Kitabı oku: «Wie die Milch aus dem Schaf kommt»

verlag die brotsuppe
Johanna Lier
Wie die Milch aus
dem Schaf kommt
Roman
verlag die brotsuppe
Für Lenny, Brigit und Clara.
Obwohl die Geschichte sich der Besonderheiten und Örtlichkeiten von Erinnerungen und Biografien der beteiligten Personen bedient, ist «Wie die Milch aus dem Schaf kommt» eine Erfindung. Und obwohl es tatsächlich Vagabunden gab – insbesondere einen Yuter aus Kupiškis –, die in Donzhausen eine Nudelmanufaktur gegründet haben, und obwohl die Erzählerin sich tatsächlich in der Ukraine und in Israel aufgehalten hat, sind die Abenteuer der Selma Einzig ein Fantasieprodukt.
Selma. Kind der Marielouise, Kind der Pauline, Kind der Berta, Kind der Nelly, Kind der Bithia, Kind der Hannah, Kind der Charna, Selma, Glied einer langen, unzerreissbaren Kette, die sich dem Planeten um den Hals legt, auf die weiten Landstriche, in die tiefen Täler und Sümpfe, die Seen und ruhig dahinfliessenden Flüsse, auf das weich gewellte Hügelland, um die hohen Gebirge, in die Steppen und dunklen Wälder, Selma, Glied einer Kette, die dicht bevölkerte Städte, von Bauern bewohnte Dörfer oder auch menschenleere Gehöfte aneinanderreiht, die Tiere umschlingt, Wölfe, Bären, zeternde Gänse, Füchse, Dachse, Wiesel, Eichhörnchen und all die unzähligen Vögel, im Frühling die Amseln, im Sommer die Lerchen, im Winter die hämmernden Spechte und Häher. Selma, Glied einer langen Kette, die Landschaften und Zeiten verbindet, die durch düstere Kanäle zieht und unvermutet an der Oberfläche auftaucht.
Die Winter sind eisig, wenn das Blau des Himmels knirscht. Und der Schnee sich in den Bäuchen der Säuglinge bläht.
Inhalt
1831. Zamość. Russland
2010. Zürich. Schweiz
20. Juli. Zürich – Wien
21. Juli. Wien
22. Juli. Wien
23. Juli. Wien
24. Juli. Wien – Košice
25. Juli. Košice
26. Juli. Košice – Lemberg
30. Juli 2010. Lemberg
5. August 2010. Lemberg
10. August 2010. Lemberg
12. August 2010. Lemberg
16. August 2010. Lemberg
19. August 2010. Lemberg
20. August 2010. Lemberg
2010. Staryi Sambir. Ukraine
1841. Sambir. Königreich Galizien und Lodomerien (Österreich-Ungarn)
2010. Tel Aviv. Israel
1842. Kradolf und Sulgen. Schweiz
liste der dokumente, schriften, kladden, bücher und gegenstände in paulines kiste:
1842. Donzhausen. Schweiz
1843 – 1847. Donzhausen. Kanton Thurgau. Schweiz
1854 – 1857. Donzhausen. Schweiz
1876. Donzhausen. Schweiz
1882. Donzhausen. Kanton Thurgau. Schweiz
1894. Donzhausen. Schweiz
2010. Tel Aviv. Israel
29. November. Tel Aviv
Danke!
Beschreibungen, Aussagen und Zitate:
Die Autorin
1831. Zamość. Russland
In der Stube fand Hannah den Selbstgebrannten. Sie zögerte. Als sie aber Petriks Stimme vernahm, der im Stall fluchte, stürzte sie sich auf die Flasche, zog den Korken und soff, lief aus dem Haus, torkelte durch den Schnee, diese flockige Masse, warf sie in die Luft, liess sich fallen, und als sie die heisse Wohligkeit in der Brust fühlte, lachte sie, riss sich die Lumpen vom Leib und wühlte den mageren, erhitzten Körper ins kalte Bett.
Und über dir, liebe Hannah, strahlte, so weit das Auge reichte, der Himmel und prustete dir ins Gesicht. Und du bohrtest deine Sinne, ja die ganze Kraft deiner Gefühle in dieses tiefblaue Gewölbe, in diese Liebe, eine grosse Liebe, die du andauernd anschauen, nicht mehr aus dem Blick lassen wolltest, auffressen, verdauen, behalten und nicht mal scheissen, nur bei dir behalten, für immer behalten, so ging es dir mit diesem Himmel, der Wölkchen pustete und Vögel in alle Richtungen verschickte, allein zu deinem Vergnügen. Dein Atem stockte, nicht vor Angst, nein, vor Freude, und die kleine Brust zersprang.
Doch der trockene Schnee hielt dich gerade noch rechtzeitig zusammen. Wie damals, als der riesige Körper mit der warmen Haut über den kräftigen Knochen und der pralle Hügel mit der schrumpeligen Spitze sich deinem Mund näherten. Du wusstest von dieser Süsse, bevor du deine Lippen darum legtest. Und du schlossest die Augen, drücktest mit der Zunge die Warze an den Gaumen, bis die warme Flüssigkeit herausfloss und dein Inneres mit Ekstase füllte und die Augen langsam in die Dunkelheit kippten. Wenn du Glück hattest. Denn es konnte geschehen, dass eine Hand dir die Warze aus dem Mund zog und kratziger Stoff sich zwischen dich und die ersehnte Wärme schob, und du, beiseitegelegt, abgelegt, aus dem Weg geräumt wie eine unnötige Last, ein lästiges Bündel. Und du spürtest das Gewicht deines Körpers, die Härte der Unterlage, die Anstrengung deiner Haut, die sich abrackerte, um die Wärme zu halten, damit die Kälte dir nicht das Leben aus deinem Leib fressen konnte, wie im Stall am Koben die Schafe das Heu. Und dein Herz klopfte empört.
So lagst du da, auf die Geräusche lauernd, deine Aufmerksamkeit auf das mächtige Wesen gerichtet, das sich in regelmässigen Abständen näherte und entfernte.
Doch so wie das Meer ohne Wind keine Wellen kennt – ohne Zurückweisung hättest du nie deine Arme verlangend ausgestreckt.
Und obwohl du den drängenden Wunsch verspürtest zu verschwinden. Ich will weg, ich bin verhasst, ich bin verdreckt, ich bin geschwärzt wie die russigen Töpfe in Blankas sauber gescheuerten Händen … Blanka, die mich liebt, Blanka, in deren Augen ich überlebe und bei der ich trotz der Schläge und Tritte von Petrik und der grabschenden Finger des blöden Knechts jeden Morgen erwache … Und obwohl Hannah den drängenden Wunsch verspürte zu flüchten, fürchtete sie, Blanka zu verlieren, und so lag sie im Schnee, still, und schlief ein.
Wortlos stiess Blanka das halbwüchsige Mädchen ins Haus, starrte einen Moment auf den schmutzigen Fussboden, hob die langen Arme und verprügelte Hannah, liess ihre Fäuste auf Kopf, Rücken und Po des Mädchens fallen, gezielte Schläge, und Blanka, gewohnt, das Notwendige zu tun, ohne dabei etwas zu fühlen, wunderte sich über die Heftigkeit ihrer Wut.
Sie liess von Hannah ab und verzog sich in den Stall, um das Pferd zu striegeln, die Kühe zu melken und ihre verhängnisvolle Entscheidung zu verfluchen. Warum hatte sie das Kind am Leben gelassen und zwölf Jahre bei sich behalten? Auch war sie angesichts ihres gewalttätigen Ausbruchs verwirrt, da sie die Erinnerung an ihre Eltern, die sanft und bescheiden gewesen und nie die Hand gegen sie erhoben hatten, über den gebotenen Respekt hinaus hochhielt. Und, was die kleine Hannah betraf, sie sich bemühte, das Mädchen vor der Gewalt der Männer, dem eigenen Sohn Petrik und dem blöden Knecht, in Sicherheit zu bringen.
Es waren aber die Dämonen der Geschichte, die ihr das Kind verdarben. Dieses Kind, das die Frau, die den Namen Charna trug, aus dem litauischen Kupiškis mitgebracht und bei ihr im russisch-polnischen Zamość abgeladen hatte.
Das Haar schimmerte und die Augen leuchteten. Schwarz. Charna, was die Schwarze bedeutete, so viel wusste sogar sie, die ungebildete Bäuerin mit dem Namen Blanka, die Helle, die nicht viel in der Welt herumgekommen war, sich aber sehr wohl zu helfen wusste, und der beigebracht worden war, die Gesetze, wenn das Überleben es forderte, zu übertreten. Und diese Charna, die in eleganten Stiefeln durch die Pfützen gestapft war, leichtfüssig mit hoch erhobenem Kopf, als würde sie unberührt durch den Schmutz hindurchgehen, und die mit zartgliedrigen Händen das Bündel umklammert und an ihre Brust gedrückt hatte, wirkte stark und eigenwillig. Ein Eindruck, der durch ihre Verstörung und Verzweiflung sich verstärkte. Es handelte sich um eine dieser Gebildeten, wie man sie unter denen, die Jiddendeutsch sprachen manchmal zu finden pflegte, ja es musste eine dieser Gebildeten sein. Sichtlich in grosser Not war sie den weiten Weg von Kupiškis nach Zamość gekommen, um sich von ihr, einer einfachen polnischen Bäuerin, das vermutlich geliebte Kind töten zu lassen. Eine litauische Engelmacherin hätte es auch getan, das Kind getötet. Warum war die Frau bis ins südöstliche Polen gefahren?
Irgendein Verwandter – Vater, Bruder, Onkel – oder ein zufällig vorbeiziehender Bauerntölpel hatte das Jiddenmädchen schwanger gemacht. Blanka kannte sich aus, das hatte sie das Leben ihrer Kundinnen, aber auch das eigene gelehrt, war doch auch eines ihrer Kinder, der Petrik, in ihrem Bauch gewachsen, nachdem die französischen Soldaten ihr den Mann erschlagen und das Vieh aus den Ställen gezerrt hatten.
Aber schön war sie, diese Charna. Und hochmütig. Denn noch nie hatte Blanka gesehen, dass eine Mutter ihr das Kind eigenhändig übergab. Sie hätte es nicht annehmen sollen, das Kind, es hatte den Tod und die Mutter den Schmerz nicht verdient. Doch da dachte sie an ihren Petrik und seine verbotene Schnapsbrennerei, sie dachte an seine Pferdediebstähle und die Beamten des russischen Zaren, die ihr den Jungen bald holen würden, um einen Soldaten aus ihm zu machen, und was wurde dann aus ihr?
Blanka nahm das Geld und versprach den Tod des Kindes innerhalb von sechs Tagen. Sie würde es töten wie alle anderen zuvor, in die Hütte bringen und vergessen, einfach vergessen, den Stall putzen, das Pferd striegeln und den Weizen schneiden, einfahren und dreschen, schöne Tage, keiner ist betrunken und keiner schlüge und alle – auch die Tiere und die Pflanzen – wären gesund, das Wetter trocken, genügend Nahrung und das wimmernde Kind weit weg.
Der Mann auf dem Bock, der die schwarze Charna gebracht hatte, schrie in einer unverständlichen Sprache. Die Frau musterte Blanka und den Hof mit flüchtigen Blicken, hellwach – sie war eine, der nichts entging. Der Mann liess die Peitsche knallen, das Pferd zuckte zusammen. Die Frau drückte das Bündel noch fester gegen ihre Brust und bohrte sich in Blankas Augen. Und da geschah, wovor Blanka sich am meisten gefürchtet hatte: In ihr erwachte ein Gefühl.
Erleichterung zeigte sich auf Charnas Gesicht, eine ungezügelte Hoffnung.
Blanka leckte sich eine Träne von den Lippen und nahm mit entschiedenem Griff, wie er Menschen eigen ist, die, einmal in Bewegung geraten, nicht mehr aufzuhalten sind, das Kind an sich. Charna zog das schwarze Tuch über der Schulter zusammen, wandte sich ab und lief zum Wagen, wieder mit hoch erhobenem Kopf, als trüge sie eine Pflicht und eine Sünde zugleich.
Doch da verlor sie die Fassung, blieb abrupt stehen, wütete mit den teuren Stiefeln im Schlamm, zerriss sich die Bluse über der Brust und ein Gebrüll, das dem eines durstigen Ochsen ähnelte, suchte sich den Weg aus ihrem Mund. Blanka erstarrte und es schien ihr, als suchte die Fremde nicht nur ihren unerträglichen Schmerz aus sich herauszuschaffen, sondern als wütete sie mit aller Kraft gegen die unsichtbaren Mauern eines für immer geschlossenen Kerkers.
Blanka legte die Hand auf ihre Brust und spürte diese Sehnsucht, die beim ersten Blick in die grasgrünen Augen des Säuglings aus Kupiškis in ihr erwacht war: Dieses Mal würde sie es nicht übers Herz bringen, das Kind zu töten.
Nach Hannahs Besäufnis und nachdem sie das Mädchen so unerwartet heftig verprügelt hatte, fasste Blanka Pawelka einen Entschluss. Sie wartete den Frühling ab und ergriff in Richtung des galizischen Sambir die Flucht. Was vermochte sie, die Bäuerin aus dem russisch-polnischen Zamość, gegen die Dämonen des einstmals todgeweihten Kindes, das so schwarz wie seine Mutter geworden war, auszurichten? Und so erinnerte sie sich ihrer Nichte Karolina Lukaszka, die in Sambir, in der Nähe des galizischen Lemberg, auf dem Gut des polnischen Grafen Tomasz Szujski den Haushalt führte und ihr anlässlich eines Besuches erzählt hatte, dass der Pächter, Menachem Yuter, ein Jude war, ein grossherziger Mann. Bei ihm wollte sie das Kind abladen, hatte sie doch keinen Zweifel an der Herkunft der armen Charna.
Am ersten Abend, als der Säugling bei ihr geblieben war, hatte Blanka in den nassen, stinkenden Windeln einen Fetzen aus dickem Papier mit fremdartiger Schrift gefunden. Ihre Neugier war geweckt und sie zog den erstbesten Hausierer, von denen zahlreiche im Frühjahr und Herbst ihren Hof besuchten, ins Haus und bat ihn, das Geschriebene zu entziffern. Der Händler, ein freundlicher, bärtiger Mann, nahm das Schriftstück, da er selbst nicht lesen konnte, an sich mit dem Versprechen zurückzukehren, was er auch tat, und legte wenige Tage später den Papierfetzen mit bedeutungsvoller Miene auf Blankas Tisch, trank aus dem Wasserkrug und berichtete, es handle sich um die Anschrift eines ehrenhaften Fishel Kaplan, der im fernen südamerikanischen Chile in einer Stadt namens Valparaiso ein Haus besitze und Handel mit Weizen betreibe. Der Mann wischte sich das Wasser vom Mund und schaute Blanka misstrauisch an, er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie eine einfache polnische Bäuerin zu dieser Nachricht gekommen war. Doch dann fuhr er fort, dieser Fishel Kaplan hätte geschrieben, dass dieses Chile ein gutes Land wäre, das sich nach dem Unabhängigkeitskrieg für die Juden geöffnet hätte, und wenn Charna gezwungen würde, in Kupiškis Chalitza zu machen, wäre das für ihn Grund genug, sie und ihr Kind im chilenischen Valparaiso zu erwarten, er wäre stolz und hocherfreut, sie bei sich aufnehmen zu dürfen. Blanka schwieg. Und versuchte zu verstehen, wie dieses ferne Chile und Valparaiso in ihre enge polnische Stube hatte einbrechen können. Der schwarzen Charna wäre es offensichtlich möglich gewesen, sich und ihr Kind in diesem chilenischen Valparaiso in Sicherheit zu bringen, das verstand Blanka, wenn sich ihr auch der Sinn des Wortes Chalitza verschloss und sie beim besten Willen nicht dahinterkam, warum die Frau dennoch das Kind seinem sicheren Tod überlassen hatte.
Und warum hatte sie das Papier in die Windel gesteckt?
Ohne auf die stummen Fragen des Hausierers einzugehen, drückte sie ihm ein paar Münzen in die Hand und schob ihn aus ihrem Haus und hörte nicht hin, als er sich umwandte und sie kichernd fragte, ob sie denn wisse, was Fishel bedeute?
Doch nicht nur, weil sie dieses Kind und das Papier mit der chilenischen Anschrift zwölf Jahre später dem Juden Menachem Yuter in Sambir übergeben und es solcherart der Mutter, der schwarzen Charna, zurückgeben wollte, zog Blanka das Pferd aus dem Stall, noch viel drängender war ihr, das schwarze Balg aus dem russisch-polnischen Reich über die Grenze ins österreichische Land zu bringen, weit weg, denn das unberechenbare Mädchen, das mit dem Trinken begonnen hatte, drohte am Ende die Aufmerksamkeit der Gendarmerie auf sich zu ziehen, und dann wäre es aus mit Blankas und ihrer Familie Leben. Die Polizisten des Zaren würden ihrer sündhaften Tätigkeit auf die Spur kommen, die Leichen der Säuglinge, die Blanka hinter der Hütte in der Erde verscharrt hatte, entdecken und sie und ihren Sohn Petrik am nächsten Baum aufknüpfen.
Nicht üblich war es zwar, Frauen auf dem Bock eines Wagens zu sehen. Es schien ihr jedoch undenkbar, Petrik oder den blöden Knecht zu bitten, da sie auch ihnen gegenüber verschwieg, woher das wenige zusätzliche Geld und damit auch Hannah gekommen waren, und dass sie die ihr anvertrauten Säuglinge in einer entfernten Hütte austrocknen liess. Sie war es, die für die Familie sorgte und ausschliesslich die Last des Überlebens trug. Ihre Familie bedeutete ihr Schicksal, Gefäss, Welt, Glück und Gott auf Erden, umso mehr, da ihr der Hunger die älteren Kinder und zwei ihrer Geschwister und ein Trupp marodierender, französischer Soldaten den Mann geraubt hatten. Weder Fleiss noch Mut oder Gottesfurcht hatten geholfen. Stolz musste man sein und sich zu wehren wissen. Und so spannte sie das alte, magere Pferd eines Nachts vor den Karren. Sie würde die Blicke und den Spott aushalten, eine Frau auf dem Bock, was für eine Schande, doch verfügte sie über einen festen Willen und die Fähigkeit, nur gerade so viel zu erfassen, wie notwendig war, nicht zurück- und nicht vorwärtsschauen, davon hing ihr Überleben ab, und das Kind musste weg.
Weg aus dem polnischen Backsteinhaus, das unter wuchernden Pflanzen erstickte, hin zu der galizischen, kohlrabenschwarzen Erde, die, von den Flüssen gebracht, diesen fetten Weizen hervorbrachte, und aus dem Sand gewachsen war – dunklem, zwischen den Gletschern zerriebenem Sand – ein Meer von Föhren, Birken und Eichen. Störche, die durstig ihre Schnäbel in das Steppengras eintauchten und in Farben ertranken, Pflaumenrot, Schleierweiss, Buttergelb, Lindengrün. Das Licht drang zwischen die Föhrenstämme und entzündete diesen trockenen, duftenden Mund: einbrechen, durchbrechen, durch die Wälder brechen.
Blankas bedächtige Härte wie auch Hannahs Angst wurden vom Wind davongetragen und befruchteten die Steppe. Manchmal legte Blanka schützend ihre Hand auf die Halswirbel ihrer Hannah und nahm sie fest zwischen die Finger. Und Hannah klammerte sich an Blankas Fussknöchel, um nicht vom geschüttelten Wagen in diese verschlingende Pflanzenwelt geschleudert zu werden, auf den Grenzmarksteinen aufzuprallen, in der Steppe kopflos schwebend verloren zu gehen oder von gierigen Heuschrecken aufgefressen zu werden.
So blieb Blanka nur die Hoffnung, dass Hannah sich festhielt, während die Peitsche auf den Rücken des mageren, alten Pferdes niedersauste – antreiben und Gott vertrauen auf endlosen Wegen, die sich durch die Landschaft frassen, Flüssen entlang, deren Hälse von Schilfkrägen gesäumt, und Gewässern, aus deren feuchter Wangenhaut Seerosenstoppeln wuchsen, und nicht mal Blanka wusste genau, wovor sie sich so fürchtete: War es der Rachegott, der Hüter ihrer Albträume? Oder waren es die berittenen Steppenbewohner, die ruthenischen Kosaken, die alles niedermetzelten, was sie für polnisch, für russisch, deutsch oder gar für jiddisch hielten? Waren es die Gesetzeshüter des russischen Zaren, die sie für ihre Dienste an gefallenen jüdischen Frauen hingerichtet hätten? Oder flüchtete sie vor der zellstofflichen, sabbernden, erstickenden, vor Chlorophyll platzenden Galaxie, die auf ihre stupide, kreatürliche Art allen Lebewesen die Luft zum Atmen raubte und nicht genug abwarf, um sie alle zu ernähren?
Strebte sie Hannahs Blicken zu entkommen, die sie belauerten?
Und in Hannah nagte die Frage, was denn an ihr so schlimm war, dass Blanka sie wegbrachte. Ununterbrochen dachte sie daran, doch ihr Kopf konnte die Geschwindigkeit der Ereignisse nicht bewältigen, was sie mit Zorn erfüllte und ihr Herz erstarren liess, das Rattern der Räder hämmerte die Gewissheit der baldigen Trennung erbarmungslos in ihr Bewusstsein und sie fasste fester zu und beschloss, ihren wütenden Klammergriff nie wieder zu lösen. Ich weiche nicht von ihrer Seite, ich lasse sie nicht für einen Wimpernschlag aus den Augen, ich träume nicht, ich schlafe nicht, ich tue alles, wie Blanka es will, so vergisst sie mich und ihr Vorhaben, mich auszusetzen … Und so verlor Hannah mit jedem Meter, den sie fuhren, ein Stück der Familie, die ihr so oft eine Gefahr und das Aushalten von Schmerz gewesen war, doch kannte sie nichts Besseres und sie hatte gelernt, durch die Liebe zu Blanka die Furcht vor Petrik und dem blöden Knecht zu bannen. Und sie erinnerte sich, wie sie den Hof durchquert hatte, gehalten von Blankas Griff, wie sie durch das Tor in die Wiese gelangt war und einer Eingebung folgend sich von der Hand löste, davonlief, den Kopf voran, und, die Arme erhoben, sich in die brusthohen Wellen des Gräsermeers warf. Sie sah vor sich den schwarzen Wald, dorthin wollte sie, schneller, nur schneller sein als Petrik, der ihren verhärteten Körper schlug, schneller sein als der Knecht, der ihre entzündeten Geschlechtsteile durchbohrte, ja schneller sein als der eigene Körper, sie verspürte den brennenden Wunsch nach Freiheit, befreit zu sein, und so rannte sie, den Kopf voran, aus sich selbst heraus, ihre Füsse stolperten, die Halme klatschten an den Hals und die Wangen, Insekten summten und sie fühlte die harte Erde und das wackelige Gleichgewicht, und doch lief sie und lief, da ihr die Geschwindigkeit half, nicht zu fallen, und ein aufschiessendes Glücksgefühl trug sie weg von Blankas Körper und ihrer festen Hand. Je weiter sie sich jedoch durch dieses Gräsermeer Richtung Wald entfernte, je heftiger dieses Glücksgefühl in ihr brannte, desto zäher flossen aus den verstecktesten Winkeln ihrer Zellen Schuld und Angst, sie drohte zu platzen, sie schnappte nach Luft: Blanka würde sie bestrafen, Blanka würde sie verlassen.
Hannah sass in Gedanken versunken auf dem Wagen, starrte auf den schweissnassen Rücken des Pferdes, der sich wie das Gräsermeer auf und ab bewegte, und versuchte ihr wild klopfendes Herz zu zähmen und sich mit herbeigeholten Fantasien zu trösten. Die Vorstellung, dass Petrik, der sie täglich geschlagen, seine bösartigen Gelüste nun am blöden Knecht, der Nacht für Nacht im Stroh zwischen ihren angespannten Beinen herumgewühlt hatte, austoben würde, gefiel ihr und brachte sie sogar zum Lachen. Wenn zwei sich zusammentun, um dich zu vernichten, und du machst dich davon, dann schlagen sie sich gegenseitig tot …
Am Abend band Blanka das Pferd an einen Baum, setzte sich mit dem Rücken an den Wagen gelehnt auf die Erde und öffnete ihren grossen Mund, um erschöpft den Mangel an Nahrung festzustellen, schloss ihn wieder und schwieg.
Manchmal gab es eine Kuh. Gestohlene Milch. Heidelbeeren und Pilze, die der Wald hergab. Wenn in den Gärten die Feuer brannten und der Himmel farb- und trostlos wie fauliger Abfall war, starrte Blanka in die Landschaft – Felder, Heidehäute, weidegrünes Haar, während des Tages pralle, gelbe, liebeshungrige Welt, um dann in der Dämmerung sich aufzulösen – und Hannah sog den Rauchgeruch tief ein und fühlte sich entschlossen und zuversichtlich, sie und Blanka, allein in dieser weiten Welt. Wir überleben, weil ich Sorge trage, weil ich Blanka nicht aus den Augen lasse … Noch sind wir beisammen, sie und ich, ich und sie … Und Blanka mahlte mit dem Mund und schmeckte die würzige Erde, die zwischen den Zähnen knirschend zerschmolz, das knackige Korn, das auf der Zunge Wurzeln schlug, spürte, wie die Wellen von Hannahs klammernder Wut über ihr zusammenbrachen.
Sie starrte in diese Weite, Sehnsuchtsweite, seelenzerreissende Weite, sinnlos, grausam, ihre Welt, bitteres Bier, und in ihrem Schluckauf drohte die flüchtige Blanka Pawelka aus Zamość zu diesem Gott hinauf, der mit grosser Geste seine Hände ausstreckte und mit bösen Worten ihr ins Gewissen geiferte. Regengüsse wie Umarmungen. Gewitterschübe wie Schläge auf den nackten Hintern. Wald und Wiese.
Sie dachte an ihre schwangere Mutter, an den dicken Bauch, der durch die Tischplatte vom Oberkörper und Kopf abgetrennt war, an die aufgesprungenen Hände, die sich um die Schale schlossen und sie gierig zum Mund führten, nur kurz, um sie gleich wieder hinzustellen und heftig wegzuschieben.
Blanka, gebunden an die Not, an den Schmerz, an die Kälte, den Hunger, Blanka, Schritt für Schritt, den Blick gerade auf den Moment gerichtet, das Notwendige.
Blanka, jeder Atemzug ein Faustschlag in Gottes bösartiges Gesicht.
Und sie weinte, wenn sie an die arme Charna dachte, die niemals ihrem Kind das Spiel des Sonnenlichts im Staub, den Duft der Milchsuppe an Festtagen, das Gegacker der Hühner zeigen, die nie sein lachendes Gesicht sehen, wenn sie versuchte, einen der Vögel einzufangen, und die nie davon erfahren würde: Sie hatte es nicht übers Herz gebracht, das Kind, in dessen verkackter Windel sie die Nachricht des chilenischen Fishel Kaplan gefunden hatte, zu töten.
2010. Zürich. Schweiz
Kurze Zeit nachdem Pauline Einzig beerdigt worden war, erhält Selma Einzig, die Enkelin von Pauline, einen Brief, in dem ihr angekündigt wird, sie habe innerhalb der nächsten vier Wochen die Wohnung zu verlassen.
Selma bekommt den Schluckauf. Sie geht mit kleinen, tapsigen Schritten durch die stillen Räume, bemüht, in jeder Bewegung ein Gefühl oder einen Gedanken zu finden, bleibt stehen und schaut über die Dinge, die sich während der letzten Jahrzehnte ihres gemeinsamen Lebens in der weitläufigen Wohnung eingefunden haben: Joels Klavier, das er nie benutzte. Nachdem er es tagelang misstrauisch gemustert hatte, tauchte er seine Finger in die Tasten, erzeugte einen fürchterlichen Missklang, worauf er den Deckel zuklappte und das Instrument nie wieder anrührte. Sie lässt ihre Blicke über die in der Wohnung verteilten Bücher schweifen, die Pauline in die Regale zurückgestellt hatte, und Selma, die sich im Chaos, aber nicht in der Ordnung zurechtfand, musste sich auf die Suche machen. Sie starrt die farbigen Teppiche an. Jagdbeute von Paulines und Selmas Reisen.
Auf dem runden Esstisch stapeln sich frisch gewaschene, akkurat zusammengelegte Kleidungsstücke, Stoffe von hervorragender Qualität und Farben von einer dämmerungsgleichen Diskretion – Selma berührt die Stücke und presst ihre Nase hinein –, Pauline hat, so lange Selmas Erinnerungen zurückreichen, nur diese braunen, beigen und eierschalenweissen Woll-, Baumwoll- oder Seidenstoffe getragen, Kleider, die geschützt, geschmeichelt und gewärmt und dennoch der Trägerin eine kühle und abweisende Eleganz verliehen haben. Streicheln, ich hätte sie streicheln wollen, und doch, es war schwer, Pauline hat eine verhornte Haut, eine schuppige Seele gehabt, ein Herz wie eine Peitsche … Selma öffnet Schränke und Schubladen, wühlt unentschlossen zwischen den Dingen, und die Aufregung weicht dem Gefühl der Überforderung, sie setzt sich auf den kalten Küchenfussboden. Was soll ich machen? Wer will denn alle diese Sachen behalten? Wo soll ich sie unterbringen? Wohin soll ich gehen … Und von Selbstmitleid gelähmt verkriecht sie sich im Sofa, wickelt sich in die weiche Wolldecke und flüchtet sich in Tagträumen dorthin, wo ihre Mutter lebt: Valparaiso, die Hafenstadt an der chilenischen Küste.
Und wenn alles erledigt ist, wird sie über den Atlantik fliegen und das tun, was zu Paulines Lebzeiten ein Ding der Unmöglichkeit gewesen ist. Es hätte sie zu sehr gekränkt.
Als gäbe es nicht schon genug Schwierigkeiten zu bewältigen, hat Joel, einen Tag nach Paulines Beerdigung, den Entschluss gefasst, nach sechzehn Jahren Zusammenleben mit Urgrossmutter Pauline und Mutter Selma zu seinem Vater zu ziehen: Diogo Pintor Eloy. Selmas Freund aus Kindertagen und Chefredakteur der Gewerkschaftszeitung, in der Selma seit Jahren als Reporterin für Alltagsgeschichten und Lebenshilfe angestellt ist. Joels Flucht erstaunt und kränkt sie gleichermassen, obwohl sie seine Angst angesichts des Kummers und der drohenden Einsamkeit wie auch der Veränderungen, die Paulines Tod unweigerlich mit sich bringen, verstehen kann. Es ist seine Art, zu trauern … Er sucht beim Vater Sicherheit und Schutz …
Selma spürt Neid. Neid auf ihr eigenes Kind. Das einen Vater hat. Einen Vaterort. Einen Ausweichort. Und sie macht sich Vorwürfe wegen ihrer Unzulänglichkeit. Weil sie nicht in der Lage ist, ihr Kind zu halten. Und zu trösten. Doch niemals würde sie ihm den Weg versperren, da sie die Liebe zu Joel der Liebe zu sich selbst gleichstellt und eine Verletzung seiner Gefühle sich anfühlte, als würde sie sich selbst etwas antun. Sie lässt ihn also gehen, ohne darüber zu sprechen, und er gibt mit feindseliger Miene zu verstehen, dass ihm jegliche Diskussion, dieses Ihn-Miteinbeziehen und Sich-Sorgen-Machen, dieses unnötige Wir-sind-ja-so-interessiert-an-deiner-Meinung schrecklich auf die Nerven geht. Und so wagt sie auch nicht, Joel von ihrem Vorhaben, bei Diogo sich zu entschuldigen und ihm vorzuschlagen, es nochmals mit der Familie zu versuchen, in Kenntnis zu setzen: Sie würde nach Paulines Tod bei Diogo einziehen. Endlich hätten sie es geschafft, eine Familie zu sein.
Sie packt mit dem Jungen seine Sachen zusammen. Richtet mit leichten Pfoten und melancholischer Zerstreutheit ein Durcheinander an, verliert und vergisst, und er läuft unwillig hinter ihr her, sammelt bedächtig auf und sorgt für Ordnung, schimpft lethargisch vor sich hin. Sie graben Erinnerungen aus und erzählen einander Anekdoten, Joel spielt mit, er, der immer wieder betont, er könne seiner Mutter niemals verzeihen, dass sie ihn durch ihren Lebenswandel dazu zwinge, ihren Namen zu tragen: «Joel Einzig, what the fuck, wie viel cooler ist doch Joel Pintor Eloy.» Was wiederum Diogo scherzhaft zu korrigieren pflegt: «Joel Pintor Einzig – Vater zuerst und dann die Mutter.» Worauf Selma nörgelt: «Joel Einzig Pintor.» Und Joel mault: «Wer fragt eigentlich mich?» Diogo boxt ihn in die Seite, fährt ihm durchs blonde Haar und pustet in seine blauen Augen: «Deine Mutter. Alles die Schuld deiner Mutter!»
Und so witzeln sie und lachen, bis Joel die Nerven verliert, seine Kleider aus dem Schrank zerrt und zornig in die Taschen stopft, was für eine Zeitverschwendung, was für eine Zeitverschwendung!
Nur fertig werden und endlich raus hier!
Nachdem Joel aus der ehemals gemeinsamen Wohnung ausgezogen und bei seinem Vater angekommen ist, arbeitet Selma sich hektisch von vorne nach hinten und von rechts nach links durch alle Zimmer, verstaut Stück für Stück Paulines Habseligkeiten in hellblau gemusterten Abfallsäcken, um auf die Strasse zu stürzen, die Säcke aufzureissen und das eine oder andere Ding zu retten. Joel! Er wird später den Wunsch verspüren, sich an seine Urgrossmutter Pauline, Gefährtin und Hüterin seiner Jugend, und an seine Grossmutter Marielouise, die in Chile lebt, zu erinnern.
Joel und seine Rechte gehen vor.
Marielouise Einzig hatte, den bruchstückhaften Erzählungen Paulines zufolge, den Kontakt zu Mutter und Tochter vollständig abgebrochen und beschlossen, ihr zweites und besseres Leben in der mythenumwobenen Wüste Atacama und der sagenhaften Stadt Valparaiso zu verbringen.
Mit fünfzehn Jahren wollte Selma das Schweigen um das Verschwinden ihrer Mutter nicht weiter hinnehmen und hat lauthals Pauline ihren Hang zum Rätselhaften, zum Drama und dieses unerträgliche Pathos vorgeworfen. Pauline setzte geräuschlos die Teetasse ab, nahm einen Zug von der Zigarette und blies den Rauch entschieden wieder aus: «Ich hab deine Mutter vergessen, in meinem Kopf existieren keine Erinnerungen, in meinem Herzen sind keine Gefühle, es ist, wie wenn es meine Tochter nie gegeben hätte.» Was in ihrer Sprache jedoch bedeutete: «Ich vermisse mein Mädchen, ich muss immerzu an es denken, vom Augenblick des Aufstehens bis zum Moment des Einschlafens, und ich bete um ein Zeichen des Verzeihens – was auch immer ich ihm angetan hab.»
Selma starrte ihre Grossmutter an und versuchte, das Gesagte zu ergründen, Pauline sprach in der Regel nur, um etwas Bestimmtes zu erreichen. Vermutlich ist sie traurig … Sie will getröstet werden, ohne darum bitten zu müssen … Sie strich der alten Frau eine Haarsträhne aus dem Gesicht, liebkoste ihre Hand und stiess kampflustig aus: «Du hast sie tatsächlich vergessen? Und ich? Bin ich etwa vom Himmel gefallen?»
Pauline schwieg. Schaute ihre Enkelin prüfend an.
Und zerlegt vermutlich mein Inneres in seine Einzelteile, um zu verstehen, warum ich sage, was ich gerade nicht hätte sagen sollen … Selma runzelte die Stirn und fügte an: «Ich bin ihr Kind gewesen. Und ich bin es immer noch.»
«Geschichten gehen allein diejenigen etwas an, die sie erlebt haben. Sind sie tot, haben sie nicht mehr die Möglichkeit, sich dazu zu äussern», erwiderte Pauline barsch. «Wer tot ist, nimmt seine Geschichte mit. Weg ist sie. Und das ist gut so.»
Selma schluckte leer: «Tot? Meine Mutter ist in Chile. Aber doch nicht tot!»
Pauline ging mit weit ausholenden Schritten durchs Wohnzimmer, die Küchentür fest im Blick, es schien, als deutete sie in leichter Schräglage einen unbeholfenen Tanz an – und brüllte plötzlich los: «Dass du so undiszipliniert bist! Verwöhnt und undankbar! Ja illoyal! Illoyal! Du weisst nicht, wer wir sind.» Doch so schnell, wie sie in Wut geraten war, so schnell beruhigte sie sich, ihre Mundwinkel schnellten hoch, sie verschwand in die Küche und rief: «Siehst du die Bäume? Riechst du die Blüten? Hörst du die Kuhglocken? Und weisst du, mein Mädchen, um deine schönen Beine?»
An einem blauen Abend mitten im Winter in einer dicht befahrenen Stadt.
Und doch fiel hin und wieder, wie unbeabsichtigt, das Wort Valparaiso. Es wurde Selma zum Fluchtort, zum Stern am Himmel. Ein pochendes Geheimnis, das allein ihr gehörte und ein magisches Gefühl der Unverwundbarkeit hinterliess. Und sie dachte sich in allen Variationen aus, wie sie eines Tages mit entschiedenen Schritten die Bühne ihrer Mutter betreten würde, in der Hand ein aufgeregtes, verzeihendes Herz.
Die Tatsache, dass die Stadt Valparaiso weit entfernt von der Wüste Atacama liegt, hatte für Selma keine Bedeutung. Sie erklärte sich die geografische Ungenauigkeit mit Paulines Wunsch, Marielouise, ihre missratene Tochter, in die Wüste, wo die Hippies, die Kiffer und die Mystiker lebten, zu verbannen – verlorene Glückssucher. In diesem Bild fand sich Pauline wieder. Ja sie liebte es in ihrer selbstgerechten Art.
Atacama, was «ans Bett gefesselt» heissen könnte, so jedenfalls stand es im Wörterbuch geschrieben, Atacama, Name für eine langgezogene Wüste, die auf der Landkarte schmal erschien, und Selma fürchtete, Marielouise müsste über den Rand stürzen, in die kalten Fluten des Pazifik oder über die unwirtlichen Klippen der Anden, deren Pfade ins benachbarte Bolivien führen.
Selma streckt sich auf dem Sofa aus und zieht die Wolldecke hoch, sie streicht mit der Fingerspitze über die Fotografie und versenkt sich in den Anblick ihrer Mutter: das glatte dunkle Haar über dem Kopf hochtoupiert, am Hinterkopf kunstvoll zu einem Knoten geschlungen, künstliche Locken fallen über die schmalen Schultern. Die dünnen Arme um die Brust geklammert und den Kopf nach vorne geneigt sucht sie Schutz vor den Wüstenwinden, die erbarmungslos die farbigen Stoffe ihrer luftigen Kleider, die präzis gesteckte Frisur wie auch die helle Haut zerstören. Die trockene Haut, das trockene Haar, ja das ganze trockene Wesen ihrer Mutter muss in diesen rauen Gegenden vollständig papieren und brüchig, schlussendlich zerrissen und in alle Himmelsrichtungen zerstreut worden sein.
Obwohl sie das schmale Gesicht ihrer Mutter seit frühester Kindheit nie wieder angefasst, nie die Hand auf die hohe Stirn gelegt hat, erkennt sie auf diesem Bild in traumhafter Sicherheit Marielouises Trockenheit, auch weil sie selber genauso spröde ist, hat sie doch die Herbe ihrer stolzen Grossmutter und die Trockenheit ihrer unerreichbaren Mutter geerbt.
Und so verteilt sie seit ihren frühen Kindertagen täglich Unmengen von Öl und Fett auf Haut und Haaren. Und denkt darüber nach, warum sie ohne Vater, ohne Mutter, allein mit ihrer exzentrischen Grossmutter aufwachsen musste, und fragt sich, ob dieses Alleinsein ein allgemein menschliches Schicksal ist, was aber sofort die nächste Frage aufwirft, warum denn andere Kinder in Familien lebten, und ob sie, aus ihr unerklärlichen Gründen, auserwählt sei, die Wahrheit über das menschliche Dasein früher als andere zu erkennen.
Heute jedoch, als erwachsene Frau und neuerdings als Erbin der verstorbenen Pauline Einzig, stösst sie angesichts der stillen Wohnung nur ein lapidares «Scheisse» aus und fühlt sich verärgert, weil dieses Alleinsein keine Frühreife, sondern lediglich ein Mangel und nichts als zusätzliche Arbeit ist.
Schränke öffnen? Schubladen herausziehen? Sachen in die Hand nehmen? Behalten? Weitergeben? Wegwerfen? Immerhin handelt es sich um ein vollständig gelebtes Leben. Selma sieht sich im Spiegel, der aus dem dunklen Korridor hervorblitzt, kleingewachsen, aufrecht, Kopf etwas nach vorne gereckt, leicht ausgedrehte Füsse, grosse Brust, den Bauch, der sich seit Joels Geburt aus ihr herauswölbt. Ich sehe aus wie ein ratloses Schaf. Nein, ich sehe nicht aus wie ein ratloses Schaf, ich bin ein ratloses Schaf, und es ist nicht gut, wenn ich jetzt auf dem Absatz kehrtmache, das Notwendigste in einen Koffer packe, die Wohnung abschliesse, den Schlüssel in den nächsten Gully werfe und so tue, als habe es dies alles nie gegeben …
Schön gearbeitetes, rötliches Holz, Blumenranken und mittendrin drei goldene Elefanten. Der Deckel der Kiste, die Selma unter dem Bett ihrer Grossmutter findet, lässt sich ohne Mühe aufklappen.
In einer Sommernacht studiert sie die Dokumente, Papiere und handgeschriebenen Aufzeichnungen. Manchmal dringen Musik, Gelächter, Stimmen und aufheulende Automotoren durch die offene Balkontür zu ihr hoch.
Pauline hatte zeitlebens ein Geheimnis um ihre Vergangenheit gemacht. Vernichtete in regelmässigen Abständen Fotos und Dokumente. War im Erfinden und Etablieren von Legenden und Mythen eine Meisterin und zwang der Welt stets ihre eigene Version der Ereignisse auf. Doch hatte sie, wie nun Selma zu entdecken meint, die letzten Jahre ihres Lebens genutzt, um das Durcheinander, das sie in ihrer Geschichte angerichtet hatte, zu entwirren. Tohuwabohu nannte sie es. Tohuwabohu! Was für ein wunderbares Wort für den Lärm in der Wüste, den niemand je gehört hat, der jedoch die Menschen verstört und das Bewusstsein und die Geisteskräfte vernichtet, wie die Engel es tun, wenn man sie aufsucht, bevor die Zeit reif ist …
Neben Schriften über die Kabbala in hebräischer Sprache findet Selma in der hölzernen Kiste Festschriften der historischen Gesellschaft der Ostschweiz über das hundertjährige Jubiläum der Schweizer Nudelindustrie wie auch Auszüge aus den kantonalen, polizeilichen Archiven des Kantons Thurgau über den Aufenthalt von jüdischen Reisenden aus Osteuropa in den Gemeinden Sulgen, Kradolf und Schönenberg. Sie entziffert Paulines schöne Handschrift: Notizen über Geschichten, die von galizischen Nudelbäckern handeln, von papier- und mittellosen Vagabunden, die im schweizerischen Thurgau herumzogen, im Weiler Donzhausen schliesslich damit begannen, Nudeln zu machen, und dafür im deutschen Ravensburg erste Maschinen kauften, auf den Bauernhöfen Trockentürme hochzogen und Tag und Nacht schufteten. Die Kunde über das moderne Handwerk und das neue Produkt verbreitete sich. Georg Kuhn, der Sohn des Müllers Kuhn aus der Gemeinde Kradolf, liess sich im Weiler Donzhausen bei den Vagabunden als Nudelmacher ausbilden und gründete in der Folge in ebendiesem thurgauischen Kradolf eine Nudelfabrik.
Es kam zu einem Krieg zwischen den aufstrebenden Fabriken des rotgesichtigen, schwitzenden Georg Kuhn und den kleinen Faktoreien der galizischen Nudelbäcker, sie stritten wegen Kleinigkeiten, kämpften um das Vorrecht, das Logo mit den goldenen Ähren auf den Verpackungen abzudrucken, oder um das Besitzrecht der Namen für die Formen der getrockneten Nudelspezialitäten. Nach Jahren verbissener Kämpfe kaufte Paulines Onkel Otto, Sohn des galizischen Vagabunden und Nudelbäckers Jankel Yuter und Enkel der tüchtigen schwarzen Hannah, für wenig Geld die in die Krise geratene Kuhn Teigwaren-Fabrik und veräusserte sie gewinnbringend an die mächtigste Konservenfabrik des Landes.
Und Selma findet in der Festschrift zur Begründung der Thurgauer Teigwarenindustrie einen Satz, den Pauline mehrmals unterstrichen und mit mehreren Frage- und Ausrufezeichen versehen hat: «Wo aus uralter Bauernschlauheit kaufmännischer Geschäftssinn entstanden war, wurden anscheinend mit Absicht Unklarheiten und Lücken belassen.» Und Pauline setzte mit der Spitze ihres roten Stifts ein fettes Kreuz auf diese Lücke und schrieb an den Rand des Papiers: «Da kommen wir her. Das sind wir.»
In ihren Notaten berichtet Pauline von Flüssen und Hochwassern, beschreibt den Dnjestr, der in der Nähe des galizischen Sambir aus der Quelle gesprungen ist, und die Thur, die in der Ostschweiz jährlich Menschen, Tiere und kostbaren Hafer verschlungen hat. Und sie erwähnt den wilden Fluss Sambatjon, den bisher noch keiner zu überqueren gewagt hat.
Selma faltet eine brüchige Landkarte auf und findet rote Kreise um den litauischen Ort Marjiampolé, das polnische Städtchen Zamość und das ukrainische Sambir, und eine gestrichelte Linie führt von Sambir über Oswjecim, Wien, Salzburg, Innsbruck bis ins thurgauische Donzhausen. Doch das Ausmass des Erbes, das ihr die Grossmutter in dieser Kiste hinterlassen hat, zeigt sich Selma erst, als sie unter all den Papieren auf einen Plastikbehälter stösst, eine hübsche rosafarbene Tupperwaredose. Sie wiegt den überraschend schweren Behälter in der Hand, mindestens zwei Kilo, und entziffert das Etikett: einen Namen, ein Datum und einen Ort. Sie hebt sorgfältig den Deckel an: feinste braun-graue Asche. Und ein dickes, vergilbtes Büttenpapier. Hebräische Schriftzeichen.
Selma läuft ins Bad und übergibt sich. Sie spürt ätzende Säure im Hals, riecht den scharfen Geruch, Kühle steigt an den weissen Porzellanwänden der Kloschüssel hoch, in der braunen Flüssigkeit schwimmen rote Schlieren. Was hab ich gegessen, ich weiss nicht mehr, was ich gegessen hab … Eine Zikade ruft, eine Frauenstimme lacht, eine Tür fällt ins Schloss. Selma hört ihren eigenen Atem.
In den Müll. Nichts und niemanden behelligen!
Erstickende Enge.
Übelkeit.
Ein heisser Tag kündet sich an. Selma lädt Paulines Kiste in ihr Auto und fährt zur Wohnung von Janika Weissbrod, bei der sie im Gästezimmer Unterschlupf gefunden hat und bei der sie die nächsten Monate verbringen wird. Bei Janika, der Freundin, der Schwester, der Schwesterfreundin oder der Freundinschwester, bei Janika, die sie auch ihren bernsteinfarbenen Cowboy oder ihren Amy Winehouse-Engel nennt, bei Janika, die ebenfalls einen Brief bekommen hat, der ihr das Ende ihrer Aufenthaltsbewilligung ankündigt – und dass sie innerhalb dreier Monate Zürich und die Schweiz zu verlassen hat.
Janika will nicht. Der Gedanke, nach Israel zurückzukehren, ist ihr verhasst. Und so verbringen Selma und Janika ihre Nächte mit dem Formulieren von Rekursen und Einsprachen, zerlegen Janikas Leben in Einzelteile und setzen es neu zusammen – und zum ersten Mal ist Selma dankbar für das, was sie von ihrer Grossmutter gelernt, ja von ihr instinktiv übernommen hat, und über das ihre Freunde – vor allem auch Diogo und Joel – spotten und lachen: das Erfinden von Mythen und Geschichten. Ja, wer nimmt schon das Geschichtenerzählen, das Dramatisieren und Verdichten ernst, wer liebt schon die Lüge und die berechnende Manipulation?
Und so weben sie am Stoff von Janikas Biografie, erfinden unzählige Motive, Varianten von den Motiven und von diesen wiederum neue Versionen, wobei am Ende die Wahl nicht auf diejenige Version fällt, die ein wunschgerechtes Leben ermöglicht, sondern auf diejenige, die am ehesten den Erfordernissen der Einwanderungsbehörde entspricht.
«Wenn du die Schweiz verlassen musst, komme ich mit. Wir suchen uns in Tel Aviv eine Wohnung. Wir amüsieren uns, tun, was uns gefällt, für immer, für drei Tage oder nur für eine Nacht», beschwichtigt Selma. Doch Janika flitzt durch die enge Küche, setzt Teewasser auf und berichtigt mit ihrer kräftigen Stimme: «NOCH bin ich hier!»
«Gut, dann fahre ich nach Valparaiso oder in die Atacama-Wüste zu meiner Mutter», gibt Selma zurück. «Oder ich ziehe endgültig zu Diogo und Joel.»
Was Janika in kehliges Lachen ausbrechen lässt: «Ohne zu fragen, ob die Mutter überhaupt in diesem paradiesischen Tal oder dieser Man-ist-ans-Bett-gefesselt-Wüste lebt, ohne zu fragen, ob Diogo und Joel dich überhaupt noch wollen», sie richtet ihren rotblonden Haarturm und zieht gleichzeitig an einem Joint, wirft sich in den Rattansessel und streckt alle Glieder von sich. «Und was ist mit Sami? Was wirst du mit deinem Sami Berri tun? Lässt er dich gehen? Einfach so?»
Sami.
Sami und Selma.
Die Umgebung weicht vor ihr zurück und ein unbestimmter Raum tut sich auf. Sie starrt auf Paulines Kiste, das hölzerne Unding, das auf Janikas grob geknüpftem Wohnzimmerteppich steht, mitten in der Leerstelle, die Marielouise, Pauline, Joel – und bald auch Janika – hinterlassen. Sie starrt auf den Deckel. Drei goldene Elefanten. Zwei Augen, eine Nase.
Das Gesicht von Pauline, scharf gezeichnet, durch den Lichteinfall gerahmt, die knochigen Schultern in ein selbstgestricktes Tuch gehüllt, das Kinn vorgereckt, die Zigarette in der Hand, brüchig und verwundbar.
Sie schaute aus dem Fenster und sagte mit diesem herrschsüchtigen Ton in der Stimme: «Ich bin vom Stamm der Rosa Luxemburg.»
Selma wühlte ihre Finger in das krause, immer noch pechschwarze Haar und drückte ihre Lippen flüchtig auf den Kopf der alten Frau: «Das ist eine deiner Geschichten. Warum lügst du?»
«Ich bin vom Stamm der Rosa Luxemburg!»
«Was willst du? Was soll ich tun?» Selma setzte sich vor Pauline auf einen Schemel, rollte ihr die Strümpfe von den Füssen, drückte Salbe aus der Tube, legte die Hände um die Fussknöchel ihrer Grossmutter und strich mit kräftigen und kreisenden Bewegungen die Haut auseinander, massierte die von der Arthrose verkrümmten Füsse und spöttelte freundlich: «Du bist von einem jüdischen Stamm?»
«Das habe ich nicht gesagt! Das hast du gesagt!» Paulines grüne Augen, schmale Frühlingsblätter im alten Gesicht. Die schweren Brüste hatten sich in ihrem Schoss hingelegt. Sie drückte die Zigarette aus und zupfte das gestrickte Tuch zurecht: «Wer will denn ein Paria sein? Willst du ein schwarzer Paria sein?»
«Bin ich schwarz? Und Joel? Sieht aus wie Leonardo DiCaprio.»
«Und du? Wie Kate Winslet? Das ist ja zum Lachen! Heirate einen anständigen, erfolgreichen Mann. Joel braucht einen Vater.»
«Das sagst ausgerechnet du.»
«Einen anständigen Vater.»
«Joel hat einen Vater.»
«Ich spreche von einem richtigen Vater.»
«Und wo ist mein Vater?»
Pauline warf ihr einen verächtlichen Blick zu und kehrte zum Thema zurück: «Mein ganzes Leben wurde ich Neger genannt. Willst du ein Neger sein?»
«Wann hat es dich jemals interessiert, was ich sein will?»
«Du tust mir weh!»
Selma hielt inne, stellte die Füsse ihrer Grossmutter sorgfältig auf die Fussablage des Rollstuhls und strich mit dem Zeigefinger zärtlich über den hohen Rist: «Tee?»
«Weisst du, was schlimmer ist als die Angst vor verderblichem Einfluss und Umweltverschmutzung? Weisst du das? Zieh mir die Strümpfe über! Ich will die grauen Seidenstrümpfe. Hol sie. In der Kommode!»
«Hier. Graue Seidenstrümpfe.» Selma hob die Strümpfe hoch, die sie ihrer Grossmutter ausgezogen hatte. Pauline packte den einen Strumpf, beugte sich vor und versuchte den Fuss anzuheben, sie arbeitete Stück für Stück an der Annäherung von Hand und Fuss, ihr Atem ging heftig: «Schlimmer ist die Angst vor Auflösung und Verschwinden.»
Selma hatte sich auf ihre Hände gesetzt, um der Versuchung, Hilfe zu leisten, widerstehen zu können, denn das Eingeständnis der Schwäche und Hilflosigkeit hätte ihr Pauline nicht verziehen. Doch die alte Frau musste schliesslich erschöpft aufgeben, lehnte sich zurück und legte den Strumpf verärgert in ihren Schoss.
Das seidene Stück über Kopf und Gesicht gezogen murmelte Selma mit dumpfer Stimme: «So. Und aus der Asche des Verschwindens steigt Rosa Luxemburg als Phönix auf und kündet von der Wiederkehr des ewigen Juden.»
Pauline beobachtete ihre Enkelin, wie man es mit einem fremden Wesen tut, dessen Verhalten man zwar verurteilt, aber nicht ändern kann, beim besten Willen nicht, und nach einer Weile sagte sie mit Blick zum Fenster: «Die Farben verändern sich, bald ist der Himmel lila, ja, der Himmel ist lila, es tut gut, das Eindunkeln zu beobachten, dann weiss man, alles wird gut …» Und brach ab und schwieg.
Selma zog den Strumpf vom Kopf und wartete. Sie kannte Paulines Schweigen. Und sie fragte sich in solchen Momenten, ob Pauline wohl an Marielouise dachte, ob sie ihr Kind vermisste, und begann erneut, kraftvoll und konzentriert zu massieren. Weich, sie ist weich wie ein Baby, weich und schön … Sie spürte den bohrenden Blick auf ihrem Scheitel … Wir sind eine Horde beziehungsloser Individualisten … Wir sind verletzt … Ja, wir haben den Hang, uns stetig zu verletzen, denn im Grunde sind wir von unserer Minderwertigkeit überzeugt …
Und als hätte Pauline ihre Gedanken gelesen, entzog sie ihrer Enkelin das eingefettete Bein und sagte klar und deutlich, sie wolle nun die Strümpfe, und fügte an: «Du bist der letzte Neger in der Familie. Du bist der letzte Neger! Mein letzter Selma-Neger! Aber du hast vergessen, was ein gutes Leben ist. Wer zeigt der Welt, wenn ich tot bin, was ein gutes Leben ist? Sag es mir! Wer?»
Selma sitzt auf dem grob geknüpften Wohnzimmerteppich in Janikas Wohnzimmer, dreht die rosafarbene Tupperwaredose in den Händen, prüft das Gewicht und studiert das dicke, schmutzige Büttenpapier, das sie darin gefunden hat.
Mit den Augen tastet sie die hebräischen Schriftzeichen ab. Sie wird Janika um die Übersetzung bitten müssen.
Die auf der Landkarte rot eingekreisten Ortschaften notiert sie in einem schwarzen Notizbuch: Kupiškis, Zamość, Sambir.
Und: Oswjecim, Wien, Salzburg, Innsbruck. Donzhausen.
Sie packt ihren roten Koffer. Bücher. Viele Bücher.
Und Paulines Dokumente.
20. Juli. Zürich – Wien
Sami, mon cher
Der Weizen steht. Ein blendend heller Morgen. Enge Täler, obwohl wir durch das Mittelland fahren. Dazwischen Ausblick auf die kleinräumige Landschaft.
Du hast auf die Bahnhofsuhr geschaut und den Zug schnell verlassen. Nachdem du mir, ohne die anderen Fahrgäste zu beachten oder zu grüssen, einen Platz gesucht hast. Er ist nicht besser als andere, es geht dir nur darum, ihn auszusuchen. Eine Art letzte Liebestat, Fürsorge statt Worte, die äussern könnten, was du fühlst. Ich sage auch nicht, was ich fühle. Du hast mir beigebracht, über Gefühle nicht zu sprechen, nein, es hat sich mir von selbst beigebracht, da du damit nicht zu erreichen bist. Du würdest nichts fühlen, hast du gesagt, du wüsstest nicht, wie das geht.
Sex. Und Einsamkeit verhindern. Nur darum geht es. Ich wundere mich über die Selbstverständlichkeit, mit der du das sagst.
Du hast den Zug schnell verlassen. Nachdem du leise, aber fordernd gesagt hast: «Du sagst mir, wo du bist! Jeden Tag! Vergisst du es nicht?»
Deine Bewegungen waren hektisch. Unbeholfen.
Dabei bist du sonst so gelassen. Ich liebe deinen lockeren Gang, deinen schmalen Körper. Wenn du läufst, erinnerst du mich an einen jungen Hund, der sich durch frisch gefallenen Schnee kugelt – alles an dir springt.
Bist du deshalb so unsicher, weil man dir die Liebe, die du für mich empfindest, ansehen kann?
Du liebst mich. Du denkst unentwegt an mich, an dich, an uns. Und obwohl es dir nicht gefällt, kannst du es nicht ändern. Ich weiss um deine Furcht, ich könnte dich betrügen und verlassen, ich weiss um deine Hoffnung auf mein Einlenken: Ich will dich. Will dich um jeden Preis. Ich akzeptiere deine Bedingungen.
Ein Stück von mir bleibt im Bahnhof, geht mit dir die Südtreppe hinunter in die Passage, in der die Geschäfte gerade öffnen, die Pendler hastig frühstücken und gehetzt aufbrechen, die Nordtreppe hinauf in das blendende Sonnenlicht, am Restaurant mit dem vergilbten Schweizerkreuz über dem Eingang vorbei – hier unser erster gemeinsamer Kaffee –, du gehst, den Blick vorwärtsgerichtet, um rechtzeitig ausweichen zu können – keine Zeit, keine Energie verschwenden –, du erreichst das braune Gebäude mit den unordentlichen Büros, das der weltweit grössten Rückversicherung gehört – wie du mit stolzer Verachtung zu betonen pflegst. Den Badge bereits in der Hand lächelst du dem Portier freundlich zu, ist er doch ein Mensch, läufst in die Kantine, um ein Rosinenbrötchen zu kaufen, so jedenfalls hast du es erzählt, so jedenfalls geh ich mit dir in Gedanken den Weg.
Warum ein Rosinenbrötchen? Du wüsstest nicht einmal, ob es dir schmeckt, hast du gesagt.
Aber du bist kein herzloser Mensch. Dein Herz schlägt für den Portier, für die Putzfrau, für die Bauarbeiter. Für all diejenigen, die immer noch sind, was du gewesen bist. So jedenfalls stell ich mir das vor. Und doch bist du bereit, jedem, der in deiner Versicherung die Karriereleiter erklommen hat, in den Arsch zu kriechen. Du würdest alles tun, um so zu sein wie sie oder um zu bekommen, was sie bereits besitzen. Wenn ich dir das an den Kopf werfe, dich mit solchen Bemerkungen kränken will, bist du glücklich. Du fühlst dich erkannt. Das erstaunt mich.
Nun bist du an deinem Platz am Fenster angekommen. Im Grossraumbüro, das durch die vielen Trennwände eng und wegen der gestapelten elektronischen Geräte und des Durcheinanders von Kabeln verwahrlost wirkt. Du setzt dich hin. Und lässt die anderen deine Gleichgültigkeit spüren. Wenn dir Menschen oder eine Sache etwas bedeuten, trägst du Verachtung zur Schau. Machst dich unsichtbar, ziehst den Kopf ein und lässt die Ereignisse scheinbar unberührt über dir zusammenschlagen und bist dann doch beleidigt, ja regelrecht empört, wenn man dich übersieht und vergisst.
Oder verstehe ich nicht, was dir etwas bedeutet?
Es ist schwerer für diejenigen, die zurückbleiben. Du verbringst mit diesem Unbehagen deinen gewohnten Alltag. Es gibt kein aufregendes Erlebnis, keinen tröstenden Ausblick auf eine nette Überraschung, für dich ist alles wie bisher, nur: Ich bin nicht mehr da!
Und du verstehst nicht, warum ich diese Reise mache. Du verstehst nicht, warum ich in die Ukraine fahre, an den Ort, von dem die schwarze Hannah und der Jankel Yuter aufgebrochen sind. Du verstehst nicht, warum ich meine Mutter in Chile nicht mehr aufsuchen will, warum ich dem Inhalt in Paulines Kiste auf den Grund gehen muss.
Und du weisst nicht, was ich in der rosafarbenen Tupperwaredose gefunden hab. Nein. Das kannst du dir nicht einmal vorstellen.
Und du verstehst nicht, warum ich Pauline gehorchen würde, aber niemals dir. Dabei träumst du davon, in den Libanon zurückzukehren, um deine Mutter glücklich zu machen. Ja, du solltest verstehen, dass unser beider Leben von den Wünschen alter Frauen bestimmt sind – alter Frauen, die weit weg sind.
Und du verstehst nicht, warum ich in meinem Alter mit einer Freundin zusammenwohne. Du bist nicht mehr zwanzig – benimmst dich jedoch wie ein Kind, hast du gesagt.
Du verstehst nicht, warum ich als Redakteurin einer anstrengenden und zeitraubenden Arbeit nachgehe, die wenig Geld einbringt und eine ungewisse Zukunft verspricht.
Und du verstehst nicht, warum ich es zulasse, dass Joel zu Diogo zieht. Du verstehst nicht, warum ich die Freundschaft mit Diogo aufrechterhalte, ja sogar für ihn arbeite, du lässt keine Gelegenheit aus, ihn schlecht zu machen, parodierst einen Hahn, hüpfst durch deine Wohnung und krähst seinen Namen: Diogo Pintor Eloy. Was für ein schöner Name! Diogo Pintor Eloy.
Ich hab NUR Freunde. Und du hast NUR Familie. Du wüsstest nicht, wie man das macht mit der Freundschaft, hast du gesagt, deine Geschwister hingegen sind Teil deines Körpers, deine Familie ist alles, hast du gesagt.
Du kannst nicht verstehen, warum der Ort Valparaiso – vielleicht ist es ja nur das Wort – eine solch magische Wirkung auf mich ausübt. Gibt es dort Wohlstand? Arbeit? Sicherheit? Frieden? Ein angenehmes Klima? Hast du wütend gefragt.
Du bist im Lauf deines Lebens ein hervorragender und kluger Beobachter geworden, weil du in allem mit möglichst wenig Aufwand höchste Wirkung erzeugen willst. Und doch verstehst du mich nicht. Stellst dich vor mich hin und hältst mir in endlosen Monologen wahre Strafpredigten und erwartest meine Zustimmung: Ja! Ich werde zur Vernunft kommen.
Meine Reise macht dir Sorgen. Ich werde nicht frieren, Durst oder Hunger leiden. Ich muss keinen Dreck aushalten, keine Insekten, Mäuse und Ratten, mich nicht vor der Gendarmerie verstecken, Schwarzarbeit suchen, stehlen, es drohen weder Erschöpfung, Angst vor Prügel, Vergewaltigung noch Gefängnis und Tod.
Allenfalls eine Flugplanänderung, ein verspäteter Zug, eine Baustelle beim Hotel, ein gestohlener Koffer oder ein Unfall oder eine Krankheit, ja, das kann es geben.
Aber ich hab Angst, dich zu verlieren. Hab Angst, uns zu verlieren.
Ich möchte dich in den Arm nehmen. Und trösten. Deine Haut, die schmeckt wie dunkles Brot. Dein rundes Gesicht. Dein stachliges Haar. Deine kraftvollen und doch so sparsamen Bewegungen.
Unter der Dusche. Haare waschen. Heisses Wasser auf der vor Müdigkeit schmerzenden Haut. Auf den verkrampften Schultern. Weil ich vorhin den Fisch, den du gekauft hast, aufgeschnitten und in seine Einzelteile zerlegt hab. Diese Kleinstbewegungen lösen in den Muskeln einen Krampf aus. Als wollten sie die Unmöglichkeit zeigen, ein Lebewesen in seine Einzelteile zu zerlegen, um es den eigenen Wünschen gemäss neu zusammenzufügen.
Ich unter der Dusche und du auf dem Klo. Du liest Donald Duck und zwischendurch fragst du nach einem Wort: «Was heisst Glückstaler? Was heisst aufsässig?» Das ist aber bereits aus einem Buch über Rosa Luxemburg – die eigentlich Rozalia Luksenburg geheissen und die sich in Zürich aufgehalten hat –, ein Buch, das du durch deine Wohnung trägst, bevor du dich an den Tisch setzt, Kaffee trinkst und mit konzentrierten, aber dennoch weichen Bewegungen meinen Rücken eincremst, meine trockene Haut, die Öle und Cremes aufsaugt wie ein trockener Schwamm das Wasser, die roten Flecken, die jucken, auf denen du deine Finger zärtlich liegen lässt, wie du auch eifrig meine Hände nimmst, aufnimmst, sorgfältig, wie wenn es liegengebliebener Dreck wär, und langsam die knotigen Fingergelenke zu lutschen beginnst. Deine Faszination für meine Mängel. Meine Hässlichkeit. Meinen Makel. Diese Schamlosigkeit angesichts meiner Ausscheidungen. Meiner Gerüche und Geräusche.
Als ich dich nach deinen ersten Erinnerungen gefragt hab, hast du starr geschaut und abgehackt erzählt, eher aufgezählt: festgestampfte Erde, braune Schaumstoffmatratze, Mutters rosafarbenes Kleid mit grünen Blumen, was dich erstaunt hat, weil draussen im Garten die Gräser und Büsche, aber nicht die Blumen grün waren, roter Plastikbecher mit weisser Milch, scharfe Schafsmilch, Glut auf Steinen, blau, violett, orange, und die Flammen, die am geschwärzten Holz lecken, langsam lecken und zucken, waren gelb, wie meine Zunge in dir, hast du gesagt, wie meine Zunge auf dir. An dir. Ich leck dich, bis du verkohlst.
Wir liegen auf der schmalen Couch, eng umschlungen. Ich schaff es nicht abzutauchen. Muss neue Positionen suchen. Noch enger. Noch inniger. Und dann ist es zu heiss. Zu wenig Luft. Mein Körper aufgelöst in deinem. Der Kopf hellwach, aufgeladen, angespannt.
Und du sagst: «Sorge dich nicht. Alles kommt gut.» Ich bekomme einen Lachanfall. Es passiert einfach, und danach meinen Schluckauf. Jedes Mal diesen lästigen Schluckauf.
Unterhalb der Eisenbahntrasse, in der Schlucht, ein schwarzer Fluss. Der Zug hält in einem kleinen Dorf, von dem ich noch nie etwas gehört hab. Bruggen in St. Gallen. Blutfarbene Schindelhäuser. Wein und Kerbel. Überall Pflanzen. Es ist alles so unglaublich verpflanzt.
Früher sind sie gewandert oder auf dem Pferdewagen gefahren. Sie hatten das Wetter auf der Haut und die Gerüche in der Nase. Geräusche haben sich genähert und wieder entfernt. Ich jedoch sitze im klimatisierten Zug. In einer geschlossenen Metallkapsel dringen wir in die Landschaft ein, die Lüftung neutralisiert die Gerüche und die Temperaturen, übernächtigt schaue ich auf den Landschaftsfilm, der vor meinen Augen vorbeiläuft, unberührt, was eine Sehnsucht auslöst, aber nur schwach, mir schiesst der Gedanke durch den Kopf: Fehlende Sinneswahrnehmungen bedeuten den Verlust von Gefühlen und Erinnerungen.
Aber es ist schön. Unzweifelhaft schön. Es würde dir gefallen.
Du liebst die Erinnerung an die Mandelbäume und die Schafe. Und die Blüten. Überall Blüten. Du bräuchtest einen Traktor, um die Felder am Fuss des Bergs Hermon umpflügen zu können. Obwohl ich mittlerweile herausgefunden hab, dass dein Dorf nicht am Fuss des Bergs Hermon, sondern viel weiter im Süden liegt. Du lügst. Und manipulierst. Wie Pauline. Sie hat das dauernd getan. Sagt auch Joel.
Joel. Mein Joel.
Weisst du noch, wie wir uns eine Kinderschar ausgedacht haben? Unsere Kinder. Die du nicht willst. Unsere Kinder, die du aufziehen würdest, wie Pauline es getan hat: Fleissig und erfolgreich müssten sie sein und gut angepasst und dennoch stolz auf ihre Herkunft und Traditionen, all das, was die Umgebung ablehnt und verachtet, hegen und pflegen, AUFRECHTERHALTEN, genau so. Du und Pauline. Ja, es ist dieses Herdfeuer, die langsam leckende und zuckende Flamme, die scharfe Milch im roten Plastikbecher, an die du dich erinnerst. Ich mich jedoch nicht! Und so bist DU aus meiner verlorenen Vergangenheit herausgetreten, so bist DU all das, woran ich mich laut Pauline erinnern soll.
Wir überqueren den Rhein. Bald erreichen wir Bregenz.
Am Horizont, im Dunst, Silhouetten hoher Berge. Davor flaches, fruchtbares Land. Kleine Einfamilienhäuschen. Putzig. Sauber. Geordnet.
Mein Handy meldet, ich sei nun in Österreich. Keine Grenzkontrollen.
Vier junge Frauen vertilgen Berge von Croissants – ihr Vorrat und die Krümel sind unermesslich – und lesen Gratiszeitungen. Wie du. Langsam kauen und Gratiszeitungen lesen. Akribisch. Zeile um Zeile.
Wie du mir fehlst.
Meine Hände sind unruhig. Du magst es nicht. Und bittest mich, damit aufzuhören, an mir selbst herumzufummeln. Warum?
Mein Körper ist dein Körper.
Vergiss. Vergiss mich. Vergiss mich nicht.
Deine Selma
Lieber Diogo
Das Gepäck: Schokolade (Geschenke). Bücher. Ordner. Papiere. Kabel für Elektrogeräte. Laptoptasche. Laptop. Fotokamera. Videokamera. Sonnenbrille. Lesebrille. Agenda. Ausweise. Geldbeutel. Kulturbeutel. Kleider.
Schattenlose Strassen in Hohenems. Auf der Suche nach einem Restaurant: Bin ans Gepäck gebunden – der Koffer rollt schwer und kippt vom Bürgersteig, hängt an einem herausragenden Stein, einer Rille oder steckt in einem Loch –, der Rucksack wie ein klammerndes Affenbaby.
Wie oft trug ich Joel auf dem Rücken.
Nacken und Schultern hart, Hitze auf dem Gesicht, auf der Brust, am Rücken, am Bauch und in der Hose dieses klebrige Gefühl – wie Bettnässen. Vergeblich versuche ich, den Gedanken an frischen Wind, kaltes Bier oder den klimatisierten Zug wegzuschieben.
Und an unsere kühle, dämmrige Wohnung: Pauline hörte Radio und flickte mit ihrer Singer-Maschine alte Küchentücher, alles geflickt, immerzu hat sie alles gestopft und zugenäht und Zigaretten geraucht. Joel trug auch im Wohnzimmer seine Kopfhörer und besetzte während Stunden das Bad.
Ach! Joel!
Ich weiss, du fühlst dich schuldig, weil Joel bei dir ist, was dich glücklich macht, so wahnsinnig glücklich. Aber du hast Angst gehabt – schreist mich wegen Nichtigkeiten an, hörst nicht zu, legst grusslos auf oder läufst weg, ohne zu wissen wohin, läufst einfach weg –, deine Angst, ich rieche sie, ich fühle sie wie meine eigene – du hast Angst gehabt, ich könnte mich umentscheiden, die Reise absagen, die dir so überspannt erscheint, wie dir meine Familie schon immer ein Ärgernis gewesen ist – das kann ich verstehen –, du hast Angst gehabt, ich könnte alles abblasen und sagen: Joel! Bleibt bei mir!
Durst. Mir ist übel. Es fühlt sich unangenehm an. Wie zu laute Musik. Und doch rede ich mir ein, wie schön alles ist, wie aufregend: ein Abenteuer. Ein neues Leben. In Freiheit. Und vollständig auf mich gestellt.
Du und ich. Wir waren Freunde. Erwarteten ein Kind. Und ich hatte nicht den Mut, Pauline zu enttäuschen. Und den Gedanken an ein gemeinsames Leben – du und Pauline unter einem Dach – sprachen wir nicht aus. So undenkbar! So UNMÖGLICH! Ihr hättet euch umgebracht.
Du hattest in meinem Bauch ein Geschenk hinterlassen. Und ich kehrte zu Pauline zurück.
Was für mich das flimmernde Phantom einer alten, verbitterten Frau, ist für dich gelebte Realität einer grossen Familie: essen, trinken, schlafen, reden, lachen, streiten, schreien, seinen Platz kennen, seine Rolle spielen, nicht allein sein, ja, nicht allein sein, das ist wichtig, nicht allein sein, und deine Mutter trägt den Ziegenbraten (Cabrito Assado no Forno) vom Hof deines Cousins, mit Olivenöl (Azeite) aus dem Hain deines Grossonkels und dem Rosmarin (Alecrim) vom Balkon deiner Tante in der Kasserolle, die dein Vater in der Autowerkstatt deines Onkels zusammengeschweisst hat, ins Wohnzimmer, stellt ihn schwer atmend auf den Tisch, auch den mit Pinienkernen (Pinhões) von der Cousine bestückten Reis (Arroz), und keinem der Männer fällt der Schweiss auf, der ihr ins aufgesteckte Haar rinnt. Sie ist die Einzige, die an diesem verfluchten Sonntag etwas tut.
Da ist Paulines offene Marielouise-Wunde ein Dreck dagegen.
Sie zog Marielouise und später mich und Joel allein auf. Nun ist sie tot.
Und Joel bei dir.
Nicht weil wir oder die Umstände es erzwingen. Nein. Weil er es will.
Ich sehe dich vor mir, wie du die Schultern hochziehst, dich innerlich zur Faust ballst, versuchst, dich zu beherrschen, um Joel nicht anzubrüllen, ihn deiner Hilflosigkeit nicht auszusetzen, denn du bist von der Integrität der Kinder, von ihrem Recht auf eine eigene Persönlichkeit überzeugt, und doch bringt dich dieses nervtötende Türschlagen, dieses übelgelaunte Lass-mich-in-Ruhe-Mann und impertinente Hey-mach-mal-Platz, dieses rücksichtslose Warum-zum-Teufel-ist-der-verdammte-Kühlschrank-schon-wiederleer, dieses arrogante Jeder-Lehrer-ist-ein-Volltrottel-Gemotze an deine Grenzen, weil diese schrille Pubertätsoperette deinen Tagesablauf und deine Gewohnheiten stört, und so läufst du Joel hinterher, verunsichert und überbesorgt, um vor seiner verschlossenen Tür seine Lieblingsgerichte herunterzubeten, was dieser, obwohl er den kleinsten Wunsch, der sich in dir regt, das feinste Zucken in deiner Hose, spürt, gerade zur Zeit gar nicht schätzt und dir nicht mal Antwort gibt. Diese Vorstellung wird tagtäglich zu seiner vollsten Zufriedenheit gegeben und noch mehrere Spielzeiten dauern. Und du wirst lernen zu verstehen. Ja, ich auch.
Du bist wie ich.
Wir hätten das gut gemacht mit Joel.
Weisst du, was er zum Abschied unwirsch, ja undeutlich brummte: «Hey Mama. Keep cool. Alles ist gut.» Und dann brach es aus ihm heraus.
Er weinte fast: «Ich bin gerade ein ziemliches Arschloch. Ich scheiss auf euer Verständnis und euren Stolz. Das kotzt mich an. Ich geh euch total auf die Nerven! Das ist die Wahrheit. Warum gebt ihr es nicht einfach zu? Game-over!»
Ich war meiner abwesenden Mutter und meinem unbekannten Vater dankbar für ihre Friedfertigkeit. Für ihre Grosszügigkeit, ihren Unwillen, eine Familie zu gründen, Erwartungen zu hegen und ihren Willen durchzusetzen.
Und Joel mag das auch. Seine Eltern sind Freunde geblieben.
Du. Bär. Deine Fähigkeit, heftig zuzupacken und alle und alles schnell und sicher in deinen Pelz zu wickeln und zu wärmen. Tu das mit Joel. Es ist meine inständige Bitte. Gib es ihm.
Hattest du nie den Wunsch, diese Liebe einer Frau zu geben? Ist unter deinen zahllosen Geliebten keine, die du zu deiner Frau machen willst?
Deine Geliebten. Wer sind sie? Ich würde so gern wissen, wie sie aussehen!
Oder fehlt dir die Freundschaft? Bräuchtest du eine Freundin? Eine Vertraute? Bei der du es endlich wagen würdest, dich entspannt zurückzulehnen? Dich ihren Händen zu überlassen?
Aber du stösst mich weg. Geht dich nichts an, sagst du. Hättest mich ja haben können, wenn es nach mir gegangen wäre, sagst du.
Diogo, ich sehe deine wirren Haare. Die ich liebe. Blond, ja hellblond. Beinah weisses Haar. Und du trommelst auf deine Brust und singst von diesem Gefühl in deinem Herzen, das dir sagt, was es bedeutet, ein Portugiese zu sein. Ein Albinoportugiese mit Kirschaugen. Du liebst deine Eltern, weil sie keine Patrioten sind und dir dennoch beigebracht haben, was es heisst, ein Portugiese zu sein, sagst du und tanzt langsam mit erhobenen Armen, anmutig und für deine Körperfülle erstaunlich virtuos, es geht nicht um dieses Portugiese- oder Nichtportugiese-Sein, nein, die Erinnerungen, die hinter dem Wort lebendig stecken, allein darum geht es, um diese Erinnerungen, die den Titel Portugal tragen, doch dieser Titel ist Zufall, hast du gesagt.
Doch mal ehrlich: Sagst du das Wort Portugal, die Leute horchen auf und sehen in dir, was sie von ihnen unterscheidet. Irgendetwas. Ist ja egal. Ich denke, es spielt keine Rolle, was für Unterschiede, ich denke jedoch, es gibt sie. Für sie. Und für dich.
Es ist die Flucht, die, über dich hereingebrochen, dich vor Wut zappeln oder in Trauer erstarren lässt. Zwischen Gepäckstücke gequetscht bist du in einem kleinen Fiat durch Spanien und Frankreich nach Zürich transportiert worden. Dein Vater hatte den Brief eines Cousins zwischen die gebügelten Hemden in den Koffer gelegt.
Die Fahrt im vollgestopften Fiat durch Spanien und Frankreich, das Mittagessen in einer Raststätte bei Clermont-Ferrand, und du hast Fritten mit Ketchup gegessen und in den angespannten Gesichtern deiner Eltern plötzlich erkannt, es gibt keine Rückkehr. Das nervöse Zucken im rechten Auge deines Vaters und das leichte Wegschauen deiner Mutter, als am Nebentisch die Lastwagenfahrer aus Coimbra zahlten und gingen. Und dein Leben änderte sich: keine Mandelblüten, keine Lämmer im Fluss, keine Grossmutter mit vom Kartoffelschälen verquollenen Händen, keine durch das offene Treppenhaus hallenden Stimmen. Und nie wieder das Meer. Überhitztes Toben im arschkalten Meer. Und sich übergeben vor Lachen, weil alle wissen, arschkalt, das darf man nicht sagen.
Wellen lecken.
Eine halbzerkaute kalte Fritte im Mund.
Keiner fragte dich. Keiner interessierte sich dafür, was du liebtest. Sie taten, was sie tun mussten, und achteten gerade mal darauf, dir den Kopf nicht zu zertreten. Hattest du auf einer Klippe gestanden und stolz auf die Brandung deiner Zukunft geguckt, schleiftest du sie plötzlich hinter dir her und man riss dich in eine grosse Unbekannte, die, obwohl sie vor dir lag, eine nie enden wollende Vergangenheit sein würde: EINES TAGES KEHREN WIR ZURÜCK! UND ES WIRD SEIN WIE FRÜHER! Das ist der Titel für die leere Gegenwart, die du deinen Eltern ewig zum Vorwurf machst. Derweil sie dir alles geben.
Du und deine Eltern!
Ihr räumt mir wegen eurem Glück über Joels Anwesenheit jeden Stein aus dem Weg – wenn ich nur lang genug wegbleibe.
Du nörgelst, weil ich nicht nach Chile fliege, um dem irrlichternden Marielouise-Spuk ein Ende zu bereiten – tu es für Joel, sagst du. Er braucht seine Grossmutter.
Aber wie fühlt es sich an, wenn man in Valparaiso die Calle Matriz entlanggeht, die Tür aufstösst, die Treppe hinaufsteigt und es nicht gelingt, den Finger zu heben und auf die Klingel zu legen? Wenn man auf einem Hotelbett sitzt und nicht in der Lage ist, den Hörer des Telefons in die Hand zu nehmen?
Was sage ich, wenn sie vor mir steht?
Diogo! Verdammt! Was sagst du?
Ich höre deine sprunghafte Argumentation, bildhaft und dramatisch, und dass du erst Ruhe gibst, wenn alle an deinen Lippen hängen und lachen.
Pauline stieg in die Archive des Kantons Thurgau und arbeitete sich durch die Register der Einwanderungsbehörde. Und sie fand fünf Personen, die, aus Zamość gekommen, in Sulgen/ Kradolf – dazu gehört auch der Weiler Donzhausen – geblieben waren. Sie hiessen Edelman und Beerman. Zehn Personen waren aus Sambir eingewandert: Edelman, Beerman, Eberhardt, Lieb, Beck, Landman und Eder. Neun Personen kamen aus Lemberg: Eberhardt, Lieb, Beck, Landman, Lanzman, Eder, Akerman, Gutman.
Die Personen, die Pauline ins Zentrum ihrer Notizen stellte, heissen jedoch Hannah, Jankel, Ossip und Ruth Yuter. Von ihnen ist die Rede, wenn es um die Vergangenheit unserer Familie geht.
Wie lang waren die schwarze Hannah, der schweigsame Jankel, der kleine Ossip und das kranke Ruthchen unterwegs?
Litten sie grosse Not?
Hatten sie das Notwendige dabei?
Als sie am Bodensee ankamen, war vermutlich fast alles aufgebraucht, verkauft, verloren, gestohlen. Kleider auf dem Leib und wenig Essen. Trockene Nudeln und Zwiebeln. Manchmal ein warmes Essen, Kohlsuppe, Hafersuppe, Milchsuppe, Kartoffelsuppe. Vielleicht eine Gurke oder ein Rettich. Ein Ei. Ein noch warmes Ei, das man ausschlürfen konnte. Nährstoffe, die tief in die Zellen eindrangen.
Und manchmal ein gestohlenes oder wildes Tier.
Hatten sie Schächtmesser dabei?
Töteten sie nach dem Gesetz?
Zogen sie entlang der waldigen Berghänge oder durch die bepflanzte Talsohle? Immer in Richtung See?
Es muss schwierig gewesen sein, ein Dorf oder einen Weiler zu meiden, nicht aufzufallen und doch in den Ställen Trockenheit und Wärme zu suchen, im Winter jedenfalls, im Sommer reichte im Schutz der Felsbrocken ein stiller Platz im Wald.
Du hast gesagt, bezüglich Migration sei die Frage nach der politischen oder sozialen Gerechtigkeit ausschlaggebend. Nicht die Frage nach der Herkunft oder der Identität, sondern die nach der Gerechtigkeit berühre das wahre Problem.
Diskutierst du solche Fragen mit Joel? Wirst du es ihm beibringen?
Lieber Diogo. Pass auf dich auf. Und auf Joel.
Es steht mir nicht zu. Aber du solltest weniger essen. Du hast zugenommen. Dein Bauch. Das ist nicht gesund. Oder ist es dein neues Vaterglück?
Du liebst es zu feiern. Und ich liebe es, dass du es liebst.
Auch dass du Joel liebst.
Manchmal bin ich so leer … Bin leer … Ich denke nicht … Und denke immerzu … Wohin will ich … Was mache ich … Unentwegt denke ich … Und denke doch auch wieder nicht …
Ich würde so gern mit euch in der Küche sitzen.
Deine Selma
Sami, mon cher
Beim Umsteigen meinen Anschluss verpasst! Warten in Hohenems. Setze mich hin, rauche eine Zigarette, will deine Stimme hören.
Überfüllter Biergarten. Lärm von der Strasse, dazwischen Zikaden. Am Nebentisch eine Frau mittleren Alters vor einem grossen Glas Bier. Sie schaut mich an. Ich stelle mir vor, du bist bei mir, und ich bin dankbar, nicht allein an einem Tisch vor einem grossen Glas Bier zu sitzen.
Ich warte. Warte auf den Zug. Ja. Das Warten ist die Strategie der Unschlüssigen. Bis etwas geschieht. Irgendetwas. Und langsam laden sich die Dinge mit Erinnerungen auf – silbrige Weiden, blaue Kornblumen, Mais, Weizen, Rüben, Kohlraben, steil und schroff aufragende Felswände, tiefdunkelblauer Himmelsstreif, kleine Hütten und putzige Chalets, satte Wiesen, grau schäumende Wellen, unermüdlich rollender und wasserschaufelnder Fluss, Bergscheitel – und verwandeln sich in einen Ort von früher.
Es ist eine Reise ins Archiv weit zurückliegender Ereignisse, in das vage, zerstreute Denken an die schwarze Hannah, den schweigsamen Jankel, den kleinen Ossip und das kranke Ruthchen.
In Paulines Notizen finden sich Namen von Menschen. Namen von Orten. Und obwohl ich kaum etwas über die damit zusammenhängenden Ereignisse weiss, ist mein Inneres dauernd damit beschäftigt, aus den wenigen Bruchstücken Geschichten zu erfinden. Wie fühlt es sich an, in ein endlos sich dahinziehendes Tal einzutreten? Wochenlang durch die immer gleich aussehenden Tannenwälder zu wandern? Den immer gleich aussehenden Dörfern auszuweichen? Und plötzlich ragen sie auf: scheinbar unüberwindbare Felsbrocken. Wie fühlt es sich an, eine solche Bergsperre zu überwinden – um das nächste tannenüberwucherte, steinig-steile, immer gleich aussehende Tal vorzufinden und Tag für Tag, Woche für Woche durch diese unwirtliche Senke zu ziehen? Wussten sie vom grossen See hinter den gigantischen Absperrungen aus Granit? Wollten sie nach Deutschland? Frankreich? Holland? Um in Hamburg, Marseille oder Rotterdam das Schiff nach Chile zu besteigen? Nach Brasilien oder Argentinien?
Aber warum zogen sie nach Innsbruck nicht Richtung Bayern oder durch das Engadin nach St. Moritz und von dort weiter nach Mailand, Genua oder Livorno?
Hörten sie in Innsbruck vom Bodensee, dem fruchtbaren Vorarlberg und dem Thurgau? Wussten sie von der berühmten jüdischen Gemeinde in Hohenems? Wies man sie dort ab?
Warum blieben sie im Thurgau?
Oder zählten sie die Schritte? Einfach nur gehen? Alle Kraft dem Augenblick zuwenden, um die Gegenwart zu bewältigen? Ist das Meditation? Oder die Strategie der Unglücklichen?
Du bist mit einem französischen Förderstipendium in der Tasche im Flugzeug von Beirut nach Grenoble geflogen. Besonders begabte Kinder aus dem Libanon durften in Frankreich ihr Mathematikstudium fortsetzen. Aber du warst auch vor deinem wütenden Vater auf der Flucht. Am Flughafen untersuchte dich eine Ärztin. Sie habe dein Glied in die Hände genommen und mit prüfenden Blicken studiert.
Du kicherst wie ein kleines Kind, wenn du diese Geschichte erzählst.
Während zweier Jahre besuchte ich dich montags und donnerstags, um die Nacht mit dir zu verbringen. Du bist ein Mann der Gewohnheiten. Mit diesem merkwürdigen Lächeln, das deine Augen nicht erreicht, lässt du dir Bücher empfehlen, weil du Deutsch lernen willst. Ja. Das sagtest du, und Woche um Woche bekamst du von mir ein Buch, um wenig später ein Neues zu verlangen. Obwohl, und da bin ich mir sicher, du nie eines von ihnen gelesen hast. Nicht weil du sie nicht magst, nein, weil du sie vergisst. Du lachtest laut, eine Spur zu laut, als ich dir Geschichten aus Tel Ilan von Amos Oz brachte, mit der Bemerkung, der Berg Hermon spiele eine zentrale Rolle im Leben der Protagonisten. Und wieder überzog dieses merkwürdige Lächeln dein Gesicht. Einschmeichelnd – oder eher eine Bitte, es als Schmeichelei zu verstehen.
Und eines Nachts fand ich im Klo unter ausgelesenen Zeitungen das Buch von Amos Oz. Ich kehrte ins Bett zurück und summte dir ins Ohr: «When I first saw you with your smile so tender, my heart was captured, my soul surrendered» – Elvis Presley.
Ein Verführer, oh ja, du bist ein Verführer. Und ich bin froh, weil ich für das, was ich an dir nicht verstehe, einen Namen hab.
Vermisse dich. Denke, ich verliere dich. Denke, es stimmt nicht, weil ich es bloss denke. Denke, es ist besser, auf dich zu verzichten. Denn wir sind unentschlossen. Du wartest auf meine Veränderung. Ich warte auf deine Zuwendung. Und so belauern wir uns.
Du weisst, ich würde niemals die Forderung deiner Mutter akzeptieren. Deshalb bist du beleidigt und versuchst mich durch Liebesentzug zu bestrafen.
Auf jedes Glücksmoment folgt die Zerstörung: ein Morgen. Sonnenlicht. Kaffee am offenen Fenster. Die Couch. Die Füsse hochgezogen. Kauern in den Gerüchen: Bäume, Abgase, Milch, du, ich, Shampoo. Dein Shampoo. Dieser selbstverständliche Frieden, um den wir uns nicht zu bemühen brauchen. Und am Abend eine geplatzte Verabredung. Ein unangekündigtes Nichterscheinen.
Und ich springe verspielt und bedürftig an dir hoch, jaule und winsle, warte darauf, von dir getätschelt zu werden: Sitz! Platz! Nu! Nu! Jetzt reicht’s aber!
Als Kind fragte ich mich, warum Pauline und Marielouise keine Männer hatten wie die Mütter meiner Freundinnen, und ich legte den Schwur ab, nicht so zu leben wie meine Grossmutter und meine Mutter – ein Mann, ein richtiger Mann sollte es sein –, und nun bin ich vor dir auf der Flucht: mit Geld, Pass und klimatisierter Eisenbahn, die soeben in den Bahnhof von Hohenems einfährt. Endlich!
Das Land tut sich auf. Salzburg. Hunger. Der Verkäufer in der Minibar trägt eine lächerliche Papierkappe und ich kaufe mir ein ungeniessbares Sandwich: saure Paprikaschnitze zwischen trockenen Käsescheiben und labbrige Salami in einem feuchten Brot.
Trotz der Klimaanlage riecht es nach ausgefahrenem Mist. Goldenes Abendlicht.
Isst du gerade eine Bratwurst? Du hast gesagt, du willst heute Abend in der Bude am Bahnhof eine Bratwurst essen. Ich sehe dich, wie du die Wurst und das Brot hastig in dich hineinstopfst, mit offenem Mund langsam kaust, gleichzeitig sprichst, und ich möchte wissen mit wem, du beantwortest meine SMS nicht.
Je t’embrasse.
Selma
21. Juli. Wien
Liebe Janika
Goldschlagstrasse. Was für ein Name! Eine weitläufige Wohnung. Ich will nicht im Bett meines abwesenden Gastgebers schlafen. Irre durch die Wohnung, prüfe die Räume, bis ein kleines, mit Pflanzen, Landkarten und Büchern gefülltes Zimmerchen sich richtig gut anfühlt, zerre die Gästematratze hinter dem Regal im Korridor hervor, durchsuche die Schränke nach frischer Bettwäsche, drückende Hitze, bei offenem Fenster Horden von Mücken.
Und vermisse dich. Wir würden einkaufen, kochen, essen, alles durchwühlen und analysieren, das Innerste unseres Gastgebers nach aussen kehren und uns zu Tode lachen, Spottdrossel, du meine geliebte Spottdrossel, ich bin so wohl mit dir wie noch nie mit jemandem zuvor. Es soll so bleiben. Es darf nicht aufhören. Aber du magst es nicht, wenn ich so rede, ziehst dich zurück, verschliesst dich. Distanz schaffen, immer wieder Distanz schaffen. Und doch bist du glücklich gewesen: auch du!
Ich lege mich auf die Matratze, die Hände hinter dem Kopf, und schliesse die Augen. Ich bin 35 Jahre alt. Ohne Familie, und mein Sohn ist fast erwachsen – ich soll das gefälligst in vollen Zügen geniessen, maulst du. Warum? Du bist es doch, die sich Mann und Kind wünscht? Mit Haus und Hund?
Meine Angst vor Einsamkeit entspricht nicht deinem Bild von einem perfekten Leben. Nach Jahren der Mutterschaft müsste ich nun meine Unabhängigkeit und Freiheit bis ins Letzte auskosten, das Beste aus meiner kleinen Existenz herausbeissen: What the fuck! Will ich das?
Stattdessen bin ich verwirrt und schreibe ungezügelte, formlose Briefe. Mein ganzes Durcheinander platzt auf, strömt in meine Computertastatur und sucht sich Empfänger: dich, Diogo und Sami.
Und ich will Paulines Kiste auf den Grund gehen. Ein unsinniges, ärgerliches Vorhaben, du vergleichst mich mit meiner Grossmutter und beklagst meine sinnlose Beschäftigung mit Mythen, Fantastereien und Illusionen – Sami gehört auch dazu. Ein unerreichbarer Liebhaber! Etwas Richtiges aus Fleisch und Blut würde mir jedoch gut tun, sagst du, etwas, was jeden Tag da ist, rülpst und furzt, Erwartungen hat und peinliche Schwächen zeigt: Ob es dir passt oder nicht.
Ob es dir passt oder nicht.
«Du bist, was du tust!» In voller Grösse stehst du da, die Hände am Hosenbund, spielst mit Pistolen und forderst mich heraus.
Wie viele Nächte haben wir in deiner Küche versoffen und über Marielouises Leben nachgedacht? Wo lebt sie? In der Wüste Atacama? In Valparaiso? Hübsch am Hügel mit Sicht aufs Meer? Oder in einer trostlos langweiligen Vorstadtsiedlung? Stellt sie einem mürrischen Ehemann das Essen auf den Tisch? Oder kifft und meditiert sie irgendwo in der Wildnis? Hat sie Familie? Einen Mann? Eine Frau? Kinder? Ist sie einsam? Mit ein paar Schafen im Süden? Oder Abuela einer grossen Sippe? Erfreut sie sich am Sonntag an einer lauten Enkelschar? Oder hat sie einer neurotischen Tochter beigebracht, mit gespreiztem kleinen Finger die Teetasse zu halten? Vermisst sie Selma? Weint sie in der Nacht? Oder verdrängt sie? Weiss sie von Joels Existenz? Will sie davon wissen? Hat sie alles vergessen? Liebt sie Augusto Pinochet? Oder Salvador Allende? Oder kämpft sie für die Rechte der Mapuche? Ist sie gleichgültig und denkt nur an ihr Vergnügen? Oder an Geld? Oder ihre kleinbürgerliche Ruhe? Ist sie ein Arschloch oder ein Engel? Weise? Humorvoll? Im Frieden mit sich selbst? Oder ein Kriegsschauplatz?
Übersetzerin? Reiseleiterin? Weinhändlerin? Käseproduzentin? Fischerin? Bäuerin? Grossgrundbesitzerin? Oder – Bettlerin? Hure? So eine alte, verbrauchte Hure? Die das Leben kennt, so wie es ist?
Calamity Jane?
Unter welchem Namen lebt sie? Valentina Rodriguez, Sofia Fernandez, Isidora Molina, Maite Perez? Als Künstlerin? Verkäuferin? Sekretärin? Putzfrau?
Oder gar jüdisch-orthodox? Chilenischer Zionismus?
Ist sie dick oder dünn? Schön? Hässlich? Unscheinbar?
Hat sie Liebhaber? Oder träumt und masturbiert sie? (Das würde ich von meinen Eltern nie wissen wollen, hast du gelacht. Und dich so verschluckt, dass ich fürchtete, du würdest ersticken.)
Warum hat sie nie von sich hören lassen? Was ist zwischen ihr und Pauline vorgefallen? Warum hat sie ihre Tochter nicht mitgenommen?
So viel Stoff. Damit könnte man Bibliotheken füllen, spottest du, nimmst mich in deine fuchtelnden Arme, tröstest mich mit deiner trägen Stimme, die einfährt wie alter, schwerer Rotwein, füllst mein Glas: Nastrowje! Wir schauen uns in die Augen und trinken ex. Ich mit offenem Rachen. Du mit spitzen Lippen. Und wir plündern deinen Kühlschrank. Morgens um fünf.
Was hat Marielouise ihren chilenischen Kindern gekocht? Knödel und Borschtsch? Gefillte Fish? Zürcher Geschnetzeltes mit Rösti? Milchreis? Ajiaco? Curanto en Hoyo oder Chancho en Piedra – was übersetzt heisst: Schwein in Stein?
Ja. Schwein in Stein. Deine Mutter ist Schwein in Stein. Oder Shwejn in Shtejn.
Erwache früh. Um sechs Uhr dröhnender Baulärm. Schlafe wieder ein. Um neun Uhr ruft Sami an. Will wissen, was ich tue, wann und mit wem. Und ich dasselbe. Kontrolle als Ersatz für Verbindlichkeit. Oder als Ausdruck der Angst, Gefühle aufrichtig zu äussern. Denn es könnten Verpflichtungen entstehen. Ja, wir sind uns nichts schuldig. Die Übereinkunft einer lockeren Affäre führt jedoch über kurz oder lang zum Eiertanz um fehlende oder hinderliche Leidenschaft. Trotz der Angst vor Verbindlichkeit möchte man im Wirbel des Schwindels einen Mittelpunkt finden … Den Zustand der Entfremdung und Selbsttäuschung hinter sich lassen … Das gelobte Land des Eigentlichen und Vollgültigen betreten …
Bin froh um meine Abreise …
Im Dorf, in dem Sami aufgewachsen war, übernachteten im Herbst 1972 europäische Touristen. Eine ältere Frau aus Schweden ging abends ans Flussufer, machte eine Gaslampe an, reihte ihre Kosmetika auf, band sich ein Haarband um den Kopf, wischte sich mit Lotion die Schminke weg, wusch sich Gesicht, Hals und Brust mit Seife, tupfte rosafarbene Wässerchen auf die Augenpartie, rieb unterschiedliche Cremes auf Gesicht, Hals, Brust, Arme, Hände und Füsse – Augenwasser, Lippenfett und ein Hauch aus einer Spraydose aufs Haar. Zähneputzen, Gurgeln und Brauenzupfen.
In diesem libanesischen Bergdorf assen die Bewohner am offenen Feuer, schliefen und kochten auf gedeckten Terrassen, wuschen sich und ihre Wäsche im Fluss, der schäumend durchs Dorf toste.
Die Kinder umringten die Frau aus Schweden und bestaunten das merkwürdige Ritual. Sami entzifferte die Namen auf den Flaschen, Stiften, Tuben und Tiegeln: Christian Dior, Jean-Paul Gaultier, Helena Rubinstein, Coco Chanel, Estée Lauder, Elizabeth Arden, Maybelline – noch heute zählt er sie, ohne zu zögern, auf. Er hatte, so erzählte er, instinktiv die Botschaft dieser erstaunlichen Performance begriffen: Man muss seinen Körper lieben und sich um ihn sorgen, denn er ist das einzige Zuhause, aus dem man bis zum Tod nicht vertrieben werden kann.
Auch ich reihe all die guten Dinge, die ihr mir mitgegeben habt, im Regal neben dem Badezimmerspiegel auf: Birkenpeeling und Granatapfelöl für den Körper, Rosencreme fürs Gesicht, Hafermilchdeodorant (alles von dir), Zahnpasta aus Meer- und Solsalzen (von Sami), eine dunkelgelb leuchtende Glyzerinseife (von Joel), meine alte Zahnbürste, ausgefranst und verwildert (von Pauline).
Frühstück im türkischen Restaurant. Wenn ich das Brot aufschneide, bringt mich der Duft um mein Leben: warm und weich! Frischer Ziegenkäse, knackige Gurkenscheiben, süsse Tomatenräder, würzig ölige Oliven, Rührei mit scharfer Wurst, Butter, Honig, Povidl-Marmelade. Ich bemühe mich, langsam zu essen, um den verdammt kurzen Moment zu verlängern – doch dann erfasst mich der Strom der Nahrungsaufnahme, die feinen Sachen strömen in meinen Mund und unzerkaut durch meinen Rachen in den Magen – dennoch schaffe ich nur den halben Käse, das Brot, die Gurken und Tomaten, drei bis vier Oliven, und der noch gut gefüllte Teller geht zurück. Es kostet nicht viel. Das Geld ist nicht das Problem. Die Überfülle, das Zuviel. Einpacken lassen? Nein! Denn morgen möchte ich Köfte, Paprika, Salat, Joghurt und Reis essen.
Auf meinem schwarzen Kleid bleiben Mehl und die Sesamkörner zurück. Die Frau vom Nebentisch starrt mich an. Ich schäme mich und versuche, das weisse Mehl wegzuwischen.
Ich bring dir Rezepte nach Hause, einfache und deftige, wie du sie liebst. Wir sammeln sie für unser Restaurant mit den schwarz-weiss gemusterten Bodenfliesen, das versteckt im Garten liegt: Bäume, Büsche, Blumen, Gräser, Kräuter – und Wege aus allen Himmelsrichtungen führen zu einem einzigen Aussichtspunkt: Wüste, rundherum Wüste, und im Norden Bergketten und im Süden das Meer –, in unserem Garten kann man flanieren, ja geradezu wandern und in Lauben, unter Pergolen und in an Bäumen hängenden, freischwingenden Korbstühlen ausruhen, was gut ist für die Verdauung und für unser Restaurant, denn dadurch entsteht neuer Hunger – aber zuerst testen wir die Rezepte, kochen, bitten unsere Freunde zu Tisch und beobachten sie beim Essen.
Die Reise durch die Slowakei macht mir Sorgen. Bratislava. Košice. Von dort ist es nicht mehr weit bis zur Ukraine. Gibt es an der Grenze Übernachtungsmöglichkeiten? Gibt es Verbindungen nach Lemberg? Muss ich einen Umweg fahren? Warschau? Krakau? Budapest? Man hat mir gesagt, die Bahnverbindungen in der Slowakei und der Ukraine seien sehr schlecht. Eigentlich mag ich es, mich ziellos treiben zu lassen. Aber ich hab kein Bild von den Wegstrecken und ich spüre meinen Körper nicht.
Obwohl ich mit fünfzehn Jahren schon einmal durch diese Landschaft gefahren bin. Das war vor zwanzig Jahren.
Im slowakischen eKošice, es war im Jahr 1990, setzte ich mich frühmorgens mit geschlossener Jacke und verschnürter Tasche in den Bahnhofswartesaal, um auf den Bus zu warten, der mich nach Drjetoma, ein kleines Dorf an der östlichen Grenze, bringen sollte. Allmählich füllte sich der Saal mit mürrischen Menschen.
Obwohl Pauline mir und Joel zeitlebens Disziplin, Loyalität und Fleiss predigte – ja, sie bezeichnete ihre Familie als zivilisatorisches Experimentierfeld –, war sie als junges Mädchen ziemlich wild gewesen. Mit entschiedenen Schritten, den Blick fest aufs Ziel gerichtet, hatte sie fremde Länder durchquert und Abenteuer bestritten, die für eine junge Frau der damaligen Zeit ungewöhnlich waren. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie, zusammen mit Brigita, einer Kommunistin aus der Slowakei, in den Armenvierteln Londons als Sozialarbeiterin.
Später wohnte Brigita bei Pauline in Zürich.
Pauline liebte Brigita.
Als ich mit fünfzehn Jahren die Schule verweigerte, schickte Pauline mich kurzerhand zu Brigitas Mutter in ein Dorf in der slowakischen Tiefebene, damit ich das wahre, das wirklich harte Leben kennenlernte. Diese Erfahrung sollte mich auf den richtigen Weg zurückbringen.
Die Menschen im Wartesaal in Košice schwiegen, bis ein junger Mann, der mich unverwandt angestarrt hatte, eine Bemerkung machte. Alle schreckten auf und schauten mich an. Das Gespräch weitete sich aus und wurde lebhafter, die zuvor noch müden Reisenden musterten mich, wiesen schamlos auf Details meiner Erscheinung und meines Gepäcks hin und – ich redete mir nichts Falsches ein –, lästerten über mich und lachten. Der Hohn und die Aggression im Wartesaal schwollen an. Die Blicke, Finger und Stimmen schwappten über mir zusammen und verdichteten sich an meinem Hals zu einem Angstkragen. Ich verharrte regungslos, als könnten Gleichmut und Schweigen mich vor dem Ausbrechen der Katastrophe schützen. Nur die Augen. Ich wusste es. Meine Augen verrieten mich. Niemand kann kontrollieren, was in den Spalten zwischen den einzelnen Sekunden für jeden sichtbar aufblitzt.
Liebe Janika. Die Verlängerung deiner Aufenthaltsgenehmigung für die Schweiz ist mein grösster Wunsch. Ich weiss, du magst nicht darüber reden – die Umstände kümmern sich gerade nicht um deine Pläne. Das macht dich bockig und wütend. Du bist nervös und verweigerst dich. Aber ich möchte dir trotzdem sagen, wie traurig es für mich wäre, wenn du nach Israel zurückkehren müsstest.
Aber ich bin zuversichtlich. Alles wird gut.
Ich umarm dich.
Selma
22. Juli. Wien
«Wenn alle Staaten Nationen verkörpern, dann sind alle Fremden mögliche Verräter. Ob man ihnen erlaubt – oder auch vorschreibt – sich zu assimilieren oder nicht, auf jeden Fall haben sie weniger Rechte, um ihre Andersartigkeit oder Besonderheit zu leben.
Dazu kommt, dass die elementaren Ängste und Nöte von Personen ohne Aufenthaltsbewilligung aus einer sicheren, sesshaften Perspektive kaum vorstellbar sind.» Notat von Pauline Einzig
Die Leopoldstadt liegt in den Auen zwischen Donau und Donaukanal auf einer Insel. 1624 vertrieb Ferdinand der Zweite die Juden aus Wien und sie zogen auf die sogenannte Werd. 1671 zerstörte Leopold der Erste die Synagoge und erbaute eine Kirche für den heiligen Leopold – von da an hiess die Insel Leopoldstadt. Dennoch kehrten die Juden zurück, wegen der für den Handel günstigen Lage in Hafennähe und wegen der Nachbarschaft zum Prater, einer ausgedehnten Auenlandschaft – 1766 zur allgemeinen Benutzung freigegeben zog sie Kaffeesieder und Wirte an. Später wurde der Wurstelprater zum Zentrum für Unterhaltung, Prostitution, Handel und Schwarzmarkt. Als Joseph der Zweite 1849 in seiner Märzverfassung «Gleiches Recht für alle» proklamierte, wuchs die jüdische Bevölkerung in der Leopoldstadt an, auch wegen der Nähe zum Nordbahnhof, der, 1865 erbaut, Ankunftsort der Reisenden aus Galizien, Lodomerien, Böhmen, Ungarn und Rumänien war. Die Insel erhielt den Spitznamen «Mazzesinsel».
Praterstrasse. Taborstrasse. Grosse Sperlgasse. Kleine Sperlgasse. Tandelgasse. Marktgasse. Augarten. In der Hollandstrasse eintönige Häuser. Ein Kosher-Supermarket. In der Lilienbrunngasse ein lang sich hinziehendes Gebäude mit schmutzig-grüner Fassade. «Tapezierer» steht auf einer Blechtafel geschrieben. Milchglasfenster. Keine Dekoration, kein Schmuck.
Ein Schild weist auf eine Bäckerei hin. In einer verstaubten Vitrine ist Werbung angebracht für einen Jahreskalender, den man mit Selbstporträts gestalten kann. Identität heisst also, während eines ganzen Jahres sich täglich anzuschauen. Heute, am 22. Juli, und am 22. Juli vor einem Jahr bin ich gewesen und am 22. Juli nächstes Jahr werde ich sein. Und so gehe ich nicht verloren in der unberechenbaren Welt – eine Selbstvergewisserung zum Frühstück.
In der kleinen Sperlgasse das Kosher-Restaurant Milk & Honey. Afrikanerstrasse. Mohrengasse. Negerchengasse.
Am Ufer der Donau, unter dem Kopf der Reichsbrücke der Mexikoplatz. Hier der Schwarzmarkt mit illegalen Geldtauschgeschäften. Ein Schmuggel- und Hehlermarkt der Migranten, Flüchtlinge und Sans-Papiers: Türken, Serben, Vlachen, Albaner, Polen, osteuropäische Juden, Sinti, Roma und viele andere. Dieser Ort anarchisch-illegaler Überlebenstaktik wird als Übergangslösung von der Stadtverwaltung akzeptiert, da einer, der sich hier aufhält, jederzeit ausgeschafft werden kann. Praktisch ist es, flexibel und billig und nützlich für den bevorstehenden Wahlkampf. Denn jeder Politiker, der einen solchen Ort aufräumt und das «Gesindel» vertreibt, wird gewählt – und die Übriggebliebenen, die nicht verhaftet worden sind, ziehen in die Freudenau.
Im Schatten der Bäume die Rücken der Männer, über die Brettspiele gebeugt.
Der Redefluss der Frauen fliesst den Bänken entlang: russisch, serbisch, hebräisch, türkisch.
Das Kichern der Kinder unter der schimpfenden Bewachung der Alten. Fliegende Bierdosen und liebkoste Fahrräder in den Händen junger, balgender Männer.
Gierige Mädchenfäuste in der Tiefe der Schokoladentüte.
Mexiko ist weltweit der einzige Staat gewesen, der 1938 in der Unoversammlung gegen den Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland protestiert hat. Ist in schwarzen Lettern in den Granitbrocken graviert. Leider hat Österreich selber nicht protestiert. Es braucht schon einiges an Selbstironie, die Tafel zu Ehren Mexikos gerade hier zu platzieren, denn die Leute, die hier Handel treiben, wären wohl ausnahmslos von den Nazis getötet worden: Aycan Supermarket / Wohnheim Stadt Wien / Uhren und Hörgeräte / Bronek: Batterien, Ghettoblaster, Haarspray, Uhren, Fernbedienungen, Fotorahmen / Textil Magazin Krenek: Lichterketten, Uhren, Kochgeschirr, Parfum / Vili – Waren aus aller Welt: Taschen, Uhren, Geschirr, Stofftiere, Ventilatoren / Tabak / Zach Juwelen: Gold- und Silbermünzen, An- und Verkauf / Krystyna 194: Taschen, Stoffblumen, Statuen, Holzlöffel, Schmuck, Ventilatoren / Alibaba: T-Mobile, Handy, Computer, SAT-Anlagen / Ernex Swiss Textile steht leer, vergilbte Tapeten, im Schaufenster eine Landkarte von Afrika / Billige Einkaufsquelle von Waren aus aller Welt: Spielzeug, Abfallsäcke, Kartonschachteln / Kandow: Gold, Silber, Juwelen, Uhren, Wäschekörbe, Kisten aus China / Feig & Co: steht leer / in der leergeräumten Korber Konditorei: Baumaterial, Leitern, Farbtöpfe, türkische Einkaufstüten, Leuchtreklamen für Coca Cola / F. Wasser: Kleider, Gemälde / M. Spiegel: Kleider, Western Union / Everything Center: Laptop, Skier, Fahrräder, Dragon Energy Drink / Handy Vienna: Billig Telefonieren, An- und Verkauf, Reparatur / Nikita da Russo: Russische Pizzeria. In der Lassallestrasse eine Reihe von Börsen: An- und Verkauf, Tausch.
Lieber Diogo
Wie gern würde ich mich ziellos treiben lassen: aufwachen, Geräusche und Gerüche, Sonnenlicht, wandern, schwimmen, Eis essen, Wein trinken, Mond und Sterne, Gerüche, Geräusche, einschlafen.
Aber ich will eine fassbare, zusammenhängende Geschichte, die ich erzählen kann. Ich suche mir das Material und erfinde sie neu.
Warum sollte ich es nicht tun?
Du kannst dir nicht vorstellen, wie verwirrt und leer ich mich fühle. Von allem, was mir Nahrung zugeführt hat, bin ich getrennt. Und frei. Befreit. Und mir schwindelt. Und du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr sie mich belogen hat. Pauline! Die alte, verrückte Pauline!
Und diese Hitze! Sogar das Tippen, körperlicher Kleinstaufwand, treibt einem das Wasser aus den Poren. Ich sollte in der kleinen Donau schwimmen gehen.
Und ich muss an deine Eltern denken. Joel sprach oft von ihnen. Er nennt sie Mae-Pai. Ein wenig Portugiesisch hat er also gelernt. Du wärst sicher glücklich gewesen, wenn du den zärtlichen Unterton in seiner Stimme gehört hättest. Hört sich Indianisch an: Mae-Pai.
Joel hat Geld von mir bekommen, damit er zum Friseur geht. Warum reagierst du so ungehalten auf seine merkwürdige Frisur? Lass ihn, auch wenn sie dir nicht gefällt. Er muss entscheiden.
Was kochst du heute? Esst ihr in der Küche oder im Arbeitszimmer? Weiht er dich in seine pubertären Geheimnisse ein? Redet er mit dir?
Umarme Joel mit deinen bärenstarken Armen, bis er keine Luft mehr bekommt!
Deine Selma
22:00: «Selma. Bist du da? Will dich anrufen!»
22:15: «Sami, mon cher. Weisst du, was die Leute in der Ukraine sagen? Ein gebrochenes Herz ist ein unversehrtes Herz.»
22:17: «Selma. Will dich anrufen!»
22:45: «Du hast gesagt, deine Heimat ist das Bett, weil es da alles gibt, was du brauchst: Ruhe, Wärme, Träume, Gedanken, Bücher, Musik, Filme, Telefon, Essen, Trinken und hin und wieder Selma. Und Zeit. Zeit für so viele Details. Sie sind die Seele einer Geschichte und die Bausteine unserer Existenz.»
22:47: «Wo bist du? Warum kann ich dich nicht erreichen?»
22:49: «Friedrich Nietzsche hat geschrieben: Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat! Du hast dein Bett. Und ich hab meines. Ich will aber unseres!»
23:01: «Selma! Ich warte!»
23:15: «Seit einer Stunde unterwegs, um eine dienstbereite Apotheke zu finden. Mückenstiche überall. Bin hippelig. Eine Fusssohle ist angeschwollen und entzündet. Fürchte mich vor einer Blutvergiftung.»
23:18: «Mitten in der Nacht? Ruf mich sofort an!»
23. Juli. Wien
Liebe Janika
War heute Morgen im Gänsehäufl-Bad an der alten Donau.
Und hab experimentiert. Du lachst mich nun bestimmt aus. Ich halte mich jedoch an deine Prinzipien: Jede Recherche muss ein Selbstversuch sein; ich schaue nicht beobachtend von aussen, nein, ich begebe mich in die Ereignisse hinein und mache mich selbst zum Forschungsgegenstand. Nur eigens gemachte Erfahrungen entwickeln in der Darstellung eine Wirkung, sagst du.
Ich nähere mich den Dingen, nehme sie zur Hand, gestalte sie und eigne sie mir an.
Also, hör mir zu: Ich schwimme im Fluss und beschliesse, Mikwe zu machen. Mit den Armen rudernd versuche ich unter Wasser zu bleiben, was für ein paar Sekunden gelingt, aber es ist unbefriedigend, ich wiederhole den Versuch und konzentriere mich auf die Frage, was denn abgewaschen werden soll – die Badenden rundherum schauen irritiert.
Weiter oben im Fluss tauche ich mit aller Kraft unter, stosse mich mit einem heftigen Zug in die Tiefe, lasse mich bewegungslos treiben und ein klarer Gedanke steigt auf: Es muss abgewaschen werden, was weg muss, auch wenn ich nicht weiss, was es ist. Mich auf das Ritual der Reinigung einzulassen, ist meine Entscheidung, und was dabei weggeht, das überlasse ich einer klügeren Instanz. Nach dem Auftauchen platzen fast die Lungen, ich keuche, japse und huste – das kann Mikwe nicht sein.
Bevor ich an Land gehe, atme ich tief ein, löse die Füsse vom sandigen Grund und lasse mich schwer in die starke Umarmung der Strömung fallen, sinke und sinke, bloss der Kopf, der verdammte Kopf bleibt wie ein aufgeblasener Luftballon über der Wasseroberfläche, ich atme aus, langsam, kräftig atme ich aus, nun sinkt auch der Kopf, dieses bewusste Untertauchen fühlt sich unangenehm an, ich will ja nicht tot sein. Ich stosse die restliche Luft aus, der Strom aus meinen Lungen ist stärker als der Wasserdruck und bricht den Flusswiderstand, ich schaukle wie ein Embryo und richte die Aufmerksamkeit auf diese klügere Instanz, die weiss, was abgewaschen, was weg muss: die Auflösung meines bisherigen Lebens in bruchstückhaften Bildmontagen.
Die Welt steht still. Wind verfängt sich in den Bäumen. Ich beobachte die im seichten Wasser stehenden und plaudernden Frauen. Und erkenne plötzlich die Gleichförmigkeit junger, attraktiver Körper und die einzigartige Verformung eines jeden einzelnen älteren Körpers. Die Details dieser nackten Menschen lösen Begehren aus: Ich schaue den unbekannten Mann an und setze mich auf seinen braunen Schwanz, der sich an der Eichel bläulich verfärbt, ich spüre die grünen Augen der Frau, die Cola trinkt, auf Brüsten und Bauch, ich streiche mit der Hand über den rundlichen Rücken und Po ihrer Freundin und dringe mit den Fingern von unten ein, kühle Luft auf der Haut. Bis in jede Falte. In jede Öffnung.
Sami hat erzählt, während seiner ersten Jahre in Marseille sei er jeden Freitag an den Strand gefahren und habe übers Meer geschaut. Sass auf dem Felsen und starrte in die Ferne.
In den Libanon hinein.
Liebe Janika, ich umarm dich.
Selma
24. Juli. Wien – Košice
Liebe Janika
Passagiere schlafen, essen Snacks aus Plastiktüten, reden leise, lesen, lösen Sudokus, Kinder zeichnen, eine ältere Frau tuscht sich wiederholt die Wimpern, die Farbe hängt klumpig an den Lidern, eine Roma-Mutter kämmt ihrer Tochter das lange Haar und flicht Zöpfe, lässt sich von ihrem Mann die Schultern massieren, zärtlich sind sie, aber warum schreibe ich Roma-Mutter, nicht einfach nur Mutter, und erwische mich beim Gedanken: Seht hin! Roma! Sie sind liebevoll, sie sind freundlich. Warum hasst ihr sie?
Ja, erst vor dem Hintergrund ihrer Herkunft und der gesellschaftlichen Situation entfaltet ihr familiärer Umgang seine besondere Wirkung.
Damit du mir wütend auf die Hände schlägst, fahre ich dir in deine Haarpracht. Die sich nicht einfach so in einem Eisenbahnabteil entwirren und kämmen liesse, da sie alle Anwesenden unter sich begraben und ersticken würde. Wer trägt heute noch hüftlanges Haar? Wer macht sich heute noch die Mühe, in langwieriger Arbeit diese Fülle zu komplizierten Frisuren zu knüpfen? Allein diese Befestigungstechniken! Mittelalterliche Architektur. Du würdest hier auffallen. Als eine dem Film entsprungene rotblonde Kleopatra läufst du schnell und leicht durch die Gänge und wirfst dich dem schönen jungen Mann, der mir gegenübersitzt, lachend an die Brust.
Durch schmutzige Fensterscheiben sehe ich buttrige Sonnenblumenfelder, helles Weizenland, Strohballen, Vogelschwärme. Am Horizont eine Bergkette, die Polen von der Slowakei trennt. Bin schlecht gelaunt. Die Unbehaustheit kriecht wie müde Fliegen den Magenwänden entlang und die versteckten Blicke der Leute setzen sich auf meine Haut, stechen zu, spritzen Gift und saugen. Blut. Das innere Bild vom Zweck meiner Reise bricht weg.
Das Wissen um die Distanz zum Abfahrts- wie auch zum Ankunftsort provoziert Unruhe und Ängste, das Gefühl einer sinnhaften Kontinuität kommt mir abhanden. Warten – bis man sich in Bewegung setzt. Warten – bis man irgendwo weg kann. Warten – bis man anderswo ankommt. Warten – nicht als gefühltes Verstreichen von Zeit. Warten – als Ausblenden von Zeit. Meine Uhr steht still. Ich zerlege sie in ihre Einzelteile, verstehe aber nicht, wie ich sie wieder zusammensetzen kann.
Die Gedanken verlassen ihre Bahnen. Verborgenes arbeitet sich an die Oberfläche. Vielleicht äussert sich noch ein Rest Text im Unterleib. Nachts. Und in Träumen. Tagsüber Hunger, Durst, Notdurft und Müdigkeit.
Trockenheit oder Nässe, Hitze und Kälte sind übriggebliebene Wörter in dieser reduzierten Rede vom Sein im Nichtsein, wobei ich jetzt von den Flüchtlingen rede, der schwarzen Hannah, dem schweigsamen Jankel, von Ossip und Ruthchen. Ich sehe sie vor mir, wie sie Kräuter, Wurzeln und Nudeln ins kochende Wasser werfen, vielleicht – kostbar, unendlich kostbar – eine Prise Salz dazu, und wie sie Nudelsuppe schlürfen.
Hatten sie Löffel und Näpfe dabei?
Liebe Janika, deine Hände schossen hoch und deine dunkle Stimme las mir die Leviten: «Pauline plante deine Reise von langer Hand. Nun sitzt sie irgendwo, beobachtet dich Tag und Nacht und lacht sich kaputt. Sie hat diese Kiste nicht einfach so unter ihrem Bett zurückgelassen.»
Und ich schaute dich an und fragte mich, ob es deine Absicht war, mich von dieser Reise abzuhalten, oder du einfach Lust hattest, die Frequenzen deiner Stimme in der Brust und die Substanz deiner Worte auf der Zunge zu spüren. Sprechen ist ein körperlicher Akt – wie Sex, wie essen, wie kacken, wie schlafen –, hast du gesagt. Und du geniesst ihn.
Du liebst es, wenn die Wirkung deiner Worte im Gegenüber sich ausbreitet und etwas geschieht.
Du warfst dich ins Sofa und strecktest Arme und Beine aus: «Wo liegt das Problem? Mach dir ein schönes Leben! Verlass Sami. Vergiss Diogo. Brich auf! Nimm! Alles, was vor dir auf dem Weg liegt! Ja, mach aus deinem Leben ein Kunstwerk! Hör auf, dich selber zu bedauern!»
Den Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen fügtest du noch leise an: «Das Wichtigste hast du erreicht. Du hast ein Kind.»
Baufälliger Bahnhof, die Zäune abgeblättert, aus den Ritzen des aufgesprungenen Asphalts wuchern Pflanzen, den Gleisen entlanggezogene Gebäude, bis der Bahnhof aufhört, Bahnhof zu sein. Eine Frau in Uniform bringt Schulkinder ins Abteil, verschafft ihnen mit zackigen Gesten und autoritärer Stimme Sitzplätze – alle müssen zusammenrücken –, die Kinder sind artig und sprechen kein Wort, als habe die Vorzugsbehandlung ihnen die Sprache verschlagen.
Berglandschaft.
Erzeugt das Gefühl, wenn man sich nur genug bemühe, käme man bald an ein Ziel. Und doch: Bild der Vergeblichkeit. Also beginnt man zu beten und zu singen. Oder zu saufen. Früher jedenfalls. Heute sind die Züge klimatisiert und fahren schnell, die Touristen, gut ausgerüstet, freuen sich auf Wildnis und unberührte Nostalgie – da man nur zu gern glaubt, Notleidende oder Leute aus einfachen Verhältnisse, besässen eine Unschuld, die man selbst verloren hat. Auf den Bergkämmen Silhouetten übereinandergetürmter Wohnsiedlungen – beim Näherkommen und genaueren Hinsehen jedoch hingeknallt wie Sperrgut. Als die Schulkinder den Zug verlassen, ziehen die Mädchen ein Kopftuch über.
Ein enges Tal lässt gerade mal den Fluss und den Zug durch. Danach eine weite, bis zum Horizont zerdehnte Landschaft, am Flussufer Silberpappel, Silberweiden, Eichen, Birken, Hasel, geduckte, verschachtelte Holzhütten, als würden sie, kaum hingestellt, sich erschreckt in die Erde verkriechen, ziegelrote Blechdächer und buntgemusterte Fliesen, Gärten, Kukuruz, Hühner, Obstbäume, Gemüse, Salate, Blumen, Büsche, üppiges Gras, mittendrin ein grosser, runder Tisch mit Familie – gut zum über den Zaun schauen und am Heimweh sich satt essen.
Am Fluss konnten Hannah und Jankel, Ossip und Ruthchen sich waschen und erfrischen.
Und wie sie überqueren? So viele Flüsse?
Und wenn die im Frühjahr über die Ufer traten?
Bin müde. Stecke die Kopfhörer ein und höre Musik. An Pierlé: «Before you cry I have been gone … I have always been a dreamer with a dirty mind … I have not had the chance to say goodbye … but it’s not my fault …» Sami macht es auch so. Steckt die Kopfhörer ein und hört Musik oder Radio. Stundenlang.
Sehne mich nach einem Zeichen von ihm. Das tatsächlich in diesem Moment in Form einer SMS kommt, Kaffeeduft zieht durchs Abteil, eine Geborgenheitsinfusion durch die Nasenkanüle. Ich fühle mich wieder gut.
Joel war sieben oder acht Jahre alt. Stundenlang kauerte er auf dem Teppich, die Zunge zwischen den Lippen, die Finger in den Locken oder in der Nase, und krakelte mit seiner unbeholfenen Schrift Listen, um im Fall eines Aufbruchs gerüstet zu sein. Er notierte alles, was er liebte und, überrascht von einer Katastrophe oder einer Gefahr, auf keinen Fall zurücklassen wollte.
Pauline fütterte ihn tagtäglich mit tragischen Geschichten von Freunden und Bekannten, die irgendwann von irgendwoher nach irgendwohin geflüchtet waren. Es war ihr Lieblingsthema und Joel war entsetzt. Vertraute Dinge zurücklassen zu müssen, schien ihm das Schlimmste zu sein. Immer wieder fragte er, wie denn die Kinder der geflüchteten Bekannten und Freunde reagiert hätten, als sie den wahren Grund ihrer Reise erfuhren: Kein Urlaub?
Flucht? Für immer?
Erinnerst du dich, liebe Janika? Ich erzählte dir bereits von meiner Strafversetzung in die Ostslowakei. Pauline schickte mich, als ich fünfzehn Jahre alt war, zur Mutter ihrer besten Freundin Brigita, um mir das wahre Gesicht der Armut zu zeigen und mich meiner verwöhnten Borniertheit zu überführen.
Mitten in der Nacht schlich ich in die Küche – es war dunkel, ich musste Gegenständen ausweichen und mir den Weg ertasten – ich fühlte mich wie eine Einbrecherin – nahm zwei Stück frisch gebackenen Mohnkuchen vom Blech und schlang sie hinunter – essen war für mich schon damals eine Leidenschaft, der man jeglichen Anstand opfern musste.
Brigitas Mutter hatte vor dem Schlafengehen tiefschwarzen, feuchten Mohnkuchen gebacken. Aufgerissener Himmel und ein Hauch Engel. Hohelied der Mutterliebe. Ein Funken Ekstase in der Nase. Und Gott legte sich auf meiner Zunge schlafen.
Am nächsten Morgen sprach Brigitas Mutter kein Wort und war nicht in der Lage, mir in die Augen zu schauen – und ich erkannte die Wachsamkeit einer Köchin, die jedes Stück auf ihrem Blech zählte, da sie es gewohnt war, mit knappen Mitteln eine grosse Familie zu füttern. Und während der folgenden Tage trug sie unaufhörlich auf: Fleisch, Schinken, Gurken, Tomaten, Brot, Butter, Knödel, Spätzle, Kohl, Würste und Eier. Und diesen Mohnkuchen vom Blech. Brigitas Mutter kochte von morgens bis abends und stopfte mich mit ihren wunderbaren Gerichten voll, als wolle sie ihre Fähigkeit, alle ihr anvertrauten Lebewesen ausreichend zu ernähren, unter Beweis stellen.
Und ich, schuldig gesprochen, konnte das bitter vom alltäglichen Mund abgesparte Essen nicht zurückweisen. Denn für Menschen ist es eine Demütigung, wenn das, was sie zu geben bereit sind, zurückgewiesen wird – das hatte ich, obwohl noch sehr jung, instinktiv begriffen. Ich war also verpflichtet, diese kostbare Nahrung bis zum Überdruss zu vertilgen, um die Beziehung von Brigita und Pauline nicht zu gefährden. Nach drei Tagen gab ich auf und fuhr, ohne mich zu verabschieden, nach Prag. Rief Pauline aus einer Telefonzelle im Bahnhof an: Ihr blieb nichts anderes übrig, als mich nach Hause zu holen.
Brigitas Mutter besiegte mich, eine verwöhnte Göre, und meine herrische, selbstbewusste Grossmutter mit ihrer Kochkunst und ihrem verletzten Stolz.
Und Pauline sprach während dreier Wochen kein Wort mit mir, sie machte sich nicht einmal die Mühe, meine Version der Geschichte sich anzuhören.
Und ich wollte die Teetasse an die Wand schmettern. Stattdessen lächelte ich und dachte: Na? Immerhin! Langweilen tut man sich nicht.
Du, liebe Janika, hast hingegen voller Wut die Suppenteller im Wohnzimmer deiner Eltern zerdeppert. Linsensuppe ist es gewesen. Die Teller noch halbvoll. Braune Linsensuppe mit viel Knoblauch. Und Speck. Ja, dein Vater isst heimlich Speck. Shwejn in Shtejn!
Liebste Janika. Antworte mir nicht. Du hast so viel zu tun. Deine Aufmerksamkeit beim Lesen meiner Briefe reicht mir vollständig aus.
Aber lass mich wissen, wie es dir geht.
Kann dir Diogo Arbeit beschaffen? Ich schreib ihm. Er soll für eine Anstellung in der Gewerkschaft sorgen. Sie brauchen immer wieder durchsetzungsfähige und intelligente Leute.
Und ich will wissen, wie der Bescheid vom Migrationsamt ausfällt.
Liebe dich.
Deine Selma
25. Juli. Košice
«Der Angriff auf die Würde und Entscheidungsfreiheit eines Menschen ohne sicheren Aufenthaltsstatus liegt in der Erhöhung des psychischen Drucks. Es werden ihm zwar keine unmittelbaren Schmerzen und Leiden zugefügt, aber die durch die Dauer der Massnahme geschaffenen unerträglichen körperlichen und psychischen Belastungen zwingen ihn zu einem bestimmten Handeln. Dieser Angriff wird in voller Absicht und mit kühler Berechnung geplant und ausgeübt.» Notat von Pauline Einzig
Thread 1: «I was in the very lovely City of Košice. After that I visited the very exciting Lunik 9. Unforgettable highlight of your trip!»
Thread 4: «In einer Siedlung wie Lunik 9 wohnen mehr als 7.000 Roma. Die Häuser sind verwahrlost, platzen aus allen Nähten, die Fenster sind kaputt – alles zerfällt. Keine Abfallentsorgung.»
Thread 3: «Die dicke Beamtin an der Grenze zur Ukraine lässt uns zehn Stunden warten. Das ist höchst amüsant, denn sie hat keine Chance und muss uns schliesslich fahren lassen. Schlimm sind aber die widerlichen Zigeuner, die während der Wartezeit an den offenen Zugfenstern betteln.»
Thread 4: «In Anlehnung an den Begriff Antisemitismus ist in Europa die Bezeichnung Antiziganismus gebräuchlich. Menschen, die nicht sesshaft sind, einer anderen Religion angehören und eigene Traditionen besitzen, werden mit gefährlichen, bösartigen Eigenschaften ausgestattet. Diese gelten gleichermassen für die Juden, Roma, Sinti und Jenischen.»
Thread 2: «Juden beschimpfe nur, wenn du besoffen bist und hinter vorgehaltener Hand. Bei den Zigeunern tu dir keinen Zwang an. Jeder hört zu!»
Thread 4: «Deutsche Wissenschaftler wollen unter dem Deckmantel des Antiziganismus eine harte Assimilationspolitik durchsetzen.»
Thread 5: «In Rumänien fahren wir an Roma-Siedlungen vorbei. Halbzerfallene Plattenbauten, die Fensterscheiben sind eingeschlagen, auf den Fensterbrettern sitzen Hühner und im Hauseingang steht eine Kuh. Auf den Abfallhaufen spielen oder schlafen Kinder.»
Thread 3: «Sie sind fremd. Unheimlich. Gehören nirgends hin. Praktizieren eine primitive Religion. Der Staat baut ihnen Häuser und finanziert ihren Lebensunterhalt. Man muss die Wut der Slowaken verstehen.»
Thread 2: «Heutige Roma-Siedlungen erinnern an die ehemaligen Schtetl der osteuropäischen Juden. Die Roma weigern sich ebenfalls, ihre Kinder in die öffentliche Schule zu schicken. Sie fürchten sich vor der Assimilation. Sie wollen sich nicht anpassen und nicht dazugehören.»
Thread 4: «Wenn hingegen ein Roma ein Studium abschliesst, findet er keine Arbeit. Der Bund akademischer Roma ist so frustriert, dass er jedes Interview mit Journalisten verweigert. Ich hab es zwei Monate lang versucht.»
Thread 5: «Für die Roma ist Geldsparen eine Sünde. Von Gott geschenkt, muss es wieder zurückgegeben werden. Den Lohn versaufen ist keine moralische Schwäche, sondern ein heiliges Ritual des zyklischen Bekommens und Hergebens. Besitz hat keinen ideellen Wert und dient nur dem Überleben.»
Thread 4: «Unter der Sowjetmacht wurden die Roma zwangsangesiedelt. Sie verloren ihre traditionellen Berufe, ihr herkömmliches Einkommen. Und wegen des herrschenden Rassismus finden sie keine Anstellung. In einem Viertel wie Lunik 9 beträgt die Arbeitslosigkeit bis zu hundert Prozent. Der einzige Ausweg ist Sozialhilfe.»
Thread 5: «Freiheit ist die Entfernung zwischen dem Mörder und dem Opfer, sagt die bulgarische Dichterin Malina Tomowa. Ich denke an diese Worte, als ich durch die Stadt Kardschali im Süden von Bulgarien spaziere. Die Stadt ist in drei Stücke geschnitten: Die türkischen Schiiten, die Bulgaren und die Roma. Bei den Bulgaren kleinbürgerliche Ordentlichkeit, die Türken ziehen eine Mauer um ihr Viertel und die Roma leben in baufälligen Hütten. Die Küche ist im Freien. Der Hausrat verstreut.»
Thread 3: «Für Touristen sind die Zigeuner nicht so schlimm. Sie gehören dazu. Bringen Farbe ins Bild.»
Thread 1: «Lunik 9 liegt am Stadtrand, durch eine Schnellstrasse vom Rest der Stadt getrennt, dahinter kahle Hügel.»
Sumpfige Trampelpfade führen durch hüfthohes, nasses Gras zu den verwahrlosten Plattenbauten, zerknüllte Kleider, ausgeweidete Regenschirme, zerbrochene Flaschen und zerrissene Plastiktüten in den Büschen und Wiesen. Der Regen verwandelt die Umgebung in eine Seenlandschaft. Ich hüpfe von Inselchen zu Inselchen, bis ein schmaler, brauner, aber schnell fliessender Fluss den Weg versperrt, am Ufer entlang komme ich zu einem Übergang – einem glitschigen, in der Mitte gebrochenen Brett.
Stimmen und Schritte. Unvermittelt stehen zwei kleingewachsene, magere Jungen vor mir und sprechen mich an. Ich verstehe sie nicht und stammle etwas auf Russisch, sie verstehen mich nicht, schliesslich fragt einer auf Deutsch nach meinem Namen, Selma sage ich, als Roman stellt sich einer vor, als Kamil der andere. Sie setzen ihren Weg Richtung Schnellstrasse durchs hohe Gras fort, Angst kriecht hoch, wie ich da aus dem Takt gebracht am Fluss stehe, Roman und Kamil hingegen stapfen unbekümmert durch dieses matschige Gräsermeer, sie plaudern, und ich spüre, sie reden über mich, entwerfen einen Plan. Ich beginne zu laufen, stolpere, kann mich gerade noch auffangen und folge ihnen.
Ohne zu schauen, überqueren sie die Schnellstrasse und beobachten lachend von der anderen Seite, wie ich ängstlich nach links und rechts schaue, bevor ich die Strasse wie ein aufgescheuchtes Huhn überflattere, eine hochschwangere, in Wolltücher gehüllte Frau und ein magerer Mann mit prallgefüllten Plastiktüten von Lidl nähern sich, auch sie, ohne zu schauen, tauchen in die Schnellstrasse und schwimmen im Gräsermeer davon.
Wir gehen die löchrige Strasse zur Busstation hoch. Roman hält mir entschlossen zwei hohle Hände hin. Ich gebe ihm zwei Euro. Kamil läuft herbei und Roman bittet um weitere zwei Euro, ok, in Ordnung, zwei Euro. Roman legt den Kopf schräg, Augenaufschlag, hält nochmals die Hände hin, ist gut jetzt, ist genug, sage ich, Roman verbeugt sich und imitiert einen frivolen Knicks, Kamil flötet ein zuckersüsses Danke und nickt mit dem Kopf. Sie laufen von mir weg und wieder zurück, umkreisen mich, halten die Hände hin und fragen: Ok? Und ich antworte: Ja! Roman verbeugt sich, Kamil flötet ein Dankeschön. So besteigen wir, das Ritual wiederholend, spielend und scherzend den Hügel bis zur Bushaltestelle – und plötzlich sind sie weg. Vom Erdboden verschluckt.
Im Park in der für die ehemaligen Kronländer des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs typischen Altstadt schiesst zu den Klängen von Johann Strauss’ An der schönen blauen Donau Wasser in regelmässigen Intervallen mal höher und mal tiefer aus einem Springbrunnen in den grauen Himmel. Der Mythos von der guten alten Zeit spritzt in tausend Gefühlstropfen und süssen Zuckerfleckerln in die trostlose Sonntagslaune und nährt sie mit tröstlichen Illusionen. Alte Leute, junge Paare, Kinder auf Dreirädern stehen im Regen und starren auf das entrückte Schauspiel. Das Crescendo der Tanzmusik fetzt über die Köpfe der teilnahmslosen Zuschauer und der aufkommende Wind stülpt die Regenschirme um.
In einer düsteren Passage stimmen zwei ältere Männer ein Akkordeon und eine Klarinette aufeinander ein, drei vom Regen durchnässte Kinder betteln, obwohl kein Mensch vorbeigeht.
Ich flüchte in eine kahle, grau gestrichene Eisdiele. Das grellfarbige Eis in grossen Plastikkübeln glänzt.
Lieber Diogo
Kaufe mir heissen Kaffee. Nestlé mit Milch. Im Lidl besorge ich Brot, Käse, Tomaten, spanisches Mineralwasser und südafrikanischen Wein. Und ein Cornetto.
Das Cornetto aus Portugal. Du hast es geliebt.
Vom netten Kellner, der auch die Rezeption bedient, bekomme ich Messer, Gabel und ein Glas. Zurück im Zimmer beginne ich zu schreiben.
Deine Vergangenheit liegt hinter dir. Meine breitet sich soeben vor mir aus. Habe ich sie betreten und durchschritten, kann ich sie auch wieder verlassen. Unser beider Leben sind vom Verschwinden geprägt, also solltest du mich verstehen.
Und warum schreibst du, meine Briefe würden dich verunsichern?
Du sagst, ich würde dich bedrängen?
Ah. In der Aufzählung der Dinge, die du in Portugal verlassen hattest, ging etwas vergessen. Deine Mutter erzählte es mir in der Küche. Den Ziegenbraten hatte sie gerade in den Ofen geschoben. Geblieben ist mir ein Bild: die schmalen Lichtstreifen, die durch die Lamellen der Jalousien sickern. Das Kichern deiner Mutter, als sie, wegen der Rufe deiner Tante notdürftig in ein Tuch gewickelt, zum Fenster läuft und das Tuch von ihr abgleitet, weil sie die Jalousien mit beiden Händen aufstösst. Sie steht da, nackt, lacht und lacht, schaut dir selbstvergessen in die Augen, steigt aus dem Tuch, das wie ein Nest am Boden liegt, und beugt sich, die Arme über der Brust verschränkt, vorsichtig aus dem Fenster, gegenüber zeichnet sich das Gesicht des Nachbarn ab, der ebenfalls aus dem Fenster, aber nicht hinunter auf die Strasse, sondern zu deiner nackten Mutter starrt. Die Fassaden der hohen Häuser sind schwarz, dazwischen gleissender Himmelsfleck.
Damals, während eurer Flucht, in dieser Raststätte in Clermont-Ferrand, erkanntest du die Macht, die andere Menschen über dein Leben haben. Und die Faust des Verlusts traf dich mit voller Wucht.
Auch ich enttäuschte dich. Und ich raubte dir die Aussicht auf eine Familie und nahm dir dein Baby.
Es war nicht nur wegen Pauline. Auch wegen dir. Du warst so angespannt und zerrissen. Cholerisch. Du hattest diese Sehnsucht, an der Hand genommen und geführt zu werden. Und gleichzeitig diese Angst, weil einem Mann diese Art der Schwäche nicht zusteht.
Aber nun fühle ich eine grosse Kraft. Will mich in deine Arme wühlen, mit dir tanzen und dir zeigen, wohin unser Spiel führt. Ja, wir spielen. Mal sagst du, was wir tun. Und dann wieder ich. Wäre das nicht schön?
Ich stelle mir vor, wie Joel dich beim Kochen beobachtet. Er mag es, wenn du angebratenes Fleisch beim Wenden in die Luft wirfst. Deine Spässe treibst. Ich stell mir vor, wie ihr am Tisch sitzt, Joel mit vorgetäuschter Gleichgültigkeit und du mit deiner Fürsorge, die jeden zwingt, dich zu beachten. Das Licht ist gedämpft, die Wärme hüllt euch ein.
Ich erinnere mich an deinen Spott. Ich würde mit grellem Modeschmuck meine mangelnde Körpergrösse kompensieren. Und um einen Irrtum auszuschliessen, hast du dich standhaft geweigert, mir Schmuck zu kaufen.
Heute Nacht breche ich auf. Ich weiss allerdings nicht, ob es eine Verbindung in die Ukraine gibt. Der Grenzübergang sei zu kompliziert und die Zahl der Fahrgäste zu klein – sagt der nette Kellner an der Rezeption.
Und fährt dennoch ein Zug von Košice nach Lemberg, empfinde ich es als persönlichen Sieg. Wie albern.
Deine Selma
26. Juli. Košice – Lemberg
Sami, mon cher
Bin heute Morgen aus der Dusche gestiegen. Ein grosses Tuch umgenommen. Die Sehnsucht abgewehrt. Bemühe mich, die Gedanken und Gefühle an die langsamen Bewegungen anzupassen, mit denen ich meinen Körper abtrockne, einöle und frisch einkleide.
Setze mich auf die schmutzigen Stufen der Bahnhofstreppe in eKošice und warte auf den Zug. Ich sehne mich danach, mit dir zusammen in den Reiseführern zu fleddern. Du liebst es, langweilige Sehenswürdigkeiten anzuschauen: «Oh, wie schön! Oh, wie schön», wiederholst du angesichts einer touristischen Attraktion. Und danach? Im Strassencafé sitzen. Schweigen. Zeit verstreichen lassen. Leute beobachten, mit denen dich nichts verbindet. Hauptsache: Du bleibst unberührt!
Mit dir würde ich auch das tun.
Du magst es, morgens das Fenster aufzureissen, wenn draussen schönes Wetter ist und die Menschen, Tiere und Pflanzen sich mit frischer Luft vollsaugen, du magst es, wenn ich deinen Monologen aufmerksam zuhöre oder deine sanften Schmeicheleien als Aufforderung zur Fügsamkeit verstehe, ich mag es, mit Regen im Ohr allmählich aufzuwachen, ich mag die warme Kaffeetasse, die du mir ans Bett bringst, ich mag es, mit dir zu kämpfen und zu streiten, ich will mich durch dich herausgefordert fühlen, spielen, immerzu spielen, du hingegen willst dich der Faulheit hingeben, Ruhe, immerzu Ruhe – Bewegung ist für dich lediglich ein Mittel, um den nächsten Schlafplatz zu erreichen –, ich liebe Wasser und nackte Körper und du liebst Strassen und Fahrräder und hasst es, wenn ich mich auf Treppenstufen setze, auf den Bordstein oder auf den nackten Boden.
Ein kindlicher Tritt in den erwachsenen Anstandsarsch – ein harmloses Stück Freiheit. Ja, Sami, mon cher, ich bin 35 Jahre alt, aber meine Hose ist schmutzig.
Ich ging durch die menschenleeren Strassen, liess mich treiben, versuchte die Geschwindigkeit meiner Schritte mit meiner Wut in Übereinstimmung zu bringen – unter Kastanienbäumen und ihren mit Saft gefüllten, platzenden Dolden. Es roch frisch und würzig. Vögel trällerten und sangen.
In der Morgendämmerung war ich aus deinem Bett gestiegen. Leise, du stelltest dich schlafend, und ich schlich mit den Schuhen in den Händen durch deine Wohnung, schloss die Tür, weil ich die Enge des Betts und der Umarmung und all diese ungelösten Spannungen nicht mehr ertrug und doch so sehr hoffte, nach meinem langen Spaziergang durch die Stadt auf der Wiese vor meiner Haustür deinen kleinen, dösenden Körper vorzufinden, deine wachen Blicke unter halbgeschlossenen Lidern.
Müde bist du, zerstritten mit dir und der Welt, und doch besitzt du die Fähigkeit, stundenlang gelassen zu warten.
Ich machte mir nichts vor. Und doch lief ich Umwege durch die Stadt, um dir genügend Zeit zu geben, zu mir zu fahren und dich in die Wiese zu legen.
Nacht. Der Himmel noch hell, das Land farblos. Tädäm. Tädäm. Tädäm. In hellen Tonfolgen: Tädäm. Der Zug fährt langsam. Ich höre Musik. An Pierlé. Songwriterin aus Belgien. Würde dir gefallen. Kehlige Stimme, die in höchste Höhen springt.
Die schwarze Hannah, der schweigsame Jankel, Ossip und Ruthchen fuhren ebenfalls durch die Nacht. Im Kopf Musik. Pferd und Wagen. Eine andere Musik als diejenige, die ich höre, «kiss me, kiss me … all my love comes to me …»
Es war stürmisch. Festhalten. Die Hände schmerzten. Kälte frass sich in Rücken und Bauch. Die sumpfige Strasse war eine Folter. Hufe knallten auf Steine. Räder sprangen. Übelkeit.
Ganz nahe bei sich sein. In diesem Körper, der alte Zeiten aufbewahrt und in die Gegenwart holt, «I need protection …»
Das Licht fällt grell aus dem Zug auf die heftig schwankenden Bäume. Sind sie gut verwurzelt, im Geäst aber biegsam und weich, überleben sie Stürme und Unwetter, Trockenheit und Kälte, «so you walk thousand of miles …»
Das Davor war Erinnerung, das Danach ein Traum, die Gegenwart Reise, Durchgang, Bewegung, «true love is to need …»
Ich tanke nur Empfindungen. Ich sehe Paulines präzise Bewegungen, mit denen sie an den Wasserhähnen dreht, um die richtige Wärme zu bekommen. Und so fühlt es sich an: Wasser kalt oder heiss einstellen. Es gibt Temperaturen im Körper, die falsches Leben anzeigen, und solche, die gutes Leben anzeigen, «before you cry I have been gone … I have always been a dreamer with a dirty mind … I have not had the chance to say goodbye … but it’s not my fault … nobodys fault …»
Erwache um fünf Uhr früh. Karpaten. Bunte Holzhäuser den Strassen entlang aufgereiht.
Wälder. Wiesen. Hügel.
Vogelbeeren. Hab seit Jahren keine Vogelbeeren gesehen. Tiefrote traubenförmige Signallichter in Hülle und Fülle.
Äpfel und Kirschen. Gänsetruppen in Gärten und Höfen.
Schlafen. Dösen. Flaches Land. Der Fluss. Der Dnjestr. Sandiges Ufer.
Eine Frau in hellbraunem Trainingsanzug und pinkfarbenen Schuhen schiebt einen Kinderwagen durch hohes Gras.
Muss an deine Erzählungen von den Zedernwäldern im Libanongebirge denken. Libanongebirge. Mont Liban. Dschabal Lubnan. Laban. Was auf Aramäisch weiss bedeutet.
Erinnerst du dich an den Labane, den Käse, den ich dir im Einweckglas mitgebracht hab? Du wolltest dir das Rezept für deine Mutter notieren: Joghurt in einen Mull giessen und zwei Tage abtropfen lassen. Die Molke trinken und die feste Masse zu kleinen Kugeln formen und in ein Glas legen. Roten Chili, Nelken, Koriander und Kardamomsamen, grüne Pfefferkörner, Senfkörner und ganz viel frische Petersilie dazwischen legen und das Glas mit Olivenöl auffüllen. Schliessen und lagern.
Der Esel reisst das Maul auf. Schrille Schreie. Der Zug bremst. Ich rieche Urin, Schweiss, Bier, Salz und Knoblauch. Eine unsichtbare, nervende Mücke.
Lemberg. Der Ort, von dem die schwarze Hannah, der schweigsame Jankel, Ossip und Ruthchen aufgebrochen sind. Ihr Aufbruch spiegelt sich in meiner Ankunft.
Sie verliessen damals ihr Zuhause. Eine Wohnung steht heute für mich bereit. Angehörige nahmen damals für immer Abschied. Unbekannte erwarten heute meinen Anruf. Ohne Sehnsucht. Ohne Freude. Aber immerhin.
Und ich sehe dich vor meinem inneren Auge, wie du neben mir stehst, ruhig und gelassen, Kaugummi im Mund, und nur die abgehackten Kaubewegungen verraten den drohenden Ausbruch. Dein Hass auf die Dummheit und Rückständigkeit der Menschen, die nicht wissen, was ein gutes Leben ist. Und somit auch auf mich.
Du denkst, ich bin sentimental und gelangweilt.
Und dennoch liebst du meine Briefe. Ja du verlangst und erwartest sie mit der Dringlichkeit eines Süchtigen. Du denkst, sie sind Poesie. Ja du sagst: J’aime ta poésie.
Ich verstehe dich nicht. Du bist mir ein Rätsel.
Und es wäre mir ein so grosser Wunsch, dass du die Forderung deiner Mutter in den Wind schlägst.
Selma
30. Juli 2010. Lemberg
Liebe Janika
Heute Nacht stürzte der Regen. Das Wasser von den Dächern spritzte aus angerosteten Rohren und bildete im Hinterhof ein weitverzweigtes Netz von Pfützen.
Jugendliche hocken auf kaputten Tischen, trinken Bier, reden und lachen laut, ein kleiner Junge liegt bäuchlings auf einer Schaukel und angelt nach einem Plastikgewehr: Pengpeng! Eine magere Frau mit grünem Regenmantel und grauer Kappe zieht eine Holzstange aus dem Geviert, in dem die Container stehen, und stochert damit im Abfall herum.
Ich stehe auf dem Balkon und rauche.
In der kleinen Wohnung am Prospekt Svobody sind die Kleider aufgehängt, die Bücher sortiert, die Toilettenartikel aufgereiht, das Bett ist gerichtet. Schreibplatz.
Der Besitzer hat mir eine Bratpfanne gebracht.
Ich brauche Milch, Kaffee, Zucker, Joghurt.
Die Verkäuferin im kleinen Supermarkt in der Hrnaluka holt ihre Brille aus der Schublade und studiert mein Wörterbuch. Fürsorglich steckt sie mir zusätzlich zum Vanillejoghurt noch eins mit Aprikosen dazu: Wasser, Käse, Brot.
Salz, Pfeffer, Öl, Essig – du weisst ja, ich bin glücklich, wenn ich die Möglichkeit zum Kochen hab.
Diogo hat seine redaktionellen Kontakte spielen lassen. Marya und Ludmila, zwei russische Übersetzerinnen, erwarten mich. Um die fünfzig, blass, blond und schüchtern freuen sie sich über meine Ankunft, als sei ich eine nahe Verwandte. Sie wohnen bei ihren kranken Eltern – ein Leben wie mit Kleinkindern –, zerrissen zwischen Arbeit, Pflegedienst und dem Bedürfnis, noch etwas anderes zu sein: Liebhaberinnen, Freundinnen, Opernbesucherinnen. Nach dem Vaterländischen Krieg zogen ihre Eltern aus Russland in die Ukraine, um Arbeit und billige Wohnungen zu finden, Zufall, nur Zufall, und Marya und Ludmila blieben in Lemberg.
Nach zwei Tassen heisser Schokolade – dickflüssig und übersüsst – reden wir über Adriano Celentano, Roberto Benigni und Jim Jarmusch. In Wolldecken gehüllt auf der Terrasse des Kawy Swit an der Katedralna.
Zwei junge Roma-Frauen packen mich am Ärmel und reden auf mich ein, so viele Zigeuner hier, lästig, lästig, bemerkt Marya und wedelt mit der Hand. Schwarze Wolken saugen am Licht.
Wir bestellen Tee und Käsekuchen. Marya und Ludmila setzen ihre Erzählung fort: Während der Sowjetzeit habe sich niemand um die Nationalität oder die Religion der anderen gekümmert, mindestens zwei Drittel der Klasse wären jüdisch oder sonst etwas gewesen, man diskutierte über die gleichen Dinge, ging zusammen ins Kino, nach dem Ende der Sowjetunion schossen jedoch jüdische, ukrainische, russische, tatarische, armenische und sonstige Identitäten wie Pilze aus dem dunklen, feuchtwarmen Hummus der vergärten Völkergemeinschaft hervor.
Später zeigen mir Ludmila und Marya den Markt. Helfen, das Abendessen einzukaufen: Nudeln, Tomaten, Frühlingszwiebeln, Suppensellerie, Heidelbeeren und Basilikum. Von der Reise hab ich noch frischen Ziegenkäse.
«Kein Fleisch?» Sie fragen immer wieder. «Kein Fleisch?»
«Nein. Heute nicht.»
Ludmila: «Die ukrainische Küche ist hervorragend. Ich liebe die mit Schweinefleisch gefüllten Piroggen und die mit Leber gefüllten Varenykys. Schau dich mal um.»
Marya: «Hast du unsere Wälder und Pilze vergessen? Meine russische Grossmutter legte Waldpilze, Lorbeer, Pfefferkörner und Wacholder in Salzlake ein. Sowas kriegst du hier nicht.»
Ludmila: «Siehst du! Wir brauchen ein kosmopolitisches Leben.»
Sie nimmt meine Hand und sagt, man solle die Welt der Grenzen, Nationalitäten und Rassismen verlassen und ins Land des Friedens, der Zeichen und Wunder flüchten, man müsse in die eigene Seele einziehen, wie die Schildkröten, die ihr Haus auf dem Rücken tragen, um jederzeit Schutz suchen zu können, wenn sie sich bedroht fühlten.
Und Ludmila weint.
Und schreibt mit einem Bleistift auf eine mit Zwiebeln gefüllte Papiertüte: «Let your sleeves never be wet of tears. You are too beautiful to cry.»
Im benachbarten Museum für Religionsgeschichte, das früher «Museum für die Geschichte des Atheismus» genannt worden ist, liegen in einem beleuchteten Sarkophag zwei dreitausend Jahre alte Skelette in innigster Umarmung. Gestorben während des Liebesakts.
Marya schaut schweigend in den Sarkophag.
Und Ludmila weint.
Ich erinnere mich: Lag nachts im Bett. Heiss. Schob die Decke in der Mitte zusammen und legte die Beine drum herum. Auch eine Art Umarmung. Bewachte die Lichtvorräte, die aus den Strassenlaternen ins Zimmer flossen, und hörte Pauline in der Küche klappern. Obwohl wir nach dem Essen alles spülten und wegräumten, ging Pauline, während ich im Bett auf den Schlaf wartete, in die Küche, arbeitete, als gälte es, eine Grossfamilie zu versorgen. Ich tauchte in die grauen Schatten ein, die das Zimmer in ein abstraktes Gemälde und mich in ein Sujet verwandelten, wartete auf das Abtauchen und legte das Versprechen ab, schnell, ganz, ganz schnell erwachsen zu werden, einen Mann zu finden, ihn mit dem Schleier über dem Kopf siebenmal zu umkreisen: Wein trinken, Gläser zertreten, Ringe austauschen und laut zu singen: Ich bin meines Liebsten und mein Liebster ist mein.
Ich legte den Schwur ab, nicht, wie die Frauen in meiner Familie es üblicherweise tun, allein zu leben, nein, ich wünschte mir eine Familie. Eine ganz normale Familie. Mit Pauline, mit meiner Mutter Marielouise, mit meinem Grossvater Hendrik, meinem unbekannten Vater und ganz vielen Geschwistern. Mit Cousinen und Cousins, mit Tanten und Onkeln. Eine mit Diogo oder Sami oder einem anderen Mann.
Und mein Bauch hätte dauernd ein Kind ausgespuckt, das von den hungrigen Herzen der Grossfamilie geschluckt worden wäre.
Eine solche Familie wäre für dich ein Albtraum. Alle diese Menschen würden dich überwältigen, vereinnahmen und deinen Rhythmus durcheinanderbringen. Eine solche Menschenansammlung mit all ihren unberechenbaren Nöten und selbstbezogenen Bedürfnissen störte deinen Drang nach Perfektion und deinen Wunsch, in allem die Beste zu sein.
Deine wunderbaren, grosszügigen Eltern und dein liebenswerter Bruder treiben dich ja bereits zur Verzweiflung.
Dennoch bist du mit deiner Lautstärke, deinem unbändigen Lachen, deinem Schimpfen und Fluchen, deiner überfüllten, gemütlichen Küche, deiner opulenten Kocherei, deiner Fürsorge, die weder Grenzen noch Skrupel kennt, meine vermisste Familie – die fehlende Stimulation in meinem zurückgezogenen, stillen Universum.
Wir bilden Einheiten gegen den Rest der Welt, um sie gleich darauf zu sprengen, um diesen Rest der Welt uns einzuverleiben.
Du sagst, die Entscheidung, wen oder was wir lieben, gibt Auskunft darüber, wer wir sind und was für uns ein gutes Leben ist.
Auf dem Heimweg kaufe ich bei einer alten Frau Blumen: Der Strauss, Margeriten, Erikas und in der Mitte eine rote Rose, riecht wie das Kraut, das auf der Wiese rund um Paulines Almhütte wuchs. Heftiges Heimweh. Obwohl ich sicher bin, dieses Stück Pauline-Natur, diese Leere – Sommer für Sommer diese Leere –, diese endlosen Tage in verschwitzten Kleidern und dieses über dem Feuer gekochte, nach Rauch schmeckende Essen zu hassen.
Monster zogen ihre langen Mäntel schattenhaft über die buckligen Wiesen, ihre Zähne blitzten in der Finsternis, Eulen lugten von den Bäumen, Füchse brachen durchs Gehölz, Maulwürfe huschten unter die Felsbrocken. Ich verkroch mich klopfenden Herzens und mit weichen Knien in einer Senke, kauerte auf weichen, vom Tag noch warmen Föhrennadeln, Ameisen krabbelten, doch ich blieb, wickelte die Würstchen aus dem rosafarbenen Fettpapier und verschlang sie alle – kaltes, süssliches Fleisch.
Pauline hatte in unseren leeren Vorratsschrank gestarrt und mich ins eine Stunde Fussmarsch entfernte Dorf zum Einkaufen geschickt. Auf dem Heimweg trödelte ich herum, bis der Einbruch der Nacht mich überraschte und Dunkelheit über mich herfiel.
Der Verzehr der Würstchen gab mir Kraft und Zuversicht, die Alm öffnete sich und zeigte sich im Mondlicht als harmloser, gleichgültiger Raum. Ich kroch aus der Senke und lief zur Hütte zurück. In Gedanken bei Pauline, deren Angst ich geradezu roch, stolperte ich immer wieder, rannte weiter, wütend, weil mein ungeschickter Körper mit meinen vorauseilenden Schuldgefühlen und dem ungeduldigen Wunsch, mich zu entschuldigen, nicht mithalten konnte, und von Weitem sah ich Paulines Gestalt, die auf der Bank vor der Hütte sass.
Sie umarmte und wiegte mich. Ich spürte ihre nasse Wangenhaut, hörte ihren stockenden Atem und fühlte den Druck ihrer starken Arme. Und dieses überraschende Liebesglück – in einem Film wäre es ein Happy End gewesen, in unserem Leben war es eine Episode – entschädigte mich für anstrengende Wanderungen unter stechender Sonne, Muskelkater, Mückenstiche, für einsame, stille Nächte, in die jedes Geräusch einschlug wie eine Bombe, furchterregende Gewitter, sterbenslangweilige Blaubeer- und Pilzernten, harte, trockene Kuchen, körnig-käsige Polenta mit verbrannten Zwiebeln und Kartenspiele mit einer Pauline, die ärgerlich die Karten weglegte, wenn sie verloren hatte.
Meine Grossmutter litt an Depressionen.
In den Bergen war sie traurig, weil die Steilwände das Fabulieren nicht erlaubten. Zu schnell waren die Täler überfüllt. Und die Berge in der Schweiz erinnerten sie an die Berge in Chile.
In der Kiste mit den drei goldenen Elefanten fand ich ein Bild von Marielouise auf einem Pferd. Sie trägt elegante, modische Grossstadtschuhe aus Schlangenlederimitat und eine taillierte rote Lederjacke. Eine weit ausgeschnittene grüne Bluse und – du wirst es nicht glauben – einen rosafarbenen Rock. Sie sitzt lächelnd, hoch aufgerichtet und so unpassend gekleidet auf dem braunen Pferd, das schläfrig in die Kamera blickt. Im Hintergrund eine raue Berglandschaft, grobe Felsbrocken, Wasserrinnsal im Geröll.
Eine Hütte. Rauch über dem rostigen Rohr.
Es ist verwirrend. Ich weiss, dass Marielouise nicht in Chile ist. Nicht in Chile sein kann.
Und dann ist plötzlich so eine Fotografie da.
Du, liebe Janika, wusstest hingegen, wie man die Öfen und den Herd anfeuert. Wie man heizen und kochen kann, ohne die Luft in Paulines Hütte mit Rauch zu vergiften. Man musste lediglich das Feuer in allen Öfen gleichzeitig zünden. Mit deiner Fähigkeit, dauernd in Bewegung zu sein, brachtest du dieses Kunststück zustande. Und du warst eine hervorragende Holzhackerin. Mit gesenktem Kopf liessest du das Beil mitten ins Holz fallen: Zack! Nicht mal Joel durfte ran.
Diese Tage mit dir, Diogo und Joel. Stundenlang wanderten wir durch die Wälder und bestiegen die Berge. Und ich war so glücklich, wenn Joel jubelnd über die Steine hüpfte, sich ins Wasser wühlte, literweise Sonne soff und kreischend mit den Schmetterlingen Hula-Hopp spielte. Und die Pfiffe der hysterischen Murmeltiere. Diogo liebte es, sie zu erschrecken. Zu Joels grosser Freude verfiel er in ekstatische Bockstänze und stiess schrille Schreie aus.
Eines Tages jedoch kündigte Joel den Vertrag. Er mochte die Hütte, die Berge, das Wandern und die Schmetterlinge nicht mehr.
Es tue ihm leid, aber er verspüre keine Lust, mir das Gefühl zu geben, eine gute Mutter zu sein: «Geh mit Pauline oder Janika. Lass mich in Ruhe.»
Als ich ein Kind und mit Pauline allein in der Hütte war, las ich unter der blau-weiss gewürfelten Bettdecke ein Buch nach dem anderen.
Und dieser Brandgeruch.
Immerzu dieser Brandgeruch. Für Pauline, die das Wort aschen liebte: dein goldenes Haar, Margarete. Dein aschenes Haar, Sulamith: Paul Celans Todesfuge. Die grossartigste lyrische Abrechnung mit der Schoa. Hat sie gesagt.
Johann Wolfgang von Goethes Gretchen und Heinrich Heines Loreley, allesamt deutsch, blond und golden, die Sulamith aus König Salomons Schir Ha’Schirim ist orientalisch und aschen gewesen und in Auschwitz verbrannt worden oder hat überlebt, aber ist nun für immer grau und noch viel grauer in der Seele, so etwas vererbt sich über Generationen hinweg, diese Verfärbung der Seele, wiederholte Pauline immerzu. Und ich wollte die ursprüngliche, noch unversehrte Sulamith aus dem Lied der Lieder zurück, deren glänzendes Haar in Locken über den Rücken fiel und die wunderschön gewesen war und in den Granatapfelgärten in den Hügeln Samarias sich der Liebe hingab, und meine Kinderseele verabscheute diesen Celan, der auf dem Wort aschen und auf Auschwitz beharrte, wenn er doch ebenso melonenkernschwarz und Granatapfelgarten hätte hinschreiben können.
Ich hingegen liebte historische Abenteuerromane: Angélique! Die wild, ungezähmt und bildschön, als Tochter eines verarmten Landadeligen aus dem 18. Jahrhundert gegen ihren Willen mit einem älteren, reichen Junker verheiratet, sich überraschend in den schweigsamen Mann, der gehbehindert und mit einem tyrannischen Charakter gesegnet ist, jedoch einen brillanten Geist, Humor und eine leidenschaftliche Liebesfähigkeit besitzt, unsterblich verliebt: Joffrey!
Doch kurz nach der Heirat zum Tod verurteilt und hingerichtet hinterlässt er seiner jungen Witwe nicht genügend finanzielle Mittel zum Überleben. Angélique bricht auf. Vor ihr liegt ein Weg voller Abenteuer und Prüfungen, der sie auf vier Kontinente und die Leserin durch zehn dicke Wälzer führt.
In Paris lebt sie als Wirtin einer übel beleumundeten Kneipe unter Ganoven und Bettlern, zieht ihre Kinder auf, zählt Dichter und Revolutionäre zu ihren Liebhabern, steigt am Hof des französischen Sonnenkönigs in den Rang der Favoritin und Geliebten auf, flüchtet vor Intrigen und Mordanschlägen übers Meer und wird von Piraten entführt.
Aufgrund politischer Wirren und launischer Winde, die das Schiff übers Wasser treiben, wird sie zu guter Letzt in den Harem des Sultans von Marokko verkauft.
Zurück in Europa gerät Angélique im Zuge der Religionskriege zwischen die Fronten der Katholiken und der Protestanten, landet erneut auf einem Schiff und im Bett eines Piraten, der sie in die Neue Welt bringt. Meine Heldin stellt sich selbstbewusst und unerschrocken allen Schwierigkeiten und muss sich doch immer wieder hilflos in die Arme und den Schutz eines mächtigen, einflussreichen Mannes begeben.
Nicht zu vergessen die quälenden Schuldgefühle! Im Sturm der Ereignisse sind Angélique ihre Muttergefühle und ihre Kinder schlicht abhandengekommen.
Pauline jedoch starrte aus dem Fenster und sagte: «Deine Mutter wollte sich nicht durch Ehe und Mutterschaft einsperren und frustrieren lassen. Und doch fürchtete sie sich vor Einsamkeit und Verbitterung. Deshalb hatte sie ständig neue Liebhaber, die sie alle auf Distanz hielt. Und wo ist Marielouise jetzt? Wo ist deine Mutter?»
Sie goss Tee aus der mit Blümchen verzierten Porzellankanne, führte die Tasse an die geschürzten Lippen, die sich gegen die Zumutung der Hitze wappneten, trank mit kleinen Schlucken und hielt eine Hand unters Kinn, um den Pullover aus Kaschmirwolle vor herunterfallenden Tropfen zu schützen – das kostbare Stück, das sie auch in den Bergen, in der verrauchten Almhütte trug –, setzte die Tasse ab, ein leises Klacken, Porzellan auf Porzellan, und befahl, ohne den Blick vom Fenster zu wenden: «Lass es! Hör auf, solchen Mist zu lesen!»
Und ich dachte darüber nach, was Pauline über meine Mutter Marielouise gesagt hatte.
Ja, was nun?
Der Unterschied zwischen dem erfolglosen Verhindern von Unglück und dem vergeblichen Streben nach Glück entzog sich mir – und ich wusste nicht, was Pauline mit ihrer Rede bezweckte.
Ich beobachtete, wie sie den Duft einer geschälten Mandarine einsaugte und die Schale in kleinste Stückchen zerkrümelte, und konnte den Blick nicht von ihrem schönen Profil abwenden, schaute auf den schlanken Hals, die aufrechte Kopfhaltung, roch den würzigen Duft des zimtbraunen Rollkragenpullovers. Fischreiher. Sie erinnerte mich an einen Fischreiher. Ein leiser Widerwille stieg mir in die Kehle.
Und ich las weiterhin meine Kitschromane.
Drapierte mich vor Paulines Augen im Sessel, das Haar im Gesicht, liess langsam die Beine heruntergleiten, spreizte sie, scheinbar völlig unbewusst, und wenn Paulines Blick sich genügend in mich gebohrt hatte, hob ich, irritiert über diese strafende Aufmerksamkeit, unwillkürlich den Kopf, schloss hastig die Beine, lächelte schuldbewusst, wendete mich ab und vertiefte mich erneut in das Buch.
Ein kleines Mädchen tanzt. Die Arme ausgebreitet, die Hände geöffnet dreht es sich um sich selbst, stampft mit den Füssen. Den Kopf in den Nacken geworfen lacht es selbstvergessen, die Haare fliegen – plötzlich wendet es mit einer impulsiven Bewegung der Kamera den Rücken zu, hebt den Rock, reisst den Schlüpfer runter und wackelt kreischend mit dem nackten Hintern.
Lärm, viele Menschen: Frauen sitzen an Tischen, Männer stehen in Gruppen.
Die junge, bunt gekleidete Frau gleitet mit hoch erhobenem Kopf durch die Menschenmenge, federleicht, als ginge sie durch Wände, als berührte sie die Materialität der sie umgebenden Dinge nicht. Sie kniet vor mir nieder, wartet, lächelt mich belustigt an, streicht mir flüchtig das Haar aus dem Gesicht, zieht mir den Schlüpfer hoch und glättet den Rock. Sie trägt mich aus dem Saal und verschwindet im dunklen Bildhintergrund.
Marielouise beugt sich über mich. Hellblau schwimmende Augen. Wirres, strähniges Haar. Sie lächelt zerstreut. Aus ihrem Mund fällt Wärme. Ja, Wärme fällt auf mich herab. Sie umklammert mich erstaunlich kraftvoll. Fast tut es weh. Und nimmt mir den Atem. Wir tauschen Küsse und lachen.
Diesen Super-8 Film liess Pauline auf DVD überspielen. Ich fand ihn in der Kiste unter ihrem Bett.
Wer stand hinter der Kamera? Wer hielt diese Episode fest? Ich spule den Film innerlich zurück und schaue mir die Szene nochmals an.
Der Körper prallt auf andere Körper. Reflex. Unmittelbare Freude. Dieser Stempeldruck auf die Brust. Tämp! Tämp! Das ist meine SCHÖNHEIT. Doch würde niemand die Schönheit dieses Gemäldes «Tanzendes Kind und fürsorgliche Mutter» bestreiten. Also IST es schön! Weil es für uns ALLE schön ist. Tämp! Tämp!
Rufst du Joel an? Und berichtest mir, wie es ihm geht? Hast du von Diogo gehört? Meldet er sich bei dir?
Ich denke an dich. An unsere Nächte in deiner Küche. Deine vielen Schnapsflaschen. Sieben Sorten Whisky. Oder Rum. Oder Cognac. Und den Schokoladenkuchen mit Chili. Deine Gewürzsammlung. Deine Tarotkarten. Unsere Spiele. Die Zigaretten und dein schadenfreudiges Lachen, wenn du ein Spiel gewinnst. Die Sexinserate. Mit dir lerne ich, ungehemmt zu sprechen. Seit ich dich habe, lerne ich, die Worte zu gebrauchen. Sie sind die Stücke unserer Erfahrungen. Wir nehmen die Sätze auseinander, schauen die einzelnen Wörter an und setzen sie neu zusammen. Du und ich.
Verzeih mir die langen Briefe. Aber ich habe das Gefühl, du magst Pauline.
Sie ist ein präzises, geordnetes, eigenwilliges, wütendes, vielschichtiges Universum.
So wie du.
Es geht mir gut.
Und du wirst mich mit jedem Brief besser verstehen.
Deine Selma
«Ich legte die Scheibe mit den patriotischen Hymnen auf den Plattenspieler und befahl Marielouise, das Thurgauerlied zu singen: Oh Thurgau, meine Heimat! Marielouise starrte auf ihre Füsse und sang leise mit. Sie wirkte beschämt, es war ihr offenbar äusserst peinlich. Aber ich hegte eine grosse Liebe für diesen Landstrich. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob wir jemals da hingehörten.
Als ich elf Jahre alt war, wurde meiner Mutter mitgeteilt, es wäre besser, sie würde das Dorf verlassen. Sonst sähe man sich gezwungen, ihr die Kinder wegzunehmen. Wir sind eine Weile herumgezogen. Später liessen wir uns in Zürich nieder.
Selma wollte ich nicht zwingen, dieses Lied zu singen. Aber ich bestand auf der thurgauischen Aussprache gewisser Wörter: Böm, Tülle, Guggumere und Bülle anstatt Baum, Kuchen, Gurke und Zwiebel. Joel verspottete mich, warf mir übertriebene Sentimentalität vor und trällerte: Guggumeretülle uf dä Bülleböm! Und Selma konnte sich nicht beherrschen und lachte hemmungslos über mich: Gurkenkuchen auf Zwiebelbäumen!
Sie sind Kinder einer anderen Zeit.» Notat von Pauline Einzig
irina tomczuk, kellnerin im restaurant goldene rose, 26 jahre, lebt in lemberg: Die jungen Kellner tragen künstliche Schläfenlocken, die hübschen Kellnerinnen billige Perücken, an den Wänden gefälschte Fresken von Bruno Schulz, die Bezahlung muss ausgehandelt werden: Wir sind in einem Basar.
Eine kleine Frau trägt Berge von Tellern und Gläsern herum, begrüsst jeden mit einem herzlichen Lächeln.
Wärme und Gerüche. Die kleinen Lampen kleckern gelbe Pfützen. Orchestriert von Klezmermusik wird lauthals Essen bestellt: Tzimmes, Hummus und Borschtsch.
Die rundliche Kellnerin Irina setzt sich zu uns an den Tisch: Das Wandern der Augen an Fresken, an Fenstern, an Tischen entlang auf der schwierigen Suche nach der einfachen Antwort. Die Lippen in der Sahne, die Haarsträhne in der Schokolade.
Ludmila, meine Übersetzerin, fährt sich aufgekratzt durchs Haar. Und hin und wieder der jungen Frau über den Mund.
Irina Tomczuk: «Meine Familie kommt aus den Bergen in der Nähe der ungarischen Grenze. In Transkarpatien sprechen wir einen besonderen Dialekt. Mein Grossvater war sehr patriotisch und sagte: Vergiss nie, dass du Ukrainerin bist! Eine meiner Grossmütter kommt jedoch aus dem russischen Süden, von der Krim.
Warum ich in diesem jüdischen Restaurant arbeite? Die Juden sind schlau und tüchtig. Sie beherrschen die Kunst, Geld zu verdienen und zu vermehren. Also wollte ich diesen Job, um den Umgang mit Geld zu lernen. Wir haben keine festen Preise, wir feilschen mit den Gästen um die Bezahlung, eine Art Basar, es ist zwar hart, mit fremden Leuten zu verhandeln, aber das will ich hier lernen.
Ja, ja, ich weiss, das ist keine jüdische Tradition, es ist einfach ein Spiel, das uns Spass macht, wir schaffen eine lustige Stimmung für unsere Gäste.
In der Westukraine reden die Leute schlecht über die Juden. Und es ist meine Aufgabe, die Gäste über die jüdische Kultur aufzuklären. Ich erzähle Legenden, informiere über Traditionen in der Synagoge und unterhalte mich über Kunst und Kultur. Zum Beispiel über Bruno Schulz. Seine Fresken sind hier an den Wänden zu sehen. Sie sind uralt und sehr kostbar.»
Ludmila nähert sich meinem Ohr und flüstert, die Lemberger Juden seien alle von der Krim gekommen. Es gebe so viele Familien mit jüdischem Hintergrund, die sich weigerten, darüber zu sprechen. Nicht zu Unrecht, denn Polen und die Ukraine würden als die Wiege des Antisemitismus bezeichnet. Kein Wunder also, wenn die Leute ihre wahre Herkunft verschwiegen.
Und in den Familien, in denen jüdischer Hintergrund verleugnet würde, sei der ukrainische Nationalismus besonders ausgeprägt. Den Kindern hämmere man ein, gute und patriotische Ukrainer zu sein. Diese Irina sei ein exemplarisches Beispiel für eine junge weibliche Generation: «Sie sind gewandt, klug und schön, sie machen gute Studienabschlüsse, beherrschen Fremdsprachen, ukrainisches Kunsthandwerk, die Tänze, die Gesänge und sind Patriotinnen. Und diese Irina hat eine jüdische Grossmutter von der Krim. Das ist typisch. Das ist so typisch.»
Doch Irina schüttelt heftig den Kopf, ihr Blick wird hart und sie hebt abwehrend die Hände. Ich verstehe nicht, was sie sagt. Nur immer wieder: «Njet! Njet! Njet!»
Und Ludmila erzählt die Geschichte von Robert aus Arizona, der nach Lemberg gezogen ist und sich nun Goran nennt.
Goran fand in Sambir seine verlorene Familie wieder: eine uralte Stiefmutter, drei Geschwister, Neffen und Nichten. Er bezahlt ihnen das Essen, die Kleidung und die Ausbildungen.
Während des Zweiten Weltkriegs liess Gorans Vater Frau und Kinder in Sambir zurück und flüchtete über Deutschland und Frankreich in die USA. In Arizona heiratete er eine Amerikanerin und bekam mit ihr zwei Söhne. Einer von ihnen war Robert – oder eben: Goran. Der Vater blieb jedoch zeitlebens ein ukrainischer Nationalist. Er verachtete die Armenier, die Tataren, die Georgier, die Polen und natürlich die Russen. Im Besonderen hasste er die Juden, da diese für die Polen gearbeitet und mit den Russen kollaboriert hätten. Denen war alles recht. Hauptsache, es schaute Geld heraus.
Und er hielt an den Bräuchen des unterdrückten ruthenischen Bauernvolks fest: Am achten Tag nach der Geburt liess er seine zwei Söhne beschneiden – wie das in Sambir seit jeher gemacht worden war.
Ludmilas Einwand, in Sambir hätte der jüdische Bevölkerungsanteil über sechzig Prozent betragen und nur in jüdischen Familien wären die Söhne beschnitten worden, weist Goran starrsinnig zurück.
«Ja, ich lebe im Bewusstsein meiner jüdischen Herkunft. Ich empfinde ein verrücktes, ja ganz starkes Gefühl der Zugehörigkeit. Das spielt sich auf der emotionalen Ebene ab und geht unaussprechlich tief. Mein Innerstes gehört den Juden. Aber ich kann darüber nicht sprechen.» Notat von Pauline Einzig
museum von hesed-arieh jewish home: Eine nackte Frau auf einem zerwühlten Bett. Das weisse Pferd leckt gierig ihren Rücken.
Bruno Schulz: Geflügelt von zwei ausgehöhlten, abstehenden Ohren.
Joseph Roth: Vom Alkohol aufgelöstes Gesicht.
Pferdegespanne und Männer auf einem Marktplatz: Akkordeon, Geige und Laute.
Kleine, magere Knaben: Bücher.
Eine Remington 5 mit hebräischen Buchstaben.
Geschirr für Pessach mit Anweisungen in Polnisch, Deutsch, Russisch und Hebräisch.
Singer- und Kayser-Nähmaschinen. Bügeleisen mit Kohle und Davidstern.
Jerusalem.
Und Exekutionen.
Immer wieder diese Exekutionen.
Hesed-Arieh Jewish Home: home care, curators service, medical program, rehabilitation equipment loan, meals, volunteers service, region, winter relief, sos, club, bulletin of hesed-arieh, day center, beiteinu children’s programs: mazl tov, ken eladim, lev group.
rael yuter, direktorin von hesed-arieh jewish home, 46 jahre, lebt in lemberg: Dämmrige Ruhe. Schwere Möbel in der Umarmung flauschiger Teppiche. Rael Yuter ist klein und energisch. Nackte Füsse in aufsehenerregenden Schuhen: gefährlich hohe Plateausohlen. Ein aufgedunsenes Gesicht unter einer unglaublichen Lockenfülle. Die Haut von einem feuchten Film überzogen. Sie fächelt sich Luft zu.
Sie lacht.
Ein mageres Mädchen bringt hauchdünne, mit lauwarmem Kaffee gefüllte Porzellantassen.
Rael Yuter: «Meine russische Mutter besass keinerlei Beziehung zu den jüdischen Traditionen. Mein ukrainischer Vater hingegen brachte an Pessach Mazzen nach Hause, obwohl es verboten war – Freiwillige buken sie heimlich in ihren Wohnungen und verteilten sie über illegale Kanäle. An Schabbat zündete er die Kerzen an und sprach den Kiddusch.
Eine Schwester meines Vaters war nach Israel ausgewandert. Nach ihrem Tod flog ich zur Testamentseröffnung nach Tel Aviv. Als wir die Dokumente öffneten, fanden wir einen Brief in russischer Sprache mit ganz vielen Fotos aus meiner Kindheit, sorgfältig und chronologisch geordnet: Liebe Rael, ich wartete auf dich. Ich wartete auf dich, nachdem du deine Ausbildung abgeschlossen hattest, aber du kamst nicht, ich wartete auf dich, nachdem du geheiratet hattest, aber du kamst nicht, ich wartete auf dich, nachdem du dein Baby bekommen hattest, aber du kamst nicht. Nun sterbe ich und kann nicht länger hoffen.
Meine Tante hat ihr Vermögen – 900.000 Dollar, zwei Häuser, zwei Zitrusplantagen und ein Kleidergeschäft – einem Kinderheim für Waisen aus dem Zweiten Weltkrieg vermacht! Und das im Jahr 1994!»
Rael lacht fröhlich.
Rael Yuter: «Im selben Jahr verliess ich meinen Mann und stand mit zwei Kindern auf der Strasse. Glücklicherweise bekam ich das Angebot, für Hesed-Arieh Jewish Home zu arbeiten.
In diesem Umfeld regte sich meine jüdische Identität und ich erwarb mir ein tieferes Verständnis für meine Wurzeln. Ich wuchs allmählich in die Traditionen hinein – eine sanfte Bewegung, eine behutsame Annäherung. Nun zünde ich an Schabbat die Kerzen an und spreche den Kiddusch. Zu Rosch Haschana und Jom Kippur gehe ich in die Synagoge.
Während der ersten zwei Jahre setzten die Bewohner dieses Hauses alle Hebel in Bewegung, um uns rauszuwerfen. Im Hof untersagten sie ihren Kindern, mit unseren Kindern zu spielen, unsere Grossmütter durften sich nicht auf die Bänke zu den anderen setzen. Ich fragte: Warum? Wir leben in derselben Stadt! Wir kümmern uns um Arme und Bedürftige. Sie schrien: Gebt ihr euer Geld auch den Armen, die in den Kirchen sitzen? Gebt ihr eure Medikamente und Kühlschränke auch den ukrainischen Babuschkas? Verteilt ihr Essen in den Dörfern in den Karpaten? Nein! Ihr schaut nur für euch! Und ihr habt ein besseres Leben.
Eine staatliche Rente beträgt knapp hundert Dollar. Davon müssen Steuern, die Miete, Medizin, Kleider und der tägliche Bedarf an Zahnpasta, Seife, Shampoo und was man sonst noch so braucht, bezahlt werden. Viele Rentner ernähren sich von Buchweizengrütze und Milch. Sie haben nichts. Absolut nichts! Keine staatliche Unterstützung, keine Elektrizität, kein fliessend Wasser, keine medizinische Versorgung – in den Spitälern muss jeder die Apparate, die Anästhesie, die Operation, die Schmerzmittel selber bezahlen. Die Leute sind allein. Da haben sie ein ganzes Leben gelebt und im Moment der Not sind sie allein.
In den Dörfern haben sie eigene Gärten mit Gemüse und Früchten. Das hilft jedoch nur so lange, wie sie den Garten bestellen können.
Wir pflegen die alten Leute, die oft nicht in der Lage sind, sich selber anzukleiden oder auf die Toilette zu gehen, wir putzen, kochen, waschen, das ist schwere körperliche Arbeit.
Tag für Tag bekommen wir Anrufe. Eine Geburt, eine Bar Mitzwa, eine Hochzeit, eine Bestattung. Wir helfen Eltern, ihre Kinder zu versorgen, jungen Leuten, ihre Studien fortzusetzen, wir organisieren Schabbat, Rosch Haschana, Jom Kippur und Pessach, wir feiern zusammen, wir sind eine grosse Familie und das ist unser Glück.»
Liebe Janika
Sami meldet sich nicht. Beantwortet keine Briefe. Schreibt keine SMS. Geht nicht ans Telefon.
Das Gefühl der Verlassenheit erfasst mich wie ein harmloser Grippevirus. Und könnte so leicht auskuriert werden. Ich müsste mich nur mit Tee ins Bett legen. Und wäre am nächsten Morgen wieder gesund.
Und ja, diese Dialektik der gegenseitigen Störung. Es gibt sie. Aber das besagt rein gar nichts. Und sie soll mich nicht aufhalten. Es ist wie mit den Verletzungen während eines Fussballspiels: Wälze dich im Gras, warte, bis der Schmerz nachlässt, schütte dir Wasser ins Gesicht, steh auf, humple und spiel weiter. (Hab ich von Joel gelernt. Und von Diogo. Sie lieben beide Benfica Lissabon.)
Nicht an Sami denken.
Stattdessen lenke ich mich ab, lass mich von Ludmila herumführen. Treffe die Kellnerin im Restaurant Goldene Rose und die Direktorin der jüdischen Wohlfahrt. Auch habe ich den Leiter des Instituts für osteuropäische Geschichte kennengelernt und einen Anwalt aus Toronto, der den jüdischen Friedhof in Sambir retten will. Ich befrage sie. Und weiss nicht, was daraus werden soll.
Und Paulines Kiste verhält sich wie ein Orakel. Sie enthält Geheimnisse, die ich für meine Zukunft entschlüsseln will. Ich schliesse die Augen, ziehe ein Notat von Pauline raus und laufe los, um jemanden zu befragen.
Ich taste mich wie eine Blinde voran, die auf Geräusche reagiert, die sie noch nicht einordnen kann.
Das Wichtigste ist: nicht denken.
Nicht an Sami denken.
Die Füsse gekreuzt, die Hände gefaltet, die Augen geschlossen lag er auf dem Sofa in seiner Küche und hielt eine seiner typischen Reden. Jedes Wort eine Absicht, jeder Satz ein Wunsch – und so reihte er Befehl an Befehl, ja spuckte sie geradezu aus: die Hütte mit Feuerstelle und ohne fliessendes Wasser am Fuss der libanesischen Berge, am Rand der Zedernwälder, Traktor, Lastwagen, Motorrad, Hühner, Gockel, Eier, Schafe, Schafsböcke, Lämmer, Pferde, Fohlen.
Tomaten, Auberginen, Gurken, Pflaumen, Kirschen, Mandeln und Mandarinen baue man selber an. Bohnen, Öl, Salz, Reis, Kichererbsen, Brennholz, Benzin und Kleider hingegen müsse man kaufen.
Und in dieser Hütte gäbe es genug Platz für mich und meinen Laptop und manchmal ein Stückchen Freiheit für einige Wochen Tel Aviv oder Zürich, über Zypern oder Beirut. Und er sässe am Feuer und würde nichts tun, nur warten, auf mich warten, mit strahlend blauen Augen – wie Bergseen – ins fluoreszierende Gletschereis unter hellem Winterhimmel schauen und warten.
Das Dorf liegt in der Nähe der israelischen Grenze auf den Golanhöhen, am Fuss des Bergs Hermon, hat Sami gesagt. Auf der Landkarte liegt es jedoch in der Beeka-Ebene. Weit vom Golan und dem Berg Hermon entfernt.
Beirut ist weit, das Gebirge hoch und der Fluss, der den Namen Hundefluss trägt, wild und unpassierbar.
Das war sein Plan für unsere Zukunft.
Für Sami war das Dorf die Welt. Die von der syrischen, der libanesischen und der israelischen Armee abwechselnd überrannt und zerstört wurde. Später marschierte die schiitische Hisbollah-Miliz in die Dörfer ein, beschoss die Häuser, verwüstete die Gärten und blieb. Sie gab sich als Wohltäter aus und drückte den kriegsmüden und hungrigen Menschen Geld in die Hand und schrie über die Dorfplätze hinweg: Baut eure Häuser! Bepflanzt eure Gärten! Bestellt eure Felder! Was braucht ihr noch? Strassen? Wasser? Elektrizität? Schulen? Spitäler? Ihr bekommt alles, was euer Herz begehrt! So unterwarf die Hisbollah-Miliz, die Partei Gottes, die besitzlose, mit Angst und Hass angefüllte schiitische Bergbevölkerung in den Zedernwäldern und die Talbewohner der Beeka-Ebene. In der Gemüse, Getreide, Tabak und Wein im Überfluss wächst – und der rote Libanese, das weltweit beste Cannabis. Jeder Bauer baut ihn an, um den Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen: den verbotenen roten Libanesen.
Erste Version einer Geschichte: Sami war bereits in Beirut und studierte Mathematik. Da erfasste ihn eines Tages eine unerklärliche Angst. Er rief seine Mutter an, sie brach in Tränen aus, schluchzte und war kaum in der Lage zu sprechen: «Der kleine Bruder … Eine Bombe … Der kleine Bruder tot … Eine Bombe … Der kleine Bruder in Stücke gerissen … Eine Bombe … Der Vater im Krankenhaus … Der Vater schwer verletzt …»
Sami hatte Monate zuvor sich mit einem Cousin in den Gassen des Dorfes herumgetrieben. Da lief der Sohn der Nachbarn, ein Offizier der christlichen Phalangisten, vorbei, blieb stehen und baute sich breitbeinig und grinsend vor den zwei Jungs auf.
Ein Schuss löste sich – Stille.
Sami beugte sich über den toten Mann und wunderte sich über das kleine Loch in der Stirn.
Wenige Wochen nachdem der kleine Bruder durch die Rache der christlichen Nachbarn ums Leben gekommen war, bekam Sami ein Stipendium der französischen Regierung und flog nach Grenoble, in die Stadt, die zwischen den Tannenwäldern der Alpen und den Lavendelbüschen des Zentralmassivs liegt – und erreichte schliesslich Marseille.
Zweite Version: Syrische Soldaten zerrten den kleinen Bruder vom Traktor und bestiegen johlend das Gefährt. Sie hatten das Dorf besetzt und die Felder gestürmt.
Da sie jedoch nicht wussten, wie man einen Traktor bedient, verloren sie die Kontrolle und überrollten den damals gerade mal fünfzehn Jahre alten Jungen. Sie sprangen vom Gefährt, liessen Sami mit seinem toten Bruder zurück und beschuldigten ihn, den Traktor gefahren zu haben.
Dritte Version: «Er oder wir. Seine Familie oder unsere Familie», wiederholte Sami mehrmals und versuchte mir zu erklären, warum es notwendig gewesen war, den phalangistischen Offizier, den Sohn der Nachbarn, zu töten.
Und ich, die immer wieder fragen wollte: «Hast du geschossen? Ist es nicht so gewesen? Du hast doch geschossen?»
Und: «Bist du gefahren? Ist es nicht so gewesen? Du bist doch den Traktor gefahren?»
Meine Handflächen waren nass und mein Herz schlug im Hals, obwohl keine Gefahr bestand, einer unerträglichen Wahrheit begegnen zu müssen. Denn ich wusste um seine Fähigkeit zur Lüge.
Ja, Sami kann lügen! Mit seinem unfassbaren Leiden lullt er mich behutsam ein. Bis ich schlussendlich nicht mehr weiss, ob es mein Gefühl ist oder mein Gegenüber, das mich trügt.
Als wir zum ersten Mal in Samis Wohnung Pittabrot und Hummus assen und Rotwein tranken, fühlte ich mich abgestossen. Mit den Fingern stopfte er das Essen hastig in sich rein, kaute lange und sprach gleichzeitig, und seine Hände, die bereits die nächste Portion festhielten, fuchtelten vor meiner Nase herum. Später bemerkte ich seine disziplinierte Mässigkeit. Denn er ass nie zu viel. Nahm aber in regelmässigen Abständen kleine Happen zu sich.
Ich jedoch wurde unmässig. Wollte ununterbrochen in seinen Körper hineinkriechen, mich in ihm auflösen und vollständig verschwinden.
Und so konnte ich nicht mehr arbeiten, nicht mehr kochen, meine Wohnung nicht mehr putzen, das Kind nicht versorgen, und wenn meine Freunde mich ansprachen, fiel mir nichts ein, leeres Gehirn, leeres Grinsen, leeres Geschwätz.
Das Leben bündelte sich in dieser einen Sekunde, die es brauchte, die Arme um einen anderen Körper zu schlingen. Ja, meine Welt verkleinerte sich auf seine Hände. Seinen Bauch. Seine Beine. Seine Augen. Seine Lippen. Seinen Schwanz.
Nie hatte mich jemand so gehalten. Nie. Jemand so geliebt. Nie. Es gab keinen Anfang und kein Ende. Kein Aussen und kein Innen. Kein Ich und kein Du.
Deine schroffe Antwort auf meine Briefe: «Wenn diese Liebe darüber Auskunft gibt, wer du in deinem Innersten bist, dann habe ich mich in dir getäuscht. Ich will mich aber nicht täuschen. Darum – lass es! Es gibt nichts Schrecklicheres als diese Art der Abhängigkeit.»
Es gäbe Heterosexuelle, Homosexuelle, Transsexuelle und solche, die unerreichbare Träume fickten. Hast du noch hinzugefügt.
Ja, die Unerreichbaren. Sie begehren mich. Aber sie wollen mich nicht. Das heizt die Leidenschaft an – und die Liebe. Und es schützt mich vor den Enttäuschungen des Alltags und vor meiner Neigung, mich den Wünschen des anderen zu unterwerfen, um seine Liebe nicht zu verlieren.
Der Verlustschmerz fährt jedoch so richtig ein, wenn ich meine eigene Rolle erkenne. Ich bin es, die ihn nicht will. Ich bin es, die nur einer begrenzten, ausgeliehenen Liebe gewachsen ist. Ich miete mir dieses Liebeshaus für eine gewisse Zeit, weil ich das Gefühl brauche, jederzeit ausziehen zu können.
Warum kannst du das nicht verstehen?
Heute. Früh. Sieben Uhr. Im Hinterhof meiner Wohnung herrscht Ruhe. Nachdem Jugendliche, die nun ihr letztes Dosenbier trinken und eine der rostigen Schaukeln bis an ihre Grenzen zum Schwingen bringen, die Nacht durchgefeiert haben.
Auf dem Balkon, die Füsse auf der Brüstung, trinke ich Weisswein aus dem kleinen Supermarkt in der Hrnaluka, löffle Tomaten mit Zwiebeln und Dill und rauche. Starre auf die gegenüberliegenden Häuser, den kleinen Balkon, auf dem ich immer wieder dieselbe junge Frau sehe – das luftige Stofffetzchen an ihrem Körper bauscht sich im Wind.
Trotz der frühen Stunde und der kühlen Luft rinnt mir der Schweiss aus den Achselhöhlen und mir ist übel. Meine Bluse ist falsch geknöpft. Es ist diese Bluse, die du so magst: cyanblau mit lila Blüten und gelben Staubblättern – weisst du, dass die Schönheit der Blumen nur dem Zweck der sexuellen Vermehrung dient?
Ich knöpfe die ganze Reihe auf und wieder zu, einer der runden Kupferknöpfe fällt ab, so hab ich was zum Nesteln und Spielen und gleich fühle ich mich besser.
Der Himmel ist von rosa und glutroten Schlieren durchzogen und mit durcheinanderschwirrenden Schwalben bestückt. Die Morgensonne kitzelt frische Gerüche aus den Dingen. Die Pflanzen räkeln sich und furzen ins Universum. Der Wind vögelt die Bäume. Ich würde dir so gern diese Schwalben zeigen. Ihre Schwärme sind vibrierende Atome und bauen den Himmel.
Und ich vermisse Joel.
Wie er über den heissen Asphalt hüpfte, sich mit den schmutzigen Fusssohlen abstiess und jauchzte. Joel, der blass, mit Gänsehaut und blauen Lippen aus dem Wasser lief und sich bibbernd und beglückt in das warme Tuch wickeln liess. Das hungrige, ja gierige, tierische Schlingen und Verdauen von ausgespielten, ausgetobten, ausgewässerten, ausgesandeten Kindern. Wie er auf meinem Schoss immer schwerer wurde. Vollgesogen mit Sonne und Luft.
«Mama», sagte er leise. «Mama.» Und schlief ein.
Sami will mit mir zusammen in den Libanon ziehen. Seine Mutter allerdings hat für ihn eine junge Braut gefunden. Und sie besteht auf der Hochzeit. Für Sami ist das überhaupt kein Problem. Eine Ehefrau. Und eine Geliebte.
So ist das Leben.
Ich jedoch würde niemals eine andere Frau an seiner Seite akzeptieren und hoffe auf seine Einsicht, auf seine Vernunft und sage: Nein! Kommt nicht in Frage. Du heiratest keine andere.
Erste Version: Ich ziehe mit Joel zu Diogo. Zweite Version: Ich fahre mit Sami in den Libanon, ins Beeka-Tal, ich setze mich neben der jungen Braut ins Nest seiner Familie, in den grossen Garten seiner Mutter, Kirsch- und Mandelbäume, Gurken und Auberginen, Eierfrucht, hier sagen sie: Eierfrucht!
Dritte Version: Ich fliege nach Valparaiso.
Ich hoffe sowohl auf Samis wie auch auf Diogos Einlenken. Ich kämpfe um sie beide.
Was ist mit mir los? Warum bin ich so rücksichtslos?
Liebste Janika. Dein Selmachen
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