Kitabı oku: «Wer mutig ist, der kennt die Angst»

Yazı tipi:

Johannes Czwalina

Wer mutig ist,

der kennt die Angst

Zivilcourage statt Opportunismus –

denn nur wer Stellung bezieht,

ist wirklich frei


Impressum

Gewidmet meinen Söhnen Raphael, Michael, Gabriel, David

Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.

ISBN 9783865066503

© 2008 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, D-Moers

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelfoto: Getty Images

Satz: Satzstudio Winkens, Wegberg

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

www.brendow-verlag.de

Wer wagt es, sich den daherdonnernden Zügen entgegenzustellen? Es sind die kleinen gelben Blümchen zwischen den Gleisschwellen.

»Ich glaube, dass, wenn die Bischöfe alle miteinander an einem bestimmten Tage öffentlich von den Kanzeln aus dagegen Stellung genommen hätten, sie vieles hätten verhindern können. Das ist nicht geschehen, und dafür gibt es keine Entschuldigung. Wenn die Bischöfe dadurch ins Gefängnis oder in Konzentrationslager gekommen wären, so wäre das keine Schande, im Gegenteil. Alles das ist nicht geschehen, und darum schweigt man am besten.«

Konrad Adenauer in einem Brief

an den Bonner Pfarrer Bernhard Custodis

vom 23. Februar 19461

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Brief an den Bonner Pfarrer Bernhard Custodis

Einleitung – Warum ist Zivilcourage nötig?

1. Wahrnehmungen

Was bedeuten Mut und Zivilcourage?

Nichts ist so faszinierend wie gelebter Mut und Authenzität

Was bewirkt die Anpassung gegen die inneren Überzeugungen?

Warum passte sich Liu Shao-Chi nicht an?

Sind wir noch fähig zum Mut?

Zählt nur noch der Mut von gestern?

Macht Demokratie Zivilcourage überflüssig?

Warum sind Situationen, die unseren Mut herausfordern, bedeutungsvoll?

Wo und wann werden Mut und Zivilcourage gebraucht?

2. Ausblicke

Wesensmerkmale mutiger Menschen

Auswirkungen unterlassener Zivilcourage auf den Einzelnen

Auswirkungen gelebter Zivilcourage auf den Einzelnen

Auswirkungen gelebter Zivilcourage auf die Gesellschaft

Eine gute Nachricht für Feiglinge

3. Lösungen

Vom Gefangensein der Angst zur Freiheit des Mutes

Der Angstkreislauf

Der Mutkreislauf

Von der Angst zum Vertrauen

Authentizität ist unser Schlüssel

Was ist Authentizität?

Wesensmerkmale unserer menschlichen Authentizität

Ursachen für fehlende Authentizität

4. Aufbruch

Aufbruch zur Authentizität

Aufbruch zum Mut

Anatomie einer mutigen Entscheidung

Die Lebensplananalyse – eine Reflexionshilfe für mehr Mut

Fragen zur Selbstprüfung

Schlusswort

Literaturhinweise

Endnoten

Einleitung
Warum ist Zivilcourage nötig?

Uneigennütziger Mut steht im Widerstreit zu aktuellen Verhaltensweisen unserer Zeit. Das Bedürfnis, die eigene Haut zu retten, lässt in einer Welt, die stark auf individuelles Glück ausgerichtet ist, die egoistischen Ziele siegen. So neigen viele dazu, Werte, Freundschaften, Lebensgrundsätze spätestens in dem Moment hintanzustellen, wo sie Karriere »riechen«.

Das Auffällige an mutigen Menschen ist, dass sie nichts Auffälliges an sich haben.

Einige wenige Menschen haben in der Weltgeschichte viel erreicht, weil sie mutig waren. Francesco Guicciardini resümierte in seinen Erinnerungen an seine politischen Erfahrungen in der Republik Florenz, »dass fast immer die Wenigen Neues in Gang bringen und die Ziele dieser Wenigen fast immer den Begierden und Wünschen der Mengen entgegen sind«2.

Opportunismus und Machtgehabe sind die Gesichter der Feigheit. Feigheit ist das Gegenteil von Mut. Die tägliche Begegnung mit diesem Phänomen veranlasst mich, dieses Buch zu schreiben.

Nach der intensiven Beschäftigung mit den Biografien mutiger Menschen bemerkte ich keine besondere Auffälligkeit. Das Auffällige an diesen Menschen ist, dass sie nichts Auffälliges an sich haben.

Einige der Mutigen waren Menschen mit viel Selbstwertgefühl, in einem liebevollen Elternhaus aufgewachsen, mit einem gesunden Einfühlungsvermögen. Andere waren durch starke Kindheitsdefizite und Mobbing gezeichnet. Unter ihnen gab es narzisstisch veranlagte Menschen, impulsive, jähzornige, emotional verletzte Choleriker und solche, die durch mutige Taten andere Defizite kompensieren wollten. Auch Ängstlichkeit und Selbstzweifel waren Merkmale von vielen, die Mut bewiesen.

Diese Beobachtung der Uneinheitlichkeit verwirrte mich zunächst, war ich doch auf der Suche nach Anhaltspunkten, die ich anderen zum Erlernen von Zivilcourage mit auf den Weg geben kann. Andererseits beruhigte mich diese Beobachtung. Wären sie anders, könnten sie mit ihren moralischen Maßstäben wieder andere unterdrücken, wieder Urheber von Diktaturen sein, gegen die sich dann andere wieder auflehnen müssen.

Gerade diese unvollkommenen Repräsentanten halfen mir auf meiner Suche nach Erkenntnissen weiter, weil sie mich von der Messlatte unerreichbarer Vorbilder befreit haben.

So ist gerade die Angst die wichtigste Voraussetzung für Mut. Ich habe keinen einzigen mutigen, zivilcouragierten Menschen getroffen, der Angst nicht kennt. Im Gegenteil: Je mutiger ein Mensch war, desto ängstlicher war er. Ohne Angst zu kennen, können wir gar nicht mutig sein. Mut bedeutet, trotz der Angst das Richtige zu tun.

Wir kommen nicht an einer persönlichen Auseinandersetzung mit uns selbst vorbei.

Wenn wir davon ausgehen, dass nachhaltige Veränderungen immer von innen nach außen gehen und nicht umgekehrt, dann können wir der Frage nach unserer persönlichen Authentizität, die Grundstein für jede Art von Mut und Zivilcourage ist, nicht ausweichen. Dabei kommen wir nicht an einer persönlichen Auseinandersetzung mit uns selbst vorbei. Wenn wir mutig werden wollen, müssen wir uns also mit dem Thema unserer Authentizität befassen. Sobald uns der unverzichtbare Wert unserer Authentizität bewusst wird, werden wir nur noch von einem Ziel erfüllt sein: authentisch zu leben, auch unter Druck!

Mut und Zivilcourage zu beweisen ist wirklich nicht mehr als der Entschluss, auch unter Druck authentisch zu bleiben.

Ich möchte auch transparent machen, warum gelebte Zivilcourage und Integrität die bedeutenden Wurzeln für langfristiges und nachhaltiges seelisches Wohlergehen sind.

Ich habe in den letzten Jahren systematisch Hunderte von Führungskräften gefragt, was sie anders machen würden, wenn sie noch mal von vorne anfangen könnten. Die meistgehörte Antwort war Bedauern, in entscheidenden Situationen ihres Lebens nicht mehr Mut gewagt zu haben.3

Zivilcourage ist uns nicht angeboren. Wir tragen sie als Geschenk in uns, das wir erkennen und annehmen können.

Zivilcourage ist uns nicht angeboren. Wir tragen sie als Geschenk in uns, das wir erkennen und annehmen können.

Mut ist nicht einfach inszenierbar. In den Medien, in öffentlichen Aufrufen, in den Kommentaren, Berichten und Leitartikeln, in Predigten etc. wird couragiertes soziales Verhalten regelmäßig eingefordert. Es bleibt jedoch vielfach bei den moralischen Appellen, ohne konkrete Handlungsanleitung. Es geht um die Bestimmung des guten gegen das böse Handeln, und da fragt man sich: »Was ist gutes Handeln und was ist böses Handeln?« Gerade weil wir die Moral nicht gepachtet haben, gerade weil wir die Ethik nicht besitzen, sondern lebendig Ethik neu gesucht und ertastet werden muss (vgl. Albert Schweitzer), können wir uns nur gemeinsam auf die Suche nach Grundlagen für Zivilcourage begeben.

Johannes Czwalina

Februar 2008

1. Wahrnehmungen

Beginnen wir mit der trockenen Begriffsklärung. Für Zivilcourage und Mut gibt es unzählig viele Definitionen. Jede einzelne stellt einen wichtigen Mosaikstein für ein umfassendes Verständnis unseres Themas dar.

Was bedeuten Mut und Zivilcourage?

Zivilcourage setzt sich aus den beiden Wörtern zivil und courage zusammen. Zivil stammt vom lateinischen Wort civilis ab, was so viel bedeutet wie bürgerlich, nicht militärisch. Zivilcourage kann als der Mut des Bürgers übersetzt werden und bezog sich vermutlich ursprünglich auf eine bestimmte Art des Auftretens gegenüber nichtzivilen Autoritäten wie Militär und Polizei.4 Das Wort Zivilcourage gibt es im Englischen übrigens nicht. Im Englischen ist Courage gleich Courage, egal, ob man Uniform trägt oder nicht. Englischer Mut ist »courage«. Das englische mood heißt neben Sinn, Gesinnung auch Laune, Stimmung, nicht aber Mut.

Im Griechischen steht für Mut und Tapferkeit der Begriff andreia.

Im Deutschen wird das Wort »Mut« verwendet im Sinn von Wagemut, Unerschrockenheit, Unternehmungsgeist, Kühnheit.

Das französische Wort courage bedeutet aber nicht nur Mut. Es ist inhaltsschwerer. Der Ursprung des Wortes courage – vom französischen coeur = Herz – deutet in die Richtung, wo der Mut seine Heimat hat: nicht im Kopf, sondern im Herzen. Von dorther kommen dann auch Kraft und Halt für richtige Lebensführung, wie sie nur von »innen« kommen kann und wofür selbst das kunstvollst geschnürte Korsett von äußerlich aufgesetztem Verhaltenstraining kein Ersatz sein kann.

In zusammengesetzten Wörtern bekommt der Einsilbler zahlreiche Bedeutungen, die mehr zu dem französischen als zu dem lateinischen Ursprung des Wortes eine Brücke schlagen: Im Lateinischen finden wir für Mut das Wort animus. Animus kann Mut heißen, bedeutet aber ähnlich wie im französischen Ursprung auch Sinn, Geist, Gesinnung, analog zu anima sogar Seele. Wer von einem anmutigen jungen Mädchen spricht, denkt nicht an Waffengeklirr, sondern an ein Wesen, das ihn »anmutet«, das mit seiner Seele an seine eigene rührt. Wir bekommen bereits bei der Begriffserklärung des Wortes Mut ein Gespür dafür, dass wir es mit einem »gefüllten« Begriff zu tun haben, so als ob in ihm die Seele einer ganzen Menschheitsgeschichte verborgen liegt, und wenn wir uns gemeinsam die Zeit nehmen, dieses Wort Mut lange genug auf uns einwirken zu lassen, könnte es uns wie in einem Märchen gehen, in dem die Bilder und Figuren plötzlich anfangen, sich zu bewegen und zu sprechen. Dann profitieren wir gemeinsam von dem Erfahrungswert einer Menschheit, die mehr Herausforderungen in Kriegen und Leid und Entbehrung erfahren musste als in den wenigen Zeiten des Friedens und der die Herausforderung zum Mut in all seinen Schattierungen keinen Moment ihrer Geschichte erspart blieb.

Lassen Sie uns noch einen Augenblick bei dieser breit gefächerten Wahrnehmung des Wortes Mut bleiben, welche sich uns besonders in seinem lateinischen Ursprung und in seiner Zusammensetzung mit anderen Silben erschließt: Wir reden beispielsweise von einem heiteren, einfachen, lebhaften »Gemüt«. Gemüt ist der umfassendere Begriff; das althochdeutsche Wort »muot« wurde in diesem Sinne verstanden. Die Schwermut weist auf eine düstere Gemütslage hin. Bei Großmut denken wir an einen Menschen, der alle an sein großes Herz nimmt, der beschenken und verzeihen kann. Der Freimütige hat sein Herz auf der Zunge, der Mutwillige tut des Guten zu viel und riskiert dadurch Ärger – das kann eine Zumutung werden. Der Hochmütige, wie ich später noch erläutern werde, kann durchaus ein Feigling sein, doch wird er diesen Mangel an Mut niemals zugeben können, denn er hält sich für besser als andere. Der Unmutige kann sonst ein mutiger Mensch sein, ist jedoch vorübergehend schlechter Stimmung. Gleichmut kann eine gute Haltung sein, grenzt aber oft an Gleichgültigkeit: Wessen Herz nicht bewegt ist, kann leichter seine Ruhe bewahren. Ein Übermütiger weiß nicht, wohin mit seiner überschüssigen Energie. Er kennt nicht das Maß, und seine Hochstimmung kann schnell umschlagen.

Bleibt neben Frohmut und Langmut noch die Demut. Demut begegnet uns etymologisch erstmals in Form der »diemout« oder Dien-Mut im Sinne einer dienenden Gesinnung oder Grundhaltung. Dass diese im direkten Gegensatz zum Hochmut steht, der bekannterweise vor dem Fall kommt, bedarf kaum der Erläuterung. Bescheidenheit als gelebte Demut hat insbesondere den Mut, mit sich selbst redlich und aufrichtig umzugehen, zu den eigenen Schwächen und Fehlern zu stehen und sie damit auch dem Anderen, dem Nächsten, dem Mitarbeiter zuzugestehen. Demut ist eine Tugend, welche an Beliebtheit viel verloren hat. In den geistlichen Orden allerdings wird sie hochgehalten, zusammen mit der Armut. Armut hat zwar sprachlich nichts mit Mut zu tun. Keiner jedoch wird bestreiten, dass das Ertragen der Armut sowohl des Mutes als auch der Demut bedarf.

Vergessen wir nicht die Sanftmut, die durchaus ein Gesicht des Mutes ist. Eine chinesische Lehre, die aus einer Zeit jahrelanger Kriegsnöte herauswuchs, sagt: »Dass das Schwache das Starke besiegt, dass das Weiche das Harte besiegt, weiß jedermann auf Erden, aber niemand vermag danach zu handeln.«5

Zivilcourage ist die altruistische Seite von Mut

Während Mut sich entweder auf die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse oder auf die Erfüllung von Bedürfnissen anderer beziehen kann, bezieht sich Zivilcourage immer nur auf die Bedürfnisse anderer. Zivilcourage ist sozialer Mut. Sozial mutig handeln heißt, sich freiwillig, sichtbar und aktiv für die legitimen Interessen anderer Menschen oder für allgemeine humane und demokratische Werte einzusetzen.

Zivilcourage bezeichnet ein »mutiges Verhalten, mit dem jemand seinen Unmut über etwas zum Ausdruck bringt ohne Rücksicht auf mögliche Nachteile oder eventuelle Folgen gegenüber Obrigkeiten, Vorgesetzten«.6

Zivilcourage ist sozialer Mut. Sozial mutig handeln heißt, freiwillig, sichtbar und aktiv für allgemeine humane und demokratische Werte, für die legitimen Interessen vor allem anderer Menschen, einzutreten.

Zivilcourage ist eine Eigenschaft im Umgang mit anderen, denen man sich öffnet und aussetzt. Sie bedeutet das Wissen um die Verantwortung nicht nur sich selbst gegenüber, sondern auch gegenüber der Gemeinschaft und Gesellschaft. Zivilcourage ist ein Handeln, das auf Mut, Gemeinsinn und Orientierungsvermögen zugleich beruht.7

Da wir nicht nur Unterschiedlichkeit, sondern auch Gleichheit in der Bedeutung von Mut und Zivilcourage feststellen, werden wir beide Begriffe in diesem Buch synonym zur Anwendung bringen. Aus dem Kontext wird die jeweilige Bedeutung klar hervorgehen.

Zivilcourage ist Stärke

Fortitudo ist eine der vier Kardinaltugenden (Prudentia, Temperantia, Fortitudo und Justitia), die sich im Laufe der abendländischen Geschichte unter den sieben Grundtugenden als besonders relevante und zeitlose Werte herauskristallisiert haben. Fortitudo bedeutet Entscheidungsstärke, Mut, Zivilcourage. Der Gegensatz von Fortitudo ist Inconstantia, was so viel bedeutet wie Unentschiedenheit oder Wankelmut.

Aristoteles bezeichnete Mut als eine Tugend. Tugenden liegen nach dem Philosophen in der Mitte zwischen zwei Extremen. Mut liegt zwischen den beiden Extremen Feigheit und Leichtsinn. Der Mutige kann die beiden Extreme ausbalancieren. Mut oder Zivilcourage ist die aktive Balance zwischen Feigheit und Leichtsinn.

Zivilcourage ist in Friedenszeiten das, was in Ausnahmezeiten Widerstand ist

Dem Mut des Einzelnen in einer zivilen, bürgerlichen Gesellschaft entspricht die Gehorsamsverweigerung bis zum Widerstand in einer Gesellschaft, die überwiegend auf Befehl und Gefügigkeit setzt. Zivilcourage für eine Zivilgesellschaft ist also das Pendant zu dem, was in einer autoritären Gesellschaft Widerstand bedeutet. Sie ist die demokratische Tugend eines Bürgermuts, die durch ständige Übung, bei gleichzeitiger, schrittweiser Überwindung der Angst und des Konformismus, entsteht.8 Nur wenn Zivilcourage im Alltag eingeübt wird, kann der Widerstand im Ausnahmefall funktionieren.

Nur wenn Zivilcourage im Alltag eingeübt wird, kann der Widerstand im Ausnahmefall funktionieren.

Dennoch kann man eine Haltung des Mutes in Friedenszeiten nur sehr bedingt mit dem Widerstand in Diktaturen vergleichen. Die Schwägerin von Dietrich Bonhoeffer schreibt in ihren Memoiren zu Recht: »Wenn heute bei uns im Westen von Widerstand gegen Nachrüstung im Vergleich mit Widerstand gegen Hitler gesprochen wird, so ist der Vergleich so unmöglich wie ein Vergleich zwischen Apfel und Stuhlbein.«

Zivilcourage ist Überwindung von Angst

Zivilcourage ist eine Handlung, die sich von der normalen Handlungsweise abhebt und die eigenen Grenzen überwindet. Darum spielt bei praktizierter Zivilcourage auch immer die Überwindung von Angst eine Rolle. Angst ist eine individuell unterschiedlich geartete Grenze, die vor gefahrvollen Handlungen schützen kann. Zivilcourage geschieht in der Auseinandersetzung mit der Angst. »Hier tut ein Mensch, was er zu tun hat – trotz aller persönlichen Folgen, trotz aller Hindernisse, Gefahren und Drohungen.«9

Zivilcourage ist eine minoritäre Überzeugung

Zivilcourage ist das Entstehen einer individuellen, im Verhältnis zum Zeitgeist minoritären Überzeugung. Weil am Anfang einzelne Bürger ihre Überzeugung bekannten, wurden später durch den Mut Einzelner viele bewegt und dadurch grundlegende Veränderungen bewirkt.

Zivilcourage orientiert sich an menschlichen Grundwerten und am persönlichen Gewissen.

Zivilcourage ist das Gesicht der Authentizität

Zivilcourage ist der lebendige Ausdruck von Authentizität. Zivilcourage bedeutet, Authentizität auch unter Druck zu bewahren. Sie ist der Mut, für die persönliche Überzeugung notfalls auch gegen den Zeitgeist und gegen die durch den Zeitgeist geprägte öffentliche Meinung einzustehen, auch auf die Gefahr hin, dass einem dadurch erhebliche persönliche Nachteile entstehen. Zivilcourage ist eine öffentliche und offene Meinungsäußerung. »Den Menschen und den Sachen gerade in die Augen zu sehen und sich dabei auszusprechen, wie einem eben zumute ist, dieses bleibt das Rechte, mehr soll und kann man nicht tun.«10 So kommt auch Rainer Werner Fassbinder zu dem Schluss: »Ich werde lieber gehasst für das, was ich bin, als geliebt für das, was ich nicht bin.«11

Zivilcourage heißt Verantwortung übernehmen

Wer Zivilcourage zeigt, übernimmt aktiv, freiwillig und eigenständig Verantwortung für andere und für sich selbst.

Zivilcourage ist ein bewusstes Wahrnehmen von Verantwortung im überschaubaren, unmittelbaren und persönlichen Wirkungs- und Gestaltungskreis. Sie umfasst das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, ohne die Angst vor etwaigen Reaktionen mit Problemen und Situationen umgehen zu können.12 Wer Zivilcourage zeigt, übernimmt aktiv, freiwillig und eigenständig Verantwortung für andere und für sich selbst. Zivilcourage ist ein innewohnendes Lebensmuster, das sich in gegebenen Situationen spontan ergibt und abrufen lässt.

Zivilcourage ist eine Verbindung von Charakter und Persönlichkeit

Ein Mensch mit Zivilcourage zeigt, dass er um sein individuelles Gewissen und seine Verantwortungspflicht weiß, die ihm keiner abnehmen kann. Zivilcourage ist eine Tapferkeit des Herzens.13 Diese verbindet sich beim gereiften Menschen mit dem, was seinem eigentlichen Wesen und seinem Wollen wirklich entspricht. Nur in dieser Verbindung gelangt der Mensch zu der Wirkungsqualität, die ihn in der Einwirkung auf andere wertvoll und echt macht.

Zivilcourage richtet sich in erster Linie nach Werten, nicht nach Zielen

Das Wesen der Zivilcourage besteht nicht darin, nach Erfolg zu fragen, sondern bedeutet in erster Linie, vom Wert bestimmt zu sein und sich an den Werten auszurichten. Das übergeordnete Prinzip sind die Werte und nicht die Ziele. Deswegen wird derjenige, der echte Zivilcourage leistet, diese unabhängig vom Erfolg seiner Tätigkeit ausüben. Zivilcourage zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie aktiv wird, ohne vom Ziel her gewiss zu sein. Das Wesen der Zivilcourage besteht nicht darin, andere Menschen um jeden Preis überzeugen zu müssen. Sondern ihr Wesen besteht in der Fähigkeit, anderen gegenüber das frei ausdrücken zu können, was man denkt und fühlt.

Zivilcourage ist für jeden verfügbar

Mut und Zivilcourage sind für jeden verfügbar. Die Fähigkeit des Menschen zum Mut macht Zivilcourage möglich, die Neigung des Menschen zur Feigheit macht Zivilcourage nötig. Der wirklich Mutige ist niemals angstlos, sondern stellt sich der ängstigenden Situation in dem Bewusstsein, verwundbar zu sein.

Schließlich ist festzustellen, dass Zivilcourage nicht verordnet werden kann. Zivilcourage entsteht immer aus persönlichem Antrieb und eigener Initiative.

Nichts ist so faszinierend wie gelebter Mut und Authentizität

Wenn ich zurückblickend überlege, was mich schon als Kind am meisten beeindruckt hatte, dann waren es Menschen, die sich mit Mut und der Bereitschaft, persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen – bisweilen unter Einsatz ihres Lebens –, für eine gerechte Sache eingesetzt hatten. Es handelte sich um authentische Menschen, die auch unter Druck und widrigen Umständen so blieben, wie sie waren, die sagten, was sie dachten, und die lebten, wie sie redeten. Einige von diesen Wenigen kamen leider nur in Filmen oder Abenteuerbüchern vor.

Warum sind Menschen feige?

Was mich als Kind bisweilen in Konflikt mit der Erwachsenenwelt brachte, waren meine als vorlaut abgestraften Entgegnungen auf gewisse Erklärungen. Wenn ich Erwachsene auf ihre fehlende Zivilcourage in schweren Zeiten angesprochen hatte, führten sie ihre Fürsorgepflicht für die Familie ins Feld und antworteten mit: »Wir hatten ja keine andere Wahl.« Oder sie beriefen sich auf ihre Ahnungslosigkeit: »Wir haben ja im Grunde von nichts gewusst.« Sie waren also aus Selbstschutz bewusst ignorant. Oder die »besondere Situation« wurde als Ausrede verwendet: »Die Umstände haben es nicht zugelassen.« Aber wann lassen es die Umstände überhaupt zu, mutig zu sein?

Emmi Bonhoeffer reflektiert: »Es gibt in der ganzen Welt, glaube ich, keine Widerstandsbewegung, wenn es den Leuten von Tag zu Tag besser geht. Moralische Gründe und politische Weitsicht reichen nicht aus, wenn die Leute Butter auf dem Brot haben. Ich habe nach dem Krieg mal in Kärnten Urlaub gemacht und dort mit einem Bauern gesprochen. Ich fragte: ›Sie leben hier in einer fromm katholischen Gegend. Wie war das eigentlich während des Krieges? Hat der Priester Ihnen gesagt, wie wir uns in Russland benahmen, was da in Polen in den Konzentrationslagern passierte?‹ Der Bauer antwortete: ›Wir waren fünf Kinder, mein Vater arbeitslos, mein großer Bruder auch, meine Mutter arbeitete acht Stunden auf dem Nachbarhof für einen Liter Milch, und dann kam Hitler. Mein Vater kriegte Arbeit, mein Bruder auch, meine Mutter konnte zuhause bleiben, und Sie fragen, was der Priester sagte.‹ Brecht hatte es auf die kurze Formel gebracht: ›Erst kommt das Fressen, dann die Moral.‹ So ist der Mensch.«14

Es gab eine Menge guter Kollegen, denen ihre Karriere wichtiger war als persönliche Werte.

Die größten Enttäuschungen erlebte ich mit Menschen, die gekniffen haben, wenn es auf sie ankam. Es handelte sich um sogenannte Freunde, die plötzlich nicht mehr da waren, wenn rechterhalten der Freundschaft Nachteile brachte. Sie tauchten unerwartet unter, weil ihnen Machtpositionen und Anerkennung plötzlich mehr bedeuteten als die Verbindlichkeiten einer Freundschaft. Es gab eine persönliche Werte, von denen sie vorher ihr Persönlichkeitsprofil ableiteten. Natürlich hatten alle immer eine plausible Erklärung parat.

Wenn es sogar Nachteile für die eigene Karriere bringt, sich hinter den Freund zu stellen, hält im Business nur noch ein Prozent der Betroffenen zum Freund.

Von einem Unternehmensberater wurde mir Folgendes berichtet: Wenn ein Vorstand in seinem Unternehmen in Ungnade fällt, kann er sich kaum auf seine Freunde verlassen. Wenn es für die anderen Nachteile bringt, sich hinter seine Person zu stellen, bekunden am Anfang noch 80 Prozent seiner bisherigen Freunde die Solidarität, aber nur dann, wenn dies unter vier Augen geschieht. Sind die gleichen Leute in einer Gruppe mit anderen, bekennen sich nur noch 30 Prozent zu ihrem Freund. Geht es darum, unter Druck, ohne dass es eigene Vorteile bringt, zu dem Freund zu stehen, bleiben nur noch 3 Prozent übrig. Wenn es sogar Nachteile für die eigene Karriere bringt, sich hinter den Freund zu stellen, ist es nur noch 1 Prozent, das zu seinem Freund hält.

In dem Augenblick, in dem der Betreffende couragierte Freundschaft dringend benötigt, fallen die bisherigen Anhänger wie ein lautlos versinkendes Begleitschiff vom bisher Umschwärmten ab. Außer den Konformisten scheint plötzlich auch der Kreis derjenigen, die ihn so gut kennen, dass sie ein echtes Urteil über die Qualität des Diffamierten haben müssten, wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Tief schmerzlich werden dann die Verleumdungen derjenigen Menschen empfunden, die dem nun Entehrten ihr Leben und ihren Aufstieg verdanken. Das ist immer so. Derjenige, der ins Schussfeld einer Hetzjagd gerät, sollte nichts anderes erwarten. Der Angeklagte hatte ein Heer von Menschen gehabt, die ihm zujubelten. Angesichts der Vorwürfe steht er jedoch abrupt verlassen da; denn dem Ansehen der Karriere der einst Verbündeten wäre Freundestreue dieser Art abträglich. Der innerste Kreis hält auch nur, wenn er sehr stabil ist. Es zeigen sich Schadenfreude, Besserwisserei und kopfschüttelndes Missachten in unverblümt taktloser Form. Jeder weiß, wie er es anders und besser gemacht hätte.

Ich erinnere mich auch an meine Schulzeit in Berlin, als wir im Geschichtsunterricht das Dritte Reich durchnahmen. Uns wurde beigebracht, dass wir immer allem misstrauisch gegenübertreten sollen, was uns keine andere Wahl lässt. Wir wurden auf gewisse Sätze als Indikatoren für falsche Gedankensysteme hingewiesen. Wir fragten uns damals als Schüler, warum diese Lehrer, die ja in dieser Zeit, von der sie sprachen, schon mündige Erwachsene waren, nicht schon früher ihre Erkenntnisse umgesetzt hatten, als es noch nicht zu spät gewesen war, und warum sie nicht schon vorher ihre Erkenntnisse lebten, statt später uns zu belehren? Ich schreibe das ohne Groll, und ich frage mich selbst oft, was unsere Enkel einmal in der Schule über fehlende Zivilcourage lernen werden, wenn sie die gegenwärtige Zeitepoche in ihrem Geschichtsunterricht behandeln, und was wir ihnen antworten werden: »Wir hatten keine andere Wahl.«15 –»Der Markt hat uns bedingungslos gezwungen«?

Der Journalist Karl-Otto Saur, dessen Vater unter Hitler Verantwortlicher für die Ankurbelung der Kriegsrüstung und für den Nachschub für Zwangsarbeiter war, schreibt in seiner Biografie, dass er sich immer wieder fragt, wie er sich selbst wohl verhalten hätte damals in der Diktatur. Und er findet keine Antwort darauf. In den Redaktionen, in denen er gearbeitet hat, habe er sich ebenso oft gefragt, was aus seinen Kollegen damals wohl geworden wäre. Wer wäre ein Nazi gewesen? Wer ein Täter? Wer ein Mitläufer? Diesen Blick bringe er nicht mehr raus aus seinem Kopf. Vielleicht sei das auch der Grund, warum Erfolg und Karriere nie Begriffe waren, die er für wichtig hielt im Sinne eines geglückten Lebens. Er habe in seinem Leben nur ein Ziel gehabt: Er wollte es besser machen mit seinen Kindern, als es sein Vater gemacht habe.16

Einige der älteren Generation erinnern sich noch an ein Flugblatt der Harnack/​Schulze-Boysen-Organisation, welches in Berlin im Winter 1941/​42 verteilt wurde.17

»Stellt euch der allgemeinen Angst entgegen! Immer wieder hört man die Redewendung: ›Wir müssen durch! Wenn wir jetzt nicht siegen, geht es uns allen schrecklich an den Kragen.‹ Dies ist das Gerede, das die derzeitigen Machthaber selbst verbreiten, um ihre Herrschaft zu festigen. […] Die Weltgeschichte wird auf keinen Fall ihren tieferen Sinn verlieren, und das Unmögliche wird nicht möglich dadurch, dass wir uns in Verkennung der Dinge bemühen, dem Verbrechen und dem Wahnwitz zum Siege zu verhelfen, nur weil Verbrechen und Wahnwitz sich zur Zeit in Deutschland eingenistet haben.«

Auch heute haben viele resigniert. Sie ahnen zwar, dass Zivilcourage der unter Beweis gestellte Mut zur Suche nach einem sinnerfüllten Leben ist. Aber sie sind zu dem Ergebnis gekommen: Zivilcourage lohnt sich nicht. Sie sind müde geworden und haben den Mut verloren und finden sich mit einem Leben ab, das keine Sinnfragen mehr beantwortet. Sie suchen den Sinn nur noch im Trubel des Alltagsgeschäftes und im Streben nach persönlichem Wohlstand.

Bismarck gebrauchte als erster Deutscher das Wort Zivilcourage.18 In einer Debatte des Preußischen Landtags 1864 wurde er wegen eines kritischen Beitrages ausgepfiffen. Beim Mittagessen sagte ihm ein älterer Verwandter: »Eigentlich hattest du ja ganz recht. Nur sagt man so was nicht.« Da antwortete Bismarck: »Wenn du meiner Meinung warst, hättest du mir beistehen sollen.«

Meine Ausführungen wenden sich genau an diejenigen, die mutig sein wollen und denen diese Eigenschaft wichtiger ist als schnelle Karriere, bei der es auf Opportunismus und Ellenbogen ankommt. Meine Ausführungen wenden sich auch an Menschen, die mutig sein wollen, aber nicht die nötige Kraft dazu aufbringen.

»Willst du was werden, musst du schweigen.

Musst dich zur Erden tief verneigen.

Dass du ein Knecht bist, hat man gerne.

Allem, was recht ist, halte dich ferne.

Lerne den Willen unserer Lenker.

Und auch im Stillen sei kein Denker.«19

So beschrieb Hoffmann von Fallersleben diesen Irrtum schon vor 160 Jahren im Hundertjährigen Kalender – Bezug nehmend auf den deutschen Zeughaussturm am 14. Juni 1848.

Stefan Heim drückte es etwas unpoetischer aus in seiner Rede bei der Wende in Leipzig 1989: »Ein Volk, das gelernt hat, zu kuschen unter dem Kaiser, unter Hitler, unter dem DDR-Regime.«

Feigheit beruht also auf der trügerischen Annahme, Vorteile einzubüßen, wenn man sich nicht anpasst, und darauf, Nachteile zu bekommen, wenn man zu seiner eigentlichen Überzeugung steht.

Spontane Hinderungsgründe, Zivilcourage zu zeigen

»Bei dieser Übermacht bin ich gar nicht in der Lage einzugreifen.«

»Wenn ich mich einmische, bekomme ich bloß Ärger.«

»Vielleicht schätze ich die Situation falsch ein.« »Wer weiß, was der andere angestellt hat, dass sie ihn angegriffen haben.«

»Warum helfen denn die jüngeren Kerle nicht, die da herumstehen?«20

Allgemeine Hinderungsgründe

Abstumpfung

Unsere Zeit prägt das Wort non helping-bystander-effect21. Dieses Wort bezeichnet das Gegenteil von Mut. Es bezeichnet das immer häufiger beobachtete Verhalten, dass Menschen wie gebannt schreckliche Ereignisse hautnah beobachten, ohne ein dringendes Bedürfnis zur Tat zu empfinden. Dieser neue Begriff fordert uns heraus, darüber nachzudenken, inwieweit wir uns selbst zwischenzeitlich ebenfalls statt zu mutigen Menschen zu Unterhaltern eines Zeitgeistes entwickelt haben.

In den Medien erheben Journalisten den moralischen Zeigefinger – häufig diejenigen, die von Berufs wegen eher dazu bereit sind, eine Gewalttat zu filmen, statt sie zu verhindern: »Rentner in U-Bahn zusammengeschlagen und ausgeraubt – zwanzig Fahrgäste schauten zu.« Wir lesen solche Meldungen mit Empörung, begreifen aber auf einmal, was in den Wegschauern vorgeht, wenn wir selbst in ihre Situation geraten. Dann fragen wir uns plötzlich: Ist das meine Aufgabe? Wo ist denn die Polizei?

In einer Umfrage des Münchner Instituts für Recht und Wirtschaft haben 86 Prozent aller Zeugen von Gewalttaten nicht geholfen. Als Gründe (Mehrfachnennungen waren möglich) nannten 66 Prozent Angst vor dem Täter. 86 Prozent fürchteten, dass sie statt einer Belohnung mit juristischen Konsequenzen zu rechnen hätten. Immerhin 16 Prozent nannten Gleichgültigkeit als Motiv. Bei der Frage, ob sie künftig helfen wollten, antwortete weniger als ein Viertel mit einem eindeutigen Ja.22

Verdrängung, Machtdenken, Profitstreben

Auszüge aus dem Interview des Spiegels mit dem Historiker Prof. Hans Mommsen23 wollen Einblick zu dieser Fragestellung geben.

SPIEGEL: Herr Professor Mommsen, warum hat es unter den Wirtschaftsführern so wenig Widerstand gegen Hitler gegeben?

Mommsen: In der Tat tauchten bestimmte Berufsgruppen im Widerstand überhaupt nicht auf, darunter Repräsentanten der Wirtschaft. Von den Industrieführern haben nur wenige wie Robert Bosch und Paul Reusch, der Vorstandsvorsitzende der Gutehoffnungshütte, eindeutig Stellung gegen Hitler bezogen. Die Wirtschaftsführer waren offensichtlich zu sehr in die tägliche Arbeit eingespannt, um Abstand zum Regime zu gewinnen.

SPIEGEL: Die Mehrzahl der Manager hatte kein Unrechtsbewusstsein?

Mommsen: Das ist richtig, und man sollte dabei bedenken, dass sie schrittweise in das System der Zwangsarbeiterbeschäftigung gelangten. Es begann mit dienstverpflichteten Arbeitskräften aus den Benelux- und den skandinavischen Ländern sowie aus Polen. […] Letztlich aber haben die meisten Konzerne diesen Weg gewählt, häufig, um die Verlagerung der Betriebe unter Tage zu ermöglichen. […] Es gab nicht nur bei den Belegschaften, sondern auch bei den Managern eine Art Flucht in die Betriebe, um sich nicht die Sinnlosigkeit des eigenen Tuns eingestehen zu müssen. Die Masse der Wirtschaftsführer und Unternehmer stand dem Regime bis zuletzt loyal gegenüber. […] Die direkte und indirekte Mitverantwortung der Unternehmensführungen für Verbrechen des NS-Regimes entzieht sich in der Regel juristischen Kategorien. Die politisch-moralische Mitverantwortung der Manager für die Rüstungs- und Ausbeutungspolitik des NS-Systems und ihr »Abgleiten in die Barbarei« sind unbestreitbar.

Angst

Angst ist notwendig, um Gefahren und die eigene Überforderung zu bemerken, aber Angst kann auch sehr negativ sein, weil sie uns dazu verleitet, unsere Identität und Authentizität zu verkaufen und preiszugeben. Das kann die Angst vor dem sein, was andere sagen, die Angst davor, Ruhe und Ruf zu verlieren, Ärger, Schwierigkeiten oder gesellschaftliche Isolierung zu erfahren, und die Angst vor Kollegen: »So etwas tut man nicht.« Weiter ist hier auf die Angst vor dem Vorgesetzten hinzuweisen, der seine Machtposition ausnützt, wenn er erklärt: »Ihr Ton ist unmöglich, Sie sollten die Konsequenzen ziehen.« Die Angst kennt viele Gesichter: Angst, selbst Verantwortung zu übernehmen, Angst vor Nachteilen, Angst vorm Ausgeschlossensein, Angst, die richtigen Worte nicht zu finden, Angst, sich zu blamieren und die Geborgenheit des gewohnten Umfeldes zu verlieren, Angst, den Schutz der Vorgesetzten zu verlieren, Angst, den Arbeitsplatz und die Versorgung der Familie zu gefährden. Jedes Jahr werden Tausende Fälle von schweren Misshandlungen nicht bekannt, weil Nachbarn aus Angst davor, es sich mit den Leuten zu verderben, schweigen.

Undurchschaubarkeit

Das Mitschwimmen im breiten Strom ist sehr bequem. Hier steht der Einzelne nicht mehr vor Herausforderungen, die zu einer klaren Entscheidung zwingen, wie im Dritten Reich zwischen Gehorsam und Gehorsamsverweigerung, zwischen Anpassung und Gefängnis, sondern er findet sich in diffusen Situationen, die schwer abzuschätzen sind, weswegen er sich nicht mehr die Mühe machen will, um den richtigen Weg zu ringen.

Anonymität

Wir kennen weder Opfer noch Täter, noch die übrigen Zeugen. Dadurch ist sich jeder bewusst, dass er nur zufällig am Ort ist. Hätte man die U-Bahn davor erwischt, würde man von dem Verbrechen am nächsten Tag nur in der Zeitung lesen. Wer sich abwendet, muss keine Konsequenzen für seinen Ruf fürchten. Man sieht die Beteiligten höchstwahrscheinlich nie wieder.

Wir haben tausendmal Überfälle und Morde im Fernsehen beobachtet und mussten niemals eingreifen, weil ein Kommissar am Ende den Täter zur Strecke brachte.

Alltäglichkeit

Gewalt in den Medien ist unser Alltag. Die Rolle des Zuschauers ist uns längst vertraut. Wir haben tausendmal Überfälle und Morde im Fernsehen beobachtet und mussten niemals eingreifen, weil ein Kommissar am Ende den Täter zur Strecke brachte.

Beispiel einer Handlungsempfehlung

Wirksame Hilfe ist möglich, wenn sich die Anwesenden im Vorfeld mit dem Opfer solidarisieren.

Wenn Sie beispielsweise eine Gewalttat in der Vorortbahn beobachten, wenden Sie sich an die Leute neben sich und fragen: Gefällt Ihnen das, was sich dort vorbereitet? Wollen wir alle zusammen aufstehen und uns einmischen? Besteht ein begründeter Verdacht auf permanente Gewaltanwendung in der Nachbarschaft, genügt schon ein anonymer Hinweis an das Jugendamt, um die Behörde zum Nachforschen zu veranlassen. Eine offene Zeugenaussage ist natürlich besser. Eine Frau wird bedroht. Sie haben Angst einzugreifen. Es könnte ja sein, dass das Opfer gar keine Hilfe will und sagt, Sie sollen sich zum Teufel scheren. Wenn Sie wissen wollen, ob eine echte Bedrohung vorliegt, fragen Sie: »Brauchen Sie Hilfe?« Oft genügt schon die Drohung, dass Sie die Polizei rufen und als Zeuge aussagen werden.

Was bewirkt die Anpassung gegen die inneren Überzeugungen?

Lieber ein Knick in der Karriere als im Rückgrat.

Die negativen Folgen der oft unreflektierten Anpassungsmentalität in unserer westlichen Kultur sind langfristig viel größer als ihr vermeintlicher Nutzen. Die Anpassungsmentalität zerstört lebendigen Menschen machen kann. Die Folge ist, dass uns nichts anderes übrig bleibt, als vorgekautes Leben aus der Konserve zu konsumieren (Filme, Erlebnisparks, Shows etc.), wobei jedes Risiko und jeder überraschende Ausgang ausgeschaltet sind. Aber echtes Leben ist Risiko und nicht bloßes Funktionieren.

Wenn es uns nicht gelingt, unseren persönlichen Überzeugungen entsprechend zu leben, dann wird der Zwiespalt zwischen unserem eigentlich angestrebten Tun und unserem tatsächlichen Handeln immer größer, und unser Selbstwertgefühl geht immer mehr bergab.

Das Unbehagen, das mich bisweilen in der Begegnung mit Menschen beschleicht, ist das Gefühl, dass ich mit Rollenträgern kommuniziere. Ihre eigentliche Persönlichkeit verbergen sie oder kennen sie selbst nicht mehr, weil sie diese zu oft verleugnet haben. Ich fühle mich durch diese Menschen gelangweilt, sie vermitteln nichts Lebendiges. Denn nur Echtheit bewirkt Leben. Diese Menschen machen einsam, denn sie ersticken den Wunsch nach Anteilnahme, etwas, was wir zum Leben so dringend brauchen. Sind wir uns bewusst, wie hoch der Preis ist, wenn wir das Kostbarste, das wir haben, unsere unverwechselbare Persönlichkeit, so unreflektiert aufgeben?

Wie erfrischend war demgegenüber vor einiger Zeit die Begegnung in der Vorortbahn mit einem Kind. Es durchbrach den resignierten Schein auf vielen düsteren, schweigend vor sich hin starrenden Gesichtern für einen Augenblick und bewirkte ein Lächeln. Das Kind fragte seine Mutter: »Mama, warum hat dieser Mann da drüben eine so spitze Nase mit einem roten Pickel obendrauf?« Es ist selten, dass man durch derart geöffnete Fenster für einen Augenblick in die Seele eines Menschen hineinschauen kann. Manchmal geschieht das durch ein schamvolles Erröten oder durch einen »Freud’schen« Versprecher oder durch eine schnell weggewischte Träne. Diese geöffneten Fenster lassen uns mehr pures Leben erkennen als viel Gescheites, Intelligentes und scheinbar Nützliches unserer modernen Gesellschaft, das manchmal nur dazu geeignet ist, die Knochen jeglicher Spontaneität und lebensfroher Unbefangenheit so lange zu brechen, bis sie in den tristen Sarg von organisierten Prozessen passen, die alles nur auf eine utilitaristische Daseinsberechtigung reduzieren.

In den vergangenen Jahren bin ich einigen Menschen begegnet, die im Druck des Berufslebens leichtfertig, ursprünglich auf Langfristigkeit ausgelegte Träume gegen kurzfristigen Erfolg eintauschen. Sie handeln genau so, wie Erich Kästner es formuliert hat: »Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Früher waren sie Kinder, dann wurden sie Erwachsene, aber was sind sie nun?«

Ich suche immer nach dem Wort hinter dem Wort, nach der Sprache hinter der Sprache. Die Rolle ist wichtiger geworden als das Leben, das nur erhalten bleibt und erneuert wird, wenn Menschen den Mut haben, authentisch zu sein.

Ich werde nicht vergessen, was mir der ehemalige Personalvorstand eines großen Automobilkonzerns rückblickend sagte, als ich ihn fragte, ob es etwas gibt, was er anders machen würde, wenn er noch mal anfangen könnte. »Wenn ich noch einmal leben dürfte, würde ich alle wichtigen geschäftlichen Entscheidungen, die ich selbstständig und in Übereinstimmung mit meinem Gewissen und meiner persönlichen Verantwortung fällen konnte, heute noch einmal so fällen. Von anderen geschäftlichen Entscheidungen jedoch, die ich als Kompromisse fällen musste, wo sich oft mein anfängliches Unbehagen später bestätigt hat, würde ich mich aus heutiger Sicht ohne Rücksicht auf Verluste klar distanzieren.«24

Der andere

Was siehst du im Spiegel?

Bist du es noch?

Oder bist du schon lange ein anderer?

Schau hin

Dann siehst du

Wie dich der andere frech angrinst

Dich auslacht

Und es genießt

Dass du seine Fratze nicht erträgst.25

Gelebter Mut und Zivilcourage sind die Fähigkeiten, authentisch zu bleiben auch unter Druck.

In der Begegnung mit Führungskräften bedauern viele rückblickend am Ende ihrer Karriere, nicht mutiger zu ihrer Meinung gestanden und nicht mehr von ihrer Authentizität verteidigt zu haben. Viele sprechen von Flexibilität und denken über ihre eigene Machtentfaltung nach und rechtfertigen damit nur ihre Lebenseinstellung von Feigheit, Charakterlosigkeit und Opportunismus. Prof. Eberhard Richter sagt, Flexibilität heißt im ursprünglichen Sinne, sich beugen, sich krümmen!26

Wie sind wir uns selbst fremd geworden? Wie oft haben wir uns dem Mechanismus der Arbeitswelt angepasst, wo wir für unsere Erfolge und unser Haben respektiert und belohnt wurden? Dies bezahlten wir mit dem Preis, dass wir Kontakte zu Menschen nicht mehr wahrnehmen, die uns so lieben, wie wir sind, und die sich wünschten, dass wir geblieben wären, wie wir waren. Wir sollten uns selbst darüber betrauern, dass wir uns so sehr abhängig gemacht haben vom Schein des Erfolges, dass wir sogar unsere persönliche Würde und unsere Einzigartigkeit für unser berufliches Vorwärtskommen opferten.

Lassen Sie mich noch ein eher unbedeutendes alltägliches Beispiel anführen.

Eine junge, hochbegabte Managerin, die eine schmerzvolle Scheidung hinter sich hatte, durchlief ein Eignungsdiagnostikprogramm in unserem Institut mit Bestnoten. Sie wurde kurz vorher wegen ihrer angeblich demotivierenden Ausstrahlung entlassen, welche sich aber eindeutig auf ihr Trennungserlebnis zurückführen ließ. In einem Brief an ihren Vorstand versuchte ich diesen Sachverhalt zu beschreiben und wies auf die exzellenten Testergebnisse hin mit der Bitte, die Entlassung zu überdenken. Dieser Brief, von einem in seinen Augen so unbedeutenden Menschen wie mich, rief höchste Empörung hervor. Ich erhielt sehr besorgte Anrufe von Mitarbeitern, die sich normalerweise für Mobbingopfer einsetzen. Sie fragten mich, ob ich mir bewusst sei, welchen Schaden ich für die Reputation meiner Person ausgelöst habe. Ich antwortete, dass ich bisher geglaubt hätte, dass ihr Kampf gegen Mobbing unabhängig von der Hierarchiestufe des Täters sei, und ich erwarte, dass sie diese Haltung gerade in dieser Situation unter Beweis stellen. Daraufhin bewiesen sie den Mut der Rückendeckung, auch wenn wir die Entlassung dadurch leider nicht mehr rückgängig machen konnten.

Warum passte sich Liu Shao-Chi nicht an?

In seiner jahrzehntelangen Machtherrschaft über ein Viertel der Weltbevölkerung war Mao Tse-Tung für den Tod von 70 Millionen Chinesen verantwortlich. 1958 schloss sich ihm Liu Shao-Chi, die Nummer zwei im Staat, an, der ein Jahr später, 1959, zum Staatspräsidenten neben Mao ernannt wurde.

Anders als bei Mao setzte die durch die Misswirtschaft herbeigeführte Hungersnot Liu Shao-Chi persönlich sehr zu. Als er eines Tages sein Heimatdorf in Hunan besuchte, wurde er hautnah mit dem Elend durch die Begegnung mit seiner eigenen Familie konfrontiert. Auf einem Spaziergang durch das Dorf entdeckte er auf einer Mauer die Aufschrift: »Nieder mit Liu Shao-Chi«. Er spürte, wie die Menschen den Kommunismus hassten – und ihn auch! Den Jungen, der die Mauer beschrieb, nahm Liu persönlich in Schutz. Liu zeigte Verständnis für den kleinen Jungen, der durch die Hungersnot sechs Familienmitglieder verlor und dessen Babybruder im seinem Arm verstarb, als er ohne Erfolg nach einer stillenden Frau suchte. Liu erkannte sein eigenes Mitverschulden für dieses Elend, kniete vor den Dorfbewohnern nieder und entschuldigte sich für die Missherrschaft der Kommunisten.

Von da an war er nur noch von dem Wunsch getrieben, der Landbevölkerung zu helfen. Er stellte sich den Behörden quer und veranlasste, dass der Diebstahl von Lebensmitteln nicht mehr verfolgt wurde, und ging bewusst auf Abstand zu Mao.

Als die Erntezeit näher rückte, war Mao im Begriff die Abgabequoten für Lebensmittel festzulegen. Der couragierte Liu drängte Mao, niedrigere Quoten zu bestimmen. Liu war sich bewusst, dass sein Handeln die Spannungen zwischen ihm und Mao vergrößern würde. Mao musste akzeptieren, dass die Abgabequoten um über 34 Prozent niedriger angesetzt wurden, als er die Zahlen Anfang des Jahres festlegte. Durch Lius Maßnahmen sank die Quote der Hungertoten um 50 Prozent. Trotzdem verhungerten noch weitere zwölf Millionen Menschen. Lius Eifer war aber nicht mehr zu stoppen. 1962 legte er Mao einen Hinterhalt, der die Eindämmung der Hungersnot zum Ziel hatte.

Auf der Konferenz der »Siebentausend« in Peking wollte Mao, dass Liu Maos Rede bei der einzigen Plenarsitzung am 27. Januar 1962 vortrug. Zu Maos Überraschung hielt Liu nicht die geplante Rede. Er hielt eine Rede, die sich davon deutlich unterschied. An diesem besagten 27. Januar nahm Liu Shao-Chi seinen ganzen Mut zusammen. Er wagte es, vor den 7000 Spitzenfunktionären Maos Politik anzugreifen. Liu klärte über die Hungersnot und das herrschende Elend auf. Er regte die Leute an, über Maos Politik kritisch nachzudenken. Lius Rede löste, wie erwartet, stürmische Reaktionen beim Publikum aus. Nun aber wussten die Delegierten, dass der Präsident, Liu, hinter ihnen stand, und äußerten ungeniert ihre Meinung, verurteilten die alte Politik und bestanden darauf, dass diese auf keinen Fall wiederholt werden dürfe! Mao machte sich nun wohl oder übel an die Schadensbegrenzung, damit keiner auf die Idee kam, die Hungersnot mit seiner Person zu verbinden. Er war gedrängt, am 30. Januar 1962 vor versammeltem Saal das erste Mal seit seiner Machtergreifung 1949 Selbstkritik zu üben. Mao war gezwungen, die fatalen Quoten der Lebensmittelabgaben abzuschaffen, die für 1962 und später vorgesehen waren. Millionen von Menschen blieb durch diese Verordnung, die durch Liu ins Rollen gebracht wurde, der Hungertod erspart. Somit wurde das Jahr 1962 zu einem der freiheitlichsten Jahre seit Beginn von Maos Herrschaft.

Doch Liu wusste, dass ihn Mao nicht einfach so davonkommen lassen würde. Der sonst so zurückhaltende Liu blieb sehr leidenschaftlich und sprach oft über die Not des chinesischen Volkes. Währenddessen plante Mao seine Rache.

Während der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 versuchte Mao alles, um Liu und seine Familie zu demütigen. Jedes Mal, wenn sich Liu mit Worten zu wehren versuchte, wurde er von den Maoanhängern mit ihren roten Büchern niedergeschlagen. Liu wurde in seinem eigenen Haus gefangen genommen und gequält. Er bewahrte aber dennoch seine Würde: Im Februar 1968 hatte er eine letzte Verteidigungsschrift verfasst, in der er Mao sogar wegen seines diktatorischen Stils in den zwanziger Jahren angriff. Mao war sehr aufgebracht, weil er Lius Willen nicht brechen konnte, und setzte alles daran, Lius Stimme zum Schweigen zu bringen.

Liu wurde mitten in einer Nacht halb nackt in ein Flugzeug nach Kaifeng verfrachtet. Nachdem die Bitten, Liu in ein Krankenhaus aufzunehmen, abgelehnt wurden, verstarb Liu Shao-Chi.

Resümee: Liu Shao-Chi überlegte sich, was wichtig für ihn war. Karriere oder seine Glaubwürdigkeit? Ihm war das Leben seines Volkes mehr wert als die Konsequenzen, die ihn erwarteten. Sein Leitbild blieb seine persönliche Überzeugung. Mit Liebe gegenüber seinem Volk und Mut gegenüber dem Staatspräsidenten Mao konnte Liu die Authentizität aufbringen, die für seine Auflehnung gegen Mao nötig war. Wenn Liu in dieser Schlüsselszene am 29. Januar 1962 nicht so mutig gewesen wäre, hätten noch viele weitere unschuldige Menschen ihr Leben lassen müssen. Er hat sich und seine ganze Existenz bewusst dafür geopfert, dass andere Menschen ein freieres Leben führen konnten.

Sind wir noch fähig zum Mut?

In meinem Institut stelle ich Klienten seit Jahren immer wieder die gleichen drei Fragen:

Was bevorzugen Sie: Freiheit oder Unfreiheit? Alle antworten: Freiheit!

Was bevorzugen Sie: Sicherheit oder Unsicherheit? Alle antworten: Sicherheit!

Was bevorzugen Sie: Mehr Sicherheit, dafür aber eine Einschränkung an Freiheit, oder mehr Freiheit, dafür aber eine Einschränkung an Sicherheit?

80 Prozent antworten: »Mehr Sicherheit, und dafür im Zweifelsfalle lieber eine Einschränkung an Freiheit!«

Wahrscheinlich gehören Sie und ich zu diesen 80 Prozent. Lohnt es sich, mit so gearteten Wesen über Mut und Zivilcourage zu reflektieren?

Der mutige Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer schreibt am 20. Juli 1944 resigniert und von großen Selbstzweifeln geplagt sein Gedicht »Stationen auf dem Wege zur Freiheit«27:

»Wir sind stumme Zeugen böser Taten gewesen, wir sind mit vielen Wassern gewaschen, wir haben die Künste der Verstellung und der mehrdeutigen Rede gelernt, wir sind durch Erfahrung misstrauisch gegen die Menschen geworden und mussten ihnen die Wahrheit und das freie Wort oft schuldig bleiben, wir sind durch unerträgliche Konflikte mürbe oder vielleicht zynisch geworden – sind wir noch brauchbar?«

Auch der Apostel Paulus stöhnt vor mehr als 2000 Jahren schon in seinem Brief an die Römer verzweifelt:

»Wer will mich erlösen von diesem Leibe des Verderbens? Das Gute, das ich im Grunde tun will, tue ich nicht, und das Böse, das ich nicht tun will, tue ich.«

Zählt heute nur noch der Mut von gestern?

Abba Kovner war der Erste, der die Warschauer Juden zum Aufstand gedrängt hatte. Er lebte als Partisan und wirkte im Untergrund. Ruzka Korczak, eine andere Partisanin, schreibt über ihn: »Abba begriff die Wirklichkeit nicht wie ein Gelehrter, der logische Schlüsse zieht, sondern wie ein Prophet. Ein Prophet ist schließlich nichts anderes als ein Mensch, der sich für einen kurzen Augenblick aus der Geschichte löst, um den Weg zu überblicken, der in den Wald hinunterführt.« Am Silvesterabend 1942/​43 hielt er im Wilnaer Ghetto folgende Rede:

»Jedes Volk hat seine Heldengeschichten. Und diese Geschichten geben ihm die Kraft weiterzumachen. Aber sie dürfen nicht nur Vergangenheit sein, Teil unserer uralten Geschichte. Sie müssen auch Teil unseres realen Lebens werden. Wir müssen jetzt, nicht erst später mit unserem Gewissen ins Reine kommen. Was soll die nachfolgende Generation von uns lernen? Es ist besser, als freier Mensch im Kampf zu sterben, als durch die Gnade seines Mörders weiterzuleben! Wenn du nur dich selbst in Sicherheit bringst, kannst du dann einem Kind der nächsten Generation in die Augen sehen, wenn es fragt: ›Was hast du getan, als man unsere Leute zu Tausenden, zu Millionen abschlachtete?‹ Wirst du ihm gerne sagen: Ich habe mich versteckt und deswegen lebe ich noch?«28

In unserer nachfolgenden Generation hört man zwar gerne eben zitierte Geschichte und bestätigt auch ihre Gültigkeit, kommt aber in unserer pluralistischen Situation nicht auf die Idee, sich selbst ins Geschehen miteinzubeziehen. Die mutigen Menschen, die sich durch Integrität, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Suche nach einem Leben in der Wahrheit auszeichnen, werden gar nicht mehr erwähnt. So spüren viele auch keine Anreize mehr, Mut zu praktizieren.

Im Allgemeinen hält man Zivilcourage für etwas Gutes, solange die Herausforderung in der konkreten Alltagssituation nicht selbst zu meistern ist.

»Manche bewundern sie als Tugend bei anderen und in früheren Zeiten, sehen aber nicht ihre heutige Möglichkeit und Notwendigkeit. Vor weltgeschichtlichen Tragödien gab es zwar immer wieder Mahner, aber ihre Anzahl war stets gering und ihr Wort zählte in der Regel erst lange nach ihrem Tod, dann nämlich, wenn sie von der nachfolgenden Generation zu Helden erhoben wurden.«29

Diese überhöhten Helden, die an herausragender Stelle agierten, die Interessen vieler vertraten, das Heft des Handelns fest in der Hand hatten, die nicht zweifelten, die keine Angst hatten, die keine Dummheiten begingen, die einen festen Charakter und Willen hatten, die sich nur für das Gute einsetzten und das Richtige taten, nimmt die Gesellschaft heute nicht mehr so wahr und auch nicht mehr so an.

Hierin liegt aber auch eine Chance. Gerade weil der Held heute nicht mehr gefeiert wird, gerade weil viele Helden nicht mehr gekannt, erkannt und anerkannt werden, sind wir herausgefordert, uns für ein mutiges Leben zu begeistern, ohne dafür Anerkennung zu bekommen.

Macht Demokratie Zivilcourage überflüssig?

»Zivilcourage ist die eigentliche Anfangs- und Entstehungstugend unserer Zivilgesellschaft«

Willy Brandt

Willy Brandt beschrieb es treffend: »Zivilcourage ist die eigentliche Anfangs- und Entstehungstugend unserer Zivilgesellschaft. Demokratie ist aus der Zivilcou rage entstanden (oder erstritten, denn sie wurde ja nicht obrigkeitlich angeordnet) und aus ihr lebt die Demokratie. Zivilcourage ist die demokratische Tugend par excellence. Was für eine Diktatur als Bedrohung empfunden wird, ist für die Demokratie das Lebenselixier: Courage, Wachsamkeit, Kritik, Widerspruch, Abweichung, Unbequemlichkeit.«

Helden im traditionellen Sinne braucht es in einer Demokratie kaum. Das Prinzip der Gewaltenteilung und die Medien machen das Parlament darum leider nur allzu oft zum Tummelplatz derer, die nur auf der Bühne die Mutigen spielen können. Für diese Menschen geht es nicht um Leben und Tod, sehr wohl jedoch um ihr politisches und berufliches Überleben.

Dennoch erstarrt eine Demokratie mit einer passiven, desinteressierten und staatsgläubigen Bevölkerung ohne wirklich mutige Menschen. Es geht nicht nur in der Diktatur, sondern auch in der Demokratie darum, wem im Zweifelsfall mehr zu gehorchen ist, dem Staat oder dem Gewissen. Dieses Spannungsfeld hebt auch eine Demokratie nicht auf.

Wenige realisieren, dass unsere Demokratie gefährdet und bedroht ist und durchaus durch Mutige geschützt werden muss. Die Bedrohung der demokratischen Freiheit kommt nicht in erster Linie von den nicht-demokratischen Regierungsformen, weil uns diese Bedrohung präsent ist. Die Bedrohung liegt vielmehr in den marktwirtschaftlichen Zwängen, die unerkannt ihre Expansion vorantreiben können, indem sie demokratische Grundwerte in kleinen Schritten an die Wand drücken. Sie tragen den Gesichtsausdruck der Freiheit, während sie in Wirklichkeit unsere Freiheit und unser Recht auf persönliche Integrität untergraben.

Erhard Eppler erinnert sich an die Nachkriegszeit: Die Amerikaner sagten uns: »Im Nationalsozialismus seien die Menschen um des Staates willen da gewesen, in der Demokratie gebe es den Staat nur um der Menschen willen.« Wir müssen uns fragen, ob diese Aussage heute auch für die von der globalisierten Marktwirtschaft beherrschten Demokratien noch gilt.

Es besteht ein Spannungsfeld zwischen der Freiheit der Demokratie und der Freiheit des Marktes. Ich bin überzeugt, dass die Marktwirtschaft entartet, wenn die Demokratie nicht durch ständige Zivilcourage lebendig gehalten wird.

Früher zeigte sich die Marktwirtschaft – im Bild gesprochen – wie ein Bock, der den Gärtner bei der Gartenarbeit unterstützt hat. Heute haben wir es mit völlig abgehetzten Gärtnern zu tun, die vom Bock durch den Garten gejagt werden! Wenn sich das marktwirtschaftliche System aufgrund vernachlässigter Zivilcourage in der Politik so weiterentwickelt, dann sehe ich langfristig eine Gefahr für den Bestand der Demokratie, weil sich die Freiheit, des Marktes für einige effizienter und effektiver durch eine autoritäre Regierungsform umsetzen lässt. Dann könnte die Zeit zum Handeln bereits abgelaufen sein.

So meint der Basler Unternehmensberater Kasper Müller: »Wichtige Kernelemente einer dauerhaft funktionierenden Demokratie sind das Maß (Metrum, Ausgewogenheit) und der friedliche Ausgleich der Macht. Gerade heute aber verlieren wir das Maß und fördern damit ein gefährliches Machtungleichgewicht.« Gilt der frühere Anspruch der katholischen Kirche »Extra ecclesiam nulla salus« nun in einem anderen Sinn: »Außerhalb der Marktwirtschaft kein Heil«?

Wenn wir uns die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vor Augen halten, sollten wir uns überlegen, wie viel uns die Freiheit noch bedeutet, die uns in unseren demokratischen Verfassungen rein theoretisch garantiert ist. »We hold this truth to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their creator with certain unalienable rights, that among these are life, freedom and the pursuit of happiness.«–»Wir halten diese Wahrheiten für offenbar und keines weiteren Beweises bedürftig: dass alle Menschen gleich sind, von Geburt an, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen, unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, zu denen Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören – dass, um diese Rechte zu sichern, Regierungen unter den Menschen eingerichtet sind, welche ihre rechtmäßige Gewalt von der Zustimmung der Regierten herleiten« (Amerikanische Unabhängigkeitserklärung, 1776).

Wir stehen vor der ethisch-politischen Gretchenfrage, ob wir am Anfang dieses Jahrhunderts noch den politischen Willen aufbringen, das unüberbotene, freiheitlich-demokratische Ideal einer Bürgergesellschaft und seine Voraussetzung der Chancengleichheit unter veränderten Umständen neu zu überdenken und Reformen zu seiner Erneuerung anzupacken. Oder ob wir das Ganze unreflektiert der Dominanz des Marktes überlassen?

Der Zeitgeist macht ja bekanntlich blind. Das ungehemmte Treiben der Kapitalgesellschaften, der verschärfte Wettbewerb auf einem globalen Verdrängungsmarkt, der Abbau der sozialen Sicherungssysteme, Überregulierung etc. steigern langsam unmerklich den Druck auf den Einzelnen. Wir haben uns an eine neue Bedrohung unserer demokratischen Freiheit nur deshalb gewöhnt, weil wir ihr täglich begegnen und weil alle involviert sind.

Der scheinbar wachsende Anspruch des »Marktes« auf die Seele der Menschen, ihr Familienleben, ihre Freizeit, ihre Pläne, auf die Frage, wo und wie sie leben sollen, das ist das neue Gesicht des Marktes, das anders ist als früher. Es ist das Werk unserer Zeit, das Werk unserer Gesellschaft, das Werk Ihrer und meiner Hände. Es trägt unsere Handschrift, die Handschrift des vernachlässigten Mutes.

Im Nationalsozialismus hat es Zivilcourage gebraucht: Denn der Nationalsozialismus hat durch seine Dominanz die Werte der Dienstbereitschaft und Treue missbraucht und pervertiert.

Im Sozialismus war Zivilcourage notwendig: Denn der Sozialismus hat ebenso vereinnahmend die Werte soziale Gerechtigkeit, Frieden und Gleichheit durch seinen Freiheit raubenden Machtanspruch missbraucht.

Im Kapitalismus ist Zivilcourage notwendig: Denn der wirtschaftliche Geist missbraucht mit seinem dominanten Anspruch auf die Freiheit des Marktes und das Recht auf Selbstverwirklichung des Einzelnen im Grunde gerade die Werte der persönlichen Freiheit. Der Grund für seine Dominanz liegt in der vernachlässigten Zivilcourage und in dem abhandengekommenen Mut des Einzelnen.

Alle drei Ideologien fordern Anpassung, und deswegen benötigen sie als regulierendes Prinzip Menschen mit Zivilcourage. In der heutigen Epoche ist die Dominanz des Zeitgeistes auf den Einzelnen am besten kaschiert und somit am schwersten erkennbar.

Zivilcourage ist ein Attribut der Freiheit und die wichtigste Voraussetzung zu ihrer Erhaltung. Wo Menschen ihre Eigenverantwortung nicht wahrnehmen oder diese sich abnehmen lassen, leben sie nicht frei, sondern bevormundet.

Heinrich Böll sagt: »Je mehr Bürger mit Zivilcourage unser Land hat, desto weniger Helden brauchen wir einmal.«

Es gibt leider die irrige Auffassung, dass unser heutiges ziviles Leben kein Feld für Bewährung und persönlichen Mut ist. Viele meinen irrtümlich, dass in der Demokratie und der Marktwirtschaft die Tugend des persönlichen Mutes überflüssig sei. Die Gefahren, die mit einer solchen Haltung verbunden sind, haben wir deswegen in diesem Abschnitt benannt.

Unsere Demokratie ist eine repräsentativ verfasste Demokratie.

Dies ermöglicht theoretisch, dass die zu fällenden Entscheidungen qualitativ sehr gut ausfallen können. Dann nämlich, wenn es wirklich die Besten, die Sachkundigsten sind, die sich in den parlamentarischen Gremien versammeln.

Ohne gelebte Zivilcourage verfällt unsere Demokratie in charakterlose Mittelmäßigkeit.

Die Praxis sieht jedoch anders aus. Statt der Herrschaft der Überdurchschnittlichen ist das phantasiemüde, risikoscheue Politmanagement der überdurchschnittlich Durchschnittlichen angeder charakterlosen Mittelmäßigkeit, wo echte Zivilcourage ein Fremdwort ist. Wo aber gelebte Zivilcourage nicht mehr erforderlich ist, wächst die Bedrohung, dass notwendige Innovationen zu lange auf sich warten lassen und dass sich die bestehenden Systeme »dominant« entfalten können. Schon Theodor Fontane (1819 – 1898) prägte den Satz: Am Mute hängt der Erfolg. Der politische Prozess braucht beides: Couragierte Bürger, die sich einmischen, und mutige Parteien und Politiker, die den Bürgern das Zumutbare auch zumuten.

Wenn das Volk in einer so kompliziert gewordenen Welt sich das Mitspracherecht über seine Zukunft erhalten will, dann muss es sich Zivilcourage, Sachkompetenz, Urteil und moralische Sensibilität neu erwerben. Was also macht die Funktionsschwäche der repräsentativen Demokratie unserer Tage aus? Wir haben nicht nur mäßige Parteien, die vor der Komplexität der Probleme einknicken, wir selbst sind auch mäßig geworden, weil wir den Parteien ihre repräsentativen Führungsqualitäten längst nicht mehr überzeugend abverlangen.

Wenn wir unsere Bereitschaft zur Zivilcourage in der Politik nicht behaupten, wird auch unsere Marktwirtschaft, ohne zukunftsorientierte Zivilcourage und Gemeinsinn, zurück in den Raubtierkapitalismus ihrer Anfänge fallen.

Warum sind Situationen, die unseren Mut herausfordern, bedeutungsvoll?

Viel zu viel notwendige Stellungnahme wird nur gedacht und nicht gesagt. Das fördert psychische Fehlentwicklungen, produziert schlechte Stimmungen und belastet permanent Beziehungen. Es ist eine Illusion, zu meinen, bei verbreiteter Lüge und herrschendem Unrecht innere Freiheit, Wahrhaftigkeit und Rechtsgesinnung einfach innerlich einzuschließen und dadurch bewahren zu können. Unrecht, das nicht angegriffen, Unwahrheit, die nicht widerlegt, falsche Vorurteile, die nicht revidiert werden, werden damit legalisiert und weiterverbreitet.30

Kürzlich berichtete mir ein hochbegabter junger Manager eines Deutschen Telekommunikationskonzerns, dass sich sein oberster Chef in einer Führungskräfteveranstaltung erheblich verbal vergriffen hatte. »Ich wusste genau, dass ich widersprechen musste, habe das aber natürlich nicht gemacht aus Rücksicht auf meine Familie, die bei einer möglichen Entlassung als Folge meines Widerspruchs natürlich höchst gefährdet wäre.« Ich antwortete ihm, dass Mut in diesem Moment bedeuten würde, es trotzdem zu tun.

Der Mut, Mut zu praktizieren und nicht nur als Möglichkeit zu denken, ist der Schlüssel zum authentischen Leben und Erleben.

Wer nicht Mut wagt, schlittert in ein reaktives statt proaktives Lebensmuster hinein. Sein Leben besteht mit der Zeit nur noch aus Reaktionen auf die Vorgaben anderer. Er weiß genau, wie er reagieren muss, um nicht aus einem Anpassungsschema zu fallen. Am Anfang spürt er die Fehlentwicklung noch nicht. Viele reaktiv lebende Menschen landen irgendwann im Burnout, weil sie eines Tages die externen Dienstanweisungen an ihr Leben, deren Legitimierung sie zu wenig hinterfragen, nicht mehr erfüllen können. Sie werden älter, die Kräfte lassen nach, die Energieabgaben stehen in keinem Verhältnis mehr zum Nachschub. So werden sie oft zu Getriebenen, und Angst vor Verlust und fehlender Anerkennung prägt ihr Leben. Ähnliche Symptome eines durch vernachlässigten Mut geprägten Lebens sind Langeweile, Überdruss und irgendwann das Gefühl von Sinnlosigkeit. Diesen Menschen passiert nichts Bewegendes, aber durch diese Menschen passiert auch nichts Bewegendes. Sie hinterlassen keine Markenzeichen, keine Spuren.

Nur durch Lebenssituationen, die Mut herausfordern, erkennen wir, welche Menschen in unserer Umgebung Freunde und welche Mitläufer sind. Die Mitläufer werden sich nie zu uns bekennen, wenn sie dadurch in Situationen kommen, die ihnen Nachteile bringen könnten. Es gehört aber zu den schönsten Erfahrungen für den, der einmal außerhalb der Konvention gestanden hat, wenn er einige wenige neue Freunde, die Treue unter Druck bewiesen haben, gewinnt. Er wird für den Verlust vieler oberflächlicher Saisonfreundschaften durch die wenigen verlässlichen Freundschaften reichlich entschädigt.

Halten wir uns auch vor Augen, dass nur Menschen mit Zivilcourage in der Menschheitsgeschichte Türöffner für innovative Entwicklungen waren.

Ohne Zivilcourage gegen den Zeitgeist gab es und gibt es keine Innovation.

Mut bedeutet: Nein sagen können, auch wenn das Unrecht von oben kommt, nicht schweigen, wenn ein anderer gedemütigt wird, nicht mitmachen bei Aktionen, die man als unheilvoll erkennt, auch wenn man sich Sympathien verdirbt. Mut bedeutet protestieren, wenn Schwache benachteiligt werden, und ihnen durch unsere spürbare Sympathie Hilfe geben.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
196 s. 11 illüstrasyon
ISBN:
9783865066503
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