Kitabı oku: «Kalte Sonne»

Johannes Epple:
Kalte Sonne
Alle Rechte vorbehalten
© 2017 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover: JaeHee Lee
Gestaltung: Lucas Reisigl
ISBN 978-3-90320-006-7
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de

YOU ARE FUCKED! Ich weiß, warum ihr hier seid. Ihr wollt Titten sehen. Miriams Titten und Miriams Panzerarsch. Ihr wollt aussehen wie sie. Oder wie Zyzz oder wie Ulisses. Aber das werdet ihr nie. Dafür seid ihr viel zu faul und zu bequem und zu verwöhnt. Ihr werdet euer Leben lang daherkommen, als hätte euch Gott nach einer viertägigen Sauftour in die Landschaft geschissen. Wie auch immer, damit ist Schluss jetzt. Die Backyard-Seite ist ab heute meine Seite. Ich bin Hacker. Mein Name ist Lordtom99 aka Dr. Tomtom. In der Neigungsgruppe »Firmenspionage und Datenklau« bin ich bekannt als Gründungsmitglied der Steroidhacker-Crew. In den nächsten Stunden werde ich 17 Word-Dokumente hochladen. Miriams Halbbruder hat sie geschrieben. Ihr werdet feststellen, dass die Geschichten über Miriam und ihre Tochter, die auf gannikus.com und team-andro.com herumgeistern, falsch sind.
Seht selbst …
Mitte Juni, 2015
Lordtom99\1\Wien:Sommer.docx
»Bin gelandet. Alles gut. Melde mich später.«
Manuel drückte auf »Senden« und holte sein Notebook aus dem Gepäckfach. Er schlüpfte in sein Jackett und wartete, bis die Flugbegleiter die Ausstiegsluken öffneten. Während der Fahrt mit dem Flughafenbus nahm er ein Aspirin gegen seine Kopfschmerzen und ließ seinen Blick über den Hangar schweifen. Zwei Arbeiter standen rauchend vor einem Hallentor. Die Leuchten am Tower warfen grelle Lichtkegel über die Landebahn.
Manuels Koffer gehörte zu den ersten, die in der Gepäckausgabe auftauchten. Er packte das dreckige Ding und hievte es auf seine Schultern. Am Weg durch die Empfangshalle trottete er an einem Sicherheitsbeamten vorbei, der ihn gleichgültig musterte. Draußen winkte er einem Taxi. Er rutschte auf den Beifahrersitz. »Favoritenstraße bitte«, sagte er.
Nebel hing über den Parkhäusern, ein leichter Sprühregen fiel. Erste Lichtreflexe spiegelten sich am Horizont, als das Taxi auf die Stadtautobahn bog. Während der Fahrer das Navigationsgerät bediente, sah Manuel nach, ob Hanna auf seine SMS reagiert hatte. Fehlanzeige. Er löschte die Spammails, die während der Nacht eingegangen waren, und wählte ihre Nummer. Das letzte Mal hatte er es vor dem Abflug versucht, das war vor sieben Stunden gewesen. Auch jetzt schaltete sich die Mobilbox ein.
Gegen sechs Uhr hielt der Taxifahrer in der Favoritenstraße vor dem Haus mit der Nummer 48. Manuel blickte die Fassade hoch. Alle Fenster waren dunkel. Er gab dem Fahrer zwei Euro Trinkgeld und fuhr in den dritten Stock. Die Luft im Vorzimmer war kalt und abgestanden. Als er das Licht aufdrehte, fiel sein erster Blick auf den großen Efeu neben dem Garderobenspiegel. Die Erde war feucht, und im Untersetzer stand Wasser. Gutes Zeichen, dachte er.
»Hanna?« Manuel schlüpfte aus seinen Converse und strich seine buschigen schwarzen Locken hinter die Ohren. »Ich bin wieder da.«
Niemand antwortete.
Manuel hängte sein Jackett auf den Kleiderständer und ging ins Wohnzimmer. Auf dem Glastisch vor der Couch lag ein Stoß zerfledderter Wochenmagazine. Die Regale links und rechts an der Wand waren voller CDs und medizinischer Lehrbücher. Manuels Bücher. Unfallchirurgie. Alte Kladden, die er seit Jahren nicht mehr aufgeschlagen hatte.
Manuel kippte die Balkontür und ging ins Schlafzimmer. Die Lampe im Kabinett war zu schwach, um den Raum vollständig auszuleuchten. Er sah nur Konturen. Den Schrank. Die Kommode. Den Spiegel an der Wand. Hinten links unter dem Fenster stand das knorrige Bauernbett, das er bei einem Restaurator am Karmelitermarkt im zweiten Bezirk gekauft hatte. Schon jetzt war ihm klar, es würde leer sein. Er schaltete das Licht ein und sah eine nackte Matratze ohne Decke und Kissen.
Manuel spürte, wie sich ein beklemmendes Gefühl in seiner Magengegend ausbreitete. Er sah im Bad, in der Toilette und im Kleiderschrank nach. Er durchforstete das Bücherregal im Wohnzimmer und die Laden in der Küche. Keine Auffälligkeiten.
In Hannas Arbeitszimmer änderte sich die Szenerie. Akten waren am Boden verstreut, die Türen des Dokumentenschranks standen offen. Manuel griff nach einem Blatt am Boden. Ein Literaturverzeichnis. Er nahm ein anderes. Der Abstract eines Forschungsförderantrags. Irgendwo in der Wohnung knackte der Parkettboden. Manuel sah über seine Schulter. »Hanna?«
Stille.
Er kontrollierte die Wohnungstür auf Einbruchspuren. Keine Kratzer im Holz. Auch das Sicherheitsschloss war noch ganz. Hatte Hanna das Chaos angerichtet? Niemand sonst hatte einen Schlüssel, dachte er und zückte das Mobiltelefon. Er rief im AKH an, im Hanuschkrankenhaus und im Wilhelminenspital. Er erkundigte sich, ob seine Lebensgefährtin Hanna Mahler stationär aufgenommen worden war. Gespannt lauschte er dem monotonen Klackern der Computertastaturen. Nichts, alle verneinten. Niemand mit diesem Namen war in eines der großen Wiener Krankenhäuser eingeliefert worden.
Manuel blies die Backen auf und wählte die Nummern von Freunden und Bekannten. Vielleicht wussten sie, was mit Hanna geschehen war. Da es erst kurz vor sieben Uhr morgens war, reagierten die meisten nicht auf seinen Anruf. Als Letztes versuchte er es bei Georg, einem Herz-Thorax-Chirurgen mit einer Stelle im Donauspital. Manuel und er hatten gemeinsam studiert, eine Zeit lang hatten sie zu zweit Tutorien am Anatomieinstitut gehalten. Auch heute trafen sie sich noch alle paar Monate auf ein Bier oder schauten Fußball in einem Irish-Pub in der Währinger Straße. Diesmal ließ er es länger läuten als bei den anderen. »Komm schon«, sagte er.
Als er auflegen wollte, hob Georg ab. »Ich werde zuhören, aber ich werde nicht antworten«, sagte er. »Das ist die Strafe für einen Anruf um diese Tageszeit.«
Manuel setzte sich auf die Bettkante. Er war froh, Georgs nasale Stimme zu hören.
»Hallo, Georg. Ich bin’s. Ich bin in Wien.«
»Manuel? Das ist doch … Manuel! Für dich mache ich eine Ausnahme. Seit wann bist du zurück?«
»Ich bin eben gelandet.«
»Wie lange warst du weg? Zwei Jahre?«
»Fast. Mit Unterbrechungen.«
»Wie ist der Krieg?«
»Wie der … keine Ahnung. Ärzte ohne Grenzen agiert nicht an der Front. Wir räumen den Dreck nach der Party weg.«
Kurz war es still. Georg atmete schwer. Er hörte sich krank an. »Versteh mich nicht falsch«, sagte er. »Aber wenn du gerade gelandet bist, solltest du dann nicht jetzt mit Hanna herummachen, statt mich anzurufen?« Er ließ ein heiseres Lachen hören, das in ein Husten überging.
Manuel blickte auf die leere Matratze. »Hanna ist nicht da. Deswegen rufe ich an. Seit Tagen kann ich sie telefonisch nicht erreichen, und sie reagiert nicht auf meine Mails.«
»Warte.«
Manuel hörte, wie sich Georg aus dem Bett hievte.
»Hast du es in einem Krankenhaus versucht? Vielleicht gab es Komplikationen.«
»Alle durchgerufen.«
Manuel beschlich das Gefühl, dass sein Freund etwas wusste.
»Vor ein paar Wochen war ich bei einer Tagung für Herz-Thorax-Chirurgen, da haben zwei Typen darüber geredet«, sagte Georg.
»Worüber geredet?«
»Sie hätte einen Vortrag halten sollen. Den hat sie abgesagt. Sie soll angerufen haben, hat es geheißen, sie sei kurz vor der Entbindung. Alles gut, soll sie gesagt haben, alles so, wie es sein soll.«
Manuel starrte auf die Staubschlieren auf der Fensterscheibe. Die Morgensonne warf verzerrte Schatten an die Wand. »Vor ein paar Wochen? Kurz vor der Entbindung? Eine Frühgeburt? Ist das dein Ernst?«
Georg hustete.
»Wann hast du sie gesehen?«, fragte Manuel. »Was ist mit ihr und dem Kind?«
»Ich wusste nicht, in welchem Krankenhaus sie liegt. Du weißt ja, so eng sind wir beide nicht.«
»Du erzählst mir, Hanna hätte, ohne mich zu informieren, unser Kind zur Welt gebracht, und dann hast du sie nicht einmal besucht?« Manuel ging im Zimmer auf und ab. In einem kleinen Spiegel auf der Kommode gegenüber dem Bett sah er sein Gesicht. Seine Augen waren klein, und er hatte einen dunklen Dreitagebart, in den sich erste graue Härchen mischten.
»Ich habe nicht einmal Hannas private Telefonnummer«, sagte Georg. »Ich muss nicht wissen, wo dein Kind ist. Das ist deine Aufgabe.«1
Im nächsten Moment ertönte das Freizeichen. Manuel ging ins Bad und klatschte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Er stopfte die Schmutzwäsche in die Waschmaschine und drückte den Startknopf. Geistesabwesend starrte er auf den steigenden Wasserspiegel in der Trommel.
Hanna hatte offenbar entbunden.
Ihre letzte Nachricht war, dass alles in Ordnung sei.
Warum hatte sie sich nicht bei ihm gemeldet? Ihm keine Fotos, keine SMS, keine E-Mail geschickt? Warum war sie nicht erreichbar? Wo war sie überhaupt?
Um sich zu beruhigen verließ Manuel die Wohnung und kaufte bei einem Bäcker Brot und Marmelade. Inzwischen war es kurz vor acht Uhr. Der Regen hatte aufgehört. Die Wassertropfen auf den parkenden Autos glitzerten in der Morgensonne. Mit dem Gebäck ging Manuel eine Runde im angrenzenden Belvedere-Park. Er setzte sich auf eine Bank, zündete sich eine Zigarette an und beobachtete die Jogger. Gegen neun Uhr wurde sein Hunger so groß, dass er Magenschmerzen bekam. Er fuhr nach Hause, trank hastig einen Kaffee und hängte die frisch gewaschenen Kleider auf den Wäscheständer.
Gegen zehn Uhr fuhr er ins AKH, das Allgemeine Krankenhaus. Vielleicht konnten ihm Hannas Arbeitskollegen weiterhelfen. Im Forschungstrakt erkundigte er sich nach dem Labor C.1 und nahm den Lift ins Untergeschoss, wo sechs Laboratorien lagen, die alle unter Hannas Leitung standen. Er erinnerte sich an eine junge Pharmakologin, die bei ihnen zu Besuch gewesen war, und mit der Hanna so etwas wie eine Freundschaft pflegte. Berger oder Bergmeister hieß sie. Er suchte ihren Namen auf einem Laborplan und fand eine Sylvia Bergmann. Er erinnerte sich wieder. Raum C.1.8.
Das erste Mal seit seiner Rückkehr aus der Türkei spürte Manuel eine verhaltene Freude. Er hatte keine Ahnung, was für ein Spiel Hanna da trieb, aber es konnte um nichts Großes gehen. Seine Tochter war zwar vier Wochen vor dem Geburtstermin auf die Welt gekommen, aber das musste nichts bedeuten. Er war Vater. Komisches Gefühl, dachte er.
Manuel klopfte an Bergmanns Bürotür. Niemand reagierte. Vorsichtig drückte er die Klinke. Abgeschlossen. Manuel erkundigte sich bei einer jungen Frau in einem weißen Mantel nach der Pharmakologin. »Sylvia ist im Kühlraum im zweiten Untergeschoss«, sagte sie und betrachtete ihre silber lackierten Fingernägel. »In zwanzig Minuten ist sie zurück.«
Am Gang setzte sich Manuel auf einen Stuhl und verfolgte das Treiben der Laboranten. Ihn beeindruckte die souveräne Sterilität, die im Forschungstrakt herrschte. Er kannte das alles aus seiner eigenen Zeit in der Wissenschaft. Mit fünfundzwanzig war ihm diese Lebensart zu langweilig geworden. Ihn selbst hatte es immer hinaus ins Leben gezogen. Er wollte echten Schmerz und echte Lust, hatte er einmal zu Hanna gesagt. In der Forschung war immer alles zu sauber und still. Die Menschen sprachen nicht. Sie flüsterten. Sie liefen nicht, sondern schwebten durch die Gänge wie Gespenster. Alles wirkte so rein, beinahe ephemer in den Laboratorien, unendlich weit weg von der Wirklichkeit, als handelte es sich um zwei unterschiedliche Sphären, die nichts miteinander zu tun hatten.
Aus diesem Grund hatte er bei Ärzte ohne Grenzen angeheuert. Er verließ die Operationssäle und Aufwachräume der Wiener Krankenhäuser, in denen er seine Ausbildung absolviert hatte, und tauschte sie gegen Zeltlager und die schmutzigen Rücksitze amerikanischer Humvees. Er mochte das.
Durch eine offene Tür beobachtete er einen Laboranten, der eine Gewebeprobe aus einem Kühlschrank holte und unter ein Mikroskop schob. Jede seiner Bewegungen war langsam und vorsichtig. Er war von einer Ehrfurcht und einem Zartgefühl gegenüber seinem Arbeitsgegenstand ergriffen, die Manuel beeindruckten. Er selbst war nie so gewesen. Er wollte immer stürmen. Da blieb kein Platz für die Feinheiten des Mehr oder Weniger, für die hohe Kunst der Nuance.
Der Laborant war gut und gerne zehn Jahre älter als Manuel. Er musste seinen Beruf seit mindestens zwanzig Jahren ausüben. Und dennoch diese Hingabe, die er auch an Hanna beobachtet hatte. Sie hatte eine ähnliche Haltung wie der Laborant. Hanna war getrieben von der Faszination »Krankheit«, wie sie ihm einmal erklärt hatte. Es war das Labyrinth des Schmerzes, das sie seit ihrem Studium begeisterte.
Nach einigen Minuten trat eine Frau in einem zerknitterten weißen Kittel aus dem Lift und verschwand im Zimmer, auf dessen Türschild der Name Bergmann stand. Manuel klopfte. Die Tür war nur angelehnt. »Erinnerst du dich an mich?«, fragte er.
»Klar«, sagte die Frau. »Saltimbocca, trocken und ohne Salbei. Ich habe immer schon gewusst, dass Hanna nicht kochen kann.«
Manuel sah sie ernst an. »Wegen Hanna bin ich hier«, sagte er. »Ich muss dich etwas fragen.«
»Gehen wir in den Park? Ich könnte ein wenig Sonne vertragen.«
Zwischen Hagebuttensträuchern, unter denen Amseln nach Fressbarem suchten, setzten sie sich auf eine Bank. Bergmann schlug die Beine übereinander und holte einen Kaugummistreifen aus der Brusttasche ihres Kittels.
»Ich bin wie gesagt wegen Hanna hier«, sagte Manuel und wartete, welche Wirkung seine Worte auf Bergmann hatten. »Und wegen meiner Tochter. Sie ist … Die beiden sind verschwunden.«
»Verschwunden? Was heißt das?«
»Sie sind nicht daheim, und ich kann Hanna weder telefonisch noch irgendwie anders erreichen.«
»Hattet ihr Streit?«
»Nichts dergleichen.«
Bergmann schob die Ärmel ihres Kittels nach oben und musterte ihn stoisch von der Seite. Manuel fiel auf, dass sie dunkle Ringe unter den Augen hatte. Sie wirkte so, als hätte sie die Nacht durchgearbeitet.
»Hanna hat oft von dir gesprochen«, sagte Manuel. »Ich versuche nur, alle Möglichkeiten auszuschöpfen.«
»Als ich zuletzt von ihr gehört habe, war sie auf dem Weg in die Semmelweis-Klinik, weil die Wehen eingesetzt hatten.«
»Ging es ihr gut?«
»Alles bestens.«
»Und danach?«
»Ich wollte sie besuchen, aber sie hatte immer eine andere Ausrede. Das Kind sei krank. Das Kind sei müde. Das Kind brauche Ruhe, weil schon eine Menge Besucher dagewesen seien. Nach drei oder vier Versuchen habe ich aufgegeben. Ich kannte ja Hanna. Schon immer war sie darauf bedacht, das Private und das Berufliche zu trennen. Auch wenn sie mich als Freundin sah, gehörte ich zur Sphäre des Krankenhauses. Einmal erklärte sie, Fehler entstünden aus Unordnung. Ich kenne niemanden, der so große Probleme mit dem Unvollkommenen hatte wie Hanna.«
»Kennst du jemanden, der das Kind gesehen hat?«, fragte Manuel.
»Hier bei uns im Krankenhaus war ich die Einzige, die Kontakt mit Hanna pflegte. Sicher kam es vor, dass jemand sich mal nach ihr erkundigte. Aber niemand hatte den Ehrgeiz, sie privat kennenzulernen.«
Als Manuel von Hannas verwüstetem Arbeitszimmer sprechen wollte, ertönte ein Pieper. Bergmann zückte ihr Mobiltelefon und entfernte sich einige Schritte. Manuel behielt sie die ganze Zeit über im Blick.
»Ein epileptischer Schock in der Neuro-Ambulanz«, sagte Bergmann, als sie zu ihm zurückkehrte. »Tut mir leid, wenn ich keine große Hilfe gewesen bin.«
»Schon gut«, antwortete er. »Ich melde mich. Ich habe noch andere Fragen.«
Kurz vor zwei Uhr besuchte Manuel die Mensa im AKH, in der er schon während seines Studiums gegessen hatte. Während er auf die Suppe wartete, rief er jene Freunde und Verwandten an, die morgens nicht abgehoben hatten. Niemand konnte ihm helfen. Die meisten reagierten überrascht, als er ihnen seine Situation erklärte. Er aus der Türkei zurück? Hanna verschwunden? Seine Tochter schon geboren? Wie bitte? Am Ende stocherte er in einem Gulasch und beobachtete das Krankenhauspersonal, das sich vor der Essensausgabe zu einer Schlange aufgefädelt hatte.
Er verließ das AKH durch einen Nebenausgang. Über die Lazarettgasse erreichte er die Sensengasse und die Währinger Straße, der er bis zum Schottentor folgte. Von dort ging er zu Fuß zum Volkstheater und nahm die Straßenbahn in den siebten Bezirk. In der Neustiftgasse ging er zum Haus mit der Nummer 34, in dem ihm eine kleine Wohnung gehörte, die er von seinem Vater geerbt hatte. Er arbeitete dort an Vorträgen oder Arbeitsberichten. Als Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen bezog er ein lausiges Gehalt. Da seine Österreichaufenthalte nie länger als drei oder vier Monate dauerten, und er deswegen keine reguläre Stelle in einem Krankenhaus annehmen konnte, finanzierte er seine Heimaturlaube mit Vorträgen bei Pharma-Kongressen oder Reportagen, zuletzt von der Grenze zwischen Türkei und Syrien.
Im Postfach waren Werbebroschüren von Pharmaunternehmen, mit denen er zusammenarbeitete. Pfizer, Ratiopharm, Regeneratio, Bayer. Ohne sie durchzusehen suchte er nach einem Brief oder einer Karte von Hanna. Vielleicht hatte sie ihm hier eine Nachricht hinterlassen. Aber nichts. Nur Altpapier. Manuel warf die Unterlagen in den Container und ging hinauf in den ersten Stock. Vielleicht hatte sie ein Kärtchen unter der Tür durchgeschoben.
Ein fauliger Geruch stieg ihm in die Nase, als er die Wohnung betrat. Offenbar hatte er bei seinem letzten Besuch den Müll vergessen. Zwei Weinflaschen und ein schwarzer Plastiksack mit Essensresten lehnten an der Toilettentür. Dort mussten sie schon seit zwanzig Monaten liegen.
Bei seinem letzten Besuch in der Wohnung hatte er eine junge Tirolerin dabei gehabt. Eine Nachwuchsjournalistin, die irgendwas mit Medien studierte und ein Praktikum bei einem Wiener Hipstermagazin absolvierte. Manuel hatte schnell mitbekommen, dass bei der Journalistin seine Credits »Krieg«, »Arzt« und »Dritte Welt« hoch im Kurs standen. Auf das Interview folgten ein Essen, dann eine Nacht und dann eine Coverstory. Alle Beteiligten waren zufrieden gewesen.
Manuel sah sich um. Kein Kuvert, kein zusammengefalteter Zettel. Vielleicht hatte Hanna von einem seiner kleinen Auswärtsmatches erfahren, und ihr Verschwinden war die Folge davon, dachte er, während er den Müll vor die Tür stellte und ein Fenster öffnete, um den fauligen Geruch aus der Wohnung zu bekommen. Manuel lächelte zögerlich. Schon der Gedanke kam ihm abwegig vor. Es war einfach nicht Hannas Art, beleidigt zu sein und zu verschwinden. Außerdem glaubte Manuel nicht, dass sie sich neben ihrer Arbeit mit profanen Fragen wie der Treue ihres Partners auseinandersetzte. Tief in seinem Inneren wusste er, dass für Hanna zuerst die Medizin kam, dann lange nichts, dann er und dann der Rest der Welt. Alles in allem eine Konstellation, die er durchaus zu schätzen wusste.
Mit hochgezogenem Kragen ging er in die Innenstadt. Am Donaukanal beobachtete er zwei Skateboarder bei ihren halsbrecherischen Tricks. Am Schwedenplatz kaufte er sich einen Ayran. Auf der anderen Seite des Kanals blitzten die Hochhäuser im Mittagslicht. Weiter oben auf Höhe der Urania knatterte ein Presslufthammer in einer Baugrube.
Er war lange weg gewesen. Knapp zwei Jahre. Seine Heimaturlaube hatten nie länger als vier Monate gedauert. Wenn er dann mal ein paar Tage Zeit für Hanna gehabt hatte, hatte sie sich freigenommen, und sie waren auf den Semmering oder nach Kärnten gefahren. Ein paar Tage. Wandern, baden. Die Abende verbrachte er vor seinem Notebook. »Unsere Beziehung ist fiktiv«, hatte Hanna einmal zu ihm gesagt und keine Ahnung gehabt, wie recht sie damit hatte.
Unsere Beziehung ist fiktiv, sagte er jetzt zu sich und leerte den Ayran. Eine Einbildung, nichts weiter. Natürlich war ihm bewusst, dass Hanna während der vergangenen Monate mehr von ihm erwartet hatte. Jeden zweiten Tag ein Dreizeiler per Mail machte ihn nicht zum Vater des Monats. Er konnte selbst nicht sagen, warum er nicht mehr Engagement gezeigt hatte. Er hatte sich ehrlich gefreut. Auf das Mädchen. Auf Hanna. Aber sie waren beide fiktiv, dachte er. Wie Einbildungen. Real war das Lager. Die Verletzten. Die Operationen nachts um drei, wenn Söldner einen zerschossenen Kämpfer brachten. Was hätte er tun sollen? Seine Sachen packen? Einfach abhauen und alles liegen lassen, was er sich in den vergangenen Jahren aufgebaut hatte? Alles, was real war? Blutig und real?
Gegen vier Uhr fuhr er zurück zum AKH. Er setzte sich in den Krankenhauspark und wartete auf Bergmann. Irgendwann musste sie das Gebäude verlassen. Er heftete seinen Blick auf den Eingang und betrachtete die unzähligen Menschen, die aus dem Krankenhaus strömten. Nach einer halben Stunde war es so weit. Bergmann trat durch die Schiebetür. Sie trug einen olivgrünen Regenmantel. Ein schwarzer Rucksack klemmte unter ihrem Oberarm. Am Weg zum Personal-Parkplatz sah sie konzentriert auf ihr Mobiltelefon. Manuel folgte ihr unauffällig. Als sie den Parkplatz erreichte, machte er drei schnelle Schritte. »Sylvia«, rief er. »Ich hatte da noch einige …«
Bergmann wirbelte herum und ließ den Rucksack fallen. Manuel wollte ihn aufheben, doch die Pharmakologin drängte ihn zur Seite. »Was willst du noch von mir? Ich habe dir alles gesagt.«
»Was ist mit Hannas Forschungsprojekten? Die muss sie von daheim aus weiter betreut haben.«
»Hör doch auf. Hanna hat …«
»Was hat Hanna?« Manuel merkte, dass er eine Grimasse zog. Sein Gesicht fühlte sich ganz heiß an. »Rede mit mir. Was geht hier vor?«
Bergmann umschloss den Rucksack mit beiden Händen. »Ich habe keine Zeit«, sagte sie. Sie machte kehrt und lief in einem weiten Bogen zurück zum Krankenhaus.
Im ersten Moment war Manuel verblüfft. Dann eilte er ihr nach. Bergmann war seine einzige Spur. Er musste an ihr dranbleiben. Er sah, wie sie im Trakt B verschwand. Seine militärischen Ausbildungseinheiten kamen ihm zugute. Schnell machte er Boden gut. Er war nur noch zehn Meter hinter ihr, als sie über eine Rolltreppe zu den Neuroambulanzen hinauflief. »Sylvia … sei doch nicht kindisch«, rief er ihr hinterher, aber die Pharmakologin reagierte nicht.
Oben bei den Ambulanzen stellten sich ihm drei Jungärzte in den Weg. Den ersten stieß er einfach mit der Schulter zur Seite, den beiden anderen wich er mit einer gekonnten Körpertäuschung aus. Dann lief er weiter die Ambulanz entlang, durch mehrere leerstehende Behandlungskojen bis zum Gipszimmer, wo er eine offenstehende Tür entdeckte. Von innen verschloss er die Tür und sah sich um. Er war allein. Leere Gipshüllen ragten aus einem Mülleimer. Es roch nach Desinfektionsmittel und dem ausgetrockneten Kleber für die Hartbandagen. Auf der anderen Seite des Raumes fand er einen Durchgang, vor dem ein Tuch hing. Vorsichtig zog er es zur Seite und betrat ein Zimmer mit drei Computern und mehreren Röntgenbildern an den Lichtwänden.
Sylvia stand vor dem offenen Fenster und blickte über den angrenzenden achtzehnten Bezirk. Der Wind fuhr durch ihre kurzen, braunen Haare. Schweißperlen glitzerten auf ihrer Stirn.
Hinter ihm knackte das Schloss und die Jungärzte, die er eben überrannt hatte, betraten das Röntgenzimmer. »Hilf mir, Sylvia«, sagte er. »Ich bin heute aus der Türkei zurückgekehrt. Ich bin müde und ich habe keine Ahnung, was mit Hanna und mit meiner Tochter geschehen ist.«
Bergmann lachte theatralisch. Sie starrte nach draußen, als würde Manuel für sie nicht existieren.
Die Ärzte gingen auf ihn zu.
»Komm schon …«, sagte er.
Bergmann wandte den Kopf. In ihren Augen blitzte etwas auf, das Manuel nur als Hass auffassen konnte. Er blinzelte unwillkürlich. »Es ist deine Schuld«, schrie sie. »Du bist das Problem.«
»Was?« Manuel machte einen Schritt zurück. »Was redest du da?«
Bevor er weitersprechen konnte, stürzten sich die drei Ärzte auf ihn. Einer stieß ihn zu Boden, einer sprang auf seinen Rücken, der dritte umklammerte seine Beine. Kurz wurde ihm schwarz vor Augen. Mit aller Kraft stemmte er sich in die Höhe. »Was soll das?«, schrie er.
Er sah, wie Bergmann mit den Schultern zuckte. Ihre Augen wurden groß und starr. Sie hielt sich an der Vorhangstange fest und kletterte auf den Heizkörper. Mit einem kurzen, kehligen Schrei sprang sie aus dem Fenster.2
Anfang August, 2015
Lordtom99\2\Wien:Neumann.docx
Es war kurz vor acht Uhr, als die U-Bahn-Linie 2 in der Station »Donauspital« einfuhr. Ich drängte mich an zwei Botox-Omas vorbei und nahm die Rolltreppe im Vollsprint. Oben umrundete ich das Krankenhaus und lief zum Eingang C.4, der direkt ins Untergeschoss führte. In der Garderobe schlüpfte ich aus meinen Jeans und dem Sakko. Nur mit einer Unterhose bekleidet passierte ich die Schleuse und holte mir aus einem Kästchen mit meiner Dienstnummer die keimfreien OP-Sachen. Im Saal 5 bereitete der Anästhesist die Narkose für das zweijährige Mädchen vor, das auf dem Operationstisch lag. Mit einer Tastatur regelte er die Fließgeschwindigkeit des Betäubungsgases und stülpte der kleinen Patientin die Saugöffnung über den Kopf. Sie fragte ständig nach ihrer Mutter. Ich trat näher an den Operationstisch heran und streichelte ihre Hand. »Deine Mama wartet draußen«, sagte ich. »Du wirst ein bisschen schlafen. Du bist doch müde?«
Die Kleine nickte. Nach drei tiefen Atemzügen hatte das Narkosegas ihr Zentralnervensystem erreicht und ihre Augen wurden schwer. Während die OP-Schwester den Brustkorb der Kleinen desinfizierte, warf ich einen Blick auf die Rönt genbilder und blätterte durch die Krankenakte. Nichts Auffälliges. Alter: zwei. Gewicht: neun Kilo. Keine Krankheiten, aber ein Herzscheidewanddefekt. Bei der Geburt festgestellt. Standardprogramm. Ich überließ das Abhaken der Checkliste dem Anästhesisten und ging in den Waschraum. Dort reinigte ich meine Finger und Hände in mehreren Waschgängen mit Seife und Octenisept. Am Ende kam eine Schwester in steriler Kleidung und half mir in die keimfreien Handschuhe.
»Wo ist Garstner?«, fragte ich, als ich in den Operationssaal zurückkehrte. »Er wollte mir doch assistieren.«
»Notfallhubschrauber«, antwortete der Anästhesist. »Professor Haliovic hat ihn mitgenommen. Er wird kommen, sobald er fertig ist.«
»Ein Notfall. Meinetwegen«, antwortete ich und warf einen Blick auf den reglosen Körper auf dem Operationstisch. Alles war vorbereitet. Die Röntgenbilder hingen wie Poster an den Wänden. Der Brustkorb war desinfiziert, die Schnittstelle war eingezeichnet. Der Anästhesist und der OP-Gehilfe nickten mir zu. Die Schwester reichte mir das Skalpell, und ich setzte einen sauberen Hautschnitt. Anschließend öffnete ich mit der oszillierenden Säge, einer Art Stichsäge, den Brustkorb des Mädchens. Der Spalt war schmal, kaum größer als drei Zentimeter. Ich schob zwei Klammern in die Öffnung und presste den Brustkorb auseinander. Vor mir lag der Herzbeutel. Ein rötlich-weißer Sack, der das Herz umschloss und so seine Funktionsfähigkeit gewährleistete. Mit einem Skalpell setzte ich einen zehn Zentimeter langen Schnitt in den Beutel und öffnete die rechte Herzkammer, um so an die defekte Herzscheidewand zu gelangen.
Während der Arbeit musste ich mehrmals absetzen. Meine Konzentration war schlecht. Ich sah auf die Uhr. Garstner ließ auf sich warten. Morgen flog er zu einem mehrmonatigen Forschungsaufenthalt nach Massachusetts. Ich hatte extra veranlasst, dass wir noch einmal zusammenarbeiteten, und jetzt funkte mir Haliovic dazwischen. Aber gut, so war es eben. Ich bat die Schwester, mir den Schweiß von der Stirn zu tupfen und lokalisierte mit einer Schlauchkamera die Löcher in der Herzscheidewand. Mit dem Skalpell schnitt ich aus dem Beutelgewebe ein Perikard-Patch, ein körpereigenes Pflaster zur Behandlung von verletzten Organen. Bevor ich das Patch anbrachte, musste ich es zur Stabilisierung in eine Glutaraldehydlösung legen. Während das Stück Gewebe in der Petrischale an Festigkeit gewann, ging die Schiebetür auf und Garstner betrat den OP. Seine OP-Haube war verrutscht, und er wirkte ziemlich angespannt.
»Haliovic hat einen Fahrradunfall drüben in Saal acht«, sagte er. »Zusammenstoß mit einem Lastwagen in der Speisinger Straße. Er will mich.«
Ich deutete mit einer Kopfbewegung mein Einverständnis an. Dann suchte ich Augenkontakt zu Garstner. Als sich unsere Blicke trafen, zog er ein Kuvert aus seinem Hosenbund und legte es in eine Lade unter der Lichtwand. Ich nickte ihm zu. Die anderen taten so, als hätten sie unsere Transaktion nicht bemerkt.
Nachdem Garstner den Saal verlassen hatte, holte ich das Patch mit einer Pinzette aus der Lösung und zerschnitt es in drei gleich große Teile. Die Schwester bereitete währenddessen die polyfilen Fäden und eine Nadel vor. Jetzt kam der heikle Teil: Ich musste die körpereigenen Pflaster an der Herzscheidewand anbringen. Da ich wenig Platz hatte, um mit dem Operationsbesteck zu hantieren, arbeitete ich sehr gewissenhaft. Ich benötigte fast zwei Stunden für diese eigentlich einfache Tätigkeit.
Kurz vor elf Uhr war es dann soweit. Die Löcher in der Herzscheidewand waren verschlossen. Nachdem der erste Assistent meine Arbeit kontrolliert hatte, bat ich den OP-Gehilfen, die Kaliumlösung abzulassen. Das Herz übernahm wieder seine Funktion im Körper, die während der OP die ECMO-Maschine ausgeführt hatte.
Mit zehn Stichen schloss ich den Herzbeutel. Den Rest überließ ich dem ersten Assistenten. Während ich am Notebook das Operationsformular ausfüllte, holte ich beiläufig Frieds Kuvert aus der Lade. Ich kontrollierte die Vitalfunktionen des Mädchens und strich ihm sanft über die Wange. Dann kehrte ich zurück in die Garderobe und warf meine OP-Kleidung in den Müll. Im Aufenthaltsraum der Chirurgie I holte ich mir einen Kaffee und aß ein Stück einer verwaisten Geburtstagstorte. Auf der Terrasse setzte ich mich in die Mittagshitze und öffnete das Kuvert. Auf einem schmuddeligen Notizzettel stand in Garstners nicht gerade erwachsen wirkender Schrift: Heute 17 Uhr, Südeingang, Axel (Militärjacke), bringe 500 Euro.
Garstner hatte erwähnt, dass der Sozialarbeiter im Kinderdorf nur gegen Bezahlung kooperierte. Von 500 Euro hatte er nichts gesagt. Aber egal, ich bekam Zugang zum geschlossenen Bereich, und darum ging es mir.
Den Nachmittag verbrachte ich mit Bereitschaftsdienst im Aufwachraum. Dort konnte ich mich in ein stilles Zimmer zurückziehen und die Operationsprotokolle der vergangenen Tage fertigschreiben. Nach eineinhalb Stunden hatte ich den gröbsten Rückstand aufgearbeitet.
Aus dem Schwesternzimmer holte ich mir einen Milchkaffee und ein mürbes Croissant. Ich setzte mich in meinem Zimmer an den Glastisch, auf dem ich eine Mappe mit Zeitungsartikeln, Blogbeiträgen und Diskussionsverläufen aus dem Netz abgelegt hatte. Seit sich die Staatsanwaltschaft mit Hanna Mahlers und Manuel Sommers Geschichte befasste, hatte ich mich bemüht, alles über die beiden Ärzte zu lesen und aufzubewahren. Inzwischen umfassten meine Recherchen zwei dicke Ringordner. Ich hatte niemandem von meiner Sammelwut erzählt. Ein wenig schämte ich mich für mein Verhalten, da solche Projekte eher zu Typen, die in der neurologischen Ambulanz ein- und ausgingen, passten.
Zum ersten Mal hörte ich von der Festnahme der beiden Ärzte beim Rückflug von der jährlichen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, die vor zwei Wochen in Göttingen stattgefunden hatte. Kurz vor dem Abflug in Hannover scrollte ich durch die App einer Tageszeitung. In der Rubrik »Panorama« fand ich einen Artikel, der meine Aufmerksamkeit erregte. »Polizeieinsatz am Bahnhof Wien Meidling: Wiener Spitzenärztin festgenommen«, lautete der Titel. Darunter ein Foto von Mahler. Weißer Kittel, kurze blondierte Haare, einen Spachtel in der Brusttasche.
In den folgenden Tagen las ich alles über Mahlers und Sommers Festnahme. Die Ungeheuerlichkeit der Vorwürfe gegen die beiden fesselte mich, wie ich es noch nie erlebt hatte. Manuel hatte mich nach seiner Rückkehr von der türkisch-syrischen Grenze im Morgengrauen angerufen, als er Hanna nicht in der Wohnung vorgefunden hatte. Wenig später war er bei mir im Donauspital mit einem Mädchen aufgekreuzt. Damals hatte ich mir nichts dabei gedacht, aber jetzt, nachdem der Fall der beiden öffentlich geworden war, hatte ich große Schuldgefühle. Warum war mir damals nicht aufgefallen, welches Mädchen Manuel mitgebracht hatte? Wäre ich aufmerksamer gewesen, hätte ich sehr viel Unheil verhindern können. Es würde der Kleinen besser gehen und wahrscheinlich auch meiner Mutter, die sich die ganze Zeit über große Sorgen gemacht hatte. Gerade meiner Mutter wollte ich jetzt eine Freude machen. Die Nachricht, dass die Polizei das Mädchen gefunden hatte, konnte sie wegen ihrer Demenz-Erkrankung nicht mehr richtig verarbeiten. Ich hatte mich daher entschlossen, ein Foto von der Kleinen zu machen, damit meine Mutter sie immer bei sich hatte.
Es war schwierig gewesen, persönlichen Kontakt zu der Kleinen herzustellen. Nachdem ich abgelehnt hatte, die Sorgepflicht zu übernehmen, verwehrte mir die Polizei das Besuchsrecht. Ich musste also anderweitig aktiv werden. Als ich mich im Ärztemilieu umhörte, gab mir Garstner einen Tipp. Einen, der weit mehr als 500 Euro wert war, wenn er stimmte.
Um halb vier Uhr packte ich den Ordner mit meinen Recherchen ein und machte eine letzte Kontrollrunde im Aufwachraum. Mit der U-Bahn und der Straßenbahn brauchte ich fast eine Stunde bis zum SOS-Kinderheim in Strebersdorf. Ich ging zwischen Buschenschanken und Weinkellern zum Südeingang des Heims, vor dem ein Typ mit Camouflage-Jacke eine Zigarette rauchte und dabei nervös über sein Smartphone wischte. Das musste Axel sein. Als er mich bemerkte, zog er einen Schlüsselbund aus seiner Jacke und öffnete die Stahltür. »Georg Neumann?«, fragte er und musterte mich wie ein Grenzwachebeamter einen Kleinwagen mit rumänischen Gastarbeitern. »Garstner hat gut über Sie gesprochen.«
»Garstner ist mein Assistent. Wir kennen uns seit fast sechs Jahren«, sagte ich.
Axel zuckte mit den Schultern, dann schnippte er die Zigarette auf den Gehsteig und öffnete das Tor.
Das Pflegeheim bestand aus einem großen, beigefarbenen Hauptgebäude und einer Reihe von Bungalows, in denen die zehnjährigen und älteren Kinder lebten. In der Mitte des Geländes lag ein Spielplatz mit einer Baumhütte, von der Strickleitern und Seile hingen. »Haben Sie das Geld?«, fragte Axel und strich mit der Zunge über seine rissigen Lippen.
Ich zog die fünf grünen Scheine aus der Brusttasche und gab sie dem Pfleger.
»Für mich ist Ihre Anwesenheit ein Risiko«, sagte Axel. »Ich könnte den Job verlieren.« Er lächelte angestrengt.
Für meine Begriffe reagierte Axel überzogen, auch wenn der Fall für das Heim zweifellos unangenehm war. Seit Hannas und Manuels Namen in der Öffentlichkeit zirkulierten, berichteten die Zeitungen regelmäßig über das Mädchen. Anfang des Monats prangte ein Bild von der Kleinen auf dem Cover eines Boulevard-Blattes, acht Monate alt mit schwarzen Haaren, aber es war ein Fake gewesen, wie sich nach einigen Tagen herausgestellt hatte. Die Zeitung hatte ein falsches Foto gehabt.
Ich folgte Axel ins Hauptgebäude. In der Babystation verteilten die Betreuer gerade die Milchfläschchen. Es roch nach Desinfektionsmittel und säuerlichem Babyschweiß. Mich wunderte, dass niemand die Fenster öffnete. Vor den einzelnen Zimmern lagen Berge von Schmutzwäsche. Kinder lagen in ihren Gitterbetten und quengelten.
Axel winkte ins Schwesternzimmer, schlüpfte aus seiner Jacke und begleitete mich in den hinteren Teil der Station. Dort waren die drei- bis sechsjährigen Kinder untergebracht. Vier von ihnen saßen in abgetragenen Sportsachen in einem Aufenthaltsraum und tranken heiße Milch. Sie musterten mich wie einen Außerirdischen. Axel bedeutete mir, mich zu beeilen.
Er führte mich in ein Zimmer mit einem Gitterbett, einem Schrank und einem Waschbecken mit einer Ablage zum Windelwechseln. In dem Bett lag ein kleines Mädchen. Neben dem Bett saß eine junge Frau mit starker Akne und blätterte in einer Illustrierten. Sie verließ unaufgefordert das Zimmer, als Axel einen Stuhl für mich heranzog.
Ohne Platz zu nehmen, beugte ich mich über die Kleine. Kein Zweifel, ich hatte sie schon einmal gesehen. Ich kannte ihre breite, nach oben gekrümmte Nase, die wulstigen, an den Winkeln leicht eingerissenen Lippen und das runde Kinn. Ein Kloß bildete sich in meinem Magen, und ich atmete zweimal tief durch.
»Zufrieden?«, fragte Axel und ließ sich selbst auf den Stuhl fallen.
»Nein«, antwortete ich.
»Nein?« Axel lachte verlegen und kratzte sich mit seinen Wurstfingern am Kinn.
»Ich brauche Fotos von der Kleinen.«
Axel machte große Augen. »Fotos? Kommt nicht infrage. Ich habe es Garstner erklärt. Wenn die irgendwo auftauchen, ist es klar, woher sie stammen.«
»Ich brauche die Fotos trotzdem.«
Axel strich über seine rasierte Glatze. Seine Augen wurden groß, und etwas Unbestimmtes flackerte darin, als ich mein Handy nahm und die Kamera anklickte.
Axel baute sich vor mir auf. »So geht das nicht«, sagte er.
»Warum gehen Sie nicht für drei Minuten auf die Toilette? Wenn Sie zurückkommen, werde ich auf dem Stuhl sitzen und nichts wird passiert sein.«
»Und wenn ich bleibe?« Axel machte einen Schritt auf mich zu.
»Ich möchte mit den Bildern einer alten Frau eine Freude machen«, sagte ich.
Axel kniff die Augen zusammen.
Ich zog einen weiteren Hunderter aus meinem Sakko.
»Drei Minuten«, sagte Axel. »Machen Sie keinen Scheiß, sonst sind Sie dran.«
Anfang April, 2015
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»Wer sind Sie? Sagen Sie mir Ihren Namen. Kommen Sie, ich habe Ihnen nichts getan.«
Stille.
»Sie sehen mich nicht einmal an. Wie alt sind Sie? 22? 23? Hat Ihnen Brandner verboten, mit mir zu sprechen?«
Keine Antwort. Nur das monotone Klicken des Aufzugs bei jedem Stockwerk, an dem er vorbeifuhr.
»Hören Sie, ich komme gerade aus dem Kreißsaal. Wo ist Dr. Brandner, Nikolaus Brandner? Wo ist mein Kind? Meine Tochter. Ich suche meine Tochter.«
Der Aufzug ruckelte. Erdgeschoss, 1. Stock. Hanna zog sich am Seitengitter ihres Bettes hoch und blickte in das Gesicht des Mannes. Spitze Nase. Pferdeschwanz. Zerknittertes Hemd mit einer Zivildiener-Plakette an der Brust. »Sie wird gewaschen. Sie wird gewogen. Mehr ist nicht. Was soll das also? Sagen Sie mir gefälligst, wo meine Tochter ist.«
Der Zivildiener strich eine Strähne aus seinem Gesicht und blickte starr auf den Lageplan neben der Aufzugtür. »Alles Routine«, sagte er. »Alles unter Kontrolle. Beruhigen Sie sich.«
Hanna sank zurück. Bei jeder Bewegung wogte eine Welle des Schmerzes durch ihren Körper. Ihr Unterleib brannte. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Im dritten Stock öffnete sich die Schiebetür und der Zivildiener schob Hanna in ein Doppelzimmer. Er stellte sie auf den Platz neben dem Balkon, nahm die Krankenmappe und ging. Hanna stützte sich auf die Unterarme und sah sich um. Ihre Zimmerkollegin hatte die Decke über den Kopf gezogen. Hanna konnte nur ein braunes Haarknäuel und aufgeklebte Fingernägel erkennen. Am Nachtkästchen der Frau stand ein Orchideenstrauß. Auf der anderen Seite, eine Armeslänge von ihr entfernt, lag ein Neugeborenes in einem roten Gitterbett und strampelte vergnügt.
Während Hanna die walnussgroße Faust des Kindes betrachtete, die sich ungelenk öffnete und schloss, klopfte es an der Tür. Ein Arzt, höchstens ein paar Jahre älter als der Zivildiener, betrat schwungvoll das Zimmer, nahm sich einen Stuhl und schaltete seinen Pieper auf lautlos. »Es dauert noch ein paar Minuten«, sagte er. »Untersuchungen, Frau Mahler, Sie kennen das Prozedere.«
»Welche Untersuchungen?«, fragte Hanna. »Wo ist mein Kind?«
»Nun, Frau Dr. Mahler …« Der Arzt nahm seine Brille ab und polierte die Gläser mit der Innenseite seines Kittels.
»Sparen Sie sich das ›Frau Dr. Mahler‹. Ein Anruf bei der Patientenanwaltschaft und hier ist die Hölle los«, sagte Hanna. Die Aufregung machte sie ganz schwach. Sie hielt sich am Seitengitter fest und schluchzte. »Jeder Küchenpsychologe weiß, dass so ein Verhalten nicht in Ordnung ist. Nicht nach einer Geburt. Nicht gegenüber einer Mutter.«
Die Frau im Nachbarbett regte sich. Sie schlug die Decke zur Seite und holte, offenbar ohne Hanna und den Arzt wahrzunehmen, ihr Neugeborenes zu sich ins Bett.
»Frau Mahler, wir sind keine Idioten.«
»Dann sagen Sie mir, was los ist.«
Der Arzt war für die Jahreszeit braungebrannt und ließ sich offensichtlich die Augenbrauen zupfen. Er holte ein Notizbuch aus seinem Kittel und schlug es dort auf, wo das rote Leseband eingeklemmt war. »Ich habe mir Ihre Ultraschallbilder angesehen.« Kurze Pause. »Sie haben ein Mädchen erwartet, nicht wahr? Eine Tochter.«
Hanna nickte. Hinter ihrer Stirn pochten die Schmerzen. Sie fühlte sich wie nie zuvor in ihrem Leben. Nicht einmal vor der Defensio ihrer Habilitationsthesen war es ihr so schlecht gegangen. »Es ist kein Mädchen«, sagte sie.
Der Arzt klappte das Notizbuch zu.
»Es ist ein Junge«, sagte Hanna.
»Der Frauenarzt hat das Geschlechtsteil auf den Ultraschallbildern übersehen.«
»Ein Junge. Wo ist das Problem?«
»Dr. Brandner wird mit Ihnen sprechen. Er wird in wenigen Minuten da sein.«
»Ich will nicht warten. Ich will den Jungen sehen. Jetzt. Sofort.« Hanna zog sich am Seitengitter hoch. Sie nahm ihre ganze Kraft zusammen, um nicht sofort wieder umzukippen. Als sie aufrecht saß, wurde ihr schwarz vor den Augen.
»Frau Mahler, bitte beruhigen Sie sich. Sie haben eine sechsstündige Geburt hinter sich. Dr. Brandner wird gleich kommen.« Verlegen lächelnd drückte der Arzt Hanna sanft zurück ins Bett.
Als Hanna wieder alleine war, trank sie einen Schluck Früchtetee. Mit der Tasse in der Hand blickte sie aus dem Fenster. Es war ein warmer Frühlingsnachmittag. Die Eichen und Tannen im Park der Semmelweis-Klinik glänzten im Sonnenlicht. Es war still, außergewöhnlich still für so ein großes Krankenhaus.
Eine falsche Bestimmung des Geschlechts kam gelegentlich vor. Hanna wusste das. Meistens handelte es sich um einen unachtsamen Frauenarzt oder um ein veraltetes Ultraschallgerät, das den Innenraum der Gebärmutter unscharf reproduzierte. Es konnte auch passieren, dass das Kind schlecht lag und so das Geschlecht nicht vollständig zu erkennen war.
Aber das alles traf nicht zu. Davon war Hanna überzeugt. Der Frauenarzt war ein Profi mit modernster Ausstattung, den sie seit Jahren konsultierte. Sie selbst hatte sich das Ultraschallbild angesehen. Zuerst in der Praxis und dann noch einmal daheim. Ihr Kind war ein Mädchen.
Im Nachbarbett regte sich das Neugeborene. Es streckte seine Arme und kreischte. Die Mutter legte das Kind an ihre Brust. Hanna beobachtete den Stillvorgang. So in etwa hatte sie sich die Stunden nach der Geburt vorgestellt. Zu zweit im Bett. Sie und das Mädchen ganz nah, so nah, dass sie sich gegenseitig einatmen konnten.
Als das Neugeborene gegenüber seinen Hunger gestillt hatte, schlief es augenblicklich ein. Die Frau legte das Kind in das rote Gitterbett zurück und tapste mit nackten Füßen ins Bad. Duschgeräusche. Der Ventilator brummte.
Seit dem Gespräch mit dem jungen Arzt waren zwanzig Minuten vergangen und Brandner war noch immer nicht da. Mistkerl. Hanna entschloss sich, bei nächster Gelegenheit tatsächlich den Patientenanwalt zu kontaktieren oder gleich den Vorstand der Semmelweis-Klinik. Aber zuvor brauchte sie Informationen über den Zustand ihres Kindes.
Hanna drückte den Notfallknopf am Nachtkästchen. Einmal. Zweimal. Sie wartete. Dreißig Sekunden. Eine Minute. Nichts. Sie setzte sich an den Bettrand und atmete tief ein. Sie schlüpfte in die Krankenhausschuhe und machte sich auf den Weg zur Tür. Langsam. Bedächtig. Mit zur Sicherheit ausgestreckten Armen. Sie schaffte es ohne Schwindelanfall bis zum Waschbecken neben der Tür. Dort machte sie eine Pause. Wehmütig blickte sie zu dem schlafenden Kind. Ein Junge. Wenigstens deutete der blaue Strampler daraufhin. Er hatte dichte, schwarze Haare und eine Boxernase. Seine Hände lagen ruhig auf der Bettdecke.
Hanna schloss die Augen und lehnte den Kopf an die Wand. Sie war zu schwach, um einen klaren Gedanken zu fassen. Ihre Kehle war trocken. Die Beine zitterten. Mit letzter Kraft trat sie auf den Gang. Sie tastete sich an der Mauer entlang und klopfte an die Glastür des Schwesternzimmers. Sie hörte Stimmen. Eine Gänsehaut jagte über ihren Rücken. Ein Telefon läutete. Schritte. Die Tür ging auf. Das bleiche Gesicht einer Mittvierzigerin war das Letzte, das Hanna wahrnahm.
Weißes Licht. Ein Luftzug vom Fenster. Ein Vorhang, der sich aufbauscht.
Schmerzen. Im Kopf. Im Unterleib. Schmerzen. Am Handgelenk. Am Oberkörper.
»Frau Mahler, hören Sie mich? Ich bin Marija. Bitte geben Sie mir Ihren Arm. Keine Sorge, es tut nicht weh.«
Hanna öffnete die Augen. Eine Schwester mit einer Tätowierung am Handgelenk beugte sich über sie. »Ich gebe Ihnen Kochsalzlösung. Sie haben lange geschlafen.«
Hanna stützte sich auf die Ellbogen. »Was?« Sie fühlte einen Verband auf ihrer Stirn. »Wie lange?«
»Sie sind in Ohnmacht gefallen. Gestern.«
»Gestern?«
»Der Arzt kommt gleich.«
Marija hängte die Kochsalzlösung an den Haken über ihrem Bett. Das Bett der zweiten Frau im Zimmer war leer. Im Gitterbett quengelte ihr Junge. Aus dem Bad kamen Duschgeräusche.
»Bitte geben Sie mir mein Kind«, sagte Hanna.
Hanna zeigte auf ihr Nachthemd, das nass war von der austretenden Muttermilch.
»Ich hole eine Pumpe«, sagte Marija.
»Ich will keine Pumpe«, antwortete Hanna. »Ich will mein Kind.«
Brandner kam mit seinen Assistenten zwanzig Minuten später. Unter dem weißen Mantel trug er ein weißes Hemd mit einer roten Krawatte. Er blätterte in Hannas Mappe und erzählt währenddessen seinen Assistenten von Hannas Arbeit in der Embryonenforschung und ihren gemeinsamen Studienjahren an der Universitätsklinik. Er schmeichelte Hanna dabei ein wenig.
»Ich weiß, wer ich bin«, unterbrach ihn Hanna. »Ich kenne meine Geschichte.«
Brandner nestelte an seinem Krawattenknoten. »Schon gut«, sagte er.
Als Ärztin hasste es Hanna, schlechte Nachrichten zu überbringen. Auch deswegen war sie nach dem Studium in die Forschung gegangen. Forschung bedeutete für sie, den Kontakt zu den Patienten auf elegante Weise zu reduzieren. Es gab nur sie und die konzentrierte Sterilität des Labors. Es gab keine schlechten Nachrichten. Es gab nur in Paraffin fixierte Versuchsanordnungen, die keine Schmerzen empfanden.
»Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll«, sagte Brandner. »Noch nie hat so ein Junge in Wien eine Geburt überlebt.«
»Was ist mit meinem Kind?«, schrie Hanna. »Ich will es sehen.«
Brandners Assistenten senkten die Blicke.
»Der Junge liegt auf der Intensivstation«, sagte Brandner. »Die Psychologen meinten, wir sollen noch warten, bis wir ihn dir zeigen. Du weißt ja, wie das ist.«
»Vergiss die Psychologen. Bring mich sofort zu dem Jungen.« Hanna rutschte aus dem Bett. Als ihre Fußsohlen den Boden berührten, musste sie sich am Nachtkästchen festhalten. »Wenn ich mit dir fertig bin, kannst du dir einen Job als Pharmareferent suchen.«
»Wie du meinst.« Brandner schickte die Assistenten ins Schwesternzimmer. »Komm mit«, sagte er, und befestigte Hannas Infusionsbeutel auf einem Ständer.
Mit dem Lift fuhren die beiden ins Erdgeschoss zur Intensivstation für Neugeborene. Brandner öffnete mit einer Karte eine Schiebetür und bat Hanna, ihm zu folgen. Die Intensivstation war ein schmaler Raum mit einer langen Reihe von Brutkästen. Auf einem Mauervorsprung standen dreißig Fläschchenwärmer mit vollen Milchflaschen. Ein EKG-Gerät piepste leise. Hannas Hände zitterten. Sie hatte sich alles so anders vorgestellt. Was passierte hier?
Ganz hinten lag ein Neugeborenes in einem Gitterbett mit einem leeren Namensschild. Am Kopfende stand ein Herzfrequenz-Überwachungsgerät. Von der Decke hing eine höhenverstellbare Halogenlampe, die wohl dazu diente, die Körpertemperatur des Säuglings zu regulieren.
»Dein Sohn«, sagte Brandner.
So lange hatte Hanna auf diesen Augenblick gewartet, nun wagte sie es nicht, näherzutreten. Eine blassrosa Bettdecke. Vier Schläuche, die seitlich aus dem Bett hingen, und eine Infusion für die künstliche Ernährung. Am Namensschild war nichts als eine grau gepunktete Linie. ›Lisa‹ sollte dort stehen.
Monatelang hatte sie mit Manuel über den Namen nachgedacht. Er hatte ausgefallene Namen vorgeschlagen. Naima. Keisha. Tessa. Hanna lehnte solche Namen nicht rundheraus ab. Manche fand sie schön. Aber die Namen sprachen nicht zu ihr. Sie drängten sich nicht auf.
Bei ›Lisa‹ war das anders. Der Name war einfach, aber er erzeugte Bilder eines Alltags, der Hanna an ihre eigene Kindheit erinnerte. Butterbrote, Buntstifte, Hausübungsgutscheine. Geburtstagspartys, Faschingskostüme, Wasserfarbenspritzer. Hannas Vergangenheit und Lisas Zukunft.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Brandner.
Hanna trat an das Gitterbett heran. Der Kopf des Jungen war mit weißem Mullverband verbunden und der Körper war in eine weiße Decke gepackt. Nur das Gesicht lag offen da. Die Haut war rot und an den Wangen von dicken, violetten Adern durchzogen. Die Oberlippe war bis zur Nase gespalten. Die Augen waren geschlossen. Hanna sah, dass sie sich nie öffnen würden. »Er wird sterben«, sagte sie und setzte sich auf einen Hocker neben dem Gitterbett.
Brandner nickte.
»Welche Chromosomenstörung ist es? 13 oder 18?«
»Das klären wir gerade.«
Erst jetzt fiel ihr auf, dass der Kleine keinen Ton von sich gab. Inmitten des Geschreis der Frühgeborenen war ihr Sohn vollkommen still. Er wirkte, als sei er noch gar nicht auf der Welt angekommen. Die anderen Kinder kreischten, bis sie rot anliefen und beinahe an ihrer Angst oder ihrem Schmerz erstickten. Ihr Sohn lag einfach da. Blind. Kraftlos. Mit einem Turban aus tausendundeiner Nacht.
Brandners Pieper ertönte. »Wir reden am Abend«, sagte er. Ehe er ging, drehte er sich noch einmal um. »Der Kleine wird viel Fürsorge brauchen.«
Hanna sah auf. »Fürsorge? Er braucht Infusionen. Er braucht künstliche Ernährung. Er braucht ein Beatmungsgerät. Das nennst du Fürsorge?«
Hanna blieb noch eine Stunde bei ihrem Sohn. Seine Hand war feucht und weich wie Plastilin. Sie blickte abwechselnd vom Gesicht des Kleinen zum Monitor, der seinen Pulsschlag aufzeichnete. Er braucht einen Namen, dachte sie. Ihr fiel ein mittelalterlicher König ein, der für seine geringe Körpergröße in ganz Europa bekannt war. Pippin, sagte sie zu sich selbst. Einen passenderen Namen konnte sie sich nicht vorstellen.
Zu Mittag bat sie Marija, sich bei der kleinsten Veränderung von Pippins Gesundheitszustand bei ihr zu melden. Egal, was von nun an mit dem Jungen geschah, Hanna wollte dabei sein. Das Schlimmste von allem war die Warterei auf der Station gewesen.
Während sie zum Lift ging, fragte sie sich, ob sie Manuel anrufen sollte. Was sollte sie ihm sagen? Wie würde er reagieren? Hanna vermutete, dass er sehr liebevoll sein würde. Er würde sie trösten. Die Vorstellung, dass sie getröstet werden musste, verursachte ein unangenehmes Gefühl in ihrer Magengegend.
In der Station verteilten die Pfleger die Tabletts mit dem Mittagessen. Hanna setzte sich mit einem vegetarischen Menü auf den Balkon. Die Sonne stand hoch am Himmel. Die Tannen im Park warfen kaum Schatten. Hanna kostete ihre Ravioli mit Gorgonzolasauce und verzog das Gesicht. Die Nudeln waren weich und schmeckten nach gekochten Styroporplatten. Nach einem zweiten Bissen legte Hanna das Besteck weg und betrachtete die Tannen. Alles war ihr gleichgültig. Die Schmerzen. Der Durst. Die Sonne. Manuel. Nichts hatte Bedeutung. Die Bilder, die Gedanken, die Wünsche, die Hoffnungen, die Hanna in den vergangenen Tagen und Wochen begleitet hatten, waren weg. Sie fühlte sich leer. Sie empfand nicht einmal Schmerz über Pippins Zustand oder Zuneigung zu ihm, es war eher eine Art ungläubige Verwunderung.
Das ist mein Kind?
Das wird meine Zukunft sein?
Hanna wunderte sich. Über die Tannen, die Sonne, die Autos am Parkplatz. Sie wunderte sich, dass die Welt mit der gleichen unerbittlichen Folgerichtigkeit ihrer Zukunft entgegenstrebte. Ein wahnsinniger, irrer Flug ohne Zwischenstopp, ohne Ziel, mit Passagieren, die starr nach vorne blicken.
Nachdem der Pfleger das Tablett mit ihrem kaum angerührten Mittagessen abgeholt hatte, kontrollierte sie ihre E-Mails. Sie hatte eine Nachricht von Manuels Eltern und eine von Sylvia Bergmann erhalten. Manuels Eltern wussten nichts von der verfrühten Geburt. Sie erkundigten sich nach ihrem Befinden. Bei Sylvia lagen die Dinge komplizierter. Während Hanna am Vortag auf die Rettung gewartet hatte, hatte sie per SMS einen Vortrag und einen Besprechungstermin im AKH abgesagt. Sylvia wusste also von der Geburt. Ihre Mail klang entsprechend aufgeregt. Glückwünsche, Emojis, ein Foto von der Labormannschaft.
Hanna strich sich eine Strähne aus der Stirn. Das Letzte, was sie jetzt wollte, war ein Besuch ihrer Arbeitskollegen. Sie hatte keine Ahnung, was sie in die Mail an Sylvia schreiben sollte. Am liebsten wäre ihr: Lass mich. Aber das würde Sylvia nur neugierig machen.
»Geht’s Ihnen gut?«
Hanna fuhr herum.
Marija. Sie hatte die Ärmel ihres blassblauen Schwesternkleides hochgekrempelt. Das Tattoo an ihrem Handgelenk zeigte eine blaue Rose. »Ich habe etwas für Sie«, sagte sie mit weicher Stimme und gab ihr einen Folder des Kriseninterventionszentrums für Eltern von behinderten Kindern.
Hanna blätterte darin. Sie empfand die darin zelebrierte Kopf-hoch-Haltung als entwürdigend.
»Im dritten Stock finden Sie Frau Dr. Bayer«, sagte Marija. »Sie ist Psychologin. Die Dienstzeiten stehen auf der Rückseite. Reden Sie mit ihr. Es wird Ihnen guttun.«
Psychologie? Hanna hatte eine Abneigung gegen dieses Fach. Es war eine halbe Geisteswissenschaft, ein Hort von schiefen Wahrheiten und kruden Thesen. Schon an der Uni hatte Hanna die Psychologiestudenten belächelt. Meist waren es junge Frauen gewesen, halbe Mädchen, die schon einen ausgeprägten Mutterinstinkt zu haben schienen und bei jedem noch so großen Unsinn, den jemand von sich gab, verständnisvoll nickten.
Hanna brauchte kein Verständnis. Sie hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Sie hatte Pech gehabt. Das war alles.
Nachdem Marija mit einem fürsorglichen Lächeln im Gesicht wieder abgezogen war, überlegte Hanna, was sie Sylvia schreiben sollte. Dabei betrachtete sie den Folder. Die erste Seite zeigte ein Kind mit Trisomie 21. Hanna betrachtete das runde Gesicht mit den schmalen Lippen und den charakteristisch geschwungenen Augen. Pippin würde wohl nie so gesund aussehen. Wenn er tatsächlich Trisomie 13 oder 18 hatte, würde er nicht älter als ein oder zwei Jahre werden.
Hanna starrte auf ihr Handy. Draußen am Gang hörte sie Kindergeschrei. Eine Frau mit Blumen trat aus dem Lift. Ein Pfleger brachte ihr frischen Früchtetee. »Alles ist gut«, schrieb sie. »Alles ist so, wie es sein soll. LG, H.«3
Anfang August, 2015
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Das Nachmittagslicht gab den Dingen eine sanfte Aura. Es nieselte, der Gehsteig war nass. Es roch nach verdampfendem Wasser und feuchtem Gras. Ich ging die Alser Straße hoch zum Gürtel und nahm die U6 zur Burggasse. In der Station kaufte ich ein Falafel-Sandwich und einen Ayran. Ich aß auf meinem Innenhofbalkon, startete mein Notebook und lud die Fotos von der Kleinen aus dem Kinderdorf hoch. Ein 14 Monate altes Mädchen, die Haare braun und noch etwas dünn, die Augen groß und blau.
Ich kontrollierte meine Mails und schrieb Tereza, der Pflegerin meiner Mutter, dass ich heute noch nach München fahren würde, um bei ihrem morgigen Umzug ins Pflegeheim dabei zu sein. Meine Mutter war fast achtzig und wurde langsam senil. Vergangene Woche hatte sie vom Supermarkt, in den sie seit zwanzig Jahren ging, nicht mehr heimgefunden. Da ich nach meinem Medizinstudium gleich die Stelle im Wiener Donauspital bekommen hatte und selten nach München kam, war sie die meiste Zeit auf sich gestellt. Seit drei Jahren kümmerte sich Tereza um das Nötigste, aber die war allmählich auch überfordert.
Die Fahrt nach München dauerte länger als sonst. In Salzburg geriet ich in den Abendverkehr. Erst bei Freilassing löste sich der Stau auf. Kurz nach acht Uhr bog ich in die Wohnsiedlung in Ottobrunn ein. Meine Mutter lebte gegenüber einem Fußballplatz in einem zweistöckigen Haus mit einem drei Meter breiten Grasstreifen als Garten und freiem Blick in das Badezimmer des Nachbarn. Seit dem Tod meines Vaters hatte die Pflege des Gartens stark gelitten. Die Hainbuchenhecken mussten längst geschnitten werden und der Kirschbaum war verwildert.
Im Haus stieg mir ein altbekannter Geruch in die Nase. Mein Vater war Imker gewesen, und zu seiner Arbeit hatte auch das Ausschmelzen der Bienenwaben gehört. Er erledigte diese Säuberungsaktionen jedes Jahr im Oktober immer wochentags, wenn ich in der Schule war, und meine Mutter ihrem Job im Sekretariat der örtlichen Zweigstelle einer Versicherung nachging.
Nichts, und ich meine absolut nichts, roch erbärmlicher als ausgeschmolzene Waben. Als Kind empfand ich den Geruch als ein olfaktorisches Inferno, für das ich mich vor meinen Schulfreunden schämte. Heute wurde ich rührselig, als ich im Vorraum meine Wildlederschuhe abstreifte und diesen Gestank in der Nase hatte. Es hatte wohl etwas mit Nostalgie und meinem schlechten Gewissen gegenüber meiner Mutter zu tun.
»Ich bin’s, Georg«, rief ich, als ich ins Wohnzimmer trat.
Meine Mutter sah sich eine Sendung über die Naturwunder Amerikas im Bayrischen Rundfunk an. Da sie auf meine Begrüßung nicht reagierte, rutschte ich neben ihr auf die Couch und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Mit leeren Augen starrte sie mich an. »Ich bin’s, Georg«, wiederholte ich.
Tereza tauchte in der Küchentür auf und schüttelte den Kopf. »Tagsüber war es gut«, sagte sie. »Wir waren in der Stadt beim Friseur, nicht wahr, Frau Neumann?«
Statt einer Antwort gab meine Mutter ein tiefes Gurgeln von sich. Mit halb offenem Mund starrte sie in eine Dimension jenseits von Raum und Zeit.
»Georg?« Sie sah zwischen Tereza und mir hin und her.
Tereza holte eine Tasse heiße Milch aus der Küche. »Schauen Sie, was ich hier habe«, sagte sie.
Meine Mutter lächelte wie ein fünfjähriges Mädchen vor dem Weihnachtsbaum.
Ich bat Tereza in die Küche. Ich war schockiert über den Zustand meiner Mutter. Bei meinem jüngsten Besuch hatte sie noch viel klarer gewirkt.
»Sie ist aufgeregt wegen Ihres Besuches. Es ist nicht immer so schlimm«, sagte Tereza.
Ich holte mir aus dem Kühlschrank ein kleines Bier und schnippte die Krone in den Mülleimer. »Ist sie noch zu einem normalen Gespräch fähig?«
»Kommt drauf an, was Sie darunter verstehen.«
»Ich habe Fragen.«
»Vielleicht morgen«, sagte Tereza.
Ich sah zum Küchenfenster hinaus. Im Nachbargarten schraubten zwei Burschen mit umgedrehten Baseballkappen an einem Quad. Im Hintergrund lief deutscher Hiphop. »Ich habe ein Foto von Helene«, sagte ich. »Ich will ihr damit eine Freude machen. Soll ich es ihr jetzt zeigen?«
»Schön, dass die Kleine wieder da ist. Der Stress nach der Entführung aus dem Krankenhaus hat Ihre Mutter schwer belastet.«
»Da meine Mutter nicht mehr dazu fähig ist, hat mich die Polizei ersucht, die Vormundschaft für Helene zu übernehmen.«
»Und?«
»Ich habe abgelehnt.«
Tereza kniff die Augen zusammen.
»Ich bin 46 Jahre alt. Ich lebe alleine und habe einen fordernden Beruf.«
Tereza verschränkte die Arme vor der Brust.
»Wo ist überhaupt der Vater?«, fragte ich. »Ist es nicht klüger, den Vater zu suchen, damit er Verantwortung für seine Tochter übernimmt?«
Tereza nickte. »Wenn Sie Ihrer Mutter das Foto zeigen wollen, machen Sie es jetzt. Sie wird sicher bald müde werden.«
Ich trank einen Schluck Bier und holte mein Notebook aus dem Wagen. Als ich zurückkam, blieb ich in der Wohnzimmertür stehen. Die Szene, die sich mir bot, war grotesk. Meine Mutter kniete vor dem Couchtisch, mit dem Gesicht in der Popcornschale, und schaffte es dabei auch noch, laut zu schnarchen. Scheinbar wirkte die Honigmilch auf sie wie ein starkes Sedativ. Tereza versuchte, sie hochzustemmen. »Normalerweise schläft sie um sieben Uhr abends. Routinen sind für sie wichtig. Mit Aufregung wie über Ihren Besuch kann sie schwer umgehen.«
Ich legte mein Notebook auf den Couchtisch und half Tereza, den schlafenden Körper auf die Couch zu heben. Dann zeigte mir Teresa die Untersuchungsergebnisse der vergangenen zwei Wochen und die Medikamente, die meine Mutter täglich nahm.
Während der Fahrt von Wien hierher war ich so auf das Foto von Helene konzentriert gewesen, dass ich mich nicht auf das Verhalten meiner Mutter vorbereitet hatte. Seit Weihnachten hatte ich sie nicht mehr gesehen. Das war fast vier Monate her.
Ich wusste nicht mehr genau, wann ich das Interesse an meiner Mutter verloren hatte. Seit über zehn Jahren lebte ich in Wien und arbeitete als Herz-Thorax-Chirurg im Donauspital. Dazu gehörte eine Sechzig-Stunden-Woche inklusive Wochenend- und Bereitschaftsdiensten. Zwischendurch hatte ich Beziehungen, wovon keine länger als ein Jahr gehalten hatte. Hätte mich meine Mutter nicht jede Woche angerufen, hätten wir uns ganz aus den Augen verloren. Wenn sie anrief, immer sonntags um 18 Uhr, war es stets dasselbe. Wie geht es dir? Was macht der Beruf? Wie ist das Wetter in Wien? Und ganz schlimm: Hast du Kleider für den Winter? Es wird kalt.
Beim Blick auf die schnarchende, mit Medikamenten vollgepumpte Frau wurde mir klar, dass Anrufe dieser Art wohl bald ausbleiben würden. Traurigkeit ergriff mich, eine Sehnsucht nach unserer Sonntagsroutine, nach Fragen, deren Sinn es war, eine Verbindung zwischen zwei einander fremd gewordenen Menschen herzustellen.
Gemeinsam mit Tereza trug ich meine Mutter in den ersten Stock. Alles war wie früher. Die dunkle Holzvertäfelung an der Decke machte das Schlafzimmer bedrohlich. Tereza und ich hievten meine Mutter ins Bett und zogen ihr den Bademantel aus. Sie öffnete die Augen und sah mich an. »Ich weiß schon, wer du bist«, sagte sie.
Es war ein eigenartiges Gefühl, die Nacht in meinem alten Zimmer zu verbringen. An den Wänden hingen Poster von Fußballern aus den 90er-Jahren. Im Schreibtisch fand ich Klassenfotos aus der Realschulzeit und leere CD-Hüllen. Tote Hosen, Bad Religion, H-Blocks. Dazwischen hingen Hiphop-Poster, die meine Halbschwester Miriam aufgehängt hatte. Nachdem ich Ende 1990 nach Wien gegangen war, hatte Miriam das Zimmer bewohnt. Miriam und ich hatten eine eher schwierige Beziehung. Wir hatten kaum Kontakt zueinander. Ich war der große Bruder und sie die Nachzüglerin. Ihre Existenz erinnerte mich immer an den frühen Herztod meines Vaters. Ich war damals erst 17 gewesen, und meine Mutter hatte kurz danach eine Liaison mit einem IT-Spezialisten gehabt, der zunächst nach Irland und von dort nach Cambridge gegangen war und sich weder bei meiner Mutter noch bei seiner Tochter Miriam je wieder gemeldet hatte.
Die Erinnerungen an meine Jugend hielten mich wach. Ich starrte an die Decke und lauschte den Regentropfen, die gegen das Fenster prallten. Um zwei und um vier Uhr morgens schrie meine Mutter und ich hörte Tereza durchs Haus eilen. Ich war froh, dass sie mich nicht um Hilfe bat.
Um sechs Uhr läutete mein Wecker. Beim Frühstück las ich am Handy ein paar Artikel. Um sieben Uhr stand die Sonne über den Dächern der Nachbarhäuser. »Wir müssen um neun im Altenheim sein«, sagte Tereza, die aufgeweckt wirkte, als hätte sie die ganze Nacht durchgeschlafen.
Im Zimmer meiner Mutter waren die Jalousien heruntergelassen. Am Nachtkästchen blinkte das rote Lämpchen des Notfallpiepsers, mit dem meine Mutter Tereza zu sich rufen konnte. Ein süßlicher Uringeruch hing in der Luft.
Tereza schaltete das Licht an und klatschte in die Hände. »Guten Morgen«, sagte sie. »Heute ist Ihr großer Tag.«
Meine Mutter gähnte. Meine Anwesenheit verwirrte sie offenbar. Sie griff nach Terezas Hand und zeigte auf mich.
»Er ist gestern gekommen«, sagte Tereza.
Wir machten sie zu zweit für den Tag fertig. Tereza kämmte ihre Haare, steckte sie in einen dunkelbraunen Hosenanzug und schminkte ihre Wangen. Während sie in der Küche mit zittrigen Fingern ein Rührei mit Toastbrot aß, holte ich mein Notebook. »Mama«, sagte ich und sah zu Tereza, die den Geschirrspüler einräumte. »Ich habe ein Foto hier, das ich dir zeigen möchte.«
»Von mir?«
»Nein. Von Miriams Tochter.«
»Miriam«, antwortete meine Mutter. »Miriam ist tot.«
Die Worte kamen mit kindlicher Naivität über ihre Lippen. Meine Mutter erinnerte mich an eine Fünfjährige, die ein ernstes Gespräch über Weihnachten führen wollte. Ich trank einen Schluck Orangensaft. »Miriam ist nicht tot«, sagte ich.
Meine Mutter sah zu Tereza. »Es hat ein Feuer gegeben«, sagte sie zu ihr.
Es wurde still im Raum. Meine Mutter rührte mit dem Löffel in ihrer Kaffeetasse. Tereza schaltete den Geschirrspüler ein und holte das Gepäck aus dem ersten Stock.
Ich rutschte mit dem Notebook näher an meine Mutter heran und öffnete den Ordner mit den Fotos aus dem Kinderheim in Strebersdorf. »Kennst du die Kleine?«
Meine Mutter strich mit zwei Fingern über das Gesicht des Mädchens am Bildschirm und flüsterte dabei etwas Unverständliches.
»Jetzt hast du sie wieder«, sagte ich. »Freut dich das?«
Keine Antwort. Nur der Anflug eines Nickens. Tereza kam wieder in die Küche und setzte sich zu uns. Sie tippte auf ihr Handgelenk. Wir waren schon spät dran.
»Männer in Uniformen waren da«, sagte meine Mutter.
»Das waren Polizisten«, antwortete ich.
Meine Mutter sah Tereza an. »Miriam ist nicht tot«, sagte sie.
Tereza legte ihre Hand auf die Schulter meiner Mutter und machte beruhigende Zischlaute.
»Helene ist wieder da« sagte ich. »Zurzeit liegt sie in einem Wiener Kinderheim. Sonst geht es ihr gut.«
Meine Mutter reagierte nicht. Egal, was ich versuchte, ich drang nicht zu ihr durch.
»Miriam ist nicht tot«, sagte sie noch einmal zu Tereza.
Ich tippte auf den Bildschirm. »Schau her! Schau sie dir an! Sie ist richtig hübsch.«
Meine Mutter schnappte nach Luft. Tereza gab mir ein Zeichen, mich zurückzuhalten. Sie legte meiner Mutter eine Trainingsjacke über die Schultern und begleitete sie in den Garten. »Wir warten draußen. Georg bringt die Koffer in den Wagen. Dann fahren wir.«
Meine Mutter blinzelte verblüfft, sagte aber nichts.
Ottobrunn hatte ein eigenes Altenheim, das drei Straßen weiter zwischen einem Gasthaus und dem örtlichen Fußballplatz lag. Wir mussten also nicht weit fahren.
Eine Hilfspflegerin und eine Stationsschwester empfingen uns. Die beiden Frauen halfen meiner Mutter aus dem Wagen und begleiteten sie zu ihrem Zimmer mit Blick auf den Fußballplatz. Alles war vorbereitet. Ich musste nur noch ein Formular unterschreiben, dann war die Sache erledigt. Meine Mutter war im Heim und Tereza war arbeitslos. Zum Abschied küsste sie meine Mutter auf die Stirn und hinterließ ihre Nummer bei der Stationsschwester. »Damit sich Frau Neumann bei mir melden kann, wenn sie etwas braucht.«
Meine Mutter ließ alles teilnahmslos über sich ergehen. Sie war offenbar froh, als sie sich in ihrem Zimmer ins Bett legen konnte. Ich setzte mich an den Bettrand. Ich war in sentimentalen Situationen nie gut gewesen. Auch jetzt wusste ich nicht, wie ich mich verhalten sollte. »Ich komme bald wieder«, sagte ich.
Meine Mutter schluckte geräuschvoll. »Das Mädchen …«, sagte sie.
»Sie ist deine Enkelin«, sagte ich. »Ich will nicht, dass sie in einem Heim oder bei Fremden aufwächst.«
»Wann fahren wir wieder nach Hause?«, fragte sie.
Ich schaltete die kleine Stereoanlage an und legte eine von Terezas Entspannungs-CDs ein. Als der Klang einer Panflöte ertönte, sank meine Mutter tiefer in den Polster. »Warum hat Miriam diese Medikamente genommen?«, fragte sie. Sie wirkte auf einmal fast klar.
»Es gehörte zu ihrem Beruf«, antwortete ich.
Am nächsten Tag fuhr ich nach Hamburg zur Asklepios Klinik im Stadtteil Altona. Da ich gegen fünf Uhr morgens aus Ottobrunn losfuhr, kam ich gut voran und brauchte für die Strecke quer durch Deutschland nicht länger als sechs Stunden. Miriam lag seit 15 Monaten auf der Intensivstation der Klinik. Ich hatte sie zuletzt kurz nach ihrer Einlieferung besucht, nach dem Brand in ihrer Wohnung in Norderstedt.
Gegen 11.30 Uhr nahm ich eine Ausfahrt von der Stadtautobahn, die direkt in die Tiefgarage des Krankenhauses führte. Ich folgte einer grünen Linie in den Trakt C mit der Intensivstation. Dort servierten die Stationshelfer gerade das Essen. Da die meisten Patienten nicht bei Bewusstsein waren, kamen sie mit einem Wagen aus.
Ich klopfte an der Glastür der Schwesternstation und sah mich um. Die Asklepios Klinik hatte eine ziemlich große Intensivstation, zumindest war sie größer als jene des Donauspitals in Wien. Es gab einen Akutraum mit zwanzig Betten und 10 bis 15 Einzelzimmer. Als niemand reagierte, trat ich in den Aufenthaltsraum des Personals. Die Spüle war voll mit Kaffeetassen und Kuchentellern. Auf einem Tisch stand eine leere Sektflasche. Ich drückte die Notfalltaste, mit der Schwestern einen Arzt oder die Oberschwester rufen können, und wartete draußen am Gang. Eine Frau mittleren Alters kam, und als sie im Schwesternzimmer niemanden vorfand, sah sie mich misstrauisch an. »Haben Sie gedrückt?«
Ich tat ahnungslos. »Mein Name ist Georg Neumann«, sagte ich.
Ihr Misstrauen blieb. »Sie sind wegen Miriam Neumann hier?«
»Ich bin ihr Halbbruder«, sagte ich.
Die Schwester ließ ihren Blick von meinem Scheitel bis zu den Fußspitzen schweifen. Sie wirkte wie die weibliche Karikatur eines SS-Mannes: dünne, zusammengepresste Lippen, farblose Augen und der brutale Blick eines Kampfhundes.
»Ständig kommen Menschen, die sich als Verwandte von Frau Neumann ausgeben. Onkel, Cousins, Großväter. Halbbruder ist neu, Halbbruder, das gefällt mir. Haben Sie einen Ausweis?«
»Was soll das werden?«
»Vergangene Woche waren vier Typen da, die sich in Frau Neumanns Zimmer einschleichen wollten, um Fotos zu machen. Ohne Ausweis können Sie es vergessen. Ich bin hier die Pflegedienstleiterin.«
Ich reichte ihr meinen Führerschein. Sie entspannte sich etwas, als sie meinen Namen las. »Ich heiße Christina und ich kümmere mich seit einem halben Jahr um Miriam«, sagte sie. »Ich habe sie gleich bei ihrer Einlieferung erkannt. Mir war klar, dass sie eine besondere Patientin sein würde.«
Ich betrachtete ihre durchtrainierte Figur. Ein typisches Opfer, dachte ich.
»Ich habe ihren Channel abonniert und habe mir alle ihre Videos angesehen«, sagte Christina.
Christina ging voraus zum Zimmer 17. Drinnen stand ein Bett im Halbdunkel. Miriam war intubiert und hing an einem Beatmungsgerät, das gleichzeitig ihre Herzwerte maß. Sie lag in einem oben offenen Glaskasten, mit elektronisch gesteuerter Matratzenheizung, um ihre Körpertemperatur stabil zu halten.
Als ich an den Glaskasten herantrat, fielen mir als Erstes Miriams dürre Oberarme auf. Sie waren kaum dicker als ein Stuhlbein oder der Griff eines Tennisschlägers. Der Anblick schockierte mich. Miriams Oberarme waren früher besonders stark gewesen. Auf YouTube gab es unzählige Bizeps- und Trizeps-Trainingsvideos von ihr. Durch das Koma hatte sie den Großteil ihrer Muskelmasse verloren, denn nach einem Monat ohne Training beginnt bei einem gesunden Menschen der Muskelabbau.
»Wie schön sie früher war«, sagte Christina. »Es ist ein Jammer.«
»Ja«, antwortete ich, »sei du selbst …«
»… und dann sei ein Stück besser«, vervollständigte sie Miriams Slogan.
Christina strich die Bettdecke glatt und kontrollierte die Tropfgeschwindigkeit der Kochsalzlösung. »Ich hab mir dieses Fitness-Chick-Programm gekauft, Sie wissen schon, diesen Ganzkörperplan mit Ernährungsberatung und allem. Wegen meiner unregelmäßigen Arbeitszeiten hatte ich nicht den Erfolg, den Miriam mir versprochen hatte.«
Christina umrundete das Bett und öffnete das Fenster. Draußen ertönte vom nahegelegenen Hafen das Nebelhorn eines Frachters. Christinas Haare waren strähnig und trocken, ihre Haut zeigte Akne-Narben. Das perfekte Zielobjekt für Miriams Marketingstrategien, dachte ich. Miriam hatte mehr als 100.000 Follower auf Instagram, 80.000 auf YouTube und knapp 150.000 Freunde auf Facebook. Sie hatte ihnen mit Videos und Fotos gezeigt, wie sie im Fitnessstudio ihren Körper in Form bringen konnten.
Sei du selbst und dann sei ein Stück besser. Miriams Slogan stand auf Stringers, Sporthöschen und Eiweißpräparaten. Mehrere Sportbekleidungsfirmen sponserten sie, sie hatte ihre eigene Modelinie namens Squat-Chicks 4 Life und war Stammgast in TV-Shows. Von Wien aus hatte ich lange nicht mitbekommen, wie erfolgreich Miriam mit ihrem Fitness-Business war. Erst als Tereza bei einem Telefonat darauf hingewiesen hatte, dass meine 25-jährige Halbschwester nun ihr Gehalt übernehmen wolle, war ich stutzig geworden. Ich sah mir ihre Homepage an und staunte nicht schlecht, als ich jede Menge Softporno-Fitness-Bilder entdeckte.4
»Wir haben acht Mal versucht, Frau Neumann vom Beatmungsgerät zu nehmen«, sagte Christina. »Jedes Mal hatte sie fast einen Lungeninfarkt. Die Lungen sind durch das Rauchgas dermaßen zerstört, dass sie nicht eigenständig atmen kann.«
Ich blätterte durch die Patientenmappe. Die meisten Dokumente kannte ich, da mir die behandelnden Ärzte regelmäßig E-Mails mit den Untersuchungsergebnissen zusandten.
»Ich verstehe nicht, warum sie so viel Valium genommen hat«, sagte Christina. »Sie war doch natural. Wer keine amerikanischen Booster nimmt, braucht doch kein Valium, um herunterzukommen.«
»Niemand von diesen YouTube-Bodybuildern ist natural«, sagte ich. »Miriam hatte sechs Jahre trainiert. Sie hatte 67 kg und einen Körperfettanteil von 19 Prozent. Zumindest steht das auf ihrer Homepage. Für eine Frau ist das verflucht gut. Natural ist das in diesem Zeitraum nicht zu erreichen.«
»Sie hat also gelogen«, sagte Christina und klopfte mit den Fingern auf Miriams Patientenmappe.
»Natural ist ein schwieriger Begriff«, sagte ich. »Nahrungsergänzungsmittel wie Kreatin, BCAA-Eiweiß-Pulver sind in jedem Fitnessshop legal zu haben. Ist jemand, der sie nimmt, natural?«
»Eiweiß-Pulver?« Christina lachte. Sie setzte sich an den Esstisch beim Fenster und ließ einen Apfel über die Tischplatte rollen. »Wegen Eiweiß-Pulver hat sie sicher nicht zu Valium gegriffen. Sie sind Arzt?«
»Wien. Donauspital«, antwortete ich. »Herz-Thorax-Chirurgie.«
Christina wischte den Apfel am Tischtuch ab und biss ab.
»Ein Typ, der sie besucht, meinte, Miriam sei super natty gewesen.«
»Super natty?«
»Das sagen sie in der Szene für total natural.«
»Wer ist der Typ? Einer von den angeblichen Brüdern und Neffen?«
»Er scheint wirklich zu ihr zu gehören.«
»Warum wollen eigentlich so viele Leute Miriam besuchen? Sie war bekannt, okay, aber sie war kein Filmstar.«
»Kennen Sie sich mit der YouTube-Fitness-Szene aus? Es gibt Athleten und Kommentatoren. Es gibt Kritiker und Fitness-Journalisten. Es gibt eigene Talkshows von YouTubern mit YouTubern über ihre Helden. Es hört sich irre an, aber irgendein YouTuber hat behauptet, Miriam liege nicht im Koma, sondern sei kerngesund. Das hat scheinbar eingeschlagen. Er bekam Klicks. Er machte eine richtige Verschwörungstheorie-Doku mit Leuten, die Miriam in ihrem Homegym gesehen haben wollen.«
»Meine Schwester ist also ein Fitness-Elvis«, sagte ich.
»So in etwa«, antwortete Christina und biss wieder in den Apfel. »Die Leute wollten sich überzeugen, ob sie wirklich auf unserer Station liegt. Inzwischen sollte sich die Wahrheit herumgesprochen haben, aber ein paar Idioten haben es immer noch nicht kapiert.«
»Wer ist der Typ, der wirklich zu ihr zu gehören scheint?«
»Zum ersten Mal besuchte er sie gleich nach der Aufnahme. Er war bei ihr im Zimmer und hat keine Probleme gemacht. Er hat nie gesagt, in welchem Verhältnis er zu Miriam steht. Anfangs haben wir danach auch nicht gefragt. Es war seine Idee, Helene von der Säuglingsstation zu holen und sie für ein paar Stunden neben Miriam zu legen.«
Das Gerät zur Überwachung von Miriams Herzrhythmus piepste. Am Gang hörte ich Männer lachen. »Meinen Sie, dass er Helenes Vater ist?«
Ihr Misstrauen kehrte zurück. »Warum interessiert Sie das? Sie waren sechs Monate lang nicht da, und jetzt stellen Sie mir Fragen, auf die Sie die Antworten selbst kennen müssten?«
Ich hatte keine Lust, unsere Familienangelegenheiten mit einer fremden Pflegedienstleiterin zu besprechen. »Ich habe einiges versäumt«, sagte ich deshalb nur.
»Miriams ganze Familie hat sich rar gemacht. Ihre Mutter ist angeblich zu alt, Vater hat sie anscheinend keinen, aber das wissen Sie ja wohl. Der Typ, der sie immer besucht, ist um einige Jahre jünger als Miriam. Ich weiß nicht, wie er zu ihr steht, aber ich glaube nicht, dass er Helenes Vater ist.«
»Haben Sie seine Adresse?«
»Wir fragen im Normalfall, und damals war das noch ein Normalfall, Besucher nicht nach ihrem Namen. Sie kommen. Sie gehen. Mehr ist nicht.«
»Wie sieht er aus?«
»Er ist auch ein Fitness-Typ. Er trägt meistens einen Kapuzenpullover von einem bekannten Hamburger Fitnessstudio. Backyardgym.«
»Sonst noch etwas?«
»Es geht um Helene?«, fragte sie.
Ich nickte.
»Gut. Lassen Sie mich nachdenken. Er hat ein Tattoo am Unterarm. Das hat ja schon fast jeder. Seines ist rot. Vielleicht hilft Ihnen das.«
Ich gab Christina meine Karte. »Ich würde den jungen Mann gerne kennenlernen«, sagte ich. »Rufen Sie mich an, wenn er da ist?«
Ich blickte in Miriams eingefallenes, von dunkelblauen Äderchen durchzogenes Gesicht.
»Soll ich Sie alleine lassen?«, fragte Christina.
Gleich darauf rastete die Tür ein. Ich wartete noch ein paar Minuten. Dann gab ich ihr einen Kuss auf die Stirn und ging ebenfalls.
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