Kitabı oku: «Gottes Herz für deine Stadt»
JOHANNES REIMER
Gottes Herz
für deine Stadt
Ideen und Strategien für Gemeinde in der Stadt

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-96140-056-0
© 2018 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: fotolia eve
Satz: Brendow Web & Print, Moers
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
www.brendow-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Abkürzungen
TEIL 1 Zur Theorie des Gemeindebaus in der Stadt
Kapitel 1 Gemeinden gründen, wo der Glaube stirbt
1.1. Sehnsuchtsort Stadt
1.2. Die Kloake Sao Paulo und der Saustall in Berlin
1.3. Wo der Glaube stirbt
1.4. Gemeinde Jesu – Lichtblick am Horizont
1.5. Gott in die Stadt folgen
„Mein ganzes frommes Denken sprach dagegen.“ Tina bekehrt sich zu den Menschen
Fragen zur Weiterarbeit.
Kapitel 2 Leben in der Stadt
2.1. Die Stadt verstehen
2.2. Soziale Welten der Stadt
2.3. Gesellschaftstypen
2.4. Menschengruppen in der Stadt
2.5. Die Frage nach der Macht
„Gott sei Dank haben wir uns mit unserer Stadt beschäftigt.“ Manfred lernt seinen Stadtteil neu kennen
Fragen zur Weiterarbeit
Kapitel 3 Urgemeinde und die Stadt
3.1. Es begann in der Stadt
3.2. Der urbane Charakter der Urgemeinde
3.3. Urban, multikulturell und missional
3.4. Von der Peripherie ins Zentrum
3.5. Familie im Zentrum
3.6. Ekklesia vor Ort in vielerlei Gestalt
„Die waren alle effektiver als wir.“ Nikolai wundert sich
Fragen zur Weiterarbeit
Kapitel 4 Gemeindeaufbau – was ist gemeint?
4.1. Gemeindeaufbau – was ist gemeint?
4.2. Territorialer Gemeindebau
4.3. Gemeindegründung und Gemeindepflanzung
4.4. Gemeindeaufbau, -entwicklung und -wachstum
4.5. Gemeindeaufbau in der Stadt als Fortpflanzungsprozess
4.6. Ansätze, Strategien, Methoden
4.6.1 Autonome Modelle
4.6.2 Integrative Modelle
4.6.3 Multioptionale Modelle.
4.7. Gesellschaftstransformierender Gemeindebau
4.7.1 Kontextuelle Theologie als Basis
4.7.2 Von der kontextuellen Theologie zur Theologie des urbanen Gemeindebaus
4.7.3. Zur Vision einer gesellschaftstransformierenden Gemeinde in der Stadt
„Ich hatte es satt.“ Sabine lässt sich neu begeistern
Fragen zur Weiterarbeit
TEIL 2 Praxis des Gemeindeaufbaus in der Stadt
Kapitel 5 Gemeinde für die Stadt bauen
5.1. Gemeinde als Change-Agent in der Stadt
5.2. Zyklus gesellschaftstransformierender Gemeindearbeit (ZGG)
5.3. Gemeinwesenarbeit als Bezugspunkt
5.4. Gemeindebau mit den Anderen
5.5. Wo können und sollen sich Christen engagieren?
5.6. Bauen auf Fortpflanzung hin
5.7. Eine Gemeinde – viele Gottesdienste
5.8. Urbane Diaspora – Chance für urbanen Gemeindebau
5.8.1 Diasporale Gemeinschaften – was ist gemeint?
5.8.2 Diasporas – eine neue Perspektive für Mission
(a) Transnationale Konnektivität
(b) Gastfreundschaft und Willkommenskultur
(c) Großfamilien-Zentriertheit
(d) Flexicurity
(e) Biblisches Modell
5.8.3 Die ethnokonfessionelle Falle
5.8.4 Missionale Gemeinde im Kontext der Diaspora
„Wie, mehr als nur einen Gottesdienst?“ Maria erlebt Vielfalt
Fragen zur Weiterarbeit
Kapitel 6 Evangelisation in der Stadt
6.1. Ohne Evangelisation geht es nicht
6.2. Integrative Evangelisation
6.3. Nachbarschafts- und Familien-Evangelisation
6.3.1 Evangelisation muss gelernt werden
6.3.2 Willkommenskultur in der Gemeinde praktizieren
6.3.3 GWA-Projekte unterhalten
6.3.4 Gottesdienst in der Welt feiern
6.3.5 Wertewoche als Evangelisation
6.4. Prozesse müssen geleitet werden
„Der da oben scheint auf dich zu hören.“ Steffi führt einen Mitschüler zu Jesus
Fragen zur Weiterarbeit.
Kapitel 7 Von der Evangelisation zum Gemeindebau
7.1. Evangelisation als Jüngerschaftsprozess
7.2. Sie sammeln sich bei Jesus
7.3. Gott bleibt am Pult
7.4. Neue Gaben – neue Verantwortung
7.5. Ein Dach über dem Kopf
7.6. Eingebunden in das Netzwerk Stadt
7.7. Auf die Leitung kommt es an
„Die Müllers sind unser geistliches Zuhause“
Fragen zur Weiterarbeit
Kapitel 8 Vom Gemeindebau zur Evangelisation
8.1. In Bewegung gesetzt
8.2. Von der Orts- zur Stadtgemeinde
8.3. Das urbane Dorfzentrum
8.4. Gemeinsam für die Stadt
8.5. Permanente Evangelisation auf der ewigen Baustelle des UGN
„Die warten nur darauf, dass wir endlich aufwachen.“ Lasse erkennt das Potenzial
Fragen zur Weiterarbeit
Verzeichnis der Abbildungen
Register
Personenregister
Sachregister
Bibelstellenregister.
Bibliographie
Weitere Bücher
Anmerkungen
Vorwort
Im Juli 2008 wurde ich von der südafrikanischen Gesellschaft für urbane Mission eingeladen, im Rahmen ihres Jahreskongresses eine Serie von Vorträgen zum Thema Mission und Gemeindebau in urbanen Räumen zu halten. Die Konferenz fand in dem alten Feuerwehrgebäude der Stadt Pretoria statt, oder wie man sie heute nennt: Tswane. Es war Winter, und die versammelten Teilnehmer aus Südafrika und den benachbarten afrikanischen Ländern froren erbärmlich. Jeder Versuch, gegen die dicken Betonwände des Feuerwehrgebäudes anzugehen, die die ganze Kälte des südafrikanischen Winters in sich gespeichert zu haben schienen, scheiterte kläglich.
„Das ist ein Bild für unsere Mission in den afrikanischen Großstädten“, sagte einer der Teilnehmer. „Je mehr wir uns darum bemühen, das Licht und die Wärme der Liebe Gottes in die Stadt zu bringen, desto kälter scheint es in der Stadt zu werden.“
Aus diesen Worten sprachen viel Frustration und Hoffnungslosigkeit. Ich war nicht der einzige Teilnehmer aus Europa, der den weiten Weg nach Südafrika auf sich genommen hatte. Wir trafen uns immer wieder als Europäer und versuchten, das Gehörte auf unsere Städte in Europa zu beziehen. Und bald wurde deutlich: Die Frustration des afrikanischen Gemeindebauers könnte man genau so auch in den Mund eines Europäers legen. Christlicher Gemeindebau in den Städten dieser Welt ist zu einer schwierigen Übung geworden. Die Urbaniten, wie man die Stadtbevölkerung nennt, lassen sich offensichtlich nicht so einfach einladen, ein Leben in der Gemeinschaft einer christlichen Kirche zu führen. Christen überall in der Welt äußern mehr Frustration als Freude über die Stadt und ihren Versuch, Gemeinde in der Stadt zu bauen. Der berühmte amerikanische Evangelist Dwight L. Moody brachte es für viele andere auf den Punkt: „The city is no place for me“ (Die Stadt ist kein Platz für mich).1 Und der bekannte amerikanische Theologe und Stadtkenner Conn beschreibt, wie ihn einmal eine Frau nach dem Gottesdienst grüßte und meinte: „Wissen Sie, dass Sie Gott auf dem Lande näher sind?“2
Mit diesem Buch habe ich mir die Aufgabe gestellt, die Probleme des Gemeindebaus in der Stadt zu reflektieren. Es gilt zu verstehen, warum Mission und Evangelisation in urbanen Räumen zu einer so schwierigen Aufgabe geworden sind. Und es gilt, nach möglichen Lösungen zu suchen. „Das Christentum ist allem anderen voran ein Weg des Sehens“, schreibt der amerikanische Theologe Robert Barron.3 Wir wollen sehen, ob uns Gottes Geist nicht jene Sicht schenken wird, die Frustration in Begeisterung, Hoffnungslosigkeit in eine neue Leidenschaft und Hilflosigkeit in Sachen urbaner Gemeindearbeit in Kreativität verwandeln kann. Gelänge es mir, so wäre die Aufgabe erfüllt. Denn schließlich ist es ja Gott selbst, der seine Gemeinde baut, nicht wir. Dietrich Bonhoeffers Worte erinnern uns daran, worauf es ankommt. Er schreibt: „Kein Mensch baut die Kirche, sondern Christus allein. Wer die Kirche bauen will, ist gewiss schon am Werk der Zerstörung; denn er wird einen Götzentempel bauen, ohne es zu wollen und zu wissen. Wir sollen bekennen – ER baut. Wir sollen verkündigen – ER baut. Wir sollen zu ihm beten – ER baut.“4 Wir Menschen bauen nur mit. Alles, was wir können, ist Augen und Ohren offen halten und von IHM lernen.
Nein, in diesem Buch will ich keine Anleitung zum Gemeindebau geben. Es ist weniger ein „How-to-do“-Buch. Ich will vielmehr zum Denken anregen. Veränderung setzt die Änderung des Denkens voraus, schreibt der Apostel Paulus (Röm. 12,1-2). Unsere Unzulänglichkeit ist in der Regel das Ergebnis eingerosteten Denkens. Wer lange genug in traditionellen Sichtweisen verweilt, wird bald für neue, innovative Wege blind. Diese Blindheit zu überwinden heißt am Ende, eine neue Welle kreativer Ansätze im Gemeindebau zu wagen. Genau das wünsche ich mir für meine Leser. Ich selbst habe immer wieder durch die Lektüre eines Buches oder eine Vorlesung Aha-Erlebnisse gehabt, die mich herausforderten, aber auch aus der Lethargie, aus der Unbeweglichkeit der eingefahrenen Situation, befreiten. Man kann auch sagen, Gott nutzte Bücher, um meinen Horizont zu erweitern. Ich hoffe, das tut ER auch durch dieses Buch.
Ich will zum Nachdenken über die Chancen und Möglichkeiten urbaner Gemeindearbeit anregen. Und ich tue das nicht nur als Theologe. Ich trage nicht aus der Bibliothek einer Fakultät für urbane Mission vor, auch wenn ich durch Hinweise auf entsprechende Literatur den Zuhörern einen Zugang zu der zurzeit geführten Diskussion ermöglichen möchte. Ich trage als betroffener Gemeindegründer und Gemeindepastor vor. Gemeindearbeit ist meine Leidenschaft. Was wäre meine theologische Arbeit wert, wenn da nicht die Herausforderung der praktischen Gemeindearbeit wäre? Dieses Buch ist in bewusster Reflexion der Praxis, und hier vor allem meiner eigenen Praxis, entstanden. Es atmet eine Theologie, die aus der Praxis kommt und in die Praxis führen will. Und so widme ich es auch allen jenen Gemeindemitarbeitern, die mit mir zusammen an Konzepten für Gemeindebau gearbeitet haben.
Johannes Reimer
Bergneustadt im Herbst 2017
Abkürzungen
| FZG | – Familien-Zentrierte Gemeinde |
| GWA | – Gemeinwesenarbeit |
| GWM | – Gemeinwesen-Mediation |
| HRD | – Healing Rooms Deutschland |
| IVP | – Inter Varsity Press |
| LDLT | – Lausanne Diasporas Leadership Team |
| LKWE | – Lausanner Komitee für Weltevangelisation |
| LOP | – Lausanner Occasional Paper |
| ÖRK | – Ökumenischer Rat der Kirchen |
| PRN | – Peace and Reconciliation Network |
| UGN | – Urbanes Gemeindenetzwerk |
| WEA | – Weltweite Evangelische Allianz |
| ZeV | – Zyklus evangelistischer Verkündigung |
| ZGG | – Zyklus gesellschaftstransformativer Gemeindearbeit |
TEIL 1
Kapitel 1
Gemeinden gründen, wo der Glaube stirbt
1.1. Sehnsuchtsort Stadt
Die Stadt – seit Urzeiten ist sie ein Ort menschlicher Sehnsucht. An keinem anderen Ort erhofft sich der Mensch so sehr, das Leben in die eigene Hand nehmen zu können. Und so strömten seit der Gründung der ersten uns bekannten Stadt Jericho vor 10 000 Jahren bis heute Millionen von Menschen in die rasant wachsenden Städte der Welt.5 Sie verlassen ihre Dörfer, weil sie sich auf dem Land unsicher fühlen und oft nur wenig Chancen zum Überleben sehen.
John, ein junger Afrikaner, der gerade in Hamburg gelandet ist, erzählt:
„Ich bin in einem Dorf im östlichen Kongo geboren. Zusammen mit einigen jungen Leuten aus meinem Dorf gelang mir nach Jahren langer und gefährlicher Reise die Flucht nach Deutschland. Heute lebe ich hier in Hamburg in einer Flüchtlingsunterkunft. Nur noch wenige Alte leben in unserem Dorf. Die meisten Einwohner sind weg. Bei uns zu Hause wollen alle so schnell wie möglich in die Stadt. In der Stadt gibt es Arbeit, und man findet immer etwas zu essen. Im Vergleich mit dem Elend auf dem Land im Kongo ist jedes Leben in der Stadt ein Paradies. Sogar in den Slums von Kinshasa.“
So wie John geht es Millionen. Fast ein Drittel der Weltbevölkerung lebt bereits in Städten, und es werden immer mehr. Am Ende des 21. Jahrhunderts, so die Prognosen, werden drei Viertel der Weltbevölkerung in Städten wohnen. Die Erde wird zu einem urbanisierten Planeten.
Städte wachsen, weil Menschen in die Stadt fliehen. Während die klassische Landbevölkerung, z. B. in Afrika, hohe Geburtenraten vorweist, werden die Familien in der Stadt immer kleiner.6 Es ist die wachsende Landbevölkerung, die für das Wachstum der Städte sorgt. Die Urbanisierung erweist sich somit als die effektivste Methode der Geburtenkontrolle.
Menschen suchen ihr Glück in der Stadt. Kommen sie dieser aber näher, so finden die meisten von ihnen zunächst bittere Armut und Elend. Viele von ihnen landen in den Elendsvierteln, Slums und Favelas, die Doug Saunders, kanadischer Journalist und Reisender, „Arrival Cities“ nennt. Er hat 25 Slums auf fünf Kontinenten besucht und überrascht mit einer radikalen, weil positiven These. Sein Buch „Arrival City“ weitet den Blick und zeigt auf, wie gerade die Landflüchtlinge heute die Zukunft so mancher Stadt bestimmen.7 Denn sie sind es, die den Kampf ums Überleben aufnehmen und dabei nicht nur einen erstaunlichen Lebenswillen, sondern auch einen hohen Grad an Innovation aufweisen. In ihren „urbanen Dörfern“ wird alles von dem einen Ziel getragen, so schnell wie möglich den Weg zum sozialen Aufstieg zu finden, koste es, was es wolle. Saunders spricht von den Ankunftsstädten als Hotspots urbaner Innovation.
Natürlich, jeder auch noch so geringe Aufstieg resultiert in der Transformation oder auch im Wechsel des sozialen Raumes. Und schafft man den Aufstieg in die besser betuchte Gesellschaft, so landet man heute in den sogenannten „gated communities“, geschlossenen Wohnvierteln, in die man nur durch einen entsprechenden Ausweis hineinkommt. Diese Entwicklung nahm ihren Anfang in den USA8 und ist heute in den meisten Ländern der Welt zu beobachten.9 Der soziale und ökonomische Wohlstand sind gerade in der Stadt gefährdet, schließlich drängen Massen von Neuankömmlingen nach oben und beanspruchen den gleichen Stand auch für ihr eigenes Leben. Die Angst vor Kriminalität zwingt dem Erfolgreichen regelrecht ein Leben hinter hohen Mauern auf.10
Städte sind somit keine einheitlichen sozialen Räume. Sie zeichnen sich durch ständige Veränderung, Wachstum und Verfall und vor allem Ausdehnung aus. Die kompakte, ummauerte Stadt, wie sie noch im Mittelalter existierte, gibt es so nicht mehr. Heute dehnen sich die Städte weit ins Umland aus und bilden ein metropolitanes Gebiet, das in seinen Vororten immer wieder beides sein kann, sowohl Stadt als auch Dorf mit urbanem Charakter. In der Literatur spricht man von der Zwischenstadt.11 Zeichneten sich Städte früher durch Urbanität aus, eine Haltung größerer Toleranz und Durchmischung der Bevölkerung, die die Lebensweise der Städter von der Landbevölkerung unterschied, so ist das Bild heute um ein Vielfaches differenzierter und komplexer. Die rasante Entwicklung dieser komplexen, sozialen Räume schürt seit der Mitte des letzten Jahrhunderts Angst vor dem Kollaps gesellschaftlicher Strukturen.12 Muss man tatsächlich Angst vor der Stadt haben? Oder bietet diese Entwicklung eine Chance, die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren? Meinungen, ja sogar Untersuchungen dazu gehen weit auseinander. Und was bedeutet die Urbanisierung für die Entwicklung der christlichen Mission und den Gemeindebau? In diesem Buch gehen wir der Frage nach.
1.2. Die Kloake Sao Paulo und der Saustall in Berlin
Sao Paulo im Osten Brasiliens ist eine der größten Städte der Welt. 26 Millionen Menschen leben in dieser Stadt. Wie keine andere in der Region hat sie die verarmte Bevölkerung des Landes angezogen. Viele, sehr viele, haben in ihren überdimensionalen Fabriken Arbeit gefunden. Volkswagen, GM, Bosch und andere Weltkonzerne haben sich hier angesiedelt und produzieren für den Weltmarkt. Man sagt, in Sao Paulo gibt es mehr deutsche Firmenniederlassungen als in irgendeiner deutschen Stadt.
Sao Paulo ist riesig. Das Leben hier pulsiert Tag und Nacht. Die Straßen ersticken an dem niemals endenden Verkehr. Drei Stunden brauche er für die sieben Kilometer von seinem Haus bis zur Arbeitsstelle, berichtet mir ein Mitarbeiter der Brasilianischen Bibelgesellschaft. „Bei uns gibt es immer Stau“, fügt er traurig und müde hinzu. Sicher auch, weil es keinen vernünftigen öffentlichen Nahverkehr gibt. Die städtischen Verkehrsbetriebe scheinen den Kampf gegen das Wachstum dieser Metropole längst aufgegeben zu haben. Genauso, wie die Stadtväter den Kampf gegen die Luftverschmutzung aufgegeben haben. Überall stinkt es nach Abgasen und dem längst toten Wasser des einmal so stolzen Rio Tietê. Die Einheimischen nennen ihn fast schon liebevoll „unsere Kloake“. Das Wasser im Fluss ist dunkelgrau, an manchen Stellen fast schwarz. Was da alles mitschwimmt! Sowohl die Industrie als auch private Haushalte lassen ihre Kanalisation hier abfließen.
„Unsere Kloake“ wurde für mich, je länger ich in Sao Paulo blieb, zum Symbol der Stadt überhaupt. Ähnlich wie dem Wasser dieses Flusses, das ursprünglich aus einer sauberen Quelle in Salesópolis in der Serra do Mar stammt und das verschmutzt und ohne Leben ist, wenn es die Stadt durchfließt, ergeht es auch Millionen der Einwohner dieser Stadt. Sie kamen vom Land. Sie suchten Arbeit, Broterwerb, eine sichere Existenz. Gefunden haben viele von ihnen noch größere Armut, ärmliche Behausungen in den Favelas, den Armenvierteln, in denen das Leben gezeichnet ist von Krankheiten, Drogen und Kriminalität. „Du kommst aus diesem Zustand nur durch ein Wunder heraus“, erzählte mir Frederico, ein junger Mann, der seit Jahren auf der Straße lebt. „Auch wenn du es willst, da gibt es kaum ein Entrinnen. Diese Stadt lässt dich aus ihrem Rachen nicht mehr frei, wenn sie dich einmal hat.“
Leben gesucht – Tod gefunden. So kann man heute das Leben großer Massen von Menschen, die in die rapide wachsenden Städte der Welt geflohen sind, beschreiben. Sie ähneln sich alle. Ob Hanoi, Johannesburg, Moskau, Nairobi, Bangkok, Mexiko-City, New York oder eben Sao Paulo. Lebensflüsse, die durch sie fließen, werden erstickt und zu Kloaken. Sie sind Orte der Sehnsucht für Millionen und werden zu Orten der Verzweiflung für die meisten von ihnen.
Unsere deutschen Metropolen heißen Berlin, München, Hamburg, Düsseldorf, Köln oder auch das Ruhrgebiet mit Dortmund, Bochum, Essen, Oberhausen und Duisburg. Berlin ist unsere „Hauptstadt der Armut“, wie sie der Berliner Kurier genannt hat.13 Jeder fünfte Berliner lebt unter der Armutsgrenze.14 Entsprechend problematisch entwickeln sich bestimmte Bezirke der Stadt. Längst spricht man von Slums. Im Stadtteil Kreuzberg zum Beispiel. Ein Kurier-Reporter spricht gar vom „Saustall Kreuzberg“. Er schreibt:
„Zwischen Müll und Dreck, zwischen Spree und Schlesischer Straße: Hinter zuplakatierten Bauzäunen wächst ein wahrer Slum, in dem Lebensbedingungen wie in Armenvierteln von Bombay herrschen. Oder in Favelas brasilianischer Mega-Städte. Es sind etwa 30 Bretterbuden, Wellblechhütten und Zelte – zusammengeschustert zu einer kleinen Stadt. Mitten in Berlin. In Deutschland.“15

Foto: Sabeth Stickforth16
Wie in den meisten Städten dieser Welt ist auch das Berliner Problem verursacht von den in die Stadt strömenden Massen an Einwanderern. Auch hier suchen Menschen besseres Leben, Arbeit, sicheres Einkommen. Leider finden viele statt sozialem Aufstieg nur einen Platz in der Gosse.
Sicher, in Deutschland sind es noch nicht die Massen. Hier wachsen die Städte auch, weil Menschen der Faszination der Stadt mit ihrem bunten und breiten Angebot an Bildung, Kultur, Lebensfreude und Ähnlichem erliegen. Es ist eben „cool“, in der Stadt zu leben, sagen mir junge Leute. Und viele finden, was sie suchen. Aber die Schere zwischen denen, die sich in der Stadt finden, und denen, die von der Stadt „geschluckt“ werden, geht immer weiter auseinander.
1.3. Wo der Glaube stirbt
Städte versprechen ihren Ankömmlingen, den Glauben an sich selbst zu stärken. Hier kann jeder etwas werden. Und wer es in der Stadt schafft, schafft es auch überall sonst. Die Erfolgreichen sind die Reklametafeln der Stadt. Sie feuern Sehnsüchte an. Wer sich in der Stadt ausprobiert, wer einmal Selbstverwirklichung in der Stadt getankt hat, der wird immer mehr auf Distanz zu dem gehen, der alles Leben geschaffen hat – Gott. So geschah es im biblischen Babylon. So ist es auch heute noch.
Heute gilt die Stadt als der eigentliche Säkularisierungsmotor der Gesellschaft. Wo immer in der Welt Städte wachsen, verlieren ihre Einwohner zunehmend den Bezug zu Gott. Das ist nicht nur in der sogenannten nachchristlichen Welt der Fall. Ähnlichen Verfall religiöser Bindungen kann man auch in islamischen, hinduistischen und buddhistischen Gesellschaften beobachten.
Die Erfolgreichen verlieren den Gauben an Gott, weil sie der Vorstellung erliegen, nun alles aus eigener Kraft tun zu können. Schließlich gibt ihnen ihr Erfolg täglich recht. Genauso gefährdet sind aber auch die Massen derer, die in der Stadt versagen, denen Glück und Erfolg versagt bleiben. Wie Süchtige versuchen sie immer wieder aus ihrer verzweifelten Lage herauszukommen und scheitern doch an all dem, was sie krankmacht, bis ihnen nur noch der stumme Schrei bleibt: „Allein, ich bin allein. Ich habe keinen Menschen. Niemand kann mir mehr helfen.“
In der Stadt stirbt der Glaube an Gott, an sich selbst und an die Mitmenschlichkeit. Man taucht in die Anonymität ab, verliert sich selbst und seine besten Freunde. Gefragt, ob sie ihre Nachbarn im Hochhaus kennen, antworten die meisten Städter meist mit einem Kopfschütteln. Man kennt sich in der Stadt nicht, und wenn, dann eben nur beiläufig. In der Stadt sterben die Beziehungen innerhalb der sozialen Räume ab, und das trotz der Tatsache, dass man nirgendwo sonst so viel in Kultur und Gemeinschaft investiert. Allerdings ist beides, die Kultur und das soziale Miteinander, schnelllebig und nicht selten merkantilisiert. Angebot und Nachfrage und nicht die Menschen selbst bestimmen hier. Und so werden die einen reich und die anderen verarmen. Die einen sind erfolgreich, weil die anderen am eigenen Misserfolg verzweifeln.
Und trotzdem strömen die Menschen in die Stadt. Und trotzdem glauben sie, gerade hier den Glauben an sich selbst wiederzufinden. Denn hier pulsiert das Leben. Hier entstehen permanent „neue Jobs, neue Lebensformen, neue Landkarten“17. Hier entsteht Gesellschaft. Wenn es überhaupt in der Welt einen Ort mit Zukunft gibt, dann ist das die Stadt.
1.4. Gemeinde Jesu – Lichtblick am Horizont
In der Stadt bauen Christen Gemeinden. Ihre Mission orientiert sich an Gottes Auftrag. Jesus selbst hat es ihnen ins Stammbuch geschrieben: „Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich euch“, hat er gesagt (Joh. 20,21). An mehreren Stellen präzisierte er dann den Auftrag. So sprach er zu seinen Jüngern in der berühmten Bergpredigt:
„Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Mt. 5,14-16.)
Nach Jesus sind Jünger Licht der Welt, eine Stadt, die auf dem Berg liegt, ein Licht, das im Haus auf die höchste Stelle gestellt wird, damit es allen darin leuchtet. Licht garantiert Leben in der Welt. Würde die Sonne uns ihr Licht nicht mehr spenden, würde alles Leben binnen kurzer Zeit sterben. Und Licht garantiert Orientierung im Haus. Wenn die Nacht einbricht und es in mondlosen Tagen stockdunkel wird, dann braucht man Licht im Haus, wenn man sich nicht den Hals brechen möchte. Als Licht zu leuchten heißt, so viel, wie Orientierung zu geben, den Weg anzuzeigen. Licht steht aber auch für Wärme und Lebensenergie. Wenn Jesus seine Gemeinde als Licht der Welt bezeichnet, dann schreibt er ihr eine lebenswichtige Funktion im Alltag der Menschen zu. Ohne sie ist das Leben in der Welt gefährdet und gefährlich.
Ähnlich bedeutsam ist das zweite Bild. Die Gemeinde ist eine Stadt, die auf einem Berg liegt. Das Bild steht zum einen für ein Gemeinwesen, das von weitem sichtbar ist. Man kann sich an dieser Stadt orientieren. Und sie liegt auf einem Berg und ist somit für die Feinde nicht so leicht erreichbar – ein sicherer Hort für alle, die Geborgenheit und Sicherheit suchen. Eine Stadt auf einem Berg stand aber auch seit Urzeiten für eine Machtzentrale. Hier residierten die Mächtigen, Könige, Statthalter und dergleichen. Von hier aus regierte man das Umland, bestimmte die Politik, Kultur, den Wohlstand und das Zusammenleben der Menschen. Um diese erhöht gelegene Stadt entwickelten sich dann ganze Metropolen.
Wenn Jesus seine Gemeinde eine Stadt auf einem Berg nennt, dann schreibt er ihr Verantwortung für die Welt um sie herum zu. Ganz ähnlich wie in Mt. 16,18, wenn er zu Petrus sagt, dass er seine Gemeinde bauen will, und dabei den Begriff ekklesia verwendet. Der Begriff entstammte dem politischen Alltag der griechischen Stadtrepubliken und stand hier für die Vollversammlung aller Bürger der Stadt, die von Zeit zu Zeit zusammengerufen wurden, um gemeinsam über die Geschicke ihres Ortes zu entscheiden.18
Die Gemeinde der Jünger Jesu ist in der Welt, um Verantwortung für die Welt zu übernehmen. Sie ist die aus der Welt herausgerufene Gemeinschaft, die Verantwortung für die Welt übernehmen soll. Gottes ekklesia als die Stadt auf einem Berg ist somit als lebensentscheidende Institution für die gesamte Stadt gedacht. Und der Ort, an dem sie zu agieren hat, ist „der höchste“ vor Ort. Hoch ist sicher nur bedingt geographisch gedacht. Vielmehr geht es um den Ort, von dem Einfluss ausgeht und von dem aus Orientierung und Lebensenergie weitergegeben werden. Solche Hochorte markierten in der Antike die Plätze, an denen Könige, Richter und Parlamente saßen. Heute werden Gesellschaften von Kräften gestaltet, die sowohl in den sozialen Welten als auch in den etablierten Systemen des Ortes wiedergefunden werden können.
Jesus selbst hat es seinen Jüngern angetragen, Licht der Welt zu sein. Ein Licht, das an der höchsten Stelle der Stadt aufgestellt allen in der Stadt leuchten soll (Mt. 5,14-15). Allen – das bedeutet, solchen, die erfolgreich sind, in der Stadt angekommen und reich geworden sind, und solchen, die an ihr verzweifeln. Übrigens, gerade die Letzteren, die Mühevollen und Beladenen, lud er ganz besonders ein, zu ihm zu kommen und Ruhe zu finden. „Kommet her alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“, hat er gesagt (Mt. 11,28). Jesus will seine Stimme in der Stadt hörbar machen.
Aber wie baut man Gemeinde in einer Stadt, die zu einer Kloake neigt? Wie durchbricht man den Kreislauf der Emanzipation von Gott und des Glaubenssterbens? Wie schafft man jene Orte der Ruhe und des Friedens inmitten der pulsierenden Suche nach Selbstbefriedigung und Wohlstand? Fragen, die sich stellen, sobald man in eine Stadt wie Sao Paulo oder Berlin kommt. Aber gerade hier in diesen Mega- und Großstädten entstehen fast jeden Monat neue Gemeinden. Viele dieser Gemeinden kommen und gehen, andere bleiben, und wiederum andere werden zu den größten Gemeinden in der Welt, die Zehntausenden von Menschen eine Heimat bieten. Gemeindebau funktioniert, und das auch in einer Stadt wie Sao Paulo oder Berlin. In den nächsten Kapiteln dieses Buches gehen wir nun systematisch den Antworten auf die Fragen nach, die man sich stellen muss, wenn man erfolgreich Gemeinde in urbanen Räumen bauen möchte. Freilich beginnt eine solche Reise mit der konsequenten Bekehrung zur Stadt.
1.5. Gott in die Stadt folgen
Christen, allen voran Freikirchen, scheuen die Stadt. Mit den Täufern sind sie eher die „Stillen auf dem Lande“. Und sogar dann, wenn sie mitten in der Stadt leben, denken sie eher ländlich, wie der amerikanische Theologe Ray Bakke so treffend feststellt. Die Welt der Stadt ist ihnen fremd, und sie macht ihnen Angst. Bakke konstatiert: „Die meisten Christen lesen die Bibel mit ländlichen Brillen.“19 Entsprechend ist dann ihre Theologie und Evangelisation geprägt. Evangelikale und pietistische Gemeinden trifft man in der Regel eher in den Vororten der Stadt, wie Tim Foster feststellt.20
Gott, der Vater, sandte seinen Sohn zu den Menschen, weil er sie liebt (Joh. 3,16). Wo Menschen leben, da ist Er mit seinem Liebesangebot. Er ist in den sozialen Ballungszentren dieser Welt, lange bevor Christen da auftauchen. „Wo wir hinkommen, ist Gott schon da“, schreibt Harald Sommerfeld in seinem überaus lesenswerten Buch zur urbanen Mission.21 Und er fordert von den Christen eine neue Hinwendung zur Stadt.22 Nur so können sie zu einem Licht in der Stadt, zu Agenten der Veränderung und Transformation, werden. Sommerfeld nennt vier Aufgaben urbaner Mission christlicher Gemeinden:23
(a) Die sozialwissenschaftliche Aufgabe: Die Stadt verstehen;
(b) Die theologische Aufgabe: Gottes Spuren in der Stadt erkennen;
(c) Die evangelistische Aufgabe: Gottes Gegenwart in der Stadt aufzeigen und deuten;
(d) Die transformatorische Aufgabe: Sich für Gottes Ziele in der Stadt engagieren.
Missionarischer Gemeindebau stellt sich solchen Aufgaben, weil er die Stadt als Ort der Liebe Gottes ausgemacht hat und sich bewusst an diesen wendet. Und weil er die Platzzuweisung Jesu, eine Stadt auf einem Berg zu sein, ernst nimmt. Christen, die in Christus eine neue Schöpfung geworden sind, sind Gottes Botschafter der Versöhnung und der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt (2Kor. 5,17-21). Sie sollen der Stadtbevölkerung Gottes Version einer urbanen Lebensweise vorleben und predigen. Gemeindebau in der Stadt ist somit für die Stadt selbst von Bedeutung. Die Stadt kollabiert, korrumpiert und asozialisiert, weil man ihr keine Alternative zeigt. Sie braucht Licht, Salz, Gerechtigkeit. Und nicht weniger als das kann und soll ihr die christliche Gemeinde bringen. Mission im Sinne Jesu kann es für die Christen nie an der Stadt vorbei geben. Ja, urbaner Gemeindebau ist geradezu ein Gradmesser ihrer missionarischen Gesinnung.
„Mein ganzes frommes Denken sprach dagegen.“ Tina bekehrt sich zu den Menschen
Ich kam nach Berlin zum Studium. Aufgewachsen bin ich an der Ostsee mit reiner Luft, wenig Menschen, viel Natur und großer Bewegungsfreiheit. In Berlin war alles anders: überall Menschen, viele Autos, stickige Luft, kaum Natur und Stille. Diese Stadt schien nie zu ruhen. Und sie machte mich unruhig, unzufrieden mit mir selbst und meinen Nächsten. Es dauerte nicht lange, bis ich nur noch davon träumte, bald mein Studium abzuschließen und zurück nach Hause in die Beschaulichkeit meines Heimatortes zu kehren. Gott sei Dank fand ich eine kleine Kirchengemeinde. Die Menschen hier ähnelten denen zu Hause. Sie schienen ihre kleine Parallelwelt geschaffen zu haben, in der man für eine Zeit lang das laute Getöse der Stadt vergessen konnte. Unser kleines Gemeindezentrum lag im zweiten Hinterhof, und man bekam hier tatsächlich nur wenig von der Stadt mit. Gerne tauchte ich am Mittwoch zur Bibelstunde, am Samstag zur Wochenendandacht und am Sonntag zum Gottesdienst in diese kirchliche Idylle ab. Das Einzige, was mich an dieser Berliner Gemeinde störte – es gab hier kaum Jugendliche. In der Regel war ich die Jüngste unter den vielen Grauhaarigen. Gefragt, wo denn die Jugend geblieben sei, sagte man mir schnell: „Sie haben die Welt lieb gewonnen.“ Und die Welt fing bekanntlich draußen an der Hauptstraße an.
Je länger ich in die Gemeinde kam, desto unruhiger wurde ich. Wir waren immer dieselben Gottesdienstbesucher. Die Gemeinde wuchs nicht, und wenn, dann nur, weil solche Studenten vom Land wie ich für eine Zeit lang dazukamen. Viele von ihnen verschwanden dann aber auch bald wieder. Die Erklärung unseres alten Pastors: Auch in ihnen würde die Liebe zu Gott erkalten. Die Stadt hatte auch sie in ihren Strudel gezogen. Auf meine Nachfrage, ob wir denn nicht berufen seien, in die Welt zu gehen und die Menschen zu Christus zu rufen, antwortete mir derselbe Mann: „Haben wir schon alles hinter uns. Die Menschen sind böse geworden. Zu uns kommt jedenfalls niemand. Wir haben uns von der Welt losgesagt, weil man weder die Welt noch, was in der Welt ist, lieben soll.“
Eines Tages überwand ich mich und besuchte eine andere, eine „moderne“ Gemeinde, wie man bei uns zu sagen pflegte. Hier traf ich auf Hunderte junger Leute und moderne Musik und erlebte, wie sich nach dem Gottesdienst mehrere Personen spontan bereit erklärten, Jesus als ihren Herrn zu akzeptieren. Überrascht, so etwas in Berlin vorzufinden, fragte ich den jungen Pastor der Gemeinde, wie das wohl kommt, dass sich bei ihnen Menschen für den Glauben interessieren. Seine Antwort hat mich noch lange danach beschäftigt. Er sagte: „Wir haben die Menschen in der Stadt lieb, sorgen und beten für sie, und jetzt finden sie sowohl uns als auch unseren Glauben attraktiv. So, wie es bei Jesus war: Er wurde Mensch, lebte unter den Menschen, und dann sahen sie seine Herrlichkeit und folgten ihm nach. Es ist alles recht einfach.“
So einfach war es für mich zunächst nicht. Mein ganzes frommes Denken sprach gegen eine solche Perspektive. Aber ich fing an, intensiv in der Bibel zu forschen. Und mir wurde zunehmend klar: Nur, wer Menschen liebt, kann sie auch zu Gott rufen, und nur, wer die Stadt liebt, kann sie auch verändern. Ich war mit meiner eingefahrenen Haltung jedenfalls nicht zu gebrauchen. Und dann fiel ich eines Tages auf meine Knie und bat Gott für meinen Rückzug aus der Welt um Vergebung, und ich bat, mir seine Wege zurück zu den Menschen in Berlin zu zeigen. Wenn man so will, bekehrte ich mich zur Stadt, und es begann ein anderes Leben …“
Fragen zur Weiterarbeit:
1 Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Leben in der Stadt gemacht?
2 Was macht für Sie die Stadt aus?
3 Worauf könnten/würden Sie in der Stadt nicht verzichten wollen?
4 Was fördert für Sie den Glauben in der Stadt?
5 An welcher Stelle behindert und verhindert die Stadt den Glauben?
6 Wie sollte sich Ihrer Meinung nach die christliche Gemeinde der Stadt gegenüber verhalten?
Kapitel 2
Leben in der Stadt
2.1. Die Stadt verstehen
Wer für die Stadt Verantwortung übernehmen möchte, der sollte sich mit ihr beschäftigen. Erst wenn wir die Stadt und ihre kulturellen und sozialen Welten, ihre Gestaltungskräfte, verstehen, können wir beginnen, über Veränderungsprozesse und Eingriffe ins urbane Leben nachzudenken. Und christlicher Gemeindebau setzt solche Eingriffe voraus. Mit der Gemeinde Jesu kommt ein Transformationsagent auf die soziale Bühne der Stadt. Die ekklesia, wie Jesus sie baut, soll Verantwortung für die Menschen vor Ort übernehmen, ja noch mehr – das Gemeinwesen selbst in einen Nachfolger Jesu verwandeln (Mt. 28,19-20). Mit ihr zieht Gerechtigkeit, wie Gott sie denkt, in die Stadt (2Kor. 5,21).
Was sollten, ja müssen Gemeindebauer über die Stadt unbedingt wissen, um Gemeinde in der Stadt effektiv bauen zu können? Hier ein paar grundsätzliche Beobachtungen. Wir zeichnen dabei sowohl die sozialen als auch machtpolitischen Räume in der Stadt nach. Denn erst, wenn wir wissen, wo, wie und unter welchen Einflüssen Menschen in der Stadt leben und ihren Glauben praktizieren, können wir in ihr Leben prophetisch und gegebenenfalls auch transformativ hineinsprechen und hineinhandeln. Leben aus Gott setzt immer Wissen und die Bereitschaft, das Wissen in die Tat umzusetzen, voraus. Menschen sind dem Leben aus Gott entfremdet aufgrund ihrer Ignoranz und der Verstockung ihrer Herzen (Eph. 4,17-18). Erst wenn wir die Wahrheit über die Stadt erkennen, können wir befreit transformativ handeln (Joh. 8,32).
2.2. Soziale Welten der Stadt
Städte sind keine homogenen, sozialen Räume, vielmehr bestehen innerhalb der Grenzen einer Stadt eigene soziale Welten.24 Man spricht in diesem Zusammenhang auch von urbanen Systemen25 und Gesellschaftstypen.26
Unter einem urbanen System verstehen wir ein flächendeckendes dreidimensionales Netzwerk von vielfältigen sozialen und physischen Verknüpfungen. Knoten dieses Systems sind Punkte mit einer hohen Dichte an Menschen und Gütern.27 Mit anderen Worten, da, wo die meisten Menschen leben und wo sie am meisten lebensrelevante Güter erwerben, liegen wichtige urbane Zentren, die wir Knoten nennen. Zwischen diesen Knoten verlaufen die Ströme von Information, von Gütern oder auch sozialen Kontakten. Was man in der Stadt an Information weiterleitet, an Gütern anbietet und welche kulturellen Einflüsse prägend sind – das wird in den Knoten durchdacht und entschieden.
Urbane Systeme ähneln Netzwerken und werden seit den 1990er Jahren auch Netzstadt genannt. Das Modell wurde von den Schweizern Franz Oswald und Peter Baccini entwickelt und soll helfen, die unterschiedlichen Verflechtungen in einem urbanen System in Beziehung zueinander zu setzen, indem es analytische Instrumente und Qualitätskriterien definiert. Es ist prinzipiell an der langfristigen Gestaltung des urbanen Raums interessiert und bewusst ganzheitlich gedacht. Es erschließt damit sowohl sozial-ökonomische als auch kulturell-religiöse Entwicklungen in der Stadt. Das Netzwerk setzt sich aus den folgenden drei Elementen zusammen:
Knoten – definiert als Orte hoher Dichte von Personen, Gütern und Informationen.
Verbindungen – die die Flüsse von Personen, Gütern und Informationen zwischen den Knoten gewährleisten.
Skalen – diverse Maßstabsebenen, innerhalb derer Territorien räumlich abgegrenzt und die Knoten und Verbindungen identifiziert werden können.
Das Wechseln des Betrachtungsmaßstabs erlaubt es, sowohl verschiedene Knoten und Verbindungen auf der nächsthöheren Skala zu einem übergeordneten Knoten zu aggregieren, als auch einen Knoten auf der nächsttieferen Skala in Subknoten und die entsprechenden Verbindungen dazwischen aufzulösen. Dies erhöht die Flexibilität des Modells und führt zu neuen Hierarchien, die sich deutlich voneinander unterscheiden.
Oswald/Baccini differenzieren fünf Skalen, die sich auf Person, Nachbarschaft, Gemeinwesen, Region und Nation beziehen:
Die individuelle Skala – die Wohnung als kleinste Einheit urbanen Lebens. Hier ist die Person samt der dazugehörigen Familie zu Hause.
Die lokale Skala – das Quartier, das die Grundversorgung urbanen Lebens und erste Identifikationsmöglichkeiten mit der Nachbarschaft bietet. Hier werden die ersten unmittelbaren Kontakte außerhalb des eigenen Hauses gefunden.
Die kommunale Skala – das Gemeinwesen, die erste gemeinschaftlich organisierte und teilweise selbstverwaltete Ebene. Hier finden die Einwohner ein organisiertes Versorgungssystem, das den gemeinsamen Alltag in der Stadt sichert.
Die regionale Skala – sie umfasst mehrere Kommunen, für die größere Aufgaben im Bildungs-, Sozial-, Ressourcen- und Verkehrsbereich zentral gelöst werden (Bundesländer, Departemente, Kantone etc., aber auch Regionen der Europäischen Union).
Die nationale Skala als Regionenverbund, welcher sich über eine Verfassung den Status eines souveränen Staates gibt.28
Während Teile des Netzstadtmodells – in seinen geogenen Fragestellungen – für die Entwicklung christlicher Gemeinden in der Stadt eher sekundär sind, stellen vor allem die Fragen zu der Bevölkerungsbewegung ein wichtiges Thema und Instrument dar. Im Modell der Netzstadt werden gemessen:
Einwohnerdichte – wie viele Menschen leben im besagten urbanen Raum?
Arbeitsplatzdichte – wie viele Arbeitsplätze stehen im urbanen Raum zur Verfügung?
Dienstleistungsdichte – was wird im Raum an Dienstleistung geboten?
Institutionendichte – welche Institutionen sind im Raum vorhanden?
Arbeitende (Flüsse) – welche Bewegungen von Arbeitenden sind im urbanen Raum feststellbar?
Studierende (Flüsse) – welche Bewegungen von Studierenden sind im urbanen Raum feststellbar?
Urbane Räume werden von Systemen gestaltet, die der Gesellschaft eine mehr oder weniger reibungslose Existenz und Entwicklung ermöglichen. Wir unterscheiden dabei zwischen primären und subordinären Systemen.29 Unter primären Systemen verstehen wir das politische, ökonomische, religiöse und soziale System. Innerhalb dieser Kategorien können weitere Subkategorien beschrieben werden. Folgende Tabelle bietet hierfür ein gutes Beispiel.30

Die urbanen Systeme kontrollieren die Macht in der Stadt. Und es sind diese Mächte, die letztlich darüber entscheiden, ob Menschen im urbanen Raum reich oder arm, glücklich oder unglücklich, einsam oder geborgen leben. Wer immer sich anschickt, die Lebensumstände in der Stadt zu verändern, wird sich der Machtfrage und damit auch den urbanen Systemen stellen müssen. Robert Lintichum, der sich jahrelang mit der städtischen Entwicklung in der Zwei-Drittel-Welt und der dort grassierenden Armut im Auftrag vom evangelischen Missionswerk World Vision beschäftigt hat, schreibt mit Recht:
„Armut ist nicht sosehr die Abwesenheit an Gütern, es ist die Abwesenheit von Macht – die Kapazität, die Fähigkeit, die eigene Situation zu verändern.“31
Urbane Systeme kontrollieren die Macht in der Stadt. Wer die Machtverhältnisse in der Stadt verstehen will, der wird sich mit den Systemen der Stadt auseinandersetzen müssen.
2.3. Gesellschaftstypen
Obwohl in allen urbanen Räumen urbane Systeme wirken, ist ihre Durchschlagskraft unterschiedlich zu bewerten. Das liegt vor allem am jeweiligen Typ der Stadt. Städte sind nicht einfach vorhanden, sie entstehen und entwickeln sich immerfort. Diese initiale und fortwährende Entwicklung definiert auch den jeweiligen Gesellschaftstyp des urbanen Zusammenlebens. Ob ein Stadtteil sich gerade aus einer Ansiedlung von Menschen, die auf der Suche nach Arbeit in die Stadt drängen, entwickelt oder sich dank wachsender Bevölkerung ausweitet und Vororte der Reichen und Einflussreichen bildet – all das entscheidet, welchen Charakter der jeweilige urbane Raum annimmt.
Der Urbanologe Ray Bakke identifiziert eine Reihe von Gesellschaftstypen in der Stadt, die er daran festmacht, dass er nach dem Kommunikationsfluss in der Gesellschaft und nach der Durchlässigkeit der Gesellschaft fragt.32 Er unterscheidet dabei zwischen Slum, Schwellengemeinschaft, Wandlungsgesellschaft, diffuser und parochialer Gesellschaft und einer gesunden Gemeinschaft.
Dabei stehen Slums für Elendsviertel der Stadt, die als Auffangquartiere für Menschen dienen, die entweder als verarmte Landbevölkerung oder Flüchtlinge in die Stadt zuwandern oder infolge von Arbeitslosigkeit und dem Verlust des sozial-ökonomischen Halts „auf der Straße“ landen. Slums entstehen in der Regel chaotisch. Kommunikation nach innen wie außen ist stark erschwert. Ebenso der Ausbruch in ein besseres Leben. Slums können sich zu Schwellengemeinschaften entwickeln, in denen der Wille zur Veränderung bessere Aufstiegsmöglichkeiten schafft. Schwellengemeinschaften können sich sowohl als Weg aus dem Slum als auch als Wandlungsgesellschaft in den sozialen Abstieg entwickeln. Solche Wandlungsgesellschaften entstehen da, wo eine Bevölkerungsschicht durch Ansiedler verdrängt wird. Oft sind solche Gemeinschaften in den ersten Jahren ihrer Existenz sehr diffus organisiert. Man spricht dann vom diffusen Gemeinwesen. Das Gegenteil davon wären parochiale Gemeinschaften, in denen eine stark nach innen definierte Einwohnerschaft lebt, die sich bewusst von der Außenwelt abgrenzt und eine Art Parallelwelt für sich bildet. Bakke wünscht sich ein offenes und gesundes Gemeinwesen. Ich habe seine Beobachtungen in folgender Tabelle festgehalten33 und hier und da ergänzt.

Die jeweiligen Gesellschaftstypen sind in der Regel räumlich voneinander getrennt. Segregation erfolgt meistens unfreiwillig als Folge sozialer Ungleichheit. Randgruppen, „relativ statusniedere Bevölkerungsgruppen“, wird in bestimmten Bereichen der Zugang zu sozial höher bewerteten Gruppen verwehrt.34 Auf der anderen Seite streben gerade diese Bevölkerungsgruppen den Aufstieg an. Und die Stadt, bei aller Segregation, ermöglicht diesen auch. „Die Stadt ist der Ort, an dem ein Überschuss an Möglichkeiten den Individuen die Integration in die verschiedenen Dimensionen der modernen Gesellschaft überhaupt erst ermöglichte.“35
2.4. Menschengruppen in der Stadt
Urbane Räume sind gegliederte Räume. Wir unterscheiden dabei zwischen funktional-räumlicher und sozial-räumlicher Gliederung.
Bei einer Gliederung nach Funktion werden Räume unterschieden, in denen entweder Kultur, Religion, Politik/Verwaltung, Ökonomie, Bildung oder auch Freizeitgestaltung gefördert und gelebt werden. Daneben stehen dann Räume, die soziale Zugehörigkeit definieren, wie soziale Klasse, Gesellschaftsschicht, Milieu oder Alter.
Hinter den Gesellschaftstypen stehen also unterschiedliche Menschengruppen, die sich unterschiedlich sozial, kulturell, religiös und politisch organisieren. Die Grenzen zwischen diesen Gruppen sind flexibel und erlauben Entwicklung und Fortkommen. Stadtbewohner sind flexibel, aber nicht unorganisiert. Sie lassen sich nach ihrer Kultur, Religion und sozialem Stand auf der einen, ihrem ökonomischem Status auf der anderen Seite in Klassen, Stände und Milieus einteilen.
Große Gruppen von Leuten mit gleichen ökonomischen Ressourcen, die stark einwirken auf Lebensstile, nennen wir Soziale Klassen. Max Weber (1864-1920) definierte: „Klassen sind Gruppierungen von Menschen, die aufgrund ihres Besitzes und/oder spezifischer Leistungen auf dem ,Markt‘ ungefähr gleiche materielle Lebenschancen haben.“ Klassen weisen meist flexible Grenzen auf und kennen formale Behinderungen zum Aufstieg. Man gehört einer Klasse nur aufgrund des erworbenen gesellschaftsökonomischen Status‘ an.
Hans und Petra kommen aus einer reichen Familie. Sie haben selbst studiert und leiten heute eine größere Firma. Sie gehören zu der oberen sozialen Klasse, während das Lehrerehepaar Müller zur Mittelklasse und die Webers, die einem einfachen Handwerkerjob nachgehen, zur Arbeiterklasse gehören.
Von den sozialen Klassen unterschieden werden soziale Schichten. Der Begriff geht auf Theodor Geiger (1891-1952) zurück, der Unterschiede zwischen Gruppen mit Merkmalen, die den Status ausmachen, beschrieb. Dabei nahm er vor allem das Problem der Mentalitäten ins Visier. Für Menschen, die zu gleichen Schichten gehören, ist es nicht notwendig, dass politische Orientierung oder Selbsteinordnung mit, objektiven’ sozialen Lagen übereinstimmen. Auch wenn sich Einkommen und Arbeitsbedingungen angleichen, bleiben Mentalitätsunterschiede. So können verarmte Adlige immer noch zur oberen Schicht gehören und arbeitslos und zum Teil mittellos gewordene Geschäftsleute, die durch einen Bankrott gegangen sind, zur Mittelschicht, auch wenn sie ökonomisch eher der unteren Klasse angehören. Hier spielen die Lebensart, der Stand und die Herkunft eine größere Rolle als die gegenwärtige ökonomische Lage.
Heute teilt man Gruppen von Menschen gerne in Milieus ein. Ein soziales Milieu beschreibt die Gesamtheit der räumlichen, kulturellen und sozialen Bedingungen, die ein Individuum prägen. Zu den sozialen Bedingungen gehören z. B. Normen, Gesetze sowie wirtschaftliche und politische Bedingungen.
Die Stadt kennt alle diese Gruppen und bietet jeder von ihnen Raum zur Entfaltung. Oft sind diese Räume auch geographisch voneinander getrennt.
2.5. Die Frage nach der Macht
Urbane Räume sind Gestaltungsräume. Und es sind Machtfaktoren, die den Raum so oder anders werden lassen. Macht ist in diesem Zusammenhang nicht mehr als „eine Kapazität zum Handeln“36. Walter Wink macht in seiner Studie zur Macht in der Bibel deutlich, dass Gott Macht schuf, damit diese zum Wohl der Menschen und der Gesellschaft gebraucht wird.37 Erst wenn Menschen Macht haben, können sie handeln. Und immer wenn Gott Menschen einen Auftrag erteilt, verbindet er seinen Auftrag mit der Verleihung einer entsprechenden Vollmacht. Auch die Organisation und Lebensgestaltung in der Stadt kommt nicht ohne Macht aus. Wo in der Stadt Leben gestaltet wird, da üben Menschen Macht aus. Und wer die Macht hat, hat das Sagen. Wer aber ohne Macht ist, bleibt machtlos, ohnmächtig.
Aber Macht korrumpiert, und Macht wird korrumpiert. Unter der Macht der Sünde wird die Ausübung von Macht in der Gesellschaft zu einem Akt, der immer wieder einer entsprechenden Korrektur bedarf. Ein Sinnbild der Macht, die aus dem Ruder läuft, ist das antike Babylon. Hier, am Euphrat im heutigen Irak, zogen Menschen aus der damaligen Welt zusammen. Das fruchtbare Euphrattal versprach allen Wohlstand. Sie nannten ihre Stadt Babylon, was in der akkadischen Sprache so etwas wie Tor zu Gott oder Gottestor heißt. Und hier beschlossen die Babylonier, gemeinsam einen Turm zu bauen, berichtet uns die Bibel. In Gen. 11,1-4 heißt es:
„Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte. Als sie von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an. Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel, und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel. Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.“
Sie hatten noch die katastrophale Urflut in Erinnerung, die nahezu den gesamten Lebensraum ihrer Vorfahren zerstörte. Gott musste Noah und seine Familie retten. Sonst wären auch sie nicht mehr da. Aber auf Gottes Gnade angewiesen zu sein schränkte ein. Er hatte ihnen einen Befehl gegeben. Sie sollten sich über die Erde ausbreiten, sich mehren und über sie herrschen (Gen. 1,27-28). Das forderte heraus, zwang ihnen Gottes Willen auf. Und so wuchs in ihnen jenes Verlangen, das unsere ganze Menschheitsgeschichte auszeichnet – ohne Gott leben zu wollen. Sie kamen auf den dummen Gedanken, ebenjenen Turm zu Babel zu bauen, der bis zum Himmel reichte. So glaubten sie, den Himmel in ihre Wirklichkeit holen zu können. Und das dank eigener Bemühung. Ohne Gott. Ja, sogar gegen Gott! Wir wissen, was daraus wurde – aus Babylon wurde Babel, aus dem Tor zu Gott Wirrsal, denn Gott hatte ihre Sprache verwirrt, und so konnten sie sich nicht mehr verstehen (Gen. 11,9).
Im Neuen Testament steht der Name der Stadt Babylon für eine widergöttliche, urbane Welt, die sich Gott widersetzt. Sie ist ein Hort der Sünde und der Dekadenz – eine Hure, auf deren Stirn geschrieben steht: „Babylon die Große, die Mutter der Huren und der abscheulichen Dinge der Erde“ (Off. 17,3-5). Babylon ist der Ort, an dem die Menschen ihr eigenes Glück in die Hand nehmen. Nicht Gott, sie selbst wollen für ihr Leben Verantwortung tragen.
Und wie damals in Babylon, so streben auch heute Menschen in der Stadt nach Eigenbestimmung und Selbstverwirklichung. Fragt man einen Menschen vom Land, der in die Stadt gezogen ist, warum dieser denn alle Vorteile eines Lebens auf dem Land verlassen habe, dann antwortet dieser in der Regel so wie Roberto, der junge Bauernsohn, der dem Leben auf dem väterlichen Hof den Rücken kehrte:
„In der Stadt kannst du eher jemand werden. Hier gibt es Chancen, Geld zu verdienen und reich zu werden. Hier kannst du Tag und Nacht Spaß haben und das Leben genießen. Auf dem Land hast du nur die harte Arbeit. Ich habe das Dorf satt.“
In der Stadt lernt man, an sich selbst zu glauben, Leben zu wagen, ja sogar waghalsig zu werden. So jedenfalls die Mund-zu-Mund-Reklame. Die Stadt mit ihren tausend Möglichkeiten lässt Träume entstehen. Hier kann jeder etwas werden. Man muss nur wollen und ein Quäntchen Glück haben. Oder den richtigen Riecher, die richtige Idee – oder schlicht und einfach den richtigen Mann oder die richtige Frau treffen. Schließlich gibt es immer wieder jene berühmten Tellerwäscher, die es zum Multimillionär geschafft haben. Warum nicht auch ich?
Freilich hat die Stadt schon viele Menschen kommen und gehen sehen. Nirgendwo sonst sind so viele Träume so schnell gestorben wie in der Stadt. Und doch bleibt sie bis heute der Ort, an dem Millionen von Menschen ihr Glück suchen. Wo sonst, wenn nicht hier, müssen Christen ihr Zeugnis aufrichten. Nichts in der Stadt wird so dringend gebraucht wie eine lebendige Gemeinde, eine Gemeinde, die alle sozialen Klassen und Schichten, Millieus und Gruppen mit dem glücklich machenden Evangelium von Jesus Christus erreicht. Wie aber werden solche Gemeinden gebaut? Was sind die Gemeindebauprinzipien, die unbedingt beachtet werden wollen, wenn Gemeinden Licht im Dunkel der Stadt werden sollen? In den nächsten Kapiteln sehen wir uns die Antworten auf diese Fragen etwas näher an.
„Gott sei Dank haben wir uns mit unserer Stadt beschäftigt.“ Manfred lernt seinen Stadtteil neu kennen
Manfred, ein älterer Ältester einer bayerischen Freien Großstadtgemeinde, konnte sich kaum beruhigen. Zusammen mit den Studenten unserer Hochschule nahm er an der Sozialraumuntersuchung seiner Stadt teil. Das Ziel der Untersuchung war, herauszufinden, wie das Leben in dem Stadtteil, in dem die Gemeinde gebaut wird, pulsiert, was die Bedürfnisse der Menschen sind und welche Stärken Menschen mitbringen. So erhofften wir uns, Chancen formulieren zu können, die den Gemeindebau qualitativ verbessern würden.
Manfred hatte sich zunächst dagegen gesperrt, einer solchen Untersuchung zuzustimmen. „Was soll die ganze Rennerei und Fragerei. Ich lebe hier seit Jahrzehnten. Wenn jemand den Ort kennt, dann bin ich es. Und außerdem ist unsere Gemeinde ja seit Jahren mit der besten Kinderarbeit im Land unterwegs. Ein weiteres Programm verkraftet unsere Gemeinde sowieso nicht.“ Aber dann stimmte er doch zu, und anschließend, als die Untersuchung gelaufen war und er die Ergebnisse vor seinen Augen hielt, blieben ihm die Worte weg. Gerade sein so gelobtes Kinderprogramm erwies sich als völlig belanglos für den Ort. Weniger als 2 % der Bevölkerung des Stadtteils, für den die Gemeinde seit Jahrzehnten betete und von denen sie hoffte, sie eines Tages für Jesus zu gewinnen, bestand aus Familien. Schlicht und einfach gesagt – es gab im Stadtteil keine Kinder, über die man die Bevölkerung hätte gewinnen können. „Jetzt verstehe ich auch, warum die meisten Kinder in unseren Programmen aus den umliegenden Dörfern Woche für Woche in die Stadt gefahren werden müssen“, sagte der völlig verdutzte Älteste. „Wie wollen wir über dieses Programm Menschen für Jesus gewinnen, wenn alle Grundlagen, ein solches Programm erfolgreich aufzustellen, fehlen?“
Die Ortsanalyse hatte natürlich nicht nur diese Tatsache ans Tageslicht gebracht. Auch in anderer Hinsicht entsprach das Bevölkerungsprofil wenig dem Angebot der Gemeinde. Diese schien seit Jahren an den Menschen vorbei Gemeinde zu bauen. Die Annahme, dass das, was man anbot, auch bei den Einwohnern ankommen müsse, erwies sich als falsch und erklärte, warum die Gemeinde sich so erfolgslos um die Menschen vor Ort bemühte. Manfred, ein leidenschaftlicher Angler, brachte es auf den Punkt: „Wir haben den Köder auf den Haken gehängt, der uns schmeckt. Aber so wird man keinen Fisch aus dem Wasser ziehen. Keinem Fisch der Welt schmeckt, was einem Angler schmeckt. Gott sei Dank haben wir uns mit unserer Stadt beschäftigt. Es ist zwar viel Arbeit, und manches muss neu gedacht und organisiert werden, aber dafür haben wir gelernt, wo wir ansetzen müssen, um die Menschen in unserer Stadt zu erreichen.“
Fragen zur Weiterarbeit:
1 Was zeichnet Städte aus? Was macht eine Stadt zur Stadt?
2 Welche Kräfte gestalten städtisches Leben?
3 Welche Erfahrungen haben Sie mit städtischen Institutionen gemacht?
4 Wie wichtig sind urbane Systeme für den Gemeindebau in der Stadt?
Kapitel 3
Urgemeinde und die Stadt
3.1. Es begann in der Stadt
Die Geschichte des Christentums ist eng mit der Stadt verbunden. Alles begann in Jerusalem, der Hauptstadt der jüdischen Provinz des Römischen Imperiums, und breitete sich in seinen Anfängen im Römischen Reich vor allem über die Städte aus. In Jerusalem mit den Tausenden verarmten Landlosen – oft ohne jede Existenzsicherung – beginnt die Gemeinde Jesu nach Pfingsten aktiv zu werden. Sie setzt auf Gebet und Zeugnis von dem, was Gott in Jesus Christus getan hat und immer noch tut. Durch dieses Gebet und Zeugnis kommen buchstäblich Tausende von Menschen zum Glauben und erfahren unvorstellbare Wunder durch die Hand der Apostel.
Die Heilung des lahmen Bettlers vor der schönen Pforte des Tempels (Apg. 3,1 ff.) ist dafür ein Beispiel. Die Apostel sind bei dieser Tat (a) auf dem Weg zum Gebet, (b) bereit, ihr Leben mit dem Bettler zu teilen, auch wenn sie dabei potenziell selbst in Misskredit geraten, (c) bereit, Zeugen der Heilung des Lahmen zu sein, und (d) in der Lage, Gottes Wunder als Basis für ihre Verkündigung zu nutzen.
„Sieh uns an“, forderte Petrus den Mann auf, und als dieser ihn sehnsüchtig anblickte in der Erwartung, eine Gabe zu bekommen, sprach Petrus weiter und stellte klar, dass er zwar kein Silber und Gold habe, aber bereit sei zu geben, was er habe. Das war bei Petrus die Gabe der Heilung. Ohne weiter lange über die Konsequenz seines Handelns nachzudenken, ergriff der Apostel den Lahmen bei seiner rechten Hand, bereit, ihm auf die Beine zu helfen. Freilich, dieser Schritt war alles andere als erlaubt. Nach Lev. 22 durfte man einen ausgesonderten Unreinen, und als solcher galt der Lahme, nicht berühren, ohne Gefahr zu laufen, selbst vom Gottesdienst ausgeschlossen zu werden.38 Nur ein Eingriff Gottes konnte den mutigen Apostel vor der Schande, aus dem Tempel geworfen zu werden, bewahren.
Petrus setzte aufs Ganze. Er riskierte seinen Ruf und seine Stellung in der Stadt. Und wurde von Gott belohnt. Der Mann wurde gesund und lief voller Freude über das gerade Geschehene in den Tempel. Hier kannte ihn jeder. Seit langer Zeit hatte er sie alle um Almosen gebeten. Und jetzt konnte er gehen. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Menschen, neugierig, wie wir sind, umringten den Glücklichen. Und als der Lahme Petrus und Johannes sah, zeigte er auf sie. Durch ihre Hände hatte Gott gehandelt. Die Situation war überwältigend günstig, den Namen Jesu zu verkündigen, und Petrus ergriff die Chance und hielt seine zweite Predigt in Jerusalem. Er war jung (vermutlich 26 Jahre alt), theologisch wenig gebildet (Fischer wie er hatten eine nur sehr begrenzte schulische Bildung), und doch wirkten seine Worte wie Donnerschläge auf die Zuhörer. 5000 Menschen, vermutlich ein Zehntel der Gesamtbevölkerung der Stadt, kamen durch diese Rede zum Glauben.
Spätestens jetzt weiß jeder in Jerusalem, dass das Evangelium, wie es der gekreuzigte Nazarener Jesus predigte, in die Stadt zurückgekehrt ist. Täglich kommen nun Menschen zum Glauben. Und die junge Gemeinde kümmert sich um sie. Sie öffnen ihre Häuser, geben den Menschen einen Sinn, das Gefühl der Zugehörigkeit, essen mit ihnen, lehren sie (Apg. 2,42) und legen ein gewaltiges Versorgungswerk für die Mittellosen in der Stadt auf. In den ersten Tagen ihrer Existenz schafft es die junge Gemeinde, die urbane Bevölkerung der Stadt buchstäblich in Aufruhr zu versetzen. Freilich ruft das Widerstand auf den Plan. Die Apostel werden verhaftet, und Verfolgung setzt ein. Schon bald stirbt mit Stephanus auch der erste Märtyrer. Aber das Evangelium ist in der Stadt angekommen, und von hier aus nimmt es seinen Siegeslauf durch das Römische Reich auf.
Schon bald nach der Gründung der ersten Gemeinde in Jerusalem gab es christliche Gemeinden in Antiochien am Orontes, Ephesus, Athen und Korinth und nicht zuletzt in Rom. Der neue Glaube erreichte Arme und Reiche, Sklaven und Herrscher. Und die Städte wurden bald zu Zentren regen Glaubenslebens. Ein wunderschönes Zeugnis über die Beziehung der Christen zu den Städten des Römischen Reiches findet sich im anonymen Brief an Diognet aus dem zweiten Jahrhundert. Hier lesen wir39:
„Denn Christen unterscheiden sich weder durch Sprache und Sitte von den anderen Menschen. Sie bewohnen keine eigenen Städte, sprechen keine besondere Sprache und führen kein absonderliches Leben. Ihre Lehre wurde nicht durch Einfall oder Scharfsinn vorwitziger Menschen aufgebracht. Sie bewohnen griechische und ausländische Städte, wie es ihnen das Schicksal beschied. Sie folgen der Landessitte in Kleidung, Nahrung und der sonstigen Lebensart. Sie legen dabei eine wunderbare und sicherlich überraschende Lebensweise an den Tag. Sie bewohnen jeder sein Vaterland, aber wie Fremde. Jede Fremde ist ihnen Heimat, und jede Heimat ist ihnen eine Fremde. Sie heiraten und haben Kinder wie jedermann, setzen aber die neugeborenen Kinder nicht aus. Sie haben einen gemeinsamen Tisch, aber kein gemeinsames Lager. Sie leben ‚im Fleisch‘, aber nicht ‚nach dem Fleisch‘. Sie leben auf Erden, aber sind Bürger des Himmels. Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten sie in ihrem Lebenswandel. Sie lieben alle, werden aber von allen verfolgt. Sie sind unbekannt und verdammt, man tötet sie und bringt sie dadurch zum Leben. Sie haben Mangel an allem, und haben doch an allem Überfluss. Sie werden missachtet und in jeder Missachtung verherrlicht. Sie werden geschmäht und doch als gerecht gefunden. Sie werden gekränkt und segnen. Sie werden verspottet und erweisen Ehre. Sie tun Gutes und werden wie Übeltäter bestraft. Sie werden mit dem Tode bestraft und freuen sich, als würden sie zum Leben erweckt. Von den Juden werden sie angefeindet als Fremde, und von den Griechen werden sie verfolgt, doch einen Grund für die Feindschaft vermögen die Hasser nicht anzugeben. Um es kurz zu sagen, was im Leibe die Seele tut, das sind in der Welt die Christen. Wie die Seele über alle Glieder des Leibes, so sind die Christen über alle Städte der Welt verbreitet. Die Seele wohnt zwar im Leibe, doch stammt sie nicht von dem Leib, so wohnen die Christen zwar in der Welt, sind aber nicht von der Welt.“
Das Christentum des ersten Jahrhunders war also zunächst und vor allem städtisch. Hier fand der neue Glaube die Voraussetzungen, die es schließlich zu einer anerkannten Religion, einer religia legitima, des gesamten Römischen Reiches machte – und weit darüber hinaus zur größten und einflussreichsten Weltreligion werden ließ.
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