Kitabı oku: «Verräter an Bord»
Johannes Anders
Sternenlicht 8
Verräter an Bord
Saphir im Stahl
Bereits erschienen:
Horst Hoffmann - Insel im Nichts
Johannes Anders - Rücksturz nach Tyros
Johannes Anders - Storm
Peter R. Krüger - Der Fehler im System
Joachim Stahl - Parsifal
Erik Schreiber - Wanderer
Johannes Anders - Feinde des Lebens
Johannes Anders - Verräter an Bord
In Vorbereitung
Peter R. Krüger - Die Soliamit-Krise
Sternenlicht 8
Verräter an Bord
e-book 107
Erste Auflage 01.01.2022
© Saphir im Stahl
Verlag Erik Schreiber
An der Laut 14
64404 Bickenbach
www.saphir-im-stahl.de
Titelbild: Thomas Budach
Lektorat: Joachim Stahl / Rita Blotz
Vertrieb: Neobooks
Johannes Anders
Sternenlicht 8
Verräter an Bord
Saphir im Stahl
Inhaltsverzeichnis
1 Entführung
2 Queen Anne
3 Die unfruchtbare Sonne
4 Hauch der Äonen
5 Zeit des Untergangs
6 Verräter an Bord
7 Die Rückkehr des Monsters
8 Schmerzende Wahrheiten
9 Ganz nah am Feind
10 Loyalitäten
11 Neue Helden
Biographie
1 Entführung!
Alle waren auf ihren Posten, als die MCLANE Anlauf zum nächsten Sprung nahm, der sie dem Sternenschweifnebel ein Stück näherbringen würde. Swo hatte die Bordkontrolle beendet und lehnte sich entspannt in seinem Sessel zurück. Neno wischte sich gelangweilt eine Strähne seines wohlfrisierten Haupthaares hinter das Ohr, denn zu kommunizieren gab es gerade nichts. Storms blau blinkender Ohrring zeigte an, dass Coach Sturm den Halbroboter führte, während Eden Sturm, seine bessere Hälfte, sich zurückgezogen hatte und höchstwahrscheinlich schlief. Der Coach selbst saß untätig hinter der Armierungskonsole, aber das mochte trügen, denn irgendwelche Berechnungen liefen in seinem Computerhirn wohl immer ab. Kommandantin Zaya Karan stand mit Gael Klein an der Astroscheibe. Die beiden Frauen beobachteten den Flug, dessen Steuerung sie dem Bordcomputer überlassen hatten.
„Wusstest du, dass manche den Sternenschweifnebel auch Silberschweifnebel nennen?“, fragte Gael. „Wegen seines silbrigen Aussehens?“
Zaya lächelte. Als kleines Kind hatte sie den Nebel immer Pferdeschweifnebel genannt, was wohl mehr über sie selbst und ihre Liebe zu den edlen Tieren aussagte, als über den Nebel, dem man die Form eines Pferdeschweifs nur mit Mühe andichten konnte.
„Und hast du von den Geschichten gehört, die man über den Nebel erzählt? Schiffe, die den Kurs unvermittelt ändern? Geisterstimmen, die dich rufen? Verstorbene, die plötzlich wieder leben?“
„Raumfahrergarn von Leuten, die sich wichtig machen wollen.“
Die Crew lachte. Gael stimmt mit Verzögerung ein. Glaubte sie diese Märchen etwa?
„Wahr ist, dass es in der Nähe des Nebels zu minimalen Zeitschwankungen kommen kann“, belehrte Swo die Crew. „Aber die liegen im Bereich von Zeptosekunden.“
„Was für Sekunden? Ist das die kleinste Zeiteinheit?“, erkundigte sich Gael.
„Nein. Aber man kann damit die Zeit messen, die das Licht braucht, um ein Molekül zu durchqueren.“
„Das geht ganz schön schnell, nehme ich an?“
Swo grinste breit. „Ziemlich schnell, ja.“
„Bereit machen zum Sprung!“, meldete sich ALLISTER.
Kurz darauf löste der Bordcomputer Hyperspace plus Schlafende aus. Die Sterne auf der Astroscheibe verschwanden. Der Raum faltete sich vor der MCLANE und das Schiff flog über die Einstein-Rosen-Brücke, um die andere Seite der Raumfaltung zu erreichen, die viele Lichtjahre entfernt lag.
Die Überquerung der Einstein-Rosen-Brücke dauerte einige Stunden, in denen die Astroscheibe keine Außenaufnahmen, sondern errechnete Daten anzeigte. Man sah, wie die MCLANE sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit fortbewegte. Für die Besatzung gab es in dieser Zeit wenig zu tun. Neno blieb als Wache auf der Brücke, die anderen hatten Zeit, sich zu erholen.
*
Als die MCLANE ihren Sprung beendete, hatten sich alle wieder auf der Brücke eingefunden. Sie würden nun eine Weile warten müssen, bis die schlafende Energie aufgeladen war und für den nächsten Sprung auf die Wandler gegeben werden konnte.
In den Holos über Neno Chungs Konsole leuchtete ein grüner Punkt auf und sein virtuelles Headset übertrug ein kurzes Ping. „Die Ortung meldet eine Nachrichtensonde“, teilte er mit.
„Eine Nachrichtensonde?“, fragte Zaya.
„Ja. Nachricht von Admiralin Charlene Armstrong von der FERDINAND MAGELLAN“.
Sie hatten das Mutterschiff erst vor wenigen Tagen verlassen. Was wollte die Admiralin?
„Auf die Astroscheibe!“, befahl die Kommandantin.
Das rotierende Logo der Forschungsflotte leuchtete als Hologramm über der Astroscheibe auf. Dann erschien der Kopf der Admiralin. Sie begann ihre Botschaft mit einem kurzen, betretenen Schweigen. Es schien, als müsse sie sich vor einer unangenehmen Nachricht zunächst sammeln. Und so war es auch: „Vor ein paar Tagen habe ich Ihnen noch für Ihre großartige Arbeit gedankt, Commander Karan“, begann sie schließlich. „Sie haben nicht nur die Kolonie auf Juventor gerettet, sondern die gesamte Sternenlichtvereinigung.“ Sie räusperte sich unbehaglich. „Es gibt aber leider einen winzig kleinen Schönheitsfehler: Sie haben dabei eine Alphaorder von TRAV missachtet.“
Die Admiralin rutschte in ihrem Sessel hin und her, bevor sie fortfuhr: „Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will Ihre Verdienste und die Ihrer Crew in keiner Weise schmälern, aber gewisse Kreise bestehen darauf, dass Ihnen ein Sicherheitsoffizier des SSD zur Seite gestellt wird, um, ich zitiere: Ihr Urteilsvermögen hinsichtlich der Ausführung künftiger Alphaorders zu schärfen. Das sind wie gesagt nicht meine Worte.“
Zaya sackte die Kinnlade herunter. „Das gibt‘s doch nicht …“, murmelte sie. Auch die übrige Besatzung war fassungslos.
„Und nein“, fuhr die Admiralin fort, „diese Anweisung stammt nicht von Chander Nairoby. Auch unser Sicherheitschef ist absolut perplex. Niemand auf der MAGELLAN glaubt, dass Sie das verdient haben. Die Order kommt von Tyros, direkt aus dem Hauptquartier des SSD. Ich schicke im Anhang die Koordinaten mit, an denen Sie sich mit dem SSD-Kreuzer JAGELLOVSK treffen werden. Ein Commander Igor Orlow wird dort zu Ihnen an Bord wechseln.“
„Das … das machen wir nicht!“, rutschte es Bordingenieur Swo raus.
„Das ist so etwas von ungerecht!“, schimpfte auch Gael.
„Ich kann mir denken, dass Sie diese Anweisung des SSD als ungerechtfertigt und ungerecht empfinden, Commander Karan. Und wahrscheinlich ist sie das auch. Aber reißen Sie sich verdammt noch mal zusammen und machen Sie keinen Unsinn. Ich will Sie als Kreuzerkommandantin behalten, Sie sind eine der Besten! Also fahren Sie diesen SSD-Heini ein paar Monate lang spazieren und danach wird alles wieder gut sein. Armstrong Ende.“
Auf der Brücke redeten alle wild durcheinander.
„Das können wir uns nicht bieten lassen!“, schimpfte Swo.
„Die Alphaorder zu ignorieren war völlig richtig!“, bestärkte Eden Sturm die Kommandantin. „Sonst wäre alles Leben in diesem Sektor ausgelöscht worden!“
„Auf keinen Fall treffen wir uns mit der JAGELLOVSK!“, forderte Neno.
„Niemals!“, unterstützte ihn Swo.
„Beruhigt euch, Leute!“ Zaya war bemüht, die Wogen zu glätten. „Was soll denn das? Wollt ihr euch von der Flotte lossagen? Wie kann das funktionieren? Natürlich befolgen wir die Befehle.“ Sie lächelte. „Aber bei der Ausführung darf ja wohl jeder seinen persönlichen Stil entwickeln.“
*
Die MCLANE musste einen erheblichen Umweg in Kauf nehmen, um das befohlene Rendezvous zu erreichen. Eine Verspätung von einigen Tagen konnte man da durchaus rechtfertigen. Die Crew schöpfte diesen Spielraum voll aus, um die JAGELLOVSK warten zu lassen.
An den Zielkoordinaten befand sich allerdings kein SSD-Kreuzer namens JAGELLOVSK. Über Funk meldete sich ein Kleintransporter namens SPRING BRAUNER.
„Commander Sidney Blum bittet, an Bord kommen zu dürfen“, meldete sich ein Sicherheitsoffizier mit kurzen, schwarzen Haaren und einem ebenso penibel gestutzten Vollbart.
Die Crew stand um die Astroscheibe herum und betrachtete argwöhnisch das Holo des Mannes.
„Tut mir leid“, lehnte Zaya ab. „Uns wurde ein Commander Orlow von der JAGELLOVSK angekündigt und kein Commander Blum von der SPRING BRAUNER. Erlaubnis nicht erteilt.“
„Die JAGELLOVSK hatte ein Problem mit ihrem Beta-7-Stabilisator und konnte deshalb nicht rechtzeitig eintreffen. Ich bin die Vertretung.“
„Beta-7? – So gut wie alle Schiffe benutzen den Beta-5-Stabilisator, manche sogar noch den alten Beta-3! Was erzählen Sie für einen Unsinn?“
Der Sicherheitsmann seufzte. Man sah ihm an, dass er überhaupt keine Lust hatte, sich auf so eine Diskussion einzulassen. Aber er überwand sich. „Die JAGELLOVSK war veraltet und wird nun zum modernsten Schiff des Sicherheitsdienstes umgebaut. Dabei kommt Technik zum Einsatz, die Sie noch gar nicht kennen. Und jetzt lassen Sie mich endlich an Bord!“
„Keine Chance“, lehnte Zaya ab. „Autorisieren Sie sich oder bleiben Sie mir vom Hals! Sonst wird mir wieder vorgeworfen, dass ich irgendwelche Vorschriften nicht beachte.“
„Na schön, Commander. Ich sende eine Kuriersonde zum Ende der Relaiskette bei Kappa 2. Dort wird die Sonde das Hauptquartier kontaktieren und mit einem Autorisierungscode direkt zu Ihnen zurückkehren. Das wird einige Tage dauern. Und dann werden Sie mich an Bord nehmen und herausfinden, dass ich auch zickig sein kann.“
„Wir befolgen nur die Vorschriften. Karan Ende.“
Kaum war die Verbindung unterbrochen, tanzte die Crew auf den Tischen.
„Das hast du super gemacht, Zaya!“, jubelte Neno.
„Genial!“, befand auch Gael.
„Schampus! Her mit dem Schampus!“, verlangte Swo.
„Dem haben wir es gezeigt“, klatschte Neno sich in die eigene Hand.
Coach Sturm war zurückhaltender. „Ich weiß nicht, ob wir uns damit einen Gefallen getan haben“, überlegte er. „Wir werden mit ihm auskommen müssen.“
Zaya selbst wirkte ebenfalls nachdenklich. „Er wäre sowieso nicht unser Freund geworden“, befand sie schließlich. „So haben wir uns wenigstens von Anfang an etwas Respekt verschafft.“
*
Die Stimmung war eisig, als der SSD-Offizier zur MCLANE übersetzte. Da das Rendezvous im Weltraum stattfand, hatte Zaya eine Phönix geschickt, die ihn abholte. Als sie sich in der MCLANE einschleuste, ließ sich niemand zur Begrüßung blicken. Der Sicherheitsoffizier musste seinen Weg alleine finden.
„Commander Blum meldet sich zum Dienst!“, grüßte er zackig, als er schließlich die Brücke betrat. Dabei stand er so steif, als hätte er einen Besenstiel verschluckt. Bei der Astrogatorin Gael Klein löste das zwiespältige Gefühle aus. Natürlich hasste sie ihn pflichtgemäß, aber er war ein gut aussehender Kerl und seine Korrektheit wirkte anziehend auf sie. Wenn man ihr die Wahl zwischen ihm und Bordingenieur Swo mit seinen Frittenflecken auf der Uniform lassen würde … Sie schüttelte den Kopf und vertrieb energisch diesen abseitigen Gedanken.
„Willkommen an Bord!“, begrüßte Zaya ihren neuen Aufpasser, ohne sich aus dem Kommandosessel zu erheben, und deutete zur Seite. „Nehmen Sie Platz im Besucherbereich.“
„Danke, Commander, aber ich ziehe es vor, an der Astroscheibe zu stehen.“
„Wie Sie wünschen.“
„Ich habe mir diese Mission nicht ausgesucht, Commander Karan. Lassen Sie uns das Beste daraus machen.“
„Wir werden Sie selbstverständlich mit aller Kraft unterstützen, wie es von uns erwartet wird“, antwortete Zaya, ohne eine Regung zu zeigen.
Sie wussten beide, dass es so nicht laufen würde.
*
Während die MCLANE wieder über die Einstein-Rosen-Brücke flog und sich mit unglaublicher Geschwindigkeit dem Sternenschweifnebel näherte, passte Bordingenieur Swo die Kommandantin an der Kaffeemaschine ab.
„Wir dürfen so einem dahergelaufenen Typen keinen Einfluss auf unsere Mission geben“, redete er auf sie ein.
„Er wurde vom SSD autorisiert.“
„Was bedeutet das schon: ein Passwort, das über tausende von Relais übertragen und dann auch noch mit einer Nachrichtensonde spazieren geflogen wurde und dabei in falsche Hände geraten sein kann?“
„Das wissen wir nicht.“
„Komm, Zaya, gib es zu! Ich weiß doch, dass du den Kerl am liebsten auf den Mond schießen würdest!“
„Ich weiß nicht, von welchem Mond du redest“, wiegelte die Kommandantin ab.
„Wir sollten ihn in seine Kabine sperren, bis wir die HAWKING gefunden haben. Dann kann nichts schiefgehen.“
„Nein, das machen wir nicht. Oder willst du künftig auf der SPRING BRAUNER Dienst schieben?“
„Gott bewahre!“, brummte Swo mürrisch.
Währenddessen erinnerte ein helles Ping daran, dass das Ende des Sprungs bald erreicht war. Swo und Zaya begaben sich mit ihrem Kaffee wieder auf die Brücke und gesellten sich an die Astroscheibe, natürlich mit gebührendem Abstand zu Sicherheitsoffizier Blum.
Kurz darauf zeigte die Astroscheibe wieder Sterne an. Der Sprung war planmäßig verlaufen, alles war in bester Ordnung.
Fast alles.
Sicherheitsoffizier Sidney Blum atmete tief durch und wandte sich an die Kommandantin: „Commander Karan, ich muss Ihnen nun eine vom SSD autorisierte Alphaorder übergeben. Mein Auftrag ist, die Order direkt auf Ihren Bordcomputer zu überspielen.“ Er hantierte an seinem Armcomputer herum.
„Warten Sie!“, verlangte Zaya. „Sagen Sie uns erst, was die Order beinhaltet!“
„Das weiß ich selbst nicht“, lehnte Blum ab.
Zaya stoppte ihn mit einer Handbewegung.
„Was wollen Sie denn noch, Kommandantin?“, beschwerte er sich. „Sie wissen selbst, dass der SSD ermächtigt ist, Alphaorders zu erteilen.“
Zaya gab ihren Widerstand auf. Der SSD-Mann vollendete, was immer er an seinem Armcomputer begonnen hatte, und die Verbindung mit dem Bordrechner kam zustande.
„Alphaorder erhalten“, bestätigte ALLISTER. „Kursänderung auf 2 - 9 - 4 - 19 - 30 - 37 - 3.“
Die Crew sprang auf.
„Was?“, schrie Zaya den SSD-Mann an. „Sie können nicht einfach den Kurs ändern! Was ist mit der STEPHEN HAWKING? Mit unserer Mission?“
„Es ist eine Alphaorder“, erinnerte Blum die Kommandantin.
„Und wo fliegen wir nun hin?“
„Ist das von Belang? Wir folgen den Befehlen.“
„Wir folgen nicht blind irgendwelchen Befehlen! Sagen Sie uns sofort, wohin Sie wollen, oder wir nehmen wieder Kurs auf den Sternenschweifnebel!“
„Wo wir hinfliegen, weiß ich nicht, und wenn ich es wüsste, wäre ich wahrscheinlich nicht autorisiert, es Ihnen mitzuteilen, Commander Karan!“
„Das können Sie mit uns nicht machen!“, lehnte Zaya ab.
„Da machen wir nicht mit“, unterstützte sie Swo.
„Auf gar keinen Fall!“
Wie ein Bollwerk stand die Mannschaft hinter ihrer Kommandantin.
„Nichts anderes habe ich von Ihnen erwartet, Commander Karan“, erwiderte der Sicherheitsoffizier. „Sie haben das Konzept Alphaorder immer noch nicht verstanden. Treten Sie zurück!“ Dann wandte er sich an ALLISTER: „Bordcomputer, Commander Zaya Karan ist mit sofortiger Wirkung des Kommandos enthoben. Als neuer Kommandant des Raumkreuzers MCLANE wird Sicherheitsoffizier Sidney Blum eingesetzt.
Die Crew fiel in Schockstarre.
2 Queen Anne
Queen Annes Mund formte übelste Flüche, galten dem, was sie durch die Sichtscheibe sah: den Roboterarm des Monsters, das sich auf ihr Schiff geschlichen hatte. Der Arm bewegte sich wie in Zeitlupe auf den Notfallknopf .
Sie griff nach etwas, um sich festzuhalten, aber als das Schleusentor hinter ihr aufflog, wurde sie mitsamt der Luft ins All gerissen. Indem sie zuließ, dass das Vakuum ihren Atem aus den Lungen saugte, verlängerte sie ihr Leben um Sekunden, denn der Innendruck hätte ihre Lungen platzen lassen. Der Atmungsprozess kehrte sich um: Statt Sauerstoff ins Blut zu transportieren, gaben ihn die Lungenbläschen ab. Ihr blieben 15 Sekunden, bis das sauerstofflose Blut ihr Gehirn erreichte und sie das Bewusstsein verlieren würde. Zugleich blähte der niedrige Druck des Alls ihren Körper auf und senkte den Siedepunkt des Wassers auf unter 37°. Sie spürte, wie der Speichel auf ihrer Zunge zu kochen begann. Ihr Blut und alle Körperflüssigkeiten würden bald ebenfalls kochen, Blutgerinnsel würden die Adern verstopfen, Schlaganfälle drohten ...
Endlich schlossen sich die Energiefelder des Notpacks, das sie rein zufällig erwischt hatte, als sie sich in der Schleuse festkrallen wollte. Kurz wurde ihr noch schwarz vor Augen, dann begann ihr Körper sich zu normalisieren. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Erleichtert atmete sie einige Male tief ein und aus.
Es war vielleicht nur ein kurzes Glück, das ihr vergönnt war. Die Manövrierfähigkeit des Notpacks war auf wenige hundert Meter begrenzt und der Sauerstoff reichte nur für 10 Minuten. Verzweifelt sah sie sich um. Die Schleuse der HAPPY DELIVERY war durch die Notfallöffnung blockiert, dort kam sie nicht mehr hinein. Unterhalb des Schiffs aber glitzerte etwas im Licht der weit entfernten Sterne. Mangels Alternative beschleunigte sie in diese Richtung.
Das Schicksal musste es an diesem Tag unermesslich gut mit ihr meinen! Im Näherkommen erkannte sie den Speedster 9000. Wenigstens war es einmal ein solcher Scooter gewesen, bevor ein Bautrupp daran herumgebastelt hatte. Nun war im Wesentlichen ein starkes Triebwerk übrig, auf dem man zwei Sättel befestigt hatte. Und das Beste an dem Gerät war der Sauerstoffvorrat, an den sie sich anstöpseln konnte.
Den Speedster hatte Anne eigentlich als Fluchtfahrzeug für ihren Mann besorgt. Aber Oliver Le Vasseurs Gefängnisausbruch war schiefgegangen und statt seiner war dieses Monster mit dem Gefährt angekommen, das sie aus der Schleuse geworfen hatte.
Was konnte sie als nächstes tun? Sollte sie an Bord der DELIVERY zurückkehren und das Monster bekämpfen? Anne war sich nicht sicher, ob eine Revanche vorteilhafter für sie enden würde. Besser, sie suchte sich Verbündete. Und um die Verbündeten zu überzeugen, musste sie wissen, was mit ihrem Mann geschehen war.
Ihr Vertrauter Benito de Soto hatte herausgefunden, dass ihr Mann auf der Krankenstation der Gefängnisfregatte BLACK JOKE versorgt wurde. Queen Anne machte sich dorthin auf den Weg und landete den Speedster in einem Hangar. An Bord des Gefängnisschiffes hatte der Widerstand gegen Admiral La Buse mehr Unterstützer, als dieser wahrhaben wollte. Eine Angestellte, die ihr oberflächlich ähnlich sah und zum Widerstand gehörte, lieh ihr ihren Bordausweis, und so gelangte die Queen unbehelligt zur Krankenstation.
*
„Bist du verrückt?“, schimpfte Oliver Le Vasseur. „Warum kommst du hierher? Du weißt doch, dass ich bei meinem Onkel in Ungnade gefallen bin! Wenn er erfährt, dass du hier bist, wird er dir die Garde auf den Hals hetzen!“
„Ich muss wissen, was mit dir passiert ist! Dein Kumpel Omega hat mich aus einer Luftschleuse geschmissen – ohne Raumanzug!“
„Zur Hölle mit dem Mistkerl! Mich hat er den Wachen vor die Füße gestoßen, während sie mit ihren HM-6 auf uns feuerten. Und dabei hat er mir noch mein Amulett abgerissen!“
„Ist er ein Agent deines Onkels?“
„Ich glaube nicht. Ich habe keine Ahnung, welche Ziele das Arschloch verfolgt.“
„Wir sollten jetzt abhauen!“ Queen Anne hielt Oliver die Hand hin, um ihn aus dem Bett zu ziehen.
„Vergiss es!“, zischte Oliver und zog die Decke zurück.
Anne schlug schockiert die Hände vor den Mund: Oliver Le Vasseur hatte nur noch ein Bein!
„Bevor ich fliehen kann“, sagte er, „brauche ich eine Prothese. Geh bitte!“
„Nicht ohne dich!“
„Doch, es muss sein!“
„Ich kann dich nicht hier liegen lassen! Was, wenn dein Onkel dich umbringen will?“
„Dann läge ich nicht auf der Krankenstation, sondern im Krematorium. Und jetzt geh bitte und mach das Monster fertig!“
„Das kann warten!“
„Nein, kann es nicht. Wir können nicht an zwei Fronten kämpfen, gegen Omega und meinen Onkel. Also zeig‘s dem Arschloch. Tu es für mich! Sprich mit Benito, der wird dir helfen!“
„Ich …“ Queen Anne kamen die Tränen. Würde sie ihren Mann jemals wiedersehen? Aber da er es so wollte, riss sie sich los und schlich zurück Hangar, in dem sie den Speedster geparkt hatte.
*
Als Benito de Soto die Tür seiner Kajüte öffnete, fühlte er sich unwohl. Der Space Explosion V3, den er kurz zuvor an der Bar zu sich genommen hatte, schien ihm nicht zu bekommen. In seinem Magen braute sich eine Space Explosion zusammen.
Während er den Raum betrat, wurde das Licht hochgedimmt.
Er war nicht allein.
Im Wohnbereich seiner Kabine stand ein bequemer Sessel und in dem Sessel saß …
„Queen Anne! Du lebst!“
„Ja, ich lebe noch. Dieser verdammte Roboter hat mich aus einer Schleuse gestoßen – ohne Raumanzug. Zum Glück habe ich gerade noch ein Notpack erwischt.“
De Sotos Magen krampfte sich zusammen. Er stützte sich an der Wand ab.
„Was ist los, Benito?“
„Mir ist schlecht … Ich habe einen Drink nicht vertragen. Oder vielleicht waren es auch zwei. Ich war frustriert! Omega hat die Offiziere überzeugt, die LIBERTY zu entern. Er hat ihnen das Amulett deines Mannes unter die Nase gehalten, um sich zu legitimieren.“
„Das hat er meinem Mann gestohlen!“
„Dachte ich mir. Aber niemand hat auf mich gehört! Er hat eine begeisternde Rede gehalten und sie alle auf seine Seite gezogen! Wir müssen unbedingt ...“ De Soto biss die Zähne zusammen, um eine Schmerzwelle auszuhalten.
„Was für ein Drink könnte so eine verheerende Wirkung habe? Sag mir, was du getrunken hast!“
„Zwei Space Explosion V3.“
„Das ist natürlich pures Gift.“
Sie schwiegen.
Und rissen entsetzt die Augen auf, als ihnen gleichzeitig klar wurde, dass es sich nicht nur um Gift im übertragenen Sinn handeln konnte.
„Das Schwein hat dich vergiftet! Wir müssen sofort in die Krankenstation!“
De Soto hob abwehrend die Hand. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er spürte etwas Kaltes, das sich in ihm ausbreitete und den unerträglichen Schmerz gnädig gefror. „Zu spät“, sagte er. „Geh und lass mich sterben! Bring dich in Sicherheit!“
„Den Teufel werde ich tun! Dafür wird der Mistkerl bezahlen. Ich bringe ihn um! Ich foltere ihn zu Tode!“
„Lass das bleiben, Anne! Du hast hier keine Verbündeten mehr. Geh zu den Bautrupps, die hat Omega noch nicht auf sich eingeschworen!“
Benito de Soto starb in ihren Armen.
*
Queen Anne verließ den inneren Zirkel der Piratenflotte. Ihr Speedster rauschte am letzten funktionstüchtigen Schiff vorbei und erreichte die Zone, in der viertel-, halb, und fast fertige Schiffe nebeneinander dümpelten. Überall sah man die Funken der Schweißgeräte, mit denen Löcher in den Hüllen geflickt oder zusätzliche Waffen angeflanscht wurden. Sie entschloss sich, im Hangar der BACHELOR´S DELIGHT zu landen. Das Schiff schien fast fertiggestellt. Arbeiter wiesen ihr den Weg zum Leiter des Bautrupps. Sie fand ihn auf der Brücke.
„Queen Anne!“, wurde sie von Henrik Morgan begrüßt. „Willkommen an Bord!“
„Danke, Henrik. Wir müssen reden. Habt ihr schon einen Konferenzraum fertig, wo wir ungestört sind?“
„Nein, erst kommen die Waffen dran. Wir haben gerade den ersten Werfer installiert.“
„Funktioniert er schon?“
„Bald. Wir sind dran.“
„Wo können wir dann reden?“
„Gehen wir in meine Kabine.“
Henrik Morgan gehörte zum Widerstand. Er bot Queen Anne einen Rum an.
„Danke“, sagte sie.
„Die BACHELOR´S DELIGHT hat Tradition“, erzählte er. „Sie wurde vor vielen Jahren von John Guck aufgebracht. John wechselte damals auf die BACHELOR und verkaufte sein eigenes Schiff auf Tinged im Austausch gegen 60 weibliche Sklaveninnen.“ Er grinste breit. Anscheinend gefiel ihm die Geschichte.
Wahrscheinlich stellt er sich vor, wie ich mich als Nummer 61 machen würde, dachte Anne. Aber sie war nicht in der Position, ihn zurechtzuweisen.
„Noch einen Drink?“, fragte er.
„Nein, danke. Wir müssen klaren Kopf behalten. Es ist etwas vorgefallen.“
Sie erzählte ihm, wie es ihr und Oliver ergangen war und dass ein psychopathischer Halbroboter namens Omega die DELIVERY übernommen hatte. „Wie weit seid ihr mit der BACHELOR?“, fragte sie.
„Du willst sie doch nicht gegen die DELIVERY führen? Dieses schöne Schiff?“
„Nein, aber wir sollten uns verteidigen können. Omega hat den Widerstand gespalten. Das ist eine gefährliche Situation.“
Henrik kratzte sich am Bart. Wahrscheinlich dachte er darüber nach, auf welche Seite er sich schlagen sollte. Von der Piratenaristokratie hatte er sich lange losgesagt. Also blieb ihm die Wahl zwischen Queen Anne und Omega, wobei Omega die besseren Karten auf der Hand zu halten schien. Anne konnte es ihm nicht verdenken, dass er ins Grübeln kam.
Eine Frau aus dem Bauteam klopfte und kam herein. War sie eine von Henriks 60 weiblichen Sklavinnen? Er gab ihr ein Zeichen zu sprechen.
„Chef, es sind Flüchtlinge von der DELIVERY angekommen. Sie sind mit einem Shuttle gelandet.“
„Flüchtlinge? Danke, Izzy, ich bin gleich oben.“ Er sah Queen Anne tief in die Augen. „Was ist da los?“
„Omega errichtet ein Schreckensregime“, erklärte sie in dem Bewusstsein, dass sich das Verhältnis seiner Abwägungen ein wenig zu ihren Gunsten verschoben hatte.
Unter den Flüchtlingen erkannte sie Cooper Derdrake, die Astrogatorin der DELIVERY. Sie fielen sich in die Arme.
„Omega bereitet die Eroberung der LIBERTY vor“, berichtete Cooper. „Viele haben Angst, das Flaggschiff anzugreifen. Manche verdrängen ihre Angst und stehen hinter dem Plan. Alle, die nicht mitziehen oder sich querstellen, werden von Omega beseitigt. Mir blieb nichts übrig, als das Shuttle zu organisieren und mit den elf Leuten abzuhauen, sonst wären wir nicht mehr am Leben.“
„Einer von beiden wird also bald Geschichte sein: Omega oder Admiral La Buse“, überlegte Henrik.
Und bis dahin würde Henrik sich auf keine Seite schlagen, das war Queen Anne klar. „Omega wird der nächste La Buse“, versuchte sie, ihn zu überzeugen. „Er verkörpert jetzt schon das, wogegen wir die ganze Zeit gekämpft haben!“
Aber Henrik brummte nur etwas Unverständliches in seinen Bart.
Das Montageteam arbeitete fieberhaft an der Inbetriebnahme des Lasers, während Queen Anne, Cooper und Henrik an der Astroscheibe warteten.
„Da! Es gibt vermehrt Verkehr zur LIBERTY“, beobachtete Queen Anne. „Es wird bald losgehen!“
Eine halbe Stunde später zeigten die Sensoren erste Schusswechsel auf der LIBERTY an. Die Garde schien die Eindringlinge aufzuhalten. Gebannt verfolgten sie die Entwicklung.
„Achtung, Gefahr!“, meldete sich der Bordcomputer der BACHELOR.
Queen Anne schreckte hoch. Ließ Omega gleichzeitig mit der LIBERTY auch die BACHELOR angreifen? Das war höchst unwahrscheinlich. „Was ist mit dem Bordcomputer, kann er die Gefahr nicht benennen?“, fragte sie.
„Seine KI wird noch trainiert“, erklärte Henrik. „Deshalb hat er auch noch keinen Namen.“
„Computer, wo ist die Gefahr?“
„Fokus erweitern!“, schlug die jugendliche KI vor.
Henrik erweiterte den Fokus der Astroscheibe, und jetzt sah man es: Sechs kleine Schiffe unbekannter Herkunft rückten in einer Phalanx auf die Flotte vor und schossen auf alles, was ihnen in die Quere kam. Sie hatten bereits die Bergungszone auf der anderen Seite der Flotte durchquert und zerstörten die Schiffe in der dortigen Bauzone.
„Himmel! Was sind das für Schiffe?“, fragte Henrik.
Sie sahen aus wie Oktaeder mit abgeflachten Ecken. „Solche Schiffe wurden schon vor einigen Wochen in der Nähe der Flotte gesichtet“, berichtete Anne. „Aber wir wussten nicht, was sie vorhaben.“
„Jetzt wissen wir es“, stellte Henrik fest. Anne vermutete, dass sein unbewegtes Gesicht den Schrecken verbarg, der sie alle erfasste.
In der Bauzone regte sich Widerstand. Werferforts beschossen die Eindringlinge. Diese schlugen zurück und zerstörten die Forts nacheinander. Schon näherten sie sich dem inneren Zirkel.
Die Piratenschiffe des inneren Zirkels wehrten sich, aber ihre Verteidigung wirkte unkoordiniert. Sie konzentrierten ihr Feuer nicht. Queen Anne schlug die Hände vor das Gesicht, als die BLACK JOKE unter dem Feuer der aggressiven Angreifer zerbarst.
Sie hatten sie gerade zur Witwe gemacht.
Cooper legte einen Arm um ihre Schulter.
„Verdammt, warum baut La Buse soviel Mist?“, schimpfte Henrik. „Die wehren sich ja gar nicht richtig!“
„Sein Schiff wird gerade von Omega erobert“, erinnerte ihn Cooper tonlos. „Ihm brennt das Hemd.“
Endlich drehte sich die LIBERTY in Position und feuerte zurück. Auch die SNAP DRAGON und die MOST HOLY TRINITY warfen sich den Angreifern entgegen. Und plötzlich tauchte noch ein weiterer Ortungspunkt auf der Astroscheibe auf: Es war die REVENGE. Mari Ried! Für eine Sekunde schöpfte Queen Anne Hoffnung. Aber auch die drei stärksten Schiffe der Piraten wurden nacheinander zusammengeschossen. Als letzte explodierte die LIBERTY in einem großen Feuerball.
Die REVENGE drehte ab.
Die Angreifer machten danach nicht halt. Sie durchquerten den inneren Zirkel und kamen direkt auf die BACHELOR´S DELIGHT zu.
„Wir müssen abhauen!“, schrie Cooper erschrocken.
„Unser Antrieb ist noch nicht fertig!“ Henrik tippte auf seinen Armcomputer. „Izzy, was ist nun mit dem Werfer?“
„Gerade angeschlossen, aber ohne Garantie.“
„Fertig machen! Volle Energie!“
„Bist du verrückt, wir haben ihn noch nicht getestet! Das Ding kann uns um die Ohren fliegen, wenn du gleich volle Energie gibst!“
„Müssen wir riskieren. Sonst fliegt uns gleich noch viel mehr um die Ohren!“
„Das bringt doch nichts!“, versuchte Queen Anne ihn zu stoppen. „Du kannst mit einem einzigen mickrigen Werfer keinen Gegner besiegen, der die LIBERTY plattgemacht hat. Lass uns lieber mit den Pick-ups und dem Shuttle abhauen!“
„Und wohin? Zu den Rattenfressern in der Bergungszone? Oder in den Leerraum? Wie weit kommst du mit den Pick-ups im Leerraum? Ich will lieber in Würde sterben, hier auf der schönen BACHELOR´S DELIGHT!“
Und dabei von den 60 Sklavinnen träumen, dachte Queen Anne. Viel Spaß und einen süßen Tod!
Sie verließ die Brücke und sprintete zum Shuttle. Aber einige Flüchtlinge waren in Panik geraten und starteten schon, ohne auf die anderen zu warten. Die zu spät gekommenen krallten sich an der geschlossenen Tür fest und rutschten ab, als das Shuttle startete. Anne machte kehrt und rannte zu ihrem Speedster. Sekunden nach ihr saß auch Cooper auf. Die beiden Frauen nickten sich zu und zogen ihr Helmvisier herunter. Kaum hatten sie den Hangar verlassen, begann der Werfer der BACHELOR zu feuern. Immerhin flog er Henrik nicht gleich um die Ohren. Er feuerte aber nicht lange, denn kurz darauf explodierte die BACHELOR hinter Queen Anne. Brennende Wrackteile überholten sie, trafen sie aber glücklicherweise nicht.
Vor ihnen floh das Shuttle in Richtung Bergungszone. Plötzlich wurde es von einem Energiestrahl getroffen und flog auseinander. Anne schlug einen Haken, um nicht von Trümmern erwischt zu werden, und erreichte die Bergungszone. Aber die grausamen Verfolger machten nicht Halt und folgten. Die sechs Alienschiffe pulverisierten alles, was ihnen vor die Flinte kam. Schon sah Anne den äußeren Rand der Bergungszone auf sich zukommen und schoss in den Leerraum hinaus. Sie drehte sich um. Würde der Feind ihr folgen?
Nein. Die Oktaeder des Grauens kamen nicht hinterher. Sie hatten angehalten.
Queen Anne und Cooper Derdrake flogen nicht weiter in den Leerraum hinaus, es hätte auch keinerlei Sinn gehabt. Der Speedster hatte keinen Überlichtantrieb. Da draußen wartete nur der Tod durch Ersticken, sobald der Sauerstoff ausging.
*
„Wir müssen noch mal über Cosmo reden“, verlangte Chazz.
Ira ahnte, worauf er hinauswollte, und reagierte nicht.
Chazz ließ sich nicht beirren. „Ich weiß ja, wie sehr Cosmo dir am Herzen liegt“, fuhr er fort.
Konnte man das Thema wegschweigen?
„Und ich weiß auch, dass du nicht darüber reden möchtest. Aber Cosmo hat schon seit zwei Wochen nichts mehr gefunden.“
„Wenn er nichts findet, gibt es nichts. Und wenn es hier nichts gibt, müssen wir eben auf ein anderes Schiff übersetzen“, brach es aus ihr heraus.
„Dieses ist das einzige Schiff mit Schwerkraft und Luft. Du weißt, dass in den anderen Wracks nicht mal Ratten überlebt haben.“
„Mag sein, aber das bedeutet nicht, dass es keine Vorräte gibt.“
„Du träumst. Wir sind schon fast überall gewesen und haben nicht das Geringste gefunden.“
Ira schwieg.
„Sieh dir Sticks an“, forderte Chazz sie auf.
Unwillig wandte sie den Blick zur Seite. Sticks zappelte wie verrückt mit Armen und Beinen. Der Entzug machte ihn völlig fertig. Hörte das denn niemals auf? Irgendwann musste sein Körper sich doch normalisieren!
„Er war ja schon früher nur Haut und Knochen, aber jetzt sieht er aus wie ein Gespenst. Was glaubst du, wie lange er durchhält?“
„Sticks schafft das noch.“
„Sieh den Tatsachen ins Auge, Ira! Wir haben alles versucht, und jetzt ist Cosmo eben dran. Es geht nicht anders.“ Er hörte auf, an dem Spieß zu schnitzen, den er aus einem Kochlöffel gefertigt hatte.“
„Cosmo ist überhaupt nicht dran. Wenn es nicht anders geht, dann lass uns in Würde verhungern, statt zu Kannibalen zu werden!“
„Kannibalen? Übertreibst du nicht etwas? Cosmo ist eine Ratte. Und er wäre nicht die erste, die wir gegessen haben.“
Der kleine Cosmo streckte nichtsahnend die Nase aus dem kleinen Rucksack, den Ira für ihn genäht hatte, und witterte.
„Die du gegessen hast! Ich würde niemals Ratten essen! Cosmo gehört zum Team, habt ihr das vergessen? Einer für alle, alle für einen! Er hat oft genug Lebensmittel für uns gefunden, als es noch welche gab.“
„Ach, verdammt!“ Chazz fuhr mit der Hand durch die Luft, als wollte er Iras Argument weit wegwerfen.
„Und wenn du Cosmo gegessen hast, wer ist als nächster dran? Sticks oder ich?“ Sie warf einen Blick auf Sticks, an dem man kein Gramm Fleisch mehr ausmachen konnte. „Also ich dann wohl. Sieht so dein Plan für unsere Zukunft aus?“
Chazz schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Aber was sollen wir sonst tun?“
„Warten. Wir warten so lange, bis Mari Ried uns abholt. Sie wird kommen. Ich bin ganz sicher.“
*
Queen Anne beobachtete die schwarzen Oktaeder auf der kleinen Astroscheibe am Lenker des Speedsters. „Verdammter Mist!“, flüsterte sie. „In den Leerraum können wir nicht und zurück zur Flotte auch nicht, solange die dort lauern.“
Nach einigen Stunden tranken sie etwas Wasser aus dem Notvorrat ihrer Raumanzüge.
„Wie lange reicht das Wasser noch?“, fragte Cooper.
„Ich mag gar nicht daran denken“, antwortete Queen Anne. Wahrscheinlich hatte sie ihr Glück nun aufgebraucht. Erst der Notpack, dann der Speedster, mehr konnte man von einem Tag nicht erwarten.
Aber auch der nächste Tag war ihr wohlgesonnen. Kurz nachdem sie aus einem unruhigen Schlaf aufgewacht war, kam Bewegung in die Linie des Feindes. Die Oktaeder zogen ab.
Queen Anne startete den Speedster. Langsam und vorsichtig flogen sie zurück zur Bergungszone.
„Siehst du sie noch?“, fragte Cooper.
„Nein, die Sensoren zeigen nichts mehr an. Sie sind wirklich weg. Und da … das ist wirklich komisch!“
„Lass mich nicht dumm sterben!“
„Sie haben fünf Wracks verschont! Warum nur? Welche Logik verbirgt sich dahinter, dass sie fast die gesamte Flotte pulverisieren und ausgerechnet diese fünf Wracks stehen lassen?
„Vielleicht ist das so etwas wie ein Anstandshäppchen, wenn man seinen Teller nicht leer isst?“
Queen Anne lachte bitter.
Sie landeten auf dem ersten Wrack und verschafften sich Zutritt.
„Schwerkraft gibt‘s noch, aber die Luft ist raus. Wahrscheinlich ist irgendwo ein Leck. Immerhin werden Lebensmittel im Vakuum nicht schlecht. Weißt du, wo die Kantine sein könnte?“
„Nein, keine Ahnung. Das war wohl mal ein Schiff der Baronie, mit denen kenne ich mich weniger aus.“
Sie irrten eine Weile umher, bis im Licht ihres Helmscheinwerfers der Eingang zur Kantine auftauchte.
„Da hinten sind Vorratsschränke!“ Cooper deutete links in den Raum. „Aber die sind aufgebrochen!“, stellte sie beim Näherkommen fest.
„Vielleicht war schon ein Bergungsteam hier“, überlegte Anne.
„Vor oder nach dem Angriff der Aliens?“
„Keine Ahnung. Mich interessiert mehr, ob sie was gefunden und mitgenommen haben.“
„Lass uns noch die Kabinen der Besatzung inspizieren. Oft haben die was zu naschen in ihren Schränken.“
*
Einige Tage später hatten sie alle Schiffe vollständig durchsucht, alle bis auf eins. Sie versuchten, durch eine verschlossene Luftschleuse einzudringen und stellten überrascht fest, dass sie sie erst entlüften mussten.
„Die hydroponische Anlage scheint noch zu arbeiten“, vermutete Queen Anne.
„Wenn es Überlebende gibt, dann finden wir sie mit Sicherheit hier.“
„Und ihre Lebensmittel auch!“
„Die Frage ist nur, ob sie bereit sind zu teilen.“
„Also schleichen wir uns an!“
Sie regelten ihre Helmleuchten herunter, so dass sie gerade noch den Weg erkennen konnten. Langsam schlichen sie von Gang zu Gang.
Plötzlich nahmen sie in der Ferne einen flackernden Lichtschein wahr. Auf Zehenspitzen schlichen sie näher. Hinter einer Säule verborgen beobachteten sie drei Menschen an einem Lagerfeuer, wahrscheinlich ein Bergungsteam. Einer war offensichtlich drogensüchtig im Endstadium. Die beiden anderen unterhielten sich.
„Wir warten so lange, bis Mari Ried uns abholt. Sie wird kommen. Ich bin ganz sicher“, sagte eine Frau.
Queen Anne griff sich an den Kopf. Das war der Beweis, dass es sich um ein Bergungsteam handeln musste, denn so naiv konnte sonst niemand sein. Zugleich ärgerte sie sich über ihre Vorurteile. Hatte sie sich nicht dem Widerstand angeschlossen, um die Bergungsteams an Wohlstand und Bildung teilhaben zu lassen? Aber daraus wurde nichts mehr. Das Schicksal war ein Zyniker: Sowohl die Ausbeuter als auch der Widerstand waren weg. Nur noch das Bergungsteam war übrig.
Jedenfalls drohte keine Gefahr. Queen Anne trat hinter der Säule hervor. „Hallo, Leute“, sagte sie.
„Habt ihr Lebensmittel gefunden? Ist noch was übrig?“
Der Drogensüchtige reagierte nicht. Der Mann und die Frau sahen sich an.
„Nur noch eine Ratte“, sagte der Mann mit großen Augen, die vor Gier fast aus den Höhlen quollen.
*
Sie hatten das Wrack noch einmal akribisch genau durchsucht, aber nichts gefunden. Das tagelange Hungern zehrte an ihnen. Chazz, Cooper und Queen Anne lagen apathisch am Boden. Sticks hatte aufgehört zu zappeln. Lebte er noch?
Ira fieberte. Sie wusste nicht, was sie so krank gemacht hatte. Ihr Körper war vom Hunger so geschwächt, dass es alles Mögliche sein konnte. Aber sie hatte ihre Ratte verteidigt. „Wenn ich sterbe, könnt ihr Cosmo nehmen“, hatte sie gesagt. „Und mich auch. Aber vorher nicht!“
Außerdem hatte sie darauf bestanden, im Hangar zu übernachten, damit sie Mari Ried nicht verpasste. Jemand musste das Tor öffnen, wenn sie mit der REVENGE kam.
Mitten in der Nacht war sie aufgewacht. Ihr Körper fröstelte und zitterte. Unsicheren Schrittes ging sie zur Außenwand und schaute durch eine Scheibe.
Die Sterne funkelten.
Ein großer Diskus näherte sich langsam dem Wrack und hielt vor dem Schott, direkt vor Iras Augen.
Auf der Hülle stand der Name REVENGE.
Aus einer Luke winkte Mari Ried ihr zu.
Endlich!
3 Die unfruchtbare Sonne
Nach und nach hatte sich die Crew zurückgezogen. Als Letzte übergab Eden Sturm ihren Posten an ALLISTER. So lange sie über die Einstein-Rosen-Brücke flogen, würde sowieso nicht viel passieren.
Eden fragte sich, was sie erwartete, während sie durch den Abschusskanal zur Phönix ging.
„Komm rein!“, lud Swo sie ein. Eden kletterte die Leiter zur Phönix hoch und er warf hinter ihr die Luke zu. Alle anderen waren schon da. Alle außer Sicherheitsoffizier Blum natürlich.
„Kann uns ALLISTER hier sehen?“, erkundigte sich Neno.
„Die Phönix ist ausgeschaltet“, erklärte Swo. „Hier kann niemand spionieren.“
„Ein paar Geräte sind noch auf Standby!“
„Das macht nichts. Und zur Sicherheit habe ich die Kameras abgeklebt.“ Swo deutete auf einige Kameras mit Panzertape vor der Linse. „Das hat schon einmal funktioniert. Mehr kann man nicht tun.“
„Also gut, du bist der Technikfreak. Warum hast du uns hierher gerufen?“
„Wir müssen etwas tun! Ich sage, dass der SSD-Mann nicht echt ist. Ich zweifle seine Autorisierung an. Die JAGELLOVSK mit dem richtigen Sicherheitsoffizier wurde sabotiert, um uns diesen falschen unterzuschieben. Er konnte es ja gar nicht abwarten, das Kommando an sich zu reißen und das Schiff zu entführen!“
„Dafür hast du keine Beweise!“, wandte Zaya ein.
„Wozu beweise?“, ereiferte sich Swo. „Es ist doch höchst wahrscheinlich, dass es so ist! Das sagt uns der gesunde Menschenverstand!“
„Leider können wir ALLISTER nicht bitten, die Wahrscheinlichkeit auszurechnen.“
„Sie wäre nicht sehr hoch“, meldete sich Coach Sturm. „Aber durchaus vorhanden.“
„Da hört ihr es!“, spann Swo seinen Faden weiter. „Es gibt eine respektable Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir gerade entführt werden!“
„Sagen wir, es ist nicht völlig unmöglich“, milderte der Coach ab.
„Verdammt, jetzt reicht es mir aber, Coach! Dann sag uns die genaue Prozentzahl. ALLISTER hätte uns schon längst eine Prozentzahl genannt!“
„Ich bin nicht ALLISTER und die Datenlage ist viel zu dünn, um Prozentzahlen auszurechnen und eine Strategie darauf zu bauen.“
„Kommt, hört auf zu streiten“, beruhigte Zaya die Gemüter. „Wir wissen, dass hier etwas gewaltig aus dem Ruder läuft, aber wir wissen nicht genau, was. Deshalb tut gefälligst alle eure Pflicht, bis wir mehr herausgefunden haben oder Beweise für die Anschuldigungen finden. Und jetzt zurück an die Arbeit, marsch, marsch!“
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.