Kitabı oku: «Leben mit "kaputtem Akku"»

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Johanna Krapf, geb. 1956, studierte Anglistik und Germanistik an der Universität Zürich, ist als Autorin tätig und hat mehrere Bücher u. a. zu den Themen Gehörlosigkeit sowie Tourettesyndrom publiziert. Sie ist Mutter dreier erwachsener Kinder und lebt in Rapperswil-Jona in der Schweiz.
www.johanna-krapf.ch
Johanna Krapf
Leben mit „kaputtem Akku“
Biografien von Menschen mit Myalgischer Enzephalomyelitis / Chronischem Fatigue Syndrom und Long Covid
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
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Satz und Gestaltung: Martin Vollnhals, Neustadt a. d. Donau
Umschlagabbildung: © wundervisuals/istockphoto.com
Umschlaggestaltung: Marion Ullrich, Frankfurt a. M.
ISBN: 978-3-86321-623-8
eISBN: 978-3-86321-584-2
Alle Rechte vorbehalten
„Leben mit ‚kaputtem Akku‘“ wurde großzügig unterstützt durch

| Sponsor:innen auf der Schweizer Crowdfunding-Plattform Wemakeit | |
Inhalt
Einleitung
Persönlicher Brief von Maria Wiedmer, Mélina Imdorfs Nichte, an Bundesrat Berset, den Schweizer Gesundheitsminister
Mélina Imdorf
Ursachen von ME/CFS
Jacqueline Keller
Diagnosekriterien/Symptome
Jacqueline Rölli
Verlauf der Krankheit
Protazy Rejmer
Behandlungsansätze (eine Information, keine Anleitung!)
Nicole Spillmann
ME/CFS in der Schweiz
Nenad Kovačić
Ausschlussdiagnostik
Interview mit Evi und Urs Rölli, Jacqueline Röllis Eltern
Tipps für den Umgang mit ME/CFS
Porträts von zwei Long-Covid-Betroffenen
Long Covid und ME/CFS
Erläuterungen und Fachbegriffe
Nachwort von Raphael Jeker
Bibliografie
Einleitung
„Entschuldige, wie heißt die Krankheit schon wieder, an der die Menschen leiden, die du in deinem Buch porträtierst?“ So wurde und werde ich immer wieder gefragt, wenn ich jemandem von meinem Projekt mit ME/CFS-Betroffenen erzähle.
„Sie heißt ME/CFS.“
„Ämme1 was?“
„M – E Schrägstrich C – F – S. Die Buchstaben stehen für Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue Syndrom. Das ist eine seit Jahrzehnten von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannte neuroimmunologische Multisystemerkrankung.“
„ME/CFS – noch nie gehört. Eine seltene Krankheit also?“
„Eben nicht. Allein in der Schweiz leiden rund 30.000 Menschen daran, in Deutschland etwa 250.000. Man geht von einer Prävalenz (Rate der Erkrankten) von 0,2 bis 0,4 Prozent aus.“
„Das kann doch nicht sein – so viele Leute? Warum kenne ich denn niemanden?“
„Vielleicht hängt das damit zusammen, dass viele von ihnen, wenn sie erkranken, einfach von der Bildfläche verschwinden. Rund 25 Prozent sind nämlich ans Haus gebunden, auf einen Rollstuhl angewiesen oder gar bettlägerig.“
Meist muss ich nun weiter ausholen, angefangen mit dem schwierigen Namen der Krankheit über ihre Definition bis hin zu der langen Liste von Symptomen. Nicht selten verheddere ich mich dabei in der Fülle von Zahlen und medizinischen Fachausdrücken, der wenigen Fakten und der vielen Hypothesen.
Auch ME/CFS-Betroffene selbst müssen immer und immer wieder Rede und Antwort stehen. Während ich jedoch gern über mein neues Projekt berichte, da mich das Interesse meiner Bekannten freut, fühlen sich die Betroffenen durch die Fragen genötigt, sich zu rechtfertigen und glaubhaft zu versichern, dass sie nicht simulieren, sondern schwerwiegend krank sind, dass sie zum Beispiel Schmerzen und ein vernebeltes Hirn haben, jede körperliche und geistige Anstrengung mit einer Zustandsverschlechterung bezahlen und ständig erschöpft sind, als wäre ihr Akku kaputt.
„Leben mit ‚kaputtem Akku‘“ möge dazu beitragen, dass das Wissen über ME/CFS verbreitet wird. Das Buch möge die Gesellschaft für die höchst belastende Situation der Betroffenen sensibilisieren und diese in ihrem Kampf um die Anerkennung von ME/CFS als eine körperliche Multisystemkrankheit unterstützen.
Doch warum ist denn diese Tatsache, dass es sich bei ME/CFS um eine körperliche Krankheit handelt, überhaupt so zentral? Ist ein psychisches Leiden nicht genauso ernst zu nehmen wie ein körperliches? Natürlich ist es das; jedes Leiden, sei es psychisch oder körperlich, ist individuell und kann nicht gemessen werden. Es geht ja auch gar nicht um ein Abwägen. Zudem bilden Körper und Seele eine Einheit und beeinflussen sich gegenseitig. Aber wenn die körperlichen Symptome der ME/CFS-Betroffenen als Depression, chronische Erschöpfung, Burnout oder posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert und sie als psychisch Kranke gesehen werden, dann werden sie nicht an die richtigen Spezialist:innen weiterverwiesen, und ihre Behandlung – mit einer Psychotherapie etwa und/oder mit Psychopharmaka – wird erfolglos oder gar kontraproduktiv sein.
„Leben mit ‚kaputtem Akku‘“ soll aber auch einen Einblick geben in die schwierigen Lebensumstände der ME/CFS-Betroffenen: Wie hat sich Nenad Kovačić gefühlt, als ihn die Krankheit dazu zwang, die mit viel Herzblut aufgebaute, florierende Designagentur zu verkaufen? Was geht in Jacqueline Rölli vor, wenn sie in einem abgedunkelten Zimmer auf ihrem Bett liegt – mit Sonnenbrille und Ohrstöpseln, um Licht und Geräusche abzublocken, und kaum fähig, den Löffel zum Mund zu führen, geschweige denn, ohne Hilfe zur Toilette zu gehen? Was macht es mit Mélina Imdorf, wenn alle möglichen Spezialist:innen sie für gesund erklären, obwohl sie schwer krank ist?
Bevor ich die konkrete Arbeit an meinem Buchprojekt aufnahm – ein Konzept entwickeln, ME/CFS-Betroffene suchen, die sich porträtieren lassen wollen, einen Finanzierungsplan aufstellen, ein erstes Interview führen und verfassen und so weiter –, besuchte ich Mélina in Mühlethurnen, einem Dorf in der Nähe von Bern. Denn sie war es gewesen, die mich auf diese rätselhafte Krankheit aufmerksam gemacht und den Wunsch geäußert hatte, ich möge ein Buch darüber schreiben, um die Gesellschaft aufzuklären und Verständnis für die Betroffenen zu wecken. Dieser Besuch in Mélinas Zuhause sollte meine Sicht auf die Krankheit verändern:
In der lichtdurchfluteten Wohnküche mit Ausblick in die Berge am Horizont, auf die saftigen Wiesen mit den friedlich grasenden Pferden, darüber die ruhig ihre Runden drehenden Milane, ist mir sofort wohl. Wir sitzen am Esstisch und plaudern angeregt: über Mélinas Ausbildung zur Rhythmiklehrerin, über ihre Liebe zu den Pferden, über ihre Leidenschaft zu tanzen, von der sie nur noch träumen kann, über ihre Odyssee quer durch den Dschungel der Schweizer Medizinlandschaft, über ihr jetziges Leben. Mélina vergleicht es mit einem Leiterspiel: Sie würfelt täglich und weiß nie, ob sie nach dem Würfeln auf einem Feld mit einer vorwärts führenden Leiter oder auf einer rückwärts gewandten Rutschbahn landet, ob ein guter Tag auf sie wartet oder einer voller Schmerzen und bleierner Müdigkeit.
Mélinas Augen glänzen, während sie erzählt, und ich frage mich, warum. Sehe ich ihr inneres Flämmchen, von dem sie sagt, sie müsse es sorgsam hüten und nähren, damit sie den Alltag bestehe und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht verliere? Sind es meine Anteilnahme, mein Interesse, mein Da-Sein, die Mélina guttun und das Lichtlein angezündet haben? Ist es die Trauer über das verpasste Leben, das ihre Augen feucht werden lässt? Oder ist es vielleicht gar die Krankheit, die einen fiebrigen Glanz erzeugt?
Immer wieder muss ich mir in Erinnerung rufen, dass Mélina krank ist, denn bis auf dieses leise Leuchten in ihren Augen, bis auf ihre zarte, fast durchsichtige Erscheinung kann ich es ihr nicht ansehen. Sie wirkt recht vital, kann durchaus energisch auftreten und hat keinerlei sichtbare Behinderung. Sie kann gehen, kann alle Glieder bewegen und sieht und hört bestens, ja, vielleicht sogar zu gut, denn manchmal macht ihr eine Überempfindlichkeit auf Lichtreize und Geräusche zu schaffen.
Doch das ist ja gerade ein zentrales Problem der ME/CFS-Betroffenen – zusätzlich zu der Krankheit selbst natürlich –, dass man ihnen diese nicht ansehen kann. Dass man ihnen nicht glaubt. Dass man sie auffordert, sich zusammenzureißen. Dass die allermeisten Hausärztinnen und -ärzte noch nie von der Krankheit gehört haben. Dass sich, auch wenn nach Jahren endlich die Diagnose ME/CFS gestellt wird, kaum Fachpersonen finden lassen, die sich mit der Krankheit auskennen, und dass es noch keine angemessene Behandlung gibt, sondern nur die einzelnen Symptome gelindert werden können – von einer Heilung ganz zu schweigen.
Ich sitze also Mélina gegenüber und versuche nachzuvollziehen, was sie durchmacht. Und ich muss zugeben: Ich schaffe es nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, was es heißt, höchstens ein paar Hundert Meter gehen zu können, ohne vor Anstrengung erschöpft zu sein; was es heißt, jeden noch so kurzen Spaziergang mit einer Verschlimmerung der Beschwerden und Schmerzen bitter bezahlen zu müssen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlen mag, wenn meine Armmuskeln so rasch ermüden würden, dass ich mein Haar nicht selbst föhnen könnte, wenn ich beim Falten der Wäsche nach weniger als zehn Kleidungsstücken eine Ruhepause einlegen müsste, wenn mein Kopf nach drei Minuten vor dem Computer zu explodieren drohte.
Natürlich, ich sehe das als Tagesbett eingerichtete Sofa in der Wohnküche, ich nehme wahr, wie Mélina immer wieder gähnt, obwohl sie gerade erst von einem längeren Mittagschlaf aufgestanden ist, und wie müde sie das Plaudern macht. Aber ihre ständigen Kopfschmerzen und die schlimmen Verhärtungen der Nackenmuskulatur nachzuempfinden, die nur nach der einmal pro Woche erfolgenden Physiotherapie für kurze Zeit nachlassen, das fällt mir nicht leicht.
Dass mich jedoch dieselben Vorurteile prägen, die Mélina und alle an einer unsichtbaren Krankheit leidenden Menschen verletzen, diesen Vorwurf hätte ich vehement abgestritten – bis sie mir zwei Wochen nach diesem ersten Besuch klar und deutlich vor Augen geführt wurden. Ich traf mich zu einem Plauderstündchen mit einer Bekannten. Sie fragte mich nach meinem neuen Buchprojekt, und ich erkundigte mich nach ihren gesundheitlichen Problemen, mit denen sie kämpft, seit ich sie kenne: Mal war es eine Grippe gewesen, mal eine Erkältung, mal eine Lungenembolie, mal ein rätselhafter Fieberschub, diesmal nun geschwollene Lymphdrüsen und immer auch eine tief sitzende Müdigkeit. Natürlich nahm ich einmal mehr Anteil an ihren Problemen und wünschte ihr, wie schon so oft, gute Besserung, viel Kraft und neue Energie. Was mich allerdings erneut befremdete: Warum saß sie immer zu Hause rum, anstatt die wunderschöne Gegend, in die sie eben umgezogen war, zu erkunden? Insgeheim dachte ich: Wenn du hinaus in die Natur gingest, würde das deiner Gesundheit bestimmt zuträglich sein. Der Anblick der Berge, der Duft der Wiesen und das Plätschern der Bächlein – sie würden dich erfreuen. Jeden Tag ein kurzer Rundgang an der frischen Luft, am Wochenende ein Spaziergang und hin und wieder vielleicht sogar eine bescheidene Wanderung oder eine Fahrradtour, das müsste doch wohl drin liegen. Dann könntest du besser schlafen und würdest weniger häufig krank. So dachte ich, aber natürlich verkniff ich mir jegliche Bemerkung.
An diesem Abend nun, als sich meine Bekannte über ihren Irrweg durch das Gesundheitswesen, über inkompetente Ärzte und Ärztinnen und die ständig wechselnden Diagnosen beklagte, fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: Wie ähnlich war doch ihre Leidensgeschichte derjenigen der ME/CFS-Betroffenen! (Übrigens würde später von ärztlicher Seite her der Verdacht geäußert werden, dass es sich bei ihr um ein Long-Covid-Syndrom handeln könnte.) Ich fühlte mich ertappt wegen meiner geheimen Gedanken: Entsprachen diese nicht ganz genau den Vorurteilen, mit denen ME/CFS-Betroffene ein ums andere Mal konfrontiert sind und die ich mit meinem Buch abbauen möchte?
Vorurteile sind sehr heimtückisch: Sie sitzen oft so tief, dass man sich ihrer nicht bewusst ist und sie folglich auch nicht angehen kann. Vielleicht lassen sich ja die Leser:innen von „Leben mit ‚kaputtem Akku‘“ dazu bewegen, in sich hineinzuhorchen und den eigenen Vorurteilen nachzuspüren? Es sind zwei getrennte Lebenswelten: diejenige der in der Gesellschaft (mehr oder weniger) funktionierenden Menschen und diejenige der chronisch Kranken, die aus dem Alltag und aus der Zeit gefallen sind, die von der Gesellschaft nicht ernst genommen, ja, die oft überhaupt nicht mehr wahrgenommen werden. Es ist allerhöchste Zeit, dass ME/CFS-Betroffene nicht mehr als Hypochonder abgestempelt werden, dass sie nicht jahrelang am finanziellen Abgrund balancieren müssen, da in der Schweiz ihr Anspruch auf eine Invalidenrente (IV) nicht anerkannt wird. Und es ist wichtig, dass Geld für die Erforschung der Krankheit, für die Suche nach Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten sowie nach einem wissenschaftlich gesicherten Biomarker bereitgestellt wird.
In „Leben mit ‚kaputtem Akku‘“ finden sich sechs Porträts von jüngeren und älteren ME/CFS-Betroffenen, deren Erkrankung ganz unterschiedliche Verläufe und Schweregrade aufweist. Vier Frauen stehen zwei Männern gegenüber, da Erstere mindestens doppelt so häufig an ME/CFS erkranken wie Letztere. Ein Interview mit einem betreuenden Elternpaar bietet eine Außenperspektive und macht bewusst, dass viele ME/CFS-Patient:innen auf den Beistand ihrer nächsten Angehörigen angewiesen sind, da das Sozialwesen, zumindest was ihre spezielle Situation betrifft, schmählich versagt. Zahlreiche Sachtexte runden das Bild ab. Zusätzlich habe ich zwei an Long Covid leidende Personen interviewt, um auf die Gemeinsamkeiten der beiden Syndrome hinzuweisen. Ob es sich bei Long Covid um einen Subtyp von ME/CFS handelt, wird zurzeit rege erforscht, so etwa in Deutschland, Großbritannien und in den USA.
Mein tiefster Dank gilt den porträtierten Personen für ihr Vertrauen und ihre Bereitschaft, mir Einblick in ihr Leben mit der Krankheit zu geben, insbesondere aber Mélina Imdorf, die das Projekt angeregt und mich während des ganzen Prozesses der Erarbeitung begleitet hat.
Mein Dank geht auch an den Verein ME/CFS Schweiz, der mir von Anfang an finanziell und beratend zur Seite stand.
Ebenso möchte ich mich bei Dr. Raphael Jeker bedanken, der die Sachtexte gegengelesen und ein Nachwort verfasst hat.
Eine Liste der Sponsor:innen findet sich auf Seite 5. Sie haben an das Projekt geglaubt und es mit ihren Beiträgen ermöglicht. Vielen Dank!
Ein herzliches Dankeschön richtet sich auch an die Lektorin Ute Maack und, last but not least, an den Mabuse-Verlag für die wunderbare Zusammenarbeit.
Johanna Krapf, September 2021
1 Das aus den Anfangsbuchstaben ME/CFS zusammengesetzte Kurzwort (Akronym) wird als „Ämmezeäffäss“ ausgesprochen.
Persönlicher Brief von Maria Wiedmer, Mélina Imdorfs Nichte, an Bundesrat Berset, den Schweizer Gesundheitsminister:2

Und Bundesrat Alain Berset hat ihr folgendermaßen geantwortet (persönliche Kommunikation):

2 „Lieber Alain berset,
Meine Tante hat ME/CFS Ich wollte dich fragen Ob du etwas dagegen machen kanst. Oder der IV sagen das meine tante Mehr geld braucht Sie kann Ja auch nicht mehr richtig arbeiten. Und muss oft sehr lange zeit nur im bett liegen. Und dann noch zu etwa 100 verschiedenen Ärtzten gehen.
Liebe grüsse Von Maria“
(Da Maria keine Kopie des Originals behalten hat, hat sie den Brief im Nachhinein aus ihrem Gedächtnis nochmals aufgeschrieben.)
Mélina Imdorf
Leiterlispiel
Ich kann nichts mehr essen. Messer bohren sich in meinen Kopf. Bitte, hört auf zu klappern mit Besteck und Geschirr. Seid still. Warum schreit ihr denn so? Jeder Laut ein Messer. Meine Augen brennen. Ich will weg.
Endlich Ruhe. Ich bin vom gemeinsamen Essen mit meiner Familie und Johanna, die extra hierher nach Mühlethurnen gekommen ist, damit ich ihr meine Geschichte erzählen kann, zurück in meine Wohnung geflüchtet. Jetzt liege ich auf dem Bett, im abgedunkelten Zimmer. Mein Kopf schreit, ansonsten ist es still. Ich bin allein, fühle mich getrennt von der Welt. Ich döse ein.
Die anderen habe ich einfach am Esstisch in meinem Elternhaus zurückgelassen. Tut mir leid, aber es musste sein. Mein Körper machte nicht mehr mit. Früher war das anders, früher, als ich noch tanzen konnte, da fühlte ich mich so wohl in meinem Körper, da konnte ich alles mit ihm ausdrücken: Rhythmus, Leidenschaft, Lebensfreude.
Jetzt lässt er mich schon nach der geringsten Anstrengung im Stich und reagiert jedes Mal mit einer tiefen Erschöpfung und heftigen Schmerzen: Gestern fuhr ich rasch zum Stall, um meinem Pferd Sämi – eigentlich gehört er den Eltern – nahe zu sein. Nicht um ihn zu reiten, ach was, das kann ich doch schon lange nicht mehr. Nicht einmal, um ihn zu striegeln, nur um ihn zu sehen und zu spüren. Und heute bezahle ich nun den Preis dafür: schwere Muskeln und Kopfweh. Deshalb kann ich das Interview nicht zu Ende führen, und Johanna wird nochmals anreisen müssen. Deshalb? Nein, stimmt nicht, ich hätte mich ohnehin nicht mehr konzentrieren können. Wir haben wahnsinnig lange gearbeitet. Zwei Stunden. Länger. Zweieinviertel Stunden! Kunststück, dass mein Gehirn glüht. Dass meine Augen aus dem Kopf quellen.
Mein Vater meinte, wir könnten das Interview am Computer beenden. Am Computer! Wie soll das denn gehen, wenn sich der Bildschirm schon nach fünf Minuten zu bewegen beginnt, das Bild auseinanderbricht und sich die Splitter in meine Augen bohren?
Beschreibung im Arztbericht: chronische Kopfschmerzen vom Spannungstyp, Migräne, lang andauernder Erschöpfungszustand, kein Anhaltspunkt für eine spezifische körperliche Ursache.
Eigentlich könnte die Diagnose schon seit acht Jahren feststehen: Ich leide an ME/CFS, das heißt, an einer organischen Krankheit. Doch diese Tatsache wird von den meisten Ärztinnen und Ärzten in der Schweiz, die mich untersucht haben, einfach ignoriert beziehungsweise sie (aner-)kennen die Krankheit nicht und sehen hinter all den körperlichen Symptomen ausschließlich die Psyche. Klar spielt diese hinein. Das will ich gar nicht abstreiten. Körper und Psyche sind nicht voneinander zu trennen. Warum habe gerade ich eine solch heftige – eine solch heftige körperliche – Krankheit bekommen? Diese Frage beschäftigt mich sehr. Dennoch muss zwischen der Rolle der Psyche und der organischen Krankheit, die mich seit Jahren fest im Griff hat, unterschieden werden. Letztere ist kein psychiatrisches Problem, sondern ein neuroimmunologisches Syndrom, und entsprechend können die Symptome – migräneartige Kopfschmerzen, schwere Erschöpfung, verhärtete Muskeln, eine Schlafstörung, Halsweh und anderes – nicht mithilfe einer Psychotherapie angegangen werden, sondern ihre Behandlung muss auf einer medizinischen Analyse basieren.
Die Frage nach der Rolle der Psyche, so interessant sie auch sein mag, lenkt die Aufmerksamkeit weg von den körperlichen Symptomen und deren Behandlung, aber auch von möglichen körperlichen Ursachen – Infektionen mit dem Epstein-Barr-Virus oder mit Borrelien etwa –, und hin zu der psychischen Disposition.
Gleichwohl frage ich mich immer wieder, welchen „Nutzen“ ich aus der Krankheit ziehe, und schlage damit einen Bogen von ihr zu meiner Kindheit, denn die Krankheit hat dazu geführt, dass ich jetzt, im Gegensatz zu damals, sehr viel Aufmerksamkeit erhalte! Dank ihr werde ich wahrgenommen, und das tut mir gut, in meiner Kindheit hingegen stand ich meist im Hintergrund. Ich wurde im September 1981 als klassisches Sandwichkind geboren. Meine beiden Brüder nahmen in der Familie sehr viel Platz ein. Da war der knapp zwei Jahre ältere Dominic, der schon als kleiner Bub jede Entscheidung hinterfragte und ständig gegen den Strom schwamm – Hauptsache anders als alle anderen –, was immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen und später zu endlosen Diskussionen führte. Mühsam war das, echt mühsam. Und dann der drei Jahre jüngere Daniel, der bei seiner Geburt fast gestorben wäre und danach noch lange Zeit kränkelte. Mit diesem schwierigen Start ins Leben hingen vermutlich auch seine ausgeprägte Ängstlichkeit und die Jahre andauernde Durchschlafstörung zusammen. Jedenfalls verlangten die beiden Buben meinen Eltern alles ab, und vor allem meine Mutter, die am Tourettesyndrom leidet, war oft am Ende ihrer Kräfte. Also fiel mir die Rolle des ruhigen, angepassten und schüchternen Kindes zu – was allerdings nicht heißt, dass ich nicht sehr genau wusste, was ich wollte, und dass ich meine Wünsche nicht durchgesetzt hätte. Klavierunterricht zum Beispiel und Reitstunden; darauf bestand ich als Neunjährige so lange, bis meine Eltern einwilligten. Und mit diesen beiden Hobbys glich ich aus, was mir an Aufmerksamkeit fehlte: Bei den Pferden holte ich mir Nähe und Wärme, indem ich eine Bindung zu ihnen aufbaute, und das Klavierspiel diente mir als Oase, in die ich mich flüchten konnte, wenn ich Abstand vom Alltag brauchte. Täglich übte ich bis zu zwei Stunden, freiwillig wohlverstanden, und vergaß alles um mich herum. So traten auch Probleme, zum Beispiel schulische, ganz automatisch in den Hintergrund und fühlten sich nach dem Üben nicht mehr so quälend an.
Ich spürte aber nicht nur sehr genau, was mir selbst guttat, sondern ich nahm auch die Bedürfnisse der anderen wahr, in erster Linie die meiner Mutter. Ich hatte immer irgendwie das Gefühl, ich müsse dafür sorgen, dass es ihr gut gehe, ich müsse sie schützen. Denn ich sah, mit wie viel Liebe sie sich um alles kümmerte, wie sie ihr Bestes gab, dass sie manchmal überfordert war, obwohl sie sich ganz uns Kindern und dem Haushalt widmen konnte. Sie ging nämlich erst wieder auswärts arbeiten, und das nur tageweise, als ich in die Pubertät kam. Mein Vater hingegen, der einen Vollzeitjob hatte, war viel weniger präsent.
Es mag jetzt den Anschein machen, als wäre meine Kindheit schwierig gewesen. Das will ich damit jedoch nicht sagen. Sie waren schön, meine Jahre hier in Mühlethurnen: Ich durfte ganz Kind sein, durfte nach Herzenslust spielen, drinnen und draußen, frei und unbeschwert, und es störte meine Mutter überhaupt nicht, wenn ich jeden Abend vor Dreck starrte. Sie freute sich über die kreativen Ideen der Kinder und mischte sich nicht in unser Spiel ein, aber sie war da, wenn sie gebraucht wurde. Doch ich beanspruchte ihre Zeit und Aufmerksamkeit selten, da ich ein braves Kind war.
In der Schule hielt ich mich ebenfalls im Hintergrund. Ich war im Klassenverband integriert, stand aber nie im Mittelpunkt des Geschehens. Auch wird mir, wenn ich mein bisheriges Leben überblicke, klar: Ich habe meistens nur eine Freundin gehabt und in der Regel nicht sehr lange dieselbe, denn ich bin wiederholt im Stich gelassen worden. Aber allein bin ich selten gewesen. Jedenfalls wenn ich von der Gegenwart absehe …!
Zurück zur Schule: Da ich, schüchtern wie ich war, weder dort noch zu Hause je um Unterstützung bat, erfüllten meine Leistungen, als es um einen allfälligen Übertritt in die Sekundarschule3 ging, die Anforderungen nicht. Vermutlich war ich aber auch einfach noch nicht reif genug. Also blieb ich in der Volksschule bis zum Ende der obligatorischen neunjährigen Schulzeit, was den Vorteil hatte, dass ich nie unter Druck geriet und im Großen und Ganzen gern zur Schule ging. Meine Eltern ließen mich gewähren und vertrauten darauf, dass ich meinen eigenen Weg finden würde. Und damit hatten sie recht, denn im Anschluss an die Volksschule durfte ich ein zehntes Schuljahr in Bern besuchen und holte dort den verpassten Sekundarschulabschluss nach.
Heute weiß ich, dass ich viel besser lernen kann, wenn ich den Lehrstoff mit Musik verbinde, wenn ich zum Beispiel ein Gedicht, das ich auswendig lernen muss, mit einer Melodie unterlege. Musik beziehungsweise Rhythmik war denn auch der Schlüssel zu meiner Zukunft. Nicht dass mir das nach dem Ende der Schulzeit bewusst gewesen wäre, sondern der Zufall oder das Schicksal wollte es, dass mir in der Berufsberatung beim Durchblättern eines Ordners mit allen möglichen Berufsbildern der Titel „Rhythmiklehrperson“ ins Auge stach. Das war es, was ich werden wollte: Der Beruf hatte mit Kindern zu tun, das war die Hauptsache, und Rhythmik tönte gut. Was genau er beinhaltete, fragte ich mich nicht. Ich absolvierte also das vorgeschriebene einjährige Praktikum – als Kleinkindererzieherin in einer Kinderkrippe – und nahm anschließend die vier Jahre dauernde Ausbildung an der Fachhochschule für Musik und Theater in Biel in Angriff. Dort kamen endlich meine Stärken zum Zuge: Bewegung und natürlich die Musik respektive das Klavierspiel. Die Bewegung war für mich seit der Pubertät immer wichtiger geworden, sodass ich fast jeden Abend in den Thuner Discos tanzen gegangen war und mich nächtelang auf Technopartys ausgetobt hatte, während sich meine Eltern zu Hause Sorgen machten. Und die Musik war seit meinen ersten Klavierstunden eine Konstante in meinem Leben gewesen.
Ich genoss das Studium in vollen Zügen. Die rhythmisch-musikalische Erziehung ist eine ganzheitliche Pädagogik und richtet sich in erster Linie, aber nicht nur, an Kinder. Durch den spielerischen Einsatz von Musik, Sprache und Bewegung – durch das ganzheitliche Erleben und fantasievolle Gestalten von Versen, Reimen, Liedern, Bewegungsspielen und Tänzen – wird das Kind in seiner natürlichen Musikalität, in seinem Bewegungsvermögen, in seiner Sprach- und Persönlichkeitsentwicklung gefördert, und seine Sinne, vor allem Auge, Ohr und Tastsinn, sowie die Körper-, Zeitund Raumwahrnehmung werden verfeinert. (Der therapeutische Aspekt der Rhythmik wurde in meiner Ausbildung nur am Rande tangiert.)
Doch nach dem Abschluss der Ausbildung im Jahr 2003 fand ich keine Stelle, denn im Kanton Bern wurde damals das Fach Musikgrundschule/Rhythmik an den Schulen noch kaum angeboten. Also arbeitete ich erst einmal als Springerin in einem Kinderhaus, was mir zwar nicht schlecht gefiel, aber eigentlich nicht meinem Berufsziel entsprach. Nach zwei Jahren schließlich war ich bereit, um dessentwillen „auszuwandern“, und übernahm in Zürich eine sechsmonatige Stellvertretung als Rhythmiklehrerin. Sie sollte sich als Sprungbrett für meine berufliche Zukunft erweisen, denn danach erhielt ich meine ersten festen Stunden, allerdings nicht alle an einer einzigen Schule, da die wenigsten Gemeinden eine Vollzeit arbeitende Lehrperson in Rhythmik brauchen. Das heißt, ich arbeitete mit größeren und kleineren Pensen in verschiedenen Gemeinden, in verschiedenen Kantonen gar, und war somit ständig auf dem Sprung von Schulhaus zu Schulhaus. In keinem Team war ich richtig integriert, ich musste mit vielen Klassenlehrpersonen zusammenarbeiten und unterrichtete unzählige Kinder. Das war, wen wundert’s, eine Herausforderung. Doch ich liebte meine Aufgabe: Sie gab mir die Möglichkeit, mich ganz auf die Kinder einzulassen und meine Kreativität auszuleben. Ja, ich hatte meine Berufung gefunden!
Sechs Jahre arbeitete ich als Rhythmiklehrerin, bevor mich die Gesundheit im Stich ließ, sechs zwar recht strenge, doch sehr gute Jahre. Deshalb möchte ich betonen, dass die späteren gesundheitlichen Probleme nichts mit dem Arbeitsdruck zu tun hatten. Es ging mir prima in dieser Zeit – ich wohnte in Gunzgen im Kanton Solothurn –, und auch mein Hobby, das Tanzen, kam trotz der beruflichen Herausforderung nicht zu kurz. Dank einer Kollegin, die mich zu einer Tanzshow mitgenommen hatte, entdeckte ich die Faszination des Paartanzes und besuchte nun Kurse, um die verschiedenen Tänze kennen- und beherrschen zu lernen. Ich stand also mit beiden Beinen im Leben, hatte einen tollen Job und ein neues Hobby, den Paartanz, als ganz plötzlich alles anders kam: Ich wurde telefonisch zu der Besprechung eines Papillomavirus-Tests (er dient der Prävention von Gebärmutterhalskrebs) aufgeboten, dem ich mich routinemäßig unterzogen hatte und der positiv ausgefallen war. Resultat der Besprechung: Ich musste eine Biopsie machen lassen.
Die Biopsie, wegen einer Zellveränderung durch Papillomaviren: höllisch, ohne Betäubung, höllisch, am Gebärmutterhals, höllische, traumatisierende Schmerzen!
Bei dieser Biopsie schnitt der Arzt Zellgewebe heraus – drei einfränklergroße Hautstücke waren es! –, ohne eine lokale Betäubung vorgenommen zu haben, sodass mein Geist zeitweise meinen Körper verließ, damit ich die höllischen Schmerzen nicht mehr wahrnehmen musste. Danach war ich nicht mehr dieselbe Person wie vorher. Ich verließ die Praxis und torkelte wie in Trance zum Bahnhof, fuhr zu meinen Eltern nach Mühlethurnen, setzte mich dort ins Auto und kehrte in meine Wohnung zurück. Es grenzt an ein Wunder, dass ich keinen Unfall baute. Ich kann mich jedenfalls an nichts mehr erinnern. Am folgenden Tag ging ich arbeiten, als wäre nichts gewesen. Oberstes Ziel: das Erlebnis ausblenden, die Erinnerung aus meinem Kopf kriegen, nur ja nicht darüber nachdenken. Auch die nachfolgende kleine Operation, bei der die entarteten Zellen weggelasert wurden, ließ ich anstandslos über mich ergehen, und zwar unter Vollnarkose, da ich auf keinen Fall irgendetwas davon mitbekommen wollte. Alles war mir egal, solange nur die Bilder der Höllenqual nicht in mir aufstiegen. Diese Entscheidung für eine Vollnarkose war allerdings vermutlich ein verheerender, folgenschwerer Fehler, denn die Narkose könnte einer der Auslöser meiner ME/CFS-Erkrankung gewesen sein.
Nach der Operation erholte ich mich nie mehr vollständig. Am Anfang dachte ich, das müsse wohl damit zusammenhängen, dass ich zu früh zur Arbeit zurückgekehrt war, weil meine Vorgesetzte mich unter Druck gesetzt hatte. Sie hatte behauptet, es sei an mir, eine Stellvertretung für die 14 Tage Krankenurlaub zu organisieren (was natürlich nicht stimmte). Als ich auf die Schnelle niemanden fand, der oder die für mich einspringen konnte, und da die Chefin nicht gewillt war, die Stunden ausfallen zu lassen, unterrichtete ich sie eben selbst. Keine gute Idee! Gar keine gute Idee, denn von da an fühlte ich mich ständig müde, und auch der Schlaf brachte mir nicht die gewünschte Erholung. Doch vorläufig machte ich mir deswegen noch keine Sorgen: Das sei die Frühlingsmüdigkeit, trösteten mich meine Bekannten, und außerdem standen die Sommerferien vor der Tür, danach würde bestimmt alles wieder beim Alten sein. Voller Elan und sogar mit einem größeren Pensum als vorher startete ich ins neue Schuljahr. Die Müdigkeit ließ jedoch nicht mehr von mir ab, ich litt ständig unter Kopfschmerzen, und eine eigenartige, sehr schmerzhafte Verhärtung der ganzen Nacken- und Rückenmuskulatur, die von einer Sekunde auf die andere meinen Rücken in eine Schiefhaltung brachte, überfiel mich nun immer öfter. Schließlich, nach einem besonders schweren Anfall, suchte ich die Notfallstation auf, wo ich aber nur mit ein paar Tipps – ich solle mich in der Badewanne entspannen und Salbe einreiben – abgespeist wurde. Danach ging ich zum Hausarzt, der ebenfalls sehr bald mit seinem Latein am Ende war und mich weiterverwies ans Spital Olten. Der dortige Neurologe machte diverse Tests, doch herauskam – nichts! Es sei alles in Ordnung mit mir.
Symptome: starke Müdigkeit, täglich heftige Kopfschmerzen, hin und wieder für kurze Zeit Muskelschmerzen in unterschiedlichen Körperteilen.
Immer häufiger hatte ich nun Probleme mit der Konzentration. Da stand ich dann mit vernebeltem Kopf vor den Kindern, konnte meine Stundenpräparation nicht abrufen, und ihre Fragen drangen nicht zu mir durch – und trotzdem sollte mit mir alles in Ordnung sein? Verzweifelt suchte ich wieder den Hausarzt auf. Dieser schrieb mich für zwei Wochen krank. Aber als es mir nachher immer noch nicht besser ging, war ich bei ihm nicht mehr willkommen. Also wandte ich mich, weil ich unbedingt ein Arztzeugnis brauchte, wieder an den Neurologen im Spital Olten, doch da war ich an der falschen Adresse. Er könne mich nicht krankschreiben, ich sei ja gesund, ich solle zum Hausarzt gehen: Hausarzt – Neurologe – Hausarzt, eine Endlosschleife, die damals ihren Anfang nahm und mich bis heute von Abklärung zu Abklärung, von Arzt zu Ärztin führt. Ich wusste nicht mehr weiter. Keiner wollte mir helfen, obwohl ich zwingend darauf angewiesen war, mal für einen Tag, mal für eine Woche, mal für drei Tage bei der Arbeit aussetzen zu können, denn ich war der beruflichen Herausforderung je länger je weniger gewachsen. Schlussendlich raffte ich mich auf und suchte mir eine neue Hausärztin. Und siehe da, ich hatte Glück und fand eine Frau, bei der ich mich sehr gut aufgehoben fühlte, die mich ernst nahm und mir ein Arztzeugnis ausstellte, wenn es nicht anders ging. Doch das schlechte Gewissen wegen meiner häufigen Ausfälle quälte mich, sodass ich zuerst diejenigen Stunden, die ich nach den Sommerferien neu übernommen hatte, kündigte, und dann, ein halbes Jahr später, auch eines der beiden anderen Pensen. Versicherungstechnisch war das natürlich alles andere als weise, aber ich sah keinen anderen Ausweg, und der Case Manager, der es eigentlich hätte besser wissen müssen, versagte völlig. Unterdessen erklärte mich meine neue Hausärztin zu 100 Prozent arbeitsunfähig. Dennoch knickte ich schließlich unter dem Druck der Schulleitung ein und kündigte auch noch das letzte Pensum. Über eineinhalb Jahre konnte ich nun überhaupt nicht mehr arbeiten.
In diese Zeit fiel meine erste Anmeldung bei der Invalidenversicherung (IV), und, nach der üblichen Wartefrist von weit mehr als einem Jahr, folgte mein Termin bei einem IV-Gutachter. Oje, war das ein Reinfall! Er hatte keine Ahnung von meiner Thematik, ging in keiner Weise auf mich ein, quetschte mich drei Stunden lang aus wie eine Zitrone und drehte mir zu guter Letzt in seinem Bericht, den ich später zur Einsicht erhielt, alles im Mund um, was ich gesagt hatte. Na ja, wenn mir diese Tortur wenigstens eine Rente verschafft hätte, dann hätte sie sich immerhin gelohnt. Aber ich war – so der Gutachter, ein Psychiater übrigens – gesund, munter und fit und hatte folglich keinen Anspruch darauf. Kein Wunder, dass mir das Vertrauen in solche „Fachpersonen“, ja, in die Schulmedizin überhaupt, damit endgültig abhandengekommen war.
Gleichzeitig nahm der Untersuchungsmarathon, auf den ich mich vor allem wegen der Kopfschmerzen und der Müdigkeit eingelassen hatte, seinen Lauf. Er brachte mich allerdings keinen Schritt weiter. Immer wieder musste ich mir anhören, dass mit mir körperlich alles in Ordnung sei. Spannungskopfweh und Müdigkeit seien wohl auf eine psychische Störung zurückzuführen, ich solle es doch einmal mit einem Antidepressivum probieren. Und als ich mich weigerte, solche Medikamente zu schlucken, schickte man mich in ein Ambulatorium für psychische Probleme, wo mir eine Angststörung angedichtet wurde mit der Begründung, ich sei verzweifelt vor Angst, dass ich wegen der Biopsie nicht mehr schwanger werden könne. Ja, natürlich war ich verzweifelt, ja, logisch, dass es mir psychisch nicht gut ging, aber das war doch nicht anders zu erwarten bei all den körperlichen Symptomen. Mit einer psychischen Störung hatte meine Verzweiflung jedenfalls nichts zu tun.
Neurologische Untersuchung in Olten (keine zielführende Diagnose), schlafmedizinische und Wachhaltetest-Untersuchung im Spital Solothurn (keine zielführende Diagnose), MRI in Olten (keine zielführende Diagnose), EEG in Olten (keine zielführende Diagnose), Besuch beim psychiatrischen Dienst in Solothurn, Ultraschall Milz.
Auf der persönlichen Ebene war mein Leben trotzdem reich: Am Tanzen hatte ich vorerst beharrlich festgehalten, denn nach der verhängnisvollen Biopsie und der OP hatte ich im Ausgang beim Discofox-Tanzen meinen zukünftigen Mann kennengelernt. Wir harmonierten wunderbar zusammen, und so entschieden wir uns, uns auf die Teilnahme an Tanzturnieren vorzubereiten – trotz der Erschöpfung, die mich ja immer begleitete, und trotz der Kopfschmerzen. Schließlich zog ich sogar zu ihm in den Kanton Baselland, wo er mit seiner Familie eine Bäckerei betrieb. Wir malten uns unsere gemeinsame Zukunft und die vielen Erfolge an Tanzturnieren aus, wenn es mir wieder besser gehen würde. Doch davon war vorerst keine Rede. Unterdessen konnte ich kaum mehr aufstehen, geschweige denn tanzen. Monatelang war ich sogar ganz bettlägerig und musste all meine Energie bündeln, um die migräneartigen Kopfschmerzen zu ertragen und wenigstens noch in die Psychotherapie und zu meiner Hausärztin gehen zu können. So begann ich mich denn auch mit dem Thema des begleiteten Freitods zu befassen, da ich mir nicht vorstellen konnte, diese grauenhaften Schmerzen ein Leben lang auszuhalten. Zum Glück stand mein Partner in dieser schwierigen Zeit voll hinter mir und kümmerte sich rührend um mich und um den Haushalt. Viel mehr als mal ein T-Shirt zu bügeln war mir nämlich nicht möglich. Auch weitere Abklärungen, um die Ursache meiner rätselhaften Krankheit aufzuspüren, ließ ich fortan bleiben, weil ich schlicht zu müde und krank war. Diese akute Phase dauerte mindestens ein halbes Jahr, bevor sich nach und nach eine Besserung abzeichnete, warum auch immer. Ich habe bis heute keine Erklärung dafür. Jedenfalls musste ich das Bett nicht mehr rund um die Uhr hüten, und ich begann vorsichtig, dies und jenes im Haushalt zu erledigen.
Mittlerweile war mein Vater, der nicht locker ließ bei seinen Recherchen nach der Ursache meiner Symptome, auf die Krankheit ME/CFS respektive CFS gestoßen, und er drängte darauf, diesem Verdacht nachzugehen. Nur wie und wo überhaupt? Der einzige „Spezialist“ in der Schweiz, den er auftreiben konnte und zu dem ich mich schließlich sogar schleppte, schaute mir tief in die Augen und sagte dann gewichtig: „Ja, genau, Sie leiden an CFS.“ Alles klar – nur, auf solch eine aus der Luft gegriffene (oder an den Augen abgelesene) Diagnose konnte ich gut verzichten! Weiter ging die hoffnungslose Suche nach CFS-Spezialist:innen, hoffnungslos darum, weil die Krankheit in der Schweiz offensichtlich noch völlig unbekannt war. Folglich weitete mein Vater die Recherche nach Deutschland aus, und, tatsächlich, in Bamberg stieß er auf einen Arzt, der ihm einen seriösen Eindruck machte. Doch ich war gar nicht erpicht auf eine solch beschwerliche Reise, und er brauchte wahrlich einen langen Atem, um mich von deren Sinn zu überzeugen. Nun, er sollte recht behalten, der Aufwand lohnte sich, denn Doktor Wolfram Kersten nahm sich meiner an, stellte mir sinnvolle Fragen und untersuchte mich gründlich. Anhand dieser Tests, die einerseits mögliche Krankheiten ausschlossen, andererseits vorliegende Störungen nachwiesen, stellte auch er die Diagnose Chronisches Erschöpfungssyndrom CFS in den Raum. Aber vor allem bestätigte er mir, dass meine Symptome einen organischen Ursprung hatten, dass also absolut nicht alles in Ordnung war, wie man mir bisher immer versichert hatte. Das war Mitte des Jahres 2012. Bis ich in der Schweiz eine Bestätigung der Diagnose CFS erhalten würde, sollte es noch über sieben Jahre dauern!
Umfassende Blut-, Hormon-, Stuhl- und Schwermetalluntersuchungen; Ausschluss: instabile Halswirbelsäule und Hashimoto-Thyreoiditis (Schilddrüsenentzündung, eine Autoimmunerkrankung);
Diagnose: CFS, Nebennierenunterfunktion, Mangel an Fettsäuren, Mineralstoffen sowie Vitaminen, Epstein-Barr-Infektion, Verdauungsstörung, Nahrungsunverträglichkeiten, eine hypotone Kreislaufdysregulation (niedrige Blutdruckwerte) u. a.
Auf diese Untersuchung und den Verdacht eines CFS folgte eine zwei Jahre dauernde Orthomolekulartherapie4 unter der Leitung von Doktor Kersten, die zumindest anfänglich eine leichte Abschwächung der Symptome bewirkte. Vermutlich hätten mir allerdings Hinweise, wie ich mich als CFS-Betroffene verhalten solle, und Strategien für den Umgang mit der Krankheit weit mehr genützt als die Therapie selbst. Ich hatte zum Beispiel keine Ahnung, wie wichtig das richtige Haushalten mit der verbleibenden Energie ist und dass jede noch so kleine Überanstrengung zu einem Rückschlag führt oder wie ich meine Schlafqualität verbessern könnte.
Daheim ging der Abklärungsmarathon weiter, denn ich hatte ja weiterhin keine gesicherte Diagnose, die auch in der Schweiz akzeptiert wurde, war und ist doch CFS (lieber wäre mir die Bezeichnung ME oder allenfalls ME/CFS) hier kein Thema. Zwar wusste ich nun, dass Epstein-Barr-Viren in meinem Blut nachgewiesen werden konnten, doch das ist bei 90 Prozent der Bevölkerung der Fall, und ich hatte einen niedrigen Blutdruck, der aber meine massiven Symptome ebenfalls nicht erklärte. Es folgten also weitere gynäkologische, neurologische, genetische und psychiatrische Untersuchungen und so weiter und so fort.
Die Fäden im Verlauf all dieser Abklärungen – der Suche nach einer Diagnose und deren Ursachen, nach geeigneten Ärzten und Ärztinnen, nach möglichen Behandlungsansätzen –, diese Fäden sind von Anfang an in den Händen meines Vaters zusammengelaufen. Er hat es sich sozusagen zu seiner Lebensaufgabe gemacht, mir jetzt, da er pensioniert ist, beizustehen auf meinem Weg zu einer Besserung oder gar Genesung. Dafür bin ich ihm außerordentlich dankbar.
Fast geht vergessen, dass ich neben diesem Untersuchungsmarathon auch noch ein Privatleben führte. Als ich mich nach der akuten Phase endlich aufgerappelt hatte, schien meinem Freund und mir der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein zu heiraten. Das war im Spätsommer 2013. Und ich begann auch wieder zu arbeiten, und zwar als Hilfskraft in der familieneigenen Bäckerei, wo ich mir mein 50-Prozent-Pensum nach Bedarf einteilen durfte. Und Anfang 2015 wurden mir sogar wieder sechs Lektionen Musikgrundschule an einer benachbarten Primarschule anvertraut, sodass ich die Arbeitszeit in der Bäckerei entsprechend reduzieren konnte. Natürlich hatte ich auch mein geliebtes Hobby, das Tanzen, wieder aufgenommen. Mein Mann und ich besuchten zusammen Privatlektionen, um uns auf unser erklärtes Fernziel vorzubereiten, nämlich bei der Schweizer Meisterschaft zuoberst auf dem Podest zu stehen. Und das hätten wir ganz bestimmt auch erreicht, wenn uns nicht eine Beziehungskrise – und mein Gesundheitszustand – einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Unsere Ehe war nämlich in eine Sackgasse geschlittert, und nach gut zwei Jahren zog mein Mann aus. Die Trennung machte mir natürlich außerordentlich zu schaffen, obwohl wir sie im gegenseitigen Einverständnis vollzogen hatten: Meine Träume waren geplatzt, nicht nur diejenigen für uns als Paar, sondern leider auch diejenigen für uns als Tanzpartner und Schweizer Meister im Discofox! Zwar trafen wir uns im folgenden Jahr noch hin und wieder zum Tanzen, aber da sich mein Gesundheitszustand erneut zusehends verschlechterte und ich infolge unserer Trennung auch psychisch mit mir zu kämpfen hatte, war ich den Anforderungen meines Ex-Mannes bald nicht mehr gewachsen, sodass er sich nach einer neuen Tanzpartnerin umschaute und die Tanzkarriere mit ihr weiterführte. Das schmerzt bis heute.
Ich fühlte mich von allen im Stich gelassen. Auch der lokale Sozialdienst, wo ich mich nach einer Sozialberatung erkundigte, versagte. Und unglücklicherweise hatte ich kurz vorher die langjährige Psychotherapie abgeschlossen, da mir die Therapeutin mitgeteilt hatte, sie könne mich nicht länger unterstützen; was ich brauche, sei eine Körpertherapie.
Psychisch tauche ich völlig ab.
Suizidgedanken verfolgen mich.
Ich stehe in der Dusche und sehe den Duschschlauch,
wie er sich um meinen Hals legt.
Ich weiß mir nicht mehr zu helfen.
Schließlich entschied ich mich, zurück in den Kanton Bern zu ziehen. Nichts hielt mich mehr in dieser Wohnung, in dieser Umgebung zurück. Ich hatte meine Beziehung, meine Stelle, meinen Halt und meine Gesundheit verloren. Was ich brauchte, war ein Neuanfang. In der Abgeschiedenheit eines Berner Dörfchens am Eingang des Emmentals, in Linden, wollte ich ihn wagen. Dort hatte ich eine schöne Wohnung gefunden, und dort kämpfte ich mich nach meinem Umzug im Februar 2016 Schritt für Schritt zurück in den Alltag. Natürlich hätte mich meine Mutter, hätten mich meine Eltern sehr gern bei sich aufgenommen, aber ich spürte, wie wichtig es für mich war, meine Selbstständigkeit zu behalten. Für eine psychologische Unterstützung wandte ich mich an den Notfalldienst der psychiatrischen Klinik Münsingen, wo ich erst einmal ganz gut aufgefangen wurde.
Nun musste ich aber auch finanziell wieder auf die Beine kommen. Deshalb begann ich Teilzeit als Pferdepflegerin zu arbeiten, doch damit hatte ich meine körperliche Leistungsfähigkeit völlig überschätzt. Schon nach zwei Wochen gab ich die Stelle wieder auf und begann mich nach einem kleinen Pensum Musikstunden an einer Primarschule umzuschauen. In Burgdorf wurde ich endlich fündig, und dort blieb ich auch, solange es mir möglich war, einer Arbeit nachzugehen. Doch da ich mit diesem 34-Prozent-Pensum meinen Lebensunterhalt nicht oder nur ganz knapp bestreiten konnte, beantragte ich zum zweiten Mal eine Invalidenrente, obwohl mir vor dem Termin beim Gutachter graute. Schließlich wurde ich nach Basel aufgeboten, was natürlich mit einem großen Kraftaufwand verbunden war. Dort aber – „oje, tut uns leid“ – hatte man meinen Termin falsch eingetragen und schickte mich unverrichteter Dinge wieder nach Hause! Zweiter Termin: wieder in Basel, wieder mit letzter Kraft, wieder voller Angst, ich könnte mit meiner finanziellen Not alleingelassen werden, wieder in einer miserablen psychischen Verfassung, sodass ich immer wieder zu heulen begann. Ob dies den Ausschlag gab, dass mir die Psychiaterin eine Viertelsrente zusprach – ich weiß es nicht (das Gutachten mochte ich nicht lesen, da ich die Lektüre des ersten noch immer nicht verdaut hatte). Jedenfalls kam ich nun mit meinem kleinen Lohn und den zusätzlichen 450 Franken Rente schlecht und recht über die Runden. Jetzt brauchte ich, damit ich mich auch psychisch wieder erholen konnte, nur noch eines: ein Pferd.
Eine Beziehung zu einem Pferd pflegen zu können ist für mich von fundamentaler Bedeutung, und Sämis Rolle, der damals in mein Leben getreten ist, kann nicht überschätzt werden. Er hat mich aus der tiefen emotionalen Krise herausgeholt und meinem Leben wieder einen Sinn gegeben, denn da es ihm körperlich wie psychisch genauso schlecht ging wie mir, verpflichtete ich mich mit der Reitbeteiligung, Verantwortung für ihn zu übernehmen. Sämi brauchte mich, und deshalb überwand ich mich Tag für Tag und schleppte mich in den Stall, um nach ihm zu schauen und ihn auszureiten – dazu war ich nämlich gerade noch in der Lage. Dem Umgang mit seinen sehr komplizierten Besitzern hingegen war ich auf die Dauer nicht gewachsen, sodass ich die Reitbeteiligung eines Tages schweren Herzens wieder aufgeben musste. Aber ich versprach Sämi, als ich mich von ihm verabschiedete, ich würde ihn, sobald es mir finanziell möglich wäre, aus seiner misslichen Lage befreien. Und dieses Versprechen habe ich ja tatsächlich später eingelöst und ihn mithilfe meiner Eltern losgekauft. Sämi und ich gehören nun zueinander.
Natürlich war ich immer auch auf menschliche Unterstützung angewiesen, das heißt, ich ging, nachdem ich mich dank der Klinik Münsingen wieder gefangen hatte, zuerst zu einer Psycho- und später zu einer sogenannten Energietherapeutin, die mir von meiner Hausärztin empfohlen worden war. Die Energietherapeutin ist zu einer Schlüsselperson in meiner ganzen Geschichte geworden: Sie führte mich in die Meditation ein. Und, ganz wichtig, sie wusch mir den Kopf, indem sie mich mit der Tatsache konfrontierte, dass ich es mir in einer Art Opferrolle bequem gemacht hatte. Deshalb stellte sie mich vor die Wahl: für ein Leben als hilflose Leidende oder für die bewusste Annahme eines Lebens mit meiner Krankheit. Dank ihr habe ich mich auf den anspruchsvollen Weg gemacht zu lernen, meine Situation und meinen angeschlagenen Körper zu akzeptieren und gleichzeitig zu unterscheiden zwischen mir als intakter Person und den körperlichen Einschränkungen und Schmerzen, die mir meine Krankheit aufzwingt. Körper und Seele gehören zusammen, aber ich darf mich und mein innerstes Wesen nicht über den Körper – und schon gar nicht über die Schmerzen – definieren. In diesem Lernprozess stecke ich noch immer, und wohin er mich führen wird, weiß ich nicht. Auch diese Ungewissheit muss ich zu akzeptieren versuchen.
Mit der Tatsache hingegen, dass die organische Ursache meiner Beschwerden weiterhin ignoriert wurde, wollte ich mich nicht abfinden. Auch der Case Manager, der mich zu der Zeit meiner Anstellung in Burgdorf begleitete, fand, es müsse sich etwas ändern, und schickte mich wegen der wiederholten Arbeitsausfälle in eine Klinik zur psychosomatischen Rehabilitation. Doch leider stellte sich dieser Weg als völlig falsch heraus. Nicht die Psyche war der Grund meiner gesundheitlichen Probleme, sondern es war genau umgekehrt: Meine Krankheit führte zu den psychischen Problemen. Das alte Lied einmal mehr …
Vielleicht hätte mir dieser Aufenthalt in der Rehaklinik Hasliberg im Frühling 2018 ja trotzdem gutgetan, wenn man meinen gesundheitlichen Einschränkungen Rechnung getragen hätte, indem zum Beispiel der haushälterische Umgang mit meinen verbleibenden Energieressourcen thematisiert worden wäre. Dem war aber nicht so, und als ich dem strikten Programm nicht folgen konnte, da sich meine Symptome nach jeder Anstrengung verschlimmern (das nennt sich PEM, Post-Exertional Malaise – siehe Seite 190), wurde ich ganz einfach mir selbst überlassen, wurde im wörtlichen Sinn vergessen. Nach sechs Wochen, in denen es mir immer schlechter ging, hatte ich genug und erzwang eine Entlassung. Doch leider erhielt ich einen wunderbar geschönten Abschlussbericht, in dem zu lesen ist, wie gut ich auf die Therapie reagiert habe. Und genau dieser Bericht, welcher der Invalidenversicherung heute vorliegt, macht mir nun einen Strich durch die Rechnung, wenn ich auf die Anerkennung meiner organischen Krankheit poche. Doch davon später mehr. Da diese Reha nichts gebracht hatte, ich aber meiner beruflichen Belastung kaum mehr gewachsen war, beantragte ich schweren Herzens eine Umschulung. Dann wartete ich. Und ich wartete. Denn die IV benötigte eineinhalb Jahre, um zum Schluss zu kommen, ich sei zu krank für eine Umschulung! Für eine Erhöhung meiner Rente war ich aber offenbar noch immer nicht krank genug …
Im Frühling 2019, also noch vor der Antwort der IV, wurde ich zuerst 100 Prozent krankgeschrieben und erhielt ein halbes Jahr später die Kündigung (immerhin hatte ich aus meinem früheren Fehler gelernt und reichte sie nicht selbst ein). Seither arbeite ich nicht mehr. Das macht mich traurig, aber es ist auch eine Erleichterung.
Finanziell hat sich erst einmal nicht viel geändert, da ich bis zum Sommer 2020 Krankentaggeld bekam. Zwar beantragte ich, noch bevor dieses auslief, Ergänzungsleistungen, doch erneut muss ich mich seither in Geduld üben, denn eine Antwort habe ich vorläufig keine erhalten. Das heißt, im Moment lebe ich von den 450 Franken der IV und von meinem Ersparten, bis es praktisch aufgebraucht ist. Dann werde ich wohl zum Sozialamt gehen müssen.
Das Eingeständnis mir selbst gegenüber, dass ich nicht mehr arbeiten konnte, dass ich damit die Schwelle von einer leicht bis moderat zu einer moderat betroffenen ME/CFS-Patientin überschritten hatte, machte mir zu schaffen. Zudem fühlte ich mich einsam in meiner Wohnung im stillen Linden und igelte mich immer mehr ein. Natürlich hätte mich meine Mutter noch so gern unterstützt, im Haushalt etwa, aber dafür wohnte sie nun mal viel zu weit weg.
Mein Vater allerdings hatte der ganzen Entwicklung nicht untätig zugesehen, sondern war im Hintergrund unablässig auf der Suche nach den Auslösern meiner Symptome und nach möglichen Heilungschancen, und so stieß er beim Durchkämmen der Literatur auf die Lyme-Borreliose. Sie gehört ja zu den Infekten, die als Trigger von ME/CFS fungieren können. Also unterzog ich mich, vor und nach dem Reha-Aufenthalt, verschiedenen Untersuchungen, um einen eindeutigen Befund zu erhalten, ob ich an Borreliose leide oder nicht, denn ein Nachweis sowohl der Antikörper als auch des Erregers selbst ist nicht ganz einfach. Schließlich gelang es einem Spezialisten im Kanton Baselland, die Borrelien nachzuweisen. Da es sich jedoch bei mir um eine chronische Form der Krankheit handelte, war es zu spät für eine Antibiotikakur, weshalb der Arzt eine IHHT-Sauerstofftherapie vorschlug, die sich auf der Ebene des Zellstoffwechsels abspielt, indem mithilfe von Sauerstoff die in Gelenken, Nerven oder Gehirn verborgenen Borrelien „herausgelockt“ und angreifbar gemacht werden. Für die Beendigung der Therapie konnte ich zum Glück von Liestal in eine Praxis in Thun wechseln. Und ich sprach gut darauf an, sodass die Borrelien im Blut nicht mehr nachgewiesen werden konnten – was leider nicht hieß, dass es mir nun sehr viel besser gegangen wäre. Also folgten eine Überweisung zum Physiotherapeuten – der mich immer noch einmal wöchentlich massiert – und weitere Therapieversuche in derselben Praxis in Thun, die allerdings alle erfolglos blieben, sodass man mich dort nicht mehr länger behandeln wollte.
Mein Vater aber dachte nicht ans Aufgeben und fädelte schon bald die nächsten Abklärungen ein, von denen ich hier nur auf die wichtigsten zu sprechen kommen möchte: Im Herbst 2019 fuhr ich zum zweiten Mal zu Doktor Kersten nach Bamberg – an die strapaziöse Reise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, von der ich mich nie vollständig erholte, will ich mich lieber nicht erinnern. Kersten machte alle möglichen Tests, unter anderem auch Hirnscans, und präsentierte mir nach deren Auswertung einmal mehr eine lange Liste von Störungen.

Ausblick aus Mélina Imdorfs Wohnküche in die Berge – ganz links Eiger, Mönch und Jungfrau
Foto: © privat
Genetischer Polymorphismus, Dehydrogenase, Autonome Neuropathie, Oxidativer Stress5, diverse Mangelzustände und Chronisches Stress- und Erschöpfungssyndrom.
Mit diesem Untersuchungsergebnis voller unverständlicher Fremdwörter schickte mich meine Hausärztin zur Anlaufstelle für Patienten ohne Diagnose am Universitätsspital Zürich, wo – man glaubt es kaum – am 19. Dezember 2019, gut sieben Jahre nach Doktor Kerstens erstem Befund, ein Chronisches Fatigue Syndrom festgestellt wurde – allerdings mit dem Vermerk versehen, eine spezifische somatische Ursache sei nicht auszumachen. Die psychische Störung werde ich wohl mein Leben lang nicht mehr los!
Da die Diagnose CFS jetzt am Universitätsspital Zürich bestätigt worden war (wie gesagt, noch lieber wäre mir ME/CFS gewesen, aber ich will den Bogen nicht überspannen), schien der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein, die Viertelsrente der IV anzufechten. Also musste ich im Sommer 2020 vier weitere Gutachtertermine wahrnehmen. Man stelle sich das so vor: Mein Vater fuhr mich im Camper nach Basel, damit ich während der Fahrt liegen und mich nach den Gesprächen sofort wieder entspannen konnte. Am schlimmsten war der letzte Termin – bei einem total lustlosen Psychologen, dessen Aufgabe es war, meine kognitive Beeinträchtigung festzustellen. Ich musste stundenlange Tests, die meine volle Konzentration erfordert hätten, über mich ergehen lassen. Ich war trotz der kurzen Pausen, und obwohl wir den Termin von Anfang an auf zwei Tage verteilt hatten, völlig am Anschlag. Wenn sich diese Überforderung allerdings in einer vollen Rente niederschlägt, will ich mich nicht beklagen, wenn nicht, wäre der Preis, den ich dafür bezahlen musste, jedoch viel zu hoch, denn diese Überanstrengung macht mir bis heute zu schaffen. Das Verfahren läuft noch …
Übrigens hatte ich im Februar 2020 meine Selbstständigkeit in Linden aufgegeben und war hierher nach Mühlethurnen gezogen, wo ich ganz in der Nähe meiner Eltern auf eine wunderschöne Wohnung gestoßen war – zur riesigen Erleichterung vor allem meiner Mutter. Sie hatte sich ständig Sorgen gemacht, wenn sie mich zum Beispiel nicht auf dem Mobiltelefon erreichen konnte. Jetzt entlastet sie mich im Haushalt, damit ich meine Energie, oder was mir davon noch geblieben ist, für schönere Dinge einsetzen kann. Dafür möchte ich ihr an dieser Stelle danken!
Was ich mir für die Zukunft wünschen würde? Eine höhere IV-Rente würde mich von den finanziellen Ängsten erlösen und mir sogar von Zeit zu Zeit eine Verschnaufpause wie jene in der Herberge Häutligen6 ermöglichen, die ich im September genießen durfte. In Häutligen wurde ich angeleitet, meine Grenzen zu akzeptieren, und ich wurde liebevoll unterstützt auf dem Weg zu mir selbst, denn die Menschen dort sahen und nahmen mich so, wie ich bin. Und dort konnte ich bei der täglichen Meditation am Morgen und Abend zur Ruhe kommen.
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der ME/CFS als neurologische Krankheit bekannt und anerkannt ist, sodass ich mich nicht dauernd erklären und rechtfertigen muss. Und natürlich wünsche ich mir auch mein Leben zurück, in dem ich meinen Beruf als Rhythmiklehrerin zumindest stundenweise ausüben und am sozialen Geschehen in meinem Umfeld teilhaben kann.
Ja, ich wünsche mir, dass ich den Wartesaal verlassen kann, in dem ich seit Jahren lebe, durch dessen Fenster ich zuschaue, wie die Züge vorbeischnauben, in dem ich vergeblich darauf warte, dass einer anhält und mich zurück ins Leben bringt.
Meinen Rucksack mit den Schmerzen, der Erschöpfung und der Hoffnungslosigkeit würde ich auf dem Bänklein im Wartesaal zurücklassen.
Ursachen von ME/CFS
Die meisten ME/CFS-Betroffenen sind, bevor die Krankheit ihr Dasein umkrempelt, völlig gesund und führen ein aktives Leben. Warum es dazu kommt, ist noch weitgehend ungeklärt. Bei den Ursachen scheint es sich um äußerst komplexe Vorgänge zu handeln, für deren besseres Verständnis in der Fachliteratur oft ein dreistufiges Modell herangezogen wird:
Stufe 1 – prädisponierende Faktoren (predisposing factors),
Stufe 2 – beschleunigende Faktoren (precipitating factors),
Stufe 3 – verfestigende Faktoren (perpetuating factors).
1 Prädisponierende Faktoren
Die prädisponierende Ebene ist multifaktoriell, und die Faktoren sind individuell recht unterschiedlich.
1.1 Genetische Prädisposition,
1.2 Ereignisse in der Umwelt, die einen Einfluss auf das neurologische System und auf das Immunsystem haben und die Empfänglichkeit für Infektionen erhöhen.
2 Beschleunigende Faktoren
2.1 Sehr häufig fungiert eine virale, eine bakterielle oder auch eine parasitäre Infektion als Auslöser/Trigger der Erkrankung.
Folgende Virusinfektionen werden mit ME assoziiert (die Liste ist nicht vollständig): Infektionen
– mit Herpesviren, zu denen u. a. das Epstein-Barr-Virus resp. das Pfeiffersche Drüsenfieber, das humane Herpesvirus Typ 6 (Auslöser des Dreitagefiebers und in seltenen Fällen einer Hirnhaut- oder Hirnentzündung u. a.) und das Cytomegalovirus (verursacht, wenn überhaupt, meist unspezifische grippeartige Symptome) gehören,
– mit dem Enterovirus, zum Beispiel dem Coxsackie-Virus (Hirnhautentzündung, Herzmuskelentzündung u. a.),
– mit dem Parvovirus B-19 (Ringelröteln, Gelenkschmerzen),
– mit Retroviren (Auslöser u. a. von HIV),
– mit Grippeviren,
– mit SARS und
– eventuell auch mit SARS-CoV-2 (Covid-19-Erkrankung).
Folgende bakterielle Infektionen werden als Trigger genannt (auch diese Liste ist nicht vollständig):
– die Lyme-Borreliose (meist ohne Symptome verlaufend, kann aber auch zu ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern mit schweren Spätfolgen führen),
– eine durch Chlamydophila pneumoniae verursachte Lungenentzündung, durch Mykoplasmen verursachte Entzündungen (z. B. ebenfalls eine Lungenentzündung),
– Coxiella-burnetii-Infektion (Q-Fieber, das häufig keine oder nur leichte grippale Symptome auslöst, aber auch zu schweren Komplikationen wie etwa einer Herz-, Lungen- oder Leberentzündung führen kann),
– Legionellose (kann symptomlos bleiben, grippeähnliche Symptome oder gar eine schwere Lungenentzündung verursachen),
– Salmonellen (meist abrupt einsetzender Durchfall, begleitet von Bauchschmerzen, manchmal Erbrechen, Übelkeit und Fieber).
Diskutiert wird auch der Parasit Giardia, der die infektiöse Durchfallerkrankung Giardiasis hervorruft.
2.2 Vermutlich spielen manchmal, zusätzlich zu einer Infektion, noch andere Faktoren eine Rolle: Kontakt mit Gift, Pestiziden, Insektiziden oder Schimmel, ein körperliches oder auch ein schweres psychisches Trauma, eine Impfung, eine Chemotherapie u. a.
3 Verfestigende Faktoren
Der genaue Zusammenhang zwischen den beschleunigenden Faktoren (Triggern) und dem Ausbruch von ME/CFS ist nicht geklärt.
Im Folgenden seien ein paar Forschungsergebnisse angedeutet:
Als verfestigende Faktoren werden u. a. eine Dysregulation der Wege des Immunsystems (3.1), die Rolle von Infektionen (3.2), der Energiestoffwechsel der Muskeln (3.3), Prozesse des zentralen Nervensystems (3.4) und der Genexpression – wie kommt die genetische Information eines Gens zum Ausdruck? – genannt (3.5).
3.1 Dysregulation der Wege des Immunsystems: Für ein fehlreguliertes Immunsystem spricht die Tatsache, dass in Untersuchungen von ME/CFS-Patient:innen ein erhöhtes Level an Antikörpern, T-Zellen (weißen Blutzellen, die der Immunabwehr dienen) und Zytokinen (Proteinen, die bei der Koordination der Immunabwehr eine wichtige Rolle spielen) dokumentiert wurde, was auf eine chronische Aktivierung des Immunsystems hinweist.Die Trigger könnten auch eine Autoimmunität, eine Überreaktion des Immunsystems, verursachen, sodass dieses nicht nur körperfremde, sondern auch eigene Zellen sowie eigenes Gewebe angreift.
3.2 Bei ME/CFS-Betroffenen kommt es öfters zu Reaktivierungen von latenten Infektionen, welche ihrerseits eine Immunantwort provozieren.
3.3 Auffälligkeiten des Energiestoffwechsels der Muskeln beweisen, dass die Belastungsintoleranz (PEM, siehe auch Seite 190) nicht auf Inaktivität und De-Konditionierung zurückzuführen ist.
3.4 Das zentrale Nervensystem scheint eine Rolle zu spielen bei der Entstehung der mentalen und körperlichen Müdigkeit. Dabei könnten auch die Basalganglien im Hirn, bei denen Auffälligkeiten entdeckt wurden, involviert sein. Radiologische Verfahren (MRI, SPECT, PET) dokumentieren pathologische Zustände vor allem in den basalen Gehirnregionen bei ME/CFS- und bei Long-Covid-Patient:innen.In mehreren Studien konnte zudem eine Neuroinflammation (eine Entzündung von Nervengewebe in Gehirn und Rückenmark) nachgewiesen werden.
3.5 Es scheinen einige Auffälligkeiten bei der Genexpression von ME/CFS-Patient:innen vorzukommen, zum Beispiel das vermehrte Auftreten von Genvarianten (Gen-Polymorphismen).Doch diese Erkenntnisse und auch die zahlreichen weiteren Störungen, die als verfestigende Faktoren genannt werden,7 reichen nicht, um das große Spektrum an ME/CFS-Symptomen zu erklären.
3 In der Schweiz: Die Sekundarstufe I schließt an die Primarschule an. Darauf folgen die Berufsbildung oder eine weiterführende Schule (Maturitätsschule oder Fachmittelschule).
4 Die Orthomolekularmedizin ist eine alternativmedizinische Methode, die auf der Annahme basiert, ein biochemisches Ungleichgewicht im Körper könne Krankheiten verursachen. Dieses Ungleichgewicht wird mit – zum Teil hochdosierten – Mineralstoffen, Spurenelementen, Vitaminen, essenziellen Fettsäuren etc. ausgeglichen.
5 Polymorphismus: das Auftreten mehrerer Genvarianten; Dehydrogenasen: Wasserstoff abspaltende Enzyme; autonome Neuropathie: Störungen der autonomen Nerven, die ohne Involvierung des Bewusstseins Körperabläufe regulieren; oxidativer Stress: Stress auf der Ebene des Zellstoffwechsels.
6 Die Herberge Häutligen gibt es offenbar in dieser Form nicht mehr.
7 Folgende Störungen werden ebenfalls als verfestigende Faktoren genannt:
– eine Störung im Stickstoffmonoxid/Peroxinitrit-Zyklus (Stressoren führen zu erhöhten Werten von Stickoxiden, die zusammen mit Peroxinitrit, einem Folgeprodukt, die Entwicklung von chronischen Erkrankungen verursachen könnten – nach Dr. Martin L. Pall);
– eine chronische partielle Blockade des Methylierungszyklus (sehr vereinfacht heißt das, dass eine genetische Prädisposition sowie verschiedene Stressoren zu einem erhöhten Bedarf an Glutathion führen, das in Entgiftungsprozessen des Körpers und bei der Bildung von Proteinen eine wichtige Rolle spielt; der Mangel an Glutathion wiederum führt zu einer Ansammlung von Giften, die ihrerseits eine partielle chronische Blockade des Methylierungszyklus zur Folge haben; der Methylierungszyklus ist für zahlreiche wichtige zelluläre Prozesse verantwortlich – nach Dr. Rich Van Konynenburg);
– eine Störung des Vitamin-D3-Stoffwechsels (Vitamin D3 spielt eine eminente Bedeutung bei der Regulierung von Zellstress – nach Dr. med. Anna Dorothea Höck).
Jacqueline Keller
Die sieben Farben meines Regenbogens
Regenbogen
Manchmal steh ich im Nebel und kann kein’ Millimeter weit sehen
Manchmal sehe ich die Sonne und kein Strahl soll mir entgehen
Es gibt einfach so Tage, da fühlt man sich nur schlecht
und dann wieder umarmt man die ganze Welt zu Recht
Freude und Trauer wird es immer geben
denn Freude und Trauer gehören zu unserem Leben
ja, sie gehören zu unserem Leben
Nur bei Sonnenschein und Regen
wird es einen Regenbogen geben
Nur bei Sonnenschein und Regen
wird es einen Regenbogen geben
Schau nur nach vorn und schau niemals zurück
denn die Erde dreht sich weiter, ja, immer weiter zum Glück
ja, immer weiter, ja, immer weiter zum Glück
Manchmal hängt der Kopf nur runter, weil das Leben einen dazu zwingt
Manchmal bin ich einfach glücklich und so albern wie ein Kind
und oben am Himmel ziehen die Wolken dicht an dicht
doch die Sonne dahinter, die sieht man einfach nicht
denn Regentage und Sonnentage wird es immer geben
denn Regentage und Sonnentage gehören zu unserem Leben
ja, sie gehören zu unserem Leben
Nur bei Sonnenschein und Regen
wird es einen Regenbogen geben
Nur bei Sonnenschein und Regen
wird es einen Regenbogen geben
Schau nur nach vorn und schau niemals zurück
denn die Erde dreht sich weiter, ja, immer weiter zum Glück
Ein’ Regenbogen von solcher Farbenpracht
hat sie sich zum Lebensmotto gemacht
Ein Regenbogen von solcher Farbenpracht
gibt ihr immer wieder Kraft
Wolf Keiderling8
Der Regenbogen ist das wichtigste und kraftvollste Symbol in meinem Leben. Wunderbar spannt er sich über den Himmel und erfreut alle Menschen mit seinen bunten Farben. Er kann aber nur entstehen, wenn die Sonne, die für mich Lebensfreude, Energie und Schönheit symbolisiert, auf Regentropfen trifft, die für die traurigen und schwierigen Aspekte des Lebens stehen mögen. Und genauso gehören auch zu dem Wunder eines erfüllten Lebens sonnige Momente des Glücks und der Freude sowie schwere und traurige Zeiten. Das Symbol des Regenbogens gibt mir Kraft und Halt. Über meinem Bett hängt ein Bild von ihm, ein Bild, das wie für mich geschaffen scheint; und immer, wenn ich ins Spital eintreten muss, nehme ich eine Kopie davon mit, damit sich auch dort mein Blick an etwas Schönem, das mir guttut, festhalten kann.
Hier in meiner Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung, in meiner Höhle, habe ich mich umgeben mit allem Möglichen, was mir lieb ist – mit Bildern, Tüchern, Erinnerungsstücken, Kristallen, Wurzeln –, damit mein Blick, wenn es mir schlecht geht, auf Dinge fällt, die mich aufmuntern. So bringt zum Beispiel das traumhaft schöne Bergpanoramabild an der Schlafzimmerwand die Bergwelt zu mir, wenn ich das Bett nicht verlassen kann.
Rot
„Manchmal sehe ich die Sonne und kein Strahl soll mir entgehen“
Ich lasse mich nicht unterkriegen. Ich habe in meinem Leben – ich bin 41 Jahre alt – gelernt, in jedem noch so kleinen Kieselstein etwas Schönes zu sehen und an jedem Tag, auch wenn es mir noch so schlecht geht, etwas Positives zu finden. Natürlich ist mir diese Einstellung nicht einfach zugefallen, sondern ich habe sie mir in einem jahrelangen Prozess aneignen müssen. Ja, heute darf ich wirklich sagen, dass ich auch ganz schwierigen Lebenssituationen etwas Gutes abgewinnen kann, dass ich fast jeden Tag nicht nur ein einziges Kieselsteinchen, sondern gleich mehrere finde. Ein Beispiel: Ich würde liebend gern in den Bergen wandern oder im Meer schwimmen gehen, aber das ist nun mal nicht möglich. Doch dank meiner Fantasie kann auch ich in die Ferne fliegen oder auf Gipfel klettern, kann dank der vielen Bilder, die mir von überall her zugeschickt werden, an den schönen Erlebnissen meiner Kolleg:innen und Freund:innen teilhaben. Ich musste sie allerdings zuerst davon überzeugen, dass sie mich mit ihren tollen Fotos von Sonnenuntergängen und Stränden nicht verletzen oder neidisch machen, sondern mir eine große Freude bereiten, indem sie meine Fantasie bereichern. Klar gibt es auch Momente, in denen ich denke, ich würde am liebsten sterben, aber sie dauern Gott sei Dank meist nur einige Minuten. Und natürlich kann ich mit diesem ständigen Auf und Ab in meinem Leben, dem kaum vorhersehbaren Wechsel von guten und schlechten Phasen, nicht immer gleich gut umgehen.
Orange
„Es gibt einfach so Tage, da fühlt man sich nur schlecht“
So kann es vorkommen, dass ich plötzlich zusammenklappe und stundenlang ohnmächtig am Boden liege, warum auch immer. Und wenn ich schließlich wieder aufwache, verzweifelt und nahezu unfähig, mich zu bewegen, dann krieche ich – irgendwie – ins Bett, denn die Erfahrung hat mich gelehrt, dass nach ein paar ganz schwierigen Tagen auch wieder bessere folgen werden. Sogar als ich letztes Jahr nach einem Spitalaufenthalt demoralisiert und deprimiert nach Hause zurückkehrte, verunsichert, ob ich meinen Alltag je wieder auf die Reihe kriegen würde, konnte ich auf meine Erfahrung zurückgreifen. Sie – oder ich – sagte mir: Du hast es noch immer geschafft. Du gibst nie auf, du nicht. Aber aus Erfahrung weiß ich natürlich auch, wie hart es manchmal ist, durch den Tag zu kommen, und wie oft ich an meine Grenzen stoße. Dieses Nie-Aufgeben führt gerade bei mir als einer ME/CFS-Patientin oft dazu, dass ich, wenn ich mal wieder übertrieben habe, einen hohen Preis bezahlen muss. Dann stolpere ich eben über eine Synkope, anstatt dass alles im gewohnten Rhythmus weiterläuft. Anders geht es nun mal nicht.
So bin ich: Wenn mir etwas wichtig ist, dann ziehe ich es durch, zumindest, solange ich mir nicht selbst schade damit. Ich lebe heute, und deshalb will ich heute die Kieselsteine finden, die mich glücklich machen. Ich mag mich nicht grämen mit Gedanken an all das, was nicht mehr möglich ist, und quälen mit Ängsten, was morgen sein könnte. Auch dieses Gespräch über mein Leben wird vermutlich meine Kräfte übersteigen und mir ein paar Tage der Erschöpfung bescheren, aber ich finde es wichtig, dass ein Buch erscheint, welches ein praktisch unbekanntes Thema wie ME/CFS aufgreift und erklärt – was gar nicht so einfach ist! – und das die Gesellschaft für die Situation der ME/CFS-Betroffenen nicht nur in der Schweiz sensibilisiert. Also freut es mich, wenn ich etwas dazu beisteuern kann, und denke nicht an morgen. Gerade meine Geschichte kann bestimmt einen neuen Blickwinkel auf die Krankheit werfen, indem ich nicht dem typischen Bild einer ME/CFS-Patientin entspreche, da ich zusätzlich an einer schweren Stoffwechselstörung, an Rheuma, an einer Paraplegie, an einer Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung und noch an anderen Nettigkeiten leide.
Ich will aber nicht klagen, sondern im Gegenteil, ich möchte betonen, dass ich ein wunderbares Umfeld habe: tolle Nachbar:innen, die mir eine Suppe wärmen, wenn ich sie darum bitte, viele Freund:innen und Kolleg:innen, die mich jederzeit unterstützen, eine perfekte Wohnsituation mit Läden ganz in meiner Nähe, die mir sogar vorbeibringen lassen, was ich benötige, wenn ich es mir nicht selbst holen kann, und einer Stammbeiz (Stammkneipe), die mir Mahlzeiten liefert, obwohl sie coronabedingt geschlossen ist. Auch meine Eltern sind für mich da, wenn ich sie brauche, drängen sich aber nicht in mein Leben, wenn ich das nicht will, und meine Gotte (Patin) steht mir ebenfalls bei. Das nenne ich Glück haben! Zudem kommt zweimal am Tag jemand von der Spitex9 für die Körperpflege und wegen der Infusionen, die in der Nacht laufen, und dreimal pro Woche erledigt eine Raumpflegerin das Notwendigste in der Wohnung – es muss ja nicht alles immer picobello sein. Auch mein Rollstuhl mit dem Swiss-Trac, dem Rollstuhlantrieb, und mein Auto, mit dem ich allerdings nur noch in der nächsten Umgebung herumfahre, erleichtern mir das Leben. Es fehlt mir also nicht an Unterstützung, sondern höchstens manchmal an meiner Bereitschaft, diese anzunehmen, denn darin bin ich gar nicht gut. Das heißt jedoch nicht, dass ich mich nicht freue, wenn mich zum Beispiel beim Einkaufen jemand fragt, ob ich Hilfe brauche. Erwarten aber darf ich das nicht. Bleibe ich zum Beispiel in meinem Rollstuhl an einem Hang oder wegen eines Randsteins stecken, bringt es mir nichts, wenn ich wütend werde über die Leute, die achtlos an mir vorbeigehen. Besser ist es, selbst jemanden anzusprechen und um Hilfe zu bitten. Ach, es gibt so viele Hemmschwellen, die den Kontakt zwischen uns Menschen unnötig erschweren: Warum soll mich eine Person, die es interessiert, wie ich vom Rollstuhl in meinen Autositz wechseln kann, nicht einfach fragen, ob sie zuschauen dürfe? Oder warum sind die meisten Eltern peinlich berührt, wenn ihr Kind mich fragt, weshalb ich im Rollstuhl sitze? Wüssten sie selbst es nicht auch ganz gern? Die Hemmung, offen miteinander umzugehen, hat mit Hilflosigkeit zu tun: Menschen wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Wer hilflos ist, würde eigentlich gern etwas tun, hat jedoch keine Ahnung, wie und was, also schützt er oder sie sich und zieht sich zurück. Dem kann ich entgegenwirken, wenn ich selbst auf die Menschen zugehe. Nicht immer aber habe ich die Kraft dazu.
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„Manchmal bin ich einfach glücklich und so albern wie ein Kind“
Aufgewachsen bin ich mit meinen beiden jüngeren Brüdern in einem Dorf im Zürcher Oberland. Meine Schulzeit verlief eigentlich ganz normal, abgesehen von einigen Krankheitsepisoden halt, aber diese gehören einfach zu mir und meinem Leben. In der Kindergartenzeit zum Beispiel machte ich alle Kinderkrankheiten gleichzeitig durch: Masern, Röteln, Mumps, Wilde Blattern (Windpocken). Mein Körper war völlig überfordert mit dieser Virenlast, und dass ich mit quecksilberhaltigem Merfen-Puder, auf das ich hochallergisch bin, behandelt wurde, machte die Sache auch nicht besser. Deshalb brauchte ich fast ein ganzes Jahr, bis ich mich einigermaßen erholt hatte und den Kindergarten wieder besuchen konnte. Rückblickend gehe ich davon aus, dass diese Vireninfektionen das ME/CFS ausgelöst haben müssen, aber damals war das natürlich überhaupt kein Thema – die Krankheit ist ja in der Schweiz auch heute noch sozusagen unbekannt … Die Primar- und die Sekundarschule absolvierte ich dann mehr oder weniger unbehelligt von Gesundheitsproblemen, oder, anders gesagt, ich ließ mich durch diese, zum Beispiel durch eine anhaltende Müdigkeit und durch Stoffwechselstörungen, nicht weiter einschränken. Dann, kurz nachdem ich in die Kantonsschule übergetreten war mit dem Ziel, die Matura zu machen und Medizin zu studieren, erlitt ich aus heiterem Himmel eine Hemiplegie (eine halbseitige Lähmung) und wurde ins Kinderspital Zürich eingeliefert. Es folgten unzählige Abklärungen, durch die zwar viele mögliche Ursachen – MS, Kinderlähmung usw. – ausgeschlossen werden konnten, die aber zu keiner klaren Diagnose der Hemiplegie und der sich daraus entwickelnden Paraplegie führten. Hatte vielleicht ein massiver chronischer Kaliummangel die Nerven geschädigt? Spielten psychische Gründe eine Rolle? Fragen über Fragen. Dass das ME/CFS einer der Auslöser war, scheint eher unwahrscheinlich zu sein.
In der Kantonsschule verpasste ich fast ein ganzes Schuljahr und war schließlich gezwungen, es zu wiederholen. Aber auch nach der Rückkehr in die Schule kämpfte ich immer wieder mit gesundheitlichen Problemen: mit der Paraplegie, mit der Sensibilitätsstörung in den Beinen sowie mit einer tiefgreifenden Müdigkeit. Der nächste größere gesundheitliche Einbruch erfolgte, als ich rund 19 war und ganz plötzlich innerhalb einer einzigen Woche über 20 Kilo abnahm. Für die Schulmediziner:innen war sofort klar: Ich war anorektisch (magersüchtig) oder bulimisch (Bulimie: Ess-Brechsucht), was sonst? Niemand hörte mir wirklich zu, wenn ich erklärte, dass ich überhaupt keine Essstörung habe, dass ich sehr wohl essen wolle und mich auch nicht absichtlich übergebe, sondern die Nahrung schlicht nicht bei mir halten könne. In der schlimmsten Zeit war ich gerade mal 27 Kilo schwer, zur Schule ging ich jedoch weiterhin, wenn ich nicht gerade im Spital weilte. Dort versuchte man schließlich, mich über eine Sonde zu ernähren, was aber auch nicht funktionierte, da ich alles sofort wieder erbrach. Wussten wir’s doch, dachte man wohl, das Mädchen ist anorektisch. Also musste ich mir selbst helfen. Ich begann Schritt für Schritt auszuprobieren, welche Nahrungsmittel ich noch essen konnte – bis ich langsam wieder etwas Gewicht zulegte. Erst etwa zwei Jahrzehnte später sollte sich übrigens herausstellen, dass ich verschiedenste Intoleranzen habe: Intoleranz auf Gluten, Histamin, Fructose und Lactose!10
Etwas Gutes hatte jedoch sogar diese lebensbedrohliche Situation in meiner Jugend: Auf der Suche nach einem Arzt, der mich ernst nahm, landete ich nämlich in der Seegartenklinik bei deren Chefarzt Doktor John van Limburg Stirum, der mich zwar auch nicht heilen konnte, aber sich meiner ganzheitlich annahm und mir seither in Gesundheitsfragen zur Seite steht. Das war und ist ein Glücksfall!
In der Kantonsschule wurde ich von den Lehrkräften sowie den Mitschüler:innen immer voll unterstützt. Trotzdem entschied ich mich eines Tages, als ich nach unzähligen Absenzen dem Unterricht endlich wieder hätte regelmäßig folgen können, auf Matura und Medizinstudium zu verzichten. Ich fühlte mich zu alt, und ich überlegte mir, dass ich die medizinischen Grundkenntnisse auch mit einer Ausbildung zur Pflegefachfrau erwerben und gleichzeitig finanziell unabhängig sein konnte. Ein Studium würde ich ja später jederzeit noch anhängen können. Deshalb begann ich mich nun nach einer Praktikumsstelle in der Pflege – Voraussetzung für die Ausbildung – umzuschauen. Doch trotz des Mangels an Pflegefachkräften wollte mich kein Spital aufnehmen, denn ich wog ja immer noch nur knapp 30 Kilo und schien ganz offensichtlich magersüchtig zu sein. Die Reaktionen der Verantwortlichen waren zum Teil ganz schön verletzend: Ich dürfe den Mantel auf keinen Fall ausziehen, ich sehe ja fürchterlich aus; falls ich mich je wieder bei ihnen bewerben sollte, würde man mich zuallererst auf die Waage stellen. Die abwertenden Reaktionen machten mir sehr zu schaffen, aber umso mehr wollte ich nun meiner Umgebung beweisen, dass ich genauso gut funktionierte wie die anderen Menschen.
Diese eineinhalb Jahre zwischen Schule und Praktikum waren nicht nur wegen der Stellensuche eine schwierige Zeit, sondern auch, weil ich schon fast ein Dauergast im Spital war und zahlreiche Tests – die alle kein eindeutiges Resultat ergaben – über mich ergehen lassen musste. Auch saß ich ja weiterhin im Rollstuhl, da die Paraplegie noch nicht ganz abgeklungen war. Schließlich fand ich aber doch einen Praktikumsplatz und später auch eine Ausbildungsstelle, wo ich trotz der anfänglichen Bedenken, ich sei den Strapazen nicht gewachsen, und trotz einer schweren Lungenentzündung, einer Thrombose (eines verstopften Blutgefäßes) und der ständigen Müdigkeit mein Studium erfolgreich abschließen konnte.
Nun hatte ich ein Etappenziel erreicht, ich war diplomierte Pflegefachfrau HF (Höhere Fachschule), und die Welt stand mir offen! Unterdessen war ich ins Zürcher Oberland gezogen, wo ich zuerst in einem Spital arbeitete und anschließend diverse Leitungsfunktionen in Pflegeinstitutionen innehatte.
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