Kitabı oku: «Kandenberg-Alt Schmiede»

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Johannes Irmscher

Kandenberg-Alt Schmiede

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhalt

Das Treffen

Die Bar

Der Weg

Der Club

Der Döner

Der Strand

Impressum neobooks

Inhalt

Das Treffen

Januar, Studentenwohnheim. Das kleine Zimmer wurde von einer Deckenlampe ausgeleuchtet. Die Jalousie war vor das Fenster gezogen. Das Bett, der Schrank, der Schreibtisch und die Wände waren weiß und an einigen Stellen befleckt. Das grelle Licht schien die Unreinheiten noch zu betonen. Auf dem Boden lagen ein paar Chipstüten, mehrere Stifte und Blätter. Auf dem Fernseher neben dem Bett versuchte Gabriel Jesus seine Freundin anzurufen, niemand ging ran.

„Scheiß auf WL!“

Terrier hätte seinen Controller gerne durch den Raum geworfen. Doch er hatte nur noch den Einen, da konnte er nichts riskieren, außerdem war die Wahrscheinlichkeit, in diesem kleinen Zimmer den Bildschirm zu treffen, ziemlich hoch. Und für einen neuen Fernseher reichte sein Bafög erst recht nicht aus. Er begnügte sich damit, seinen Gegner mit grenzwertigen Beleidigungen zu überhäufen. Sein Team trug das Wappen von ADO Den Haag. Vier Minuten Nachspielzeit wurden angezeigt und Butland fing gerade zum achten Mal einen Kopfball seines Verteidigers auf. Der Schiedsrichter pfiff ab.

„Ja der dumme Spasti, ey!“

Terrier schaltete die PlayStation aus. Er schaute auf die Uhr und merkte, dass er spät dran war. Terrier hatte eine unwahrscheinlich große Armbanduhr mit einem schwarzen Lederarmband. Wenn es bei einem Gespräch um Uhren ging, war er nie zu spät. Er konnte Stunden über das Ticken reden. Irgendwann verkrümelte er sich immer mit Astra in eine Ecke und redete über Uhren.

Er nahm sich noch eine Gabel Nudeln und stellte den Teller dann neben den Fernseher. Der grüne Pesto klebte am Rand. Dort wurde er fest. Auch wenn das Fifaspiel etwas anderes vermuten ließ, war kulturelle Sensibilität für den Terrier ein Thema. Aus dem Nutellastreit hielt er sich trotzdem heraus. Er mochte Schokolade ohnehin nur aus dem Kühlschrank.

Um in das Bad zu gelangen, musste er aufpassen nicht zu stolpern. Er tat einen großen Schritt und lehnte sich dabei schon beinahe an die Flurtür. An der Badtür hing eine angeklebte Leiste mit zwei Jacken. Er legte sein Portmonee und eine Kaugummipackung in die Außentaschen, dann ging er in das Bad. Ganz im Gegensatz zu seiner Bude, waren die weißen Fliesen, die ebene Dusche und der Spiegel blitzblank geputzt. Er hatte sich schon umgezogen, aber merkte, dass auf seinem T-Shirt ein grüner Fleck war. Er zog es aus, beugte sich nach hinten und warf es auf das Bett. Die Runde Fifa hatte ihn ein bisschen schwitzen lassen und so sprühte er sich Deo unter die Achseln. Er bekreuzigte sich mit Parfüm.

Terrier nahm ein anderes T-Shirt aus seinem Schrank, es war dem Trikot eines Basketballteams nachempfunden. Bevor er es anzog, stellte er sich noch einmal vor den Spiegel und ließ beim Zähneputzen die Brustmuskeln wackeln.

Seine Haare musste er nicht richten. Vor drei Tagen war er beim Barbier gewesen und hatte sich zum ersten Mal die Haare ganz kurz schneiden lassen. Bart und Haupthaar hatten jetzt fast die gleiche Länge. Nur unter der Nase ließ er die Haare ein bisschen stärker sprießen. Terrier war auf seinen Bart besonders stolz. Bis auf ein paar Stellen unter dem Kinn, war er lückenlos. Er holte gerade die Jacke vom Haken und wollte in den Flur hinaustreten, als er jedoch Stimmen hörte, verharrte er mit der Türklinge in der Hand in seinem Zimmer. Das Studentenwohnheim war natürlich ein Ort für zufällige Begegnungen, aber die Leute aus seiner Etage mochte der Terrier nicht. Die Stimmen verstummten und er trat hinaus in den Flur. Sein Schlüsselbund klapperte fast gar nicht, da an dem Ring nur ein einziger Schlüssel befestigt war.

Terrier wohnte in der ersten Etage des Studentenwohnheims. Das Treppenhaus befand sich in der Mitte und wurde von einer gläsernen Decke begrenzt, an ihr hingen Kunstobjekte. Große, glitzernde Lampen und Bälle. Die Treppen waren breit. Auf der Stufe zwischen dem Erdgeschoss und der ersten Etage lag der Partyraum. An der hölzernen Tür klebte ein Zettel: „Ab 20:00 Uhr reserviert für Geburtstagsparty.“

Es war gerade 19:00 Uhr. Aus dem verschlossenen Aufenthaltsraum drangen bereits ein paar Stimmen, leise Musik und Gläsergeklapper. Der Terrier war nicht zu der Feier eingeladen. Er ging die zweite Treppe hinunter und schaute in seinem Briefkasten nach Post. Auf dem Boden lagen Werbeprospekte für ein Möbelhaus und viele Pizzagutscheine. Dann öffnete er die große Eingangstür und trat in den warmen Winterabend. Der Eingang des Studentenwohnheims war höher gelegen und auf einem Podest neben der Tür saßen zwei rauchende Studenten. Terrier wäre fast an ihnen vorbeigelaufen, wurde dann aber bei seinem Namen gerufen.

„Hey Curry, hab dich gar nicht erkannt“, entschuldigte er sich.

Er kannte Curry nur bei dessen Spitznamen. Den hatte er durch seine legendären Bierpongauftritte verdient. „Curry the sniper“. Für diesen Mann waren perfekte Runden keine Seltenheit. Der Terrier sah Curry selten außerhalb des Partyraumes. Er kannte nicht nur seinen richtigen Namen nicht, sondern wusste auch nicht, was Curry studierte.

Currys Kumpel stellte sich vor, aber der Terrier vergaß seinen Namen in dem Moment, in dem er ausgesprochen wurde.

„Was geht heute Abend bei dir?“, fragte Curry.

„Ich geh jetzt in die Stadt zum Vorglühen und danach gehen wir ins Sägewerk feiern.“

„Nice. Wir haben auch überlegt, ob wir nachher noch hingehen.“

„Seid ihr beim Geburtstag?“

„Jo.“

„Na dann viel Spaß, man sieht sich.“

Der Terrier ging nickend das Podest hinunter. Ein kleiner Pfad führte zum Gehweg. Diesen Winter hatte es wieder nicht geschneit. Doch dafür sehr viel geregnet. Der Weg war gesäumt von Pfützen und der Terrier musste aufpassen, seine weißen Schuhe nicht zu beschmutzen. Der Gehweg führte entlang einer großen Straße, die man auch am Abend nur an der Ampelkreuzung sicher überqueren konnte. Außerdem war am Ende der Straße die Polizeistation von Kandenberg. Die wachsamen Augen des Staates schauten auch auf diese Kreuzung. Der Terrier beobachtete einen unauffälligen Opel Astra, der über die gelbe Ampel fuhr. Sein Blick wanderte ihm nach und er sah, wie das Auto in die Einfahrt des blau angestrichenen Gebäudes fuhr. Terrier erinnerte sich, dass er einmal in der Polizeistation gewesen war. Als Zeuge für eine Schlägerei. Die Vorladung hatte ihm einen freien Tag beschert.

Mit Elif war er vor die Tür des „Sägewerks“ gegangen, sie wollte eine Zigarette rauchen. Der Raucherraum im Club hatte ihr den Atem geraubt. Das „Sägewerk“ war einer von drei Clubs in Kandenberg und lag sehr zentral in der Altstadt, unweit vom Bahnhof. Der Terrier hatte damals gehofft eine Kusschance zu bekommen. Stattdessen küsste ein junger Partygast den Boden. Die Rollsplittsteinchen klebten an seiner aufgeplatzten Lippe. Dann wurde viel geschrien. Der Türsteher war klein. Ohne die Tätowierungen hätte er harmlos ausgesehen. Er wollte den blutenden Partygast nicht so derb schubsen, aber nun war es passiert und er konnte keinen Rückzieher mehr machen. Dafür schauten zu viele zu. Terrier wäre normalerweise nicht zwischen die beiden Streithähne gegangen. Das tat er nur, weil Elif da war und er sie beeindrucken wollte. Mit dem rechten Arm drückte er den kleinen Türsteher weg und mit dem Linken den Partygast. Er spürte wie eine Faust sein Ohr traf. Es tat nicht besonders weh. Das hätte es auch im nüchternen Zustand nicht. Aber Betrunkene mit viel Adrenalin sind quasi unverwundbar. Und wenn die Kraft eines Balzversuches die Muskeln stärkt, lächelt man so eine Faust locker weg.

Der Terrier hatte an diesem Abend zwar seine Uhr dabei, aber das Zeitgefühl verloren. In seiner Erinnerung kamen die Polizisten allerdings ziemlich schnell. Auch ein Krankenwagen fuhr vor das „Sägewerk“. Die blauen Lichter blendeten ihn und er suchte nach Elif. Die war bereits wieder die Treppe des Clubs hinunter gegangen. Der Terrier stand alleine neben Polizisten vom doppelten Türsteherformat. Er wurde befragt und sollte seine Personalien angegeben. Der blutende, junge Mann wurde mit dem Krankenwagen in das Krankenhaus gefahren. Dann löste sich der Menschenpulk vorm Club auf und die aufgehende Sonne stahl den Blaulichtern die Show. Der Terrier schaute auf seine Uhr. Er stellte fest, dass es an der Zeit war ins Bett zu gehen.

„Du bumst heute nicht mehr“, sagte er sich.

Wenn man heimkommt und es schon wieder hell wird, kann das auch ganz schön scheiße sein. Der Tag hat schon begonnen und man selber muss jetzt schlafen gehen. Die zwitschernden Vögel lachen einen aus, weil man allein in Richtung Studentenwohnheim geht.

Heute würde der Terrier nicht alleine nachhause gehen, das schwor er sich, obwohl er sein Zimmer nicht aufgeräumt hatte.

Der Terrier ging über die Straße und das Polizeigebäude verschwand aus seinem Blickfeld.

Die Straße, auf der er jetzt lief, führte lange gerade aus, hinein in die Stadt. Doch zunächst über zwei Brücken. Unter einer der Brücken war ein Flüsschen und unter der anderen der ausgetrocknete Stadtgraben. Die Stadtmauer war nicht mehr erhalten. Die moderneren Häuser wichen Umgebinde- und Fachwerkhäusern. Von, mit schwarzen Fensterläden umrahmten, Glasscheiben reflektierte das Licht der Straßenlaternen und blendete in den Augen des Terriers. Der junge Mann benötigte eigentlich eine Brille. Vorhin beim Zocken hatte er diese auch noch aufgehabt, doch damit feiern gehen wollte er nicht. Den Weg kannte er gut genug, um ihn blind ablaufen zu können. Er war nur zwanzig Kilometer von Kandenberg entfernt aufgewachsen. Mit seinen Eltern war er nicht oft hier gewesen, aber doch schon ab und zu. Kandenberg war auf jeden Fall eine Reise wert. Aber nach einem Wochenende hatte man alles Sehenswerte gesehen. Doch selbst wenn Terrier die Strecke nicht schon auf einem Dreirad abgefahren wäre, hätte er den Weg gefunden. Denn schließlich war das der schnellste Weg in die Altstadt und da es nur dort Möglichkeiten gab auszugehen, war es die Pilgerstrecke durstiger Studenten.

Der Terrier sah die Umrisse eines Kinderwagens. Er blieb stehen und ließ die Frau passieren. Der Weg war so schon eng und wurde dazu noch von einem E-Roller versperrt. Die Frau lächelte ihn an. Wenn die Gesichter nah waren, erkannte er sie. Probleme hatte er nur bei Sachen auf langer Sicht. Er wollte nicht wissen, wie oft ihn schon der Ruf eines arroganten Sacks angehängt wurde. Terrier, der Nichtzurückgrüßende. Aber was sollte er denn auch machen, wenn er sie einfach nicht sah? Nicht für jeden Menschen haben Bäume Blätter.

Die hölzernen Stämme am Rand der Straße waren noch überraschend dick angezogen. Der Terrier kniff die Augen zu und meinte sogar einzelne Blüten an den Bäumen zu erkennen. Bunt und Grün waren verschieden. Er machte sich Sorgen, um die Pflanzen. Ein plötzlicher Kälteeinbruch und sie würden hart getroffen werden.

Die Sonne war schon lange unter gegangen, aber es war immer noch warm. Viel zu warm. Bestimmt um die elf Grad Celsius und das in einer Januarnacht. Der Terrier musste den Reißverschluss seiner Jacke aufmachen. Er versuchte nun das Tempo seiner Schritte zu drosseln, um nicht ins Schwitzen zu geraten.

Eine Runde Fifa, ein zehnminütiger Spaziergang oder ein Gespräch mit Elif; der Terrier kam immer schnell ins Schwitzen und das, obwohl er sportlich war.

Auch wenn er nicht wusste, dass Blätter am Baum schön aussahen, war ihm die Natur sehr lieb. Trotzdem konnte er nicht mit dem Rad zur Uni fahren. Denn egal, ob es fünf oder fünfzig Minuten wären; der Terrier würde schwitzen.

Manchmal wünschte er sich ein Raucher zu sein. Dann hätte er nicht nur einen Grund mit Elif vor die Tür zu gehen, dort, wo bekannterweise die besten Gespräche stattfanden, sondern auch einen Grund, um mal eine Pause einzulegen. Sich mal hinzusetzen. In Kandenberg gab es zwar kaum Rentner, dafür aber viele Sitzmöglichkeiten. Dabei gab es in Deutschland eigentlich immer viel zu wenig Sitzmöglichkeiten gab. Sitzmöglichkeiten und öffentliche Frauentoiletten, daran mangelte es in Deutschland am meisten. Doch das war den Terrier egal, denn er rauchte ja nicht und musste an den Betonblöcken nicht stehen bleiben. Gewürfelte Privilegien aus gezinkten Bechern.

Hinter den zwei Blöcken, auf deren Kopf jeweils drei Holzleisten eingelassen waren, erhob sich das Kandenberger Stadtmuseum. 2014 wurde es erneuert und dementsprechend hässlich sah es aus.

Eine überdimensionale Glasfensterwand zog sich quer über zwei Altbauhäuser. Stärkere Disharmonien als beim Kurzhanteltraining des Terriers.

Die Straße machte dann eine leichte Linkskurve, vorbei an einer Grundschule. Die Rollläden waren natürlich schon nach unten gezogen. Schließlich war der Sandmann schon in den Wohnzimmern gewesen und am Wochenende gehörten die Kinder noch mehr als sonst auf die Spielplätze und nicht auf die Schulbänke. Die Straße kreuzte und Terrier musste an der nächsten roten Ampel warten. Er hielt Abstand zu seinen Vordermännern, die ihm mit der lauten Musik und den Bierflaschen in der Hand etwas suspekt vorkamen. Nur deshalb ließ er seinen Blick wandern und entdeckte, dass im zweiten Stock der Schule noch ein Licht brannte. Der Terrier kniff wieder die Augen zusammen, versuchte etwas zu erkennen. Schemenhaft meinte er eine Person durch den Raum flitzen zu sehen. Ob es sich dabei um einen Mann oder um eine Frau handelte, konnte er nicht erkennen. Dass es eine Rolle spielen würde, glaubte er nicht. Abgelenkt von dem Schattenspiel verpasste er die Grünphase. Die leiser werdende Musik war ihm nicht aufgefallen. Ein Opel hupte, da war es aber schon wieder Rot.

„Na, hätte er sich auch sparen können“, dachte sich Terrier.

Er stand jetzt immer noch an der Ampel, diesmal weiter vorne und wartete auf die zweite Grünphase, weil er ein Trottel war. Er schaute sich in der Sorge um, dass auch andere das mitbekommen hatten. Nun ließ er den Blick nicht wandern. Konzentriert wie ein Pferdemädchen in der Grundschule auf der anderen Straßenseite, schaute er auf die Ampel. Es wurde Grün. Der Lichtkegel harmonisierte mit den Weihnachtskränzen, welche ab hier, an jeder Straßenlaterne angebracht waren.

Hinter der Kreuzung begann die Einkaufsstraße von Kandenberg. Überraschend viele Läden hatten sich gehalten und dem Internetbestellmarkt getrotzt. Darunter waren nach der Meinung des Terriers auch richtig unnötige Ramschläden, die sich auf Sachen wie Regenschirme, Socken oder Einlegesohlen aus kubanischen Zwergwachtelfell spezialisiert hatten.

Der Terrier wusste nicht einmal, wo Kuba lag. Zwergwachteln mochte er jedoch, besonders die viereckigen. Bei denen musste man nie Angst haben, dass sie zur Seite fielen.

Über den Läden waren Wohnungen mit winzigen Balkonen. Der Straßenzug war sehr eng und schien auch bei diesem unzauberhaften Wetter etwas Märchenhaftes zu haben. Die Mülleimer waren alle halbvoll und nichts lag auf der Straße. Die Jungs von der Ampel hatten ihre Bierflaschen in die Metallkörbe um den Korb gestellt, denn Pfand gehörte daneben. Der Terrier nahm sich einen Kaugummi aus seiner Jackentasche und blieb in der Mitte der Einkaufspassage stehen. Dann zog er sich die Kopfhörer aus dem Ohr und dachte, in einem kurzen Schockmoment, er hätte die mobilen Daten nicht ausgemacht, denn seine heruntergeladenen Lieblingssongs unterschieden sich von der Playlist „Deutschrap Royal“, im Wesentlichen nur in einmal Phil Collins.

Auf der rechten Seite war das Haus, zu dem er wollte. Er steckte sich den Kaugummi in den Mund und streckte den linken Arm zum Klingeln aus. Dabei bemerkte er, dass seine Uhr zwei Stunden nachging.

Um 17:20 Uhr stand Elif noch unter der Dusche. Obwohl das Bad recht groß war, bot es einige Tücken. Selbst wenn das Fenster geöffnet war, staute sich die warme Luft in dem Raum. Gerade wenn man so lange und so heiß wie Elif duschte, verwandelte sich das Bad in eine kleine Sauna und dementsprechend rutschig wurden die weiß-schwarzen Fliesen. Elif hob das Bein. Sie stieg mit ihrem Fuß auf das Handtuch am Boden. Da die Dusche nicht eben war und einen sehr hohen Einstieg hatte, war der zweite Schritt der gefährlichste. Doch gekonnt und geübt hob sie auch das rechte Bein. Mit einem Handtuch aus ihrem Riminiurlaub trocknete sich Elif ab. Darin eingewickelt öffnete sie vorsichtig die Badtür. Davor saß Theodor Tatze, der Kater ihrer Mitbewohnerin. Er wedelte mit dem Schwanz und schob sich miauend um die Beine von Elif. Die vergewisserte sich, dass Hanna mit ihrem Freund auf ihrem Zimmer war, bevor sie den Flur runter flitzte.

Elifs Zimmer war dreimal so groß, wie die ganze Bude des Terriers. Nun bildeten achtundvierzig Quadratmeter keine Luxuswohnung im eigentlichen Sinne, in Kandenberg war das aber trotzdem kaum zu bezahlen. Deshalb war Elif froh, spendierfreudige Eltern zu haben.

Ihr Fenster zeigte hinaus zur Einkaufspassage. An den Straßenlaternen hingen Weihnachtskränze. Ein paar Nadeln fielen bereits ab. Sie wurden nicht mehr vom Kleber gehalten. Vor dem Fenster stand ihr Schreibtisch. Einen Stuhl hatte und brauchte sie nicht. Sie stand gerne beim Lernen und Arbeiten. „Das sei gut für den Rücken“, sagte sie immer. Sie nahm das Handtuch ab und legte es über den Sessel vor ihrem Fernseher. Hanna und sie hatten auch eine Couch, aber die stand vor dem großen Fernseher im Wohnzimmer.

Sie schaute noch einmal auf ihren Schreibtisch. In der Mitte lag ihr MacBook, rechts daneben stand ein Drucker und links waren in Fächern Ordner verstaut. Stifte hatte sie auf ihren Schreibtisch keine. Sie strich sich mit der Hand über ihren unteren Rücken und spürte wie die Muskelstränge ein Tal bildeten. Die Verstellmechanismen des Schreibtischs funktionierten bestimmt gar nicht mehr.

Elif wollte sich gerade eincremen, da miaute es wieder hinter ihr. Für sie blöderweise, hatte ihre Zimmertür Milchglas in der Mitte. Stand man im Flur, konnte man ihre Umrisse schemenhaft erkennen. Stand man wie sie, in ihrem Zimmer, konnte man erkennen, wie Theodor Tatze vor der Tür wartete. Elif öffnete die seitlich angebrachte Katzenklappe. Der Kater sprang auf das Bett.

Elif machte mit ihrem Handy Musik an, um die Kratzgeräusche von Hanna zu übertönen. „Deutschrap Klassik“ hörte sie da viel lieber. Theodor schien es da ähnlich zu gehen, er kringelte sich auf dem Kopfkissen ein, machte die Augen zu. Elif konnte sich nun ungestört umziehen. Dann setzte sie sich noch kurz zu dem schlafenden Tier.

„Theodor, kann ich so gehen?“, fragte Elif.

Theodor antwortete nicht, da er vom Ausgehen keine Ahnung hatte und ihm der rote Pullover nicht gefiel. Seine Freiheit endete auf dem großen Balkon an der Küche.

Die Küche war ein länglicher Raum, ohne Sitzmöglichkeiten. Elif, Hanna und deren Freund Mark aßen bei schönem Wetter auf dem Balkon. Ansonsten vor dem großen Fernseher im Wohnzimmer. Elif kramte etwas aus ihrer Jackentasche. In ihrem Zimmer hatte sie einen Hutständer zu einer Jackengarderobe umfunktioniert. Hanna und sie gingen an den Wochenenden gerne auf Flohmärkte. Hinter der Polizeistation gab es eine große Halle. Früher gehörte sie der Schuhfabrik von Kandenberg, doch die war schon vor der Jahrtausendwende pleite gegangen. Dann stand die Halle lange leer und wurde erst 2013 restauriert. Nun fanden dort verschiedene Veranstaltungen statt, unter anderem auch Flohmärkte. Hanna und Elif waren schon ein paar Mal dort gewesen und wussten nicht, dass es eine ehemalige Schuhfabrik war. Der Schriftzug aus Eisenlettern über dem mächtigen Torbogen war entfernt wurden. Da sie beide nicht aus Kandenberg kamen, kannten sie die alten Geschichten nicht und deuteten die ungesagten Worte um. Erst ein Instagrampost der Stadt hatte sie darauf aufmerksam gemacht. An dem Tag, an dem Elif den Hutständer gekauft hatte, wurden sie das erste Mal von Mark begleitet. Der bekam dann auch gleich die Aufgabe, den schweren Gegenstand in die Wohnung zu tragen. Einwände hatte er keine. Die Felljacke, aus der Elif gerade ihre Zigarettenschachtel zog, hatte sie auch dort gekauft. Das war allerdings ein spezieller Flohmarkttag gewesen. Auf den Tischen waren nur Frauenkleider ausgelegt. Elif konnte sich noch erinnern, dass Mark, als Begleitung von Hanna, der so ziemlich einzige Mann in der ehemaligen Schuhfabrik gewesen war. Damals hatten sie auch ein Foto gemacht und an das Korkbrett im Flur gehangen. Elif öffnete ihre Milchglaszimmertür und ging an diesem Brett vorbei. Theodor Tatze hob den Kopf und sprang vom Bett hinunter, er folgte seiner Mitbewohnerin und blieb vor dem Brett stehen. Der Kater interessierte sich nur für die vielen Bilder, den Putzplan ließ er unbeachtet. Eigentlich alle Bilder zeigten lachende junge Menschen, fast immer mit Flaschen, Bechern oder Gläsern in der Hand. Häufig hatten die feiernden Studenten auch Partyhüte auf. Ein Bild zeigte den Terrier, wie er Mark und Elif Huckepack nahm.

Das Bild war vor dem Podest des Studentenwohnheimes aufgenommen wurden. Alle drei lachten. Elif an der Spitze hielt sich an einem Fahnenmast fest. Theodor Tatze mochte das Bild. Schnurrend drehte er sich um und sah, dass Elif bereits die Küche durchschritten hatte. In dem Moment, in dem sie die Balkontür öffnete, öffnete sich auch die Zimmertür von Hanna und Elifs Mitbewohnerin schlüpfte ins Bad. Die Katze gesellte sich zu Elif. Die setzte sich auf einen der vier Plastikstühle.

Der Tisch war aus Holz, der Balkon aus Beton. Man konnte auf einen Innenhof schauen. An einer Wäschespinne hatte jemand seine Bettlaken vergessen. Sie leuchteten weiß. Elif legte ihren Arm auf die Brüstung, ihr Blick wanderte über die alten Häuser, den mit Kopfsteinen gepflasterten Innenhof, hinzu zu einer Lücke. Links und rechts standen zwei Fachwerkhäuser mit weißen Giebeln und verspielten Fenstern. In der Mitte befand sich eine Garage, die kleiner war als die Häuser und einen Blick auf die Kneipengasse frei gab. Eine Bar reihte sich an die andere. Kandenberg hatte zwei von diesen Gassen. Elif würde heute in die andere gehen. Sie wollte sich gerade eine Zigarette aus ihrer Schachtel ziehen, da öffnete sich die Balkontür wieder. Mark schob das Fliegengitter beiseite und setzte sich Elif gegenüber. Theodor Tatze sprang auf seinen Schoß. Auch wenn es nicht den Anschein machte, so war Hanna der absolute Lieblingsmensch von Theodor.

Er hatte sie sich quasi ausgesucht. Hanna war in einem Dorf an der Nordsee groß geworden. Ihr Kinderzimmerfenster ging zum Deich hinaus. Der Blick war weit, bis eines Tages eine Familie das Grundstück vor Hannas Elternhaus kaufte. Sie brachten Theodor Tatze mit. Das Tier durfte den ganzen Tag herumlaufen, aber wollte das nicht. In neun von zehn Fällen saß er vor der Haustür. Bibbernd auf die Klinke schauend. Der Schuhabtreter bot ihm nur geringen Schutz vor der Kälte. Dem Regen war er ausgesetzt. Hanna konnte sich das nicht gut ansehen. Häufig lockte sie den Kater auf das Grundstück ihrer Eltern, streichelte ihn lange. Ab und an gab sie ihm sogar ein Stückchen Leberwurst. Theodor lernte schnell, dass es auf der anderen Seite schöner war. Dann stritten sich seine Herrchen immer öfter und vergaßen ihn auch am Abend reinzulassen. Eine Katzenklappe gab es nicht, für ihn auch keine Seitliche. Das Pärchen trennte sich und sie zogen aus. Alleine konnten sie das Haus nicht finanzieren. Anscheinend konnten sie sich auch nicht bezüglich des Sorgerechts für Theodor Tatze einigen. Der hatte sich da allerdings schon aus dem Staub gemacht und bei Hanna eingenistet. Jetzt saß er bei ihrem Freund auf dem Schoß und beobachtete ihn argwöhnisch. Er passte auf seine Hanna auf. Zur Warnung holte er ein paar Mal die Krallen aus. Doch Mark war schon versorgt. Er hatte sich nur eine Strickjacke drüber geworfen. Der Hals war frei. Elif erkannte die roten Striemen auf der Haut. Sie beugte sich vor. Mit der Hand fuhr sie über die aufgekratzte Stelle.

„Na, dafür wart ihr aber trotzdem ziemlich laut“, lachte Elif.

Sie zog dann endlich ihre Zigarette aus der Verpackung.

„Du kannst Eine von mir haben“, sagte sie zu Mark. Der war wegen ihrer Bemerkung so rot geworden, dass die Striemen nicht weiter auffielen. Er bedankte sich, war er doch auch nur für die Zigarette „Danach“ herausgekommen. Da es nicht sehr kalt war, verflog der Rauch schnell in der dunkelblauen Luft.

„Du hast dich aber heute hübsch gemacht“, sagte er.

Elif brauchte tatsächlich nur eine Jeans und einen engen Pulli um perfekt auszusehen.

„Ach Dankeschön, wie lieb. Ich werde ja ganz rot“, scherzte sie.

„Wann machst du los?“, fragte Mark.

Elif schaut auf ihr Handy. Es war gerade 18:45 Uhr.

„In einer halben Stunde“, sagte sie dann.

Man hatte das Gefühl sie wollte noch mehr sagen, aber dann öffnete sich die Balkontür zum dritten Mal. Hanna kam heraus und setze sich zu den beiden. Sie selber rauchte nicht. Die WG redete über unverfängliche Themen, Elif schaute oft auf die Uhr. Sie hatte wirklich Lust auszugehen, aber die Zeit schien nicht verstreichen zu wollen. Dann klingelte es endlich und sie verabschiedete sich von Mark und Hanna.

Der Treppenaufgang ihrer Wohnung war leicht verwirrend. Zunächst musste man einen langen L-förmigen Flur hinunter gehen. Eine neue Treppe führte dann zwei Stockwerke hinab. Und dann musste man diesen Weg noch einmal andersherum gehen. Elif ging an einem Fenster vorbei, das wieder auf den Innenhof zeigte und bemerkte eine rote Pflanze auf dem Fensterbrett. Auch wenn Elif meilenweit davon entfernt war Biologie zu studieren, erkannte sie den Weihnachtsstern. Sie wunderte sich, da dieser ihres Wissens, eine teure Pflanze war, der allein im Flur nicht stehen sollte. Wertvolle Sachen waren doch selten allein. Elif hatte beinahe vergessen, dass der Terrier unten auf sie wartete, so schön fand sie die roten und grünen Blätter.

„Ich habe mal ein bisschen den Flur geschmückt. Ich fand ihn zu grau und gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit tut so ein Farbtupfer ziemlich gut, nicht?“, sagte eine Frau, die gerade auf Elif zugelaufen kam.

„Ah Hallo, Frau Trauricht, ja so sieht der Flur wirklich schöner aus. Aber ist so ein Weihnachtsstern nicht eine sehr sensible Pflanze. Hoffentlich geht sie hier nicht ein?“, fragte Elif.

„Ich kenne mich mit Pflanzen doch sehr gut aus. Am Kaffeetisch habe ich gerade eine neue Orchidee hingestellt. Dabei fällt mir ein, dass ihr doch mal zu Kaffee und Kuchen vorbeikommen wolltet“, sagte Frau Trauricht.

„Ja Frau Trauricht, das machen wir auch noch. Versprochen. Aber jetzt gerade ist schlecht, ich muss jetzt auch hinunter, weil da jemand auf mich wartet. Ich vergesse die Einladung nicht. Sie haben ja mal gesagt, dass sie und ihr Mann die besten Gärtner*innen in der Stadt waren, davon muss ich mich doch überzeugen“, lachte Elif.

Luna Trauricht lachte auch. Es klang wie ein Taube. Sie war traurig. Jetzt hatte sie sich endlich mal getraut die nette Nachbarin zu fragen und sie hatte die zweite Einladung abgelehnt. Für Luna war das anstrengend gewesen. Sie war noch nie ein Mensch, der gut mit Menschen konnte. Manchmal sammelte man den Mut sinnlos.

Ohne von Frau traurichts Gedanken zu erfahren, ging Elif zur Haustür. Kurz bevor sie die erreichte, öffnete Frau Balg von außen die Tür. Der Schlüssel klapperte noch im Schloss. An dem letzten Ring hing ein abgewetztes Stofftier. Die ältere Dame trug einen Getränkekasten. Elif sah, wie der Terrier hinter dem Rücken von Herrn Balg, der auch eine Kiste hatte, stand und nicht wusste, ob er helfen sollte.

„Warten sie Frau Balg, wir können ihnen helfen“, sie winkte den Terrier zu sich, „sollen die Flaschen in den Keller?“

Frau Balg blieb oben an der Treppe stehen und bedankte sich überschwänglich bei Elif und Terrier. Dann kam Frau Trauricht und sah, wie sich Elif und Frau Balg unterhielten.

„Das sieht gut aus mit deinen Haaren, lass mich mal anfassen“, Elif strich, ohne Gegenwehr vom Terrier zuzulassen, über den kurzgeschorenen Kopf.

Die beiden Studenten gingen nun gemeinsam die Einkaufsstraße entlang.

„Wie geht es Hanna?“, erkundige sich Terrier.

„Die macht sich mit Mark heute einen schönen Pärchenabend. Mittlerweile gehen sie ja fast gar nicht mehr raus. Wir waren dieses Jahr, also genau genommen letztes Jahr, nur einmal auf dem Weihnachtsmarkt. Kannst du dir das vorstellen? Hanna, die Nichtstuende? Früher waren wir ja eigentlich jeden Abend unterwegs. Aber jetzt, macht sie nur noch Sachen mit Mark. Wir kochen ja noch nicht einmal mehr zusammen. Wenigstens die Flohmärkte sind uns geblieben. Schau mal, was sagst du zu der Jacke? Kubanisches Zwergwachtelfell. Habe ich auf dem Flohmarkt hinter der Polizei gekauft. Hat mich nur fünf Euro gekostet. Ich habe die beiden ja gefragt, ob sie heute Abend mitkommen wollen, aber was habe ich denn auch erwartet. Ist ja schon erstaunlich, dass sie am Wochenende da sind. Ich wollte ja eigentlich auch nachhause fahren, musste dann aber heute früh noch etwas für die Hausarbeit machen. Was hast du heute so gemacht?“

Elif und der Terrier waren jetzt ungefähr auf der Hälfte ihrer Strecke und mussten unter einem Baugerüst hindurchgehen. Da ihnen ein Pärchen entgegenkam, mussten sie voreinander laufen.

Das gab Terrier Zeit um nachzudenken.

„Ich bin gestern erst spät ins Bett gekommen und habe deshalb heute ziemlich lange geschlafen. Bin dann erst gegen zwei Uhr wachgeworden, weil Lion mich angerufen hat. Er hat gefragt, ob heute alles klappt. Dann habe ich mir Essen gemacht und bis jetzt gerade habe ich noch für die Uni gelernt“, log der Terrier.

„Du bist aber auch wirklich ein Langschläfer. Was hast du dir zu Essen gemacht? Ich habe heute die selbstgemachten Reispuffer mit Brokkoliauflauf gegessen. Weißt du noch? Die, die dir immer so gut geschmeckt haben. Wenn du denn mal rechtzeitig genug wach geworden bist.“

„Ach ich habe mir nur Nudeln gemacht, aber ja, die haben wirklich sehr gut geschmeckt, du bist eine Superköchin“, sagte Terrier und stolperte. Er konnte sich gerade so an Elifs Schulter festhalten.

„Also das ist ja wirklich ein stumpfer Flirtversuch. So suchst du Nähe?“, scherzte Elif. Sie lachte nicht wie eine Taube.

„Nein, hab ich nicht, wollte ich gar nicht. Bin gestolpert. Hier guck, die Kante.“

„Alles gut. Ich kenne den Weg ja. Es ist doch mein Uniweg. Hier stolpere ich oft. Das Moos hebt die Platten sehr stark an. Wenn ich hier mit Musik laufe, dann stolpere ich eigentlich so gut wie immer. Guck mal hier die Kerbe. Da läuft man automatisch wie auf Eiern.“

Jetzt waren sie am Ende der Einkaufsstraße angelangt und mussten wieder eine Kreuzung überqueren. Elif flitze noch schnell rüber. Terrier hingegen wartete als Rot wurde. Er fühlte sich erneut wie ein Trottel.

Elif stand nun in der Mitte des gegenüberliegen Platzes. Der trug den Namen einer Größe des deutschen Reiches und würde spätestens in zehn Jahren umbenannt werden. Der Platz war mit einer Kunstfigur geschmückt. Man konnte nicht erkennen, was sie darstellte. Der graue Stein sah aber auch zu langweilig aus, als dass man sich die Mühe einer Deutung machen wollte. Um den Sockel, auf dem die Kunstfigur stand, waren mehrere im Kreis gebogenen Bänke, auf denen aber nie jemand saß. An den Füßen der Skulptur lag trotzdem Müll. Der Platz wurde von der langen Straße begrenzt, auf der Elif und der Terrier gerade gelaufen waren. Dann führte eine kleinere Straße zu der ersten Kneipengasse und bog man auf der Kreuzung ab und fuhr nicht gerade aus, so kam man zum Bahnhof von Kandenberg. Bei den anliegenden Häusern handelte es sich um eine verlassene Schule und um einen grauen Bürokomplex. Die unteren Räume der Schule wurden noch von der Volkssolidarität genutzt, trotzdem wirkte das Haus trist. Genau wie der Bürokomplex, passte es einfach nicht in das Gesamtbild der schönen Altstadt. Früher war in dem Bürokomplex noch eine Bank gewesen. Nicht so weit früher, dass nur Kandenberger oder Terrier sich daran erinnern konnten. Elif konnte sie, nach ihrem Umzug zum Studienbeginn, noch einen Monat lang nutzen. Dann wurde die Filiale geschlossen. Am Anfang stand noch ein Bankautomat vor der Tür.

Elif achtete immer ganz penibel auf die Augen ihres Hintermannes, wenn sie ihren Code eingab.

Sie kannte nach einmaligem Gespräch von jedem den Namen und hatte immer ein paar Fakten zu der Person parat. So wirkte sie immer supernett und kam schnell ins Gespräch, aber Zahlen waren ihr Feind. Den Pin ihrer Bankkarte konnte sie sich einfach nicht merken. Einmal wurde die Karte sogar eingezogen, da sie die Zahlen zu oft falsch eingegeben hatte. Dann hatte sie aber einen Stress gehabt, das brauchte sie kein zweites Mal. In der Konsequenz dieses Unglückes, entschied sie sich die Zahlen immer im Portmonee zu haben. Sie erinnerte sich noch daran, wie ihre Mutter sie immer davor gewarnt hatte. Aber bisher war noch nichts schief gegangen. Elif beruhigte sich damit, dass sie ja auch keinen Zettel, mit der Aufschrift „Pin für die Bankkarte“, in ihrer Geldbörse hatte. Die Zahlen hielt sie für geschickt versteckt. Das Kärtchen ihres Zahnarztes erinnerte sie an ihren Termin am 23.6 um 7 Uhr.

Jetzt kam Elif allerdings auch gar nicht mehr so oft in die Verlegenheit, den Pin benutzen zu müssen. Den Bankautomaten am Platz gab es nicht mehr. Sie musste nun bis vor zum Bahnhof gehen, um Geld abzuheben. Als sie das erfuhr, entschied sie sich, mehr mit der Karte zu bezahlen. Deshalb hob sie auch das Limit ihrer Karte für Aufträge ohne Pineingabe, an. Manchmal verlor sie den Überblick über die Summen, aber da sie ja spendierfreudige Eltern hatte, war das kein Problem.

Gestern war sie jedoch trotzdem bei der Bank gewesen, denn in den Bars konnte man selten mit Karte zahlen. Auch wenn sie jetzt genug Scheine einstecken hatte, vermutete sie, auch heute den Überblick zu verlieren. Aber das hätte andere, schönere Gründe.

Der entfernte Bankautomat hatte ein Loch zurückgelassen, die Scheiben waren mit Schriftzügen bemalt. Unter dem zurückgelassenen Plakat des bausparvertragverkaufenwollenden Mannes mit schmaler Krawatte und Hitlerbärtchen hatte sich der „jewdestroyer69“ mit einem Hakenkreuz verewigt. Elif sprach den Terrier darauf an und beide wunderten sich, dass dies stehen bleiben durfte, aber der Heiratsantrag von vorheriger Woche schon penibel entfernt wurden war.

Terrier, der dachte, dass Kalendersprüche einen schlau wirken lassen, sagte: „Tja Hass schlägt halt Liebe.“

Und zwischen alledem steht das Geld. Die Buchstaben der Bank waren noch klar zu erkennen.

Die Etage darüber stand leer. Ganz oben war ein Fitnessstudio von einer kleinen Kette, die in einer Studentenstadt keine Kunden hatte, da man sich drei Jahre binden musste. Die meisten jungen Menschen wussten noch gar nicht, was sie wollten.

Der Terrier war froh, dass er seine Fitnessclubmitgliedschaft in Kandenberg schon vor dem Studium hatte. Aber die Muskeln bringen nichts, wenn die Augen einem Streiche spielen.

Elif und er warteten auf Astra und Lion, sie schauten in die Richtung, aus der sie kommen würden. Und in der Zeit kamen andere Gruppen vorbei, hauptsächlich Jungs.

Der Terrier machte sich Sorgen, dass sie Elif und ihn anmachen würden. Er konnte ihre Gesichter nicht sehen, wusste nicht, wie sie drauf waren. Er musste sich etwas ausdenken. Ins Dunkle deuten. Wenn sie dann da waren, erkannte er, dass sie kleiner waren als er und, dass es sowieso nie eine Gefahr gab.

Einige von denen waren nicht nur kleiner als er, sondern auch kleiner als Elif. Elif war eine von den jungen Frauen, die größer wirkten, als sie eigentlich waren. Erst wenn man sich neben sie stellte, merkte man den Schwindel? Den Trugschluss?

Während sie auf ihre Freunde warteten, gingen Elif und dem Terrier allmählich die Gesprächsthemen aus. Elif stellte lieber persönliche Fragen, aber der Terrier wollte diese nicht beantworten. Hätte er Elif persönliche Fragen gestellt, hätte sie diese gerne beantwortet, aber er tat es nicht.

Ihnen zur Rettung kamen Lion und Astra. Sie waren schon an dem Eingang der Volkssolidarität vorbei, als Terrier sie erkannte.

Lion machte seinen Namen alle Ehre. Als Mähne trug er einen Vollbart, der den Terrier neidisch machte. Lion war über 1,90 m groß und ein geborenes Schwergewicht. Er begrüßt erst Elif und dann Terrier. Seine Augen strahlten und er konnte seine Vorfreude auf den heutigen Abend überhaupt nicht verbergen. Während der Begrüßung schien es, als würde Astra, wie ein Welpe um sie herumspringen, wartend, bis er an der Reihe war. Astra war kleiner als Elif und ein Typ der Sorte, die unironisch Fischerhüte und Bauchtaschen trugen. Naja, zumindest halbironisch. Er wusste schon, dass der Hut ziemlich dämlich aussah aber gerade das mochte er.

Sie wollten sich in Bewegung setzen, als Lion begann zu reden: „Ihr glaubt nicht, was uns gerade passiert ist. Ihr kennt doch den Park bei uns. Wo seit der neu ist die Obdachlosen sitzen. Jedenfalls hat die Stadt da so Fitnessgeräte hingestellt. So Airwalker, Legpressen, Armrotationsachen. So was halt. Und dann turnen die da ja immer drauf rum, während ihre Hunde bellen und mitspielen wollen. Da bricht auf einmal der Hebel von dem einen Gerät ab und ein Hund, so ein Großer. Hier Schatz du kennst dich doch mit Hunden aus. Was war das? Ein Rottweilermischling. Jedenfalls nimmt der den Hebel, beißt in diesen Gummibezug und hebt das ganz Teil hoch. Rennt damit weg. Quer über den Basketballplatz und die Wiese. An sich ja kein großes Problem, um die Uhrzeit ist ja niemand mehr da. Aber dann beginnen die anderen Hunde den Rottweiler nachzujagen und irgendwann auch die Leutchen. Aber der lässt sich nicht jagen oder zumindest nicht erwischen. Rennt die Gasse hoch und donnert mit dem Metallteil durch zwei parkende Autos durch.“ Lions tiefe Stimme klang, als würde man zwei große Steine unterschiedlichen Materials gegeneinanderschlagen und reiben.

„Und dann gingen die Alarmanlagen los. Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich Alarmanlagen in Reallife gehört habe. Bisher nur im Film“, führte Astra weiter.

„Was ist dann passiert?“, fragte Terrier

„Habt ihr die Polizei gerufen?“

„Die hätten eure Zeugenaussage bestimmt gebraucht.“

„Ne, wir müssen gestehen, dass wir einfach weitergegangen sind. So im Nachhinein denkt man sich schon, es wäre gut gewesen zu warten. Aber naja, was soll´s? Jetzt kann man nichts mehr machen.“

Jetzt, da das Wichtigste geklärt war, ging die Gruppe doch los. Astra sprang über eine der Bänke. An der Ampel mussten sie wieder warten. Wenn andere dabei waren, hielt sich auch Elif an die Regeln. Es mussten halt die Richtigen sein. Sie gingen zu der Seitenstraße. Ein Torbogen vom Weihnachtsmarkt war noch nicht weggeräumt. Als sie unter den Bogen, an dem durch Metallgitter gezogene Lichterketten in blau, rot und weiß leuchteten, hindurch gingen, ließen sie den Fastnazigrößenplatz hinter sich.

Astra fragte sich und die Gruppe, ob der Torbogen und die Weihnachtskränze an den Laternen es gut oder schlecht finden würden, dass sie noch nicht weggeräumt waren. Freuten sie sich, da sie noch weitere Tage an der frischen Luft zubringen durften und sogar das Glück gehabt hatten, dem schönen Silvesterfeuerwerk zuzuschauen? Oder vermissten sie ihre Kameraden, mit denen sie gemeinsam Kandenberg in ein Winterzauberland verwandeln können und die jetzt wahrscheinlich schon in einer warmen Halle am Nordpol gelagert waren?

„Ist das Silvesterfeuerwerk hier wirklich schön? Ich habe es noch nie gesehen. Zu der Zeit bin ich immer zuhause“, sagte Elif.

„Ich habe es auch noch nie gesehen. Aber du warst doch einmal hiergeblieben, oder?“, wendete sich Lion an Astra.

„Yes, das war mein erstes Jahr in Kandenberg und ich konnte nicht in die Heimat, weil ... Und dann bin ich halt auf den Markt gegangen. Es war schon okay“

„Der Torbogen kennt ja auch keine anderen Silvesterfeuerwerke. Er steht nur hier in Kandenberg. Als ganz kleines Kind war ich mit meinen Eltern mal zu Silvester in der Stadthalle feiern, da gab es den Torbogen auch schon. Er wird wohl oft vergessen. Und solange seine Freunde am Nordpol nicht viel weiter herumkommen als er, werden diese auch nur das Kandenberger Spektakel kennen. Also werden sie es schön finden, denn sie wissen ja nicht, dass es Schöneres gibt“, sagte der Terrier.

Die Gruppe war heute nicht wirklich auf der Suche nach dem Schönsten. Die beliebten Bars ließen sie links liegen. Sie kannten ihr Ziel und genossen trotzdem den Weg durch die erste Kneipengasse. Sie liefen auch an der Schlippe vorbei, die man von Elifs Balkon aus sehen konnte. An diesem Samstagabend war für eine Studentenstadt ziemlich viel los. Wenn man bedenkt, dass die meisten Studenten in der Woche feierten und am Wochenende nachhause fuhren. Vor den Türen der Lokale standen einige Gruppen und rauchten. Das Klientel war älter als sonst. Wenn man durch die Scheiben sah, konnte man erkennen, dass viele Tische belegt waren. Die Vier gingen weiter, bis zum Ende der Straße. Da hier keine Autos fuhren, auch manchmal in der Mitte der Fahrbahn. Am Ende des Weges bogen sie nach links ab.

Der Weg war sehr schmal, passend zum restlichen Ambiente bestand auch der Boden aus Kopfsteinpflastersteinen. An beiden Seiten erhob sich eine gut zwei Meter hohe Mauer und engte den Weg weiter ein. Die Gruppe wartete und ließ drei Mädchen vorbei. Die hatten mit ihren hohen Schuhen nicht nur Probleme auf dem Belag, sondern auch blaue Lippen.

„Wenn man so aufgetakelt ist, könnte man sich auch ein Taxi zum Club nehmen“, sagte Elif, die sich von den Mädchen dahingehend unterschied, dass sie eine Hose und flache Schuhe immer dem Kleid vorziehen würde.

Da der Weg enger wurde, konnten sie nicht mehr alle nebeneinander laufen, sie bildeten Paare.

Lion ging mit Elif voran, Terrier und Astra dahinter. Als der Weg sich wieder öffnete, sahen sie den Dom von Kandenberg. Der Domplatz war drei-, viermal so groß wie der Platz mit der verlassenen Bank.

An Wochenenden tummelten sich hier die Touristen. Das waren dann ausnahmsweise tatsächlich viele Rentner, die sehr erfreut waren, so viele Sitzmöglichkeiten zu haben. Jetzt am Abend saßen nur zwei Paare auf den Bänken. Sie schauten abwechselnd auf den, mit großen, runden Scheinwerfern beleuchteten Dom und die Miniaturnachbildung an ihrer Seite.

Jeweils zwischen zwei Bänken waren solche Skulptürchen angebracht, die Straßenzüge der Stadt zeigten. Der Domplatz war von Häusern eingeschlossen und konnte nur über den kleinen Mauerweg, eine Straße, die in Richtung von Terriers Bude ging und durch einen Tunnel erreicht werden. Die Gruppe wollte zu dem Tunnel und ging dafür quer über den Platz. Noch waren sie nüchtern und lachten verhalten. Die Einteilung in Zweiergruppen hatten sie noch nicht aufgegeben. Die Häuser um den Domplatz waren teilweise vor und teilweise nach dem Krieg erbaut worden. Doch sie sahen alle wunderschön aus. Das älteste Haus thronte bei dem Tunnel. Es schien ein Teil der alten Stadtmauer zu sein, stand dafür jedoch an der völlig falschen Stelle. Der Tunnel war zwanzig Meter lang, aber ziemlich hoch, so dass keine beengte Stimmung aufkam. Dahinter begann die zweite Kneipengasse. Die Häuser standen nur auf der linken Seite, rechts begann der Stadtpark und das Flüsschen, über das der Terrier vorhin gegangen war, schlängelte zu den Füßen durch die Nacht in den See. Auch hier standen Grüppchen vor den Türen.

Sie ließen drei, vier, fünf Bars außen vor, bis die vor dem „Paradiso“ stehen blieben. Dass die Bar wie ein Puff klang, war das Aufregendste an ihr.

„Ihr könnt schon rein gehen, wir rauchen noch eine, oder?“, meinte Lion.

Astra und der Terrier zuckten mit den Schultern und öffneten die Glastür. Sie ließen den Jackenständer im Flur, an dessen Ende die Toiletten lagen, unbeachtet und gingen in den Schankraum, der unbedingt so genannt werden wollte. Nadine stand hinter dem Tresen. Sie begrüßte die beiden. Der Raum war rechteckig. An den Kopfseiten standen Bänke und Stühle, wie man sie aus Imbissen kannte.

Dort, wo auf der einen Seite die Tür, ein zweiter Jackenständer und attraktivitätserzeugenderweise eine Jukebox standen, waren auf der eingangsabgewandten Seite ein Billardtisch und eine Dartscheibe. Der Tresen war in der Form einer halben Ellipse geschnitten und bestand aus billig aussehendem, schwarz angemaltem Holz. An einer der Holzleisten waren Bilder geklebt. Sie erinnerten an das Korkbrett in Elifs und Hannas Wohnung. An dem Tresen konnte man auf Barhockern sitzen. Von denen standen auch welche an der Fensterfront. Astra und Terrier setzten sich darauf. Auf Brusthöhe war eine Steinplatte montiert. Aus den Lautsprechern kam Musik der Zeit, in der deutsche Indiemusik cool wurde.

Der mit zwei Zigaretten befüllte Glasaschenbecher und die ganz leicht müffelnde Luft, deuteten darauf hin, dass sich in dieser Bar nicht alle an das Rauchverbot hielten.

„Wieso willst du hierhin? Wir sitzen doch eigentlich immer da drüben“, wunderte sich Astra und zeigte auf den Billardtisch.

Terrier wollte sich an die Fensterfront setzen, da er so hoffte eher mit Elif ins Gespräch zu kommen. Rechts neben ihm war ein Platz frei. Da sollte Elif hin. Links neben ihm saß Astra und er vermutete, dass sich Lion neben seinen Freund setzen würde. Die Fensterscheibe war wie eine Kinoleinwand und zeigte auf die Gasse und den Stadtpark hinaus. Deshalb konnte man auch sehen, wie Lion und Elif ihre Zigaretten in den Mülleimer an der Wand schmissen und auch in die Bar kamen. Astra stand auf, um Platz für Lion und Elif zu machen.

Der Terrier wollte in die Steinplatte beißen. Wenigstens müsste er nicht ganz außen sitzen.

„Können wir bitte tauschen?“, fragte Astra.

„Jo, safe, klar Mann.“

Terrier fühlte sich wieder wie ein Trottel.

Da nicht viel los war in der Bar, kam Nadine zu ihnen und fragte, nachdem sie sich über die ungewöhnliche Platzwahl gewundert hatte, was sie denn trinken wollten.

Der Terrier und Lion bestellten sich ein Bier. Astra und Elif einen Weißwein. Dann stießen sie auf einen Abend an, der besser als die Gewöhnlichen werden sollte.

Die Bar

So richtig damit gerechnet hatte Nadine nicht. Dass sie mit sechsundzwanzig Jahren immer noch hinter dem Tresen des „Paradiso“ stehen würde, hätte sie vor einiger Zeit für unmöglich gehalten.

Allein, dass sie immer noch in Kandenberg wohnte, hätte sie nicht geglaubt.

So sahen ihre Pläne nach dem Abitur auf keinen Fall aus. Wenn sie zurückdachte, an ihr Abitur, wie sie im roten Kleid mit ihren Freundinnen aus dem Dom gelaufen kam, wie sie sich aufreihten und in die Kamera lächelten, war sie nicht wehmütig, aber ein bisschen erstaunt. Denn diese Bilder schienen aus einem anderen Leben zu kommen. Eine andere Nadine zu zeigen. Vielleicht war das auch einfach nur normal, dachte sie sich, denn sie wird ja nicht die Einzige sein, die sich nach der Schule verändert hatte. Und warum sollte sie darüber auch enttäuscht sein? Schließlich war ihr Ziel nach der Zeugnisausgabe ja auch das „Sichselbstfinden“. Und damit sie nicht vollends dem abgegriffenen Lisaklischee entsprach, machte sie ihr „work and travel“-Jahr nicht in Australien, sondern in Neuseeland. Lieber Kiwis statt Spinnen, das hatte sie sich erhofft. Fleischfressende Papageien und unglaubliche Erfahrungen hatte sie bekommen. Aus der heutigen Sicht und mit dem Wissen, dass sie als Barfrau gesammelt hatte, bereute sie es, dass sie diese Erlebnisse nicht mit ihren Freunden in der Heimat geteilt hatte. Damals wollte sie es nicht und kann bis heute nachvollziehen, weshalb das so war. Sie kannte sie ja, diese dümmlichen Kinder aus reichem Elternhaus, die sich eine Weltkarte auf den Knöchel oder das Schlüsselbein tätowieren lassen.

Die in ihre Instabio schreiben, dass sie #worktraveler sind und ihre Heimat die Welt ist. Diese Leute, die kein Gespräch führen können, ohne zu sagen: „dass man sich erst richtig kennt, wenn man gereist ist.“ Und wenn man Nadine nach ihrer Meinung fragte, musste sie sagen, dass diese Leute absolut Recht haben, und zwar mit allem was sie sagen. Keinen Schritt auf fernen Boden, keinen Bissen exotischen Essens, keinen Atemzug fremder Gerüche wollte sie missen.

Kandenberg war ihr immer zu klein gewesen. Nach der Reise war es größer geworden. Aber noch nicht groß genug. Dafür leerer. Denn die meisten ihrer Freunde waren weggezogen. Hätte sie während ihres Jahres in Neuseeland mit ihnen Kontakt gehalten, dann hätte sie auch gewusst wohin. Doch sie wollte die anderen nicht nerven, wollte keine lästige Lisa sein.

Als sie wieder in Kandenberg war, musste sie sich erst wieder anmelden. Sagen, dass sie da war. Sie hatte sich in Neuseeland gefunden und ihre Heimat irgendwie verloren.

Kandenberg hat die komische Eigenschaft, dass kein Kandenberger hier studiert. Es zieht sie alle hinaus in die Welt. Aus dem kleinen Flüsschen wird der Rhein. Aus dem Domplatz wird der Alexanderplatz. Aus dem Stadtpark der englische Garten. Und man geht lieber über die Reeperbahn als durch die Kandenberger Kneipengassen.

Nadine konnte die alten Häuser mit den eingemauerten Gesichtern nicht mehr sehen, wollte nicht mehr über Kopfsteinpflasterwege laufen.

Die zwei Jahre Studium in Schaldstätten waren ein Traum. Weil sie unecht und verflossen wirkten. Nicht greifbar für die heutige Nadine. Sie erwachte daraus, als sie für ihren Bafög-Antrag Kontakt zu ihrem leiblichen Vater aufnehmen sollte, das konnte sie nicht. So verschlug es sie wieder zurück zu ihrer Mutter nach Kandenberg. Hinein in die Wohnung über dem Laden. Nadine war versorgt mit schicken, warmen Socken und hatte einen tollen Regenschirm. Sie überlegte im Laden ihrer Mutter zu arbeiten, die besorgte ihr allerdings einen Job im „Paradiso“.

Nadine war damals davon ausgegangen, nur wenige Monate in der Bar zu arbeiten. Dort zu bleiben, bis sie ihren Kompass neu ausgerichtet und ihr Ziel gefunden hätte.

Die Neujustierung des inneren Magnetfeldes war nach zwei Jahren abgeschlossen. Zwischen ihren Ruhepolen, dem „Paradiso“ und ihrer Wohnung in der Altstadt, hatte sie sich ein stabiles Leben aufgebaut.

Das „Paradiso“ gehörte Herr Hinden, der hatte es vor beinahe vierzig Jahren eröffnet. Die Studenten kamen und gingen. Viel musste sich nicht verändern, da sich das Publikum veränderte. Dazu kam noch eine Handvoll ältere Stammkunden, die Stunden an dem Tresen saßen, erst Herr Hinden anschauten und dann Nadine. Die Mitarbeiterfluktation im „Paradiso“ war immer groß. Hinter der Bar wollte man nicht lange stehen. Meistens überhaupt nur dann, wenn etwas schiefgelaufen war. Wenn das Semester nicht wie geplant lief, wenn die Ausgaben doch höher waren oder wenn Papi nicht mehr zahlte. Dann kam man hinter dem Tresen. Wenn alles glatt lief, saß man davor.

Da Nadine kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag nach Neuseeland gegangen war, war sie als Gast nicht oft in der Bar gewesen. Im „Paradiso“ gab es zwei ungeschriebene Regeln. Erstens, die festgeschriebene Regel des Rauchverbotes darf gebrochen werden, wenn man es nicht übertreibt und zweitens, alle passen auf, dass keine Minderjährigen in den rechteckigen Raum kommen. Einen Türsteher, der die Ausweise kontrollierte, gab es natürlich nicht.

Als Nadine volljährig wurde, feierte sie ihren Abschied zuhause und im „Sägewerk“. Für das „Paradiso“ war da kein Platz. Dann ging sie weg und erst, als sie in die Wohnung ihrer Mutter zog, war sie als Gast im „Paradiso“.

Den Kontakt zu Herr Hinden stellte trotzdem ihre Mutter her. Erst nach drei Monaten machte ihr die Arbeit Spaß. Herr Hinden merkte schnell, dass er Nadine Verantwortung übertragen konnte. Das „Paradiso“ wurde mit den Jahren zu Nadines Baby. Herr Hinden zog sich mehr und mehr zurück. Wollte so langsam in den Ruhestand gehen. Seine Bar wusste er in sicheren Händen. Ganz trennen konnte er sich natürlich nicht. Aber zumindest hatte er eine Ausrede für das Wohlstandspläutzchen, welches er vor sich her trug. Wenn Herr Hinden überlegte, faltete er immer seine Hände auf dem aus Bier und Fleisch geformten Ball, der stets von einem schwarzen Pullover umschlossen war. Am meisten Gedanken machte er sich über die Aushilfen, die er Nadine zur Verfügung stellte, denn sie konnte die ganze Arbeit natürlich nicht alleine machen.

Die Aushilfen blieben weiterhin nur für ein paar Monate, nur Nadine blieb länger. Ihnen war das „Paradiso“ nicht so wichtig. Ihnen war auch Kandenberg ziemlich egal. Sie fanden es schön, das war es aber auch. Kandenberg war eine schöne Zwischenstation auf der Bahnfahrt zur großen Welt. Und Nadine verstand das, da sie selber einmal so gedacht hatte. Doch für sie war es eher ein Heimathafen, denn ein Zwischenhalt. Jetzt noch viel mehr als früher.

Nadine war mit den Arbeitszeiten und dem Gehalt zufrieden, außerdem bekam man von niemanden so viel Trinkgeld, wie von Besoffenen. Sie hatte auch das Glück, an Wochenenden nur bis 23 Uhr arbeiten zu müssen. Dann war es nicht zu spät, um noch mit Freunden etwas zu unternehmen, aber auch nicht zu spät, um am nächsten Tag ganz normal aus dem Bett zu kommen. Manchmal war es schon schöner im Dunkeln nachhause zu gehen.

Nadine hatte zwei Möglichkeiten für ihren Arbeitsweg. Beide waren ungefähr gleich lang. Um 22:30 Uhr kam meist ihre Ablöse. Eine halbe Stunde war für die Übergabe des Tresens und des Schlüssels eingeplant, dann ging Nadine hinaus auf die Straße. Die Straßenlaternen standen fest an der Seite, trotzten dem Fortschritt und warfen ein altes, gelbes Licht auf die Steine am Boden. Vor den Kneipen standen immer noch kleine Grüppchen. In den Rillen des Kopfsteinpflasters sammelten sich die Kippenstummel. Aus den offenen Türen der Bars drang unterschiedliche Musik, die sich vermischte. Nadines Heimweg führte an ihnen vorbei. Sie konnte auf der Straße laufen und musste sich nicht auf dem Fußweg an den anderen vorbei quetschen. Sie bewegte sich in Richtung Tunnel, mit dem Eintreten in das Rund verstummten das heitere Gelächter von Betrunkenen und die Musik. Auf dem Domplatz wurde es in der Nacht schnell kalt und der Wind zog durch die Gassen. Nadine querte den Platz, ohne auf die Bänke und die Skulpturen zu achten. Ihr Weg führte nicht durch die mit Mauern eingegrenzte schmale Gasse, sondern auf den Pfaffenstieg. Das Kopfsteinpflaster wich Asphalt und der Gehweg bestand aus langen Platten. Statt den Straßenlaternen zogen sich Kabel über die Fahrbahn und in der Mitte waren Lampen befestigt. Das Licht reichte kaum bis zu den Häuserwänden. Allerdings war der Himmel über Kandenberg wolkenbehangen und eine Lichtkuppel streckte sich über die gesamte Stadt. So richtig dunkel wurde es an solchen Tagen nie. Nadine wusste schon, dass sie die Rollläden ihres Schlafzimmers benutzen würde. Der Pfaffenstieg fiel gerade hinab und bot an starken Wintertagen Möglichkeiten für eine gefährliche Schlitterpartie. Nadine konnte sich aber an keinen starken Winter in Kandenberg erinnern. Ziemlich am Ende des Weges, kurz bevor der Pfaffenstieg eine Linkskurve machte und das große Studentenheim am Horizont auftauchte, bog Nadine nach rechts ab. Ihre Straße war eindeutig ein Teil der Altstadt. Die Sackgasse nahm wieder die Bodenform der Kneipengassen an und drehte sich wie ein Arm um den Pfaffenstieg. Am Ende der Sackgasse stand das größte Haus. Es überragte die Nachbargebäude um zwei Stockwerke. Nadine holte ihren Schlüssel aus der Handtasche und begab sich in den nach Zitrone riechenden Flur. Die Steinstufen der Treppe glänzten noch und leuchteten auf, als der Bewegungsmelder die Lampen anschaltete. Nadine nahm nicht die Treppen, sondern den neu eingebauten Fahrstuhl, der sie bis in das Dachgeschoss beförderte. Sie teilte sich die oberste Etage mit einem mittelalten Mann, der häufig nicht zuhause war. Vor seiner Tür, an der ein Haus aus Filz hing, stapelten sich Schuhe. Die meisten hatten abgewetzte Sohlen und Löcher. Nadine war am Tag zumeist daheim und nahm deshalb nicht nur für diesen Nachbarn die Pakete an. Sie hatte mit ihm ausgemacht, dass sie die Päckchen in das untere Fach des Schuhregals stellen sollte. Dort schienen sie sicher. Nadine schloss dann ihre Wohnungstür auf und trat in den langen Flur. Ihr eigenes Schuhregel stand hier und war an der Wand befestigt. Sie zog die Sneakers aus und stellte sie in das oberste Fach, dann ging sie den Flur hoch. Sie musste das Licht nicht anmachen. Die Kandenberger Wolkenstrahler schienen durch die in der Dachschräge angebrachten Fenster. Am Ende des Flures konnte man links in die Küche gehen. Nadine trank noch ein Glas Wasser, dann ging sie aus der Küche hinaus in das Bad, welches sich am Ende des Flures befand. Als sie fertig war, ging sie auch da hinaus und betrat das Schlafzimmer. Der langgezogene Raum streckte sich über die gesamte Länge der Wohnung. In der Mitte stand ein großer Raumteiler. Seine Fächer waren mit Büchern und Blu-Rays bestückt. Von ihrer Lieblingsfilmreihe „Krieg im Kopf“ hatte sie alleine fünf verschieden Boxen, die die Sicht auf das Wohnzimmer versperrten. Ein Poster von der Hauptfigur Melur hing über dem blauen Sofa. Das Dachfenster über dem Fernseher im Wohnzimmer ließ sie in der Nacht unabgedunkelt. Die Lichter drangen kaum bis zu ihrem Bett vor und konnten sie so beim Schlafen nicht stören. Wenn die Sonne allerdings früh herum kam, so fassten die Sonnenstrahlen nach ihr und weckten sie sanfter, als es der Wecker tun würde.

Wenn Kandenberg von der Sonne erhellt wurde, wählte sie einen ganz anderen Weg zum „Paradiso“. Nachdem sie auf den Pfaffenstieg trat, bog sie nicht nach links ab und ging die Steigung hinauf, sondern ein kleines Stück nach rechts. Sie erblickte dann das Studentenwohnheim. Nadine wusste, dass der Terrier dort wohnte. Sie hatte ihn vor zwei Jahren beim „Fressmeilenfest“ in der Innenstadt kennengelernt. Nadine war mit einigen Freundinnen, ein paar war es so wie ihr ergangenen und ein paar waren doch in Kandenberg geblieben, außerdem unternahm sie jetzt auch mehr mit Leuten, zu denen sie in der Schule keinen großen Kontakt gehabt hatte, durch die Buden gelaufen. Nadines beste Freundin hielt Ausschau nach einem Stand, an dem man Insekten essen konnte. Die beiden Mädels waren dem Konzept grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber und wollten wissen, wie so ein Grillenburger schmecken würde. Doch sie fanden diesen Stand nicht. Und so begnügten sie sich mit Knoblauchbrot. Dafür waren sie ja eigentlich nicht auf das Fest gegangen, aber nachdem sie sich auf die volle Treppe vor der Marienburger Kirche gesetzt hatten, war es trotzdem schön. Sie beobachten zusammen, mit den anderen auf den Stufen, das geschäftige Treiben auf der Promenade. Vor jedem Stand warteten eine Menge Leute. Nachdem sie das Brot aufgegessen hatten, holten sie sich, an einem nahen Craftbierstand, Bananenweizen. Nadine und ihre beste Freundin hielten die Plätze reserviert. Sie rutschten dann allerdings ein Stück, um Platz zu machen für zwei Jungs, die in der Schlange vor den Mädchen standen und sich mit ihren Biergläsern jetzt neben Nadine setzten. Der kleinere von beiden, Astra, begann gleich zu reden. Er hatte ein fipsiges Auftreten und eine Stimme, die gar nicht dazu passte. Sein Kumpel, der sich selbst als „Terrier“ vorstellte, was Nadine ziemlich albern fand, war offensichtlich froh, mit Astra jemanden an der Seite zu haben, der das Gespräch suchte. Er selber wusste nicht ganz so viel zu sagen. Nadine und er nippten an ihren Biergläsern.

Das Bananenweizen schmeckte Nadine überhaupt nicht.

„Das ist Pech. Ab jetzt wird nämlich jedes Weizen wie Bananenweizen schmecken“, sagte der Terrier. Nadine glaubte das nicht und während sie sich vom Terrier überzeugen ließ, beobachteten sie den Straßenmusiker. Als ein Lied gespielt wurde, welches beide besonders mochten, standen sie auf und legten etwas Kleingeld in die auf den Boden gelegte Tasche. Auch der Student Terrier leistete sich das. Nadine kam zunächst der Gedanke, dass es die kleinen Dinge waren, die einen glücklich machten.

Doch dann rechnete sie im Kopf die Summen zusammen. Als Barfrau ging das ziemlich schnell. Dabei war sie in der Schule echt nicht gut in Mathe gewesen. Für das Knoblauchbrot hatte sie 5,50 € bezahlt, für das Bier 2,80 €. Vorher hatte sie einen Kaffee und ein Stück Kuchen gehabt: 6,99 €. Dazu kamen noch das Eis (1,20€) und die Erdbeerbowle für 3,20 €. Das machte zusammen 19,69€.

Nie in hundert Leben hätte sich Nadine das als Studentin leisten können. Und heute verstand sie es als die „kleinen Dinge“. Als sie das in ihrem Kopf durchging änderte sich ihr Blick. Der Terrier bemerkte das, schnell gab er sich mehr Mühe. Sie redeten über typische Smalltalksachen. Filme, Musik und die besten Stände des Kandenberger „Freissmeilenfestes“. Irgendwann fragte der Terrier nach Nadines Instanamen, er wollte sie anschreiben. Doch stattdessen gab sie ihm ihre Handynummer. Es kam allerdings nie zu einem richtigen Treffen. Sie lud ihn in das „Paradiso“ ein, musste da aber selbst arbeiten. Sie kamen nicht wieder richtig ins Gespräch, aber es entstand auch keine komische Stimmung zwischen ihnen. Mit der Zeit wurde das „Paradiso“ so etwas wie die Stammkneipe für die Gruppe um Astra und den Terrier.

Für den Terrier war der Weg zu der Bar auch wirklich nicht weit. Vorausgesetzt, er musste nicht erst einmal in die Stadt, um jemanden abzuholen. Wenn er direkt zu der Bar wollte, musste er nur vor der zweiten Brücke rechts abbiegen und den Pfaffenstieg hochlaufen. Kurz bevor es zu Nadines Sackgasse ging, war die Stelle, an der sich die beiden hätten oft treffen können, aber doch nie sahen. Dann ging man einen nicht verdichteten Weg entlang, der in den Stadtpark führte. An der einen Seite standen Laubbäume, die die Sicht versperrten. Die andere Seite war durch Büsche und Wildbeerenwuchs gekennzeichnet. Der grüne Untergrund erhob sich ein Stück. Oben thronten alte Stadtvillen, die auf den Park und den Weg hinabschauten. Nun erhob sich auch die mit Bäumen bewachsene Seite zu einem Wall. Der Weg schnitt durch ein Tal. In regelmäßigen Abständen waren an der Seite Mülleimer und Bänke hingestellt. Manche der Bänke waren ganz vermodert. Das Holz hatte sich grün gefärbt und Teile faserten ab. Pilze wuchsen darauf und sorgten dafür, dass die Bänke wie fantastische Wesen wirkten. Übergroße Faultiere, die in verschwurbelten Worten den Helden auf seine Reise schicken würde. Eine Reise, die durch den Kandenberger Stadtpark ging und ganz woanders enden sollte. Doch zunächst musste sich der Held entscheiden, ob er den Weg weiter folgen wollte und durch den nächsten Tunnel gehen würde. Nadine und der Terrier gingen nie durch den Tunnel. Zumindest nicht, wenn sie in das „Paradiso“ wollten. Dann mussten sie auf den Weg, der über dem Tunnel verlief. Dafür konnte man rechts eine Treppe benutzen, die aber aufgrund ihrer Richtung und der gestreckten Bauform einen Umweg von mindestens anderthalb Minuten bereithielt oder man ging nach links auf den Trampelpfad. Das war schneller. Helden hatten es eilig. Nadine und der Terrier nahmen immer den Trampelpfad. Zumindest, wenn sie in das „Paradiso“ wollten.

Der über den Tunnel führende Weg war ein großer asphaltierter Ring. Er zog sich um den gesamten Stadtpark und über den Fluss. So umschloss er auch den Kandenberger See, auch Johsee genannt. Auf der einen Seite fiel der Hang weiter ab. Stand man auf dem Asphaltweg konnte man auf das Wasser sehen, in dem an einem Januarabend niemand schwamm. In den Sommermonaten sammelten sich Eingeborene und Studenten an den künstlich angelegten Sandstränden der zwei Bäder. Dem Joh-Beach und der Joh-Wiese. Da man dort allerdings keine Glasflaschen bei sich haben durfte, wurden auch die kleinen Abschnitte zwischen den Bäumen zum Ausbreiten genutzt. Der See war ein Segen für Kandenberg. Von dort hatte man es auch nicht weit in die Stadt und zu den Kneipen. Man musste nur den Ring hochlaufen und dann eine, der in den Wall eingelassenen, Treppen nehmen. Eine der Treppen führte genau vor das „Paradiso“, in dem sich Astra, Elif, Lion und der Terrier nach dem zweiten Mal Finger heben viel angeregter unterhielten. Die Sitzformation war erhalten geblieben und der Terrier war Elif noch nicht nähergekommen.

„Wartet! Bevor wir das trinken, will ich noch ein Foto machen.“

Elif stellte die Gläser zu einer Raute zusammen.

„Schließlich wollen meine Follower*innen sehen, was ich für ein spannendes Leben habe“, lachte sie. Der Terrier runzelte die Stirn. Man wusste nicht, ob er das machte, weil ihm das Bier für ein doofes Foto weggenommen wurde, oder weil ihm die Genderei von Elif zuwider war.

„Ich verstehe ja wirklich, warum man das macht. Aber das ist übertrieben“, behauptete Terrier.

„Das war ja nur ein Scherz, ich packe das Bild einfach nur in die Story, dann ist es bald weg und meine Freunde schauen sich das an und wir hören mal wieder voneinander“, antwortete Elif.

„Das meinte ich nicht ...“

Der Terrier wollte auf seinen Punkt zurückkommen, doch Astra lehnte sich nach vorne, unterbrach ihn und versperrte seine Sicht auf Elif.

„Warum postest du eigentlich keine Pics mehr von Theo?“

„Ja stimmt, ist mir auch aufgefallen. Hat Hanna ihr Veto eingelegt?“, lachte Lion.

Er imitierte Elifs Mitbewohnerin: „Wenn du süße Katzenbilder willst, kauf dir dein eigenes Tier!“

„Das war aber richtig weit weg von Hanna“, sagte Astra.

„Können ja nicht alle, eine goldene Zunge wie du haben“, rechtfertigte sich Lion.

„Auch das klingt falsch. Jungs, aus euren Mündern, will ich so etwas nicht hören“, schritt der Terrier ein.

Lion hatte gerade einen Schluck aus seinem Bierglas genommen und musste sich die große Hand beim Lachen vor den Mund halten. Astra haute dem Terrier den Ellenbogen in die Rippen und zeigte ihm den Mittelfinger.

Elif hatte sich auf ihren Hocker leicht nach rechts gedreht und konnte nun allen drei in die Augen schauen (höchstwahrscheinlich nicht gleichzeitig), dann sagte sie: „Ich bin mir gar nicht so sicher, weshalb ich von Theodor Tatze keine Bilder mehr gemacht habe. Wenn man bedenkt, wie oft ich ihn früher fotografiert habe, denn er sieht ja aber auch immer zuckersüß aus. Das ist ja auch ein richtig schönes Tier, aber auch echt ein lieber Kater. Ein richtiger Charakter. Das ist ja bei Katzen häufig so. Die haben ihren eigenen Kopf. Einen Hund kann man zum Kuscheln rufen. Eine Katze entscheidet, ob sie zum Kuscheln kommt. Und wenn Theo dann kommt, bin ich froh. Will die Zeit nicht mit Fotos verschwenden. Am Anfang dachte ich, dass so die Erinnerungen erhalten blieben. Aber ein Bild ist ja dann doch wie das andere. Sicherlich, wenn er jetzt besonders lustige Sachen macht. Was weiß ich, Zunge beim Schlafen rausstrecken zum Beispiel, dann mach ich noch ein Bild. Aber ansonsten ... Außerdem hat man bei Theodor Tatze wirklich das Gefühl einen Mitbewohner zu haben. Da kann man ihn ja auch nicht einfach so fotografieren, ohne seine Erlaubnis.“

„Da kann ich nur zustimmen, Theo entscheidet wirklich selbst, ob er einen mag oder nicht“, sagte der Terrier.

„War bei dir nicht so?“, fragte Lion

„Nee, war bei mir nicht so“, grinste der Terrier.

„Wenn ihr ein Haustier hättet, hättet ihr dann lieber einen Hund oder eine Katze?“, fragte Elif.

„Hund“, sagte Lion.

„Ja, bei mir auch“, stimmte der Terrier ihm zu.

„Stehen nur die beiden Tiere zur Auswahl?“, fragte Astra.

„Naja eigentlich; eigentlich schon. Nur die beiden. Wieso was willst du denn haben?“

„Einen Otter“, sagte Astra

„Du musst immer übertreiben, Alter. Wir wissen doch, dass du ein Paradiesvogel bist. Das ist ja gut. Das ist ja schön, aber du labst dich da ´rin förmlich“, echauffierte sich der Terrier.

Lion und Elif mussten beide in sich hinein grinsen, denn sie wussten, dass jetzt die berühmte Astra-Terrier-Zankerei losgehen würde.

„Was soll das denn heißen? Ich labe mich überhaupt nicht in Sachen. Ich kann ja nichts dafür, dass du so lame bist.“

„Dicker, letztens, als wir über Farben geredet haben, musstest du darauf bestehen, dass ,Metallic Weinrot´ deine Lieblingsfarbe ist. Wo ich herkomme, hätte man dir da Eine auf den Deckel gegeben.“

„Jooo wahrscheinlich, tu noch so, als ob du aus der ,Bronx´ kommen würdest. Du kannst ja nicht mal sagen, was dein Problem ist.“

„Nur weil du extravagant bist, müssen nicht alle deine Antworten extravagant sein. Es gibt auch so etwas wie common sense. Wenn man gefragt wird, wer der beste Fußballer ist, sagt man Messi oder Ronaldo. Das hässlichste Auto ist der Fiat Multipla. Der coolste Dino der T-Rex und der coolste Bär ist der Eisbär. Manchmal ist die Welt einfach langweilig und es gibt nur eine richtige Antwort. Aber du würdest auf die gleichen Fragen mit Jess Bhamra, Twizy, Archaeopteryx und Koala antworten."

„Ey, der Film war so scheiße. Ich verstehe nichts von Fußball. Absolut gar nichts und habe das gemerkt. Jedes Mal, wenn die Spielerinnen geschossen haben, kam ein Cut. Und dann haben sie gezeigt, wie der Ball in den Winkel geflogen ist", sagte Elif und Elif mochte eigentlich jeden Film mit weiblichen Hauptrollen.

„Koala ist kein Bär", grummelte Lion.

„Der Archaeopteryx ist schon verdammt cool", sagte Astra

„Ja gut, das war ein schlechtes Beispiel", musste der Terrier zugeben.

„Ich bin halt etwas Besonderes."

„Ja, aber nicht so besonders. Zu sagen, dass ,metallic weinrot´ die Lieblingsfarbe ist, ist effekthascherisch."

„Effekthascherisch?", Astra riss lachend die Augen auf, sein Fischerhut rutschte ihm dabei fast vom Kopf, dann sagte er: „Lass uns um deinen Effekt spielen."

„Darts?"

„Yes, Sir."

„Einsatz?"

„Wenn du verlierst, musst du heute in jedem Gespräch einmal erwähnen, dass deine Lieblingsfarbe ,metallic weinrot´ ist und wenn ich verliere das Gleiche mit ,rot´."

Beide schlugen ein, tranken aus und gingen zu der Dartscheibe.

Vor der Dartscheibe standen zwei junge Erwachsene, der Terrier kannte sie nicht. Er fragte sie, wie lange sie noch brauchen würden und sie meinten, dass sie gleich fertig wären. Deshalb lehnte sich der Terrier an den Billardtisch, auf dem im Moment niemand spielte. Er beobachtet die beiden Männer, die eine ziemlich große Wurfstreuung hatten. Auch bei der Berechnung des Punktestandes verzweifelten sie. Jetzt hatten die Jungs auch noch die Blicke des Terriers im Nacken. Dieser schaute allerdings gar nicht wirklich hin. Er nahm sich den weißen Spielball und ließ ihn über den grünen Tisch gleiten. Dann schaute er auf und wollte sehen, wo Astra bliebe. Der stand bei Nadine am Tresen. Er nahm zwei Kurze in die Hand. Zu Nadine meinte er: „Mach am Besten epische Musik an, dein Terrielappen wird jetzt zerstört.“

Nadine hob entschuldigend die Hände. Die Handflächen gen Decke gestreckt, keine Fingernägel.

„Ich habe leider nicht so viel Musik.“

„Ja das merke ich, ,Wolke 4´ kommt jetzt zum dritten Mal.“

„Das Lied gefällt mir halt.“

Denn schließlich beschrieb kaum ein Lied die Gefühlslage von Nadine so gut wie dieses.

Wenn Astra mit Lion zusammen war, schwebte er immer auf Wolke 7. Die Kurzen in seiner Hand machten die Flügel noch leichter. Er reichte einen dem Terrier.

„Oar Mann, dafür ist es echt zu früh. Was ist das?“

„Pfeffi.“

Während sie den Kopf in den Nacken warfen, drehten sich die beiden Dartsspieler um, wollten aber nicht zugeben, dass sie sich verzählt hatten, sie gaben die Pfeile Astra und dem Terrier. Die weiße Billardkugel wurde in das Eckloch gerollt. Lion und Elif waren aufgestanden und zu ihren Freunden gegangen. Lion nahm Astra den Fischerhut ab und entschuldigte sich kurz, um eine Rauchen zu gehen. Elif setzte sich auf die Stelle, von der der Terrier gerade aufgestanden war. Elif ließ den Wetteinsatz durch ihre Finger gleiten und erinnerte die beiden noch einmal daran. Astra würde zuerst werfen. Er stellte seinen Schuh an die rote Linie.

Im Aufenthaltsraum der Uni gab es zwar eine Dartscheibe, aber keine rote Linie. Terrier und Astra hatten sich darauf geeinigt, die Linie des Parkettfußbodens zu benutzen. Wenn sie zu zweit waren, spielten sie eigentlich immer Darts. Ansonsten war dort auch noch ein Kicker. Astra riss immer so stark an den Metallstäben, dass der mittlere schon ganz verbogen war. Terrier hingegen war so gut im Tischkickern, dass es schon wieder uncool war. Hinter dem Tischkicker stand eine ausgediente senffarbene Sofagarnitur. Die Sitzkissen war schon so durchgenudelt, dass man mehrere Dezimeter in sie hinein versank. Die Dezimeter und die Couch waren froh, dass sich die Studenten trotzdem zu ihnen gesellten, denn sie waren einsam und wurden selten gebraucht. Neben der Holztür, die den Weg zum Keller der Studierendenschaft versperrte, war ein Snack- und ein Kaffeeautomat. Beide wurden häufig benutzt, obwohl man sie vom Flur aus nicht sehen konnte.

Der Terrier hatte mal ein Date mit einem Mädchen aus der Studierendenschaft. Sie hatte ihn für einen Filmabend in den Keller eingeladen. Die anderen Mitglieder hatten Popcorn in Plastiktüten aus dem Discounter gekauft und in eine Bambusschale gefüllt. Daneben standen ungekühlte Coladosen. Die Filmreihe dauerte mehrere Stunden und gefiel dem Terrier überhaupt nicht. Mehr als einmal stand er auf und ging die Treppe zum Snackautomaten hoch. Nach dem Date war er nie wieder in dem Keller gewesen, den Automaten nutzte er kaum noch. Er war eher von ihm genervt, denn wenn sich jemand daraus etwas nehmen wollte, stand derjenige meist zu nah an der, vom Terrier und Astra ausgewählten, Wurflinie.

Es gab noch genau sechs Pfeile, die, wenn man nicht mit ihnen spielte, in einer ausgedienten Vase, zusammen mit dem abgeplatzten Tischkickerball, auf dem Tisch vor dem Sofa lagen. Die Pfeile hatten Plastikspitzen und die Fassungen waren teilweise beschädigt. Sie wackelten. Deshalb kam es manchmal vor, dass der Wurf nicht vom Spielcomputer der elektronischen Dartscheibe gewertet wurde. Der Terrier und Astra ließen solche Würfe nicht wiederholen. Ein einziger Pfeil hatte eine gerade Spitze. Die beiden Freunde prügelten sich fast immer um ihn. Die Initialen LDJ eines unbekannten Studenten waren hinein geritzt. Wenn Astra dran war und der Terrier den Pfeil vorher erringen konnte, schaute er seinem Kompagnon nicht beim Werfen zu, sondern strich mit dem Fingernagel über die Einkerbungen. Dann schaute er auf die Leute bei der Couch.

Vor drei, vier Jahren saßen da ganz andere Menschen, vielleicht ein gewisser LDJ, der seinen eigenen Pfeil mitgebracht hatte. Vielleicht weil er genervt war, dass es nur fünf Pfeile gab. Und vielleicht sitzen die, die jetzt da sind, in fünf Jahren auch ganz woanders. In Kandenberg war man nie lange.

Der Spielcomputer meldete sich, es blinkte und eine elektronische Stimme rief: „triple“.

Astra jubelte. Der Terrier schaute auf.

Vor zwei Jahren kannten die beiden sich noch nicht.

Astra warf ein zweites Mal.

„Triple.“

„Pass auf, jetzt 180.“

Astra traf die 5. Er fluchte und machte dem Terrier Platz. Auch der zielte auf die „triple 20“. Er traf die 1, er traf die 5. Dann hatte er nur noch seinen letzten Pfeil. Den Guten. Den Geraden. Er zielte, warf und traf die 20. Nur die 20. Das „LDJ“ auf der Seite war nicht mehr zu erkennen. Wenn der Pfeil mal zu weit fliegen würde, wird niemand mehr in diesen Raum an den unbekannten Studenten denken. Die, die ihr mal saßen, waren auch weg. Allerhöchsten trafen sie sich einmal im Jahr auf ein Bier und erzählten Geschichten aus tollen gemeinsamen Zeiten. Aber man schrieb keine neuen Geschichten mehr. Man erzählte nur noch von gemeinsamen Dartspielen, aber man spielte nicht mehr. Man erinnerte an das eine Mal: „Weißt du noch, als du fast eine 180 geworfen hast?“ Aber man stellte sich nicht mehr hin und versucht eine 180 zu werfen. Selbst die 20 zu treffen wurde schwer.

Was bei solchen Wiedervereinigungstreffen nie zählte, waren die Anzahl der gewonnenen Spiele, weil die außer der Spielcomputer niemand wirklich mitzählte.

Heute wurde gezählt, denn heute ginge es um etwas. Die Wette zwischen dem Terrier und Astra. Und da die Dartscheibe im „Paradiso“ nicht digital war, erklärte sich Elif für die Punkteüberwachung bereit.

Mit „301“ und „straight out“ konnte sie allerdings nicht viel anfangen, da sie im Gegensatz zu den Jungs in ihren Pausen etwas Besseres zu tun hatte; rauchen.

Astra hatte vom Terrier den Vortritt bekommen und stand an der Linie. Beim Zielen hielt er, wie ein Kellner, die Hand hinter dem Rücken. Der Pfeil mit der Metallspitze landete auf dem Feld mit der 1. Dort blieb er auch stecken. Im Aufenthaltsraum musste man immer Angst haben, dass er wieder rausfällt. Der Terrier lachte schon auf und verstummte dann schnell wieder, als die nächsten beiden Pfeile in der „triple 20“ landeten. Elif tippte die Werte in ihr Handy ein.

Terriers erster Pfeil landete neben der Scheibe. Er spürte Nadines bösen Blick in seinem Rücken. Sie fand es nicht sehr lustig, wenn die Pfeile gegen die Wand flogen. Meist blieben sie da nicht stecken, aber man konnte die Dellen deutlich erkennen. Insbesondere, wenn man nah an der Wand stand. Terrier zog die Luft durch die Zähne, den Nacken ein und hob um Entschuldigung bittend die Hände.

„Was tippe ich da jetzt ein Terrie? 0 oder Plus 100?“, stachelte Elif den Terrier auf.

Der änderte seine Taktik und visierte nicht mehr die „triple 20“, sondern die „triple 3“ an. Seine Würfe waren ja schon im nüchternen Zustand nicht die Geradesten, aber jetzt nach den Bieren merkte er, dass er noch schlechter warf. Und er konnte sich sicher sein, wenn er die „triple 3“ als Ziel auserkoren hatte, so würde er sie nicht treffen. Direkt neben dem Feld mit der 3 sind die Felder 19 und 17. Der Terrier warf zweimal und traf die 17 und die „triple 19“. Damit lag Astra zwar immer noch vorne, doch der Terrier konnte auf Astras große Schwäche hoffen. Sein Kumpel brauchte nämlich elendig lange, um die kleinen Zahlen zu treffen.

Es kam nicht selten vor, dass Astra mit 150 Punkten Vorsprung den Sieg noch verspielte. Er schaffte es nie, die gottverdammte 5 oder 7 oder welche Zahl auch immer zu treffen.

„Es steht jetzt 180 für Astra und 227 für Terrie. Soll ich das immer ansagen?“ fragte Elif die Jungs.

„Ne, von mir aus nicht“, meinte Astra.

„Also ich wäre schon ganz froh, wenn du das ansagst.“

„Na okay, wenn du das willst, mach ich das natürlich.“

In der nächsten Runde hatte Astra eher Pech, er traf beim ersten Pfeil zwar die 20, dafür danach nur zweimal die 5. Der Terrier rückte mit einer 17, einer 19 und einer „double 19“ näher heran. Beim letzten Pfeil hatte er eigentlich auf die 20 gezielt. Aber da er es niemanden verriet, konnte keiner wissen, wie sehr er den Wurf verrissen hatte. Schiefe Sachen konnten auch ansehnlich sein.

Astra und Terrier schauten ihre Wettkampfaufsicht an. Elif hielt sich eine Hand seitlich vor den Mund und flüsterte laut zum Terrier: „150 zu 153.“

„Danke, aber wir verraten es nicht Astra“, flüsterte der laut zurück.

Astra stellte sich derweil wieder auf die rote Linie, den Arm wieder hinter dem Rücken. Diesmal merkte man, dass er sehr konzentriert war. Als Bestätigung dieser Beobachtung, flogen die ersten beiden Pfeile in die „triple 20“.

„Wenn du ausgerechnet jetzt eine 180 wirfst, lache ich mich tot“, sagte der Terrier.

„Wieso? Ich dachte, ihr wollt immer eine 180 werfen. Ist das nicht das Beste?“, fragte Elif.

Elif fragte immer nach, wenn sie etwas nicht wusste. Es wirkte dabei stets so, als würde sie sich für ihre Mitmenschen und das, was sie sagten, interessieren. „Wer fragt wirkt dumm!“ hielt sie schon als kleines Kind für eine rüsselrasseldämmliche Aussage. Schließlich wissen die, die es wissen, es auch erst seitdem, sie es nicht mehr nicht wissen. Die meisten waren am Anfang leer.

Terrier, der Elif nun mittlerweile recht gut kannte, schätze diese Eigenschaft an ihr sehr. Er selber hielt sich mit Fragen aller Art meist zurück. Aber auch ihm war aufgefallen, dass diejenigen, die beim Stellen einer dummen Frage lachten, beim Beantworten häufig ziemlich struggelten.

„Wenn Astra jetzt 180 wirft, ist er über 150. Und man darf nicht rüber gehen, dann zählt das quasi nicht.“

„Achso“, Elif wartete kurz, „dann drück ich die Daumen, dass du eine 1 wirfst.“

„Den Gefallen kann ich dir nicht tun“, sagte Astra und warf den Pfeil in die 20.

Nun stand Terrier etwas unter Druck. Da er damit nicht gut umgehen konnte, landeten die ersten beiden Pfeile jeweils in der einfachen 3. Der Terrier ärgerte sich und musste dann lachen. Er zielte auf die 3 und ärgerte sich dann, dass er traf. Wie dämlich, sagte er sich. Der dritte Pfeil landete in der 17.

„Wie steht es?“

Lion war vom Rauchen wiedergekommen und hatte zwei junge Frauen mitgebracht.

Elif fand es merkwürdig, dass Lion seine Begleiterinnen nicht vorstellte. So kannte sie ihn gar nicht. Das linke Mädchen sagte dann einfach von sich aus: „Hey, ich bin Nele und das ist Cassandra. Wir sind in einem Kurs mit Lion.“

„Ah stimmt, dich habe ich beim Tag der offenen Tür gesehen“, erinnerte sich Astra.

„Ja, genau“, lächelte Nele.

Man merkte, dass sie die Extrovertierte war und die introvertierte Cassandra adoptiert hatte.

Die Studierenden gaben sich die Hand, Elif und Terrier stellten sich auch vor. Dann zeigte Elif Lion ihren Bildschirm. Die Digitalzahlen zeigten 10:130 an.

„Oh, dann ist das ja gleich vorbei, wir holen uns noch etwas zu trinken. Wollt ihr auch gleich was?“, fragte Lion.

„Ja ich hätte gern noch ein Pils.“

„Ich bitte auch.“

Astra, der gerade wieder zu der Linie trat, musste seinem Freund natürlich nichts sagen, da die beiden sich auch ohne Worte verstanden.

„Wir setzen uns dann auf die Bank, da können wir uns besser unterhalten und passen alle hin“, sagte Lion, während er zu Nadine ging.

Astra zielte auf die 10, wollte das Spiel entscheiden, wollte die Wette gewinnen, wollte „metallic weinrot“ zu Terriers Lieblingsfarbe machen. Doch leider traf er die 15. Damit war er drüber.

Mit Schrecken musste er mit ansehen, wie Terriers Pfeile in die „triple 19“, „triple 17“ und in die 3 flogen.

„10 zu 19. Ouh, das wird spannend“, sagte Elif mit übertriebener Stimme, aus der man allerdings heraushören konnte, dass sie tatsächlich mitfieberte.

Astra warf den ersten Pfeil in die 6. Da er ahnte, die 4 nicht treffen zu würden, zielte er auf die 3, in der der Pfeil dann auch tatsächlich landete. Einen Pfeil hatte er noch in die Hand, den warf er und traf die 1. Dann drehte er sich dreckig grinsend zum Terrier um und sagte: „So if my math is correct, that´s my win and my math is correct.“

Astra rechnete damit, einen griesgrämigen Terrier zu sehen, doch der sprang mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger über die rote Linie, wie Astra über die Holzbänke und zeigte auf den dritten Pfeil.

„Das ist keine 1. Der liegt im Doppel. Das ist ne 2. Astra Dicker du bist drüber. Lappen.“

„Quatsch!“

Astra ging vor zur Scheibe, selbst Elif stand vom Billardtisch auf und Lion schaute vom Tresen aus rüber. In der Tat steckte der Pfeil im grünen Feld der 1.

„Pass auf Tiger, ich mache jetzt fertig!“, sagte Terrier, während er sich eine Hand vor die Augen hielt und die 19 traf.

„Ah, fuck you.“ Astra dampfte ab.

„Mensch du wirst ja ganz rot“, sagte Terrier.

Er und Elif lachten. Lion, Nele und Cassandra hatten sich bereits an einen Tisch gesetzt. Astra setzte sich neben Lion und so saßen sich Elif und der Terrier endlich gegenüber.

Nachdem Astra den beiden Kommilitoninnen von Lion seine Lieblingsfarbe verraten musste, sprachen alle durcheinander, über weitere Beispiele, bei denen eigentlich nur eine Antwort richtig sein konnte. Nele und Cassandra wurden schnell in die Gruppe integriert, was vor allem an Neles offener Art lag. Die Gespräche flogen von einem Thema zum nächsten. Manchmal redeten Nele, Lion und Astra über etwas und Cassandra, Elif und der Terrier über etwas ganz anderes. Sehr lange hielten sie sich nie bei einem Thema auf. Jedenfalls nicht, bis sie zu der Schulzeit kamen. Jeder hatte Anekdoten und lustige Geschichten zu berichten. Cassandra erinnerte sich daran, wie sie einmal im Sportunterricht ihren Lehrer zur Weißglut gebracht hatten.

Die Klassen ihrer Schule wurden in zwei verschiedenen Sporthallen unterrichtet. Die größere von beiden stand in der Stadt und wurde mit mehreren Schulen geteilt. Dann gab es noch eine kleinere Halle, die auf dem Schulhof stand. Aufgrund ihrer Form wurde sie die „Coladose“ genannt. Cassandra erzählte, dass sie vor der Sportstunde noch eine große Pause gehabt hatten. Ihre Ranzen und Sporttaschen durften sie schon in die Umkleide stellen. Sie wusste, dass die Jungs- und Mädchenumkleide gleich aussahen. Eine lange Gerade, im rechten Winkel dazu eine kurze Gerade, der Eingang zur Dusche und auf der anderen Seite das Gleiche mit dem Eingang zur Sporthalle, in der die Luft stand, der Boden mit farbigen Markierungen und schwarzen Strichen von Nichtturnschuhen übersät war und die Sonne durch schmierige Fenster schien.

Ihre Hofpause durften sie nicht in der Umkleide verbringen. Sie mussten hinaus und trafen dabei auf ihren Sportlehrer, der zur Mensa ging und ihnen verriet, dass sie jetzt mit dem Dauerlaufen anfangen würden. Darauf hatte niemand Lust, in den Wochen zuvor hatten sie Unihockey gespielt. Die Jungs in ihrer Klasse kamen auf die Idee das Feld einfach aufzubauen. Sie öffneten das, in der Wand eingelassene, Tor in der gegenüberliegenden Seite der Turnhalle. Die Sportgeräte kamen zum Vorschein. Auf einem weißen Mattenwagen, dessen vorderes rechte Rad leierte, lagen blaue und graue Matten. Jeweils zwei Schüler, Cassandra packte auch mit an, nahmen die Matten an den kurzen Seiten und gingen damit in die zwei Ecken der einen Hallenhälfte. Die Ecken wurden ausgepolstert, damit sich niemand dort verletzen konnte. Derweil hoben andere Schüler die Holzbänke hoch. Sie legten sie auf die Seite und trennten damit zum einem das Spielfeld ab, indem sie die Turnhalle halbierten und zum anderen schufen sie eine Bande, an der der weiße Ball abprallen konnte.

Zum Schluss wurden die Tore herausgeholt und aufgestellt. Als sie fertig wurden, läutete bereits die Schulglocke das Ende der Pause ein. Jetzt durften sie sich offiziell in der Sporthalle aufhalten. Sie waren sogar dazu angehalten, sich zügig umzuziehen. Das taten sie auch. Mit einem breiten Grinsen schauten gerade die Jungs hin und her. Von den Mädchen, sagte Cassandra, hatten nicht viele von der Aktion etwas mitbekommen. Daher konnten sie kein schlechtes Gewissen haben. Diejenigen, die mitgeholfen haben, hatten ziemlich Muffensausen. Ihr Sportlehrer, der die Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtete, kam von seiner Mittagspause wieder und lief bis unter den Scheitel metallic weinrot an. Er war stinksauer. Brüllte herum. Sofort sollte das Hockeyfeld wieder abgebaut werden. Er stampfte in den noch offenen Geräteraum und zog einen Stapel Pylonen aus einem Schrank. Die Kegel donnerte er einem Schüler vor die Füße. Spuckend wies er den Unglücksraben an, die Strecke auf dem Schulhof abzustecken.

So sauer hatte Cassandra ihren Sportlehrer erst zweimal gesehen. Das erste Mal war, als einer ihrer Klassenkameraden ein A4-Bild von Adolf Hitler, welches er für einen Geschichtsvortrag ausgedruckt hatte, unter der Tür der Lehrerumkleide geschoben hatte. Das zweite Mal war, als ein anderer Schüler nach einem verlorenen Volleyballspiel angefressen in die Kabine gestampft kam. Sein Platz, an dem sein Ranzen und die Sporttasche standen, die Jacke war aufgehangen, war auf der gegenüberliegenden Geraden. Mit dem rechten Fuß zog er sich im Gehen den linken Schuh aus und wollte ihn zu seinen Sachen kicken. Der Schuh fand auch sein Ziel. Zumindest zwischenzeitlich. Knöchelhoch flog er durch den Raum und prallte gegen die Rückenseite des nach vorn gekipptem Ranzen. Von dort flog der Schuh senkrecht zur Decke. Hinein in eine Deckenplatte.

Erst kam der Schuh wieder hinunter. Dann rieselte es. Die Schüler schauten auf das Loch Größe 43. Dann kam die Deckenplatte, die gegen den Jackenhaken krachte und sich zusammenfaltete, wie der Sportlehrer den Schuhkickenden.

Cassandra erinnerte sich sogar daran, dass der Schüler einen Tadel bekam und einen Aufsatz über Aggressionsbewältigung schreiben musste. Und das alles nur, wegen eines blöden Zufalls. Ein Gehirnfurz von Fortuna hatte dafür gesorgt, dass der Schuh dort oben landete. Wäre ein einziges Schulbuch mehr im Ranzen gewesen, dann wäre der Schuh einfach nur gegen den Jackenhaken geflogen. Ein Schüler hätte vom Aufschnüren seines eigenen Sportschuhes aufgeschaut, mit dem Kopf geschüttelt und die Sache wäre gegessen gewesen. Aber so gab es einen Haufen Ärger und einen spuckenden Sportlehrer.

Weiter als bis da, wurde der Lehrer nie gereizt. Doch an diesen Tag, an dem Cassandras Klasse draußen laufen sollte, war etwas anders. Und sie wusste damals nicht und weiß es auch heute nicht, welcher Teufel sie alle geritten hatte. Jedenfalls wurde die Strecke auf den Schulhof zwar ordentlich abgesteckt und alle Schüler gingen nach Draußen, allerdings machten sie sich nicht ans Aufwärmen, sondern versteckten sich vor ihrem Lehrer. Manche in den verwinkelten Eingängen, andere hinter der Turnhalle, hinter Bäumen und dem parkenden Lieferwagen des Cateringunternehmens, welcher das Schulessen in orangenen Boxen lieferte. Doch die meisten versteckten sich hinter einem riesigen Müllcontainer, der für den Bauschutt, des auf der anderen Zaunseite liegenden Kindergartens, herangeschafft worden war.

Mittlerweile kochte der Lehrer doppelt und dreifach. Er ging zu dem Container und schrie die Gruppe Schüler an. Drohte damit, dass alle eine sechs bekommen würden. Aber alle wussten, dass nie im Leben die ganze Klasse eine sechs bekommen würde und einzelne Schuldige konnte man nicht ausmachen. Es entwickelte sich eine Pattsituation. Es gab kein Vor und kein Zurück. Was so eine Pattsituation nun einmal ausmachte.

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