Kitabı oku: «Max und Moritz - Was wirklich geschah»
Johannes Wilkes
Max und Moritz - Was wirklich geschah
Kriminalroman

Zum Buch
Böse Buben Tante Dörte ist in größter Sorge. Max und Moritz, ihre Lieblingsneffen, sind verschwunden. In ihrer Not wendet sie sich an Karl-Dieter und Mütze, den knallharten Kommissar. Die beiden Freunde brechen auf, um sich in Finsterfelde, einem verschlafenen Kaff, auf Spurensuche zu begeben. Schnell stoßen sie auf allerlei Merkwürdigkeiten. Das Dorf ist eine verschworene Gemeinschaft, jeder Fremde wird misstrauisch beäugt. Schneider Böck und seine Frau, Lehrer Lämpel, Onkel Fritz, der Müller – keiner rückt mit der Sprache heraus. Auf welche Weise ist der Vater von Max und Moritz, der Mann von Witwe Bolte, verstorben? Tatsächlich an einem Herzinfarkt? Und Witwe Boltes Hühner? Sind sie wirklich von Max und Moritz gemeuchelt worden? Und was sollen die merkwürdigen Bildergeschichten am Friedhof, die sich über die verschwundenen Jungen lustig machen? Wer steckt dahinter? Max und Moritz – Mützes verzwicktester Fall.
Johannes Wilkes, Jahrgang 1961, lebt in Berlin und Bayern. Der Autor von Romanen, Krimis und Reisebüchern ist mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet worden, seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Max_und_Moritz_(Busch)_001.png
ISBN 978-3-8392-6934-3
Zitat
Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe!
Wilhelm Busch
Freitag
Erstes Kapitel
»Ne, komm, das ist nicht dein Ernst!«
»Mensch, Mütze, das ist ein Notfall!«
Dieser denkwürdige Dialog war genau drei Tage alt, als Mütze und Karl-Dieter vor der Pension Zum ewigen Frieden vorfuhren. Mützes Laune hatte sich um keinen Deut verbessert. Was für ein Schwachsinn! Zwei kostbare Urlaubswochen dafür zu verschwenden, zwei entlaufene Bengel wieder einzufangen. Als knallharter Mordkommissar hatte er für solch eine Aktion nur ein schlappes Lächeln übrig.
»Sie sind nicht entlaufen, da muss etwas passiert sein!«
»Ich weiß schon, Tante Dörte …«
»Hat Tante Dörte mich jemals mit etwas belästigt? Wenn sie uns um Hilfe bittet, dann brennt’s.«
Die Pension Zum ewigen Frieden kam in keinem Buchungsportal vor und vermutlich hätte sich selbst das windigste aller Buchungsportale geweigert, dieses Etablissement zu listen. Man hätte die Hütte locker in ein Freilichtmuseum versetzen lassen können, in die Abteilung »Schlichte Beherbergungsbetriebe der ostdeutschen Nachkriegszeit«, wo sie die Leute zu Tränen rühren würde. Nicht die kleinste Veränderung bräuchte man vorzunehmen, die Pension befand sich noch im Originalzustand. Die Häkelgardinen vor den Fenstern waren, soweit nicht von Eumeln angefressen, in Würde ergraut, die Sukkulenten auf den Marmorfensterbrettern zu solchen Monstern angewachsen, dass es kaum mehr ein Sonnenstrahl in den Frühstücksraum mit seinen Resopaltischen schaffte, die niedrigen Zimmerdecken waren zu allem Überfluss mit ausgeblichenen Brettern vertäfelt. In der Ecke der Rezeption schaukelte eine klebrige Fliegenfalle, und über der Eingangstür hing noch das Reklameschild einer längst erloschenen Biermarke.
»VEB Adler-Brauerei«, grinste Mütze, »ein wilder Vogel, schau, wie er sein rotes Gefieder spreizt!«
»Denk daran, wir sind inkognito«, sagte Karl-Dieter, als er die Klingel drückte.
»Aye-Aye, Chef.«
Es bellte. Laut und hart, wie Hunde bellen, deren einzige Waffe ihre Stimme ist: »Rawau! Rawau!« Heftig fing eine heisere Frauenstimme an zu schimpfen, das Bellen verstummte schüchtern und ging in ein Winseln über, dann wurde die Tür geöffnet. Nicht nur die Pension, auch die Wirtin schien aus der Zeit gefallen. Ganz in Schwarz gekleidet, mit einem schleifenbesetzten Kapotthütchen auf dem grau melierten Haar, begrüßte sie ihre Gäste mit einem Gesicht, als ob ihr diese die Pest ins Haus trügen. Misstrauisch blinzelten ihre Augen unter den hängenden Lidern hervor, nur mit Mühe gelang es ihr, an der ausladenden Knubbelnase vorbeizuschielen.

Nachdem die Wirtin die Hausregeln heruntergeleiert hatte, händigte sie Karl-Dieter einen Holzanhänger aus, an dem die Schlüssel baumelten. Dick wie eine Billardkugel war das Ding, wohl, damit es kein Gast bei der Abreise versehentlich einsteckte.
»Punkt 22 Uhr herrscht Hausruhe«, brummte die Alte, »und keine Damenbesuche auf dem Zimmer!« Darauf zog sie sich schlurfend in ihre Privaträumlichkeiten zurück.
Zweites Kapitel
»Autsch!« Mütze schrie auf und zog die Hände aus dem Waschbecken zurück. Glühend heiß war es ihm über die Finger gelaufen.
»Du musst beide Hähne aufdrehen«, lachte Karl-Dieter, »links kommt das kalte Wasser heraus.«
Mit Sorgenfalten hingegen betrachtete Karl-Dieter die Zimmermöblierung, Gut, dass er das Sagrotanspray mitgenommen hatte! Bevor er ihre Kleider in den furnierten Kleiderschrank legte, sprühte er die Fachträger tüchtig ein und wischte mit den Einmaltüchern hinterher. Sicher ist sicher. Wer weiß, wo sich die Bettwanzen tagsüber versteckt hielten? Mütze würde natürlich nie auf die Idee kommen, Sagrotanspray mit auf Reisen zu nehmen. Wie lange waren sie nun schon verpartnert? 20 Jahre? Ein Spray nahm Mütze höchstens in der Hand, um die Alcantara Sitze seines Opel Mantas zu reinigen.
»Und dann die Wirtin! Die alte Schachtel, die ist doch ebenfalls museumsreif! Hast du den schwarzen Vorhang gesehen, der ihr von ihrem albernen Hut übers Gesicht fällt?«
»Psst! Was redest du, Mütze? Sei froh, dass sie uns übernachten lässt. Schließlich trauert die Ärmste. Deshalb die Kleidung.«
»Du meinst …«
»Genau. Wenn du mir zugehört hättest, wüsstest du’s noch. Es handelt sich um die Witwe von Erwin Bolte.«
»Die Mutter der beiden entlaufenen Teenies?«
»Die Stiefmutter von Max und Moritz, genau.«
»Erwin Bolte hat die beiden Bengel mit in die Ehe gebracht?«
»Du sagst es.«
»Dann wundert mich gar nichts mehr.«
»Wieso?«
»Der Dame wäre ich auch davongelaufen.«
»Mensch, Mütze! Noch mal von vorne. Max und Moritz haben nicht bei ihren Eltern gelebt, die beiden waren im Spreewald untergebracht, im Knabeninternat Cool-Kids, der vormaligen Besserungsanstalt Doktor Göbel.«
»Und was suchen wir dann hier?«
»Tante Dörte sagt, als sie Nachricht vom Tode ihres Vaters mitgeteilt bekamen, seien sie aus dem Internat getürmt und hierher nach Finsterfelde gefahren, weißt schon, zur Beerdigung. Dann aber verläuft sich ihre Spur. Die Wirtin hat eine Vermisstenmeldung aufgegeben, das war’s, niemand will sie wieder gesehen haben.«
Nicht, dass Mütze etwas dagegen hätte, im Urlaub auf Verbrecherjagd zu gehen. Ganz im Gegenteil! Aber das hier war doch kein Verbrechen, das war ein schlichtes Familiendrama. Dafür war das Jugendamt zuständig und nicht die Kripo, fertig aus. Was sollte zwei jugendlichen Bengeln denn schon zugestoßen sein? Die beiden hatten sich, geschockt vom Tod ihres Vaters, mit ihrer Stiefmutter gestritten und waren auf in die große weite Welt.
»Vielleicht nach Neuseeland, da wollen sie doch jetzt alle hin, wegen dieser Orks und dem Herrn der Ringe.«
»Wegen des Herrn der Ringe.«
»Wie bitte?«
»Aber Mütze«, sagte Karl-Dieter, ohne weiter auf grammatische Finessen einzugehen, »wie sollten die beiden denn an Flugtickets gelangen? Die Zwillinge werden doch erst nächstes Jahr 18.«
Mütze zog die Stirn kraus und ein Foto aus seiner Schimanskijacke: »Zwillinge? Sehen sich doch gar nicht ähnlich. Die Gesichter, die Frisur.«

»Schon mal was von zweieiigen Zwillingen gehört?«
Während Karl-Dieter die Sagrotanbehandlung im angrenzenden Bad fortsetzte – je älter er wurde, desto größeren Wert legte er auf Hygiene – griff Mütze zu seinem Feldstecher und spähte aus dem Fenster. Von ihrem Zimmer sah man über den verwilderten Garten der Pension und die benachbarten Felder, am Horizont begrenzte ein Wäldchen den Blick. Wenn man sich weit nach rechts lehnte, tauchte ein Flügel der alten Windmühle auf. Die Windmühle war der ganze Stolz von Finsterfelde, ihr allein war es zu danken, dass sich hin und wieder ein paar Touristen in dem Kaff verirrten, ansonsten hatte Finsterfelde nur Schlagzeilen bei der letzten Landtagswahl gemacht. Nirgendwo sonst hatten die Alten Naiven für Deutschland ein solches Ergebnis eingefahren, 88,9 Prozent. Über die Gründe hatte sogar Die Zeit gerätselt und ein Reporterteam hinausgesandt, niemand der Befragten aber kannte jemanden, der die ANfD gewählt hatte, sodass vermutlich ein Irrtum bei der Auszählung an dem Phänomen schuld sein musste.
Mütze richtete den Feldstecher nun auf einen alten Apfelbaum, der in der Mitte des Gartens stand.
»Seltsam«, brummte er und drehte an dem Rädchen.
»Was ist?«, rief Karl-Dieter, während er die Zahnputzbecher kritisch inspizierte.
»Da hängt so komisches Lametta in den Zweigen, sieht aus wie abgeschnittene Bindfäden.«
Mütze suchte die nähere Umgebung ab.
»Und das da, unter dem Baum, was haben all die zerbrochenen Eierschalen dort zu suchen?«
»Wir kriegen zum Frühstück Eier von hauseigenen Hühnern«, rief Karl-Dieter, während er sicherheitshalber auch den abgewetzten Teppichboden des Zimmers mit Sagrotan bedampfte, litt er doch seit einiger Zeit unter einer ausgeprägten Fußpilzphobie. »Hab’s auf der Schiefertafel gelesen, die in der Rezeption hing.«
»Rezeption?« Mütze lachte auf. Die verstaubte Theke hatte mit einer Rezeption ungefähr so viel zu tun wie Herne-West mit der deutschen Meisterschaft.

Der Abend war gekommen, zu Essen gab’s im Ewigen Frieden nichts. Das Haus war eine reine Frühstückspension. Im Dorf gebe es eine Kneipe mit Abendkarte, hatte die Wirtin gemurmelt.
»Also was ist, gehen wir?«
»Nur noch die Türklinke«, sagte Karl-Dieter und ließ die Sagrotanflasche ein letztes Mal aufstauben.
Drittes Kapitel
Von einem Ortskern zu sprechen, war die reinste Übertreibung. Finsterfelde gehörte zu den Dörfern, in die man nur zwei Schritte tun konnte: einen hinein und einen hinaus. Fontane hatte in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg Finsterfeldes Übersichtlichkeit gelobt, für ironische Kommentare schien es kein dankbareres Kaff zu geben.
»Warum ist er dann überhaupt hierhergekommen?«, wollte Mütze wissen.
»Er wollte eigentlich nur durchfahren, da brach der Kutsche ein Rad.«
Karl-Dieter war das wandelnde Fontanelexikon.
»Und wie hat er sich die Zeit vertrieben?«
»Er ist hinüber zur Windmühle, um sich einen Überblick über die Landschaft zu verschaffen.«
»Und? Hat sie ihm gefallen?«
»Ich glaub, nicht besonders. Zu viel Landschaft, das war nichts für Fontane.«
Die beiden Freunde hatten ihre Jacken im Zimmer gelassen. Der Juni war heiß, die Tage lang. Mützes Magen knurrte wie ein Löwe beim Anblick einer Gazelle. Hoffentlich gab es was Vernünftiges auf die Gabel. Am liebsten ein saftiges Eisbein oder ein argentinisches T-Bone-Steak. Mann, er hatte Urlaub! Brötchendiät war was für andere, nicht für einen durchtrainierten Kriminalkommissar.
»Und warum zum Teufel dürfen wir der Wirtin nicht verraten, was wir hier suchen?«, fragte er Karl-Dieter, als sie die staubige Dorfstraße entlanggingen. »Ich mein, sie hat doch die Vermisstenanzeige gestellt, sie dürfte doch froh sein, wenn wir uns kümmern.«
»Tante Dörte hat gemeint, wir sollten vorsichtig sein und zunächst undercover ermitteln.«
Tante Dörte! Das Wort seiner Ziehmutter war Karl-Dieter heilig. Mit Max und Moritz war die Tante weitläufig verwandt, so viel hatte Mütze verstanden. Der verstorbene Vater der Zwillinge, Erwin Bolte, sei Tante Dörtes Schwippcousin gewesen, was immer ein Schwippcousin auch war. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter habe sie die Jungen in den Ferien immer mal wieder bei sich in Dortmund-Dorstfeld zu Gast gehabt, ganz bezaubernde Jungs, wie sie stets betonte. Und Max und Moritz müssen sich bei ihr pudelwohl gefühlt haben, ja es hätte stets Tränen gegeben, wenn der Abschied nahte, wusste Karl-Dieter. Nach Ablauf des Trauerjahres habe Erwin Bolte erneut geheiratet, die Wirtin des Ewigen Friedens aus Finsterfelde. Mit ihrer Stiefmutter aber hätten sich die Jungs überhaupt nicht verstanden, deshalb das Internat im Spreewald.
»Aber warum eine Besserungsanstalt? Sind die beiden denn solche Strolche gewesen?«
»I wo! Tante Dörte hat stets von ihnen geschwärmt, ich weiß auch nicht, warum es der Spreewald sein musste.«
»Und warum die Undercover-Geschichte? Hat Tante Dörte dir gegenüber einen Verdacht geäußert? Traut sie der Wirtin nicht?«
»So direkt hat sie das nicht gesagt.«
Mütze schüttelte leise den Kopf und verzog das Gesicht. Solche Zeugen liebte er. Andeutungen machen, aber nicht mit der Sprache rausrücken. Glaubte Tante Dörte allen Ernstes, die Wirtin habe ihre beiden Stiefsöhne um die Ecke gebracht?
Die Kneipe Zum Großen Kurfürst war so heruntergekommen wie alles in Finsterfelde. Ein bärtiger Mann mit Hut saß einsam an der Theke und schien damit beschäftigt, etwas aufs Papier zu kritzeln, am Tisch im Eck saßen drei Männer und spielten Skat. Einer von ihnen, ein Schmachtlappen mit altertümlichem Zwicker auf der entzündeten Nase, schniefte ständig, sein Nachbar zur Rechten, ein älterer Mann mit gerötetem, ungesund nacktem Mondgesicht ohne Wimpern und Augenbrauen, schien die Intelligenz zu verkörpern, der dritte der Herren war deutlich zu breit für den schmalen Stuhl, zudem war er seltsam weiß bestäubt, sah fast aus wie ein Schneemann. Schwarz war nur seine Augenklappe, die ihm ein leicht verwegenes Äußeres verlieh. So saßen sie kartendreschend über ihrem Bier und sahen misstrauisch auf, als Mütze und Karl-Dieter den Raum betraten. Der Wirt, ein Mann mit verschmutzter Schürze und gemütlichem Gesicht, begrüßte die beiden Gäste.
»Gibt’s noch was Warmes?«, fragte Mütze.
»Hühnerfrikassee.«
Mütze sah Karl-Dieter an. Karl-Dieter nickte. Hühnerfrikassee, warum nicht? Hatte es früher bei Tante Dörte an manchen Sonntagen gegeben. Mit frischen Champignons, Kapern und gebuttertem Reis ein Gedicht. Sie setzten sich, und Mütze bestellte sich ein Bier. Karl-Dieter hingegen fiel die Wahl schwerer, obwohl oder gerade weil die Auswahl an alkoholfreien Getränken sehr übersichtlich war. »Eine Apfelsaftschorle, bitte!«, sagte er nach langem Zögern.
Die Stammtischbrüder hatten die Karten beiseitegelegt, steckten die Köpfe zusammen und tuschelten. Zu Mützes Ärger hatte der Wirt das Radio lauter gedreht, sodass vor lauter Helene-Fischer-Gedudel nicht zu verstehen war, worüber sich die drei unterhielten. Auf einmal stehst du da und lachst mich an, in meinem Kopf ist eine Achterbahn … Mütze hasste es, inkognito unterwegs zu sein. Üblicherweise hätte er jetzt lässig seinen Dienstausweis gezückt. Schwungvoll hätte er sodann das Foto von Max und Moritz auf den Skattisch geknallt und die drei Herren gefragt, wer die beiden Jungen zuletzt gesehen hatte. Aber wenn Tante Dörte meinte …
Der Wirt brachte die Getränke und zwei dampfende Teller.
»Biofleisch«, sagte er mit geheimnisvollem Lächeln, als würde er Karl-Dieters Vorlieben erahnen.
Karl-Dieter war überrascht. Biofleisch! Nie im Leben hätte er das erwartet, nicht in Finsterfelde, nicht in diesem Lokal.
»Von welchem Hühnerhof?«, wollte er wissen.
»Von hier natürlich, aus unserem schönen Finsterfelde«, bekam er zur Antwort, was ihn noch mehr erstaunte.
Karl-Dieter griff hungrig zu. Gar nicht mal so schlecht, das Frikassee. Nicht wie bei Tante Dörte mit Kapern und Champignons, sondern mit Spargel und Erbsen. Nur etwas zu viele Zwiebeln für seinen Geschmack, unauffällig schob er sie an den Rand, von dort löffelte sie Mütze entschlossen auf seinen Teller. Kein T-Bone-Steak, kein Eisbein, dann eben ein Frikassee.
»Es ist eigentlich gar kein Frikassee«, sagte Karl-Dieter, während er prüfend die Augen schloss.
»Was dann?«
»Es ist nach Art eines Blanketts zubereitet, anderes Garverfahren, andere Bindung.«
Mütze staunte wieder einmal. Karl-Dieter, das Schleckermäulchen. Nichts entging seiner Zunge. Auch die Damen vom Erlanger Hausfrauenbund, bei denen Karl-Dieter Kochkurse belegte, gerieten regelmäßig in Verzückung über Karl-Dieters sensorische Fähigkeiten. Während der Kommissar sein Frikassee oder auch Blankett verputzte, sah er immer wieder unauffällig zum Nachbartisch hinüber. Man hatte das Bier ausgetrunken und war zum Wein übergegangen. Täuschte er sich oder feixte man dort drüben? Dieses Grinsen auf dem Mondgesicht und das fröhliche Niesen des Schmachtlappens, hatte das mit ihnen zu tun?

Viertes Kapitel
Auf dem Weg zurück, die Sonne kratzte schon über den Horizont, kamen die Freunde am Friedhof vorbei.
»Schau!«, sagte Mütze und blieb überrascht stehen.
Über den niedrigen Steinwall hinweg sah man neben einem frischen Grab eine Frau in Schwarz stehen. Sie schien damit beschäftigt, die Grabstätte mit Blumen zu bepflanzen.
»Witwe Bolte«, flüsterte Karl-Dieter.
Unwillkürlich traten die beiden hinter eine verrostete Tafel, auf der die Gemeinde Veranstaltungen und Beschlüsse bekanntmachte. Was nicht zu den offiziellen Verlautbarungen passte, war ein handgeschriebener Zettel, in aller Hast schien ihn jemand mit Tesafilm befestigt zu haben. Karl-Dieter las den Text und erbleichte.
Ach, was muss man oft von bösen
Kindern hören oder lesen!
Wie zum Beispiel hier von diesen
Welche Max und Moritz hießen.
Die, anstatt durch weise Lehren
Sich zum Guten zu bekehren,
Oftmals noch darüber lachten
Und sich heimlich lustig machten.
Ja, zur Übeltätigkeit,
Ja, dazu ist man bereit!
Menschen necken, Tiere quälen,
Äpfel, Birnen, Zwetschgen stehlen
Das ist freilich angenehmer
Und dazu auch viel bequemer,
Als in Kirche oder Schule
Festzusitzen auf dem Stuhle.
Aber wehe, wehe, wehe,
Wenn ich auf das Ende sehe!
Ach, das war ein schlimmes Ding,
Wie es Max und Moritz ging.
»Wahnsinn!«, entfuhr es Karl-Dieter.
Mütze hingegen pfiff durch die Zähne. Dann zog er sein Smartphone aus der Hosentasche und schoss ein Foto.
»Was für eine Frechheit!« Karl-Dieter schüttelte den Kopf, als sie Richtung Mühle weitergingen. »Die armen Waisenkinder so zu verhöhnen, noch dazu in vierhebigen Trochäen.«
»Vierhebige was?«
»Ach, egal, das Geschmier ärgert mich total.«
»Was ärgert dich daran? Dass du dein Bild von den ach so braven Jungs korrigieren musst? Vielleicht ist deine liebe Tante Dörte doch etwas blauäugig gewesen. ›Menschen necken, Tiere quälen, Äpfel, Birnen, Zwetschgen stehlen‹, das klingt ja doch etwas anders, das klingt nach echten Flegeln.«
»Rufmord ist das, wenn du mich fragst, nichts weiter. Und die beiden können sich noch nicht mal dagegen wehren, jetzt, wo sie weg sind.«
»Rufmord fällt nicht in mein Ressort«, grinste Mütze.
Als sie den Ewigen Frieden erreichten und die Tür aufsperrten, hörten sie den Spitz knurren.
»Der will sich doch nur wichtigmachen«, sagte Mütze – und tatsächlich, als sie in den Flur traten, machte sich der Spitz winselnd aus dem Staube.
»Wir scheinen die einzigen Gäste zu sein.« Karl-Dieter betrachtete das Schüsselbrett, an dem nur ihr Schlüssel fehlte.
»Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.«
»Wieso?«
»Hast du den Käfer draußen nicht gesehen, das Cabrio?«
»Und wenn er der Witwe gehört?«
»Würde mich doch sehr wundern«, sagte Mütze und blickte sich um, »steh mal kurz Schmiere.«
»Was hast du vor?«
»Will mich nur mal kurz umschauen.«
Knarrend öffnete er eine Brettertür, hinter der eine schmale halb gewendelte Treppe zum Keller hinabführte.
»Ich bin dann mal weg!«
Während Mützes Schritte im Keller verklangen, sah Karl-Dieter unruhig zum Fenster hinaus. Bestimmt kam die Witwe jeden Augenblick vom Friedhof zurück. Hoffentlich beeilte Mütze sich. Das seltsame Gedicht, es hatte Karl-Dieter verunsichert. »Wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe!« Was hatte das zu bedeuten? Was war denn das, das Ende? Was sollte diese merkwürdige Anspielung? Wer hatte das geschrieben? Wer erdreistete sich, sich in dieser miesen Art über die beiden verschwundenen Schüler lustig zu machen, wer erlaubte sich, so zu tun, als ob die beiden die schlimmsten Verbrecher wären? Karl-Dieter glaubte weiter Tante Dörte. Tante Dörte konnte sich nicht täuschen. Wen sie ins Herz geschlossen hatte, der war ein anständiger Mensch. Punkt. In diesem Augenblick sah Karl-Dieter eine dunkle Gestalt um die Ecke biegen, rasch näherte sie sich dem Haus. Die Witwe!
»Mütze!«, rief er in den dunklen Keller hinab. Da klackerte es schon an der Haustür, die Wirtin trat ein.
Fünftes Kapitel
Schnaufend ließ sich Karl-Dieter auf das Bett fallen. Im letzten Moment hatte er die Kellertür schließen können. Was aber, wenn die Wirtin das Knarren gehört hatte, wenn sie einen prüfenden Gang in den Keller machte und Mütze entdeckte? Dann war Schluss mit inkognito, dann würde ihr klar werden, welches Spiel hier gespielt wurde. Und wenn Witwe Bolte tatsächlich Dreck am Stecken hatte, wie es Tante Dörte vermutete, dann konnten sie gleich ihre Koffer packen.
Zäh verrannen die Minuten. Atemlos lauschte Karl-Dieter in die Dunkelheit. Was mochte Mütze im Keller finden? Es würden doch nicht … Nein, Karl-Dieter verbot sich, daran zu denken, dennoch drängte sich ihm der Gedanke auf, wieder und wieder. Zugegeben, Tante Dörte schien der Witwe manches zuzutrauen, aber dass diese die beiden Jungs … Bislang hatte Karl-Dieter es nicht für möglich gehalten, jetzt aber, wo er mit klopfendem Herzen allein im Zimmer wartete, sah er vor seinem Auge Max und Moritz plötzlich vor sich, sah sie tot im Kartoffelkeller liegen, vergiftet von ihrer bösen Stiefmutter. Karl-Dieter setzte sich auf und lauschte. Wann kam Mütze endlich zurück? Hin und wieder drang ein Geräusch an sein Ohr, ein Klackern und leises Stühlerücken, das musste die Wirtin sein, sie schien im Gastraum beschäftigt. Hoffentlich ging sie nicht in den Keller. Was aber, wenn doch? Wenn sie die Brettertür öffnete und die Treppe hinunterging, hinunter in den Keller? Und wenn sie dort tatsächlich Max und Moritz … Was würde sie dann mit Mütze machen? Ob sie bewaffnet war? Ob sie eine Knarre besaß? Karl-Dieter sprang auf, öffnete die Zimmertür einen Spalt und spähte ins dunkle Treppenhaus hinunter. Unten war nichts mehr zu hören, nicht das kleinste Geräusch drang an sein Ohr. Nur noch seinen eigenen Herzschlag, den hörte er pochen. Musste er nicht nachsehen, musste er nicht ebenfalls hinunter in den Keller? Er wollte gerade los, da klang in die Stille hinein ein diskretes Knarren aus dem Treppenhaus, Sekunden später tauchte eine Gestalt aus dem Dunkeln auf. Karl-Dieter plumpste ein Stein vom Herzen. Es war Mütze.
»Und?«, fragte Karl-Dieter atemlos.
»Eine Mausefalle und ein dickes Fass.«
»Ein Fass? Was für ein Fass?«
»Ein Fass voller Sauerkraut.«
Sechstes Kapitel
Mitten in der Nacht erwachte Karl-Dieter. Wie spät mochte es sein? 2 Uhr, 3 Uhr? Und was war es, das ihn geweckt hatte? Ist es der Wind gewesen, der aufgekommen war und nun ums Haus heulte? Nein, es ist nicht der Wind gewesen, auch nicht dessen Pfeifen im Kamin, es war ein anderes Geräusch, ein ächzendes Klappern und Knarren, das sich zu einem immer schnelleren Rhythmus aufschwang. Karl-Dieter trat ans Fenster und schob die vergilbte Gardine beiseite. Die Windmühle! Das Geräusch kam von der Windmühle. Sie hatte sich in Gang gesetzt. Die schwarzen Schatten ihrer Flügel schwangen durch die Nacht wie Fallbeile, es war, als wollten sie die Dunkelheit zerhacken, dazu stöhnten Holz und Sparren zum Gotterbarmen. War das üblich? Mitten in der Nacht zu mahlen?
Karl-Dieter blickte eine Weile in die Nacht hinaus. Wo nur mochten Max und Moritz stecken? Waren sie hier in Finsterfelde? Hielt man sie irgendwo versteckt, in einem Verlies als Kellerkinder, so wie einst Kaspar Hauser? Er wollte die Gardine schon wieder zurückgleiten lassen, da sah er eine Person um die Ecke biegen. Sie hatte sich in ein Tuch verhüllt und eilte durch den Garten zu einem der rückwärtigen Fenster, das einen Spalt weit offen stand. Karl-Dieter bekam große Augen. Die dunkle Person hielt inne, zog etwas Weißes aus der Tasche und warf es durch den Fensterspalt ins Zimmer hinein.
Jetzt erst löste sich Karl-Dieter aus der Erstarrung. Rasch weckte er Mütze, der sofort zum Fenster lief. Gemeinsam starrten sie hinaus in die Nacht. Nichts war zu sehen. Nur die Schatten der Windmühlenflügel durchschnitten die Dunkelheit, wieder und wieder, dazu stöhnte und ächzte es wie unter einer großen Last.
Zitat
Denn hinderlich, wie überall.
Ist hier der eigne Todesfall.
Wilhelm Busch
Samstag
»Du wirst es dir eingebildet haben.«
»Habe ich nicht!«
»Es wird ein Schatten der Windmühle gewesen sein.«
»War es nicht.«
Die Freunde saßen alleine im Eck des Frühstückszimmers. Über ihnen an der Wand hing eine goldblechgerahmte Autogrammkarte mit dem verblichenen Foto eines fröhlichen Schlagerpaars. »Danke für die Gastfreundlichkeit, Dagmar Frederic und Siegfried Uhlenbrock«, stand mit schwarzem Filzstift darauf geschrieben. Lange her. Niemand anderes schien mehr auf die Idee zu kommen, in diesem gottverlassenen Nest Urlaub zu machen, geschweige denn, ein Konzert zu geben. Das Frühstück hätten frühere Generationen lächelnd als frugal bezeichnet, Mütze sagte einfach nur Frechheit dazu. Nicht mal ein Frühstücksei gab es, trotz der vollmundigen Ankündigung auf der Schiefertafel. Obwohl, jetzt erst fiel Mütze auf, dass der Spruch »Eier von hauseigenen Hühnern« weggewischt worden war. »Aus gegebenem Anlass keine Eier mehr«, war dort nun zu lesen. »Aus gegebenem Anlass …«, die Freunde rätselten, was das bloß zu sagen hatte. Aber selbst mit Eiern hätte das Frühstück nicht mal den Jugendherbergsmindeststandard erreicht. Die vier Aldi-Brötchen in dem Plastikkorb waren sicher im Ofen aufgebacken, den Marmeladenglibber musste man aus kleinen Aufziehaluschälchen kratzen, die Butter war kühlschrankhart, und die bräunliche Plörre, die ihnen Witwe Bolte als Kaffee verkaufen wollte, war ungenießbar.
Verdrossen biss Mütze in ein trockenes Brötchen. Nicht nur das Frühstück verdarb ihm die Laune. Was sollten sie hier länger? Wenn die Bengel wirklich in Finsterfelde waren, wo sollten sie anfangen zu suchen? Und warum durften sie mit niemandem darüber sprechen, warum sie hier waren? Was sollte die verdammte Geheimnistuerei?
»Tante Dörte …«
»Jetzt hör mit Tante Dörte auf!«
»Sie hat ihre Gründe.«
»Und welche, bitte schön?«
Karl-Dieter senkte den Blick und mühte sich krampfhaft, mit dem Messer etwas von dem Buttereisklotz zu kratzen.
»Würdest du mir bitte antworten, Knuffi?«
»Ich sag’s dir nur, wenn du mich nicht auslachst.«
»Hab ich dich schon mal ausgelacht?«
»Also gut.«
Karl-Dieter machte eine kurze Pause. Die Wirtin kam um die Ecke gebogen, in der Hand eine Porzellanschale, in der zwei Döschen Kaffeesahne kreiselten. Alles war offensichtlich genau abgezählt, bloß die Gäste nicht zu sehr verwöhnen! Als sie die Porzellanschale auf den Tisch stellen wollte, stürzten von der Zimmerdecke plötzlich zwei Schatten herab, zwei dicke Käfer, die anfingen, die Wirtin brummend zu umschwirren. In aggressiven Kurven setzten sie zum Angriff an, umsurrten Kopf und Nase der Alten in immer dichteren Attacken. Klirrend ließ die Witwe die Porzellanschale fallen, schrie auf und schlug heftig nach den Tierchen.
»Ich erschlag euch, ihr Mistkäfer«, rief sie kreischend und wedelte wie verrückt mit den Armen.
»Aber nicht doch«, rief Karl-Dieter, »das sind doch Maikäfer!«
Rasch sprang er auf und fing die Brummer geschickt mit der Serviette ein, um sie aus dem geöffneten Fenster ins Freie zu entlassen.
»Dass es noch Maikäfer gibt«, sagte er mit verwundertem Lächeln, die Witwe aber lief schimpfend davon. Die Freunde waren wieder allein.
»Nun?«, sagte Mütze, »was ist, was wolltest du mir sagen?«
Statt zu antworten, zog Karl-Dieter sein Handy hervor. Schnell wischte er eine WhatsApp herbei, die ein eigentümliches Foto zeigte.
»Was soll das sein?«, fragte Mütze knurrend.
»Dortmund-Dorstfeld. Der Weg zwischen Tante Dörtes Salatbeeten.«
»Willst du mich auf den Arm nehmen?«
»Du musst genau hinschauen.«
Karl-Dieter spreizte das Bild etwas, sodass es sich vergrößerte. Zu sehen war ein sorgfältig geharkter Sandweg.
»Erkennst du’s jetzt?«
Er vergrößerte es weiter, bis die Körner des geharkten Weges zu unterscheiden waren. An einer Stelle aber waren die parallelen Linien durchbrochen.
»Da hat ein Vogel im Sand gescharrt.«
»Richtig«, flüsterte Karl-Dieter, »es könnte ein Vogel gewesen sein, ein Himmelsbote. Dann muss es aber ein besonderer Vogel gewesen sein, ein recht gebildeter. Schau doch, da hat doch jemand was in den Sand geschrieben.«
Karl-Dieter vergrößerte das Foto noch ein wenig.
»Ich sehe nichts«, sagte Mütze.
»Man muss sich etwas einsehen«, sagte Karl-Dieter, »da oben, erkennst du’s? Da steht doch das Wort Erwin.«
Mütze blickte auf die Stelle. Hm. Mit etwas Fantasie konnte man sich tatsächlich einbilden, den Namen Erwin in dem Gekritzel zu erkennen.
»Okay«, sagte Karl-Dieter erleichtert, »und nun das Wort darunter.«
Mütze schob die Lesebrille weit auf seine Nasenspitze und buchstabierte, was mit krakeligen Vogelkrallen auf den Weg geschrieben zu sein schien: »M – O – R – D«.
»Mord!«, sagte Karl-Dieter und schwieg bedeutungsschwer.
Siebtes Kapitel
Stinksauer war kein Ausdruck. Wutschnaubend warf Mütze seine Sachen in den Koffer. Keine Sekunde länger würde er mehr in diesem Kaff bleiben. Auf was für einen Irrsinn hatte er sich da eingelassen. Mensch, Karl-Dieter! Dass Tante Dörte zu spinnen begann, geschenkt, sie war nicht mehr die Jüngste. Dass sich jedoch Karl-Dieter von der Spinnerei anstecken ließ, machte ihn einfach nur sprachlos.
»Jetzt warte doch mal eine Sekunde«, sagte Karl-Dieter.
Die Art, wie Mütze die von ihm so sorgfältig zusammengelegten Hemden einfach in den Koffer stopfte, verursachte ihm körperliches Unwohlsein.
»Lass mich doch erklären. Nachdem Tante Dörte die Botschaft gelesen hat, hat sie sogleich versucht, die Söhne von Erwin Bolte zu erreichen. Max und Moritz sind doch unmittelbar nach Eintreffen der Todesnachricht aus dem Internat geflohen und nach Finsterfelde gefahren. Am Tag nach der Beerdigung hat Tante Dörte die Botschaft auf ihrem Gartenweg entdeckt und sogleich versucht, die Jungs zu erreichen. Vergebens. Beide Handys tot! Daraufhin hat Tante Dörte bei Witwe Bolte angerufen. Die Jungen seien auf und davon, hat die Wirtin ihr erzählt, keiner wüsste, wohin.«
»Vielleicht sind sie zurück ins Internat, um noch ihre Sachen zu holen.«
»Eben nicht! Schlimmer noch, welcher Halbwüchsige kann auch nur einen Tag ohne sein Handy leben?«
Im selben Moment ertönte ein kurzes Kläffen. Erschrocken blickte Karl-Dieter zur Tür. Jetzt erst bemerkte er den Spitz. Er musste sich mit ihnen ins Zimmer gestohlen haben. Der Hund saß aufrecht auf seinem Hinterteil, hatte seine Vorderpfoten durchgedrückt und sah sie mit klugen Knopfaugen an. Dann bellte er erneut, ein kurzer Laut, nicht ängstlich, nicht aggressiv, es klang vielmehr wie eine Bestätigung, Karl-Dieter würde später sagen, wie eine Aufmunterung. Doch bevor er etwas sagen konnte, polterte es draußen, zugleich wurde die Tür mit Schwung aufgerissen, Witwe Bolte stampfte ungebeten ins Zimmer. Wütend beugte sie sich nieder und gab dem Spitz was hinter die Ohren. »Raus hier, du Gauner! Was hast du hier verloren?« Winselnd zog der Spitz den Schwanz ein und eilte die Treppe hinunter. »Und Sie, meine Herren, lassen künftig meinen Hund in Ruhe, haben wir uns verstanden?«
Achtes Kapitel
Mütze wollte eine Weile für sich sein? Gut, in Ordnung, des Menschen Wille war sein Himmelreich! Verärgert marschierte Karl-Dieter los. Auch ihm war es sehr recht, ein Stündchen für sich allein zu haben. Was bildete sich Mütze ein? Ohne ihn zu fragen, den Koffer zu packen! Ging man so miteinander um? Stand man nicht zusammen in guten wie in schlechten Zeiten? Gut, man sollte nicht dramatisieren. Von einer schlechten Zeit zu sprechen, war stark übertrieben. Dennoch, ging es nicht darum, die Sorgen des anderen zu teilen, Anteil zu nehmen an dem, was den Partner beschäftigte? Karl-Dieter lief unwillkürlich schneller. Er konnte nicht anders, er machte sich nun mal Sorgen, Sorgen nicht nur um Max und Moritz, fast mehr Sorgen noch um Tante Dörte. Er konnte doch auch nichts dafür; die gute Tante in Nöten zu wissen, war für ihn unerträglich. Alles hatte Tante Dörte für ihn getan, immer ist sie für ihn da gewesen, und nun sollte er sie enttäuschen? Unmöglich!
Zum Dorf zog ihn nichts, stattdessen schlug er den Weg hinunter zu den Flussauen ein. Er liebte die schlichten Landschaften der Mark, er brauchte keine dramatischen Gebirgspanoramen, keine spektakulären Strände. Das weite grüne Land, die sanft sich wellenden Felder, die vielen versteckten Seen, die kleinen Wälder, die freundlichen Dörfer, all das wirkte wie Balsam auf sein Gemüt. Karl-Dieter spürte, wie sein Ärger nachließ. Nicht lange und er stieß auf einen kleinen Bach, dessen Ufer er folgte. Murmelnd flossen die munteren Wellen durch die Wiesen, bis sie sich hinter einer sanften Kurve entschlossen, sich schwungvoll in die größere Dosse zu ergießen.
Karl-Dieter blieb sinnierend stehen. Er hatte ein Faible für solch einen Ort. In Irland sind sie mal an so einer bezaubernden Stelle gewesen, bei Killarney. Meeting of the waters, hatten die Iren die Geburt des Avoca-Rivers genannt. Die Franzosen sprachen von Confluence, von einem Zusammenfließen. Der Ausdruck traf es nach Karl-Dieters Meinung gut. Dennoch blieben Fragen. Schluckte der größere Fluss den kleineren, ging der kleinere im größeren auf, oder war es nicht vielmehr so, dass beide zusammen einen völlig neuen Fluss bildeten, der mehr war als die schlichte Summe ihrer Wassermengen?
Nicht ohne Grund sprach man auch beim Menschen von Einflüssen und vom Beeinflussen. Immer dann, wenn zwei Menschen sich etwas bedeuteten, wenn sie miteinander in Kontakt traten, beeinflussten sie sich zwangsläufig. Wie war es mit ihnen, mit ihm und Mütze? Wer nahm Einfluss auf wen und in welcher Weise? Eine Freundschaft war nicht möglich, ohne sich von solchen Einflüssen freizumachen. Wichtig nur war es, nicht völlig im anderen aufzugehen. Das konnte nicht das Ziel sein. Karl-Dieter seufzte. Wie oft hatte er eine solche Selbstaufgabe in seinem Bekanntenkreis erleben müssen. Das ging nicht gut, das nahm ein trauriges Ende. Dann trennte man sich lieber rechtzeitig. Doch selbst, wenn man auseinanderging, war man doch nicht mehr der, der man vorher gewesen war. Die Einflüsse blieben, man trug sie mit sich herum, ob man wollte oder nicht, ob sie einem guttaten oder nicht, selbst, wenn man sie loswerden wollte, wirbelten sie einem weiter durch die Adern.
Karl-Dieter kniete sich nieder. Seine Augen folgten dem Fluss. Der kleinere Bach war heller als die Dosse. Karl-Dieter versuchte, den Ort auszumachen, wo die Wasser der beiden Bäche sich endgültig vermengten. Ihm war, als würde der kleine Bach noch ein Weilchen seinen eigenen Weg nehmen, bevor sich alles verwirbelte. Einflüsse aufzunehmen, selbst positiv Einfluss zu nehmen, ohne sich dabei zu verlieren, war eine schwierige Kunst. Bisher war es ihnen gelungen, aber eine Garantie gab es natürlich keine.
Neuntes Kapitel
»Also noch mal von vorne«, seufzte Mütze.
Die Freunde saßen nebeneinander auf der Bettkante und ließen die Füße baumeln. Ihre Beine hätten nicht unterschiedlicher sein können, muskulös und durchtrainiert wirkten die Schenkel von Mütze, weich und blass die seines Freundes Karl-Dieter. Als Bühnenbildner kam es ja auch auf andere Qualitäten an. Beide Männer starrten geradeaus und sahen nicht sehr glücklich aus.
Mütze atmete tief durch: »Okay, versuchen wir zusammenzufassen. Was wissen wir? In Finsterfelde stirbt Erwin Bolte an einer Herzattacke. Seine Söhne kommen zur Beerdigung. Am nächsten Tag findet sich ein merkwürdiges Gekritzel auf dem Gartenweg von Tante Dörte in Dortmund-Dorstfeld, einige Hundert Kilometer entfernt. Tante Dörte ruft Max und Moritz an, keiner geht dran. Sie versucht es bei Witwe Bolte und erfährt, die beiden sind getürmt. Darauf ruft sie bei dir an, schickt dir per WhatsApp ein Foto von dem Sandgekritzel neben ihren Salatbeeten. Soweit die Fakten. Und was sollen wir jetzt damit anfangen? Erklär mir das.«
»Du hast was vergessen.«
»Und was, bitte schön?«
»Die dunkle Gestalt gestern Nacht, die mit dem Brief.«
»Wenn du dir das mal nicht eingebildet hast.«
»Ich hab’s mir nicht eingebildet!«
»Vielleicht war’s ein Verehrer der Witwe. Sie ist ja wieder zu haben.«
Karl-Dieter verstummte und betrachtete seine Zehen, die er wie immer sorgfältig pedikürt hatte. Gute Nagelpflege war Karl-Dieter wichtig. Mütze lachte nur darüber. Würde doch keiner sehen, wie die Fußnägel ausschauten. Das war typisch Mütze! Ob jemand anderes die Nägel sah oder nicht, war doch völlig egal. Es machte einfach ein gutes Gefühl, gepflegte Nägel zu haben. Karl-Dieter spreizte die blassen Zehen ein wenig, dann sagte er leise: »Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe.«
Sie einigten sich auf einen Kompromiss. Zwei Tage. So viel Zeit wollte Mütze investieren. Zwei Tage und nicht mehr. Heute war Samstag. Hatten sie bis Sonntagabend nichts Vernünftiges herausgefunden, würden sie abreisen. Er zumindest. Karl-Dieter könne ja gerne noch bleiben und nach Vogelspuren auf Sandwegen Ausschau halten.
»Und wo fangen wir an zu suchen?« Karl-Dieter versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie verletzt er war.
»Ich hatte gehofft, das könntest du mir sagen.«
»Der Brief. Er hat eine Bedeutung, das spüre ich. Beim Frühstück wirkte unsere Wirtin wie ein nervöses Huhn, fandest du nicht?«
»Das hatte einen völlig anderen Grund, das lag doch an den Käfern. Aber gut, auch Tante Dörte scheint der Witwe zu misstrauen. Dann schauen wir mal, was die gute Frau den Tag über so treibt.«
Zehntes Kapitel
Sie mussten nicht lange warten, bis die Haustür geöffnet wurde und die Witwe heraustrat, den Spitz an der Leine. Die beiden Freunde lugten heimlich um die Hausecke. Ein kleiner Sicherheitsabstand, dann liefen sie hinterher. Der Tag war heiß, die Sonne stand schon hoch am Himmel. Ein trockener Wind war aufgekommen, kleine Staubteufel wirbelten über die Dorfstraße. Finsterfelde war wirklich ein echtes Provinznest. Einige Dutzend armselige Häuser, eine gedrungene Backsteinkirche, wie es sie in der Gegend häufig gab, die Dorfschule in ihrem Schatten, das Wirtshaus Zum Großen Kurfürst, das war’s. Die Straße war breit, typisch für eine Dorfstraße in der Mark Brandenburg, am Platz brauchte man nicht zu sparen, zu unergiebig war der Sandboden, man nahm keinem Bauern auch nur einen Quadratmeter wertvollen Boden weg. Die enorme Breite der Straße aber verstärkte den Eindruck der Trostlosigkeit weiter. Finsterfelde lag im brandenburgischen Nirgendwo, irgendwo zwischen Wittstock und Wusterhausen, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen würden, wenn sie denn das Kaff je gefunden hätten. Neben der erwähnten Windmühle war Finsterfeldes einziger Stolz, von Theodor Fontane in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg erwähnt worden zu sein und zwar als Ort, an dem sich ein schrecklicher Mord an einem französischen Soldaten während der Zeit der Napoleonischen Kriege ereignet haben soll. Lange hatte sich der Glaube daran gehalten, die Leiche des Soldaten würde als Gespenst durch die Nächte geistern und seine Mörder suchen. Schauerlich.
Mütze staunte einmal mehr, was Karl-Dieter alles über Fontane und seine Mark Brandenburg wusste.
»Er ist eben mein Lieblingsdichter«, sagte Karl-Dieter.
»Habt in eurem Theater wohl schon viele Stücke von ihm aufgeführt?«
»O Mann, Mütze! Theaterstücke von Fontane sind ungefähr so zahlreich wie Wellnesshotels in Finsterfelde.«
»Oder Meisterschalen in Herne-West?«
»Auch das.«
Hinter der Kirche bogen Hund und Wirtin links ab. Ein schmaler Feldweg wand sich hinunter zu den grünen Auenwiesen, durch die sich die Dosse schlängelte. Der Weg endete nach einigen Hundert Metern an einer gesperrten Holzbrücke, rot-weiße Flatterbänder knatterten im Wind. Dicht daneben führte eine frisch geschotterte Zufahrt zu einer langen Eisenplatte, die man neben dem Holzsteg über den Fluss gelegt hatte. »Behelfsbrücke. Benutzung auf eigene Gefahr«, stand warnend auf einem Schild. Darunter war ein Totenkopf mit gekreuzten Knochen gemalt: »Eltern haften für ihre Kinder.« Dem Spitz schien die Eisenplatte nicht geheuer zu sein, heftig zog er an der Leine, um ans andere Ufer zu gelangen. Nicht weit vom Fluss entfernt duckte sich ein niedriges Haus unter alte Kopfweiden, an der Straßenseite schaukelte an einem ausschwingenden Haken eine kupferne Schere im Wind. »Kunstschneiderei Böck«, stand über der grünen Eingangstür, »Maßanfertigungen und Änderungen aller Art.« Mit ein paar schnellen Handgriffen band die Witwe den Hund an einer Weide fest und klopfte an die Tür. Ein kleines Fenster ging auf, und ein schmaler Kopf schob sich ins Freie.
»Erkennst du ihn?«, flüsterte Mütze und stieß Karl-Dieter in die Seite.
»Der Mann mit dem roten Zinken und der Zwickerbrille, einer der Skatbrüder«, flüsterte Karl-Dieter zurück, während der Kopf wieder verschwand. Kurz darauf wurde die Haustür geöffnet und Witwe Bolte schlüpfte ins Haus.
Mütze und Karl-Dieter hatten sich in den Büschen neben der Brücke versteckt gehalten. Jetzt sahen sie sich fragend an. Sollten sie es wagen, zur Schneiderei zu schleichen? Vielleicht konnten sie durch das geöffnete Fenster ein paar Brocken von dem Gespräch aufschnappen. Warum nicht? Was hatten sie schon zu verlieren? Sie wollten gerade loslaufen, da gab es einen schnalzenden Laut. Der Spitz! Er hatte sich mit einem Ruck vom Baum losgerissen und kam über die Brücke gelaufen, direkt auf sie zu. Er schien in keiner Weise überrascht, sie zu sehen, im Gegenteil, wie auf einen geheimen Befehl stoppte er unmittelbar vor ihren Füßen, machte Sitz und sah sie schwanzwedelnd an. Dann entfuhr ihm ein geheimnisvolles »Rawau!«, zugleich machte er einen Sprung an ihnen vorbei, sah sich um und blickte sie aufmunternd an, machte einen weiteren Satz und blickte erneut zurück.
»Der hat was für uns!«, rief Mütze. »Los, hinterher!«
So liefen sie den Weg zurück dem Dorfe zu, immer auf den Spuren des Hundes, der sich von Zeit zu Zeit umsah, wie um sich zu vergewissern, dass sie ihm noch folgten. Vor dem Dorf schlug er sich in einen Feldweg, der im weiten Bogen um den Dorfkern herum zum Friedhof führte. Der Gottesacker war mit einer niedrigen Feldsteinmauer umgeben, Findlinge gab es in der Mark Brandenburg an jeder Ecke, die letzte Eiszeit hatte unzählige herbeigerollt. Ein schmiedeeisernes Tor schloss den Friedhof zur Straße hin ab. Hier blieb der Spitz sitzen und wartete ungeduldig auf Mütze und Karl-Dieter. Ohne lange zu überlegen, drückte Mütze das Tor auf, und der Spitz schoss an ihnen vorbei, die kleine Allee von Lebensbäumen entlang, um vor dem Leichenhaus scharf links abzubiegen. Als die Freunde den Abzweig erreicht hatten, sahen sie den Hund vor einem frischen Grabhügel, der dicht mit Stiefmütterchen bepflanzt worden war, sitzen. Karl-Dieter mochte Stiefmütterchen nicht, sie sahen aus, als hätten sie den bösen Blick. Er wünschte sich nichts als einen Rosenstock aufs Grab.
»Erwin Bolte«, las Mütze von dem schmalen Holzkreuz ab.
Ein zerzauster Efeukranz lag daneben. »In ewiger Liebe, deine Witwe«, stand auf der Schärpe zu lesen. Genau an dieser Stelle hatten sie gestern beim Weg von der Gastwirtschaft zurück zur Pension ihre Wirtin beim Blumenpflanzen gesehen.
»Und nun?«, fragte Karl-Dieter, indem er sich zu dem Spitz niederkniete, um ihm den Hals zu kraulen.
Zu Karl-Dieters nicht geringem Erschrecken aber sprang der Spitz plötzlich auf den Grabhügel hinauf und fing an, die Blumen und die Erde wegzuscharren, dass es nur so spritzte.
»Er will sein Herrchen ausbuddeln«, rief Karl-Dieter entsetzt.
Sie waren so überrascht, dass sie den Mann nicht bemerkten, der hinter sie getreten war. Er setzte einen Fuß auf das Grab, packte den Spitz mit harter Hand am Nackenfell und riss ihn unsanft in die Höhe.
»Was soll der Blödsinn?«, rief der Mann mit böser Stimme.
Sie blickten ihm ins Gesicht. Es war sehr rund, ohne jedes Haar am Kopf, ja selbst Brauen und Wimpern fehlten, dazu war es auffallend gerötet. Sie kannten den Grobian bereits, kein Zweifel. Es war einer der Skatbrüder vom gestrigen Abend. Ohne auf eine Antwort zu warten, lief er mit dem jaulenden und zappelnden Hund am ausgestreckten Arm zur Friedhofsmauer, warf ihn mit Schwung hinüber und verschwand.
Elftes Kapitel
Dieser Idiot von Dorfschullehrer! Klar, dass er nervös wurde, hing er doch tief in der dreckigen Sache mit drinnen. Diese Bande, diese Verbrecher! Ich aber werde es ihnen zeigen, darauf können Sie sich verlassen. Warum ich dem ollen Lämpel nicht in die Hand gebissen habe? Nun, noch muss ich den harmlosen und etwas dämlichen Spitz spielen. Zum Glück aber hab ich von jetzt ab zwei Verbündete, Mütze und seinen Freund. Nur ich scheine zu wissen, was die beiden Fremden in Finsterfelde suchen, ein unschätzbarer Vorteil. Die beiden hab ich nur der guten Dörte zu verdanken, meiner Schwippcousine. Sie hat meine Botschaft verstanden. Ich könnte ihr das Gesicht abschlecken vor Dankbarkeit!
Zwölftes Kapitel
»In Edinburgh gab es mal einen Hund, Bobby hat er geheißen, glaube ich. Der hat 14 Jahre lang das Grab seines verstorbenen Herrchens bewacht. Als er dann selbst starb, hat man ihn heimlich auf dem Friedhof bestattet, direkt neben dem Grab, an dem er immer gesessen hatte. Ist das nicht eine schöne Geschichte?«, seufzte Karl-Dieter. »Welche Liebe, welche Treue!«
»Schöne Geschichte? Nichts weiter als ein tierischer Reflex. Kein Zeichen von Liebe, kein Zeichen von Treue, sondern lediglich ein Zeichen von Dummheit.«
»Aber Mütze, wie kannst du so reden! Nicht vom Grab eines geliebten Menschen zu weichen, ist das nicht ein wunderbarer Beweis ewiger Verbundenheit?«
»Ewige Verbundenheit? Blödsinn! Was würdest du dazu sagen, wenn ich nach dem Tod 14 Jahre nichts Besseres zu tun hätte, als an deinem Grab zu hocken?«
Im selben Moment merkte Mütze, dass er einen Fehler gemacht hatte. Karl-Dieters Gesicht verschattete sich, schmerzhaft verzog sich sein Mund.
»Mensch, Knuffi! Jetzt sei doch nicht gleich wieder beleidigt, ich meine, das würde ich doch auch von dir nicht verlangen, stell dir mal vor, du würdest 14 Jahre bei Wind und Wetter an meinem Grab sitzen.«
»Schon. Du hättest es aber etwas freundlicher ausdrücken können.«
»Na schön«, seufzte Mütze, »entschuldige! Ich wollte nur sagen, die Aktion von dem Spitz bringt uns keinen Millimeter weiter. Auf dem Grab herumzuscharren! Nichts als die verständliche Trauerreaktion einer alleingelassenen Kreatur.«
Die beiden Freunde saßen auf einer Bank im Schatten der kleinen Friedhofskapelle. Die Sonne stand schon hoch am Firmament. Mütze spürte, wie er Durst bekam. Gerade wollte er aufstehen, um sich an dem Wasserhahn zu bedienen, mit dem die Gießkannen befüllt wurden, da sah er jemanden am Friedhof entlangeilen. Es war die Witwe, sie lief zur Pension zurück. Der Spitz lief mit eingekniffenem Schwanz neben ihr her und sah sehr unglücklich aus. Wahrscheinlich hatte er wieder was hinter die Löffel bekommen. Mütze sah den beiden nach und pfiff leise durch die Zähne.
»Was ist?«, fragte Karl-Dieter.
»Das ist in der Tat nicht ganz unverdächtig«, sagte Mütze, ohne die Witwe aus den Augen zu lassen.
»Was denn?«
»Schau doch mal, was sie in der Hand hält.«
»Was hält sie denn in der Hand? Ich sehe nichts.«
»Ganz genau. Sie hält nichts in der Hand.«
»Was ist daran verdächtig, wenn jemand nichts in der Hand hält?«
»Was hat sie denn in der Hand gehalten, als sie zum Schneider ging?«
»Ebenfalls nichts.«
»So ist es. Wenn du zum Schneider gehst, ohne ihm etwas zu bringen, was willst du dann wohl bei ihm?«
»Ah so!« Karl-Dieter begriff. Um sich zu rechtfertigen, aber sagte er: »Vielleicht hat sie ja nur den Abholschein vergessen.«
Dreizehntes Kapitel
Glauben Sie an Seelenwanderung? Also ich nicht. Jedenfalls nicht bis zu dem Moment, als mir die Sache am eigenen Leibe passiert ist. Es ist ein komisches Gefühl, plötzlich in einem anderen Körper zu stecken. Auch als Spitz ist das Leben nicht sehr kommod, das können Sie mir glauben, aber plötzlich eine Krähe zu sein, das ist noch eine Schippe verrückter. Man ist ja auf so was nicht vorbereitet, nicht in unserem Kulturkreis. Seelenwanderung, das ist doch was für Hindus oder Buddhisten, nichts aber für einen Christenmenschen! Ein Hindu oder Buddhist lernt schon im Tempel oder in der Schule, was ihn nach dem Tod erwartet. So kennt er sich aus und ist durch nichts zu überraschen. Er schüttelt sich einmal kurz, beschaut sich im Spiegel und findet sich sogleich in seinem neuen Leben zurecht. Aber versetzen Sie sich mal in meine Lage, als mir die Sache passiert ist! Als christlich sozialisierter Mensch hatte ich doch keine Ahnung, was das Leben, besser der Tod für Überraschungen für uns auf Lager hat. Gut, wenn ich vor einer Himmelstür gestanden hätte mit einem bärtigen Mann als Türsteher, das wäre was anderes, dann hätte ich gewusst, das ist Petrus und dahinter liegt das Paradies. Und nun das! Aber selbst, wenn ich buddhistisch angehaucht wäre, hätte ich doch niemals damit gerechnet, zu einem Tier zu mutieren. Ich versteh nicht viel von Buddhismus, aber lehren die Buddhisten nicht, dass man sich von Leben zu Leben veredelt? Das man stets aufsteigt auf der Wiedergeburtstreppe? Vom Tellerwäscher zum Millionär sozusagen? Pustekuchen! Es geht auch abwärts und zwar ziemlich tief.
Ich muss ziemlich dämlich ausgesehen haben, als ich plötzlich als Krähe auf dem Dach der Kirche gesessen habe. Vor Schreck hätte ich beinah den Halt verloren. Lachen Sie nicht! Ich möchte Sie mal sehen, wenn Sie sich plötzlich als gefiedertes Wesen auf einem hohen Dachfirst wiederfinden. So saß ich also dort, umgeben von anderen Krähen, krallte mich ängstlich an den Draht des Blitzableiters und starrte über das nächtliche Finsterfelde.
Natürlich hätte ich die anderen Krähen fragen können, was mir passiert ist, ich hab’s auch versucht, bis auf ein dümmliches Krächzen aber habe ich keinen Ton hervorgebracht. Ich hab’s gleich begriffen, unter den anderen war kein einziger Mensch, also kein Ex-Mensch, Sie wissen schon, was ich meine. Vielleicht waren ein paar ehemalige Finken oder Meisen darunter, sicher aber viele Spatzen, so groß schien mir ihr Verstand zu sein. Von meinen lieben Mitkrähen jedenfalls konnte ich keine Hilfe erwarten, das war mir sonnenklar.
Mühsam versuchte ich, meine Gedanken zu sortieren. Das Letzte, woran ich mich erinnern konnte, ist der Moment gewesen, wie mir jemand etwas über den Schädel gezogen hat. Es ist unten am Bach gewesen, an der Dosse, beim Haus der Schneiders. Warum ich dorthin bin? Ganz einfach, ich hatte Verdacht geschöpft, einen ziemlich unangenehmen Verdacht. Bolte, hab ich zu mir gesagt, sei wachsam! Und so hab ich das Bier, das mir meine Frau zum Fernsehen hingestellt hat, nicht angerührt, deshalb bin ich wach geblieben und konnte meiner ach so treusorgenden Gattin hinterherschleichen. Hätte ich das mal lieber sein lassen. Dann wäre ich jetzt noch lebendig, also als Homo sapiens, Sie verstehen. Und hätte nicht den Schock meines Lebens erlitten. Durch die Scheibe beobachten zu müssen, was im Haus des Schneiders abging … Junge, Junge, ich sag Ihnen, das ist vielleicht ein Albtraum gewesen.
Vierzehntes Kapitel
Nachdem sie den ärgsten Durst mit dem Wasser aus dem Wasserhahn gestillt hatten, spürte Karl-Dieter, wie sein Magen knurrte. Hoffentlich hatte das Wirtshaus auch mittags geöffnet. Wo sonst würden sie in diesem Kaff etwas zu essen bekommen? Auch Mütze war für eine warme Mahlzeit, so beschlossen sie, nicht zur Pension zurückzugehen, sondern Richtung Dorf. Als sie den Friedhof verließen, fiel ihr Blick auf die Ankündigungstafel der Gemeinde.
»Mensch, Mütze, kneif mich mal!«
»Ein neuer Zettel!«
»Mit unserer Wirtin drauf!«
»Ich werd nich mehr!«
Mancher gibt sich viele Müh
Mit dem lieben Federvieh:
Einerseits der Eier wegen,
Welche diese Vögel legen,
Zweitens, weil man dann und wann
Einen Braten essen kann;
Drittens aber nimmt man auch
Ihre Federn zum Gebrauch
In die Kissen und die Pfühle.
Denn man liegt nicht gerne kühle.
Seht, da ist die Witwe Bolte,
Die das auch nicht gerne wollte.
Ihrer Hühner waren drei
Und ein stolzer Hahn dabei.
Max und Moritz dachten nun:
Was ist hier jetzt wohl zu tun?
Ganz geschwinde, eins, zwei, drei,
Schneiden sie sich Brot entzwei,
In vier Teile, jedes Stück
Wie ein kleiner Finger dick.
Diese binden sie an Fäden,
Über’s Kreuz, ein Stück an jeden,
Und verlegen sie genau
In den Hof der guten Frau.
Kaum hat dies der Hahn gesehen,
fängt er auch schon an zu krähen:
Kikeriki, kikikerikih!!
Tak, tak, tak, da kommen sie!
Hahn und Hühner schlucken munter
Jedes ein Stück Brot hinunter;
Aber als sie sich besinnen,
Konnte keines recht von hinnen.
In die Kreuz und in die Quer
Reißen sie sich hin und her,
Flattern auf und in die Höh,
Ach herrje, herrjemine!
Ach, sie bleiben an dem langen,
Dürren Ast des Baumes hangen.
Und ihr Hals wird lang und länger,
Ihr Gesang wird bang und bänger,
Jedes legt noch rasch ein Ei,
Und dann kommt der Tod herbei.
Witwe Bolte in der Kammer
Hört im Bette diesen Jammer;
Ahnungsvoll tritt sie heraus:
Ach, was war das für ein Graus!
»Fließet aus dem Aug, ihr Tränen!
All mein Hoffen, all mein Sehnen,
Meines Lebens schönster Traum
Hängt an diesem Apfelbaum!«
Tiefbetrübt und sorgenschwer
Kriegt sie jetzt das Messer her,
Nimmt die Toten von den Strängen,
Dass sie so nicht länger hängen,
Und mit stummem Trauerblick
Kehrt sie in das Haus zurück.
Dieses war der erste Streich,
Doch der zweite folgt sogleich.
Fünfzehntes Kapitel
Zurück zur Pension! Hunger hin, Hunger her, jetzt musste ermittelt werden. Während sich Karl-Dieter über den illustrierten Schurkenstreich empörte und von einer Unverschämtheit sprach, wobei er natürlich nicht Max und Moritz meinte, sondern den Verfasser der Geschichte, der so gar keinen Respekt vor zwei vermissten Waisenkindern hatte, besserte sich Mützes Laune schlagartig. Schnell schoss der Kommissar ein Handyfoto von der neuen Zeichnung, dann liefen sie los. Endlich hatte er einen Ansatzpunkt, endlich konnte er eine Spur verfolgen.
»Was willst du denn in der Pension?«, fragte Karl-Dieter.
»Wirst schon sehen«, sagte Mütze.
Als sie die Pension erreichten und die Tür öffneten, sahen sie gerade noch, wie die Wirtin am Ende des Flurs eilig in ihre Privatgemächer verschwand.
»Geh ihr nach und lenk sie ab«, flüsterte Mütze.
»Wieso das?«
»Erklär ich dir später.«
Unsicher ging Karl-Dieter auf die hintere Tür zu, ein großes gelbes Schild warnte: »Privat! Zutritt für Gäste untersagt.« Zögernd klopfte er. Als sich niemand rührte, sah er fragend zu Mütze zurück, der ihn mit energischem Gesichtsausdruck deutlich machte, trotzdem einzutreten. Vorsichtig drückte Karl-Dieter die Klinke hinunter. Wenn er etwas hasste, dann die Privatsphäre anderer Menschen zu verletzen. Konnte Mütze nicht auf andere Weise seinen Recherchen nachgehen?
Als Mütze die krächzende Stimme der Witwe hörte und gleich darauf das Gestammel von Karl-Dieter, grinste er in sich hinein. Seine Chance war gekommen. Wenn es jemand verstand, ältere Damen in ein angeregtes Gespräch zu verwickeln, dann Karl-Dieter. In Erlangen wurde er von einem Seniorenkreis zum nächsten gereicht, um Anekdoten aus dem Theaterleben zu erzählen. Die Alten waren von dem Bühnenbildner ganz entzückt, nach dem Vortrag saßen sie dann oft noch lange zusammen an der Kaffeetafel und tauschten Kuchenrezepte aus.
Rasch verließ Mütze das Haus und ging um die Mülltonnen herum in den Garten. Unter dem Apfelbaum blieb er stehen und betrachtete den verdorrten Ast, an dem die Fäden im Wind wehten. Dann kniete er sich nieder und untersuchte mit wachen Augen den Rasen unterhalb des Baumes. Keine drei Minuten später war er zurück in der Pension. Karl-Dieter und die Wirtin standen zusammen an der Rezeption. Wie es Mütze vermutet hatte, hatte sich die Witwe tatsächlich in ein Gespräch verwickeln lassen. Als sie Mütze sah, aber verstummte sie abrupt, verabschiedete sich knapp und wollte wieder in ihren Gemächern verschwinden, da entfuhr ihr ein markerschütternder Schrei und sie griff sich hektisch in den Ausschnitt ihrer Bluse.
Sechzehntes Kapitel
»Allen Ernstes?«, lachte Mütze.
»Allen Ernstes! Schon wieder zwei Maikäfer, vielleicht sind es dieselben gewesen. Die Viecher scheinen sich in unsere Witwe verliebt zu haben und haben sich in den Ausschnitt ihres Kleides gestürzt.«
»Ich werd nich mehr! Und dann?«
»Hast’s doch selbst gesehen! Sie hat die Panik bekommen und solange am Kleid geschüttelt, bis die Käfer unten rausgepurzelt sind. Ich konnte sie gerade noch aufsammeln, sonst hätte sie sie zertreten. Hier sind sie!«
Karl-Dieter öffnete die Hand. Die Krabbelkäfer kamen zum Vorschein, breiteten ihre Flügel aus und flogen davon.
»Aber jetzt du, was hast du herausgefunden?«
Sie hatten sich auf den Weg zum Dorf begeben, um im Wirtshaus einzukehren. In der Ferne waren Wolken aufgezogen, aus denen es zu zucken begann. Zugleich grollte und grummelte es leise. Ein Gewitter, kein Zweifel. Kam es näher? Zog es vorüber?
»Der Apfelbaum ist nicht koscher«, sagte Mütze, der kein Auge für das Wetter hatte.
»Erzähl schon!« Karl-Dieter war begierig, Näheres zu erfahren.
»Alles könnte zu der Geschichte passen, weißt schon, zu dem Streich der beiden Bengel.«
»Von Max und Moritz?«
»Genau, die Fäden an dem Ast, die Eierschalen unter dem Baum.«
»Was aber ist daran nicht koscher?«
»Es passt alles ein bisschen zu genau.«
»Wie meinst du das?«
»Das werden wir noch herausfinden.«
Sie kamen wieder am Friedhof vorbei und blieben kurz vor dem Aushang stehen. Karl-Dieter verspürte große Lust, den frechen Zettel abzureißen. Wer steckte nur dahinter? Wer erlaubte sich, über zwei verschwundene Waisenkinder Witze zu reißen? Selbst wenn die beiden sich einen Streich erlaubt hatten, das war nun wirklich der unpassendste Moment, sich über sie lustig zu machen.
»Ob Witwe Bolte den Zettel schon gesehen hat?«
»Darauf kannst du Gift nehmen!«
Vor einem der ersten Häuser, einem windschiefen Fachwerkbau mit kleinem Bauerngarten, kehrte eine alte Frau den Gehsteig mit einem Reisigbesen. Als Mütze und Karl-Dieter vorbeigingen, knurrte sie etwas in ihre Richtung. Die Freunde hielten an, sie hatten die Alte nicht richtig verstanden.
»Ich sagte, ihr macht besser die Biege«, hörten sie die Alte nun zischen.
»Und warum, bitte schön?«, fragte Mütze.
»Finsterfelde ist nichts für Fremde«, murmelte die Alte und wandte sich wieder der Säuberung des Gehsteigs zu und dies mit einer Energie, dass es nur so staubte.
Siebzehntes Kapitel
»Hühnerfrikassee«, antwortete der Wirt.
Karl-Dieter rollte die Augen. Er hätte sich etwas Abwechslung auf der Speisekarte gewünscht, Mützes Augen hingegen blitzten. Sie waren die einzigen Gäste bis auf den Mann mit dem Hut und dem Rauschebart, der wohl kein anderes Zuhause besaß und an der Theke stand. Die beiden Freunde hatten an dem Tisch Platz genommen, an dem sie schon gestern Abend gesessen hatten. Der gemütliche Wirt, den alle nur »Wolke« zu nennen schienen, rieb sich die Hände an der Schürze sauber.
»Wieder vom Bio-Hof?«, fragte Mütze.
»Hof ist übertrieben.« Den Mund des Wirts umspielte ein geheimnisvolles Lächeln.
»Wohl aus Privatproduktion?«
»Wärmer.«
»Aus dem Bestand einer am Ort ansässigen Dame?«
»Noch wärmer.«
»Einer Dame, bei der man auch nächtigen kann?«
»Heiß!«
»Von Witwe Bolte!«
»Ich hab nichts gesagt.«
Mütze tat, als sei er überrascht. Manchmal war es hilfreich, sich dumm zu stellen. Er machte ein leicht betrübtes Gesicht.
»Wie man sich freiwillig von seinen geliebten Tieren trennen kann …«
»Nun, ja, so ganz freiwillig ist das wohl nicht gewesen«, sagte der Wirt und senkte die Stimme, obwohl sie doch niemand hören konnte. Oder ob der Mann dahinten am Tresen, der mit Hut und Rauschebart, heimlich lauschte?
»Wie ist das zu verstehen?«, fragte Mütze.
»Haben Sie den Zettel an unserer Gemeindetafel nicht gesehen?«
»Zettel? Welchen Zettel?«
Nun ging der Wirt in die Knie und sprach noch leiser. »Max und Moritz haben die Viecher auf dem Gewissen!«
»Max und Moritz?«
Karl-Dieter war es fast unheimlich, wie gut sich Mütze verstellen konnte.
»Die beiden verzogenen Knaben von Erwin Bolte, dem verstorbenen Mann Ihrer Wirtin. Bevor sie sich aus dem Staub gemacht haben, haben sie Brot an Bindfäden gebunden, daran sind die Hühner verreckt.«
»Wann war das?«
»Wann das war? Seitdem es Hühnerfrikassee gibt«, grinste der Wirt.
»Und seit wann gibt es Hühnerfrikassee?«
Da verzog sich das Gesicht des Wirtes, das Grinsen verschwand, und eine misstrauische Falte quoll zwischen seinen Augen auf. Mit einer raschen Bewegung erhob er sich und fing wieder an, sich die Hände an seiner verdreckten Schürze zu reiben.
»Ich wüsste nicht, was Sie das angeht«, sagte er und verschwand in der Küche.
Achtzehntes Kapitel
»Verrat mir doch, was du vermutest!«
Die Freunde waren auf dem Weg zurück zur Pension, Karl-Dieter platzte vor Neugier.
»Alles noch nicht spruchreif«, knurrte Mütze, »wenn ich recht habe, stimmt da was nicht.«
»Was stimmt denn nicht?«
Mütze sah sich um. Sie hatten das Dorf verlassen, niemand war zu sehen. Nur weit draußen, auf den Feldern weit hinter dem Friedhof, tockerte ein alter Traktor entlang und zog eine staubige Fahne hinter sich her. War denn schon die Erntezeit gekommen?
»Also gut«, lenkte Mütze ein.
Eigentlich hatte er sich geschworen, Karl-Dieter bei seinen Ermittlungen nur in das Nötigste einzuweihen, aber dieser Fall war in mancherlei Hinsicht besonders. Vorsichtig zog er eine Klarsichttüte aus seiner Schimanskijacke, in der Tüte glänzte es weiß.
»Was ist das?«, fragte Karl-Dieter, obwohl es sich eindeutig um den Rest einer Eierschale handelte.
»Hab ich unter Witwe Boltes Apfelbaum gefunden.«
»Jedes legt noch rasch ein Ei und dann kommt der Tod herbei …« Karl-Dieter betrachtete die Schale nun mit sichtbarem Entsetzen. »Dann stimmt es also, was der zeichnende Dichter auf das Blatt geschmiert hat.«
»Wie man’s nimmt.«
»Was meinst du damit?«
»Schau genauer hin.«
Mütze hob die Tüte höher.
»Mensch, das gibt es doch nicht!«, rief Karl-Dieter aus.
»Eben!«, sagte Mütze, und in seiner Stimme lag ein leiser Triumph.
Als sie die Pension erreichten, kam schwanzwedelnd der Spitz um die Ecke gelaufen. Hinter ihm hergeschossen aber kam die Witwe, packte ihn bei der Leine und zog das widerstrebende Tier hinter sich her in den Garten, um ihn an dem Apfelbaum festzubinden.
Neunzehntes Kapitel
Dieses Miststück! Keine Minute lässt sie einen aus den Augen. Manchmal wünschte ich, ich wäre wieder eine Krähe. Als Vogel hat man andere Möglichkeiten, andere Freiheiten. Allein der Flug nach Dortmund-Dorstfeld zu Tante Dörte, was für ein Abenteuer ist das gewesen. Von der Mark Brandenburg quer über Deutschland bis in den Pott, wo die Sonne verstaubt, wie Herbert Grönemeyer so schön gesungen hat. Stolz wie Oskar bin ich auf mich gewesen, in nicht einmal sechs Stunden hatte ich den Langstreckenflug hinter mich gebracht und war in ihrem Garten gelandet. Wie hätte ich das als Hund schaffen sollen? Aber auch bei dem, was nun zu erledigen war, kam mir meine neue Identität sehr zugute, denn jetzt kam es auf die Feinmotorik an. Die Feinmotorik einer Krähe ist eindeutig besser als die eines Hundes. Dennoch, mit Schnabel und Krallen die wichtige Botschaft in den Sand zu scharren, ist kein Kinderspiel gewesen. Aber Tante Dörte hat’s erkannt! Ich wusste es, die Stelle war gut gewählt. Den Sandweg zu den Beeten harkt sie stets mit Sorgfalt, er war wie eine blank geputzte Tafel. Sie hat meine Botschaft entdeckt und hat mir Karl-Dieter und seinen Freund Mütze geschickt. Mit Hilfe der beiden Freunde werde ich die Saubande ins Kittchen bringen. Nicht eher will ich ruhen.
So eine Seelenwanderung hat durchaus auch ihre gute Seite. Wenngleich der Grund, warum ich meinen menschlichen Körper verlassen musste, natürlich ein abscheulicher gewesen ist. Selbst als Krähe hat es mich noch geschüttelt, wenn ich an die Szene in dem Schneiderhaus dachte, an das wüste, schwitzende Durcheinander, das Gewühl der nackten Leiber, brrr … Niemals hätte ich gedacht, so gemein betrogen zu werden. Mein Verdacht, wie bitter hat er sich bewahrheitet. Nur auf mein Geld hat es Klothilde abgesehen, ich selbst bin ihr völlig egal gewesen. Die schönen Augen, die sie mir gemacht hat, all ihre Sprüche vom Traummann, von meinen ausdrucksstarken Händen, Lügen, nichts als Lügen. Von Anfang an hat sie mich betrogen. Um ihren dunklen Trieben nachzugeben, hat sie mir regelmäßig was ins Bier gekippt, damit ich schlafe wie ein Stein. Doch ich bin dahintergekommen – oja! –, an jenem Abend, der mein letzter als Zweibeiner sein sollte. Hab nur so getan, als würde ich das Bier trinken, hab es heimlich weggeschüttet, hab mich schlafend gestellt, habe vor mich hingeschnarcht, um Klothilde in Sicherheit zu wiegen. Selbst, als sie mir noch gemein ins Ohr gekniffen hat, um die Tiefe der Narkose zu überprüfen, habe ich nur einen schwachen Schnaufer von mir gegeben. So ist sie fröhlich davon und ich in hübschem Anstand heimlich hinterher, bis wir beim Haus des Schneiders ankamen. Oh, diese furchtbare Orgie, nie wieder werde ich die Szenen aus meinem Hirn bekommen! Irgendetwas muss mich verraten haben, vielleicht bin ich doch zu nah an die Scheibe geraten. Normalerweise sieht man nicht, was draußen passiert, wenn es stockdunkel ist, denn dann wird eine Scheibe zum Spiegel. Plötzlich aber merkte ich, wie sie mich anstarrt, wie hypnotisiert blickte sie in meine Richtung und bekam die Panik. Ihr ganzer schöner Plan, mit einem Schlag war er dahin. Zumindest, solange das Testament fehlte. Und so beschloss das Biest, mich kurzerhand abzumurksen. Ich könnte ihr die Nase abbeißen!
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