Kitabı oku: «Vierecke fallen nicht zur Seite»

Yazı tipi:

Johannes Irmscher

Vierecke fallen nicht zur Seite

Ein Epos für Arme

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhalt

Runde 1

Buch 1 -1-

Buch 2 -2-

Buch 1 -3-

Buch 1 -4-

Buch 1 -5-

Buch 1 -6-

Runde 2

Buch 2 -1-

Buch 2 -2-

Buch 2 -3-

Buch 2 -4-

Buch 2 -5-

Runde 3

Buch 3 -1-

Buch 3 -2-

Buch3 -3-

Buch 3 -4-

Impressum neobooks

Inhalt

Runde 1

Nadine Sömmerda:

Jetzt ist es so weit. Der Moment auf den über zwölftausend Zuschauer gewartet haben. Der Hauptkampf des heutigen Abends. Wir sehen, wie als erstes der Herausforderer in den Ring kommt. Rocco „Paulmanders ganzer Stolz“ Schneider wird von seinem Vater Fritz und von Igor Kadotmanegov zum Käfig begleitet. Ludovic, du hast mit allen drei trainiert, was geht gerade durch Roccos Kopf?

Ludovic Jabrovnik:

Rocco ist ein unheimlich erfahrener Kämpfer und hat Leute in der Ecke, da würde sich jeder hier im „German Brawl“ die Finger lecken. Mit 41 Jahren wird das sicherlich seine letzte Titelchance sein. Ja, vielleicht sogar sein letzter Kampf. Rocco ist ein sehr emotionaler Mensch. Wenn ihm all das durch den Kopf geht, könnte es schwierig werden. Von daher ist es vielleicht sogar ein Vorteil, diese Kurzfristigkeit.

Nadine Sömmerda:

Du sprichst es an. Nicht einmal zwei Wochen Vorbereitungszeit hatte Rocco. Das ist verdammt wenig. Insbesondere wenn man es mit so einem brandgefährlichen Gegner und Finisher wie Jakub Al-Hassan zutun bekommt. Andreas Starke hatte den Kampf nach dem Ausfall des regulären Herausforderers verschieben wollen. Jakub bestand allerdings auf eine mündliche Vereinbarung, die ihm einen Kampf in diesem Sommer zusicherte. Im Winter möchte er seinen ersten Kampf in der USA machen. Wie stehen die Chancen, dass er Deutschland als Halbschwergewichtschampion verlässt?

Ludovic Jabrovnik:

Um ehrlich zu sein, sehr groß. Rocco war ein toller Boxer. Auch jetzt hat er noch gute Hände. Die Kraft verlässt einen zuletzt. Und bei den großen Jungs reicht ein guter Schlag, aber Al-Hassan ist in jedem Aspekt der bessere Kämpfer.

Nadine Sömmerda:

Da kommt der aktuelle Champion. Zehn Kämpfe, zehn Siege und nur ein Kampf ging über die Zeit. Und ich habe den Eindruck, dass er heute besonders heiß ist. Bei dieser Kulisse; kein Wunder. Wie muss der Gameplan lauten?

Ludovic Jabrovnik:

Ich persönlich würde nicht viel ändern. Jakub Al-Hassan hat den Nimbus des Unbesiegten. Für einen Kämpfer ist das sehr wichtig. Ich nehme an, dass er Rocco so schnell wie möglich auf die Matte bringen möchte. Dort sind seine Stärken und er entgeht der Gefahr eines harten Treffers.

Nadine Sömmerda:

Wir werden es sehen. Jetzt lauschen wir zunächst den Vorstellungen des Ringsprechers.

Nadine Sömmerda:

Da ist der Gong. Die beiden Kämpfer klatschen sich gegenseitig ab. Da scheint der Trashtalk in der vorangegangenen Woche wohl nicht allzu schlimm gewesen zu sein. Schneider nimmt direkt die Käfigmitte ein. Und er steht sehr tief. Ungewöhnlich. Für die neuen Zuschauer, Ludovic, kannst du das erklären?

Ludovic Jabrovnik:

Genau, Ringkontrolle ist eine der Wertungskriterien für die Ringrichter. Das versucht Rocco gerade. Er nimmt die Mitte ein, um Jakub Aufgaben zu geben. Er steht relativ tief, damit er besser gewappnet ist, falls Jakub zum Takedown shoutet. Häufig gibt der Zaun da eine gewisse Sicherheit. Ihn kann man wie ein weiteres Körperteil nutzen, um aufzustehen. Bei einem Grappler wie Jakub wird das allerdings ziemlich schwierig, da er … UOH! Schöner Treffer. Da hat Rocco zum ersten Mal gezeigt, dass da noch ein ordentliches Pfund dahinterliegt.

Nadine Sömmerda:

Das hat Al-Hassan gar nicht geschmeckt. Er findet auch noch nicht die richtige Distanz. Nach einem Schlag fällt er immer wieder in den Clinch.

Ludovic Jabrovnik:

Das sollte er aber vermeiden. Jakub hat zwar die bessere Technik, aber Rocco wuchtet ihn hier ganz schön hin und her. Da muss er aber auf die klassischen Dirty-Boxing-Techniken aufpassen. Al-Hassans Ellbogen sind messerscharf. Aber er wird hier von Rocco an den Zaun gedrückt. Das ist nicht gut. Eigentlich müsste er sich lösen und ihn mit Schlägen eindecken, jetzt hat er ihn schon einmal am Zaun.

Nadine Sömmerda:

Und da kommen die angesprochenen Ellbögen. OUH! Der scheint getroffen zu haben. Ist das ein Cut? Es sieht so aus, da läuft Blut aus Schneiders Gesicht. Und Al-Hassan dreht, nein, er greift nach dem rechten Bein. Schneider will weggehen, Al-Hassan hält das Bein und ein schöner Outsidetrip. Direkt in der Sidecontrolposition gelandet. Jetzt muss er das Bein zu fassen griegen, aber Schneider dreht sich. Jakub umgreift seinen Hals, wird das eine Guillotine? Nein, das ist nur ein Kontrollgriff. Schneider steht wieder auf, aber Al-Hassan kontrolliert ihn noch, drückt den Kopf nach unten, geht in den Thaigriff, drückt ihn gegen den Zaun und OHH!; schönes Knie und noch eins. Schneider muss sich hier lösen. Schafft es. Jetzt liefern sich die beiden ihr eine wahre Kneipenschlägerei am Zaun und Schneider TRIFFT! Al-Hassan wackelt und und … da kommt der Gong. Wahnsinn. Was sagst du dazu, Ludovic?

Ludovic Jabrovnik:

Technisch keine tolle Runde, aber sehr unterhaltsam und spannend. Ich glaube Jakub hat jetzt zweimal geschmeckt, wie hart Rocco schlägt. Das ist in einem echten Kampf noch mal was anderes als im Sparring.

Nadine Sömmerda:

Wie würdest du die Runde werten?

Ludovic Jabrovnik:

Ganz klar 10-9 für Jakub. Er hat einen Takedown, vorausgesetzt, der zählt, Rocco war ziemlich schnell wieder oben, außerdem hat er viel mehr Treffer gelandet und ordentlich Schaden angerichtet. Auch wenn wir gerade sehen, dass der Cut unterm Auge ist. Das ist gut. Da ist die Sicht nicht beeinträchtigt. Ich bin sehr gespannt auf die zweite Runde.

Buch 1 -1-

Freyas linke Wange glühte rot. Es fühlte sich so an, als wäre sie mit Schnee eingeseift worden oder als würde sie, ohne Schal an einem kalten Wintertag, durch Schaldstättens Straßen laufen. Die Ohrfeige kam überraschend, der Schmerz meldete sich noch nicht zu Wort, als ihr Vater sie am Handgelenk packte und aus dem Kinderzimmer, über den Flur, hinein in das Bad zog. Freya schlüpfte aus ihrer durchnässten Schlafanzughose, mit den blauen und roten Rennautos und legte sie in das Waschbecken. Eine Wanne hatte die Familie Teutschwitz nicht und die Dusche würde Herr Teutschwitz für Freya benötigen. Das kleine Mädchen stand zitternd vor der Dusche mit der hohen Stufe. Der Vorhang mit Leopardenmuster war an die Wand gezogen, der dritte Halterungsring war zerbrochen und der Stoff hing etwas durch. Das Bad hatte keine Fenster und nur eine Glühbirne an der Decke erhellte den Raum. Um die Glühbirne herum gab es einmal eine cremefarbene Umhüllung aus Glas, die aber abfiel und zerbrach, als Freya und ihr Bruder Ian mit einem Ball in der Wohnung spielten. Jetzt schien eine einsame Glühbirne an der Decke zu schweben. Eine Mücke gesellte sich zu ihr, es war eine dieser Großen. Größer als Freyas Handfläche. Freya nahm sich vor, ihre Sachkundelehrerin nach der Art zu fragen. Morgen würde sie ihren Stundenplan für die dritte Klasse bekommen und sie nahm doch an, dass sie wieder Sachkunde haben würde. Ihr Vater hatte sich in die Dusche gelehnt und beugte sich nun wieder vor. Das Wasser hatte seiner Meinung nach, eine angemessene Temperatur. Er zog Freya über die Kante und hielt sie in der Dusche mit einer Armbeuge fest. Mit diesem Arm hielt er die Brause. In der freien Hand hielt er einen Schwamm, der beinahe auseinanderfiel und bei jedem Waschvorgang braungelbe Einzelteile im Abfluss zurückließ. Freyas Vater wusch recht grob den Urin von Freyas Beinen. Dann hob er das Mädchen aus der Dusche und trocknete sie mit einem Handtuch ab.

„Bleib“, sagte er zu ihr, wie zu einem Hund.

Herr Teutschwitz ging in das Schlafzimmer der Eltern, in dem sich seine Frau gerade umzog und holte ein Nachthemd von ihr. Es war mal weiß gewesen. Vor grauen Tagen. Der Vater zog es aus der unteren Schublade des Holzkleiderschrankes. Dann gab er es seiner Tochter.

„Zieh das an, leg dich auf die Couch“, befahl er.

Freya hielt das Nachthemd mit beiden Ärmchen umklammert und stapfte durch den Flur in das Wohnzimmer. Dabei ging sie an ihrem Zimmer vorbei, welches sie sich mit ihrem Bruder teilte. Ian stand in der Tür und hielt das Bettzeug und die Bettwäsche ähnlich wie Freya das Nachthemd. Freya wollte sich bei ihrem großen Bruder entschuldigen, doch sie traute sich nicht. Im Wohnzimmer setzte sie sich auf die Couch und schlüpfte in das Nachthemd ihrer Mutter, welches ihr natürlich viel zu groß war. Ihre Beine waren von dem Stoff komplett verdeckt und sie hätte es nach oben ziehen müssen, wenn sie durch die Wohnung hätte laufen wollen. Doch ihr Vater hatte ihr ja gesagt, dass sie sich hier hinlegen sollte und so tat sie das auch. In der hinterletzten Ecke verkrümelte sie sich. Sie fror an den Füßen und klappte das Nachthemd herum. Wie in einem Kokon gehüllt, lag sie da und wartete auf ihren Vater. Der kam mit einer Decke und legte sie auf Freya.

„Du schläfst heute Nacht hier.“

Freya war traurig, aber konnte es verstehen. Auf dem Bildschirm des kleinen Fernsehers liefen die Zusammenfassungen der Sonntagsspiele. Es dauerte nicht lange, bis ihr Vater einschlief. Das Schnarchen und die unbequeme Liegeposition hielten sie wach. Wie Kanonenschläge knallte es aus Herr Teutschwitz´ roter Nase. Dazu war sie noch sehr aufgeregt, da sie morgen in die dritte Klasse kommen würde. Hoffentlich würde Frau Rhemberg noch ihre Klassenlehrerin sein. Freya tat in dieser Nacht kaum ein Auge zu. Und wenn doch, dann war sie sich immer selbst bewusst. Sie beneidete Ian.

Ian legte sich ins Bett und es dauerte keine zehn Minuten, bis er einschlief. Ian lag auch immer mit dem Kopf zur Tür.

Irgendwann wurde in der kleinen Wohnung das Licht angemacht. Im Wohnzimmer hing keine Uhr und deshalb wusste Freya nicht, wie lange sie Zeit zum Schlafen gehabt hätte. Sie hörte, wie sich ihre Eltern in der Küche Frühstück machten. Die Filterkaffeemaschine blubberte und der kräftige Geruch drang durch die Küchentür, über den Flur, in das Wohnzimmer. Dazu knallten die Weißbrotscheiben aus dem Toaster. Freyas Mutter befürchtete, dass das Gerät bald den Geist aufgeben würde, deshalb sollten Freya und ihr Bruder es nicht benutzen. Die Neudrittklässlerin versuchte sich wieder in die Decke einzumummeln und wartete.

Sie wartete auf ihre Mutter. Wartete auf den Abschiedskuss. Doch das Licht in der Küche ging aus und die beiden Erwachsenen traten in den Flur des Mehrfamilienhauses. Sie stiegen die eine Treppe hinab. Vater Teutschwitz parkte weiter weg. Gemeinsam fuhren Freyas Eltern zur Arbeit. Dann überkam Freya die Müdigkeit und in dem Moment, in dem sie die Augen fest schloss, ging das Licht schon wieder an.

Ihr Bruder Ian hatte die Jalousie der Wohnzimmerglastür hochgezogen. Familie Teutschwitz besaß einen Balkon, der etwa einen Meter über dem Unkraut hing.

Ian rüttelte sie leicht und sagte ihr, sie solle sich anziehen. Freya tippelte in das Kinderzimmer. Sie sah, dass Ian die obere Hälfte des Hochbettes noch nicht neu bezogen hatte. Die Matratze lehnte am gekippten Fenster. Draußen sangen Vögel, obwohl in den umliegenden Straßen kaum Bäume standen. Gegenüber dem Hochbett stand ein Schrank, dessen untere Hälfte die Sachen von Freya beherbergte. Sie holte Unterwäsche und Socken heraus. Als sie auf einem Bein balancierte, um die linke Socke anzuziehen, stolperte sie beinahe über den gepackten Schulranzen. Das Zimmer war klein. Aber da sie noch keine Schulbücher bekommen hatten, war der Ranzen nicht sehr stabil oder schwer. Er gab zuerst nach und Freya durfte stehen bleiben. Dann zog das Mädchen sich eine alte Jeans von Ian an. Viele Sachen, die ihr gehörten, hatten früher Ian gehört. Der Ranzen auch. Freya hätte lieber einen violetten Schulranzen gehabt. So wie ihre Freundinnen. Doch ihrer war blau und mit Rennautos versehen, deren Scheinwerfer kleine Reflektoren waren. Sie wollte sich gerade ihr T-Shirt anziehen, als Ian in das Zimmer kam.

„Warte mal“, sagte er, „geh dich erstmal waschen.“

Gemeinsam gingen die Geschwister in das Bad. Ian zeigte ihr wie Katzenwäsche funktionierte. Dann ließ er sie noch Zähneputzen. Abwechselnd spuckten sie ins Waschbecken. Die Borsten von Freyas Zahnbürste standen wilder ab, als Ians blonde Haare und stachen leicht in das Zahnfleisch.

Ian und Freya hatten beide die gleiche Haarfarbe. Im Frühling war es ein helles Straßenköterblond. Wenn die Sonne normal schien, würden die Köpfe der Geschwister Mitte Oktober am Hellsten aussehen. Wenn der Winter kam, wurden sie dann wieder dunkler. Freya beobachtete, wie Ian Wasser an seine Haare klatschte. Dann setzte er sich die schwarze Mütze auf. Er trug sie fast immer im Haus und Draußen sowieso.

Die ramponierte Zahnbürste wackelte noch in dem ausrangierten Senfglas, als Freya und Ian sich an den Küchentisch setzten. Ian holte aus dem ausziehbaren Fach unter der Arbeitsfläche zwei Cornflakesschüsseln aus ehemals roter Plastik heraus. Man sah, dass sie ihre besten Jahre in der Mikrowelle hinter sich gelassen hatten. Die beiden Schüsseln stellte er auf die Arbeitsfläche, durch die ein langer Kratzer, hervorgerufen durch einen Stein unter einem Brettchen, lief. Aus dem Schrank darüber holte er eine Packung, oder wie Freya sagen würde „Pappung“, Nougatkissen hervor und eine rot-schwarze Dose, durch deren zerschrammten, durchsichtigen Deckel man Haferflocken sehen konnte. Erst füllte er die Schüssel zur Hälfte mit Haferflocken auf, um dann Nougatkissen hinzuzufügen. Ian stellte die Cornflakes zurück an ihren Platz. Danach öffnete er die Kühlschranktür.

Der Kühlschrank war kaputt und deshalb waren die Einlassungen an der Tür leer. Ian holte eine „Pappung“ Milch heraus, drehte an dem weißen Verschluss und roch daran. Sie schien in Ordnung zu sein. Als er die Milch in die Schüsseln goss, waren die einzigen Klumpen die Kissen. Freya hatte derweil die Löffel aus der Besteckschublade geholt. Ian erlaubte ihr, einen großen Löffel zu nehmen. Bei ihren Eltern durfte sie nur die kleinen Plastikexemplare benutzen, die es dazu gab, wenn man sich ein Schokoladenei zum Auslöffeln kaufte. Gemeinsam mit den großen Löffeln, machten sie sich über ihr Frühstück her.

In der Küche hing zwar eine Wanduhr, doch Freya half das nicht. Klar es war 7:00 Uhr, das konnte sie schon lesen, doch sie wusste nicht, wie sie es einordnen sollte. Ohne Ian würde sie bestimmt zu spät zur Schule kommen. Er passte auf sie auf. Ian wartete, bis seine kleine Schwester aufgegessen hatte. Nahm dann die Schüsseln und spülte sie ab. Während er mit dem gemusterten Tuch über die Plastik fuhr, schickte er die widerwillige Freya schon ins Bad. Sie wollte sich kein zweites Mal die Zähne putzen. Die Bürste tat weh und die Zahnpasta schmeckte fürchterlich.

In Freyas Grundschule war einmal eine Frau gewesen, die hatte ihnen gezeigt, wie man richtig Zähne putzte. Die Kinder sollten eine farbige Flüssigkeit trinken und erst, wenn alles weg war, hatten sie gut genug geputzt. Die Zahnpasta hatte nach Waldmeister geschmeckt. So eine Tube hätte Freya gern. Sie überlegte schon, ob sie nur so tun sollte, als ob, doch da stand Ian bereits neben ihr.

Wachsam schaute er ihr zu. Dann gingen sie aus dem Bad raus. Ian sprühte noch etwas Parfüm auf sein T-Shirt. Es war das Parfüm des Vaters und Freya rümpfte die Nase. Mittlerweile war es 7:10 Uhr. Ian und Freya zogen sich ihre Schuhe an. Freya brauchte keine Hilfe beim Schleifenbinden. Die Schuhe waren neu, sie hatte sie diese Sommerferien bekommen. Ian hob ihr den Ranzen hoch, dabei war er gar nicht schwer und Freya schlüpfte mit den dünnen Ärmchen durch die Tragelaschen. Die Protektoren am Rücken waren schon leicht zerrissen und faserten so wie der Schwamm aus, doch sie lagen eng an Freyas Oberteil an. Ians Ranzen war ein Rucksack und baumelte weit unten. Zwischen Rucksack und Rücken klaffte eine große Lücke.

„Hast du dein´ Schlüssel?“, fragte Ian. Freya nickte fleißig. Der Schlüssel war an einem langen schwarzen Band mit dem Aufdruck „4. Paulmander Stadtteilfest“ befestigt.

Paulmander war eines der neusten Viertel von Schaldstätten. Es lag ziemlich weit draußen. Um den Bokettoberg mit dem Aussichtsturm und dem Rosengarten, standen Altbauhäuser mit Geschäften. Das alles war vor der Eingemeindung eine eigene Stadt. Um den Berg herum herrschte viel Trubel und es gab zwei große Einkaufscenter. Die Nebenstraßen bestanden zunächst aus größeren Gebäuden und nördlich entstanden Einfamilienhaussiedlungen. Südlich des Bokettoberges erhoben sich Wohnblöcke. Ian konnte sich noch erinnern, wie es zwischen den großen Häusern Felder gegeben hatte. Für Freya war das zu lange her. Mittlerweile wurden auch immer mehr Häuser gebaut, die viel schicker aussahen, als das in dem die Familie Teutschwitz wohnte. Zwei großen Straßen zogen sich wie Halbringe durch Paulmander. An den Seiten des zweiten Ringes standen hauptsächlich Industriebetriebe, die von außen alle gleich weiß aussahen.

Das Haus, aus dessen Glastür Freya und Ian gingen, war grau und bis zur zweiten Etage mit Tags überzogen. Die Steinplatten, die den Gehweg bildeten, waren teilweise lose und Löwenzahn zeigte sich in den Lücken. Die meisten Blüten sahen schon lange nicht mehr gelb aus. Auf einer dieser Steinplatten stand ein Junge, der im selben Haus wohnte und mit Ian in eine Klasse ging. Alex war in diesem August dreizehn Jahre alt geworden. Beide Hände von Alex steckten in einer knallgelben Trainingsjacke. Kleine Fliegen sammelten sich daran. Eigentlich war es so warm, dass man keine Jacken benötigte. Alexanders Haare waren an den Seiten mit Mustern rasiert und oben stachelig nach oben gegelt. Er wartete auf Ians Befehl und die drei marschierten an zwei Hauseingängen vorbei. Vor der 38 blieben sie stehen. Die beiden Jungs schauten fragend zu Freya hinunter.

„Ich habe Patrick in den Sommerferien nicht gesehen. Wir haben uns nichts ausgemacht. Wir müssen nicht warten.“

Patrick Schmidt wohnte im Kleinhauerweg 38 und war Freyas Sitznachbar. Seit der ersten Klasse. In den letzten Sommerferien hatten sie noch viel unternommen. Dieses Jahr nicht. Patrick war am Anfang zwei Wochen nach Kroatien gefahren. Dann war er nicht mehr rübergekommen. Alex nickte mit seinem kantigen Schädel. Alexander hatte ein Gesicht, dass schon sagte: „Wenn du mich haust, tut es eher dir weh als mir.“ Freyas Vater würde von einem Russenschädel sprechen.

Am Ende des Kleinhauerweges bogen die Schüler nach links ab. Für Fahrzeuge war die Straße eine Sackgasse, doch hinter dem letzten Wohnhaus gab es einen kleinen Trampelpfand. Die Stadt hatte die Büsche an den Seiten im Sommer geschnitten und so passten mit Ian und Alex zwei Siebtklässler nebeneinander durch die Schlippe. Freya trottete hinterher. Sie hielt sich an ihrem Ranzen fest. Sie kamen auf den Fußweg des zweiten Ringes raus. Busse und LKW fuhren über den neuen Flüsterasphalt, der die Geräuschkulisse reduzierte. Die Sonne stand noch nicht hoch genug, um auf den Gehweg zu scheinen. Die Industriegebäude auf der rechten Seite warfen ihre Schatten auf die Fußgänger, unter denen sich auch einige andere Schüler befanden. Sie passierten die U-Bahnstation „Paulmander Ring“. Hier fuhr die U6. Es handelte sich um eine der letzten Stationen. Danach kam nur noch der „Bokettoberg“ und „Paulmander Nord“. Die Station hatte zwei Treppen. Eine, die direkt auf den Ring führte und eine andere, die sich hinter der umzäunten Freifläche befand. Die Freifläche war eine der letzten im Viertel. Früher wurde sie als Abenteuerspielplatz genutzt. Es gab zwei große Bäume, die früh in ihrer Wachstumsphase gebrochen worden. Deshalb führte kein gerader Stamm nach oben, sondern viele Kleine. Ein wahres Kletterparadies. Jetzt waren die Bäume gefällt, dafür hatten die Disteln eine ähnliche Höhe, sie boten allerdings erheblich weniger Kletterspaß. Gegenüber der Fläche stand die Mycathie-Akihi-Realschule. Direkt dahinter, die Tuhlmspatz-Grundschule-Schaldstätten.

Der Tuhlmspatz war eine Sagengestalt, schon bekannt, als Paulmander noch ein Dorf war. Den Geschichten nach wohnte er im Fluss Tuhlm, der nördlich des Bokettoberges verlief und im Hafen von Schaldstätten, kurz vor dem monumentalen Glaskino in den großen Fluss floss. Im Winter grub sich der Tuhlmspatz in das Flussbett ein und sorgte so dafür, dass kleine Erdbrocken in das Wasser fielen, deshalb mäanderte der Tuhlm so stark. Die Dorfbewohner wollten das nicht und fragten den Tuhlmspatz, ob er das nicht lassen könnte. Der Tuhlmspatz schlug einen Handel vor. Jedes Jahr zum Erntedankfest sollten ihm jeweils das klügste, das kräftigste und das schönste Kind von Paulmander eine Gabe an sein Heim bringen. Wenn die Kinder das täten, würde er den Tuhlm wieder begradigen. Und so setzten sich die Bewohner jedes Jahr, kurz vor dem Erntedankfest, zusammen und suchten das klügste Kind, sie suchten das schönste Kind und sie suchten das stärkste Kind. Das ging so lange gut, bis eine Familie der Meinung war, ihr Kind sei nicht nur das Schönste, sondern auch das Klügste. Und sie stritten und sagten, schimpften und fluchten. Die anderen Dorfbewohner waren sich nicht sicher, ob der Tuhlmspatz das erlauben würde. Die Älteren waren vehement dagegen. Sie konnten sich noch an die Überschwemmungen und an die mühsame Arbeit an den Uferverläufen erinnern. Jetzt war es viel leichter mit den Flößen in den großen Fluss zu fahren und die Felder waren klar abgegrenzt. Sie wollten es sich nicht mit dem Tuhlmspatz verscherzen und so versuchten sie die Jüngeren zu überzeugen. Doch es gab nicht mehr so viele Alte, die sich noch an die schlingrigen Zeiten erinnern konnten. Die Jungen waren in der Überzahl und die Jungen hielten es für normal, dass alles gerade lief. Die Meisten von ihnen glaubten noch nicht einmal, dass es den Tuhlmspatz wirklich gab, deshalb ließen sie es zu, dass ein Kind zugleich das Schönste und das Klügste genannt wurde. In diesem Jahr wurden nur zwei Gaben an den Fluss gelegt und im Winter trat der Tuhlm wieder über die Ufer. Die Paulmanderer waren erbost. Die Familie, die ihr Kind zwei Plätze hat einnehmen lassen, wurde geächtet. Im nächsten Jahr wurden wieder drei Kinder ausgewählt und jedes von ihnen trug zwei Körbe mit Ernteerzeugnissen.

Ian, Freya und Alex schritten die Treppe zu der U-Bahnstation hinunter. Sie hätten auch um die umzäunte Freifläche herum gehen können, doch das hätte länger gedauert. Der Tunnel war lang und Freya, obwohl sie ihn gut kannte, recht unheimlich. Sie beeilte sich, um den Abstand zu ihrem Bruder nicht zu groß werden zu lassen. Als sie wieder an das Tageslicht kamen, trennten sich die Wege der Geschwister. Freya musste, wenn sie zu der Grundschule wollte, entlang einer Mauer hinter das große Schulgebäude laufen. Sie wollte ihren Bruder umarmen, doch unterdrückte den Impuls und ging winkend hinter den anderen Grundschülern her. Sie sah Neslihan und John, die sie beide sehr mochte und die hinter ihr saßen. Als sie sie einholte, waren Ian und Alex schon außer Sicht. Alex hatte eine Armbanduhr mit einem grüngelben Stoffband und sagte Ian, dass es 7:25 Uhr sei. Die Schüler standen schon dicht gedrängt vor dem Schuleingang. Die Glastüren waren aufgeschlossen, doch man durfte erst in fünf Minuten hinein gehen. Seitlich der Treppe befand sich ein Fahrradständer, an dem eine Gruppe Zehntklässler stand und rauchte. Der Platz vor dem Haupteingang war klein und wurde durch den Bauzaun begrenzt. An der anderen Ecke des Zaunes, führte eine Straße auf den kleinen Platz. Fahrräder und Elterntaxen fuhren dort. Es war schon oft zu kleinen Unfällen gekommen. Die Masse der Wartenden wurde größer und sah von oben aus wie ein Pfeil. Um die Fassade der Schule stand auch ein Bauzaun. In abwechselnden Entfernungen, von fünfzig Zentimetern bis zu zwei Metern. Aus der Plattenfassade der Mycathie-Akihi-Realschule fielen Steine heraus. Es klingelte und die Türen wurden geöffnet. Die Schüler drangen hinein. Die Schule erstreckte sich über vier Etagen und hatte die Bauform eines Rechtecks, in dessen Mitte der Schulhof lag. Treppenaufgänge gab es an den Stirnseiten.

„Hast du den Stundenplan?“, fragte Ian.

„Klar, der ist gestern online gegangen“, sagte Alex.

Weder Ian noch Freya besaßen einen Laptop oder ein Handy.

„Wo haben wir? Was haben wir?“

„Deutsch, 401“, antwortete Alex.

Ian wäre ohne Alex von den ausgehängten Zetteln im Glaskasten abhängig gewesen und vor dem sammelten sich gerade eine Menge Schüler.

Die Schule hatte Räume auf beiden Seiten, dadurch sahen die Gänge sehr dunkel und eng aus. Eine senfgelbe Farbe sollte das vertuschen. Alex und Ian quetschen sich durch die Ranzenmassen. Matthias, der von den deutschen Jungen nur bei seinen Nachnamen Schlagmann gerufen wurde, traf beim Treppenabsatz zu ihnen. Dass er ein Jahr älter war als die beiden, konnte man nicht erkennen. Die Jungs klatschen ein, rutschen dann mit der Handfläche zu einer Faust und ließen die Finger kurz gegeneinander fallen. Ian ging als erster die Treppe hoch. Oben warteten seine Klassenkameradinnen Vivien und Tania. Die beiden waren seit den Sommerferien beste Freundinnen und erzählten das, als sie Ian zur Begrüßung umarmten. Ian war größer als Schlagmann und Alex. Vor den Sommerferien war auch größer als Vivien gewesen. Sie war mit ihren Eltern in die serbische Heimat gefahren. Dort war sie größer und brauner geworden. Tania war weiterhin klein und weiß wie ein Toastbrot. Dafür schminkte sie sich schon stark. Der rote Lippenstift hob sich deutlich von der hellen, leicht pickligen Haut ab. Tania Jentzsch trug ihre schwarzgefärbten Haare kurz. Nette Menschen würden von einer feschen Kurzhaarfriseur sprechen, die 7a war da deutlich primitiver und sagte „Lesbenfrise“. Vivien trug ihre braunen Haare zu einem strengen Pferdeschwanz. Die Babyhaare fielen ins lächelnde Gesicht.

Alex und Schlagmann standen hinter Ian und warteten darauf, ob sie von Vivien und Tania auch umarmt werden würden. Die beiden Mädchen machten aber dahingehend keinerlei Anstalten, sondern gingen die zweite Treppe hoch. Viviens Hose war kurz. Viviens Eltern hatten sie abgenickt. Viviens Eltern liefen allerdings auch nicht hinter ihrer Tochter eine Treppe hoch. Ian hingegen schon. Er versuchte nicht auf die herausfallenden Pobacken zu schauen.

Letztes Jahr gab es einen großen Streit unter den Mädchen, der sogar im Stuhlkreis diskutiert wurde. Vivien Radokc hatte einen Freund, aus der damaligen achten Klasse und wurde von der Mädelsgruppe um Elen Civelek als Schlampe bezeichnet. Dann gab es eine Phase, in der die deutschen Mädchen, Vivien gehörte als Serbin scheinbar auch dazu, die türkischen Mädchen provozieren wollten, in dem sie sich freizügiger anzogen. Angeblich zumindest. Während Ian an der Tür des Raumes 401 stand und auf den Sitzplan schaute, dachte er an diese Wochen zurück und erinnerte sich, dass er erst etwas davon mitbekommen hatte, als sie im Stuhlkreis saßen.

Der Sitzplan war gleichgeblieben. In den meisten Räumen waren die Tische zu einem „U“ geformt. Es gab auf beiden Seiten jeweils zwei weitere Tische, die in der Mitte standen. Ian saß in der Wandreihe und Vivien direkt vor ihm, auf einem der mittigen Plätze. Alex saß einen Platz versetzt hinter Vivien in der letzten Reihe und Matthias rechts daneben. Neben Schlagmann saß der schlaksige Franz Timbherg. Sein Adamsapfel tanzte auf Höhe des Kinns. Er saß schon da und begrüßte seine Freunde. Franz hatte den letzten Platz, der einen geraden Blick auf die Tafel zuließ. Ian musste seinen Kopf immer nach rechts drehen, doch er war noch besser dran als seine linke Banknachbarin.

Das war Lena Kraft. Eingeengt zwischen Ian und Franz saß Lena, die, nach einhelliger Meinung, eines der hübschesten Mädchen aus der Klassenstufe war. Dabei war sie noch eine der Jüngsten und würde erst im Mai dreizehn Jahre alt werden. In der 7a gab es einige Schüler, die sitzen geblieben waren oder schon im Sommer Geburtstag hatten. In den letzten Wochen des vorangegangenen Schuljahres hatte sich eine Beziehung zwischen Ian und Lena angedeutet. Am letzten Schultag hatten sich die beiden geküsst. Für Ian und Lena war es der erste Kuss auf dem Mund des anderen Geschlechts seit dem Kindergarten gewesen. Dementsprechend freudig schaute Ian auf, als die Klassenschönheit durch die Tür trat und sich mit vielen Umarmungen einen Weg durch die Wandreihe freischaufelte. Die blonden Haare hatte sie eng an die Kopfhaut geflochten und zwei Zöpfe hingen in ihrem Nacken. Das weiße Top hatte an den Ärmeln, am Hals und am unteren Rand Elemente aus Spitze. Dazu trug Lena eine braune Stoffhose, die weit über ihren Knöcheln endete.

Ian wollte seine Coolmanrolle einnehmen, doch er grinste, wie ein Hund, der, nachdem ihm das Halsband abgenommen wurde, schwanzwedelnd im Flur saß und wusste, dass es gleich aus der schwarz-roten Verpackung in der Speisekammer einen Hundekeks geben würde. Entsprechend enttäuscht schaute Ian drein, als Lena an ihm vorbeilief und Franz, Matthias und Alex umarmte.

Das konnte er nun überhaupt nicht verstehen. Klar, Franz war okay. Franz konnte sie umarmen, die kannten sich auch schon lange und waren auch Sitznachbarn. Aber Schlagmann und Alex? Die wurden nie umarmt und erst recht nicht vor Ian. Doch Lena ignorierte ihn weiter und quetschte sich auf ihren Platz. Die Nähe, die Stuhlbeine berührten sich, nahm der Geste etwas die Wirkung, doch Ian fühlte sich trotzdem schlecht.

„Is´ was?“, fragte Ian, während er den knarzenden Stuhl zurückzog, um sich auf die zerkratzte und ausgediente Sitzfläche zu fläzen.

„Nö“, sagte Lena und holte aus ihrer Tasche die Stiftebox und einen Collegeblock heraus. Ihren Ranzen aus dem letzten Jahr hatte sie gegen eine große Umhängetasche mit Reißverschluss eingetauscht. Ian bezweifelte, dass da alle Bücher reinpassen würden und er zweifelte auch an Lenas Antwort.

„Wir war´n deine Ferien?“

„Gut.“

Lena beließ es dabei. Dann kam Frau Lärmer-Nilmarch, die immer nur Frau Lärmer genannt wurde, in den Raum 401, schmiss ihre Ledertasche auf den einzigen gepolsterten Stuhl und legte zeitgleich mit dem Klingeln ihre beringte Hand auf den Lehrertisch.

Aus irgendeinem unerfindlichen Grunde trugen die Lehrer an der Akihi-Realschule Namensschilder. Als wäre es nicht schon schwer genug in einer lauten, mit dreißig Schülern übervollen siebten Klasse Autorität auszustrahlen. Das Namensschild ließ die Deutschlehrerin wirklich lächerlich aussehen. Zumal dort auch nur „Frau Lärmer“ stand. Ein Kollege hatte das verbockt. Dabei war es ihr wichtig bei ihrem vollen Namen genannt zu werden. Das erwartete sie auch von ihren Schülern, das Namensschild war da keine große Hilfe. Sie hatte leider auch keine große Stimme, wenn sie lauter werden wollte, überschlug sie sich und das hörte sich sehr albern an. Deshalb hatte Frau Lärmer-Nilmarch sich für eine sehr leise Sprechweise entschieden. Fast flüsternd erklärte sie die ganzen organisatorischen Dinge, die zu Beginn eines neuen Schuljahres geklärt werden mussten. Sie wurde dabei immer wieder vom Klopfen an der Tür unterbrochen. Nach dem dritten Schüler, der zu spät kam und gegen die Tür hämmerte, ließ sie sie einfach offenstehen. Im Raum 401 gab es keine freien Stühle mehr und deshalb wurde der Kartenständer zum Türstopper umfunktioniert. Es waren schon fünfzehn Minuten der Unterrichtszeit verstrichen, als mit Adem der letzte Schüler, durch die nun offene Tür, kam. Letztes Jahr war sein Platz noch in der letzten Reihe gewesen, doch er wurde von Frau Lärmer, die auch gleichzeitig die Klassenlehrerin der 7a war, nach vorne in die Mädchengruppe gesetzt. Wie ein Gockel saß er da, umgeben von Elen, Gülsah, und Aiyln in der Fensterreihe. Jetzt kam Frau Lärmer zum Thema Bücher. Die Klasse wurde in drei Gruppen aufgeteilt und sollte sich die Schulbücher aus dem Bücherraum holen. Die erste Gruppe war die komplette Wandreihe, mit den dazugehörigen mittleren Plätzen. Lena stand schnell auf. Sie wollte vor zur Tür, konnte aber zwischen sich und Ian nur SS-Sveni bringen. SS-Sveni hieß mit Vornamen Silvio-Sven. Seinem Vater war die Konnotation sehr wohl bewusst. Hätte der Junge, der nun hinter Lena wartete, weil der dicke Leroy es nicht schaffte aufzustehen und die anderen sich stauten, mit Nachnamen Bauer, Müller oder Michl geheißen, so wäre sein Spitzname wahrscheinlich SS-Müller und so weiter geworden. Aber Silvio-Sven hieß mit Nachnamen Aé und daraus konnte man nun wirklich gar nichts machen. Als Leroy es endlich geschafft hatte, seine Rundungen aus der Umklammerung des Stuhles zu lösen, drängten die Schüler aus dem Raum, wie Sprudel aus einer geschüttelten Flasche. Lena machte weiter Plätze auf Ian gut, der an der Tür mit einer generösen Geste Vivien den Vortritt ließ. Das junge Mädchen machte einen Schritt aus der Tür und drehte sich dann im Flur auf, so dass sie neben Ian laufen würde. Im Gang war es schon sehr laut. Eigentlich war die Einteilung so, dass die Klassen sich abwechselnd die Bücher holen sollten. Doch den Geräuschen nach, waren wohl alle Schüler auf den Beinen. Bei einem Probefeueralarm gelang das selten.

„Es ist wohl Ärger im Paradies?“, fragte Vivien. Sie mussten an einer der Feuerschutztüren warten. Logischerweise hatten diese Türen einen Holzrahmen. Doch der Umstand, dass sie nur mit dem Kraftaufwand von fünf Siebtklässlern geöffnet werden konnten und deshalb spätestens ab dem zweiten Schultag immer sperrangelweit offenstanden, indem sie mit dem Metallhaken in der Öse befestigt wurden, machte sie noch obsoleter.

„Nein, alles paletti“, antwortete Ian ausweichend.

Auch wenn er Vivien mochte, wusste er, dass es keine gute Idee wäre, mit ihr über solche Sachen zu reden.

Lena hatte mit Vivien geredet. Sie hatte sich bei ihr beschwert, dass Ian ihr einfach nicht schrieb. Es kotzte sie schon an, dass er ihre Bilder auf SchülerCC nicht kommentierte. Ian hatte immer eine fadenscheinige Ausrede parat, von wegen; kein Handy, keinen Computer und so einen Mist. Ihrer Meinung nach sollte er dann einfach mal den Mut haben, seine Eltern zu fragen. Konnte ja nicht so schwer sein. Unter strengster Geheimhaltungsvereinbarung hatte Lena Vivien das alles erzählt.

Lena war schnell mal eingeschnappt, wenn sie nicht die Aufmerksamkeit bekam, die sie ihrer Meinung nach verdiente. Und sie hatte mit viel mehr Aufmerksamkeit seitens Ian gerechnet, gerade nach dem Kuss.

Etwa eine Viertelstunde von der U-Bahnstation „Paulmander Nord“ entfernt, nah des Bokettoberges, gab es einen See, an dem die Schüler traditionell den Nachmittag ihres letzten Schultages verbrachten. Letztes Jahr waren Ian und Lena dafür noch zu klein gewesen, deshalb stromerten sie stattdessen in den schmalen Gassen am Bokettoberg herum und setzten sich irgendwann an das Ufer des Tuhlm. In dem kleinen Park gab es mehrere Bänke, meist waren sie von Rentner besetzt. Die hatten immer Zeit. Doch an diesem Tag schienen Ian und Lena Glück gehabt zu haben.

Lena hatte für sich und Ian jeweils einen griechischen Joghurt gekauft. Der Vater ihrer Mitschülerin Maria führte ein Restaurant. Es befand sich in dem Keller des älteren Einkaufcenters. Früher sah dieses Gebäude fremd zwischen den Altbauhäusern des Außenbezirkes aus. Doch nun hatten Häuser dieser Art die Vorherrschaft in Paulmander errungen.

Den Joghurt aßen sie mit einem kleinen Löffel, den Freya verächtlich weggeschmissen hätte.

Etwa bei der Hälfte, ein Kanu zischte gerade an ihnen vorbei, fragte Lena Ian, ob er sie küssen wollte. Es war so unromatisch, aber auch so kindlich einfach gewesen. Ian hatte zwar gar keine Ahnung, doch nutzte die sich ihm bietende Chance. Er nahm Lenas schmale Hand, an der sie ein Armband trug, das zu ihrem Halsschmuck passte. Dann zog er an der Hand und ihre Schulter fiel nach vorn. Schnell beugte sich Ian zu ihr und küsste sie auf die kalten Lippen, die nach Apfel schmeckten.

Lena kicherte.

„Das musst du anders machen“, so hatte sie es zumindest in Zeitschriften gelesen, die ihre Mutter und ihre große Schwester lasen. Sie nahm sich Ian und streckte etwas zu früh ihre Zunge heraus. Der Belag war vom Essen weiß. Im Mund von Ian wusste sie dann aber auch nicht, was sie machen sollte und so fühlten sich die wenigen Sekunden ziemlich lang an. Es war nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatten, aber irgendwie doch ganz schön. Irgendwie doch ganz okay. Lena fragte sich, ob sie jetzt erwachsen wäre.

Den letzten Teil hatte sie Vivien nicht erzählt, den ganzen Rest hingegen schon. Und Vivien hatte es Tania erzählt und das erklärte, weshalb Tania und Lena die Köpfe zusammensteckten, als sie die Treppen hinunter gingen.

Vor dem Bücherraum stand eine Schlange, die noch aus etwa sechs Schülern bestand. Frau Giebenrath teilte die Bücher aus. Die Schüler mussten den Empfang, so wie absurderweise den einwandfreien Zustand der Bücher bestätigen. Die Schimmelflecken, die herausgerissenen Seiten und die aufgemalten Hitlerbärtchen existierten dann für ein Jahr nicht mehr. Erst bei der Bücherrückgabe tauchten sie wieder auf. Ian bekam seinen Stapel und sah, dass der Haufen größer war als letztes Jahr. Während er Vivien die dicksten Bücher abnahm, fragte er sich, wie Lena die ganzen Bücher nachhause tragen wollte. Würden sie überhaupt in ihre Tasche passen?

Frau Lärmer-Nilmarch schickte die letzte Reihe zum Bücherholen. Danach erklärte sie, dass die Bücher eingeschlagen werden sollten. Ian blätterte die erste Seite seines Deutschbuches auf. Dabei fragte er sich, ob einer seiner fünfzehn Vorgänger das Buch eingeschlagen hatte. Der Unterricht war fast vorbei, als endlich alle wieder oben waren. Ahmet schaute auf seine Vorgängerliste und haute seinem Kumpel Deniz mit einem Neandertalergrunzen auf den Rücken.

„Höhö, isch hab´ Riccardas.“

Deniz zog an Ahmets Mathebuch. Er wollte nachschauen. Riccarda war aus der Neunten und deshalb ein Thema, weil sie Melonen hatte, die größer waren als Leroys Bauch.

„Pfff“, schnaubte Lena verächtlich, „die mit ihrem ekligen Atombusen. Wie kann man so was nur geil finden.“

„Ja stimmt“ und „Mhmmhm“, nickten Schlagmann und Franz eilig. Das waren zwei Ja-Sager vor dem Herrn. Schlagmann, weil er sich einschleimen wollte und Angst hatte, nicht mehr bei den Coolen sein zu dürfen und Franz, weil er mit seinen überlangen, überdünnen Gliedmaßen nicht nur wie eine Marionette aussah, sondern sich auch wie eine verhielt. Franz schien keine Meinung zu irgendwas zu haben. Lena schaute Ian an und wartete, ob er ihr zustimmte. Schlagmann und Franz schauten ihn genauso an, da er es eigentlich war, der die Befehle gab und die beiden nun unsicher waren, auf wenn sie hören sollten. Frau Lärmer-Nilmarch, die hier eigentlich die Chefin sein sollte, beendet einen Tick vor dem Gong die Stunde. Mit einem Mal rückten alle Stühle über den Linoleumboden, der von der Kippelei Dellen und von den schwarzen Gumminoppen Striemen hatte.

Sie hatten fünf Minuten, um vom Raum 401 zum Raum 213 zu gelangen. Auf den vollen, schmalen Gängen dauerte das ewig. Für Toilettenbesuche war keine Zeit. Bei Frau Szchemanek, der Englischlehrerin, wollte wirklich niemand zu spät kommen, denn sie konnte ein Drache werden. Allerdings wollte man bei ihr auch nicht auf die Toilette müssen. Ian fand es schon demütigend genug, andere um die Erlaubnis fürs Pissen zu fragen, aber bei Frau Szchemanek konnte man sich das gleich sparen. Nie im Leben würde sie ein Verlassen des Unterrichtsraumes für so einen irrelevanten Grund erlauben. Naja, wenigstens war sie konsequent, denn Trinken durfte man bei ihr auch nicht. Ahmet Ezzedine hatte es einmal versucht. Sie hatte ihn nach vorn zur Tafel geholt, auf Englisch ermahnt und gleich mal mündlich drangenommen. Ahmet war in Englisch eine Niete, nicht einmal die Fragen hatte er verstanden. Die Note Fünf hatte Frau Szchemanek auf Deutsch ausgesprochen. Klar, deutlich und deutsch. Dabei hätte Ahmet dieses Zahlwort ausnahmsweise gekannt, da er den Großteil seiner Schulzeit damit verbrachte, mit seinem Sitznachbarn Deniz „High Fives“ einzustudieren.

Auch der Raum 213 ordnete die Tische in einer U-Form an. Allerdings waren hier die Abstände zur Wand größer. So konnte Ian ein paar Zentimeter zurückrutschen und Lena den Blick auf die Tafel gewähren. Als Frau Szchemanek fünf Minuten nach dem Klingeln, bei ihr war das kein Thema, in den Raum kam, war die Tafel noch leer. Da war es auch kein Problem, dass Lena wenig sehen konnte. Doch Frau Szchemanek schaffte es stets in einer atemberaubenden Geschwindigkeit die Tafel mit ihrer großen, aber schiefen Schrift vollzuschreiben. Dabei redete sie unentwegt und ausschließlich auf Englisch, während die Metallhalterungen, in denen sie die Kreide steckte, damit sie keine schmutzigen Hände bekam, wie in einem Comic über die grüne Tafel flogen. Dann bekam Lena meist ein Problem, denn für so etwas war eine U-förmige Sitzordnung Mist, egal wie sehr Ian rutschen würde. Die Wandreihe und die Fensterreihe beugten sich, aufgereiht wie Orgelpfeifen, nach vorn. Jeder Schüler ein Stück weiter als sein Sitznachbar. Und die, die ganz hinten saßen, hatten dann ein wirkliches Problem. In der Wandreihe war das Lena und ihr gegenüber saß der zweite Alex. Zu Alex´ Vorteil befand sich die Tafel nicht mittig, sondern im rechten Drittel der vorderen Wand. Links daneben stand der Lehrertisch mit dem blau gepolsterten Stuhl und der Polylux, für den auf der Wand eine weiße Projektionsfläche angebracht war. Links oben und unten hatte diese Fläche braungrüne Flecken, die von einer legendären Weintraubenschlacht herrührten. Da die Tafel nicht in der Mitte angebracht war, musste die Fensterreihe nicht wahnsinnig viel an ihrer Sitzposition ändern. Lena in der Wandreihe konnte allerdings nur etwas erkennen, da Ian den freien Platz in seinem Rücken ausnutze und wirklich, wirklich weit zurückrutschte. Er schaute durch die Lücke, die SS-Sveni und Tania bildeten. Lena beugte sich weit nach vorn und drehte ihren Kopf knapp über der Tischfläche. Franz war groß genug, der konnte über sie hinüberschauen. Jetzt in der ersten Stunde nach den Ferien waren die Schüler noch zu Verrenkungen bereit. Aber nach zwei Wochen war das vorbei.

Die allerbesten Plätze hatten Jale und Alparen, die an den Spitzen der Reihen und damit mit dem Lehrertisch auf einer Höhe saßen. Sie konnten immer alles erkennen. Egal ob es die seit fünf Jahren beschädigte VHS-Kassette aus dem Biounterricht war, in der Markus erklärte, dass das Mitochondrium das Kraftwerk der Zelle sei oder die schiefe Schrift von Frau Szchemanek. Dazu wurden sie auch nie drangenommen. Lehrerunabhängig. Sie wurden einfach übersehen.

Ian hatte da nicht so viel Glück. Dabei hätte er das gerade in diesem Fach gebraucht. Englisch war nicht so sein Ding. Wenn er am Platz drangenommen wurde, konnte er auf die Hilfe von Lena vertrauen, die in Englisch ein Ass war und sich für die viele Hilfe, die Ian ihr in den naturwissenschaftlichen Fächer gab, revanchieren wollte. Nun war es allerdings einfacher, das richtige Ergebnis einer Berechnung ins Ohr zu flüstern, als einen kompletten Satz. Lena gab aber trotzdem ihr Bestes. Sie hatte eine leise, hohe Stimme, die Frau Szchemanek nicht hörte und so konnte sie Ian ein paar Vokabeln in den Mund legen, auf die er selbst nicht gekommen wäre. Leider tendierte Frau Szchemanek immer mehr dazu, die Schüler aufstehen zu lassen. Da war das Vorsagen schon schwieriger und wenn sie vor zur Tafel geholt worden, war alles vorbei. Ian war froh, dass er keine Uhr hatte. Sonst hätte er aller paar Sekunden drauf geschaut. Die Zeit wäre dann noch langsamer verstrichen. Auch die Uhr, die über der Tafel hing und den Glockenturm mit dem Big Ben als Hintergrund hatte, zeigte schon lange nichts mehr an. Die Batterien waren wohl das letzte Mal an dem Tag ausgetauscht wurden, an dem Markus seine Biotipps aufgenommen hatte.

Ian war niemand, der wahnsinnig viel mitschrieb. Das lag zum einem an seiner Hefterlimitierung, er musste sie nämlich zwei Jahre lang benutzen und zum anderen an seiner Art Notizen zu machen. Ein Satz wie: „Der Vorsitzende der Partei für soziale Gerechtigkeit Özer Sahin betonte auf dem Bundesparteitag am 20.April ein weiteres Mal, dass er das Grundeinkommen als das zentrale Thema seiner politischen Arbeit und als das entscheidende Ziel seiner potentiellen Regierungsverantwortung ansieht.“ wurde in Ians Notizen höchstens zu einem: „Vs PSG AH-Bday Grundeink. wichtig.“

Damit und mit seiner Art, aus zwei Kästchen drei Zeilen zu machen, hatte er sich schon oft Ärger eingefangen. Er verstand ja, dass er bei Arbeiten ein Kästchen frei lassen sollte, aber weshalb es Lehrer interessierte, wie er in seinem eigenen Hefter schrieb, würde er nie verstehen. Es stimmte auch nicht, was sie sagten.

„Mit diesen Notizen wirst du dir nie etwas merken.“

„Wenn du nächste Woche in deinen Hefter schaust, verstehst du das nicht mehr.“

„Mit so einer Arbeitseinstellung wirst du später Probleme bekommen.“

„Wenn du nächstes Schuljahr in deinen Hefter schaust, verstehst du das nicht mehr.“

Es stimmte alles nicht. Ian reicht das als Merkstütze. Er hatte schon ein paar Mal gesagt: „Wenn die sich andere Notizen machen, ist doch cool, soll´n mir nicht auf´m Sack gehen, mit ihren fucking Muschigehabe.“

Sein Englischhefter war aber fast immer leer. Die Sätze an der Tafel schrieb er manchmal ab, ab er wusste nie, ob sie wichtig waren oder nicht. Meist griff er den Kugelschreiber, der würde ihm zumindest keinen Ärger mehr einbringen, denn ab der Siebten musste kein Füller mehr benutzt werden und kritzelte auch etwas auf sein Blatt.

Für einen Jungen in seinem Alter hatte Ian eine recht schöne Handschrift.

Die Größe allein ist ja nicht entscheidend.

Die Kanten waren hart und klar, doch das passte zu der bemerkenswerten Eigenschaft die Linie halten zu können. Auch auf einem weißen Blatt würden alle Buchstaben auf einer Höhe sein. Und die Haken der „g“s und „f“s und „j“s würden alle auf einer Ebene liegen. Auch sahen Ians Buchstaben immer gleich aus, da gab es keinerlei Varianz. Die Findungsphase war Mitte der zweiten Klasse abgeschlossen. Es würde sich nichts mehr ändern. In all den noch kommenden Jahren, würde sich das Wesen der Buchstaben wandeln, ihr Innerstes sich färben, doch die Haut, die hart und stramm, wie eine Rüstung über die Formen gelegt war, änderte sich nie. Das „A“, welches am Anfang stand und mit dem die Einleitung des Deutschaufsatzes begann, würde genauso so aussehen, wie das „A“, mit dem das Schlusswort auf der achten Seite begann.

Ians Schrift war so klein, dass der abgerissene Zettel, der von Vivien zu Ian zu Lena und wieder zurückwanderte, für die ganze Stunde ausreichen würde. Eigentlich brauchten die drei keinen Zettel, um sich im Unterricht zu unterhalten. Normalerweise war es so laut, dass sie auf Briefe nicht angewiesen waren. Doch bei Frau Szchemanek musste man aufpassen. Diese Frau wartete nur darauf ein Fish&Chips-Feuer ausspeien zu können.

Vivien schrieb: „Kennt ihr den neuen Geolehrer?“

Ihre Buchstaben hatten die, für Mädchen typischen, Verschnörkelungen. Ihr „K“ sah aus wie Roter Klee, der neben dem Handtuch, auf dem man sich gerade sonnte, hervorlugte und seine grünen Blätter in der leichten Brise wog. Wind, der die zarten Wassertropfen von der warmen, sonnengebräunten Haut kullern ließ. Wenn man sich zur Seite drehte, konnte man sehen, wie die Sonne Regenbögen unter den Wassertropfen erscheinen ließ und man konnte den roten Nektar des Klees riechen. Unter der Pflanze war Erde, die trotz der strahlenden Sonne feucht war und sich nicht wie Sand anfühlte.

Das „K“ eines Ians sah aus wie der Backstein einer gepflasterten Fläche, bei der man sagte: „Jo, hier kann ich meinen Sonnenschirm aufstellen. Hier ist es stabil.“

Ian hatte noch nicht von dem neuen Lehrer gehört, allerdings hatte er ja auch noch nicht gewusst, dass sie heute Geographie haben würden.

Lena schrieb: „Ne, kenn ich auch nicht.“

Jedes „N“ sah anders aus und es war der letzte Wortwechsel auf diesem Zettel, der für Außenstehende Sinn ergeben hätte. Es klingelte wieder. Frau Szchemanek rief in das Durcheinander die Hausaufgaben herein. Wieder auf Englisch. Ian nahm das gar nicht wahr. Er hielt es für eine Verabschiedung. Die Klasse versuchte schnellstmöglich in den Physikraum zu gelangen. Das war mit den vielen Büchern eine Herausforderung. Zwölfjährige sind in der Regel richtige Luftpumpen. Der Physikraum lag direkt unter ihnen und war ein Fachraum mit klassischer Anordnung, der aber nur mit einem Lehrer betreten werden durfte. Zügig wurden die Taschen hingestellt, Lena und Ian saßen hinter Tania und Vivien und dann wurden sie auf den Hof gescheucht. Ian schnappte sich noch schnell einen Stift.

Neben dem Glaskasten lag der Eingang zum Pausenhof. Der Durchgang von draußen nach drinnen nach halbdraußen war unterbrochen von Plakatwänden aus Kork, an denen Schülerarbeiten hingen. Die ersten fünf Jahre waren für die Kunstobjekte die schwierigsten. Doch wenn sie fünf Jahre dort hingen, bekamen sie einen Altersschutz, der sie vor Schmierereien bewahrte. Zwischen den Plakatwänden, die am Morgen manchmal umfielen, da die Schrauben an den Füßen locker waren und die hereinströmenden Schüler wenig Rücksicht nahmen, war ein kleiner Ständer, dessen Legierung abblätterte. Dieser Ständer hatte einen Korb, in dem der „Spießer“ und kostenlose Hausaufgabenhefte lagen. Sie waren viel dicker als die Exemplare, die man im Laden kaufen konnte, da auf jeder zweiten Seite Werbung für und von Schaldstättener Betriebe gedruckt war. Ian nahm sich so ein Hausaufgabenheft, dann stellte er sich an den Glaskasten. Er suchte seinen Klassenstundenplan. Auf dem schwachgedruckten Papier konnte er erkennen, dass er heute noch Gemeinschaftskunde und eine Doppelstunde Geographie haben würde. Das hieß, er würde heute um 13:25 Uhr Schluss haben. Hinter dem Fach standen der Raum und dahinter der Name des Lehrers. Ian erkannte, dass er viele Neue bekommen hatte. Während Ian das alles in sein Heft eintrug, wurde er von der Seite angesprochen. Zuerst hörte Ian das Klappern des Schlüsselbundes und er wusste, dass es sich um einen Lehrer handeln musste.

„Was machst du hier?“, fragte die Person neben Ian. Der schaute noch nicht hoch.

„Hallo, ich rede mit dir!“ Ian wurde auf die Schulter getippt.

Herr Schröder konnte froh sein, dass Ian kein verwöhnter Gymnasiumsbengel war, dessen Eltern wutentbrannt am nächsten Tag bei ihm anrufen würden, um etwas von „körperlicher Züchtigung“ zu faseln. Auf der Mycathie-Akihi-Realschule waren es vielleicht zehn Prozent der Schüler, die länger als fünf Minuten mit ihren Eltern über die Schule redeten. Ian und Freya Teutschwitz waren normal. Sie gehörten zu der Mehrheit.

„Ich schreib mir nur schnell den Stundenplan ab.“

„Dafür hattest du zuhause genug Zeit. Jetzt ist erst einmal Pause.“

„Ja gleich. Bin gleich fertig“, sagte Ian und trug ein, dass die erste Stunde am Freitag Deutsch im Raum 401 sein würde.

„Ich glaub, ich höre wohl nicht richtig.“

„Gleeeeich“, sagte Ian genervt. Er schaute dem jungen Lehrer ins Gesicht. Rechts hinterm Ohr baumelte ein Rattenschwanz, an dem komische bunte Kullern hingen. Bis auf seinen Sportlehrer verachtete Ian sie alle. Für ihn waren Lehrer in erster Linie Menschen, die sich einen draufabwichsten, Liebesbriefe von Jugendlichen laut vorzulesen. Aber vor den neuen Lehrern hatte er nicht das Mindestmaß an Respekt. Er verstand auch nicht, warum es eine Einstellungsvoraussetzung zu sein schien, komische Haare oder Freizeitaktivitäten zu haben. Letztes Jahr hatte er zwei Referendare gehabt. Die eine war weißer als Tania und trug Dreadlocks, war 1,50 Meter groß, trank ihren Tee aus einem braunen Gefäß, in welches sie immer wieder heißes Wasser aus einer Thermoskanne goss und sie bestand darauf, zu Stundenbeginn den Zeigefinger auf die Lippen zu legen, während sie mit der freien Hand Hitler grüßte und von fünf runter zählte. Der andere Referendar hatte aus irgendeinem, nicht erkenntlichen Grund zwei Zöpfe und jeden Tag ein schwarzes Hemd mit verkehrt herum angebrachten Hufeisen an, bei dem der Knopf sich am Bauch schon lange verabschiedet hatte. Er hatte den Schülern der 6a damals erzählt, dass sein Hobby Stockkampf war und er an Wettbewerben teilnahm.

Ian kannte Leute, die auf dem Schulhof mit Gras dealten, er hatte Freunde, die in der Partei waren und jeden Monat vor der U-Bahnstation Rechtsrock-CDs verteilten. Wie zur Hölle kamen Lehrer auf die Idee, dass sie mit Rattenschwänzen, Kräutertee und nach unten offenen Hufeisenhemden Autorität ausstrahlen könnten? Herr Schröder war ja noch nicht einmal größer als Ian. Na gut, vielleicht einen halben Kopf, aber das war es auch schon.

„Du verrätst mir jetzt bitte deinen Namen“, sagte Herr Schröder. Man merkte, wie er in seinem Kopf nach den Lektionen suchte, die es für den Umgang mit Störenfrieden und Rabauken gab.

Ian klappt sein neues Hausaufgabenheft zu und ging mit den Worten „Jetzt ist erstmal Pause“ auf den Hof. Er horchte, ob Herr Schröder ihn folgte, doch der junge Lehrer ahnte, dass er sich lächerlich machen würde.

Die Bauweise des Schulgebäudes ließ keine andere als eine rechteckige Form des Pausenhofes zu. An den zwei länglichen Seiten waren ebene Eingänge. An den Stirnseiten gab es kleine Podeste, auf denen jeweils ein Lehrer die Aufsicht hatte. Ein dritter Lehrer ging über die asphaltierte Fläche. Wenn die Schüler zu derb Fangen spielten, schritt er ein. Denn lange Leinen können sich um Beine wickeln. Und da die meisten Lehrer alt waren und Wasserknöchel hatten, wollte das niemand. Auf dem gesamten Schulhof gab es keinen Basketballkorb, keine Springfelder aus Kreide und keine Tischtennisplatte. Nicht ein einziger Baum wuchs auf der Fläche. Der einzige Blickfang waren die aufgemalten weißen Linien, gedacht für die Fahrradführerscheinstunden. Die wurden allerdings nur von den Grundschülern genutzt. An der einen Ecke, unter der die Mensa lag, war der innere Gang unterbrochen und ein Metalltor, das schwer den Eindruck von Knast und Gitterstäben machte, versperrte den Weg zur Grundschule und deren Schulhof. Manchmal kamen die Kinder rüber und fuhren eine Viertelstunde mit dem Rad. Wenn man aus den Fenstern schaute, konnte man manchmal einen kleinen Jungen sehen, der, da er immer wieder über den Lenker seines Fahrrades flog, einen Fußgänger spielen musste.

In den großen Pausen der Akihi-Realschule, die nach der zweiten, der vierten und der fünften Stunde stattfanden, wurden die Linien nur von den Kindern genutzt, die keine Freunde hatten und ihre Zeit alleine verbringen mussten. Es war unglaublich demütigend. Auf diesem Pausenhof gab es keinerlei Versteckmöglichkeiten und ihr Außenseitersein wurde zur Schau gestellt. Die, die nicht allein waren, standen in Kreisen und warteten. Ian lief an ein paar Gruppen seiner Klassenkameraden vorbei und stellte sich nahe des Tores zu SS-Sveni. Im Kreis standen noch Kralle aus der Achten, Riccardas Schwester, die der Atombusigen in Nichts nachstand, sowie Manuel Hunsieg und Carlo Schikowski, die beide in die neunte Klasse gingen und dieses Jahr ihren Hauptschulabschluss machen würden. Riccardas Schwester hatte sie gefragt, was sie nach dem Ende des Schuljahres machen wollten. Manuel plante in einer Gärtnerei anzufangen. Seine Eltern wohnten ganz im Süden von Paulmander. Sie teilten sich mit einer anderen Familie einen bunt bepflanzten Garten, den Manuel liebte. Carlos Ziel hatte im weitesten Sinne etwas mit Ausländer verprügeln zu tun. Carlo war einer von den gefährlichen Hunden, die bellen und beißen. Kralle gefiel das. Er konnte jedes Lied der ausgeteilten CD´s auswendig. Auch die Parteireden zwischendurch hatte er sich angehört. Kralle laberte etwas von einer Umvolkung. Riccardas Schwester nickte, während sie sich umdrehte und auf den Schulhof schaute. Tatsächlich waren nur wenige weiß. Die meisten waren braun. Viele von außen und ein paar von innen. Das konnte allerdings auch an der Sonne liegen, die den ganzen Sommer schon gebrannt hatte und auch jetzt den Schulhof erhellte. Kurz bevor es klingelte, setzten sich die Schülergruppen schon in Bewegung. Als es tatsächlich klingelte, schaute Ian durch die Gitterstäbe.

Auf dem Schulhof der Grundschule durfte noch Hasche gespielt werden. Es wurde nicht unterteilt.

Freya war zwar bewusst, dass ihr Papa Neslihan und John undufte finden würde, doch sie mochte sie. Zusammen mit Patrick waren sie ihre besten Freunde. Die Tuhlmspatz-Grundschule-Schaldstätten besaß nur einen Eingang. Dieser führte in einen bogenförmigen Flur. Wenn man nach rechts ging, kam man in das große Treppenhaus. In der Mitte gab es einen Fahrstuhl. Die Treppen schlängelte sich in vier breiten Abschnitten um den Schacht herum nach oben in die zweite Etage. Wenn man die Stufen hinunterstieg, konnte man in die Mensa gelangen. Auf der anderen Seite des Bogens fand man die Werkenräume. Zwischen den Enden waren Klassenzimmer für derzeit neun Klassen. Außerdem gab es noch einen Raum für den Hort.

Freyas Klassenzimmer war im zweiten Stock. An der Tür hing ein kleiner Zettel mit dem Aufdruck einer Sonne, die verriet, dass es sich um den Raum 205 handelte. Aus einem Regenbogenbogen war eine „3“ und ein kleines „A“ herausgeschnitten und neben die Sonne geklebt worden. Freya ließ Neslihan den Vortritt. Sie setzte sich dann in die Mitte der Fensterreihe. Vor ihr waren zwei Tische, dahinter auch. Neben ihr saß der kleine Patrick, der seit der ersten Klasse nicht mehr zu wachsen schien. Der Metallkorb unter seinem Tisch war voll mit Blättern. An der Spitze des braunen Tisches lag eine kleine Einkerbung, die mit Gummi ausgelegt war. In ihr lagen zwei angefangene Klebestifte und ein abgebrochener Füller. Die Drittklässler hatten heute die ersten beiden Stunden Deutsch mit Frau Rhemberg gehabt. Sie unterrichtete sie auch in Sachkunde, das stand jetzt auf dem Stundenplan. Sie war zugleich ihre Klassenlehrerin. Die Schulglocke ertönte. Alle Schüler schlugen ihre gelben Hefter auf. Die meisten schafften das alleine. Nur Sefa in der letzten Reihe brauchte etwas Hilfe. Hinter ihm saß ein Mann. Freya wusste, dass er kein Lehrer war, sie aber trotzdem auf ihn hören sollten, wenn er etwas sagte. Dieser Mann passte auf Sefa auf. Auch dass er seine Hausaufgaben und so was machte. Dafür gab es eigentlich die Hausaufgabenhilfe. Nach der Schule war die. Im Hort. Doch Sefa braucht noch mehr Hilfe. Denn wenn er etwas nicht konnte, wurde er schnell sauer. Dann stand er auf und schrie. Einmal hatte er die Kunstbox seiner Sitznachbarin Selen durch den Raum geworfen und dabei den Wasserbecher von Lotte schräg gegenüber getroffen. Ein anderes Mal, erinnerte sich Freya, hatte er im Sportunterricht seine Hose ausgezogen und gegen die Holzbank gepinkelt, weil seine Mannschaft beim „Ball unters Netz“-spielen verloren hatten. Am Anfang hatten ein paar gekichert, dann fanden sie es eklig. Frau Rhemberg hatte ihnen am nächsten Tag gesagt, dass jeder Mensch unterschiedlich sei und unterschiedlich auf Probleme reagiert. Sefa würde wohl schnell sauer von Problemen. Deshalb war es wichtig, dass die Klasse ihn unterstützte. Aber da die Klasse das nicht alleine konnte, gab es da auch noch diesen Mann. Vui, die in der ersten Reihe neben Zeki saß, meldete sich. Sie überstreckte dabei ihren Ellenbogen und schnipste. Frau Rhemberg hob mahnend die Augenbraue. Vui verstand und hörte auf, die Finger zu bewegen. Frau Rhemberg nahm sie dran.

„Sollen wir für Sachkunde liniert oder kariert nehmen?“

Vui hatten einen Stapel von beiden neben dem Papphefter liegen.

„Für den Sachkundeunterricht nehmen wir alle liniertes Papier“, sagte Frau Rhemberg und ging in die Klasse. Als sie bei Freya und Patrick stand, sah sie Freyas kariertes Papier.

„Freya, mach das einfach wie im Deutschunterricht. Da hast du ja auch liniertes Papier genommen. Kariertes Papier nehmen wir nur für Mathematik“, sagte sie freundlich, dann ging sie weiter, ohne zu wissen, dass Freya alle linierten Blätter, die sie von ihren Eltern bekommen hatte, schon für den Deutschhefter verbraucht hatte.

Da Frau Rhemberg eine gute Lehrerin war ging der Unterricht schnell vorbei. Danach hatten sie Mathe bei Frau Civelek. Dieses Fach mochte Freya wenig. Sie war nicht schlecht in Mathe. Beim schriftlichen Multiplizieren und Dividieren machte sie kaum Fehler. Aber sie konnte nur sehr mäßig Kopfrechnen. Wenn sie ein Blatt hatte, auf dem die Zahlen standen, dann ging es. Aber im luftleeren Raum, verlor Freya die Zahlen. Zum Ende der Stunde veranstaltete Frau Civelek ein Spiel. Eine Bank sollte aufstehen, dann wurde eine Rechenfrage gestellt. Wer die Frage zuerst richtig beantwortete, rutschte eine Bank weiter. Neslihan hätte eine ganze Runde geschafft, wenn sie nicht das eine Mal Sefa hätte gewinnen lassen. Als es klingelte stand sie neben Freya, einen Platz von ihrem eigenen entfernt. Wer eine ganze Runde schaffte, bekam ein Geschenk. Doch Neslihan hatte eine richtige Antwort zu wenig gegeben. Frau Civelek gab ihr nur lobend die Hand. Freya fand sie nett, aber irgendwie roch sie komisch, nach dicker Luft und dem, was ihr Vater jeden Abend trank. Frau Civelek winkte der Klasse zum Abschied. Die 3a hatte jetzt Sport. Doch da am ersten Tag nicht alle ihre Sporttasche dabeihatten, Freya auch nicht, ließ Herr Osowitsch sie auf dem Schulhof „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ spielen. Dann klingelte es. Freya schulterte ihren Ranzen, der jetzt auch die Bücher im Bauch hatte. Zu viert gingen Neslihan, Freya, Patrick und John an der Wand vorbei und die Treppe zur U-Bahnstation hinunter. Neslihan und John winkten. Sie fuhren eine lange Rolltreppe hinunter. Patrick und Freya kamen auf dem Ring wieder raus und liefen zu dem kleinen Trampelpfad. Sie bogen auf den Kleinhauerweg. Sie redeten über die Schule.

„Kommst du heute noch mit raus?“, fragte Patrick.

„Nein, ich mach die Hausaufgaben und dann muss ich Mama helfen“, sagte Freya.

Die beiden Kinder verabschiedeten sich vor dem Eingang 38. Danach lief Freya weiter und holte ihren Schlüsselbund hervor. In dem Moment, in dem sie nicht auf den Steinplattenboden schaute, wäre sie fast auf einen alten Hundehaufen getreten. Die Sonne hatte die Kacke gebleicht. Freya schloss die Tür auf. Dabei stemmte sie ihr ganzes Gewicht dagegen. Sie tapste die grauen Stufen hoch und öffnete auch die Wohnungstür. Sie zog, noch mit dem Ranzen auf dem Rücken, die Schuhe aus und legte sie in das Regal. Dann ging sie in die Küche. Den Ranzen lehnte sie an das Tischbein. Nun flitzte sie ins Bad. Dort wusch sie sich vor und nach dem Pieseln die kleinen Hände. Als sie auf den hohen Küchenstuhl gesprungen war, merkte sie, dass sie heute noch nichts getrunken hatte. An die Gläser im oberen Fach kam sie nicht heran. Deshalb nahm sie die Müslischüssel unter der Spüle. Das Leitungswasser war warm und schmeckte nicht gut. Dann setzte sie sich an ihre Hausaufgaben.

Buch 2 -2-

Freya saß gerade am dritten Deckblatt. Deutsch und Mathe waren leicht gewesen, aber sie hatte sich trotzdem angestrengt, da sie eine Eins bekommen musste. Da klapperte an der Wohnungstür ein Schlüssel. Freya wollte sich, wie eine Turnerin, vom Stuhl schwingen. Dabei holte sie zu viel Schwung, sie rutschte mit ihren dünnen Söckchen aus und knallte gegen die Küchenmöbel.

„Ja sag mal, was is´n hier los“, lachte Ian. Er stand in der Tür. Freya rannte zu ihm. Sie umarmte ihn kurz. Dann setzten sie sich beide an den Küchentisch.

„Musst du viel machen?“, fragte Ian.

„Es geht. Deckblätter für Mathe, Deutsch und Sachkunde. Und wir sollen ein paar Aufgaben lösen. In Mathe. Sachen aus dem letzten Jahr zum Auffrischen“, erzählte Freya. Sie fuhr mit ihrem Finger über die sauber eingetragenen Punkte in ihrem Hausaufgabenheft. Die Fingernägel waren abgeknabbert. Am linken Ringfinger wuchs die Haut über den Nagel.

Ian suchte mit seiner Schwester, aus den Zeitungen von letzter Woche, Bilder für das Deckblatt heraus. Dann holte er aus dem Elternschlafzimmer Bücherumschläge und zog Freyas Ranzen nach oben. Während sie die Matheaufgaben löste, wickelte Ian die Bücher ein. Er schaute auf die Uhr. Es war 14:15 Uhr. In einer Viertelstunde war er mit Alex verabredet. Die Zeit reichte noch aus, um über die Berechnungen zu schauen. Ian erkannte keine Fehler. Dann ging er nach oben.

Ian klopfte, Frau Okowenko öffnete die Tür. Sie stammte aus Krasnodar. Ian kannte den Verein. Deshalb konnte er das zuordnen. Alex´ Mutter sprach Deutsch, aber mit starkem Akzent. Sie begrüßte Ian freundlich und gab ihm ein paar Hausschuhe. Frau Okowenko war stark geschminkt, da sie gleich Einkaufen fahren wollte. Alex saß noch in seinem Zimmer. Er schaute nur kurz hoch, als Ian auf die lockere Diele trat. Auf einem grauen Röhrenfernseher rasten täuschend echt aussehende Boliden über den Nürburgring.

„Hab die Zeit verpasst. Bin gleich fertig. Nur noch das eine Rennen“, sagte Alex, dabei beugte er sich in die Kurven.

Ian hasste es, wenn sich Menschen verspäteten.

Fünf Minuten vor der Zeit ist deutsche Pünktlichkeit.

Aber er hatte sich angewöhnt, sich leise aufzuregen. Denn die meisten seiner Freunde sahen das nicht so eng.

„Ian. Es ist im Kühlschrank noch Essen. Iss!“, sagte Alex´ Mutter. Ian wunderte sich, wie man in seinem kurzen Namen so viele „r“s einbauen konnte. Während Alexander noch mit seinem Videospiel beschäftigt war, ging Ian in die Küche. Die Küche war genauso aufgebaut, wie die der Familie Teutschwitz. Ian brauchte sich nur auf den Stuhl zu setzen. Er schaute Frau Okowenko an. Er sollte sie Kalina nennen. Kalina schöpfte mit einer Kelle Kartoffelsuppe in einen Teller und stellten diesen in die Mikrowelle. Während sich der Teller drehte und der kreisrunde Knopf zum Zeiteinstellen zurückwanderte, grinste Alex´ Mutter Ian an, er musste unweigerlich zurück lächeln. Es „blingte“. Kalina stellte den dampfenden Teller Suppe auf die grün-schwarze Plastiktischdecke, die mit kleinen Bärchenfiguren beschwert war. Sie griff in das Fensterbrett, sie stellte einen Petersilientopf daneben. Während Ian das Essen in sich hinein schaufelte, fragte sie ihn nach den heutigen Plänen.

Ian sagte, dass sie zum Schwanenteich gehen wollten und dann „mal schauen“.

Mit „mal schauen“ war das leerstehende Wohnhaus in der Teutebergstraße gemeint. Aber das konnte er Kalina ja schlecht verraten.

„Du magst keine Petersilie?“, fragte Kalina.

Ian sagte „Nein“, dabei wusste er einfach nicht, wie man Petersilie aß. Musste er die Stängel abrupfen oder nur die Blätter?

Kalina fragte ihn dann nach der Schule aus. Ian erzählte die Geschichte mit dem neuen rattenschwanztragenden Geolehrer, die Frau Okowenko zum Lachen brachte.

„So etwas könnte ich meiner Mutter niemals erzählen“, dachte sich Ian, als Alex in der Tür auftauchte.

„Machen wir los?“

Der Schwanenteich war voller Enten, die von einem Ufer zum nächsten schwammen, um sich füttern zu lassen. Der kleine Tümpel hatte ein Ausmaß von zehn mal zwanzig Metern. Er war umgeben von Weiden, die ihre Äste in das Wasser ditschten. Der Jotta-Liebermann-Park, benannt nach der ehemaligen Bürgermeisterin von Paulmander, die ihn anlegen ließ, war im Süden des Stadtviertels. Hier gab es keine Altbauten mehr. Der Jotta-Liebermann-Park hieß zuerst ganz unkreativ Tuhlmspatzpark und wurde nach dem Tod der Bürgermeisterin 1983 umbenannt. Von dem alten Namen wussten die Kinder nichts, aber da, hier in Paulmander, fast alles nach der Sagengestalt benannt war, hätte sie das nicht großartig überrascht. Ian und Schlagmann lehnten mit dem Rücken an einem blauen, fleckigen Geländer. Sie schauten Alex beim Vorführen seines neuen Handys zu. Es handelte sich um ein Nokiatouchhandy, bei dem man die Rückseite austauschen konnte, da verschiedene Farbstücke mitgeliefert wurden. Ian hatte so etwas noch nie gesehen. Schlagmann hingegen besaß ebenfalls ein Touchhandy, doch bei ihm konnte man dazu eine klassische Tastatur mit Zahlen und kleinen Buchstaben nach unten ziehen. Alex´ Mutter hatte für ihren Sohn einen Vertrag abgeschlossen. Unglaubliche 500 MB Datenvolumen, Ian konnte sich darunter überhaupt nichts vorstellen, so wie hundert Freiminuten und SMS. Schlagmann hatte einmal gehört, dass solche Verträge pure Abzocke wären, aber Alex war sich sicher, dass das eine gute Sache war.

Unter der Brücke, zu der das Geländer gehörte, lag ein Rohr, welches Regenwasser in den Schwanenteich leitete. Gerade schwamm eine Ente hinein, als Alex Ian fragte, ob er denn nicht sein altes Handy haben wollte. Ian lehnte das zügig ab. Er war froh, als Lena und Vivien bei dem Weg auftauchten. Dieses Mal bekam Schlagmann von Vivien eine Umarmung. Er strahlte. Beim Gang zur Teutebergstraße musste er alle paar Meter einen Ausfallschritt machen. Wahrscheinlich klemmte sein Hosenstall.

Die Teutebergstraße führte bis an den Rand des Jotta-Liebermann-Parks. Einen begehbaren Gehweg gab es nur auf einer Seite. Genau wie die Straße, bestand dieser aus einem Steinpflaster. Allerdings hatten sich Erdschichten über den Untergrund gelegt. Der Gehweg auf der anderen Seite, war mit Barken abgesperrt und im Erdreich versunken. Die neuen Rohre reflektierten die Sonnenstrahlen. Die harte Erde sah staubig aus. Ein Bauarbeiter mit einem Hopser verdichtete die Einfahrt zu einem Altersheim. Rechts und links standen Wohnhäuser mit grauen Wänden, an denen eine Menge Graffiti angebracht waren. Die Häuser besaßen alle drei Etagen und ein rotes Dach. Die meisten Briefkästen waren nur noch lose Halterungen an der Wand. Viele Fenster waren gardinenlos. Eine alte Telefonzelle mit zersprungener Tür, bildete einen der wenigen Farbtupfer.

Eine alte Frau, die sich aus dem Fenster gelehnt hatte und sich auf einem Kissen mit derbem Stoff abstütze, beobachtete die Kinder, wie sie die Teutebergstraße hochgingen. Buchstäblich hoch, denn das Ende der Straße lag auf einem kleinen Hügel. Hinter dem Hügel befand sich ein Tierheim, zwei Behindertenwerkstätten und ein Ausschusswarenlager. Die Mehrfamilienhäuser nahmen ein Stockwerk ab. Auf der linken Seite gab es einen kleinen Weg. Am Ende stand ein altes Haus. Ian hob die langen Äste der Hecke hoch. Nacheinander schlüpften Vivien, Schlagmann, Alex und Lena durch das Gartentor. Das Schloss war verrostet. Es bröselte auseinander. Ein altes Fahrradschloss war über die Gitter gelegt, jedoch so, dass man eine Schlaufe hinüberschieben konnte. Das Gras im Vorgarten ging selbst Vivien bis zur Hüfte. Als die Halme ihr über die gebräunten Beine strichen, bereute sie, eine kurze Hose angezogen zu haben. Allerdings war es brüllend heiß und Zecken sprangen ihres Wissens eh nur von Bäumen. Der Hauseingang auf der anderen Seite war verschlossen. Schaute man auf die Front des Hauses, hätte man nicht gewusst, dass es leer stand. Zwischen den Paulmander Ringen, standen da ganz andere Unterkünfte.

Von den Kindern war niemand ein professioneller Einbrecher, deshalb hätten sie niemals gewusst, wie sie die Tür öffnen könnten, doch zu ihrem Glück gab es da noch den Hintereingang. Er lag etwas unterhalb der Grasebene. Neben den nach vorn fallenden schmalen Treppenstufen standen Geländer, an denen einmal Schnüre zum Wäscheaufhängen befestigt waren. Jetzt bildeten sich an den Eisenstangen Blasen, die bettelten abgepuhlt zu werden. Das Schloss an der hinteren Holztür war von Schlagmann herausgeschraubt wurden. Er hatte das in einem Buch gelesen. Ein Geschenk seiner Eltern: 100 Dinge, die ein junger Mann wissen muss, oder so ähnlich. An dem Tag, als er der Gruppe diesen tollen Ort beschert hatte, war Matthias der Held und Vivien wollte unbedingt dieses Buch sehen, vielleicht standen da noch mehr nützliche Dinge drin. Doch Schlagmann lief tiefrot an und stammelte: „Ne, dis war a-aaa-alles. Sonst ist da nix drin.“

Vivien gab es auf, ihn gegenüber nett sein zu wollen. Sie wusste nicht, weshalb Ian ihn immer mitschleppte. Aber bei so etwas konnte man nicht mit ihm reden. Nie. Immer das gleiche Gequatsche.

„Er gehört halt dazu.“ So etwas sagte Ian und dachte, das würde irgendetwas erklären. Das konnte Vivien so aufregen. Das mit der Tür war das Coolste, was Schlagmann je gemacht hatte. Und wenn man mit ihm darüber reden wollte, stammelte er.

„Er soll endlich erwachsen werden“, dachte sich Vivien, zumal er ja älter war. Sie schlug vor, dass sie Verstecken spielen sollten.

„Sicherer Hafen“, nannte sie es. Der Hauseingang der neunten Wohnung, die einzige Abgeschlossene, wurde zum sicheren Hafen gekürt. Wenn man die Tür abklatschte, war man gerettet. „Wer ist Jäger?“, fragte Alex. Matthias war der Letzte, der merkte, dass sich alle an die Nasenspitze fassten.

Matthias Schlagmann lehnte sich an den Hauseingang. Er schloss die Augen. Er zählte laut bis fünfzig. Er hatte gehört wie zwei nach oben gegangen waren. Er entschied sich zunächst ihnen zu folgen. Aber als er die erste Stufe erklomm, sausten hinter ihm schon Alex und Vivien an die Tür.

Sie riefen laut: „Gerettet.“

Dann mussten Lena und Ian oben sein. Es ging nicht anders. Schlagmann hatte die Schritte gehört. Er linste um die Ecke. Er sah, dass der Fußabtreter umgeknickt dalag. So leise, wie er konnte, lief er zu der leeren Wohnung. Sie hatte nur ein Zimmer und er ...

Da kam schon wieder der Ruf: „Gerettet.“

Das konnte doch nicht sein. Verdammt, dachte Matthias. Er hatte Lenas Stimme erkannt. Das hieß, Ian war noch hier. Ian musste hier in dieser Wohnung sein. Wenn er ausgerechnet den Klassenking erwischen würden, wäre das genauso gut wie ein voller Sieg. Da würden seine Mädels aber blöd gucken.

„Ian!“, rief er, vor Anspannung und Anstrengung außer Atem, „Ich weiß das du hier bist.“

Wie in Erwartung eines plötzlich auftauchenden Horrorfilmmonsters schlich Schlagmann achtsam nur auf den Zehenspitzen an dem Bad vorbei. Die komplette Keramik fehlte. Dann stand er in dem Zimmer. Es gab keine Küche, nur Anschlüsse. Das war das einzige Zimmer. Ian musste doch hier sein. Schlagmann ging zu den offenstehenden Fenstern und dann sauste er herum, rannte aus der Wohnung und stolperte über den Fußabtreter.

Von Unten kam: „Gerettet.“

Die Dachpappe fühlte sich klebrig an. Schlagmann pulte einen kleinen Stein von seinen haarlosen Beinen. Innerlich schüttelte er immer noch den Kopf. Es war 17:05 Uhr. Die Sonne meldete schon langsam an, dass sie die anderen wecken musste. Matthias konnte nicht glauben, dass Ian für so ein blödes Spiel aus dem Fenster geklettert war.

„Deutsche sind tapfer“, hatte er gesagt.

Nun saßen sie alle auf einem Vordach, rechts von ihnen erstreckte sich Nichts als weites Feld. Weites, stoppeliges Feld. Ganz da hinten lag irgendwo einen Graben, in dem die Bahnschienen lagen. Wenn sie nach vorn schauten, konnten sie den Aussichtsturm auf dem Bokettoberg sehen. Die Hochhäuser waren größtenteils von der Hauswand verborgen. Das war allerdings nicht schlimm. Nur Alex und Matthias ließen ihren Blick noch in die Ferne schweifen. Alex´ Füße baumelten von der Kante hinunter. Ihn konnte man von der Teutebergstraße aus sehen. Lena und Ian lehnten auf der anderen Seite an der Ziegelwand. Lena hatte ihm etwas auf ihrem Handy gezeigt. Nun kritzelte Ian mit einem Dachpappenfetzen etwas auf die weiße Schuhsohle von Lena.

Vivien hatten sich lang gemacht und in die Sonne gelegt. Zunächst hatte sie in ihr T-Shirt einen Knoten gedreht und sich auf den Rücken gelegt, doch dann merkte sie schnell, dass der Zopf am Hinterkopf drückte und sich kleine Steinchen in den Haaren verhedderten. Deshalb lag sie nun auf dem Bauch. Den Kopf auf den Händen abgestützt und nach links gedreht, schaute sie auf das Feld. In ihrem gesamten Blickfeld gab es nicht eine einzige Landstraße. Kein einziges Auto fuhr über die Feldhügel, an deren Spitze eine Baumgruppe stand. Die Sonne kitzelte ihr an der Nase. Vivien genoss das Gefühl. Es war, als ob sie kurz davor war zu niesen. Nur kurz davor. Es kribbelte, aber nicht zu stark. Ein kleiner Schweißtropfen floss von ihrer Stirn. Sie schloss das Auge. Nur noch das Sonnenlicht sehend, verlor sie sich in Raum und Zeit und dachte an den Urlaub zurück. Für ihre Eltern war Kragujevac Heimat. Doch wie dachte sie darüber? Für Menschen wie Ian, für Menschen wie ihre Eltern, war Heimat ein so großer bedeutungsschwangerer Begriff.

Sie spürte, wie sich eine Fliege auf ihre linke Pobacke setzte. Vivien streckte die Hand nach hinten, um sie zu verscheuchen. Von der Bewegung merkte nur Schlagmann etwas. Lena und Ian redeten über das Tierheim. Matthias sah, wie Viviens Finger die Fliege verscheuchten. Dabei verrückten sie die kurze Hose. Er fand sie so schön. Er dachte an die Dinge, die in diesem Buch standen. Er musste sich nur trauen, etwas kitzelte ihn, nur trauen, dann ...

Alex zog an Schlagmanns ausgeleierten Ärmel.

„Waaa“, sagte der erst laut. Dann bemerkte er die Schweigegeste. Das „S“ blieb stumm. Alex hielt den Finger auf den Lippen, mit der anderen Hand zeigte er nach unten. Schlagmann blickte in die Richtung, hinein in seinen Schritt. Vor Schreck wäre er fast aufgesprungen. Seine Stoffhose war ausgebeult. Alex griff an Schlagmanns Schulter und verhinderte damit ein panisches Aufspringen.

„Mach was“, flüsterte Alexander.

„Was denn?“, fragte Matthias. Er weinte dabei fast.

Alex öffnete den Mund, als unten die Holztür knallte.

Vivien sprang ruckartig auf. Deswegen hatte sie keinerlei Augen für Matthias kleinen Schlagmann. Sie schauten alle ängstlich Ian an. Sie wussten nicht, ob sie hier sein durften. Bestimmt nicht. Das Haus gehörte irgendwen. Man darf doch nicht einfach so in Häuser gehen. Was sollten sie machen? Sie schauten Ian an und Ian blieb ruhig.

„Das werden auch nur Jugendliche sein“, sagte er.

Schlagmann, der ohne Ian in der Klasse ziemlich gehänselt werden würde, beruhigte das überhaupt nicht.

„Und was, wenn´s der ist, dem das Haus gehört?“, fiepste Lena.

„Der wird ja wohl kaum die Hintertür aufknallen.“

Ian krabbelte schon durch das Fenster, welches auf das Vordach führte. Erst half er Lena, dann Vivien.

„Und wenn es die Polizei ist?“, auch Viviens Stimme bebte.

„Glaub´ ich nicht“, winkte Ian ab und ging zur Treppe. Von unten kamen jugendliche Stimmen, die nicht Deutsch sprachen. Ians Füße standen schon auf der ersten Stufe, als Schlagmann durch den Fensterrahmen plumpste. An der geschlossenen Wohnungstür stand ein kleiner Junge, der laut rufend zu seinen Freunden rannte, als er Ian sah. Etwa zehn Jugendliche, verschiedenen Alters, standen im Flur. Sie schauten zu Ian, der selbstsicher die Treppe hinunterging. Er erkannte Adem aus seiner Klasse. Um ihn herum standen dessen Brüder und Cousins. Da Ian diese Leute, er würde ein ganz anderes Wort benutzen, allerdings eh nicht auseinanderhalten wollte, fiel ihm die tatsächliche Ähnlichkeit zwischen ihnen nicht auf. Adem war der Drittgrößte der Gruppe. Angeblich trainierte er in einem Kampfsportverein, doch Ian glaubte das nicht. Schließlich behauptete das, hier in Paulmander, jeder zweite Junge von sich. Mittlerweile standen Vivien, Lena, Alex und Schlagmann auf den Stufen hinter ihm. Sie hatten die höhere Position.

„Schönes Haus habt ihr hier. Euer?“, grinste Adem.

„Wir gehen schon. Ihr könnt es haben“, sagte Ian zähneknirschend. Während er sprach, ging er schon in die Gruppe hinein, die ihn eigentlich den Weg versperren wollte.

„Ohne deine Nazifreunde hast du nicht so´n großes Maul, oder?“, lachte Adem, dann schaute er zu Matthias. Mit dem Finger zeigte er auf dessen Stoffhose.

„Sag mal Schlagmann, hast du dich eingepisst?“

Matthias und zu seinem Leidwesen auch alle anderen, einschließlich Vivien, schauten an ihm hinunter. Ähnlich wie sein T-Shirt, war auch sein Dreiecksschlüpfer nicht mehr neu. Ein kleiner nasser Fleck hatte sich in seinem Schoß gebildet.

„Ne, wir waren auf dem Dach und in der Regenrinne war noch altes Wasser“, sagte Alex schnell und laut, bevor alle lachen konnten. Dann zog er Matthias durch die Gruppe.

„Chayas, ihr könnt hier bei uns bleiben, wenn ihr wollt. Dann könnt ihr das Haus noch weiter nutzen“, schlug Adem gönnerhaft vor.

Vivien ging so schnell wie möglich raus zu Ian, aber Lena zögerte.

Auf dem Nachhauseweg rechtfertigte sie sich: „Ich hatte halt Angst. Ich dachte, es wäre klüger sie nicht weiter zu reizen.“

Ihre Wege trennten sich. Alex schloss die Tür im Kleinhauerweg 42 auf, da war es schon halb sieben.

Freya hörte nun zum dritten Mal die Schlüssel. Ihre Mutter war vor einer Stunde heimgekommen. Seitdem saßen sie vor dem Fernseher und schauten ein Promiformat. Es trug einen Namen, der in die Richtung „Feurig“ oder „Explizit“ oder „Uiuiui“ ging. Freya hielt das für den inhaltsleersten Scheibenkleister aller Zeiten. Diese Sendungen waren immer gleich aufgebaut. Aufmacher: Prinz Firlefanz und Prinzessin Lächleblöd sind schwanger. Werden es Zwillinge?

(der dicke Bauch spricht dafür)

Dann stellen vier Promis ihren neuen Film, ihre neue CD oder ihr neues Buch vor.

Zwei Adelsexperten unterhalten sich mit einer Modeexpertin darüber, wie unvorteilhaft das schlichte 3000,00 € Kleid geschnitten ist und dass Prinzessin Lächleblöd damit ein Statement setzen wollte.

Eine Schauspielerin spricht darüber wie sie dem Alkohol verfallen und wieder clean geworden ist. War ihr Vater schuld?

Es werden erste Zweifel gestreut. Sind die Drillinge gar nicht vom Prinzen?

Der achte Werbeblock wird mit einer Abnehmpille beendet, die die Moderatorin weiterempfehlen kann.

Ein weiblicher Fan wird vor den Toren des Palastes zu den Untreuevorwürfen befragt. Die blonde Frau ist vollbeladen mit Merchandisingartikeln. Ein hoher Hut, mit dem Konterfei des Prinzen, wippt auf ihrem gefärbten Haupthaar, als sie sagt, dass: „Sie zu Prinz Firlefanz steht und das von der Schlampe schon immer erwartet hätte.“

Frau Teutschwitz nickte zustimmend. Danach folgte die Auflösung des Gewinnspiels. Frau Gabi Müller-Spirat aus Ludwigsfelde wusste zwar, dass man den liebsten Freund des Mannes Hund und nicht Stirnlappenbasilisken nennt, bei der Folgefrage musste sie jedoch passen. Keine Ahnung wie viel die Hündin Laika wog, als sie am weitesten von der Erde entfernt war? Vier?

Dann klapperte der Schlüssel und Freya sprang auf. Dass die Moderatorin gerade verlautbarte, dass weder Prinzessin Lächleblöd, noch Prinz Firlefanz schwanger waren, bekamen weder Mutter, noch Tochter mit.

Herr Teutschwitz kam gegen sieben. Er war früh dran. Zum Glück hatten Freya und Ian das Essen trotzdem schon vorbereitet. Wie jeden Wochentag gab es Schnitten. Etwas hatte den Vater bei der Arbeit aufgeregt. Er schnaufte noch mehr als sonst. Er war so sehr auf seine Wut konzentriert, dass er vergaß sein Bier zu trinken. Das war für die Kinder ziemlich blöd, denn nüchtern war er unangenehmer. Während des Abendbrotes schnaufte und schmatzte er laut. Das Radio blieb stumm. Freya bekam kaum einen Bissen hinunter. Die Essgeräusche widerten sie an. Sie schaute zu ihrem Bruder und wunderte sich, wie er einfach so seine Salamibemme und das Frischkäsebrot essen konnte.

„Hol mir bitte noch ein Bier“, sagte ihr Vater. Freya musste sich aus der Ecke herausquetschen, um Ian und den Küchentisch herumlaufen. Sie ging zum Kühlschrank und öffnete die Tür vorsichtig. Ihr Vater hatte sich herumgedreht. Sie merkte seine Blicke. Er beobachtete sie kritisch. Jeder Kubikzentimeter des mittleren Faches, war mit Bier zugestellt. Die Flasche fand sie schwer. Sie hatte Angst, dass sie ihr aus den Händen gleiten würde. Freya stellte das Bier auf den Tisch. Dann holte sie aus der Besteckschublade den Bieröffner. Sie zitterte, da sie wusste: „Diese Flasche werde ich nicht aufbekommen.“ Ihr Vater bestand aber darauf, dass Freya sie öffnete.

Mit zeithinauszögernden Schritten ging sie auf ihren Vater zu, doch als sie die Tischkante spürte, beugte sich Ian nach der Flasche und löste den Öffner aus Freyas glitschiger Hand. Es ploppte. Ian räumte den Flaschenöffner wieder in die Schublade. Jetzt sah sein Vater endgültig wie ein kochender Krebs aus.

Die Kinder waren fertig und warteten bis die Eltern aufgegessen hatten. Beim Abräumen fiel Freya ein Messer hinunter.

„Das kostet alles Geld. Ist das dein Geld? Freya? Nein, oder? Wer bezahlt das?“, meinte Frau Teutschwitz enttäuscht.

„Sie hat das doch nicht mit Absicht gemacht.“

„DU REDEST NICHT MIT MIR IN DIESEM TON!“

„Was denn für´n Ton?“

Pflatsch! machte es. Obwohl das nicht ganz stimmte, es machte viel mehr Pflaaaaaatttsssccchh?!

Denn, obwohl der Ballon unter Herr Teutschwitz Kurzarmhemd nicht mit der Menge an heißer Luft aus den kommenden Jahren gefüllt war, hatte Ian es hier nicht mit einem athletischen Schläger zu tun. Das Blöde für den Siebtklässler war nur, dass der lange Mittelfingernagel an seinem Auge kratzte. Während ihm die Tränen kamen, wollte Freya türmen, doch ihr Gewissen hielt sie an der Tür zurück.

„Ach, jetzt heult der Große wohl? Was sind wir? Ne dreckige Zigeunerin, die keine Rose verkaufen konnte? Jetzt kommt nichts mehr, du ...“

Ian hörte sich die Tirade an. Eigentlich wollte er seine Eltern nach einem Handy fragen. Das konnte er sich jetzt wohl abschminken.

Freya lag schon im Bett als Ian in das Zimmer kam. Auf ihre schüchterne Nachfrage hin, holte er liniertes Papier aus seinem Deutschhefter und legte es Freya in den Ranzen. Ian setzte sich an seine Hausaufgaben. Er machte alle, von denen er wusste. Freya spürte, wie das Bett wackelte, als er sich hineinlegte. Nach fünf Minuten flüsterte sie: „Ian?“

Doch er schlief schon. Freya hatte die ganze Zeit Angst wieder ins Bett zu machen. Bis zum Weckerklingen, verlor sie sie nicht.

Dementsprechend lange rieb sie sich am Dienstag den Schlaf aus den Augen. Während Frau Rhemberg die Sachkundedeckblätter kontrollierte, kämpfte Freya gegen ein Gähnen an. Sie dachte mit Mitleid an die Kinder mit viel weiteren Schulweg. Von den Civelekzwillingen, Dilan und Ridvan, die im August schon Neun geworden waren, wusste sie, dass sie einen ewig langen Schulweg hatten. Freya kannte den Stadtteil, den sie einmal erwähnten, gar nicht. Nach dem Klingeln war das Hausaufgabenheft schon wieder gut gefüllt. Auf dem Pausenhof entdeckten die Schüler zum Schreck aller, dass das Klettergerüst abgesperrt war. Freya verabredete sich deshalb zum Ausgleich mit Patrick. Am Nachmittag wollten sie Verstecken spielen. Doch bis dahin würde es noch seine Zeit dauern, selbst wenn man die Hausaufgaben nicht mitrechnete. Denn am Dienstag hatte Freyas 3a sechs Stunden, Unterricht bis 13:25 Uhr. Freya wollte sich gar nicht ausmalen, wann die Civelekzwillinge da zuhause sein würde.

Um 12:15 Uhr, fünf Minuten vor Ende der Kunststunde, wollte sie Ridvan danach fragen. Sie brachten gerade ihre Graphiken vor an den Lehrertisch. Dort standen sie in einer Reihe, mussten sie, sollten sie. Es war eine bananige Reihe. Freya tippte Ridvan auf die Schulter, als Frau Kolter laut rief: „Was ist denn das?“

Sie zeigte mit ihrem verhüllten Finger, Frau Kolter bestand, bis auf den Kopf, quasi nur aus Tüchern unterschiedlicher Farbe und Größe, man konnte nicht mit Sicherheit sagen, dass etwas davon eine Hose war, auf das Blatt von Amalie.

Freya fand, dass Amalie den schönsten Namen der ganzen Klasse hatte. Amalie La Pureté. Amalie konnte Französisch und Deutsch. Ihre Eltern kamen aus Frankreich, genauer Strasbourg. Ian hatte ihr das in dem alten Atlas gezeigt, den er aus dem Bücherraum geholt hatte. Ian kannte sehr viele Städte. Freya hatte sich dann auch den Atlas durchgelesen. Sie hatte nicht so viele Bücher Zuhause, da nahm sie einfach, was sie in die Hand bekam. Ian kannte die Städte vom Fußball. Letztes Jahr hatten sie die europäischen Hauptstädte durchgenommen. Das war für ihn am einfachsten gewesen. Schließlich hatte, mit Ausnahme von Deutschland, jedes Land ein großes Hauptstadtteam. In der siebten Klasse standen die Länder Süd- und Nordamerikas auf dem Lehrplan. Südamerika würde ganz leicht für Ian werden. Aber Frau Kolter schimpfte mit Amalie nicht wegen mangelnder Geographiekenntnisse, sondern weil sie auf ihrer Graphik einen Kugelschreiber verwendet hatte.

Frau Kolter meinte: „Dass ich dir dafür eigentlich eine Sechs geben muss.“

Eine Sechs; für so viele Jahre würden die kleinen Schüler Angst vor dieser Zahl haben. Eine Sechs reihte sich neben dem schwarzen Mann, Spinnen und Stromschläge durch das Drachensteigenlassen ein.

Amalie wollte keine Sechs, sie weinte, stotterte, die Kinder hinter ihr wussten nicht so recht, was sie machen sollten. Marat meldete sich.

„Ich bin der Meinung, dass ich das auch ganz klar gesagt habe. Klipp und klar. Bei einer Graphik benutzt man nur Bleistifte. Ich weiß nicht, wie ich das hier bewerten soll.“

Marat meldete sich immer noch. Leider konnte Amalies Banknachbar nicht schnipsen.

„Amalie, sagst du mir, wie ich das bewerten soll? Du hast ja offensichtlich die Aufgabe nicht erfüllt. Was meinst du dazu, Amalie?“

Freya kannte das von ihrer Mutter. Sie fragte auch immer nach, obwohl man gar keine Antwort hatte. Weil die Fragen auch wie Perlen einer Kette aneinandergereiht wurden (eine ziemlich lange Kette), wusste man nie, was man antworten sollte, man hatte noch nicht einmal Zeit zum Nachdenken.

Marat trat vor zum Lehrertisch.

„Frau Kolter, das waren sie. Sie haben mit dem Kuli drauf gemalt.“

,,Also erstes Marat, man meldet sich, wenn man etwas sagen möchte, zweitens malen wir hier nicht, wir zeichnen und drittens, ist eine der Klassenregeln wie? Marat, wie ist eine der Klassenregeln? Kannst du das lesen? Schau mal zu den Regeln. Dort an der Pinnwand. Marat, was steht da? Genau, wir werden nicht lügen!“

Dann drehte sich die Kunstlehrerin wieder zu Amalie, die mittlerweile die kleinen Tränen wegwischte. Sie sagte: „Ich nehme das mal mit und schaue, ob ich dir nicht doch noch irgendwie helfen kann.“

Danach endete der Kunstunterricht. Doch bevor die Schüler ihre Ethiksachen aus den Ranzen holen konnten, mussten sie ihre Stifte wieder einsammeln. Frau Kolter ging nämlich von Tisch zu Tisch, nahm einen Bleistift von einem Kind und brachte ihn zu einem anderen. „Ist das deiner?“, fragte Neslihan. Freya war gerade zu ihrem Platz zurückgekommen. Neslihan hielt ihr einen gelben Kugelschreiber mit Drehkappe vor die Nase. Neslihan wusste von Freya, dass sie nicht immer die passenden Stifte hatte. Nicht immer die Stifte, die sie benutzen sollten. Sie durften keine Kugelschreiber verwenden, aber Freya hatte manchmal keine Patronen für ihren Füller. Dann blieb ihr nichts anderes übrig. Außerdem zerkratzte ihr Füller das Papier. Egal ob es kariert oder liniert war. Eine Feder war kaputt.

Doch Freya schüttelte den Kopf, sie hatte einen Bleistift benutzt. Doch jetzt im Ethikunterricht bräuchte sie eigentlich einen Kugelschreiber. Obwohl er nicht ihr gehörte, war sie versucht ihn trotzdem zu nehmen. Doch ihr schlechtes Gewissen meldete sich, schließlich vermisste ein Schüler der 3a diesen Stift. Sie konnte ihn nicht einfach nehmen. Hoffentlich war er noch im Raum. Frau Kolter und ein paar andere hatten das Zimmer 205 schon verlassen. Manche gingen in den Religionsraum und andere auf den Hof. Alle mussten auf den Hof, doch manche hatten es eiliger als andere. Neslihan fragte laut, wessen Kuli das sei. Doch niemand rief: „Meiner!“ Deshalb legt Neslihan ihn in das Gummifach des Tisches. Dann gingen sie auf den Hof. Nur ein paar Jungs blieben drin.

Freya, Neslihan und John liefen auf dem Pausenhof herum. Niemand von ihnen war Essenskind. Das hieß, alle drei nahmen Brotbüchsen mit und hatten keine Essensmarken für die Mensa. Patrick hingegen schon. Die Pause war sehr langweilig, schließlich war das Klettergerüst abgesperrt. Es gab einen Plastikball, aber den musste man sich beim Schulleiter abholen. Das traute sich niemand. Außerdem musste man dafür geradestehen, wenn der Ball weg war. Das wollte niemand. So ein Plastikball flog gerne mal weit und unkontrolliert weg, auch über den Zaun. Über den Zaun durfte niemand. Also verging die Hofpause ohne bemerkenswerte Ereignisse. Als es läutete schaute Freya durch die Gitter, sie versuchte Ian auf dem anderen Schulhof zu erspähen, doch da waren zu viele Schüler.

Freya und Neslihan gingen wieder in das Klassenzimmer 205. John musste in einen anderen Raum. Er hatte Religion statt Ethik. Freya wusste nicht genau, wie das funktionierte. Sie hatte Ethik seit der ersten Klasse. Sie wusste noch nicht einmal, dass man sich das aussuchen durfte und wenn, dann hätte das auch nicht viel geändert. Ihre Eltern trafen die Entscheidungen. Es schien allerdings keine Entscheidung zu sein, die in einer Steintafel gemeißelt war, zumindest bei anderen Eltern nicht. Denn die Besetzung der Religionsklasse änderte sich wöchentlich.

Freya sah, dass die anderen Jungs im Raum geblieben waren. Wie hatten sie das angestellt? Es wurde doch immer kontrolliert?

Der Raum 205 war voller Wasser. Sie hatten gerade Kunst gehabt, demnach passte das eigentlich gut zusammen. Doch sie hatten nur Bleistifte und Kugelschreiber benutzt, also keine Wassermalfarben. Auch war Sefa nicht ausgerastet und Lottes Becher war nicht umgefallen. Für das Wasser gab es also zunächst keine Erklärung. Bis Frau Willhelma-Hauff in die Klasse kam. Sie entdeckte schnell, dass die Jungs Bibeln in das Waschbecken gelegt hatten. Eine Seite fungierte als Stöpsel. Es gab einen riesigen Aufschrei. Sogar der Schulleiter wurde gerufen. Bis Freitag hatte Freya Angst, dass auch bei ihr zuhause angerufen werden würde, dabei hatte sie ja gar nichts gemacht. Doch wenn man nah am Feuer war, wurde man meistens mit angezündet. Am Freitag konnte sie durchatmen. Freitage bildeten eine magische Linie, eine Grenze, die keinen Ärger durchließ.

Freitags hatte Freya Sportunterricht, genau wie Ian. Sie machten wieder draußen Unterricht. Die Grundschule hatte keine eigene Sporthalle. Und für eine Stunde Sport lohnte es sich nicht, in die Stadt zu fahren. Die Turnhalle neben der Mycathie-Akihi-Realschule wurde am Freitag von der 7a genutzt. Ians Klasse. Es gab noch zwei weitere siebte Klassen, die hatten zusammen Sport. Im Gegensatz zu Freyas Klasse, wurden die Jungen und Mädchen drüben getrennt. Während sich Ian umzog, fragte er sich, worin der Sinn von Mädchensportunterricht bestand. Die Turnhalle der Akihi-Realschule hatte nur eine nutzbare Umkleide, in die andere regnete es hinein. Die Mädchen mussten sich in einem Klassenraum umziehen. Das taten sie aber selten. Meisten saßen sie da und hörten Frau Gumny zu. Sie war auch die Bio- und Physiklehrerin der Klasse. Vivien und Lena hatten Ian mal den Ablauf so einer Sportstunde erklärt.

Ian war sehr froh, dass Herr Titschner nicht viel von Worten hielt. Herr Titschner war nicht besonders groß, aber auch nicht klein. Seine Haare hatte er abgeschoren. Er trug eine Halbglatze. Wie es für einen Sportlehrer üblich war, schlüpfte er früh am Morgen in einen Jogginganzug und an seinem Hals baumelte eine Trillerpfeife. Die Pfeife musste er allerdings selten benutzen, so gut wie nie eigentlich. Die Jungs hörten auch so auf ihn. Deshalb beeilten sie sich auch so beim Umziehen. Obwohl die Klasse sonst sehr laut war, redete in der Umkleide niemand.

Schlagmann brauchte am längsten, er war total unsicher und wollte sich nicht ausziehen. Dabei war, bis auf ihn und Leroy, jeder mit sich selbst beschäftigt. Schlagmann saß neben Ian. Ian sah im Vergleich zu ihm furchtbar dürr aus. Man merkte, dass ihm etwas mehr Essen guttun würde. Ian hatte noch keinen Bart, das beruhigte Schlagmann. Denn, obwohl er ein Jahr älter war als die meisten, hatte er nicht einen Fussel am Kinn. Deniz, Yusuf und Erol trugen schon einen Bart.

Matthias Schlagmann trödelte weiter herum, als er seine Hose anzog, hatte Ian schon sein T-Shirt drübergezogen. Jetzt konnte man die blauen Flecke auf seinem Rücken nicht mehr sehen. Schlagmann und Leroy Irion waren die letzten, die durch die Tür in die Halle gingen. Nur noch ein paar Jungs standen gebückt vor einem Hefter. Herr Titschner hatte den Hefter mit den Leistungskontrollen auf einen Hocker gelegt. So hielt er den Sportunterricht ab. An einem Tag wurden alle Leistungskontrollen erledigt und die restliche Zeit konnte zum Spielen genutzt werden. Es wurde fast immer Fußball gespielt. Alibimäßig wurde zwar gewählt, aber die Teams standen ohnehin schon fest. Ian Teutschwitz, Adem Aslan und Karim Mansour wählten.

In Ians Team waren er, SS-Sveni, der lange Franz, Alex Okowenko und Schlagmann.

Für Adem spielten Yusuf Dursun, Alparen Erkan, der nette Erol, Mert und Caglar.

Und Karim wählte seinen Landsmann Ahmet, dessen besten Kumpel und Riccardaverehrer Deniz, den anderen Alex, sowie Leroy.

Es waren immer die gleichen Mannschaften.

An eine schwarze, kleine Kreidetafel malte Herr Titschner den Turnierverlauf an. Eigentlich war es eine Liga. Jeder spielte zweimal gegen Jeden.

Zuerst Team Ian gegen Team Adem. Herr Titschner übergab den Ball, einer dieser gelben, mit Stoffummantelung. Caglar saß als Auswechselspieler neben Karim. Am Anfang der Doppelsportstunde konnte man noch von einem relativ gesitteten Spiel reden. Adems Team führte nach zwei Minuten mit drei Toren. Kleine Tore, letzter Mann hält. Letzter Mann bei Ian war natürlich Schlagmann. Darüber war dieser auch ganz froh, er orientierte sich immer an Ians Befehlen. An Ians Seiten standen Alex und Franz, vorne spielte Sveni. Technisch und körperlich waren Adems Jungs teilweise weit überlegen. Aber Ian versuchte das wettzumachen. Er organisierte seine Mannschaft. Adem, Yusuf, Alparen und Mert standen sich häufig regelrecht auf den Füßen. Bis auf Erol spielte auch niemand ab. Sie dribbelten sich fest.

Ian rief, je nach Seite, die Mitte gehörte ihm, zu Franz oder Alex: „Stellen! Stellen!“

Er wollte nicht, dass sie ran gingen. Er wusste, dass sie ausgedribbelt werden würden. Bei Franz war es leichter, ihn zu tunneln, als an ihm vorbeizuspielen. Der Typ konnte noch überhaupt nichts mit seinem Körper anfangen, wenn er rannte, schwangen die langen Arme wie Windmühlen an seinen Schultern. Alex war da besser, aber konditionell eine Niete. Das kam von den ganzen Kippen.

Ian wollte einfach nur, dass die beiden vor Yusuf oder Adem stehen blieben, den Weg sollten sie abschneiden. Dann rannte Ian von links nach rechts und gab sein Bestes, um den Ball zu erobern. Wenn er ihn hatte, spielte er ihn immer auf die gegenüberliegende Seite, rannte in den Raum in der Mitte, hoffte einen halbwegs geraden Pass zu bekommen. Ian nahm den Ball an und spielte zu Sveni, der ab und zu das Tor traf. Allerdings waren die anderen einfach zu gut. Zumal Schlagmann auch wirklich nur zufällig Bälle hielt. Irgendwie schaffte er es, bei Bällen, die direkt auf ihn zu kamen, noch auszuweichen. Er lief schon wieder rot an, teilweise aus Scham, aber auch wegen körperlicher Anstrengung. Als er mal einen Ball abprallen ließ, festhalten konnte er ihn nicht, kam Ian zu ihm, klatschte ihn auf den Rücken und lobte ihn. Das baute Matthias auf. Sie verloren trotzdem.

Das zweite Spiel, Ian gegen Karim verlief ähnlich dem ersten. Karim und Co waren individuell wieder besser als Ians Truppe, aber lang nicht so gut wie Adems Jungs. Doch dafür waren sie genauso ein Hühnerhaufen. Sie dribbelten sich andauernd fest, drehten ab, wenn es nicht weiter ging, niemand kam zur Unterstützung. Wenn sie mal den Ball eroberten, wusste niemand wo der andere war und deshalb liefen sie einfach los. Sie zogen einen Schnickser dem Pass und einen Hackentrick dem Schuss vor. Erol schien von den anderen der einzige zu sein, der verstand, dass man beim Fußball abspielen musste.

Wenn er Deutscher gewesen wäre, hätte Ian ihn gerne in seinem Team gehabt.

Karims Mannschaft hatte keinen Erol, deshalb verloren sie. Sie langen schon hoch zurück, als die Nicklichkeiten begannen. Und ab diesem Punkt hatte auch Sven Spaß.

Man musste aufpassen, denn Herr Titschner ließ zwar vieles laufen, aber nicht alles. Beleidigungen waren verboten, Spucken tabu und bei Fouls, musste der gelbe Ball zumindest in der Nähe sein. Aber alles andere war erlaubt. Ian und Sven liebten es, einen Mann zu doppeln und dann beide in ihn hineinzurennen. Wenn sie ausgedribbelt wurden, ließen sie das Bein stehen. Bei Zweikämpfen ging man mit angelegtem Arm rein und drückte den Gegner dann weg. Man versuchte, so oft wie es ging, auf den Spann zu treten. Nach jedem Schuss, nach jedem Pass musste trotzdem noch in den Mann gegangen werden und Pressschläge mussten um jeden Preis provoziert werden. Wer zurückzog verlor.

In den Liedern, die SS-Sveni und Ian hörten, wurde ihnen weiß gemacht, dass sie hart wie Stahl und zäh wie Leder wären. Dem versuchten sie gerecht zu werden. Im vorletzten Spiel bekam Ian dazu die Chance. Er lief nach einem Pass von Sveni auf das Tor zu. Es war einer seiner seltenen Ausflüge an die Front. Er schoss und in dem Moment knallte Adem ihn von hinten in die Beine. Herr Titschner pfiff zum ersten Mal. Die Schüler wurden ermahnt, doch es dauerte keine zwei Minuten bis zum nächsten Zusammenprall.

Erol versprang an der Seitenlinie der Ball, weit weg vom Tor. Trotzdem gingen Adem und Ian mit Schaum vor dem Mund rein. Und nun hatten sich die Provokationen ausgezahlt; Pressschlag vom Feinsten. Adem kullerte schreiend auf dem Boden. Herr Titschner pfiff und Ian grinste.

Erol packte ihn an der Schulter und riss ihn herum.

„Ian, du bist wahnsinnig.“

Erol war mit jedem in der Klasse cool. Erol war nett und schien sich einfach mit allen zu verstehen. Bis auf Ian. Für ihn war Ian nur ein dummer Rassist.

Sicherlich sagten Adem und die anderen auch viele rassistische Sachen. Aber Ian war absolut wahnsinnig. Adem stand wieder auf und flüsterte Ian zu, dass er das zurückbekommen würde. „Wallah, ich schwör!“

Erol sah dann, wie Caglar für Adem reinkam, aber da war das Spiel dann auch fast vorbei. Sie spielten noch gegen Karims Team und gewannen dieses Spiel. Sie belegten den ersten Platz. In der Umkleide beeilte sich Erol. Er war sich nicht sicher, ob es Ärger geben würde und wenn, dann wollte er damit nichts zu tun haben. Adem redete zwar laut, aber er ging nicht zu Ian rüber. Erol wusste gar nicht mehr, weshalb die beiden sich so sehr hassten. Es war nicht so, dass es sich um einen Machtkampf handelte. Bei Ian konnte man schon von einem Klassenking reden. Das lag auch daran, dass er bei den Mädchen sehr beliebt war. So etwas brachte immer Pluspunkte. Außerdem machten Alex, Schlagmann, Franz und Sveni alles was er sagte. Aber Adem? Der hatte nun wirklich nicht den großen Rückhalt. Wenn Erol Adems Stellung mit seinem Fußballmanagerspiel vergleichen sollte, würde er sagen, dass Adem ein einflussreicher Schüler war. Ian war ein Anführer. Nicht direkt für ihn, nicht für die Nichtdeutschen, wie Ian selbst sagen würde. Doch die Mädchen mochten ihn wirklich sehr, Erol wusste, dass das allein schon Ansehen bedeutete. Adem und Ian konnten sich also wirklich nicht um einen imaginären Thron streiten. Vielleicht lag es an Lena. Erol wusste, dass Adem Lena hübsch fand. Aber wer tat das nicht? Trotzdem dachte Erol nicht, dass das ein Grund wäre. Für Jungs wie Erol und Adem war Lena unerreichbar. Lena war eines der Mädchen, die ein eigenes Zimmer hatten, sogar mit eigenem Schlüssel. Wenn ihr Vater erfahren würde, dass Lena etwas mit einem Ausländer anfangen würde, dann wäre er auf hundertachtzig. Selbst für Erol, der bis auf die schwarzen Haare und dem Bart, nichts mit dem stereotypischen „Kanak“ zu tun hatte, war klar, dass sich Lena in einer ganz anderen Liga befand. Wenn er seinen Fußballmanager als Maßstab nahm, würde er sagen Europapokalfinale und Vorausscheid Toto-Cup. Das waren einfach zwei Welten, die nur im Klassenraum aneinander kratzten. Als Erol sah, wie Adem wartete, dass Ian aus der Umkleide ging, musste er sich ein Grinsen verkneifen. Denn erst danach beleidigte er ihn. Adem war vor Kurzem aus dem „Schneiders MMA-Gym“ geflogen. Dass war ein Paulmanderer Kampfsportverein, der ein sehr hohes Ansehen genoss, da er sich für die Flüchtlingshilfe, für Obdachlose und andere soziale Projekte einsetzte. Dem Besitzer war ein soziales Miteinander extrem wichtig. Lange vor Erols Zeit, da gehörte Paulmander noch gar nicht zu Schaldstätten, war der Besitzer ein überregional bekannter Boxer gewesen. Seine verstorbene Frau hatte mit ihm das Gym aufgemacht. Adem behauptete er sei freiwillig gegangen, da das alles Nieten seien. Erol wusste allerdings, dass Adem rausgeflogen war, weil er immer nur auf Kopfjagd ging und das, obwohl Dreizehnjährige natürlich nur mit Schutzausrüstung sparren, wenn sie überhaupt Sparring machten. Außerdem hatte er sich an keinerlei Regeln gehalten. In dem Dorf, in dem Erol wohnte, arbeitete jemand in dem Gym, daher wusste er das.

Und obwohl Adem dieses Aggressionspotenzial besaß, legte er sich nicht mit Ian an. Zwar hatte in dieser Umkleide beinahe jeder mindestens zehn Cousins und Brüder, doch von Ian wusste man, dass er ein paar ominöse Gestalten kannte. In dem albernen Mikrokosmos eines Siebtklässlers, war Ian jemand, mit dem man sich nicht anlegen sollte. Zumal Paulmander auch einer der Stadtteile war, in denen Deutsche in der Mehrheit waren. Erol wollte damit wirklich nichts zu tun haben.

Vor der Tür der Turnhalle wartete Elen Civelek auf Erol. Die beiden Zwillinge standen neben ihr. Sie waren Nachbarn. Ridvan und Dilan hatten zwar schon vor einer Stunde Schluss gehabt, doch der Zug fuhr nur aller zwei Stunden. Zu viert gingen sie runter in die U-Bahnstation „Paulmander Ring“.

„Frau Gumny hat heute schon wieder die Balkongeschichte erzählt“, berichtete Elen, als sie die lange Rolltreppe runterfuhren. Obwohl Paulmander so weit draußen lag, war die U-Bahnlinie so weit unten, dass einem beim Hinabschauen fast schwindelig wurde.

Die Zwillinge fragten nach der Geschichte und Elen erzählte sie erneut, genauso, wie Frau Gumny Geschichten mehrere Male erzählte. Frau Gumnys Art Sport zu Lehren war Elen ganz recht. So wie den meisten anderen Mädchen auch. Elen mochte keinen Sport und viele Mädchen ersparten sich so die Diskussionen mit ihren Eltern, da sie keinen Sport machen durften.

In der U-Bahn saßen die Zwillinge nebeneinander. Elen saß neben Erol. Es dauerte keine zwei Minuten, bis sie kontrolliert wurden. Es war nicht so, dass sie mittlerweile daran gewöhnt waren. Es war schon immer so gewesen. Sie kannten es nicht anders.

Du bist Ausländer? Na, dann zeig mal deine Fahrkarte. Keine Bitte. Ist die Karte gefälscht? Bist du das wirklich auf dem Bild? Ihr seht doch alle gleich aus. Hier Manfred, komm mal her. Zügig, zack, zack.

Mit Deutsch, Englisch und Geschichte hatten Elen und Erol wenig Schulzeug in ihren Ranzen. Elen nahm ihn an ihre Brust, verdeckte damit ein bisschen den Bauch. In letzter Zeit war sie unsicherer geworden. Erol fand nicht, dass sie dick war. Sie war nett, das war das Problem. Es gab in der Klasse dickere Mädchen, doch die waren nicht so nett, sie hatten Selbstvertrauen und stachen lieber zu als auszuweichen. Erol war auch nett, aber schlank. Er wurde nicht geärgert. Es gab nur einen Nachteil für ihn; die Mädchen mochten keine netten Kerle.

Erol mochte Lena und die mochte Ian, welcher bekanntermaßen ein Arschloch aller erster Güte war. Bei Ian nervte ihn am meisten die Tatsache, dass er trotz seiner beschissenen Art so gute Noten schrieb. Erol lernte viel, deshalb fand er es im Moment auch nicht so schlimm, dass er für die meisten Mädchen nur ein sehr guter Freund war, denn er hätte gar keine Zeit für eine Beziehung gehabt. Seine Worte. Und obwohl Erol viel lernte, waren seine Noten nur marginal besser als Ians. Zum Kotzen war das alles.

Daran dachte er, während er für eine ältere Dame Platz machte, die gerade einstieg. Am „Bokettoberg“ stiegen viele Menschen aus und ein. Aber nicht um diese Uhrzeit. Es war auch noch genug Platz in der Bahn. Aber Erol hatte gelernt, dass deutsche Omas nur darauf warteten kleine Ausländer anzuschnauzen. Er wollte ihr keine Gelegenheit dazu geben. Die Oma bedankte sich nur mit einem ganz kurzen Nicken. Wahrscheinlich wähnte sie sich im Recht und hielt es für eine generöse Geste ihrerseits.

Erol regte sich nicht darüber auf. Nicht mehr. Nett sein ersparte viel Ärger. Er stand an der Tür und schaute raus. Die Haltestelle löste sich auf. Die Bahn fuhr in den Tunnel. Die Fliesen, Bänke, Informationstafeln und der Kiosk verschwanden. „Bokettoberg“ war eine Baustelle. Die silberne Isolierfolie ließ den Bahnsteig spacig und futuristisch aussehen. Erol fand es toll, sah gut aus, hätte man so lassen können. Doch er wusste, dass eine Künstlerin den Bahnhof umgestaltete. Seiner Meinung nach würden es nur grüne Striche werden. Er kannte den Entwurf. An den kleinen Bildschirmen in der U-Bahn wurde er schon oft gezeigt. Die grünen Striche bildeten ein Kunstwerk, das hier in Schaldstätten ausgezeichnet wurde. Der Bürgermeister hatte es von der Künstlerin ersteigert. Der weibliche Künstler hatte den Erlös einem gemeinnützigen Verein gespendet, der Fixerräume am Hauptbahnhof organisierte. Das fand Erol nett von der Künstlerin.

Die U6 hielt gerade in „Paulmander Nord“, Endstation, lag nicht so tief wie der „Paulmander Ring“. Die Sonne schien durch die Treppenschächte auf den Bahnsteig. Beim Hochlaufen rutschte Ridvan der Ranzen von der linken Schulter. Erol zog die Schlaufe wieder fest. Sie mussten nun noch fünf Minuten bis zum Nordbahnhof laufen. Dort fuhr ihr Zug.

Was Erol blöd fand, war, dass der Bürgermeister Sahin für 300.000 € ein Gemälde ersteigert hatte, um es in seinem Büro aufzuhängen. Weil die Künstlerin in Schaldstätten unbeliebt war, hatten ihm das viele Wähler übelgenommen. Westlich des großen Flusses, noch hinter Weselsheim und dem Stadtzentrum, irgendwo an einer Haltestelle der U1 In Kleinsbeck, hatte die Künstlerin schon einmal eine U-Bahnstation designt. Zusammen mit dem örtlichen Fußballverein, der nur in der Regionalliga spielte, was für eine Millionenstadt wie Schaldstätten eine Blamage sondergleichen war, gab es eine große Eröffnungszeremonie. Der Verein veröffentlichte sein neues Trikot, welches er zur nächsten Saison tragen wollte. Über die Brust zog sich jenes Muster, welches die Künstlerin entworfen hatte und auch an den Wänden der U1-Station zu sehen war. Allerdings hatte sie nur bedingt die Nutzung erlaubt. Es gab einen Rechtsstreit, den die Künstlerin gewann. Der Verein musste ihr 300.000 € zahlen. Deshalb waren sie gezwungen ihren Rechtsverteidiger zu verkaufen. Damals 21 Jahre alt, beidfüßig und kam aus der eigenen Jugend. Er spielte später in der 2. Liga. Sehr variabel einsetzbar. Klassisch in der Viererkette oder als Schienenspieler in einem 3-5-2-System. Bei einer Dreierkette konnte er zur Not auch den rechten Innenverteidiger mimen. Der Verkauf des letzten echten Schaldstätteners hatte ziemlich weh getan.

Seit dem Verkauf des Stadions spielt der Verein noch nicht einmal mehr im Stadtgebiet, sondern an der südwestlichen Grenze. Ob er eine Lizenz für die nächste Saison bekommen würde, war jetzt schon fraglich, sie mussten unbedingt aufsteigen. Während Erol, Elen und die Zwillinge in den Zug einstiegen und aus der nördlichsten Grenze fuhren, dachten sie daran, dass es bis dorthin eine halbe Weltreise sein müsste.

Vier Stationen mussten die Schüler mit dem Zug fahren. Zunächst fuhr dieser wieder nach Süden und hielt am Bahnhof „Bokettoberg“, nicht zu verwechseln, mit der gleichnamigen U-Bahnstation, dann fuhren sie durch die Kleingartenanlage „Vogelshausen“, Haltestation: „Naherholung Vogelshausen“. Jetzt verließen sie endgültig das Stadtgebiet. Die Schienen lagen in einem grünen Graben und teilten ein Feld. „Nordbahnhof“, „Bokettoberg“ und „Naherholung Vogelshausen“ waren in fünf Minuten abgefahren. Nach weiteren fünf Minuten hielt der Zug in „Gabelum“. Die Gleise lagen genau in der Mitte des Dorfes. Die nächste Station war ein Bedarfshalt. Erol drückte die rote Taste. Der Zug hielt in „Tuhlmskirch“. Alle vier steigen aus. Der Zug fuhr wieder los und sie waren allein. Gefühlt mitten im Nirgendwo. Eine Straße führte über die Gleise. Die Halbschranken öffneten sich und die Kinder gingen zu den Häusern. Hinter ihnen führte die Straße ewig lang geradeaus. Pappeln standen links, Apfelbäume rechts. Sonst war da nur Feld. Es gab keinen Mittelspursteifen, keine Seitenmarkierungen und keinen Fuß- oder Radweg. Nur vom Raps umgefärbte Pinguine machten einen offiziellen Eindruck. Hinter der Apfelbaumseite lag ein Graben, das Wasser floss durch ein Rohr unter den Schienen durch. Die Kinder liefen auf der Straße, gingen in das Dorf hinein. Zunächst standen nur ein paar Häuser an der Seite. Dort, wo der Graben lag, war immer noch nur Feld. Die Straße kreuzte sich mit der Hauptstraße des Dorfes. Diese führte kurvenreich zur Kirche, welche das Zentrum des Dorfes bildete. Vor der Kirche gab es einen kleinen Ententeich, um den Holzbänke standen. In der Mitte schwamm, wenn man vom Schwimmen sprechen konnte, schließlich hielt ein Stein das Gebilde an Ort und Stelle, ein Entenhaus. So waren sie vor Füchsen geschützt. Die Meyers hatten einen Hund, der lief stets ohne Leine durch das Dorf. Vor ihm brauchten die Enten keine Angst haben, obwohl er die Wasserdistanz ohne Schwierigkeiten überbrücken könnte.

Der Friedhof und das Kirchhaus waren von einer kleinen Steinmauer umgeben. Neben dem Eingangstor stand eine Skulptur des Tuhlmspatzen auf einem Sockel.

Tuhlmskirch gehörte zu einer Gemeinde, deren Bürgermeister sich für die Wiederbelebung der Dörfer einsetzte. Umso größer Schaldstätten wurde, umso beliebter wurden auch die umliegenden Ortschaften, der Donuteffekt hatte aber zunächst nur Auswirkungen auf die Dörfer im Westen und im Süden von Schaldstätten. Mit Paulmander war im Nordosten schon die nächstgrößere Stadt eingemeindet worden, niemand glaubte, dass Schaldstätten in diese Richtung weiterwachsen würde. Zumindest nicht in den nächsten drei Jahrzehnten.

Im Süden gab es noch eine schöne Kleinstadt, sie profitierte von den Laubwäldern und den Baggerseen. Die Neuen zogen dorthin, die Reichen zogen dorthin. Die Leute in den nördlichen Dörfern schauten, ob sie sich eine der freiwerdenden Wohnungen im Stadtgebiet leisten konnten. Doch mit jedem Auszug wurden sie nur teurer. Um die Dörfler hier zu behalten, hatte der Bürgermeister ein paar Projekte gestartet. In jedem Dorf gab es eine Post und, was noch viel besser war, einen Dorfladen. Es war kein Tante-Emma-Laden. Man arbeitete mit einer großen Firma zusammen.

Aber irgendwie war es schön dort einkaufen gehen zu können, wo man wohnte. Nicht nur für die Älteren. Zugleich gab es auch so etwas, wie einen Treffpunkt mitten im Dorf. Und da Tuhlmskirch einen Bahnhof hatte, benötigte man noch nicht einmal ein Auto. Erol wollte hier trotzdem weg. Der lange Schulweg schlauchte ziemlich. Elen gefiel es hier, sie könnte sich vorstellen zu bleiben.

Am Sonnabendfrüh waren Elen und Erol schon um 8:00 Uhr wach. Dabei ging es gestern lang. Sicherlich bis nachts um zwei. Vierzig wurde man schließlich nicht aller Tage. Elen und ihre Geschwister hatten ihrer Tante Steffi ein Badeset geschenkt, mit Schwämmen, Schaumbädern und Badekugeln. Ihre Mutter Gabi hatte das vorgeschlagen, schließlich kannte sie ihre Schwester am besten und am längsten. Sie saßen im Garten des Dreiseitenhofes. Ursprünglich gehörte er Horst Silmer, den Opa von Elen, und seiner Frau Anke. Dann hatte er ihn allerdings an Nuri Civelek, Elens Vater verkauft und für sich und seine Frau lebenslanges Wohnrecht im Grundbuch eintragen lassen. Die beiden Rentner brauchten den vielen Platz nicht für sich allein und pflegen konnten sie das Haus ohnehin nicht mehr. Sie waren froh ihre Tochter Gabi und die Enkel wieder bei sich zu haben. Es gab auch mit Nuri keine Probleme. Auch nicht, als Nuris Arbeitskollege Alper Yilmaz mit seiner Familie in den leerstehenden Flügel einzog. Alper und Nuris Väter waren in der Türkei und in Deutschland Arbeitskollegen gewesen. Dort, wo jetzt Leute in Baggerseen badeten. Der Hof war also wieder voll. Und bei so einem Geburtstag noch mehr als sonst. Steffi Silmar hatte ihren Freund und das neugeborene Kind mitgebracht. Außerdem hatte Gülsah, die Mutter von Erol und Frau von Alper, die Kinder ihrer zweitältesten Schwester eingeladen.

Erol brachte seinen Cousins gerade Brötchen, als Horst und Anke zum Tisch kamen. Für Erol waren diese beiden, wie eigene Großeltern. Dementsprechend war Elen für ihn, wie eine Schwester, das zählte auch für die Zwillinge. Elen hatte auch noch einen Bruder, der war aber viel älter und als die Familie Yilmaz aus Schaldstätten raus und nach Tuhlmskirch reingezogen war, machte Marius schon sein Abitur. Da war Erol vier Jahre alt gewesen. Bis weit in den Mittag rein frühstückten sie. Das Mittagessen an sich viel aus. Es stand noch ein Ausflug auf dem Programm. Die ganze Bande, nur Steffis Freund blieb mit den ganz jungen Kindern zuhause, fuhr in die Stadt. Es war ein heißer Frühherbsttag. Die Familien nutzten die gute Anbindung und fuhren mit dem Zug zum „Bokettoberg“. Von der Haltestelle zum See, war es nur ein kurzer Fußweg. Es dauerte trotzdem lange, da Anke nicht mehr so gut zu Fuß war und Ridvan und Dilan viel herumtollten. Der See war brechend voll. An den Wochenenden kamen die Studenten aus dem Stadtzentrum hier her. Die Familien aus den Dörfern spazierten unter den gepflegten Schwarzerlen.

Um den See und um den Berg herum, sah Paulmander am schönsten aus. Die Einkaufpassagen und die Einkaufscenter luden zum Flanieren ein. Vom See konnte man über den Tuhlm mit einem Boot, bis zum Hafen kommen. Es roch nach gegrilltem Fleisch, es roch nach Eis und es roch nach griechischen Joghurt. Auf der Tuhlmspatzbrücke, die, wie sollte es auch anders sein, über den Tuhlm führte, stand ein Straßenmusiker. Ridvan sah, wie Patrick Schmidt Münzen in den Becher schmiss. Ridvan kannte den Jungen aus seiner Klasse. Er winkte ihn zu, aber erst nachdem Patricks Mutter ihn darauf aufmerksam machte, winkte er zurück.

„Wer war denn das?“, fragte Gabi ihren Sohn.

„Patrick, der geht in meine Klasse.“

„ ,Der´ sagt man nicht. Und ist er nett?“

„Ja schon. Er redet nicht viel. Wenn wir mit Amber Zettel schreiben, und der zu weit fliegt, dann hebt er ihn immer auf.“

„Ihr sollt doch im Unterricht keine Zettel schreiben“, regte sich Gabi auf.

Opa Horst dreht sich um, mit ihm Anke, die bei ihm eingehakt war. „Ach, lass sie“, sagte er, „solange sie der Pauker nicht erwischt, ist doch alles gut.“ dann zwinkerte er, wie nur ein Opa zwinkern konnte.

Elen und Erol grinsten vielsagend. Gabi fiel das auf, sie fragte nach dem Grund.

Elen erzählte: „Letztes Jahr hatten wir einen Geolehrer, den haben wir jetzt nicht mehr. Aber der war immer darauf aus, die Zettel zu erwischen. Da mussten wir immer ganz genau aufpassen, dass wir nicht geschnappt werden und das heimlich machen.“

Sie überschritten die Brücke und gingen durch das Tor eines Altersheimes. Der Weg war asphaltiert, Spatzen badeten in kleinen Springbrunnen. Vor dem Seiteneingang stand ein Bushalteschild. Opa Horst ging hinein. Elen erzählte weiter: „Aber der Lehrer hat sich nicht damit begnügt, die Briefchen nur einzusammeln. Und einmal, da hat er von Tania … doch Mama, die kennst du, das Mädchen, das wie Schneewittchen aussieht, die ist mit Dilan in der Buch-AG, von der hat er einen Zettel genommen. Das war ein Gespräch zwischen ihr und Adem, da saß der noch hinten in der letzten Reihe. Und Adem hat ihr geschrieben, dass er sie hübsch findet und in sie verliebt ist. Was total komisch war, da er sie nach ihrem ,Nein´, welches der Lehrer auch laut vorgelesen hatte, richtig oft geärgert hat, dass sie hässlich sei und so. Das macht er noch heute.“

Elen stoppte, als sie alle Hiltraut begrüßten. Elens Uroma saß in einem Rollstuhl. Sie wurde von Steffi zum See geschoben. Erol sah, wie ihnen Lena und Ian entgegenkamen. Ihm war es peinlich mit der Familie gesehen zu werden, doch er konnte sich nicht verstecken. Lena bemerkte ihn, aber ihr Blick verriet nicht, ob sie ihm wahrgenommen hatte. Sie hatte so eine Art. So eine kalte Art über Menschen hinwegzuschauen, als wären sie Luft.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass ein Lehrer eure Briefe nicht lesen darf“, sagte Nuri.

„Ja, und genau das ist der Punkt. In der nächsten Geostunde hat sich ein Klassenkamerad, Ian, von ihm mit Absicht erwischen lassen. Ian hatte gebeten, den Brief nicht laut vorzulesen, doch der Lehrer hörte nicht auf ihn.“

„Hätte er es mal lieber gemacht“, schob Erol lachend ein.

„Wieso?“, fragte Gabi.

„Ian hat auf den Zettel geschrieben, dass das was der Lehrer macht, gegen das Briefgeheimnis verstößt und gegen Persönlichkeitsrechte. Mit Paragrafen und dem ganzen Quatsch.“

„Das ist ja ein starkes Stück“, Opa Horst lachte.

Gabi nahm ihre Tochter und ließ sich etwas fallen, sie fragte: „Wie heißt´n dieser Ian mit Nachnamen?“

„Teutschwitz. Wieso?“

„Ich möchte bitte, dass du dich ab sofort von diesem Jungen fernhältst. Ich kenne seinen Vater. Weißt du noch, was ich dir von dem Flüchtlingsheim und den Feuerwochen erzählt habe?“

Was für eine Frage, jeder Nichtbiodeutscher in Paulmander wusste von den Feuerwochen.

„Ja Mama, das habe ich natürlich nicht vergessen. Ich habe auch gar nichts mit ihm zu tun. Der geht nur in meine Klasse. Der kann ja aber auch nichts für seinen Vater.“

Alex gab Ian das Feuer zurück. Er pustete den Qualm seiner Zigarette in die Gesichter der Kinder, die gerade in den U-Bahntunnel hineingingen. Lena rauchte auch. Ian nahm das Feuerzeug und steckte es vorsichtig in seine Hosentasche. Man merkte, dass er sich bedacht bewegte, als würde ihm etwas weh tun oder als rechnete er damit, dass eine falsche Bewegung ihm Schmerzen zufügen könnte. Am Sportunterricht konnte es nicht liegen. Heute hatten sie nicht Fußball gespielt.

Lena hatte die Kippe von Alex bekommen. Alex hatte die Schachtel in einem Supermarkt geklaut. Damals waren noch nicht alle Schachtel hinter den runden Gittern. Das, was Lena und Alex da rauchten, hatte keine Filter. Ein Feuerzeug hatte Alex nicht erbeutet, seine Mutter hatte auch keins zuhause. Nur eine Streichholzschachtel für die Kerzen und es würde ihr auffallen, wenn diese fehlen würde. Ian rauchte zwar nicht, doch er hatte immer ein Feuerzeug dabei.

„Telefonieren wir heute wieder?“, fragte Lena zwischen zwei Backenzügen.

„Wann?“, fragte Ian. Er hatte das Angebot von Alex doch angenommen. Dessen altes Handy lag nun in seiner Hosentasche. Es war Ians erstes Handy. Frau Okowenko, Kalina, hatte für Ian eine Prepaidkarte gekauft und ihm gezeigt, wie man das Guthaben auflädt. Ian hatte versprochen das Geld zurückzuzahlen, aber Kalina hatte das abgewunken. Es sollte nur ein Geheimnis bleiben. Ians Eltern mussten es nicht erfahren.

Lena rief Ian an, so musste er nichts bezahlen, Lena hatte ja eine Flatrate. So richtig wusste Ian immer noch nicht, was das bedeutete. Aber es war auch nur gerecht, dass es Lena war, die bezahlte. Schließlich bestanden Telefonate zwischen den beiden Siebtklässlern zu neunzig Prozent aus Lenas Geschichten und zu zehn Prozent aus Ians zustimmenden, knappen Worten.

Anscheinend waren sie jetzt zusammen. Ausgesprochen hatte es niemand. Die Sommerferien waren wohl nur eine überlange Pause gewesen. Es war Freitag. Zwei Wochen, zehn Schultage und achtundfünfzig Unterrichtsstunden waren vergangen. Der Zauber eines neuen Schuljahres war komplett verflogen. Ian genoss die Telefonate mit Lena, auch wenn sie von dem Wind und dem Straßenlärm auf seiner Seite der Leitung genervt war. Lena nervte ihn nicht. Sie fragte nicht, wie es ihm ging oder was er erlebte. Sie erzählte, wie ihr es ging und was sie erlebte. Dazu wollte sie Ians Meinung hören. Sie erzählte, was ihre Eltern ihr gekauft hatten, sie erzählte, wie langweilig Tanias neues Oberteil war und wie toll sie den Kuss fand. In dieser so kleinen Welt eines Siebtklässlers waren sie ineinander verknallt. Am Mittwoch hatten sie sich das zweite Mal geküsst. Am Spielplatz neben dem Schwanenteich. Das war der Tag, an dem Ian zu spät nachhause kam.

Er wusste nie genau, wann er zuhause sein sollte. Vor seinem Vater, das war klar. Aber der kam manchmal um sieben und manchmal um acht. Da sollte das Essen auf dem Tisch stehen und Ian und Freya in ihrem Zimmer sein.

Herr Teutschwitz war ziemlich sauer, als Ian die Haustür aufschloss. Da es schon spät war und Herr Teutschwitz keine Zeit mehr verplempern wollte, schlug er Ian gleich im Flur zusammen. Ian merkte, dass er noch kein Bier getrunken hatte. Nüchtern war sein Vater aktiver. Die Schläge waren okay, klar er hätte auch darauf verzichten können, aber er war daran gewöhnt. Außerdem schlug sein Vater nur mit den Fäusten zu. Die Mutter nahm den Schuhanzieher oder die nassen Wischtücher zu Hilfe. Und danach redete sie immer mit ihm.

„Warum machst du es denn so schwer? Möchtest du dich nicht deiner Schwester zuliebe besser benehmen?“

Die Worte taten meist mehr weh. Dazu kam noch, dass er stärker war als seine Mutter. Der Stärke verprügelt den Schwachen, die Regel konnte Ian akzeptieren. Aber wenn ihn seine Mutter schlug, war das anders. Die Schläge seines Vaters hielt Ian ganz gut aus. Doch an diesem Tag war es sehr schlimm. Ians Vater schlug ihn eigentlich immer gegen den Körper, manchmal gab es zwar Ohrfeigen, aber meist ging es gegen den Körper. Brust, Bauch, Rücken, Schulter. Herr Teutschwitz hielt sich an das, was der Papst gesagt hatte. An diesem Tag traf Herr Teutschwitz Ian an der Leber. Erst merkte Ian nichts. Zwei Sekunden später klappte er wie ein Campingstuhl zusammen, er rutschte an der Haustür runter. So etwas hatte er noch nie gespürt. Da war kein Kampfgeist, keine Widerstandskraft. Sein Körper hatte einfach gesagt „Nup“ und das war´s.

„17:00 Uhr?“, fragte Lena.

Ian überlegte, er wollte heute noch etwas mit Freya machen, dann sagte er: „17:00 Uhr ist okay. Ich kann aber nur eine Viertelstunde.“

Lena merkte zu spät, dass die Gruppe hinter ihnen sich auflöste und ein paar der Leute zu Ian gingen.

„Na, Russe“, sagte Kralle. Alex wurde gleich einen ganzen Kopf kleiner. Auch Lena fühlte sich unwohl. Das lag auch daran, dass Riccardas Schwester Sarah neben Kralle stand. Lena lästerte immer über diese großen Brüste, aber irgendwie machten sie ihr ... ja ... sogar ein bisschen Angst. Sie kratzen an ihrem Selbstbewusstsein und das machte ihr Angst, Sorge wohl eher. Dass sie selbst kleine Brüste hatte, hinderte Kralle nicht daran, voll drauf zu starren. Lena schaute zu Ian. Sie erwartetet alles von ihm. Er sollte machen, dass die Blicke aufhören, er sollte selbst nicht auf Sarahs Brüste schauen und er sollte mit ihnen jetzt gehen. Kralle und Sarah machten ihr Angst. Die beiden waren böse, da war sich Lena sicher. Schlechte Menschen. Jetzt stellte sich auch noch Carlo Schikowski dazu. Doch, bevor der etwas sagen konnte, meinte Ian, dass Alex dazu gehörte und einer von „uns“ sei. Carlo grinste, als Ian das sagte. Kralles Augen blitzen. Ian gab meist einen Fick darauf, ob jemand größer oder älter war. Er hatte ein gutes Gespür, er wusste, wem er widersprechen konnte und wann er sein Maul halten sollte. SS-Sveni war da ganz anders, er war sehr impulsiv. Das handelte ihm eine Menge Ärger mit den Lehrern ein. Das fand Ian nicht so schlimm, Ärger mit Lehren nahm er auch gerne mal mit, das nahm er in Kauf. Aber nur, wenn er im Recht war. Nur wenn das, was der Lehrer machte diesen diffusen deutschen Ehrenkodex mit den überschriebenen Wörtern „Treue, Ehre und Stolz“ widersprach. Nicht um jeden Preis zankte er sich mit den Lehrern. Auch, weil sie meistens zuhause anriefen und seine Eltern das so semigut fanden. Aber SS-Sveni war da anders, er regte sich wegen jedem Scheiß auf, auch wenn er absolut im Unrecht war. Auch deshalb lag er sich mit Kralle oft in den Haaren. Und Kralle war niemand, mit dem man Streit haben wollte.

Was Erol über Ian dachte, traf auf Kralle zu hundert Prozent zu. Aber Ian konnte Alex nicht beleidigen lassen. Alex war einer seiner Freunde. Seine Freunde ließ er nie im Stich.

Deutsch sein, heißt treu sein.

Lena und Alex verabschiedeten sich so schnell wie es ging. Kralle wollte dem „Russen“ noch einen Spruch drücken, doch Ian fiel ihm ins Wort. Das tat er nicht leichtfertig. Kralle könnte ihn ziemlich zu Klump hauen. Dazu war sein großer Bruder auch noch in der Partei. Kralle war in allem extremer. Wenn es nach ihm ging, sollte man nur reindeutsche Freunde haben.

Freya freute sich sehr. Sie hatte nur vier Stunden gehabt. Keine Hausaufgaben. Sie schaute auf die Uhr. Sie wusste, wann Ian freitags sonst nach nachhause kam. Freya war erkältet. Die Zeit verging langsam.

„Na, wo ist mein kleines Nießmonster?“, rief Ian, als er die Haustür aufschloss.

„Ey, du steckst mich ja noch an“, scherzte er, als Freya ihn umarmte.

Er ging schnell in Bad und aß danach mit Freya Toast. Getoastetes Toast. Das war ihr Geheimnis, das mussten die Eltern nicht erfahren.

Es war ein besonderer Tag und der Toaster blieb intakt. Alhamdulillah

Freya protestierte, doch Ian bestand darauf. Sie sollte sich eine Strickjacke anziehen und ein Halstuch. „Wenn es zu warm wird, kannst du das ja immer noch ausziehen.“

Vom Kleinhauerweg, bis zum Schwanenteich, bis zur Teutebergstraße, war es nicht weit. Die Teutschwitzkinder waren es gewohnt zu laufen. Aber ähnlich wie Ridvan und Dilan, verzögerte auch Freya das Vorankommen. Sie war sehr neugierig, sehr aufgeweckt. Sie ließ ihre Augen von einem Haus zum anderen, von einem Auto zu einem Passanten rasen. Sie stellte Ian viele Fragen. Nicht auf alle hatte er eine Antwort. Er hielt Freya für sehr schlau, schlauer als sich selbst. Sie hatte ihre Schulbücher, die Schulbücher von Ian und den Atlas zweimal gelesen. Sie las sehr gerne, das wusste Ian. Deshalb gingen sie auch in die Teutebergstraße. Dort hatte er nämlich etwas entdeckt.

In ein paar Wochen konnte Ian für Freya Bücher aus dem Bücherraum klauen. Er verstand nicht so ganz, weshalb es ihr Freude machte Goethe, Schiller und Willhelm-Hauff zu lesen, aber das war ja nicht sein Bier, nicht sein Brot, nicht sein Toast. Ihr sollte es Spaß machen. Wenn sie sich freute, freute er sich mit. Aber es würde eben noch ein paar Wochen dauern. Nach den Ferien wurde der Raum noch zu oft benutzt. Es wurden noch Bücher ausgetauscht, denn viele Eltern waren nicht damit einverstanden, dass ihr Kind Schimmel auf dem Mathebuch hatte. Außerdem wurden die ersten Pflichtlektüren verteilt. Ian würde in diesem Jahr nur ein Buch lesen. Lessings Nathan der Weise. Ansonsten würden sie nur Grammatik behandeln. Frau Lärmer-Nilmarch war in den Genitiv und in Partizippronomen verliebt.

Freya hatte Lessing schon gelesen. Sie erzählte Ian, um was es ging.

Als sie in der Teutebergstraße ankamen, zeigte Ian ihr, was er entdeckt hatte. Die Telefonzelle war umgestaltet worden. Holzbretter waren angeschraubt. Auf dem Boden standen Pappkisten. Die Tür zierte ein Schild mit der Aufschrift „Nimm ein Buch, gib ein Buch“.

Freya strahlte, bis sie realisierte, dass sie gar kein Buch dabeihatten. Aus einem der Fenster der Mehrfamilienhäuser schaute wieder die Oma. Ian zog ein Fußballheft aus seiner Hosentasche hervor. Es hatte nur A5-Format und lag mal irgendwo bei. 300.000 € hatte der Rechtsverteidiger gekostet. Wie viele Bücher man davon hätte kaufen können. Locker genug, um Freya für ein Jahr zu beschäftigen.

Ian hatte kein Gefühl für so viel Geld. 300.000 € waren für ihn so viel wie eine Million. Unerreichbar. Er hatte schon keine Ahnung, wie er Kalina die fünfzehn Euro für die Prepaidkarte zurückzahlen sollte. Die Jungs, die auf dem Schulhof das Gras und das andere Zeug vertickten, die hatten bestimmt genug für ein ganzes Handy. Das war ihm aber zu heikel. Außerdem gehörte alles was mit Drogen zu tun hatte den Türken.

Für Ian war das klar. Das waren alles Türken, egal was auf ihren Pass stand.

Und mit den Clans wollte er nichts zu tun haben. Mit Türken wollte er nichts zu tun haben. Mit Drogen wollte er erst recht nichts zu tun haben.

Denn Deutsche nehmen keine Drogen. Kralles Worte.

„Such dir ein Buch aus“, sagte Ian und Freya zog sofort eins heraus. Es handelte sich um ein Jugendbuch.

„Theodor Tatze reist an den Nordpol“ von Lars Dietjes.

Freya war noch ein Kind. Das sah Ian wieder. Er war froh, dass es so war. Er war froh, dass sie viel zuhause saß und Bücher las. Die Eltern waren ja eh nicht da. Ian wollte nicht, dass sie wie er draußen herumturnte. Nicht, weil er dachte, dass Mädchen nicht draußen sein sollten, sondern weil er wusste, wie sie draußen behandelt wurden. Er hatte die Blicke von Kralle gesehen. Er wusste, wie er über Mädchen sprach. Er hatte auch Lenas Blicke gesehen. Doch er hatte nicht aufs Sarahs Brüste geschaut. Und selbst wenn er das getan hätte, dann hätte er sie nicht wahrgenommen. Sie wären Luft für ihn gewesen, denn er war mit Lena zusammen. Auch wenn es niemand ausgesprochen hat. Und er war verknallt in sie.

Und Deutsch sein, heißt treu sein.

… Theodor Tatze schnurrte zustimmend. Was Willibert der Wal sagte, ergab Sinn. Er bräuchte eine Jacke und er bräuchte Handschuhe für seine Pfoten. Am Nordpol würde es bitterkalt werden. Theodor Tatze fror leicht. Er war kein Streuner. Deshalb wollte er an den Nordpol. Er wollte sich selbst etwas beweisen. Und er hatte es versprochen. Und Versprechen muss man halten. Versprochen ist versprochen und wird nie gebrochen. Theodor Tatze hatte es seiner Freundin Hanna versprochen. Hanna war eine Streunerin. Sie hatte ihm gezeigt, wie man fliegen lernt …

Freya mochte es, ihrem Bruder vorzulesen. Am Anfang war sie ganz aufgeregt. Schließlich brach man nicht aller Tage in ein Haus ein. Doch nachdem Ian ihr durch das Fenster geholfen hatte und ihr Versprechen abnahm, sich immer an ihm festzuhalten, während sie auf dem Dach hockten, entspannte sie sich. Das leerstehende Haus war verlassen. Adem und seine Cousins waren nicht da. Das Haus war aus der Zeit gefallen. Es würde noch stehen, wenn Glasbüros Felder zu Häuserschluchten machen. Herberge zweier, die vom ersten bis zum letzten Namenstag vergiftet waren. Als Freya die ersten Zeilen las, war sie voll in der Welt des Theodors. Sie vergaß auch ihre Enttäuschung. Ian und sie waren zu dem Tierheim über den Hügel gegangen. Sie hatten nicht damit gerechnet, einen Hund streicheln zu dürfen. Sie wollten nur schauen, doch trotzdem wurden sie verjagt. Freya vergaß, dass sie heute noch in die Wohnung zurückmussten. Hier oben auf dem Dach, mit dem Blick auf die Felder und die Baumgruppe schien Paulmander ein schöner Ort zu sein. Ian hörte ihr zu. Er vergaß nichts. Auch nicht, dass er 16:55 Uhr sein Handy rausholen musste. Er hatte es Lena schließlich versprochen.

Und Versprechen hält man ein. Es gehört sich so.

Buch 1 -3-

„Is´was mit dir? Bist du sauer?“

Lena streichelte dabei mit der Hand über ihren Arm. Sie hatte den Ärmel des kornblumenblauen V-Ausschnittpullovers nach oben gekrempelt, da sie ihn nicht mit Farbe beschmieren wollte. Sie spürte eine Gänsehaut, weniger wegen Ians schlechter Laune, sondern vielmehr, weil es verdammt kalt im Raum 204 war. Draußen war es stockdunkel, dabei war es 11:50 Uhr. Doch die Sonne hatte sich dazu entschieden, an diesem Spätherbsttag im Bett zu bleiben. Ähnlich wie Frau Szchemanek, ihre Englisch- und WTH-Lehrerin war nämlich krank, doch der Unterricht der 7a fiel nichts aus. Stattdessen hatten sie, statt nur einer Stunde Kunst, davor noch eine zweite. Frau Müller war damit einverstanden gewesen, für Kunst musste man nicht viel vorbereiten.

„Ja, Frau Müller hat mich vor der Stunde zusammengefaltet.“

Ian war auf die Lehrertoilette gegangen, schlimmer Fehler. Lehrer ließen viel durchgehen, man konnte Klassenkameraden schlagen, Mitschüler mobben, Hefter stehlen und anzünden, aber wehe man ging auf die Lehrertoilette. Wenn es ihnen so wichtig war, hätten sie sie ja einfach abschließen können. Doch das taten sie nicht. Die weiße Tür stand offen und so nutze Ian seine Chance. Die Jungstoilette im zweiten Stock war nämlich furchtbar. Das WC war ein quadratischer Raum mit einer Pissrinne am Boden. Es gab keine Trennwände und man konnte vom Flur aus, einen großen Teil sehen. Ian konnte da einfach nicht. Er verstand ja, dass man Kinder nicht wie echte Menschen behandeln musste, aber das ging ihm einfach zu weit. Frau Müller teilte seine Auffassung nicht. Dementsprechend griesgrämig saß er neben Lena.

„Ah, okay. Was hast du denn gemacht?“

Lena war erleichtert. Seit Ian selbst ein Handy hatte, konnte sie ihn nicht einfach so ihres in die Hand legen. Er wusste jetzt, wie es funktionierte. Sie wollte nicht, dass er sich Nachrichten anschaute, die ihn nichts angingen. Wenn sie ihn nun etwas zeigen wollte, behielt sie das Gerät in ihrer Hand. Das musste ihm aufgefallen sein. Sie hätte gedacht, dass er deswegen sauer war. Erleichterter konnte sie sich nun wieder ihrem Bild widmen. Ian und sie teilten sich einen Wasserbehälter. Deshalb musste sie manchmal warten. Sie hatten nur einen Wasserbecher, weil es ihm Raum 204 keinen Abfluss gab. Zumindest keinen funktionstüchtigen. An den Seiten der Tische gab es verkleisterte Waschbecken, mit ausziehbaren, grauen Hähnen. Die haben ihren Geist aber schon vor Ewigkeiten aufgegeben. Ungefähr an dem Tag, an dem das Wasserohr brach. Große Flecken konnte man an der Decke sehen. Man roch sie auch. Deshalb waren an Herbsttagen die Fenster geöffnet. Am schlimmsten waren die Schüler dran, die am Montag ihre erste Stunde im Raum 204 hatten. Wenn zwei Tage lang nicht gelüftet wurde, stank es schlimm nach Schimmel.

„Bringst du es dann weg?“

„Das Wasser?“

„Ja, bitte.“

„Klar, kann ich machen.“

Da der Raum 204 keinen eigenen Abfluss hatte, mussten die Schüler die Wasserreste in den unteren Kunstraum bringen. Da war es schon häufig zu Unfällen gekommen.

„Wollen wir heute Nachmittag etwas machen?“

„Geht nicht, hab einen Arzttermin“, antwortete Lena.

Das war Ians Laune nicht gerade zuträglich. Aber er war auch einfach drüber, müde und dauerhungrig. Ihn nervten diese lauten, dreckigen Räume. Ian nervte das schlechte Wetter, denn es bedeutete, dass er am Wochenende zuhause sein würde. Eigentlich waren diese zwei Tage das Highlight der Woche. Jeder Wochentag war gleich öde. Ian fragte sich wirklich, weshalb er den Scheiß hier machte. Er wollte nicht malen, er konnte nicht malen und er bezweifelte ganz stark, dass ein Picasso mal gesagt hatte: „Zum Glück hatte ich Kunstunterricht. Das hat mich echt weitergebracht. Knorke Sache.“

Die traurige Straße auf seinem A3-Blatt deprimierte ihn. Sie sollten etwas zum Thema Perspektiven malen. Ian malte einfach das Bild aus dem Lehrbuch ab. Er hatte nicht den Hauch von Kreativität in sich. Eine halbe Stunde lang konnte er sich auf die Malerei konzentrieren, doch dann verlor er die Lust daran. Er sah in diesen Mühen einfach keinen Sinn. Ian schaute auf die Uhr neben der Tafel. Es waren noch zehn Minuten. Er schnaubte und Lena schaute auf. Ihr Blumenbeet vor einem Fluss sah niedlich aus. Ian würde gerne einmal aufs Land. Raus aus dieser lauten Großstadt. Raus aus dieser kleinen Wohnung. Weg von diesem Essenstisch, an dem nur geschwiegen oder geschrien wurde. Raus aus diesen alten, schimmligen Räumen. Ian wollte raus. Dort wo man sich in ein echtes Blumenbeet legen konnte. Dort, wo die Wolken nicht von Flugzeugen und Hochhäusern zerrissen waren. Er wollte sich das Summen von Bienen anhören. Und er wollte nicht nach seiner Meinung gefragt werden, er wollte keine Entscheidungen treffen. Er wollte einfach seine Ruhe haben.

Ian schaute auf die Uhr; noch neun Minuten. Die Zeit ging einfach nicht vorbei. Ian kippelte mit dem Stuhl, um aus dem Fenster zuschauen. Auf der ehemaligen Freifläche wurde jetzt gebaut. Man konnte schon die Stahlgerüste des Hochhauses sehen. Die Warnwesten der Bauarbeiter leuchteten unter der dunklen, geschlossenen Wolkendecke. Der Wind zog stark an ihnen. Es flogen auch ein paar wenige Blätter vorbei. Es gab ja nicht mehr viel Bäume in Paulmander. Ian schaute wieder auf die Uhr; noch zehn Minuten. Oar, es kotze ihn einfach alles an. Wie konnte das denn sein?

Als es endlich klingelte schaute er in Lenas Ranzen. Meist aß sie ihre Brote nicht auf. Gefühlt aß sie sogar weniger als Freya, doch ausgerechnet heute lag in der blauen Dose nur noch eine kleine Möhre. Dafür war der Ranzen voll mit diesen Zeitschriften. Lena ging ein ziemlich hohes Risiko ein, denn wenn ein Lehrer sie gefunden hätte, würde es garantiert Ärger geben. Sie lag Ian nun schon seit mehreren Wochen mit dieser Sache in den Ohren. Doch Ian hatte irgendwie Angst. Fühlte sich nicht bereit. Doch das konnte er natürlich nicht zugeben, schließlich war er der Mann. Also musste er es ja wollen. Er wollte ja auch. Doch jetzt noch nicht. Doch umso länger er es hinauszögerte, desto mehr redete Lena davon.

Ian ging rüber zu Schlagmann, viele Schüler waren schon auf dem Hof. Es war zwar eisig und windig und, dass es blitze, schien nur eine Frage der Zeit zu sein, doch es hatte noch nicht abgeklingelt.

„Ey, Schlagi, hast du zufällig noch etwas zu Essen für mich?“

Matthias zog eine Brotbüchse aus seinem Ranzen, größer als Freyas Malbox, er hielt sie Ian hin. Darin lag eine Vollkornschnitte, mit Frischkäse und ein Schnitzelbrötchen mit Salat. Matthias griff nach dem Butterbrotpapier, er hielt Ian das Brötchen vor die Nase. Doch der winkte ab.

„Ne, lass. Ich ess´ die Stulle. Danke dir, Tiger.“

Ian drehte sich mit dem Essen um. Er wollte eigentlich zum Jackenhaken gehen. Dabei stolperte er und ließ beinahe das Brot fallen. Schlimmer als das Fallen war, dass er sich das T-Shirt versaute. Er rutschte mit dem Ärmel nämlich an dem Waschbecken ab und blaue, weiße und gelbe Farbflecken blieben am Stoff kleben. Das war wirklich ein ernsthaftes Problem. Denn alle Sachen, die Ian nicht mehr passten, bekam seine kleine Schwester Freya. Da war es egal, wie sie aussahen. Ian hatte einmal, kurz bevor er wirklich nicht mehr in die Jeans gepasst hatte, ein Loch in seine Hose gerissen. Er hatte gehofft und geglaubt, dass Freya nun eine neue bekommen würde. Doch da hatte er die Rechnung ohne seine Mutter gemacht. Freya fand es jedenfalls nicht amüsant, mit so einer Hose in die Schule zu müssen. Nun würde sie noch so ein schmutziges Shirt bekommen, die Farben gingen ja nicht raus. Ian, der ohnehin schon bedient war, trat aus Wut gegen das Waschbecken und eine Fließe brach entzwei. Dann schaute er, worüber er eigentlich gestolpert war.

„So ein Scheiß!“, rief er laut.

Ahmet, Adem, Lena und Schlagmann waren noch im Raum und schauten zu Ian.

Es war ziemlich sicher Ahmet, der den Vorschlag gemacht hatte.

„Lass mal alle rausziehen“, hatte er gesagt und so hatten sie es auch gemacht.

Der gesamte Fußboden des Kunstraumes bestand aus Holzklötzen. Bei Ians Stolperfalle hatte sich ein Klotz nach oben gedrückt. Man konnte ihn herausziehen. In Windeseile arbeiteten sich die vier Schüler (Schlagmann stand an der Tür Schmiere) durch den Raum. Die Klötze hatten sie, zusammen mit der zerstörten Fliese, in die Waschbecken geschmissen.

Adem wollte, dass sie im Raum blieben. Er wollte die ersten Reaktionen sehen.

„Das ist dumm. Dann wüssten sie gleich, dass wir es waren.“

Als würde auf der Mycathie-Akihi-Realschule jemand etwas auf Beweise geben.

Adem wollte nicht auf Ian hören. Schlagmann witterte Stress. Er war sowieso schon überrascht gewesen, dass die beiden gemeinsame Sache machten. Aus eigenem Sicherheitswunsch hatte er die Tür bewacht. Von Streithähnen hielt man sich besser fern. Er, Lena und Ahmet waren jedoch Ians Argumenten zugetan und verschwanden aus dem Kunstraum. Wenige Sekunden später kam Adem auch.

Das runde Glas nahm fast die Hälfte des Tresens ein. Der Inhalt sah aus, wie etwas, das der Tuhlmspatz ausgeschissen hatte. Aber Ian war sich ziemlich sicher, dass es sich um Kekse handelte. Oft genug war er im Sekretariat gewesen. Frau Müller hatte ihn hierhergeschickt. Stinksauer war sie gewesen. Ihn, Adem und Deniz hatte sie herausgepickt. Natürlich wusste sie nicht, wer es war, aber irgendjemand musste zum Rektor. Dass sie mit Adem den Richtigen erwischt hatte, war purer Zufall, Deniz hatte laut gelacht und Ian wurde immer ausgewählt, um die Kartoffelquote zu erfüllen. So viele Alternativen gab es in der 7a nicht. Lena hatte sich keine Sorgen machen müssen. Fairerweise musste man Frau Müller zugestehen, dass Schülerinnen selten ganze Räume zerstörten. Außerdem hatte sie zwei Drittel der Schuldigen erraten, so schlecht konnte ihr Bauchgefühl nicht sein.

Ian war nicht sauer, dass Lena ungeschoren davonkam. Sie war halt ein Mädchen, er hoffte einfach, dass Freya ähnliche Privilegien bekam. Er fand es auch nicht unfair. Schließlich hatte sie wohl nur mitgemacht, um Eindruck zu schinden. Was er unfair fand, war die Sache mit den Kompetenznoten. Lena hatte selten ein Buch mit und statt Hefter nur Blöcke, trotzdem bekam sie immer eine Eins in Ordnung. Außer in Englisch hatte sie sich noch nie gemeldet; Fleiß: Eins. Das hätte ihn alles nicht interessiert, wenn es bei den Kopfnoten geblieben wäre. Aber auf der Akihi-Realschule bekamen sie auch sogenannte Kompetenznoten. Die zählten als richtige Noten und konnten einem den Schnitt versauen oder aufhübschen. Da Ian relativ häufig im Sekretariat saß, traf bei ihm nicht das Letzte zu.

„Du sollst jetzt rein“, sagte Deniz, der gerade aus Frau Giebenraths Büro kam. Adem war als erster drin gewesen. Jetzt lief Ian durch das Büro der stellvertretenden Schulleiterin, die Tür des Rektors Herr Mähnel stand offen. Immer, sie war nämlich gar nicht mehr da.

„Hallo Ian, kannst du bitte zurück gehen und anklopfen. Das gehört sich so.“

Herr Mähnel hatte stets ein scheißfreundliches Auftreten.

„Soll ich links oder rechts am Türrahmen klopfen? Rechts, oder? Rechts ist immer besser.“

Herr Mähnel war ein Rassist durch und durch. Das wusste jeder. Er war ganz dicke mit dem „Heimatlehrer“ befreundet. Ein ehemaliger Sachkundelehrer der Tuhlmspatz-Grundschule. Heute war der nicht mehr Lehrer, sondern betrieb eine Internetseite, mit allerlei Verschwörungstheorien. Sobald in Schaldstätten eine Versammlung stattfand, war er beteiligt und sobald der Bürgermeister Özer Sahin etwas sagte, war er dagegen. Der „Heimatlehrer“ war kein vorwärts gerichteter Mensch. Das gefiel Ian nicht. Manchmal hatte er mit ihm gesprochen. Wenn die Partei die CDs austeilte. Herr Mähnel hielt allerdings nichts von Parteiarbeit. Er sah aus wie ein Maulwurf. Herr Mähnel sah so sehr wie ein Maulwurf aus, dass alle Menschen, die jemals so bezeichnete wurden, aufatmen konnten. Und Herr Mähnel war auch ein einer. Ian hatte als Deutscher nichts von ihm zu befürchten.

„Sag mal Ian, kannst du mir verraten, wer das mit dem Raum war? Der Mohammed meinte, du wärst es gewesen.“

Herr Mähnel gab sich nie Mühe beim Merken bestimmter Namen. Ian wusste aber auch, dass weder Adem noch Deniz ihn verraten hatten. Jedes Haar an seinem Körper, noch hatte er ja nicht viele, dementsprechend vorsichtig musste man diese Aussage verstehen, sträubte sich. Aber Ian musste zugeben, dass diese Typen, die er nun wirklich überhaupt nicht abkonnte, ihren Mund immer hielten. Herr Mähnel versuchte seine Schüler gegeneinander auszuspielen. Seine zweitliebste Beschäftigung, nach dem Einbestellen von muslimischen Müttern, die vor ihn saßen und weinten, weil Herr Mähnel mit dem Jugendamt drohte, war das Bespitzeln von Schülern.

„Du kannst mir alles sagen.“

Der Typ hatte zu viele Filme geschaut. Ian hielt ihn für eine Snitch, keinen echten Deutschen.

Er vertrat die falschen Werte und dachte es wären die richtigen.

Herr Mähnel hätte gut zur Stasi gepasst. Der Schulleiter der Akihi-Realschule versuchte sich ein Netz von Spionen aufzubauen, lockte mit Versprechungen, wollte auch wissen, was die Kinder privat so trieben. Er redete weiter auf Ian ein, aber der ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er war anderen Psychoterror gewohnt.

„Warum machst du es denn so schwer? Kannst du dich nicht Freya zuliebe benehmen?“

Ian wusste, hier würde nichts mehr passieren. Das Ding war einfach zu groß. Wenn man ein Bild oder eine Skulptur kaputt gemacht hatte, brauchten die Lehrer keine Beweise. Da konnten sie einfach einen rauspicken und der war es dann. Aber bei so etwas Großen würden sie Beweise brauchen und die gab es nicht, vorausgesetzt jeder hielt seinen Mund.

Ian wurde entlassen und ging aus dem Schulgebäude heraus. Vor der U-Bahnstation wartete Adem auf ihn. Seinen Bus hatte er wegen des Verhörs verpasst.

„Ich habe nichts gesagt. Gar nichts“, versuchte er Ian zu überzeugen.

„Ich auch nicht.“

Ian ging an ihm vorbei und runter in den Tunnel.

Frau Lärmer-Nilmarch hasste Stuhlkreise. Doch als Klassenlehrerin gehörte dies nun einmal zu ihren Aufgaben. Irgendwie mussten die Schuldigen ausgemacht werden. Sie ahnte zwar, wer es war, denn meist handelte es sich um dieselben drei, vier Pappenheimer, doch sie konnte es nicht beweisen. Sie versuchte mit den Schülern über das Problem zu reden. Aber es war so laut. Immer war es in dieser Klasse so laut. Es ging ihr tierisch auf die Eierstöcke. Sie konnte auch nicht schreien, denn da war ja die Sache mit ihrer Piepsstimme. Solange es nicht die eigene Mutter ist, gibt es wenig unangsteinflößendere Geräusche, als Frauengebrüll, würde der gemeine Chauvinist sagen. Dann sollte er allerdings mal Schneiders MMA-Gym in Paulmander besuchen. Da gab es zwar nicht viele Frauen, aber selbst Melissa, die dreizehnjährige Tochter des Inhabers, schrie wie William Wallace. Blöd für Frau Lärmer war, dass sie nicht im Gym trainierte und auch den Film nicht kannte. Noch blöder war, dass sie die neue Technik, welche sie auf der Fortbildung gelernt hatte, anwendete.

Mit der linken Hand hielt sie sich den Zeigefinger auf die schmalen Lippen und mit der rechten Hand zählte sie von Fünf runter. SS-Sveni stupste Ian an und zeigte lachend auf die flache Hand.

Da konnte man lange herumreden, aber es sah einfach aus wie ein Hitlergruß.

„Warum machen die das? Bei Freya in der Schule macht das auch Eine. Letztes Jahr die Zecke auch“, meinte Ian zu seinem Kumpel. Mehrere Schüler lachten mit Ian und Sven mit, da versuchte Frau Lärmer mit einem lauten „EY! Ruhe jetzt“ eben diese in die Klasse zubringen. Dabei überschlug sich ihrer Stimme wie Schlagmann, der von Lena und Vivien gleichzeitig angesprochen wurde.

Schnell wechselte sich das Thema, Frau Lärmer-Nilmarch kam mit ihrem Anliegen einfach nicht weiter. So ein Stuhlkreis mochte in der Theorie eine gute Idee sein, nur bestand in der Theorie so eine handelsübliche siebte Klasse nicht aus dreißig Chaoten. Es war wirklich laut.

Die gelangweilte Darla Koc wollte nun über ihr Problem reden. Angeblich hatte sie oder jemand anderes etwas entwendet. Frau Lärmer-Nilmarch gab sich beim Zuhören viel Mühe, aber wenn jeder zweite Satz „Weisscht du?“ war, fiel das schwer.

„... dann haben die uns rassistisch beleidigt, Barbara und Vivien, weil wir was geklaut hätten. Da habe ich dann gesagt, wir sind doch keine Zigeuner oder Polacken“, sagte Darla.

„Ne, Kanaken“, rief SS-Sveni laut durch den Raum. Er wurde rausgeschickt und sollte in den „Time-Out-Raum“ gehen. Damit war die Deutschstunde auch vorbei und das Kunstraumproblem vergessen.

Bis zum Wochenende hatte sich das Wetter nicht gebessert. Es war Sonnabendnachmittag und Freya und Ian saßen in ihrem Kinderzimmer. Ian hatte das Mathebuch auf dem Schoß. Er trug einen fleckige, graue Jogginghose. Die Socken über dem Stoff. Das linke Bein zappelte auf und ab. Ian war nicht nervös. Nicht jetzt und auch sonst selten. Und selbst wenn er nervös war, merkte man das kaum. Auf die Arroganz in seiner Stimme war er stolz.

Er war jung, manchmal fiepte die Stimme, aber das würde vergehen.

Bisweilen dachte er, dass Stimme und Geist zwei verschiedene Dinge wären. Er zappelte nur, weil es sein Tick war. Lena störte es. Aber fünf Minuten nachdem er aufgehört hatte, fing er wieder an zu zappeln. Es war nicht wirklich un- und nicht wirklich bewusst, eher etwas dazwischen, wie Laufen.

„8 mal 7?“

„8 mal 7? Ehm, 56!“

„Du brauchst die Frage nicht zu wiederholen, du kennst die Antwort doch.“

Ian wusste es deshalb, weil Freya nur einmal „8 mal 7“ gesagt hatte. Er fragte sie weiter ab und ließ sich von ihr die Antworten sagen. Sie konnte noch nicht so gut Kopfrechnen wie Ian, aber das war nicht schlimm, schließlich würde sie erst im März neun Jahre alt werden. Ian selbst war schon Anfang Oktober Dreizehn geworden. In seinem Ranzen lag eine Einladung von Vivien zu ihrem Geburtstag. Am 17. Dezember war der und die Einladung war selbstgebastelt. Ian freute sich schon sehr darauf.

Als er gerade die nächste Frage stellen wollte, knallte es im Hintergrund. Ihr Vater hielt Nachmittagsschlaf. Das Wohnzimmer war nicht weit entfernt und er schnarchte absurd laut. Für Freya fühlte sich das wie eine dauerhafte Drohkulisse an. Ian war es egal. Am Sonnabend hielt der Herr und Gebieter eben einen ausgedehnten Mittagsschlaf. War schon immer so. Samstags war Ian auch zunehmend seltener zuhause, da störte ihn das wenig. Doch heute regnete es zu stark. Da tauschte er das Herumstrolchen gegen Zeit mit seiner Schwester ein; war auch nicht schlecht. Er hatte gehofft, dass es zumindest für eine Stunde aufhören würde, aber der Regen prasselte unnachlässig gegen die Fensterscheibe. Freya saß auf dem Fensterbrett und blickte auf die Mülltonnen im Hof. Eine Pizzakarton schaute aus der Blauen heraus. Ein Tropfen nach dem anderen drückte ihn nach unten. Sie hatte sich schon gefreut mit Ian zu der Telefonzelle zu gehen, um sich ein neues Buch herauszusuchen. Stattdessen musste sie Mathehausaufgaben machen, wenigstens half ihr Bruder ihr dabei. Freya wusste, dass er an den Wochenenden gar nicht gern zuhause war.

Ian schaute auf den Wecker. Es war ein rundes Plastikding, ein Zylinder mit einem aufgeklebten Bild des Tuhlmspatzen. Die Uhr zeigte 17:00 Uhr an.

„So genug Mathe für heute, ich mach jetzt Essen.“

Samstags wurde um Sechs gegessen; Sportschauzeit. Frau Teutschwitz war auf Arbeit und Ian ließ Freya allein im Kinderzimmer zurück. Sie blieb zunächst am Fenster sitzen, dann nahm sie sich ein kleines Spielzeugauto und fuhr über die teils abgerissenen Silikonfugen, dann hüpfte das Auto auf die Tür des Kleiderschrankes, bis hoch kam es nicht, von dort ging es zum Schreibtisch. Der war eigentlich aufgeräumt, aber da es nur wenig Platz gab, sah es trotzdem liederlich aus.

Freya parkte bei einem Stapel von gelben Büchlein. Sie hatte sie alle dreifach gelesen. Sie waren ihre Flucht aus der einsamen Wohnung. Sie wollte raus, raus aus Paulmander, am liebsten für immer. Sie träumte von einem Dorfleben, mit Kühen, Pferden, Schafen und kubanischen Zwergwachteln. Sie träumte von einem riesigen Essenstisch, mit Bananen, frischen Erdbeeren, mit Vollkornbrötchen und Gesichtswurst.

Hier im Kleinhauerweg 42 gab es das nicht. Hier hatte Ian Linseneintopf aus der Dose warm gemacht. Zu dritt saßen sie vor dem Fernseher und schauten Fußball. Freya hockte auf dem Boden neben Ian, denn da war sie sicher.

Nach etwa einer Stunde kam die Mutter nachhause, da hatte Freya die Teller schon abgewaschen, zum Glück, denn sonst hätte es einen Mordsärger gegeben. Der Vater trank noch ein paar weitere Bier, bis er vor dem Fernseher einschlief. Freya und Ian verkrümelten sich in ihr Zimmer. Sie spielten mit Klemmbausteinen.

Die eine Hand hielt eine Noppenplatte und die andere würde einen Baseballschläger greifen, um Ausländer zu verprügeln. Ian war nicht der Gute. Von Geburt an nicht.

Gegen Neun setzte sich Ian an den Schreibtisch. Auch er hatte Mathehausaufgaben auf. Sie sollten Fakten zu Laplace heraussuchen. Ian hatte keinen Laptop und mit dem Handy traute er sich nicht ins Netz zu gehen. Alles was ihm zur Verfügung stand, war der kursiv gedruckte Text in seinem Lehrbuch.

„Das ist eine Chance, sich mal eine gute Note zu verdienen. Gerade für die, die sonst nicht so gut sind“, hatte Frau Madic die Mathelehrerin, gesagt.

Ian hatte nur Einsen und Zweien in Mathe, er brauchte keine Chance. Er fand solche Aufgaben allerdings auch so unfassbar dämlich. In seinem Lehrbuch standen die Geburts- und Todesdaten von Laplace, juckte ihn nicht, außerdem war der gute Herr Innenminister von Napoleon gewesen.

Ihh Franzosen, das waren doch die Feinde, oder?

Ian schrieb die Infos nicht ab. Eigentlich machte er die Hausaufgaben immer, meist hatte er ja nun wirklich nichts Besseres zu tun. Aber bei so einem Nonsens sträubte es sich in ihm.

Er legte sich ins Bett und schlief in zehn Minuten ein. Zehn Minuten, bis eine traumlose Nacht begann. Traumlos wie jede davor. Ein Endloslauf, der ihn jetzt schon ankotzte.

Der Tuhlmspatz zwitscherte und Ian drückte seinen Rücken durch, so dass Hände und Beine in der Luft schwebten. Mit einem Ruck schwang er sich aus dem Bett und ging in das Bad. Freya rieb sich noch den Schlafsand aus den Augen. Beim Frühstück gab sie sich genügsam. Ian animierte sie, mehr zu essen, doch sie wollte nicht. Ihr Ranzen wog an diesem Dienstag besonders viel. Freya hatte heute sechs Stunden Unterricht, der längste Tag der Woche stand an. Für Deutsch, Mathe und Sachkundeunterricht benötigte sie ein dickes Lehrbuch, so wie jeweils zwei Arbeitshefte. Mit den Arbeitsheften machten sie nie etwas im Unterricht, die waren nur für Hausaufgaben gut. Man musste sie aber trotzdem immer mitbringen. Außerdem stand noch Kunst, da brauchte sie nichts mitnehmen, und Ethik auf dem Stundenplan. Für Ethik hatte sie gleich zwei Lehrbücher. Hätte sie ihre Sporttasche noch tragen müssen, hätte es gut sein können, dass sie nach hinten umgekippt wäre. Doch die alte Tasche mit Delphinen, die natürlich früher ihrem Bruder gehörte, baumelte in dessen Armbeuge.

Alex stand wieder vor der Tür, er hatte für das kalte Wetter die falsche Kleidung. Zu dritt gingen sie wieder einmal den Kleinhauerweg entlang. Vor der Hausnummer 38 blieben sie stehen und Freya klingelte bei „Schmidt“. Ihr Banknachbar Patrick kam die Treppe hinunter. Die untere Glasscheibe der Tür hatte einen großen Riss und wackelte gefährlich, als der kleine Junge sie gegen den Stopper donnerte. Um die Tür aufzumachen, musste er Schwung holen. Er war einen Kopf kleiner als Freya. Seine Waden hatten ungefähr die Breite von Alex´ Daumen.

Auch bei kleinen Füßen können zwei enge Schritte wie ein großer Abdruck aussehen.

Freya versuchte ihn ein paar Mal zum Reden zu bringen, doch im Beisein von Ian und Alex traute er sich nicht den Mund aufzumachen.

Dort, wo die Raucher und Fahrradfahrer standen, verabschiedeten sich die Geschwister wieder voneinander. Ian und Alex gingen zu der Tür. Lena Kraft stand unweit des Bauzaunes, neben ihr Adem, Erol und Elen. Als sie Ian sah, kam sie ihm entgegen. Lena warf sich Ian an den Hals. Sie küssten sich und da sie Kinder waren, sah es wie ein alberner Kinderkuss aus. Ziemlich sicher, war da auch ein Stück Schneidezahn dabei.

„Ihr könnt schon hochgehen, ich muss noch warten“, sagte Alex.

„Okay“, meinte Lena und wollte Ian an der Hand nach oben ziehen. Die erste Stunde auf dem Plan war Mathe. Die Hausaufgaben hatte Ian schon verdrängt, hochziehen ließ er sich dennoch nicht.

„Ne, ich warte mit dir hier.“

„Alles gut, brauchst du nicht.“

Erst als Vivien mit einer Freundin aus der Parallelklasse aus dem Tunnel kam, verstand Ian.

Lena fragte ihn auf der Treppe: „Hast du dir Gedanken gemacht?“

„Über was?“

„Na über was?! Das, was wir gelesen haben. Was besser ist. Schmetterling oder Kuh?“

„Lena, ich weiß nicht. Keine Ahnung. Ist bestimmt beides gut.“

„Vor zwei Wochen habe ich dich gefragt, du musst es doch langsam wissen.“

„Nja.“

An der Tür des Raumes 401 beendete Ian das Gespräch. Da er aber neben Lena saß, konnte er damit rechnen, dass sie heute nicht das letzte Mal über diese Zeitschriften sprechen würden.

Fünf Minuten nach dem Klingeln kam Frau Madic in den Raum. Die Reihen waren noch sehr gelichtet. Sicherlich kamen viele Schüler oft zu spät, aber Ian wusste, dass es heute einen anderen Grund gab. In der zweiten Stunde hatten sie Geschichte mit Frau Brunne und die fehlenden Schüler waren mit Vorträgen an der Reihe. Lena und er hatten ihren schon vor über einer Woche gehalten, dementsprechend gesund konnten sie sein. Er war bei Lena zuhause gewesen, sie hatte ihm den Laptop gegeben und selber mit dem Handy gearbeitet, obwohl das viel langsamer war. Sie hatten für den Vortrag über die Entstehung der Partei für soziale Gerechtigkeit in den 80ern eine Eins und eine Zwei bekommen. Beide waren gleich gut gewesen. Lena hatte Karteikarten und Ian ein Löschblatt in der Hand gehalten, daran muss es gelegen haben, wahrscheinlich hatte deshalb Lena die bessere Note bekommen.

„So, kommen wir zu den Hausaufgaben. Möchte jemand freiwillig?“, fragte Frau Madic in die Klasse hinein.

Die meisten Schüler schauten sich verstohlen an, rutschten ihren Stuhl hinunter, kramten in ihrem Ranzen und tranken einen Schluck aus der Flasche. Keiner von ihnen hätte gedacht, dass Hausaufgaben dazu waren, sie weiterzubringen. Für sie ging es immer nur darum, nicht zu den zwei Unglücksraben zu gehören, die drangenommen wurden. Es war nicht wahrscheinlich, dass man über Laplace etwas sagen musste, also gingen sie das Risiko ein.

Vielleicht hätte Laplace das ja gefallen, zumindest, wenn die Schüler die Quoten hätten ausrechnen können.

„Na, dann muss ich wohl würfeln.“

Frau Madic holte einen stinknormalen Würfel aus der Federmappe heraus.

Laplace kratzte sich an der Stirn.

„Von Oben oder von Unten Adem?“, fragte sie.

Hier stimmte doch etwas nicht.

„Von Oben.“

„Okay, dann von Unten.“

Erst, nachdem sie es ausgesprochen hatte, merkte Frau Madic, dass Adem Aslan sie ausgetrickst hatte. Frau Madic würfelte eine Sechs und fuhr mit dem Finger über die Namen im Klassenbuch.

„Franz. Franz Timbherg, stehst du bitte auf?“

Stille.

„Der ist krank“, rief dann Jale Bayram. Frau Madic dreht sich ganz erschrocken um. Jale saß so weit vorn, sie hatte sie glatt übersehen.

„Achso, danke Jennifer, dann ist der Nächste, ehm, der Nächste ist Ian Teutschwitz. Ian stehst du bitte auf! Was hast du denn über den guten Herrn Laplace herausfinden können?“

„Nichts. Er war Franzose.“

„Na, das ist doch schon mal was. Was weißt du noch?“

„Nix!“

Ian war nach der Stunde stinksauer, für den restlichen Tag. Das merkt auch Leroy, der von Ian in der Hofpause die Treppe hochgeschubst wurde, weil er angeblich zu langsam lief. Dabei konnte Leroy sich noch glücklich schätzen. Denn zu diesem Zeitpunkt wusste Ian nicht, dass sich der ganze Spaß noch zwei weitere Mathestunden wiederholen würde. Dreimal sagte er nichts über Laplace und bis er in der vierten Stunde von Elen abgelöst wurde, die einen viertelstündigen Vortrag hielt, sammelte er insgesamt drei Sechsen. Damit versaute er sich den Schnitt seines besten Faches. Frau Madic verstand nicht, wie ein so junger Mensch schon so dumm und stur sein konnte, so ein paar Informationen hätte er sich ja ergoogeln können. Sie erwartete keinen Vortrag, aber ein wenig Anstrengungen mussten schon für die Schule erbracht werden. Das, wenn auch mit schöneren Worten, sagte sie auch Ians Mutter am Telefon. Sie war so großzügig und gab Ian schlussendlich doch nur eine Sechs, schließlich musste es ja eine Strafe für das aufmüpfige Verhalten geben. Hätte Ian gewusst, was ihm zuhause blühte, wäre er wahrscheinlich gar nicht in den Deutschraum gegangen.

Frau Lärmer-Nilmarch hatte eine Überraschung für ihre Schüler. Eine unangekündigte Leistungskontrolle. Sie sollten eine Reizwortgeschichte aus der Ich-Sicht über das Thema Glück schreiben. Die Geschichte sollte eine A4-Seite lang sein und dabei die Worte „Glaube, Lebensziele, Reue und Familie“ enthalten. Ian war ziemlich angepisst, gerne hätte er, wie SS-Sveni seinen Stift durch den Raum gefackt, doch er hatte nur den einen. Solche Aufsätze nervten ihn generell, außerdem würde er mit seiner kleinen Schrift mehr schreiben müssen als die anderen. Er zog die Kappe seines Kulis ab und schrieb den ersten Buchstaben. Er drückte nicht dolle auf. Alles sah wie immer aus, doch innerlich brodelte er.

Ian hätte größer schreiben können, doch deutsch sein, bedeutet treu sein, das konnte auch seine Schrift erwarten. Gerade wenn es schwerfällt, behaart man auf seinen Prinzipien. Dafür sind sie schließlich da.

Ich bin gerade sehr glücklich. Das zweite Johannisbeereis hat vorzüglich gemundet. Ist mein Lieblingseis. Eigentlich nur mein Zweitlieblingseis. Am besten finde ich Pfirsich-Walnuss. Aber da komme ich nicht ran. Das ist immer ganz oben auf dem Regal. Aber mein Bauch ist zu dick. Viel zu dick. Ich müsste mich an das Regal stellen, auf die Zehenspitzen gehen und meine Schwabbelarme nach oben strecken, geht aber nicht, weil Bauch. Also gibt es Johannisbeereis. Auch gut. Auch lecker. Das und Fernsehen macht mich glücklich. Sonst mach ich auch nicht viel. In meiner Freizeit zumindest nicht. Geh noch arbeiten, aber das war´s. Arbeite in der Schule. In meiner Freizeit geh ich manchmal noch in die Kirche. Früher dachte ich immer, der GLAUBE wäre etwas für Versager. Für Keks, die sich selbst verarschen. Gott, Schlange, geteiltes Meer und der ganze Plunder. Konnte nur ein Ort für Selbstzweifler sein. Heute bin ich auch Christ. Fühle mich da pudelwohl. Das Beste ist, dass alle auf mich Rücksicht nehmen müssen. Wegen meinen Gefühlen und so. Kann den größten Quatsch erzählen, Leute dürfen wegen mir Sonntags nicht Fußballspielen und Karfreitags nicht tanzen. Außerdem können wir sagen, was okay ist und was nicht. Die da oben hören auf uns. Wenn man Christ ist, gehört man zu einer FAMILIE, die die Stadt beherrscht. Geile Sache.

Es ist auch so, dass ich nie in der Bringschuld bin. Pfeif auf Argumente, ich habe ja Gefühle. Religiöse Gefühle und die darf niemand verletzen.

In der Gemeinde reden die Leute auch mit mir. Das ist toll. Rede nicht mehr so oft. Liegt auch an den schwarzen Shirts. Trage nur noch solche. Da sieht man nicht, wie fett ich bin. Als Christ kann ich nicht beleidigt werden, als fette Sau schon. Nicht toll. Die schwarzen Oberteile fusseln ganz stark, liegt aber auch an meinem Schweiß. Sieht immer so aus, als würde ich unter meinem T-Shirt noch ein zweites tragen.

Wenn ich mit meinen Kollegen draußen stehe, trinken wir Kaffee und rauchen Zigaretten. Ich trinke meinen Kaffee mit vier Esslöffeln Sahne und drei Schuss Weihwasser aus der Glasflasche. Wenn ich bei der Pause ganz wild unterwegs bin, reiß ich mir das Namensschild von der Brust und rufe „Gottverdammich“ . Während wir rauchen, wird viel gelacht. Wir lästern nämlich. Die ganze Zeit. Von früh bis spät. Das ist das beste am Lehrerberuf.

Blöd ist nur, dass die anderen auch lästern, wenn ich nicht da bin, über mich. Das macht mich unglücklich. Dann geh ich in die Kirche und suche Trost.

Mir wäre ja am Allerliebsten, dass ich lästern könnte, die anderen aber nicht über mich. Bin nämlich eine kleine Memme.

Aber irgendwie ist das ja ein kleiner Widerspruch. Erst vor kurzem konnte ich den auflösen. Papst Knabfig hat mir gesagt, dass die Kirche ein verdammt reicher Verein ist. Hätte mir auffallen können, schließlich trinke ich meinen Wein aus goldenen Bechern. Jetzt labern wir Christen aber von Nächstenliebe und den ganzen Bullshit, den Armen soll geholfen werden. Könnten wir ja machen, machen wir Christen aber nicht. Das Geld dazu hätten wir ja. Wichtig ist aber nicht, zu helfen, sondern zu sagen, dass man helfen sollte. Ich kann also getrost lästern und trotzdem von den anderen verlangen, dass sie aufhören. Gott sei Dank.

Bei meiner achten Zigarette fällt mir eine lustige Geschichte ein. Ich erzähle meinen Kollegen, wie meine Schüler letztens einen Aufsatz über ihre LEBENSZIELE schreiben sollten. Die dummen Plagen schrieben was von Tierarzt, Politiker oder Fußballer. Die sind alle so dumm. Die bekommen gerade mal einen Realschulabschluss. Meine Kollegen und ich, die übrigens alle ein Gymnasium besucht haben, lachten vorzüglich.

Es ist schon toll Lehrer zu sein. REUE habe ich nie gespürt und das, obwohl ich auch Musiklehrerin bin. Sinnloser kann ein Leben eigentlich gar nicht sein. Ich sage 1,75m ist das Ziel und wenn ein Schüler nur 1,60m ist, behaupte ich, dass jeder diese Größe schaffen kann. Am meisten Spaß macht mir der Lehrerberuf, wenn die Wänster nach vorne müssen und beim Singen vor Angst mit dem Knie zappeln. Außerdem kann ich darauf bestehen, dass christliche Lieder gesungen werden. Und wenn die Aisches und Mehmets das nicht wollen, dann bekommen sie wegen Missachtung ihrer Schulpflicht eine Sechs. Weil ich ein Arschloch bin, bin ich superglücklich.

Bis zum Klingen dauerte es noch fünf Minuten. Ian war aber schon fertig. Als Frau Lärmer-Nilmarch „Stifte weg“ rief, schrieben viele Mädchen noch, die meisten hatten mehr als eine Seite in Anspruch genommen. Ian gab seinen Aufsatz ab und hatte sich seiner Wut entledigt.

Lena und Ian würden Vivien gemeinsam etwas schenken. Lena hatte es besorgt und bezahlt. Sie trug es auch zur Party. Ian fühlte sich nie wohl, wenn andere für ihn etwas bezahlten. Lena hatte darüber aber gar nicht diskutieren wollen. Sie hatte Ian nur Bescheid gegeben. Zu der Geburtstagsfeier würde sie gemeinsam mit Franz Timbherg von ihrer Mutter gefahren werden. Ian stand an der U-Bahnstation „Paulmander Ring“ und schaute auf die beschmierte Karte. Sie war bedeckt mit Stickern und Graffiti. Ian konnte sein Ziel nicht erkennen. Es nieselte leicht, deshalb hatte er die Kapuze aufgesetzt. Die Jacke hatte seinem Vater gehört. Sie war ihm viel zu groß. Am Saum und an den Ärmeln gab es eingenähte Gummibänder, deshalb lag sie dort eng an. Doch der Rest der Jacke war wie ein Ballon aufgebläht. Ian stellte sich vor, dass er darin breit aussah. Nur mit viel Wohlwollen war das der Fall. Der Junge gab es auf, die Frieda-Goldmannstraße zu suchen. Es war jetzt 11:00 Uhr und in einer Stunde sollten sie sich bei Vivien treffen. Wenn er pünktlich sein wollte, musste er nun los. Vivien wohnte irgendwo am „Helmsblum“, das wusste er, er wusste auch, wie er dort hinkam. Ian fuhr nicht oft mit den Öffentlichen, aber er fand sich schon zurecht. Mal mehr, mal weniger. In der U6 Richtung „Max-Anole-Platz“ fühlte er sich trotzdem wie ein Tourist. Immer wieder schaute er auf den kleinen Bildschirm, vier Stationen musste er fahren. Ian saß in einen der mittleren Waggons, die Bahn war nicht voll. Man konnte von seinem Platz bis ganz nach vorne schauen. Ian mochte es, wie die Bahn sich in die Kurven zu werfen schien.

Am „Max-Anole-Platz“ angekommen. Ian stand zu spät auf. Musste sich durch die wartenden Mengen quetschen. Viele strömten schon rein. Hier stiegen viele zu. Mit einem Mal war die Bahn voll. An dieser Station war Ian noch nie umgestiegen, er fand sie riesig. Drei U-Bahnlinien und zwei S-Bahnlinien hielten hier. Oben gab es noch einen Busbahnhof für die Achter und die Hundertelfer, außerdem hielt der äußere Ringbus hier.

In Schaldstätten gab es drei Schnellbuslinien, die jeweils die großen Knotenpunkte abfuhren. Der Innere hatte nur eine ganz kurze Route, welche sich im Wesentlichen auf das Zentrum und den Hafen konzentrierte. Der mittlere Ringbus hielt an der Westgrenze von Weselsheim, am alten Rathaus, er hielt an der Südgrenze von Mauendorf, dort wo die Staatsanwaltschaft war, er hielt in Kleinsbeck und umfuhr einmal das Zentrum. Der äußere Ringbus nahm hauptsächlich die Bahnhöfe mit, bei denen auch Regionalzüge hielten. Wenn man aus den umliegenden Ortschaften kam, musste man nicht unbedingt bis zum Hauptbahnhof ins Stadtzentrum fahren. Man konnte die Außenstationen nehmen und hatte eine gute Anbindung. Das sparte viel Zeit.

Am „Max-Anole-Platz“ gab es keine Zuganbindung. Ian musste in die U3 umsteigen. Aber wo die gelbe Linie fuhr, wusste er nicht. Ein Wirrwarr aus Pfeilen und Hinweisschildern sollte den Weg zeigen. Ians Blick blieb auf einem großen Plakat kleben.

Das Max-Anole-Zentrum würde am 22.Dezember ein großes Fest veranstalten. Es gab einen Tag der offenen Tür beim Sportgymnasium. Den Hintergrund des Plakates bildete ein Klassenzimmer der Schule. Dafür war das Gymnasium stadtgrenzenübergreifend bekannt. Normale Klassenzimmer, in die dreißig Schüler gequetscht wurden, gab es nicht mehr. Sofas, bunte Tische und helle Wände ohne Schimmel ließen die Räume und dadurch auch das Plakat freundlich aussehen. Zwei Schüler standen an einem Whiteboard. Für Ian waren das Außerirdische. Er kannte keinen vom Gymnasium. Streber und Schaumschläger, die sich für etwas Besseres hielten, weil ihre Eltern Tierärzte, Politiker oder Boxer waren. Links am Bildschirmrand wurde auf den örtlichen Boxverein aufmerksam gemacht. Zwei Mittelgewichte standen in roten und blauen Dress Schulter an Schulter, die Boxhandschuhe zur Kamera gerichtet. Unter ihnen, die Bilder waren an der Hüfte abgeschnitten, standen zwei Jugendliche. Unter einem der jungen Sportler stand der Name Rocco Schneider. Ian kannte dessen Vater, Fritz „Kantenkiefer“ Schneider. Jeder im Viertel kannte ihn, Paulmanders ganzer Stolz. Stadtviertelüberschreitende Bekanntheit. Den Spitznamen hatte er sich redlich verdient. Bis auf seine beiden letzten Kämpfe war er nie zu Boden gegangen. Dazu sah er so aus, als würde er Okowenkos kantigen Schädel links und rechts einmal unterm Ohr tragen. Roccos Züge konnte man unter dem blauen Helm nicht so gut erkennen. Wie alt er wohl war? Nicht viel jünger als Ian. Roccos Vater hatte auch als Amateurboxer angefangen.

Neben den Boxern standen die Mädels des Handballvereins. Die spielten in der ersten Liga und mussten sich ihren Platz mit der Ablaufliste teilen. Ian las sie sich nicht durch. Er würde nicht zum Tag der offenen Tür gehen. Wenn er am 24.Dezember gewesen wäre, dann ja. Weihnachten bei den Teutschwitz war ein absoluter Fluchtgrund.

Dass die heilige Zeit vor der Tür stand, konnte man in Schaldstätten leicht übersehen. Ian hatte sich verirrt und war hinaus auf die Straße getreten. Mit Ausnahme von zwei Glühweinständen sah die Stadt aus wie immer. Es war auffallend dunkel, aber da Ian wieder kehrt machte und die Treppenstufen hinunterlief, störte ihn das wenig. Beim zweiten Suchen, fand er die Rolltreppe zur U3. Eine Bahn war im Inbegriff loszufahren, das „Bitte zurücktreten“ konnte man schon hören, doch Ian beeilte sich nicht. Erst schaute er auf eine Säule, die die Stationen anzeigte. Damit hatte er Glück gehabt. Wenn er zum „Helmsblum“ wollte, musste er nämlich zum „Sieversdamm“ fahren. Dafür musste Ian an den anderen Gleis. Er schlüpfte durch einen Durchgang in der Wand, schaute auf die Zeitanzeige und wartete drei Minuten, bis er sich in die U3 quetschte. Alle U-Bahnlinien führten zum Hauptbahnhof, aber die U3 startete am Flughafen und war deshalb immer voll. Ian konnte sich nirgends festhalten, er krallte seine Füße in den Boden und stemmte sich gegen die Fahrtrichtung. Er war froh, als er aussteigen konnte. Der „Sieversdamm“ war deutlich kleiner. Ian fand schnell den Weg nach oben. Hier war die Karte lesbar. Er befand sich am nördlichen Ende des „Helmsblum“, die Frieda-Goldmann-Straße war im Süden. Ian schaute auf sein Handy, er hatte noch fünfundzwanzig Minuten Zeit.

Der „Helmsblum“ hatte von oben die Form einer Träne. An der spitzen Seite befand sich die U-Bahnstation, aus der Ian gelaufen kam. Die Ludwigsallee wurde von dem Park getrennt. Links und rechts gab es zwei große Straßen, die an der südlichen Seite des Parks wieder zu der großen Alle wurden, die fast schnurgerade einmal durch den Stadtteil Weselsheim führte. Links neben Ian standen mehrere große Gebäude im Jugendstil. Es handelte sich um das Amtsgericht Weselsheim, welches örtlich für die Viertel Paulmander und Weselsheim zuständig war. Daneben standen das Mahngericht, davon hatte Schaldstätten nur eins und die UHA Neilbrunn. Auf der anderen Seite des Parks stand ein großes Einkaufszentrum, auf der zweiten und dritten Etage befand sich eine riesige Buchhandlung. Ian wollte sie unbedingt Freya zeigen. So wie es aussah, konnte man sich auf Sessel an die Fensterfront setzen und über den großen Park schauen. Ian müsste ihn einmal queren. Es fuhr auch ein Bus, aber er hatte nur noch 2,80 € im Portmonee, so viel kostete die Rückfahrt. Ian bekam kein Taschengeld, so genau wusste er gar nicht, woher er die Münzen hatte.

Die Häuser neben den Gerichten und dem Einkaufspark sahen alle ziemlich ähnlich aus, einige waren älter, andere jünger, doch sie alle hatten ein Geschäft im Erdgeschoss und Wohnungen darüber. Die Viertel Paulmander und Weselsheim gingen an dieser Stelle fließend ineinander über.

Man merkte kaum, dass es Winter war. Sicherlich, es war nass und stürmisch, aber von Schnee war weit und breit keine Spur. Manche Pflanzen sahen sogar aus, als würden sie knospen. Ian lief auf dem mittleren, geteerten Weg. Ihm kamen nur ein paar Jogger und Gassigeher entgegen. Die Straßen an der Seite waren allerdings gut gefüllt. Die Fußgänger hielten sich im Trockenen unter den Vordächern der Geschäfte. Kurz bevor Ian bei den Basketballfeldern ankam, grüßte er zwei Polizisten. Die grüßten nicht zurück. Ian würde später froh sein, dass er von Polizisten oft übersehen wurde.

Haut und Haare waren zu hell.

Zwischen den Körben spielte niemand. Die Plätze in Paulmander waren immer belegt. Deutsche durften da nicht spielen, sie gehörten den Türken und Arabern. Ian und die anderen spielten manchmal in der Nähe des Jotta-Liebermann-Parks Fußball. Es gab nur ein Tor, aber Ranzen und Trinkflaschen bildeten die anderen Pfosten. Das Grundstück war begrenzt von zwei Mehrfamilienhäusern, einer Freifläche, auf der das Unkraut wucherte, den Park und zwei Reihenhäusern, die mitten im Nirgendwo standen. Paulmander war, was den Baustil betraf, ein riesiger Flickenteppich. Zwischen Park und Tor gab es einen kleinen Spielplatz, ab und an flog der Ball zu den kleinen Kindern. Als die Polizei kam, dachte Ian, dass eine der Mütter auf der Bank sich beschwert hatte. Doch die Polizisten sagten etwas von Ruhestörung. Sie waren am Anfang ganz nett. Doch SS-Sveni fing an sie zu beleidigen.

So war er.

Ein Anwohner hatte sich beschwert. Beim nächsten Mal bekamen die Kinder Platzverbot und beim dritten Mal war das Tor abgebaut. Jetzt hatten sie keinen Platz mehr zum Ballspielen.

Der Fußweg gabelte sich. Ian lief schnurgerade aus. Die Häuserfront wurde von einer Ausfallstraße unterbrochen, an deren Rand eine Tankstelle stand. Die beiden großen Straßen, die den Helmsblum umrahmten, verbanden sich zu der großen Allee. In der Mitte fuhr der Schnellbus. Ein Zusammenspiel aus Tunneln und Überführungen trennte die Fahrbahn von den Fußgängern. Ian lief über die rechte Brücke und befand sich nun inmitten der Menschenmenge. Eine Traube von Passanten drängte sich in den Bus. Ian versuchte sich seinen Weg zu bahnen. Der Schatten der riesigen Häuser ließ, die ohnehin nur spärlich vorhandene Sonnenstrahlung gänzlich verschwinden. Einmal bog Ian nach rechts ab, musste wegen einer Baustelle die Straßenseite wechseln und ging dann links in die Frieda-Goldmann-Straße. Die Hausnummer 27 lag eingeengt zwischen einem neuen Gebäude, in dessen ersten beiden Etagen sich ein Geschäft mit geschwungenen Scheiben und dem Namen „Fireheim“ befand und einem Lagerhaus. Vor dem Haus stand ein türkisfarbener Seat aus dem Lena und Franz stiegen, Mama Kraft winkte Ian beim Vorbeifahren zu. Vivien kam zum Tor gelaufen und begrüßte ihre Geburtstagsgäste. Der Yorkshire Terrier Amsel und der Mischling Timon wuselten zu ihren Beinen. Amsel war fein frisiert. Timon sah aus, als hätte man zu viel in den Mixer gelegt.

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