Kitabı oku: «Der kommende Mensch»
Der kommende Mensch
Johannes Winkel
Der
kommende
Mensch
Die Wundergeschichten
des Markusevangeliums

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© 2011 Echter Verlag GmbH, Würzburg
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Umschlag: Hain-Team Bad Zwischenahn (www.hain-team.de)
Druckvorlage: Konstantin Winkel, Osnabrück
Druck und Bindung: Druckerei Friedrich Pustet, Regensburg
ISBN 978-3-429-03437-5 (Print)
ISBN 978-3-429-04616-3 (PDF)
ISBN 978-3-429-06018-3(Epub)
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Die Taufe Jesu und seine Versuchung
Markus 1, 9–13
I. Vollmacht
Jesu Kommen nach Kapharnaum
Markus 1, 21–31.32–34
Jesu Kommen in die Umgebung von Kapharnaum
Markus 1, 35–45
Rückkehr nach Kapharnaum
Markus 2,1–12
Die Heilung des Menschen mit der erstarrten Hand
Markus 3,1–6.7–12
Reflexion: Der Beelzebul-Vorwurf
Markus 3, 20–21.22–27
II. Glaube
Die Stillung des Sturmes
Markus 4, 35–41
Die Entgeisterung des Menschen von Gerasa
Markus 5,1–20
Die Erweckung der Tochter des Jaïrus
Markus 5,21–24.35–43
Die Heilung der an Blutfluss leidenden Frau
Markus 5, 25–34
Reflexion: Jesu Unfähigkeit, Wunder zu tun
Markus 6,1–6
III. Überreichtum
Die Speisung der Fünftausend
Markus 6, 30–44
Jesus wandelt auf dem Wasser
Markus 6, 45–52.53–56
Die Entgeisterung des syrophönizischen Mädchens
Markus 7, 24–30
Die Heilung des Taubstummen in der Dekapolis
Markus 7, 31–37
Die Speisung der Viertausend
Markus 8,1–9
Reflexion: Das Gespräch über die Speisungen
Markus 8,13–21
IV. Sehen
Die Heilung des Blinden von Bethsaida
Markus 8, 22–26
Die Verwandlung Jesu
Markus 9, 2–9
Die Entgeisterung des epileptischen Jungen
Markus 9,14–29
Die Heilung des Blinden von Jericho
Markus 10, 46–52
Zur Sicht des Menschen in den markinischen Wundergeschichten
Literaturauswahl
Meinen Freunden
Vorwort
Nicht wenige Schriften des Neuen Testaments kommen ohne Wundergeschichten aus. Das Markusevangelium, aber auch die übrige Evangelienliteratur nicht. Woran liegt das? Was hat es damit auf sich? Fast die Hälfte des Markusevangeliums (ohne die Kapitel 11–16) besteht aus Wundergeschichten – Geschichten von den Taten des Nazareners Jesus, des Gesalbten Gottes. Sie sind sorgfältig konzipiert und komponiert, bilden das Gerüst des ältesten Evangeliums und tragen es. Was wäre das Markusevangelium ohne sie?
Können wir diesen ungeliebten, in der kirchlichen Verkündigung der Gegenwart nicht selten vernachlässigten, rasch abgefertigten, manchmal auch belächelten Kindern, diesen fremden, befremdlichen Gästen unvoreingenommen begegnen und sie sagen lassen, was sie sagen wollen? Unter Berücksichtigung neuerer wissenschaftlicher Literatur zum Markusevangelium soll ein solcher Versuch hier vorgelegt werden, konzentriert auf die Schrift, exegetisch verantwortet und hoffentlich nicht noch wunderlicher als die Wundergeschichten selbst.
Die Texte des Markusevangeliums werden in eigener Übersetzung geboten und danach ausgelegt. Bezugnahmen auf andere Bibeltexte werden in den Übersetzungen kursiv hervorgehoben. Vergleichsstellen innerhalb des Evangeliums und auch sonst sind auf ein erträgliches Maß reduziert. Ein Essay über die Sicht des Menschen in den markinischen Wundergeschichten bildet den Abschluss. Das Ganze möchte für Predigt, Bibelarbeit und Unterricht nützlich sein.
Meiner Frau Eva-Maria als auch meinem Freund Andreas Staemmler sei herzlich für ihre ständige Gesprächsbereitschaft und ihre Mühe gedankt, womit sie zum Werden des Buches beitrugen. Konstantin Winkel hat dankenswerterweise die Druckvorlage besorgt. Dem Echter-Verlag gebührt Dank, sich auf die Veröffentlichung eingelassen zu haben und die hier behandelte Thematik noch nicht als erledigt zu betrachten.
Johannes Winkel
Die Taufe Jesu und seine
Versuchung
Markus 1, 9–13 – Q 3, 21f; 4, 1.10f
9 Und es geschah in jenen Tagen,
(da) kam Jesus1 (her) von Nazareth in Galiläa,
und er wurde getaucht in den Jordan von Johannes.
10 Und sogleich,
heraufkommend aus dem Wasser,
sah er (Jesus)
die Himmel sich teilen
(vgl. Dtn 28,12; Ps 72, 23; Jes 24,18; Ez 1,1; Mal 3,10; JosAs 14, 2)
und den Geist wie eine Taube herabkommen zu ihm
(Jes 42,1).
11 Und eine Stimme geschah (ertönte) aus den Himmeln
(Gen 15, 4; Dtn 4, 36)
»Du bist mein geliebter Sohn,
an dir fand ich Gefallen«
(Jes 42,1 [hebr]; Ps 2, 7; vgl. Mk 9, 7; 12, 6; 2 Petr 1,17; EbEv 3)!
12 Und sogleich treibt der Geist ihn hinaus in die Wüste.
13 Und er war in der Wüste vierzig Tage
(vgl. Ex 16, 35; Dtn 2, 7; 8,1ff; 29, 4; Ez 4, 6),
versucht werdend von dem Satan
(vgl. 1 QM 1, 2f),
und er war bei den wilden Tieren
(vgl. Apg 11, 6; 28, 4f; Tit 1,12; Jak 3, 7; Offb 6, 8; 18, 2),
und die Engel dienten ihm (wiederholt).
In den ersten drei Evangelien des Neuen Testaments ist jeweils eine Erzählung von der Taufe Jesu (Mk 1, 9–11; vgl. Mt 3,13–17; Lk 3, 21f; anders Joh 1,19ff) allen anderen Erzählungen über sein Wirken vorgeordnet. So bedeutsam erschien sie den biblischen Autoren: als erhellendes Vorwort zu allem, was über Jesus, über seinen Weg und seine Wirksamkeit zu berichten war. In der Tauferzählung geht es um das Herabkommen des Geistes auf Jesus, um seine Erwählung und Ausstattung. Die beiden Verse im Anschluss bei Markus erzählen von seiner Versuchung (vgl. Mt 4,1–11; Lk 4,1–13).
Und es geschah in jenen Tagen als ein gewisser Johannes – genannt der Taufende oder der Täufer – in der Wüste eine Taufe der Umkehr auf den Erlass der Sünden hin ausrief (Mk 1, 4). Mit der Wüste, von der da geredet wird, ist wahrscheinlich die Araba der unteren Jordansenke gegen das Tote Meer hin gemeint.2 Am Rand jener trostlosen und lebensfeindlichen Gegend, wo sich nachts die bösen Geister ein Stelldichein geben, und in die man sich auch am Tage besser nicht hineinwagt, hielt der Täufer Johannes sich auf. Nicht um zum Weitergehen zu ermuntern, sondern um zu einer Kehrtwende um 180 Grad und ganz woandershin zu rufen – auf den Erlass der Sünden hin. Daraufhin sollten sich Menschen taufen, das heißt, untertauchen, waschen lassen. Da begannen Leute aus Judäa und Jerusalem zu Johannes hinaus zu wandern und sich von ihm in den Jordan tauchen zu lassen, wobei sie ihre Sünden bekannten (vgl. 1, 5). Und der Täufer verkündete ihnen, dass nach ihm jener käme, der mit allen ihren Sünden fertig würde, und dem er selbst nicht einmal niederste Dienste zu leisten – sich zu bücken und die Riemen seiner Sandalen zu lösen – brauchbar und geeignet sei. Er taufe sie mit Wasser und könne sie auch nicht anders taufen, jener aber wird sie mit heiligem Geist taufen (vgl. 1, 7f). Dann werden ihre Sünden hinter ihnen liegen, und sie werden in ein neues Leben gehen.
In jenen Tagen geschah es, da kam Jesus her von Nazareth in Galiläa, und er wurde getaucht in den Jordan von Johannes. Da kam er nun also, der Mensch Jesus von Nazareth zu seinem Vorboten und Wegbereiter an den Jordan. Er bückte und beugte sich und ließ sich von ihm in den Jordan tauchen wie alle anderen. Und sogleich, heraufkommend aus dem Wasser, sah Jesus die Himmel sich teilen und den Geist wie eine Taube herabkommen zu ihm. Unmittelbar beim Heraufkommen aus dem Wasser sah Jesus ein eigenartiges Geschehen. Er sah die ansonsten verschlossenen Himmel sich teilen und göttlichen Geist, göttliche Kraft sich ihm mitteilen wie eine Taube. Belebende, ihn unsichtbar treibende Gotteskraft, ihm sichtbar gemacht (und den Lesern angezeigt), nicht in Gestalt eines kraftstrotzenden Stieres oder eines schnell dahingaloppierenden Pferdes oder eines gewaltigen Kriegers, sondern eben wie eine Taube zu ihm hin. Die Taube galt in Israel als reines, makelloses Tier (vgl. Mt 10,16) und als der einzige zum Opfer geeignete Vogel (vgl. Lev 3,14). Schon in der Urzeit, in der Geschichte von der Sintflut, die sich über die Sünder ergossen hatte, spielte sie eine Rolle und kündete einigen wenigen, die damals davonkamen, neue Lebensmöglichkeit auf der Erde (vgl. Gen 8, 8–12).
Und eine Stimme ertönte aus den Himmeln: »Du bist mein geliebter Sohn, an dir fand ich Gefallen!« Nachdem es für Jesus etwas zu sehen gab bei seinem Kommen aus dem Wasser, gab es für ihn auch noch etwas zu hören: eine Stimme aus den Himmeln. Von dorther, von wo Gottesgeist wie eine Taube zu ihm herabgekommen war. Die Worte – »Du bist mein geliebter Sohn, an dir fand ich Gefallen« – erinnern an die Berufung des Gottesknechts nach Jesaja 42. Sie erinnern aber auch an die Einsetzung des messianischen Königs nach Psalm 2. Daran lässt die an ihn sich wendende Stimme aus den Himmeln nicht den geringsten Zweifel, dass er, Jesus von Nazareth, der angekündigte und erwartete Heilbringer der Endzeit ist: »An dir fand ich Gefallen!« Gott bekundet Jesus nicht seine Sympathie damit. Die Anrede bedeutet: ›auf dich fiel meine Wahl, dich erwählte ich. Du bist mein geliebter Sohn, der einzige und einzig geliebte, mir nah und mir gemäß, mein Mitherrscher, neben dem kein anderer steht. Du bist erwählt, meine Absichten in die Tat umzusetzen und den Menschen meinen Frieden zu bringen, Sündenerlass und neue Lebensmöglichkeit.‹
Am Anfang des Evangeliums steht, so erfahren wir hier, Gottes Handeln. Er, der die kommende Heilszeit angekündigt und seinen Sohn, den Gesalbten zu senden versprochen hatte, setzte dieses Werk nun auch in die Tat um und in Gang. Doch er proklamierte ihn noch nicht öffentlich. Das wird er erst jenseits seines Lebens und Lebensweges tun – mit seiner Auferweckung aus den Toten! Warum Jesus von Nazareth? Gute Frage. Antwort: Weil es Gott so gefiel.
Gleich darauf geschieht folgendes. Nun handelt jener Geist, der sich Jesus mitgeteilt hat, treibt ihn an und treibt ihn hinaus. Wohin? Nicht zu einer unbeschwerten Tauffeier im Familienkreis. Nicht einmal zu den Menschen, sondern schnurstracks in die Wüste, wo der Täufer zur Umkehr gerufen hatte, hinein in jene trostlose und lebensfeindliche Welt, wo die bösen Geister hausen, und wo man sich auch bei Tage besser nicht hineinwagt, um sich nicht zu verirren, einen Stich zu bekommen und an Entbehrung und Entkräftung zu sterben. Da hinein trieb ihn der Gottesgeist, jene Kraft, die wie eine Taube auf ihn kam, die Himmelstimme im Rücken: »Du bist mein geliebter Sohn, an dir fand ich Gefallen!« Nun also gefiel es Gott, seinen geliebten Sohn in die Wüste hinauszutreiben.
Vierzig Tage war er in der Wüste, versucht werdend von dem Satan. Was mag dort geschehen sein? Der Evangelist nennt – möglicherweise in Anspielung auf Israels Kommen aus dem Schilfmeer und seine vierzigjährige Wanderung durch die Wüste – Dauer und Ort des Aufenthaltes Jesu nach seiner Taufe und sagt, dass der Gegenspieler Gottes daselbst sein Spiel mit ihm trieb. Der Name Satan, ein hebräisches Wort, bedeutet anfeinden, anklagen, verklagen. Anfeindungen, Klagen und Anklagen musste Jesus in der Wüste über sich ergehen lassen, vierzig Tage lang, von früh bis spät und womöglich auch nachts. Eine biblisch lange Zeit. Wie es ihm dabei erging, und wie er selbst damit umging, davon erfahren wir nichts. Nur eben, dass er den Anschlägen des Teufels ausgesetzt war und sie sich gefallen lassen musste wie Hiob einst. Das heißt versucht werdend vom Satan.3
Aber nicht nur dem Gegenspieler Gottes war Jesus ausgesetzt. Markus schreibt, dass er ebenso lange wie dem Satan auch den Gegenspielern der Menschen, wilden Tieren ausgesetzt war: Und er war bei den wilden Tieren. Was den zweiten Evangelisten bewog, Jesu Aufenthalt gerade auch bei ihnen hervorzuheben, lässt sich nur erahnen. Sein Hinweis darauf ist im Neuen Testament einmalig. Matthäus und Lukas sind daran vorübergegangen und entschieden sich für die Versuchungserzählung der Logienquelle. Dass Tiere sich gegen den Menschen wenden, ihn anfallen, verletzen und manchmal sogar töten, war in Gottes guter Schöpfung nicht vorgesehen (vgl. Gen 1, 20–31; 2,19f). Zur Feindschaft von Geschöpfen Gottes untereinander kam es erst durch des Menschen Sündenfall. Zeitgenössische Denker und Autoren gingen der Frage nach. Die Verfluchung der Schlange, die den Menschen verführte, sowie die Setzung von Feindschaft zwischen ihr und der Frau einschließlich ihrer beider Nachkommen, die Verfluchung des Erdbodens sowie die Setzung der Mühsal des Menschen (vgl. Gen 3,13–19) wurde in der »Apokalypse Moses« zum Beispiel ausdrücklich um die Tiere ergänzt: »Die Tiere, über die du herrschst, werden sich gegen dich erheben in Aufruhr, weil du mein Gebot nicht bewahrt hast« (24,1). In derselben Schrift, Kapitel 10f (= »Das Leben Adams und Evas«, Kapitel 37f), war von einer Schlange die Rede, die Evas Sohn Seth – ein Ebenbild Gottes! – angriff und ihn verletzte. Seine Mutter war entsetzt darüber und in Sorge4, aber die Schlange erklärte ihr mit menschlicher Stimme, dass die Naturen der Tiere sich verwandelt haben, seit der Mensch sich verfehlte und als Ebenbild Gottes nicht mehr zu erkennen sei.
Jesus bei den wilden Tieren in der Wüste, bei Viechern, die mit dem Menschen alles andere als in Frieden leben! Wie sie ihm zusetzten oder ängstigten, und wie er mit ihnen umging, lässt der Erzähler auch hier mit Bedacht offen. Nur nicht, dass er eben auch bei ihnen war – Schlangen, Skorpionen, Aasfressern, Bestien, die einem Menschen schwer zu schaffen machen können. Jesus auch bei ihnen, wie er auch beim Satan war. Dass für die wilden Tiere in der Wüste mit Jesu Kommen zu ihnen messianische Zeiten anbrachen, wie sie Jes 11, 6–8 geschildert werden, wollte der Evangelist an dieser Stelle wohl nicht gesagt haben. Ihm ging es um den Messias in seiner Versuchung oder Erprobung durch sie, nicht um die Änderung der Natur der Tiere.
Vierzig Tage hält es kein Mensch unbeschadet in der Wüste aus. Auch Jesus nicht. Und so ist zum Schluss vermerkt, dass er dort dennoch nicht ums Leben kam, weil Engel ihm wiederholt dienten.5 Wohl mit Speise und Trank jeweils zur rechten Zeit. Hier etwas und dort etwas, was Engel in der Wüste so zu bieten haben. Himmlische Bankette, die ihm die Engel bereitet hätten, sind da sicher nicht gemeint. In der Bereitstellung von Lebensmitteln erschöpfte sich ihr Dienst. Weder sollten sie seine Versuchungen mit ihm teilen noch mit ihm dagegen ankämpfen.
Was auch immer in der Wüste geschah, in die Gottes Geist Jesus geführt und ihn dem Satan und den wilden Tieren ausgesetzt hatte, eines jedenfalls ist nicht geschehen: dass er von dort als Gottes- und Menschenfeind wiederkam. Weder als Klagender noch als Anklagender, weder als wildes Tier noch als verängstigter Mensch kehrte er aus der Wüste zurück. Nicht geschwächt kam er zurück, obwohl er ihnen ausgesetzt war, sondern gestärkt und gereift.
Danach aber, als Johannes ausgeliefert war, kam Jesus nach Galiläa, das Evangelium Gottes verkündigend wie folgt: »Die Zeit ist erfüllt, und die Herrschaft Gottes ist nahe. Ändert euren Sinn und glaubt an das Evangelium« (Mk 1,14f)!
1 Unterstreichungen im nachfolgenden Text markieren Berührungen mit der Logienquelle Q, die der zweite Evangelist gekannt hat. Q wird nach Lk zitiert.
2 Sie wird in Jes 40, 3 [hebr] genannt, worauf Mk 1, 3 sich bezieht, und bezeichnet ein Gebiet, in dem einstmals auch der Prophet Elia wirkte und am Ende mit feurigem Wagen und feurigen Pferden in einem Wirbelwind in den Himmel aufgenommen wurde (vgl. 1 Kön 2,1ff). Zur Bedeutung Elias im Markusevangelium vgl. 6,15; 8, 28; 9, 4f.11–13; 15, 35f.
3 Nach Q 4,1ff wurde der in der Wüste vierzig Tage nichts zu essen habende Jesus vom Teufel ermutigt, sich selbst mit einem Wunder von seinem Hunger zu befreien, allerlei fromme Werke zu tun und dabei Gott blindlings zu vertrauen.
4 »Eva weinte und sprach: ›Wehe, wehe, wenn ich komme zum Tag der Auferstehung, werden mich alle, die gesündigt haben, verfluchen und sagen: Eva hat das Gebot Gottes nicht gehalten‹« (ApkMos 10, 2). In anderer Version: »Wehe mir Armen, dass ich verflucht bin, weil ich die Gebote des Herrn nicht gehalten habe« (VitAd 37, 2).
5 Zum Dienst eines Engels für den Propheten Elia vgl. 1 Kön 19, 4–7.
Jesu Kommen nach Kapharnaum
Markus 1, 21–31.32–34
21–22 Einleitung
23–28 Die Entgeisterung eines Besessenen
29–31 Die Heilung der Schwiegermutter des Petrus
32–34 Erster Bericht vom Andrang der Menschen
21 Und sie wandern hinein nach Kapharnaum.
Und gleich am Sabbat,
nachdem er in die Synagoge hineingegangen war,
begann er zu lehren.
22 Und sie gerieten außer sich wegen seiner Lehre,
denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat,
und nicht wie die Schriftgelehrten.
23 In ihrer Synagoge war da gerade
ein Mensch mit einem unreinen Geist,
und er schrie auf,
24 sagend:
»Was (ist mit) uns und dir
(Ri 11,12; 1 Kön 17,18; 2 Kön 3,13; vgl. Mk 5, 7),
Jesus, Nazarener?
Ich weiß, wer du bist,
der Heilige Gottes!«
25 Doch Jesus fuhr ihn an,
sagend:
»Verstumme
und geh heraus aus ihm!«
26 Da ging der unreine Geist heraus aus ihm,
wobei er ihn (hin und her) zerrte
und mit lauter Stimme rief.
27 Und sie erschraken alle zusammen,
so dass sie miteinander disputieren,
sagend:
»Was ist dies?«
»Eine neue Lehre in Vollmacht!«
»Den unreinen Geistern befiehlt er,
und sie gehorchen ihm.«
28 Und die Kunde von ihm ging aus sogleich
überallhin in das ganze Umland Galiläas.
29 Als sie aus der Synagoge hinausgegangen waren,
gleich kamen sie mit Jakobus und Johannes
in das Haus von Simon und Andreas.
30 Die Schwiegermutter Simons aber lag fiebernd,
und sogleich sagen sie ihm von ihr.
31 Nachdem er herzu getreten
und die Hand ergriffen hatte,
richtete er sie auf.
Da verließ sie das Fieber,
und sie begann ihnen zu dienen.
32 Am Abend aber, als die Sonne unterging,
brachten sie zu ihm all die Kranken und die Besessenen.
33 Die ganze Stadt war da versammelt vor der Tür.
34 Und er heilte viele Kranke mit verschiedenen Krankheiten
und trieb viele Dämonen aus.
Doch den Dämonen gestattete er nicht zu reden,
denn sie kannten ihn.
Und sie wandern hinein nach Kapharnaum. Jesus ist mit seinen Jüngern, den Brüderpaaren Simon (Beiname Petrus, vgl. 3,16) und Andreas sowie Jakobus und Johannes, mit Fischern, die er am Galiläischen See (See von Gennesaret) von ihrer Arbeit rief, unterwegs. Ein Für und Wider gab es nicht. Er rief sie, und sie folgten ihm nach (vgl. 1,16–20). Zunächst nach Kapharnaum. Simon und wohl auch Andreas wohnten dort. Das Fischerstädtchen war ein Grenzort zwischen Galiläa und der Gaulanitis und lag am Nordwestufer des Sees etwa vier Kilometer westlich der Mündung des Jordan. Vom Aufschlagen des Quartiers in Kapharnaum wird nicht erzählt, sondern von anderem.
Und gleich am Sabbat, nachdem er in die Synagoge hineingegangen war, begann er zu lehren. In der Synagoge versammelte sich die Gemeinde unter der Leitung des Synagogenvorstehers zu Schriftlesung mit anschließendem Lehrvortrag, den ein Schriftgelehrter hielt. Gebet, Gesang und Segenshandlung gehörten ebenfalls dazu. In der Synagoge wurde auch Schule abgehalten und Recht gesprochen. Jesus begann zu lehren. Was und wie er lehrte, bleibt vorerst offen. Mitgeteilt wird uns zunächst nur die Wirkung des Lehrens Jesu auf die im Lehrhaus Versammelten. Sie gerieten außer sich wegen seiner Lehre. Und zwar gerieten sie deshalb außer sich, weil er sie lehrte wie einer, der Vollmacht hat, anders als ihre Schriftgelehrten.
Gemeint ist nicht, dass Jesus eine andere Sprache sprach als jene oder sich neuer Redeformen bediente. Gemeint ist auch nicht die Wohlgeformtheit seiner Rede, nicht eine originelle Vortragsweise, nicht eine seine Hörer in Bann ziehende Redekunst oder einfach etwas Neues, das die in der Synagoge Versammelten ganz aus dem Häuschen brachte. Das alles können andere schließlich auch und vielleicht sogar besser als er. Aber nein, Jesus lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, so wie keiner der anderen, wie keiner von ihren Schriftgelehrten. Jesus redete nicht über Gott, Mensch und Welt wie jene, sondern er selbst ist das in ihre Mitte gekommene und sie lehrende Wort Gottes. Er ist der Mensch, auf den der Geist herabkam wie eine Taube (vgl. 1,10), und der die Nähe der Gottesherrschaft kündet (vgl. 1,15). Er spricht. Er agiert. Da geht es sofort zur Sache, wie uns im folgenden Abschnitt demonstriert wird.
In ihrer Synagoge war da gerade ein Mensch mit einem unreinen Geist, und er schrie auf. – Unreiner Geist war die damals geläufige Bezeichnung für finstere oder böse Kräfte, die den Menschen durchdringen und beherrschen, ihn an Leib und Seele krank machen, ihn geradezu zerstören oder für zerstörerische Werke in Besitz nehmen konnten. Man sagte dann nicht, dass ein solcher von allen guten Geistern verlassen, sondern dass er von bösen Geistern besessen sei. Aber das musste sich äußerlich gar nicht zeigen. Ein unreiner Geist kann in einem Menschen auch einfach nur schlummern. So einer also war da in ihrer Gemeindeversammlung, unauffällig und friedlich. Plötzlich aber schrie der Mensch mit dem unreinen Geist auf. In Sorge oder in Not, manchmal in Freude, in auswegloser Bedrängnis schreit einer auf.
Was wurde geschrien? »Was ist mit uns und dir, Jesus, Nazarener? Bist du gekommen, uns zu vernichten? Ich weiß, wer du bist, der Heilige Gottes!« Mit einer abwehrenden Frage geht es los: ›Was ist mit uns, was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazareth? Wir haben doch eigentlich und noch besser nichts miteinander zu tun!‹
Wer spricht? Spricht der unreine Geist, der den Menschen hat, oder spricht der Mensch, der den unreinen Geist hat? Sprechen beide im Chor, oder versteckt sich da jemand? ‹Was haben wir mit dir zu tun?› Auf jeden Fall wissen sie, mit wem sie es zu tun haben, ohne dass Jesus sich ihnen vorgestellt hätte. Sie wissen um ihn ganz genau. »Bist du gekommen, uns zu vernichten?«, lautet ihre nächste, ihre besorgte Frage. Und dann hat das Versteckspiel unvermittelt ein Ende. Nun hat nur noch der unreine Geist das Wort und unternimmt einen Beschwörungsversuch: »Ich weiß, wer du bist, der Heilige Gottes!«
Doch Jesus lässt sich von diesem wahren und schönen Bekenntnis nicht ins Bockshorn jagen. Unreines wird nicht rein und Böses wird nicht gut, dass es die Wahrheit weiß. Das zieht bei dem Heiligen Gottes nicht. Jesus fuhr den unreinen Geist an und sagte: »Verstumme und geh heraus aus ihm!« Verhandelt wird nicht, nicht mal ein bisschen, und schon gar kein Kompromiss geschlossen. Jesus fährt dem Unhold sofort in die Parade und befiehlt ihm, auf Deutsch gesagt: Halt die Klappe und zieh Leine!
Da half dem unreinen Geist alles nichts. Er verließ den Menschen, wobei er ihn hin und her zerrte, sich in jeder Beziehung von ihm losreißen musste und entsetzlich schrie wie einer, dem die Wohnung samt Hab und Gut genommen ist und sogar die Sprechmöglichkeit. Und das war es dann. So verfährt der Träger des heiligen Geistes mit bösen Geistern. In seiner Nähe halten sie es nicht aus. Da wird nicht diskutiert. Da wird nicht gerungen. Da wogt der Kampf nicht hin und her, sondern da wird befohlen, und da werden Befehle ausgeführt. Ein Machtwort, und der unreine Geist nimmt schreiend Reißaus.
Von dem entgeisterten Menschen wird uns nichts berichtet. Nur noch von der Reaktion der anderen. Und sie erschraken alle zusammen, so dass sie miteinander disputieren. Den Erschrockenen blieben nicht die Worte im Hals stecken wie dem bösen Geist. Sie wurden gesprächig. »Was ist dies?«, fragten sie. »Eine neue Lehre in Vollmacht!«, sagten sie. »Den unreinen Geistern befiehlt er, und sie gehorchen ihm!«, stellten sie fest. So lehrte Jesus von Nazareth in der Synagoge zu Kapharnaum in Vollmacht, anders, ganz anders als ihre Schriftgelehrten. Und die Kunde von ihm ging aus sogleich überallhin in das ganze Umland Galiläas. Das blieb nicht geheim. Die Kunde von ihm sprach sich herum. Nicht nur im Land, sondern über die Landesgrenzen hinaus.
Während die Kunde von Jesus in die Lande ausging, ging auch Jesus mit seinen Jüngern aus Kapharnaums Synagoge hinaus. Erst jetzt wird erwähnt, dass sie dabei waren. Sie waren freilich nur dabei, wortlos und tatenlos, als Jesus gelehrt hatte. Danach fand ein Ortswechsel statt – vom Gemeindehaus ins Wohnhaus, aus der Öffentlichkeit ins Private, ins Haus von Simon und Andreas. Jakobus und Johannes gingen mit. Doch auch in diesem Haus stand es nicht zum Besten. Simons Schwiegermutter lag mit Fieber im Bett. Warum und wieso? Wir erhalten keine Auskunft. Ganz nebenbei erfahren wir, dass Simon verheiratet war (vgl. 1 Kor 9, 5). Seine Frau jedoch wird nicht eigens erwähnt. Nichts wird erwähnt außer der Kranken in seinem Haus. Die Jünger haben keine Scheu. Sogleich sagen sie ihm von ihr. Sie schildern ihm kurz und knapp die Lage. Das genügt.
Nachdem er herzu getreten und die Hand ergriffen hatte, richtete er sie auf. Etwas Besonderes geschieht nicht. Jesus tritt herzu, wie man an ein Krankenbett tritt, die Hand des Kranken ergreift und ihn, wenn er will, ein wenig aufrichtet. So oder so ähnlich hat es jeder bei einem Krankenbesuch bestimmt schon einmal getan. Hier geschieht es ebenso, aber auch anders. Da er herzu trat, ihre Hand ergriff und sie aufrichtete – verließ sie das Fieber. Dabei sprach er kein Wort, keinen Zauberspruch, wie es in der Antike bei der Bekämpfung des Fiebers üblich war. Wie sein Kommen in die Synagoge zuvor des unreinen Geistes Verschwinden war, so ist hier sein Kommen, sein Reichen der Hand, sein Aufrichten der Kranken des Fiebers Gehen. Dann stand die Frau selber auf und begann – als wäre sie nicht krank gewesen und als müsste sie nicht noch ein wenig ruhen – ihnen zu dienen, das heißt, sie zu bewirten. Nicht nur ihren Wohltäter, sondern sie alle im Haus. So demonstrierte sie ihnen, dass sie genesen war. Ihr Tun am Sabbat – dankbarer Dienst.
Wie Jesus diese Frau geheilt hat oder zu heilen vermochte, wird nicht erzählt. Dass er in Vollmacht lehrte, in Vollmacht handelte, ist auch hier die einzige Erklärung, die uns gegeben wird.
Am Abend aber, als die Sonne unterging, brachten sie zu ihm all die Kranken und die Besessenen. Die ganze Stadt war da versammelt vor der Tür. – Nicht nur über die Landesgrenzen hinaus, sondern auch in Kapharnaum selbst hatte sich die Kunde des Nazareners, von seiner Art, Menschen mit Vollmacht zu lehren, wie ein Lauffeuer ausgebreitet. Als der Sabbat vorüber war, am Abend, als die Sonne unterging, hob die Geschäftigkeit in der Stadt wieder an. Anders als sonst. Da brachten sie all die Kranken und die Besessenen, das heißt die mit Bosheit Geschlagenen oder mit Bösem sich Plagenden, zu ihm. Auf Tragen oder an der Hand, notdürftig gesichert oder nicht gesichert, wie auch immer. Die ganze Stadt war da auf den Beinen und versammelt vor der Tür, wo Jesus eingekehrt war.
Und er heilte viele Kranke mit verschiedenen Krankheiten und trieb viele Dämonen aus. Doch den Dämonen gestattete er nicht zu reden, denn sie kannten ihn. Jesus ließ nicht lange auf sich warten. Er kam vor die Tür und half den Menschen vor Einbruch der Dunkelheit in der Kraft des Geistes, die mit ihm war, so dass Kranke gesund und Besessene ihre Plagegeister loswurden. Wie das im Einzelnen aussah, ist der Fantasie des Lesers überlassen. Dem Evangelisten kommt es auf etwas anderes an. Darauf, dass Jesus viele Kranke heilte, nicht nur eine oder einen, und dass er mit verschiedenen Krankheiten fertig wurde, nicht nur mit einer oder einigen. Ferner, dass er viele Dämonen austrieb. Viele heißt viele, aber nicht alle. An jenem Abend heilte Jesus viele, aber nicht alle Kranken von all ihren Krankheiten und Gebrechen. Er schlug viele, aber nicht alle Dämonen samt ihren Dämonien aus dem Feld. Viele von jenen, die da erwartungsvoll Simons Haus in Kapharnaum belagerten, werden erleichtert, viele möglicherweise auch enttäuscht gewesen sein, dass Jesus, ein Mann mit diesen Fähigkeiten, nicht zu ihnen oder den Ihrigen gekommen war an diesem Abend. Noch ist nicht aller Tage Abend.
Statt dies näher zu erklären, wird noch erzählt, dass Jesus den Dämonen Redeverbot erteilte. »Ich weiß, wer du bist, der Heilige Gottes!« Mit diesen Worten hatte der böse Geist am Morgen in der Synagoge Jesus aufzuhalten versucht, gegen ihn vorzugehen. Denn wer seinen Namen kennt, den kann er nicht vernichten, ohne sich in Selbstwidersprüche zu verwickeln. Den muss er gewähren lassen, ja ihn retten und schützen (vgl. Ps 91,14–16)! Doch da hatte der schriftgelehrte böse Geist die Rechnung ohne den Heiligen Gottes gemacht. Der verschloss ihm das Maul und trieb ihn samt seinen Flausen mit einem Machtwort aus dem Menschen hinaus.
An unserer Stelle ist es nun ein wenig anders. Jesus möchte nicht, dass die Dämonen ihn bekannt machen. Denn sie kennen ihn. Sie wissen, wer er ist. Sie schreien auf, wenn er kommt, und bangen um ihr Leben. Doch ihr Wissen um ihn, das sie, sobald sie es mit ihm zu tun bekommen, herausschreien (vgl. auch Mk 3,11 f), soll ihnen im Hals stecken bleiben. Sie sollen niemand damit kommen. Weshalb? Könnte es die Menschen nur verwirren, sie nur in Angst und Schrecken versetzen, sie aber nie und nimmer befreien? Würde es Jesus selbst auf seinem Weg im Wege stehen und ihn behindern? Wird nur einer ihn bekannt machen, wie er will, und wann er will, und wem er es entdecken will, aber kein Dämon, kein unreiner, kein unheiliger Geist? Es ist wohl so gemeint.
Dann brach die Nacht herein. Jesus beendete sein Tagewerk, und alles verlief sich. Die Menschen begaben sich nach Hause. Morgen ist auch noch ein Tag. Dass Jesus nachts wie alle anderen ruhte, wird vorausgesetzt, aber nicht erzählt.
Jesu Kommen in die Umgebung
von Kapharnaum
Markus 1, 35–45
35–38 Aufbruch am Morgen
39 Der Besuch der Lehrhäuser in Galiläa
40–45 Die Heilung des Aussätzigen
35 In der Frühe, als es noch völlig Nacht (war),
erhob er sich und ging aus,
und er ging hin an einen einsamen Ort
(und) begann dort zu beten.
36 Simon aber eilte ihm nach mit seinen Begleitern.
37 Und sie fanden ihn
und sagen zu ihm:
»Alle suchen dich!«
38 Da sagt er zu ihnen:
»Lasst uns anderswohin gehen,
in die angrenzenden Marktflecken,
damit ich auch dort verkündige.
Denn dazu bin ich ausgegangen.«
39 Und er kam,
verkündigend in ihren Synagogen in ganz Galiläa
und die Dämonen austreibend.
40 Da kommt zu ihm ein Aussätziger,
bittet ihn,
[fällt auf die Knie]
und sagt zu ihm:
»Wenn du willst,
kannst du mich reinigen.«
41 Und er erbarmte sich,
streckte seine Hand aus,
berührte (ihn)
und spricht zu ihm:
»Ich will,
werde rein!«
42 Und sogleich ging weg von ihm der Aussatz,
und er wurde rein
(2 Kön 5,14).
43 Doch er (Jesus) fuhr ihn an
und trieb ihn sogleich fort
44 und sagt zu ihm:
»Pass auf,
sage niemandem etwas,
sondern geh hin,
stelle dich selbst dem Priester vor
(Lev 13, 49; vgl. 13,1ff)
und bringe für deine Reinigung dar,
was Mose angeordnet hat
(vgl. 14,1ff),
zum Zeugnis ihnen!«
45 Der aber ging fort,
begann viel zu verkündigen
und die Sache auszubreiten,
so dass er (Jesus) nicht mehr öffentlich
in eine Stadt hineingehen konnte,
sondern sich außerhalb an einsamen Orten aufhielt.
Doch ständig kamen sie zu ihm von überallher.
In der Frühe, als es noch völlig Nacht war, erhob er sich und ging aus, und er ging hin an einen einsamen Ort und begann dort zu beten. Mit einer Überraschung beginnt der neue Tag. Jesus knüpft am Morgen nicht dort an, womit er zum Abend hin nicht fertig wurde. Vor Anbruch des Tages erhob er sich und war auf den Beinen, bevor sich der Platz vor Simons Haus wieder füllte. Vor allen anderen, auch vor seinen Jüngern war er aufgestanden, aber nicht, um die Hilfsbedürftigen zu erwarten und für ihr Kommen gerüstet zu sein. Er wartete ihr Kommen nicht ab, sondern begab sich an einen anderen, einen einsamen, einen menschenleeren Ort (vgl. Mk 1, 45; 6, 31f.35) und begann dort zu beten. Ein merkwürdiger Wundertäter. An einem einsamen Ort einsam und allein im Finstern betend, zu beten beginnend – dazu war er aufgestanden und ausgegangen, dorthin unterwegs.6
Simon aber eilte ihm nach mit seinen Begleitern. Und sie fanden ihn und sagen zu ihm: »Alle suchen dich!« Als Simon aufsteht, ist Jesus fort. Wo ist er geblieben? Mit seinen Begleitern, gemeint sind wohl Andreas, Jakobus und Johannes, schwärmt Simon aus. Sie finden ihn, finden ihn in der Einsamkeit. »Alle suchen dich«, sagen sie erstaunt und nicht ohne Vorwurf. Hätte Jesus ihnen nicht Bescheid sagen, ihnen einen Zettel hinterlegen können? Auf die Suche mussten sie sich nach ihm begeben und ihm nacheilen. War das nötig? Die Bedürftigen in Kapharnaum erwarten ihn bereits, und mit Recht, hatte er vor nicht zu langer Zeit doch sehnsüchtigste Erwartungen in ihnen geweckt. Was sollen die von ihm halten? Was sollen sie selbst von ihm halten? Alle suchen ihn! Zum Glück haben sie ihn gefunden. Sie können gehen.
Da sagt er zu ihnen: »Lasst uns anderswohin gehen, in die angrenzenden Marktflecken, damit ich auch dort verkündige. Denn dazu bin ich ausgegangen.« Jesus will nicht zurückgehen, er muss weiter, weiter in die Orte der näheren Umgebung, damit er auch dort verkündige. Dieses Werk, nicht jenes, möchte er bei Tagesanbruch wieder aufnehmen und fortsetzen: die Verkündigung der Gottesherrschaft. Nicht ihr Gekommensein, sondern ihr Kommen, ihre Nähe, ihr sich Nahen, von der die Menschen in der Nachbarschaft Kapharnaums und darüber hinaus ebenfalls erfahren sollen. Und das geht vor. Dazu war er in aller Frühe ausgegangen. Um ihr Kommen hatte er da wohl – einsam und allein, als es noch Nacht war – gebetet.
Die Jünger widersprechen nicht. Keiner von ihnen eilt zurück und sagt den vor Simons Haus Wartenden, sie würden hier und jetzt vergeblich auf ihren Wundertäter warten. Sie werden es merken. Sie werden sich in Geduld fassen müssen. Nicht einsam und allein. So werden sie mit ihm warten und um das Kommen der alles mit Heil erfüllenden Herrschaft Gottes, die sich ihnen so vielversprechend genaht, bitten müssen, aber auch bitten dürfen wie er. Jesus ließ die in Kapharnaum auf ihn Wartenden also nicht links liegen, wie sie, wie die Jünger und wie wir selber meinen könnten, sondern lehrte sie auch so – in Vollmacht. Nicht rücksichtslos, wirklich nicht, aber ohne zurückzusehen, setzte er seine Absicht ins Werk. Und seine Jünger gingen wortlos mit ihm mit.
Der Mensch Gottes ist sowohl der Künder als auch die Verkündigung der kommenden, der alles, wirklich alles mit Heil erfüllenden Herrschaft Gottes. Mit seinem Kommen haben wir die Hilfe, die wir nötig haben, nicht hinter, sondern, wenn auch vorläufig, bereits vor der Tür – und zwar vor dem Einbruch der Dunkelheit, vor dem Kommen der Nacht und selbst der letzten Nacht. Wenn wir von seinen Taten hören, uns über ihn freuen, ihn erwarten, sind wir aber auch dann nicht einsam und allein, wenn wir seine Hilfe einmal vermissen, vielleicht sehr schmerzlich vermissen müssen. Es hat keinen Sinn, sich darüber aufzuregen oder das ungerecht zu finden oder sich selbst zu bemitleiden. Da macht er uns das andere klar: an einem solchen Ort oder in einer solchen Lage hat auch er gewartet, einsam, wachend, betend, lange bevor wir aufgestanden sind. Und da wartet er, dass wir ihn suchen – nicht uns selbst zuerst und zuletzt – und mit ihm Wartende oder vielleicht auch einmal für ihn Wartende der nahegekommenen Herrschaft Gottes werden und um deren Kommen bitten. Und sofern wir seine Jünger sind, auch zu anderen Menschen anderswohin mit ihm mitgehen.
Und er kam, verkündigend in ihren Synagogen in ganz Galiläa und die Dämonen austreibend. Die Ausführung seiner Absicht, das Kommen der Herrschaft Gottes – und nicht das Kommen der Hilfsbedürftigen! – auch in Kapharnaums Umgebung zu verkünden, wird uns nicht als Jesu Gehen, sondern betont als Jesu Kommen erzählt. Jesus ist der Künder als auch die Verkündigung dieses Kommens, des Wartens und Bittens darum inbegriffen. Auf dieselbe Weise ging er später auch in die Umgebungen der Umgebung Kapharnaums aus: er kam, verkündigend in ihren Synagogen in ganz Galiläa. Ihre Lehrund Bethäuser suchte er da fleißig auf im Land und trieb die Dämonen aus. Dass sich böse Geister dort mit Vorliebe ein Stelldichein gaben, ist nicht gesagt. Gesagt ist nur, dass sie in ihren gottesdienstlichen Versammlungen, gerade dort nichts zu suchen und nichts verloren haben sollten.
Aussatz, auch Lepra genannt, ist eine Erkrankung der Haut.7 Da bilden sich Flecken, Knoten, Geschwüre, insbesondere an Armen und Beinen sowie im Gesicht, die zur Zerstörung der Haut, der Nerven, selbst der Muskeln und Knochen führen können, je nachdem wie der Erreger der Lepra, ein Bakterium, sich ausbreitet. Wird die Haut verletzt, können leicht weitere Infektionen dazukommen. Die Krankheit ist ansteckend und galt früher als nahezu unheilbar. Von Aussatz befallene Menschen wurden nicht selten von den anderen abgesondert. In Israel galten sie als unrein, das heißt, als aus der Gemeinschaft Auszuschließende. Es war ihnen verboten, sich den Gesunden zu nahen, geschweige sie anzurühren, solange sie nicht genesen waren.
Die Wundergeschichten im Markusevangelium fingen bisher damit an, dass Jesus irgendwohin kam und dort etwas tat.8 So auch hier (vgl. 1, 39). Ein Novum aber ist es nun, dass man Jesus nicht auf jemand aufmerksam macht (vgl. 1, 30) oder die Bedürftigen zu ihm bringt (vgl. 1, 32), sondern dass ein Mensch von selber und selbstständig zu ihm kommt. Über den Ort, die Zeit und die Umstände seines Kommens erfahren wir nichts. Von Jesus und seinem Wirken wird er gehört haben. Auch über ihn selbst erfahren wir nichts. Genauere Angaben zur Art und Schwere seiner Erkrankung werden nicht gemacht. Da kommt einer, gezeichnet von und bezeichnet mit seiner Krankheit, ein Aussätziger, ein unreiner Mensch.
Wie ist es möglich, dass so einer zu Jesus kommen kann und kommt? Der Mann tut etwas Verbotenes. Er überschreitet ein strenges Verbot, indem er sich Jesus naht. Und der weist ihn nicht etwa zurück, sondern lässt ihn gewähren.
Was will der Mann? Er kommt mit einer Bitte. Er selbst ist ganz und gar Bitte, reine Bitte, er fällt auf die Knie und sagt zu ihm: »Wenn du willst, kannst du mich reinigen.« Merkwürdig, er sagt nicht, ich möchte gern wieder gesund sein, Jesus, wenn du kannst, hilf mir bitte. Nein, er ist sich sicher, dass sein Gegenüber ihn heilen kann, und zwar ohne die geringsten Schwierigkeiten, wie eigentlich nur Gott Menschen von ihrem Aussatz reinigen und Tote lebendig machen kann (vgl. 2 Kön 5, 7; Röm 4,17). Es hängt lediglich an seinem Wollen. Der Mann verlangt nicht, dass Jesus es wollen sollte oder wollen müsste, wie er selber will, und besteht auch nicht darauf: ›Wenn du willst, kannst du mich reinigen. Unter der Bedingung, dass du es willst, von dir aus und aus freien Stücken, kannst du es. Deinem Wollen steht nichts im Weg, was du willst, wird zur Tat. Wenn du willst, kannst du mich rein machen.‹
Und er erbarmte sich, streckte seine Hand aus, berührte ihn und spricht zu ihm: »Ich will, werde rein!« Und sogleich ging weg von ihm der Aussatz, und er wurde rein. Auch Jesus überschreitet eine Grenze. Er streckt seine Hand aus und berührt den Unberührbaren, sucht direkten Kontakt zu ihm und bekundet ihm sein Wollen: »Ich will.« Sein Erbarmen ist sein Wollen und sein Wollen sein Erbarmen. Ihm folgt das Tun und sein Befehl: »Werde rein!« Darauf wird die Wirkung seines Befehls in doppelter Hinsicht beschrieben: gleich ging der Aussatz fort von ihm, und der Mensch wurde rein. Nicht nur die Krankheit verschwand, auch der Mensch wurde etwas, er wurde, seiner Bitte gemäß, (ein) reiner Mensch.
An dieser Stelle nimmt die Geschichte eine erstaunliche Wendung. Denn Jesus fuhr ihn an und trieb ihn sogleich fort und sagt zu ihm: »Pass auf, sage niemandem etwas, sondern geh hin, stelle dich selbst dem Priester vor und bringe für deine Reinigung dar, was Mose angeordnet hat, zum Zeugnis ihnen!« Noch bevor der Geheilte irgendetwas wollen, tun oder sagen kann, fährt Jesus ihn hart an. Man kann das Wort, das hier mit anfahren wiedergegeben wird, auch mit anschnauben, seinen Unwillen äußern oder vergattern übersetzen (vgl. Mk 14, 5). Jesus will nun auch etwas von ihm, woran er sich unbedingt halten soll. Er soll niemand berichten, was ihm widerfuhr. Der Grund wird ihm nicht genannt – außer dass Jesus es will. Er soll gehen und sich stumm dem Priester vorstellen, der ihn nach den Vorschriften begutachten und danach das Reinigungszeremoniell an ihm vollziehen soll, wie es im Gesetz vorgesehen ist. Man soll seine Heilung amtlicherseits zur Kenntnis nehmen und alles Weitere veranlassen, damit er sich unter den Menschen frei bewegen und ein normales Leben führen könne, aber nicht mehr. – Mit diesen Worten trieb er ihn davon, wie wenn er mit ihm und seiner Heilung nicht in Zusammenhang gebracht werden wollte.
In antiken Zauberpapyri begegnen uns ebenfalls Geheimhaltungsgebote, etwa wo ein Zauberspruch nicht weitergegeben bzw. nicht um seine Wirkung gebracht werden sollte. Der Eingeweihte musste sogar einen Eid ablegen, von den Formeln, deren Ohrenzeuge er werden würde, nichts verlauten zu lassen. Nur bei Miteingeweihten, sofern sie als verlässlich erschienen, sollten Ausnahmen von der Regel möglich sein. In Sagen und Märchen spielt das Motiv übrigens auch eine Rolle.
Anders hier. Jesus will nicht, dass der von seiner Krankheit geheilte Mensch bekannt macht, wer er ihm geholfen habe. Er soll es für sich behalten und keinen Wirbel darum machen. Doch da hatte Jesus sich in ihm wohl getäuscht. Der tat, was er immer tat und auch am Anfang unserer Geschichte getan hatte: ein Gebot übertreten. Der Mensch, auch der reine Mensch, ist eben der Mensch. Was er tun soll, tut er nicht, oder er tut es bloß teilweise, aber was er nicht tun soll, das tut er. Es war zu keiner Zeit anders. Der Mensch ging fort, begann viel zu verkündigen und die Sache auszubreiten, so dass Jesus nicht mehr öffentlich in eine Stadt hineingehen konnte, sondern sich außerhalb an einsamen Orten aufhielt. Doch ständig kamen sie zu ihm von überallher. Der reingewordene Mensch geht, wie ihm geheißen. So weit, so gut. Doch schon seine Selbstvorstellung beim Priester und das darauf an ihm zu vollziehende Zeremoniell samt Dankopfer fallen aus. Stattdessen breitet er die Sache aus, nicht wenig, sondern viel, und bringt seinen Helfer damit in Schwierigkeiten. Der kann sich nirgends mehr öffentlich blicken lassen, ohne von Menschenscharen belagert zu werden. Selbst außerhalb der Ortschaften an einsamen Orten ist er vor ihnen nicht mehr sicher. Ständig stöbern sie ihn auf, ständig kommen sie zu ihm von überallher.
Nirgendwo steht geschrieben, dass Jesus sich darüber beklagt oder dass es ihm leidgetan hätte, jenen windigen Burschen geheilt zu haben. Er nahm es hin und machte seine Heilung nicht etwa rückgängig. Auch den Mund verschloss er ihm nicht, wie er den unreinen Geistern in Kapharnaum das Mundwerk verschlossen hatte (vgl. 1, 25f.34). Er ließ ihn gewähren und trug ohne ein Wort des Zorns oder der Bitterkeit die Konsequenzen seines Tuns. Auch der reine Mensch ist eben der Mensch. Man kann sich auf ihn nicht verlassen. Man könnte Jesus allenfalls vorhalten, dass er es hätte wissen müssen. Aber wahrscheinlich wollte er, dessen Wollen sein Erbarmen und dessen Erbarmen sein Wollen ist, nicht einmal das.
6 Dass Jesus hinging, um zu beten, berichtet Markus dreimal. Hier an unserer Stelle, nach der Speisung der Fünftausend, als er seine Jünger drängte, ohne ihn an das andere Ufer vorauszufahren (6, 45ff), und im Garten Gethsemane dreifach (14, 32ff).
7 Manchmal wurden auch andere Hautkrankheiten mit diesem Namen versehen.
8 Genauso verhält es sich auch sonst: Mk 1, 7.9 (Ankündigung seines Kommens und Jesu Kommen zur Taufe) und 1,14 (Jesu Verkündigung in Galiläa). Bei der Berufung der Jünger 1,16.19 heißt es: Jesus sah sie, als er vorüber- bzw. ein wenig vorwärts- oder vorausging.
Rückkehr nach Kapharnaum
Markus 2,1–12
1–12 Die Heilung des Gelähmten
1 Als er nach Tagen wiederum nach Kapharnaum kam,
wurde bekannt,
dass er im Hause ist.
2 Und es versammelten sich viele,
so dass kein Platz mehr zu finden ist,
auch nicht vor der Tür,
und er begann ihnen das Wort zu sagen.
3 Da kommen sie
(und) bringen einen Gelähmten zu ihm,
getragen von vier (Leuten).
4 Doch weil sie ihn nicht zu ihm bringen konnten
wegen der Volksmenge,
deckten sie das Dach ab, wo er war,
und ließen, nachdem sie (es) aufgegraben hatten,
die Trage, auf der der Gelähmte lag, herab.
5 Als Jesus ihren Glauben sah,
sagt er zu dem Gelähmten:
»Kind,
deine Sünden werden erlassen!«
6 Es waren aber einige der Schriftgelehrten dort,
sitzend und erwägend in ihren Herzen:
7 »Was redet dieser so?«
»Er lästert!«
»Wer kann Sünden erlassen
außer der eine Gott?«
8 Doch Jesus durchschaute sogleich mit seinem Geist,
dass sie so bei sich erwägen,
und sagt zu ihnen:
»Wieso denkt ihr dies in euren Herzen?
9 Was ist leichter,
zu dem Gelähmten zu sagen,
›Deine Sünden werden erlassen‹,
oder zu sagen,
›Steh auf,
nimm auf deine Trage
und wandle‹?
10 Damit ihr aber wisst,
dass der Menschensohn Vollmacht hat,
Sünden zu erlassen auf Erden«,
sagt er zu dem Gelähmten:
11 »Dir sage ich:
Steh auf,
nimm auf deine Trage
und geh in dein Haus!«
12 Da wurde er aufgerichtet,
und gleich,
nachdem er aufgenommen die Trage,
ging er vor allen hinaus,
so dass sich entsetzen alle
und Gott rühmen,
sagend:
»Derartiges sahen wir noch nie!«
Nach mehreren Tagen seiner Lehrtätigkeit in Galiläa war Jesus wieder nach Kapharnaum am (Galiläischen) See zurückgekehrt, wo seine Jünger Simon (Petrus) und Andreas ein Haus besaßen. Als bekannt wurde, dass der berühmte Wundertäter, welcher böse Geister vertrieb und Kranke heilte, Jesus von Nazareth, wiedergekommen sei und im Haus der Jünger weilte, versammelten sich viele, so dass kein Platz mehr zu finden war, auch nicht vor der Tür, und er begann ihnen das Wort zu sagen. Nur vorläufig hatte Jesus sich aus Kapharnaum entfernt, so dass man nach ihm fragen, ihn suchen oder auf ihn warten musste. Das alles aber nicht vergeblich. Nun war er also wieder da, und die Leute strömten zahlreich seinem Aufenthaltsort zu und drangen sogar ins Haus ein. Jesus aber begann nicht etwa Wunder zu tun, sondern ihnen das Wort zu sagen, das freilich wunderliche Wort vom Kommen der alles mit Heil erfüllenden Herrschaft Gottes. Nicht ihr Gekommensein sagte er ihnen an, sondern ihr Kommen, ihre Nähe, ihr sich Nahen.
Da kommen sie und bringen einen Gelähmten zu ihm, getragen von vier Leuten. Die Menschen, die in Kapharnaum ins Haus der Jünger eindrangen, blockieren den Weg. Da war kein Durchkommen mehr, schon gar nicht für einen Gelähmten auf einer Trage. Weil seine Freunde ihn wegen des Gedränges nicht vor Jesus absetzen konnten, deckten sie, ohne um Erlaubnis zu fragen, das Dach an der Stelle ab, wo er war, gruben es auf und ließen die Trage, auf der der Gelähmte lag, an Seilen oder Stricken hinab. Man stelle sich das bildlich vor! Was sind das für Freunde, Freunde, die nicht eher Ruhe geben, bis sie ihren gelähmten Freund nicht irgendwo, etwa in einem berühmten Heiltempel oder in einem gut geführten Pflegeheim, sondern unmittelbar vor Jesus abgesetzt haben!
Und nun wird großer Wert darauf gelegt, zu berichten, was Jesus sah. Herabstürzende Dachteile, das mehr oder weniger gefährlich große Loch in der Decke, Bauart und Baujahr der sich herabsenkenden Trage, das entsetzte Gesicht der Eigentümer, denen das Haus beschädigt wurde, die Wirkung auf die Leute – all das scheint der Erwähnung nicht zu bedürfen. Auch eine Beschreibung der Art der Lähmung des Gelähmten unterbleibt. Jesus sieht, worum es geht, und vor allem, worauf es ankommt. Er sieht, wie jene Vier das Unmögliche möglich machen und ihrem gelähmten Freund trotz des Gedränges Zugang verschaffen, er sieht ihr unbeirrtes, erwartungsvolles Kommen mit ihm zu ihm. Er sieht ihren zwar nicht Berge versetzenden, aber immerhin Dächer abdeckenden Glauben. Dieser ihr Glaube lässt sich sehen, und Jesus sieht ihn. Es ist ihm nicht fremd, was er bei ihnen sieht. Es entspricht dem sogar ziemlich genau, was er selbst sagt und tut. Nachdem er gesehen hat, was es da zu sehen gab, wendet er sich – ohne dass jene vier Männer und Jesus ein Wort miteinander gewechselt hätten – dem Gelähmten zu: »Kind, deine Sünden werden erlassen!« Nicht irgendwann einmal, sondern jetzt. Sie werden jetzt erlassen.
War schon erstaunlich, was Jesus sah und anerkannte, so ist es umso erstaunlicher, was er zu dem Kranken sagt: »Kind, deine Sünden werden erlassen!« Auf diese Zusage ist man nicht gefasst. Denn von seinen Sünden war bis jetzt keine Rede, und Jesus war von niemand um ihren Erlass gebeten worden, auch von dem auf der Trage vor ihm liegenden Gelähmten nicht. Aber auch auf seine Anrede ist man nicht gefasst. Sie will ja nicht sagen, dass es sich bei jenem Gelähmten um ein Kind gehandelt habe. Kind – das ist der Mensch im Blick auf seine Beziehung zu Gott, die jetzt in Ordnung gebracht wird.
»Kind, deine Sünden werden erlassen!« Jesus sagt es von sich aus dem Gelähmten zu. Er ist der Künder als auch die Verkündigung dieser Zusage, die Erledigung seines Beziehungsproblems. Da werden nicht nur ein paar freundlich unverbindliche Worte gesprochen, sondern da wird das Leben eines Menschen auf eine neue Grundlage gestellt, auf die Grundlage erlassener Sünden. Wie könnte Gottes Herrschaft denn auch kommen, ohne dass Sünden erlassen und gestrichen würden? ›Kind, deine Sünden werden erlassen! Du bleibst nicht mit ihnen liegen, sie werden dich nicht länger niederstrecken und lähmen, du gehörst woanders hin!‹
Nun könnte in jenem Haus jemand gesessen haben, der bei sich dachte: ›Was soll das? Das bringt doch nichts. Bei dem ist sowieso Hopfen und Malz verloren, der wird nicht wieder. Vergebung der Sünden, neue Lebensgrundlage – dass ich nicht lache!‹ Tatsächlich erwähnt werden einige Gelehrte, die sich in der Bibel auskennen und von Gott ein wenig Ahnung haben. Die nahmen Jesus beim Wort und dachten: ›Das geht zu weit! Wie kann der so reden? Was bildet er sich ein? Gott wird schon wissen, warum jener da gelähmt liegt. Es wird seine Richtigkeit damit haben. Im Übrigen ist es Gottes Sache allein, wann und wem er die Sünden erlassen will und wirksam erlassen kann. Wie kommt dieser Mensch dazu, Gottes Sache in die eigene Hand zu nehmen und hier und jetzt in seinem Namen Sündenerlass zuzusprechen? Das kann doch wohl nicht wahr sein! Anmaßung! Kompetenzüberschreitung! Gotteslästerung!‹
So wie jene Bibelgelehrten kann man mit Jesus leider auch umgehen. Kein dringliches, kein erwartungsvolles, kein zugunsten eines gelähmten Freundes alle Hindernisse überwindendes Zutrauen in ihn, sondern ein grundlos distanziertes, lauter Hindernisse aufrichtendes Misstrauen ihm gegenüber. Zum Glück aber ändert das nichts daran, was Jesus dem Gelähmten zusprach. Aber musste es sein?
Auch hier sieht Jesus sofort, was los ist, obwohl es gar nichts zu sehen gibt. Er sieht, er durchschaut ihre Gedanken. Darum fragt er sie, was ihrer Meinung nach leichter wäre: »zu dem Gelähmten zu sagen, ›Deine Sünden werden erlassen‹, oder zu sagen, ›Steh auf, nimm auf deine Trage und wandle‹?« Jesus wartet ihre Antwort auf seine Frage nicht ab, sondern gebietet. Die ganze Unanschaulichkeit seines Wortes an den Gelähmten macht er nun anschaulich, mit dem scheinbar Schwereren das scheinbar Leichtere. Er macht die Kraft seines belebenden, des Menschen Beziehungsprobleme ausräumenden Wortes sichtbar. Er macht sichtbar, dass er Vollmacht hat, auf Erden Sünden zu erlassen und sie zur Vergangenheit zu machen. Sünden, die ein Kind Gottes behindern, beschweren, einsam machen, niederstrecken, lähmen. Nicht morgen oder übermorgen, sondern hier und jetzt! Es verhält sich mit seinem Zuspruch – »Kind, deine Sünden werden erlassen!« – so ähnlich, als wenn er sagen würde: »Steh auf, nimm auf deine Trage und geh in dein Haus!« Da geschieht es, dass ein Gelähmter loswird, was ihn lahm machte und niederstreckte. Da geschieht es, dass er aufstehen und als freier Mensch wandeln kann, weil Jesus sich ihm zusprach und ihn aufrichtete. Da vermag der Betreffende dasjenige, worauf er festgelegt und niedergestreckt war, zu schultern und vor aller Augen sogleich frei auszugehen. Und da kehrt er auch nicht in irgendeine Beziehungslosigkeit zurück, sondern in sein Haus zu den Seinen. Die Anwesenden aber, die zwei Augen im Kopf haben und von ihren eigenen Beziehungsproblemen nicht völlig in Anspruch genommen sind, werden sich entsetzen und Gott rühmen. Das wäre auch eine Möglichkeit und nicht die schlechteste.
Wie gesagt, solche Vollmacht hat der Träger des göttlichen Geistes. Darum herrscht, man täusche sich nicht, wo er sich gerade aufhält, großer Andrang, dass nicht einmal vor der Tür des Hauses der Platz ausreicht, und man ihm womöglich aufs Dach steigen muss, um einen ganz bestimmten Menschen, einen armen Gelähmten, seinen Freund, unter nicht geringem Aufwand vor ihm abzusetzen und ihm ans Herz zu legen. Jener Gelähmte brauchte solche Freunde, und auch Jesus möchte offensichtlich solche Freunde haben, die ihn, ohne sich vom Gedränge der Menschen kopfscheu machen zu lassen, für jemand bitten. Er wird hinter ihnen nicht zurückstehen, sondern ihnen ihre Bitte, selbst wenn sie unausgesprochen blieb, herzlich gern erfüllen. Wie der Erlass der Sünden zum Kommen der Herrschaft Gottes gehört, so das Kommen solcher Freunde mit ihrem armen Freund zu ihm zur Erneuerung rechter Beziehungen.
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