihm angestammt,
Für uns war es getan,
Und wie's von Berg zu Bergen flammt,
Entzücken flamm' hinan!
Der Vorhang fällt.
Die Aufgeregten
Personen.
Die Gräfin
Friederike, ihre Tochter
Karl, ihr Söhnchen
Der Baron, ein Vetter
Der Hofrat
Breme von Bremenfeld, Chirurgus
Karoline, Bremens Tochter
Luise, Bremens Nichte
Der Magister, Hofmeister des jungen Grafen
Der Amtmann
Jakob, junger Landmann und Jäger
Martin,
Albert,
Peter, Landleute
Georg, Bedienter der Gräfin
Erster Aufzug
Erster Auftritt
Ein gemeines Wohnzimmer, an der Wand zwei Bilder, eines bürgerlichen Mannes und seiner Frau, in der Tracht, wie sie vor funfzig oder sechzig Jahren zu sein pflegte. Nacht.
Luise, an einem Tische, worauf ein Licht steht, strickend. Karoline, in einem Großvatersessel gegenüber, schlafend.
LUISE einen eben vollendeten gestrickten Strumpf in die Höhe haltend. Wieder ein Strumpf! Nun wollt' ich, der Onkel käme nach Hause, denn ich habe nicht Lust, einen andern anzufangen. Sie steht auf und geht ans Fenster. Er bleibt heut' ungewöhnlich lange weg, sonst kommt er doch gegen eilf Uhr, und es ist jetzt schon Mitternacht. Sie tritt wieder an den Tisch. Was die französische Revolution Gutes oder Böses stiftet, kann ich nicht beurteilen; so viel weiß ich, daß sie mir diesen Winter einige Paar Strümpfe mehr einbringt. Die Stunden, die ich jetzt wachen und warten muß, bis Herr Breme nach Hause kommt, hätt' ich verschlafen, wie ich sie jetzt verstricke, und er verplaudert sie, wie er sie sonst verschlief.
KAROLINE im Schlafe redend. Nein, nein! Mein Vater!
LUISE sich dem Sessel nähernd. Was gibt's, liebe Muhme? – Sie antwortet nicht! – Was nur dem guten Mädchen sein mag! Sie ist still und unruhig; des Nachts schläft sie nicht, und jetzt, da sie vor Müdigkeit eingeschlafen ist, spricht sie im Traume. Sollte meine Vermutung gegründet sein? sollte der Baron in diesen wenigen Tagen einen solchen Eindruck auf sie gemacht haben, so schnell und stark? Hervortretend. Wunderst du dich, Luise, und hast du nicht selbst erfahren, wie die Liebe wirkt, wie schnell und wie stark!
Zweiter Auftritt
Die Vorigen. Georg.
GEORG heftig und ängstlich. Liebes Mamsellchen, geben Sie mir geschwinde, geschwinde –
LUISE. Was denn, Georg?
GEORG. Geben Sie mir die Flasche.
LUISE. Was für eine Flasche?
GEORG. Ihr Herr Onkel sagte, Sie sollen mir die Flasche geschwinde geben; sie steht in der Kammer, oben auf dem Brette rechter Hand.
LUISE. Da stehen viele Flaschen; was soll denn drinne sein?
GEORG. Spiritus.
LUISE. Es gibt allerlei Spiritus; hat er sich nicht deutlicher erklärt? wozu soll's denn?
GEORG. Er sagt' es wohl, ich war aber so erschrocken. Ach, der junge Herr –
KAROLINE die aus dem Schlaf auffährt. Was gibt's? – Der Baron?
LUISE. Der junge Graf?
GEORG. Leider, der junge Graf!
KAROLINE. Was ist ihm begegnet?
GEORG. Geben Sie mir den Spiritus.
LUISE. Sage nur, was dem jungen Grafen begegnet ist, so weiß ich wohl, was der Onkel für eine Flasche braucht.
GEORG. Ach, das gute Kind? was wird die Frau Gräfin sagen, wenn sie morgen kommt! wie wird sie uns ausschelten!
KAROLINE. So red' Er doch!
GEORG. Er ist gefallen, mit dem Kopfe vor eine Tischecke, das Gesicht ist ganz in Blut; wer weiß, ob nicht gar das Auge gelitten hat.
LUISE indem sie einen Wachsstock anzündet und in die Kammer geht. Nun weiß ich, was sie brauchen.
KAROLINE. So spät! wie ging das zu?
GEORG. Liebes Mamsellchen, ich dachte lange, es würde nichts Gutes werden. Da sitzt Ihr Vater und der Hofmeister alle Abend beim alten Pfarrer und lesen die Zeitungen und Monatsschriften, und so disputieren sie und können nicht fertig werden, und das arme Kind muß dabei sitzen; da drückt sich's denn in eine Ecke, wenn's spät wird, und schläft ein, und wenn sie aufbrechen, da taumelt das Kind schlaftrunken mit, und heute – nun sehen Sie – da schlägt's eben zwölfe – heute bleiben sie über alle Gebühr aus, und ich sitze zu Hause und habe Licht brennen, und dabei stehen die andern Lichter für den Hofmeister und den jungen Herrn, und Ihr Vater und der Magister bleiben vor der Schloßbrücke stehen und können noch nicht fertig werden –
LUISE kommt mit einem Glase zurück.
GEORG fährt fort. Und das Kind kommt in den Saal getappt und ruft mich, und ich fahre auf und will die Lichter anzünden, wie ich immer tue, und wie ich schlaftrunken bin, lösche ich das Licht aus. Indessen tappt das Kind die Treppe hinauf, und auf dem Vorsaal stehen die Stühle und Tische, die wir morgen früh in die Zimmer verteilen wollen; das Kind weiß es nicht, geht gerade zu, stößt sich, fällt, wir hören es schreien, ich mache Lärm, ich mache Licht, und wie wir hinauf kommen, liegt's da und weiß kaum von sich selbst. Das ganze Gesicht ist blutig. Wenn es ein Auge verloren hat, wenn es gefährlich wird, geh' ich morgen früh auf und davon, eh' die Frau Gräfin ankommt; mag's verantworten, wer will!
LUISE die indessen einige Bündelchen Leinwand aus der Schublade genommen, gibt ihm die Flasche. Hier! geschwind! trage das hinüber und nimm die Läppchen dazu, ich komme gleich selbst. Der Himmel verhüte, daß es so übel sei! Geschwind, Georg, geschwind! Georg ab. Halte warmes Wasser bereit, wenn der Onkel nach Hause kommt und Kaffee verlangt. Ich will geschwind hinüber. Es wäre entsetzlich, wenn wir unsere gute Gräfin so empfangen müßten. Wie empfahl sie nicht dem Magister, wie empfahl sie nicht mir das Kind bei ihrer Abreise! Leider hab' ich sehen müssen, daß es die Zeit über sehr versäumt worden ist. Daß man doch gewöhnlich seine nächste Pflicht versäumt! Ab.
Dritter Auftritt
Karoline. Hernach der Baron.
KAROLINE nachdem sie einigemal nachdenkend auf und ab gegangen. Er verläßt mich keinen Augenblick, auch im Traume selbst war er mir gegenwärtig. O wenn ich glauben könnte, daß sein Herz, seine Absichten so redlich sind, als seine Blicke, sein Betragen reizend und einnehmend ist! Ach, und die Art, mit der er alles zu sagen weiß, wie edel er sich ausdrückt! Man sage, was man will, welche Vorzüge gibt einem Menschen von edler Geburt eine standesmäßige Erziehung! Ach, daß ich doch seinesgleichen wäre!
DER BARON an der Türe. Sind Sie allein, beste Karoline?
KAROLINE. Herr Baron, wo kommen Sie her? entfernen Sie sich! wenn mein Vater käme! Es ist nicht schön, mich so zu überfallen.
BARON. Die Liebe, die mich hieher führt, wird auch mein Fürsprecher bei Ihnen sein, angebetete Karoline. Er will sie umarmen.
KAROLINE. Zurück, Herr Baron! Sie sind sehr verwegen. Wo kommen Sie her?
BARON. Ein Geschrei weckt mich, ich springe herunter und finde, daß mein Neffe sich eine Brausche gefallen hat. Ich finde Ihren Vater um das Kind beschäftigt, nun kommt auch Ihre Muhme; ich sehe, daß es keine Gefahr hat, es fällt mir ein: Karoline ist allein – und was kann mir bei jeder Gelegenheit anders einfallen als Karoline? Die Augenblicke sind kostbar, schönes, angenehmes Kind! Gestehen Sie mir, sagen Sie mir, daß Sie mich lieben. Will sie umarmen.
KAROLINE. Noch einmal, Herr Baron! lassen Sie mich, und verlassen Sie dieses Haus!
BARON. Sie haben versprochen, mich so bald als möglich zu sehen, und wollen mich nun entfernen?
KAROLINE. Ich habe versprochen, morgen früh mit Sonnenaufgang in dem Garten zu sein, mit Ihnen spazieren zu gehen, mich Ihrer Gesellschaft zu freuen. Hieher hab' ich Sie nicht eingeladen.
BARON. Aber die Gelegenheit –
KAROLINE. Hab' ich nicht gemacht.
BARON. Aber ich benutze sie; können Sie mir es verdenken?
KAROLINE. Ich weiß nicht, was ich von Ihnen denken soll.
BARON. Auch Sie – lassen Sie es mich frei gestehen –, auch Sie erkenne ich nicht.
KAROLINE. Und warum bin ich mir denn so unähnlich?
BARON. Können Sie noch fragen?
KAROLINE. Ich muß wohl, ich begreife Sie nicht!
BARON. Ich soll reden?
KAROLINE. Wenn ich Sie verstehen soll.
BARON. Nun gut. Haben Sie nicht seit den drei Tagen, die ich Sie kenne, jede Gelegenheit gesucht, mich zu sehen und zu sprechen?
KAROLINE. Ich leugne es nicht.
BARON. Haben Sie mir nicht, so oft ich Sie ansah, mit Blicken geantwortet? und mit was für Blicken!
KAROLINE verlegen. Ich kann meine eignen Blicke nicht sehen.
BARON. Aber fühlen, was sie bedeuten – Haben Sie mir, wenn ich Ihnen im Tanze die Hand drückte, die Hand nicht wieder gedrückt?
KAROLINE. Ich erinnere mich's nicht.
BARON. Sie haben ein kurzes Gedächtnis, Karoline. Als wir unter der Linde drehten und ich Sie zärtlich an mich schloß, damals stieß mich Karoline nicht zurück.
KAROLINE. Herr Baron, Sie haben sich falsch ausgelegt, was ein gutherziges unerfahrnes Mädchen –
BARON. Liebst du mich?
KAROLINE. Noch einmal, verlassen Sie mich! Morgen frühe –
BARON. Werde ich ausschlafen.
KAROLINE. Ich werde Ihnen sagen –
BARON. Ich werde nichts hören.
KAROLINE. So verlassen Sie mich.
BARON sich entfernend. O, es ist mir leid, daß ich gekommen bin.
KAROLINE allein, nach einer Bewegung, als wenn sie ihn aufhalten wollte. Er geht, ich muß ihn fortschicken, ich darf ihn nicht halten. Ich liebe ihn, und muß ihn verscheuchen. Ich war unvorsichtig, und bin unglücklich. Weg sind meine Hoffnungen auf den schönen Morgen, weg die goldnen Träume, die ich zu nähren wagte. O, wie wenig Zeit braucht es, unser ganzes Schicksal umzukehren!
Vierter Auftritt
Karoline. Breme.
KAROLINE. Lieber Vater, wie geht's? was macht der junge Graf?
BREME. Es ist eine starke Kontusion; doch ich hoffe die Läsion soll nicht gefährlich sein. Ich werde eine vortreffliche Kur machen, und der Herr Graf wird sich künftig, so oft er sich im Spiegel besieht, bei der Schmarre mit Achtung seines geschickten Chirurgi, seines Breme von Bremenfeld, erinnern.
KAROLINE. Die arme Gräfin! wenn sie nur nicht schon morgen käme.
BREME. Desto besser! und wenn sie den übeln Zustand des Patienten mit Augen sieht, wird sie, wenn die Kur vollbracht ist, desto mehr Ehrfurcht für meine Kunst empfinden. Standespersonen müssen auch wissen, daß sie und ihre Kinder Menschen sind; man kann sie nicht genug empfinden machen, wie verehrungswürdig ein Mann ist, der ihnen in ihren Nöten beisteht, denen sie wie alle Kinder Adams unterworfen sind, besonders ein Chirurgus. Ich sage dir, mein Kind, ein Chirurgus ist der verehrungswürdigste Mann auf dem ganzen Erdboden. Der Theolog befreit dich von der Sünde, die er selbst erfunden hat; der Jurist gewinnt dir deinen Prozeß und bringt deinen Gegner, der gleiches Recht hat, an den Bettelstab; der Medikus kuriert dir eine Krankheit weg, die andere herbei, und du kannst nie recht wissen, ob er dir genutzt oder geschadet hat: der Chirurgus aber befreit dich von einem reellen Übel, das du dir selbst zugezogen hast oder das dir zufällig und unverschuldet über den Hals kommt; er nutzt dir, schadet keinem Menschen, und du kannst dich unwidersprechlich überzeugen, daß seine Kur gelungen ist.
KAROLINE. Freilich auch, wenn sie nicht gelungen ist.
BREME. Das lehrt dich den Pfuscher vom Meister unterscheiden. Freue dich, meine Tochter, daß du einen solchen Meister zum Vater hast: für ein wohldenkendes Kind ist nichts ergetzlicher, als sich seiner Eltern und Großeltern zu freuen.
KAROLINE mit traurigem Ton, wie bisher. Das tu ich, mein Vater.
BREME sie nachahmend. Das tust du, mein Töchterchen, mit einem betrübten Gesichtchen und weinerlichen Tone. – Das soll doch wohl keine Freude vorstellen?
KAROLINE. Ach, mein Vater!
BREME. Was hast du, mein Kind?
KAROLINE. Ich muß es Ihnen gleich sagen.
BREME. Was hast du?
KAROLINE. Sie wissen, der Baron hat diese Tage her sehr freundlich, sehr zärtlich mit mir getan; ich sagt' es Ihnen gleich und fragte Sie um Rat.
BREME. Du bist ein vortreffliches Mädchen! wert, als eine Prinzessin, eine Königin aufzutreten.
KAROLINE. Sie rieten mir, auf meiner Hut zu sein, auf mich wohl achtzuhaben, aber auch auf ihn; mir nichts zu vergeben, aber auch ein Glück, wenn es mich aufsuchen sollte, nicht von mir zu stoßen. Ich habe mich gegen ihn betragen, daß ich mir keine Vorwürfe zu machen habe; aber er –
BREME. Rede, mein Kind, rede!
KAROLINE. O, es ist abscheulich. Wie frech, wie verwegen! –
BREME. Wie? Nach einer Pause. Sage mir nichts, meine Tochter, du kennst mich, ich bin eines hitzigen Temperaments, ein alter Soldat; ich würde mich nicht fassen können, ich würde einen tollen Streich machen.
KAROLINE. Sie können es hören, mein Vater, ohne zu zürnen; ich darf es sagen, ohne rot zu werden. Er hat meine Freundlichkeit übel ausgelegt, er hat sich in Ihrer Abwesenheit, nachdem Luise auf das Schloß geeilt war, hier ins Haus geschlichen. Er war verwegen, aber ich wies ihn zurechte. Ich trieb ihn fort, und ich darf wohl sagen: seit diesem Augenblick haben sich meine Gesinnungen gegen ihn geändert. Er schien mir liebenswürdig, als er gut war, als ich glauben konnte, daß er es gut mit mir meinte; jetzt kommt er mir vor, schlimmer als jeder andere. Ich werde Ihnen alles, wie bisher, erzählen, alles gestehen und mich Ihrem Rat ganz allein überlassen.
BREME. Welch ein Mädchen! welch ein vortreffliches Mädchen! O ich beneidenswerter Vater! Wartet nur, Herr Baron, wartet nur! Die Hunde werden von der Kette loskommen und den Füchsen den Weg zum Taubenschlag verrennen. Ich will nicht Breme heißen, nicht den Namen Bremenfeld verdienen, wenn in kurzem nicht alles anders werden soll.
KAROLINE. Erzürnt Euch nicht, mein Vater.
BREME. Du gibst mir ein neues Leben, meine Tochter; ja, fahre fort, deinen Stand durch deine Tugend zu zieren, gleiche in allem deiner vortrefflichen Urgroßmutter, der seligen Bürgemeisterin von Bremenfeld. Diese würdige Frau war durch Sittsamkeit die Ehre ihres Geschlechts und durch Verstand die Stütze ihres Gemahls. Betrachte dieses Bild jeden Tag, jede Stunde, ahme sie nach und werde verehrungswürdig wie sie! Karoline sieht das Bild an und lacht. Was lachst du, meine Tochter?
KAROLINE. Ich will meiner Urgroßmutter gern in allem Guten folgen, wenn ich mich nur nicht anziehen soll wie sie. Ha, ha, ha! Sehn Sie nur, so oft ich das Bild ansehe, muß ich lachen, ob ich es gleich alle Tage vor Augen habe, ha, ha, ha! Sehn Sie nur das Häubchen, das wie Fledermausflügel vom Kopfe lossteht.
BREME. Nun, nun! zu ihrer Zeit lachte niemand darüber, und wer weiß, wer über euch künftig lacht, wenn er euch gemalt sieht; denn ihr seid sehr selten angezogen und aufgeputzt, daß ich sagen möchte, ob du gleich meine hübsche Tochter bist: sie gefällt mir! Gleiche dieser vortrefflichen Frau an Tugenden und kleide dich mit besserm Geschmack, so hab' ich nichts dagegen, vorausgesetzt, daß, wie sie sagen, der gute Geschmack nicht teurer ist als der schlechte. Übrigens dächt' ich, du gingst zu Bette; denn es ist spät.
KAROLINE. Wollen Sie nicht noch Kaffee trinken? das Wasser siedet, er ist gleich gemacht.
BREME. Setze nur alles zurechte, schütte den gemahlenen Kaffee in die Kanne, das heiße Wasser will ich selbst darüber gießen.
KAROLINE. Gute Nacht, mein Vater! Geht ab.
BREME. Schlaf wohl, mein Kind.
Fünfter Auftritt
BREME allein. Daß auch das Unglück just diese Nacht geschehen mußte! Ich hatte alles klüglich eingerichtet, meine Einteilung der Zeit als ein echter Praktikus gemacht. Bis gegen Mitternacht hatten wir zusammen geschwatzt, da war alles ruhig; nachher wollte ich meine Tasse Kaffee trinken, meine bestellten Freunde sollten kommen zu der geheimnisvollen Überlegung. Nun hat's der Henker! Alles ist in Unruhe. Sie wachen im Schloß, dem Kinde Umschläge aufzulegen. Wer weiß, wo sich der Baron herumdrückt, um meiner Tochter aufzupassen. Beim Amtmann seh' ich Licht, bei dem verwünschten Kerl, den ich am meisten scheue. Wenn wir entdeckt werden, so kann der größte, schönste, erhabenste Gedanke, der auf mein ganzes Vaterland Einfluß haben soll, in der Geburt erstickt werden. Er geht ans Fenster. Ich höre jemand kommen; die Würfel sind geworfen, wir müssen nun die Steine setzen; ein alter Soldat darf sich vor nichts fürchten. Bin ich denn nicht bei dem großen unüberwindlichen Fritz in die Schule gegangen?
Sechster Auftritt
Breme. Martin.
BREME. Seid Ihr's, Gevatter Martin?
MARTIN. Ja, lieber Gevatter Breme, das bin ich. Ich habe mich ganz stille aufgemacht, wie die Glocke zwölfe schlug, und bin hergekommen; aber ich habe noch Lärm gehört und hin und wider gehen, und da bin ich im Garten einigemal auf und ab geschlichen, bis alles ruhig war. Sagt mir nur, was Ihr wollt, Gevatter Breme, daß wir so spät bei Euch zusammenkommen, in der Nacht; konnten wir's denn nicht bei Tag abmachen?
BREME. Ihr sollt alles erfahren, nur müßt Ihr Geduld haben, bis die andern alle beisammen sind.
MARTIN. Wer soll denn noch alles kommen?
BREME. Alle unsere guten Freunde, alle vernünftigen Leute. Außer Euch, der Ihr Schulze von dem Ort hier seid, kommt noch Peter, der Schulze von Rosenhahn, und Albert, der Schulze von Wiesengruben; ich hoffe, auch Jakob wird kommen, der das hübsche Freigut besitzt. Dann sind recht ordentliche und vernünftige Leute beisammen, die schon was ausmachen können.
MARTIN. Gevatter Breme, Ihr seid ein wunderlicher Mann; es ist Euch alles eins, Nacht und Tag, Tag und Nacht, Sommer und Winter.
BREME. Ja, wenn das auch nicht so wäre, könnte nichts Rechts werden. Wachen oder Schlafen, das ist mir auch ganz gleich. Es war nach der Schlacht bei Leuthen, wo unsere Lazarette sich in schlechtem Zustande befanden und sich wahrhaftig noch im schlechteren Zustande befunden hätten, wäre Breme nicht damals ein junger rüstiger Bursche gewesen. Da lagen viele Blessierte, viele Kranke, und alle Feldscherer waren alt und verdrossen, aber Breme ein junger tüchtiger Kerl, Tag und Nacht parat. Ich sag' Euch, Gevatter, daß ich acht Nächte nacheinander weg gewacht und am Tage nicht geschlafen habe. Das merkte sich aber auch der alte Fritz, der alles wußte, was er wissen wollte. Höre Er, Breme, sagte er einmal, als er in eigner Person das Lazarett visitierte, höre Er, Breme, man sagt, daß Er an der Schlaflosigkeit krank liege. – Ich merkte, wo das hinaus wollte, denn die andern stunden alle dabei; ich faßte mich und sagte: Ihro Majestät, das ist eine Krankheit, wie ich sie allen Ihren Dienern wünsche, und da sie keine Mattigkeit zurückläßt und ich den Tag auch noch brauchbar bin, so hoffe ich, daß Seine Majestät deswegen keine Ungnade auf mich werfen werden.
MARTIN. Ei, ei! wie nahm denn das der König auf?
BREME. Er sah ganz ernsthaft aus, aber ich sah ihm wohl an, daß es ihm wohlgefiel. Breme, sagte er, womit vertreibt Er sich denn die Zeit? Da faßt' ich mir wieder ein Herz und sagte: Ich denke an das, was Ihro Majestät getan haben und noch tun werden, und da könnt' ich Methusalems Jahre erreichen und immer fort wachen und könnt's doch nicht ausdenken. Da tat er, als hört' er's nicht, und ging vorbei. Nun war's wohl acht Jahre darnach, da faßt' er mich bei der Revue wieder ins Auge. Wacht Er noch immer, Breme? rief er. Ihro Majestät, versetzt' ich, lassen einem ja im Frieden so wenig Ruh als im Kriege. Sie tun immer so große Sachen, daß sich ein gescheiter Kerl daran zu Schanden denkt.
MARTIN. So habt Ihr mit dem König gesprochen, Gevatter? Durfte man so mit ihm reden?
BREME. Freilich durfte man so und noch ganz anders, denn er wußte alles besser. Es war ihm einer wie der andere, und der Bauer lag ihm am mehrsten am Herzen. Ich weiß wohl, sagte er zu seinen Ministern, wenn sie ihm das und jenes einreden wollten, die Reichen haben viel Advokaten, aber die Dürftigen haben nur einen, und das bin ich.
MARTIN. Wenn ich ihn doch nur auch gesehen hätte!
BREME. Stille, ich höre was! es werden unsere Freunde sein. Sieh da! Peter und Albert.
Siebenter Auftritt
Peter. Albert. Die Vorigen.
BREME. Willkommen! – Ist Jakob nicht bei euch?
PETER. Wir haben uns bei den drei Linden bestellt; aber er blieb uns zu lang' aus, nun sind wir allein da.
ALBERT. Was habt Ihr uns Neues zu sagen, Meister Breme? Ist was von Wetzlar gekommen, geht der Prozeß vorwärts?
BREME. Eben weil nichts gekommen ist, und weil, wenn was gekommen wäre, es auch nicht viel heißen würde, so wollt' ich euch eben einmal meine Gedanken sagen: denn ihr wißt wohl, ich nehme mich der Sachen aller, aber nicht öffentlich an, bis jetzt nicht öffentlich; denn ich darf's mit der gnädigen Herrschaft nicht ganz verderben.
PETER. Ja, wir verdürben's auch nicht gern mit ihr, wenn sie's nur halbweg leidlich machte.
BREME. Ich wollte euch sagen – wenn nur Jakob da wäre, daß wir alle zusammen wären, und daß ich nichts wiederholen müßte und wir einig würden.
ALBERT. Jakob? Es ist fast besser, daß er nicht dabei ist. Ich traue ihm nicht recht; er hat das Freigütchen, und wenn er auch wegen der Zinsen mit uns gleiches Interesse hat, so geht ihn doch die Straße nichts an, und er hat sich im ganzen Prozeß gar zu lässig bewiesen.
BREME. Nun so laßt's gut sein. Setzt euch und hört mich an. Sie setzen sich.
MARTIN. Ich bin recht neugierig, zu hören.
BREME. Ihr wißt, daß die Gemeinden schon vierzig Jahre lang mit der Herrschaft einen Prozeß führen, der auf langen Umwegen endlich nach Wetzlar gelangt ist und von dort den Weg nicht zurück finden kann. Der Gutsherr verlangt Fronen und andere Dienste, die ihr verweigert, und mit Recht verweigert: denn es ist ein Rezeß geschlossen worden mit dem Großvater unsers jungen Grafen – Gott erhalt' ihn! –, der sich diese Nacht eine erschreckliche Brausche gefallen hat.
MARTIN. Eine Brausche?
PETER. Gerade diese Nacht!
ALBERT. Wie ist das zugegangen?
MARTIN. Das arme liebe Kind!
BREME. Das will ich euch nachher erzählen. Nun hört mich weiter an. Nach diesem geschlossenen Rezeß überließen die Gemeinden an die Herrschaft ein paar Fleckchen Holz, einige Wiesen, einige Triften und sonst noch Kleinigkeiten, die euch von keiner Bedeutung waren und der Herrschaft viel nutzten; denn man sieht, der alte Graf war ein kluger Herr, aber auch ein guter Herr. Leben und leben lassen, war sein Spruch. Er erließ den Gemeinden dagegen einige zu entbehrende Fronen und –
ALBERT. Und das sind die, die wir noch immer leisten müssen.
BREME. Und machte ihnen einige Konvenienzen –
MARTIN. Die wir noch nicht genießen.
BREME. Richtig, weil der Graf starb, die Herrschaft sich in Besitz dessen setzte, was ihr zugestanden war, der Krieg einfiel und die Untertanen noch mehr tun mußten, als sie vorher getan hatten.
PETER. Es ist akkurat so; so hab' ich's mehr als einmal aus des Advokaten Munde gehört.
BREME. Und ich weiß es besser als der Advokat, denn ich sehe weiter. Der Sohn des Grafen, der verstorbene gnädige Herr, wurde eben um die Zeit volljährig. Das war, bei Gott! ein wilder böser Teufel, der wollte nichts herausgeben und mißhandelte euch ganz erbärmlich. Er war im Besitz, der Rezeß war fort und nirgends zu finden.
ALBERT. Wäre nicht noch die Abschrift da, die unser verstorbener Pfarrer gemacht hat, wir wüßten kaum etwas davon.
BREME. Diese Abschrift ist euer Glück und euer Unglück. Diese Abschrift gilt alles vor jedem billigen Menschen, vor Gericht gilt sie nichts. Hättet ihr diese Abschrift nicht, so wäret ihr ungewiß in dieser Sache. Hätte man diese Abschrift der Herrschaft nicht vorgelegt, so wüßte man nicht, wie ungerecht sie denkt.
MARTIN. Da müßt Ihr auch wieder billig sein. Die Gräfin leugnet nicht, daß vieles für uns spricht; nur weigert sie sich, den Vergleich einzugehen, weil sie, in Vormundschaft ihres Sohnes, sich nicht getraut, so etwas abzuschließen.
ALBERT. In Vormundschaft ihres Sohnes! Hat sie nicht den neuen Schloßflügel bauen lassen, den er vielleicht sein Lebtage nicht bewohnt, denn er ist nicht gern in dieser Gegend.
PETER. Und besonders, da er nun eine Brausche gefallen hat.
ALBERT. Hat sie nicht den großen Garten und die Wasserfälle anlegen lassen, worüber ein paar Mühlen haben müssen weggekauft werden? Das getraut sie sich alles in Vormundschaft zu tun, aber das Rechte, das Billige, das getraut sie sich nicht.
BREME. Albert, du bist ein wackrer Mann; so hör' ich gern reden, und ich gestehe wohl, wenn ich von unserer gnädigen Gräfin manches Gute genieße und deshalb mich für ihren untertänigen Diener bekenne, so möcht' ich doch auch darin meinem König nachahmen und euer Sachwalter sein.
PETER. Das wäre recht schön. Macht nur, daß unser Prozeß bald aus wird.
BREME. Das kann ich nicht, das müßt ihr.
PETER. Wie wäre denn das anzugreifen?
BREME. Ihr guten Leute wißt nicht, daß alles in der Welt vorwärts geht, daß heute möglich ist, was vor zehn Jahren nicht möglich war. Ihr wißt nicht, was jetzt alles unternommen, was alles ausgeführt wird.
MARTIN. O ja, wir wissen, daß in Frankreich jetzt wunderliches Zeug geschieht.
PETER. Wunderliches und abscheuliches!
ALBERT. Wunderliches und gutes.
BREME. So recht, Albert, man muß das Beste wählen! Da sag' ich nun: Was man in Güte nicht haben kann, soll man mit Gewalt nehmen.
MARTIN. Sollte das gerade das Beste sein?
ALBERT. Ohne Zweifel.
PETER. Ich dächte nicht.
BREME. Ich muß euch sagen, Kinder: jetzt oder niemals!
ALBERT. Da dürft Ihr uns in Wiesengruben nicht viel vorschwatzen; dazu sind wir fix und fertig. Unsere Leute wollten längst rebellern; ich habe nur immer abgewehrt weil mir Herr Breme immer sagte, es sei noch nicht Zeit, und das ist ein gescheiter Mann, auf den ich Vertrauen habe.
BREME. Gratias, Gevatter, und ich sage euch: jetzt ist es Zeit.
ALBERT. Ich glaub's auch.
PETER. Nehmt mir's nicht übel, das kann ich nicht einsehen; denn wenn's gut aderlassen ist, gut purgieren, gut schröpfen, das steht im Kalender, und darnach weiß ich mich zu richten; aber wenn's just gut rebellern sei, das, glaub' ich, ist viel schwerer zu sagen.
BREME. Das muß unsereiner verstehen.
ALBERT. Freilich versteht Ihr's.
PETER. Aber sagt mir nur, woher's eigentlich kommt, daß Ihr's besser versteht als andere gescheite Leute?
BREME gravitätisch. Erstlich, mein Freund, weil schon vom Großvater an meine Familie die größten politischen Einsichten erwiesen. Hier dieses Bildnis zeigt euch meinen Großvater Hermann Breme von Bremenfeld, der, wegen großer und vorzüglicher Verdienste zum Burgemeister seiner Vaterstadt erhoben, ihr die größten und wichtigsten Dienste geleistet hat. Dort schwebt sein Andenken noch in Ehren und Segen, wenngleich boshafte, pasquillantische Schauspieldichter seine großen Talente und gewisse Eigenheiten, die er an sich haben mochte, nicht sehr glimpflich behandelten. Seine tiefe Einsicht in die ganze politische und militärische Lage von Europa wird ihm selbst von seinen Feinden nicht abgesprochen.
PETER. Es war ein hübscher Mann, er sieht recht wohlgenährt aus.
BREME. Freilich genoß er ruhigere Tage als sein Enkel.
MARTIN. Habt Ihr nicht auch das Bildnis Eures Vaters?
BREME. Leider, nein! Doch muß ich euch sagen: die Natur, indem sie meinen Vater Jost Breme von Bremenfeld hervorbrachte, hielt ihre Kräfte zusammen, um euren Freund mit solchen Gaben auszurüsten, durch die er euch nützlich zu werden wünscht. Doch behüte der Himmel, daß ich mich über meine Vorfahren erheben sollte; es wird uns jetzt viel leichter gemacht, und wir können mit geringern natürlichen Vorzügen eine große Rolle spielen.
MARTIN. Nicht zu bescheiden, Gevatter!
BREME. Es ist lautre Wahrheit. Sind nicht jetzt der Zeitungen, der Monatsschriften, der fliegenden Blätter so viel, aus denen wir uns unterrichten, an denen wir unsern Verstand üben können! Hätte mein seliger Großvater nur den tausendsten Teil dieser Hilfsmittel gehabt, er wäre ein ganz anderer Mann geworden. Doch Kinder, was rede ich von mir! Die Zeit vergeht, und ich fürchte, der Tag bricht an. Der Hahn macht uns aufmerksam, daß wir uns kurz fassen sollen. Habt ihr Mut?
ALBERT. An mir und den Meinigen soll's nicht fehlen.
PETER. Unter den Meinigen findet sich wohl einer, der sich an die Spitze stellt; ich verbitte mir den Auftrag.
MARTIN. Seit den paar letzten Predigten, die der Magister hielt, weil der alte Pfarrer so krank liegt, ist das ganze große Dorf hier in Bewegung.
BREME. Gut! so kann was werden. Ich habe ausgerechnet, daß wir über sechshundert Mann stellen können. Wollt ihr, so ist in der nächsten Nacht alles getan.
MARTIN. In der nächsten Nacht?
BREME. Es soll nicht wieder Mitternacht werden, und ihr sollt wieder haben alles, was euch gebührt, und mehr dazu.
PETER. So geschwind? wie wäre das möglich?
ALBERT. Geschwind oder gar nicht.
BREME. Die Gräfin kommt heute an, sie darf sich kaum besinnen. Rückt nur bei einbrechender Nacht vor das Schloß und fordert eure Rechte, fordert eine neue Ausfertigung des alten Reverses, macht euch noch einige kleine Bedingungen, die ich euch schon angeben will, laßt sie unterschreiben, laßt sie schwören, und so ist alles getan.
PETER. Vor einer solchen Gewalttätigkeit zittern mir Arm und Beine.
ALBERT. Narr! Wer Gewalt braucht, darf nicht zittern.
MARTIN. Wie leicht können sie uns aber ein Regiment Dragoner über den Hals ziehen. So arg dürfen wir's doch nicht machen. Das Militär, der Fürst, die Regierung würden uns schön zusammenarbeiten.
BREME. Gerade umgekehrt. Das ist's eben, worauf ich fuße. Der Fürst ist unterrichtet, wie sehr das Volk bedrückt sei. Er hat sich über die Unbilligkeit des Adels, über die Langweiligkeit der Prozesse, über die Schikane der Gerichtshalter und Advokaten oft genug deutlich und stark erklärt, so daß man voraussetzen kann: er wird nicht zürnen, wenn man sich Recht verschafft, da er es selbst zu tun gehindert ist.
PETER. Sollte das gewiß sein?
ALBERT. Es wird im ganzen Lande davon gesprochen.
PETER. Da wäre noch allenfalls was zu wagen.
BREME. Wie ihr zu Werke gehen müßt, wie vor allen Dingen der abscheuliche Gerichtshalter beiseite muß, und auf wen noch mehr genau zu sehen ist, das sollt ihr alles noch vor Abend erfahren. Bereitet eure Sachen vor, regt eure Leute an und seid mir um sechse beim Herrenbrunnen. Daß Jakob nicht kommt, macht ihn verdächtig; ja es ist besser, daß er nicht gekommen ist. Gebt auf ihn acht, daß er uns wenigstens nicht schade; an dem Vorteil, den wir uns erwerben, wird er schon teilnehmen wollen. Es wird Tag; lebt wohl und bedenkt nur, daß, was geschehen soll, schon geschehen ist. Die Gräfin kommt eben erst von Paris zurück, wo sie das alles gesehn und gehört hat, was wir mit so vieler Verwunderung lesen; vielleicht bringt sie schon selbst mildere Gesinnungen mit, wenn sie gelernt hat, was Menschen, die zu sehr gedrückt werden, endlich für ihre Rechte tun können und müssen.
MARTIN. Lebt wohl, Gevatter, lebt wohl! Punkt sechse bin ich am Herrenbrunnen.
ALBERT. Ihr seid ein tüchtiger Mann! Lebt wohl.
PETER. Ich will Euch recht loben, wenn's gut abläuft.
MARTIN. Wir wissen nicht, wie wir's Euch danken sollen.
BREME mit Würde. Ihr habt Gelegenheit genug, mich zu verbinden. Das kleine Kapital zum Exempel von zweihundert Talern, das ich der Kirche schuldig bin, erlaßt ihr mir ja wohl.
MARTIN. Das soll uns nicht reuen.
ALBERT. Unsere Gemeine ist wohlhabend und wird auch gern was für Euch tun.
BREME. Das wird sich finden. Das schöne Fleck, das Gemeindegut war und das der Gerichtshalter zum Garten einzäunen und umarbeiten lassen, das nehmt ihr wieder in Besitz und überlaßt mir's.
ALBERT. Das wollen wir nicht ansehen, das ist schon verschmerzt.
PETER. Wir wollen auch nicht zurückbleiben.
BREME. Ihr habt selbst einen hübschen Sohn und ein schönes Gut; dem könnt' ich meine Tochter geben. Ich bin nicht stolz, glaubt mir, ich bin nicht stolz. Ich will Euch gern meinen Schwäger heißen.
PETER. Das Mamsellchen ist hübsch genug; nur ist sie schon zu vornehm erzogen.
BREME. Nicht vornehm, aber gescheit. Sie wird sich in jeden Stand zu finden wissen. Doch darüber läßt sich noch vieles reden. Lebt jetzt wohl, meine Freunde, lebt wohl!
ALLE. So lebt denn wohl!
Zweiter Aufzug
Erster Auftritt
Vorzimmer der Gräfin. Sowohl im Fond als an den Seiten hängen adelige Familienbilder in mannigfaltigen geistlichen und weltlichen Kostümen.
Der Amtmann tritt herein, und indem er sich umsieht, ob niemand da ist, kommt Luise von der andern Seite.
AMTMANN. Guten Morgen, Demoiselle! Sind Ihro Exzellenz zu sprechen? Kann ich meine untertänigste Devotion zu Füßen legen?
LUISE. Verzeihen Sie einigen Augenblick, Herr Amtmann Die Frau Gräfin wird gleich herauskommen. Die Beschwerlichkeiten der Reise und das Schrecken bei der Ankunft haben einige Ruhe nötig gemacht.
AMTMANN. Ich bedaure von ganzem Herzen! Nach einer so langen Abwesenheit, nach einer so beschwerlichen Reise ihren einzig geliebten Sohn in einem so schrecklichen Zustande zu finden! ich muß gestehen, es schaudert mich, wenn ich nur daran denke. Ihro Exzellenz waren wohl sehr alteriert?
LUISE. Sie können sich leicht vorstellen, was eine zärtliche sorgsame Mutter empfinden mußte, als sie ausstieg, ins Haus trat und da die Verwirrung fand, nach ihrem Sohne fragte und aus unserm Stocken und Stottern leicht schließen konnte, daß ihm ein Unglück begegnet sei.
AMTMANN. Ich bedaure von Herzen. Was fingen Sie an?
LUISE. Wir mußten nur geschwind alles erzählen, damit sie nicht etwas Schlimmeres besorgte; wir mußten sie zu dem Kinde führen, das mit verbundenem Kopf und blutigen Kleidern dalag. Wir hatten nur für Umschläge gesorgt und ihn nicht ausziehen können.
AMTMANN. Es muß ein schrecklicher Anblick gewesen sein.
LUISE. Sie blickte hin, tat einen lauten Schrei und fiel mir ohnmächtig in die Arme. Sie war untröstlich, als sie wieder zu sich kam, und wir hatten alle Mühe, sie zu überführen, daß das Kind sich nur eine starke Beule gefallen, daß es aus der Nase geblutet und daß keine Gefahr sei.
AMTMANN. Ich möcht' es mit dem Hofmeister nicht teilen, der das Kind so vernachlässigt.
LUISE. Ich wunderte mich über die Gelassenheit der Gräfin, besonders da er den Vorfall leichter behandelte, als es ihm in dem Augenblick geziemte.
AMTMANN. Sie ist gar zu gnädig, gar zu nachsichtig.
LUISE. Aber sie kennt ihre Leute und merkt sich alles. Sie weiß, wer ihr redlich und treu dient; sie weiß, wer nur dem Schein nach ihr untertäniger Knecht ist. Sie kennt die Nachlässigen so gut als die Falschen, die Unklugen sowohl als die Bösartigen.
AMTMANN. Sie sagen nicht zu viel, es ist eine vortreffliche Dame, aber eben deswegen! Der Hofmeister verdiente doch, daß sie ihn geradezu wegschickte.
LUISE. In allem, was das Schicksal des Menschen betrifft, geht sie langsam zu Werke, wie es einem Großen geziemt. Es ist nichts schrecklicher als Macht und Übereilung.
AMTMANN. Aber Macht und Schwäche sind auch ein trauriges Paar.
LUISE. Sie werden der gnädigen Gräfin nicht nachsagen, daß sie schwach sei.
AMTMANN. Behüte Gott, daß ein solcher Gedanke einem alten treuen Diener einfallen sollte! Aber es ist denn doch erlaubt, zum Vorteil seiner gnädigen Herrschaft zu wünschen, daß man manchmal mit mehr Strenge gegen Leute zu Werke gehe, die mit Strenge behandelt sein wollen.
LUISE. Die Frau Gräfin! Tritt ab.
Zweiter Auftritt
Die Gräfin im Negligé. Der Amtmann.
AMTMANN. Euer Exzellenz haben zwar auf eine angenehme Weise, doch unvermutet Ihre Dienerschaft überrascht, und wir bedauern nur, daß Dieselben bei Ihrer Ankunft durch einen so traurigen Anblick erschreckt worden. Wir hatten alle Anstalten zu Dero Empfang gemacht: das Tannenreisig zu einer Ehrenpforte liegt wirklich schon im Hofe; die sämtlichen Gemeinden wollten reihenweis an dem Wege stehen und Hochdieselben mit einem lauten Vivat empfangen, und jeder freute sich schon, bei einer so feierlichen Gelegenheit seinen Festtagsrock anzuziehen und sich und seine Kinder zu putzen.
GRÄFIN. Es ist mir lieb, daß die guten Leute sich nicht zu beiden Seiten des Wegs gestellt haben; ich hätte ihnen unmöglich ein freundlich Gesicht machen können, und Ihnen am wenigsten, Herr Amtmann!
AMTMANN. Wieso? wodurch haben wir Eurer Exzellenz Ungnade verdient?
GRÄFIN. Ich kann nicht leugnen, ich war sehr verdrießlich, als ich gestern auf den abscheulichen Weg kam, der gerade da anfängt, wo meine Besitzungen angehen. Die große Reise hab' ich fast auf lauter guten Wegen vollbracht, und eben da ich wieder in das Meinige zurückkomme, find' ich sie nicht nur schlechter wie vorm Jahr, sondern so abscheulich, daß sie alle Übel einer schlechten Chaussee verbinden. Bald tief ausgefahrne Löcher, in die der Wagen umzustürzen droht, aus denen die Pferde mit aller Gewalt ihn kaum herausreißen, bald Steine ohne Ordnung übereinander geworfen, daß man eine Viertelstunde lang selbst in dem bequemsten Wagen aufs unerträglichste zusammengeschüttelt wird. Es sollte mich wundern, wenn nichts daran beschädigt wäre.
AMTMANN. Euer Exzellenz werden mich nicht ungehört verdammen; nur mein eifriges Bestreben, von Eurer Exzellenz Gerechtsamen nicht das mindeste zu vergeben, ist Ursache an diesem üblen Zustande des Wegs.
GRÄFIN. Ich verstehe –
AMTMANN. Sie erlauben, Ihrer tiefen Einsicht nur anheim zu stellen, wie wenig es mir hätte ziemen wollen, den widerspenstigen Bauern auch nur ein Haarbreit nachzugeben. Sie sind schuldig, die Wege zu bessern, und da Euer Exzellenz Chaussee befehlen, sind sie auch schuldig, die Chaussee zu machen.
GRÄFIN. Einige Gemeinden waren ja willig.
AMTMANN. Das ist eben das Unglück. Sie fuhren die Steine an; als aber die übrigen, widerspenstigen sich weigerten und auch jene widerspenstig machten, blieben die Steine liegen und wurden nach und nach, teils aus Notwendigkeit, teils aus Mutwillen, in die Gleise geworfen, und da ist nun der Weg freilich ein bißchen holprig geworden.
GRÄFIN. Sie nennen das ein wenig holprig?
AMTMANN. Verzeihen Euer Exzellenz, wenn ich sogar sage, daß ich diesen Weg öfters mit vieler Zufriedenheit zurücklege. Es ist ein vortreffliches Mittel gegen die Hypochondrie, sich dergestalt zusammenschütteln zu lassen.
GRÄFIN. Das, gesteh' ich, ist eine eigne Kurmethode.
AMTMANN. Und freilich, da nun eben wegen dieses Streites, welcher vor dem Kaiserlichen Reichskammergericht auf das eifrigste betrieben wird, seit einem Jahre an keine Wegebesserung zu denken gewesen und überdies die Holzfuhren stark gehen, in diesen letzten Tagen auch anhaltendes Regenwetter eingefallen, so möchte denn freilich jemanden, der gute Chausseen gewohnt ist, unsere Straße gewissermaßen impraktikabel vorkommen.
GRÄFIN. Gewissermaßen? ich dächte, ganz und gar.
AMTMANN. Euer Exzellenz belieben zu scherzen. Man kommt doch noch immer fort –
GRÄFIN. Wenn man nicht liegen bleibt. Und doch hab' ich an der Meile sechs Stunden zugebracht.
AMTMANN. Ich, vor einigen Tagen, noch länger. Zweimal wurd' ich glücklich herausgewunden, das drittemal brach ein Rad, und ich mußte mich nur noch so hereinschleppen lassen. Aber bei allen diesen Unfällen war ich getrost und gutes Muts: denn ich bedachte, daß Eurer Exzellenz und Ihres Herrn Sohnes Gerechtsame salviert sind. Aufrichtig gestanden, ich wollte auf solchen Wegen lieber von hier nach Paris fahren, als nur einen Fingerbreit nachgeben, wenn die Rechte und Befugnisse meiner gnädigsten Herrschaft bestritten werden. Ich wollte daher, Euer Exzellenz dachten auch so, und Sie würden gewiß diesen Weg nicht mit so viel Unzufriedenheit zurückgelegt haben.
GRÄFIN. Ich muß sagen, darin bin ich anderer Meinung, und gehörten diese Besitztümer mir eigen, müßte ich mich nicht bloß als Verwalterin ansehen, so würde ich über manche Bedenklichkeit hinausgehen, ich würde mein Herz hören, das mir Billigkeit gebietet, und meinen Verstand, der mich einen wahren Vorteil von einem scheinbaren unterscheiden lehrt. Ich würde großmütig sein, wie es dem gar wohl ansteht, der Macht hat. Ich würde mich hüten, unter dem Scheine des Rechts auf Forderungen zu beharren, die ich durchzusetzen kaum wünschen müßte und die, indem ich Widerstand finde, mir auf lebenslang den völligen Genuß eines Besitzes rauben, den ich auf billige Weise verbessern könnte. Ein leidlicher Vergleich und der unmittelbare Gebrauch sind besser als eine wohl gegründete Rechtssache die mir Verdruß macht und von der ich nicht einmal den Vorteil für meine Nachkommen einsehe.
AMTMANN. Euer Exzellenz erlauben, daß ich darin der entgegengesetzten Meinung sein darf. Ein Prozeß ist eine so reizende Sache, daß, wenn ich reich wäre, ich eher einige kaufen würde, um nicht ganz ohne dieses Vergnügen zu leben. Tritt ab.
GRÄFIN. Es scheint, daß er seine Lust an unsern Besitztümern büßen will.
Dritter Auftritt
Gräfin. Magister.
MAGISTER. Darf ich fragen, gnädige Gräfin, wie Sie sich befinden?
GRÄFIN. Wie Sie denken können, nach der Alteration, die mich bei meinem Eintritt überfiel.
MAGISTER. Es tat mir herzlich leid; doch, hoff' ich, soll es von keinen Folgen sein. Überhaupt aber kann Ihnen schwerlich der Aufenthalt hier so bald angenehm werden, wenn Sie ihn mit dem vergleichen, den Sie vor kurzem genossen haben.
GRÄFIN. Es hat auch große Reize, wieder zu Hause bei den Seinigen zu wohnen.
MAGISTER. Wie oftmals hab' ich Sie um das Glück beneidet, gegenwärtig zu sein, als die größten Handlungen geschahen, die je die Welt gesehen hat, Zeuge zu sein des seligen Taumels, der eine große Nation in dem Augenblick ergriff, als sie sich zum erstenmal frei und von den Ketten entbunden fühlte, die sie so lange getragen hatte, daß diese schwere fremde Last gleichsam ein Glied ihres elenden, kranken Körpers geworden.
GRÄFIN. Ich habe wunderbare Begebenheiten gesehen, aber wenig Erfreuliches.
MAGISTER. Wenngleich nicht für die Sinne, doch für den Geist. Wer aus großen Absichten fehlgreift, handelt immer lobenswürdiger, als wer dasjenige tut, was nur kleinen Absichten gemäß ist. Man kann auf dem rechten Wege irren und auf dem falschen recht gehen – –
Vierter Auftritt
Die Vorigen. Luise.
Durch die Ankunft dieses vorzüglichen Frauenzimmers wird die Lebhaftigkeit des Gesprächs erst gemildert und sodann die Unterredung von dem Gegenstande gänzlich abgelenkt. Der Magister, der nun weiterhin kein Interesse findet, entfernt sich, und das Gespräch unter den beiden Frauenzimmern setzt sich fort, wie folgt.
GRÄFIN. Was macht mein Sohn? ich war eben im Begriff, zu ihm zu gehen.
LUISE. Er schläft recht ruhig, und ich hoffe, er wird bald wieder herumspringen und in kurzer Zeit keine Spur der Beschädigung mehr übrig sein.
GRÄFIN. Das Wetter ist gar zu übel, sonst ging ich in den Garten. Ich bin recht neugierig, zu sehen, wie alles gewachsen ist und wie der Wasserfall, wie die Brücke und die Felsenkluft sich jetzt ausnehmen.
LUISE. Es ist alles vortrefflich gewachsen; die Wildnisse, die Sie angelegt haben, scheinen natürlich zu sein, sie bezaubern jeden, der sie zum erstenmal sieht, und auch mir geben sie noch immer in einer stillen Stunde einen angenehmen Aufenthalt. Doch muß ich gestehen, daß ich in der Baumschule unter den fruchtbaren Bäumen lieber bin. Der Gedanke des Nutzens führt mich aus mir selbst heraus und gibt mir eine Fröhlichkeit, die ich sonst nicht empfinde. Ich kann säen, pfropfen, okulieren; und wenngleich mein Auge keine malerische Wirkung empfindet, so ist mir doch der Gedanke von Früchten höchst reizend, die einmal und wohl bald jemanden erquicken werden.
GRÄFIN. Ich schätze Ihre guten häuslichen Gesinnungen.
LUISE. Die einzigen, die sich für den Stand schicken, der ans Notwendige zu denken hat, dem wenig Willkür erlaubt ist.
GRÄFIN. Haben Sie den Antrag überlegt, den ich Ihnen in meinem letzten Briefe tat? können Sie sich entschließen, meiner Tochter Ihre Zeit zu widmen, als Freundin, als Gesellschafterin mit ihr zu leben?
LUISE. Ich habe kein Bedenken, gnädige Gräfin.
GRÄFIN. Ich hatte viel Bedenken, Ihnen den Antrag zu tun. Die wilde und unbändige Gemütsart meiner Tochter macht ihren Umgang unangenehm und oft sehr verdrießlich. So leicht mein Sohn zu behandeln ist, so schwer ist es meine Tochter.
LUISE. Dagegen ist ihr edles Herz, ihre Art, zu handeln, aller Achtung wert. Sie ist heftig, aber bald zu besänftigen, unbillig, aber gerecht, stolz, aber menschlich.
GRÄFIN. Hierin ist sie ihrem Vater – –
LUISE. Äußerst ähnlich. Auf eine sehr sonderbare Weise scheint die Natur in der Tochter den rauhen Vater, in dem Sohne die zärtliche Mutter wieder hervorgebracht zu haben.
GRÄFIN. Versuchen Sie, Luise, dieses wilde, aber edle Feuer zu dämpfen. Sie besitzen alle Tugenden, die ihr fehlen. In Ihrer Nähe, durch Ihr Beispiel wird sie gereizt werden, sich nach einem Muster zu bilden, das so liebenswürdig ist.
LUISE. Sie beschämen mich, gnädige Gräfin. Ich kenne an mir keine Tugend als die, daß ich mich bisher in mein Schicksal zu finden wußte, und selbst diese hat kein Verdienst mehr, seitdem Sie, gnädige Gräfin, so viel getan haben, um es zu erleichtern. Sie tun jetzt noch mehr, da Sie mich näher an sich heranziehen. Nach dem Tode meines Vaters und dem Umsturz meiner Familie habe ich vieles entbehren lernen, nur nicht gesitteten und verständigen Umgang.
GRÄFIN. Bei Ihrem Onkel müssen Sie von dieser Seite viel ausstehen.
LUISE. Es ist ein guter Mann; aber seine Einbildung macht ihn oft höchst albern, besonders seit der letzten Zeit, da jeder ein Recht zu haben glaubt, nicht nur über die großen Welthändel zu reden, sondern auch darin mitzuwirken.
GRÄFIN. Es geht ihm wie sehr vielen.
LUISE. Ich habe manchmal meine Bemerkungen im stillen darüber gemacht. Wer die Menschen nicht kennte, würde sie jetzt leicht kennen lernen. So viele nehmen sich der Sache der Freiheit, der allgemeinen Gleichheit an, nur um für sich eine Ausnahme zu machen, nur um zu wirken, es sei, auf welche Art es wolle.
GRÄFIN. Sie hätten nichts mehr erfahren können, und wenn Sie mit mir in Paris gewesen wären.
Fünfter Auftritt
Friederike. Der Baron. Die Vorigen.
FRIEDERIKE. Hier, liebe Mutter, ein Hase und zwei Feldhühner! Ich habe die drei Stücke geschossen, der Vetter hat immer gepudelt.
GRÄFIN. Du siehst wild aus, Friederike; wie du durchnäßt bist!
FRIEDERIKE das Wasser vom Hute abschwingend. Der erste glückliche Morgen, den ich seit langer Zeit gehabt habe.
BARON. Sie jagt mich nun schon vier Stunden im Felde herum.
FRIEDERIKE. Es war eine rechte Lust. Gleich nach Tische wollen wir wieder hinaus.
GRÄFIN. Wenn du's so heftig treibst, wirst du es bald überdrüssig werden.
FRIEDERIKE. Geben Sie mir das Zeugnis, liebe Mama! wie oft hab' ich mich aus Paris wieder nach unsern Revieren gesehnt. Die Opern, die Schauspiele, die Gesellschaften, die Gastereien, die Spaziergänge, was ist das alles gegen einen einzigen vergnügten Tag auf der Jagd, unter freiem Himmel, auf unsern Bergen, wo wir eingeboren und eingewohnt sind. – Wir müssen ehester Tage hetzen, Vetter.
BARON. Sie werden noch warten müssen, die Frucht ist noch nicht aus dem Felde.
FRIEDERIKE. Was will das viel schaden? es ist fast von gar keiner Bedeutung. Sobald es ein bißchen auftrocknet, wollen wir hetzen.
GRÄFIN. Geh, zieh dich um! Ich vermute, daß wir zu Tische noch einen Gast haben, der sich nur kurze Zeit bei uns aufhalten kann.
BARON. Wird der Hofrat kommen?
GRÄFIN. Er versprach mir, heute wenigstens auf ein Stündchen einzusprechen. Er geht auf Kommission.
BARON. Es sind einige Unruhen im Lande.
GRÄFIN. Es wird nichts zu bedeuten haben, wenn man sich nur vernünftig gegen die Menschen beträgt und ihnen ihren wahren Vorteil zeigt.
FRIEDERIKE. Unruhen? Wer will Unruhen anfangen?
BARON. Mißvergnügte Bauern, die von ihren Herrschaften gedrückt werden und die leicht Anführer finden.
FRIEDERIKE. Die muß man auf den Kopf schießen. Sie macht Bewegungen mit der Flinte. Sehen Sie, gnädige Mama, wie mir der Magister die Flinte verwahrlost hat! Ich wollte sie doch mitnehmen, und da Sie es nicht erlaubten, wollte ich sie dem Jäger aufzuheben geben. Da bat mich der Graurock so inständig, sie ihm zu lassen: sie sei so leicht, sagt' er, so bequem, er wolle sie so gut halten, er wolle so oft auf die Jagd gehen. Ich ward ihm wirklich gut, weil er so oft auf die Jagd gehen wollte, und nun, sehen Sie, find' ich sie heute in der Gesindestube hinterm Ofen. Wie das aus sieht! sie wird in meinem Leben nicht wieder rein.
BARON. Er hatte die Zeit her mehr zu tun; er arbeitet mit an der allgemeinen Gleichheit, und da hält er wahrscheinlich die Hasen auch mit für seinesgleichen und scheut sich, ihnen was zuleide zu tun.
GRÄFIN. Zieht euch an, Kinder, damit wir nicht zu warten brauchen. Sobald der Hofrat kommt, wollen wir essen. Ab.
FRIEDERIKE ihre Flinte besehend. Ich habe die französische Revolution schon so oft verwünscht, und jetzt tu' ich's doppelt und dreifach. Wie kann mir nun der Schaden ersetzt werden, daß meine Flinte rostig ist?
Dritter Aufzug
Erster Auftritt
Saal im Schlosse.
Gräfin. Hofrat.
GRÄFIN. Ich geb' es Ihnen recht aufs Gewissen, teurer Freund. Denken Sie nach, wie wir diesem unangenehmen Prozesse ein Ende machen. Ihre große Kenntnis der Gesetze, Ihr Verstand und Ihre Menschlichkeit helfen gewiß ein Mittel finden, wie wir aus dieser widerlichen Sache scheiden können. Ich habe es sonst leichter genommen, wenn man unrecht hatte und im Besitz war: je nun, dacht' ich, es geht ja wohl so hin, und wer hat, ist am besten dran. Seitdem ich aber bemerkt habe, wie sich Unbilligkeit von Geschlecht zu Geschlecht so leicht aufhäuft, wie großmütige Handlungen meistenteils nur persönlich sind und der Eigennutz allein gleichsam erblich wird; seitdem ich mit Augen gesehen habe, daß die menschliche Natur auf einen unglaublichen Grad gedrückt und erniedrigt, aber nicht unterdrückt und vernichtet werden kann: so habe ich mir fest vorgenommen, jede einzelne Handlung, die mir unbillig scheint, selbst streng zu vermeiden und unter den Meinigen, in Gesellschaft, bei Hof, in der Stadt über solche Handlungen meine Meinung laut zu sagen. Zu keiner Ungerechtigkeit will ich mehr schweigen, keine Kleinheit unter einem großen Scheine ertragen, und wenn ich auch unter dem verhaßten Namen einer Demokratin verschrien werden sollte.
HOFRAT. Es ist schön, gnädige Gräfin, und ich freue mich, Sie wiederzufinden, wie ich Abschied von Ihnen genommen, und noch ausgebildeter. Sie waren eine Schülerin der großen Männer, die uns durch ihre Schriften in Freiheit gesetzt haben, und nun finde ich in Ihnen einen Zögling der großen Begebenheiten, die uns einen lebendigen Begriff geben von allem, was der wohldenkende Staatsbürger wünschen und verabscheuen muß. Es ziemt Ihnen, Ihrem eignen Stande Widerpart zu halten. Ein jeder kann nur seinen eignen Stand beurteilen und tadeln. Aller Tadel heraufwärts oder hinabwärts ist mit Nebenbegriffen und Kleinheiten vermischt, man kann nur durch seinesgleichen gerichtet werden. Aber eben deswegen, weil ich ein Bürger bin, der es zu bleiben denkt, der das große Gewicht des höheren Standes im Staate anerkennt und zu schätzen Ursache hat, bin ich auch unversöhnlich gegen die kleinlichen neidischen Neckereien, gegen den blinden Haß, der nur aus eigner Selbstigkeit erzeugt wird, prätentios Prätentionen bekämpft, sich über Formalitäten formalisiert und, ohne selbst Realität zu haben, da nur Schein sieht, wo er Glück und Folge sehen könnte. Wahrlich! wenn alle Vorzüge gelten sollen, Gesundheit, Schönheit, Jugend, Reichtum, Verstand, Talente, Klima, warum soll der Vorzug nicht auch irgendeine Art von Gültigkeit haben, daß ich von einer Reihe tapferer, bekannter, ehrenvoller Väter entsprungen bin! Das will ich sagen da, wo ich eine Stimme habe, und wenn man mir auch den verhaßten Namen eines Aristokraten zueignete.
Hier findet sich eine Lücke, welche wir durch Erzählung ausfüllen. Der trockne Ernst dieser Szene wird dadurch gemildert, daß der Hofrat seine Neigung zu Luisen bekennt, indem er sich bereit zeigt, ihr seine Hand zu geben. Ihre frühern Verhältnisse, vor dem Umsturz, den Luisens Familie erlitt, kommen zur Sprache, so wie die stillen Bemühungen des vorzüglichen Mannes, sich und zugleich Luisen eine Existenz zu verschaffen.
Eine Szene zwischen der Gräfin, Luisen und dem Hofrat gibt Gelegenheit, drei schöne Charaktere näher kennen zu lernen und uns für das, was wir in den nächsten Auftritten erdulden sollen, vorläufig einigermaßen zu entschädigen. Denn nun versammelt sich um den Teetisch, wo Luise einschenkt, nach und nach das ganze Personal des Stücks, so daß zuletzt auch die Bauern eingeführt werden. Da man sich nun nicht enthalten kann, von Politik zu sprechen, so tut der Baron, welcher Leichtsinn, Frevel und Spott nicht verbergen kann, den Vorschlag, sogleich eine Nationalversammlung vorzustellen. Der Hofrat wird zum Präsidenten erwählt, und die Charaktere der Mitspielenden, wie man sie schon kennt, entwickeln sich freier und heftiger. Die Gräfin, das Söhnchen mit verbundenem Kopfe neben sich, stellt die Fürstin vor, deren Ansehen geschmälert werden soll und die aus eigenen liberalen Gesinnungen nachzugeben geneigt ist. Der Hofrat, verständig und gemäßigt, sucht ein Gleichgewicht zu erhalten, ein Bemühen, das jeden Augenblick schwieriger wird. Der Baron spielt die Rolle des Edelmanns, der von seinem Stande abfällt und zum Volke übergeht. Durch seine schelmische Verstellung werden die andern gelockt, ihr Innerstes hervorzukehren. Auch Herzensangelegenheiten mischen sich mit ins Spiel. Der Baron verfehlt nicht, Karolinen die schmeichelhaftesten Sachen zu sagen, die sie ihren schönsten Gunsten auslegen kann. An der Heftigkeit, womit Jakob die Gerechtsame des gräflichen Hauses verteidigt, läßt sich eine stille, unbewußte Neigung zu der jungen Gräfin nicht verkennen. Luise sieht in allem diesen nur die Erschütterung des häuslichen Glücks, dem sie sich so nahe glaubt, und wenn die Bauern mitunter schwerfällig werden, so erheitert Bremenfeld die Szene durch seinen Dünkel, durch Geschichten und guten Humor. Der Magister, wie wir ihn schon kennen, überschreitet vollkommen die Grenze, und da der Baron immerfort hetzt, läuft es endlich auf Persönlichkeiten hinaus, und als nun vollends die Brausche des Erbgrafen als unbedeutend, ja lächerlich behandelt wird, so bricht die Gräfin los, und die Sache kommt so weit, daß dem Magister aufgekündigt wird. Der Baron verschlimmert das Übel, und er bedient sich, da der Lärm immer stärker wird, der Gelegenheit, mehr in Karolinen zu dringen und sie zu einer heimlichen Zusammenkunft für die Nacht zu bereden. Bei allem diesen zeigt sich die junge Gräfin entschieden heftig, parteiisch auf ihren Stand, hartnäckig auf ihren Besitz, welche Härte jedoch durch ein unbefangenes, rein natürliches und im tiefsten Grunde rechtliches weibliches Wesen bis zur Liebenswürdigkeit gemildert wird. Und so läßt sich einsehen, daß der Akt ziemlich tumultuarisch und, insofern es der bedenkliche Gegenstand erlaubt, für das Gefühl nicht ganz unerträglich geendigt wird. Vielleicht bedauert man, daß der Verfasser die Schwierigkeiten einer solchen Szene nicht zur rechten Zeit zu überwinden bemüht war.
Vierter Aufzug
Erster Auftritt
Bremens Wohnung.
Breme. Martin. Albert.
BREME. Sind eure Leute alle an ihren Posten? Habt ihr sie wohl unterrichtet? Sind sie gutes Muts?
MARTIN. Sobald Ihr mit der Glocke stürmt, werden sie alle da sein.
BREME. So ist's recht! Wenn im Schlosse die Lichter alle aus sind, wenn es Mitternacht ist, soll es gleich angehen. Unser Glück ist's, daß der Hofrat fort geht. Ich fürchtete sehr, er möchte bleiben und uns den ganzen Spaß verderben.
ALBERT. Ich fürchte so noch immer, es geht nicht gut ab. Es ist mir schon zum voraus bange, die Glocke zu hören.
BREME. Seid nur ruhig. Habt ihr nicht heute selbst gehört, wie übel es jetzt mit den vornehmen Leuten steht? Habt ihr gehört, was wir der Gräfin alles unters Gesicht gesagt haben?
MARTIN. Es war ja aber nur zum Spaß.
ALBERT. Es war schon zum Spaße grob genug.
BREME. Habt ihr gehört, wie ich eure Sache zu verfechten weiß? wenn's Ernst gilt, will ich so vor den Kaiser treten. Und was sagt ihr zum Herrn Magister, hat sich der nicht auch wacker gehalten?
ALBERT. Sie haben's Euch aber auch brav abgegeben. Ich dachte zuletzt, es würde Schläge setzen; und unsere junge gnädige Comtesse – war's doch, als wenn ihr seliger Herr Vater leibhaftig da stünde.
BREME. Laßt mir das gnädige weg, es wird sich bald nichts mehr zu gnädigen haben. Seht, hier hab' ich die Briefe schon fertig, die schick' ich in die benachbarten Gerichtsdörfer. Sobald's hier losgeht, sollen die auch stürmen und rebellieren und auch ihre Nachbarn auffordern.
MARTIN. Das kann was werden.
BREME. Freilich! Und alsdann Ehre, dem Ehre gebührt! euch, meine lieben Kinder. Ihr werdet als die Befreier des Landes angesehn.
MARTIN. Ihr, Herr Breme, werdet das größte Lob davon tragen.
BREME. Nein, das gehört sich nicht; es muß jetzt alles gemein sein.
MARTIN. Indessen habt Ihr's doch angefangen.
BREME. Gebt mir die Hände, brave Männer! So standen einst die drei großen Schweizer, Wilhelm Tell, Walther Staubbach, Fürst von Uri, die standen auf dem Grütliberg beisammen und schwuren den Tyrannen ewigen Haß und ihren Mitgenossen ewige Freiheit. Wie oft hat man diese wackern Helden gemalt und in Kupfer gestochen! Auch uns wird diese Ehre widerfahren. In dieser Positur werden wir auf die Nachwelt kommen.
MARTIN. Wie Ihr Euch das alles so denken könnt.
ALBERT. Ich fürchte nur, daß wir im Karrn eine böse Figur machen können. Horcht! es klingelt jemand. Mir zittert das Herz im Leibe, wenn sich nur was bewegt.
BREME. Schämt Euch! ich will aufziehen. Es wird der Magister sein, ich habe ihn herüber bestellt. Die Gräfin hat ihm den Dienst aufgesagt; die Konteß hat ihn sehr beleidigt. Wir werden ihn leicht in unsere Partei ziehen. Wenn wir einen Geistlichen unter uns haben, sind wir unserer Sache desto gewisser.
MARTIN. Einen Geistlichen und Gelehrten.
BREME. Was die Gelehrsamkeit betrifft, geb' ich ihm nichts nach, und besonders hat er weit weniger politische Lektüre als ich. Alle die Chroniken, die ich von meinem seligen Großvater geerbt habe, waren in meiner Jugend schon durchgelesen, und das Theatrum Europäum kenn' ich in- und auswendig. Wer recht versteht, was geschehen ist, der weiß auch, was geschieht und geschehen wird. Es ist immer einerlei; es passiert in der Welt nichts Neues. Der Magister kommt. Halt! wir müssen ihn feierlich empfangen. Er muß Respekt vor uns kriegen. Wir stellen jetzt die Repräsentanten der ganzen Nation gleichsam in Nuce vor. Setzt euch.
Er setzt drei Stühle auf die eine Seite des Theaters, auf die andere einen Stuhl. Die beiden Schulzen setzen sich, und wie der Magister hereintritt, setzt sich Breme geschwind in ihre Mitte und nimmt ein gravitätisches Wesen an.
Zweiter Auftritt
Die Vorigen. Der Magister.
MAGISTER. Guten Morgen, Herr Breme. Was gibt's Neues? Sie wollen mir etwas Wichtiges vertrauen, sagten Sie.
BREME. Etwas sehr Wichtiges, gewiß! Setzen Sie sich. Magister will den einzelnen Stuhl nehmen und zu ihnen rücken. Nein, bleiben Sie dort, sitzen Sie dort nieder! Wir wissen noch nicht, ob Sie an unserer Seite niedersitzen wollen.
MAGISTER. Eine wunderbare Vorbereitung.
BREME. Sie sind ein Mann, ein freigeborner, ein freidenkender, ein geistlicher, ein ehrwürdiger Mann. Sie sind ehrwürdig, weil Sie geistlich sind, und noch ehrwürdiger, weil Sie frei sind. Sie sind frei, weil Sie edel sind, und sind schätzbar, weil Sie frei sind. Und nun! Was haben wir erleben müssen! Wir sahen Sie verachtet, wir sahen Sie beleidigt; aber wir haben zugleich Ihren edlen Zorn gesehen, einen edlen Zorn, aber ohne Wirkung. Glauben Sie, daß wir Ihre Freunde sind, so glauben Sie auch, daß sich unser Herz im Busen umkehrt, wenn wir Sie verkehrt behandelt sehen. Ein edler Mann und verhöhnt, ein freier Mann und bedroht, ein geistlicher Mann und verachtet, ein treuer Diener und verstoßen! Zwar verhöhnt von Leuten, die selbst Hohn verdienen, verachtet von Menschen, die keiner Achtung wert sind, verstoßen von Undankbaren, deren Wohltaten man nicht genießen möchte, bedroht von einem Kinde, von einem Mädchen – das scheint freilich nicht viel zu bedeuten; aber wenn Ihr bedenkt, daß dieses Mädchen kein Mädchen, sondern ein eingefleischter Satan ist, daß man sie Legion nennen sollte – denn es sind viele tausend aristokratische Geister in sie gefahren –, so seht Ihr deutlich, was uns von allen Aristokraten bevorsteht, Ihr seht es, und wenn Ihr klug seid, so nehmt Ihr Eure Maßregeln.
MAGISTER. Wozu soll diese sonderbare Rede? wohin wird Euch der seltsame Eingang führen? Sagt Ihr das, um meinen Zorn gegen diese verdammte Brut noch mehr zu erhitzen, um meine aufs Äußerste getriebene Empfindlichkeit noch mehr zu reizen? schweigt stille! wahrhaftig, ich wüßte nicht, wozu mein gekränktes Herz jetzt nicht alles fähig wäre. Was! nach so vielen Diensten, nach so vielen Aufopferungen mir so zu begegnen, mich vor die Türe zu setzen! und warum? wegen einer elenden Beule, wegen einer gequetschten Nase, mit der so viele hundert Kinder lustig auf und davon springen. Aber es kommt eben recht, eben recht! Sie wissen nicht, die Großen, wen sie in uns beleidigen, die wir Zungen, die wir Federn haben.
BREME. Dieser edle Zorn ergetzt mich, und so frage ich Euch denn im Namen aller edlen, freigebornen, der Freiheit werten Menschen, ob Ihr diese Zunge, diese Feder von nun an dem Dienste der Freiheit völlig widmen wollt?
MAGISTER. O ja, ich will, ich werde!
BREME. Daß Ihr keine Gelegenheit versäumen wollt, zu dem edlen Zwecke mitzuwirken, nach dem jetzt die ganze Menschheit emporstrebt?
MAGISTER. Ich gebe Euch mein Wort.
BREME. So gebt mir Eure Hand, mir und diesen Männern.
MAGISTER. Einem jeden; aber was haben diese armen Leute, die wie Sklaven behandelt werden, mit der Freiheit zu tun?
BREME. Sie sind nur noch eine Spanne davon, nur so breit, als die Schwelle des Gefängnisses ist, an dessen eröffneter Türe sie stehen.
MAGISTER. Wie?
BREME. Euer Ehrenwort, daß Ihr schweigen werdet!
MAGISTER. Ich gebe es.
BREME. Der Augenblick ist nahe, die Gemeinden sind versammelt, in einer Stunde sind sie hier. Wir überfallen das Schloß, nötigen die Gräfin zur Unterschrift des Rezesses und zu einer eidlichen Versicherung, daß künftighin alle drückenden Lasten aufgehoben sein sollen.
MAGISTER. Ich erstaune!
BREME. Da habe ich nur noch ein Bedenken wegen des Eids. Die vornehmen Leute glauben nichts mehr. Sie wird einen Eid schwören und sich davon entbinden lassen. Man wird ihr beweisen, daß ein gezwungener Eid nichts gelte.
MAGISTER. Dafür will ich Rat schaffen. Diese Menschen, die sich über alles wegsetzen, ihresgleichen behandeln wie das Vieh, ohne Liebe, ohne Mitleid, ohne Furcht frech in den Tag hineinleben, solange sie mit Menschen zu tun haben, die sie nicht schätzen, solange sie von einem Gott sprechen, den sie nicht erkennen: dieses übermütige Geschlecht kann sich doch von dem geheimen Schauer nicht losmachen, der alle lebendigen Kräfte der Natur durchschwebt, kann die Verbindung sich nicht leugnen, in der Worte und Wirkung, Tat und Folge ewig miteinander bleiben. Laßt sie einen feierlichen Eid tun.
MARTIN. Sie soll in der Kirche schwören.
BREME. Nein, unter freiem Himmel.
MAGISTER. Das ist nichts. Diese feierlichen Szenen rühren nur die Einbildungskraft. Ich will es euch anders lehren. Umgebt sie, laßt sie in eurer Mitte die Hand auf ihres Sohnes Haupt legen, bei diesem geliebten Haupte ihr Versprechen beteuern und alles Übel, was einen Menschen betreffen kann, auf dieses kleine Gefäß herabrufen, wenn sie unter irgendeinem Vorwande ihr Versprechen zurücknähme oder zugäbe, daß es vereitelt würde.
BREME. Herrlich!
MARTIN. Schrecklich!
ALBERT. Entsetzlich!
MAGISTER. Glaubt mir, sie ist auf ewig gebunden.
BREME. Ihr sollt zu ihr in den Kreis treten und ihr das Gewissen schärfen.
MAGISTER. An allem, was ihr tun wollt, nehm' ich Anteil; nur sagt mir, wie wird man es in der Residenz ansehen? Wenn sie euch Dragoner schicken, so seid ihr alle gleich verloren.
MARTIN. Da weiß Herr Breme schon Rat.
ALBERT. Ja, was das für ein Kopf ist!
MAGISTER. Klärt mich auf.
BREME. Ja, ja, das ist's nun eben, was man hinter Hermann Breme dem Zweiten nicht sucht. Er hat Konnexionen, Verbindungen da, wo man glaubt, er habe nur Kunden. So viel kann ich euch nur sagen, und es wissen's diese Leute, daß der Fürst selbst eine Revolution wünscht.
MAGISTER. Der Fürst?
BREME. Er hat die Gesinnungen Friedrichs und Josephs, der beiden Monarchen, welche alle wahren Demokraten als ihre Heiligen anbeten sollten. Er ist erzürnt, zu sehen, wie der Bürger- und Bauernstand unterm Druck des Adels seufzt, und leider kann er selbst nicht wirken, da er von lauter Aristokraten umgeben ist. Haben wir uns nur aber erst legitimiert, dann setzt er sich an unsere Spitze, und seine Truppen sind zu unsern Diensten, und Breme und alle braven Männer sind an seiner Seite.
MAGISTER. Wie habt Ihr das alles erforscht und getan und habt Euch nichts merken lassen?
BREME. Man muß im stillen viel tun, um die Welt zu überraschen. Er geht ans Fenster. Wenn nur erst der Hofrat fort wäre, dann solltet ihr Wunder sehen.
MARTIN auf Bremen deutend. Nicht wahr, das ist ein Mann!
ALBERT. Er kann einem recht Herz machen.
BREME. Und, lieber Magister, die Verdienste, die Ihr Euch heute nacht erwerbt, dürfen nicht unbelohnt bleiben. Wir arbeiten heute fürs ganze Vaterland. Von unserm Dorfe wird die Sonne der Freiheit aufgehen. Wer hätte das gedacht!
MAGISTER. Befürchtet Ihr keinen Widerstand?
BREME. Dafür ist schon gesorgt. Der Amtmann und die Gerichtsdiener werden gleich gefangen genommen. Der Hofrat geht weg, die paar Bedienten wollen nichts sagen, und der Baron ist nur der einzige Mann im Schlosse; den locke ich durch meine Tochter herüber ins Haus und sperre ihn ein, bis alles vorbei ist.
MARTIN. Wohl ausgedacht.
MAGISTER. Ich verwundere mich über Eure Klugheit.
BREME. Nu, nu! wenn es Gelegenheit gibt, sie zu zeigen, sollt Ihr noch mehr sehen, besonders was die auswärtigen Angelegenheiten betrifft. Glaubt mir, es geht nichts über einen guten Chirurgus, besonders wenn er dabei ein geschickter Barbier ist. Das unverständige Volk spricht viel von Bartkratzern und bedenkt nicht, wie viel dazu gehört jemanden zu barbieren, eben daß es nicht kratze. Glaubt mir nur, es wird zu nichts mehr Politik erfordert, als den Leuten den Bart zu putzen, ihnen diese garstigen barbarischen Exkremente der Natur, diese Barthaare, womit sie das männliche Kinn täglich verunreinigt, hinweg zu nehmen und den Mann dadurch an Gestalt und Sitten einer glattwangigen Frau, einem zarten liebenswürdigen Jüngling ähnlich zu machen. Komme ich dereinst dazu, mein Leben und Meinungen aufzusetzen, so soll man über die Theorie der Barbierkunst erstaunen, aus der ich zugleich alle Lebens- und Klugheitsregeln herleiten will.
MAGISTER. Ihr seid ein originaler Kopf.
BREME. Ja, ja, das weiß ich wohl, und deswegen habe ich auch den Leuten verziehen, wenn sie mich oft nicht begreifen konnten und wenn sie, albern genug, glaubten mich zum besten zu haben. Aber ich will ihnen zeigen, daß, wer einen rechten Seifenschaum zu schlagen weiß, wer mit Leichtigkeit, Bequemlichkeit und Gewandtheit der Finger einzuseifen, den sprödesten Bart zahm zu machen versteht; wer da weiß, daß ein frisch abgezognes Messer ebenso gut rauft als ein stumpfes, wer mit dem Strich oder wider den Strich die Haare wegnimmt, als wären sie gar nicht dagewesen; wer dem warmen Wasser zum Abwaschen die gehörige Temperatur verleiht und selbst das Abtrocknen mit Gefälligkeit verrichtet und in seinem ganzen Benehmen etwas Zierliches darstellt – das ist kein gemeiner Mensch, sondern er muß alle Eigenschaften besitzen, die einem Minister Ehre machen.
ALBERT. Ja, ja, es ist ein Unterschied zwischen Barbier und Barbier.
MARTIN. Und Herr Breme besonders, das ist dir eine ordentliche Lust.
BREME. Nu, nu, es wird sich zeigen. Es ist bei der ganzen Kunst nichts Unbedeutendes. Die Art, den Schersack aus- und einzukramen, die Art, die Gerätschaften zu halten, ihn unterm Arm zu tragen – ihr sollt Wunder hören und sehen. Nun wird's aber Zeit, daß ich meine Tochter vorkriege. Ihr Leute, geht an eure Posten! Herr Magister, halten Sie sich in der Nähe.
MAGISTER. Ich gehe in den Gasthof, wohin ich gleich meine Sachen habe bringen lassen, als man mir im Schlosse übel begegnete.
BREME. Wenn Sie stürmen hören, so soll's Ihnen freistehen, sich zu uns zu schlagen oder abzuwarten, ob es uns glückt, woran ich gar nicht zweifle.
MAGISTER. Ich werde nicht fehlen.
BREME. So lebt denn wohl und gebt aufs Zeichen acht.
Dritter Auftritt
BREME allein. Wie würde mein sel'ger Großvater sich freuen, wenn er sehen könnte, wie gut ich mich in das neue Handwerk schicke. Glaubt doch der Magister schon, daß ich große Konnexionen bei Hofe habe. Da sieht man, was es tut, wenn man sich Kredit zu machen weiß. Nun muß Karoline kommen. Sie hat das Kind so lange gewartet, ihre Muhme wird sie ablösen. Da ist sie.
Vierter Auftritt
Breme. Karoline.
BREME. Wie befindet sich der junge Graf?
KAROLINE. Recht leidlich. Ich habe ihm Märchen erzählt, bis er eingeschlafen ist.
BREME. Was gibt's sonst im Schlosse?
KAROLINE. Nichts Merkwürdiges.
BREME. Der Hofrat ist noch nicht weg?
KAROLINE. Er scheint Anstalt zu machen. Sie binden eben den Mantelsack auf.
BREME. Hast du den Baron nicht gesehen?
KAROLINE. Nein, mein Vater.
BREME. Er hat dir heute in der Nationalversammlung allerlei in die Ohren geraunt?
KAROLINE. Ja, mein Vater.
BREME. Das eben nicht die ganze Nation, sondern meine Tochter Karoline betraf?
KAROLINE. Freilich, mein Vater.
BREME. Du hast dich doch klug gegen ihn zu benehmen gewußt?
KAROLINE. O gewiß.
BREME. Er hat wohl wieder stark in dich gedrungen?
KAROLINE. Wie Sie denken können.
BREME. Und du hast ihn abgewiesen?
KAROLINE. Wie sich's ziemt.
BREME. Wie ich es von meiner trefflichen Tochter erwarten darf, die ich aber auch mit Ehre und Glück überhäuft und für ihre Tugend reichlich belohnt sehen werde.
KAROLINE. Wenn Sie nur nicht vergebens hoffen.
BREME. Nein, meine Tochter, ich bin eben im Begriff, einen großen Anschlag auszuführen, wozu ich deine Hilfe brauche.
KAROLINE. Was meinen Sie, mein Vater?
BREME. Es ist dieser verwegenen Menschenrasse der Untergang gedroht.
KAROLINE. Was sagen Sie?
BREME. Setze dich nieder und schreib.
KAROLINE. Was?
BREME. Ein Billet an den Baron, daß er kommen soll.
KAROLINE. Aber wozu?
BREME. Das will ich dir schon sagen. Es soll ihm kein Leids widerfahren, ich sperre ihn nur ein.
KAROLINE. O Himmel!
BREME. Was gibt's?
KAROLINE. Soll ich mich einer solchen Verräterei schuldig machen?
BREME. Nur geschwind.
KAROLINE. Wer soll es denn hinüber bringen?
BREME. Dafür laß mich sorgen.
KAROLINE. Ich kann nicht.
BREME. Zuerst eine Kriegslist. Er zündet eine Blendlaterne an und löscht das Licht aus. Geschwind, nun schreib, ich will dir leuchten.
KAROLINE für sich. Was soll das werden? Der Baron wird sehen, daß das Licht ausgelöscht ist; er wird auf das Zeichen kommen.
BREME zwingt sie zum Sitzen. Schreib! »Luise bleibt im Schlosse, mein Vater schläft. Ich lösche das Licht aus, kommen Sie.«
KAROLINE widerstrebend. Ich schreibe nicht.
Fünfter Auftritt
Die Vorigen. Der Baron am Fenster.
BARON. Karoline!
BREME. Was ist das? Er schiebt die Blendlaterne zu und hält Karolinen fest, die aufstehen will.
BARON wie oben. Karoline! sind Sie nicht hier? Er steigt herein. Stille! wo bin ich? daß ich nicht fehlgehe. Gleich dem Fenster gegenüber ist des Vaters Schlafzimmer, und hier rechts an der Wand die Tür in der Mädchen Kammer. Er tappt an der Seite hin und trifft die Tür. Hier ist sie, nur angelehnt. O wie gut sich der blinde Cupido im Dunkeln zu finden weiß! Er geht hinein.
BREME. In die Falle! Er schiebt die Blendlaterne auf, eilt nach der Kammertüre und stößt den Riegel vor. So recht, und das Vorlegeschloß ist auch schon in Bereitschaft. Er legt ein Schloß vor. Und du, Nichtswürdige! so verrätst du mich?
KAROLINE. Mein Vater!
BREME. So heuchelst du mir Vertrauen vor?
BARON inwendig. Karoline! Was heißt das?
KAROLINE. Ich bin das unglücklichste Mädchen unter der Sonne.
BREME laut an der Türe. Das heißt: daß Sie hier schlafen werden, aber allein.
BARON inwendig. Nichtswürdiger! Machen Sie auf, Herr Breme, der Spaß wird Ihnen teuer zu stehen kommen.
BREME laut. Es ist mehr als Spaß, es ist bitterer Ernst.
KAROLINE an der Türe. Ich bin unschuldig an dem Verrat!
BREME. Unschuldig? Verrat?
KAROLINE vor der Türe knieend. O, wenn du sehen könntest, mein Geliebter, wie ich hier vor dieser Schwelle liege, wie ich untröstlich meine Hände ringe, wie ich meinen grausamen Vater bitte! – Machen Sie auf, mein Vater! Er hört nicht, er sieht mich nicht an. – O mein Geliebter habe mich nicht in Verdacht, ich bin unschuldig!
BREME. Du unschuldig? Niederträchtige feile Dirne! Schande deines Vaters! Ewiger schändender Flecken in dem Ehrenkleid, das er eben in diesem Augenblicke angezogen hat. Steh auf, hör' auf zu weinen, daß ich dich nicht an den Haaren von der Schwelle wegziehe, die du, ohne zu erröten, nicht wieder betreten solltest. Wie! in dem Augenblick, da Breme sich den größten Männern des Erdbodens gleichsetzt, erniedrigt sich seine Tochter so sehr!
KAROLINE. Verstoßt mich nicht, verwerft mich nicht, mein Vater! Er tat mir die heiligsten Versprechungen.
BREME. Rede mir nicht davon, ich bin außer mir. Was! ein Mädchen, das sich wie eine Prinzessin, wie eine Königin aufführen sollte, vergißt sich so ganz und gar? Ich halte mich kaum, daß ich dich nicht mit Fäusten schlage, nicht mit Füßen trete. Hier hinein! Er stößt sie in sein Schlafzimmer. Dies französische Schloß wird dich wohl verwahren. Von welcher Wut fühl' ich mich hingerissen! Das wäre die rechte Stimmung, um die Glocke zu ziehen. – Doch nein, fasse dich, Breme! – Bedenke, daß die größten Menschen in ihrer Familie manchen Verdruß gehabt haben. Schäme dich nicht einer frechen Tochter und bedenke, daß Kaiser Augustus in eben dem Augenblick mit Verstand und Macht die Welt regierte, da er über die Vergehungen seiner Julie bittere Tränen vergoß. Schäme dich nicht, zu weinen, daß eine solche Tochter dich hintergangen hat; aber bedenke auch zugleich, daß der Endzweck erreicht ist, daß der Widersacher eingesperrt verzweifelt und daß deiner Unternehmung ein glückliches Ende bevorsteht.
Sechster Auftritt
Saal im Schlosse, erleuchtet.
Friederike mit einer gezogenen Büchse. Jakob mit einer Flinte.
FRIEDERIKE. So ist's recht, Jakob, du bist ein braver Bursche. Wenn du mir die Flinte zurechtbringst, daß mir der Schulfuchs nicht gleich einfällt, wenn ich sie ansehe, sollst du ein gut Trinkgeld haben.
JAKOB. Ich nehme sie mit, gnädige Gräfin, und will mein Bestes tun. Ein Trinkgeld braucht's nicht, ich bin Ihr Diener für ewig.
FRIEDERIKE. Du willst in der Nacht noch fort? es ist dunkel und regnicht, bleibe doch beim Jäger.
JAKOB. Ich weiß nicht, wie mir ist, es treibt mich etwas fort. Ich habe eine Art von Ahnung.
FRIEDERIKE. Du siehst doch sonst nicht Gespenster.
JAKOB. Es ist auch nicht Ahnung, es ist Vermutung. Mehrere Bauern sind beim Chirurgus in der Nacht zusammengekommen; sie hatten mich auch eingeladen, ich ging aber nicht hin; ich will keine Händel mit der gräflichen Familie. Und jetzt wollt' ich doch, ich wäre hingegangen, damit ich wüßte, was sie vorhaben.
FRIEDERIKE. Nun, was wird's sein? es ist die alte Prozeßgeschichte.
JAKOB. Nein, nein, es ist mehr! lassen Sie mir meine Grille; es ist für Sie, es ist für die Ihrigen, daß ich besorgt bin.
Siebenter Auftritt
Friederike. Nachher die Gräfin und der Hofrat.
FRIEDERIKE. Die Büchse ist noch, wie ich sie verlassen habe; die hat mir der Jäger recht gut versorgt. Ja, das ist auch ein Jäger, und über die geht nichts. Ich will sie gleich laden und morgen früh bei guter Tageszeit einen Hirsch schießen. Sie beschäftigt sich an einem Tische, worauf ein Armleuchter steht, mit Pulverhorn, Lademaß, Pflaster, Kugel, Hammer und lädt die Büchse ganz langsam und methodisch.
GRÄFIN. Da hast du schon wieder das Pulverhorn beim Licht, wie leicht kann eine Schnuppe herunterfallen. Sei doch vernünftig, du kannst dich unglücklich machen.
FRIEDERIKE. Lassen Sie mich, liebe Mutter, ich bin schon vorsichtig. Wer sich vor dem Pulver fürchtet, muß nicht mit Pulver umgehen.
GRÄFIN. Sagen Sie mir, lieber Hofrat, ich habe es recht auf dem Herzen: könnten wir nicht einen Schritt tun, wenigstens bis Sie zurückkommen?
HOFRAT. Ich verehre in Ihnen diese Heftigkeit, das Gute zu wirken und nicht einen Augenblick zu zaudern.
GRÄFIN. Was ich einmal für Recht erkenne, möcht' ich auch gleich getan sehn. Das Leben ist so kurz, und das Gute wirkt so langsam.
HOFRAT. Wie meinen Sie denn?
GRÄFIN. Sie sind moralisch überzeugt, daß der Amtmann in dem Kriege das Dokument beiseitegebracht hat –
FRIEDERIKE heftig. Sind Sie 's?
HOFRAT. Nach allen Anzeigen kann ich wohl sagen, es ist mehr als Vermutung.
GRÄFIN. Sie glauben, daß er es noch zu irgendeiner Absicht verwahre?
FRIEDERIKE wie oben. Glauben Sie?
HOFRAT. Bei der Verworrenheit seiner Rechnungen, bei der Unordnung des Archivs, bei der ganzen Art, wie er diesen Rechtshandel benutzt hat, kann ich vermuten, daß er sich einen Rückzug vorbehält, daß er vielleicht, wenn man ihn von dieser Seite drängt, sich auf die andere zu retten und das Dokument dem Gegenteile für eine an sehnliche Summe zu verhandeln denkt.
GRÄFIN. Wie wär' es, man suchte ihn durch Gewinst zu locken? Er wünscht seinen Neffen substituiert zu haben; wie wär' es, wir versprächen diesem jungen Menschen eine Belohnung, wenn er zur Probe das Archiv in Ordnung brächte, besonders eine ansehnliche, wenn er das Dokument ausfindig machte? Man gäbe ihm Hoffnung zur Substitution. Sprechen Sie ihn noch, ehe Sie fortgehen; indes, bis Sie wiederkommen, richtet sich's ein.
HOFRAT. Es ist zu spät, der Mann ist gewiß schon zu Bette.
GRÄFIN. Glauben Sie das nicht. So alt er ist, paßt er Ihnen auf, bis Sie in den Wagen steigen. Er macht Ihnen noch in völliger Kleidung seinen Scharrfuß und versäumt gewiß nicht, sich Ihnen zu empfehlen. Lassen wir ihn rufen.
FRIEDERIKE. Lassen Sie ihn rufen, man muß doch sehen, wie er sich gebärdet.
HOFRAT. Ich bin's zufrieden.
FRIEDERIKE klingelt und sagt zum Bedienten, der hereinkommt. Der Amtmann möchte doch noch einen Augenblick herüberkommen!
GRÄFIN. Die Augenblicke sind kostbar. Wollen Sie nicht indes noch einen Blick auf die Papiere werfen, die sich auf diese Sache beziehen? Zusammen ab.
Achter Auftritt
Friederike allein, nachher der Amtmann.
FRIEDERIKE. Das will mir nicht gefallen. Sie sind überzeugt, daß er ein Schelm ist, und wollen ihm nicht zu Leibe. Sie sind überzeugt, daß er sie betrogen, ihnen geschadet hat, und wollen ihn belohnen. Das taugt nun ganz und gar nichts. Es wäre besser, daß man ein Exempel statuierte. Da kommt er eben recht.
AMTMANN. Ich höre, daß des Herrn Hofrats Wohlgeboren noch vor ihrer Abreise mir etwas zu sagen haben. Ich komme, dessen Befehle zu vernehmen.
FRIEDERIKE indem sie die Büchse nimmt. Verziehen Sie einen Augenblick, er wird gleich wieder hier sein. Sie schüttet Pulver auf die Pfanne.
AMTMANN. Was machen Sie da, gnädige Gräfin?
FRIEDERIKE. Ich habe die Büchse auf morgen früh geladen, da soll ein alter Hirsch fallen.
AMTMANN. Ei, ei! schon heute geladen und Pulver auf die Pfanne, das ist verwegen! wie leicht kann da ein Unglück geschehen.
FRIEDERIKE. Ei was! Ich bin gern fix und fertig. Sie hebt das Gewehr auf und hält es, gleichsam zufällig, gegen ihn.
AMTMANN. Ei, gnädige Gräfin, kein geladen Gewehr jemals auf einen Menschen gehalten! Da kann der Böse sein Spiel haben.
FRIEDERIKE in der vorigen Stellung. Hören Sie, Herr Amtmann, ich muß Ihnen ein Wort im Vertrauen sagen: – daß Sie ein erzinfamer Spitzbube sind.
AMTMANN. Welche Ausdrücke, meine Gnädige! – Tun Sie die Büchse weg.
FRIEDERIKE. Rühre dich nicht vom Platz, verdammter Kerl! Siehst du, ich spanne, siehst du, ich lege an! Du hast ein Dokument gestohlen –
AMTMANN. Ein Dokument? ich weiß von keinem Dokumente.
FRIEDERIKE. Siehst du, ich steche, es geht alles in der Ordnung, und wenn du nicht auf der Stelle das Dokument herausgibst oder mir anzeigst, wo es sich befindet, oder was mit ihm vorgefallen, so rühr' ich diese kleine Nadel, und du bist auf der Stelle mausetot.
AMTMANN. Um Gottes willen!
FRIEDERIKE. Wo ist das Dokument?
AMTMANN. Ich weiß nicht – Tun Sie die Büchse weg – Sie könnten aus Versehen –
FRIEDERIKE wie oben. Aus Versehen oder mit Willen bist du tot. Rede, wo ist das Dokument?
AMTMANN. Es ist – verschlossen.
Neunter Auftritt
Gräfin. Hofrat. Die Vorigen.
GRÄFIN. Was gibt 's hier?
HOFRAT. Was machen Sie?
FRIEDERIKE immer zum Amtmann. Rühren Sie sich nicht, oder Sie sind des Todes! wo verschlossen?
AMTMANN. In meinem Pulte.
FRIEDERIKE. Und in dem Pulte! wo?
AMTMANN. Zwischen einem Doppelboden.
FRIEDERIKE. Wo ist der Schlüssel?
AMTMANN. In meiner Tasche.
FRIEDERIKE. Und wie geht der doppelte Boden auf?
AMTMANN. Durch einen Druck an der rechten Seite.
FRIEDERIKE. Heraus den Schlüssel!
AMTMANN. Hier ist er.
FRIEDERIKE. Hingeworfen!
AMTMANN wirft ihn auf die Erde.
FRIEDERIKE. Und die Stube?
AMTMANN. Ist offen.
FRIEDERIKE. Wer ist drinnen?
AMTMANN. Meine Magd und mein Schreiber.
FRIEDERIKE. Sie haben alles gehört, Herr Hofrat. Ich habe Ihnen ein umständliches Gespräch erspart. Nehmen Sie den Schlüssel und holen Sie das Dokument. Bringen Sie es nicht zurück, so hat er gelogen, und ich schieße ihn darum tot.
HOFRAT. Lassen Sie ihn mitgehen; bedenken Sie, was Sie tun.
FRIEDERIKE. Ich weiß, was ich tue. Machen Sie mich nicht wild und gehen Sie. Hofrat ab.
GRÄFIN. Meine Tochter, du erschreckst mich. Tu das Gewehr weg!
FRIEDERIKE. Gewiß nicht eher, als bis ich das Dokument sehe.
GRÄFIN. Hörst du nicht? deine Mutter befiehlt's.
FRIEDERIKE. Und wenn mein Vater aus dem Grabe aufstünde, ich gehorchte nicht.
GRÄFIN. Wenn es losginge!
FRIEDERIKE. Welch Unglück wäre das?
AMTMANN. Es würde Sie gereuen.
FRIEDERIKE. Gewiß nicht. Erinnerst du dich noch, Nichtswürdiger, als ich vorm Jahr im Zorn nach dem Jägerburschen schoß, der meinen Hund prügelte, erinnerst du dich noch, da ich ausgescholten wurde und alle Menschen den glücklichen Zufall priesen, der mich hatte fehlen lassen, da warst du's allein, der hämisch lächelte und sagte: Was wär' es denn gewesen? ein Kind aus einem vornehmen Hause! das wäre mit Geld abzutun. Ich bin noch immer ein Kind, ich bin noch immer aus einem vornehmen Hause; so müßte das wohl auch mit Geld abzutun sein.
HOFRAT kommt zurück. Hier ist das Dokument.
FRIEDERIKE. Ist es? Sie bringt das Gewehr in Ruh.
GRÄFIN. Ist's möglich?
AMTMANN. O ich Unglücklicher!
FRIEDERIKE. Geh! Elender! daß deine Gegenwart meine Freude nicht vergälle!
HOFRAT. Es ist das Original.
FRIEDERIKE. Geben Sie mir's. Morgen will ich's den Gemeinden selbst zeigen und sagen, daß ich's ihnen erobert habe.
GRÄFIN sie umarmend. Meine Tochter!
FRIEDERIKE. Wenn mir der Spaß nur die Lust an der Jagd nicht verdirbt. Solch ein Wildpret schieß' ich nie wieder!
Fünfter Aufzug
Nacht, trüber Mondschein.
Das Theater stellt einen Teil des Parks vor, der früher beschrieben worden. Rauhe steile Felsenbänke, auf denen ein verfallenes Schloß. Natur und Mauerwerk ineinander verschränkt. Die Ruine sowie die Felsen mit Bäumen und Büschen bewachsen. Eine dunkle Kluft deutet auf Höhlen, wo nicht gar unterirdische Gänge.
Friederike, fackeltragend, die Büchse unterm Arm, Pistolen im Gürtel, tritt aus der Höhle, umherspürend. Ihr folgt die Gräfin, den Sohn an der Hand. Auch Luise. Sodann der Bediente, mit Kästchen beschwert. Man erfährt, daß von hier ein unterirdischer Gang zu den Gewölben des Schlosses reicht, daß man die Schloßpforten gegen die andringenden Bauern verriegelt, daß die Gräfin verlangt habe, man solle ihnen aus dem Fenster das Dokument ankündigen und zeigen und so alles beilegen. Friederike jedoch sei nicht zu bewegen gewesen, sich in irgendeine Kapitulation einzulassen, noch sich einer Gewalt, selbst nach eigenen Absichten, zu fügen. Sie habe vielmehr die Ihrigen zur Flucht genötigt, um auf diesem geheimen Wege ins Freie zu gelangen und den benachbarten Sitz eines Anverwandten zu erreichen. Eben will man sich auf den Weg machen, als man oben in der Ruine Licht sieht, ein Geräusch hört. Man zieht sich in die Höhle zurück. Herunter kommen Jakob, der Hofrat und eine Partei Bauern. Jakob hatte sie unterwegs angetroffen und sie zu Gunsten der Herrschaft zu bereden gesucht. Der Wagen des wegfahrenden Hofrats war unter sie gekommen. Dieser würdige Mann verbindet sich mit Jakob und kann das Hauptargument, daß der Originalrezeß gefunden sei, allen übrigen Beweggründen hinzufügen. Die aufgeregte Schar wird beruhigt, ja sie entschließt sich, den Damen zu Hilfe zu kommen.
Friederike, die gelauscht hat, nun von allem unterrichtet, tritt unter sie, dem Hofrat und dem jungen Landmann sehr willkommen, auch den übrigen durch die Vorzeigung des Dokuments höchst erwünscht.
Eine früher ausgesendete Patrouille dieses Trupps kommt zurück und meldet, daß ein Teil der Aufgeregten vom Schlosse her im Anmarsche sei. Alles verbirgt sich, teils in der Höhle, teils in Felsen und Gemäuer.
Breme mit einer Anzahl bewaffneter Bauern tritt auf, schilt auf den Magister, daß er außen geblieben, und erklärt die Ursache, warum er einen Teil der Mannschaft in den Gewölben des Schlosses ge lassen und mit dem andern sich hieher verfügt. Er weiß das Geheimnis des unterirdischen Ganges und ist überzeugt, daß die Familie sich darein versteckt, und dies gibt die Gewißheit, ihrer habhaft zu werden. Sie zünden Fackeln an und sind im Begriff, in die Höhle zu treten. Friederike, Jakob, der Hofrat erscheinen in dem Augenblicke, bewaffnet, sowie die übrige Menge.
Breme sucht der Sache eine Wendung durch Beispiele aus der alten Geschichte zu geben und tut sich auf seine Einfälle viel zugute, da man sie gelten läßt; und als nun das Dokument auch hier seine Wirkung nicht verfehlt, so schließt das Stück zu allgemeiner Zufriedenheit. Die vier Personen, deren Gegenwart einen unangenehmen Eindruck machen könnte: Karoline, der Baron, der Magister und der Amtmann, kommen nicht mehr zum Vorschein.
Die Laune des Verliebten
Personen.
Egle
Amine
Eridon
Lamon
Erster Auftritt
Amine und Egle sitzen an der einen Seite des Theaters und winden Kränze.
Lamon kommt dazu und bringt ein Körbchen mit Blumen.
LAMON indem er das Körbchen niedersetzt.
Hier sind noch Blumen.
EGLE.
Gut!
LAMON.
Seht doch, wie schön sie sind!
Die Nelke brach ich dir.
EGLE.
Die Rose! –
LAMON.
Nein, mein Kind!
Aminen reich ich heut das Seltene vom Jahr;
Die Rose seh ich gern in einem schwarzen Haar.
EGLE.
Und das soll ich wohl gar verbindlich, artig nennen?
LAMON.
Wie lange liebst du mich schon, ohne mich zu kennen?
Ich weiß es ganz gewiß, du liebst nur mich allein,
Und dieses muntre Herz ist auch auf ewig dein,
Du weißt es. Doch verlangst du mich noch mehr zu binden?
Ist es wohl scheltenswert, auch andre schön zu finden?
Ich wehre dir ja nicht, zu sagen: der ist schön,
Der artig, scherzhaft der – ich will es eingestehn.
Nicht böse sein.
EGLE.
Sei's nicht, ich will es auch nicht werden.
Wir fehlen beide gleich. Mit freundlichen Gebärden
Hör ich gar manchen an, und mancher Schäferin
Sagst du was Süßes vor, wenn ich nicht bei dir bin.
Dem Herzen läßt sich wohl, dem Scherze nicht gebieten;
Vor Unbeständigkeit muß uns der Leichtsinn hüten.
Mich kleidet Eifersucht noch weniger als dich.
Zu Aminen.
Du lächelst über uns! Was denkst du, Liebe? sprich!
AMINE.
Nicht viel.
EGLE.
Genug, mein Glück und deine Qual zu fühlen.
AMINE.
Wieso?
EGLE.
Wieso! Anstatt daß wir zusammen spielen,
Daß Amors Schläfrigkeit bei unserm Lachen flieht,
Beginnet deine Qual, wenn dich dein Liebster sieht.
Nie war der Eigensinn bei einem Menschen größer.
Du denkst, er liebe dich. O nein, ich kenn ihn besser;
Er sieht, daß du gehorchst, drum liebt dich der Tyrann,
Damit er jemand hat, dem er befehlen kann.
AMINE.
Ach, er gehorcht mir oft.
EGLE.
Um wieder zu befehlen.
Mußt du nicht jeden Blick von seinen Augen stehlen?
Die Macht, von der Natur in unsern Blick gelegt,
Daß er den Mann entzückt, daß er ihn niederschlägt,
Hast du an ihn geschenkt und mußt dich glücklich halten,
Wenn er nur freundlich sieht. Die Stirne voller Falten,
Die Augenbraunen tief, die Augen düster, wild,
Die Lippen aufgedrückt, ein liebenswürdig Bild,
Wie er sich täglich zeigt, bis Bitten, Küsse, Klagen
Den rauhen Winterzug von seiner Stirne jagen.
AMINE.
Du kennst ihn nicht genug, du hast ihn nicht geliebt.
Es ist nicht Eigensinn, der seine Stirne trübt;
Ein launischer Verdruß ist seines Herzens Plage
Und trübet mir und ihm die besten Sommertage;
Und doch vergnüg ich mich, da, wenn er mich nur sieht,
Wenn er mein Schmeicheln hört, bald seine Laune flieht.
EGLE.
Fürwahr ein großes Glück, das man entbehren könnte.
Doch nenne mir die Lust, die er dir je vergönnte?
Wie pochte deine Brust, wenn man vom Tanze sprach;
Dein Liebster flieht den Tanz und zieht dich Arme nach.
Kein Wunder, daß er dich bei keinem Feste leitet,
Da er der Wiese Gras um deine Tritte neidet,
Den Vogel, den du liebst, als Nebenbuhler haßt;
Wie könnt er ruhig sein, wenn dich ein andrer faßt
Und gar, indem er sich mit dir im Reihen kräuselt,
Dich zärtlich an sich drückt und Liebesworte säuselt.
AMINE.
Sei auch nicht ungerecht, da er mich dieses Fest,
Weil ich ihn darum bat, mit euch begehen läßt.
EGLE.
Das wirst du fühlen.
AMINE.
Wie?
EGLE.
Warum bleibt er zurücke?
AMINE.
Er liebt den Tanz nicht sehr.
EGLE.
Nein, es ist eine Tücke.
Kommst tu vergnügt zurück, fängt er halb spöttisch an:
Ihr wart wohl sehr vergnügt? – Sehr. – Das war wohlgetan.
Ihr spieltet? – Pfänder. – So! Damöt war auch zugegen?
Und tanztet? – Um den Baum. – Ich hätt euch sehen mögen.
Er tanzte wohl recht schön? Was gabst du ihm zum Lohn?
AMINE lächelnd.
Ja.
EGLE.
Lachst du?
AMINE.
Freundin, ja, das ist sein ganzer Ton. –
Noch Blumen!
LAMON.
Hier! das sind die besten.
AMINE.
Doch mit Freuden
Seh ich ihn meinen Blick der ganzen Welt beneiden;
Ich seh an diesem Neid, wie mich mein Liebster schätzt,
Und meinem kleinen Stolz wird alle Qual ersetzt.
EGLE.
Kind, ich bedaure dich, du bist nicht mehr zu retten,
Da du dein Elend liebst; du klirrst mit deinen Ketten
Und überredest dich, es sei Musik.
AMINE.
Ein Band
Zur Schleife fehlt mir noch.
EGLE zu Lamon.
Du hast mir eins entwandt,
Das ich vom Maienkranz beim Frühlingsfest bekommen.
LAMON.
Ich will es holen.
EGLE.
Doch du mußt bald wiederkommen.
Zweiter Auftritt
Egle. Amine.
AMINE.
Er achtet das nicht viel, was ihm sein Mädchen schenkt.
EGLE.
Mir selbst gefällt es nicht, wie mein Geliebter denkt;
Zu wenig rühren ihn der Liebe Tändeleien,
Die ein empfindlich Herz, so klein sie sind, erfreuen.
Doch, Freundin, glaube mir, es ist geringre Pein,
Nicht gar so sehr geliebt, als es zu sehr zu sein.
Die Treue lob ich gern; doch muß sie unserm Leben,
Bei voller Sicherheit, die volle Ruhe geben.
AMINE.
Ach, Freundin! schätzenswert ist solch ein zärtlich Herz.
Zwar oft betrübt er mich, doch rührt ihn auch mein Schmerz.
Wirft er mir etwas vor, fängt er an, mich zu plagen,
So darf ich nur ein Wort, ein gutes Wort nur sagen,
Gleich ist er umgekehrt, die wilde Zanksucht flieht,
Er weint sogar mit mir, wenn er mich weinen sieht,
Fällt zärtlich vor mir hin und fleht, ihm zu vergeben.
EGLE.
Und du vergibst ihm?
AMINE.
Stets.
EGLE.
Heißt das nicht elend leben?
Dem Liebsten, der uns stets beleidigt, stets verzeihn,
Um Liebe sich bemühn und nie belohnt zu sein!
AMINE.
Was man nicht ändern kann –
EGLE.
Nicht ändern? Ihn bekehren
Ist keine Schwierigkeit.
AMINE.
Wie das?
EGLE.
Ich will dich's lehren.
Es stammet deine Not, die Unzufriedenheit
Des Eridons –
AMINE.
Von was?
EGLE.
Von deiner Zärtlichkeit.
AMINE.
Die, dächt ich, sollte nichts als Gegenlieb entzünden.
EGLE.
Du irrst; sei hart und streng, du wirst ihn zärtlich finden.
Versuch es nur einmal, bereit ihm kleine Pein:
Erringen will der Mensch, er will nicht sicher sein.
Kommt Eridon, mit dir ein Stündchen zu verbringen,
So weiß er nur zu gut, es muß ihm stets gelingen.
Der Nebenbuhler Zahl ist ihm nicht fürchterlich;
Er weiß, du liebest ihn weit stärker als er dich.
Sein Glück ist ihm zu groß, und er ist zu belachen,
Da er kein Elend hat, will er sich Elend machen.
Er sieht, daß du nichts mehr als ihn auf Erden liebst,
Und zweifelt nur, weil du ihm nichts zu zweifeln gibst.
Begegn' ihm, daß er glaubt, du könntest ihn entbehren;
Zwar wird er rasen, doch das wird nicht lange währen,
Dann wird ein Blick ihn mehr als jetzt ein Kuß erfreun;
Mach, daß er fürchten muß, und er wird glücklich sein.
AMINE.
Ja, das ist alles gut; allein es auszuführen
Vermag ich nicht.
EGLE.
Wer wird auch gleich den Mut verlieren.
Geh, du bist allzu schwach. Sieh dort!
AMINE.
Mein Eridon!
EGLE.
Das dacht ich. Armes Kind! er kommt, du zitterst schon
Vor Freude, das ist nichts; willst du ihn je bekehren,
Mußt du ihn ruhig sehn sich nahn, ihn ruhig hören.
Das Wallen aus der Brust! die Röte vom Gesicht!
Und dann –
AMINE.
O laß mich los! So liebt Amine nicht.
Dritter Auftritt
Eridon kommt langsam mit übereinandergelegten Armen, Amine steht auf und läuft ihm entgegen.
Egle bleibt in ihrer Beschäftigung sitzen.
AMINE ihn bei der Hand fassend.
Geliebter Eridon!
ERIDON küßt ihr die Hand.
Mein Mädchen!
EGLE für sich.
Ach wie süße!
AMINE.
Die schönen Blumen! Sprich, mein Freund, wer gab dir diese!
ERIDON.
Wer? Meine Liebste.
AMINE.
Wie? – Ah, sind das die von mir?
So frisch von gestern noch?
ERIDON.
Erhalt ich was von dir,
So ist mir's wert. Doch die von mir?
AMINE.
Zu jenen Kränzen
Fürs Fest gebraucht ich sie.
ERIDON.
Dazu! Wie wirst du glänzen!
Lieb in des Jünglings Herz und bei den Mädchen Neid
Erregen!
EGLE.
Freue dich, daß du die Zärtlichkeit
So eines Mädchens hast, um die so viele streiten.
ERIDON.
Ich kann nicht glücklich sein, wenn viele mich beneiden.
EGLE.
Und könntest doch; denn wer ist sicherer als du?
ERIDON zu Aminen.
Erzähl mir doch vom Fest; kommt wohl Damöt dazu?
EGLE einfallend.
Er sagte mir es schon, er werde heut nicht fehlen.
ERIDON zu Aminen.
Mein Kind, wen wirst du dir zu deinem Tänzer wählen?
Amine schweigt, er wendet sich zu Eglen.
O sorge, gib ihr den, der ihr am liebsten sei!
AMINE.
Das ist unmöglich, Freund, denn du bist nicht dabei!
EGLE.
Nein, hör nur, Eridon, ich kann's nicht mehr ertragen,
Welch eine Lust ist das, Aminen so zu plagen?
Verlaß sie, wenn du glaubst, daß sie die Treue bricht;
Glaubst du, daß sie dich liebt, nun gut, so plag sie nicht.
ERIDON.
Ich plage sie ja nicht.
EGLE.
Wie? Heißt das sie erfreuen?
Aus Eifersucht Verdruß auf ihr Vergnügen streuen,
Stets zweifeln, da sie dir doch niemals Ursach gibt,
Daß sie –
ERIDON.
Bürgst du mir denn, daß sie mich wirklich liebt?
AMINE.
Ich dich nicht lieben! Ich!
ERIDON.
Wenn lehrst du mich es glauben?
Wer ließ sich einen Strauß vom kecken Damon rauben?
Wer nahm das schöne Band vom jungen Thyrsis an?
AMINE.
Mein Eridon! –
ERIDON.
Nicht wahr, das hast du nicht getan?
Belohntest du sie denn? O ja, du weißt zu küssen.
AMINE.
Mein Bester, weißt du nicht? –
EGLE.
O schweig, er will nichts wissen!
Was du ihm sagen kannst, hast du ihm längst gesagt,
Er hat es angehört und doch aufs neu geklagt.
Was hilft's dich? Magst du's ihm auch heut noch einmal sagen;
Er wird beruhigt gehn und morgen wieder klagen.
ERIDON.
Und das vielleicht mit Recht.
AMINE.
Mit Recht? Ich! Untreu sein?
Amine dir? Mein Freund, kannst du es glauben?
ERIDON.
Nein!
Ich kann, ich will es nicht.
AMINE.
Gab ich in meinem Leben
Dir je Gelegenheit?
ERIDON.
Die hast du oft gegeben.
AMINE.
Wenn war ich untreu?
ERIDON.
Nie! das ist es, was mich quält.
Aus Vorsatz hast du nie, aus Leichtsinn stets gefehlt.
Das, was mir wichtig scheint, hältst du für Kleinigkeiten;
Das, was mich ärgert, hat bei dir nichts zu bedeuten.
EGLE.
Gut! nimmt's Amine leicht, so sag, was schadet's dir?
ERIDON.
Das hat sie oft gefragt; ja freilich schadet's mir!
EGLE.
Was denn? Amine wird nie andern viel erlauben.
ERIDON.
Zuwenig zum Verdacht, zuviel, sie treu zu glauben.
EGLE.
Mehr, als ein weiblich Herz je liebte, liebt sie dich.
ERIDON.
Und liebt den Tanz, die Lust, den Scherz so sehr als mich.
EGLE.
Wer das nicht leiden kann, mag unsre Mütter lieben!
AMINE.
Schweig, Egle! Eridon, hör auf, mich zu betrüben!
Frag unsre Freunde nur, wie ich an dich gedacht,
Selbst wenn wir fern von dir getändelt und gelacht;
Wie oft ich mit Verdruß, der mein Vergnügen nagte,
Weil du nicht bei mir warst, »Was mag er machen?« fragte.
O wenn du es nicht glaubst, komm heute mit mir hin,
Und dann sag noch einmal, daß ich dir untreu bin.
Ich tanze nur mit dir, ich will dich nie verlassen,
Dich nur soll dieser Arm, dich diese Hand nur fassen.
Wenn mein Betragen dir den kleinsten Argwohn gibt
ERIDON.
Daß man sich zwingen kann, beweist nicht, daß man liebt.
EGLE.
Sieh ihre Tränen an, sie fließen dir zur Ehre!
Nie dacht ich, daß dein Herz im Grund so böse wäre.
Die Unzufriedenheit, die keine Grenzen kennt
Und immer mehr verlangt, je mehr man ihr vergönnt,
Der Stolz, in ihrer Brust der Jugend kleine Freuden,
Die ganz unschuldig sind, nicht neben dir zu leiden,
Beherrschen wechselsweis dein hassenswürdig Herz;
Nicht ihre Liebe rührt, dich rühret nicht ihr Schmerz.
Sie ist mir wert, du sollst hinfort sie nicht betrüben:
Schwer wird es sein; dich fliehn, doch schwerer ist's, dich lieben.
AMINE für sich.
Ach! warum muß mein Herz so voll von Liebe sein!
ERIDON steht einen Augenblick still, dann naht er sich furchtsam Aminen und faßt sie bei der Hand.
Amine! liebstes Kind, kannst du mir noch verzeihn?
AMINE.
Ach, hab ich dir es nicht schon allzuoft bewiesen?
ERIDON.
Großmüt'ges, bestes Herz, laß mich zu deinen Füßen –
AMINE.
Steh auf, mein Eridon!
EGLE.
Jetzt nicht so vielen Dank!
Was man zu heftig fühlt, fühlt man nicht allzu lang.
ERIDON.
Und diese Heftigkeit, mit der ich sie verehre –
EGLE.
Wär weit ein größer Glück, wenn sie so groß nicht wäre.
Ihr lebtet ruhiger, und dein und ihre Pein –
ERIDON.
Vergib mir diesmal noch, ich werde klüger sein.
AMINE.
Geh, lieber Eridon, mir einen Strauß zu pflücken!
Ist er von deiner Hand, wie schön wird er mich schmücken!
ERIDON.
Du hast die Rose ja!
AMINE.
Ihr Lamon gab sie mir.
Sie steht mir schön.
ERIDON empfindlich.
Jawohl –
AMINE.
Doch, Freund, ich geb sie dir,
Daß du nicht böse wirst.
ERIDON nimmt sie an und küßt ihr die Hand.
Gleich will ich Blumen bringen.
Vierter Auftritt
Amine. Egle. Hernach. Lamon.
EGLE.
Gutherzig armes Kind, so wird dir's nicht gelingen!
Sein stolzer Hunger wächst, je mehr daß du ihm gibst.
Gib acht, er raubt zuletzt dir alles, was du liebst.
AMINE.
Verlier ich ihn nur nicht, das eine macht mir bange.
EGLE.
Wie schön! Man sieht es wohl, du liebst noch nicht gar lange.
Im Anfang geht es so; hat man sein Herz verschenkt,
So denkt man nichts, wenn man nicht an den Liebsten denkt.
Ein seufzender Roman, zu dieser Zeit gelesen,
Wie zärtlich der geliebt, wie jener treu gewesen,
Wie fühlbar jener Held, wie groß in der Gefahr,
Wie mächtig zu dem Streit er durch die Liebe war,
Verdreht uns gar den Kopf; wir glauben uns zu finden,
Wir wollen elend sein, wir wollen überwinden.
Ein junges Herz nimmt leicht den Eindruck vom Roman;
Allein ein Herz, das liebt, nimmt ihn noch leichter an.
Wir lieben lange so, bis wir zuletzt erfahren,
Daß wir, statt treu zu sein, von Herzen närrisch waren.
AMINE.
Doch das ist nicht mein Fall.
EGLE.
Ja, in der Hitze spricht
Ein Kranker oft zum Arzt: »Ich hab das Fieber nicht.«
Glaubt man ihm das? Niemals. Trotz allem Widerstreben
Gibt man ihm Arzenei. So muß man dir sie geben.
AMINE.
Von Kindern spricht man so, von mir klingt's lächerlich;
Bin ich ein Kind?
EGLE.
Du liebst!
AMINE.
Du auch!
EGLE.
Ja, lieb wie ich!
Besänftige den Sturm, der dich bisher getrieben!
Man kann sehr ruhig sein und doch sehr zärtlich lieben.
LAMON.
Da ist das Band!
AMINE.
Sehr schön!
EGLE.
Wie lange zauderst du!
LAMON.
Ich ging am Hügel hin, da rief mir Chloris zu.
Da hab ich ihr den Hut mit Blumen schmücken müssen.
EGLE.
Was gab sie dir dafür?
LAMON.
Was? Nichts! Sie ließ sich küssen.
Man tu auch, was man will, man trägt doch nie zum Lohn
Von einem Mädchen mehr als einen Kuß davon.
AMINE zeigt Eglen den Kranz mit der Schleife.
Ist es so recht?
EGLE.
Ja, gib!
Sie hängt Aminen den Kranz um, so daß die Schleife auf die rechte Schulter kommt. Mittlerweile redet sie mit Lamon.
Hör! nur recht lustig heute!
LAMON.
Nur heute recht gelärmt! Man fühlt nur halbe Freude,
Wenn man sie sittsam fühlt und lang sich's überlegt,
Ob unser Liebster das, der Wohlstand jens erträgt.
EGLE.
Du hast wohl recht.
LAMON.
Jawohl!
EGLE.
Amine! setz dich nieder!
Amine setzt sich, Egle steckt ihr Blumen in die Haare, indem sie fortredet.
Komm, gib mir doch den Kuß von deiner Chloris wieder.
LAMON küßt sie.
Von Herzen gerne. Hier!
AMINE.
Seid ihr nicht wunderlich!
EGLE.
Wär Eridon es so, es wär ein Glück für dich.
AMINE.
Gewiß, er dürfte mir kein fremdes Mädchen küssen.
LAMON.
Wo ist die Rose?
EGLE.
Sie hat sie ihm geben müssen,
Ihn zu besänftigen.
AMINE.
Ich muß gefällig sein.
LAMON.
Gar recht! Verzeih du ihm, so wird er dir verzeihn.
Ja, ja! Ich merk es wohl, ihr plagt euch um die Wette.
EGLE als ein Zeichen, daß sie mit dem Kopfputze fertig ist.
So!
LAMON.
Schön!
AMINE.
Ach, daß ich doch jetzt schon die Blumen hätte,
Die Eridon mir bringt.
EGLE.
Erwart ihn immer hier.
Ich geh und putze mich. Komm, Lamon, geh mit mir!
Wir lassen dich allein und kommen bald zurücke.
Fünfter Auftritt
Amine. Hernach Eridon.
AMINE.
O welche Zärtlichkeit, beneidenswürd'ges Glücke!
Wie wünscht ich – sollt es wohl in meinen Kräften stehn –,
Den Eridon vergnügt und mich beglückt zu sehn!
Hätt ich nicht soviel Macht ihm über mich gegeben,
Er würde glücklicher und ich zufriedner leben.
Versuch, ihm diese Macht durch Kaltsinn zu entziehn!
Doch wie wird seine Wut bei meiner Kälte glühn!
Ich kenne seinen Zorn, wie zittr' ich, ihn zu fühlen!
Wie schlecht wirst du, mein Herz, die schwere Rolle spielen!
Doch wenn du es so weit wie deine Freundin bringst,
Da er dich sonst bezwang, du künftig ihn bezwingst –
Heut ist Gelegenheit; sie nicht vorbei zu lassen,
Will ich gleich jetzt – er kommt! mein Herz, du mußt dich fassen.
ERIDON gibt ihr Blumen.
Sie sind nicht gar zu schön, mein Kind! verzeih es mir,
Aus Eile nahm ich sie.
AMINE.
Genug, sie sind von dir.
ERIDON.
So blühend sind sie nicht, wie jene Rosen waren,
Die Damon dir geraubt.
AMINE steckt sie an den Busen.
Ich will sie schon bewahren;
Hier, wo du wohnst, soll auch der Blumen Wohnplatz sein.
ERIDON.
Ist ihre Sicherheit da –
AMINE.
Glaubst du etwa? –
ERIDON.
Nein!
Ich glaube nichts, mein Kind; nur Furcht ist's, was ich fühle.
Das allerbeste Herz vergißt bei munterm Spiele,
Wenn es des Tanzes Lust, des Festes Lärm zerstreut,
Was ihm die Klugheit rät und ihm die Pflicht gebeut.
Du magst wohl oft an mich auch beim Vergnügen denken;
Doch fehlt es dir an Ernst, die Freiheit einzuschränken,
Zu der das junge Volk sich bald berechtigt glaubt,
Wenn ihm ein Mädchen nur im Scherze was erlaubt.
Es hält ihr eitler Stolz ein tändelndes Vergnügen
Sehr leicht für Zärtlichkeit.
AMINE.
Gnug, daß sie sich betrügen!
Wohl schleicht ein seufzend Volk Liebhaber um mich her;
Doch du nur hast mein Herz, und sag, was willst du mehr?
Du kannst den Armen wohl mich anzusehn erlauben,
Sie glauben, wunder –
ERIDON.
Nein, sie sollen gar nichts glauben!
Das ist's, was mich verdrießt. Zwar weiß ich, du bist mein;
Doch einer denkt vielleicht, beglückt wie ich zu sein,
Schaut in das Auge dir und glaubt dich schon zu küssen
Und triumphiert wohl gar, daß er dich mir entrissen.
AMINE.
So störe den Triumph! Geliebter, geh mit mir,
Laß sie den Vorzug sehn, den du –
ERIDON.
Ich danke dir.
Es würde grausam sein, das Opfer anzunehmen;
Mein Kind, du würdest dich des schlechten Tänzers schämen;
Ich weiß, wem euer Stolz beim Tanz den Vorzug gibt:
Dem, der mit Anmut tanzt, und nicht dem, den ihr liebt.
AMINE.
Das ist die Wahrheit.
ERIDON mit zurückgehaltenem Spott.
Ja! Ach, daß ich nicht die Gabe
Des leichten Damarens, des vielgepriesnen, habe!
Wie reizend tanzt er nicht!
AMINE.
Schön! daß ihm niemand gleicht.
ERIDON.
Und jedes Mädchen –
AMINE.
Schätzt –
ERIDON.
Liebe ihn darum!
AMINE.
Vielleicht.
ERIDON.
Vielleicht? Verflucht! Gewiß!
AMINE.
Was machst du für Gebärden?
ERIDON.
Du fragst? Plagst du mich nicht? Ich möchte rasend werden.
AMINE.
Ich? Sag, bist du nicht schuld an mein und deiner Pein?
Grausamer Eridon! wie kannst du nur so sein?
ERIDON.
Ich muß; ich liebe dich. Die Liebe lehrt mich klagen;
Liebt ich dich nicht so sehr, ich würde dich nicht plagen!
Ich fühl mein zärtlich Herz von Wonne hoch entzückt,
Wenn mir dein Auge lacht, wenn deine Hand mich drückt.
Ich dank den Göttern, die mir dieses Glücke gaben;
Doch ich verlang's allein, kein andrer soll es haben.
AMINE.
Nun gut, was klagst du denn? Kein andrer hat es nie.
ERIDON.
Und du erträgst sie doch; nein, hassen sollst du sie.
AMINE.
Sie hassen? und warum?
ERIDON.
Darum! weil sie sich lieben.
AMINE.
Der schöne Grund!
ERIDON.
Ich seh's, du willst sie nicht betrüben,
Du mußt sie schonen; sonst wird deine Lust geschwächt,
Wenn du nicht –
AMINE.
Eridon, du bist sehr ungerecht.
Heißt uns die Liebe denn die Menschlichkeit verlassen?
Ein Herz, das einen liebt, kann keinen Menschen hassen.
Dies zärtliche Gefühl läßt kein so schrecklichs zu,
Zum wenigsten bei mir.
ERIDON.
Wie schön verteidigst du
Des zärtlichen Geschlechts hochmütiges Vergnügen,
Wenn zwanzig Toren knien, die zwanzig zu betrügen!
Heut ist ein großer Tag, der deinen Hochmut nährt,
Heut wirst du manchen sehn, der dich als Göttin ehrt;
Noch manches junge Herz wird sich für dich entzünden,
Kaum wirst du Blicke gnug für alle Diener finden.
Gedenk an mich, wenn dich der Toren Schwarm vergnügt,
Ich bin der größte! Geh!
AMINE für sich.
Flieh, schwaches Herz! Er siegt.
Ihr Götter! Lebt er denn, mir jede Lust zu stören?
Währt denn mein Elend fort, um niemals aufzuhören?
Zu Eridon.
Der liebe leichtes Band machst du zum schweren Joch,
Du quälst mich als Tyrann, und ich? ich lieb dich noch!
Mit aller Zärtlichkeit antwort ich auf dein Wüten,
In allem geb ich nach; doch du bist nicht zufrieden.
Was opfert ich nicht auf! Ach! dir genügt es nie.
Du willst die heut'ge Lust! Nun gut, hier hast du sie!
Sie nimmt die Kränze aus den Haaren und von der Schulter, wirft sie weg und fährt in einem gezwungen ruhigen Ton fort.
Nicht wahr, mein Eridon? so siehst du mich viel lieber
Als zu dem Fest geputzt. Ist nicht dein Zorn vorüber?
Du stehst! siehst mich nicht an! Bist du erzürnt auf mich?
ERIDON fällt vor ihr nieder.
Amine! Scham und Reu! Verzeih, ich liebe dich!
Geh zu dem Fest!
AMINE.
Mein Freund, ich werde bei dir bleiben;
Ein zärtlicher Gesang soll uns die Zeit vertreiben.
ERIDON.
Geliebtes Kind, geh!
AMINE.
Geh! hol deine Flöte her.
ERIDON.
Du willst's!
Sechster Auftritt
AMINE.
Er scheint betrübt, und heimlich jauchzet er.
An ihn wirst du umsonst die Zärtlichkeit verlieren.
Dies Opfer, rührt es ihn? Es schien ihn kaum zu rühren;
Er hielt's für Schuldigkeit. Was willst du, armes Herz?
Du murrst, drückst diese Brust. Verdient ich diesen Schmerz?
Ja, wohl verdienst du ihn! Du siehst, dich zu betrüben
Hört er nicht auf, und doch hörst du nicht auf zu lieben.
Ich trag's nicht lange mehr. Still! Ha! ich höre dort
Schon die Musik. Es hüpft mein Herz, mein Fuß will fort.
Ich will! Was drückt mir so die bange Brust zusammen!
Wie ängstlich wird es mir! Es zehren heft'ge Flammen
Am Herzen. Fort, zum Fest! Ach, er hält mich zurück!
Armsel'ges Mädchen! Sieh, das ist der Liebe Glück!
Sie wirft sich auf einen Rasen und weint; da die andern auftreten, wischt sie sich die Augen und steht auf.
Weh mir, da kommen sie! wie werden sie mich höhnen!
Siebenter Auftritt
Amine. Egle. Lamon.
EGLE.
Geschwind! Der Zug geht fort! Amine! wie? in Tränen?
LAMON hebt die Kränze auf.
Die Kränze?
EGLE.
Was ist das? Wer riß sie dir vom Haupt?
AMINE.
Ich!
EGLE.
Willst du denn nicht mit?
AMINE.
Gern, wär es mir erlaubt.
EGLE.
Wer hat dir denn was zu erlauben? Geh und rede
Nicht so geheimnisvoll! Sei gegen uns nicht blöde!
Hat Eridon –?
AMINE.
Ja! Er!
EGLE.
Das hatt ich wohl gedacht.
Du Närrin, daß dich nicht der Schaden klüger macht!
Versprachst du ihm vielleicht, du wolltest bei ihm bleiben,
Um diesen schönen Tag mit Seufzern zu vertreiben?
Ich zweifle nicht, mein Kind, daß du ihm so gefällst.
Nach einigem Stillschweigen, indem sie Lamon einen Wink gibt.
Doch du siehst besser aus, wenn du den Kranz behältst.
Komm, setz ihn auf! und den, sieh! den häng hier herüber!
Nun bist du schön.
Amine steht mit niedergeschlagenen Augen und läßt Egle machen. Egle gibt Lamon ein Zeichen.
Doch ach, es läuft die Zeit vorüber,
Ich muß zum Zug!
LAMON.
Jawohl! Dein Diener, gutes Kind.
AMINE beklemmt.
Lebt wohl!
EGLE im Weggehen.
Amine! nun, gehst du nicht mit? Geschwind!
Amine sieht sie traurig an und schweigt.
LAMON faßt Egle bei der Hand, sie fortzuführen.
Ach, laß sie doch nur gehn! Vor Bosheit möcht ich sterben;
Da muß sie einem nun den schönen Tanz verderben!
Den Tanz mit rechts und links, sie kann ihn ganz allein,
Wie sich's gehört; ich hofft auf sie, nun fällt's ihr ein,
Zu Haus zu bleiben! Komm, ich mag ihr nichts mehr sagen.
EGLE.
Den Tanz versäumst du! Ja, du bist wohl zu beklagen.
Er tanzt sich schön. Leb wohl!
Egle will Aminen küssen. Amine fällt ihr um den Hals und weint.
AMINE.
Ich kann's nicht mehr ertragen.
EGLE.
Du weinst?
AMINE.
So weint mein Herz, und ängstlich drückt es mich.
Ich möchte! – Eridon, ich glaub, ich hasse dich.
EGLE.
Er hätt's verdient. Doch nein! Wer wird den Liebsten hassen?
Du mußt ihn lieben, doch dich nicht beherrschen lassen.
Das sagt ich lange schon! Komm mit!
LAMON.
Zum Tanz, zum Fest!
AMINE.
Und Eridon?
EGLE.
Geh nur! ich bleib. Gib acht, er läßt
Sich fangen und geht mit. Sag, würde dich's nicht freuen?
AMINE.
Unendlich!
LAMON.
Nun, so komm! Hörst du dort die Schalmeien?
Die schöne Melodie?
Er faßt Aminen bei der Hand, singt und tanzt.
EGLE singt.
Und wenn euch der Liebste mit Eifersucht plagt,
Sich über ein Nicken, ein Lächeln beklagt,
Mit Falschheit euch necket, von Wankelmut spricht,
Dann singet und tanzet, da hört ihr ihn nicht.
Lamon zieht im Tanz Aminen mit sich fort.
AMINE im Abgehen.
O bring ihn ja mit dir!
Achter Auftritt
Egle. Hernach Eridon mit einer Flöte und Liedern.
EGLE.
Schon gut! Wir wollen sehn! Schon lange wünscht ich mir
Gelegenheit und Glück, den Schäfer zu bekehren.
Heut wird mein Wunsch erfüllt; wart nur, ich will dich lehren!
Dir zeigen, wer du bist; und wenn du dann sie plagst! –
Er kommt! Hör, Eridon!
ERIDON.
Wo ist sie?
EGLE.
Wie! du fragst?
Mit meinem Lamon dort, wo die Schalmeien blasen.
ERIDON wirft die Flöte auf die Erde und zerreißt die Lieder.
Verfluchte Untreu!
EGLE.
Rasest du?
ERIDON.
Sollt ich nicht rasen!
Da reißt die Heuchlerin mit lächelndem Gesicht
Die Kränze von dem Haupt und sagt: »Ich tanze nicht!«
Verlangt ich das? Und – Oh!
Er stampft mit dem Fuße und wirft die zerrissenen Lieder weg.
EGLE in einem gesetzten Tone.
Erlaub mir doch zu fragen:
Was hast du für ein Recht, den Tanz ihr zu versagen?
Willst du denn, daß ein Herz, von deiner Liebe voll,
Kein Glück als nur das Glück um dich empfinden soll?
Meinst du, es sei der Trieb nach jeder Lust gestillet,
Sobald die Zärtlichkeit das Herz des Mädchens füllet?
Genug ist's, daß sie dir die besten Stunden schenkt,
Mit dir am liebsten weilt, abwesend an dich denkt.
Drum ist es Torheit, Freund, sie ewig zu betrüben;
Sie kann den Tanz, das Spiel und doch dich immer lieben.
ERIDON schlägt die Arme unter und sieht in die Höhe.
Ah!
EGLE.
Sag mir, glaubst du denn, daß dieses Liebe sei,
Wenn du sie bei dir hältst? Nein, das ist Sklaverei.
Du kommst: nun soll sie dich, nur dich beim Feste sehen;
Du gehst: nun soll sie gleich mit dir von dannen gehen;
Sie zaudert: alsobald verdüstert sich dein Blick;
Nun folgt sie dir, doch bleibt ihr Herz gar oft zurück.
ERIDON.
Wohl immer!
EGLE.
Hört man doch, wenn die Verbittrung redet:
Wo keine Freiheit ist, wird jede Lust getötet.
Wir sind nun so. Ein Kind ist zum Gesang geneigt;
Man sagt ihm: »Sing mir doch!« Es wird bestürzt und schweigt.
Wenn du ihr Freiheit läßt, so wird sie dich nicht lassen;
Doch machst du's ihr zu arg, gib acht, sie wird dich hassen.
ERIDON.
Mich hassen!
EGLE.
Nach Verdienst. Ergreife diese Zeit,
Und schaffe dir das Glück der echten Zärtlichkeit!
Denn nur ein zärtlich Herz, von eigner Glut getrieben,
Das kann beständig sein, das nur kann wirklich lieben.
Bekenne, weißt du denn, ob dir der Vogel treu,
Den du im Käfig hältst?
ERIDON.
Nein!
EGLE.
Aber wenn er frei
Durch Feld und Garten fliegt und doch zurücke kehret?
ERIDON.
Ja! Gut! da weiß ich's.
EGLE.
Wird nicht deine Lust vermehret,
Wenn du das Tierchen siehst, das dich so zärtlich liebt,
Die Freiheit kennt und dir dennoch den Vorzug gibt?
Und kommt dein Mädchen einst von einem Fest zurücke,
Noch von dem Tanz bewegt, und sucht dich; ihre Blicke
Verraten, daß die Lust nie ganz vollkommen sei,
Wenn du, ihr Liebling, du, ihr Einz'ger, nicht dabei;
Wenn sie dir schwört, ein Kuß von dir sei mehr als Freuden
Von tausend Festen: bist du da nicht zu beneiden?
ERIDON gerührt.
O Egle!
EGLE.
Fürchte, daß der Götter Zorn entbrennt,
Da der Beglückteste sein Glück so wenig kennt.
Auf! sei zufrieden, Freund! Sie rächen sonst die Tränen
Des Mädchens, das dich liebt.
ERIDON.
Könnt ich mich nur gewöhnen,
Zu sehn, daß mancher ihr beim Tanz die Hände drückt,
Der eine nach ihr sieht, sie nach dem andern blickt.
Denk ich nur dran, mein Herz möcht da vor Bosheit reißen!
EGLE.
Eh! laß das immer sein! das will noch gar nichts heißen.
Sogar ein Kuß ist nichts!
ERIDON.
Was sagst du? Nichts ein Kuß?
EGLE.
Ich glaube, daß man viel im Herzen fühlen muß,
Wenn er was sagen soll – Doch! willst du ihr verzeihen?
Denn wenn du böse tust, so kann sie nichts erfreuen.
ERIDON.
Ach, Freundin!
EGLE schmeichelnd.
Tu es nicht, mein Freund; du bist auch gut.
Leb wohl!
Sie faßt ihn bei der Hand.
Du bist erhitzt!
ERIDON.
Es schlägt mein wallend Blut –
EGLE.
Noch von dem Zorn? Genug! Du hast es ihr vergeben.
Ich eile jetzt zu ihr. Sie fragt nach dir mit Beben;
Ich sag ihr: »Er ist gut«, und sie beruhigt sich,
Ihr Herz wallt zärtlicher, und heißer liebt sie dich.
Sie sieht ihn mit Empfindung an.
Gib acht, sie sucht dich auf, sobald das Fest vorüber,
Und durch das Suchen selbst wirst du ihr immer lieber.
Egle stellt sich immer zärtlicher, lehnt sich auf seine Schulter. Er nimmt ihre Hand und küßt sie.
Und endlich sieht sie dich! Oh, welcher Augenblick!
Drück sie an deine Brust und fühl dein ganzes Glück!
Ein Mädchen wird beim Tanz verschönert, rote Wangen,
Ein Mund, der lächelnd haucht, gesunkne Locken hangen
Um die bewegte Brust, ein sanfter Reiz umzieht
Den Körper tausendfach, wie er im Tanze flieht,
Die vollen Adern glühn, und bei des Körpers Schweben
Scheint jede Nerve sich lebendiger zu heben.
Sie affektiert eine zärtliche Entzückung und sinkt an seine Brust, er schlingt seinen Arm um sie.
Die Wollust, dies zu sehn, was überwiegt wohl die?
Du gehst nicht mit zum Fest und fühlst die Rührung nie.
ERIDON.
Zu sehr an deiner Brust, o Freundin, fühl ich sie!
Er fällt Eglen um den Hals und küßt sie, sie läßt es geschehn. Dann tritt sie einige Schritte zurück und fragt mit einem leichtfertigen Ton.
EGLE.
Liebst du Aminen?
ERIDON.
Sie, wie mich!
EGLE.
Und kannst mich küssen?
O warte nur, du sollst mir diese Falschheit büßen!
Du ungetreuer Mensch!
ERIDON.
Wie? glaubst du denn, daß ich –
EGLE.
Ich glaube, was ich kann. Mein Freund, du küßtest mich
Recht zärtlich, das ist wahr. Ich bin damit zufrieden.
Schmeckt dir mein Kuß? Ich denk's; die heißen Lippen glühten
Nach mehr. Du armes Kind! Amine, wärst du hier!
ERIDON.
Wär sie's!
EGLE.
Nur noch getrutzt! Wie schlimm erging' es dir!
ERIDON.
Ja, keifen würde sie. Du mußt mich nicht verraten.
Ich habe dich geküßt, jedoch was kann's ihr schaden?
Und wenn Amine mich auch noch so reizend küßt,
Darf ich nicht fühlen, daß dein Kuß auch reizend ist?
EGLE.
Da frag sie selbst.
Letzter Auftritt
Amine. Egle. Eridon.
ERIDON.
Weh mir!
AMINE.
Ich muß, ich muß ihn sehen!
Geliebter Eridon! Es hieß mich Egle gehen,
Ich brach mein Wort, mich reut's; mein Freund, ich gehe nicht!
ERIDON für sich.
Ich Falscher!
AMINE.
Zürnst du noch? Du wendest dein Gesicht!
ERIDON für sich.
Was werd ich sagen!
AMINE.
Ach, verdient sie diese Rache,
So eine kleine Schuld? Du hast gerechte Sache,
Doch laß –
EGLE.
O laß ihn gehn! Er hat mich erst geküßt;
Das schmeckt ihm noch.
AMINE.
Geküßt!
EGLE.
Recht zärtlich!
AMINE.
Ah! das ist
Zuviel für dieses Herz! So schnell kannst du mich hassen?
Ich Unglückselige! Mein Freund hat mich verlassen!
Wer andre Mädchen küßt, fängt seins zu fliehen an.
Ach! seit ich dich geliebt, hab ich so was getan?
Kein Jüngling durfte mehr nach meinen Lippen streben;
Kaum hab ich einen Kuß beim Pfänderspiel gegeben.
Mir nagt die Eifersucht so gut das Herz wie dir;
Und doch verzeih ich dir's, nur wende dich zu mir!
Doch, armes Herz, umsonst bist du so sehr verteidigt!
Er fühlt nicht Liebe mehr, seitdem du ihn beleidigt.
Die mächt'ge Rednerin spricht nun umsonst für dich.
ERIDON.
O welche Zärtlichkeit! wie sehr beschämt sie mich!
AMINE.
O Freundin, konntest du mir meinen Freund verführen!
EGLE.
Getrost, mein gutes Kind, du sollst ihn nicht verlieren.
Ich kenn den Eridon und weiß, wie treu er ist.
AMINE.
Und hat –
EGLE.
Ja, das ist wahr, und hat mich doch geküßt.
Ich weiß, wie es geschah, du kannst ihm wohl vergeben.
Sieh! wie er es bereut!
ERIDON fällt vor Aminen nieder.
Amine! liebstes Leben!
O zürne du mit ihr! sie machte sich so schön;
Ich war dem Mund so nah und konnt nicht widerstehn.
Doch kennest du mein Herz, mir kannst du das erlauben,
So eine kleine Lust wird dir mein Herz nicht rauben.
EGLE.
Amine, küß ihn! weil er so vernünftig spricht.
Zu Eridon.
Lust raubt ihr nicht dein Herz, dir raubt sie ihres nicht.
So, Freund! du mußtest dir dein eigen Urteil sprechen;
Du siehst, liebt sie den Tanz, so ist es kein Verbrechen.
Ihn nachahmend.
Und wenn ein Jüngling ihr beim Tanz die Hände drückt,
Der eine nach ihr sieht, sie nach dem andern blickt,
Auch das hat, wie du weißt, nicht gar soviel zu sagen.
Ich hoffe, du wirst nie Aminen wieder plagen,
Und denke, du gehst mit.
AMINE.
Komm mit zum Fest!
ERIDON.
Ich muß;
Ein Kuß belehrte mich.
EGLE zu Aminen.
Verzeih uns diesen Kuß.
Und kehrt die Eifersucht in seinen Busen wieder,
So sprich von diesem Kuß, dies Mittel schlag ihn nieder. –
Ihr Eifersüchtigen, die ihr ein Mädchen plagt,
Denkt euren Streichen nach, dann habt das Herz und klagt.
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