Kitabı oku: «Donau-Radtouren»

Yazı tipi:

ars vivendi

Johannes Wilkes

Donau-Radtouren

In 4 Tagen

mit dem Fahrrad

von Ulm in den Schwarzwald

Ein ars vivendi Freizeitführer

Bei der Realisierung dieses Buches ließen wir größtmögliche Sorgfalt walten. Falls dennoch Informationen falsch oder inzwischen überholt sein sollten, bedauern wir dies, können aber auf keinen Fall eine Haftung übernehmen.

Korrekturvorschläge und Anmerkungen an: info@arsvivendiverlag.de

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Alle übrigen Fotografien stammen von Johannes Wilkes.

Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen

Originalausgabe (1. Auflage 2021)

© 2021 by ars vivendi verlag GmbH & Co. KG,

Bauhof 1, 90556 Cadolzburg

Alle Rechte vorbehalten

www.arsvivendi.com

Cover und Illustrationen:

Designbüro Franziska Mariella Schatz, franziskaschatz.com Kartographie: Kartographisches Büro Dieter Ohnmacht Satz: Christine Richert, typoholica mediengestaltung

Datenkonvertierung eBook: ars vivendi verlag

eISBN 9783747203361

Inhalt

1  Bevor die Reise beginnt

2  Erster Reisetag Faszinierende Kunstwerke, Einstein und die schwäb’sche Eisebahne: vom stolzen Ulm nach Munderkingen Ulm Der Ulmer Schwörmontag Die Ulmer Schule Der schwäbische Ikarus Woher hat die Donau ihren Namen? Die Ulmer Schachtel Die Pfeifenkammer der Martin-Luther-Kirche Wiblingen Der vergessliche Mönch Erbach Auf de schwäb’sche Eisebahne Griesingen Ehingen »-ingen« Die schwäbisch-alemannische Fastnacht Donauschwaben Rottenacker Die mutigen Frauen von Rottenacker Munderkingen Donaustädte Paula Bosch

3  Zweiter Reisetag Romantische Täler und steile Berge, Römer und Kelten: von Munderkingen über Zwiefalten nach Sigmaringen Pfarrkirche St. Dionysius Die Schwäbische Alb Die Ur-Donau Die Wimsener Höhle Zwiefalten Die grauen Busse von Zwiefalten Riedlingen Die NSU Motorenwerke Zeitreise I: die Kelten Welche Farbe hat die Donau? Mengen Zeitreise II: die Römer Sigmaringen Sigmaringen und die Hohenzollern

4  Dritter Reisetag Wilde Romantik und einsame Klöster, der Durchbruch der Donau und ihr Verschwinden: von Sigmaringen über Tuttlingen nach Kirchen-Hausen Inzigkofen Amalie Zephyrine von Salm-Kyrburg Der Donaudurchbruch Naturpark Obere Donau Beuron Die Erzabtei Beuron Edith Stein Die Donauversinkungen Fridingen Mühlheim Der Tod von Papa Kretschmann Tuttlingen Eberhard im Bart Kannitverstan Der Tuttlinger Stadtbrand Karl Storz’ Endoskope Baden oder Württemberg? Möhringen Der Gütezustand der Donau Hipparion primigenius Immendingen Der Streit ums Donauwasser

5  Vierter Reisetag Karl der Dicke und fürstliches Bier, Schwarzwaldtäler und Waldromantik: von Kirchen-Hausen über Donaueschingen zu den Quellen im Schwarzwald Geisingen Neudingen Pfohren Das Ende Karls des Dicken Donaueschingen Anselm Kiefer Der Donaubach Wie schwarz ist der Schwarzwald? Hüfingen Brigobannis Bräunlingen Das Fürstlich Fürstenberger Bier Hammereisenbach Die Brigach Vöhrenbach Der Vöhrenbacher Silberrausch Furtwangen Der Kuckuck und seine Uhr – ein Quiz Das Modell Furtwangen Am Ursprung der Donau

6  Praktische Hinweise

7  Literatur

8  Danksagung

Bevor die Reise beginnt

Die Donau muss 2857 Kilometer fließen, bis sie sich ins Schwarze Meer ergießt. Grund genug, ihren Lauf in Flussabschnitte einzuteilen. Jede Einteilung jedoch entbehrt nicht einer gewissen Willkür, liegt es doch im Wesen eines jeden Flusses, keine Grenzen zu kennen und ungestört dahinzuströmen. Und doch kennt auch ein Fluss verschiedene Lebensalter. In seiner Jugend oft ungestüm und wild, wird er im Laufe der Zeit ruhiger und gelassener, geht zunehmend in die Breite, wird träger und träger, bevor er sich mit einem größeren Gewässer vereint. Die Jugendjahre der Donau sollen Inhalt dieses Reiseführers sein, die Strecke von Ulm zu den Quellen, denn was fasziniert uns mehr als die Ursprünglichkeit? »Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne«, sagte Hermann Hesse, der nicht weit von den Donauquellen entfernt geboren wurde. Den Zauber der jungen Donau mit dem Fahrrad zu entdecken, ihre Landschaften, Anwohner, Städte und Kunstschätze, das ist unser Ziel. Machen wir uns auf den Weg!


Erster Reisetag
Faszinierende Kunstwerke, Einstein und die schwäb’sche Eisebahne: vom stolzen Ulm nach Munderkingen



Erster Reisetag
Faszinierende Kunstwerke, Einstein und die schwäb’sche Eisebahne: vom stolzen Ulm nach Munderkingen
Ulm

Hinauf oder hinunter? Wie bereist man einen Fluss am besten? Viele entscheiden sich dafür, dem Lauf des Wassers zu folgen. Sportlicher jedoch ist die Fahrt »zurück zu den Quellen«, zumal der Plural in diesem Fall treffend ist, bringen doch bekanntlich Brigach und Breg die Donau zu Weg. Es gibt noch ein weiteres Argument für den Weg gegen den Strom: Die Donau ist einer der wenigen Flüsse, bei dem die Flusskilometer von der Mündung aus aufwärts gezählt werden, die Quellen also erst am Ende sprudeln. Zudem gibt es noch einen praktischen Grund: Der Startbahnhof Ulm ist leicht zu erreichen – will man hingegen mit dem Zug zur Quelle (etwa von Triberg), kommt man schwer ins Schwitzen. (Wer dennoch bei den Quellen starten möchte: das Buch einfach rückwärts lesen!)

Unser Startpunkt zur Erkundung der jungen Donau ist das stolze Ulm. Hier ist die Donau Grenzfluss. Im nördlichen Teil des Flussbetts würden die Fische schwäbeln, im südlichen würden sie bayerisch sprechen, wenn sie denn könnten. Obwohl, die Menschen schwäbeln lustig an beiden Ufern. Zwar läuft die politische Grenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg mitten durch die Donau, Dialekte aber haben ihre eigenen Gesetze. Sie sind fröhliche Anarchisten und scheren sich nicht um Politik.

Wir sind mit der Bahn angereist und schwingen uns auf unsere Räder. In der Nähe des Ulmer Hauptbahnhofs plätschert die Blau vorbei, ein Nebenfluss der Donau. Nomen est omen, schon im nahen Blautopf, der Quelle der Blau, leuchtet die Blau so blau. Das macht wohl der Kalk, den die Blau mit sich führt, vielleicht auch irgendein anderer Blaumacher, wer weiß das schon so genau.

Mit unseren Rädern folgen wir dem Lauf der Blau in die Stadt hinein, mitten durch das malerische Fischerviertel, wo die Fachwerkhäuser über dem Wasser hängen und sich auf schmalen Brücken die Touristen drängeln, um einen Blick auf die Idylle zu werfen, besonders auf das Schiefe Haus.

Dicht am Flussufer machen wir einen Einkehrschwenk und stärken uns mit Spätzle und einer Maultaschensuppe für die Reise. Die schwäbische Küche scheint für Radfahrer wie gemacht, Kohlenhydrate sind optimale Energielieferanten. Eine mit Kopfsteinen gepflasterte Rampe läuft hinter unserem Tisch in die Blau hinein. Vermutlich eine mittelalterliche Slipanlage, um Fischerboote zu Wasser zu lassen. Ein Spatz nutzt die Stelle als Badeplatz. Er putzt so hingebungsvoll sein Gefieder, dass wir uns schwören, nie wieder von einem Dreckspatz zu sprechen.

Zum Spatz hat Ulm ein besonderes, ja fast schon intimes Verhältnis. Beim Bau des Ulmer Münsters habe ein mächtiger Balken nicht durch das Stadttor gepasst. Als man das Tor schon einreißen wollte, sah man, wie ein Spatz beim Durchfliegen eines Mauerlochs das Köpfchen so zur Seite drehte, dass der Strohhalm, den er im Schnabel hatte, mühelos hindurchpasste. Was der Spatz kann, das können wir schon lange, dachten sich die Ulmer und legten den Balken der Länge nach auf die Kutsche. Schon konnte es mit dem Bau des Münsters weitergehen.

Weiter geht es auch für uns. Wir kurven an modernen Gebäuden vorbei, an einer gläsernen Bibliothek und einem Kunstmuseum – Ulm kann auch Moderne! – und gelangen zum Weinhof, dem ältesten Teil der Stadt. Hier stand einst eine Königspfalz, ein Hotel für die reisenden Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, am 22. Juli 854 wurde in diesem Haus eine Urkunde besiegelt, welche die Existenz Ulms zum ersten Male nachweist. Eine Stadt mit langer Tradition.

Lange Tradition besitzt auch die Arkade, die an den Turm der Pfalzkapelle angebaut ist, das Schwörhäuslein. Turm und Kapelle ließ man später abreißen und durch ein neues Schwörhaus ersetzen. Was hat es mit dem Schwörhaus auf sich?

Schiefes Haus: Keine Angst – die Hotelbetten stehen gerade!Zentralbibliothek: Wo sich Tradition in der Moderne spiegelt

Der Ulmer Schwörmontag

»Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein in allen gleichen, gemeinsamen und redlichen Dingen ohne allen Vorbehalt.« Jedes Jahr am vorletzten Montag im Juli betritt der Ulmer Oberbürgermeister den Balkon des Schwörhauses, hebt die rechte Hand und spricht die Eidesformel. Diese ist viele Jahrhunderte alt, weshalb man sie in modernes Deutsch übersetzen musste. Allerdings hat man sich nicht getraut, auch das Wort gemein zu modernisieren, weshalb es gelegentlich zu Missverständnissen kommt. Gemein ist nicht im Sinne von böse zu verstehen, sondern im Sinne von gemeinsam. Der Bürgermeister gelobt also, sich in gleicher Weise für die Reichen wie für die Armen einzusetzen, keineswegs eine Selbstverständlichkeit im Mittelalter.

Die Schwörformel findet sich bereits in der ersten Ulmer Verfassung, die mit hoher Wahrscheinlichkeit im Jahr 1345 verabschiedet wurde. Spricht man von Griechenland, England oder den Vereinigten Staaten von Amerika als Mutterländern der Demokratie, so hat man auch die Freie Reichsstadt Ulm hinzuzuzählen.

Die Bürger der Stadt waren stolz auf ihre Verfassung, welche die Rechte des Stadtadels, der Patrizier, begrenzte und die Rechte der Handwerker stärkte, die in Zünften organisiert waren. Im ersten Kleinen Schwörbrief war sogar festgeschrieben, dass die Zünfte die Mehrheit im Rat zu stellen hatten, was im Großen Schwörbrief aus dem Jahre 1397 nochmals bestätigt wurde.

Allein, die schönste Verfassung nutzte nichts, wenn sie dem Kaiser nicht gefiel. Im August 1548 vertrieb Karl V. die Vertreter der Zünfte aus dem Rat. Zwar trotzten die Ulmer dem Kaiser bereits wenige Jahre später das Recht ab, erneut Mitglieder der Zünfte in den Rat zu wählen und auch den abgeschafften Schwörtag wiedereinzuführen, jedoch blieb der Rat in seiner Mehrheit von nun an aristokratisch beherrscht.

Das blieb so, bis der letzte römisch-deutsche Kaiser abdanken musste und sich fortan Kaiser von Österreich nannte (was ja auch ein schöner Titel ist). 1802 verlor Ulm den Status als Freie Reichsstadt und wurde bayerisch, wenige Jahre später württembergisch. Von nun an hatte Ulm keine eigene Verfassung mehr. Was nun mit dem Schwörtag? Während die anderen süddeutschen Städte ihren Schwörtag abschafften, hielten die Ulmer unverdrossen an ihrer Tradition fest, Verfassung hin, Verfassung her. Es ging schließlich nicht nur um einen juristischen Akt, es ging vor allem auch um das schöne Fest, das dem Eid folgte. Am Nachmittag nämlich geht’s zum Nabada in die Donau, das fröhlichste sommerliche Fest, das sich denken lässt. Nabada kann man ins Hochdeutsche am ehesten mit Hinab-Baden übersetzen, dem vergnügten Sich-treiben-lassen auf den Donauwellen.

Auch am Ufer geht es bis in die Nacht hoch her und die Ulmer Kinder führen in der Friedrichsau ihre Lampions aus. Am Samstag zuvor werden 8000 Lichter aufs Wasser gesetzt, eine Lichterserenade, die auf der Donau einmalig ist. Und wer zur Schadenfreude neigt, der kommt alle vier Jahre auf seine Kosten: Beim Fischerstechen geht’s stets feucht-fröhlich zu, denn die meisten Fischer landen bei den Fischen in der Donau.

Turm des Ulmer Münsters: Höher geht’s nicht!

Die Schwörformel scheint uns nicht aus der Mode gekommen zu sein. Sich in gleicher Weise für Reiche und Arme einzusetzen, ist auch heute leider keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Wie in allen attraktiven Städten klettern auch in Ulm die Mieten in die Höhe. Eine sozial orientierte Stadtregierung hat die schwierige Aufgabe, für Ausgleich zu sorgen.

Unter solchen Erwägungen erreichen wir den Münsterplatz und müssen den Kopf gewaltig in den Nacken legen. Was für eine Kirche! Ein Besuch des 1377 gegründeten Ulmer Münsters muss einfach sein, ist das Münster doch das schönste bauliche Zeugnis der großen Ulmer Bürgertradition. Keine größere Bürgerkirche findet sich im deutschsprachigen Raum. Und kein höherer Kirchturm auf der ganzen Welt. Und vielleicht kein schönerer. Dieser Goliath muss natürlich bestiegen werden, liebend gerne wollen wir die Donau vor unserer Flussreise doch einmal von oben betrachten.

Zunächst jedoch bleibt unser Blick am Hauptportal der Turmvorhalle haften. Was für eine originell erzählte Schöpfungsgeschichte! Während von der Spitze des Bogenfelds der Teufel aus dem Himmel stürzt, gibt sich Gott redliche Mühe, das Leben auf der Erde zu gestalten. Auch nach der Vertreibung aus dem Paradies steht er dem Menschen hilfreich zur Seite. Besonders anrührend eine Darstellung unten links: Gott betätigt sich als Damenausstatter, indem er Eva in ein hübsches Kleid hilft. Während Eva shoppt, muss Adam rechts zur Hacke greifen, um das Feld zu beackern. So also stellten sich die Ulmer Meister die erste Rollenverteilung der Menschheit vor, Alice Schwarzer würde vor Empörung protestieren.

Auf dem weitläufigen Platz stehen Dutzende von seltsamen Plastikmännchen herum, während ein Mann von einem Bollerwagen weitere Figuren ablädt, schwarze, blaue und grüne. Einsteine! Alles Einsteine! Kunstprofessor Hörl hat wieder einmal zugeschlagen und ein neues serielles Kunstwerk produziert. Nach den Dürerhasen auf dem Nürnberger Hauptmarkt, nachdem er Bayreuth mit Wagner zugestellt hatte, Weimar mit Plastik-Goethes und Franken mit Friedrich-Rückert-Büsten, ist nun Ulm an der Reihe.

Hörls Einstein gefällt uns. Frech und selbstbewusst betrachtet das Physikgenie seine Geburtsstadt und die Ulmer betrachten ihn. So entsteht ein stiller Dialog, an dem sich auch fröhlich die Ulmer Kinder beteiligen, welche die Plastikfiguren in immer neuen Formationen aufstellen, mal als Reihe, mal wie Spieler auf einem Fußballfeld, mal wie Schachfiguren. Einstein lässt alles mit sich machen, ohne zu protestieren. Der Mann hatte Humor. Davon angesteckt, beugen wir uns zu einem kleinen Mädchen nieder und deuten auf die nahestehenden Figuren: »Einstein, Zweistein, Dreistein …« Noch eine weitere Berühmtheit erblickte in Ulm das Licht der Welt. Haben Sie Lust auf ein Rätsel? Hier die erste von drei Infos: Die gesuchte Frau feierte unter dem Pseudonym Ninotschka am Broadway große Erfolge.

Himmlische UmkleidekabineE = mc2

Nun aber ab in die Kirche! Die Räder parken wir am linken Haupteingang, dort geht es auch zum Turm hinauf. Was aber sollen wir mit den Radtaschen machen? Sie im Kirchenschiff der Aufsicht des Heiligen Geistes anvertrauen? Schließlich ist doch Pfingsten, des Heiligen Geistes größte Stunde. Vielleicht aber wird er zu sehr mit ernsteren Dingen beschäftigt sein als mit dem Hüten profaner Ortlieb-Säcke. So suchen wir den Verkaufsshop auf, der im rechten Eingangsbereich untergebracht ist. Die junge Verkaufsdame sagt uns, wir sollten unser Gepäck nur ruhig in eine Ecke stellen, hier sei noch nie etwas weggekommen. Ehrliche Leute, die Ulmer, das gefällt uns.

Von der Last befreit betreten wir das Kirchenschiff. Alles ist in farbiges Licht getaucht. Das liegt an den modernen Kirchenfenstern, durch welche die Mittagssonne fällt. Wir schreiten von einem Fenster zum anderen, beeindruckt von den modernen Interpretationen der uralten biblischen Geschichten. Kirchenfenster sind ja immer auch Filter. Sie wählen sich aus dem Himmelslicht die Farben aus, halten viele zurück, lassen andere passieren und treffen so eine Auswahl, um uns die himmlische Botschaft noch deutlicher zu machen, als es das weiße Himmelslicht vermag. Künstler lieben es, Kirchenfenster zu gestalten. Markus Lüpertz meinte, der Vorteil von Fenstern gegenüber von Bildern sei der, dass man sie nicht so einfach abhängen könne. Die ältesten Fenster des Ulmer Münsters, der größten evangelischen Kirche Deutschlands, geben Lüpertz Recht. In der Besserer-Kapelle – benannt nach einer Patrizierfamilie – stehen die Apostel am Totenbett Mariens. Interessantes Detail: Petrus trägt eine Brille! Vor fast 600 Jahren hat der Künstler Hans Acker dieses Fenster geschaffen, Brillen waren damals noch eine echte Rarität, was zeigt, dass die Donaustadt Ulm schon früh die Nase im Wind hatte.

Gotischer Säulenwald

Die Fenster hatten das Glück, nicht nur dem Schmuck zu dienen, sondern auch dem profanen Zweck, Wind und Regen abzuhalten. Wer weiß, was sonst mit ihnen passiert wäre! In Ulm tobte der protestantische Bildersturm schlimmer noch als anderswo, kostbarste Altäre und Figuren fielen ihm zum Opfer. Viele dieser Kunstwerke wurden von Meistern gestaltet, die man in ihrer Gesamtheit mit einem besonderen Namen bezeichnet.

Die Ulmer Schule

»An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen!«, heißt es in der Heiligen Schrift. An den Früchten der Ulmer Künstler lässt sich ermessen, was für eine großartige Kunstmetropole die Stadt Ulm im Mittelalter war. Was machte das Besondere der in Ulm entstandenen Kunstwerke aus? Schlicht und einfach ihre Qualität. Auch wenn sie sich formal kaum von gotischen Kunstwerken anderer Zentren unterscheiden lassen, ist doch das künstlerische Niveau außerordentlich.

Die Schaffensperiode der Künstler der Ulmer Schule umfasst das 15. und 16. Jahrhundert. Der Begriff der Schule allerdings ist irreführend, die beteiligten Maler, Bildhauer und Bildschnitzer beeinflussten sich zwar wechselseitig, es wäre ihnen jedoch fremd gewesen, eine eigene Schulordnung festzulegen, ein Ausbildungscurriculum etwa oder Ähnliches. Im Austausch standen sie auch mit anderen kunstsinnigen Städten wie Augsburg, Kempten und Nürnberg, wo Albrecht Dürer, Adam Kraft und Veit Stoß wirkten, und darüber hinaus mit Prag, Venedig und Brabant. Auch ohne Internet war die Vernetzung erstaunlich gut. In Zünften organisiert, nahmen sie außerdem Einfluss auf die Stadtpolitik. Vier Beispiele wollen wir nennen, um einen Begriff von den Ulmer Meistern zu vermitteln, Vertreter der vier Generationen.

Zur ersten Generation zählt Hans Multscher (um 1400–1467). Ihm haben wir den Schmerzensmann des Münsters zu verdanken, eine vom niederländischen Realismus beeinflusste Darstellung, welche die Schmerzen Christi in unsagbar mitleiderregender Weise plastisch macht. Früher an der Hauptfassade angebracht, wo ihn heute eine Kopie ersetzt, ist er nun zum Schutz vor Wind und Wetter im Inneren des Münsters zu bestaunen. Der Schmerzensmann bildete den Abschluss der Schöpfungsgeschichte, wie sie das Hauptportal erzählt, die Erlösung von der Schuld.

Der zweiten Generation gehört Michel Erhart an, der von 1469 bis 1522 in Ulm eine große Werkstatt betrieb. Gehen Sie zu dem außerordentlichen Chorgestühl und bewundern Sie die Schnitzereien. Auf der untersten Stufe sind intelligente Köpfe der vorchristlichen Zeit zu sehen, es folgen die Propheten und Prophetinnen des Alten Testaments und in den Kielbögen des Baldachins schließlich die Zeugen für das Christentum, die Apostel und Märtyrer.

Während das Werk als Ganzes Jörg Syrlin dem Älteren zugeordnet wird, stammen die ausdrucksstarken Büsten der antiken Gelehrten wohl sämtlich aus der Hand Michel Erharts. Das Bildprogramm mag erstaunen. Allein, dass sich eine Büste des Terenz findet! Das zeigt, wie weltoffen das als dunkel verschriene Mittelalter gewesen ist. Terenz war schließlich Komödiendichter und Heide noch dazu, ihn in einer christlichen Kirche darzustellen, ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Michel Erhart gelingt eine schlichte, aber überzeugend lebensnahe Interpretation. Das gestaffelte Bildprogramm symbolisiert die Weisheit des Mittelalters: Jede Kultur steht auf den Schultern ihrer Vorgängerin.

Hauptvertreter der dritten Generation ist der Bildhauer Niklaus Weckmann, der von 1481 bis 1526 in Ulm arbeitete. Ihm haben wir den Sebastiansaltar des Ulmer Münsters zu verdanken, auch die 17 Figuren des Westportals stammen aus seiner Werkstatt.

Zur vierten und letzten Generation der Ulmer Schule gehört Daniel Mauch. Um das Jahr 1477 geboren, verließ er Ulm im Zuge der Reformation; ihrem fanatischen Bildersturm fielen auch viele seiner Werke zum Opfer. Die Ulmer Schule musste schließen. Maler, Schnitzer und Bildhauer waren in Ulm nicht länger gefragt. – »Jeder gute Baum bringt gute Früchte hervor«, heißt es in der Bibel. Betrachtet man all die noch verbliebenen Werke, so muss die Ulmer Schule ein sehr guter Baum gewesen sein.

Ulmer Schule: Chorgestühl mit meisterlichen Schnitzereien

Von Daniel Mauch soll sich im Donaustädtchen Munderkingen eine Darstellung des Heiligen Sebastian erhalten haben. Munderkingen liegt auf unserer Reiseroute. Vielleicht gelingt es uns, einen Blick auf Mauchs Meisterwerk zu werfen. Wer sich ausführlicher mit der Ulmer Schule beschäftigen möchte, der besuche das schöne Ulmer Museum.

In einer Ecke im rechten Seitenschiff treffen wir einen alten Bekannten, den Ulmer Spatz. Aus Stein gemeißelt, hält er weiter mit keckem Blick seinen Halm im Schnabel. Sympathische Geste der gotischen Baumeister, sich selbst auf den Arm zu nehmen.

Nun aber hinauf auf den Turm! Nach einigen Versuchen akzeptiert die Schranke unsere Eintrittskarten, die wir wie beim Flughafen-Check-in vor ein Lesegerät halten müssen. Dann wendeln wir uns die enge Treppe hinauf. Wir wendeln und wendeln und wendeln …, es scheint kein Ende zu nehmen, wir bekommen den Drehwurm und müssen uns beim Blick durch das durchbrochene Maßwerk immer wieder vergewissern, wie hoch wir schon gekommen sind. Der höchste Kirchturm der Welt! Wahrscheinlich wird er für alle Zeiten auch der höchste bleiben. Wo entstehen schon noch neue Kirchen, und wenn welche entstehen, so doch keine Kathedralen mehr. Ulm wird seinen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde auf alle Zeiten behalten.

Der Spatz: das Wahrzeichen von Ulm

Ein Zwischengeschoss ist erreicht. Wir kommen an einem großen Korb vorbei, der an einem Seil hängt. Mit ihm konnte sich der Glockenmeister hinablassen, wenn sich ein Klöppel verklemmt hatte. Die älteste und wichtigste der 13 prächtigen Glocken ist die Schwörglocke, die nur von Hand und nur am Schwörmontag geläutet wird. Sie ist sogar älter als das Münster und hing früher in einer »Kirche über dem Feld« außerhalb der Stadtmauern.

Weiter geht’s dem Himmel entgegen. Treppenlaufen soll ja sehr gesund sein. Unser alter Doktorvater hat uns den Rat gegeben, niemals einen Aufzug zu nehmen und wo immer möglich das Treppenhaus zu erstürmen. Es soll schon Wettkämpfe in dieser Disziplin geben. Das Ulmer Münster aber bietet sich hierfür nicht an, an ein Überholen ist aufgrund der Enge nicht zu denken.

Endlich endet die Treppe. Doch noch sind wir nicht oben, sondern erst auf einem Sockel, über dem sich die filigrane Turmkonstruktion erhebt. Ein Schwabe erklärt zwei Japanern auf Englisch die Geschichte der Kirche. Wir schieben uns schnaufend vorbei und nehmen das Finale in Angriff. Einige Minuten später ist es geschafft. Wir sind oben. Ganz oben. Und schauen durch ein Sicherungsgitter in die Tiefe. Nichts für Schwindler. Klein wie Ameisen bewegen sich die Menschen auf dem Münsterplatz, die Einsteine sind zu winzigen Punkten geschrumpft. Wir aber haben nur eines im Sinn: die Donau. Anmutig schlängelt sich ihr silbernes Band von Westen nach Osten, herrlich weit geht der Blick in die Ferne, im Süden sind im Dunst die Alpen zu erahnen. Alle ihre nordöstlichen Wasser strömen der Donau zu. Wie heißt noch gleich der Spruch? »Iller, Lech, Isar, Inn fließen rechts zur Donau hin, Altmühl, Naab und Regen kommen ihr von links entgegen.« Der alte Schülerreim ist natürlich eine grobe Verkürzung, wird doch die Blau glatt unterschlagen und mit ihr zahlreiche andere Nebenflüsse. Aber so ist die Welt, was zählt, ist nur die Größe.

Donauabwärts ist mit Neu-Ulm bereits eine bayerische Stadt zu erkennen, exakter müssen wir natürlich von einer bayerisch-schwäbischen Stadt sprechen, denn die bayerisch-baden-württembergische Staatsgrenze ist ja keine Sprachgrenze. Auch an den bayerischen Ufern der Donau wird weiter kräftig geschwäbelt, im ganzen Donau-Ries, bis es hinter Donauwörth dann plötzlich heißt: »Mia san mia!« Ein Stück donauaufwärts glauben wir die Iller zu erkennen, kurz vor Ulm schmiegt sich von Süden kommend ein grünes Band an das Donauufer heran. Nun, wir werden der Sache nachgehen, verläuft doch unsere Fahrt in genau diese Richtung, also nach Westen.

Knappe 300 Flusskilometer liegen vor uns, ein Zehntel der gesamten Donau. Neun Zehntel liegen donauabwärts, mit stolzen 2811 Kilometern (plus Breg!) ist die Donau nach der Wolga europäischer Vizemeister. Und sie wird immer länger! Auf ihrem langen Weg nach Osten schwemmt sie, allen Wehren zum Trotz, jede Menge Material mit sich und schiebt ihr Delta immer weiter ins Schwarze Meer hinein. So kommt es, dass sich der Leuchtturm von Sulina, offiziell die Stromkilometer-Null-Markierung, heute dafür schämen muss, viele Kilometer von der Mündung entfernt einsam und ziemlich sinnfrei im Binnenland herumzustehen.

Schmal ist es hier oben auf der Galerie um die Turmspitze, sehr schmal. Kommt einem jemand entgegen, muss man den Bauch einziehen. Wir werfen einen letzten Blick hinab. Vergebens suchen wir beim Blick über das Dächermeer das Haus, in dem der von uns gesuchte Star seine ersten Schreie getan hat. Hier die versprochene zweite Information: Es handelt sich um eine Schauspielerin und Sängerin. Eines ihrer Chansons trug den Titel »Für mich soll’s rote Rosen regnen«.

Blick vom Münsterturm: Die Donau lockt in die Ferne

Im Jahr 1811 hatte ein Mann ernsthaft vor, vom Turm des Ulmer Münsters abzuheben. Der Turm war zwar damals »nur« 100 Meter hoch, dennoch sind die Ulmer Ratsherrn als weise zu loben, dass sie dem Luftikus keine Starterlaubnis für den Münsterturm erteilten.

Der schwäbische Ikarus

Albrecht Ludwig Berblinger (1770–1829) war gelernter Schneider. Sein Lebenstraum aber war ein anderer: Er wollte wie ein Vogel durch die Lüfte fliegen. Als Schneider und Mechaniker (er hatte geniale Beinprothesen entwickelt) verfügte er über das notwendige Handwerkszeug, um sich aus Stoff einen Hängegleiter zu bauen, wobei er sich die Natur zum Vorbild nahm und den Flug der Eulen studierte. Heimlich schlich er sich mit ersten Modellen in die Ulmer Weinberge am Michelsberg, um die Aufwinde zu nutzen, welche die Südhänge entlangstreichen.

Die Leute nahmen ihn nicht ernst und verspotteten ihn, ja die Kollegen von der Schneiderzunft drohten ihm sogar mit Strafen, sollte er seine Spinnereien nicht einstellen. Doch Berblinger ließ sich nicht beirren. Sein Erspartes steckte der gebürtige Ulmer in immer neue Flugmodelle, bis er schließlich sicher war, den Jungfernflug wagen zu können. Der Traum vom Fliegen, der alte Traum der Menschheit, würde er dem jungen Schneider gelingen?

Ulm, 30. Mai 1811. Sogar König Friedrich I. von Württemberg, der den mutigen Schneider mit einer großzügigen Spende unterstützt hatte, war zum Premierenflug gereist. Weil Berblinger nicht vom Münsterturm springen durfte, wich er auf die Adlerbastei am Donauufer aus, wo er die Abflughöhe durch ein Gerüst auf zwanzig Meter erhöht hatte. Leider aber waren am 30. Mai die Windverhältnisse ungünstig, der Schneider bekam einfach nicht genügend Luft unter die Flügel. Er musste den Versuch auf den nächsten Tag verschieben, was besonders enttäuschend war, weil der König bereits wieder abreisen musste.

Am nächsten Tag hatte sich erneut eine dichte Menge von Schaulustigen an den Donauufern eingefunden, darunter auch der Bruder des Königs. Erneut aber spürte der Schneider, dass der Wind auch heute nicht mitspielte, und zögerte. Darauf wurde die wartende Menge ungeduldig und forderte lautstark seinen Sprung. Ein Polizeidiener stieß ihn an, der Schneider sprang, taumelte, stürzte – und landete in der Donau. Bereitstehende Fischer zogen ihn unter dem Hohngelächter des Publikums aus dem Fluss.

Von dieser Schmach hat sich der Flugpionier nicht mehr erholt. Der Ikarus von Ulm starb verarmt mit nur 58 Jahren in seiner Heimatstadt. Auch sein Fluggerät erlitt ein trauriges Schicksal und wurde unter amtlicher Aufsicht auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Sein Fluggerät aber ist trotzdem noch zu bewundern: Ein Nachbau schwebt im Treppenhaus des Ulmer Rathauses.

Die Adlerbastei: Startrampe für den Jungfernflug

Es wird Zeit, wieder hinabzusteigen. Beim Hinabwendeln lässt mich Jonas die Anzahl der Stufen schätzen, ich tippe auf 800, Jonas auf 799. Wer näher dran ist, gewinnt. Ich bekomme den Auftrag, mir die vollen Hunderter zu merken. 300, 400, 500 … Die Erde kommt bedrohlich näher, die Ameisen werden wieder zu Menschen und die Punkte zu Einsteinen. 600, 700, 754! Jonas hat gewonnen, wieder einmal. Wir verabschieden uns von unserer netten Garderobenfrau. Sie hat recht behalten, unsere Taschen sind noch da. Jonas gibt ihr den Tipp, oben am Turmumlauf eine Einbahnstraßenregelung zu etablieren, sie verspricht, die Anregung weiterzugeben.

Nachdem wir wieder auf die Räder gestiegen sind, befragen wir den Einsteinaufsteller, wie viele Plastikmännchen es denn noch werden, erhalten aber nur eine ungefähre Angabe – was Einstein wiederum gefreut hätte, denn nichts ist gewiss und alles relativ. Gewiss aber ist, dass unsere gesuchte Ulmer Künstlerin einen der größten Skandale der deutschen Filmgeschichte verursacht hat. Im Film Die Sünderin, der 1950 gedreht wurde, huschte sie im Evakostüm über die Leinwand, Demonstrationen und Vorführverbote waren die Folge – wissen Sie nun, um wen es sich handelt? Es ist Hildegard Knef. Der Weltstar wurde kurz nach dem Weihnachtsfest 1925 in Ulm geboren, der Vater starb sehr früh, die Mutter zog mit der kleinen Hildegard nach Berlin. Wer mehr über das Leben der Knef erfahren möchte, der greife zum Geschenkten Gaul, ihre Autobiografie war ein echter Bestseller. Oder er fahre vom Münsterplatz zur nahen Bockgasse. Zwischen ihr und der parallelen Turmgasse stand das Geburtshaus der kleinen Hildegard.

Hildegard Knef: ein echtes Donaukind

Nun aber hinunter durch ein Stadttor zum Fluss! Wir grüßen die Donau herzlich. Für die nächsten Tage wird sie uns zur Gefährtin werden. So jung sie in Ulm noch ist, verfügt sie doch schon über eine beachtliche Größe. Wer wird ihr wohl ihren Namen gegeben haben?

Woher hat die Donau ihren Namen?

Danuvius hieß die Donau bei den Römern, Danuvius war zugleich der römische Name für den personifizierten Flussgott des Donaustromes. Aber natürlich ist die Donau auch in vorrömischer Zeit nicht namenlos gewesen, die Römer haben ihren Namen lediglich latinisiert. Möglicherweise waren es die Kelten, die den Namen Donau geprägt haben, oder mit den Skythen oder Sarmaten ein iranisches Volk. Die Sprachen beider Völker sind indogermanischen Ursprungs, die Wurzel dehnu bedeutet schlicht und einfach das Fließende oder eben Fluss, wodurch das wesentliche Charakteristikum der Donau schon bezeichnet ist, denn was wäre ein Fluss, der vergäße zu fließen?

Auch eine andere Übersetzungsvariante schien lange gebräuchlich gewesen zu sein. Friedrich Nicolai, der Berliner Aufklärer und Reiseschriftsteller, behauptete, der Name Donau heiße übersetzt der zweiflüssige Strom und spiele damit auf die Hochzeit von Brigach und Breg an.

Interessant ist, dass die Donau in der Antike noch einen zweiten, gänzlich anderen Namen trug. Nur der Oberlauf hieß Donau, der Unterlauf aber Ister. Die Gelehrten streiten noch darüber, ob sich Ister vom indogermanischen »schnell, hurtig« ableitet oder vom keltischen »hoch, tief«, womit die unterschiedlichen Wasserstände bezeichnet werden. Als die Kartografen begriffen, dass es sich bei Donau und Ister um denselben Fluss handelte, beendete man die doppelte Bezeichnung, seitdem kennt man die Donau nur als Donau, von den Quellen im Schwarzwald bis zur Mündung ins Schwarze Meer.

Ein Weilchen grübeln wir darüber nach, warum die Donau wie die meisten Flüsse im Deutschen weiblichen Geschlechts ist. Ausnahmen sind der Rhein und der Main, auch der Neckar, ansonsten dominieren die Damen: die Isar, die Havel, die Spree, die Weser, die Elbe, die Mosel … Zufall? Oder ein Zeichen dafür, dass die Germanen der Meinung waren, Flüsse hätten vorwiegend weibliche Eigenschaften? Vielleicht ist etwas dran. Argument 1: Mit dem Wasser der Flüsse tränkt Mutter Erde Mensch und Tier. Argument 2:Während viele Männer mit dem Kopf durch die Wand wollen, umschmeicheln die Flüsse sanft den harten Fels, schleifen ihn unermüdlich ab und bahnen sich so mit Geduld und Beharrlichkeit ihren Weg. Frauen-Power eben.

Ulm: auch von der Flussseite sehenswert

Als weiblich gilt auch die Eigenschaft des Sammelns. Flüsse sind Wassersammler, und die Donau ist einer der eifrigsten unter ihnen. Wo all das Wasser herkommt, das hier bei Ulm vorbeiströmt? Der Einzugsbereich der Donau ist gewaltig. Auf die gesamte Flusslänge berechnet, entwässert die Donau acht Prozent von Europa, eine Fläche fast dreimal so groß wie Deutschland. Anders ausgedrückt: Jeder zwölfte Regentropfen, der auf Europa niedergeht, landet in der Donau. 200 Millionen Menschen leben in ihrem Einzugsbereich. Das Donauwasser hier bei Ulm kann von hohen Alpengipfeln stammen, aus dem österreichischen Kleinwalsertal, aus dem Allgäu, von der Schwäbischen Alb und aus dem Schwarzwald natürlich, um nur die wichtigsten Einzugsgebiete zu nennen. Setzt ein Kind in Kempten eine Nussschale auf die Wellen, kann das Schiffchen am Ulmer Münster vorbeitreiben, ein Fisch könnte Verwandte in Memmingen besuchen oder die Oberschwäbische Hochebene, fast bis zum Bodensee. Das meiste Wasser stammt eindeutig von den rechten Zuflüssen. In den Alpen und im Alpenvorland regnet es eben mehr als in den nördlichen Regionen, deren Flüsse der Donau von links zufließen.

Schön ist das Stadtpanorama vom Donauufer aus. Über die Stadtmauer – oder ist es ein Hochwasserschutzwall? – geht’s nun flussaufwärts Richtung Westen. Ein Sonnentrotzer sei die Donau, befand der griechische Chronist Herodot, fließt sie doch der Sonne entgegen, während die meisten europäischen Ströme die Nord-Süd-Ausrichtung bevorzugen. Schiller nimmt die Perspektive der Donau ein und lässt sie ihre Fließrichtung in Versen ausdrücken:

Gegen den Aufgang ström’ ich, der Freiheit, der Musen Gefilde Lass’ ich hinter mir, lang, eh’ der Euxin mich noch trinkt.

Euxin? Was meinte Schiller, der Freiheitskämpfer, damit? Rasch mal nachgegoogelt. Aha! Euxin ist ein Synonym für das Schwarze Meer, Pontos Euxeinos nannten es die Griechen, das gastfreundliche Meer. Aber was meint Schiller damit, dass die Donau die Freiheit hinter sich lässt? Konnte Schiller hellsehen? Hatte er den Eisernen Vorhang vorausgeahnt, der 150 Jahre später aus der Donau einen geteilten Fluss machen sollte, bevor ihn die friedliche Revolution von 1989 wieder lüftete? Ein Rätsel.

Am Uferweg taucht ein Hinweisschild auf, das uns auf unserer weiteren Reise begleiten wird, eine blaue Welle über grünem Ufer: der Donauradweg. An der Einmündung der Blau sehen wir längliche Boote auf dem Wasser schaukeln, die sogenannten Zillen. Eine von ihnen steht hübsch bemalt auf einem nahen Platz zu bewundern. Zu den größeren Zillen gehört der vielleicht berühmteste Bootstyp, der in Ulm je gebaut wurde.

Schlank und elegant: die Zille

Die Ulmer Schachtel

Das berühmteste aller Ulmer Boote ist die Ulmer Schachtel. »Schachtel« war ein Spottname, trieben die Schiffe doch breit und behäbig und wenig elegant mit den Donauwellen. Im Spott aber war sicher eine Prise Neid mit dabei, denn die von der Ulmer Schiffbauerzunft konstruierten Lastkähne erfreuten sich großer Beliebtheit. Besonders schnittig mussten sie auch gar nicht sein, ging ihre Fahrt doch ausschließlich die Donau abwärts, »Naufahrten« nannte man das. Im Verhältnis zur Ladung waren die Schachteln sehr gewichtig, was aber nichts ausmachte, ganz im Gegenteil, denn am Ziel wurden die Boote zerlegt und die stolzen Stämme teuer verkauft. Die bis zu dreißig Meter langen und bis zu 7,5 Meter breiten Schachteln, die mit langen Stangen und Ruderblättern gesteuert wurden, konnten jede Menge Waren und Passagiere aufnehmen; eine Hütte in ihrer Mitte ließ sie wie die schwäbische Variante der Arche Noah aussehen.

Die Ulmer Schachtel: Mit ihr geht’s nur flussabwärts

Die Schachteln verkehrten nach einem regelmäßigen Fahrplan, weshalb man sie »Ordinari« nannte, und gelangten über Regensburg, Passau und Linz bis nach Wien und gelegentlich noch weiter die Donau hinunter nach Budapest oder Belgrad. Von Weitem bereits erkannte man ihre Herkunft, leuchtete doch das Weiß und Schwarz der Ulmer Stadtfarben als lustiges Streifenmuster an der Bordwand. Schon im Mittelalter baute man die Zillen, wie dieser Bootstyp offiziell genannt wurde. Wer will, kann die Ulmer Schachteln noch beim Nabada, dem traditionellen Wasserumzug, bewundern.

Das Wetter ist sonnig, die Temperaturen in den hohen Zwanzigern. An den Uferwegen geht es lustig zu, Spaziergänger, Jogger, Inlineskater und Radfahrer umkurven sich gegenseitig. Eine Gruppe von Rentnern lässt fröhlich die Nordic-Walking-Stöcke auf den Asphaltboden knallen. Die Ulmer halten sich fit. Wir aber machen noch einen kleinen, aber wichtigen Abstecher zu einer Kirche, die von ihrer Größe und Baugeschichte zwar nicht mit dem Ulmer Münster mithalten kann, deren Besuch aber dennoch dringend empfohlen werden muss, die Martin-Luther-Kirche. Sie darf nicht unerwähnt bleiben, will man den mutigen Ulmern ein Denkmal setzen.

Die Pfeifenkammer der Martin-Luther-Kirche

Die Martin-Luther-Kirche ist eine architektonisch originelle Kirche aus den 1920er-Jahren. Hinter dem Orgelprospekt befindet sich ein versteckter Raum, die Pfeifenkammer. In dieses Versteck zogen sich im Januar 1943 zwei junge Leute zurück, Franz-Josef Müller und Hans Hirzel. Auch Susanne Hirzel, die Schwester von Hans, gehörte zu dem geheimen Zirkel. Vor ihnen lag eine echte Fleißaufgabe, ein dicker Stapel von Flugblättern. Jedes Blatt musste kuvertiert und beschriftet werden. Das ging nicht mit der Hand, das wäre zu gefährlich gewesen, man hätte ihre Handschriften identifizieren können. So mussten die Freunde die Adressen mit der Schreibmaschine schreiben, Dutzende, Hunderte von Kuverts. Nächtelang waren sie beschäftigt.

Hans und Susanne Hirzel, Franz-Josef Müller: mutige FreiheitsheldenMartin-Luther-Kirche: Widerstandsnest in der Pfeifenkammer

Das Flugblatt, das sie in Umlauf bringen wollten, hatte ebenfalls ein Ulmer entworfen, der jetzt in München lebte, Hans Scholl. Es war bereits das fünfte Flugblatt dieser Art, das schärfste, das entschiedenste der Weißen Rose. Es war unter dem Eindruck der Niederlage von Stalingrad verfasst, rief alle Deutschen unmissverständlich dazu auf, mit den Nazis zu brechen, den Irrsinn des Krieges zu beenden und für ein freies und gerechtes Europa zu kämpfen. Heimlich hatte es Sophie Scholl, die Schwester von Hans, mit dem Zug nach Ulm gebracht. Kurz darauf wurden die beiden Widerstandskämpfer beim Verteilen der Flugblätter in der Münchner Universität erwischt, eingesperrt und hingerichtet.

Auch ihre Ulmer Unterstützer aus der Pfeifenkammer wurden verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, ein weiteres Mitglied der Weißen Rose hatte unter der Folter ihre Namen verraten. Glücklicherweise überlebten die Helden aus der Ulmer Pfeifenkammer den Terror. Vielleicht hatten ihnen ihre blonden Haare und die blauen Augen das Leben gerettet. Nazi-Chefrichter Freisler brüllte: »Sie haben ja ein rassisch gutes Aussehen, wie konnten Sie da gegen den Führer sein?« Franz-Josef Müller (1924–2015) gründete 1986 die Weiße-Rose-Stiftung. Die Pfeifenkammer wurde zu einem kleinen Gedenkraum umgestaltet.

Zurück am Donauufer gerät nach wenigen Radelminuten linker Hand ein stolzer Zufluss in den Blick, die Iller. Die Iller kann mit der Donau absolut mithalten. Welcher Fluss mehr Wasser führt, können wir mit bloßem Auge nicht unterscheiden. (Nur von der Elbe weiß man, dass sie mehr Wasser führt, das Mehr aber muss man mit doppeltem e schreiben, damit der Witz zum Witz wird.)

Der Name Iller kommt aus dem Keltischen und bedeutet »die Eilige«, was wir gut nachvollziehen können, wer hätte es nicht eilig, sich in die schöne Donau zu stürzen? Genau wie ihre große Schwester hat auch die Iller mehrere Mütter, die Breitach, die Stillach und die Trettach, die sich bei Oberstdorf vereinigen. Vor dem Münden in die Donau aber wird die Iller immer stiller – (ist das von Schiller?). Wieder tanzt uns der Merksatz durch den Kopf: »Iller, Lech, Isar, Inn …«

Mit der verdoppelten Wassermenge hat die Donau ihre Pubertät beendet und ist zum reifen Fluss geworden. Von Ulm an konnte sie Lasten tragen. Flussaufwärts aber reichte das Wasser nicht für nennenswerte Schiffe, so werden wir auf dem Weg zu den Quellen keine Häfen beschreiben können. Schade – und auch wieder nicht. Denn Flüsse, die nicht schiffbar sind, dürfen noch munter durchs Land fließen. Ob man der Donau diese Freiheit gelassen hat? Wir werden sehen.

Aber wäre es nicht klüger gewesen, die Ulmer hätten ihre Stadt vor den Zusammenfluss von Donau und Iller gelegt? Bekommen sie nicht ständig nasse Füße? Diese Gefahr ist zum Glück gering, Donau und Ilm verteilen ihr Hochwasser hübsch verschieden. Schmilzt der Schnee auf der Alb und im Schwarzwald und rollt die erste Donauhochwasserwelle auf Ulm zu, hält sich die Iller vornehm zurück und wartet, bis in den Alpen die Temperaturen steigen. Fällt im Einzugsbereich der beiden Flüsse ergiebiger Regen, schickt die flotte Iller das Wasser rasch an Ulm vorbei, bevor die träge Donau mit ihrem Hochwasser angeschwommen kommt. So arbeiten Donau und Iller auf sympathische Weise antizyklisch.

Wollten wir ins Allgäu, könnten wir den Iller-Radweg wählen, der auch sehr schön sein soll. Aber natürlich bleiben wir der Donau treu. Auf Reisen braucht man zweierlei: offene Augen für alles, was links und rechts des Weges lockt, zugleich jedoch den festen Willen, sich nicht vom rechten Weg abbringen zu lassen. Zur Not muss man die Odysseus-Methode wählen, Sie wissen schon. Als sich der antike Held den Sirenen näherte, deren verführerischer Gesang jeden sogleich über Bord springen ließ, verzichtete er zwar auf das von der Crew gereichte Oropax, ließ sich zugleich jedoch an den Mastbaum binden, eine Maßnahme, die ihm das Leben rettete. Was wird wohl unser Mastbaum sein, wenn die Sirenen singen?

Also den Blick strikt geradeaus gerichtet und munter voran. Jungen Eltern müssen wir ausweichen, die stolz ihre Kinderwägen schieben. Ob auch Frau Einstein ihren Kleinen am Donauufer entlanggeschoben hat? Bald nach seiner Geburt im März 1879 zog die Familie nach München, wo der Vater mit einem Onkel einen Betrieb zur Gas- und Wasserinstallation gründete – viele Erinnerungen wird der kleine Albert an seine Geburtsstadt kaum gehabt haben. Dennoch fand er, schon als genialer Physiker berühmt, anlässlich seines 50. Geburtstags schöne Worte für seine Heimatstadt: »Die Stadt der Geburt hängt dem Leben als etwas ebenso Einzigartiges an wie die Herkunft von der leiblichen Mutter. Auch der Geburtsstadt verdanken wir einen Teil unseres Wesens. So gedenke ich Ulm in Dankbarkeit, da es edle künstlerische Tradition mit schlichter und gesunder Wesensart verbindet.« Das war im Jahr 1929, fünf Jahre später wurde er vom Deutschen Reich zwangsausgebürgert.

Nach der großen Konfluenz, der Vereinigung von Donau und Iller, ist dringend ein Abstecher ans andere Donauufer zu empfehlen. Im Zwickel der beiden Flüsse, besser noch im Zwickel des Autobahnkreuzes Neu-Ulm, liegt die zu Ulm gehörende Ortschaft Wiblingen.

Strahlendes schwäbisches Barock: Kloster Wiblingen

Wiblingen

Die Kirche der ehemaligen Benediktinerabtei ist ein großartiges Beispiel für einen Baustil, der den gesamten Lauf der Donau prägt: das Barock. Die lichte Kuppel des Zentralraums ist von Januarius Zick (1730–1797) ausgemalt worden, von dem auch der Hochaltar stammt.

Trotz der barocken Pracht wirkt die Kirche nicht überladen, im Gegenteil, der Raum ist von einer fast vornehm zu nennenden Zurückhaltung, man meint bereits, den einsetzenden Klassizismus zu atmen. Im Kontrast zur barocken Ausstattung steht das Kruzifix, ein Werk der Hochgotik, das einst im Ulmer Münster gehangen hat. Fast noch großartiger als die Klosterkirche aber wirkt auf uns der Bibliothekssaal, der gleichfalls zu besichtigen ist. Auch wer es nicht so mit dem Gottesglauben hat, hier kommt er auf seine Kosten, denn den Saal beherrschen die Wissenschaften. Lebensgroße Statuen verkörpern die Tugenden – die Geschichtswissenschaft etwa wird durch einen jungen Mann dargestellt, der auf der Schulter seines Vorgängers sitzt, sympathische Bescheidenheit, die auch heutigen Wissenschaftlern gut zu Gesicht steht. Licht und hell ist der Raum, essenzielle Voraussetzungen für Vernunft und Verstand, die man in einer wissenschaftlichen Bibliothek anzutreffen hofft. So licht und hell der Raum aber auch ist, kommt die Nacht, soll es hier spuken. Davon berichtet eine alte Klostergeschichte.

Wo stöbert man schöner? Bibliothekssaal Wiblingen

Der vergessliche Mönch

Im 18. Jahrhundert lebte im Kloster ein Pater mit dem Namen Johannes. Eines Tages kam eine adelige Dame zu ihm mit dem Wunsch, bei ihm die Beichte abzulegen. Sei es, weil der Pater so vertrauenerweckend war, sei es, weil die Dame der Sünden gar viele zu beichten hatte: Das Gespräch muss sehr intensiv gewesen sein, so intensiv, dass Pater Johannes sich schriftliche Notizen über die begangenen Verfehlungen machen musste, er hätte sie sonst nicht alle im Gedächtnis behalten.

Damit der Zettel mit den Sünden der Dame aber nicht in fremde Hände fiel, steckte der Pater das Blatt in ein Buch. Das hätte vermutlich nicht so schlimme Folgen gehabt, wenn er nicht so vergesslich gewesen wäre. Denn nun nahm das Unheil seinen Lauf. Statt den pikanten Zettel wieder zu entfernen und zu vernichten, stellte er das Buch in ein Regal der Klosterbibliothek. Kurz darauf starb der Pater. Von seinem Gewissen gepeinigt aber muss er seitdem jede Nacht als Geist durch die Bibliothek schweben und Buch um Buch durchblättern, um seine Notizen wieder an sich zu nehmen. Sollten Sie den Zettel zufällig finden, bitte lesen Sie ihn nicht, sondern verbrennen Sie die Beichtgeheimnisse sofort. Pater Johannes wird es Ihnen danken.

Ich beschließe, sollte ich jemals wieder die Ohrenbeichte ablegen, meinen Beichtvater auf die Datenschutzgrundverordnung hinzuweisen. Am besten, er verzichtet auf jede Form schriftlicher Dokumentation. Ich hatte in meiner Jugend einmal einen Pfarrer erlebt, der war in seinem Beichtstuhl eingeschlafen. Ob mir allerdings meine damaligen Sünden vergeben worden sind, bedarf einer theologischen Untersuchung.

Das Kloster Wiblingen ist übrigens deutlich älter als das Barockzeitalter. Es geht auf eine Stiftung des Grafen von Kirchberg im Jahre 1093 zurück. Trotz dieser heiligen Handlung, die dem Adligen das ewige Seelenheil sichern sollte, scheinen auch die Grafen von Kirchberg des Sakraments der Beichte bedürftig gewesen zu sein, besonders Graf Wilhelm III., der im 13. Jahrhundert herrschte. In seiner Jugend hatte er in seiner Wut zwölf Männer erschlagen, während eines Streits dann zu allem Überfluss noch den eigenen Vater. Zwanzig Jahre vergingen, ohne dass diese Untat gesühnt worden wäre. Mord aber verjährt nicht. Der gerade an die Macht gelangte Kaiser Rudolf I. ließ den Wüstling verurteilen und enthaupten. Und noch etwas verfügte der Kaiser: Zum ewigen Gedenken an die Missetat mussten die Kirchbergs ihr Wappen ändern. Aus der unschuldigen weißen Jungfrau mit rotem Talar und glänzender Krone wurde eine wilde Mohrin mit zerzausten Haaren.

Frischer Saft in alten Mauern

Politische Korrektheit war damals noch nicht angesagt. Rückgängig machen lässt sich der Wappenwechsel nicht mehr, denn mit Philipp von Kirchberg starben die Kirchbergs 1510 aus. Übrigens ist das Kloster der Moderne zugetan: Wer frische Elektronen tanken will, nur zu!

Zurück auf dem Donauradweg geht’s an Gögglingen und Donaustetten vorbei, dann in leichtem Zickzack nach Erbach. Man merkt, die Schwaben sind fleißige Leute, überall in den Donauauen tummeln sich Gewerbegebiete und Fabriken. Langsam aber dünnen die Funktionsbauten aus und es wird grüner. Der Weg mäandert durch Felder und Wiesen, nicht immer ist die Donau gewillt, lästige Radler nahe an ihr Ufer zu lassen. Sei’s drum. Zu einem Fluss gehören immer auch sein Tal und die Gemeinden an seinen Ufern.

Erbach

Bei Erbach überspannt eine Eisenbahnbrücke die Donau, keine ganz gewöhnliche Strecke. Diese Eisenbahnlinie ist vielleicht die meist besungene der Welt.

Auf de schwäb’sche Eisebahne …

Auf de schwäb’sche Eisebahne

Auf de schwäb’sche Eisebahne

gibt’s gar viele Haltstatione:

Schtuegert, Ulm und Biberach,

Meckebeure, Durlesbach.

Trulla, rulla, rullala,

rulla, rulla, rullala,

Schtuegert, Ulm und Biberach,

Meckebeure, Durlesbach.

Ja, gar viele Haltstatione gab es auf der ersten württembergischen Eisenbahnlinie, die im Jahr 1850 durchgehend befahrbar wurde. Die Station Meckebeure kommt allerdings, anders als besungen, erst nach Durlesbach. Durlesbach reimt sich eben auf Biberach, darauf musste der unbekannte Schöpfer des Liedes Rücksicht nehmen.

Die schwäb’sche Eisebahne hätte schon viel früher in Betrieb gehen sollen. Sehr zum Ärger des württembergischen Königs Wilhelm I. aber stritten sich die Dörfer zwischen Erbach und Biberach, jedes wollte ebenfalls eine Haltstatione bekommen. Wutentbrannt ließ sich der König die Karte mit den Planungen geben, nahm ein Lineal und zog einen schnurgeraden Strich durch die Landschaft, an allen Dörfern vorbei, sodass er endlich zu seiner hübschen Sommerresidenz Kloster Hofen an den Bodensee dampfen konnte.

Auf de schwäb’sche Eisebahne

wollt emol a Bäuerle fahre,

geht an Schalter, lupft den Huet:

»Oi Billettle, seid so gut!«

Eine Geiß hat er si kaufet,

und dass sie ihm net verlaufet,

bindet sie der guete Ma

an de hintre Wage na.

Auf de schwäb‘sche Eisebahne wurde erstmals 1853 in einem Tübinger Kommersbuch gedruckt. Köstlich sollte man sich bald in ganz Deutschland über das dumme schwäbische Bäuerlein amüsieren, das aus reinem Geiz seines Ziegenbocks verlustig ging. Was musste er das arme Tier auch hinten anbinden? Der Gipfel der Dummheit aber war es, den armen Lokführer mit dem abgetrennten Geißkopf zu bewerfen. Wenn sich heutige Bahnmitarbeiter, leider oft zu Recht, über die mangelnden Manieren der Reisenden beschweren, so kann man sie vielleicht mit diesem Lied trösten. In den USA wäre der Bock natürlich am Leben geblieben, dort muss an jedem Zug geschrieben stehen, dass das Anbinden von Tieren am Zug tödliche Folgen haben kann.

In Schwaben und anderswo war das Anbinden eines Bocks an eine Postkutsche durchaus üblich, das muss zur Entschuldigung des Bäuerles noch erwähnt werden. Beim Weiterradeln pfeifen wir das fröhliche Liedchen, das mit seinem »Trulla-rulla-rullala« lautmalerisch gekonnt die Bewegungen einer Dampflok imitiert. Psychologisch betrachtet ist die heftige Reaktion des Bauern völlig korrekt. Sie steht in einem allgemeineren Sinn für das Gefühl vieler Menschen, in einer sich rasant verändernden Welt nicht mehr zurechtzukommen. Man kommt sich abgehängt vor, ohnmächtig. Wenn wir schon meinen, der immer neuesten technischen Entwicklung hinterherhecheln zu müssen, sollte man zumindest darauf achten, alle Menschen mitzunehmen.

Von Erbach geht’s weiter nach Ersingen. Hier ergießt sich ein weiterer Fluss in die Donau, gegenüber der mächtigen Iller allerdings eher ein Flüsschen, die Riß. Auch die Riß, die man weiter mit ß schreiben darf, hat zwei Quellflüsse, die Warme Riß und die Kalte Riß. Wie groß ihr Temperaturunterschied allerdings tatsächlich ist, können wir nicht angeben, auch nicht, zu welcher Temperatur sie sich mischen, da die Riß von Süden kommt, wir aber radeln am nördlichen Ufer entlang.

Die Riß hat es zu einiger Berühmtheit gebracht, ist nach ihr doch eine eigene Kälteperiode benannt, die Riß-Kaltzeit, das zweitjüngste der vier kalten Geschwister. (Von Eiszeiten zu sprechen ist nicht länger zeitgemäß, der Begriff der Kaltzeit hat sich durchgesetzt.) Vor circa 130.000 bis 350.000 Jahren kalbten die Alpengletscher gewaltig und schickten in vier Anläufen ihre eisigen Massen gen Norden auf die Reise. Das bekam auch die Donau zu spüren, denn alle heutigen Flusstäler waren damals schon vorhanden.

Eine der Gletscherzungen schob sich sogar frech über die Donau und begann sie zu stauen. Bis heute prägt die mächtige Riß-Kaltzeit das Landschaftsbild. Die Schotter der ihr zugeordneten Moränen haben die Hochterrassen der Donauzuflüsse aufgebaut.

Was die damals hier wohnenden Donaumenschen sich wohl angesichts der Eismassen gedacht haben? Prima, nun können wir das ganze Jahr Ski laufen?

Griesingen

In dem kleinen Ort Griesingen stoppen wir an einer Querstraße. Ein Gärtner ist damit beschäftigt, seinen Kompost zu befüllen. Wir loben den gepflegten Rasen und kommen ins Gespräch. Er sei seit wenigen Wochen Rentner, habe viele Jahrzehnte die Omnibusse durch Ulm gesteuert, gelegentlich auch die Tram. Manchmal lasse er sich noch anheuern, so sei der Sprung ins Rentnerleben nicht so hart.

Zahlreiche Obstbäume stehen auf dem gepflegten Grün, Pflaumen, Kirschen, Äpfel. »Macht sicher viel Arbeit, die Einmacherei«, sagen wir, »da wird Ihre Frau beschäftigt sein.« Er sei geschieden, lacht er, aber für eine neue Beziehung sei er offen. An Gelegenheiten würde es nicht mangeln, als Busfahrer habe er so manche Telefonnummer zugesteckt bekommen, beim nächsten Mal aber müsse wirklich alles passen. »Das Kribbeln im Bauch, woischt?« Wir wünschen ihm viel Glück und schwingen uns wieder in die Sättel. Langsam bricht der Abend herein. Wir radeln der untergehenden Sonne hinterher.

Ehingen

Der nächste größere Ort ist Ehingen. Auf »-ingen« endet hier fast alles, wobei der Schwabe das »n« am Ende konsequent ignoriert.

»-ingen«

»-enga«, sagt der Schwabe. »-ingen« oder »-enga«, gemeint ist genau das Gleiche. Die Germanen hätten mit dieser Endung eine Zugehörigkeit ausgedrückt, sagen die Sprachwissenschaftler. Sigmaringen bedeutet »dem Sigmar zugehörig«, also »die Siedlung des Sigmar«. Außer dem Namen eines lokalen Politikers konnte auch ein bestimmter Ort, etwa ein Fluss, mit der Endung »-ingen« versehen werden.

Marktplatz Ehingen mit stolzem Ständehaus

Nicht immer wird es gelingen, den Ursprung aller »-ingens« zu ergründen. Wie der Name Ehingen wohl entstanden ist? War es ein Herr Eh oder auch eine Frau dieses Namens? Oder sagte man sich, »da muss ich eh hin!«, und schon war der Name geboren? Später ging die Zugehörigkeitsbezeichnung »-ingen« im Ortsnamen auf. Die entlang der jungen Donau häufig anzutreffende Endung ist in Varianten in ganz Europa verbreitet, man denke nur an die englische Stadt Reading, das niederländische Scheveningen, das bayerische Freising oder an Blekinge in Schweden.

Ehingen war Schauplatz einer der merkwürdigsten Streitigkeiten der jüngeren schwäbischen Rechtsgeschichte. Eine Dame hatte es eilig, den Zug nach Ulm zu erwischen. Das herbeitelefonierte Taxi aber verspätete sich, im Ehinger Bahnhof leuchteten nur noch die Rücklichter des abfahrenden Zuges. Erbost rief die Dame den Chef des Taxiunternehmens an und verlangte, mit dem Taxi nach Ulm gefahren zu werden, auf Kosten des Taxiunternehmens selbstverständlich. Es kam zu einem längeren Disput. Nachdem alle Argumente ausgetauscht waren, beendete der Taxifahrer das Gespräch mit dem Ausruf: »Leck me am Arsch!«

Nun aber ging der Ärger erst richtig los. Die Dame war eben eine Dame, und als solche fühlte sie sich beleidigt, und zwar schwer. Sie zeigte den Taxiunternehmer an, es kam zum Prozess. Glücklicherweise fand sich ein weiser Richter, der nicht nur die Rechtswissenschaften, sondern darüber hinaus das Leben studiert hatte. Insbesondere schien er mit den Eigentümlichkeiten des schwäbischen Dialektes bestens vertraut, jedenfalls erklärte er den Taxiunternehmer für nicht schuldig.

Die vorgebliche Beleidigung, bestens auch als Schwäbischer Gruß bekannt, sei überhaupt keine, jedenfalls nicht in jeder Situation. »Leck me am Arsch« könne sogar ein Ausdruck höchsten Lobes sein, etwa wenn der für leicht debil gehaltene Sprössling plötzlich mit einer Eins in Mathe daherkommt. Zugleich kann sich in den Ausruf ungläubiges Erstaunen hineinmischen. Schlägt der VfB Stuttgart die Münchner Bayern, bedeutet der Schwäbische Gruß nichts anderes, als dass ein zu 100 Prozent sicher angenommenes Ergebnis nicht eingetreten ist.

Stets zu Streichen aufgelegt: der Spritzenmuck vom Theodul-Brunnen

Auch als Begrüßung eignet sich die Redewendung. »Leck me am Arsch, der Jürgen!«, entfährt es dem Schwaben, wenn er am Würstchenstand auf Ibiza überraschend seinem Schafkopffreund begegnet. Niemals würde sich Jürgen deshalb beleidigt fühlen, sondern stattdessen den Gruß freudig erwidern. Im Falle des Telefonats, so der kluge Richter, habe der Taxiunternehmer mit dem Schwäbischen Gruß lediglich das Ende des Gesprächs anzeigen wollen. Wenn alle Argumente zur Genüge ausgetauscht seien, sei der Ausdruck ein geläufiges und keinesfalls beleidigendes Instrument zur Beendigung einer fruchtlosen Konversation.

Ob der Richter selbst schon Situationen erlebt hat, bei dem ihm der Schwäbische Gruß auf der Zunge gelegen hat? Man möchte es fast vermuten. Nun aber genug der schwäbischen Sprachkunde. Sehen wir uns lieber in Ehingen um. Der Marktplatz ist hübsch. Ein moderner Brunnen sprudelt in seiner Mitte, Faschingsgestalten tummeln sich um ihn. Die schwäbisch-alemannische Fastnacht muss uns ein eigenes Kapitel wert sein.

Die schwäbisch-alemannische Fastnacht

»Als was gehst du denn dieses Jahr?«

Diese Karnevalsfrage, die man in Köln, Düsseldorf oder Mainz oft zu hören bekommt, stellt man sich an der Donau nicht. Die schwäbisch-alemannische Fastnacht ist anders. Hier wechselt man nicht jedes Jahr sein Kostüm, um mal als Cowboy, mal als Terminator zu gehen. An den Donauufern bleibt man seiner Häs treu, wie man das Faschingsgewand nennt, ja manche vererben es vom Vater auf den Sohn, von der Mutter auf die Tochter.

Die verschiedenen Fastnachtszünfte haben jeweils ihre eigenen, identitätsstiftenden Masken, die sorgfältig gepflegt werden. Am 6. Januar ist es vielerorts Brauch, das Häs aus dem Schrank zu ziehen und feierlich ans Licht zu hängen, sichtbares Zeichen dafür, dass die fünfte Jahreszeit begonnen hat. Bei aller Verschiedenheit der Kostümierung, charakteristisch für das Häs ist die Ganzkörpervermummung, auch das Gesicht verschwindet hinter einer Maske. Und auf die Gestaltung derselben wird größter Wert gelegt. Manche sind aus Holz geschnitzt, andere aus Stoff, Ton oder Papier.

»Die Narren haben eine Art von Harlekinstracht an, einen Fuchsschwanz an der Mütze und hinten an den Beinkleidern. Sie machen sich einen Bart und schwärzen sich wohl die Wangen und andere Teile des Gesichts.« Diese Beschreibung der Ulmer Fastnachtsgestalten stammt aus dem Jahre 1790, aber natürlich ist die schwäbisch-alemannische Fastnacht schon viel, viel älter.

Man vermutet, der Fuchsschwanz sei das Relikt aus den Ursprungszeiten, als sich die Narren in fantasievolle Tierfelle genäht hatten. Um den Winter zu vertreiben und sich durch das tolle Treiben in eine bacchantisch-erotische Stimmung zu versetzen, schlüpfte man in ein wildes Kostüm, eine Art Tarnkappe, mit deren Hilfe man seine Triebe ausleben konnte, was dem gesitteten Bürger sonst streng untersagt war. Auch der Obrigkeit und den Würdenträgern konnte man im Schutze der Menge und der Anonymität ungestraft die Meinung geigen.

Manche vermuten, der Ursprung der Fastnacht liege in der anschließenden Fastenzeit begründet. Wohin mit all den Essensvorräten, die man nicht bis zum Osterfest aufbewahren konnte? Schnell noch ein paar Tage kräftig gesündigt! In diesem Sinne kann man in dem bunten Treiben eine Gegenwelt zu der folgenden Periode der Enthaltsamkeit und Selbstkasteiung sehen.

Was auch immer der Grund für die Fastnacht gewesen sein mag, man hält ihr an der Donau die Treue. Nicht nur in Ulm, auch und besonders in den kleineren Donaustädten schlüpft man in fantasievolle Masken. In Erbach kann man den Schella Bebbl, furchtbaren Wildschweinen und den blau-eleganten Schnai Walzer begegnen, in Griesingen fliegen grauenhafte Druden durch die Nacht, um sich einem armen Schläfer auf die Brust zu setzen und ihn mit Albträumen zu quälen, in Ehingen treiben die Grogga Däler ihr Unwesen, unterstützt von den Kretta Weibern, den Kügele Hoi, den Pfanna Mata und den Mückenspritzern mit ihren lustigen Feuerwehrkostümen.

Vorsicht, Narrenalarm! Der Hexensprung in Ehingen

Bei den Umzügen mischen die Zünfte der Nachbarstädte kräftig mit, viele haben eigene Begrüßungsrituale entwickelt, die Narrenrufe. Im Hochschwarzwald grüßen die Narren mit »Narri!« und die Zuschauer antworten mit »Narro!«, in Ehingen rufen die schellenbesetzten Narren »Kügele!« und erwarten ein freudiges »Hoi!«

Damit aber keiner auf falsche Gedanken kommt, bei allem Spaß ist das Fastnachtstreiben durchaus geregelt. So haben sich die meisten Narrenzünfte einen Verhaltenskodex gegeben, der aus vielen Paragrafen besteht. Verboten ist zum Beispiel, sich im Schutz der Maske Dreistigkeiten gegenüber dem anderen Geschlecht zu erlauben. »Jedem zur Freud, keinem zum Leid«, lautet die Maxime. Der vielleicht größte Narrensprung an der Donau geht in Ulm schon drei Wochen vor dem Faschingshöhepunkt über die Bühne. Beim großen ULMzug ziehen über 8000 Hästräger und Musiker durch die Innenstadt.

Die Narrenzünfte sind nicht nur in der Fastnachtszeit von Bedeutung, man trifft sich das ganze Jahr über. Die Zünfte sind ein wichtiges gemeinschaftsstiftendes Element und bereichern das Leben am Ort. Auch im allgemeineren Sinn spricht der Schwabe übrigens von seiner Häs, das Wort steht für Kleidung im weiteren Sinne. So versteht man unter der Schaffhäs die Arbeitskleidung, unter Sunntigshäs den Sonntagsanzug. Unsere Kleidung wiederum würde man als Radelhäs bezeichnen.

Vielleicht sollten wir unsere nächste Donauradtour zur Fastnacht machen. Dann gäbe es was zu erleben! Und zu genießen. Keine Einkehr wäre nötig, die Narren teilen stets großzügig ihre Gaben aus, sogar die schwäbischen. Schließlich muss ab Aschermittwoch gefastet werden. Wie weit man auf einer solch närrischen Tour allerdings käme, ist fraglich. An Schlaf wäre vielerorts nicht zu denken. Am besten, man gründete eine eigene Narrenzunft, die radelnden Teufelsboten etwa. Auch das Fahrrad ließe sich kostümieren, vielleicht als Höllenhund. »Klingeling!«, würden wir beim Passieren der Narrenzüge rufen, »Klingelong!«, schallte es dann fröhlich zurück.

Sollen wir vielleicht doch in Ehingen unser Zelt aufschlagen? Wir blicken uns an und schütteln die Köpfe. Wir sind noch fit und bis Munderkingen ist es nicht weit. Unseren Reiseführer zur Hand nehmend, zücken wir das Handy. Ein kurzes Telefonat mit einer Männerstimme. »Ein Doppelzimmer für heut’ Nacht? Jawohl, geht in Ordnung.«

In einem kleinen Bogen rollen wir durch Ehingen zurück zum Fluss. Vor 300 Jahren war neben Ulm und anderen Donaustädten auch Ehingen Schauplatz einer der größten Migrationsbewegungen der deutschen Geschichte. Mehr als 700.000 Menschen sind die Donau hinab in die Ferne gefahren.

Donauschwaben

Anfang des 18. Jahrhunderts. Am Unterlauf der Donau östlich von Wien, an den Ufern der ungarischen Donau, herrscht große Not. Zwar hat Prinz Eugen, der edle Ritter, mit seinen Truppen die Türken zurückgeschlagen und die Existenz des christlichen Abendlandes gerettet, die Kämpfe und die lange Fremdherrschaft aber haben unzählige Opfer gefordert, weite Landstriche sind entvölkert. Habsburgs Kaiser Karl VI. beschließt, tüchtige Leute anzuwerben, die sich an den ungarischen Donauufern niederlassen und die Landwirtschaft wieder in Schwung bringen.

Auf zu neuen Ufern! Die Reise der Donauschwaben (Hauswand in Ulm)

Wo aber soll man Siedler für diese schwierige Mission gewinnen? Besonders im südwestdeutschen Sprachraum gibt es viele Menschen, die unzufrieden mit den Verhältnissen sind, Tausende Familien finden sich für den ersten Schwabenzug, nur wenige Kreuzer hat man ihnen mitgegeben, sie fahren einer ungewissen Zukunft entgegen. Der Name Schwabenzug führt in die Irre. Zwar besteigen viele Siedler in Schwaben die »Schachteln«, wie man die eilig zusammengezimmerten Transportschiffe nennt, viele aber sind gar keine Schwaben, sondern kommen aus dem Rheinland, aus Luxemburg, Franken und Bayern. Ihr gemeinsames Schicksal aber schmiedet sie zusammen, erst recht in ihrer neuen Heimat.

»Donauschwaben« nennt man sie bald, als Donauschwaben bezeichnen sie sich selbst. Die Anfänge sind bitter. Trotz gewährter Steuerfreiheiten ist es höchst mühselig, sich in dem verödeten Land eine neue Existenz aufzubauen, im Banat und den benachbarten Regionen, von denen eine höchst offiziell Schwäbische Türkei genannt wird. Dank der schwäbischen Tugenden Tüchtigkeit und Sparsamkeit aber wird die Kolonisation zum Erfolgsmodell.

Bald prosperiert das Land, bilden sich Städte und Handelsplätze, wobei der Donau als zentralem Transportweg eine besondere Bedeutung zukommt. Auch viele schlaue Köpfe bringen die Donauschwaben hervor, so Ignaz Semmelweiß, den Erfinder der modernen Krankenhaushygiene und Retter der Mütter, und auch Nikolaus Lenau, den Dichter, der seine Heimat so wunderbar besungen hat.

Mit dem Zerbrechen der Habsburger Doppelmonarchie nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Grenzen neu gezogen, die Donauschwaben wurde zwischen Ungarn, Rumänien und Jugoslawien aufgeteilt. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde damit begonnen, die Donauschwaben zu evakuieren. Nur wenige blieben in ihrer Heimat. Ihr Dialekt zeigt an, dass gebürtige Schwaben bei den Auswanderern in der Unterzahl gewesen sein müssen, Donauschwäbisch klingt eher wie Pfälzisch.

Die Auswanderer in ihren Schachteln hatten es sicher nicht leicht, aber heutzutage wäre es noch schwieriger, von Ehingen aus eine Schifffahrt zu unternehmen. Stauanlagen bremsen immer wieder den Weg der Donau und lassen den Fluss breit anschwellen. Hochwasserschutz? Energiegewinnung? Die Böden hier scheinen fruchtbar zu sein. Weite Getreidefelder erfreuen das Auge, über das helle Gerstenhaar streicht zärtlich der Ostwind. Gelegentlich ein Altarm, von Sumpfpflanzen bestanden, Frösche quaken im Rohr fröhlich um die Wette.

Das Wetter ist seit Wochen außergewöhnlich warm, man spricht vom wärmsten Mai seit hundert Jahren. Blau und weiß leuchtet uns der Himmel, hinter uns aber, im Osten, beginnen sich die Wolken zu türmen. Ein Straßenschild kündigt »Deppenhausen« an. Wir müssen grinsen. Wer sagt, Schwaben hätten keinen Humor?

Rottenacker

Hinter Dettingen durchqueren wir eine Weiherlandschaft, dann geht es über eine Brücke nach Rottenacker hinüber.

Die mutigen Frauen von Rottenacker

April 1945. Die Alliierten rücken die Donau entlang nach Westen vor, Amerikaner und Franzosen. Überall lässt die Wehrmacht die Brücken sprengen, Verzweiflungsaktionen, um den Vormarsch des Feindes aufzuhalten. Sämtliche Donaubrücken zwischen Sigmaringen und Ulm hat man bereits in die Luft gejagt und auch an der Brücke von Rottenacker ist ein Sprengsatz deponiert. Hektisch bereitet man sich in dem Donaustädtchen auf den Kampf vor, die Nachrichten beunruhigen, morgen wird der Feind erwartet.

Viele Bürger hoffen, dass das Gefecht verhindert werden kann, dass keine Schüsse fallen. Eine kampflose Einnahme ist aber nur möglich, wenn kein Widerstand geleistet wird. Nahe der Donau, beim Gasthaus Löwen, hat die Wehrmacht eine Panzersperre errichten lassen. Im Schutze der Nacht schleichen sich drei Rottenacker heran. Als sie sich an der Sperranlage zu schaffen machen, um die Straße zu befreien, werden sie von einem Wehrmachtsoffizier überrascht. Zum Glück lässt er sie nicht erschießen, befiehlt ihnen nur, die Sperre wieder zu schließen.

Vier junge Frauen, Rotkreuzschwestern. Ihnen wird befohlen, in der Hohegasse ein Notlazarett einzurichten. Eine von ihnen ist Gertrud Schwarzenbach, die Tochter des Friseurmeisters aus der Unteren Bruckstraße. Kaum ist das Lazarett notdürftig eingerichtet, eilt wie ein Lauffeuer die Schreckensnachricht durch den Ort: Die Amerikaner! Panzer der Amerikaner rollen auf Rottenacker zu! Bald hört man erste Schüsse fallen. Auch die Familie des Friseurs wird von der Angst gepackt. Was, wenn die Brücke gesprengt wird? Sie wohnen doch gleich nebenan, direkt am Donauufer. Schnell flüchten sie in den Keller. Stimmen nähern sich, Hilferufe sind zu hören. Drei deutsche Soldaten schleppen einen Kameraden herbei, er blutet, ist schwer verwundet. Die Rotkreuzschwestern kümmern sich um ihn. Als einer der Soldaten die Haustür öffnet, um zum Kampf zurückzukehren, rattert ein Maschinengewehr, getroffen bricht der Soldat zusammen. Die Rotkreuzschwestern können ihm nicht mehr helfen.

Doch was ist mit all den anderen da draußen? Soll man sie in ihrem Blut liegen lassen? Zwei Schwestern greifen sich eine Trage und eilen vor die Tür, wo sie ein amerikanischer Offizier überrascht. Er kann Deutsch und weist ihnen die Richtung. Auf und neben der Brücke würden viele Verletzte liegen, die Hilfe bräuchten. »Bei der Brücke? Und wenn die Brücke in die Luft fliegt?« »Wenn Sie nicht gehen, setzen wir die Kämpfe fort«, droht der Amerikaner, »und schauen Sie nach, ob der Draht noch zur Bombe geht, und schneiden Sie ihn durch.« »Wir sind vom Roten Kreuz«, erwidern die jungen Frauen empört, »wir sind doch keine Soldaten.« Da mischt sich einer der schwer verletzten Soldaten ein. »Die Brücke kann nicht mehr hochgehen«, sagt er ächzend, »ich hab’ den Zünder mit meinem Taschenmesser abgeschnitten.« Kurz darauf stirbt der mutige Mann in den Armen der Friseurtochter, der dritte bereits an diesem Tage.

Die Schwestern laufen los, eilen zur Brücke und schleppen einen Verletzten nach dem anderen in ihr Notlazarett. Wirklich helfen aber können sie vielen nicht. Notdürftig versorgen sie die Wunden, das schon, aber Operationen können sie nicht ausführen. Ein Arzt muss her. In Ehingen soll es noch einen geben. Also schleicht sich eine der Schwestern hinaus und radelt unter Lebensgefahr los. Doch der Arzt weigert sich zu kommen, solange in Rottenacker geschossen wird. So müssen die Schwestern allein weitermachen. Auch französische Soldaten versorgen sie, egal, ob sie deshalb beschimpft werden. Einem von ihnen aber können sie nicht mehr helfen. Jubelnd ist er den Amerikanern entgegengelaufen, sie haben ihn irrtümlich für einen Deutschen gehalten und erschossen. Als der Kampf um Rottenacker zu Ende ist, müssen die vier Schwestern das Lazarett ins Rathaus verlegen, so viele Verletzte werden ihnen gebracht. Auch um das Essen müssen sie sich kümmern. Weil die Alliierten die Bäckerei beschlagnahmt haben, braten sie Kartoffeln. Noch bis in den Juli hinein haben sie Verletzte zu pflegen und Gefangene zu versorgen, versuchen, Kontakte zu den Angehörigen herzustellen, was ihnen streng verboten ist. Als einer der französischen Besatzungssoldaten davon Zeuge wird, zieht er die Pistole, hält sie der Friseurtochter an den Kopf. Zum Glück drückt er nicht ab. Gertrud Schwarzenbach überlebt, wird über neunzig Jahre alt. Die Kriegstage von Rottenacker aber wird sie nie vergessen.

Bewundernswerte Frauen in einer dramatischen Situation. Rottenacker wird uns im Gedächtnis bleiben.

Ein eigenes Kapitel ließe sich über die Donaubrücken schreiben. Wem Schilderungen wie diese vorkommen wie aus längst vergangenen Zeiten, dem sei das Jahr 1999 in Erinnerung gerufen. Bei der Operation Allied Force der NATO im Rahmen des Kosovokrieges wurden bis auf eine einzige sämtliche Donaubrücken Serbiens zerstört. Die Trümmer der Freiheitsbrücke von Novi Sad blockierten den Schiffsverkehr auf der Donau für lange Zeit. Was für ein Glück, dass alle Donauanrainer nun in friedlichen Zeiten leben.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
09 ocak 2025
Hacim:
265 s. 110 illüstrasyon
ISBN:
9783747203361
Telif hakkı:
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