Kitabı oku: «Joseph»
John C. Lennox
Joseph
Eine Geschichte der Liebe, des Hasses,
der Sklaverei, der Macht und der Vergebung


Impressum
© 1. Auflage 08/2020 der deutschen eBook-Auflage 2020 by Daniel-Verlag
Gewerbegebiet 7, 17279 Lychen
www.daniel-verlag.de
Autor: John C. Lennox
Übersetzung aus dem Englischen: Ricarda Colditz
Lektorat: Thomas Gutjahr
Cover: Lucian Binder, Marienheide
eBook-Erstellung: Alexander Rempel, www.ceBooks.de
Titel der englischen Original-Ausgabe: Joseph: A Story of Love, Hate, Slavery, Power, and Forgiveness
Copyright © 2019 by John C. Lennox
Published by Crossway
a publishing ministry of Good News Publishers
Wheaton, Illinois 60187, U.S.A.
This edition published by arrangement with Crossway.
All rights reserved.
Die Bibelzitate sind in der Regel der Elberfelder Übersetzung (Edition CSV Hückeswagen), 3. Auflage 2009, entnommen.
ISBN: 978-3-95893-269-2 (eBook)
ISBN: 978–3–945515-35-8 (Buch)
Verlags-Seite und Shop: www.daniel-verlag.de
Kontakt: info@daniel-verlag.de
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Inhalt
Impressum
Einleitung
TEIL 1 Der Gesamtzusammenhang im ersten Buch Mose
1 Der Aufbau des ersten Buches Mose
2 Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs
3 Isaak und seine Söhne
4 Jakob und seine Familie kehren in das verheißene Land zurück; Begegnung mit Gott und Esau
5 Jakob in Sichem – die Schandtat an Dina
TEIL 2 Joseph, sein Vater und seine Brüder
6 Vorbetrachtungen
7 Der Ursprung des Hasses
8 Die Rache der Brüder
9 Judas Familienleben
10 Eine Einführung in die ägyptische Zivilisation
11 Joseph im Hause Potiphars
12 Joseph und Potiphars Frau
13 Joseph im Gefängnis
14 Josephs Aufstieg zur Macht
15 Der Weg der Vergebung und Versöhnung – Teil 1
16 Das Wesen der Vergebung
17 Der Weg der Vergebung und Versöhnung – Teil 2
18 Der Weg der Vergebung und Versöhnung – Teil 3
19 Israel kommt nach Ägypten
20 Die letzten Tage Israels und Josephs
Anhang 1: Grobgliederung der altägyptischen Geschichte
Einleitung
Die Geschichte Josephs, des Sohnes Jakobs, übt eine zeitlose und ungebrochene Faszination aus. Sie hat nichts von ihrer Fähigkeit verloren, die Höhen und Tiefen, die Sorgen und Freuden zu erforschen, die das komplizierte Gebilde der Beziehung zwischen Männern und Frauen und ihrer Beziehung zu Gott ausmachen.
In groben Zügen umrissen erzählt diese Geschichte, die viele Menschen von Kindheit an kennen, den komplexen Verlauf von Josephs außerordentlichem Leben von seinen Kindheitstagen an in einer ziemlich zerrütteten Familie – auf der einen Seite wird er von seinem Vater bevorzugt, wie man an dem bunten Gewand (Ärmelkleid) ersehen kann, und auf der anderen Seite muss er als Folge dieser Bevorzugung immer mehr verletzenden Spott und die Schikanen seiner Brüder ertragen. Seine seltsamen Träume, die ihn eine führende Rolle in seiner Familie besetzen lassen, entflammen den Hass seiner Brüder so sehr, dass sie beschließen, ihn zu ermorden, als er sie besucht, während sie weit weg von zu Hause das Vieh weiden.
Im letzten Moment wird der Brudermord vermieden, als einer der Brüder, Juda, vorschlägt, dass Joseph an die vorbeiziehende Karawane von midianitischen Sklavenhändlern verkauft wird. Der Handel wird abgeschlossen, und Joseph wird nach Ägypten gebracht, wo er als Haussklave an Potiphar verkauft wird, einen hohen Beamten im Gefolge des Pharaos.1 Joseph erweist sich als ein besonders guter Hausverwalter und wird bald damit betraut, Potiphars ganzer Hauswirtschaft vorzustehen. Doch das Verlangen von Potiphars Frau richtet sich auf Joseph, und als er ihre Annäherungsversuche ablehnt, beschuldigt sie ihn vor Potiphar, der ihn ohne eine Anhörung ins Gefängnis wirft.
Doch als Joseph sogar zu Unrecht eingesperrt ist, zeigen sich seine Führungsqualitäten, und schon nach kurzer Zeit wird er zum vertrauenswürdigen Verwalter des Gefängnisses unter seinem Direktor. Es passiert nicht viel, bis schließlich zwei Hofbeamte als Gefangene in seine Obhut gegeben werden: der Mundschenk und der Bäcker des Pharaos. Sie erzählen Joseph von ihren Träumen, der sie richtig deutet, dass der Erstere wieder in seine Stellung eingesetzt und der Zweite gehängt werden wird. Joseph ergreift die Gelegenheit und erklärt dem Mundschenk seine eigene ungerechtfertigte Inhaftierung und bittet ihn, nach dessen Freilassung Joseph positiv beim Pharao zu erwähnen. Doch der Mundschenk vergisst Joseph und erinnert sich erst zwei Jahre später wieder an ihn, als der Pharao selbst aufwühlende Träume hat.
Der Pharao lässt Joseph rufen, der dessen Träume als eine Botschaft Gottes deutet, dass sieben Jahre des Überflusses vor Ägypten liegen, denen sieben Jahre Hungersnot folgen. In diesem Zusammenhang rät Joseph dem Pharao, dass er Lebensmittelvorräte für das Volk anlegen soll. Der Pharao erkennt die Weisheit in Josephs detailliertem wirtschaftlichen Rat und ernennt ihn sofort zum Großwesir und Landwirtschaftsminister über Ägypten, der an zweiter Stelle direkt nach dem Pharao steht.
Joseph, vom Gefängnis in ein hohes Staatsamt katapultiert, beginnt sofort damit, seine ausgezeichneten Verwaltungsfähigkeiten und seine neue Macht einzusetzen, um große Getreidespeicher für das Volk zu errichten. Diese Vorgehensweise funktioniert so gut, dass die ägyptischen Getreidespeicher am Ende der sieben reichen Jahre so voll sind, dass sie fast überfließen.
Dann kommen die Jahre der Hungersnot, wie der Pharao es in seinen Träumen vorausgesehen hat. Der Mangel an Nahrungsmitteln betrifft nicht nur Ägypten, sondern auch die umliegenden Nationen, die gezwungen sind, sich für Hilfslieferungen an Ägypten zu wenden. Unter den Hilfesuchenden sind Josephs Brüder, die an einem Verteilzentrum ankommen, das von Joseph selbst betreut wird. Sie erkennen ihn nicht, obwohl er sie erkennt.
Es entfaltet sich nun ein faszinierendes und komplexes menschliches Drama, in dem Joseph, immer noch unerkannt von seinen Brüdern, hinter den Kulissen seine Macht und seinen Einfluss einsetzt, um ihr Gewissen aufzuwecken, damit sie ihren Taten ins Gesicht sehen. Als er schließlich überzeugt ist, dass sie Buße getan haben, offenbart er sich ihnen. Er vergibt ihnen öffentlich und umarmt sie in einer der bewegendsten Szenen der ganzen Weltliteratur.
Es ist ein Meisterstück der Erzählkunst. Der elegante Gebrauch der einfachen, fließenden Sprache trägt uns in eine Welt, die auf den ersten Blick unserer heutigen Welt völlig fremd ist; doch wenn wir uns in die Erzählung hineindenken, wird sie ganz schnell zu einem hell strahlenden Licht, das durchdringend in die komplexen Verwicklungen unseres eigenen Lebens scheint.
Josephs Geschichte hat die Weltliteratur inspiriert, zum Beispiel den vierbändigen Roman Joseph und seine Brüder des deutschen Schriftstellers Thomas Mann, der von den meisten als seine größte literarische Errungenschaft angesehen wird. Ebenso hat die Geschichte Josephs zu großartigen Kunstwerken angeregt, wie zum Beispiel Friedrich Overbecks Freskenzyklus Der Verkauf Josephs; Giovanni Andrea de Ferraris mächtiger Darstellung von Josephs blutverschmiertem Ärmelkleid, das seinem entsetzten Vater gezeigt wird; Philipp Veits Interpretation, wie Joseph vor Potiphars Ehefrau flieht; und vielleicht das berühmteste Gemälde von allen, Rembrandts Gemälde von Jakob als altem Mann, der Josephs zweiten Sohn vor dessen Erstgeborenem segnet.
Es ist eine Geschichte von zwei Kulturen – der Nomadenkultur Kanaans, in der Joseph seine ersten siebzehn Jahre lebt, und der ägyptischen Hochkultur, wo er den Rest seines Lebens verbringt. In dieser und in vielerlei anderer Hinsicht zeigt Josephs Geschichte Parallelen zu Daniel auf. Daniel verbrachte seine ersten fünfzehn Jahre in dem kleinen Stammesgebiet von Juda und den Rest seines Lebens in der Hochkultur Babylons. Beide Männer kamen als Gefangene in das neue Land und stiegen schließlich zu ähnlich wichtigen Regierungspositionen in ihren jeweiligen Ländern im Exil auf. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen ihnen. Joseph kam als Sklave zu einem mächtigen Hofbeamten des Pharao, dem Obersten der Leibwache, nach Ägypten, während Daniel, obwohl er ein Gefangener war, an der Universität von Babylon die dortige Kultur, die Sprache und die Gesetze studieren musste, um einmal als Regierungsbeamter zu fungieren. Es wird nicht berichtet, dass Joseph irgendeine formale Ausbildung erhielt, obwohl auch das nicht unmöglich ist.
Es gibt sechs wichtige Großreiche, die die biblische Geschichte umfassen: Ägypten, Assyrien, Babylon, Medo-Persien, Griechenland und Rom. Joseph spielte eine wichtige Rolle im ersten Großreich, Daniel im dritten. Ihre Gabe, Träume zu deuten, war wesentlich für diese Rollen.
Die Bedeutung der polytheistischen Kultur und Ideologie Babylons für das Buch Daniel ist ziemlich einfach zu erkennen, wie ich bereits an anderer Stelle dargelegt habe.2 Es ist etwas schwieriger, die Bedeutung der Kultur des gleichsam polytheistischen Ägyptens für die Geschichte Josephs zu erkennen, aber es gibt sie nichtsdestoweniger.
Der Bericht von Josephs Leben nimmt die letzten Kapitel des ersten Buches Mose ein. Er beginnt ziemlich unvermittelt in 1. Mose 37,2: „Dies ist die Geschichte Jakobs: Joseph, siebzehn Jahre alt, weidete die Herde mit seinen Brüdern.“ Dieser Ausdruck „Dies ist die Geschichte …“ (in den deutschen Übersetzungen später auch „Dies sind die Geschlechter …“) taucht einige Male im ersten Buch Mose auf und wird als literarische Kennzeichnung allgemein anerkannt, die der Autor des Buches einsetzt, um seine lange Erzählung in größere Abschnitte zu unterteilen.
Dass die Betonung hier auf Jakob und nicht nur auf Joseph liegt, erinnert uns daran, dass dieser letzte Teil dieses Bibelbuches nicht einfach nur die Geschichte Josephs ist. Es handelt sich nach wie vor um die Geschichte Jakobs. Denn obwohl das Buch mit dem Tod Josephs endet, wird im vorletzten Kapitel der Tod Jakobs festgehalten. Ebenso ist es auch nicht einfach nur die Geschichte von Joseph und Jakob. Sie muss richtigerweise als die Geschichte von Jakob und seinen Söhnen angesehen werden – den Geschlechtern Jakobs. Josephs Schicksal ist untrennbar mit dem seiner vielen Brüder verbunden.
1 Das Wort pharao ist die griechische Form des ägyptischen pero oder per-a-a. Es war die Bezeichnung der königlichen Residenz und bedeutet „Großes Haus“. Der Name der Residenz wurde mit dem Herrscher assoziiert und im Lauf der Zeit ausschließlich für den Anführer des Volkes verwendet.
2 John C. Lennox, Against the Flow: The Inspiration of Daniel in an Age of Relativism, Oxford/GB (Lion Hudson) 2015.
TEIL 1 Der Gesamtzusammenhang im ersten Buch Mose
1
Der Aufbau des ersten Buches Mose
Komplexe Leben haben komplexe Hintergründe, und das Leben Josephs bildet da keine Ausnahme. Bevor wir also die Geschichte Josephs in Einzelheiten betrachten, müssen wir einen Schritt zurücktreten und sie in den Gesamtkontext des ersten Buches Mose stellen, um sie wirklich umfassend zu verstehen. Da die Erzählung des Lebens Josephs am Ende dieses Bibelbuches steht, ist diese Vorgeschichte von großer Bedeutung. Meiner Ansicht nach bereichert der Hintergrund des ersten Buches Mose die Geschichte erheblich, da das Buch eine Einheit ist. Schließlich erwartet der Autor des ersten Buches Mose, dass man das ganze Buch liest und nicht nur den letzten Teil.
Joseph wuchs sicherlich mit den Erzählungen der großen Helden der Stammesgeschichte Israels auf, wie es in diesem Teil der Welt Brauch ist. Er wurde mit hineingenommen in die faszinierenden Erzählungen über seinen Vater, Jakob, seinen Großvater Isaak und seinen Urgroßvater Abraham. Aber nicht nur das – er war vertraut mit ihrer Vorgeschichte bis hin zum Anfang. In anderen Worten, er muss einen großen Teil der Ereignisse des ersten Buches Mose gekannt haben. Deshalb müssen wir dort beginnen, denn wir müssen etwas davon wissen, was Joseph wusste und kannte.
Das erste Buch Mose ist mehr als eine Erzählung. Es ist eine Erzählung auf der Metaebene, die uns den großen Rahmen für unser Verständnis des Universums und des Lebens vorgibt.
Um seine Geschichte zu erfassen – 1. Mose ist schließlich ein langes Buch – ist es hilfreich, eine Vorstellung von seiner literarischen Form zu haben. Der Autor hat sich eines einfachen literarischen Mittels bedient, um den Inhalt zu strukturieren, und zwar die regelmäßige Wiederholung des Ausdrucks: „Dies ist die Geschichte … / Dies sind die Geschlechter …“ (der Ausdruck findet sich in 1. Mose 2,4; 5,1; 6,9; 10,1; 11,10.27; 25,12.19; 36,1; 37,2). Die sechs Hauptabschnitte, die von diesem Ausdruck unterteilt werden, sind: 1,1–2,4; 2,5–4,26; 5,1–9,29; 10,1–25,11; 25,12–35,29 und 36,1–50,26. Bei einigen dieser Abschnitte wird der Ausdruck mehrmals wiederholt, um Unterabschnitte einzuleiten.
Der erste Teil des Buches besteht aus drei Abschnitten, die von der Erschaffung der Menschen im Bild Gottes berichten. Der zweite Teil des Buches besteht aus drei Abschnitten, die das Leben der Urväter behandeln. Der erste Abschnitt des zweiten Teils endet mit dem Tod Abrahams, der zweite Abschnitt mit dem Tod Isaaks und der dritte Abschnitt mit dem Tod Jakobs und Josephs.
Vor allem berichtet das erste Buch Mose uns von dem Gott, an den Joseph glaubte und dem Er zu vertrauen lernte.
Abschnitt 1: Schöpfung (1. Mose 1,1–2,3)
Das Buch beginnt mit dem Ursprung des Universums im Willen und in der schöpferischen Kraft Gottes: „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde“ (1,1). Dieser erste majestätische Satz verleiht der sich entwickelnden Geschichte, die nun folgt, ihre Bedeutung und untermauert sie. Er bestätigt, dass das Universum, in dem wir leben, eine Schöpfung ist. Die Welt hat sich nicht selbst erschaffen. Sie ist nicht spontan aus dem Nichts entstanden. Gott war die Ursache für ihre Existenz.
Durch die Bestätigung der Existenz eines Schöpfers stellen die Eröffnungsworte im ersten Buch Mose einen direkten Angriff auf die materialistische, atheistische Philosophie dar, die die westliche Welt heute so sehr dominiert. Diese Philosophie hat eine lange Geschichte, die über den Atomismus der altgriechischen Denker Demokrit und Leukipp hinaus bis hin zu den im Grunde materialistischen Theogonien1 des altertümlichen Nahen Ostens reicht – dem Entstehungsort der Genesis-Geschichte.
Das erste Buch Mose war schon niedergeschrieben, lange bevor die altgriechischen Philosophen begonnen hatten, die Ideen zu formulieren, die typischerweise als der Beginn der Philosophie betrachtet werden. Der erhabene Monotheismus der alten Hebräer ist um Jahrhunderte älter als die griechischen Philosophen. Diese Tatsache wird oft vergessen beim gegenwärtigen Versuch, Naturalismus oder Materialismus als die einzige Weltsicht mit intellektueller Glaubwürdigkeit für gültig zu erklären. Außerdem mussten die hebräischen Denker, im Gegensatz zu den Griechen, ihre Weltsicht nicht von einer Vielzahl an Gottes-Projektionen auf die Naturkräfte bereinigen, weil sie von Anfang an nicht an solche Götter glaubten. Der Gott der Hebräer war keine Projektion irgendwelcher Naturkräfte. Er war der Schöpfer, ohne den es keine Naturkräfte beziehungsweise erst gar keine Natur geben würde.
Dem gegenwärtigen naiven Trend, den Gott der Bibel nur als einen weiteren der alten mythischen Götter abzutun, entgeht diese Unterscheidung völlig. Werner Jaeger, ein Experte für die Götter des altertümlichen Nahen Ostens, betont, dass diese Götter von den Himmeln und der Erde abstammten, während der Gott der Bibel die Himmel und die Erde schuf. Dies gilt besonders für die Götter Ägyptens, wo Joseph die meiste Zeit seines Lebens verbrachte.
Diese kürzeste aller kurzen Geschichten beginnt mit einem eleganten und konzentrierten Bericht von der Schöpfung des Universums und des Lebens in all seiner prächtigen Vielfalt. Die Schöpfung und der Aufbau des Kosmos verlaufen in einer Reihe von Schritten, die jeweils durch Gottes Wort initiiert werden: „Und Gott sprach …“ Diese schöpferischen Sprechakte werden in der Einleitung des Johannesevangeliums zusammengefasst: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. … Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eins, das geworden ist“ (Joh 1,1.3). So sind die Dinge. Das Wort kommt zuerst; das materielle Universum ist eine Ableitung und nicht andersherum, wie der weit verbreitete Säkularismus es sich vorstellt.2
Der letzte Schritt, der den Höhepunkt dieser Reihe darstellt, ist die Schöpfung des Menschen in seinem eigenen Bild. Obwohl die Himmel Gottes Herrlichkeit widerspiegeln, sind die Menschen im Bild Gottes geschaffen. Nur die Menschen sind es. Die Menschheit ist einzigartig.
Und was es bedeutet, im Bild Gottes geschaffen zu sein, und wie besonders die Menschen sind, wird Schritt für Schritt als ein Hauptbestandteil des biblischen Handlungsverlaufs offenbart. Doch einige sehr wichtige Aspekte dieses „Bildes“ werden in den Anfangskapiteln des ersten Buches Mose dargelegt. Der erste Aspekt ist, dass wir nach mehrmaligen Wiederholungen des Ausdrucks „Und Gott sprach“ etwas völlig anderes lesen: „Und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch“ (1,28). Die Menschen sind eine Art Kreatur, zu der Gott sprechen kann. Sie können seine Worte hören und verstehen – und darauf antworten. Es ist diese verbale Beziehung, die so zentral für den biblischen Handlungsverlauf ist.
Abschnitt 2: Menschliches Leben und Sterben (1. Mose 2,4–4,26)
Im zweiten großen Abschnitt wird uns mehr von der Art des menschlichen Lebens berichtet. Die Menschen haben eine stoffliche Grundlage – sie sind aus dem Staub der Erde gemacht. Sie besitzen einen Sinn für Schönheit; sie leben in einer Welt, wo die Bäume so geschaffen wurden, dass sie gut anzusehen sind. Sie wohnen in einer Umwelt, die sie sowohl kultivieren als auch erforschen können. Sie können sich an dieser besonderen Beziehung zwischen Mann und Frau erfreuen, einer Beziehung von gleichwertigen Wesen, die einander ergänzen anstatt identisch zu sein.
Mit geschickten Strichen zeichnet uns der Autor ein Bild von den verschiedenen Merkmalen vor, die das menschliche Leben bemerkenswert machen. Aber noch ein weiteres Merkmal muss erwähnt werden. Es ist bei weitem das wichtigste und es hat wieder mit dem Wort Gottes zu tun. Gott sprach zu den Menschen über ihr Leben im Garten. Er gab ihnen die Erlaubnis, von allen Bäumen im Garten zu essen, außer von dem einen: dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Dieser Baum stand in der Mitte des Gartens neben einem anderen besonderen Baum, dem Baum des Lebens, zu dem sie ebenfalls freien Zugang hatten. Über den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sagte Gott: „… an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben“ (1Mo 2,17).
Es gibt viele Diskussionen unter den Gelehrten über den Status und die Bedeutung dieses Teils der Geschichte; und ich muss die Leser hierzu auf die Kommentare dieser Gelehrten verweisen. Ich möchte mich vielmehr darauf konzentrieren, was in solchen Diskussionen oft vergessen wird: nämlich was die Geschichte eigentlich sagt. Denn hier haben wir eine ganz klare, einfache und doch wichtige Aussage zum Kern der Moral – was es bedeutet, ein moralisches Wesen zu sein. Und Moral ist das Herzstück der Geschichte Josephs.
Erstens findet sich der Ursprung der Moral wie auch der Ursprung des Universums und der Menschheit in Gott. Das erinnert sofort an die berühmte Aussage des russischen Autors Fjodor Dostojewski in Die Brüder Karamasow: „Wenn Gott nicht existiert, so ist alles erlaubt.“3 Dostojewski wollte damit natürlich nicht behaupten, dass Atheisten nicht eines moralischen Verhaltens fähig seien. Das wäre eine beleidigende Lüge. Aus der biblischen Perspektive gesehen sind schließlich alle Menschen im Bild Gottes geschaffen und somit moralische Wesen, ob sie nun an Gott glauben oder nicht. Somit können Atheisten (oder jeder andere sonst) andere Menschen durch die Qualität ihres moralischen Verhaltens in den Schatten stellen. Dostojewski behauptete vielmehr, dass es keine rationale Grundlage für Moral gibt, wenn Gott nicht existiert; ein Thema, das heute genauso heiß debattiert wird wie die entsprechende Frage, ob das Universum selbst eine Schöpfung Gottes ist oder nicht. Dieses Buch ist nicht der richtige Ort, um diese beiden Themen zu diskutieren.4
Wichtig an dieser Stelle ist, dass zur Moral die Entscheidungsfähigkeit gehört, ob man einer Anweisung gehorcht. Das erste Buch Mose führt hier die moralische Ordnung auf Gott zurück, der die ersten Menschen in den Garten setzte und ihnen die Erlaubnis gab, von allen Bäumen im Garten zu essen, mit einer Ausnahme – dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.
Es ist offensichtlich, dass das Gebot, nicht von den Früchten des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen, bedeutungslos gewesen wäre, wenn die Menschen nicht die Freiheit gehabt hätten, sie zu essen. Obwohl die Menschen in vielfältiger Weise deutlich eingeschränkt sind (sie haben zum Beispiel nicht die Freiheit, mit 100 Kilometern pro Stunde zu rennen), ist es somit ganz offenkundig, dass sie nicht als vorherbestimmte Roboter geschaffen wurden. Sie hatten eine echte Wahl; sie konnten sich entscheiden, Gottes Wort zu gehorchen oder nicht, die verbotene Frucht zu essen oder nicht. Diese Fähigkeit zwischen Alternativen zu wählen wird oft (etwas irreführend) als „libertäre Freiheit“ beschrieben.
Das erste Buch Mose bildet die Grundlage für die uralte, komplexe und oft leidenschaftliche Debatte über Determinismus und freien Willen, oder für die entsprechende – obwohl nicht gänzlich identische – Debatte über das Verhältnis zwischen der Souveränität Gottes und der menschlichen Verantwortung.5 Es muss festgehalten werden, dass es hier zwei Einzelfragen gibt:
1. Lehrt die Bibel beides: dass Gott regiert und dass die Menschen einen bestimmten Grad an Freiheit haben?
2. Wenn die Antwort „Ja“ lautet, wie kann das sein?
Wenn wir zwischen diesen Fragen nicht unterscheiden, besteht die Gefahr, dass eine nicht zufriedenstellende Antwort auf Frage 2 zu einem Zögern führen kann, Frage 1 bejahend zu beantworten. Diese Reaktion ist etwas seltsam, denn es gibt viele Dinge in der Natur, die wir nicht vollständig verstehen. Zum Beispiel wird von Wissenschaftlern anerkannt, dass das Licht sowohl als Partikeln als auch als Wellen vorkommt. Doch genau zu verstehen, wie dies funktioniert, ist eine völlig andere Angelegenheit.
Wir sollten hierbei festhalten, dass die Annahme, dass menschliche Freiheit Teil der Menschenwürde ist, zum Kern aller zivilisierten Gesellschaften gehört. Dies zeigt sich ganz deutlich an der Tatsache, dass solche Gesellschaften die Menschen für ihr Handeln für verantwortlich und rechenschaftspflichtig halten; daher gibt es Rechtsinstitute und Verfahren für die Einhaltung der Gesetze. Die Analogie von der oben genannten Wissenschaft schafft vielleicht eine mögliche Herangehensweise an die Frage der göttlichen Souveränität und menschlichen Freiheit, und zwar, wie sich beides tatsächlich in den Details des täglichen Lebens auswirkt, wie es in der Bibel berichtet wird. Es ist kein Zufall, dass das Neue Testament in Bezug auf dieses Thema unsere Aufmerksamkeit direkt auf den späteren Teil des ersten Buches Mose und die Berichte von Isaak, Jakob und ihren Söhnen lenkt (siehe Römer 9–11). Es wird daher Teil unserer Geschichte sein.
Mehr zu gegebener Zeit. An dieser Stelle ist es wichtig zu verstehen, dass das zentrale Merkmal der Moral, wie es hier in 1. Mose geschrieben wird, sich auf den Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes konzentriert. Damit meine ich, dass die Menschen nur Gottes Wort hatten, das ihnen sagte, dass der Genuss der Frucht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen potenziell tödlich sei. Die wichtigste Frage für sie lautete einfach: Waren sie bereit, Gottes Wort zu vertrauen? Darauf zielte auch die Versuchung der Schlange ab: „Hat Gott wirklich gesagt …?“ (1Mo 3,1). Die Schlange stellte Gott unterdrückerisch und tyrannisch dar: „Ihr werdet durchaus nicht sterben, sondern Gott weiß, dass an dem Tag, da ihr davon esst, eure Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie Gott, erkennend Gutes und Böses“ (1Mo 3,4.5). Dies war eine teuflisch listige Halbwahrheit, die mit der anscheinend unwiderstehlich ästhetischen und intellektuellen Attraktivität der einen verbotenen Frucht in dem wunderschönen Garten reizte.
Die ersten Menschen nahmen die Frucht, aßen sie und starben – nicht zuerst im körperlichen Sinn, aber das würde schließlich folgen, denn der Tod ist die Auflösung des Lebens. Das Leben in seiner höchsten Form ist eine reine und geistliche Beziehung mit Gott, die verbunden ist mit dem Vertrauen und Gehorsam gegenüber seinem Wort. Nach einer unerbittlichen Logik begann der Tod also mit dem Bruch dieser Beziehung. Jedoch endete er damit nicht. Der Verfall und der körperliche Tod folgten zu gegebener Zeit, aber der Tod hatte seine grausame Tyrannei begonnen, und die Menschen flohen vor der Gegenwart Gottes. Und seitdem, so könnte man hinzufügen, sind wir weggelaufen und haben uns versteckt.
Das Thema der Täuschung durchzieht tatsächlich den gesamten biblischen Handlungsverlauf. Besonders in der Geschichte Josephs wird es eine wichtige Rolle spielen, dem Sohn Jakobs, dessen Name eigentlich „Betrüger“ bedeutet.
Der biblische Bericht, wie die Sünde in die Welt kam und Unheil mit sich brachte, blieb nicht ohne Kritiker. Tatsächlich weigern sich viele Menschen nicht nur, diesen ernstzunehmen, sondern sie denken auch, dass er Gott als jemanden darstellt, der gegen das Wissen und gegen den Intellekt sei, in der Absicht, die Menschen in einer naiven und unwürdigen Abhängigkeit versklavt zu halten. Ich behaupte, dass dies eine sträfliche Verdrehung der Tatsachen ist, die daher rührt, dass man nicht genau liest, was in 1. Mose eigentlich steht.
Nirgends sonst ist diese Falschdarstellung deutlicher zu sehen, als bei einem faszinierenden Kunstprojekt im Freien, auf dem Campus der Universität von Kalifornien in San Diego. Es nennt sich der Snake Path (Schlangenpfad) und wurde entworfen und verwirklicht von der namhaften Künstlerin Alexis Smith. Er ist Teil der Stuart-Kollektion, und auf der dazugehörigen Internetseite steht darüber:
Der Snake Path ist ein sich windender 170 Meter langer und 3 Meter breiter Fußweg in Form einer Schlange, deren einzelne Schuppen hexagonale farbige Schieferplatten sind und deren Kopf so ausgerichtet ist, dass er zum Eingang der Geisel-Bibliothek zeigt. Der Schwanz windet sich um einen vorhandenen Betonpfad, so wie sich eine Schlange um einen Baumstamm winden würde. Entlang des Weges verläuft der leicht erhobene Körper der Schlange im Kreis um einen kleinen „Garten Eden“ mit mehreren Fruchtbäumen und einem Granatapfelbaum. Dort steht eine Marmorbank mit einem Zitat von Thomas Gray: „Doch warum sollten sie ihr Schicksal kennen / Wenn Leid nie zu spät kommt / und das Glück zu schnell verfliegt / Nachdenken würde ihr Paradies zerstören / Wo Nichtwissen Seligkeit ist, ist es Torheit weise zu sein.“ Der Pfad verläuft dann entlang eines riesigen Granitbuches, auf dem ein Zitat von John Miltons Das verlorene Paradies eingraviert ist: „Und du wirst nicht abgeneigt sein, dieses Paradies zu verlassen, sondern sollst in dir selbst ein noch glücklicheres Paradies besitzen.“6
Auf der Webseite steht weiterhin:
Diese zugespitzten Anspielungen auf den biblischen Konflikt zwischen Unschuld und Erkenntnis markieren einen treffend symbolischen Weg zur Hauptbibliothek der Universität. Die Vorstellung, einen heiligen Zufluchtsort in sich selbst zu finden – außerhalb der idealistischen und geschützten Umgebung der Universität – spricht direkt zu dem Studenten, der kurz davor ist, in die „wirkliche Welt“ hinauszugehen.“7
Doch der Baum in dem biblischen Bericht vom Garten Eden war nicht einfach der Baum des Wissens oder der Erkenntnis. Es war der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, was eine völlig andere Sache ist. Die Schlange eröffnete nicht einen Pfad zu Unmengen an Wissen, die wir mit einer Universität in Verbindung bringen, die zu einem guten menschlichen Gedeihen führen könnte, sondern nur zu einer bestimmten Art von Erkenntnis – das Wissen um Gut und Böse. Dieses Wissen, das die ersten Menschen erlangten, war grauenhaft, düster und schmerzlich, und führte zu einem Bruch zwischen ihnen und Gott. Das war kein menschliches Gedeihen; es war der entstehende Tod. Wenn die Webseite behauptet, dass der Schlangenpfad „zugespitzte Anspielungen auf den biblischen Konflikt zwischen Unschuld und Erkenntnis“ enthält, so scheint der Gedanke hier zu sein, dass Gott die Menschen in einem Zustand von Unwissenheit gefangen hält und ihnen das Wissen vorenthält, das zur Entwicklung ihres vollen Potenzials führen würde. Diese verdrehte Vorstellung ist der Nährboden für viel Atheismus. Aber es ist eine völlig falsche Lesart von 1. Mose. Denn dass die Unschuld im Garten sei und die Erkenntnis außerhalb, ist das genaue Gegenteil der Wahrheit, wie der biblische Bericht ganz deutlich herausstellt.
Wie wir gesehen haben, beschreibt 1. Mose 2 den Garten Eden als einen Ort, wo die Menschen ihr kreatives Potenzial voll ausschöpfen konnten. Die Tragödie ist, dass die falsche Lesart dieser Geschichte zu der immer wiederkehrenden Verleumdung geführt hat, dass Gott der Feind der menschlichen Entwicklung sei, anstatt ihr Urheber.
Das Samen-Projekt
Gott sagt zur Schlange, nachdem sie die Menschen getäuscht hat:
Und ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zermalmen, und du wirst ihm die Ferse zermalmen (1Mo 3,15).
Es ist ein Urteil, aber es ist auch die Grundlage für eine erstaunliche Zukunftserwartung. Indem Gott verspricht, dass der Nachkomme der Frau triumphieren soll, erklärt Er, dass die Menschheit nicht am Ende ist – weit gefehlt. Die Menschheitsgeschichte wird komplex und voller Frustrationen und Schwierigkeiten werden; nichtsdestotrotz sagt Gott, dass ein Mensch schließlich den Feind besiegen wird.
Das ist nicht einfach eine Prophezeiung, dass Gott triumphieren wird, was nie bezweifelt wurde. Es ist eine Prophezeiung, dass die Menschheit den Sieg davontragen wird. Am Ende wird es der „Same der Frau“ sein, ein menschliches Wesen, das den Feind überwinden wird.
Und so beginnt die Geschichte des Samens, der seinen absoluten Mittelpunkt in dem findet, den Paulus im Neuen Testament den Samen oder den Nachkommen nennt – nämlich Jesus Christus (Gal 3,16). Das erste Buch Mose enthält den Bericht von der anfänglichen Laufbahn des Samens. Mit der Geburt der Kinder Evas, Kain und Abel, beginnt diese Laufbahn. Das Leben in dieser ersten Familie ist weit davon entfernt, harmonisch und idyllisch zu sein; die schlimmen Folgen der Sünde, die nun in die Welt gekommen ist, zeigen sich mit verheerender Schnelligkeit, als Kain seinen Bruder Abel ermordet.
Das Leben der ersten Menschheitsfamilie wird durch den Brudermord in der ersten Generation getrübt – ein düsteres Anzeichen der auf dem Weg liegenden Schwierigkeiten, um den Samen schließlich in die Welt zu bringen. Eva bleibt ein Sohn übrig – ein Mörder. Aber dann bekommt sie einen weiteren Sohn, Seth, und mit ihm erlangt das Samen-Projekt seine Dynamik wieder: „Und Seth, auch ihm wurde ein Sohn geboren, und er gab ihm den Namen Enos. Damals fing man an, den Namen des HERRN anzurufen“ (1Mo 4,26).
Abschnitt 3: Gericht (1. Mose 5,1–9,29)
Der dritte große Abschnitt in 1. Mose beginnt mit der Abschnittsmarkierung in dieser Form: „Dies ist das Buch von Adams Geschlechtern“ (1Mo 5,1). Dann werden rasant die Nachkommen von Adam bis hin zu Noah aufgezählt. Es wird von zunehmender Gewalt auf der Erde berichtet, mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen wie Henoch und Noah. Die Bösartigkeit der Menschheit erreicht einen solchen Höhepunkt, dass Gott sich entscheidet, die Menschen vom Erdboden zu vertilgen (1Mo 6,7). Auf den ersten Blick scheint es das Samen-Projekt zu einem völligen Stillstand zu bringen. Aber es gibt einen Vorbehalt in Gottes Beurteilung: „Noah aber fand Gnade in den Augen des HERRN“ (1Mo 6,8). Entsprechend verengt der Text seinen Fokus auf den Samen Noahs und verwendet noch einmal die wichtige Abschnittsmarkierung „Dies ist die Geschichte Noahs“ (1Mo 6,9). Der Rest dieses Abschnitts wird beherrscht vom Gericht durch die Sintflut, vor der Noah und seine Familie in der Arche gerettet werden.
Es ist nicht unsere Absicht, hier die Erzählung von der Sintflut näher auszuführen, außer dem Hinweis, dass Jesus selbst sich darauf bezog, als es um sein Wiederkommen ging: „Denn wie die Tage Noahs waren, so wird die Ankunft des Sohnes des Menschen sein“ (Mt 24,37). Jesus nutzt die Ereignisse um die Sintflut als ein Beispiel, damit seine Zuhörer besser verstehen können, wie plötzlich und unerwartet seine zukünftige Wiederkehr „auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit“ sein wird (V. 30).
Das Thema des Gerichts ist verständlicherweise nicht sehr ansprechend für diejenigen, die ein letztes Gericht nicht in irgendeinem Sinn als herrlich ansehen. Doch das ist eine oberflächliche Reaktion, denn das Gericht Gottes ist die andere Seite seiner Liebe; mit anderen Worten: Ein Gott, der letztlich nicht gerecht mit dem Bösen umgeht, kann kein Gott der Liebe sein. Die Tatsache, dass es ein letztes Gericht gibt, sagt uns tatsächlich, dass unser Sinn von richtig und falsch, unser moralisches Bewusstsein, keine Illusion ist.
Heutige Atheisten reagieren gereizt, wann immer das Gericht Gottes erwähnt wird. Sie behaupten, an Gerechtigkeit interessiert zu sein. Doch ihrer Meinung nach werde die große Mehrheit der Menschen nie Gerechtigkeit bekommen, aus dem einfachen Grund, dass die meisten sie in diesem Leben nicht bekommen, und es gebe schließlich kein Leben nach dem Tod, in dem es eine endgültige Beurteilung geben könnte. Der Atheismus sieht es so, dass sich der Terrorist oder der Tyrann, der seine Mitmenschen ermordet und schließlich sich selbst erschießt, der Gerechtigkeit entzieht. Das ist ein irregeleitetes Denken, denn wir leben in einem moralischen Universum, und Gott wird dafür sorgen, dass Gerechtigkeit nicht nur vollzogen wird, sondern auch als vollzogen angesehen werden wird. Der berühmte marxistische Denker Max Horkheimer von der bekannten Frankfurter Schule sagte einmal, er befürchte, dass es keinen Gott geben könnte, denn in dem Fall gäbe es keine Gerechtigkeit. Er hätte sich in dieser Hinsicht keine Sorgen machen müssen; das Universum ist moralisch, und Gott wird dafür sorgen, dass Gerechtigkeit nicht nur vollzogen wird, sondern auch als vollzogen angesehen werden wird.
Fassen wir zusammen: Der erste Abschnitt des ersten Buches Mose berichtet uns davon, dass die Menschen im Bild Gottes geschaffen sind. Der zweite Abschnitt konzentriert sich auf einen wichtigen Aspekt dieses Bildes – dass Menschen moralische Wesen sind. Er erzählt uns von der großen Täuschung, die die Sünde in die Welt brachte, und gibt detaillierte Einblicke, wie dieser Schaden eines Tages ungeschehen gemacht wird, wenn der Same der Frau triumphiert. Der dritte Abschnitt verweist auf die letztgültige Wirklichkeit dieses moralischen Status im Gericht Gottes, einem Gericht, das von Barmherzigkeit durchdrungen ist, da Noah und seiner Familie Rettung gewährt wird.
Man kann den ersten Teil von 1. Mose auch so betrachten, dass er drei Hauptpunkte der christlichen Glaubenslehre vorhersieht: (1) Schöpfung; (2) Sünde und Erlösung; und (3) Gericht und die letzten Dinge.
1 Theogonie – mythische Lehre / Vorstellung von der Entstehung und Abstammung der Götter.
2 Weitere Details für eine biblische und wissenschaftliche Perspektive stehen in meinem Buch: Sieben Tage, das Universum und Gott. Was Wissenschaft und Bibel über den Ursprung der Welt sagen (Institut für Glaube und Wissenschaft, SCM R. Brockhaus Verlag, Witten), 2014.
3 Fjodor M. Dostojewski, Die Brüder Karamasow (übers. v. Hermann Röhl), Leipzig (Reclam jun.) 1924, Kap. 12.
4 Siehe mein Buch Gott im Fadenkreuz: Warum der Neue Atheismus nicht trifft, Witten (SCM R. Brockhaus), 2013.
5 Für eine ausführliche Behandlung dieser Themen verweise ich auf mein Buch Vorher bestimmt? Die Souveränität Gottes, Freiheit, Glaube und menschliche Verantwortung, Dillenburg (Christliche Verlagsgesellschaft) 2019.
6 Alexis Smith, Snake Path, 1992, UC San-Diego-Webseite, aufgerufen am 6. September 2018, http://stuartcollection.ucsd.edu/artist/smith-a.html.
7 Ebd.
2
Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs
Wir erwähnten bereits, dass es im ersten Buch Mose sechs große Abschnitte gibt. Die letzten drei Abschnitte widmen sich der Familiengeschichte der Urväter. Nach der bekannten Abschnittseinteilung „Dies sind die Geschlechter der Söhne Noahs …“ (1Mo 10,1) behandelt der vierte große Teil des Buches zunächst rasch die Generationsfolgen und beschreibt die Anfänge der großen Zivilisationen des alten Orients und seiner Städte wie Babel und Ninive, die berühmte Zentren großer Reiche werden sollten.
Dem aktiven Eingreifen Gottes in Babel, um die Sprachen der Völker zu verwirren, folgt wieder eine besondere Konzentration auf das Samen-Projekt und somit auf die Nachkommen Sems (1Mo 11,10) und schließlich auf Tarah und seinen Sohn Abraham (1Mo 11,27). Abraham war eine wichtige Figur, die nicht nur das erste Buch Mose, sondern den gesamten biblischen Handlungsverlauf überspannt. Er war außerdem Josephs Urgroßvater, und man kann davon ausgehen, dass Josephs Kindheit von den Berichten über Abrahams Großtaten erfüllt war. Um Josephs Geschichte zu verstehen, wird es daher notwendig sein, die Geschichten und Erinnerungen zu skizzieren, die seine Kindheit erfüllt und wohl eine prägende Rolle in seinem Leben gespielt haben dürfen. An dieser Stelle werden wir die Handlung nachzeichnen und später nur Details hinzufügen, wenn sie wichtig werden.
Abschnitt 4: Abraham und seine Söhne (1. Mose 10,1–25,11)
Der Bericht des Lebens Abraham beginnt, als Gott ihm eine Verheißung schenkt, die enorme Auswirkungen auf die nachfolgende Geschichte der Welt hat: „Und ich will dich zu einer großen Nation machen und dich segnen, … und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde!“ (1Mo 12,2.3). Der Rest des ersten Buches Mose, ja der ganzen Bibel, berichtet uns davon, wie dieses Versprechen erfüllt wurde und noch erfüllt wird. Doch in 1. Mose haben wir mit Joseph das erste Anzeichen des Ausmaßes dieses Segens, als sich der Handlungsverlauf von der nomadischen Familie Abrahams, seinen Kindern und Enkeln auf Joseph ausweitet, der in eine wichtige Position als Verwalter des ägyptischen Reiches katapultiert wird und in dieser Funktion einem großen Teil der alten Welt Hilfsgüter verschafft.
Die Verheißung, eine große Nation zu werden, implizierte natürlich, dass Abraham und seine Frau Sara Kinder haben würden, und doch wurde es bald offensichtlich, dass in ihrem Fall etwas mit den organischen Abläufen, Leben weiterzugeben, fehlschlug. Wie viele andere Paare schienen sie unfähig, Kinder zu empfangen. Es ist dieser Umstand, der den anfänglichen Schwerpunkt auf eines der wichtigsten Themen des ganzen Buches richtet: Gottvertrauen.
Der HERR erschien Abraham in einer Offenbarung und sprach zu ihm: „Fürchte dich nicht, Abram; ich bin dir ein Schild, dein sehr großer Lohn“ (15,1). Abrahams Antwort zeigte, wie sehr ihn seine Kinderlosigkeit schmerzte: „Herr, HERR, was willst du mir geben? Ich gehe ja kinderlos dahin“ (15,2). Abraham wies darauf hin, dass ohne einen eigenen Nachkommen sein Diener Elieser sein rechtmäßiger Erbe werden und die Familie aussterben würde. Doch der HERR erwiderte: „Nicht dieser wird dich beerben, sondern der aus deinem Leib hervorgehen wird, der wird dich beerben“ (15,4). Dann ließ der HERR Abraham die Sterne zählen und sagte: „Blicke doch zum Himmel und zähle die Sterne, wenn du sie zählen kannst! Und er sprach zu ihm: So wird deine Nachkommenschaft sein“ (15,5). Abrahams Reaktion war genauso kurz wie tiefgründig: „Und er glaubte dem HERRN; und er rechnete es ihm zur Gerechtigkeit“ (15,6).
Mit dieser Aussage haben wir das zentrale Thema von 1. Mose erreicht: Vertrauen auf Gott und sein Wort. Hierin steckt eine mächtige Logik. Das verhängnisvolle falsche Abwenden von Gott bestand darin, das eigene Vertrauen in eine andere als Gottes Stimme zu legen – eine fortwährende Gefahr für uns alle in einer Welt, wo wir ständig von einer Vielzahl an Stimmen bombardiert werden, die sich alle um unsere ungeteilte Aufmerksamkeit reißen. Der Weg zurück zu Gott muss daher darin liegen zu lernen, auf seine Stimme zu hören und dem zu vertrauen, was Er sagt.
Abraham wird uns in dem biblischen Bericht als ein besonderes Vorbild vorgestellt, wenn es darum geht, Gottes Verheißungen zu vertrauen. Als Ergebnis seines Glaubens an Gott wurde Abraham als gerecht angesehen. Das heißt, Gott sagte von ihm, dass Abraham in einer richtigen Beziehung mit Ihm stand. In der Sprache des Neuen Testamentes war er gerechtfertigt aus Glauben.
Abraham ist zwar die herausragendste, aber nicht die erste Person in 1. Mose, die Gott vertraut. Die Aufzählung der Männer und Frauen des Glaubens in Hebräer 11 umfasst Abel, Henoch und Noah, die vor Abraham lebten. Abraham ist auch nicht die letzte Person des Glaubens, denn ihm folgen in diesem Bericht seine Frau Sara, dann sein Sohn Isaak, Isaaks Sohn Jakob und schließlich (zumindest in 1. Mose) Jakobs Sohn Joseph.
Aus dem biblischen Bericht wird sofort klar, dass das Samen-Projekt zwei Dinge erfordert, die gleichzeitig funktionieren. Es gibt die körperliche Weitergabe des Lebens durch die uns allen vertrauten genetischen Prozesse. Kinder werden ohne ihre Erlaubnis in die Welt geboren. Jeder von uns wacht sozusagen auf, um festzustellen, dass man bereits da ist. Das ist der erste Vorgang. Das zweite Element in diesem Samen-Projekt ist überhaupt kein körperlicher Vorgang und geschieht auch nicht automatisch. Es hat mit einem persönlichen Glauben an Gott zu tun.
Das Neue Testament erfasst diesen Unterschied sehr gut. Johannes sagt, dass der Glaube eine unerlässliche Voraussetzung dafür ist, dass man von neuem geboren wird. Von Jesus wird gesagt: „Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an; so viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Joh 1,11–13).
Die Weitergabe des physischen Lebens hängt von der Entscheidung der potenziellen Eltern ab. Kinder haben bei ihrer leiblichen Geburt kein Mitspracherecht. Es ist etwas völlig anderes, wenn es darum geht, von neuem geboren zu werden, denn es ist kein derartiger physischer Prozess. Die Menschen werden von Gott mit der wunderbaren Fähigkeit ausgestattet, Beziehungen einzugehen, wie wir es im zweiten Teil von 1. Mose gesehen haben. Sie können Ja oder Nein sagen; sie können sich entscheiden, einander zu vertrauen oder es eben nicht zu tun. Die wesentliche Frage für sie ist, ob sie diese Beziehungsfähigkeit nutzen, um Gott zu vertrauen. Daher nahmen einige Menschen Christus nicht auf, als Er in die Welt kam. Sie lehnten es aus freien Stücken ab, ihre gottgeschenkte Fähigkeit, Ihm zu vertrauen, zu gebrauchen. Andere wiederum setzten diese Fähigkeit, Gott zu vertrauen, freiwillig ein, und weil sie Ihm vertrauten, erhielten sie das ewige Leben als ein unverdientes Geschenk von Gott.
Diese Glaubensangelegenheit steht im Mittelpunkt des ersten Buches Mose und der Bibel als Ganzes, und es ist daher nicht überraschend, dass sie Gegenstand verschiedener Missverständnisse gewesen ist, die zu Verwirrung geführt haben. So behaupten zum Beispiel einige, wenn die Menschen in der Lage wären, Gott zu vertrauen, dann würde das bedeuten, dass wir zu unserer eigenen Errettung beitragen würden, und somit der Tatsache widersprechen, dass die Menschen durch die Gnade Gottes erlöst werden und nicht durch menschliches Verdienst. Das ist jedoch nicht der Fall.1 Der Apostel Paulus wendet solche Verwirrung ab, indem er das Prinzip ausführlich erklärt, dass Glaube das Gegenteil von Werken ist. Er verwendet Abraham als ein Beispiel und sagt:
Was sollen wir nun sagen, dass Abraham, unser Vater nach dem Fleisch, gefunden habe? Denn wenn Abraham aus Werken gerechtfertigt worden ist, so hat er etwas zum Rühmen – aber nicht vor Gott. Denn was sagt die Schrift? „Abraham aber glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.“ Dem aber, der wirkt, wird der Lohn nicht nach Gnade zugerechnet, sondern nach Schuldigkeit. Dem aber, der nicht wirkt, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet (Röm 4,1–5).
Die Aussage „Dem aber, der nicht wirkt, sondern … glaubt“ beschreibt, was Abraham tat, und zeigt das Verständnis des Paulus, dass Vertrauen kein Werk ist, obwohl die vertrauende Person das Vertrauen in ihrer eigenen Fähigkeit ausübt (deshalb die Betonung auf „sein Glaube“).
Paulus sagt dasselbe in Epheser 2,8.9: „Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme.“ Die Errettung erfolgt durch Gnade; sie ist eine wunderbare Gabe Gottes, aber man eignet sie sich durch das ausgeübte Vertrauen an, das wiederum eine andere großartige Gabe Gottes für uns ist. Diese Gabe des Vertrauens kennzeichnet unser ganzes Menschsein als geschaffen im Bild Gottes.
Die praktische Umsetzung war jedoch überhaupt nicht leicht. Abraham vertraute Gott, aber nichts passierte – zumindest nicht sofort. Und in dieses unerwartete Vakuum kam Sara, seine Frau, und schlug eine uralte Form der Leihmutterschaft als Mittel vor, um das verheißene Ziel eines Kindes zu erreichen. Sie hatte eine ägyptische Magd, die wahrscheinlich von ihrem beschämenden Aufenthalt in Ägypten stammte, als Sara vorgegeben hatte, Abrahams Schwester zu sein. Der verzweifelte Wunsch nach einem Kind brachte Sara dazu, Hagar Abraham zu geben. Und so wurde Ismael geboren. Es lief alles ziemlich gut, bis zu Abrahams und Saras großer Überraschung – denn sie waren sehr alt – Sara selbst einen Sohn gebar und ihn Isaak nannte. Es ist nicht verwunderlich, dass es immer mehr Spannungen zwischen Sara und Hagar gab, die erst dann gelöst wurden, als Hagar und Ismael in einer Art und Weise weggeschickt wurden, die viele Fragen aufwirft, obwohl man anmerken muss, dass Gott unmittelbar zu der verzweifelten Hagar sprach und ihr versprach, dass aus Ismael eine große Nation werden würde (siehe 1. Mose 21).
Zwei weitere Vorfälle in Isaaks Leben waren seinem Enkel Joseph sicherlich bekannt. Der erste war, als Gott Abraham befahl, Isaak zu nehmen und ihn auf dem Berg Morija zu opfern. Das war eine moralisch verwirrende und emotional verheerende Aufforderung, da alle Hoffnungen Abrahams auf eine bedeutende Nachkommenschaft nun auf Isaak ruhten. Und doch hatte Gott verheißen, dass es nachfolgende Generationen geben würde, und so schlussfolgerte Abraham – wie Paulus es uns beschreibt –, dass Gott sein Versprechen auch dann erfüllen würde, wenn Er Isaak wieder von den Toten auferwecken müsste. Doch gerade als Abraham dabei war, seinen Sohn zu opfern, griff Gott ein und sagte: „Denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest“ (22,12) und zeigte Abraham einen Widder im Gestrüpp, den er nahm und an Isaaks Stelle opferte.
Die zweite Geschichte in Josephs Erinnerungen ist die romantische Beschreibung, wie Abraham eine Frau für Isaak fand. Er sandte seinen treuen Diener zurück in die Gegend von Haran, von wo er ursprünglich ausgezogen war, um eine Braut für Isaak unter Abrahams Verwandten zu suchen. Der Diener betete um Gottes Führung, und an einem Brunnen traf er eine hübsche junge Frau, die Wasser für seine Kamele schöpfte und ihm sagte, dass sie zu Abrahams Großfamilie gehörte. Ausgiebige Diskussionen folgten, und der Diener beschrieb Isaak, den Sohn Abrahams, in einer Art und Weise, dass Rebekka überredet wurde, ihre Familie zu verlassen und mit Abrahams Diener zurückzureisen, um einen Mann zu heiraten, den sie nie gesehen hatte (siehe 1. Mose 24).
Kurz darauf starb Abraham (25,8), und mit seinem Tod endet der vierte Abschnitt des ersten Buches Mose.
1 Siehe mein Buch Vorher bestimmt? Die Souveränität Gottes, Freiheit, Glaube und menschliche Verantwortung, Dillenburg (Christliche Verlagsgesellschaft) 2019.
3
Isaak und seine Söhne
Wir kommen nun zum Bericht über die zweite Generation, über Isaak und seine Söhne, Jakob und Esau.
Abschnitt 5: Isaak und seine Söhne (1. Mose 25,12–35,29)
Da Jakob der Vater Josephs werden wird, ist es wichtig, Jakob genauer kennenzulernen, um dann Joseph zu verstehen. Wie bei Abraham steht auch bei Jakobs Geburt eine Frau im Mittelpunkt, die keine Kinder empfangen kann. Isaak brachte die Verzweiflung seiner Frau Rebekka im Gebet vor Gott, und sie wurde mit Zwillingen schwanger. Esau wurde vor seinem Bruder Jakob geboren, dessen winzige Hand Esaus Ferse festhielt – ein Umstand, der zu seinem Namen führte.
Der Name Jakob wird im Hebräischen abgeleitet von einem Wort, das „Ferse“ bedeutet und mit einem Verb verwandt ist, das „auf dem Absatz folgen, angreifen, überlisten oder verdrängen“ bedeutet, und das mit einem Adjektiv für „betrügerisch“ verwandt ist. Wir werden sehen, dass der Name absolut passend war.
Die Jungen wurden so verschieden wie Tag und Nacht. Esau wurde ein Jäger und war gern in der wilden Natur, während Jakob das ruhigere Leben eines Schafhirten vorzog. Die Eltern hatten jeweils ihre Lieblingskinder; Isaak bevorzugte Esau und Rebekka Jakob.
Das erste wichtige Ereignis in ihrem Erwachsenenleben, von dem berichtet wird, ist der Tag, als Esau vom Jagen erschöpft nach Hause kommt und sieht, wie Jakob ein leckeres Linsengericht gekocht hat. Er bittet darum, etwas essen zu dürfen, und Jakob, der seine Verschlagenheit an den Tag legt, die ihn noch so charakterisieren sollte, antwortet, dass Esau einen Teller bekommen kann, vorausgesetzt er gibt sein Erstgeburtsrecht in der Familie auf. Esau stimmt so bereitwillig zu, dass es offensichtlich ist, dass ein abstraktes Prinzip wie etwa das Erstgeburtsrecht, das sich auf eine weite Zukunft bezieht, für ihn nicht von Interesse ist. Jetzt ein voller Magen – das ist das Wahre.
Dieser Vorfall sollte sie jahrelang verfolgen und wurde sogar noch verschärft durch das, was geschah, als Isaak alt, blind und bereit war zu sterben. Isaak bat Esau, jagen zu gehen und ein Wildbret für ihn vorzubereiten, damit er ihn dann als seinen Erstgeborenen vor seinem Tod segnen würde. Als Rebekka das hörte, trug sie Jakob auf, eine Ziege zu holen, die sie wie ein Wildbret zubereiten würde. Als Nächstes legte sie Jakob das Ziegenfell um seine Arme, damit sie sich so rau anfühlten wie Esaus Arme, und sandte Jakob anschließend mit dem Essen zu Isaak hinein und sagte ihm, dass er sich als Esau ausgeben und den Segen stehlen solle, der seinem Bruder zustehe. Isaak konnte Jakob nicht sehen und er zögerte zuerst, denn er dachte, er erkenne die Stimme Jakobs, aber am Ende ließ er sich vom Geruchs- und Tastsinn leiten. Er wurde durch die widersprüchlichen Signale seiner Sinnesorgane getäuscht und segnete Jakob anstatt Esau, weil er dachte, dass Jakob Esau sei. Jakob machte sich schnell aus dem Staub, als sein Bruder gerade mit dem zubereiteten Wildbret zurückkehrte. Es überrascht nicht, dass Esau sehr wütend, bitter enttäuscht und entsetzt war, als er hörte, was passiert war. Jakobs winzige Hand – nun groß gewachsen – hatte den Segen ergriffen, der seinem Bruder zustand, indem er seinen Vater überlistete. Sein Verhalten entsprach seinem Namen – der Betrüger oder Verdränger.
Diese Charaktereigenschaft Jakobs findet sich zumindest in einem gewissen Ausmaß in jedem menschlichen Herzen wieder und spielt auch im weiteren Verlauf des ersten Buches Mose eine wichtige Rolle.
Rebekka sieht Esaus Zorn und Hass auf seinen Bruder, also überredet sie Isaak auf raffinierte Weise, Jakob zu seinem Onkel Laban gehen zu lassen, um dort eine Frau aus der eigenen Verwandtschaft zu finden, so wie Isaak es Jahre zuvor getan hatte.
Es war eine sehr lange Reise, insgesamt etwa 900 Kilometer lang, die ihn über Damaskus und Karchemisch nach Haran in Mesopotamien führte. Er war noch nicht lange unterwegs, als Jakob seinen berühmten Traum von einer Leiter hatte, die in den Himmel aufragte und von dem Stein ausging, der ihm als Kissen diente. In seinem Traumbild beobachtete Jakob, wie einige Engel die Leiter hinaufstiegen und andere wieder herabstiegen. Und als er das sah, sagte er: „Gewiss, der HERR ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht! … Dies ist nichts anderes als Gottes Haus, und dies ist die Pforte des Himmels“ (28,16.17). Für Jakob war diese Begegnung mit Gott so bedeutsam, dass er dem Ort den Namen Bethel gab, das bedeutet „Haus Gottes“. Zweifellos war Jakob vertraut mit Gott, dem Allmächtigen, der im Himmel wohnt, aber in Bethel entdeckte Jakob etwas Bemerkenswertes und Neues an Gott. Die Vision ließ ihn ausrufen: „Gewiss, der HERR ist an diesem Ort“; er entdeckte, dass Gott direkt neben ihm war – und nicht auf der Spitze der Leiter, sondern am Boden der Leiter, genau da, wo Jakob ruhte. Gott regierte das Universum sozusagen von dort aus, wo Jakob war.
Die übrige Symbolik unterstützt diese Vorstellung, denn das Tor einer altertümlichen Stadt war nicht nur ihr Eingang; es war der Ort, wo die einheimischen Regierungsbeamten saßen und ihre Treffen abhielten, um sich um die Belange der Stadt zu kümmern. So saß zum Beispiel Lot im Tor Sodoms; das bedeutet, dass er ein Beamter in der örtlichen Regierung war. Das Tor des Himmels war daher der Ort, von dem aus Gottes engelhafte Amtsträger ihre Befehle erhielten, sie ausführten und für weitere Befehle zurückkehrten. Mit anderen Worten, Jakob befand sich in Gottes Regierungszentrum. In diesem Zusammenhang trägt der Begriff „Haus Gottes“ eher die Bedeutung von Gottes Herrschaft, und nicht so sehr von Gottes Aufenthaltsort. Wenn man in Großbritannien vom Haus Windsor spricht, meint man auch nicht den Palast als Wohnort der Queen, sondern vielmehr ihre Regierung, ihr Regierungsgebäude.
Gott spricht mit Jakob und beeindruckt ihn mit seiner Nähe und seiner Bereitschaft, bei ihm zu sein. Er verspricht, Jakob in seine Zukunft zu führen. Jakob, der immer auf ein Geschäft aus ist, versucht mit Gott zu verhandeln; wenn Gott dieses und jenes für ihn tut, dann wird Er Jakobs Gott sein. Das scheint eine ziemlich unangemessene Reaktion zu sein und deutet wahrscheinlich auf einen Wunsch tief in Jakobs Herzen hin, Gott auf Abstand zu halten, vielleicht um sich selbst mehr Spielraum zu schenken. Wir wissen nur zu gut, dass das menschliche Herz so ist. Selbst wenn uns Gott erscheint und seine Führung und Leitung anbietet, und wir wissen, dass es echt ist, kann diese betrügerische und im Prinzip teuflische Vorstellung auftauchen, dass Gott unseren Lebensstil irgendwie einengen will.
In den folgenden Jahren wird Jakob oft auf die harte Tour lernen müssen, dass Gott für ihn überwältigend ist. Gott gibt ihm Anweisungen und behandelt ihn doch würdevoll als ein verantwortliches menschliches Wesen. Gott wird ihn über die Natur seines Herzens unterrichten, und dieser Prozess ist teilweise schmerzhaft. Jakob sollte der Anführer einer Nation mit einer einzigartigen Rolle in der Welt sein. Je mehr wir ihm und seiner Familiengeschichte folgen, desto mehr finden wir Hinweise auf die Komplexität seiner Beziehung zum HERRN.
Jakob verlässt sein Zuhause und geht zu Laban
Jakob setzte seine lange Reise fort, bis er zu einem Brunnen kam, wo er Rahel, die wunderschöne Tochter seines Onkels Laban traf. Die Begegnung ähnelte sehr der des Dieners seines Großvaters Abraham, der Rebekka als Frau für Abrahams Sohn Isaak fand. Rebekka wurde schließlich Jakobs Mutter.
Jakob, der dies als ein Ereignis der Vorsehung angesehen haben muss, verliebte sich in Rahel und traf schnell eine Abmachung mit Laban: Er würde sieben Jahre für Laban arbeiten, um Rahel als Ehefrau zu bekommen. Doch am Morgen nach der Hochzeit fand Jakob zu seinem Erstaunen und Entsetzen heraus, dass er nicht Rahel, sondern ihre ältere Schwester, Lea, in seinem Zelt hatte. Jakob war wütend und warf Laban vor, ihn betrogen zu haben. Laban entgegnete, dass es nicht der Brauch ihres Stammes sei, die jüngere Schwester vor der älteren zu verheiraten.
Jakobs betrügerischer Charakter hatte ihn selbst eingeholt. Jahre zuvor hatte Jakob als der jüngere Sohn vorgegeben, sein älterer Bruder Esau zu sein, um seinen Vater Isaak zu täuschen – der Jüngere war dem Älteren vorausgegangen. Doch nicht nur das, Lea besaß auch nicht Rahels Schönheit (so wird es zumindest angenommen). Jakob machte nun die schmerzvolle Erfahrung, wie es war, betrogen zu werden – im gewissen Sinne ein echter Geschmack seiner eigenen Medizin, die er seinem Vater gereicht hatte. Friedrich von Logau erfasst dies in seinem Epigramm treffend:
Gottes Mühlen mahlen langsam,
mahlen aber trefflich klein,
ob aus Langmut Er sich säumet,
bringt mit Schärf’ Er alles ein.1
In 1. Mose werden keine Einzelheiten von Jakobs Reaktion beschrieben, aber man kann sich leicht vorstellen, dass die Lektion für ihn nicht umsonst war. Hier war Gott am Werk. Gott behandelt Jakob als vollständig verantwortlich für sein Verhalten seinem Vater und Bruder gegenüber, aber nun sorgt Gott dafür, dass das Zusammenspiel der Umstände es erzwingt, dass Jakob genau die gleiche Art von Verhalten erleben muss.
Wie komplex das ist, sehen wir daran, dass es ein lokaler Brauch war, nicht die jüngere Tochter vor der älteren zu verheiraten. Diese Tradition hatte es wahrscheinlich schon seit Jahrhunderten gegeben, doch wir sind aufgefordert, die Hand Gottes dahinter zu sehen. Tatsächlich nutzt Paulus in Römer 9–11 in seinen langen Ausführungen über die Beziehung zwischen Gottes Souveränität und menschlicher Verantwortung Jakob und Esau als Beispiel für die Vielschichtigkeit von Gottes Handeln.
Laban würde noch Lektionen über Täuschung und List lernen müssen, als er dann wiederum von Jakob überlistet wurde (und auch von Rahel), aber zu diesem Zeitpunkt gab es eine weitere bittere Lektion für Jakob. Isaak konnte wegen seiner schlechten Augen nicht zwischen Jakob und Esau unterscheiden. Vermutlich gab es genug Licht; das Problem waren Isaaks Augen. Weiterhin gab es vermutlich kein Problem mit Jakobs Augen, als er in seiner Hochzeitsnacht in das Zelt hineinging, aber er konnte nicht zwischen Lea und Rahel unterscheiden, weil es kein Licht gab. Im Dunkeln sehen die Menschen gleich aus (und unter diesen Umständen können wir auch sagen: fühlen sich gleich an); Stimmen werden nicht erwähnt, also müssen wir annehmen, dass sowohl Lea als auch Jakob in dieser Nacht nicht sprachen. Jakob musste wie sein Vater Isaak vor ihm die Gefahren erkennen, die darin liegen, auf die eigenen Sinnesorgane zu vertrauen, wenn man die Identität einer Person bestimmen will.
Wir können hier die prinzipielle Frage stellen: Was erzählt uns diese Geschichte von Jakobs Ansichten über Frauen und die Ehe? Uns wird nur gesagt: „Rahel aber war schön von Gestalt und schön von Aussehen“ (1Mo 29,17), eine Beschreibung, die auch für Joseph im Zusammenhang mit der versuchten Verführung durch Potiphars Frau verwendet wird (1Mo 39,6). Rahels Schönheit muss solch einen Eindruck auf Jakob hinterlassen haben, dass er sofort entzückt ist, als er sie trifft.
Die körperliche Anziehungskraft folgt dem Auge, und die Geschichte im ersten Buch Mose interessiert sich sehr für dieses Organ. Von Rahels älterer Schwester Lea heißt es nur, ihre Augen waren „matt“ (29,17). Dieser Mangel an Details lässt uns Rahels Schönheit mit Leas Augen vergleichen. Manche denken, dass Lea wirklich schwache Augen hatte und kurzsichtig war, so dass ihre Gesichtszüge dadurch schlecht aussahen; aber was ist, wenn das nicht so sehr der Fall wäre, sondern sie eher Augen hatte, die die Aufmerksamkeit auf sich selbst zogen, weil sie der Spiegel einer zarten Seele waren?
Könnte es sein, dass hier auf den Unterschied zwischen dem Inneren und dem Äußeren einer Person hingewiesen wird, zwischen der Tiefe der Seele im Gegensatz zum oberflächlichen Glanz? Am Ende entschied sich Jakob für den Glanz. Es ist nicht so, dass der Wunsch nach Schönheit und die Empfänglichkeit dafür falsch wären, aber es ist bemerkenswert, dass der Text über die wichtige Frage schweigt, ob Rahel als Ehefrau für Jakob geeignet war.
Der schlaue Laban sah, dass Jakobs Herz für Rahel schlug, und er nutzte diese Tatsache, um einen weiteren Handel abzuschließen, der diese Situation – und damit Jakob – ausnutzte. Die Abmachung lautete, dass Jakob direkt nach der Woche der Hochzeitsfeierlichkeiten für seine Heirat mit Lea auch Rahel heiraten könnte, aber für dieses Privileg würde er weitere sieben Jahre ohne Lohn arbeiten müssen, sozusagen als ein Diener im Haus seines Schwiegervaters. Es war eine seltsame Abmachung in einer Kultur, wo gewöhnlicherweise der Vater der Braut einen hohen Brautpreis zahlen musste, um einen guten Ehemann für seine Tochter zu bekommen. Laban nutzte Jakobs Leidenschaft für Rahel voll und ganz aus und ließ ihn für das arbeiten, was ihm normalerweise hätte geschenkt werden sollen.
Wir wissen sehr wenig über die Beziehung zwischen den Schwestern oder über Labans Familie, obwohl jüdische Kommentatoren sehr viel darüber spekulieren, ob nicht zum Beispiel Rahel, um ihre Schwester durch eine frühere Heirat nicht zu demütigen, unmittelbar bei der Täuschung mitspielte und sogar dabei half, dass sie Erfolg hatte. Wir wissen auch nicht, welchen Anteil Lea bei der Täuschung Jakobs hatte, obwohl man sich schlecht vorstellen kann, dass sie gar keine Ahnung hatte, was los war! Wir wissen es jedoch einfach nicht, und ich komme zu dem Schluss, dass der Text sich auf die Dinge konzentriert, die wir wissen müssen, also sollten wir uns auch damit zufriedengeben.
Jakobs Familienleben
Bigamie war noch nie eine gute Möglichkeit, um ins Eheleben zu starten, denn sie führte unweigerlich zu Bevorzugung und heftiger Rivalität. Jakob war der Liebling seiner Mutter gewesen, und nun begann er sein Eheleben mit einer starken Voreingenommenheit in seinem Herzen gegenüber einer seiner Frauen. Diese Situation war sehr unglücklich für Lea. Stellen wir es uns nur einmal vor. Das soll schließlich die Geschichte einer Familie sein, um die Gott sich kümmert.
Was ist nun mit Lea? Interessiert sich Gott gar nicht für sie und vor allem für die vielen, vielen Frauen, die in der gleichen Situation sind? Genetisch vielleicht mit Gesichtszügen ausgestattet, die für Männer nicht anziehend waren, war sie nun – und es war nicht ihre Schuld – verheiratet, als Ergebnis eines Vorgangs, in den sie nicht involviert war, mit einem Mann, der sie eindeutig nicht liebte, aber sich mit ihr abfinden musste, weil es ein bestimmter Brauch des ansässigen Stammes war. Als Opfer von Umständen, die sich ihrem Einfluss entzogen, war sie in einer lieblosen Ehe gefangen. Ihre Geschichte ist für viele Menschen ein Mikrokosmos des menschlichen Zustands, in dem viele sich wiederfinden: das Gefühl, dass das Leben von Anfang an ungerecht gewesen ist; der Neid auf andere, die körperlich oder geistig besser begabt sind; zu einer Familie zu gehören, in der ein Geschwisterkind demonstrativ bevorzugt wird; ein Opfer der Umstände zu sein, die zusammengenommen das Leben scheinbar mit grausamen Wendungen angefüllt haben; die Tränen wegen Ablehnung oder derber Sticheleien. Die Liste ist endlos.
Und wer von uns ist da ausgenommen, entweder ein Opfer zu sein oder gar ein Täter? Und Gott, wenn es einen Gott gibt, ist sicherlich nur interessiert an den Starken und Schönen, die Erfolg haben, die beliebt und reich und gesund sind? Er sieht mich nicht einmal, und wenn Er mich sehen würde, wäre Er nicht an mir interessiert, oder?
Aber Gott sah Lea trotzdem. Er sah, dass sie gehasst war, und Er unternahm etwas: „Und als der HERR sah, dass Lea gehasst war, da öffnete er ihren Mutterleib; Rahel aber war unfruchtbar“ (29,31). Dies markiert den Beginn der Familiengeschichte, in die Joseph hineingeboren werden wird. Leas erster Sohn wurde Ruben genannt. Der Name bedeutet „Seht, ein Sohn“, und mit dieser Wahl drückte sie ihre tiefen Gefühle aus, wie sie selbst erklärte: „Weil der HERR mein Elend angesehen hat; denn nun wird mein Mann mich lieben“ (29,32). Das ist schon bemerkenswert, da Lea in einem heidnischen Zuhause aufgewachsen war, was wir aus der Tatsache ableiten können, dass Rahel Labans Hausgötzen (Teraphim) stiehlt, als Jakob schließlich seine Familie von ihm wegführt.
Doch im Lauf der Zeit scheint Lea nicht nur zum Glauben an den Gott Jakobs gekommen zu sein, sondern sie vertraut Ihm persönlich den Kummer ihres täglichen Lebens an.
Man kann sich vorstellen, dass Jakob während der sieben Jahre, in denen er in Labans Haus arbeitete, um Rahel heiraten zu können, die Familie mit den Geschichten seines Vaters und Großvaters erfreute. Und Onkel Laban erinnerte sich wahrscheinlich daran, wie Isaaks Diener in seines (Labans) Vaters Heim aufgetaucht war und an Isaaks Stelle um die Hand von Labans Schwester Rebekka angehalten hatte. Zweifellos nutzte Jakob die Gelegenheit, um die wunderbare Ähnlichkeit zwischen dieser Begebenheit und seiner eigenen Ankunft bei Onkel Labans Zuhause vorzutragen. Es gab sicherlich Gespräche über Gott und über die Glaubenslektionen, die Abraham und Sara hinsichtlich der Wege Gottes und seiner schützenden Führung in ihrem Leben zu lernen gehabt hatten.
All das mag einen tiefen Eindruck bei Lea hinterlassen haben, so dass sie irgendwann während dieser Zeit lernte, dem Gott Abrahams zu vertrauen, auch wenn es sehr wahrscheinlich ist, dass die Haltung des einen, der ihr diese Botschaft gebracht hatte – Jakob –, durchaus gedankenlos und manchmal sogar grausam ihr gegenüber gewesen sein kann. Es war klar für Leas sanfte Augen, dass Jakob nur Augen für Rahel hatte, und das muss sehr schwer zu ertragen gewesen sein.
Doch Lea war irgendwie in der Lage, zwischen dem Botschafter und der Botschaft zu unterscheiden – eine bemerkenswerte Leistung, die viele Menschen heute mit viel mehr Wissen anscheinend nicht erbringen können. Sie behaupten, dass sie nicht an Gott interessiert sind, „weil es so viele Heuchler in der Kirche gibt“ oder weil irgendjemand, der vorgab ein Christ zu sein, wütend auf sie war (vielleicht war es sogar gerechtfertigt!). Doch viele dieser Menschen haben sich nie die Zeit genommen, die Bibel zu lesen oder sich ihre Geschichten anzuhören. Solche Erlebnisse sind eher oberflächlich.
Aber das sind nicht die einzigen Erlebnisse. Keine Familie ist ohne Spannungen, ohne Eifersüchteleien, Notlügen, Bevorzugungen und Rivalitäten, um nichts von den schlimmeren Dingen zu erwähnen, und wenn diese mit bekennendem Christentum vermischt werden, kann die Kombination verheerend sein. Was soll zum Beispiel ein Kind von Gott denken, wenn es von einem Erwachsenen missbraucht wird, der sich nach außen hin Christ nennt, oder wenn es ständig Wutausbrüche und sogar Gewalt zwischen den Eltern miterleben muss, die zur Kirche gehen, oder wenn es sieht, wie sein Vater seine Mutter für eine jüngere Frau aus seinem Büro verlässt?
Lea hatte die Geschichte gehört und genug von der Botschaft verstanden, um ein Kind Abrahams zu werden, indem sie dem Gott Abrahams vertraute. Trotz Jakobs Verhalten war bei ihr der Glaube an Gott gewachsen und je schwieriger die Spannungen in der Familie wurden, desto mehr brachte sie diese vor Gott, zumindest am Anfang. So drückt der Name des ersten Kindes ihren Glauben aus, dass der HERR ihre Misere einer lieblosen Ehe gesehen hat.
Lea ist es auch, die den Namen des Kindes auswählt. Das erscheint ziemlich ungewöhnlich in der alten patriarchalischen Kultur. Schließlich gab in dieser bestimmten Familie Abraham seinem Sohn den Namen Isaak, Jakob erhielt seinen Namen von beiden Eltern; doch jetzt ist es die Mutter, Lea, die ihrem Sohn einen Namen gibt. Zumindest ist das alles, was im Text steht, denn man kann sich nur schwer vorstellen, dass der Name ohne Jakobs Zustimmung gegeben wurde. So müssen sie doch zumindest über die Wahl des Namens gesprochen haben, und das gab Lea möglicherweise die Gelegenheit, ihre Ängste und Bedenken hinsichtlich Jakobs Haltung ihr gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Ein zweiter Sohn folgte bald und bekam den Namen Simeon („Erhörung“); und erneut spiegelte der Name den andauernden Schmerz in Leas Herz wider. „Weil der HERR gehört hat, dass ich gehasst bin, so hat er mir auch diesen gegeben“ (29,33).
Ein dritter Sohn wurde Levi („Anhänglichkeit“) genannt, und sie sagte: „Nun, diesmal wird mein Mann sich mir anschließen, denn ich habe ihm drei Söhne geboren!“ (29,34).
Man erkennt leicht, dass die Namen ihrer Kinder absichtlich gewählt wurden, nicht nur um ihre eigene emotionale und geistliche Entwicklung festzuhalten, sondern auch als eine ständige Erinnerung an Jakob, dass seine Haltung seiner Frau und der Mutter seiner Kinder gegenüber – und gegenüber Gott – weit von dem entfernt war, wie sie sein sollte. Kannst du dir vorstellen, wie Jakob jemandem erklären musste, wie seine Kinder ihre Namen bekommen hatten?
Es ist nicht das erste Mal im ersten Buch Mose, dass Namen auf diese Weise gewählt wurden, um eine Erfahrung mit Gott zu reflektieren. Denken wir an Hagar, die wie Lea verachtet wurde. Als Hagar von zu Hause fortgeschickt wurde, erschien Gott ihr in der Wüste und gab ihr die Verheißung, dass ihr Sohn Ismael eine große Nation werden würde. Ismael bedeutet „Gott hört“, und der Name erfüllte für Hagar die gleiche Funktion wie der Name Simeon („Erhörung“) für Lea. Aber Hagar gab auch Gott einen Namen: „Der Gott des Schauens“ (16,13). Ruben bedeutet „Seht, ein Sohn“, wie bereits erwähnt. Die Ähnlichkeit zwischen den Erfahrungen und den Namen ist schon bemerkenswert.
Gott hatte Leas Wunsch nach Kindern erfüllt, und sie würde daher in ihrer damaligen Gesellschaft als eine Mutter hoch angesehen sein. Und es überrascht nicht, dass sie mehr wollte; sie sehnte sich nach der Zuneigung und Liebe ihres Ehemannes.
Doch obwohl sie Jakob drei Söhne geboren hatte, schien er Lea als Person nicht näher gekommen zu sein. Er behandelte sie als ein Mittel (um Kinder zu bekommen) und nicht als eine Person (mit eigenem Wert). Das ist menschlich gesehen nur sehr schwer zu ertragen, und viele Menschen in unseren Gesellschaften müssen es ertragen.
Als Leas vierter Sohn geboren wurde, nannte sie ihn Juda und sagte: „Diesmal will ich den HERRN preisen!“ (29,35). In ihrem Herzen hatte sich etwas verändert. Die Erwartung einer verbesserten Beziehung zwischen ihr und Jakob war weg; sie scheint akzeptiert zu haben, dass es einfach nicht geschehen würde. Lea zeigt keine sichtliche Spur der Bitterkeit. Stattdessen wollte sie nur den HERRN preisen und diese Tatsache mit dem Namen ihres vierten Sohnes feiern. Sie scheint daher eine tiefe Charakterstärke gefunden und sich entschieden zu haben, über ihre Umstände und deren Ungerechtigkeit hinauszuwachsen.
Dabei hatte sie jeden Grund, voller Verbitterung und Enttäuschung zu sein. Es war nicht ihre Schuld, dass sie nicht Rahels wunderschönes Aussehen hatte. Es war auch nicht ihre Schuld, dass sie in einer lieblosen Beziehung mit Jakob gefangen war. Und doch scheint sie es überwunden zu haben; zumindest nahm sie es sich nicht zu Herzen. Ihr Glaube an Gott half ihr zu überwinden, trotz der Tatsache, dass Jakob wohl kaum ein gutes Vorbild eines glaubenden Ehemannes war. Sofern es den Text betrifft, ist es interessant, dass Lea mehr von Gott spricht als Jakob.
Zu der Zeit geschah etwas noch Größeres. Was Lea nicht wusste – ja, was sie nicht wissen konnte – war, dass sie mit den Namen der Kinder die Namen auswählte, die eines Tages die Tore von Gottes heiliger Stadt schmücken werden, wie Johannes es gemäß dem Buch der Offenbarung in der Vision sah (siehe Off 21,12). Die Tore zu genau dieser Stadt, die Abraham verheißen wurde, werden die Namen ihrer Söhne tragen.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir in der Geschichte Leas und ihrer Kinder einen kleinen Einblick hinter die Kulissen der tiefen Liebe Gottes bekommen, die nicht nur versteht, sondern das Leid und die Enttäuschung, die sein Volk auf der Erde erlebt, wiedergutmachen kann und dies schließlich tun wird. Gott hatte Ziele für Leas Kinder, die bei weitem das überstiegen, was sie sich zu der Zeit hätte vorstellen können; und sie erfuhr wahrscheinlich erst davon, als sie ihr himmlisches Zuhause erreichte.
Wir müssen innehalten und über die Tragweite von Leas Geschichte nachdenken. Einige denken vielleicht, dass der Kummer und Herzschmerz einer jungen Frau wie Lea im großen Rahmen der Geschichte keine wirkliche Bedeutung haben. So ist das Leben nun einmal – schwierig und hart für die meisten, und einfach nur für sehr wenige Menschen. Aber dabei würde man etwas von enormer Bedeutung verpassen: Gottes Interesse an den kleinsten Details unseres manchmal eintönigen Alltags, das aus unseren Erlebnissen etwas von Bedeutung für die Ewigkeit machen kann. Wir können Herzschmerz, Leid, Enttäuschung und sogar Desillusionierung erleben, während wir um die Erkenntnis ringen, dass Gott tatsächlich hört und tatsächlich sieht, aber bei dieser Erkenntnis anzukommen garantiert noch keine einfache Lösung unserer Probleme. Inmitten unserer Probleme wird unser Vertrauen auf Gott bis zum Äußersten beansprucht, indem wir ermutigt werden, ihn unabhängig von unseren Umständen zu preisen – nicht fatalistisch, sondern in der ehrlichen und vertrauenden Anerkennung seiner Gegenwart und Hilfe.
Vor vielen Jahren erzählte ich die Geschichte Leas auf einer Konferenz für Studenten. Während meiner Rede bemerkte ich eine junge Frau im Publikum, die ein sehr hübsches Gesicht hatte – zumindest die eine Seite war hübsch, aber die andere wurde von einem sehr großen Muttermal entstellt. Als ich meine Rede beendet hatte, stand sie sofort auf, kam im Hörsaal nach vorn und zeigte den Zuhörern ihr Gesicht. Dann sagte sie in etwa Folgendes: „Zum ersten Mal in meinem Leben möchte ich heute etwas über mein Vertrauen in Gott sagen. Dieser wunderschönen Geschichte von Lea zuzuhören hat mir geholfen, dahin zu kommen, wo ich ganz ohne Fatalismus akzeptieren kann, wie ich bin, und dem Herrn vertrauen kann, fähig zu sein, mit den Folgen klarzukommen.“ Es gab kein trockenes Auge mehr im Saal, und ich stellte mir die Frage, ob ich selbst in meinem Vertrauen zum Herrn so weit gekommen war.
Währenddessen glühte Rahel jedoch vor Eifersucht. Im Gegensatz zu Lea genoss sie Jakobs ganze Liebe und Aufmerksamkeit, doch sie hatte nicht das, was Lea hatte – Kinder. Ihr gutes Aussehen und ihr aufmerksamer Ehemann waren kein Ausgleich für das Fehlen von Kindern. In ihrem verzweifelten Wunsch nach eigenen Kindern, verlangte sie diese von Jakob, der sehr wütend auf sie wurde. Sie bot ihm ihre Magd Bilha als Leihmutter an und bekam auf diesem Weg zwei Söhne, Dan und Naphtali. Um nicht übertrumpft zu werden, bediente sich Lea der gleichen Taktik und bot Jakob ihre Magd Silpa an, und so wurden Gad und Aser geboren. Die Geschwisterrivalität eskalierte, als Ruben seiner Mutter Lea einige Liebesäpfel (Alraunwurzeln) mitbrachte, die in dieser Zeit als Aphrodisiaka angesehen wurden. Rahel verhandelte mit Lea: Lea könnte in dieser Nacht mit Jakob schlafen, wenn sie Rahel die Liebesäpfel gäbe. Lea konfrontierte Jakob mit ihrem „Handel“, er ging darauf ein, und Issaschar wurde geboren. Dann bekam Lea einen weiteren Sohn, Sebulon, gefolgt von Dina, der einzigen Tochter in der Familie, von der uns berichtet wird.
Schließlich wird uns ausdrücklich gesagt, dass Gott eingriff und Rahels Mutterleib öffnete, mit oder ohne Liebesäpfel, und sie gebar ihren ersten Sohn, Joseph. Sein Name bedeutet „Er füge hinzu“ und zeigt ihren Wunsch nach weiteren Söhnen. Sie würde schließlich noch einen weiteren Sohn bekommen, Benjamin, der auch eine wichtige Rolle in Josephs Leben spielen wird.
1 Friedrich von Logau „Göttliche Rache“, Sinngedichte III, 2,24.
4
Jakob und seine Familie kehren in das verheißene Land zurück; Begegnung mit Gott und Esau
Nachdem Jakobs Lieblingsfrau ihm einen Sohn geboren hatte, ist es nicht verwunderlich, dass er von Laban wegziehen und mit seiner eigenen Familie selbstständig leben wollte. Nach einigen schlauen und hinterlistigen Handlungen, die gut und gern einige Jahre gedauert haben dürfen, versammelt Jakob schließlich seine Familie und seine Herden und macht sich auf den Weg zurück nach Kanaan zu seinem Vater Isaak, doch ohne Laban zu informieren.
Als Laban das herausfindet, ist er wutentbrannt. Schließlich ist Jakob eine große Einkommensquelle für ihn gewesen. Also jagte Laban ihm nach. Gott griff ein und warnte Laban, vorsichtig zu sein und sagte: „Hüte dich, dass du mit Jakob weder Gutes noch Böses redest!“ (1Mo 31,24).
Joseph mag schon alt genug gewesen sein, obwohl er noch ein Kind war, um sich später an das angespannte Treffen zwischen seinem Vater und Laban zu erinnern, in dem viel Klartext geredet wurde. Schließlich einigten sich Jakob und Laban und besiegelten diese Übereinkunft durch einen Steinhaufen als eine Erinnerung. Sie aßen ein letztes Mal zusammen und gingen getrennte Wege. Die Trennung war endgültig. Jakob war von Laban befreit.
Doch Jakob erkannte, dass es noch eine andere Person gab, der er gegenübertreten musste – seinem Bruder Esau, den er vor vielen Jahren betrogen hatte. Soweit wir wissen, hatte es lange Zeit keinen Kontakt zwischen den Brüdern gegeben. Jakob erwartete, gelinde gesagt, eine unbequeme Konfrontation, und er sandte Boten aus, die seine schlimmsten Ängste bestätigten: Esau kam ihm mit einer Armee von vierhundert Mann entgegen. Jakob war eingeschüchtert und teilte seine Leute und seine Herden in zwei Lager auf, in der Hoffnung, dass eine Gruppe einem Angriff Esaus entgehen würde.
Dann betete er. Diese Handlung scheint bisher keinen größeren Stellenwert eingenommen zu haben. In seinem Gebet erinnerte er Gott daran, dass Gott selbst ihm gesagt hatte, zu seiner Sippe zurückzukehren. Er brachte zum Ausdruck, dass er all der Liebe und Treue, die ihm entgegengebracht worden war, unwürdig sei, und er bat Gott eindringlich, ihn aus der Hand seines Bruders Esau zu erretten.
Jakobs Schuldgefühle machten ihn nervös, und in der Hoffnung Esaus Gemütslage zu besänftigen, sandte er das Vieh als Geschenk in zwei Gruppen vor ihm her. Vielleicht dachte Jakob, dass er Esau auf diese Weise etwas für den Diebstahl seines Erstgeburtsrechts zurückerstatten könnte.
In der Nacht nahm Jakob schließlich seine zwei Frauen, seine zwei Mägde, seine elf Kinder, seine Diener und alle seine Besitztümer und half ihnen, den Fluss Jabbok zu überqueren. Wir wissen nicht, ob Jakob die Situation mit seiner Familie besprochen hatte, aber sicherlich nahmen sie seine wachsende Anspannung wahr.
Jakob blieb allein in der Dunkelheit zurück, zweifellos mit wachsender Beklommenheit, und er stellte sich vor, dass Esau die nächste Person sein würde, der er begegnen würde. Er hatte sich vermutlich entschieden, vielleicht um seine Familie zu schützen, dass er Esau besser allein gegenübertreten würde. Doch er war nicht allein. Denn ohne Vorwarnung, mitten in der Nacht, wurde er überraschend angegriffen, und bevor er begriff, was los war, war er in einen lebensgefährlichen Ringkampf mit einem Mann verstrickt. Er dachte vermutlich zuerst, dass es sein Bruder Esau wäre, der durch die Geschenke nicht besänftigt worden war und nun zum Kampf antrat. Seine Zukunft wird durch einen nächtlichen Zweikampf entschieden werden.
Man kann sich nur schwer vorstellen, welche Gedanken Jakob durch den Kopf gingen: Schuldgefühle, wie er Esau behandelt hatte, und das Versagen, die Dinge richtig zu stellen; die Sinnlosigkeit seines Lebens, wenn er nicht überleben würde; die furchtbare Zwangslage seiner Familie. Doch als das Ringen andauerte, dämmerte es Jakob langsam, dass an der Begegnung etwas sehr seltsam war. Ein Ringkampf? War es das, was er von Esau erwarten würde? Offensichtlich nicht, wenn er die Absicht hätte, Jakob zu töten. Da gäbe es viel effektivere Wege mit einem Knüppel, Messer, Schwert oder Bogen. Man ringt nicht mit jemandem, um ihn zu töten, obwohl ein Ringkampf auch zum Tod führen kann, wenn für gewöhnlich eher durch einen Unfall als durch Absicht. Man ringt mit jemandem, um zu beweisen, dass man der Platzhirsch ist, der stärkste Hirsch im Rudel, das kräftigste Bison in der Herde, indem man beweist, dass der eigene Körper stärker ist und man die Taktik des anderen voraussehen und ihn unterwerfen kann. Man will, dass er definitiv am Leben bleibt und die eigene Macht über ihn anerkennt.
Soweit wir wissen, hatte Jakob sein ganzes Leben lang gerungen, aber nicht so sehr im körperlichen Sinne, da Esau eher der sportlichere der beiden war, der viel Zeit in der freien Natur verbrachte. Jakob war ein schlauer Intrigant, er konnte von den Leuten erringen, was er wollte, und sie dann noch lange genug denken lassen, dass sie es selbst so wollten. Es gibt noch eine andere Komponente im Ringen: Es ist ein Nahkampf. Man kommt seinem Gegner sehr nahe. Man bedrängt ihn, und er übt wiederum Druck aus. Man kommt nicht weg von ihm, um aus der Ferne anzugreifen. Der Kampf laugt die körperliche und geistige Energie aus, und er kann sehr schmerzhaft sein.
Nirgendwo tritt dies deutlicher zutage als im Familienleben – damals wie heute. Jakob hatte mit seinem Vater gerungen, mit seiner Mutter, dem Bruder, dem Onkel und mit seinen Frauen (und er sah zu, wie sie miteinander rangen), und er hatte sie alle überlistet – so dachte er jedenfalls.
Nein, dieser seltsame Gegner war nicht Esau. Er war völlig anders und ihm doch so ebenbürtig, dass Jakob eventuell schon zu denken begann, er könnte gewinnen. Dann streckte dieser Gegner plötzlich seine Hand aus und rührte Jakobs Hüftgelenk an, das sofort ausgerenkt wurde, und der Kampf war beendet.
Mit einem ausgerenkten Hüftgelenk kann man nicht ringen, da gerade das Hüftgelenk so ein kräftiges Drehgelenk ist. Doch Jakob, der inzwischen überzeugt gewesen sein muss, dass es eine göttliche Dimension in diesem Geschehen gab, tat das Einzige, woran er denken konnte. Mit seinen noch starken Armen hielt er den Mann krampfhaft umschlungen – so wie er in Rebekkas Mutterleib Esaus Ferse festgehalten hatte. Der Sieger sagte: „Lass mich los, denn die Morgenröte ist aufgegangen.“ Aber Jakob antwortete: „Ich lasse dich nicht los, es sei denn, du segnest mich“ (32,27).
Jakobs Gegner fragte: „Was ist dein Name?“ (32,28). Wir müssen zwangsläufig an die Zeit denken, als Jakobs fast blinder Vater Isaak ihm die gleiche Frage gestellt und Jakob ihn angelogen hatte. „Ich bin Esau“, hatte er gesagt. Er hatte gelogen, um den Segen seines Vaters zu erlangen. Aber in dieser direkten Begegnung mit Gott waren Lügen nun nicht länger möglich. Auf diese Weise würde er keinen Segen von Gott bekommen. Er musste zugeben, wer er war – der durchtriebene, manipulierende, andere verdrängende, Fersen umklammernde Jakob. Er hatte sein Leben damit verbracht, andere zu manipulieren. Nun musste er lernen, dass er bei Gott nicht das Gleiche tun konnte. Er musste einsehen: Wenn er Gottes Segen erlangen wollte, musste der alte Jakob weichen. Und so war es. Da sagte der siegreiche Ringkämpfer: „Nicht Jakob soll fortan dein Name heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gerungen und hast gesiegt“ (32,29). Jakob fragte dann nach dem Namen seines Bezwingers und musste hören, dass diese Frage unangemessen war: „Warum doch fragst du nach meinem Namen?“ (32,30). Der Fremde konnte Jakob nach seinem Namen fragen, aber Jakob war nicht gestattet ihn zu fragen.
In seinem Schmerz und seiner Erschöpfung erkannte Jakob, dass etwas Einzigartiges passiert war – er war Gott begegnet. Dementsprechend nannte er den Ort dieser Begegnung Pniel, was „Angesicht Gottes“ bedeutet. Er sagte: „Denn ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und meine Seele ist gerettet worden“ (32,31).
Was bedeutet der Name „Israel“ wirklich? Wir können an verschiedene Vorfälle denken, in denen Jakob sowohl mit Menschen als auch mit Gott gerungen hatte, aber inwiefern hatte Jakob gesiegt? Er hatte sicherlich nicht körperlich über seinen Angreifer gesiegt, aber er hatte darin gesiegt, dass er nicht aufgegeben und eben nicht losgelassen hatte, bis er Gottes Segen erhielt. Enthielt der neue Name die Vorstellung, dass Jakob nun ein Königssohn Gottes war, oder bedeutete der Name, dass Gott über Jakob regierte? Die Gelehrten weisen hier auf Mehrdeutigkeiten hin, und diese können sehr wohl beabsichtigt sein, um die Vorstellung zu vermitteln, dass der Mensch, der ein Königskind Gottes ist, ein Mensch ist, der die Herrschaft Gottes in seinem eigenen Leben erfahren hat.
Auf jeden Fall ist klar, dass die Namensänderung von Jakob zu Israel eine dauerhafte Spur hinterließ, nicht nur an seinem Charakter, sondern auch an seinem Körper, denn er hinkte für den Rest seines Lebens. Er würde nie wieder erfolgreich ringen. Er war ein weiser Mann geworden und sich seiner Verletzlichkeit wie nie zuvor bewusst geworden.
In der Nacht vor Pniel hatte er erwartet, Esau zu sehen, und diese Aussicht erfüllte ihn mit Furcht und setzte ihn unter Druck. Doch was tatsächlich geschah, war einzigartig sowohl in all seinen Erlebnissen als gewiss auch im ganzen biblischen Handlungsverlauf. Es machte ihn zum Anführer einer Nation, dem Volk Israels. Die dazugehörigen Menschen dieses Volkes würden seine Kinder genannt werden, die Kinder Israels. Und diese Kinder sollten sich ständig an den Ringkampf Jakobs bei Pniel erinnern, indem sie das Fleisch um das Hüftgelenk eines Tieres nicht aßen. Das bedeutet natürlich, dass der Vorfall öffentlich diskutiert wurde, und wir können uns gut vorstellen, dass Jakobs Familie begierig darauf war, von ihm zu hören, was er daraus gelernt hatte.
Wenn wir über diese Geschichte nachdenken, kommt die Frage auf: Welche Bedeutung hat dies für einen Menschen heute? Eines ist offensichtlich: Die meisten von uns, wenn nicht alle, ob Christen oder Nichtchristen, ringen mit irgendetwas. Aber wir nennen es gewöhnlich „sich abmühen“ oder „mit einem Problem kämpfen“. Wir kämpfen auf vielfältige Weise mit uns selbst, mit unseren Umständen, unserer Gesundheit oder mit anderen Menschen, und diese Kämpfe nehmen einen Großteil unserer Zeit und Energie ein, wenn wir ehrlich sind.
Einige unserer Kämpfe können wir „negativ“ nennen; sie dienen uns zu nichts Gutem. Was soll ich erreichen, wenn ich gerade diesen oder jenen Kampf gewinne, dieser oder jener Person ein Schnippchen schlage, oder einen Plan schmiede, um mir ein höheres Gehalt oder mehr Anerkennung zu verschaffen als berechtigt, oder befördert werde, indem ich raffiniert und unmerklich andere kleinmache? Wie wird mein Ruf aussehen, wenn ich in irgendeinem der zahlreichen Szenarien „siege“, die wir uns gar so leicht vorstellen können?
Wir kämpfen mit dem Familienleben – Bevorzugung durch die Eltern, Geschwisterrivalität, Verletzungen, ungerecht empfundene Erbschaftsverteilungen und viele andere Dinge.
Wir ringen innerlich – mit Angst, Unsicherheit, niedrigem Selbstbewusstsein, Wut, Schuld, Neid, Eifersucht, Stolz und Begierden, um nur einige der offensichtlichen Ursachen zu benennen.
Andere Kämpfe sind positiv – das Ringen darum, Gott weiterhin zu bezeugen, einen stärkeren christlichen Charakter zu entwickeln; freundlicher, gerechter, liebender oder aufmerksamer zu werden oder mehr zuzuhören anstatt selbst zu reden.
Halte kurz inne und denke an all die Probleme, mit denen du heute zu kämpfen hast, oder besser noch – schreibe sie auf. Schaue dir die Liste an und höre dann Gottes Frage an Jakob: „Wie lautet dein Name?“
Die Frage nach der persönlichen Identität ist nicht leicht zu beantworten. Doch vielleicht bietet die Geschichte von Pniel echte Hoffnung, da sie von einem Gott erzählt, der Jakob einen ganz neuen Namen gab, der all seine Kämpfe überwand und ihn neu definierte. Es war nicht so, dass nichts mehr von dem alten Jakob übrig war, wie wir noch sehen werden, aber es gab etwas Neues in ihm, das es zuvor nicht gegeben hatte.
Jakobs Geschichte ist eine Geschichte des Alten Testaments, also dürfen wir nicht erwarten, dass wir daraus direkte Parallelen zum Neuen Testament ziehen können. Doch gewisse Elemente dieser Geschichte erinnern uns an ähnliche Dinge im Neuen Testament. Ein Beispiel ist der Namenswechsel. Durch die Begegnung mit Christus wurde Simon zu Petrus und Saulus zu Paulus. Allgemeiner gesprochen hat der auferstandene Herr verheißen, denjenigen einen neuen Namen zu geben, die an ihrem Zeugnis an Christus festhalten und „überwinden“ (Off 2,17).
Dahinter steht die wunderbare Tatsache, dass denjenigen, die Christus als ihrem Herrn und Retter vertrauen, ein neues Leben geschenkt wird; sie werden durch den Heiligen Geist von neuem geboren, der nun in ihnen lebt und ihnen neue Kraft schenkt, mit den Kämpfen des täglichen Lebens zurechtzukommen. Uns wird gesagt:
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