Kitabı oku: «Woher wir kommen. Wohin wir gehen.»
WOHER WIR KOMMEN. WOHIN WIR GEHEN.
Johannes Huber:
Woher wir kommen. Wohin wir gehen.
Alle Rechte vorbehalten
© 2018 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover und Gestaltung: JaeHee Lee
Satz: Lucas Reisigl
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
1 2 3 4 5 — 21 20 19 18
E-Book ISBN 978-3-99001-307-6
JOHANNES HUBER
WOHER WIR
KOMMEN.
WOHIN WIR
GEHEN.
Die Erforschung der Ewigkeit
Aufgezeichnet von
Andrea Fehringer & Thomas Köpf
mit Thomas Schrems
edition a
Inhalt
Woher wir kommen
Wer wir sind
Wohin wir gehen
Vorwort
Jeder hat eine Biografie, seine Jugend, seine Determinanten, seine Prägemomente, aus der jene Brille entsteht, mit der er durchs Leben geht, und seinen roten Faden, der ihn dann über die Dekaden des Diesseits führt.
In solchen Prägemomenten durfte ich den früheren Erzbischof von Wien, Kardinal König, nach Washington begleiten. Er war von der Kennedy-Familie eingeladen, um im Institute for Bioethics und an der von Jesuiten geführten Georgetown University, wo auch Henry Kissinger lehrte, über das innere Zentrum des Christentums, über den Nucleus des Glaubens zu reden. Damals war ein Kardinal der katholischen Kirche noch etwas Besonderes, und Reflexionen über das Innerste einer Religion waren eine Attraktion. Unter den Zuhörern waren Sargent Shriver, der Schwiegersohn J. F. Kennedys und amerikanischer Botschafter in Paris, seine Frau Maria, Dr. Levi von der New York Times sowie Edward Kennedy, um nur einige zu nennen.
Kardinal König redete damals nicht wie ein Dogmatiker, sondern wie Paulus am Areopag – er versetzte sich ganz in die Zuhörer hinein und sprach von der inneren Ergriffenheit, die wohl jeden berührt, wenn er vor den Fragen steht: Woher komme ich? Wer bin ich? Und vor allem: Wohin gehe ich?
Diese drei Fragen haben auch mich damals geprägt.
Jahrzehnte später, bei seinem 50-jährigen Bischofsjubiläum, veranstaltete die Stadt Wien im Rathaus einen Festakt, der Bürgermeister hielt die Festrede. Kardinal König war damals körperlich schon ermüdet, eine lokale Chemotherapie wegen eines Blasenpapilloms zehrte an seinen Kräften. Am Ende des Festaktes musste er sich niedersetzen und bat mich, neben ihm Platz zu nehmen. Das Gespräch war kurz, aber emotional ins Herz gehend. Sollte ich später einmal Gelegenheit haben, so seine Bitte, dann möge ich doch, wenn möglich, darauf hinweisen und auch den Naturforschern zu erklären versuchen, dass zwischen Glaube und Wissenschaft kein Widerspruch bestehen müsste.
Das soll auch mit diesem Buch erfolgen, wobei ich mir bewusst bin, dass ich mich damit auf den Vorposten eines Umfeldes begebe, in dem das nicht unbedingt willkommen ist. Trotzdem ist es mir ein Anliegen, ein Versprechen einzulösen.
Große Fragen, kleine
Geister: ein Anfang
Das Universum ist eine Scheibe.
Flach wie ein Schachbrett, zweidimensional, eben. Das sagen die Weltraumforscher und liefern aktuelle Daten, die das belegen. Mit Megateleskopen spähen sie tief hinein in den Kosmos und bedienen sich einer recht simplen Mathematik, mit der auch Landvermesser auf der Erde arbeiten. Sie wählen einen weit entfernten Punkt, peilen ihn von zwei Seiten an, bestimmen ein Dreieck und messen die Summe seiner Innenwinkel. Ergeben sie 180 Grad, muss das Universum zweidimensional sein. Ergeben sie mehr als 180 Grad, wäre das All dreidimensional, eine Kugel. Abertausende Versuche haben die Wissenschaftler angestellt, und alle führten zum selben Ergebnis. 180 Grad. Unser Universum ist ein Brett. Schachmatt der Vernunft.
Analysen der TU Wien legen nahe, dass es sich nicht bloß um einen Rechentrick handelt, sondern um eine grundlegende Eigenschaft des Raums. Professor Daniel Grumiller vom Institut für Theoretische Physik sieht sogar Hinweise dafür, dass sich das Universum als Hologramm darstellt. Man kennt das von Hologrammen auf Geldscheinen oder Kreditkarten. Eigentlich sind sie zweidimensional, schauen aber dreidimensional aus. Seit Jahren forscht der Experte mit Kollegen von der Universität Edinburgh, von Harvard, dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Universität Kyoto an dem holografischen Prinzip. Das Universum, ein Science-Fiction-Film in 3D ohne Brille? Schachmatt der Gewissheit.
So schnell können sich Annahmen, Muster, Denkschulen oder physikalische Lehren ändern. Alles kann komplett anders sein, als man es bisher für möglich gehalten hat. Ganz anders richtig, hmm, und plötzlich wahr. Ein neuer Glaubenssatz. Kehrtwende. Eine neue Geisteshaltung. Gut so. Wissen ist Veränderung.
Früher dachte der Mensch: Die Erde ist eine Scheibe.
In der Antike hat man begonnen, an der Flachheit dieser Aussage zu zweifeln. Pythagoras hob im 6. Jahrhundert v. Chr. die Hand und sagte: Nein, Freunde, es ist in Wahrheit ganz anders. Die Erde ist eine Kugel. Auch Platon glaubte an das Globus-Modell. Sein Schüler Aristoteles schrieb Über den Himmel und erkannte drei Dinge, die kein Zufall sein konnten: dass im Süden südliche Sternbilder höher über dem Horizont erscheinen; dass schwere Körper zum Mittelpunkt des Alls streben; und dass der Erdschatten bei einer Mondfinsternis immer rund ist. Daraus folgt: Die Erde ist eine runde Sache. Ein anderer Querkopf namens Eratosthenes hat den Erdumfang im 3. Jahrhundert vor Christus gemessen. Für Christoph Kolumbus war dann im 16. Jahrhundert nach Christus schon lange klar, dass die Welt eine Kugel ist. Trotzdem gab es noch immer Kopfschüttler und Kleingeister, die den Zweifel über die Wahrheit stellten. Erst die Weltumsegelungen von Ferdinand Magellan und Francis Drake ließen die Skeptiker verstummen. Man schrieb das Jahr 1580.
Es mussten 22 Jahrhunderte vergehen, bis der Mensch vom ersten Signal bis zum letzten Beweis überzeugt war, dass wir nicht auf einem großen Feld leben. Sondern auf einem großen Wasserball. Aus zweidimensional wird dreidimensional.
Vice versa verhält es sich mit dem Universum. Früher dachte man, der Kosmos sei ein Raum. Auf einmal ist diese kugelrunde Unendlichkeit flach und der Mensch platt. Aus dreidimensional wird zweidimensional. Die Vermessungen der Welt ändern sich eben.
Die Ergriffenheit des Gemüts
Im Hintergrund regt sich etwas. Die großen Fragen der Menschheit. Fragen, die sich schon in der valentinianischen Taufformel von Clemens von Alexandrien im dritten Jahrhundert wiederfinden: Wer waren wir? Was sind wir geworden? Wohinein sind wir geworfen? Wohin eilen wir? Wovon sind wir befreit? Was ist Geburt? Was ist Wiedergeburt?
Der Harvard-Philosoph William James, Begründer der Psychologie in den USA und oberster Vertreter des philosophischen Pragmatismus, hielt vor 110 Jahren einen Vortrag vor den Philosophischen Clubs der Universitäten von Yale und Brown und fasste ihn später in einem schönen Satz zusammen: »Der Glaube bleibt eines der unentäußerlichen Geburtsrechte unseres Geistes.«
Es geht um das Grundrecht des Menschen, sich mit Zusammenhängen zu befassen, die über die fünf Sinne hinausgehen. Die Beschäftigung mit diesen Zusammenhängen muss allerdings vernünftig sein – und das ist kein Widerspruch.
Seit Menschengedenken verspürt unser Gemüt, aber auch unser Geist eine Ergriffenheit, wenn beide beginnen, sich mit einer übersinnlichen Welt auseinanderzusetzen.
Es ist der Herzschlag des Glaubens.
Der einzigartige Rhythmus und die leise Melodie, nur hörbar für die religiös Musikalischen. Diese Empfänglichkeit darzustellen, ist sinnvoll und vor allem eines: auch intellektuell redlich.
Andererseits muss sich dieses besondere Gefühl einer naturwissenschaftlichen Beweisführung entziehen, weil das ja auch gar nicht die Aufgabe der Naturwissenschaft ist.
Professor Anton Zeilinger, Österreichs Mr. Beam der Quantenphysik und Forscher von Weltrang, sprach ein Machtwort: »Gott darf nicht beweisbar sein. Wenn wir mit Sicherheit wüssten, dass es einen Gott gibt, dann gäbe es in der Folge das Gute nicht mehr: Dann bleibt doch nur noch ein rein opportunistisches Verhalten übrig.«
Trotzdem verlangt der menschliche Wissensdrang nach Antworten auf Unschärfen in Erklärung und Beweisführung. Woher wir kommen, wieso das Böse in die Welt kam, und ob wir ein Pendant in der Ewigkeit haben.
Ein Alter Ego, das wir Seele nennen. Drüben.
Forschen, fragen, überlegen, das macht den Homo sapiens aus. Naturgemäß bläst solchen Gedanken ein starker Gegenwind ins Gesicht. Ein Hurrikan der Rechthaberei. Der rationale Skeptizismus wird zum Dogma erklärt. Leugnen ist besser. Leugnen ist leichter. Leugnen ist die neue Religion. Die Ja-Sager dieser Nein-Bewegung wollen wissenschaftlich keinesfalls anecken. Sie leben in ihren Plattenbauten der Entgeisterung und warten, bis alles vorbei ist. Bis sich die Augen hinter den Scheuklappen schließen und die Welt einen vergisst.
Verständlicherweise können Menschen in Glaubensfragen nicht warten, bis die Evidenz ihrer inneren Uhr 12 schlägt.
Sie müssen sich vorher entscheiden, ante mortem sagt der Lateiner, also rechtzeitig bevor der Sensenmann kommt und »Buh!« macht. Es geht immer um die subjektive Entscheidung. Auch ohne eine Beweisführung. Daraus ergibt sich von selbst, dass die Wissenschaft dafür gar nicht bemüht werden darf. Weder für noch gegen das Transzendente. Zwei Richtungen, klar getrennt.
Ich glaube.
Ich glaube nicht.
Beide Entscheidungen müssen sich auf Augenhöhe begegnen.
Der Philosoph Peter Sloterdijk drückte es so aus: »Angesichts der Endlichkeit unseres Wissens ist es vernünftig, den Realismus der positiven Erkenntnisse durch eine transzendentale Seite zu ergänzen.«
Kurzum, es gibt mehr, als die Wissenschaft uns glauben machen will. Ich sage das als Arzt und Wissenschaftler, als Theologe und Mensch. Im Vertrauen auf die Freiheit des Geistes und auf die Freiheit der Rede: Es existiert – mehr.
Die Wucht der Erkenntnis erklärt den Zaubertrick. Plötzlich ist die Erde keine Scheibe mehr und das Universum kein unendlicher Raum. Tatsachen verschieben sich.
Der Neurobiologe Wolf Singer, lange Jahre Leiter des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main und weit entfernt von einem bekennend frommen Menschen, äußerte sich dazu so: Zu den Möglichkeiten des Menschen in seinem Forscherdrang beziehungsweise seiner Fähigkeit, sich Zusammenhänge bewusst zu machen, greift er schlicht auf seine enormen Kenntnisse der menschlichen Physiologie zurück. Und die sagt ihm: Dem Geist erschließt sich nur ein sehr kleiner Teil der Wirklichkeit. Ans allermeiste, so Singer, kämen wir gar nicht heran.
Den Blick aufs Ganze finden wir nicht im Hirn, vielleicht aber ein bisschen weiter links unten, im Herzen. Tatsächlich deutet vieles darauf hin. Als könne die Erkenntnis nur denjenigen Menschen zuteilwerden, die sich einem besonderen Konzept hinter unserer Existenz nicht von vornherein verschließen. Die nach irdischem Verständnis den nicht-stofflichen Größen und Phänomenen ähnliche Chancen einräumen wie den sichtbaren, begreifbaren. Schließlich räumt das Universum mit seinen nicht-stofflichen, unbegreiflichen Phänomenen und Größen auch uns eine Chance ein. Eigentlich nett vom Universum.
Der Fortschritt der Menschheit sollte die Macht der geistigen Beweglichkeit anschaulich machen. Aber die Sturheit, mit der Positionen bezogen und Meinungen verteidigt werden, und die Härte, mit der subjektiven Wahrheiten zum Sieg verholfen werden soll, reichen in ihrer Unerbittlichkeit an die dunklen Zeiten von Glaubenskriegen und Inquisition heran. Nur mit den heutigen Mitteln. Fast könnte man sagen, es hat eine Art Wissens-Fundamentalismus eingesetzt. Mit einem Heer von Magiern, die alle behaupten, den großen Trick zu kennen, der uns alle fasziniert. Oder die destruktive Version davon, die Antithese: das Wissen, was es auf gar keinen Fall sein kann.
Einer ihrer prominentesten Vertreter war Stephen Hawking, er starb im März 2018. Genial in der Sache, etwa bei der Erforschung Schwarzer Löcher. Zugleich begründete er die Existenz des Universums ausnahmslos mit Newtons Gesetz der Gravitation. Da brauche es keinen Weltenbaumeister. Das Weltall habe sich aus dem Gesetz heraus selbst erschaffen. Ex nihilo, aus dem Nichts. Die Frage nach der Idee hinter dem Gesetz, nach dessen Urheber, stellte Hawking sich nicht. Zumindest nicht öffentlich. Man hörte ihn auch nicht darüber reden, wie sehr Newtons Gesetz inzwischen ins Wanken geraten ist.
Ein anderer Hardliner des 21. Jahrhunderts ist der Biologe Richard Dawkins. In einem Interview mit dem Spiegel anlässlich des Erscheinens seines Buches Gotteswahn sprach er von Religion als »Nebenprodukt der Neigung von Kindern, ihren Eltern zu gehorchen«.
Der Überlebensvorteil wäre aus Dawkins Sicht leicht zu erkennen: »In der Wildnis lebte ein aufmüpfiges Kind gefährlich, weil es die Warnungen der Eltern ignorierte. Deshalb begünstigte die Selektion wahrscheinlich die Unterordnung unter Autoritäten. Ein Gehirn aber, das glaubt, was Autoritäten sagen, kann nicht mehr unterscheiden zwischen dem guten Rat, nachts nicht in den Wald zu gehen, weil da ein Tiger lauern könnte, und dem törichten Befehl, eine Ziege zu opfern, um den Regen herbeizurufen.«
Mit anderen Worten: Das Festhalten an einer zentralen Idee oder Intelligenz hinter allem sei nichts weiter als das Ausleben eines spirituellen Rituals. Alles Transzendente gehöre ins Reich dumpfen Volksglaubens. Es handle sich um Ideen, die sich wie Viren ausbreiten, und Religion, so Dawkins, sei das eine Virus, das den Menschen verkündet: »Du wirst deinen eigenen Tod überleben.«
Guter Glaube sei nichts anderes als Gutgläubigkeit.
Tatsächlich hat es aber heutzutage den Anschein, als würden die Kanonenschüsse gegen die Spiritualität nach hinten losgehen. Als würden sich die Menschen in ihrem tiefen Misstrauen den Wissens-Monopolisten gegenüber wieder vermehrt nach anderen Antworten umsehen. Schon vor mehr als dreißig Jahren, 1986, hat der US-Nobelpreisträger Sheldon Glashow diese Entwicklung kommen sehen, als er in einem Artikel für Physics Today schrieb: »Zum ersten Mal seit dem Mittelalter sehen wir, wie unsere noble Forschung enden könnte, nämlich damit, dass der Glaube die Wissenschaft erneut ersetzt.«
Ja, es findet eine Sensibilisierung der Gefühlswelt statt.
Immer mehr Menschen erkennen den Holismus, die Ganzheitslehre. Die Vorstellung, dass natürliche Systeme und ihre Eigenschaften als Ganzes zu betrachten sind, nicht als Summe ihrer Teile. Der Mensch ist mehr als eine sprechende Organbank.
Da gibt es noch ein Bewusstsein und – ganz im holistischen Sinn – die Seele als anderes Ich im Jenseits.
Wir alle leben im Exil
Der Katholizismus duckt sich noch dezent ab vor der Wissenschaft. Die Kirche könnte ruhig klarere Positionen vertreten. Sie verkündet nicht die Kernbotschaft, weil sie fürchtet, ausgelacht zu werden. Stattdessen schmückt sie sich mit Charity-Gedanken und medial begleiteter Nächstenliebe. Das ist alles gut so, keine Frage. Aber die Kernbotschaft ist eine andere.
Im Zentrum des Christentums steht der Exilgedanke. Wir kommen von wo und gehen wieder irgendwo hin.
Das hier ist unser Exil.
Das Leben ist die Zwangsumsiedlung unseres wahren Ichs.
Willkommen in der Verbannung.
Immerhin trifft es uns alle, nicht? Die Vertreibung aus dem Paradies. So deutlich sagt es die Kirche nie, weil man Lob will, Zulauf und nicht Abkehr, Zuspruch und nicht nach oben verdrehte Augen, die signalisieren: Ah, Frömmler. Heutzutage tun sich die Menschen immer schwerer, Meinungen zu vertreten. Weil sie zu Recht befürchten müssen, in der Sekunde mit elektronischer Jauche beworfen zu werden. Es ist besser, als Atheist zu gelten und die Gottlosigkeit zum Credo zu machen, als einen Glauben zu vertreten, der als frömmlerische Spinnerei abgetan werden könnte. Bloß um der Frage nach einem Schöpfer zu entgehen.
Es ist cool, im Wald einen Baum zu umarmen und sich dabei mit dem Universum vereinigen zu wollen. Eine Kirche zu besuchen und sich dabei die Relativität unserer Existenz bewusst zu machen, wird allerdings als anachronistisch abgetan.
Manchmal hat der hellhörige Mensch den Eindruck, es gäbe sogar Konzeptionisten für eine neue Gesellschaft, die diese Welt in eine Gottlosigkeit hineinführen möchten. Der Trend geht weg von der Familie, weg vom Individuum, weg von Mann und Frau, hin zu einer Welt mit vermischten Geschlechterrollen und ohne Transzendenz. Ein Pseudorealismus ohne Individualismus, dafür mit Kontrolle.
Und diese Akteure warnen auch die religiös Empfänglichen: Sie mögen ja nicht auf ihr Recht pochen, keinen Botschaften begegnen zu müssen, die ihre Illusionen auflösen. Genau jene Träumereien, aus denen ihr Wolkenschloss namens Glauben aufgebaut ist. Ha! Der Spott, der dieser Sentenz mitschwingt, zeugt von einer kleingeistigen Haltung. Oder wie es so schön heißt: Wenn die Sonne der Kultur tief steht, dann werfen auch Zwerge lange Schatten.
Die Argumente der Vertreter dieser neuen Weltordnung gehen so: Das Universum ist ewig. Alles bleibt immer gleich. Der Kosmos wird als ein sich selbst verfassendes Ganzes gesehen. Als Hyper-Ungeheuer, das sich Zeit und Raum gönnt, um seine Kreationen vorzuführen, wie es Sloterdijk formuliert. Mehr ist nicht drin. Vom Tyrannosaurus Rex über das Ebola-Virus bis zum Homo sapiens. Alles nur Show. Der Kinosaal der Ewigkeit, heute im Programm: Mensch ohne Zukunft. Der Zweck dahinter: Das mathematisch Berechenbare wird verewigt und zum Übersinnlichen erklärt, um das bisher Transzendente verneinen zu können. An sich ja nicht unklug, wenn man die Gottlosigkeit programmatisch erklären will.
Eines wird dabei aber übersehen. Nämlich dass dieses Hyper-Ungeheuer unglaublich intelligenten Gesetzen folgt, die eine noch unglaublichere Feinabstimmung aufweisen.
Das ist kein Zufall.
Das muss man infrage stellen. Dass das Universum so ein perfekt ausgeklügeltes System ist, kann gar kein Zufall sein. Das wäre so, als würde man einen Hochleistungscomputer loben, weil er so schnelle Rechenoperationen durchführen kann und so eine tolle Grafik hat. Aber niemand fragt, wer ihn eigentlich gebaut hat. Und genau das sollte die erste Frage sein. Wer hat uns geschaffen? Wer hat den Urknall verursacht? Was war vorher?
Was scheint auf den ersten Blick wahrscheinlicher? Jemand designt etwas sehr Kluges, das sich dann nach einem Masterplan weiterentwickelt. Oder etwas erschafft sich von selbst aus dem Nichts und entwickelt sich irgendwie weiter, zufällig auch den Menschen.
Jeder, wie er glaubt.
Theorien, Chancen, Möglichkeiten. Die moderne theoretische Physik kommt dagegen auch nicht gerade mit superlogischen Vorschlägen daher, die uns das Leben erklären.
Denn die anerkannten Theorien des Mikro- und Makrokosmos passen nicht wirklich zusammen. Konkret die Quantenfeldtheorie und die allgemeine Relativitätstheorie. Für das Verständnis der Schwarzen Löcher, des Urknalls, wo die Krümmung der Raumzeit unendlich wird, wäre eine Theorie der Quantengravitation unerlässlich. Dass physikalische Größen damit unendliche Werte annehmen können, wird mit dem Begriff der Singularität umschrieben – ein Anzeichen dafür, dass Einsteins Berechnungen jenseits des Gültigkeitsbereichs angewandt werden. Die Stringtheorie ist ein Versuch, die Relativitätstheorie durch die Quantengravitation zu ersetzen. Sie probiert, alle vier physikalischen Grundkräfte zu vereinheitlichen, indem sie die Elementarteilchen auf Schwingungen eindimensionaler Strings zurückführt.
Die ganze Welt besteht also aus schwingenden Saiten. Wie die Saiten einer Gitarre. Diese Strings sind unfassbar winzig. Viel kleiner noch als die kleinsten bekannten Elementarteilchen. Die Physik bietet sie uns in Form von wurmartigen Fäden mit einem Anfang und einem Ende an. Oder geschlossen als Ringe. Das alles natürlich nur als Idee.
Jedenfalls seien diese theoretischen Strings praktisch in der Lage, auf vielfältige Weise zu schwingen. Vergleichbar mit den vielen möglichen Akkorden auf der Gitarre. Und diese Vielfalt erzeuge gleichzeitig die Vielfalt all jener Kräfte und Teilchen, die wir kennen und die unseren Kosmos ausmachen. Erscheint so weit recht einfach, ist in Wirklichkeit aber so kompliziert, dass es selbst Physiker-Kollegen der String-Fraktion die Schuhe auszieht. Ja, manchen von ihnen wurde es nach Jahrzehnten des munteren Drauflosforschens auf der einen und des argwöhnischen Zusehens auf der anderen Seite sogar zu bunt. Eine globale Anti-String-Bewegung entstand. Ausgerufen in den eigenen Reihen. Protestbücher wurden geschrieben, öffentliche Debatten wie Schlachten ausgetragen.
Der Vorwurf: Die Stringtheorie sei nichts als mathematische Spiegelfechterei. Eine erstarrte Ideologie. Ein niemals zu überprüfendes Ungetüm von unfassbarer Komplexität. Die systematische Vernichtung von Forschungsgeldern im ganz großen Stil. Eine Weltentfremdung der übelsten Art. Das sind noch die höflichen Argumente. Das führte dazu, dass sogar einem der geistigen Väter sein Schützling entglitt. »Die Schönheit wurde zum Biest«, sagte 2006 Leonard Susskind, Mitbegründer der Stringtheorie. Wir kennen Ähnliches aus der Weltliteratur, wenn Goethes Zauberlehrling in seiner Verzweiflung über den verruchten, ungehorsamen Besen ruft:
»Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
Werd ich nun nicht los.«
Auch die Frankfurter Physikerin Sabine Hossenfelder meint in ihrem neuen Buch Das hässliche Universum, dass solche Überlegungen in die Irre geführt haben.
Die Vorbehalte kommen nicht von ungefähr. Normalsterbliche können gerade noch mit den vier Dimensionen unserer Realität umgehen. Drei für den Raum, die vierte für die fortschreitende Zeit. Bei den Strings sprechen wir von neun Dimensionen und mehr. Vermutlich elf. Diese zusätzlichen Dimensionen, heißt es, müsse man bloß aufklappen.
Wir Menschen bekämen nichts davon mit, weil die zusätzlichen Dimensionen, wie es heißt, kompaktifiziert sind. Sie sind in mikroskopische Kugeln aufgewickelt. Die neun oder mehr Dimensionen, in denen diese Strings munter vor sich hin schwingen, können geometrisch verzerrt oder gekrümmt sein. Schlimmstenfalls kann so eine Dimension sogar nicht-geometrisch sein. Ist das alles noch vor-stellbar?
Trotzdem hält man an der Stringtheorie fest. Sie aufzugeben und einzugestehen, dass man sich möglicherweise verrannt hat, ist undenkbar. Das Motto lautet vielmehr: »Too beautiful to fail.« So eine Begründung hätte dem Christentum einfallen sollen.
Zu schön, um zu versagen, ist die Theorie übrigens auch deshalb, weil die sonst kühle String-Physik den Sinn für die wärmende Ästhetik der Natur entdeckt hat.
Das geht in Ansätzen auf Albert Einstein zurück, der nach seinen beiden Relativitätstheorien die restlichen drei Lebensjahrzehnte vergeblich damit zubrachte, die sogenannte vereinheitlichte Feldtheorie zu entwickeln. Was einen seiner vielen Biografen, Albrecht Fölsing, zum Kommentar veranlasste, Einstein hätte in den dreißig Jahren genauso gut segeln gehen können.
Was ist diese Feldtheorie? In einfachen Worten: eine einzige Formel, die alle Materie- und Kraftfelder im Universum auf einmal erklärt. Die mathematische Antwort auf Einsteins berühmte Frage: »Hatte Gott eine Wahl, als er die Welt erschuf?« Er war überzeugt, dass ein Weltenerbauer nur diese eine Möglichkeit gehabt hätte oder hat, die Welt zu schaffen. Nämlich so, wie sie ist. In genau diesem Zusammenwirken aller Faktoren. Diesen Beweis wollte er erbringen. Die Weltformel.
Ein paar Kreidestriche sollten alles erklären.
Heute fühlen die String-Theoretiker sich berufen, Einsteins Scheitern auszubügeln. Sie jagen dabei den rätselhaften supersymmetrischen Teilchen hinterher. Das sind die bloß in der Theorie existierenden Gegenstücke zu unserer echten, handfesten Materie. Was gar nicht so unpraktisch wäre. Das Argument der String-Experten für die Existenz dieser Teilchen ist ein anderes: Es müsse sie schon aus rein ästhetisch-symmetrischen Gründen geben. Weil die Natur sich doch so eine Chance nicht entgehen lasse.
Der Zusammenhalt einzelner Galaxien beispielsweise oder die rasante Ausdehnung des Universums werden durch die Existenz von dunkler Materie und dunkler Energie erklärt.
Bloß was das ist, dunkle Materie, dunkle Energie, weiß niemand. Nicht einmal ungefähr.
Ebenso verhält es sich mit der sogenannten Antimaterie. Sie soll beim Urknall überhaupt erst ermöglicht haben, dass die uns bekannte Materie entstanden ist. Die Sache ist vertrackt: Nach der mechanischen Physik, die das Universum als Zusammenspiel der Zahnräder eines gigantischen Uhrwerks ansah, und der spekulativen Physik des 20. Jahrhunderts, wo die revolutionären Erkenntnisse nur so dahingaloppierten, verkommt die moderne Physik mehr und mehr zur Weltanschauung. Sie verabschiedet sich vom Messbaren und verzieht sich ins Hochspekulative. Sie entwickelt universelle Bilder, die fast ausschließlich auf Unsichtbarem und Unbewiesenem, ja mitunter Unbeweisbarem aufbauen.
Der hochbegabte mathematische Physiker Walter Thirring, der solche Berechnungen selbst vornahm, vertraute mir an, dass die Wahrscheinlichkeit eines Schöpfers, hinter dessen Saum wir zu blicken versuchen, größer ist als das Auffinden einer Weltformel mit nicht nachprüfbarer Rechenakrobatik.
Trotzdem rümpft man beim Glauben die Nase. Er habe im Haus der Wissenschaft keinen Zutritt.
Mittlerweile hat die theoretische Physik aber selbst ein Glaubensproblem. Ein oft gehörter Vorwurf: Ihr habt den Kontakt zur Empirie verloren. Ihr steht nur mehr an der Tafel und liebt eure eigenen Formeln.
2013 veröffentlichte der englische Wissenschaftsautor Jim Baggott in seinem Buch Farewell to Reality die Entwicklungen der Stringtheorie und der Quantenkosmologie und nahm sie kritisch unter die Lupe. Die Physik sei zu weit gegangen.
Märchen-Physik, nannte er sie, die »Verrat an der Wahrheit« verübe und »an der Grenze zur Vertrauenserschwindelei« liege.
Der berühmte Kosmologe Robert Brandenberger begann kürzlich seinen Vortrag bei einem Treffen in der kanadischen University of Western Ontario mit den Worten: »Ich denke, um das Universum wirklich zu verstehen, benötigen wir die Hilfe der Philosophie.« Eigentlich könnte man hier nachfragen: Warum nicht auch die Hilfe der Theologie?
Physik wird selbst zur Metaphysik. Und jeder ist sich selbst der Beste.
Wissenschaft und
Glaube im Gleichklang
So verhärtet waren die Fronten zwischen Forschung und Spiritualität übrigens nicht immer. Im Gegenteil, die Geschichte hat viele erfolgreiche Wechselbeziehungen gezeigt.
Nikolaus von Kues, auch Nikolaus Cusanus genannt, zum Beispiel. Vermutlich das größte Wissenschaftsgenie des ausgehenden Mittelalters und Vertreter einer Richtung, deren Namensgebung heute an manchen Ecken eine Schnappatmung auslöst: Mathematische Theologie.
Kues war Forscher und Denker, darüber hinaus päpstlicher Legat in Deutschland und später Kurienkardinal in Rom. Er schob die Mathematik hautnah an die Theologie heran und wandte mathematische Symbole auf sie an. Abzulesen an seiner Abhandlung De quadratura circuli. Die Quadratur des Kreises. Die Konstruktion eines Quadrats mit dem identen Flächeninhalt wie ein vorgegebener Kreis. Eine, wie wir seit dem Beweis durch den Mathematiker Ferdinand von Lindemann wissen, unlösbare Aufgabe, wenn wir sie allein mit Lineal und Zirkel ausführen wollen. Und darüber hinaus eine Metapher für das Unmögliche.
Erstaunlich auch Kues’ Reflexionen, die ihn aus der Geometrie unmittelbar in die Theologie führen. Gott hat, da war er sich sicher, zweierlei geschaffen: das Nichts und den Punkt. Der Punkt als extremes Gegenteil des unendlich Großen. Als geometrische Figur. Aus ihm fließe die Linie. Analog dazu das Viele, also die Zahlen. Sie lägen so nahe beieinander, dass kaum eine Grenze bestehe. Der Punkt als das geschaffene Eine, in dem die Entfaltung des Universums stattgefunden habe. Einmal das Nichts. Einmal die absolute Unendlichkeit. Ein Paradoxon, das Kues in seiner Radskizze im Pilgertraktat veranschaulicht hat.
Kommt einem bekannt und hochaktuell vor: der Punkt als die Quelle der Kraft. Für nichts anderes stehen heute Singularitäten wie Urknall und Schwarzes Loch.
Auch zum Thema blinde Wissensgläubigkeit gab Kues den Menschen etwas mit auf die Reise. So erzählt er in Idiota de sapientia, zu Deutsch: Der Laie über die Weisheit, von einem schlichten Mann, der auf dem Marktplatz einem gut situierten, geübten Redner entgegenhält:
»Du lässt dich von den Ansichten der Tradition führen wie ein Pferd, das zwar frei geboren, aber mit einem Halfter an eine Krippe gebunden ist, wo es nichts anderes frisst, als was ihm dargeboten wird.«
Es ist eben nicht immer alles so, wie es gemeinhin dargestellt scheint. Siehe Nikolaus Kopernikus. Er war Astronom, Arzt und Domherr in Preußen. Bekanntlich hat er, als Folge eines Aktes aus Schauen und mystischer Erkenntnis, das heliozentrische Weltbild beschrieben, demzufolge die Erde als Planet die Sonne umkreist. Die Kirche stand deswegen nicht mit ihm auf Kriegsfuß.
Oder Galileo Galilei. Sein Leben und Wirken schloss unmittelbar an jenes Kopernikus’ an. Bis heute wird mit unbeirrbarer Sturheit behauptet, Galilei wäre einzig und allein durch die Inquisition verfolgt worden, weil er ketzerische Ansichten verbreitete. Eine Legendenbildung, die ihn zum Säulenheiligen für das gestörte Verhältnis zwischen Wissenschaft und Religion gemacht hat. Einer historischen Prüfung hält das Bild nicht stand.
Galileo war in Wirklichkeit tiefreligiös. In erster Linie wurde er Opfer des eigenen Hochmuts. Er provozierte den Neid der Kollegen, teilte mit ihnen weder Forschungsergebnisse noch moderne Gerätschaft, zu der er Zugang hatte. Beispielsweise die Fernrohre, die er haufenweise aus Holland importierte und mit sattem Gewinn verkaufte.
So verweigerte er Johannes Kepler eines der begehrten Teleskope, verschickte sie aber zugleich an politische Größen in halb Europa, die damit kaum mehr anzufangen wussten als ein bisschen Sterneschauen. Kepler kam erst voran, als der Herzog von Bayern ihm seines lieh. Ein andermal teilte Galilei seine Kenntnisse Kepler als Buchstabenrätsel mit – im Wissen, er würde es nicht lösen können. So macht man sich Feinde. Galilei reklamierte den Ruhm vieler Entdeckungen für sich und posaunte sie hinaus, auch wenn sie überaltert waren.
Seine Egozentrik reichte so weit, dass er in sich überhaupt den Einzigen sah, der irgendetwas Neues entdeckte. Seinem Anhänger Orazio Grassi, Astronom, Mathematiker, Architekt und Jesuit, der unter dem Pseudonym Sarsi publizierte, schrieb er: »Sie können daran nichts ändern, Herr Sarsi, dass es mir alleine gegeben wurde, alle die neuen Phänomene am Himmel zu entdecken und niemandem sonst. Das ist die Wahrheit, die weder Böswilligkeit noch Neid unterdrücken kann.«
Die andere Wahrheit ist: Galileo hat sehr viel entdeckt, noch viel mehr aber nicht. Weder Trägheitsgesetz noch die Parallelogramme zu Kraft und Bewegung noch die Entdeckung der Sonnenflecken gehen auf seine Kappe. Den Beweis für Kopernikus’ Weltbild erbrachte nicht er. Ebenso wenig erfand er Mikroskop, Teleskop, Pendeluhr und Thermometer. Auch die Fallbeschleunigung, die manchen als g = 9,81 m/s2 bekannt ist, ermittelte er nicht auf empirischem Weg. Die Gewichte, die er dafür vom Schiefen Turm von Pisa warf, fielen nur in der Fantasie seines Schülers und Biografen Vincenco Viviani. Die Genauigkeit damaliger Uhren hätte dafür nicht ansatzweise ausgereicht. Das Gedankenexperiment allerdings, Geschwindigkeit wachse beim Fall mit dem Quadrat der Zeit, machte er sehr wohl.
Sogar sein berühmtester Ausspruch, den man ihm bis heute zuschreibt, stammt nicht von ihm. Den er im Trotz gemurmelt haben soll, als das Gericht der römischen Inquisition ihn in der Kirche Santa Maria sopra Minerva in Rom zum Abschwören der Lehre zwang, die Erde drehe sich um die eigene Achse. Diese Worte: »Und sie bewegt sich doch!« Nicht ein schriftlicher Beleg existiert dafür. Der Satz wurde ihm vielmehr in den Mund gelegt, postum in der Zeit der Aufklärung.
Nichtsdestotrotz waren Galileis Leistungen enorm. Weil er die moderne Wissenschaft der Dynamik begründete, die Jupitermonde entdeckte, den Nachweis des Gewichts der Luft führte und vieles mehr. Alles war der handwerklich hochbegabte Universalgelehrte aus Arcetri bei Florenz in einem: Bahnbrecher. Märtyrer. Zerrissener Held. Opfer des Dogmas, Glaube und Forschung würden einander ausschließen, war er nicht.
Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte, wie auch in einer kontroversen Abhandlung über Galilei zu lesen ist: »… in theologischen Werken erscheint er als ein Störenfried, während die rationalistische Mythographie ihn als Jungfrau von Orleans der Naturwissenschaften oder als St. Georg hinstellt, der den Drachen der Inquisition erschlug.« Dazu wurde er von jenen Akteuren gemacht, deren Anliegen es ist, Wissenschaft und Glauben als unvereinbar darzustellen. Dafür verwendeten sie Testimonials wie eben Galilei.
Weder schmachtete Galilei jahrelang im Verlies, noch wurde er gefoltert. Nicht Bibelkritik oder Gotteslästerung trugen ihm neun Jahre Hausarrest (auf seinem Landsitz in Arcetri) ein, sondern die Stimmungsmache aus Kollegenkreisen und sein Ungehorsam gegenüber einem Erlass von Papst Urban VII.
Eine andere Größe der Forschung, Gregor Mendel, kannte und lebte den Widerspruch von Wissenschaft und Religion ebenso wenig. Mendel war mährisch-österreichischer Augustiner-Chorherr und Abt in Brünn. Er hat die Vererbungslehre begründet, den Vorläufer der Genetik.
Selbst der Brite Charles Darwin mag bei genauem Hinsehen nicht so recht ins Schema passen. Darwin, ein Pastorensohn, der neben Medizin Theologie studierte, war sein Leben lang ein Suchender. Auch nach Verfassen seines monumentalen Werkes Über die Entstehung der Arten. Mit der Absolutheit seiner Theorie hat er mehr gehadert als seine Jünger, die Neo-Darwinisten. Heute, 160 Jahre danach, wissen wir, dass Darwins intuitive, innerste Unruhe gute Gründe hatte. Die Evolution ist nicht Abbild eines einzigen, grenzenlosen Zufalls. Sie verfolgt ein konkretes Ziel. Weil sie mitnichten bloß dient, dem Recht des Stärkeren zum Durchbruch zu verhelfen. Auch wenn es für uns oft danach aussehen mag. Besonders im Alltag. Tatsache ist: Das Bild des Survival of the Fittest bröckelt.
Vor allem die Mutation per Random. Denn man kann das Leben nicht allein durchs Nadelöhr der Zufälligkeiten erklären. In der Fachwelt ist eine hitzige Diskussion darüber entbrannt. Dabei dachte man, dieses Thema wäre lückenlos beforscht.
Wären da bloß nicht diese neuen Erkenntnisse der Epigenetik. Die Lehre, die sich mit dem Einfluss der Umwelt auf die Gene beschäftigt. Dieses Wissen ist bahnbrechend und doch erst ein Anfang.
Schriftverkehr mit
Sir Karl Popper
Vor mehr als 25 Jahren wurde mir die Ehre zuteil, mich darüber in einem Briefwechsel mit einem der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts auszutauschen: Sir Karl Popper, österreichisch-britischer Philosoph und Begründer des kritischen Rationalismus. Einer Denkschule, die für die Lebenseinstellung steht, die – um es in Poppers Worten zu sagen – »zugibt, dass ich mich irren kann, dass du recht haben kannst und dass wir zusammen der Wahrheit vielleicht auf die Spur kommen werden.«
Den Begriff Epigenetik gab es damals, 1992, schon. In Wahrheit war er ein Schreckgespenst der Fachwelt. Ich schilderte Sir Karl Popper meine Thesen. Was Evolution und Zufall betrifft. Und was die mehrheitlichen Gen-Abschnitte unserer DNA anbelangt, die nach vorherrschender Meinung nutzlose Teile des Erbgutes darstellten. Junk-DNA also. Ein totes Anhängsel, das keiner braucht und sich trotzdem im Körper herumtreibt.
Könnte es womöglich eine Art Reserve sein? Aus der sich das Genom, vergleichbar der offenen Gesellschaft, weiterentwickeln und stets anpassen kann? Ein Back-up, das die Natur sich in der Hinterhand hält, um gerüstet zu sein? Für den Fall der Fälle. Eine Reserve für jene Situation, wenn das Abtasten der Umwelt durch das Genom ergibt, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, etwas zu ändern. Eine neue Richtung einzuschlagen. Weil die Umstände es verlangen, die es dem Genom über das Epigenom melden. Damit und mit weiteren Thesen konfrontierte ich Sir Karl Popper. Er teilte meine Ansichten nicht nur, er bestärkte mich darin, diesem Pfad unbeirrt zu folgen.
Was die Epigenetik betrifft, hat dieser bloße Anfangsverdacht heute, mehr als ein Vierteljahrhundert später, längst seinen Siegeszug angetreten. Schritt für Schritt bestätigt er sich. Und Schritt für Schritt kommt er auch in den Köpfen der Wissenschaft an. Mittlerweile besteht kein Zweifel mehr am enormen Einfluss, den anderes Leben und Wirken auf unser Erbgut ausübt. Die Umwelt. Der eigene Lebenswandel. Der Lebenswandel unserer Vorfahren. Alles hängt zusammen, fantastisch holistisch.
Das Verhältnis zwischen Forschung und Glaube kann sich auch wieder bessern. Das haben zwei große Namen vorgezeigt. Albert Einstein und Max Planck.
Planck, einer der Väter der Quantenphysik. Auf ihn geht nicht nur eine Reihe von Begriffen zurück, denen wir im ersten Teil bei unserer Reise zum Urknall begegnen werden, weil sie alle – räumlich, zeitlich, die Größe betreffend – sich rund um die Stunde null tummeln. Planck war ein Mann, der über sich einmal im Rahmen einer seiner beliebten Vortragsreihen sagte: »Meine Herren, als Physiker, der sein ganzes Leben der nüchternen Wissenschaft, der Erforschung der Materie widmete, bin ich sicher vom Verdacht frei, für einen Schwarmgeist gehalten zu werden.«
Und doch fuhr er in seiner Ansprache 1944, ein Vierteljahrhundert nach Erhalt des Nobelpreises, mit diesen Worten fort:
»Und so sage ich nach meinen Erforschungen des Atoms dieses: Es gibt keine Materie an sich. Alle Materie entsteht und besteht nur durch eine Kraft, welche die Atomteilchen in Schwingung bringt und sie zum winzigsten Sonnensystem des Alls zusammenhält. Da es im ganzen Weltall aber weder eine intelligente Kraft noch eine ewige Kraft gibt – es ist der Menschheit nicht gelungen, das heißersehnte Perpetuum mobile zu erfinden –, so müssen wir hinter dieser Kraft einen bewussten intelligenten Geist annehmen. Dieser Geist ist der Urgrund aller Materie. Nicht die sichtbare, aber vergängliche Materie ist das Reale, Wahre, Wirkliche – denn die Materie bestünde ohne den Geist überhaupt nicht –, sondern der unsichtbare, unsterbliche Geist ist das Wahre. Da es aber Geist an sich ebenfalls nicht geben kann, sondern jeder Geist einem Wesen zugehört, müssen wir zwingend Geistwesen annehmen. Da aber auch Geistwesen nicht aus sich selber sein können, sondern geschaffen werden müssen, so scheue ich mich nicht, diesen geheimnisvollen Schöpfer ebenso zu benennen, wie ihn alle Kulturvölker der Erde früherer Jahrtausende genannt haben: Gott! Damit kommt der Physiker, der sich mit der Materie zu befassen hat, vom Reich des Stoffes in das Reich des Geistes. Und damit ist unsere Aufgabe zu Ende, und wir müssen unser Forschen weitergeben in die Hände der Philosophie.«
In puncto Denkmauern durchbrechen war auch Albert Einstein jemand, der mit der Abrissbirne durch die Gesellschaft donnerte. Er brachte so manches Wissensgebäude zum Einsturz. Allein dadurch, dass er seine zwei Relativitätstheorien auf die Menschheit losließ und das Denken bis heute prägte. Als Einstein 1955 in Princeton, USA, starb, überschlugen sich die Nachrufe auf ihn in Superlativen – Kopernikus des 20. Jahrhunderts. Bedeutendster schöpferischer Denker der Moderne. Magier der modernen Physik. Immerhin hatte er das Weltkonzept von Raum, Zeit und Masse torpediert.
Durch sein E = mc2 erkannte er, dass Energie und Masse in einem Zusammenhang stehen. Einstein erklärte das Phänomen, warum elektromagnetische Wellen mitunter als Teilchen der Materie auftreten. Warum radioaktive Substanzen über Jahrmillionen energiegeladene Strahlung aussenden. Warum Sterne wie die Sonne Licht und Wärme über Jahrmilliarden spenden können. Auch beschrieb er exakt das Verhalten Schwarzer Löcher.
Einstein selbst schrieb seine Leistung zwei Dingen zu: Vorstellungskraft und Fantasie. Sie seien wichtiger als jedes Wissen. Nur durch sie könnten menschliche Wesen »Göttern ähneln und zu den Sternen sprechen«.
Solche Aussagen zeigten sein Kokettieren mit dem Transzendenten. Ausgerechnet ihm, diesem fleischlichen Sinnbild rationaler Wissenschaft, wollte man das nicht nachsehen. Einer wie er durfte den Blick nicht hinüberwerfen. Und doch: »Gott würfelt nicht.«
In einem Brief schrieb er: »Was ich in der Natur erblicke, ist eine großartige Struktur, die wir nur bruchstückhaft verstehen können. Diese Struktur muss jedem denkenden Menschen ein Gefühl von Bescheidenheit vermitteln, ein authentisches religiöses Gefühl, das mit Mystizismus nichts zu tun hat.«
Einsteins Weltenbaumeister war ein universeller kosmischer Geist. Nicht mehr und auch nicht weniger. »Gott kümmert sich nicht um unsere mathematischen Schwierigkeiten. Er integriert empirisch.«
Ludwig Feuerbach, deutscher Philosoph und Anthropologe, hat die Religion im 19. Jahrhundert vehement kritisiert. Sein Argument: Die Menschen machen sich ihren Gott selber. Als Stütze gegen den unvermeidlichen Tod. Ist das so? Ist Religion nichts anderes als Angst im Sonntagskleid der Hoffnung?
Die Antwort der religiös Gestimmten besteht darin, dass nicht wir Ihn, sondern Er uns geschaffen hat. Nach Seinem Abbild. Dadurch tragen wir den Gedanken an diesen Abbildgeber in uns. Wir erfinden Gott nicht, wir sind von Ihm geprägt. Der Gedanke an Transzendentes ist keine Lebensversicherung für Illusionen. Denn wir wurden von dem Transzendenten geprägt.
Das ist die Epigenetik des Glaubens.
Die Prägung für oder gegen Gott.
Außerdem gibt es den theologischen Ansatz, dass das Subjektive in die Offenbarung miteinbezogen werden muss. Denn die Wissenszuwächse der Jetztzeit zwingen zu einer neuen Formulierung religiöser Inhalte. Dabei beginnt das Christentum, sein sogenanntes inkarnatorisches Prinzip zu aktivieren. Die Anpassung an Fleisch und Zeit. Glaube 4.0. Modernisiert als Wahrnehmung einer Spiritualität.
So wird ein Gedanke des Philosophen Peter Sloterdijks weiterentwickelt, der schon meinte: »Durch die Wendung zum Subjekt entpassifiziert sich die Offenbarung – die Ära der bloß empfangenen Offenbarung ist zu Ende. Offenbarung kommt nicht als Verlautbarung eines transzendentalen Absenders, sondern auch als Offenheit gegenüber der Welt.«
Es geht nicht um eine gleißende Erscheinung oder einen alten Mann mit langem weißen Bart, der aus den Wolken heraus auftaucht und »Seid gegrüßt, Erdlinge« sagt. Sondern um das Gefühl eines jeden Einzelnen von uns.
Ebendiese Ergriffenheit, die das Gemüt in Schwingung versetzt.
Eine leise Zufriedenheit, die einem sagt: Alles wird gut, glaub mir, es wird gut. Ein inneres Lächeln. Skepsis ist erlaubt, freilich. Immerhin ist da noch die Neugier, die in uns brennt. Und am Ende stehen da die drei größten Fragen der Menschheit.
Woher kommen wir?
Was sind wir?
Wohin gehen wir?
Zeit für drei Antworten, vorab in aller Kürze.
Erstens: Die Hardware unserer Existenz war ab dem Urknall da.
Zweitens: Wir sind Abbild des Weltenbaumeisters.
Drittens: Uns erwartet die Verschränkung. Der Schöpfer und das Geschöpf – beide kommen zusammen, wenn wir es wollen.
Und das schauen wir uns jetzt einmal im Detail an. Wir reisen zurück in die Ewigkeit. Bis ganz zum Anfang. Dem Anbeginn des Universums. Dort macht es –
BUUUUUMMMMM!
Woher wir kommen
Bevor wir einsteigen und in die Ewigkeit abheben, müssen wir packen. Und zwar ein paar Gedanken. Die kommen ins Handgepäck, manche sind ein bisschen schwerer. Aber die brauchen wir auf der Reise. Dringender als Bikini und Badehose. Die Gedanken helfen, zu verstehen.
Es ist alles eine Frage der Geisteshaltung. Megalopsychos gegen Anthropologos.
Das klingt wie ein Actiongame für eine Spielekonsole, bezeichnet aber vielmehr die Gesinnung im Ganzen. Aristoteles stellte fest: Der großgesinnte Mensch, megalopsycho auf Griechisch, steht im Gegensatz zum anthropologo, dem, der alles nur aus menschlicher Sicht sieht. Die 50, 70 oder vielleicht 100 Jahre, die sie oder er auf diesem Planeten lebt.
Anthropologos genügt diese Zeit auf der Erde, mehr ist nicht drin in der Schöpfung. Sie beginnt bei der Geburt und endet mit dem letzten Atemzug. Dann wird alles schwarz, und die anderen sollen sich drum kümmern, wie es weitergeht.
Megalopsychos sehen das Dasein in größeren Dimensionen. Sie dehnen ihr Verständnis über die wenigen Jahrzehnte, die man als Mensch durch die Welt spaziert, großzügig aus und leben im Angesicht des gesamten Universums. Ihre Schöpfung beginnt nicht bei der Geburt, sondern zu Beginn des Universums und endet nicht mit dem letzten Atemzug. Denn dann wird alles weiß. Ihr Geist erreicht die Ewigkeit.
Weites Gesichtsfeld oder Tunnelblick.
Aristoteles hat den Sinn dahinter schon schriftlich dargelegt, in der Nikomachischen Ethik. Das Werk ist ein Leitfaden, wie man ein guter Mensch wird, ein Lifeguide zur Freude. Glückseligkeit erlange man durch drei Dinge. Äußerliche, körperliche und seelische Güter. Äußere Güter sind vom Zufall abhängig. Herkunft, Reichtum, Freundschaft, Geld, kurzum: ein gut aufgelegtes Schicksal. Gesundheit, Schönheit und Stärke sind körperliche Güter, die man teilweise beeinflussen kann, durch Sport und Ernährung. Seelische Güter können nur wirklich gute Menschen erlangen. Alles zusammen ergibt hundert Punkte auf der Skala der Glückseligkeit.
Heute würde man sagen: Gute Gene, Spiritualität und ideale Work-Life-Balance, dann hast du es geschafft.
Megalopsychos begreifen den Kosmos umfassend und als Konzept, das nicht zufällig da ist, weil es Buuummm gemacht hat, sondern weil jemand oder etwas das verursacht hat.
Das Kafka-Universum
Unsere Software, das Leben hier, ist im Vergleich zum Alter des Kosmos ein Wimpernschlag. Der Astrophysiker Peter Kafka – er arbeitete mehr als drei Jahrzehnte am Max-Planck-Institut in München und starb im Jahr 2000 – lieferte einen interessanten Vergleich. Er legte die 13,82 Milliarden Lebensjahre des Universums auf ein Kalenderjahr um. Das heißt, er hat die Ewigkeit auf 365 Tage heruntergebrochen. Vom Urknall bis zu uns heute. Ein Jahr. Und dabei hat er die Relativität der irdischen Existenz illustriert. Obwohl sie vom Anfang des Universums mitprogrammiert war.
Kafkas Rechnung zufolge begannen die Menschenaffen von den Bäumen zu steigen, aufrecht zu gehen und die Hände zu gebrauchen, als die Uhr vier Stunden vor Mitternacht anzeigte. Und zwar am 31. Dezember, dem letzten Tag in diesem gedachten Jahr des Universums.
Bis die langwierige Entwicklungsprozedur von Australopithecus und Homo erectus und Homo habilis hin zum modernen Homo sapiens abgeschlossen war, verging abermals ziemlich viel der kaum noch verbliebenen Zeit. Die Zeiger standen nun auf sechs Minuten vor zwölf.
Eine Minute und zehn Sekunden vor Korkenknallen, Sektglasgeklirre und ersten Walzerklängen im Radio starben die Neandertaler aus. Fünfzehn Sekunden vor Mitternacht entwickelten sich die Weltreligionen. 4,6 Sekunden vor Null schlugen die Römer Jesus Christus ans Kreuz. Und heute: Ein großzügig mit hundert Jahren bemessenes Menschenleben setzt exakt 0,23 Sekunden vor Ende des gedachten Universum-Jahres ein.
0,23 Sekunden für eine gefühlt ewige Spanne Leben. Das entspricht einem Wimpernschlag, wenn man müde ist. 0,23 Sekunden im Jahr des Universums, und das war’s?
Das ist der Unterschied zwischen Anthropologos und Megalopsychos. In größeren Dimensionen zu denken.
Die Vorstellung einer zentralen Idee, einer fundamentalen Information oder Intelligenz ist unsere Ausgangsbasis. Egal, wie wir diese Idee oder Intelligenz bezeichnen. Sagen wir Weltenbaumeister. Die Theorie eines intelligenten Designs – das hat nichts mit den Kreationisten zu tun – ist genauso legitim wie die Vorstellung einer chaotischen Zufallsentwicklung. Das war, wie wir wissen, nicht immer so. Erst als die Naturwissenschaften ihre Erfolge feierten, griff die Verunglimpfung um sich. Gefolgt von der prinzipiellen Ablehnung dieser Auch-Möglichkeit. Das hat mit dem Begriff Ewigkeit zu tun.
Lange Zeit hielt die Naturwissenschaft die Existenz des Universums für ewig. Daran gab es nichts zu rütteln. Das hatte den Vorteil, dass man die Frage eines Weltenbaumeisters an der Oberfläche recht schlüssig vom Tisch wischen konnte: Universum? War immer. Ist immer. Ist also ewig. Und was ewig besteht, hat keinen Vorläufer. Keinen Urheber. Keinen Planer. Keinen Designer. Ende des Gedankens.
Dann, 1931, kam Georges Lemaître, belgischer Physiker und nebenbei Jesuit, mit seiner Urknall-Theorie. Sie sprach von einem Anfangszustand des Kosmos bei Raumzeit und Materie. Natürlich wurde der Vater des Big Bang zu Beginn verspottet. Dennoch setzte er sich durch, und plötzlich war das Universum alles, nur nicht ewig. Auf einmal hatte es einen sehr konkreten Anfang, der sich mit mathematischer Finesse zurückberechnen und in eine Zahl gießen ließ. 13,82 Milliarden Jahre vor unserer Zeit. Ein Produkt puren Zufalls obendrein – wenngleich es bis heute keinen Beweis dafür gibt. Also wieder kein Weltenbaumeister. Diesmal nicht, weil ewig, sondern diesmal nicht, weil nicht ewig und zufällig. Unser Dasein als Ergebnis einer sogenannten Singularität. Allerdings wären in dieser Singularität ebenfalls die Bausteine unserer Existenz enthalten.
In der Mathematik ist mit einer Singularität der einzelne, also singuläre Punkt einer Kurve gemeint. Der Internetriese Google meint damit die Entwicklung einer Superintelligenz, indem wir uns noch mehr als bisher, also komplett, dem Gebrauch der stets neuesten Technologien verschreiben. Das soll der Hightech-Schlüssel zur – wenigstens digitalen – Unsterblichkeit von uns Menschen sein, den wir in geschätzt dreißig Jahren in Händen halten dürfen. Mit ebenso offenem wie zweifelhaftem Ausgang.
Die Singularität, von der wir hier sprechen, ist die der Physik: jenes Phänomen, bei dem Raum und Zeit verschwinden und alle Materie so gut wie unendlich verdichtet wird. Zu einem einzigen, unfassbar kleinen Punkt. In Form von Information und purer Energie. Der Urknall. Das gültige Standardmodell vom Anfang von allem.
Die Begriffe Standard und Modell sagen schon einiges aus. Sie suggerieren: Der Umgang damit hilft, ein Knäuel voller Fragen zu entwirren und viele zu beantworten. Das Modell hat sich in vielerlei Hinsicht theoretisch bewährt. Daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich über weite Strecken so und nicht anders verhält, hoch. Sehr hoch. Hundertprozentig wissen wir es nicht. Was das Standardmodell vom Urknall nicht liefert, ist das Warum. Das Wohin. Das Wodurch. Oder durch wen.
»Am Anfang war die Information«, sagte Quantenphysiker Anton Zeilinger im Interview mit der Wiener Zeitung und meinte, man müsse das Johannesevangelium in diese Richtung umschreiben. Zeilinger ist weit entfernt vom kreuzbraven Kirchgänger. Er ist Naturwissenschaftler. Und trotzdem Vertreter einer akademischen Minderheit, die den Grenzen der Wissenschaft sehr offen gegenübersteht. International berühmt geworden durch die erfolgreiche Teleportation von Teilchen, schwebt Zeilinger nicht wie andere ausnahmslos in der eigenen Wissens- und Meinungsblase. In der Echokammer der Forschung. Zeilinger hat in seinem Team seit Jahren auch einen Philosophen.
»Die Philosophen haben sehr viel dazu beigetragen, Grundlegendes zu klären. Zum Beispiel die Frage: Was ist der Messprozess? Ich teile ja nicht diesen Hochmut gegenüber den Geisteswissenschaften, der derzeit Mode ist. Die Geisteswissenschaften gehören zur Software der Gesellschaft.«
Schneller als das Licht
Megalopsychos können Hürden überwinden und Denkmauern mit dem Meißel der Zuversicht pulverisieren. Auf der Reise in die Ewigkeit, die wir gemeinsam unternehmen, kommen wir an einer Mauer an. Der des Lichts. Licht ist nicht nur eine physikalische Größe, sondern ein philosophischer Begriff. Eine transzendentale Größe. Ein Welthorizont. Wir durchbrechen also die erste Mauer, das Licht.
Wir kennen das Licht mit seiner Geschwindigkeit von 300.000 Kilometern pro Sekunde als sogenannte Naturkonstante. Eine unabänderliche Größe. Was bedeutet: Jagen wir mit Hightech ein Lichtteilchen auf das andere los, verhält es sich nicht wie bei einem Frontalcrash zweier Autos, wo sich die Geschwindigkeiten beider addieren. Beim Licht lautet die Formel: Ein Licht + ein Licht = immer noch ein Licht.
Auch darum ist Licht als Größe fundamental. Mehr als Licht geht nicht.
Forscher finden, diese Absolutheit des Lichts würde uns sogar beschützen. Vor einer jenseitigen Welt, die zunächst mit Gott nichts zu tun hat, in der aber die Gesetze des Universums nicht mehr gelten. So ähnlich wie die Heisenbergsche Unschärfe im Bereich des winzig Kleinen. In der Welt der Quanten. Heisenbergs Unschärferelation besagt nichts anderes, als dass wir von einem Teilchen zwei komplementäre Eigenschaften nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmen können.
Angenommen, Sie tragen eine Augenbinde und stehen am Billardtisch, auf dem nur eine Kugel liegt. Sie stoßen sie weg. Sie können die Bahn nicht sehen, nur erahnen. Es gelingt Ihnen, die Kugel mit der Hand zu erwischen. In dem Augenblick wissen Sie zwar, wo die Kugel ist, aber nicht, wie schnell sie war. Beides zugleich geht nicht. Durch das Anhalten wird das Messen der Geschwindigkeit vereitelt. Und umgekehrt. Entweder genauer Ort oder genaue Geschwindigkeit. Quanten sind freche Dinger. Renitent und subversiv. Die lassen sich nicht gerne einordnen.
Über Unschärfen in unfassbar kleinen Dimensionen, die womöglich aufgerollt und ziemlich vage sind, nicht näher nachdenken zu müssen, kann ein wirkungsvoller Schutz vor kausalen Unverständlichkeiten sein. Aber die Lichtgeschwindigkeit als Retter? Was ist damit gemeint? Wie schafft das eine Mauer, die wir so gerne überwinden möchten?
Von wegen: Licht ist absolut. Wir überlegen, in die Welt des überschnellen Lichts einzutauchen. Dorthin, wo Gene Roddenberry schon in den Sechzigerjahren das Raumschiff Enterprise geschickt hat. Für Kirk, Spock und den Rest der Crew war’s nur ein Kommando. Energie!
Wie ist das jetzt für uns, gibt es Überlichtgeschwindigkeit, oder ist sie Fantasie?
Glasklare Antwort des Physikers: »Natürlich gibt es die.«
Wo denn? Draußen im Weltall? Oder sogar hier? Bei uns auf der Erde?
»Ja, auch hier auf der Erde.«
Wie denn? Was denn?
Da gebe es mehrere Möglichkeiten.
Variante A:
Sie schauen in den Spiegel und erkennen: Ein Haarschnitt wäre dringend nötig. Also gehen Sie zum Friseur. Weil Sie wissen: Dort herrschen tagtäglich Geschwindigkeiten vor, die weit jenseits der 300.000 Kilometer pro Sekunde liegen, die das Licht schafft. Das Haupt frisch gewaschen, sitzen Sie im Sessel, und der Friseur, die Friseurin hält die gut geschliffene Schere hoch, lässt sie wie zum Startsignal einmal kräftig auf- und zuschnappen.
Und genau da geschieht es: Schnappt die Schere mit Schwung zu, wird sich der innerste Punkt zwischen den eben noch weit klaffenden Scherenblättern nach oben zu den Spitzen bewegen. Mit Überlichtgeschwindigkeit.
Die Krux an der Sache: Auf seinem Flug zu den Spitzen der Scherenblätter befördert der Punkt keinerlei Information. Daher ist er als physikalische Größe irrelevant. Weil wir bei Lichtgeschwindigkeit immer nur von jener Geschwindigkeit sprechen, mit der sich Information transportieren lässt. Und zwar im Vakuum. Bewegt Licht sich in anderen Medien, ist es in der Regel langsamer. Wie im Wasser.
Okay. Zweiter Versuch.
Variante B:
Wir gehen in die Offensive, machen selbst einen Vorschlag. Wir prahlen ein bisschen und werfen ein Wort in die Runde: Tunneleffekt.
Der Physiker nickt erst erstaunt.
Jetzt sind wir, ohne es zu wollen, mittendrin in der Quantenphysik. Irgendwo haben wir schon gehört, dass dieser Tunneleffekt sowas wie ein Spaltpilz innerhalb der Physik sein soll. Weil er nämlich der klassischen Physik eine physikalische Unmöglichkeit entgegenhält. Und doch real ist.
Die schlichte Annahme: Wir wollen einen Ball über einen Berg rollen. Dafür brauchen wir eine bestimmte Menge kinetischer Energie. Die nötige Kraft, damit er den Weg hinauf schafft. Haben wir zu wenig, wird es nicht klappen. Der Ball rollt zurück.
Die Quantenmechanik geht anders an die Sache heran. Sie spielt mit eigenen Regeln. Die besagen: Nix ist fix, alles eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Das heißt nicht, dass Anarchie und Nonsens herrschen. Es ist bloß eine Welt, die sich der uns vertrauten entzieht. Eine Welt, die nicht den Umweg oben drüber in Erwägung zieht. Sondern den direkten. Indem A (der Ball) durch B (den Berg) hindurchmarschiert. Einfach so. Obwohl A und B gleichgepolt wie gleichnamige Magnete sind und einander vehement abstoßen, weil es sich – in diesem Fall – um die positiv geladenen Teilchen zweier Atomkerne handelt. Zwei Protonen.
Mit herkömmlicher Physik ist der Effekt nicht erklärbar. Trotzdem vollzieht er sich täglich ungezählte Male. Er sorgt dafür, dass unsere Sonne so arbeitet, wie sie arbeitet. Dass sie Kernfusion betreibt, demnach Wasserstoff zu Helium fusioniert und jene Unmengen von Energie erzeugt und auf die achtminütige Lichtreise zur Erde schickt, die ein Leben hier überhaupt erst ermöglicht.
Das ist der Tunneleffekt. Das Überwinden der enormen Gegenkräfte zweier gleich geladener Teilchen, indem das eine das andere durchstößt. Mit dem Kopf durch die Wand quasi. Wobei am anderen Ende des Tunnels nicht hinausdarf, was am einen Ende hineinwollte. Dazwischen geschieht Entscheidendes. Eine Metamorphose. Und: Der Tunneleffekt stellt ein Phänomen dar, das wir allein aus dem Mikrokosmos kennen. Vom Kleinsten vom Allerkleinsten.
Wir heben die Sache in unsere Vorstellungswelt empor: Angenommen, ein Mensch könnte die Barriere durchdringen. Zwei Kammern, getrennt durch eine endlos hohe Mauer. Oben drüber? Nur mit enormem Energieaufwand. Eigentlich gar nicht. Weshalb die klassische Physik sagt: Umkehren. Die Quantenphysik sagt: Geh bitte. Rein ins Vergnügen. Mittendurch.
In diesem Fall müsste das Superman sein. Ein Mensch mit Überkräften. Er folgt den Wahrscheinlichkeiten der Quantenphysik, und das Erstaunliche: Der extrem kurze Moment des Durchstoßens der Mauer vollzieht sich tatsächlich – mit Überlichtgeschwindigkeit.
Jetzt das große Aber: die Metamorphose. Was jenseits der Mauer rauskommt, hat mit der Ur-Information Superman nicht mehr das Geringste zu tun. Anstelle eines ganzen Superhelden sehen wir ein zur Unkenntlichkeit verformtes Männlein. Ein Fragment mit rotem Cape. Die Gesamt-Information von zuvor, die Clark Kent geheißen hat, ist futsch.
Mikro- und makrokosmische Gesetze würden eine solche Reise möglich machen. Doch unser Kosmos verbietet sie uns. Sie existieren, sind aber für uns nicht zugänglich. Wie können wir uns dann anmaßen, auf den Stufen dieses Mesokosmos zu sitzen und üben den Weltenbaumeister urteilen zu wollen?
So oder so: Mit dieser Art von Überlichtgeschwindigkeit kommt der normale Mensch nicht ans Ziel. Weil sie nichts vollständig von A nach B transportiert. Was tun?
Variante C:
Vorschlag des Physikers: Wir könnten eine Cäsium-Reise unternehmen. Dieses Cäsium, das schwerste uns bekannte, stabile Alkalimetall, hat eine faszinierende Eigenschaft. Sein sogenannter Brechungsindex ist kleiner als 1. Zu Deutsch: Eine elektromagnetische Welle, nichts anderes ist Licht, kann sich darin schneller bewegen als im Vakuum. Das Licht könnte sich sozusagen selbst überholen.
Bevor wir uns weiteren Illusionen hingeben: Das klappt auch nicht. Wir müssten nicht nur unsere gesamte Flugstrecke mit dem sehr seltenen Cäsium auskleiden (weil wir es als Transportmedium benötigen, uns in ihm fortbewegen wollen), wir stünden obendrein vor anderen übermächtigen Mauern. Da wäre der Antrieb. Der Energiebedarf, um Masse nur annähernd auf Lichtgeschwindigkeit hochzujagen, ist enorm. Außerdem gewinnt Masse mit zunehmendem Tempo an Gewicht. Wir benötigen also, je schneller wir werden, überproportional mehr Energie. Und dann wäre da noch die Gammastrahlung, auf die wir irgendwann träfen. Sie würde beginnen, uns zu zersetzen. Auch nicht fein. Außer wir hätten, wie der Physiker Harald Lesch einmal gemeint hat, einen wuchtigen Stirnknochen, an dem die Strahlung abprallt, wenn wir uns mit annähernd Lichtgeschwindigkeit fortbewegen und zum Fenster rausschauen, um zu sehen, wie Raum und Zeit sich immer mehr verbiegen. Mit diesem Knochenschild sähen wir allerdings aus wie Klingonen.
Also: Auf physikalischem Weg ist die Aufgabe nach derzeitiger Erkenntnis und in diesem Universum nicht zu lösen. Hm. Wieder: theoretisch möglich, aber für uns nicht.
Variante D:
Eine Lichtgeschwindigkeitsreise ginge mit Antimaterie als Treibstoff. Die müssten wir vorher erzeugen und mitnehmen. Allerdings ist Materie, die aus Antiteilchen besteht, nur ein extrem aufwendiges Experimentalprodukt der Forschung. Wir wissen: Antimaterie soll weder Neutron noch Proton noch Elektron haben. Und sonst? Nichts. Nur, dass sie ein fixer Bestandteil im Welterklärungsmodell der Physik ist, die Natur kennt sie trotzdem nicht. 1995 wies eine Arbeitsgruppe in der Kernforschungseinrichtung CERN erstmals Antiwasserstoff-Atome nach. Beim Raumschiff Enterprise diente eine Materie-Antimaterie-Reaktion als Energiequelle für den Warp-Antrieb. Wir haben so was Flottes leider noch nicht. Scotty, zurück zum Start.
Variante E:
Wir selbst ziehen alle Register. Wir haben als Ultima Ratio die Lösung parat. Ein Medium, mit dem es doch klappt. Dieses Medium war immer schon Vorreiter großer Errungenschaften und wird es auch immer sein, solange es uns gibt. Die menschliche Vorstellungskraft. Aber nützt es uns hier etwas? Das Überschreiten der Lichtgeschwindigkeit würde unsere Welt ins Chaos stürzen. Selbst bei bloßem Erreichen dieser Schwelle wäre nichts, wie es ist. Ein Gedanke – in der nüchternen Sprache der Biochemie nichts weiter als unsichtbarer, elektrischer Strom – hätte keine Zeit, sich zu entfalten. Es gäbe nichts, worauf er hinsteuern würde. Nichts, worauf er Bezug nehmen könnte. Weil er ja schon da ist. Von jetzt auf gleich sozusagen.
Überhaupt könnte nichts von A nach B gelangen. Blut und Sauerstoff fänden nicht zueinander, um die Zellen mit ihrem Gemisch zu speisen, den Stoffwechsel in Gang zu setzen und Energie zu erzeugen. Der Austausch von Sauerstoff gegen Kohlendioxid in der Lunge – zum Vergessen. Alles wäre auf eine seltsame Weise verwoben. Alles zugleich da. Und zugleich nicht. Es fehlte an Abläufen, an lebensnotwendiger Kausalität, an dem einen, das ein anderes bedingt oder zeitigt. Für ein geordnetes Dasein keine erquickliche Basis. Und die philosophischen Momente, in denen wir nach dem Woher und Wohin fragen, hätten sich auch erübrigt. Da wäre schon alles geklärt. Eigentlich müsste uns die spekulative Physik bescheiden machen. Immerhin zeigt sie uns, wie beschränkt wir in diesem Mesokosmos leben. Der Mensch neigt aber dazu, sich unheimlich in Szene zu setzen und wichtig zu machen.
Aber. Genau das führt uns zu einem neuen Gedanken.
Einem Umstand, der alles erklären kann.
Konkret: Die Hardware unserer Existenz war ab dem Urknall vorhanden – ein Faktum, auch wenn wir nicht in die Welt des überschnellen Lichts eintauchen und so tatsächlich in der Zeit zurückfahren können.
Alles war von Anfang an da. Wir sind heute nur die Software, die diese Hardware steuert. Die Essenz liegt in etwas Vergleichbarem wie der Ewigkeit.
Und wir werden sehen: Diese Hardware hat viel erlebt.
Und wir tragen ihre Geschichte in uns. Die Biografie des Universums ist auch die Geschichte von uns. Die Reise zu den Ursprüngen, aber auch zum Ende hat schon Literaturnobelpreisträger Gabriel Garcia Márquez in seinem wunderbaren Werk Hundert Jahre Einsamkeit thematisiert. Er ließ sie seinen Helden Aureliano Babilonia beim Auffinden der Pergamente des Zigeuners Melchiades zurücklegen.
»Es war die von Melchiades hundert Jahre vorausgesehene, bis in die belanglosesten Einzelheiten abgefasste Geschichte seines Geschlechtes; in Sanskrit, seiner Muttersprache, hatte er sie niedergeschrieben und die gleichen Verse mit dem Privatschlüssel des Kaiser Augustus, die ungleichen mit dem lazedämonischen Militärschlüssel chiffriert. Gefesselt von dem Fund, las Aureliano mit lauter Stimme, ohne eine Zeile zu überspringen, die gesungenen Enzykliken, die Melchiades persönlich vorgetragen hatte und die in Wirklichkeit die Voraussagen für das Weitere waren. In der Ungeduld, seinen eigenen Ursprung endlich kennenzulernen, machte Aureliano einen Sprung, als der Wind aufkam, mild, tastend, vom Geflüster uralter Geranien, den er allerdings nicht wahrnahm, weil er in diesem Augenblick die ersten Anzeichen seines Seins, in einem … Großvater entdeckte, der sich von der Leichtfertigkeit eines betörten Hochlandes mitreißen ließ, auf der Suche nach einer schönen Frau, die er nicht glücklich machen würde. Aureliano erkannte ihn, verfolgte die dunklen Pfade seiner Herkunft und stieß auf den Augenblick seiner eigenen Zeugung… In dieser Faszination der Erkenntnis der eigenen Herkunft war Aureliano so versunken, dass er auch den zweiten Anrand des Windes nicht merkte, dessen Zyklonengewalten nun bereits Türen und Fenster aus den Angeln rissen, das Dach der Westgalerie abdeckt und die Grundmauern entwurzelt. Der Ort seines Hauses war bereits ein von der Wut des biblischen Taifuns aufgewirbelter, wüster Strudel aus Schutt und Asche, als Aureliano 11 Seiten übersprang, um keine Zeit mit allzu bekannten Tatsachen zu verlieren und begann, den Augenblick zu entziffern, den er gerade durchlebte, und er enträtselte ihn, während er ihn erlebte, und sagte sich im Akt des Entzifferns selber die letzte Seite des Pergamentes voraus, als sehe er sich in einem sprechenden Spiegel. Er blätterte von neuem und mit Inbrunst, um die Voraussagen zu überspringen und Tag und Umstände seines Todes festzustellen. Doch bevor er zum letzten Vers kam, hatte er schon begriffen, dass er nie aus diesem Zimmer gelangen würde, da der Ort, das Haus und das Zimmer vom Wind vernichtet werden würden, in dem Augenblick, in dem Aureliano Babilonia die Pergamente endgültig entziffert hatte …«
Bei unserem Trip zu den Ursprüngen von allem fahren wir an den Milliarden Jahre alten Vorposten unserer Existenz vorbei. In einem besonderen Raumzeitschiff, der Arche Noah II. Sagen wir, das klappt mithilfe von Tachyonen – hypothetischen Teilchen, die sich mit Überlichtgeschwindigkeit bewegen – und der Kraft wissenschaftlich getunter Fantasie. Tachyonen, so die Annahme, sieht man erst, nachdem sie an jemanden vorbeigezischt sind, und zwar doppelt. Einmal in die Richtung, in die sie fliegen, und einmal in die Richtung, aus der sie kommen. Beide Eindrücke würden sich vom Beobachter als Bilder entfernen. Im Spiel sind auch Tardyonen – hypothetische Teilchen, die immer langsamer als das Licht durch den Raum fliegen. Wenn man nun Wechselwirkungen zwischen Tachyonen und Tardyonen nachweisen könnte, hieße das, dass Botschaften in die Vergangenheit übermittelt werden könnten.
Noch effektiver: Ein Wurmloch tut sich auf und ermöglicht die Zeitreise. Mit der Arche Noah II. Wir haben nicht Tierpärchen aller Gattungen an Bord. Unsere Passagiere sind gelehrte Köpfe. Forscherinnen und Forscher aller Fachrichtungen. Da sind die Naturwissenschaften mit ihren Aushängeschildern Astronomie und Physik, Biologie und Chemie. Die Geisteswissenschaften mit Literatur und Musik, Theater und Theologie. Dazu all die anderen, die diesen Oberkategorien angehören. Abseits der beiden Großlager Mathematik und Philosophie die Soziologen und die sogenannten Interdisziplinären, die fachübergreifend forschen. Manche Passagiere sitzen auf Wunsch möglichst weit voneinander entfernt. Weltanschauungen fordern ihren Tribut. In der Arche Noah II ist glücklicherweise genug Platz für alle. Schön, dass Sie auch mitkommen, hier bitte, 12 F ist für Sie reserviert, rechts vorne, ja, genau dort. Das Handgepäck mit den vielen Fragen legen Sie einfach oben ins Fach, danke. Und bitte anschnallen, es geht gleich los. Der Holo-Countdown beginnt.
Zehn.
Neun.
Acht.
Sieben.
Sechs.
Fünf.
Vier.
Drei.
Zwei.
Eins …
… Abheben.
Zeitreise zurück bis zum Urknall
Wir starten im Jetzt. Wien, Stephansplatz, direkt vor dem Dom. Die Menschen jubeln, wünschen gute Reise. Das Schiff entschwebt in Richtung ferne Vergangenheit. Langsam nehmen wir Fahrt auf. Die ersten Jahre, Jahrzehnte fliegen vorüber. Der Verkehr auf den Straßen wird dünner, die Automodelle werden eckiger. Bilder vom Wiederaufbau einer zerbombten Stadt. Hitlers Einmarsch. Das große Morden. Der Brand des Justizpalastes 1927. Die Not der Bevölkerung zwischen den Kriegen. Die mitfahrenden Psychologen sind erstaunt, wie schnell sich das kollektive Bewusstsein änderte. Vor hundert Jahren war unsere Software noch in einer ganz anderen Geistigkeit. Unsere heutige Software hat es besser.
Weiter zurück in der Zeit.
Die Kaiserstadt Wien um 1900 ist eine Metropole mit einer Million Einwohnern. Fiaker und Einspänner und stolzierende Männer in Gehröcken zieren das Straßenbild. 50 Jahre zuvor, zur Gründerzeit, werden all die Monumentalbauten von Hof und Staat in Auftrag gegeben, die alten Stadtmauern fallen, die Ringstraße entsteht.
Die Arche Noah II fliegt weiter. Wir sehen Napoleon in Wien. Hegels Weltgeist zu Pferde. Die zweite Türkenbelagerung. Dreißigjähriger Krieg. Erste Türkenbelagerung. Gegenreformation. Reformation. Irgendwo in der Ferne macht ein gewisser Christoph Columbus von sich reden. Er suchte die verschollenen Stämme Israels und entdeckte Amerika. Aufstieg der Habsburger, Niedergang der Babenberger. Richard Löwenherz, Englands König, als er zwei Tage vor Weihnachten des Jahres 1192 in Erdberg bei Wien gefangen genommen wird. Filmreife Darbietungen im Ultrazeitraffer.
Über den Resten römischer Lagermauern wird die erste Stadtmauer hochgezogen. Weiter geht’s mit den Bajuwaren, Awaren, Völkerwanderung. Römerzeit. Wien, vormals keltische Siedlung, heißt nun Vindobona und ist ein Legionslager. Ein Teil der Indigenen findet in der Zivilstadt Aufnahme, der Rest der Urbewohner zieht sich in die Täler des Wienerwaldes zurück. 30.000 Menschen leben hier zur Blütezeit. Die Weltbevölkerung beläuft sich auf weniger als hundert Millionen.
Auch zweitausend Jahre vor Christi Geburt, zur Bronzezeit, herrscht in Wien reges Leben. Weitere neuntausend Jahre zuvor, in der Jungsteinzeit, desgleichen. Es ist eine entscheidende Epoche, die prägend ins Heute reicht. Der Mensch hat begonnen, nicht länger Jäger und Sammler zu sein. Er wird sesshaft, betreibt Ackerbau und Viehzucht.
»Beeindruckend«, sagt einer der Passagiere.
Allmählich kommt die Arche Noah II mit Warp-Antrieb auf Touren, braust durch die Jahrtausende. Abgesehen von kleineren Disputen zwischen Religionswissenschaftlern und Historikern, Soziologen und Paläontologen ist die Stimmung an Bord gut. Manche lehnen sich entspannt zurück, schauen nicht einmal zum Fenster raus und lächeln still. Als würden sie auf das Einsetzen der Raum-Zeit-Krümmung nach Einstein warten, sobald wir uns annähernd mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegen. Mathematiker. Physiker, auch ausgewählte Theologen und Philosophen. Sie alle wissen: Ihre große Stunde kommt erst.
Bei manchen grenzt die Stimmung an Ausgelassenheit. Das hat mit dem Zwischenstopp zu tun, der nicht lange zurückliegt. Genau genommen am 23. Oktober 4004 vor Christus. An diesem Tag sollen Himmel und Erde erschaffen worden sein. Und an den folgenden fünf alles, was so kreucht und fleucht. Sogar die Dinosaurier, die es da seit Jahrmillionen gar nicht mehr gibt. Australiens Kängurus wiederum und alle anderen Beuteltiere würden von dem einen Gründungs-Känguru-Pärchen abstammen, das Noah einst auf der anderen, biblischen Arche im Nahen Osten mitnahm. Das finden sogar leidenschaftliche Theologen überzogen. Schließlich gehen auch sie mit der Zeit. Und kommt Zeit, kommt Evolution.
Unsere Software erlebte die erste neolithische Revolution. Eine Erderwärmung ließ Pflanzen, die bislang in der Kategorie »Unwichtig« dahinvegetierten, explosionsartig wachsen. Die Gräser. Zu ihnen gehören der Weizen, der Reis und der Mais. Kohlehydratreiche Früchte, die dem menschlichen Gehirn einen Wachstumsschub gaben. Städte wurden gegründet, Tiere gezüchtet, die Menschen sesshaft.
Sie gaben sich ihre ersten Gesetze und Regeln für ein halbwegs vernünftiges Zusammenleben.
Die Erdgeschichte war damals noch nicht zu Ende. Gälte das auch für heute?
Weiter geht’s. Vor mehr als 15.000 Jahren, fast gegen Ende der jüngeren Altsteinzeit, des Jungpaläolithikums, herrscht im Sommer noch bittere Kälte. In den Wäldern tummeln sich prähistorische Stämme. Anderswo in Europa, im heutigen Pariser Becken, trampeln Mammut-Herden die Böden unter sich fest. Genau hier wird später einmal am Ende der Champs Élysées der Triumphbogen stehen. Weltweit lebt jetzt kaum eine Million Menschen.
»Mon Dieu«, entfährt es einer Forscherin aus Frankreich. Ihr Blick hat etwas Elegantes.
An anderer Stelle, dort, wo es Höhlen gibt, macht ein heute alter Bekannter erstmals auf sich aufmerksam. Ein Meister der Anpassung an die Härten des Daseins. Der urzeitliche Hund. Canis familiaris. Hund und Cro-Magnon-Mensch, so heißt der anatomisch moderne Homo sapiens des westlichen Eurasiens bis vor 12.000 Jahren, beide bejagen dieselben Gebiete. Aus anfangs blutiger Rivalität wird bald eine fruchtende Allianz von Dauer, wuff.
40.000 Jahre zurück haben sich die Spuren frühester menschlicher Umtriebe in und rund um Wien längst verloren. Bald in ganz Europa, wo der Homo sapiens und der Neandertaler nebeneinander leben, sich ein bisschen paaren, wie Reste im Genom des modernen Menschen heute noch belegen. Die Reise führt uns im wahrsten Sinne des Wortes an unserer Geschichte vorbei. Übrigens: Ich selbst habe mein Genom vor Kurzem analysieren lassen. Ergebnis: Zu drei Prozent steckt ein Neandertaler in mir. Das nur nebenbei.
Wir fliegen weitere 60.000 Jahre ins Gestern. 80.000 Neandertaler weltweit laufen durch die Gegend, mit einem Schädel von erstaunlicher Größe, ähnlich unserem. Die Weltbevölkerung von 400.000 fände in einer bescheidenen Großstadt Platz. Von einer Zusammenrottung kann keine Rede sein. Es ist vielmehr die Zeit, in der mächtige Eisschichten Landbrücken zwischen den Kontinenten bauen.
Der Mensch nutzt die Gunst der Stunde, sich auf allen Erdteilen breitzumachen. Abermals 100.000 Jahre zurück liegt der Zeitpunkt, den wir heute die Wiege des modernen Menschen nennen. Wobei neueste Funde aus dem Vorjahr, wie jener am Jebel Irhoud nahe dem marokkanischen Marrakesch, darauf hindeuten, dass der Startschuss schon vor 300.000 Jahren erfolgt sein könnte.
Eine Million Jahre vor unserer Zeit gibt es 20.000 menschenartige Wesen. Weitere zwei Millionen Jahre zurück steigen die afrikanischen Affen von den Bäumen, uh! Wir erinnern uns: Da wäre es vier Stunden vor Silvester im Kafka-Universum-Jahr.
Der Glaube, man habe es mit einer stets identischen Natur zu tun, muss dem beobachtbaren Eindruck vom allgemeinen Gleiten weichen. Ist der Mensch vielleicht doch nur eine Episode in den Geschichten der Gene und des Epigenoms?
Zehn Millionen Jahre zurück tummelt sich der Ramapithecus in den Wäldern, ein lange Zeit als unser Urahne angesehener Primat. Seine Stellung im Stammbaum des Menschenaffen ist sehr umstritten. Weitere dreißig Millionen Jahre davor ist die Geografie hierzulande eine völlig andere: Weite Teile Europas sind von der Tethys, dem Urmeer, geflutet. Vom heutigen Rhône-Gebiet bis an den Aralsee in Zentralasien.
65 Millionen Jahre in der Geschichte halten wir kurz inne.
Im Kafka-Ein-Jahres-Universum ist erst der 29. Dezember angebrochen. Die Forschungsreisenden an Bord, die zu gähnen begonnen haben, zum Beispiel die Soziologen und Futurologen, sind mit einem Schlag hellwach. Sie bezeugen die, erdgeschichtlich gesehen, jüngste Katastrophe von globalem Ausmaß. Ein Inferno, das die Vorstellungskraft auf eine harte Probe stellt.
»Mir bringen S’ bitte eine Bloody Mary«, sagt ein Herr ganz vorne.
Er weiß, was kommt.
Die große Katastrophe
Es ist ein heißer Tag in einer endlosen Reihe heißer Tage. Die Weltmeere sind warm, sehr warm, Süd- und Nordpol seit Urgedenken eisfrei, und da wie dort wachsen sogar Palmen und andere tropische Hölzer. Das Tagesmittel übers Jahr beträgt weltweit 20 Grad Celsius. Zweierlei hat die Erde fest im Griff: Hüben der ewige Sommer. Drüben die Dinos, Kopf der Nahrungskette und uneingeschränkte Herrscher über alles und jeden seit fast 200 Millionen Jahren.
Einige Giganten mögen ihr heranbrausendes Ende haben kommen sehen, als sie beim Grasen oder Zerfleischen eines Beutetieres hochsahen. Manche vielleicht, als sie selbst in der Luft waren. Realisiert haben sie ihr Ende nicht. Bei einem Minigehirn von der Größe eines Hefewürfels tut man sich schwer. Bei einer Neuronenzahl von knapp 10.000 und einer Gedächtnisleistung von maximal 15 Sekunden. Aber nicht einmal diese Zeit bleibt ihnen, bis der galaktische Todesbote sie vom Eindringen in die Erdatmosphäre weg erreicht.
Zehn Kilometer Durchmesser hat der Asteroid mit Kursziel Erde. Und er kommt mit Tempo 100.000. Damit ließe sich die Erde in einer Stunde zweieinhalbmal umrunden. Für das bisschen Atmosphäre (die hinter ihm zur Gänze verdunstet wie Hunderte Kilometer von Strato-, Meso- und Thermosphäre zuvor auch schon) braucht dieser gigantische, einen Feuerschweif hinter sich herziehende Berg aus Stein und Metall zehn Sekunden. Dann schlägt der Meteor in Chicxulub an der Küste der heutigen Halbinsel Yucatán in Mexiko ins Meer ein. Und die Welt ist eine andere.
Ein Blitz mit der Energie von vier bis fünf Milliarden Hiroshima-Bomben wird freigesetzt. Der Krater, den der Meteor schlägt, misst 180 Kilometer, reicht 30.000 Meter tief ins Erdinnere. Keine fünf Atemzüge später bricht eine Flutwelle unvorstellbaren Ausmaßes los. Ein rollendes Monster aus Wasser. Ein Tsunami von bis zu fünf Kilometer Höhe, der nach wenigen Minuten die Küste erreicht und alles verschlingt.
Eine Viertelstunde nach dem Einschlag sind alle Kontinente des Erdballs geflutet. Quarzkristalle, die eben noch bis zu zwanzig Kilometer tief im Erdinneren steckten, finden sich in einer Aschesäule wieder, auf dem Flug ins All. Die Säule ist Hunderte Kilometer breit, spuckt ein zischendes Gebräu aus Lava und Materie vor sich her. Zigtausende Stundenkilometer schnell und bis zu achtzig Kilometer hoch. Hunderte Milliarden Tonnen glühender Materie fauchen rund um Globus.
Als die Feuerblöcke zurück auf die Erde prasseln, heizen sie die Atmosphäre enorm auf. Statt der gewohnten Frühlingstemperatur hat es plötzlich mehr als vierhundert Grad. Riesenmengen Methan, entstanden in der spontanen Zersetzung der Flora, werden in die Atmosphäre emporgerissen, entzünden sich. Brände epischen Ausmaßes versengen den Planeten. Wer nicht ertrinkt, verkohlt.
Die wenigen Dinosaurier und die Säugetiere, die in Höhlen überlebt haben, stehen am Beginn einer ewigen Nacht. Der Himmel verfinstert sich. Die Sonne vermag die aufgewirbelten Staubfelder nicht mehr zu durchdringen. Die Luft ist erfüllt von einem Gemisch aus Kohlendioxid, Schwefelsäure und Schwefeldampf. Atmen ist kaum noch möglich. Immer dunkler werden die Wolken, bald sind sie tiefschwarz. Finsternis hält Einzug auf der Erde. Schlagartig kühlt es ab. Binnen 48, vielleicht 72 Stunden. Von eben noch 400 Grad auf 20 Grad unter null. Eiseskälte.
Eine Frage wird laut: »Ist dieser Crash wirklich notwendig, um die Evolution weiterzutreiben?« Schweigen.
Zehn Jahre und länger hält die ewige Nacht an. Ihr folgt ein Treibhauseffekt. Für die Dinosaurier ist schon lange Endstation. Alle Tiere, die größer sind als ein Medizinball, sterben. Auch die Ozeane hat es schwer erwischt. Sie werden Millionen von Jahren brauchen, um sich einigermaßen zu erholen.
Inmitten der Katastrophe und den Jahrtausende währenden Nachwirkungen macht die Evolution die erstaunlichsten, entscheidenden Fortschritte. Fünfmal in Summe kommt es auf unserer Erde seit Bestehen zum globalen Massensterben. Und jedes Mal geht die Evolution gestärkt daraus hervor. Selbst als der Globus in seiner ersten Eiszeit versinkt und aus dem Weltall besehen einem einzigen Schneeball gleicht (im Kafka-Jahr Mitte Dezember), ist das Leben nicht auszulöschen. Es verfügt über eine erstaunliche Robustheit, macht sich klein und überdauert die Eiskrise, um hinterher zu explodieren. Die Krise als Chance – das war immer schon so.
Zum Ende der Dinosaurier schlägt die Stunde der Säuger. Anders als die Reptilien haben sie ein Fell, einen ausgeprägten Geruchssinn und ein überdurchschnittlich großes Gehirn. Die ersten unter denen, die es zu etwas bringen, sind spitzmausartige Nager, die sich von Insekten ernähren. Ein anderer Überlebender ist 20 Zentimeter groß, schaut aus wie ein Lemur und hat eine besondere Eigenschaft. Er kann den großen Zeh abspreizen. Sein Name: Purgatorius. Gemeinsamer Ahne von Affe und Mensch.
In diesem Moment trug sich die Evolution in einer Art und Weise ins Gästebuch der Natur ein, wie es weder vorher noch nachher der Fall sein sollte. Was auch unsere Hardware neu modulierte. Damals begann sie, eine große Geschichte zu erzählen. Bis dahin wurde das Leben äußerlich weitergegeben. Die Fische setzten irgendwo einen Laich ab und überließen es den männlichen Artgenossen, dort eine Spermawolke zu deponieren. Ebenso Reptilien und auch die Dinos legten Eier, die äußerlich erwärmt oder bebrütet wurden. Dann aber entschied die Evolution, die Fortpflanzung in das Innere eines Lebewesens zu verlegen, das später den Namen Eva bekommen sollte – die Ära des Mammäozäns war angebrochen, das Zeitalter der hormonellen Innenpolitik. Und unsere Hardware wurde dafür verwendet.
In der Arche Noah II stehen die Menschen unter Schock. Die Bilder globaler Vernichtung sind in die Netzhaut gebrannt. Der Schrecken lässt alle zusammenrücken. Zugleich werden Stimmen laut, Eventualitäten: Wären die Dinosaurier nicht ausgestorben, wer weiß, vielleicht gäbe es den Menschen nicht? Nach der Katastrophe der Neubeginn.
»Ich sag nur: Finanzkrise.« Ein Scherzbold weiter hinten in der Reihe. Niemand lacht.
Und dann dieser Moment. Wir fahren an ihm vorbei wie an einem Meilenstein der Zeugung. Der Augenblick, an dem die Eizelle der Säugetiere von der Evolution auf den Tisch gezaubert wurde. Gemeinsam mit jenen damaligen Viren, die die Eizelle befielen. Normalerweise hätte das zum Tod der Eizelle geführt. Aber eine überlebte den Angriff und nützte die Bösartigkeit der Viren aus: ungehemmt zu wachsen und immer neue Blutgefäße zu bilden. So entstand die Plazenta, der Mutterkuchen. Die Plazenta, die heute noch die Viren von damals in sich trägt. Deshalb wird sie auch als Pseudomalignom bezeichnet. Ein halber Krebs, dem wir unsere Existenz verdanken. Unsere Reise führt an diesen Viren vorbei, bevor sie noch die Koalition mit den Eizellen starteten.
Weiter geht der rasante Trip in die Vergangenheit. Bei 300 Millionen Jahren bleibt die Uhr stehen. Eine goldene Ära von Fauna und Flora tut sich auf. Einzig die Ornithologen kommen nicht auf ihre Rechnung, machen lange Gesichter, spitzen vergeblich die Ohren nach Gezwitscher im Geäst. Vögel gibt es noch keine. Stattdessen liegt ein brummender Grundton über allem. Mal dumpfer, mal heller. Es ist das Zeitalter der Insekten. Glänzende Augen bei Paläobiologen und Zoologen, als sie urzeitliche Libellen von fast einem Meter Länge dahinschwirren sehen, die Flügelspannweite wie bei einem Modellsegelflieger. Vierzig Meter hohe Farne sind die Norm. Riesenhafte Tausendfüßler ebenso. Vieles ist um ein Dreißigbis Vierzigfaches mächtiger, als wir es heute kennen. Skorpione so groß wie Schäferhunde. Die ersten Dinosaurierarten wiederum in jenen Tagen sind kaum größer.
Die Geologen jubilieren, als sie unter sich Pangäa ausmachen – den Urkontinent, der Amerika, Asien, Afrika und ganz Europa zu einem einzigen Stück Landmasse eint, zur Gänze umflossen vom Urmeer Tethys.
Abermals stehen wir an der Schwelle eines globalen Massensterbens – 40, vielleicht 50 Millionen Jahre zurück in die Zukunft und womöglich noch größer als jenes, das den Dinos den Garaus machte. 90 Prozent allen Lebens würden bei diesem Armageddon vernichtet werden, heißt es. Die Ursache? Ebenfalls ein Meteorit. Diesmal im Norden Australiens. Ein verdächtiger Krater, behauptet eine Handvoll Geologen an Bord vehement, sei ausgemacht. Andere streiten das entschieden ab. Es ergeben sich ein paar laute Worte, die Stewardess bringt Tee zur Beruhigung, dann ist wieder Ruh’ an Bord.
Erneut jagt die Zeitmaschine die Arche weit ins Gestern, diesmal um den Wert 200 Millionen. Eine halbe Milliarde Jahre haben wir abgespult, und die Erde ist nun das: ein Planet der Fische. Algen und Flechten haben Jahrhundertmillionen zuvor begonnen, die bis dahin kahle Steinerde aus dem Meer heraus zu erobern. Sie schlagen Wurzeln, bewuchern, verwittern, spülen zusätzliche Nährstoffe ins Wasser. Erste primitive Tiere entstehen. Schwämme, Würmer, Asseln, Schnecken, Gliederfüßler. Und mit der Zusatzspeisung gedeihen und vervielfältigen sich die Arten. Bis sie es eines Tages den Pflanzen gleichtun. Mit gebotenem, respektvollem Zeitabstand von zig Millionen Jahren. Als hätten sie erst abgewartet, ob sich das Leben dort draußen tatsächlich lohnt.
Die Geburtsstunde der Amphibien
Manche Landgänger nehmen Maß an den Genossen zu Wasser, etwa am Anomalocaris, einem wirbellosen Meeresräuber mit stacheligem Kopf und Hunderten facettenaugengleichen Sehlinsen, der als größtes bekanntes Wesen aus jener Zeit gilt. Sie nennen ihn den Hai des Kambriums. Diese Eroberer erweisen sich auch außerhalb des angestammten Mediums als extrem bissfreudig. Sie entwickeln Zähne scharf wie Rasierklingen, werden zu Krokodilen und tragen den Krieg an Land.
Für diesen Landgang muss Mutter Natur den Schalter der Kalziumkontrolle umlegen. Am Anfang war das Kalzium im Meerwasser so großzügig vorhanden, dass sich Fische fast dagegen schützen mussten. Dafür hat die Evolution das Kalzium erfunden. Am Land dagegen herrscht Kalziummangel. Um es trotzdem in der Nahrung aufzustöbern und im Körper sammeln zu können, ist eine zweite Erfindung notwendig: die des Vitamins D.
Andere, friedfertigere Wesen entwickeln sich zum Frosch oder Chamäleon. Die einen Amphibien verlanden eher mit der Neigung zum Dinosaurier. Die anderen mit der zum Säugetier. Aus Kiemen werden Lungen. Aus immer kaltem Blut wird wechselwarmes und nur warmes. Bei Kafka wäre nun der 26. Dezember. Stephanitag.
»Da hat mein Vater Geburtstag«, sagt ein Mann, der in sein Handy starrt. Die ältere Dame am Nebensitz fühlt sich gestört von solchen Kommentaren, die auf einer Raumzeitreise nichts verloren haben. Der Mann entschuldigt sich.
Eine Milliarde Jahre vor unserer Zeit erheben sich die Algen. Zuvor haben sie den Sauerstoffanteil der Atmosphäre noch auf bescheidenen drei Prozent gehalten, jetzt zünden sie den Turbo. Ihre rege Tätigkeit setzt Elementares in Gang. Zu verdanken haben sie das den Ur-Erdenbewohnern, die lange vor ihnen da waren und die als Hebammen des Lebens auf Erden gelten: Cyanobakterien und Rhodospirillum rubrum. Sie sind es, die der vorangelegten Information von Leben erst auf die Sprünge und dann zum Durchbruch verhelfen.
Wir erleben, wie die Natur etwas erfindet, das viel später der Mensch nachbauen wird. Turbinen, um Energie zu erzeugen. Mitochondrien und Chloroplasten. Die Vorläufer der Wasserturbinen, mit denen später Strom erzeugt wird.
Wir reisen zu den Anfängen dieser wundertätigen Gesellen. Dreieinhalb Milliarden Jahre vor unserer Zeit zeigt die Uhr der Arche an (bei Peter Kafka ist jetzt Ende September). Wir sind in der Jugendzeit der Erde angelangt, in der Pubertät. Auf einen flüchtigen Blick aus dem Fenster scheint sich nicht viel verändert zu haben in dieser endlos langen Phase seit dem letzten Zwischenstopp bei den Algen. Mehr so ein gemächliches Vor-sich-hin-Brodeln und Dahin-Blubbern des Erdballs, ein oberflächliches Abkühlen und zugleich tiefgreifendes Atemschöpfen. Für den großen Wurf.
Genau da, vor dreieinhalb Milliarden Jahren, beherrschen die Cyanobakterien und Rhodospirillum rubrum eine phänomenale Fertigkeit. Letztere verstehen es, die Sonnenenergie zu nutzen, da sie Kohlenstoff und Wasser hernehmen, sie mit den Photonen, den Lichtteilchen unserer Sonne, reagieren lassen und auf brillante Weise umwandeln. Zu Biomasse. Und so nebenher, quasi als Abfallprodukt, erzeugen sie lebensspendenden Sauerstoff. Heute nennen wir diesen Prozess Photosynthese.
Wir sehen die einzelnen Bakterien noch isoliert, sie taten sich dann zusammen und bildeten die sogenannte eukaryote Zelle. In Pflanzen und Tieren. Ein Beispiel mehr, wie wir die großen Vorläufer des Lebens – Bakterien und Viren – noch in uns tragen.
Diese kleinen Kraftwerke von Bakterien werden ihre Leistung über die Jahrmillionen so sehr steigern und sich vermehren und die Evolution der Fauna vorantreiben, dass die späteren Algen ebenfalls in die Gänge kommen. Der Sauerstoffanteil rund um den Globus schnellt hoch auf bis zu dreißig Prozent. Ohne solche Mengen Sauerstoff hätten gigantische Lebewesen wie Dinosaurier gar nicht existieren können. Auch keine Farne von der Höhe eines zehnstöckigen Wohnhauses. Heute hat sich der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre längst auf die für uns gemütlichen 21 Prozent eingependelt.
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