Kitabı oku: «Die Anatomie des Schicksals»

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Johannes Huber:

Die Anatomie des Schicksals

Alle Rechte vorbehalten

© 2019 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover und Gestaltung: Isabella Starowicz

Lektorat: Thomas Schrems

ISBN 978-3-99001-360-1

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

»Ich habe das Gestern gesehen,

ich kenne das Morgen.«

(Inschrift am Totenschrein

Tut-anch-Amuns)

Inhalt

Was Sie erwartet

Das Wunder des wandelbaren Schicksals

Es sind nicht die Gene

Das Substrat des Schicksals

Das magische Immunsystem

Die Stunde Null des Schicksals

Die Prägung des Embryos

Die schicksalhaften ersten Monate

Schicksalsmacht Pubertät

Unser Gesicht sagt alles

Was können wir tun?

Was Sie erwartet

Claudia, Pressesprecherin meines Verlages, erinnert sich an Kaffeelöffel in der Küchenlade ihrer Mutter, auf denen die Initialien F. E. standen. Manchmal fragte sie sich, wem die gehörten, aber die Antwort darauf war ihr dann auch wieder nicht wichtig genug, um sich bei ihren Eltern danach zu erkundigen.

Schließlich interessierte sich Claudia als Kind für ganz andere Dinge als für Küchenutensilien. Vor allem für Jazzdance. Sie belegte Kurse, ohne dass ihre Eltern sie extra dazu ermutigen mussten. Später ging sie zum Ballett, und als sie von einem besseren Kurs hörte, der weiter entfernt war, wollte sie da hin.

Die Familie hatte nur ein Auto, mit dem der Vater beruflich unterwegs war, und Claudia hatte noch einen kleinen Bruder, weshalb ihre Mutter zögerte. »Wenn du in diesen Kurs willst, musst du zu Fuß gehen«, sagte sie. Claudia war das egal. Einmal die Woche ging sie unbekümmert die drei Kilometer hin und wieder zurück.

Nach ihrem Studium der Verlagswissenschaften in Rom arbeitete die frisch gebackene Dottoressa eine Weile bei einem Medienunternehmen in Dublin, doch nach einem halben Jahr gab sie den Job wieder auf. Einer der Gründe: Sie konnte dort nicht tanzen. Die wenigen Angebote, die es gab, waren teuer. Es war kein Drama für sie, aber da fehlte etwas. Tanzen gehörte einfach zu ihr.

Als sie nach Wien kam, entdeckte sie, den Traditionen der Stadt entsprechend, den Paartanz für sich. Und natürlich weiß sie längst, was die Initialen F. E. bedeuten, die sie mit der Zeit nicht nur auf Kaffeelöffeln, sondern auch auf allem möglichen Besteck und Geschirr im elterlichen Haushalt entdeckte. Es waren die Initialien der Wienerin Fanny Elßler, die von 1810 bis 1884 lebte und als Tänzerin Weltruhm erlangte. Sie war eine Vorfahrin Claudias in der mütterlichen Linie.

Gene?

Eher nicht.

In diesem Buch werden Sie erfahren, dass Ihrem Schicksal, das Sie bisher vielleicht für gottgegeben oder vom Zufall oder Ihren Genen bestimmt hielten, biologische Prozesse zugrunde liegen. Prozesse, die moderne Wissenschaften wie die evolutionäre Entwicklungsbiologie zunehmend erforschen, und die Ihr Bild von sich selbst, von Ihren Mitmenschen und von ganzen Gesellschaften und Kulturen verändern werden.

Sie werden zum Beispiel lesen, dass es schicksalhaft prägend für Sie war, was Ihre Vorfahren, auch solche, die Sie nie kennengelernt haben, so den ganzen Tag getrieben haben, wie sie gelebt, gedacht und gefühlt haben. Dass Ihre Eltern vielleicht Mut oder auch Angst auf Sie übertragen haben. Sie werden verstehen, warum manche Kinder als kleine Sonnenscheine zur Welt kommen, während andere vom ersten Tag an in sich gekehrt sind. Sie werden sehen, welche Rolle dabei die Umwelt spielt, warum Liebe stärker ist als die DNA oder wie, medizinisch gesehen, Gedanken zu Worten, Worte zu Taten und Taten zu Schicksal werden.

Sie werden auch einen Eindruck davon bekommen, warum es, nüchtern biologisch betrachtet, über Ihr eigenes Leben hinaus wirkt und Wellen in der Zukunft schlägt, wenn Sie an sich arbeiten. Und sie werden eine naturwissenschaftliche Erklärung für das Phänomen lesen, das der Volksmund als »Fluch« kennt: Es ist tatsächlich möglich, dass etwas, das aus der Vergangenheit kommt, durch Ihr Leben spukt.

Sie werden dabei erkennen, dass Ihr Schicksal niemals festgelegt ist, dass immer alles in Bewegung ist, in Entwicklung, und dass Sie diese Entwicklung zu Ihrem eigenen Vorteil und zu dem Ihrer Kinder beeinflussen können.

Ich glaube und hoffe, dass Sie wie ich das Bedürfnis haben werden, dieses Wissen an andere weiterzugeben. Denn es zeigt auf naturwissenschaftlicher Ebene, wie wichtig unser Respekt vor der Natur, vor unseren Mitmenschen und vor uns selbst wirklich ist, und macht mit revolutionären neuen Einblicken in das Wesen Mensch toleranter gegenüber der Vielfalt dessen, was Menschsein bedeuten kann.

Johannes Huber

Oktober 2019

Das Wunder des wandelbaren Schicksals

Wir sehen den Planeten von oben, aus dem Weltraum.

Ein blauer Ball, umgeben von der Schwärze des Kosmos. Alles wirkt vertraut. Der Ozean, die Kontinente, orangerote und ockerfarbene Erdmassive. Wolkenströme, die wie watteweiße Schlieren über das saphirblaue Meer ziehen. Deutlich erkennbare Wetterphänomene. Der Planet hat eine Atmosphäre. Das Klima ist angenehm mild. Jemand könnte hier wandern oder segeln, am Strand liegen und ein Buch lesen oder nachts hinaufschauen und die Sterne zählen. Dort glitzern Millionen Solitäre auf schwarzem Samt. Die Luft ist rein und frisch in dieser Welt. Fantastisch klar.

Der Planet ist nicht die Erde.

Es ist die Venus.

Vor zwei Milliarden Jahren.

Michael Way und seine Kollegen vom Goddard Institute of Space Studies bei der NASA rekonstruierten das Bild in einer Klimasimulation, ausgehend von den Daten der Pioneer-Sonde und der Magellan-Mission. Wasser, Berge, Seen, ein globaler Ozean. Die paradiesischen Bedingungen lassen vermuten, dass es damals auch Leben auf der Venus gegeben hat.

Und dann, vor 750 Millionen Jahren und ein paar Tagen, war es aus.

Die Venus verwandelte sich in einen Höllenplaneten mit extrem dichter Kohlendioxid-Atmosphäre und einer durchschnittlichen Temperatur von plus 460 Grad. Dort wandert, segelt oder liegt es sich nicht mehr so fein am Strand. Jemand würde verbrennen, er man erstickt oder auch nur einen Stern am Nachthimmel gezählt hat. Touristen verdampfen nicht gerne, wenn sie eine Woche all-inclusive gebucht haben.

Als interstellares Prachtexemplar musste die Venus ihre Vormachtstellung aufgeben, und ein anderer Stern in unserem Sonnensystem übernahm dieses Los. Die Erde.

Das zeigt, wie ausgeliefert wir kosmischen Entwicklungen, wie machtlos wir ihnen gegenüber sind. Das Schicksal hat so entschieden. Oder ein Weltenbaumeister, der sich architektonisch neu orientieren wollte. Der seinen Fokus auf etwas anderes gerichtet hat. Glück für uns, Pech für die Venus.

Nehmen wir die Dinosaurier. Millionen von Jahren herrschten sie über die Erde. Vor rund 65 Millionen Jahren kam ihr Schicksal in Form eines Asteroiden, der im Golf von Mexiko niederging. Sein Einschlag änderte das Klima weltweit, es wurde eiskalt auf der Erde, ein Massensterben unter Dinosauriern und zahlreichen anderen Arten begann.

Dinge entstehen, Dinge vergehen. Planeten wie auch Lebewesen. Der Kreislauf der Dinge. Das Schicksal, möchte man meinen, sei gnadenlos, willkürlich und unerbittlich. In Wahrheit gibt es zwei verschiedene Arten davon.

Entweder unabwendbar. Oder veränderbar.

Das heißt, es gibt Schicksalsschläge, vor denen können wir uns nicht schützen, die kommen wie eine Axt, krachen mitten ins Leben hinein, unausweichlich treffen sie uns, es gibt kein Entrinnen. Und es gibt hausgemachte Schicksale, die wir in die Hand nehmen können, die sich sehr wohl ändern lassen.

Schicksalhaft der Kategorie Unausweichlich war der Untergang der Venus. Einst blühender Planet, dann, am Ende ihres Lebenszyklus, hat sich alles verändert. Als Mensch bleibt einem nur der staunende Blick durchs Fernrohr.

Aber da ist auch dieses andere Schicksal, das wandelbare.

Es gibt Dinge, die können wir formen, die entwickeln sich, und sie lassen sich begleiten. Wir können sie im Voraus in die richtige Spur bringen, sie lenken und auf ein gutes Fundament stellen.

Das ist die gute Nachricht.

Eine tröstliche Erkenntnis.

Eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Der Mensch kann das Ruder übernehmen, das Ziel neu definieren und die Reiseroute bestimmen. Es funktioniert, und dieses Buch wird zeigen, was dazu beitragen kann. Wie nicht nur das Schicksal uns einen Wink geben kann, sondern auch wir ihm.

Das ist der Unterschied zwischen Aktiv und Passiv. Warten auf bessere Zeiten oder einen Weg dorthin suchen und losgehen. Hoffen, dass alles gut geht, oder selbst etwas dazu tun. Das Wissen, das wir dazu brauchen, ist da, immer mehr davon bringt die moderne Wissenschaft ans Tageslicht. Der Damm ist bereits gebrochen, die Forschung arbeitet im Akkord. Je mehr Zusammenhänge sie versteht, desto öfter können wir dem Schicksal auf die Finger klopfen, ihm Schnippchen schlagen. Einfach nur, weil wir mehr wissen und früher eingreifen können. Sehr viel früher.

Schicksale sind keine Momentaufnahmen. Sie entwickeln sich stetig, laufend, langsam und schon lange vor unserer Zeugung. Mit Myriaden Möglichkeiten, hierhin abzuzweigen oder dorthin wegzudriften. Mehrdimensionale Verschiebungen, parallele Verwerfungen, unendlich viele Möglichkeiten, bis einem schummrig wird vor Augen. Weil jede Frage zehn weitere Fragen aufwirft. Wenn das passiert ist, muss dann nicht jenes eintreten? Und wenn jenes eintritt, muss dann nicht dieses stattfinden? Und wenn dieses stattfindet, ist dann nicht alles ganz anders? Ein Webteppich unendlicher Verknüpfungen.

Zeit ist eine Variable. Sie existiert für uns nur als Richtschnur. Während sich das Jetzt zum nächsten Jetzt wandelt. Und sich gleich wieder ein neues Jetzt materialisiert.

Die schwindende Macht des Schicksals

Schicksale sind Konsequenzen scheinbarer Bedeutungslosigkeiten. Und das über Generationen hinweg. Sie entwickeln sich in einem großen holistischen System, das bei unseren Eltern beginnt, über unser adultes Leben führt und bis in unseren Tod hinein wirkt, sogar darüber hinaus. Ein Baukasten der Ewigkeit.

Wir tun gut daran, das Schicksal nicht an einzelnen Punkten festzumachen, sondern zu beobachten, wie sich alles entwickelt. Das Schicksal bereitet sich vor. Langsam, als läge es auf der Lauer. Das Schicksal bereitet sich immer vor.

Letzten Endes durch das, was wir tun. Das ist ein wichtiger Grundgedanke dieses Buches.

Dennoch müssen wir zunächst den Begriff Schicksal klären, was eine Geschichtsbetrachtung erfordert: Was war früher das Schicksal? Oder: Was haben die Menschen früher als Schicksal gesehen?

Aus dem Blick eines Mediziners lässt sich das an vielen Beispielen zeigen. Denn für die Betroffenen sind Schicksalsschläge meistens Attacken gegen die Gesundheit, schwere Erkrankungen, der Tod. So sehen es die Menschen. Die Wissenschaft aber hat in dieser zweiten Gruppe der Schicksale, in jener mit den veränderbaren, vieles getan, um das Schicksal zu verbessern. Um es abzufedern und aus Schicksalsschlägen wieder Normalität zu machen. Heilung durch die Medizin.

Gehen wir einmal zurück im Kalender der Jahrhunderte. Wir halten im Mai 1349, als in Florenz die Pest zu wüten begann.

Schicksal.

Die Menschen starben, oder sie starben nicht. Im Mittelalter war die Pest eine Geißel des Schicksals. Todbringend, unwiderruflich.

Und dann eliminierte die Wissenschaft dieses Schicksal. Es war nicht länger unwiderruflich todbringend. Heute muss niemand mehr an der Pest sterben. Weil die Medizin die Möglichkeit geschaffen hat, dieses Schicksal zu verändern. Einzugreifen. Mit völlig neuem Wissen eine Alternative zu schaffen, wo keine war.

So ist es auch heute. Es gibt völlig neues Wissen. Was wir eben noch für Schicksal hielten, ist es nicht mehr.

Ein Stichwort ist die evolutionäre Entwicklungsbiologie, Evo-Devo genannt. Sie hat bahnbrechende Erkenntnisse gewonnen, auf die ich im Laufe des Buches noch genau eingehen werde. Sie zeigt: Die Umwelt hat anscheinend mehr Einfluss auf die Entwicklung von Lebewesen als die Gene selbst. Das heißt: Unsere Umwelt bestimmt stärker über unser Leben als unsere Gene. Was faszinierende Möglichkeiten eröffnet, unser Schicksal in die Hand zu nehmen. Denn unsere Umwelt können wir gestalten.

Ein anderes Stichwort lautet microRNA. Sie ist eine Variante der herkömmlichen RNA, also der Ribonukleinsäure. Sie ist an der so genannten Genexpression beteiligt, kann also gewisse Eigenschaften der Gene ein- oder ausschalten. Das neue Wissen darüber hat zu einem ganz neuen Bild von praktisch allem geführt.

Wir haben heute ein ganz anderes Verständnis für astrophysikalische Abläufe. Früher wussten wir nichts über den Kometeneinschlag vor 65 Millionen Jahren, der die Dinosaurier ausgerottet und die ganze Erde schicksalhaft verändert hat. Biochemische Veränderungen, wahrscheinlich rund um die microRNA, mit der wir uns noch beschäftigen werden, führten damals bei vielen Spezies, vor allem bei den Säugern dazu, dass sie sich den Klimaveränderungen anpassen konnten, und zwar besser als die Reptilien und Saurier. Dadurch kam es zu einer explosionsartigen Verbreitung der Kleinsäuger. Zu den Lebewesen, die wir heute sind.

Willkommen unter uns, im Übrigen.

Leben ist Veränderung und Veränderung ist Schicksal.

Weiterentwicklung verändert den Lauf der Dinge. Wissenschaft ist Evolution, und Evolution gibt dem Schicksal einen anderen Drall mit etwas mehr Effekt. Die Pest ist besiegt. Die Wissenschaft hat das Ringen mit diesem Tod gewonnen.

Ebenso wie mit dem Tod durch das Kindbettfieber. Auch hier war es früher die Unwissenheit, die zur Schicksalsfrage für unzählige Frauen wurde. Wo werde ich entbinden? Ja, das war in Wien einmal die alles entscheidende Frage, so einfach konnte es sich das Schicksal machen.

Denn es gab nur zwei Möglichkeiten: die erste oder die zweite Frauenklinik. Die Antwort entschied über Leben und Sterben. Wenn Frauen auf der ersten Frauenklinik entbanden, war ihr Risiko groß, dem Kindbettfieber zu verfallen. Der Tod kam auf diese Weise damals schicksalhaft. Wenn sie ihr Kind auf der zweiten Frauenklinik bekamen, dort, wo es keine Studenten gab, die vor ihrer Assistenz bei einer Geburt Leichen seziert hatten, dann waren sie gerettet.

Auch dieses Schicksal ist heute von der Wissenschaft eliminiert. Früher war es tragisch und praktisch unbeeinflussbar. Denn in welche Klinik eine Frau kam, entschied bloß das Datum. An geraden Tagen kamen die Schwangeren in die zweite und an ungeraden in die erste Klinik. Manche Frauen unternahmen selbst in den schlimmsten Wehen noch alles, um die Geburt den einen, lebenswichtigen Tag hinauszuzögern. Nummer zwei war Nummer sicher, damit zogen sie das Los des Lebens. Nummer eins war der Weg in den Tod. Wer in der ersten Klinik landete, betete, dass das Ende, wenn schon, dann schnell kommen möge.

Heute hat das Kindbettfieber seinen Schrecken verloren. Die Medizin kann es heilen, sofort, mit einem einzigen Antibiotikum. Das heißt: Die moderne Medizin hat dabei nicht nur diese alte Schicksalhaftigkeit abgemildert, sondern auch den Glauben an die mörderische Willkür höherer Mächte, der sich darum rankte, ausradiert.

Pest. Kindbettfieber. Oder die Folgen von Jagdunfällen. Ein Schuss, der tödlich endete, selbst wenn einen das Schicksal dabei nur streifte. Es gab damals keine Antibiotika. Schon wieder ist es so einfach. Erstaunlich viele Herrscher unserer Geschichte gingen auf diese Art zugrunde. Hätte man ihnen Penicillin geben können, wären sie alle gerettet worden.

Oder nehmen wir den Habsburger Kaiser Karl V. Schwer deformiert in seinen Gelenken ergab er sich der Gicht, humpelte in den Escorial und erwartete dort den Tod, weil er sich praktisch nicht mehr bewegen konnte.

Heute wäre ihm das nicht passiert. Überhaupt kein Problem, das Leiden lässt sich relativ leicht verhindern, indem man den Patienten ein Anti-Harnstoff-Produkt gibt. Karl V. hätte wieder fingerschnippend heimlaufen können.

Oder: Blutdruck. Das war früher etwas, was man nicht zuordnen konnte. Es schien, als wäre man tatsächlich vom Schlag getroffen worden. Schlaganfall und tot. Gehirnschlag. Sense. Die Häufigkeit dieses Schicksalsschlages im buchstäblichen Sinn hat man heute mehr oder weniger deutlich verringert. Ein eleganter Blutdrucksenker in der Früh, und fertig ist der moderne Mensch. Er muss sich weniger Sorgen machen, dass ihn der Blitz streift. Hypertonie ist bezwingbar.

Und was man früher nicht alles unter dem Begriff Besessenheit zusammengetragen und in den Narrenturm gesperrt hat. Es ging bis hin zum teuflischen, dämonenhaften Besessen-Sein, das Exorzisten auf den Plan rief. Im Prinzip waren das nichts anderes als Neurotransmitterstörungen im Gehirn. Ein einziges Dragee heute, und der Wahn verliert seinen Sinn, der Dämon ist obdachlos.

Die Liste dieser Wenn-Danns ist lang. Wie viele Menschen sind als Andersdenkende verbrannt worden, wie viele Frauen warf man als Hexen auf den Scheiterhaufen. Oder Diabetes. Wie erfolgreich, wie friedlich hätte ein Mann wie Herodes der Große weiter regieren können, wäre Diabetes zu seiner Zeit nicht noch schicksalhaft gewesen? Welche wunderbaren Gemälde hätte uns der zuckerkranke Paul Cézanne noch hinterlassen, den der farblose Sensenmann viel zu früh holte?

Doch so viel bleibt schicksalhaft, scheint gottgegeben, vom Zufall bestimmt oder den Genen geschuldet zu sein. Das Schicksal, es durchzieht unser aller Leben noch immer als scheinbar unverfügbare Gewalt. Man möchte fast meinen, es habe eine eigene DNA. Doch jetzt macht sich der Mensch daran, dieses größte aller Rätsel zu lösen. Die Anatomie des Schicksals.

Jeder Eingriff, jeder Zugriff auf das Schicksal, so viel ist klar, hat Konsequenzen. Gute, schlechte, wer weiß das schon immer so genau. Es ist, als würde man an Rubiks Würfel drehen oder eine Schachpartie beginnen oder gegen einen japanischen Go-Meister spielen. Jeder Zug bedingt etwas. Jeder Zug ist wichtig. Jeder Zug entscheidet, was acht Züge später geschieht, und damit entscheidet er irgendwann das ganze Spiel.

Kraft zur Veränderung

Ob abwendbar oder nicht. Es gab immer wieder Denkrichtungen und Bestrebungen, die eine Vermutung äußerten: Vielleicht kann man ja doch etwas machen. Das ist eine jahrtausendalte Geschichte im Weisheitsschatz der Menschheit. Der Zweifel am Determinismus und der Glaube an die aktive Veränderung.

Die Antike konzentrierte sich dabei auf Schicksalsschläge des Einzelnen.

Ich. Kann. Etwas. Tun.

Oder eben nicht.

Die Oder-eben-nicht-Variante können wir bei Ödipus und Odysseus nachlesen, die ein schicksalhaftes Fatum vorhergesagt bekamen. Die Weissagung der Sphinx für Ödipus war: »Du wirst deinen Vater ermorden und deine Mutter heiraten.« Und tatsächlich, was immer er tat, da fuhr die Eisenbahn drüber, es kam genau wie vorhergesagt.

Im Detail, wen’s interessiert, geht die Geschichte so: Laios, König von Theben, ist im Streit mit König Pelops. Das Orakel von Delphi weissagt ihm: »Wenn du einen Sohn zeugst, wird er dich töten und deine Frau heiraten.« Laios’ Frau Iokaste willigt ein, den Neugeborenen zu töten. Und das nicht gerade gnadenvoll: Füße durchstechen, zusammenbinden, und von einem Hirten im Gebirge aussetzen lassen. Der Hirte aber hat Mitleid. Er übergibt den Knaben dem Königspaar Polybos und Merope von Korinth. Sie nennen ihn Ödipus, was so viel wie Schwellfuß bedeutet.

Ödipus wächst auf, ohne seine Herkunft zu kennen. Als er erfährt, nicht der leibliche Sohn seiner Eltern zu sein, wendet er sich an das Orakel von Delphi. Das weiß ja bekanntlich alles.

Er erfährt: »Du wirst deinen Vater töten und deine Mutter zur Frau nehmen.« Ödipus schüttelt den Kopf, Orakel sind manchmal so penetrant melodramatisch, denkt er, schauen wir einmal. Er bricht auf nach Theben, um das Vorausgesagte zu verhindern. Auf dem Weg gerät er in Streit mit dem Fahrer eines Wagens, der ihn seiner Ansicht nach zu arrogant behandelt. Er erschlägt ihn und damit seinen leiblichen Vater. Erster Teil der Prophezeiung erfüllt.

Vor Theben überwindet Ödipus eine Sphinx, die vorzugsweise Reisende verschlingt. Er löst ein Rätsel, das sie ihm aufgibt, woraufhin sich die Sphinx vom Felsen stürzt. Da Theben nun von dieser Plage befreit und der alte König tot ist, wird Ödipus zur Belohnung zum neuen König ernannt. Und er heiratet seine Mutter. Zweiter Teil erfüllt. Weder sie noch er wissen von ihrem Verwandtschaftsverhältnis.

Die Tragödie reflektiert das Unvermögen des Menschen, sein Schicksal voraussehen zu können.

Es ist, als würde das Schicksal uns Scheuklappen anlegen und sagen: Was links und rechts ist, braucht dich nicht zu interessieren, du kannst mir nicht entkommen. Deswegen werden furchtbare persönliche Schicksalsschläge auch heute noch mit einer griechischen Tragödie verglichen.

Ähnlich bei Odysseus. Die düstere Vorhersage lautete: »Wenn deine Krieger die heiligen Kühe des Gottes sowieso schlachten, dann wirst du nur alleine und unter großen Opfern wieder Hellas erreichen.« Und prompt, so war es. Odysseus‘ Krieger haben sich zwar redlich bemüht, die Kühe nicht zu schlachten, aber sie waren auf der Insel des Sonnengottes Helios gestrandet und hatten so einen furchtbaren Hunger, dass die Rindviecher letzten Endes dran glauben mussten. Während Odysseus schlief, ging die Vorsehung in Erfüllung.

Es war nicht anders möglich, so war die alte, antiquierte Definition. Es geht nicht anders. Was kommen soll, kommt. Von oben. Egal, was du tust. Du kannst rennen in deinem Hamsterrad, zappeln in deinem Käfig oder meditieren für bessere Tage. Tja, Pech, das Drehbuch ist längst geschrieben.

Auch bei der Odyssee geschah alles wie vorhergesagt. Ein vom zornigen Zeus losgesandter Orkan zerstört sein Schiff, Odysseus strandet bei Kalypso und wird für sieben Jahre ihr Geliebter, weshalb er sehr stark verzögert nach Hause kommt. Weil er so lang weg war, hat seine Frau Penelope ihn für tot gehalten und, als er wieder erscheint, auch nicht gleich erkannt. Um sie herum hat sich ein Schwarm von Freiern angesammelt, die er alle tötet. In Hollywood wäre das der Showdown vor dem Happy End. Hier nicht. Odysseus herrscht wieder auf Ithaka und stirbt schließlich, weil einer seiner Söhne, Telegonos, ihn nicht als seinen Vater erkennt und im Streit mit einem Speer aufspießt. Typisch griechische Tragödie.

Du kannst in den Trojanischen Krieg ziehen, zehn Jahre auf Irrfahrt gehen, gegen einen menschenfressenden Riesen kämpfen, dir von singenden Sirenen den Kopf verdrehen lassen, dich mit Todesqualen und blutdurstigen Seelen in der Unterwelt herumschlagen, aber das Schicksal holt dich ein. Es holt dich immer ein. Das ist die Botschaft.

Weise Frauen

Doch schon in der Antike gab es eben auch einen anderen Blickwinkel.

Eine Perspektive sind die Moiren, drei Frauen, fürs Schicksal zuständig. Obwohl die wirklichen Götter allesamt Männer waren, waren die Schicksalsgöttinnen immer Frauen. Sie vereinen Geburt und Tod.

Es wird in diesem Buch noch viel von der Geburt, von der Schwangerschaft, von der Zeit vor der Schwangerschaft und von der Schicksalhaftigkeit dieser Lebensphase die Rede sein. In den Moiren ist sie schon vorweggenommen.

Die drei Moiren bestimmen über unser aller Leben. Klotho, die Spinnerin. Sie ist es, die unseren Lebensfaden spinnt. Lachesis, die Zuteilerin, misst diesen Lebensfaden und teilt das Lebenslos zu. Atropos, die Unerbittliche, schneidet den Lebensfaden ab.

Die ihnen zugeteilten Attribute sind die Spindel, das goldene Messer und eine Wasserschale, aus der die Zukunft gelesen werden kann. Spannend, die weibliche Weitsicht. Klotho als Jungfrau, Lachesis als Mutter, Atropos als alte Frau. Man hat das Schicksal damals schon gegendert.

Das ewig Weibliche zieht uns nicht zuletzt deswegen an, weil es mit der Entstehung des Lebens und daher mit der Entstehung des Schicksals verbunden ist. Leben und Schicksal sind Synonyme.

Die Götter sind in der griechischen Mythologie dem Wirken der Moiren unterworfen, sie haben keine Gewalt über die Schicksalsfrauen. Selbst Zeus, der Göttervater, kann nicht hineinpfuschen und keine ihrer Entscheidungen widerrufen.

Die Kernaussage ist: Die Moiren sind immer lebenswegzeichnend. Sie bestimmen das Schicksal. Aber – es ist nicht unausweichlich. Kommt ein Mensch dem Tod vor seiner ihm bestimmten Zeit sehr nahe oder plant er Dinge, die mit seinem oder dem Schicksal anderer nicht übereinstimmen, können ihm die Moiren warnende Gedanken schicken.

Wir hören dieses: Obacht! Wir sagen »innere Stimme« dazu oder Gewissen. Der Stimme des Herzens zu folgen, ist in diesem Sinne existenziell wichtig. Wer dagegen handelt, verschuldet möglicherweise sein weiteres Schicksal selbst.

Mit dem Segen der Moiren können Menschen ihr Schicksal beeinflussen. Und zum Guten wenden. Darum arbeiten die drei eng mit Nemesis, der Göttin des gerechten Zorns, der Vergeltung, zusammen. Und mit Aidos, der Göttin des Gewissens.

Auch die Mutter schickt warnende Gedanken, das ist ebenfalls nicht uninteressant. Und mit diesen Gedanken, hat man sich vorgestellt, kann man möglicherweise in das Schicksal eingreifen. Die Warnung mag nicht direkt in den Geist fahren wie eine Erleuchtung oder ein Download aufs Handy. Es genügt ein leises Gefühl, dass da etwas nicht richtig ist. Irgendetwas stimmt nicht.

Zwei Aspekte ziehen sich bildhaft bis in die Moderne: die Nemesis, der Zorn, und Aidos, das Gewissen. Mit beiden agiert der Mensch. Er schneidet sich möglicherweise selber den Lebensfaden ab, im Zorn. Einhalt gebietet nur das Gewissen, das empfiehlt, nicht blind loszupreschen, sondern ein paar Schritte zurückzutreten oder innezuhalten.

Das Schicksal bereitet sich vor, es ist ein longitudinaler Prozess, und die Gedanken spielen eine enorm wichtige Rolle dabei, denn aus den Gedanken kommen die Taten, im schlimmsten Fall sogar die Schicksalsschläge und Katastrophen. Unsere Gedanken, um die es in diesem Buch auch noch ausführlich gehen wird, können der rote Teppich sein, auf dem das Schicksal in unser Leben stolziert. Sein Beginn ist oft nichts anderes als etwas Gedachtes, nichts als Energie.

Die Botschaft ans Universum, könnte man sagen. Sie kommt an wie eine E-Mail an den lieben Gott.

Gute Politik, schlechte Politik

Schicksalhaft ist es aber zum Beispiel auch, in welchem Staatsgefüge wir leben. Ist es ein guter, sozialer, gerechter, ein lebenswerter Staat oder das Gegenteil davon? Ein höchst moderner Aspekt, aber bereits das älteste Epos der Welt widmete sich ihm. Ein 4.000 Jahre alter Text, geschrieben auf Sumerisch. Entdeckt wurden die Tafeln im heutigen Irak. Das älteste Epos der Menschheitsgeschichte. Das Gilgamesch-Epos.

Im Gilgamesch-Epos, das übrigens bereits etwas thematisiert, was derzeit in Silicon Valley Hochkonjunktur hat, nämlich die Relativierung der Todesangst und des Sterbens, war es schicksalhaft, ob man einen guten oder einen schlechten König hatte. Die Politik schwingt immer mit. Das war schon in der Odyssee so und wurde im Rathaus von Siena im zwölften Jahrhundert noch einmal wunderschön als Fresko verewigt: die gute Regierung und die schlechte Regierung. Welche man bekommt, ist auch Frage des Schicksals. Das hat sogar einen gewissen Zeitgeist.

Es ist schicksalhaft, welchem politischen System wir angehören oder ausgeliefert sind. Zu Platons Zeit war schon die Demokratie in Griechenland eingezogen, vor allem in Athen, die Kultur wurde hochgehalten und über all dem stand sein berühmter Satz: »Jeden Tag danke ich den Göttern, dass ich als Mensch, als Mann, als Grieche und als Bürger Athens geboren wurde.«

Es hat nach wie vor eine große Bedeutung, in welchem politischen System wir aufwachsen. Nordkorea? Tibet? Berlin? Meidling?

Im Gilgamesch-Epos, in der Unterwelt, gibt es übrigens auch einen bösen Geist namens Namtaru, der mehr oder weniger alles durcheinanderbringt und auch den guten Herrscher zum bösen macht. Namtaru wirft üble Schicksale auf die Menschen: Sie haben Wasser, aber er bewirkt, dass es nicht trinkbar ist. Sie haben etwas zu essen, aber er bewirkt, dass die Nahrungsmittel ungenießbar werden und alle daran sterben.

Dazu gibt es eine Analogie in der Gegenwart, in der Wasser kaum mehr trinkbar ist ohne Filter und in der uns viele Nahrungsmittel krank machen, weil sie mit zu viel Salz und Zucker versetzt und geschmacksverstärkt sind. Namtaru wäre heute Lebensmittelchemiker.

Die Entzauberung des Schicksals

Die Moderne nimmt nun das Schicksal mehr und mehr in die eigene Hand. Um beim Beispiel Krankheiten zu bleiben, bei denen der Mensch früher dem Tod geweiht war – sie folgen heute einer simplen Gleichung: Diagnose plus Therapie ist gleich Heilung.

Der Fortschritt nimmt dem Schicksal das Geheimnisvolle. Jede Entdeckung, jede Erfindung lüftet vor allem in der Medizin den Vorhang der Unkenntnis und nimmt die Angst vor kosmisch gesteuerter Unbill. Was die Moderne allerdings nicht in den Griff bekommt, sind die sich anbahnenden Schicksalsschläge, die von der Umwelt ausgehen.

Unser größter Schatz in dieser Hinsicht ist der Sozialstaat. Er ist eine Art kollektive Versicherung gegenüber allem Versicherbarem, mit dem das Schicksal die Gesellschaft und ihre Individuen behelligen kann.

Der Sozialstaat hat eigentlich nicht unbedingt mit »roter« Politik zu tun, vielmehr lebt er nach einem größeren Sinn und höheren Zielen. Gerechtigkeit. Sicherheit. Gemeinsamkeit. Vor allem aber lebt er auch von jenem Wohlstand, der mitunter die Umwelt belastet. Er lebt von den Steuern der Ökonomie und letztlich von einigen Paradoxien, die der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk so formuliert: »Es werden in den Menschenkörpern der wohlhabenden Hemisphären ständig mehr Fettreserven aufgebaut, als durch Bewegungsprogramme und Diäten abzubauen sind. Es werden weltweit mehr Abfälle aus Konsum, Freizeit, Reisen und gesellschaftlichen Lebensformen generiert, als sich in absehbarer Zeit im Recycling-Prozess resorbieren lassen. Es werden im Gang der Liberalisierung mehr Hemmungen fallen gelassen, als durch Hinweise auf frühere Zurückhaltung und neue Fairnessregeln domestiziert werden könnten.«

Krankheit, Umweltverschmutzung und hemmungsloser Egoismus also. Der Sozialstaat lebt somit auch von Gedanken, denen Gier zugrunde liegt, und Gedanken werden zu Schicksal. Es ist die gedankliche Gier, die die Welt schicksalhaft in den Abgrund stürzt, autofrei und klassenlos wird da nichts ändern. Wir müssen die Gedanken ändern, um aus dieser Falle zu entkommen, den Sozialstaat auf ein neues Fundament stellen. Sonst bringt uns unsere Versicherung vor schweren Schicksalsschlägen ebensolche.

Zudem bleibt da immer ein Aspekt des Schicksals, gegen den wir uns mit nichts versichern können: die schicksalhafte Veränderung der Zeit.

Den höheren Rhythmus der Geschichte, die Neuformierung der Welt kann niemand aufhalten. Alles geht in diesem Zyklus seinen logischen, vorhergesehenen Gang. Wie beim Kreislauf von Werden und Vergehen. »Ob einer Persönlichkeit Raum gelassen wird, entscheidet allein das Zeitalter, in das sie geboren wird. Man kann zu früh, aber auch zu spät zur Welt kommen. Die Epoche, in die wir hineingeworfen sind, hämmert und meißelt uns«, formulierte der Wiener Jurist und Autor Tassilo Wallentin einmal.

Vor vierzig Jahren wäre Donald Trump nicht US-Präsident geworden, heißt das zum Beispiel. In zwanzig Jahren würde Angela Merkel nicht mehr frohgemut in die Hände klatschen und versprechen: »Wir schaffen das!« Die Beatles würden heute keine Castingshow gewinnen.

Das Schicksal der Geschlechter

Das nächste Zeitalter wird wieder andere Schicksale formen, und es drängt bereits vor. Es richtet sich auf eine quasi neue planetarische Ordnung aus. Die Klassifizierung Mann und Frau soll in einer neuen bizarren Weltordnung nicht mehr gelten. Hochgepriesen wird der globale Uniformismus. Alles will gleich sein. Es kommt zur Angleichung der Geschlechter. Zur Veränderung von Reproduktion und Fortpflanzung. Zur Forderung einer künstlichen Gebärmutter, um den Unterschied zwischen Mann und Frau auszulöschen. Zur Einebnung von Ethnien und Hierarchien. Zu einer schulischen Freigabe der beliebigen und nachhaltlosen Sexualität – jeder möge penetrieren, wen er, sie oder es will.

Es kommt zu einer Veränderung der Werte. Zu einer neuen Spiritualität. Zu einem elektronischen Exhibitionismus, jeder will sich der digitalen Welt zeigen. Zu einem überbordenden Narzissmus, einer Folge der frühkindlichen Anbetung und falsch verstandener Kindesliebe. Pädagogischen Widerspruch gibt es nicht mehr, Gewissenserforschungen werden abgeschafft, jedes Kind ist das beste und braucht keine Korrektur. Das arretiert sich, das bleibt bis zum Lebensende erhalten.

Helikoptereltern meinen, ihrem Kind die allerbeste Entwicklung auf der ganzen Welt angedeihen zu lassen, indem sie ihm jede nur erdenkliche Aufmerksamkeit sehenken, die eine Umlegung ihrer eigenen Selbstverliebtheit auf das Kind ist. Sie schütten es mit zu viel Aufmerksamkeit zu und verhindern so paradoxerweise dessen eigene Entwicklung und das soziale Abschleifen mit anderen. Das Kind hat gar keine Chance mehr, sich anders zu entfalten, als die Eltern das bis ins allerletzte Detail gewollt, geplant und gecheckt haben. Kontrolle ist alles.

Im Erwachsenenalter führt das zu ungebremstem Narzissmus. Das Kind, dann die Frau oder der Mann liebt sich so sehr und genau diese Egomanie wird dann wieder an die nächste Generation weitergegeben. Liebe zum Beispiel ist dann in diesem neuen Zeitalter … ich.

Der Mensch steht so mitten im Sog einer gewaltigen schicksalhaften Veränderung. Epigenetik und vor allem evolutionäre Entwicklungsbiologie stellen in diesem dynamischen kosmischen Biotop lang gesuchte Zusammenhänge zwischen Erbgut und Gestalt her, zwischen Genotyp und Phänotyp.

Sie erforschen Makro- und Mikroevolution, Großes wie Kleines, sie knacken ganz neue Codes. Sie zeigen, wie uns alle das Leben unserer Vorfahren, auch solcher, die wir gar nicht kannten, beeinflusst. Wie Umweltfaktoren unser Schicksal verändern und wir diesen Drall an unsere Kinder weitergeben. So zeigen sie letztendlich, dass nicht nur Zeitschicksal zum persönlichen Schicksal werden kann, sondern auch persönliches Schicksal zu Zeitschicksal.

Wir könnten uns wie Platon bei den Göttern bedanken, als Mensch, als Europäer und als Bürger unseres Landes geboren worden zu sein. Allerdings müssen wir nicht nur schicksalhaft dankbar sein. Wir können ja alles mitformen.

Den Grundgedanken des Philosophen Martin Heidegger vom schicksalhaften Geworfensein in das Leben konterkariert der neue Mensch, indem er nicht nur das physische und psychische Leben formen kann. Er formt auch die Zeit, in der er lebt, er dreht das Rad des Schicksals selbst, und das nicht nur zu seinem Vorteil. Der deutsche Philosoph und Anthropologe Max Scheler bezeichnete den Menschen als den großen Verschwörer, der täglich die uralte Verfassung der Natur aus den Angeln heben möchte.

Tangenten an den Kreis der Ewigkeit

Heute haben die meisten Menschen das ständige Gefühl, eine neue Zeit sei angebrochen. Digitalisierung. Alles geht rasanter, die Welt dreht sich schneller, alle sind im Stress, müssen hierhin und dorthin und posten und mailen und twittern und simsen und schauen, dass sie nicht auf der Strecke bleiben. Das Lebenstempo steigt und steigt durch die vom Menschen selbst für den Menschen geschaffenen Technologien, die Anforderungen wachsen. Nicht jeder kann da mit.

In hundert Jahren wird das Leben auf Erden noch einmal ganz anders aussehen. Laut dem Visionär Yuval Noah Harari könnten biotechnologische Innovationen bald eine neue Spezies entstehen lassen oder den alten Homo sapiens einem neuen Totalitarismus unterwerfen.

Diese düsteren Visionen sind mehr als Spekulationen. Wir sehen es am Beispiel China, wo gerade ein durch Hightech gesteuerter, totalitärer Staat entsteht, der seine Bürger anhand eines sozialen Punktesystems klassifiziert. Wer einmal auf der gesellschaftlichen Leiter abrutscht, kann nie wieder aufsteigen. Er verliert seinen Job, seine Wohnung, die Kinder dürfen keine gute Schule mehr besuchen, der Mensch wird zur Persona non grata.

Oder wird sich der neue Mensch mit Chips, Brain-Interfaces und Implantaten optimieren, um mit der Rasanz der Digitalisierung überhaupt mithalten zu können?

Das Rad des Zeitschicksals dreht sich weiter, und wir müssen alle entscheiden, ob wir uns von dem Strudel mitreißen lassen oder unseren eigenen Weg im Mahlstrom finden. Unsere eigene Zeitlinie, eine individualtemporäre Tangente, angelehnt an den Kreis der Ewigkeit. Wer sein Zeitschicksal erkennt, kann den Timer modulieren. Wie bei einem Marathon muss er wissen, wann man schneller läuft und wann langsamer. Einteilen heißt eingreifen. Wer nicht eingreift, wird umgeworfen, ganz einfach.

Und dennoch hat der Mensch immer wieder guten Grund, das Rad des Zeitschicksals schneller zu drehen, und noch schneller. Die Medizin bestätigt das Jahr um Jahr, Monat um Monat und fast schon Woche um Woche aufs Neue. Was ist, wenn ein Genabschnitt schicksalhaft für eine Erkrankung verantwortlich ist, für eine genetische Erkrankung, sagen wir, für den genetisch bedingten Brustkrebs?

Die Antwort lautet: Die Medizin hat in Zukunft Scheren für die Hardware und Software der Biologie, für das Genom und das Epigenom. Damit schneidet man mehr oder weniger das betreffende Stück Gen heraus, und eine auch schicksalhafte genetische Erkrankung, eine genetische Anfälligkeit für Brustkrebs, Eierstockkrebs und vieles andere, wird von ihrer Schicksalhaftigkeit befreit. Das ist eine Befreiung der Menschheit, nach Pest und Kindbettfieber, von einer weiteren Geißel.

Auf diese Weise stellt sich der Schicksalsbegriff bis zu einem gewissen Grad neu dar. Der schicksalhafte krankheitsbedingte Tod wird allmählich zur Vergangenheit und es entstehen andere Fragen. Es ist ein ewiger Kreislauf.

Wir verstehen: Das Kolorit des Schicksals verschiebt sich, sein Farbwert changiert, verändert sich. Und der Mensch kann es schaffen, wie in der Medizin, es zu seinen Gunsten zu wandeln, etwas Positives daraus zu machen. Das ist das Wunder des wandelbaren Schicksals. Es ist menschenmöglich.

Wenn sich das Schicksal vorbereiten kann, dann können wir das auch. Im Gegensatz zur Venus vor 750 Millionen Jahren.

Wir können uns wappnen.

Es sind nicht die Gene

Schicksal ist kein Synonym für Erkrankung oder Katastrophe, für Desaster oder Tod. Es muss sich nicht unbedingt um etwas Furchtbares handeln, damit es Schicksal genannt werden kann. Auch wenn wir uns das im Sprachgebrauch so angewöhnt haben, Schicksal ist nicht per se negativ. Es haftet ihm nicht a priori etwas an, womit man im Leben nichts zu tun haben will.

Das Schicksal kann uns auch auf der Sonnenseite des Lebens einquartieren. Wir sehen zum Beispiel in Familien, wie ähnliche Schicksale in Form von ähnlichen Begabungen weitergegeben werden. Da sind Musikerfamilien beispielhaft, wir kommen später im Kapitel »Der Strauss-Faktor« dazu. So viel vorweg: Es zeigt, dass da irgendetwas gewesen sein muss, irgendetwas, das diese musikalische Begabung gefördert hat.

Früher hätte man gesagt: Es sind die Gene.

Heute weiß man: Gene spielen eher eine untergeordnete Rolle. Doch was nun erkennt die Biologie als neue schicksalhafte Kräfte?

Als Bill Clinton im Juni 2000 die Entschlüsselung des menschlichen Genoms verkündete, vermutete man, die Schicksalhaftigkeit der Gene entdeckt zu haben. Allerdings merkte man bald, dass es hinter dem genetischen Code noch einen anderen gibt, nämlich den epigenetischen. Er bestimmt sozusagen darüber, welche Gene unser Organismus wie stark benutzt. Er kann Gene zum Beispiel stilllegen oder aktivieren und damit über unsere Gesundheit, unser Glück und damit unser Schicksal mitbestimmen.

Der epigenetische Code hat mit elektrischen Ladungen zu tun und entfaltet weitreichende Wirkungen, die seit seiner Entdeckung Forscher und das interessierte Publikum gleichermaßen faszinieren, und die ich bereits in meinem Buch Der holistische Mensch – Wir sind mehr als die Summe unserer Organe beschrieben habe.

Ein Beispiel: Wenn Weinbauern Pestizide verwenden, schädigen sie damit ihre eigenen Keimzellen. Bekommen sie Kinder, geben sie diese Schädigungen an sie weiter. Das heißt, dass ihre Kinder Pestizid-Schäden haben, selbst dann, wenn sie keine einzige Stunde im Weingarten verbringen. Selbst dann, wenn die Weinbauern ihre Kinder unmittelbar nach der Geburt zur Adoption freigeben.

Der genetische Code steht somit für ein unabänderliches Schicksal, der epigenetische aber für ein veränderbares, negativ wie auch positiv, denn klarerweise lassen sich auch positive epigenetische Prägungen vererben. Was bedeutet: Ein gutes Leben schlägt Wellen in den uns nachfolgenden Generationen, ein schlechtes tut es ebenfalls. Wir beeinflussen diesen epigenetischen Code zum Beispiel durch unsere Ernährung, durch Krankheiten und durch unseren Lebensstil.

Eine Weile galt die Epigenetik sogar als die große und einzige Komponente im Bereich der biologischen Übertragung von organischen und auch psychischen beziehungsweise seelischen Faktoren von einer Generation auf die nächste. Doch dann entdeckte die evolutionäre Entwicklungsbilologie die stille, schicksalhafte Macht der dunklen DNA und der microRNA.

Was bedeutet der Begriff »dunkle DNA«, der klingt, als würde er uns in ein geheimnisvolles Reich entführen – und das zu Recht?

Um ihn zu verstehen, müssen wir wissen: Nur ein ganz kleiner Teil unserer DNA ist für die Proteine verantwortlich, aus denen wir bestehen. Es gibt auch in der DNA so etwas wie im Weltall, nämlich dunkle Materie. Nur ein kleiner Teil des Universums ist greifbare Materie. Die dunkle Materie, die wir nicht sehen, die aber extreme Bedeutung hat, ist in der Überzahl.

In der DNA besteht die dunkle Materie aus langen Sequenzen, von denen lange niemand wusste, wieso sie eigentlich da sind. Aus denen nichts abgelesen zu werden schien, kein Protein. Und die dennoch mehr als neunzig Prozent der Gesamt-DNA bilden. Nur ein kleiner Teil unseres Erbfadens wird transkribiert, der große Teil schien nichts wert zu sein, Junk-DNA eben.

Mittlerweile hat die Wissenschaft belegt, dass dem nicht so ist.

Wenn nötig, greift der Körper, wie von magischer Hand, auf diese nicht abgelesenen Junk-DNA-Stücke zurück und macht aus ihnen RNA-Stücke. Plötzlich sind die Nichtsnutze etwas wert. Auf einmal haben sie eine Funktion, eine, die vorher gar nicht da war. Mit einem Mal ist da eine neue Möglichkeit des Überlebens.

Ein Beispiel aus der Biologie: Durch die Erderwärmung ändert sich die Fruchtbechergeometrie bei Pflanzen. Genau dort, wo der Nektar enthalten ist. Die Distanz zur Pflanzenoberfläche wird größer und der Fruchtbecher verändert sich, schließt sich praktisch, um den Nektar besser vor der Wärme zu schützen. Mit der Zeit orientieren sich die Insekten daran und passen sich an. Sie bekommen längere Rüssel. Dafür ist wahrscheinlich die Junk-DNA mitverantwortlich. Ihr Organismus holt aus ihrer nicht abgelesenen DNA plötzlich etwas wie aus einem Zauberhut hervor und daraus entsteht etwas Neues.

Ein anderes Phänomen, das wundersam erscheint, aber gar nicht wundersam ist: In der Natur gibt es Bakterien, die Glucose nicht abbauen können. Wenn man diese Bakterien allerdings über lange Zeit in glucosereiches Material gibt, dann tun sie, was sie nie konnten, nämlich Glucose abbauen. Sie greifen auf ein schwarzes Energieloch in ihrer DNA zurück.

Das alles ist Anpassung, das ist Evolution.

Ein Beispiel, das sich so in der Geschichte der Menschheit abgespielt haben oder theoretisch noch abspielen könnte: Eine Hungersnot bricht aus. Wir, die Menschheit oder zumindest ein Teil davon, können uns plötzlich nicht mehr ernähren. Nun liest unser Körper die dunkle Gen-Materie ab und wird dort fündig: Er bringt ein Enzym hervor, mit dessen Hilfe wir Dinge verdauen können, die wir bisher nicht verdauen konnten.

Die dunkle Gen-Materie hat in der Menschheitsgeschichte zweifellos schon die wertvollsten Dienste geleistet. Wer weiß, was sich dort noch alles an Bauplänen befindet. Sie ist ein Schatz an allem, das Menschen schon einmal waren und das sie noch werden können. Und selbst, wenn wir uns noch nicht einmal die Frage stellen, wie all diese stille Information in die DNA gelangt ist, wer sie dort hineingeschrieben hat, bildet sie eine geheimnisvolle Welt voller Abenteuer für die Forschung, die besonders deutlich macht, was für ein großartiges Wunder alles Leben ist.

Einen völlig neuen Aspekt brachte eine Erkenntnis über die Viren in unserem Genom. Sie sind die längste Zeit ruhiggestellt, aber wenn es der Teufel will, und unser Körper etwas braucht, was nur die Virus-DNA hervorbringen kann, dann schaltet er dieses Fremd-DNA-Gut ein. Und dieses Virus-Genom bildet dann plötzlich ein Virus-Protein, weil es dem Körper hilft, sich an eine bestimmte Situation anzupassen. Wobei das Ganze für uns auch schiefgehen kann. Virus-DNA kann auch Krebs erzeugen, wenn sie ohne Erlaubnis abgelesen wird. Früher sagte man: Das ist zufällig, das ist schicksalhaft. Mitnichten. Da sind einfach Kräfte am Werk, die wir bisher nicht kannten.

Womit wir beim dritten Punkt sind, der microRNA. Bei diesen winzig kleinen RNA-Stücken, die der Körper nicht hervorbringt, um ein Protein zu bilden, sondern um regulativ in die Gene einzugreifen. Es geht um Anpassungskontrolle. MicroRNA, das sind sozusagen die kleinen Männchen, die die Evolution steuern und die das Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie als »mächtige Winzlinge« bezeichnet.

Mächtig sind sie deshalb, weil sie darüber mitbestimmen, welche unserer Gene zum Einsatz kommen. Sie können Gene aktivieren oder stilllegen. Stilllegen zum Beispiel kann gut sein, wenn sie dabei ein Gen nehmen, das uns für eine bestimmte Krankheit prädestiniert, und es kann schlecht sein, wenn es eins ist, das uns besondere Leistungen, körperliche oder auch musische oder mathematische, ermöglichen würde.

Nehmen wir das Laufen.

Wenn wir laufen, glaubt unser Körper aufgrund urzeitlicher Prägungen, dass wir auf der Flucht sind. Deshalb stellt er mithilfe der microRNA neue Vernetzungen im Gehirn her. Wozu? Weil auf der Flucht zu sein für unseren Körper bedeutet, bedroht zu sein. Von jemandem verfolgt und möglicherweise angegriffen zu werden. Weshalb er Maßnahmen ergreift, um unsere Aufmerksamkeit zu schärfen, besser gesagt: um unsere neurologischen Möglichkeiten, aufmerksam zu sein und Angreifer frühzeitig zu bemerken, zu verbessern. So ganz nebenbei sind diese Vernetzungen auch eine wunderbare Prävention gegen Alzheimer. Daran sind die Steinzeitmenschen zwar noch nicht erkrankt, weil sie dafür nicht alt genug wurden, aber es funktioniert trotzdem.

Die Forschung hat das Wirken der microRNA inzwischen weitgehend entschlüsselt. Sie regelt die Aktivität einer Vielzahl von Genen gleichzeitig. Beim Menschen scheinen mehr als sechzig Prozent aller Gene durch microRNAs beeinflusst zu werden. Rund siebzig Prozent der bekannten microRNAs befinden sich im Gehirn. Sie steuern dort wie im Beispiel mit dem Laufen die Aktivität vieler wichtiger Gene, und sie beeinflussen unter anderem die Struktur, Funktion und Verknüpfung von Nervenzellen. Sie haben auf diese Weise auch enorme Auswirkungen auf unser Verhalten und unsere Intelligenz, auf unser Bewusstsein.

Auch unser Befinden beeinflussen sie und bieten so Schutz vor Depressionen. Wissenschaftler des Max-Planck-Weizmann-Labors für experimentelle Neuropsychiatrie und Verhaltensneurogenetik haben die Aufgabe von microRNAs in Nervenzellen untersucht, die Serotonin produzieren – also jenen Botenstoff, der Appetit, Schmerzempfinden oder Gefühlsregungen beeinflusst und der gemeinhin als Glückshormon gilt. Die Forscher haben dabei eine spezielle microRNA identifiziert, die im Gehirn und im Blut von depressiven Patienten im Vergleich zu Kontrollprobanden in geringeren Mengen vorkommt.

Die mächtigen, schicksalhaft wirkenden Winzlinge microRNA, auch das hat die Forschung herausgefunden, sind davon abhängig, in welchem Zustand wir sie von unseren Eltern übernommen haben, aber auch davon, was um uns selbst herum geschieht, welchen Umweltfaktoren wir ausgesetzt sind, was wir eben so erleben. Schicksal, das wir selbst in der Hand haben, ähnlich wie die schicksalhaften epigenetischen Prägungen. Was wir denken, was wir fühlen und was wir tun, das zeigt auch die evolutionäre Entwicklungsbiologie anhand der microRNA, das geht weit, sehr weit, generationenweit über die unmittelbar sichtbaren Effekte davon hinaus.

Die Übertragung der microRNA durch unsere Vorfahren auf uns kann dabei ebenso Fluch wie Segen sein, je nachdem, wie sehr diese Vorfahren im Einklang mit ihrer Umwelt, mit ihrer ganzen Umgebung und mit sich selbst gelebt und damit ihre microRNA geformt haben. Wir profitieren von dem, was sie gut gemacht haben, und es spukt durch unser Leben, was sie schlecht gemacht haben.

Doch auch hier bleibt das Schicksal wandelbar. Wir können es durch unseren eigenen Lebensstil korrigieren. Und gleichzeitig erhalten Lebensregeln, wie sie uns etwa die Heilige Schrift mitgibt, eine ganz neue, biologische, holistische Bedeutung. Sie in ihrem ursprünglichen Sinn zu befolgen, so könnte man das sehen, bedeutet, die Biologie des Lebens und damit die Anatomie des Schicksals von nicht weniger als der Menschheit an sich positiv zu beeinflussen.

Da ist übrigens noch etwas, was man erst seit Kurzem weiß: Die DNA, der Erbfaden, hat eine extrem gute Leitfähigkeit. Eine bessere Leitfähigkeit als der Draht für den Strom. Das heißt, es könnte drinnen, im Haus der Gene, Strom fließen. Lebensenergie. Was das bedeutet, muss erst erhellt werden. Ein weites Feld an Interpretationsmöglichkeiten eröffnet sich uns da.

Ein interessanter Bogen, der sich neuerdings über das Schicksal spannen lässt. Und da ist noch mehr.

Wir werden in den folgenden Kapiteln auch noch sehen, wie sehr das Immunsystem mit dem Gehirn kommuniziert und für Dinge sorgt, die wir in Unkenntnis als schicksalhaft bestimmt, abgehakt und hingenommen haben. Heute wird das durch die neu erkannten Mechanismen verständlicher.

Vorweg ein Beispiel, das zunächst ganz banal klingt: Menschen, die sich öfter im Wald aufhalten und sozusagen gute Luft atmen, sind psychisch ausgeglichener.

Ach, werden Sie sagen, wirklich? Wissenschaftlich gesehen ist Erfahrung gut, aber noch kein Grund, Dinge als bewiesen anzusehen. Ganz genau weiß man nämlich nicht, warum Bäume so gut für uns sind.

Die Forschung hat dazu Daten von 45.000 Stadtbewohnern ausgewertet: Angaben zur Wohnungssituation, zur Nähe von Grünanlagen und zu psychischen Erkrankungen. Ergebnis: Am besten wirkten sich Bäume auf das seelische Wohlbefinden aus. In Nachbarschaften von Stadtwäldern ist das Risiko von Erwachsenen, unter psychischen Problemen zu leiden, um fast ein Drittel geringer als in Gegenden mit weniger Bäumen. Auch der allgemeine Gesundheitszustand ist in der Nähe von Bäumen besser. Wiesen oder andere Grünflächen aus Büschen und Sträuchern haben diese Wirkung laut der Studie dagegen nicht.

Warum sich Bäume so positiv auswirken, ist, wie gesagt, nicht ganz klar. Ein einfacher Teil der Antwort ist sicher der Schatten, den sie spenden. Schon etwas spekulativer ist die größere Biodiversität von Bäumen im Vergleich zu Wiesen. Ein Forscherteam aus Dänemark hat jedenfalls herausgefunden, dass Kinder, die mit Natur aufwachsen, als Erwachsene zu 55 Prozent seltener psychisch erkranken als Gleichaltrige, die ohne Grün lebten.

Es muss also etwas in der Luft sein, das uns zufrieden macht oder unruhig werden lässt. Dabei könnte das Immunsystem seine Wirkung entfalten. Es registriert die Ruhe auf dem Land und die Hektik in der Stadt und gibt das an das Gehirn weiter. Das Immunsystem steht in ständigem Dialog mit der Außenwelt und auch mit dem Gehirn. Alles, was passiert, hat Auswirkungen. Gute, schlechte, wie auch immer. Unsere Umwelt bestimmt so, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, was wir tun, wie wir denken. Wie wir sind.

Das Schicksal liegt also auch in der Umwelt, die wir unsererseits beeinflussen. Im Umfeld, in dem wir uns bewegen. Es liegt in dem, was wir sehen, hören, riechen, schmecken oder ertasten. Das Immunsystem wacht über unsere Begegnungen, auch mit der Umwelt, und bietet uns nicht nur Schutz, sondern verändert Emotionen und Denkmuster im Gehirn.

Das Schicksal ist sinnlich.

Wir machen es selbst.

Diese Erkenntnisse könnten wunderschön sein, schon weil sie naturwissenschaftlich belegen, dass Gutes im Sinne etwa von Respekt vor der Umwelt Gutes bewirkt. Sie sind aber auch besorgniserregend angesichts der Respektlosigkeit, mit der wir die Natur behandeln. Denn in diesem holistischen System, in dem alles mit allem zusammenhängt, drängt sich eine bange Frage auf: Wie wird, wenn wir uns nicht rasch und gründlich ändern, dieses von uns selbst hervorgerufene Schicksal uns und die nächsten Generationen noch bestrafen?

Von der Puppe zum Puppenspieler

Also: Woraus besteht es nun wirklich, unser Schicksal?

Um sich dem großen Ganzen zu nähern, braucht es eine Bestimmung der Begrifflichkeiten und auch eine moderne Interpretation, wenn nicht sogar eine Neudefinition.

Der Duden sagt: »Schicksal – von einer höheren Macht über jemanden Verhängtes, ohne sichtlich menschliches Zutun sich Ereignendes, was jemandes Leben entscheidend bestimmt.« Vielleicht nicht ganz flockig beschrieben, aber im Sinn: Hier werkt ein Überwesen, und der Mensch ist machtlos. Höhere Gewalt kann man nicht beeinflussen.

Na ja. Das definieren wir bald neu.

Der Brockhaus sagt über das Schicksal: »Die Erfahrung, dass vieles, was dem Menschen widerfährt oder was sich in der Welt und Geschichte ereignet, nicht Resultat menschlichen Wollens und Handelns, sondern ihm von außen auferlegt ist.«

Auch das stimmt nicht mehr. Hier braucht es eine Definitionsänderung.

Wir werden sie im Laufe des Buches herausarbeiten und dann Wikipedia schenken.

Denn: Der Mensch kann das Schicksal aus eigenem Willen und Antrieb bis zu einem gewissen Grad verändern.

Der Mensch wird von der Puppe zum Puppenspieler.

Kein NPC mehr sein, darum geht es. NPC steht für Non Player Character und bezeichnet Figuren in Computerspielen, die kurzzeitig auftauchen und nichts zum Game beitragen. Sie stehen nur herum oder gehen im Kreis. Elektronische Statisten ohne Plan und Bedeutung.

Das Schicksal ist der Ablauf von Ereignissen im Leben eines Menschen. Manche sind unveränderbar wie das der Venus. Manche sind veränderbarer, als wir dachten.

Im Sprachgebrauch finden sich verschiedene Nuancen. Die passiven Formulierungen lauten: »Er wurde vom Schicksal zu etwas bestimmt.«

Sprich Fremdeinwirkung. Oder: »Das Schicksal nahm seinen Lauf.« Ja eh. Oder: »Einen Schicksalsschlag erleiden.« Ja, leider! Oder: »Das Schicksal meint es gut mit ihm.« Da kommt Freude auf. »Eine Laune des Schicksals.« Wie nett. Oder: »Sein Schicksal meistern.« Handwerklich gesehen, mit dem zurechtzukommen, was einem auferlegt worden ist.

Jedenfalls folgt das alles noch der alten Definition: Da kann man nichts machen, das ist halt so.

Allerdings gibt es auch aktive Phrasen. Zum Beispiel: »Das Schicksal herausfordern.« Na, trau dich. Oder: »Sein Schicksal in die Hand nehmen.«

Diesem aktiven Umgang mit dem Schicksal geht immer ein elektrischer Impuls voraus. Ein Gedanke ist da. Das Neue dabei ist: Dieser Gedanke, dieser elektrische Impuls, kann auch von der Umwelt mitbeeinflusst werden. Bösartigkeit und das, was dann Katastrophen hervorruft, wird in Zukunft nicht mehr im schwarzen Kleid der Pest daherkommen. Der bösartige Gedanke des Menschen wird es ins Leben bringen. Der böse Gedanke ruft Schicksalsschläge hervor. Weil Gedanken zu Worten werden, und Worte zu Taten.

Ein radikaler Islamist, der seinen Auftrag bekommen hat, schnallt sich eine Sprengstoffweste um und macht sich auf den Weg.

Ein sehr zorniger Mensch steigt in einen Lastwagen und lenkt ihn in eine Fußgängergruppe.

Ein junger Mann steht in einem Labor und mischt Substanzen für eine Sache zusammen, die er sich schon lange überlegt hat.

Vier Mädchen kesseln eine Schulkollegin ein, reißen sie zu Boden und treten ihr ins Gesicht, mit voller Kraft.

Ein Mann glaubt, dem Auftrag Gottes zu folgen, und steckt ein Messer in die Hosentasche, bevor er sich auf den Weg zu seiner Schwester macht.

Eine Frau wartet auf die nächste U-Bahn, das gefällt einem Mann nicht, und als die Garnitur in die Station einfährt, stößt er sie auf die Gleise.

Zwei Jugendliche kommen an einem Obdachlosen vorbei, sie deuten auf ihn, lachen ihn aus und zünden ihn an.

Eine Frau denkt auf dem Weg in die Arbeit an ihren untreuen Freund, übersieht eine Stopptafel und überfährt ein Kind.

Jemand wünscht sich, dass jemand anderer stirbt.

Alles Gedanken, die etwas auslösen. Die ein Schicksal ändern.

Es ist, während ich das hier schreibe, noch gar nicht lange her, dass US-Präsident Donald Trump den Befehl zum Angriff auf den Iran gab. Kurz darauf, vielleicht zehn Minuten später, war da der Gedanke: Nein, wir machen es nicht. Ein Gedanke hat die Rakete gestoppt. Oder der Gedanke, der John F. Kennedy bewogen hat: Jetzt greifen wir Kuba an. Und dann, im letzten Moment, der andere Gedanke: Nein, wir machen es nicht. Ein Gedanke hat den Dritten Weltkrieg gestoppt.

Doch Gedanken, das haben wir gelernt, sind gelenkt durch Kräfte, die wir selbst manipulieren.

Der Nahe Osten findet keinen Frieden, weil den Menschen dort der Gedanke fehlt, der die Schicksalhaftigkeit der Situation sofort ändern würde. Denn den beiden dortigen abrahamitischen Religionen, dem Islam und dem Judentum, fehlt jener Zugang, den die dritte abrahamitische Religion, das Christentum, sehr wohl hat. Der Gedanke der Bergpredigt. Wenn du auf die Rechte eine kriegst, dann handle nicht Auge um Auge und Zahn um Zahn, sondern dann halte auch die Linke hin. Dieser Gedanke war für die Schicksalhaftigkeit Europas und die gesamte Entwicklung fundamental, selbst wenn da immer wieder Fehler gemacht wurden. Aber dieser Gedanke bewirkte, dass es nach dem Dreißigjährigen Krieg letzten Endes einen Westfälischen Frieden gab. Den gibt es im Nahen Osten vielleicht nie. Der Gedanke der Bergpredigt ist ein wahrer Goldschatz von einem Gedanken, was Schicksal und schicksalhafte Katastrophen betrifft und deren Abwehr oder Abwendung.

Der Gedanke heißt Vergebung.

Und er geht auf das holistische Prinzip zurück. Das Schicksal ist ein Prozess. Ein Werdeprozess, der sich erst entwickelt und über den Menschen seit Jahrtausenden nachgedacht haben.

Wir sehen das bei den drei Nornen.

Sie sind nicht zu verwechseln mit den drei Moiren. Die drei Nornen sind ihr Pendant im Germanischen, eigentlich die Raunenden. Sie raunen vor sich hin, und im Raunen definieren sie das Schicksal.

Urd ist die weiße Norne, das Gewordene, die Vergangenheit, das, was aus der Urzeit hinüberwirkt. Unsere Väter und die Sünden unserer Väter, aber auch das, was sich im Kosmos, im Universum und auf der Erde ereignet hat, wir kommen später darauf zurück.

Die zweite Norne heißt Verdandi, die rote Norne, die Werdende, die Gegenwart. Und die dritte ist die schwarze Norne, Skuld, das Werden-Sollende, die Zukunft, das, was uns künftig erwartet.

Urd, Verdandi und Skuld klingen nach Figuren aus Herr der Ringe oder Game of Thrones. Sie wohnen an der Wurzel der Weltenesche Yggdrasil. Ein Brunnen, ein Schicksalsquell. Aus ihm heraus begießen sie den heiligen Weltenbaum. Auch sie spinnen die Fäden des Schicksals, die sie von Frigg erhalten, der Allmutter und Frau von Allvater Odin. Erstmals erscheinen sie, als das glückliche Leben der Götter sein Ende findet. Götterdämmerung. Älter als die Götter selbst sind nur die Riesen.

Nornen weben nicht nur das Schicksal, sie werfen auch Los-Stäbchen, wie beim Mikado. Damit orakeln sie über das Leben der Menschen. Schon bei der Geburt sind sie anwesend. Sie sehen jedes Schicksal voraus. Sie schauen Karma-Fernsehen, sozusagen. Nur: Wir können dabei aktiver mitspielen, als man das früher gedacht hat.

Die Anatomie des Karmas

Apropos. Das wird gerne verwechselt: Karma ist nicht gleich Schicksal. Das Wort stammt aus dem Sanskrit und bedeutet Arbeit, Aktion. Und würde auch für dieses Leben, unabhängig von einer Wiedergeburt, gelten.

Der Dalai Lama sagt: »Karma ist das Gesetz von Ursache und Wirkung, das den Kreislauf der Wiedergeburten beherrscht. Doch dieser Begriff ist schwer zu verstehen, wenn man nicht an das Phänomen der Wiedergeburt glaubt. Alles, was wir in der Abfolge unserer Lebenszeiten je gedacht oder getan haben, zeitigt – in Verbindung mit der dahinterstehenden Absicht – positive oder negative Auswirkungen. Dieses grundlegende Prinzip gilt im größeren Maßstab auch für Völker oder Länder.«

Jedes Handeln erzeugt Karma. Ziel ist es paradoxerweise, kein Karma aufzubauen. Es kommt also nicht drauf an, viele Katzenbabys zu retten oder alten Frauen über die Straße zu helfen und damit das Karmakonto auf der Habenseite aufzufüllen. Im Gegenteil, am besten ist, eben kein Karma mehr zu haben. Erst dann kann der Kreislauf der Wiedergeburten durchbrochen werden. Nur wer frei ist von allen Wünschen und Begierden, die ihn ans irdische Dasein binden, kann den Kreislauf kappen. Erst dann ist ein Mensch zur Gänze erwacht, sein moralisches Handeln vollendet und die höchste Form von Tugendhaftigkeit erreicht. Kein Hass, keine Gier, keine Verblendung. Es gibt nur noch heilsames Tun. In unseren Breiten und im Rest der Welt wird das schwer werden, aber bitte.

Der Buddhismus verwendet für Karma auch den Begriff Prägung. Entscheidend ist die karmische Prägung einer Tat, eines Gedankens. Die Absicht, die dahintersteckt. Denken als Handlungsform steht über körperlichem Handeln oder der Rede. Es gibt drei verschiedene Arten von Karma: Karma, das zu Lebzeiten reift. Karma, das im nächsten Leben reift. Karma, das in späteren Leben, also nach dem nächsten, reift. Deswegen versucht der Buddhist, sich von all seinen Gedanken freizumachen, damit er nicht in diesen komplizierten Kreislauf hineingerät, der dann Böses auslöst.

Im Rahmen des Buddhismus könnten wir das Karma so definieren: Der Mensch nimmt sein Schicksal in die Hand.

Das Karma, das zu Lebzeiten reift, das Karma, das in vergangenen Leben war, und das Karma, das kommen wird. Die drei Formen, die mehr oder weniger den drei Nornen entsprechen.

Der Hinduismus, aus dem der Buddhismus wie eine Reformation hervorgegangen ist, erklärt das Prinzip anders: Der Mensch ist in seinen Taten frei und für sein Karma selbst verantwortlich. Karma ist ein kosmisches Gesetz, das jeden überall betrifft. Unabhängig vom Zeitrahmen, dem Dharma.

Jeder Mensch hat so einen Dharma. Das hat nichts mit Verdauung zu tun, es geht darum, dass sich der Mensch persönlich gut entwickelt. Tut er das, ist der Dharma erfüllt. Und diese Erfüllung ist ausschlaggebend, ob Taten gutes oder schlechtes Karma bewirken. Hinduistische Pflichten des Einzelnen sind: Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Geduld, Selbstkontrolle, Mildtätigkeit und Gastfreundschaft. Einen einheitlichen Kodex gibt es aber nicht. Es hängt davon ab, welcher Gesellschaftsschicht man angehört. Nicht unähnlich dem Gebaren in unseren Breiten.

Friedrich Schiller hat die Essenz der Triade in vier Zeilen gegossen.

Dreifach ist der Schritt der Zeit:

Zögernd kommt die Zukunft hergezogen,

Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen,

Ewig still steht die Vergangenheit.

Damit spannen wir den Bogen wieder zum Heute. Unser Schicksal besteht aus vielen Dingen, die der Mensch nicht weiß. Oder scheinbar nicht weiß. Oder nur bisher nicht wusste.

Jetzt hat die Wissenschaft bewiesen, dass wir sehr wohl eingreifen können. Forschungen. Erkenntnisse. Wunder sind machbar. Sie verändern den globalen Drall. Das ist die gute Nachricht.

Wir können das Schicksal besser verstehen. Und durch dieses Verständnis können wir es auch beeinflussen.

Das Substrat des Schicksals

Bei James Bond hat es einmal geheißen: Der Morgen stirbt nie. Die Prophezeiung geht jede Woche 007-mal auf. Von Montag bis Sonntag. Der nächste Morgen kommt auf jeden Fall. Das Schicksal hört nie auf, sich fortzusetzen. Es geht weiter, es nimmt Dinge mit wie in einem karmischen Rucksack und geht damit auf Reise. Ohne Aston Martin. Der Vergleich ist nicht sonderlich wissenschaftlich, doch er scheint mir anschaulich.

Eigenschaften, Unarten und auch Krankheiten werden übertragen, weitergegeben von einer Generation auf die nächste, ohne dass der Mensch auch nur eine Ahnung davon hat. Scheinbare Nichtigkeiten und Bagatellen des Augenblicks erzeugen biochemische Schmetterlingseffekte.

Manche Verhaltensweisen, die wir lange vor dem bedeutungsvollen Geschlechtsakt an den Tag legen, stellen Weichen für das Kind, das erst gezeugt, geboren und aufgezogen werden will. Das Kind kann nichts dafür, dass Vater und Mutter so gelebt haben, wie sie gelebt haben. Es weiß nicht einmal, dass die Sünden oder die Rechtschaffenheit, die seinem Schicksal einen bestimmten Drall geben, lange vor der Zeugung begangen wurden.

Die Eltern bestimmen das Schicksal ihres Kindes weit über die Weitergabe ihrer Gene, ihre soziale Interaktion mit ihm und ihre Erziehung hinaus. Denn das Kind ist auch ein Produkt seiner epigenetischen Prägung, der elterlichen microRNA, seiner evolutionären Entwicklungsbiologie und damit eines familiären Schicksals, auf dessen Anatomie wir tiefgreifend Einfluss nehmen können. Indem wir rechtzeitig darauf schauen, nicht nur für den Moment zu leben, sondern bei allem auch darüber hinaus denken. Aus diesem Bewusstsein entstand in Amerika das in Europa noch gänzlich unbekannte Konzept der preconception care.

Es sieht vor, für das noch gar nicht gezeugte und geborene Kind die besten Voraussetzungen zu schaffen. Das tun die meisten Eltern schon lange auf vielen Gebieten. Man achtet auf das künftige Umfeld des Kindes, darauf etwa, dass es einen möglichst guten Platz im Leben bekommt. Dass sie auch auf sich selbst achten müssen, um ihrem Kind ein schönes Schicksal zu bescheren, ist allerdings den wenigsten Eltern bewusst. Diese enge und scheinbar geheimnisvolle, letztlich aber wissenschaftlich nüchtern erklärbare Verknüpfung unseres eigenen Lebens mit dem unserer Kinder muss erst noch Teil des kollektiven Bewusstseins werden. Paare, die sich Kinder wünschen, müssen erst noch lernen, wie sie es von Altlasten möglichst frei halten.

In den USA hat sich das zu einer enormen Bewegung entwickelt, und es ist weder ein typisch amerikanischer Spleen noch der neueste Mode-Gag. Ich finde, das Thema ist so wichtig, dass es in den Aufklärungsunterricht gehört. Ja genau: Preconception care gehört in den Schulunterricht integriert. Denn es ist eine moderne Methode, auf wohlwollende und positive Weise in das Schicksal kommender Generationen einzugreifen, sie auf einen besseren, weil glücklicheren und gesünderen Weg zu bringen, noch ehe überhaupt die Samenzelle in die Eizelle eingedrungen ist.

Ich lockere meinen Gedanken einmal die Zügel. Was ist unser Istzustand in den Schulen? Bei uns wird munter über alle erdenklichen Sexpraktiken doziert, über Penisgrößen gekichert oder darüber sinniert, wie viele Kondome man braucht, bis eines einmal nicht reißt. Es wird postuliert, wie wichtig die gleichgeschlechtliche Liebe ist und wie aufgeschlossen wir gegenüber LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) als eigentlich besserer Form der sexuellen Ausrichtung sein müssen, und überhaupt sollten die Kinder selbst entscheiden dürfen, welches Geschlecht sie annehmen wollen. Eine bestimmte weltanschauliche Richtung zeigt ihren unbeugsamen Willen, das alles auch wirklich durchzusetzen.

Mit Respekt vor dem Leben hat das Getue um Geschlechterakzeptanz allerdings wenig zu tun. Da steckt ein Plan dahinter. Anscheinend geht es darum, den Glauben an die Familie zu relativieren. Die Familie soll nichts mehr wert sein, man hat anderes im Sinn als Familiäres. Ich bin hingegen der Meinung, dass die Familie der Quell der Gesellschaft ist. Die Stütze des Daseins. Die Zukunft.

Das Wichtige jedenfalls verschweigt man in der Schule, vor allem den Mädchen. In Wahrheit müsste man sie darauf aufmerksam machen: Wenn ihr einmal Kinder wollt, dann ist das etwas, was euch heute schon etwas angeht. Wofür ihr den roten Teppich heute schon ausrollen müsst.

Die Amerikaner wissen bereits, dass sie das Schicksal Nachgeborener nicht einfach als durch Gene, Gott oder Zufall gegeben annehmen können, sondern dass sie selbst es gestalten. Preconception care wird in Amerika deshalb zur neuen medizinischen Wissenschaft, zur Vorsorge, die für Nachhaltigkeit beim Kinderkriegen sorgt. Es gibt Plakate, die in Schulen aufgestellt werden, mit den allersimpelsten zwölf Punkten. Genereller Blut-Check, Untersuchung auf Diabetes, Beigabe von Eisen und Folsäure oder etwa Suchtberatung gehören dazu.

Diese Checklist, auf die wir im Detail gleich noch eingehen, zeigt, ob junge Frauen ein Leben führen, das es ihren Kindern ermöglichen wird, ein gutes Leben zu führen. Ob sie gut genug auf sich selbst schauen, um dem Kind, das sie vielleicht irgendwann einmal auf die Welt bringen werden, gute Voraussetzungen für sein Leben zu schenken. Es geht um Weitblick in der Familienplanung. Um Vorausschau bis über den eigenen Tod hinaus. Die Dialektik zwischen »dem Schicksal ausgeliefert sein« und »das Schicksal gestalten« besteht im Wissen um die Auswirkungen eigener Taten und Gedanken auf den Nachwuchs.

Ignoratia legis non excusat, sagen die alten Lateiner. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Das Leben zu leben, als gäbe es kein Morgen, öffnet dem Schicksal die Tür nicht nur einen Spalt breit, es reißt ihm sozusagen das Tor auf. Und den wenigsten Menschen ist klar, wie sehr nicht nur sie selbst, sondern wie sehr über vielfältige Mechanismen, die noch längst nicht alle erforscht sind, auch ihre Kinder die Strafe zahlen.

Wissen ist die Macht, einzugreifen.

Das ist die Botschaft.

Die Sünden unserer Väter und Mütter sind bereits auf uns übergeschwappt. Unsere eigenen Sünden werden auf unsere Kinder überschwappen oder haben es schon getan. Und die Sünden unserer Kinder werden auf unsere Enkel überschwappen. Am ehesten sollten wir die jeweils junge Generation warnen. Sie instruieren mit dem, was wir zumindest so ungefähr bisher wissen. Ihnen zum Beispiel sagen, die Nacht nicht regelmäßig zum Tag zu machen. Die Folgen sind zu wenig bekannt, aber das hindert sie nicht daran, einzutreten: Wer seinen zirkadianen Rhythmus unterbricht, unterbricht auch die Reifung der Gonaden, also der Hoden und der Eierstöcke.

Nachtleben mag vielleicht das Sexleben anregen. Für die Fortpflanzung oder den späteren Kinderwunsch ist es aber nicht unbedingt hilfreich. Und so gibt es eine Reihe von Dummheiten, von denen man keine Ahnung hat, wie sehr sie das Leben der Kinder, die man später einmal bekommt, beeinträchtigen können.

Die klassische Zeit für Dummheiten ist die Pubertät. Wobei hier nicht die Pubertät als Prägungsphase gemeint ist, sondern als Zeit des heranreifenden Menschen, in der er im Hinblick auf eine spätere Schwangerschaft präkonzeptionell einiges tun oder lassen sollte.

Kinderwunsch ist nicht mehr etwas, was sich irgendwann einstellt, und flutsch, ein paar Wochen später ist die Frau schwanger. Kinderwunsch wird immer öfter ein Problem, weil der Mensch mehr und mehr durch die Umwelt belastet ist. Man sehe sich die Institute an, die vor Patientinnen übergehen, weil die Reproduktionsfähigkeit der Menschen nachlässt. Das liegt nicht nur an den Pestiziden, die unsere Welt verseuchen, es sind auch die schicksalhaften Sünden, wie man sie fast bezeichnen kann, die hier eine Rolle spielen. Alles, was wir tun, wirkt in die Zukunft.

Die Amerikaner schreiben hier von einem sogenannten triple benefit, von einem dreifachen Vorteil, den wir haben, wenn wir die neuen Erkenntnisse der preconception care in die Familienplanung miteinbeziehen: Wir haben selbst sofort einen Vorteil. Wir haben im späteren Leben einen Vorteil. Und viel später hat auch die nächste Generation einen Vorteil.

Preconception care ist so letzten Endes auch eine Ethikfrage. Es geht um die Ethik für die Fortpflanzung und um das, was wir den anderen Generationen antun, wenn wir gegen die Verfassung der Natur verstoßen. Wobei dem weiblichen Körper ganz besonderes Augenmerk gehören muss, denn trotz aller Gleichmacherei hat er für die Erhaltung der Art immer noch mehr zu leisten als der männliche. Er ist aber auch sensibler und mitunter störungsanfälliger, was dann schicksalhafte Formen annehmen kann.

Preconception Care gilt im deutschsprachigen Raum der Medizin noch als Mysterium, der Begriff ist in unseren Ambulanzen noch nicht einmal aufgetaucht. Sicherlich wird es in dieser Richtung bald mehr Beratung geben.

Vielleicht hier schon als Vorschau ein paar Tipps an all jene Paare, die Nachwuchs planen: Es ist sinnvoll, zwei bis drei Monate vor der Konzeption, dem Zeugungsakt an sich, auf einiges aufzupassen.

Zum Beispiel auf die Folsäure. Bevor eine Frau schwanger wird, sollte sie per Bluttest überprüfen, ob sie genug Folsäure hat. Folsäure ist nicht nur wichtig für das Neuralrohr, man weiß auch, dass es bei einem Mangel zu Präeklampsie kommen kann, zu einer Krankheit, die Schwangerschaft und Wochenbett erschwert, oder zu einem niedrigen Geburtsgewicht.

Ähnliches gilt für das Eisen, das offenbar für die Gehirnentwicklung wichtig ist, und für Zink, das förderlich für das Wachstum des Mutterkuchens ist. Auch das soll schon vor dem entscheidenden Orgasmus in Ordnung gebracht werden, zwei, drei Monate vor der Zeugung. Es hat keinen Sinn, es erst einzunehmen, wenn man schon schwanger ist.

Das alles ist kein Leitfaden für eine perfekte Schwangerschaft, sondern schicksalhaft, ich kann es nicht oft genug sagen. Wer das nicht beachtet, liefert sich und sein Kind möglicherweise schicksalhaft einer Zukunft aus, in der das Kind völlig unnötige Lasten zu tragen hat.

Dazu kommen die großen Fragen des Gewichtes. Ist der Vater beim Zeugungsakt zu dick oder unterernährt, führt das zu reduzierter Spermienmobilität, die Spermien haben eine schlechte microRNA. Es kommt zu einer endokrinen Missregulation, das heißt, das Kind kann Hormonstörungen und möglicherweise Probleme mit dem Herzen haben.

Ist die Frau übergewichtig, bevor sie schwanger wird, kann sich das später auf die Mitochondrien des Kindes auswirken. Sprich, das Mädchen oder der Bub ist noch gar nicht gezeugt, aber man weiß bereits: Dieses Kind wird eine metabolische Risikokonstellation haben, wir sagen auch Stoffwechselprobleme, und es wird möglicherweise leiden.

Wenn die Frau nicht abnehmen kann, kann sie sich den Magen verkleinern lassen. So wichtig ist das für das Kind. Das kann ich als Mediziner nicht deutlich genug sagen.

Es sind also zwei Punkte vor der Zeugung zu beachten: das Gewicht normalisieren und sich bewegen, mindestens vier Stunden pro Woche.

Dazu gibt es sieben Studien mit 34.000 schwangeren Frauen, und man hat gesehen: Wenn die Frau, bevor sie schwanger ist, mehr als vier Stunden pro Woche Bewegung macht, zum Beispiel Walking, erkrankte das Kind später signifikant seltener an Diabetes.

Die Botschaft ist klar: Mit dem Übergewicht schadet ihr euch jetzt selbst, aber ihr schadet vor allem dem Schicksal der Kinder, die dann in fünf, sechs Jahren aus euch hervorgehen.

Jugendlichen könnte man es im Schulunterricht einfacher erklären auf eine Art, die ihnen in dem Alter näher ist als ein Kinderwunsch in der Zukunft. Es gibt Attraktivitätsmerkmale für die Frau und für den Mann, Dinge, die das andere Geschlecht betreffen. Schließlich braucht es ja immer zwei dazu. Wir könnten ihnen sagen: Ihr könnt ab heute an eurem Schicksal mitarbeiten, indem ihr eine gewisse Attraktivität entwickelt.

Denn bei den Burschen ist es so: Je dicker sie sind, je größer ihr Bauchumfang ist, desto weniger attraktiv sind sie für Mädchen. Diese Schulter-Bauch-Umfang-Quotienten sind ein Parameter dafür, ob man genug Testosteron hat, und den erfassen Mädchen intuitiv. Sie erkennen, dass zu wenig Testosteron da ist. Je größer der Schulterumfang und je kleiner der Bauchumfang ist, desto besser ist das Testosteron.

Die Mädchen sollen idealerweise einen Body Mass Index, kurz BMI, von zwanzig haben. Das ist der sogenannte most sexy BMI. Die Schönheit der Ausgewogenheit. Ganz dünn oder ganz dick, das ist extrem. Das Reproduktionsfeld der Frau liegt dazwischen. Das könnte man den Kindern durchaus vermitteln: nicht übergewichtig, aber auch nicht untergewichtig. Das wäre das Optimum.

Und bitte unbedingt weglassen: Alkohol und Nikotin. Jede Zigarette zerstört Eizellen und verringert daher die Chance, problemlos Kinder zu bekommen.

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9783990013601
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