Kitabı oku: «Es existiert»

Johannes Huber: Es existiert
Alle Rechte vorbehalten
© 2016 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover: JaeHee Lee
Gestaltung: Hidsch
Gedruckt in Europa
1 2 3 4 5 — 19 18 17 16
Print-ISBN 978-3-99001-168-3
eBook-ISBN 978-3-99001-186-7
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
INHALT
Einleitung
Teil 1 Der neue Mensch
1 Größer, breiter, gescheiter – Die Geburt des neuen Menschen
2 Essen, spielen, reisen – Die drei Pfeiler des neuen Menschen
3 Jung, gesund und fit bis 100 – Der neue Mensch schafft das Altern ab
Teil 2 Es existiert
1 Hinter die Organe schauen – Die Wirkung der Seele auf den Körper
2 Hinter das Hirn schauen – Die neue Art der Kommunikation
3 Hinter die Gene schauen – Der Mensch lebt mit den Erfahrungen der Eltern
4 Hinter unser Menschsein schauen – Die neue Biografie der Frau
5 Hinter die Natur schauen – Der Mensch als Teil der schönen Ordnung
6 Hinter das Licht schauen – Schutzengel sind denkbar
7 Hinter den Glauben schauen – Der Glaube an Gott liegt im Epigenom
Epilog
Einleitung
Auf der Suche nach Wundern hat der Mensch den Blick immer nach vorne oder nach oben gerichtet und das Fantastische im Außen gesucht.
Er hat dabei nur in eine Richtung geschaut.
Das größte Weltwunder liegt im Inneren und ist er selbst. Als Mediziner hat man zwei gute Nachrichten, deren Tragweite wir erst nach und nach erkennen. Wir erleben gerade einen Schub in der Weiterentwicklung unserer Spezies. Wir schaffen den nächsten Schritt auf der Treppe der Evolution. Wir bewegen uns, verändern uns, alles ist Transformation.
Der neue Mensch entsteht, wächst, teilweise noch im Brutkasten der Verwandlung.
Willkommen in einer neuen Ära, die Zeiten könnten spannender nicht sein. Auch wenn heutzutage angesichts globaler Unwägbarkeiten wenig dafür spricht: Wir werden intelligenter. Das Gehirn bekommt ein Upgrade. Der Mensch 2.0 passiert, und er wird deutlich älter. Die DNA, unsere ganze Art verändert sich und die Welt gleich mit.
Das bringt mich zur zweiten guten Nachricht. Viele Dinge, die früher Hokuspokus waren, Mächte und Mysterien, sind heute wissenschaftlich erklärbar. Die Wissenschaft rümpft nicht mehr die Nase, wenn es um übergeordnete Phänomene geht. Weil sich der Nebel des Zweifels langsam, aber sicher legt.
Die Forschung übertrifft sich Jahr um Jahr aufs Neue. 2014 ging der Nobelpreis für Medizin an die Entdecker der sogenannten Place Cells, in denen sich jeder Ort, den wir erreichen, im Gehirn abspeichert. Diese Erkenntnis zeigt: Menschen können an einem Ort verwurzelt sein. Orte können Menschen in besonderer Weise beeinflussen, sie werden magisch. Menschen kehren immer wieder an Orte zurück, die sie positiv oder negativ belegen. Und Orte können Kraft spenden.
Erstaunliches passiert. Herzensangelegenheiten gewinnen an Bedeutung. So wie der innerste Kern der Erde ein flüssiger Eisenmagnet ist, der den ganzen Planeten beeinflusst und schützt, genauso ist das Herz als Zentrum des Körpers ein Eisenmagnet, konkret durch das Hämoglobin. Die Magnetfelder reichen mehrere Meter und lassen sich messen: als elektromagnetische Kraft, die das Körpergefühl bestimmt, die Ausstrahlung bewirkt und den Menschen beeinflusst, sogar seine Heilung. Seitdem man auch Nervenreaktionen bildgebend darstellen kann, weiß auch die Schulmedizin, dass Meditation und Gebete organische Auswirkungen haben können.
Der verantwortliche Vermittler ist der Nervus vagus, der vom Gehirn ausgehend alle Körperteile durchzieht und von dort wieder Situationsmeldungen zurück ans Gehirn gibt. Er ist der Nerv mit Stethoskop. Der Doktor in uns. Das Missing Link.
Dann wäre da noch die Haut als umspannendes Wunder. Die Schweißdrüsen der Haut wirken wie kleine Antennen. Sie können empfangen und senden. Das ermöglicht eine nicht sensorische Kommunikation, früher hat man Aura dazu gesagt, Gefühl und Charisma.
Herzensbildung. Energie. Heilung. Schwingungen. Kraftplätze. Karma. Wünsche ans Universum. Alles Humbug? Heute gibt es nur andere Wörter dafür, der Sinn dahinter hat sich nicht wirklich geändert. Vieles, was noch vor kurzem als esoterisches Geschwätz abgekanzelt worden wäre, ist messbar, wissenschaftlich anerkannt, mithin real.
Wir wissen, dass es mehr gibt als das fürs Auge Sichtbare. Mit Recht sagt man, es gibt viel mehr. Das Übersinnliche, es existiert. Das, was Menschen in Wundern sehen, Glück, Schutzengel, Energie, Gott, kann wahr sein. Der deutsche Neurophysiologe Wolf Singer sagte vor einiger Zeit, er lebe mit der Gewissheit, dass das, was sich uns erschließt, nur ein Teil von etwas Größerem, nicht Erfassbarem sein kann.
Hirnforscher meinen zunehmend, dass es jenseits der hormonell gesteuerten Bewusstseinswelten noch andere Wirklichkeiten gäbe. Der Umstand, dass wir diese nicht annähernd in ihrer Gesamtheit verstehen, ist noch lange kein Beweis dafür, dass es sie nicht gibt. Alles ist da. Ob wir daran glauben, den Kopf schütteln oder in einem stillen Moment in uns hineinhorchen und auf einmal begreifen.
Von diesen fantastischen Dingen in Form von neuen medizinischen Erkenntnissen und Überlegungen soll hier berichtet werden. Vom Umstand, dass der Mensch immer schon neugierig war, hinter die Kulissen zu schauen und sich zu fragen, was hinter dem roten Vorhang versteckt ist. Im Theater gibt es auch nicht nur Bühne und Publikum. Hinter die Kulissen zu schauen ist das, was visionäre Wissenschaftler ausmacht. Diese Forscher erkennen: Evolution passiert, und es existiert – mehr.
Prof. DDr. Johannes Huber,
Wien, August 2016
TEIL 1
Der neue Mensch
Der neue Mensch
Die physiologischen Auffälligkeiten haben sich abgezeichnet. Alles neu macht der Mensch. Da wächst etwas heran, aus sich heraus und über sich hinaus. Bei Kindern können wir das beobachten. Sie verändern sich zusehends, es gibt eine erstaunliche Beschleunigung im Wachstum bei der Geburt und in der Pubertät. Die Folge: Wenn sich der Körper ändert, ändert sich auch der Geist, das Bewusstsein.
Zuletzt ist so ein Schub vor 10.000 Jahren passiert. Zur Zeit der neolithischen Revolution. Die Menschen entwickelten ein Gehirn, das fähig war, einen sozialen Zusammenhalt zu schaffen. Jäger und Sammler ließen sich nieder, wurden sesshaft. Eine neue Epoche brach an.
Heute befindet sich der Mensch wieder an so einer Weggabelung. Links steht das Schild Homo sapiens sapiens: der Mensch, der Bescheid weiß und reif ist, Höheres zu erreichen. Rechts steht das Schild Homo sapiens bestialis, der Mensch, der ein Raubtier bleiben will.
Der eine Weg führt zu einem umfassenden Bewusstsein, möglicherweise zu neuen Fähigkeiten wie einem hochsensiblen Einfühlungsvermögen, das an Telepathie grenzt, kurzum zu einer Zukunft in intelligenter Harmonie.
Der andere Weg führt zu einem neuen Menschen, der zwar alle Voraussetzungen mit sich bringt, gescheiter zu werden, trotzdem aber in eine Steinzeitnatur zurückfällt. Er stellt das Faustrecht über das Recht der Allgemeinheit. Er schwingt die Keule, nicht den Geist.
Wohin der Mensch seinen Weg fortsetzt, ist die große Frage. Ob es in die Brutalität oder in die Humanität hineingeht, das weiß man nicht. Wie auch immer, die Weggabelung ist erreicht. Man könnte sagen, wir stehen am Scheideweg des Schicksals.
Und die Evolutionsbiologen blinzeln: Was wird im 21. Jahrhundert passieren – bevor es zu Ende geht?
1
Größer, breiter, gescheiter
Die Geburt des neuen Menschen
Es existiert.
Es geht weiter.
Es, die Evolution.
Wir sehen sie nicht, aber sie ist schon im Gange.
Die Verwandlung des Menschen.
Ein neuer Homo sapiens erscheint am Horizont.
Der neue Mensch.
Er existiert.
Der Mensch, wie er jetzt ist, ist nicht der Endpunkt der Evolution, das dürfen wir als sicher annehmen. Mutter Natur hat noch große Erzählungen vorbereitet und ist drauf und dran, sie auch umzusetzen. Die Evolution bleibt nicht stehen, auch das dürfen wir als sicher annehmen. Sofern wir uns jetzt nicht in die Luft sprengen mit unserem Raumschiff Erde, wird es uns noch eine Zeit lang geben. Die Frage ist nur: in welcher Form, in welcher Gestalt, in welcher Ausführung?
Eine Verwandlung des Menschen ist ein transhumaner Schritt. Mitunter ein großer. So wie einst vom Schimpansen zum Homo sapiens ereignet sich jetzt ein Progress vom Homo sapiens zum Homo sapiens sapiens. Der Übergang zu diesem neuen Menschen ist keine leichtfertige Behauptung, kein überzogener Gedanke, keine Utopie. Es scheinen sich gewisse Symptome abzuzeichnen. Eine ganze Reihe von Indizien.
In den Vereinigten Staaten ist der Transhumanismus im Gegensatz zu Europa schon ein großes Thema. Dort versteht man darunter allerdings, dass man dem Menschen Chips ins Gehirn einsetzt oder künstliche Gelenke einbaut, die mehr Bewegung ermöglichen. Der vorhandene Mensch soll verbessert werden, man strebt ein ausgereifteres Modell an, als wir jetzt haben. Es soll weniger anfällig, länger haltbar und leichter zu reparieren sein. An eine ganz neue Serie wird dabei nicht gedacht. Ein Evolutionssprung ist der Transhumanismus für die Amerikaner nicht. Sie stellen sich nicht vor, dass der Mensch jetzt das gleiche macht, was er vor hunderttausend Jahren mit den Primaten gemacht hat: nämlich, dass er hier aufspringt und dort als eine andere Spezies landet. Dass er sich verwandelt.
Genau das zeichnet sich aber ab. Eine Verwandlung des Menschen. Sie drückt sich zunächst in ganz einfachen Parametern aus, die wir bei uns im Wiener AKH schon seit einem halben Jahrhundert untersuchen. Als Gynäkologe war ich bei diesen Verwandlungsbeobachtungen sozusagen von Geburt an dabei.
Wir haben das Körpergewicht, den Körperumfang, den Schulterumfang, die Körpergröße und den Kopfumfang der Neugeborenen untersucht. Diese anthropomorphen Parameter, wie man sie nennt, haben wir über fünfzig Jahre hinweg an 80.000 Babys evaluiert und dabei hochsignifikant gesehen: Die Kinder werden immer größer.
Sie werden immer dicker, die Schultern werden immer breiter, und der Kopfumfang wird immer größer.
Der Grund, warum wir überhaupt auf die Idee kamen, diese Parameter zu messen, war die Tatsache, dass die Kaiserschnitte immer mehr zunahmen. Wir fragten uns, ob vaginale Geburten irgendwann noch möglich sein würden oder ob wir unsere Kinder nur noch mit Kaiserschnitt holen könnten. Wir fragten uns das nicht, weil wir Gynäkologen nicht auf ewig mitten in der Nacht zu normalen Geburten aufstehen wollten, sondern weil die natürliche Art, auf die Welt zu kommen, immer schwieriger wurde.
Die Gedankenkette lässt sich weiterführen. Größere Babys haben einen größeren Kopf. In einen größeren Kopf passt ein größeres Gehirn.
Steckt in einem größeren Gehirn automatisch mehr Verstand?
Die Möglichkeit besteht. In der Medizin wissen wir, dass selbst noch im Erwachsenenalter bestimmte Hormone wie zum Beispiel das Östrogen für das Volumen bestimmter Teile des Gehirns mitverantwortlich sind. Das heißt, das Östrogen steuert, dass ein gewisses Quantum an Nervenzellen in diesem Areal erhalten bleibt. Das wiederum bedeutet, dass nicht nur das Gehirn als Gesamtgröße, sondern auch die Anzahl der Neurone vermehrt werden können. Wenn mit dem Gehirn die Menge der Neurone wachsen kann, dann könnte es sein, dass wir von Natur aus immer gescheiter werden.
Dass der Mensch immer größer wird, ist an sich keine neue Entwicklung. Im Laufe der Zeit ist er immer gewachsen. Wenn wir in der Geschichte zurückschauen, sehen wir es an den römischen Sarkophagen und noch besser an den Grabstätten der einfachen Menschen, die ohne den Zierrat der Reichen begraben wurden. Ihre Skelette waren klein. Auch wenn wir uns die Betten der Menschen im Mittelalter anschauen, kommt uns zu Bewusstsein, was für Zwerge wir einmal waren. Nehmen wir nur das Bett der Kaiser im Kloster Escorial bei Madrid. Da würde heute, legte man ihn zum Vergleich daneben, selbst ein Dreizehnjähriger nur noch mit Mühe hineinpassen.
Letzten Endes sehen wir es an uns selbst. Als ich in der Schule war, war ich einer der Größten. Wenn ich heute im AKH in den Aufzug einsteige, sind die Studenten alle um einen Kopf größer als ich. Ich schaue gern zu ihnen auf. Und ich bin sicher nicht der Einzige, der sich hin und wieder so klein fühlt.
Das Phänomen lässt sich nicht nur über lange Zeitspannen hinweg beobachten, es hat auch Pendants. Die gleiche Entwicklungsbeschleunigung zeigt sich in der Pubertät. Bei Jugendlichen ist sie ein körpereigenes Merkmal. Manche scheinen von einem Tag auf den anderen über sich hinauszuwachsen.
Etwas in der Art beobachtete auch ein gewisser James Flynn in den 1950ern, die Welt am Sonntag berichtete darüber. In der High School hatte er Basketball gespielt und viele Matches gewonnen. Als er fünf Jahre später gegen eine High-School-Mannschaft antrat, überragten ihn baumlange Jünglinge, gegen die er und seine Kollegen keine Chance mehr hatten. Sie waren nicht nur größer, sondern auch um einiges schneller als er, konnten mit der linken genauso gut werfen wie mit der rechten Hand und hatten auch sonst Tricks drauf, mit denen sie die Älteren austricksten.
Dreißig Jahre später fiel Flynn, mittlerweile Professor für Politikwissenschaften in Neuseeland, auf, dass in einigen Ländern die IQ-Werte stetig anstiegen. Er erinnerte sich an seine Basketballzeit und wurde neugierig. Ebenso, dachte er, müsste es doch mit der Intelligenz sein. Die Kollegenschaft war skeptisch, weil Zwillingsstudien längst ergeben hatten, dass Intelligenz zu siebzig Prozent vererbt wird. Der IQ, müsse also über die Generationen hinweg stabil bleiben. Der Flynn-Effekt galt lange Zeit als statistischer Fehler.
2015 bekam James Flynn dann doch Recht. Es waren Forscher der Universität Wien, die erstmals einen weltweiten Anstieg des IQ im 20. Jahrhundert nachwiesen, und der Unterschied war durchaus nennenswert. Der Gesamt-IQ liegt dreißig Punkte höher als 1909. Die Welt am Sonntag schrieb: Wer es heute auf einen durchschnittlichen IQ von hundert bringt, hätte vor einem Jahrhundert einen IQ von hundertdreißig gehabt und als hochbegabt gegolten.
Das entspricht drei Punkten pro Dekade, wobei der Anstieg nicht immer und in allen Weltregionen gleich war. In Deutschland war der IQ während der beiden Weltkriege gleich geblieben. In der Zwischenkriegszeit und ab 1950 machte er gewaltige Bocksprünge nach oben. Asien startete auf etwas niedrigerem Niveau als Europa, holte dafür aber dramatischer auf. Letztlich, war in dem Artikel zu lesen, wird er überall auf gleichem Level landen.
Es hat also in der Geschichte durchaus solche Entwicklungen der körpermorphen Parameter gegeben. Allerdings nie so rasant. Nie so auffällig. Jetzt scheint sich eine Explosion zu ereignen.
Das wirft eine ganze Reihe von Fragen auf. Allen voran: Wodurch ist diese Akzeleration ausgelöst, die ja kontinuierlich immer da war? Salopp gesagt: Wer oder was gibt da plötzlich so Gas? Und natürlich: Warum?
Was liegt dahinter? Ist da ein Mechanismus am Werk, der mehr kann, als Riesen zu produzieren? Ist dieser Mechanismus möglicherweise dazu geeignet, einen noch größeren Quantensprung zu ermöglichen? Ist es denkbar, dass sich im Zuge dessen das Gehirn vergrößert, die Anzahl der Neurone zunimmt und damit ein anderes Bewusstsein geschaffen wird? Und wenn ja, was lässt uns das noch erwarten?
Es ist durchaus möglich, auf ein paar dieser Fragen schlüssige Antworten zu geben.
Der Mechanismus, der hinter der Wachstumsexplosion liegt, hat etwas mit zwei Worten zu tun, die der Größe der Ereignisse so gar nicht entsprechen. Im Gegenteil, sie sind überhaupt nicht sexy. Die Rede ist von Insulin und Glukose. Die beiden, das Insulin als ein Wachstumsfaktor und die Glukose als Bestandteil der Nahrung, bewirken im Zusammenspiel des menschlichen Organismus mit den äußeren Umständen dennoch Erstaunliches.
Dass und wie sehr dieser Mechanismus in der Lage ist, in die Entwicklung des Menschen einzugreifen, beweist uns schon die Schwangerschaft. Deswegen ist sie für die Evolution so wichtig. Werfen wir einen Blick darauf.
Um das Kind in der Gebärmutter ausreichend zu ernähren, entwickelt die Frau in der Schwangerschaftszeit ein Überangebot an Insulin und ein Überangebot an Glukose, sprich an Zucker.
Man kann sich das so vorstellen:
Die schwangere Frau macht ihre eigenen Zellen für die Kohlenhydrate, für das Insulin zu. Eigentlich genau so, wie es auch Diabetiker machen. Was einiges zur Folge hat. Der Zuckergehalt im Blut steigt an. Die Bauchspeicheldrüse möchte den Zucker aber trotzdem irgendwie in die Zelle transportieren. Um das in diesen großen Mengen zu schaffen, steigt das Insulin an. Unschwer, sich vorzustellen, dass da ordentlich geschuftet wird.
Wozu der ganze Aufwand? Immerhin kann diese erhöhte Produktion, wenn sie pathologisch entgleist, was ja in der Evolution immer möglich ist, zu Schwangerschaftsdiabetes führen. Ist das ganze Tamtam der Mühe wert?
Es ist nicht nur die Mühe wert, es ist sogar lebensnotwendig. Das Risiko muss eingegangen werden, aus gutem Grund. Die hohen Insulinkonzentrationen und vor allem der hohe Zucker der Mutter stehen nun auch dem Baby zur Verfügung, und es beginnt, seine Hirnentwicklung zu beschleunigen. Ein Mechanismus, der wahrscheinlich für die evolutionäre Hirnentwicklung von hoher Bedeutung war.
In der Schwangerschaft ist eine derartige prädiabetogene Stoffwechsellage eine Notwendigkeit. Deswegen akzeptiert die Natur eine Situation wie bei Diabetikern. Sie ist essenziell. Das Kind braucht sie in diesen Phasen zur Entwicklung des Gehirns. Wie gescheit die Natur doch ist.
Was hat jetzt dieser Abstecher in die Schwangerschaft damit zu tun, dass die Menschen immer größer werden? Erhöhten Zucker und erhöhtes Insulin gibt es immerhin seit den Schwangeren der ersten Stunde.
Die Erklärung ist so einfach wie verblüffend: In der modernen Überflussgesellschaft leben wir praktisch wie in einer ewigen Schwangerschaft. Wir sind sozusagen die extrauterinen Embryos im Mutterleib der Überflussgesellschaft und pendeln zwischen einem Energieangebot für unseren Körper, wie das vorher in der Menschheitsgeschichte noch nie der Fall war, und andererseits der Gefahr, an Diabetes zu erkranken, wenn der Konsumbogen überzogen wird.
Unser Nahrungsangebot ist so riesig, dass das, was in der Schwangerschaft phasenweise einen Sinn hat, in der modernen Zivilisation permanent möglich ist. Vermehrtes Insulin und vermehrte Kohlenhydrate sind nicht mehr nur dazu da, um das Gehirn des Kindes zu vergrößern. Sie sind ein Dauerzustand. Zumindest in der westlichen Welt haben wir ständig genug zu essen und können jede Schwangerschaft für ein Mehr konditionieren.
Das ist einer der Gründe, warum die Menschen im 20. Jahrhundert damit begannen, stetig größer zu werden. Sie verändern sich.
Die Sache ist natürlich wesentlich komplexer und außerdem kein einmaliges Ereignis. Es gibt im Leben noch eine zweite Phase, in der die Energieressourcen für die Erhaltung der Art notwendig sind. Nämlich in der Zeit, in der ein Mädchen zur Frau wird.
Das zweite Mal, bei dem ausreichend Energie und Nährstoffe für die Fortpflanzung, die Reproduktion und schließlich das heranwachsende Leben gebraucht werden, beginnt schon lange vor der ersten Schwangerschaft. Sie ist sogar die Voraussetzung dafür. Denn um eine Schwangerschaft austragen zu können, braucht der weibliche Körper 140.000 zusätzliche Kilokalorien. Ohne diesen hochenergetischen Prozess gäbe es praktisch keine Fortpflanzung.
Die Frage ist dabei weniger, wo kommen diese 140.000 Kilokalorien her, sondern wo sollen diese 140.000 Kilokalorien hin. Wo soll der noch kindliche Frauenkörper plötzlich so viel Energie und Nährstoffe unterbringen? Ist ja nicht so, dass sich die Mädchen ein zusätzliches Depot aus der Requisitenkammer der Natur holen oder eine Art tragbare Vorratskammer umgeschnallt bekommen.
Es muss sich etwas innerhalb des Körpers ereignen, und genau das passiert. In der Steinzeit ist eine werdende Mutter auch nicht in die nächste Supermarkthöhle gegangen und hat sich vor den Regalen voll Babynahrung überlegt, ob sie sich heute für Alete oder Milupa entscheiden soll. Mutter Natur hatte selbstständig dafür zu sorgen, dass hier ein Schalter umgelegt wird, sodass das Kind das bekommt, was man heute in jedem Kaufhaus kaufen kann.
Im Organismus wird damit ein erstaunlicher Vorgang angeknipst. Er bewirkt, dass sich plötzlich überall, wo es nur geht, am Popo, an den Hüften, um den Bauch, Fettzellen bilden. Genau diese Fettzellen, die dann dafür verantwortlich sind, dass die Mutter die 140.000 Kilokalorien zur Verfügung hat, die sie für ihr Kind im Bauch und später zum Stillen braucht. Wie in der eigentlichen Schwangerschaft ist auch dieser Mechanismus eine sogenannte Insulinresistenz, die man in der Pubertät polyzystisches Ovar, kurz PCO, nennt.
Das heißt, junge Mädchen machen quasi eine zuckerkrankheitsähnliche Lebensphase durch.
Für kurze Zeit benimmt sich der Körper ganz und gar nicht normal. Keine Frage, dass das irritiert. Wenn sie diese kleinen Follikel, diese Zysten am Eierstock haben, fürchten viele Mädchen, nie wieder schwanger werden zu können. Diese Angst lässt sich leicht nehmen. Für das Wachstum ist dieser so gar nicht normale Zustand völlig normal. Das PCO ist bei jungen Mädchen von Natur aus mit einer diabetogenen Stoffwechsellage verbunden.
Was in dem Alter aber vermutlich noch viel irritierender ist: In dieser zuckerkrankheitsähnlichen Lebensphase werden die Mädchen dick. So wie auch Diabetiker übergewichtig sind, denn genau dasselbe geht bei einer Insulinresistenz vor. Bloß wird sie nicht, wie in der Schwangerschaft, durch das Hormon Progesteron erzeugt. Bei jungen Mädchen ist das Testosteron dafür verantwortlich, also das männliche Hormon.
Wie es im genial verzahnten menschlichen Bauplan so ist, sind wir damit sofort bei der Erklärung für ein weiteres Phänomen: die Akne in der Pubertät. Auch sie ist den männlichen Hormonen zu verdanken. Die Pickel sprießen nun gerechterweise bei Mädchen und Buben, während die Hormone ihrer eigentlichen Aufgabe nachgehen: aus der hohen Glukosekonzentration des Blutes Muskeln zu bilden. Aber das nur nebenbei.
Um die komplizierten Vorgänge im Körper, die für die Entwicklung des neuen Menschen relevant sind, noch einmal auf einen Blick zu haben:
Wir haben im normalen Leben heutzutage zwei Phasen, in denen die Zuckerkrankheit für die Erhaltung der Art notwendig ist. Damit wird die Energie zur Verfügung gestellt, die einerseits das Baby und anderseits der pubertierende Mensch brauchen. Wenn das allerdings überzogen wird, kommt es zu Problemen. In der Schwangerschaft zu Diabetes, und zwar dem richtigen Schwangerschaftsdiabetes, bei dem man mitunter tatsächlich Insulin spritzen muss.
In der Pubertät ist das alles noch viel desaströser. Durch die falsche und übermäßige Ernährung kann die Insulinresistenz, eben das PCO, komplett aus dem Ruder laufen. Dann ist sie keine auf zwei oder drei Jahre konzentrierte Phase, sondern führt zu einem permanenten polyzystischen Ovar. Vor allem zu dem, was man heute in jeder Schule sieht: zum Übergewicht.
Die Kinder werden, das lässt sich mit Worten nicht beschönigen, einfach fetter. In der Zeit der prädiabetogenen Insulin- und Glukoseintoleranz wandeln die jungen Menschen ihr intensives Essen zu sehr in Fettzellen um. Und schon wird ein für das Überleben notwendiger Prozess zur Pathologie.
Wir haben einerseits Schwangerschaftsdiabetes, andererseits die pubertäre Übergewichtigkeit. Zwei Gründe, die dafür sorgen, dass die Kinder größer und dicker werden.
Man kann es sich bei allem Überfluss, der heute herrscht, gar nicht mehr vorstellen, aber die längste Zeit lebten die Menschen nach einem kargen Prinzip. Im Normalfall gab es ausgesprochen wenig zu essen und zur Abwechslung eine Hungersnot. Sie pendelten zwischen Kaum-was und Gar-nichts. Menschheitsgeschichtlich gesehen, ist das erst gestern gewesen.
Schließlich ging es den Leuten Gott sei Dank etwas besser. Sie konnten sich, wenn es gut ging, dreimal in der Woche ordentlich sattessen. Selbst bei dem, was üblicherweise im 21. Jahrhundert auf den Tisch kommt, kann aber nicht von gesunder Ernährung die Rede sein. Die kontinuierliche Möglichkeit, hochwertiges Essen zur Verfügung zu haben, gibt es noch nicht lange.
Allerdings kam es in unserer Geschichte schon vor. Zuletzt vor 10.000 Jahren. Während der sogenannten neolithischen Revolution. Es erinnert dabei so einiges an die Gegenwart.
Nur so als Hypothese:
Wir leben in der Überflussgesellschaft des 20. und 21. Jahrhunderts in einer Phase, die der neolithischen Revolution sehr ähnlich ist. Mehr noch, die Parallelen sind bemerkenswert.
Schauen wir einmal zurück, was sich da getan hat.
Erstens: Ausgelöst wurde die neolithische Revolution durch eine Erderwärmung. So, wie wir sie jetzt haben.
Zweitens: Damals hat der Mensch angefangen, aus der primitiven Sammlertätigkeit einen Intellekt zu entwickeln, der die Gemeinschaftsfähigkeit, das Gemeinwesen, möglich gemacht hat. Es entstand ein neuer Mensch.
Drittens, und das ist naturwissenschaftlich gesichert: Es ist etwas explodiert. Das Gras.
Gräser traten das erste Mal in der Kreidezeit auf, woraufhin sich das Erosionsverhalten des Festlandes positiv geändert hat. Dann hat die Erderwärmung ein besseres klimatisches Ambiente für das Gras geschaffen und es damit zur Vollblüte gebracht. Aus dem Gras entstanden Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, der Reis und der Mais. Auf einmal hatte der Mensch hochwertige Nahrung zur Verfügung, die er sich davor gar nicht ausdenken hätte können. So wie wir jetzt.
Es war der Eintritt in eine neue Evolutionsphase des Menschen. Interessanterweise gleich in drei verschiedenen Erdteilen, und immer war es das Gras, das daran beteiligt war. Der Reis in Asien ist nichts anderes als eine Grassorte. Der Mais in Südamerika ist nichts anderes als ein Gras. Weizen, Roggen und Gerste sind ebenfalls Formen des Grases.
Gras, wird sich vielleicht jetzt jemand denken. Meine Güte, was regt er sich so auf. Gras. Na und? Vom Standpunkt des damaligen Menschen konnte man sich gar nicht genug aufregen. Was uns heute so geläufig ist, war zu der Zeit eine Sensation.
Das Gras hat sich durch etwas ganz Besonderes ausgezeichnet, was die anderen Pflanzen nicht hatten. Es war sehr kohlenhydratreich. Wenn wir uns den Weizenkeimling hernehmen, als hätten wir ihn noch nie gesehen, oder auch den Reis oder den Mais, den man einfach so essen kann, dann halten wir eine Kostbarkeit in Händen. Kohlenhydrate in Höchstform. Ein Turbo für die Hirnentwicklung.
Davor haben sich die Leute von Fleisch ernährt, das sie mühsam zur Strecke bringen mussten. Oder von Wurzeln, die sie irgendwo gefunden haben. Beides hatte wenig Kohlenhydrate. Das eine war Eiweiß, das andere mehr Zellulose. Auf einmal gab es Kohlenhydrate, noch dazu in Mengen. Als hätten sie zum ersten Mal einen Berg Nudeln gesehen, so muss das gewesen sein.
Im Nachhinein betrachtet, ist es von diesem Nudelberg bis zum darauffolgenden neuen Menschen ein Katzensprung gewesen. Ein bisschen Ackerbau, ein bisschen Getreide ernten, ein bisschen Fladenbrot backen, ein bisschen Gerstenbrei essen, und auf einmal war die Jungsteinzeit von lauter Intellektuellen bevölkert. Mit ihrem plötzlich so scharfen Verstand entschieden sie, dass sie nicht weiter durch die Gegend trampen mussten, immer auf der Suche nach Wurzeln fürs Frühstück, immer auf der Spur von Tieren zum Nachtmahl.
Überhaupt brauchten sie nicht mehr auf Achse zu sein. Das Getreide wuchs immer an derselben Stelle, so ein Feld bewegte sich nicht. Daher brauchte sich auch der Mensch nicht mehr zu bewegen und wurde sesshaft. Er säte und erntete und lebte wunderbar von dem, was um ihn herum aus der Erde schoss. Es war reichlich. Es deckte den Bedarf einer zehnköpfigen Gruppe, die immerhin drei Kilo Getreide pro Tag verdrückte. Die Menschen hielten die neolithische Revolution für eine gute Sache.
Kein Wunder. Sie veränderten sich. Sie wurden größer. Sie entwickelten ein Hirn, das fähig war, einen sozialen Zusammenhalt zu schaffen. Und wieder zeigen sich Parallelen zur Gegenwart. So eine ähnliche Situation haben wir heute wieder. Unser Gras ist die Wohlfahrtsgesellschaft. Sie macht es möglich, ihre Güter überall zu verteilen und den Menschen tagtäglich ausreichend Kohlenhydrate und auch genug Kalorien zur Verfügung zu stellen.
Drängt sich natürlich die Hoffnung auf: Könnte das die Menschen wieder ein Stück intelligenter machen?
Ist es nicht eine absurde Theorie, die man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte? Die Unsitte, Fastfood in sich hineinzustopfen, kann dafür sorgen, dass sich ein besseres Gehirn ausbildet. Einmal ganz bildlich gesprochen.
Und doch ist was dran.
Die Ernährung ist einer der Hauptgründe für die Evolution. Jeder Eindruck verändert und beeinflusst unser Genom. Am stärksten natürlich das, was wir zu uns nehmen, was wir inhalieren, was das Genom des Stoffwechsels beeinflusst. Das prägt am nachhaltigsten. Der Mensch ist, was er isst, man kann es nicht oft genug sagen.
Drängt sich natürlich die nächste Hoffnung auf: Könnte das die Menschen auch ein Stück besser machen?
Meine Antwort ist: Ich weiß es nicht.
Aber es ist ohne weiteres möglich.
Ich möchte es gern mit dem französischen Jesuiten, Theologen und Naturwissenschaftler Pierre Teilhard de Chardin halten, der sagte, er habe durch seinen Glauben an Gott eine positive Welthaltung einnehmen können. Ihm zufolge wird sich alles ins Positive entwickeln. Was für ein schöner Gedanke, an den es sich zu glauben lohnt. Auch wenn es im Augenblick, das muss ich sagen, nicht sonderlich danach aussieht, aber das hindert uns nicht am Hoffen.
Ändert sich mit der Größe des Gehirns die Anzahl der Neurone, ändern sich auch die Mentalität und die Psyche der Menschen. Dann ist der Mensch in Zukunft vielleicht empathischer und hat eine größere soziale Bindung.
Warum nicht?
Mit dem Gehirn eines neuen, besseren Menschen gedacht, gibt es jedenfalls kaum einen anderen Weg, als dass sich die Kulturen angleichen und zu verstehen lernen. Dass diese aggressive Form des Islam nur eine Durchgangsphase ist. Dass sich sowohl die Religionen, wie auch die unterschiedlichen sozialen Schichten aufgrund eines verbesserten Gehirns mit mehr sozialer Kompetenz zu einem friedlichen Zusammenleben finden. Nur so als eine Hypothese.
Auch dafür würde einiges sprechen. Die Intelligenz wird steigen, und dadurch werden die Menschen offener sein. Selbst ein Wirtschaftsforscher wie John Maynard Keynes, einer der Größten auf seinem Gebiet, sagt, dass dieses Streben eines jeden, immer mehr zu haben und den eigenen Besitz so in den Vordergrund zu stellen, in der Wirtschaftsordnung nicht mehr haltbar sein wird. Möglicherweise haben auch die Grünbewegungen Recht, dass die Güterverteilung ein Zukunftsmodell ist. Teilhard de Chardin würde ihnen gern zustimmen. Es würde zur Offenbarung des Johannes passen und seiner Vision des Himmlischen Jerusalem, das nach dem Ende der Apokalypse entstehen wird.
Im Sinne einer hoffnungsvollen Weltsicht ist die Vorstellung schon sehr reizvoll, dass es nicht nur gesellschaftliche Veränderungen sind, die einen friedlichen Wandel erzwingen, sondern dass auch das Gehirn des Menschen ein anderes sein und dazu beitragen wird, dass die Menschheit doch einmal friedlicher zusammenleben kann.
Natürlich mangelt es in der Menschheitsgeschichte nicht an furchtbaren und hochkriminellen Ausreißern. Diktatoren, Tyrannen, Usurpatoren. Aber selbst auf dem Gebiet gab es eine Evolution. Genauso, wie die Menschen seit der Steinzeit immer größer geworden sind, so haben sie langsam immer mehr begriffen, dass es so etwas wie Gebote geben muss, an die man sich hält. Gerade in den vergangenen Jahrzehnten hat da, ähnlich wie bei der Körperform, ein Sprung stattgefunden.
Zumindest in Mitteleuropa sind wir heute in einer Zeit angekommen, die vor hundert Jahren noch nicht existent, nicht einmal denkbar war. Konkret, dass jeder Vertreter jeder Partei und jeder Weltanschauung sagt: Das, was wir unter keinen Umständen wollen, ist Krieg. Wir sind für eine soziale Gerechtigkeit, und wir sind dafür, dass die Menschen in Frieden leben können.
Das ist eine enorme Evolution. Es ist nicht Programm einer Partei, es ist das, was die Briten common opinion nennen. Öffentlich geteilte Meinung. Gemeinsame Überzeugung. So etwas gab es vor hundert Jahren nicht. Selbst die Intellektuellen, die geistige Elite der Gesellschaft, sind mit fliegenden Fahnen in den ersten Weltkrieg gezogen. Oskar Kokoschka, um nur ein Beispiel zu nennen.
Jemand könnte jetzt dagegen halten und diesen Fortschritt als viel wahrscheinlichere Erkenntnis aus den beiden Weltkriegen beschreiben. Auch nicht falsch. Es ist aber deshalb nicht auszuschließen, dass der Mensch durch ein sozialeres Gehirn verstanden hat, dass es so etwas nicht mehr geben darf. Geschichte und Erfahrung spielen zusammen und nähren einen Evolutionsprozess.
Die Evolution agiert nicht zufällig, per random, wie die Neodarwinisten angenommen haben. Die Evolution geht in eine vorgegebene Richtung, aber sie orientiert sich an dem, was sie vorfindet. In welche Richtung sich der neue Mensch entwickeln wird, wird in den nächsten Jahrzehnten deutlich zu sehen sein.
Die Gesellschaft, und das ist ein naturwissenschaftlich-physiologischer Gedanke, ist dabei sehr gefordert. Denn wenn ein neuer Mensch entsteht, ist das kein völlig isolierter Prozess. Der neue Mensch orientiert sich auch an der Umwelt. Und er ist abhängig von dem, was common opinion ist. Zeichnet die Gesellschaft eine humane Welt vor, nimmt der neue Mensch mit seiner neuen Intelligenz an ihr Maß. Er hält an den alten Vorstellungen der vorhergehenden Generation fest und lässt sich auch human beeinflussen.
Wie immer das alles ausgehen wird: In dieser Transformation sind wir gerade.
2
Essen, spielen, reisen
Die drei Pfeiler des neuen Menschen
Er wird genährt.
Sein Gehirn wächst.
Er spielt sich mit Elektronik.
Sein Gehirn wird schnell.
Er reist.
Sein Gehirn produziert mehr Neuronen.
Von Place Cells und anderen Sensationen.
An dem Thema Ernährung haben wir uns gerade satt gegessen. Neolithische Revolution, Kohlenhydrate, Insulinresistenz. Wenn der Mensch gut zu essen hat, entwickelt er sich weiter. Die Ernährung thront an oberster Stelle der Veränderungen, die die Verwandlung des Menschen begünstigen, die derzeit im Gange ist.
An zweiter Stelle dieses Rankings der Eckpfeiler, auf denen der neue Mensch beruht, steht: die Elektronik. Ja, genau. Die Spielereien, mit denen sich heute schon die Dreijährigen beschäftigen.
In diesem Augenblick höre ich sie nahezu, die Seufzer der Enttäuschung: Jessas, jetzt kommt er uns damit daher. Ich sehe es förmlich vor mir, wie der eine oder andere Leser die Augen verdreht und denkt: Was tischt er uns denn da auf? Ganz was Neues, die Elektronik, Teufelszeug des Computerzeitalters, verdirbt die Seele unserer Töchter und Söhne, entwöhnt sie von der Natur, verkleinert die Kindheit auf Bildschirmformat. Es gibt keine Vorteile, wo nicht auch Nachteile sind.
Es ist aber gar nicht diese Diskussion, auf die ich mich hier einlassen will. Egal, wie wir die Elektronik, mit der wir heute von klein auf leben, beurteilen. Ob wir sie für gefährlich, bedenklich, entbehrlich und verderblich halten, oder ob wir sie begrüßen und ihr verfallen sind, uns von ihr überfordert fühlen und sie zu verweigern versuchen. Sie ist da, und sie hat einen Einfluss auf unser Gehirn.
Elektronik ist schnell, sie fordert schnelle Reaktionen. Unser Leben hat sich in den vergangenen Jahrzehnten um das 39-Fache beschleunigt. Von der Geduld, die die Menschen früher von dem Moment an brauchten, da sie einen Brief geschrieben, zusammengefaltet, in ein Kuvert gesteckt, eine Marke draufgepickt und ihn auf die Post gebracht haben, bis zu dem Moment, da das Antwortschreiben im Postkasten eingetrudelt ist, sie das Kuvert aufgeschlitzt haben, den Brief auseinandergefaltet und gelesen haben, von dieser Geduld ist nichts mehr übrig. Heute reißt uns der Geduldsfaden, wenn eine SMS nicht innerhalb einer Minute beantwortet wird. Eine E-Mail, die erst nach einer Stunde mit der erwarteten Information in die Mailbox flattert, hält man für eine Unhöflichkeit. Kommt sie am nächsten Tag, ist das eine Zumutung, eine Woche später eine Frechheit. Das Leben ist schnell geworden.
Schuld ist die Elektronik, da kann man sagen, was man will. Erdacht mithilfe der menschlichen Neurone hat sie umgekehrt wiederum die Geschwindigkeit der Neuronenarbeit amplifiziert und verstärkt. Irgendwie paradox. Das menschliche Gehirn entwickelt Dinge, für die man ein besseres und schnelleres menschliches Gehirn braucht, um damit umgehen zu können. Der Mensch hetzt sich selber. Tempo ist der Treibstoff der Neuzeit. Gut? Schlecht? Na ja, lassen wir das. Es geht nicht um Wertung, sondern um Erwartung.
Die elektronischen Medien haben die Evolution in unserem Gehirn vorangetrieben. So kritisch also jeder eingestellt sein kann gegen diese Medien, eines ist sicher: Die Elektronik stimuliert die Schnelligkeit der Assoziation und des Gedankens.
Wir gewöhnen uns schleichend an die Geschwindigkeit. Die einen schneller, die anderen langsamer. Den einen fällt es leichter, anderen schwerer. Das zeigt sich an jedem Formular, das wir ausfüllen sollen. Früher hat man das mit der Hand gemacht und bei jeder Rubrik nachdenken können: Was schreibe ich da hin? Was ist damit gemeint? Was wollen die von mir? Formulare auszufüllen, war ja nie eine Lieblingsbeschäftigung des Menschen.
Jetzt sind die Antworten vorgegeben. Jetzt hüpfen wir mit drei oder vier Klicks zu irgendwelchen Auswahlfenstern, um neue Auswahlfenster zu öffnen, nach denen wieder andere Auswahlfenster geöffnet werden müssen. Dadurch wird die Denkgeschwindigkeit angeregt und gefordert. Wer der Reaktionsgeschwindigkeit im Hirn Dampf machen will, spielt Egoshooter oder füllt Formulare aus.
Die elektronischen Medien sind nichts anderes als Übungsfelder für den neuen, heranwachsenden, mit einem besseren Gehirn ausgestatteten Menschen. Indem er sich auf diesen Übungsfeldern tummelt, feuert er die Neurone an, die daraufhin viel schneller, viel besser arbeiten. Das ist wie beim Fußballspielen. Mehr Training, mehr Tore, höhere Liga.
Die permanente Übung des Geistes mit schnellreaktiven Maschinen. Das haben sie gern, die Neurone. Es ist durchaus möglich, dass die Kinder, die jetzt mit all der Elektronik aufwachsen, mit dreißig oder vierzig eine völlig andere Assoziationsfähigkeit mitbringen als die heutigen 30- und 40-Jähringen. Es ist ein weiteres Indiz dafür, dass der neue Mensch mit höherer Intelligenz ausgestattet sein wird.
Wir können derzeit nur Thesen aufstellen. Wir können nur Anzeichen aufzeigen. Wir können nur einen Indizienbeweis führen, wie ein Verteidiger gegen den Staatsanwalt, und die Causa heißt: Der neue Mensch versus die Skeptiker.
Das schlagendste Argument der Skeptiker ist bekannt und kaum zu entkräften. Das Gehirn mag schneller werden, was dabei aber auf der Strecke bleibt, ist das Nachdenken. Das bleibende Wissen. Die Allgemeinbildung. Das Herstellen von Zusammenhängen. Heute brauchen wir uns nichts mehr zu merken, heute brauchen wir nur zu wissen, wo wir nachschauen können. Heute brauchen wir nur zu googeln.
Das Tempo, mit dem unsere Kinder assoziieren, ist rasant. Die Fähigkeit, das Schnelle in Bleibendes zu verwandeln, ist dagegen geradezu dürftig. Ein Nachteil, keine Frage. Allerdings ist dieser Gegensatz auch wieder irrelevant. Er mischt Äpfel, die schneller wachsen als früher, mit Birnen, die weniger Fruchtfleisch haben als vorher.
Wenn wir davon ausgehen, dass ein Neuron in seiner Arbeit trainiert werden kann und dass das Training über die Epigenetik in die nächste Generation weitergegeben werden kann, worauf wir in einem späteren Kapitel noch genau eingehen werden, dann muss man sagen: Die Reaktionsgeschwindigkeit und die Arbeitsleistung einer Nervenzelle wird dadurch natürlich verbessert. Ob sie sich dann positiv oder negativ auf das gesamte Weltbild auswirkt, ist eine andere Frage.
Wir haben es hier mit zwei Faktoren einer somatischen, also einer körperlichen Veränderung zu tun. Durch die Insulinresistenz haben wir einen größeren Muskel, und wir haben gleichzeitig ein Training, das den größeren Muskel noch mehr auf Vordermann bringt. Ob man mit den Muskeln dann wirklich denkstärker, gescheiter wird, ist eine Wahrscheinlichkeit, eine Vermutung, aber mit Sicherheit eine Hoffnung.
Der dritte Pfeiler, der die Transformation zum neuen Menschen trägt, ist das Reisen. Genauer gesagt: die enormen Möglichkeiten, innerhalb eines Tages um die halbe Welt zu fliegen und damit neue sogenannte Place Cells und Time Cells zu produzieren.
Die Natur spiegelt sich im Gehirn. Die Umwelt hinterlässt dort ihren Abdruck. Das heißt, die Umgebung setzt neue Marker im Kopf. Von jedem Ort, an dem ein Mensch ist, macht der Körper sozusagen ein Bild. Ein Foto in Form eines Neurons.
Erstes Mal in Lignano, neues Neuron. Erstes Mal am Meer, neues Neuron. Erstes Mal im Riesenrad, neues Neuron. Erstes Mal in Linz, neues Neuron. Erstes Mal in New York, neues Neuron, neues Neuron, neues Neuron. Manche Leute haben Landkarten daheim hängen und stecken Nadeln an die Orte, an denen sie schon waren. Genau dieselbe Landkarte tragen wir in uns und ständig mit uns herum.
Wenn man möchte, kann man sich das Gehirn als ein unfassbar großes Fotoalbum vorstellen, und dieses Neuronen-Album hat einen unschätzbaren Wert, nicht bloß einen ideellen, wie jedes andere persönliche Fotoalbum. Es hat einen Wert für die menschliche Entwicklung, und sich dafür sogar einen Nobelpreis verdient. Der Nobelpreis 2014 ging an die Entdecker der sogenannten Place Cells.
Eine Hälfte der Auszeichnung hat sich der amerikanische Neurowissenschaftler John O‹Keefe schon seit 1971 erarbeitet. Damals hat er einen ersten Teil des inneren Navigationssystems von Mensch und Tier beschrieben, die sogenannten Platz-Zellen.
Die zweite Hälfte der weltweit höchsten wissenschaftlichen Anerkennung des Jahres 2014 bekam das norwegische Hirnforscherpaar May-Britt und Edvard Moser, das in Trondheim arbeitet. Bei Versuchen mit Ratten entdeckten sie 2005 die sogenannten Koordinaten-Zellen, die eine Art Positionierungssystem im Gehirn bilden und die räumliche Orientierung und das Finden eines Weges erleichtern.
Place Cells sind also so etwas wie ein von der Natur eingebautes Navi im Gehirn.
Den richtigen Weg zu finden, ist eine feine Sache. Bei den Place Cells geht es aber um viel mehr. Um viel, viel mehr. Durch sie ist überhaupt erst ein menschliches Bewusstsein entstanden. Ohne die Place Cells hätten wir gar kein Gehirn.
Um es einmal im Schnelldurchlauf zu erklären:
Pflanzen haben Nervenzellen und können damit auf die Umwelt reagieren, aber sie haben kein Gehirn. Ein Gehirn bildet sich erst mit gezielter Standortveränderung. In dem Moment also, wo Lebewesen in einer Art Zwischenstadium zum Tier anfangen, sich vom Fleck zu bewegen, bekommen sie nicht nur Nerven, sondern auch Nervenbündel, die aggregieren, woraus schließlich ein Gehirn wird.
Das heißt: Das Gehirn ist durch die Ortsveränderung entstanden, weil für jeden Ort ein neues Neuron angelegt wird.
Das Lebewesen, an dem man die Place Cells entdeckt hat, ist die Seescheide. Ein Mittelding aus Pflanze und Tier. Genau das macht sie so interessant. Noch dazu entwickeln sich die Seescheiden in unseren Augen eigentlich zurück. Sie mausern sich nicht von der Pflanze zum Tier. Im Gegenteil: In ihrem embryonalen Stadium sind sie Tiere, als Erwachsene werden sie dann zu Pflanzen.
Die Biographie so einer Seescheide ist rasch erzählt. Als Embryonen schwimmen sie herum und wachsen sich aus. Durch das Herumschwirren bilden sich in ihrem winzigen Nervensystem Place Cells, und die vermehren sich. Je mehr die Junior-Seescheiden herumschwimmen, desto mehr Place Cells produzieren sie, und das geht munter so weiter, bis sie fertige Seescheiden sind. Bald darauf stehen sie am Wendepunkt ihres Lebens. Denn irgendwann steht ihnen beim Herumschwimmen plötzlich irgendwas im Weg. Das kann ein Holz sein oder ein Wrackteil, was halt so im Meer herumliegt. Daran bleiben sie hängen und bewegen sich fortan nie wieder. Ohne Ortswechsel bilden sich die Place Cells zurück, bis nur noch einfache Nervenstrukturen davon übrigbleiben, wie die Pflanzen sie haben. Sie sind Pflanzen.
Gesehen haben die Mosers das im Hippocampus, einem der evolutionär ältesten kortikalen Strukturen des Gehirns. Er befindet sich im Temporallappen und ist eine zentrale Schaltstation des limbischen Systems, nur für den Fall, dass es jemand ganz genau wissen will. Für einen Wissenschaftler gibt es dazu wunderschöne Versuche, die den Vorgang dokumentieren, aber damit will ich den interessierten Laien nicht belästigen.
Wichtig ist, was aus diesen Beobachtungen geschlossen werden konnte. Ganz offensichtlich ist es wirklich die Bewegung, die die Gehirnaktivität anregt und neue Neurone schafft. Das Ganze hat man danach im Mausversuch weiterverfolgt, was letzten Endes den Nobelpreis eingebracht hat. Die beiden Trondheimer Mediziner haben ihre Mäuse über verschiedene Strecken laufen lassen und mit Sonden im Hippocampus überprüfen können, ob tatsächlich eine Neurogenese stattfindet. Und prompt: Immer, wenn die Maus den Ort gewechselt hat, hat sie ein neues Neuron produziert.
Weil die Maus sich nur am Boden, also zweidimensional fortbewegt, folgten weitere Versuche mit Fledermäusen. Sie zeigten, dass das innere Navi auch dreidimensional funktioniert. Jede Höhe bekommt zusätzlich ein Neuron, das dem Tier sagt, wie hoch über dem Boden es sich befindet.
Genau dasselbe Phänomen ereignet sich im menschlichen Gehirn. Ob wir gehen, fahren, fliegen: Wir bilden die Umwelt in unserem Körper ab und legen für jeden Eindruck, den wir bekommen, eine eigene Nervenzelle an. Damit entsteht eine Art Koordinatensystem, das es uns überhaupt erst möglich macht, Entfernungen wahrzunehmen.
Wenn wir von Ort zu Ort gehen, legen wir eine Distanz zurück. Ohne die dazugehörigen Neurone würden wir sie nicht erkennen. Erst wenn zwei unterschiedliche Neurone an zwei Orten aktiv sind und sich die beiden vergleichen, merken sie: Da liegt ein Stück Weg dazwischen.
So wie in jedem Navi schon einmal angefahrene Ziele gespeichert sind, wissen auch unsere Place Cells, ob wir schon einmal an einem Ort waren oder nicht. Gibt es kein Neuron, kein Foto dazu, ist es Neuland. Ist der Platz bekannt, wird das entsprechende Neuron aktiviert. Springt eine Place Cell im Hirn auf und ruft Hier kenn ich mich aus!, dann waren wir schon einmal da. Wie erstaunlich einfach, wie unfassbar genial.
Für mich ist das ein sehr schönes mechanistisches Konstrukt und nicht nur neurologisch interessant. Die Place Cells haben auch etwas Magisches.
Springen wir in der Zeit ein bisschen zurück. 11.600 Jahre, um genauer zu sein. In die neolithische Revolution, die wir ja schon kennen. Die frühesten Spuren hat sie in der Türkei hinterlassen. Göbekli Tepe heißt der Ort dieser Funde, er liegt auf der Bergkette von Germus. Auch wenn einem das im ersten Moment vielleicht nichts sagt, ist die Gegend doch weltberühmt. Hier hat die Mythologie die Landung der Arche Noah angesiedelt. Hier befindet sich der Berg Ararat.
Dort hat Noah die Arche geöffnet und mit der neuen Tier- und Pflanzenwelt, die er an Bord hatte, nach der Sintflut alles neu begonnen. Seltsamer Zufall. Die neolithische Revolution trifft sich mit Noahs Entourage für den Neuanfang. Eine Art Magie. Lassen wir es einmal so stehen.
Magische Plätze haben etwas Göttliches. Sie entstehen oft dort, wo der Mensch seine Götter hat. Die Götter hatten ihren Ort und bei diesem Ort wollte man bleiben. Ein interessanter Aspekt in der Geistesgeschichte und ein springender Punkt in der Evolution. Plätze, an denen die Menschen ihren Göttern Heiligtümern errichtet haben, wollten sie ungern wieder verlassen.
Vor der neolithischen Revolution hatten sie dazu allerdings keine Chance. Sie waren in Bewegung. Sie mussten in Bewegung sein, um zu überleben. Nahrung gab es vor der Explosion des Grases nicht vor der Haustür. Der Mensch ist vagabundiert, sein Reiseguide war der Überlebenswille. Er musste sich durch die Steppe fressen oder verhungern. Das Aufkommen des Getreides hat alles geändert. Auf einmal konnten die Leute verschnaufen und an einem Ort bleiben. Die neue Art der Ernährung hat aus Nomaden Bauern und Viehzüchter gemacht.
Es gibt gute historische Hinweise, dass diese Sesshaftigkeit ideologisch unterstützt wurde. Die Götter zogen die Menschen an und gaben ihnen Kraft, sie wirkten wie ein Magnet, auch darauf werden wir später noch zurückkommen. Die Menschen lebten rund um ihre Heiligtümer, in der Nähe der Stätten, die sie den Göttern, die sie anbeteten, errichtet hatten.
Für die Place Cells hieß das eine kleine Produktionsdrosselung. Man bewegte sich nicht mehr quer durch die Landschaft, man blieb aber auch nicht an einem Wrack hängen wie die Seescheide. Die Kreise, die man zog, wurden nur kleiner.
Die Götter und ihre unverrückbaren Heiligtümer waren einer der Hauptgründe, warum die ganz großen antiken Kulturen kaum Weltreisen unternommen haben. Die Ägypter zum Beispiel haben sich, obwohl sie tolle Schiffe hatten, nicht sonderlich herumgetrieben. Sie sind in ihrem Nildelta geblieben und nur aufgebrochen, wenn ein Feldzug anstand. Die Reise war entsprechend schweißtreibend, denn die Götter wollte man auf keinen Fall daheim lassen. Sie mussten mit. Ein ägyptisches Heer marschierte nie ohne den Schutz seiner Götter in den Krieg.
Genauso war es bei den Assyrern und, zunächst, bei den Persern. Wenn sie loszogen, dann nur in Begleitung ihrer Götter. Als die Babylonier vertrieben wurden, das kommt sogar im Alten Testament vor, haben sie ihr Hab und Gut und ihre Gottheiten auf die Flucht mitgenommen. Nur ein einziges Volk hat da ausgegrast, das waren die Semiten; und später natürlich die Griechen.
Die Griechen haben sich, rein geografisch gesehen, von ihren Göttern emanzipiert und sich damit von einem Haufen Reisegepäck befreit. Sie haben sie daheim auf dem Olymp gelassen und beschlossen: Wo immer wir ankommen, bauen wir ihnen einen neuen Tempel, dann haben wir sie wieder bei uns. Das war der Beginn der großen Zivilisation der Hellenen im vierten vorchristlichen Jahrhundert. Im alten Griechenland hat so ein gewaltiger Bewusstseinssprung stattgefunden.
Als große Seefahrer sind die Griechen so ziemlich im ganzen Mittelmeergebiet gewesen und haben ganz Europa beherrscht. Überall, wo sie waren, findet man einen Tempel, das war das Erste, was sie gebaut haben. Wie die Phönizier. Wie die Römer. Dieselbe Einstellung: Wo wir hingehen, sollen die Götter bei uns wohnen können.
Wer heute diesen Spuren nachgeht, bringt von so einer Reise ein Place-Cell-Album mit, auf dem nichts als Tempel zu sehen sind.
Die Neurologie zeigt uns, dass wir ständig geprägt werden. All das, was wir uns vorstellen, ist nichts anderes, als eine Prägung des Gehirns von außen. Jeder Ort und jeder Zeitpunkt hinterlässt seine Abdrücke genauso wie jeder Mensch, den wir treffen, jedes Ereignis, das wir erleben, jede Erfahrung, die wir machen, und die Liste ist noch lange nicht zu Ende. Vom kleinsten Eindruck bis zum Großen und Ganzen sind wir von den Prägungen in unserem Gehirn abhängig.
Von Zeit bis Schwerkraft registrieren und erkennen wir alles deswegen an, weil die Kausalität in der Welt, wo wir sind, unser Gehirn geprägt hat. Wenn jeder Ort in unserem Gehirn ein Neuron hat, heißt das andersherum gesehen ja auch nur, dass der Raum nur deswegen in unserem Gehirn verankert ist, weil er ein Neuron gebildet hat.
Wir schaffen uns die Wirklichkeit nicht, wir sind ein Teil von ihr. Das entspricht auch der Quantenphysik, die sagt: Die Realität wird erst Realität, wenn sie jemand beobachtet, vorher existiert sie anders. Also der Beobachter und das zu Beobachtende sind eine Einheit.
Die Heisenbergsche Unschärferelation besagt sinngemäß, dass sich ein Versuch ändern kann, und zwar nur durch den Umstand, weil jemand auf den Versuch draufschaut.
Unvermittelt sind wir also von der Existenz unserer Place Cells zur Existenz von uns selbst vorgedrungen.
Zur großen Frage: Wieso wissen wir, dass wir sind?
Die Antwort ist möglicherweise einfach. Weil die Place Cells dem Gehirn über ein Neuron signalisiert haben: Da ist etwas Anderes gegenüber. Dieses Andere wurde gespeichert und hat irgendwann dazu geführt, dass man draufgekommen ist: Hoppla, wenn da draußen etwas ist, dann bin ich ja auch.
Irgendwie erinnert das an René Descartes’ Cogito ergo sum. Ich denke, also bin ich. Diesen ersten Grundsatz hat der Philosoph nach radikalen Zweifeln an der eigenen Erkenntnisfähigkeit als fundamentum inconcussum, also als nicht weiter kritisierbares unerschütterliches Fundament 1641 in seinem Werk Meditationes de prima philosophia formuliert und methodisch begründet.
Dieses Irgendwann ist mit dem Erreichen einer gewissen Neuronen-Zahl gekoppelt. Als das menschliche Gehirn hundert Milliarden Neurone beisammen hatte, war wahrscheinlich der entscheidende Evolutionssprung erreicht. Die Zahl hat der Physiker Walter Thirring für die Physik errechnet, ein Österreicher, der bei drei Nobelpreisträgern studierte. In Dublin war er Schüler bei unserem Erwin Schrödinger, berühmt durch seine Gleichung und die Katze, in Göttingen war er Schüler bei Werner Heisenberg, berühmt durch seine Unschärfe, und in Princeton war er der letzte Schüler Albert Einsteins. Thirrings Hundert-Milliarden-Zahl beruht darauf, dass wir rund hundert Milliarden Galaxien im Kosmos haben. Jede Galaxie hat rund hundert Milliarden Sterne, und der Schritt zum Selbstbewusstsein und zum Wissen, dass man selbst existiert, ist erreicht worden, als unsere Neurone die Hundert-Milliarden-Grenze überschritten haben.
Das Selbstbewusstsein, das Wissen, dass man selbst lebt, ist durch diese Place Cells möglich geworden. Das heißt: Die Anzahl der Neurone gibt sehr wohl Auskunft über die Fähigkeit des Menschen. Wir können nur das erkennen, was vorher unseren Geist imprägniert hat.
Oder, wenn man es unromantisch ausdrücken will: Je mehr Neurone, desto besser.
Was die Place Cells für den Ort sind, gibt es übrigens auch für die Zeit, die sogenannten Time Cells. Wir haben in unserem Gehirn einen Geonav, der uns sagt, wo wir sind oder waren, und einen Chronometer, der uns sagt, zu welchem Zeitpunkt wir an welchem Ort sind oder waren. Der Sonnenstand gibt uns die Information. Wir bilden die Umwelt schon sehr genau in uns ab.
Damit wäre es ohne weiteres denkbar, dass wir nicht nur jetzt die Dreidimensionalität eines Ortes erkennen, sondern unterbewusst auch Strahlungen, die von dort ausgehen, oder Spannungsgefälle, die von Ort zu Ort unterschiedlich sind. Auf diesem Mechanismus beruht dann möglicherweise auch die Magie, die wir gewissen Orten zuschreiben.
Die Heimat zum Beispiel, der Ort, an dem jeder von uns geboren und aufgewachsen ist, seine Kindheit verbracht und die ersten Prägungen erlebt hat, hat im Gehirn die ersten Place Cells erzeugt. Im Gegensatz dazu leiden Menschen, die im wahrsten Sinn des Wortes entwurzelt werden. So ein Herausreißen aus dem Ort der Herkunft kann bis zu schweren Erkrankungen führen. Es kann sein, dass man sich nie wieder wo daheim fühlt. Es kann aber auch sein, dass man sich mithilfe der Place Cells in einer neuen Heimat etablieren kann.
Der eine wie der andere Ort kann eine magische Kraft ausstrahlen, die von unserem Körper bis zu einem gewissen Grad registriert wird. Große Wallfahrtsorte wie Stonehenge oder die Kathedrale von Chartres sollen an besonderen, strahlenden Punkten der Erde errichtet worden sein. Es ist ohne weiteres möglich, dass wir die Qualität eines solchen Ortes über das Unterbewusstsein in uns speichern können.
Die Verbundenheit mit den Orten, an denen wir leben, gibt dem Menschen eigentlich den klaren Auftrag, mit seiner Umwelt extrem vorsichtig umzugehen. Die Umwelt ist nicht nur deswegen so wichtig, weil wir alle kaputt gehen, wenn die Umwelt kaputt geht, sondern weil wir einen Spiegel dieser Umwelt in uns tragen.
Zerstören wir die Natur, zerstören wir auch dieses System der geordneten Place Cells, die uns von Natur aus begleiten. Wenn wir nur noch in einer Betonwüste leben, leben wir in einer uns völlig fremden Umgebung. Einmal ganz abgesehen von irgendeiner Ästhetik. Wir werden allein deshalb nicht gern dort leben, weil diese karge, fremde, graue Betonwelt nicht unserem Place-Cell-Muster entspricht. Wenn jemand am Land aufwächst und dann irgendwo arbeiten muss, wo es keinen einzigen Baum mehr gibt, bringt das das innere Abbild der Natur, die er kennt, desaströs durcheinander.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.