Kitabı oku: «Der reiche Mann»

Yazı tipi:

Der reiche Mann

John Galsworthy

Die Forsyte Saga - Band 1

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil Erstes Kapitel

Empfang beim alten Jolyon

Zweites Kapitel

Der alte Jolyon geht in die Oper

Drittes Kapitel

Mittagessen bei Swithin

Viertes Kapitel

Bauprojekte für das Haus

Fünftes Kapitel

Eine Forsytesche Häuslichkeit

Sechstes Kapitel

James auf eigene Hand

Siebentes Kapitel

Des alten Jolyon Niederlage.

Achtes Kapitel

Baupläne

Neuntes Kapitel

Tante Anns Tod

Zweiter Teil Erstes Kapitel

Der Bau des Hauses

Zweites Kapitel

Junes Fest

Drittes Kapitel

Spazierfahrt mit Swithin

Viertes Kapitel

James sieht selber nach

Fünftes Kapitel

Soames und Bosinney korrespondieren

Sechstes Kapitel

Der alte Jolyon im Zoo

Siebentes Kapitel

Ein Nachmittag bei Timothy

Achtes Kapitel

Ball bei Roger

Neuntes Kapitel

Der Abend in Richmond

Zehntes Kapitel

Diagnose eines Forsyte

Elftes Kapitel

Bosinney und Soames

Zwölftes Kapitel

June macht einige Besuche

Dreizehntes Kapitel

Vollendung des Hauses

Vierzehntes Kapitel

Soames sitzt auf der Treppe

Dritter Teil Erstes Kapitel

Mrs. Mac Anders Wahrnehmungen

Zweites Kapitel

Nacht im Park

Drittes Kapitel

Die Begegnung im Botanischen Garten

Viertes Kapitel

Auf dem Weg ins Inferno

Fünftes Kapitel

Die Verhandlung

Sechstes Kapitel

Soames überbringt eine Nachricht

Siebentes Kapitel

Junes Sieg

Achtes Kapitel

Bosinneys Ende

Neuntes Kapitel

Irenens Rückkehr

Impressum

Erster Teil
Erstes Kapitel
Empfang beim alten Jolyon

Wer einem Familienfeste der Forsytes beiwohnen durfte, sah etwas Erfreuliches und Lehrreiches vor sich – eine Familie des besseren Mittelstandes in vollem Staat. Besaß einer dieser Begünstigten aber die Gabe psychologischer Analyse (ein Talent ohne Geldwert und den Forsytes gänzlich unbekannt), so konnte er Zeuge eines Schauspiels sein, das nicht nur an sich ergötzlich war, sondern auch zur Illustration eines dunklen menschlichen Problems diente. Mit andern Worten, die Versammlung dieser Familie – in der nicht einer Zuneigung für den andern empfand, nicht drei ihrer Mitglieder ein Gefühl kannten, das Sympathie genannt zu werden verdiente – bestätigte ihm jenen geheimnisvollen festen Zusammenhang, der eine Familie zu einem so gefährlichen Ganzen in der Gesellschaft, einem so treuen Abbild der Gesellschaft im Kleinen macht. Es zeigte sich ihm ein flüchtiger Schimmer der dunklen Pfade sozialen Fortschritts, er erhielt einen Begriff von patriarchalischem Leben, vom Nomadenleben wilder Stämme, von der Blüte und dem Verfall der Nationen. Man könnte ihn dem vergleichen, der das Wachstum eines Baumes – einem Muster von Zähigkeit und Gedeihen auf seinem isolierten Standpunkt inmitten hundert anderer absterbender Pflanzen, die weniger stämmig, saftreich und widerstandsfähig sind – von Anfang an beobachtet hat und ihn eines Tages im vollen Schmuck seines zarten Laubes, in fast verblüffender Üppigkeit, auf der Höhe seiner Entfaltung vor sich sieht.

Am fünfzehnten Juni, Ende der achtziger Jahre, gegen vier Uhr nachmittags, hätte ein zufälliger Beobachter unter den Gästen im Hause des alten Jolyon in Stanhope Gate sich von der höchsten Blütezeit der Forsytes überzeugen können.

Der Anlaß des Empfanges war die Verlobung von Miß June Forsyte, der Enkelin des alten Jolyon, mit Mr. Philip Bosinney. Im Festschmuck ihrer hellen Handschuhe, gelben Westen, Federn und Kleider war die ganze Familie anwesend – selbst Tante Ann, die nur noch selten die Ecke im grünen Wohnzimmer ihres Bruders Timothy verließ, wo sie im Schutze eines Büschels gefärbter Pampasgräser in einer hellblauen Vase, von den Bildern dreier Generationen der Forsytes umgeben, den ganzen Tag lesend und strickend saß. Selbst Tante Ann war da; mit ihrem ungebeugten Rücken und der stillen Würde ihres alten Gesichts ein Bild starren Festhaltens an der Familienidee.

Wenn ein Forsyte sich verlobte, heiratete oder geboren wurde, waren die Forsytes dabei. Wenn ein Forsyte starb – aber bis jetzt war noch kein Forsyte gestorben; sie starben nicht, der Tod widersprach ihren Grundsätzen, sie trafen Vorsichtsmaßregeln dagegen, ganz instinktiv, wie Menschen von hoher Lebenskraft, die keine Eingriffe in ihr Eigentum dulden.

Den Forsytes, die sich heute unter die Schar der Gäste mischten, war eine größere Sorgfalt in ihrer Erscheinung anzumerken, eine wachsame, inquisitorische Sicherheit, eine gediegene Solidität, als wären sie darauf gefaßt, sich gegen irgend etwas zu wehren. Der dem Gesicht von Soames Forsyte eigene schnüffelnde Zug hatte sich ihren Reihen mitgeteilt; sie waren auf ihrem Posten.

Die halb unbewußte Feindseligkeit ihrer Haltung stempelte den Empfang beim alten Jolyon zum psychologischen Moment der Familiengeschichte, machte ihn zum Vorspiel ihres Dramas.

Etwas verstimmte die Forsytes, nicht persönlich, aber als Familie; und diese Verstimmung äußerte sich in einer mehr als sorgfältig gewählten Kleidung, einem Übermaß von Familienherzlichkeit, einer übertriebenen Betonung der Familienwürde – und in jenem ›Schnüffeln‹. Was die Forsytes witterten, war Gefahr – und eine solche war kaum zu vermeiden, wenn man den Grundeigenschaften einer Gesellschaft, einer Gruppe oder eines Individuums auf die Spur kommen wollte; die Vorahnung einer Gefahr verlieh ihren Waffen Glanz. Zum ersten Mal schienen sie als Familie das Gefühl zu haben, mit einer unbekannten, unsichern Sache in Berührung zu kommen.

Am Klavier drüben stand ein beleibter, stattlicher Mann mit zwei Westen über der breiten Brust, mit zwei Westen und einer Rubinnadel anstatt einer Atlasweste und der Diamantnadel für mehr gewöhnliche Gelegenheiten, und sein glattrasiertes, breites, altes Gesicht von der Farbe blassen Leders, mit den hellen Augen über der Atlasbinde, hatte seine würdevollste Miene aufgesteckt. Dicht am Fenster, wo er mehr als genug frische Luft schöpfen konnte, schaute vornübergeneigt wie immer, sein Zwillingsbruder James versunken auf das Schauspiel vor ihm. Wie der beleibte Swithin war er über sechs Fuß hoch, aber sehr hager, als sei er von Geburt an dazu bestimmt, das Gleichgewicht herzustellen und den Durchschnitt aufrecht zu erhalten – den Dicken und den Dünnen nannte der alte Jolyon diese beiden. Seine grauen Augen hatten einen Ausdruck völliger Vertieftheit in geheime Unruhe, die nur zuweilen durch einen raschen prüfenden Blick auf die Vorgänge um ihn her unterbrochen wurde, und seine Wangen, die zwei gleichlaufende Falten und eine glattrasierte Oberlippe schmal erscheinen ließen, waren von langen Koteletts umrahmt. In den Händen drehte er einen Porzellangegenstand hin und her. Nicht weit davon, neben einer Dame in Braun, der er zuhörte, sah man blaß und gutrasiert, mit dunklem Haar, aber ziemlich kahl, das Kinn seitwärts vorgeschoben, seinen einzigen Sohn Soames, der die Nase mit dem bewußten »Schnüffeln« hob, als verschmähe er ein Ei, das für ihn unverdaulich war. Hinter ihm sein Vetter, der lange George, ein Sohn Rogers, des fünften Forsyte, mit dem durchtriebenen Blick in dem fleischigen Gesicht, über einem seiner boshaften Späße grübelnd.

Auf allen lastete ein Druck, der mit der festlichen Veranlassung in Zusammenhang stand.

In einer Reihe, dicht neben einander, saßen drei Damen – die Tanten Ann, Hester (die beiden alten Jungfern der Familie Forsyte) und Juley (Abkürzung von Julia), die sich, und nicht einmal in ihrer ersten Jugend, so weit vergessen hatte, Septimus Small, einen Mann von schwächlicher Konstitution, zu heiraten. Sie hatte ihn um viele Jahre überlebt. Jetzt wohnte sie mit ihrer älteren und jüngeren Schwester im Hause ihres sechsten und jüngsten Bruders Timothy am Bayswater Road. Jede dieser Damen hielt einen Fächer in der Hand und betonte durch eine Farbennote, eine effektvolle Feder oder Brosche das Festliche der Gelegenheit.

Mitten im Zimmer, unter dem Kronleuchter, stand, wie es sich für einen Wirt gebührt, das Haupt der Familie, der alte Jolyon selbst. Mit seinen achtzig Jahren, dem schönen weißen Haar, der hochgewölbten Stirn, den kleinen dunkelgrauen Augen und einem mächtigen, herabhängenden Schnurrbart, der über die ganze Breite seiner starken Kinnladen reichte, glich er einem Patriarchen, und trotz der hagern Wangen und eingefallenen Schläfen schien er über eine unversiegbare Jugendkraft zu verfügen. Er hielt sich außerordentlich aufrecht, seine scharfen ruhigen Augen hatten nichts von ihrem hellen Glanz verloren, und er erweckte so, dem Zweifel und der Unentschlossenheit unbedeutenderer Menschen gegenüber, den Eindruck von Überlegenheit. Nachdem er unzählige Jahre hindurch seinen eigenen Weg gegangen war, hatte er ein unbestrittenes Recht darauf erworben, und niemals wäre es ihm in den Sinn gekommen, Bedenken oder Mißtrauen zu hegen.

Zwischen ihm und den vier andern Brüdern, James, Swithin, Nicholas und Roger, die sich alle eingefunden hatten, herrschte große Verschiedenheit und große Ähnlichkeit. Jeder einzelne dieser Brüder war sehr verschieden von den andern, und doch glichen sie sich alle.

Bei aller Abweichung in Zügen und Ausdruck dieser fünf Gesichter war eine gewisse Festigkeit des Kinns auffallend, das trotz äußerlicher Unterschiede als ein Rassenmerkmal – die wahre Zunftmarke und Gewähr für den Familienwohlstand – gelten konnte, aber zu lange bestand, und aus zu ferner Vorzeit stammte, um nachgewiesen und festgestellt zu werden.

Bei der jüngeren Generation, dem großen stierähnlichen George, dem bleichen kraftvollen Archibald, dem jungen Nicholas mit seinem liebenswürdig schüchternen Eigensinn und dem ernsten, in seiner Entschiedenheit fast albernen Eustace, bemerkte man, weniger ausgesprochen vielleicht, aber unverkennbar, dasselbe Merkmal – ein unausrottbares Zeichen des Familiencharakters.

Auf allen diesen ungleichartigen und doch so ähnlichen Gesichtern hatte sich im Laufe des Nachmittags mitunter ein Ausdruck des Argwohns gezeigt, dessen Gegenstand offenbar der Mann war, den kennen zu lernen, sie sich hier versammelt hatten.

Sie wußten, daß Philip Bosinney ein junger Mann ohne Vermögen war, aber Forsytesche Mädchen hatten sich auch früher mit solchen verlobt und sie dann auch wirklich geheiratet. Dies also war nicht eigentlich der Grund ihrer Besorgnis. Sie hätten den Ursprung dieser durch den Nebel des Familienklatsches verdunkelten Bangigkeit nicht erklären können. Jedenfalls ging das Gerücht, er habe seinen Antrittsbesuch bei den Tanten Ann, Hester und Juley in einem weichen grauen Hut gemacht! – in einem weichen grauen Hut! und nicht einmal in einem neuen – sondern in einem verstaubten, formlosen Ding. »Unglaublich, nicht wahr – sehr merkwürdig!« Als Tante Hester durch den kleinen dunklen Flur ging, hatte sie versucht (sie war ziemlich kurzsichtig) das Ding vom Stuhl hinunter zu scheuchen, da sie es für eine gemeine fremde Katze hielt – ihr Tommy hatte so kompromittierende Freunde! Sie war ganz verstört, als es sich nicht rührte.

Wie ein Künstler beständig die bedeutsame Kleinigkeit zu entdecken sucht, in der sich der ganze Charakter einer Szene, eines Ortes oder eines Individuums verkörpert, waren die Forsytes, diese unbewußten Künstler, ganz intuitiv an diesem Hute haften geblieben. Das war für sie die bedeutsame Kleinigkeit, der kleine Nebenumstand, der die Bedeutung der ganzen Sache in sich faßt; denn jeder hatte sich gefragt: »Hättest du diesen Besuch in solchem Hut gemacht?« und jeder hatte erwidert »Nein!« und einige mit mehr Phantasie hatten hinzugefügt: »So etwas wäre mir nie in den Sinn gekommen!«

Als George die Geschichte hörte, grinste er. Mit dem Hut hatte der junge Mann sich offenbar einen Scherz erlaubt! Er selbst verstand sich auf dergleichen.

»Sehr kühn!« sagte er, »dieser wilde Bukanier!«

Und dieses mot, »der Bukanier« ging von Mund zu Mund, bis er die Lieblingsform wurde, mit der man auf Bosinney anspielte.

Die Tanten machten June später Vorwürfe wegen des Hutes.

»Du hättest das nicht zulassen dürfen, mein Kind!« hatten sie gesagt.

Auf ihre herrisch lebhafte Art, in der sich die ganze Willenskraft des kleinen Geschöpfes offenbarte, hatte June geantwortet:

»Ach, was schadet das? Phil weiß nie, was er anhat.«

Niemand hätte eine so verwegene Antwort für möglich gehalten. Ein Mann sollte nicht wissen was er anhat? Unglaublich!

Wer war denn eigentlich dieser junge Mensch, der durch seine Verlobung mit June, der anerkannten Erbin des alten Jolyon, so gut für sich gesorgt hatte? Er war Architekt, das war an sich doch kein genügender Grund einen solchen Hut zu tragen. Von den Forsytes war zufällig keiner Architekt, aber einer von ihnen kannte zwei Architekten, die zu einem Pflichtbesuch in der Londoner Saison niemals solch einen Hut getragen hätten. Verdächtig – sehr verdächtig!

June natürlich fand gar nichts darin, aber sie stand auch, trotz ihrer neunzehn Jahre, in einem besondern Ruf. Hatte sie nicht zu Soames' Frau – die immer so wundervoll angezogen ging – gesagt, Federn wären ordinär? Und wirklich hatte Soames' Frau seitdem keine Federn mehr getragen, so schrecklich unverfroren war die liebe June.

Diese Besorgnisse, diese Mißbilligung und dies durchaus echte Mißtrauen hinderten die Forsytes jedoch nicht, sich auf die Einladung des alten Jolyon hin einzufinden. Ein Empfang in Stanhope Gate war eine große Seltenheit, seit dem Tode seiner Frau vor acht Jahren hatte keiner mehr stattgefunden.

Noch nie hatte sich dort eine so zahlreiche Gesellschaft versammelt, denn trotz aller Verschiedenheit im Geheimen eng mit einander verknüpft, hatten sie sich gegen eine gemeinsame Gefahr gewappnet. Wie eine Herde, wenn ein Hund ins Feld läuft, standen sie Kopf an Kopf und Schulter an Schulter, bereit den Eindringling niederzurennen und totzutrampeln. Offenbar waren sie auch gekommen um herauszufinden, welche Art von Geschenken schließlich wohl von ihnen erwartet wurde. Regelten sie die Frage der Hochzeitsgeschenke auch gewöhnlich in dieser Art: – »Was schenkst du? Nicholas schenkt Löffel! – so kam es doch sehr auf den Bräutigam an. War er gewandt, geschniegelt und von gefälligem Aussehen, so hielten sie es für geboten ihm auch hübsche Geschenke zu machen, das durfte er von ihnen erwarten. Zuletzt gab jeder freilich genau das, was durch eine Art von Familienübereinkommen als passend und schicklich festgesetzt wurde, wie die Preise auf der Börse festgesetzt werden, wobei die genauen Einzelheiten in Timothys behaglichem, am Park gelegenen Haus aus roten Ziegeln näher bestimmt wurden, wo die Tanten Ann, Hester und Juley wohnten.

Die Unruhe der Familie Forsyte war durch die einfache Erwähnung des Hutes gerechtfertigt. Hätte nicht jede Familie des besseren Mittelstandes, die den ihr gebührenden äußeren Anstand zu wahren wußte, es für unmöglich und unrecht gehalten, sich hier nicht beunruhigt zu fühlen!

Der Urheber dieser Unruhe stand im Gespräch mit June an der nächsten Tür. Sein lockiges Haar war zerzaust, und er sah aus, als fände er alles ungewöhnlich, was um ihn her vorging. Seine Miene verriet auch, daß er seinen Spaß daran hatte.

George, der sich halblaut mit seinem Bruder Eustace unterhielt, sagte:

»Er sieht aus, als wolle er sich aus dem Staube machen – der flotte Bukanier!«

Dieser »sehr sonderbar aussehende Mann«, wie Mrs. Small ihn hernach nannte, war von mittlerer Größe und kräftig gebaut, hatte ein bleiches, braunes Gesicht, einen staubfarbenen Schnurrbart, sehr vorstehende Backenknochen und hohle Wangen. Seine Stirn stieg bis zum Wirbel des Kopfes hinauf und trat über den Augen in Höckern hervor, wie man es an Löwenstirnen im Zoo sehen kann. Er hatte Augen von der Farbe des Sherry, mit einem zuweilen beunruhigend zerstreuten Blick. Der Kutscher des alten Jolyon sollte, nachdem er June und Bosinney ins Theater gefahren hatte, zum Butler, dem Haushofmeister, gesagt haben:

»Aus dem wer ich nich klug. Mir kommt er wahrhaftig vor wie 'n ›Jahrmarkts-Tiger‹!«

Und hin und wieder tauchte ein Forsyte in der Nähe auf, schob sich vorbei und warf dabei einen Blick auf ihn.

June – das winzige Ding, »ganz Haar und Geist«, wie jemand einmal gesagt hatte, mit furchtlosen blauen Augen, einem festen Mund und leuchtenden Farben, stand vor ihm und wehrte diese müßige Neugierde ab – Gesicht und Körper waren fast zu zart für ihre Krone rotgoldenen Haares.

Eine große Dame von schöner Gestalt, ein Familienmitglied hatte sie einmal mit einer heidnischen Göttin verglichen, beobachtete die beiden mit einem schattenhaften Lächeln.

Sie hielt die Hände in perlgrauen Handschuhen gekreuzt, das ernste schöne Gesicht zur Seite gewandt, und die Blicke aller Männer in der Nähe ruhten darauf. Ihre biegsame Gestalt wiegte sich, wie vom bloßen Lufthauch bewegt. Es war Wärme in ihren Wangen, aber wenig Farbe; ihre großen dunklen Augen blickten sanft. Aber die Männer schauten auf ihre Lippen, wenn sie mit jenem schattenhaften Lächeln eine Frage stellte oder eine Antwort gab. Es waren sensitive Lippen, süß und sinnlich, und wie von einer Blume, schien Wärme und Duft von ihnen auszuströmen.

Von dem Brautpaar war die stille Göttin und ihr forschender Blick bis jetzt unbemerkt geblieben. Bosinney entdeckte sie zuerst und fragte nach ihrem Namen.

June führte ihren Verlobten zu der Dame mit der schönen Figur.

»Irene ist meine allerbeste Freundin,« sagte sie. »Und ihr beide müßt auch gute Freunde werden.«

Alle drei lächelten bei dem Gebot des kleinen Wesens, und während sie noch lächelnd dastanden, tauchte Soames Forsyte geräuschlos hinter der Dame mit der schönen Figur auf, die seine Frau war, und sagte: »Bitte, stelle mich doch auch vor.«

Er entfernte sich bei öffentlichen Gelegenheiten nur selten von Irenens Seite, und wenn sie im Drang des gesellschaftlichen Verkehrs einmal getrennt wurden, konnte man sehen, wie seine Augen ihr mit einem seltsamen Ausdruck von Wachsamkeit und Verlangen folgten.

Am Fenster untersuchte James, sein Vater, noch immer den Fabrikstempel auf dem Porzellan.

»Ich wundere mich, daß Jolyon diese Verbindung zugibt,« sagte er zu Tante Ann. »Wie ich höre, haben sie auf Jahre hinaus keine Aussicht sich zu heiraten. Dieser junge Bosinney (er machte im Gegensatz zu der üblichen Anwendung des offenen o einen Dactylus aus dem Wort) besitzt nichts. Als Winifred damals Dartie heiratete, sorgte ich dafür, daß er jeden Pfennig sicher anlegte – ein wahres Glück übrigens – sonst hätten sie jetzt nichts mehr!«

Tante Ann blickte von ihrem Sammetsessel auf. Graue Locken rahmten ihre Stirn ein, Locken, die seit Jahrzehnten unverändert, allen Sinn für Zeit in der Familie ausgelöscht hatten. Sie erwiderte nichts, denn sie sprach selten und schonte ihre alte Stimme, aber für James, der kein ganz ruhiges Gewissen hatte, war ihr Blick so gut wie eine Antwort.

»Ja,« sagte er, »ich konnte nichts dafür, daß Irene kein Geld hatte. Soames hatte es so eilig, er magerte sichtlich ab, als er sich so lange um sie bewarb.«

Verdrießlich stellte er die Schale aufs Klavier und ließ seine Augen zu der Gruppe an der Tür wandern.

»Meiner Ansicht nach,« sagte er ganz wider Erwarten, »ist es ganz gut so wie es ist!«

Tante Ann forderte ihn nicht auf, diese merkwürdige Äußerung zu erklären. Sie wußte was er dachte. Da Irene keine Mittel hatte, würde sie nicht so töricht sein dumme Streiche zu machen, denn es hieß – es hieß – sie habe getrennte Zimmer verlangt; aber Soames natürlich hatte nicht –

James unterbrach sie in ihrer Träumerei.

»Wo ist denn Timothy?« fragte er. »Ist er nicht mitgekommen?«

Über Tante Anns zusammengepreßte Lippen drängte sich ein Lächeln.

»Nein, er hat es nicht für ratsam gehalten, wo so viel Diphtheritis in der Luft liege und er so dazu neige, sich etwas zu holen.«

»Ja, er ist sehr besorgt um sich,« erwiderte James. »Ich kann's mir nicht leisten, so besorgt um mich zu sein, wie er.«

Es war nicht leicht zu sagen, ob Bewunderung, Neid oder Verachtung in dieser Bemerkung vorherrschend war.

Timothy, das Baby der Familie, ließ sich in der Tat selten sehen. Er war Verleger von Beruf und hatte vor einigen Jahren, als das Geschäft noch in voller Blüte stand, eine Stockung vorausgewittert, die zwar noch immer nicht eingetreten war, aber nach der übereinstimmenden Meinung aller schließlich kommen mußte, darauf seinen Anteil an eine Firma verkauft, die sich hauptsächlich mit der Herstellung religiöser Bücher beschäftigte, und den ganz beträchtlichen Gewinn in goldsichern Papieren angelegt. Hierdurch war er sofort in eine völlig isolierte Stellung gekommen, denn kein Forsyte begnügte sich mit weniger als vier Prozent für sein Geld; und diese Isolierung hatte langsam aber sicher einen Geist unterminiert, der mehr zu Vorsicht neigte, als gemeinhin üblich war. Er war fast zur Mythe geworden – einer Art Verkörperung der Hypothekensicherheit, die im Hintergrund der Forsyteschen Welt spukte. Er hatte nie die Unklugheit besessen zu heiraten oder sich irgendwie mit Kindern zu behelligen.

James fuhr fort, indem er das Porzellan beklopfte:

»Das ist kein echtes altes Worcester. Jolyon hat dir doch wohl etwas über den jungen Mann gesagt. Nach allem was ich höre, hat er weder ein Geschäft, noch ein Einkommen oder nennenswerte Verbindungen; aber ich weiß übrigens nichts – mir sagt keiner was!«

Tante Ann schüttelte den Kopf. Ein Zittern überflog ihr geierähnliches altes Gesicht mit dem eckigen Kinn; die spindeldürren Finger preßten und verflochten sich in einander, als wäre sie bemüht, ihre Willenskraft immer aufs neue anzuspannen.

Sie war um einige Jahre älter als die übrigen Forsytes und nahm deshalb eine besondere Stellung unter ihnen ein. Obwohl allesamt Opportunisten und Egoisten – wenngleich nicht mehr als ihre Nachbarn auch – schwand ihre Sicherheit doch ihrem unbestechlichen Wesen gegenüber, und wurde es ihnen einmal zu arg, so gingen sie ihr lieber aus dem Wege!

James schlug die langen dünnen Beine über einander und fuhr fort:

»Jolyon muß immer seinen eigenen Weg gehen. Er hat keine Kinder –« hier stockte er, denn ihm fiel ein, daß des alten Jolyon Sohn, der junge Jolyon, Junes Vater, noch existierte, der eine solche Torheit begangen und sich selbst um alles gebracht hatte, als er Weib und Kind im Stiche gelassen und mit der ausländischen Erzieherin durchgegangen war. »Na,« fing er hastig wieder an, »wenn er so was tut, muß er sich's wohl leisten können. Was gibt er ihr denn mit? Wohl tausend Pfund jährlich; er hat ja sonst niemand, dem er sein Geld hinterlassen kann.«

Er streckte die Hand aus, um sie einem lebhaften, glattrasierten Manne mit eingeknickter Nase, dicken Lippen und kalten grauen Augen unter rechtwinkligen Brauen zu reichen, der kaum ein Haar auf dem Kopfe hatte.

»Na, Nick,« brummte er, »wie geht's?«

Mit seiner vogelartigen Geschwindigkeit und dem Aussehen eines übernatürlich braven Schuljungen legte Nicholas Forsyte (er hatte es bei den Gesellschaften, deren Direktor er war, durchaus rechtmäßig, zu einem großen Vermögen gebracht) in diese kalte Hand seine noch kälteren Fingerspitzen und zog sie schnell wieder zurück.

»Mir geht's schlecht,« sagte er verdrießlich – »die ganze Woche schon; kann nachts nicht schlafen, der Doktor weiß nicht warum. Er ist ein tüchtiger Kerl, sonst hätte ich ihn nicht, aber ich bekomme nichts als Rezepte aus ihm heraus.«

»Doktoren!« fiel James ihm scharf ins Wort. »Ich hatte die Doktoren von ganz London für uns. Aus denen ist nichts Vernünftiges herauszubekommen, sie sagen einem irgend etwas. Da nimm zum Beispiel Swithin. Was haben sie dem genützt? Er ist dicker denn je, geradezu unförmig; sie bekommen sein Gewicht nicht herunter. Sieh ihn nur an!«

Swithin Forsyte, groß, vierschrötig und breit, mit einer Brust wie ein aufgeplusterter Täuberich im Staat seiner hellen Westen, kam gerade auf sie zustolziert.

»'n Tag, wie geht's,« sagte er in seiner stutzerhaften Weise.

Jeder der Brüder nahm eine gedrückte Miene an, wenn er die andern beiden ansah, denn er wußte aus Erfahrung, daß sie versuchen würden, seine Leiden durch die ihren in Schatten zu stellen.

»Wir sprachen eben davon,« sagte James, »daß du gar nicht dünner wirst.«

Swithins helle runde Augen quollen bei der Anstrengung hervor, die das Hören ihm bereitete.

»Dünner? Ich bin ganz zufrieden,« sagte er und neigte sich etwas vor, »nicht so ein Zwirnsfaden wie du!«

Aber in der Furcht etwas von seiner Stattlichkeit einzubüßen, nahm er wieder seine unbewegliche Haltung an, denn ihm ging nichts über eine distinguierte Erscheinung.

Tante Ann ließ ihre alten Augen von einem zum andern schweifen. Ihr Blick war ernst und mild. Die drei Brüder wiederum blickten Tante Ann an. Sie begann klapprig zu werden. Eine wunderbare Frau! Bald sechsundachtzig, und konnte gut noch zehn Jahre länger leben, dabei war sie nie sehr kräftig gewesen. Swithin und James, die Zwillinge, waren erst fünfundsiebzig, Nicholas ein wahres Baby an die siebzig. Alle waren gesund und die Aussichten darum tröstlich. Von allem Besitz lag ihre Gesundheit ihnen natürlich am meisten am Herzen.

»Mir geht's eigentlich recht gut,« fuhr James fort, »aber meine Nerven sind nicht in Ordnung. Die geringste Kleinigkeit ärgert mich zu Tode. Ich werde nach Bath gehen müssen.«

»Bath!« sagte Nicholas. »Ich hab's mit Harrogate versucht. Das hat gar keinen Zweck. Ich brauche Seeluft. Es geht nichts über Yarmouth. Wenn ich dort bin, schlafe ich –«

»Mit meiner Leber steht's schlimm,« unterbrach ihn Swithin langsam. »Scheußliche Schmerzen hier,« und er legte die Hand auf die rechte Seite.

»Mangel an Bewegung,« brummte James mit einem Blick auf die Porzellanschale. Schnell fügte er hinzu: »Habe da auch Schmerzen.«

Swithin wurde rot, sein altes Gesicht erinnerte an einen Truthahn.

»Bewegung!« sagte er. »Die hab ich reichlich. Ich benutze nie den Fahrstuhl im Klub.«

»Davon wußte ich nichts,« fiel James ein. »Ich weiß überhaupt von nichts; mir sagt keiner was.«

Swithin glotzte ihn an und fragte:

»Was tust du gegen die Schmerzen da?«

James leuchtete auf.

»Ich,« begann er, »ich nehme eine Mischung von –«

»Wie geht's, Onkel!«

June stand mit ausgestreckter Hand vor ihm und reckte ihr resolutes Gesichtchen empor zu dem seinen.

Das Leuchten in James Gesicht erlosch.

»Guten Tag,« sagte er unwirsch. »Du willst also morgen nach Wales, um die Tanten deines Verlobten zu besuchen? Da regnet es immer.« Er beklopfte die Schale: »Dies ist kein echtes altes Worcester. Das Service, das ich deiner Mutter zur Hochzeit schenkte, das war echt.«

June schüttelte ihren drei Großonkeln der Reihe nach die Hand und wandte sich darauf zu Tante Ann. Ein inniger Ausdruck war in das Gesicht der alten Dame gekommen, sie küßte dem Mädchen die Wange mit zitternder Inbrunst.

»Nun, mein Kind,« sagte sie, »du willst also auf einen ganzen Monat fort?«

Das junge Mädchen ging weiter, und Tante Ann sah der zierlichen kleinen Gestalt nach. Die runden, stahlgrauen Augen der alten Dame, die sich wie bei einem Vogel mit einem Häutchen zu überziehen begannen, folgten ihr nachdenklich durch das lärmende Gedränge, denn die Gesellschaft fing gerade an aufzubrechen; und ihre Fingerspitzen preßten sich in erneuter Anspannung ihrer Willenskraft wie zur Abwehr gegen jene unabwendbar letzte Reise immer fester an einander.

»Ja,« dachte sie, »es waren alle sehr freundlich; so viele kamen, um ihr zu gratulieren. Sie müßte so recht glücklich werden.«

Von den Gästen, die sich an der Tür drängten – lauter gutgekleidete Leute aus den Kreisen von Juristen, Ärzten, Kaufleuten und andern zahllosen Berufen des bessern Mittelstandes – waren nur etwa zwanzig Prozent Forsytes. Aber Tante Ann schien alle als Forsytes zu betrachten – und ein großer Unterschied war allerdings auch nicht vorhanden – sie sah nur ihr eigen Fleisch und Blut. Die Familie, das war ihre Welt, und für sie gab es keine andere, hatte es vielleicht nie eine andere gegeben. Alle ihre kleinen Geheimnisse, Krankheiten, Verlobungen und Heiraten, wie sie vorwärts kamen und ob sie Geld verdienten: alles dies war ihr Eigentum, ihre Freude, ihr Leben; darüber hinaus gab es nur einen vagen, schattenhaften Nebel von Ereignissen und Personen ohne eigentliche Bedeutung. Das würde sie eines Tages aufgeben müssen, wenn die Reihe zu sterben an sie kam; das gab ihr dieses Ansehen, jenes geheime Selbstgefühl, ohne das keiner von uns das Leben erträgt; und daran klammerte sie sich inbrünstig mit einer täglich wachsenden Gier. Wenn das Leben ihr auch entglitt, das wollte sie bis zum Ende behalten.

Sie dachte an den jungen Jolyon, Junes Vater, der mit der Ausländerin durchgegangen war. Das war ein Schlag für seinen Vater und sie alle. Solch ein vielversprechender Junge! Ein harter Schlag, wenn es auch glücklicherweise zu keinem öffentlichen Skandal gekommen war, da Jo's Frau keine Scheidung gewollt hatte! Es war lange her! Und als Junes Mutter vor acht Jahren starb, hatte Jo jene Person geheiratet, und sie hatten jetzt zwei Kinder, wie sie gehört. Dennoch hatte er sein Recht verwirkt hier zu sein, hatte sie um die höchsten Erwartungen betrogen, die der Familienstolz in ihr erweckt, und sie der Freude beraubt, ihren Liebling, solch einen vielversprechenden Jungen, auf den sie so stolz gewesen, zu sehen und zu küssen! Dieser Gedanke zehrte mit der Bitterkeit lang erlittenen Unrechts an ihrem zähen alten Herzen. Ihre Augen wurden feucht und sie trocknete sie verstohlen mit einem Taschentuch aus feinstem Batist.

»Na, Tante Ann?« sagte eine Stimme hinter ihr.

Soames Forsyte, flachschultrig, glattrasiert, schmalwangig und engbrüstig, aber doch etwas geschlossen Vornehmes über seiner ganzen Erscheinung, sah schräg auf Tante Ann herab, als versuche er durch seine eigene Nase zu sehen.

»Und was sagst du zu dieser Verlobung?« fragte er.

Tante Anns Augen ruhten mit Stolz auf ihm. Als der Älteste ihrer Neffen seit dem Verschwinden des jungen Jolyon aus dem Familienkreise, war er jetzt ihr Liebling, denn in ihm erkannte sie einen treuen Heger der Familienseele, die ihrer Obhut so bald entrissen werden sollte.

»Sehr erfreulich für den jungen Mann,« sagte sie, »er sieht übrigens gut aus. Aber ich weiß nicht, ob er so ganz der Rechte ist für unsere June.«

Soames befühlte den Rand eines vergoldeten Kronleuchters.

»Sie wird ihn zähmen,« sagte er, indem er seinen Finger heimlich naß machte und an den höckrigen Buckeln rieb. »Das ist echte alte Vergoldung, so was gibt es heute gar nicht mehr. Der brächte einen guten Preis bei Jobson.« Er sprach mit Behagen, als fühle er, daß er die alte Tante aufheitere. Er war selten so mitteilsam. »Ich wollte, er gehörte mir,« fügte er hinzu, »alte echte Sachen wird man jederzeit gut los.«

»Du verstehst dich so gut auf solche Dinge,« sagte Tante Ann. »Und wie geht es Irene?«

Soames' Lächeln erstarb.

»O, ganz gut,« sagte er. »Sie klagt über schlechten Schlaf, dabei schläft sie viel besser als ich,« und er blickte zu seiner Frau hinüber, die an der Tür mit Bosinney sprach.

Tante Ann seufzte.

»Vielleicht wäre es besser,« sagte sie, »wenn sie nicht so viel mit June zusammensteckte. Sie ist ein so ausgesprochener Charakter, die liebe June!«

Soames stieg die Röte ins Gesicht; sie flog über seine schmalen Wangen und setzte sich als Merkmal quälender Gedanken zwischen den Augen fest.

»Ich weiß nicht, was sie an dem kleinen Irrwisch findet,« entfuhr es ihm, doch als er merkte, daß sie nicht länger allein waren, drehte er sich um und fing wieder an, den Kronleuchter zu untersuchen.

»Ich höre, Jolyon hat ein neues Haus gekauft,« sagte seines Vaters Stimme dicht neben ihm; »er muß einen Haufen Geld haben – mehr, als er zu gebrauchen weiß! Am Montpellier Square, sagen sie, dicht neben Soames! Mir hat keiner was davon gesagt – Irene sagt mir nie was!«

»Ausgezeichnete Lage, keine zwei Minuten von mir,« ließ sich Swithins Stimme vernehmen, »und von meiner Wohnung fahre ich in acht Minuten bis zum Klub.«

Die Lage ihrer Häuser war für die Forsytes eine Lebensfrage, kein Wunder übrigens, denn die ganze Seele ihres Erfolges war darin verkörpert.

Ihr Vater, der einem Bauerngeschlecht entstammte, war im Anfang des Jahrhunderts von Dorsetshire gekommen.

Von Beruf Steinmetz, hatte er sich zum Baumeister emporgearbeitet. Gegen Ende seines Lebens war er nach London gezogen, wo er in Highgate begraben wurde, nachdem er bis an seinen Tod gebaut hatte. Er hinterließ seinen zehn Kindern über dreißigtausend Pfund. Wenn der alte Jolyon ihn überhaupt einmal erwähnte, beschrieb er ihn als einen ›Mann von kräftig derbem Schlag – nicht sonderlich fein‹. Die zweite Generation hatte allerdings das Gefühl, daß nicht viel Staat mit ihm zu machen war. Der einzige aristokratische Zug, den sie in seinem Wesen entdecken konnten, war seine Gewohnheit Madeira zu trinken.

Tante Hester, eine Autorität auf dem Gebiet der Familiengeschichte, schilderte ihn in folgender Weise:

»Ich erinnere mich nicht, daß er je etwas tat, wenigstens nicht zu meiner Zeit. Er war eben – Hausbesitzer, weißt du. Sein Haar war etwa von der Farbe wie das von Onkel Swithin; ziemlich vierschrötig war er. Groß? N–nicht sehr (er war fünf einen halben Fuß hoch gewesen, mit roten Flecken im Gesicht), er hatte frische Farben. Trank sehr gern Madeira, das weiß ich noch, fragt nur Tante Ann. Was sein Vater war? Der, hm – der hatte mit dem Land da unten in Dorsetshire, an der See, zu tun.«

James war einmal hingefahren um selbst zu sehen, aus was für einer Gegend sie eigentlich stammten. Er fand zwei alte Pachthöfe vor, von wo aus eine Wagenspur, die die rote Erde durchfurchte, zu einer Mühle unten am Strande führte, eine kleine graue Kirche innerhalb einer Pfeilermauer und eine noch kleinere und grauere Kapelle. Der Strom, der die Mühle trieb, kam in einem Dutzend kleiner Bäche plätschernd herab, und an der Bucht trieben sich Schweine umher. Ein leichter Nebel verhüllte die Aussicht. Die Vorfahren der Forsytes waren es augenscheinlich zufrieden gewesen, hunderte von Jahren Sonntag für Sonntag, die Füße tief im Morast und den Blick aufs Meer gerichtet, durch diesen Hohlweg zu wandern.

Ob James im stillen auf ein Erbe gerechnet, oder sonst etwas ganz Außergewöhnliches zu finden gehofft hatte oder nicht, er kam jedenfalls ganz kleinlaut nach der Stadt zurück und war aufs äußerste bemüht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

»Da ist nicht viel zu holen,« sagte er, »ein richtiges kleines Landnest, und uralt.«

Das Alter war noch ein Trost. Der alte Jolyon, bei dem mitunter eine unverfrorene Offenherzigkeit hervorsprudelte, sprach von seinen Vorfahren zuweilen als von »Freisassen – kleine Verhältnisse vermutlich.« Doch wiederholte er das Wort »Freisassen«, als gewähre es ihm eine besondere Genugtuung.

Die Forsytes hatten es alle so weit gebracht, daß sie nun als »gutsituierte Leute«, wie man es nennt, eine gewisse Stellung einnahmen. Sie hatten ihr Vermögen in allen möglichen Aktien angelegt, nur – Timothy ausgenommen – nicht in Konsols, denn sie fürchteten nichts auf der Welt so sehr, wie drei Prozent für ihr Geld. Sie sammelten Bilder und unterstützten Wohltätigkeitsanstalten, die ihren kranken Dienstboten einmal zugute kommen konnten. Von ihrem Vater, dem Steinmetz, hatten sie Verständnis für Ziegel und Mörtel geerbt. Wenn sie ursprünglich vielleicht auch einer schlichten Sekte angehört hatten, waren sie nach dem natürlichen Lauf der Dinge jetzt Mitglieder der Staatskirche und hielten darauf, daß ihre Frauen und Kinder ziemlich regelmäßig die vornehmeren Kirchen der Hauptstadt besuchten. Zweifel an ihrer Christlichkeit hätten sie überrascht und verletzt. Einige von ihnen bezahlten sogar ihre Kirchenstühle und brachten so in der praktischsten Weise ihre Sympathie für die Lehren Christi zum Ausdruck.

Ihre Häuser lagen in bestimmten Abständen rings um den Park und paßten wie die Schildwachen auf, daß das reiche Herz Londons, an dem ihre Wünsche hingen, nicht ihren Händen entschlüpfte und sie dadurch in der eigenen Achtung sinken ließ.

Der alte Jolyon wohnte in Stanhope Place; James in Park Lane; Swithin in der einsamen Pracht orangefarbener und blauer Gemächer in Hyde Park Mansions – er hatte nie geheiratet – Gott bewahre! – Soames mit seiner Frau in ihrem Heim bei Knightsbridge; Roger in Prince's Gardens (Roger war dadurch merkwürdig unter den Forsytes, daß er sich vorgenommen und es durchgesetzt hatte, seine vier Söhne zu einem neuen Beruf zu erziehen. »Legt euer Geld in Häusern an – darüber geht nichts!« pflegte er zu sagen. »Ich hab's nie anders gemacht!«)

Dann Haymans – Mrs. Hayman war die einzige verheiratete Schwester der Forsytes – in einem Haus oben in Campden Hill, wie eine Giraffe anzusehen und so hoch, daß wer es betrachtete, einen steifen Nacken bekam. Nicholas wohnte in Ladbroke Grove in einer geräumigen Wohnung und billig dazu; und endlich Timothy am Bayswater Road, wo Ann, Hester und Juley unter seinem Schutze lebten.

James hatte die ganze Zeit nachdenklich dagestanden und fragte endlich seinen Gastgeber und Bruder was er für das Haus am Montpellier Square gegeben hatte. Er selber habe seit Jahren dort ein Haus im Auge, aber sie forderten einen zu hohen Preis dafür.

Der alte Jolyon berichtete über die Einzelheiten seines Kaufes.

»Auf zweiundzwanzig Jahre?« wiederholte James, »gerade das Haus, das ich wollte – du hast zu viel dafür bezahlt!«

Der alte Jolyon runzelte die Stirn.

»Ich will es nicht etwa für mich haben,« sagte James hastig, »zu dem Preis paßt es nicht für meine Zwecke. Soames kennt das Haus sehr gut, na – er wird dir sagen, daß es zu teuer ist – auf sein Urteil kann man etwas geben.«

»Ich gebe keinen Pfifferling dafür,« sagte der alte Jolyon.

»Meinetwegen,« brummte James, »du mußt ja immer deinen Willen haben – aber sein Urteil ist gut. Adieu! Wir wollen nach Hurlington hinausfahren. Ich höre, June geht nach Wales. Du wirst morgen allein sein. Was hast du vor? Du solltest zum Essen lieber zu uns kommen!«

Jolyon lehnte ab. Er ging mit an die Haustür, half ihnen in den Wagen und winkte ihnen zu, denn er hatte seinen Unmut schon vergessen. Im Fond saß groß und majestätisch James' Frau mit kastanienbraunem Haar, ihr zur Linken Irene – die beiden Gatten, Vater und Sohn, nahmen eifrig, fast erwartungsvoll, ihren Frauen gegenüber Platz. Auf ihren Sprungfederpolstern hin und her geworfen, gaben sie schwankend jeder Bewegung des Wagens nach und fuhren, von den Blicken des alten Jolyon begleitet, schweigend im Sonnenschein davon.

Während der Fahrt unterbrach James' Frau das Schweigen.

»Ist euch jemals eine solche Gesellschaft schnurriger Leute vorgekommen?«

Soames, der sie unter seinen Lidern hervor flüchtig ansah, nickte und bemerkte, wie Irene ihm einen ihrer unergründlichen Blicke zuwarf.

Höchst wahrscheinlich hatte jeder Zweig der Familie Forsyte auf der Heimfahrt von dem Empfang beim alten Jolyon diese Bemerkung gemacht.

Unter den letzten der aufbrechenden Gäste gingen der vierte und fünfte Bruder, Nicholas und Roger zusammen fort und schlugen die Richtung am Hyde Park entlang nach einer Station der Untergrundbahn ein. Wie alle andern Forsytes in einem gewissen Alter, hielten sie sich eigenes Fuhrwerk und vermieden, wenn es sich irgend tun ließ, eine Droschke zu nehmen.

Es war ein schöner Tag, die Bäume des Parks standen in der vollen Pracht ihres Junilaubes, aber die Brüder schienen nicht auf die Natur zu achten, die nichtsdestoweniger zur Lebhaftigkeit ihres Ganges und der Unterhaltung beitrug.

»Ja,« sagte Roger, »ein schönes Weib, diese Frau von Soames. Ich höre, es stimmt da nicht alles.«

Dieser Bruder hatte eine hohe Stirn und von allen Forsytes die frischeste Farbe. Seine hellgrauen Augen musterten die Häuser der Straßenfront am Wege, und dann und wann hob er seinen Schirm, um die verschiedenen Höhen abzumessen.

»Geld hatte sie nicht,« erwiderte Nicholas.

Er selbst hatte sehr reich geheiratet, und da es noch in der goldenen Zeit vor Einführung des Vermögensrechts der Ehefrauen war, glücklicherweise einen vorteilhaften Gebrauch von dem Gelde machen können.

»Was war ihr Vater?«

»Er hieß Peron, Professor, wie ich höre.«

Roger schüttelte den Kopf.

»Das bringt nichts ein,« sagte er.

»Ihr Großvater von Mutters Seite soll in Cement gearbeitet haben.«

Rogers Gesicht erhellte sich.

»Er machte aber Bankrott,« fuhr Nicholas fort.

»Ja, ja,« rief Roger aus. »Soames wird seine Not mit ihr haben, denk an mich, er wird seine Not mit ihr haben – sie hat was Verdächtiges im Blick.«

Nicholas leckte sich die Lippen.

»Sie ist eine schöne Frau,« sagte er und schob einen Straßenkehrer beiseite.

»Wie kam er eigentlich an sie heran?« fragte Roger darauf. »Ihre Toilette muß ihn ein Heidengeld kosten!«

»Ann sagt,« erwiderte Nicholas, »er war ganz toll hinter ihr her. Fünfmal hat sie ihn abgewiesen. James ist die Sache fatal, das ist ihm anzumerken.«

»Für James tut es mir leid,« fing Roger wieder an, »er hat schon mit Dartie seine Not gehabt.« Das Gehen hatte seine frische Farbe noch erhöht, er schwang den Schirm öfter denn je bis in Augenhöhe. Auch Nicholas' Gesicht hatte einen heitern Ausdruck.

»Zu blaß für meinen Geschmack,« sagte er, »aber die Figur ist prachtvoll!«

Roger erwiderte nichts.

»Ich finde, sie sieht vornehm aus,« sagte er endlich – es war das höchste Lob im Forsyteschen Wortschatz. »Dieser junge Bosinney soll so'n Kunstfex sein – hat sich in den Kopf gesetzt, die englische Architektur zu vervollkommnen; das bringt nichts ein! Ich möchte wissen, was Timothy dazu sagt.«

Sie betraten die Bahnstation.

»Welche Klasse fährst du? Ich fahre zweiter.«

»Nur nicht zweiter,« sagte Nicholas, »man weiß nie, was man sich da holt.«

Er nahm ein Billett erster Klasse nach Notting Hill Gate, Roger eins zweiter nach Kensington. Eine Minute später fuhr der Zug ein, die Brüder trennten sich und jeder stieg in sein Abteil. Beide waren verletzt, daß der andere nicht von seiner Gewohnheit abgewichen war, um seine Gesellschaft etwas länger zu genießen.

»Immer ein alter Starrkopf dieser Nick!« dachte Roger bei sich.

Oder wie Nicholas es im stillen ausdrückte: »Ein unverträglicher Geselle war Roger von jeher!« Sentimentalität war nicht gerade Sache der Forsytes. Wo sollten sie in dem großen London, das sie sich erobert hatten, und in dem sie untergetaucht waren, auch die Zeit hernehmen, sentimental zu sein?

Zweites Kapitel
Der alte Jolyon geht in die Oper

Mit einer Zigarre zwischen den Lippen und einer Tasse Tee auf einem Tisch neben sich, saß der alte Jolyon am nächsten Tage um fünf Uhr allein. Er war müde, und ehe er noch seine Zigarre ausgeraucht hatte, schlummerte er ein. Eine Fliege setzte sich auf sein Haar, sein Atem klang schwer in der schläfrigen Stille, und seine Oberlippe hob und senkte sich unter dem weißen Schnurrbart. Die Zigarre entfiel den Fingern seiner geäderten runzligen Hand und brannte in dem leeren Kamin langsam zu Ende.

Das düstere kleine Arbeitszimmer mit Fenstern aus buntem Glas, die den Ausblick verhinderten, war mit dunkelgrünen Sammet- und reichgeschnitzten Mahagonimöbeln angefüllt – eine Einrichtung, von der der alte Jolyon zu sagen pflegte: »Sollte mich nicht wundern, wenn einst ein hoher Preis dafür geboten würde!«

Es war ihm ein angenehmer Gedanke, daß die Sachen nach seinem Tode einen höheren Preis erreichen würden, als er dafür gegeben hatte.

In der Atmosphäre von reichem Braun, die den Hinterzimmern im Hause Forsyte eigentümlich war, wurde der Rembrandteske Eindruck seines großen Kopfes mit dem weißen Haar gegen das Kissen seines hochlehnigen Stuhles durch den Schnurrbart beeinträchtigt, der seinem Gesicht einen etwas martialischen Ausdruck gab. Eine alte Uhr, die schon seit fünfzig Jahren, noch vor seiner Hochzeit, in seinem Besitz war, verzeichnete mit ihrem Ticken eifersüchtig die Sekunden, die ihrem Herrn für immer entwichen.

Ihm lag nichts an diesem Zimmer und er betrat es kaum jemals im ganzen Jahre, außer um Zigarren aus dem japanischen Wandschränkchen in der Ecke zu holen, und nun rächte sich das Zimmer.

Seine Schläfen, die sich wie ein Dach über den Höhlungen darunter wölbten, seine Backenknochen und das Kinn traten im Schlafe schärfer hervor und sein Gesicht verriet, daß er ein alter Mann war.

Er erwachte. June war fort! James hatte gesagt, er würde einsam sein. Aber er, James, war immer ein armseliger Tropf. Mit Genugtuung dachte er an seinen Hauskauf über James' Kopf hinweg. Geschah ihm recht für seine Knauserei, das einzige, woran der Mensch dachte, war Geld. Oder hatte er doch zuviel gegeben? Es mußte noch eine Menge hineingesteckt werden – wahrscheinlich würde er sein ganzes Geld brauchen, bevor die Sache mit June in Ordnung war. Er hätte diese Verlobung doch nie zugeben sollen. Sie hatte diesen Bosinney im Hause von Baynes – Baynes und Bildeboy, den Architekten – kennen gelernt. Er glaubte Baynes, den er kannte – er hatte etwas von einem alten Weibe – war ein angeheirateter Onkel des jungen Mannes. Seitdem war sie ihm beständig nachgelaufen, und wenn sie sich etwas in den Kopf setzte, war sie nicht davon abzubringen. Sie hatte immer irgend solche armen ›Hungerleider‹ an der Hand. Dieser Bursche besaß keinen Pfennig, aber sie mußte sich durchaus mit ihm verloben – mit diesem unpraktischen Windbeutel, der aus den Schwierigkeiten nicht herauskommen würde.

Sie war eines Tages in ihrer unverfrorenen Art zu ihm gekommen und hatte es ihm gesagt; und wie zum Trost hatte sie hinzugefügt:

»Er ist prachtvoll, er hat oft schon eine Woche lang nur von Kakao gelebt!«

»Und er möchte, daß auch du nur von Kakao lebst?«

»O nein; jetzt kommt er schon ins rechte Fahrwasser hinein.«

Der alte Jolyon hatte seine Zigarre unter dem weißen, an den Enden mit Kaffee gefärbten Schnurrbart hervorgenommen und das kleinwinzige Ding angeschaut, das eine solche Macht über sein Herz gewonnen hatte. Er wußte besser Bescheid mit diesem Fahrwasser als seine Enkelin. Aber sie hatte sich mit den Händen auf seine Kniee gestützt, ihr Kinn an ihm gerieben und einen Laut von sich gegeben wie eine schnurrende Katze. Und er hatte, die Asche von seiner Zigarre klopfend, in ungeduldiger Heftigkeit ausgerufen:

»Ihr seid alle gleich: ihr gebt euch nicht zufrieden, bis ihr erreicht habt was ihr wollt. Wenn du durchaus ins Unglück kommen mußt, so tu's. Ich wasche meine Hände...«

Er hatte also alle Verantwortung von sich geschoben und zur Bedingung gemacht, daß sie nicht heiraten durften, bis Bosinney wenigstens vierhundert Pfund im Jahr verdiente.

»Ich werde euch nicht viel geben können,« hatte er gesagt, eine Redewendung, die June nicht ungewohnt war. »Vielleicht wird dieser, Wie-heißt-er-doch, für den Kakao sorgen.«

Er hatte sie kaum noch zu Gesicht bekommen, seitdem die Sache anfing. Eine böse Geschichte! Es fiel ihm nicht ein, ihr einen Haufen Geld zu geben, um diesem Menschen, von dem er nichts wußte, zu einem Faulenzerleben zu verhelfen. Er kannte das, es kam nie Gutes dabei heraus. Das Schlimmste aber war, daß er keine Hoffnung hatte, sie in ihrem Entschluß wankend zu machen; sie war halsstarrig wie ein Maulesel, war es von Kind an gewesen. Es war kein Ende abzusehen. Sie mußten sich nach ihrer Decke strecken. Er würde nicht nachgeben, bis er sah, daß der junge Bosinney ein festes Einkommen hatte. Daß June ihre Not mit ihm haben würde, war sonnenklar; er hatte ja nicht mehr Ahnung was Geld war, als eine Kuh. Und jetzt wieder diese überstürzte Fahrt nach Wales, um die Tanten des jungen Mannes zu besuchen, die sicherlich alte Drachen waren.

Ohne sich zu rühren, starrte der alte Jolyon auf die Wand, nur die offenen Augen verrieten, daß er nicht schlief ... Diese Idee anzunehmen, daß Soames, dieser junge Laffe, ihm einen Rat geben könne! Er war immer ein hochnäsiger Laffe gewesen! Nächstens würde er sich wohl gar als der reiche Mann aufspielen, mit einem Haus auf dem Lande! Der reiche Mann! Pah! Wie sein Vater war er unaufhörlich nur auf Gewinn bedacht, der kaltherzige Narr!

Er erhob sich, ging an das Schränkchen und fing an seine Zigarrentasche methodisch mit frischem Vorrat zu versehen. Sie waren nicht schlecht für den Preis, aber eine gute Zigarre war heutzutage gar nicht mehr zu haben, nichts im Vergleich zu den alten Superfinos von Hansom und Bridger. Das war eine Zigarre!

Der Gedanke trug ihn wie ein leiser Duft zu jenen wundervollen Abenden in Richmond zurück, wo er mit Nicholas Treffry und Traquair und Jack Herring und Anthony Thornworthy nach dem Essen rauchend auf der Terrasse von ›Krone und Szepter‹ gesessen. Wie gut seine Zigarren damals waren! Armer alter Nick! – tot, und Jack Herring – tot, und Traquair – tot, durch seine Frau ins Grab gebracht, und Thornworthy – der war ja furchtbar klapprig (kein Wunder, bei seinem Appetit).

Von der ganzen Gesellschaft jener Tage schien er allein übrig geblieben zu sein, außer Swithin natürlich, aber der war so maßlos dick, es war gar nichts mit ihm anzufangen.

Schwer zu glauben, daß es solange her war; er fühlte sich noch jung! Von allen Gedanken, die ihm beim Zählen seiner Zigarren durch den Kopf gingen, war dies der stechendste und bitterste. Mit seinem weißen Haar und seiner Einsamkeit war er im Herzen jung und frisch geblieben. Und die Sonntagnachmittage in Hampstead Heath, wenn er mit seinem Jungen einen Ausflug machte und hernach in Jack Straws Castle zum Essen einkehrte – wie köstlich waren seine Zigarren dann! Und das Wetter! Jetzt gab es gar kein Wetter mehr.

Als June ein kleiner Tolpatsch von fünf Jahren war und er sie jeden zweiten Sonntag von den beiden guten Frauen, ihrer Mutter und Großmutter holte, um sie in den Zoo mitzunehmen, wo er oben vom Bärenzwinger ihre Lieblingsbären mit Weißbrot fütterte, das er an seinen Schirm steckte, wie herrlich waren seine Zigarren da!

Zigarren! Er hatte nicht einmal mehr Gelegenheit von seiner feinen Zunge Gebrauch zu machen – dieser berühmt feinen Zunge, auf die alle Leute in den fünfziger Jahren schworen und ihn, wenn sie von ihm sprachen, »die feinste Zunge in London« nannten! Dieser feinen Zunge hatte er übrigens in gewissem Sinne sein Glück zu verdanken – das Glück der berühmten Teefirma Forsyte und Treffry, deren Tee, wie kein anderer, ein romantisches Aroma und den Reiz einer ganz besonderen Echtheit hatte. Über dem Hause Forsyte und Treffry in der City hatte eine geheimnisvolle Atmosphäre von Unternehmungslust gelegen, von besondern Handelsbeziehungen auf besondern Schiffen in besondern Häfen mit besondern Firmen des Orients.

Und wie hatte er in diesem Geschäft gearbeitet! Damals arbeitete man noch! Diese jungen Grünschnäbel kannten kaum die Bedeutung des Wortes. Er hatte sich mit jeder Einzelheit beschäftigt, hatte von allem gewußt was vorging und zuweilen die ganze Nacht darüber aufgesessen. Und immer hatte er seine Agenten selbst ausgesucht und sich etwas daraus zugute getan. Seine Menschenkenntnis, hatte er immer gesagt, sei das Geheimnis seines Erfolges, und die Ausübung dieser meisterhaften Kunst eine Auswahl zu treffen, wäre das einzige von allem, das ihm wirklich Freude gemacht. Eigentlich war es kein Beruf für einen Mann mit seinen Fähigkeiten. Selbst jetzt, wo das Geschäft in eine G. m. b. H. umgewandelt war und anfing zurückzugehen (er hatte seine Anteile längst heraus), empfand er einen bittern Unwillen, wenn er jener Zeit gedachte. Wieviel besser hätte er es haben können! Als Anwalt hätte er glänzende Erfolge gehabt! Er hatte sogar daran gedacht, es mit dem Parlament zu versuchen. Wie oft hatte Nicholas Treffry nicht zu ihm gesagt: »Du könntest alles, Jo, wenn du nicht so verdammt vorsichtig wärst!« Der liebe alte Nick! Ein so guter Kerl, aber ein leichtsinniger Geselle! Der berüchtigte Treffry! Er war nie vorsichtig gewesen. Nun war er tot! Der alte Jolyon zählte seine Zigarren mit fester Hand und fragte sich im stillen, ob er nicht vielleicht zu vorsichtig gewesen war.

Er steckte das Zigarrenetui in die Brusttasche seines Rockes, knöpfte ihn zu und stieg die hohe Treppe zu seinem Schlafzimmer hinauf, wobei er schwer einen Fuß hinter dem andern nachzog und sich am Geländer hielt. Das Haus war doch zu groß! Sobald June verheiratet war, wenn sie diesen Burschen wirklich jemals heiratete, was sie sicherlich tun würde, wollte er es vermieten und eine Wohnung nehmen. Wozu ein halbes Dutzend Dienstboten halten, die nichts zu tun hatten.

Auf sein Klingeln kam der Butler herein – ein großer Mann mit einem Bart, leisem Tritt und einer besonderen Gabe zu schweigen.

Der alte Jolyon befahl ihm, seine Sachen herauszulegen, denn er wollte im Klub speisen.

»Wie lange ist der Wagen zurück, seitdem er Miß June zum Bahnhof gebracht hat? Seit zwei Uhr? Dann lassen Sie ihn um halb sieben vorfahren.«

Der Klub, in den der alte Jolyon mit dem Schlage sieben eintrat, gehörte zu jenen politischen Institutionen des höheren Mittelstandes, die bessere Tage gesehen hatten. Obwohl er in Verruf gekommen war, vielleicht infolge dieses Verrufes, erfreute er sich einer Lebenskraft, die enttäuschte. Man war es müde geworden zu sagen, der › Disunion‹ liege in den letzten Zügen. Auch der alte Jolyon pflegte das zu sagen, übersah die Tatsache jedoch in einer für eingefleischte Klubleute wahrhaft irritierenden Weise.

»Warum läßt du deinen Namen auf der Liste?« fragte Swithin ihn oft in tiefem Verdruß. »Warum trittst du nicht in den › Polyglot‹ ein? Du bekommst in ganz London keinen Wein wie unsern Heidsieck unter zwanzig Schilling die Flasche;« und die Stimme senkend, fügte er hinzu: »Es sind nur noch fünftausend Dutzend da. Ich trinke ihn jeden einzigen Abend.«

»Ich will's mir überlegen,« pflegte der alte Jolyon zu erwidern; aber immer wenn er überlegte, tauchte die Frage der fünfzig Guineen Eintrittsgeld wieder auf, und daß es vier oder fünf Jahre dauern würde, bis er Aufnahme fände. So überlegte er weiter.

Er war zu alt um ein Liberaler zu sein und hatte längst aufgehört an die politischen Anschauungen seines Klubs zu glauben, man wußte sogar, daß er sie für ›dummes Zeug‹ erklärt hatte, und es machte ihm Spaß, trotz der Prinzipien, die den seinen widersprachen, weiter Mitglied zu bleiben. Er hatte immer eine gewisse Geringschätzung für den Klub gehabt und war ihm vor vielen Jahren nur beigetreten, als man sich geweigert hatte, ihn im › Hotch Potch‹ aufzunehmen, weil er dem ›Kaufmannstande‹ angehörte. Als ob er nicht ebenso gut gewesen wäre, wie einer von ihnen! Er verachtete natürlich den Klub, der ihn aufgenommen hatte. Seine Mitglieder waren eine armselige Gesellschaft, viele von ihnen Makler, Anwälte, Auktionatoren und wer weiß was sonst noch, in der City! Wie die meisten Menschen von starkem Charakter, aber nicht allzugroßer Originalität, hielt der alte Jolyon nicht viel von der Klasse, der er selbst angehörte. Getreulich richtete er sich nach ihren sozialen und sonstigen Gewohnheiten, betrachtete sie im geheimen aber als ›ordinäre Gesellschaft‹.

Die Jahre und seine Philosophie hatten die Erinnerung an seine Niederlage im ›Hotch Potch‹ etwas verwischt, und im Herzen betrachtete er ihn jetzt als Königin der Klubs. Er hätte schon all diese Jahre hindurch Mitglied sein können, aber dank der nachlässigen Art, mit der Jack Herring, der ihn vorgeschlagen, zu Werke gegangen war, wußten sie nicht was sie taten, als sie ihn abwiesen. Seinen Sohn Jo hatten sie ja gleich aufgenommen, und der Junge war wahrscheinlich noch Mitglied, denn er hatte vor acht Jahren einen Brief bekommen, der von dort datiert war.

Seit Monaten war er nicht in seinem Klub gewesen, und das Haus war inzwischen mit einer Buntheit aufgefrischt worden, wie sie bei alten Häusern und alten Schiffen angewendet wird, die man gern verkaufen möchte.

»Schauderhafte Farbe, dieses Rauchzimmer!« dachte er. »Das Speisezimmer ist gut.«

Das düstere Schokoladenbraun mit hellem Grün durchsetzt, war nach seinem Geschmack.

Er bestellte das Essen und setzte sich in die selbe Ecke, vielleicht an den selben Tisch (im ›Disunion‹, wo man fast radikalen Prinzipien huldigte, war von Fortschritten nicht viel zu merken), an dem er und sein Sohn vor fünfundzwanzig Jahren zu sitzen pflegten, wenn er ihn während der Ferien zuweilen mit ins Drury-Lane nahm.

Der Junge schwärmte fürs Theater, und der alte Jolyon erinnerte sich, wie er ihm gegenüber zu sitzen pflegte und seine Aufregung hinter einer absichtlichen, aber sehr durchsichtigen Gleichgültigkeit zu verbergen suchte.

Er bestellte für sich auch genau dasselbe Diner, das der Junge sich immer ausgesucht hatte – Suppe, Fisch, Koteletts und eine Torte. Ach, wenn er ihm doch jetzt gegenüber säße!

Die beiden hatten sich seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen. Und nicht zum ersten Mal während dieser fünfzehn Jahre dachte der alte Jolyon darüber nach, ob er sich in der Sache mit seinem Sohn wohl etwas vorzuwerfen hatte. Eine unglückliche Liebesgeschichte mit der reizenden, koketten Danäe Thornworthy, jetzt Danäe Bellew, Anthony Thornworthys Tochter, hatte ihn Junes Mutter in die Arme getrieben. Er hätte ihre Heirat vielleicht hindern sollen, sie waren noch zu jung; aber nachdem er gesehen, wie leicht entflammt Jo sein konnte, war er nur zu eifrig darauf bedacht gewesen, ihn verheiratet zu wissen. Und nach vier Jahren war es zu dem Krach gekommen! Das Verhalten seines Sohnes bei diesem Krach zu billigen, war natürlich unmöglich gewesen; Vernunft und Selbstzucht, – beides mächtige Faktoren, die bei ihm Grundsätze vertraten – überzeugten ihn von der Unmöglichkeit, aber sein Herz sträubte sich dagegen. Allein bei der grausamen Unbarmherzigkeit solcher Pflicht gab es kein Mitleid für Herzen. Da war June, dies Atom mit dem flammenden Haar, das ganz und gar Besitz von ihm genommen hatte, völlig verwebt und verwachsen war mit seinem Herzen. Und dies Herz war wie dazu geschaffen ein Spielball und die Lieblingszuflucht winziger hilfloser Wesen zu sein. Mit charakteristischer Einsicht erkannte er, daß er sich von dem einen oder dem andern trennen müsse; halbe Maßregeln konnten in einer solchen Lage nichts nützen. Darin lag ihre Tragik. Und das winzige hilflose Wesen trug den Sieg davon. Er wollte nicht mit den Hasen laufen und mit den Hunden hetzen, und darum trennte er sich von seinem Sohn.

Diese Trennung hatte bis jetzt gewährt.

Er hatte Jo einen kleinen Zuschuß angeboten, der aber hatte es zurückgewiesen, und diese Abweisung hatte ihn vielleicht mehr verletzt als alles andere, denn damit war die letzte Möglichkeit dahin, seine unterdrückte Liebe zum Ausdruck zu bringen; und es war zu einem so gründlichen und fühlbaren Bruch gekommen, wie ihn sonst nur Vermögensbestimmungen, ein Vermächtnis oder die Verweigerung eines solchen, herbeiführen können.

Das Essen schmeckte flau. Der Champagner war herbes bitteres Zeug, nicht wie der Veuve Cliquot in alten Tagen.

Bei seiner Tasse Kaffee kam ihm der Gedanke ins Theater zu gehen. Er las daher in der Times – gegen andere Zeitungen hatte er ein Vorurteil – die Anzeigen für den Abend. Es wurde ›Fidelio‹ gegeben.

Glücklicherweise nicht eine jener neumodischen Pantomimen von diesem Wagner.

Er setzte seinen alten Claque auf, der mit seinem ungeheuren Umfang und der vom Gebrauch abgenutzten Krempe einem Sinnbild besserer Tage glich, zog ein paar alte, sehr dünne, lavendelfarbene Glacéhandschuhe hervor, die infolge der gewohnten Nachbarschaft mit dem Zigarrenetui in der Rocktasche stark nach Juchtenleder dufteten, und stieg in eine Droschke.

Der Wagen rasselte lustig durch die Straßen, deren ungewöhnliche Belebtheit den alten Jolyon überraschte.

»Die Hotels müssen ein ungeheures Geschäft machen,« dachte er. Vor ein paar Jahren hatte es hier noch keins dieser großen Hotels gegeben. Mit Befriedigung erinnerte er sich eines Grundstücks in der Nähe, das ihm gehörte. Sein Wert mußte mit rapider Geschwindigkeit steigen! Was für ein Verkehr!

Aber dann versank er in eine jener sonderbaren unpersönlichen, für einen Forsyte so uncharakteristischen Betrachtungen, auf denen aber zum Teil das Geheimnis seiner Überlegenheit über die andern beruhte. Was für Atome waren doch die Menschen, und was für eine Menge es gab. Und was wurde aus ihnen allen?

Er stolperte, als er aus der Droschke stieg, gab dem Kutscher genau den Fahrpreis, ging an die Kasse, um sein Billett zu kaufen und stellte sich mit der Börse in der Hand davor hin – er trug sein Geld immer in einer Börse bei sich und hatte die Gewohnheit es lose in der Tasche zu tragen, wie so viele junge Leute es heutzutage taten, nie gebilligt. Der Kassierer steckte den Kopf heraus wie ein alter Hund aus seiner Hütte.

»Ist's möglich!« sagte er in überraschtem Tone, »Sie sind's, Mr. Jolyon Forsyte! Wirklich! Habe Sie seit Jahren nicht gesehn! Du lieber Himmel! Die Zeiten haben sich geändert! Ja, ja, Sie und Ihr Herr Bruder und der Auktionator – Mr. Traquair und Mr. Nicholas Treffry – Sie hatten hier regelmäßig sechs oder sieben Plätze in jeder Spielzeit. Und wie geht's Ihnen denn, Mr. Forsyte? Man wird nicht jünger!«

Die Farbe in den Augen des alten Jolyon vertiefte sich; er zahlte seine Guinee. Man hatte ihn nicht vergessen. Er schritt unter den Klängen der Ouverture hinein wie ein altes Schlachtroß in den Kampf.

Seinen Hut zusammenklappend, setzte er sich, zog die lavendelfarbenen Handschuhe in gewohnter Weise aus und sah sich mit seinem Glas lange im Hause um. Endlich ließ er es auf seinen zusammengeklappten Hut sinken und heftete den Blick auf den Vorhang. Schmerzlicher denn je fühlte er, daß es mit ihm aus und vorbei war. Wo waren all die Frauen, die schönen Frauen, von denen das Haus sonst so voll gewesen? Wohin war das alte Gefühl im Herzen, wenn er auf eine der großen Sängerinnen gewartet? Wo jene Empfindung des Lebensrausches und der Macht das alles zu genießen?

Der eifrigste Opernbesucher seinerzeit! Jetzt gab es gar keine Oper mehr! Dieser Wagner hatte alles verdorben; keine Melodie mehr und keine Stimme sie zu singen. Ach! die wundervollen Sängerinnen! Dahin! Mit einem starren Gefühl im Herzen folgte er den altbekannten Szenen.

Von der Silberlocke überm Ohr bis zur Haltung, seines Fußes in den mit Gummizug versehenen Lackstiefeln war nichts Schwerfälliges oder Schwächliches an dem alten Jolyon. Er hielt sich ebenso – beinahe ebenso aufrecht wie in jenen alten Zeiten, da er jeden Abend hier gewesen; seine Augen waren noch ebenso – fast ebenso gut wie damals. Aber welch ein Gefühl von Müdigkeit und Enttäuschung!

Er war sein Leben lang gewohnt gewesen alles zu genießen – selbst Unvollkommenes – und es gab viel Unvollkommenes – er hatte alles mit Maß genossen, um sich jung zu erhalten. Aber nun hatten ihn seine Genußfähigkeit und seine Philosophie verlassen und ihm blieb nur dies furchtbare Gefühl, daß alles vorbei war. Nicht einmal der Chor der Gefangenen, noch Florestans Gesang vermochten die Trübsal seiner Einsamkeit zu zerstreuen.

Wenn doch Jo nur bei ihm wäre! Der Junge mußte jetzt nah an vierzig sein. Er hatte fünfzehn Jahre vom Leben seines einzigen Sohnes vergeudet. Und Jo war kein Paria der Gesellschaft mehr. Er war verheiratet. Der alte Jolyon war nicht imstande gewesen es sich zu versagen, seinem Sohn als Zeichen seiner Anerkennung dieser Tatsache einen Scheck über fünfhundert Pfund zu schicken. Der Scheck war in einem Brief aus dem ›Hotch Potch‹ zurückgekommen, der folgenden Wortlaut hatte:

›Mein liebster Vater.

Dein großmütiges Geschenk war als ein Zeichen dafür willkommen, daß Du schlimmer von mir hättest denken können. Ich schicke es Dir zurück, aber solltest Du gewillt sein, es zugunsten unseres kleinen Buben anzulegen (wir nennen ihn Jolly), der unsern Vornamen und als Vergünstigung unsern Familiennamen trägt, so würde ich mich sehr freuen.

Ich hoffe von ganzem Herzen, daß Deine Gesundheit wie immer nichts zu wünschen übrig läßt.

Dein dich liebender Sohn

Jo.‹

Der Brief sah dem Jungen ähnlich. Er war immer ein lieber Kerl gewesen. Der alte Jolyon hatte folgende Antwort geschickt:

›Mein lieber Jo.

Die Summe (fünfhundert Pfund) ist als Guthaben deines Jungen unter dem Namen Jolyon Forsyte in meine Bücher eingetragen und wird pünktlich mit fünf Prozent verzinst werden. Ich hoffe Du bist wohlauf. Mit meiner Gesundheit steht es gegenwärtig gut.

In alter Liebe

Dein getreuer Vater

Jolyon Forsyte.‹

Und alljährlich hatte er am ersten Januar ein Hundert und die Zinsen hinzugefügt. Die Summe wuchs an – am nächsten Neujahrstag mußten es fünfzehnhundert und etliche Pfund sein! Und es ist schwer zu sagen, welche Befriedigung ihm diese jährliche Transaktion gewährte. Aber die Korrespondenz hatte ein Ende.

Trotz der Liebe zu seinem Sohne und trotz eines Instinktes, der zum Teil in seiner Natur lag, teils wie bei Tausenden seiner Klasse ein Resultat fortwährender Handhabung und Bewachung von Geschäften war und ihn befähigte eine Handlungsweise mehr nach ihren Resultaten als nach Prinzipien zu beurteilen, blieb auf dem Grunde seines Herzens doch ein gewisses Unbehagen zurück. Sein Sohn hätte den Umständen nach auf den Hund kommen müssen. Das war in allen Predigten, Romanen und Theaterstücken, die er je gehört, gelesen oder gesehen hatte, das übliche.

Als er den Scheck zurückbekommen hatte, schien ihm da irgend etwas nicht in Ordnung zu sein. Warum war sein Sohn nicht auf den Hund gekommen? Doch wer konnte wissen?

Er hatte natürlich erfahren – das heißt, er hatte sich bemüht ausfindig zu machen – daß Jo in St. Johns Wood lebte, in der Wistaria Avenue ein Häuschen mit Garten besaß, seine Frau mit in Gesellschaft nahm – eine sonderbare Art von Gesellschaft wahrscheinlich – und daß sie zwei Kinder hatten – den kleinen Jungen, den sie Jolly nannten (den Namen fand er in Anbetracht der Verhältnisse geradezu zynisch, und der alte Jolyon fürchtete und verabscheute allen Zynismus) und ein Mädchen namens Holly, das nach der Heirat geboren war. Wer weiß, in was für Verhältnissen sein Sohn eigentlich lebte. Er hatte das von seinem Großvater mütterlicherseits erhaltene Erbteil zu Geld gemacht und eine Anstellung beim Lloyd genommen; und er malte Bilder – Aquarelle sogar. Der alte Jolyon wußte das, denn er hatte sie von Zeit zu Zeit heimlich gekauft, als er zufällig einmal den Namen seines Sohnes unter einer Themseansicht im Schaufenster eines Händlers entdeckt hatte. Er fand sie schlecht und hängte sie der Unterschrift wegen nicht auf, sondern bewahrte sie verschlossen in einem Schubfach auf.

In dem großen Opernhaus überkam ihn eine heftige Sehnsucht nach seinem Sohn. Er gedachte der Tage, wo er ihn in einem braunen Leinenkittelchen zwischen den Beinen hatte hin und her schwingen lassen, der Zeiten, wo er neben dem Pony des Jungen hergelaufen war und ihn reiten gelehrt, und des Tages, an dem er ihn zum ersten Mal in die Schule gebracht. Er war ein liebevoller, liebenswürdiger kleiner Kerl! Als er nach Eton gekommen war, hatte er vielleicht ein wenig zu viel von den wünschenswerten Manieren angenommen, die, wie der alte Jolyon wohl wußte, nur an solchen Orten und mit großen Kosten zu erwerben waren; aber er war immer umgänglich geblieben. Immer ein guter Kamerad, selbst nach dem Aufenthalt in Cambridge – vielleicht ein wenig von oben herab infolge der Vorteile, die er dort gehabt. Des alten Jolyon Gefühle den öffentlichen Schulen und Universitäten gegenüber schwankten nie, und er bewahrte seine rührende Bewunderung wie sein Mißtrauen gegen ein System, das nur den Ersten des Landes zugute kam und an dem teilzunehmen ihm nie vergönnt gewesen war ... Jetzt, nachdem June fort war und ihn verlassen oder so gut wie verlassen hatte, wäre es ihm ein Trost gewesen, seinen Sohn wiederzusehen. Von diesem Verrat an seiner Familie, seinen Prinzipien, seinem Stande bedrückt, heftete der alte Jolyon seinen Blick auf die Sängerin. Ein armseliges Wesen – ein jämmerlich armseliges Wesen. Und dieser Florestan, ein wahrer Stock.

Es war aus. Die Leute waren heutzutage leicht zufrieden zu stellen.

Im Gedränge auf der Straße schnappte er einem kräftigen und viel jüngeren Manne vor der Nase eine Droschke weg, die dieser bereits als die seine betrachtet hatte. Der Kutscher wich vom gewohnten Wege ab, und der alte Jolyon öffnete die Klappe (er konnte Umwege nicht leiden), doch als sie wendeten, sah er sich plötzlich dem ›Hotch-Potch‹ gegenüber, und die geheime Sehnsucht, die ihn den ganzen Abend nicht verlassen hatte, trug den Sieg davon. Er ließ den Kutscher halten. Er wollte hinein und fragen ob Jo noch dazu gehörte.

Er ging hinein. Die Halle sah noch genau so aus wie damals, als er mit Jack Herring hier zu speisen pflegte und sie die beste Küche in London führten. Er sah sich mit dem scharfen festen Blick um, der ihm sein Leben lang dazu verholfen hatte besser bedient zu werden als die meisten Leute.

»Ist Mr. Jolyon Forsyte noch Mitglied des Klubs?«

»Jawohl, Sir, er ist augenblicklich hier. Wen darf ich melden?«

Der alte Jolyon war bestürzt.

»Seinen Vater,« sagte er.

Und nachdem er dies gesagt, stellte er sich rückwärts an den Kamin.

Im Begriff den Klub zu verlassen, hatte der junge Jolyon den Hut aufgesetzt und wollte eben die Halle kreuzen, als der Portier ihm begegnete. Er war nicht mehr jung, sein Haar fing an grau zu werden, und das Gesicht – eine genaue Kopie desjenigen seines Vaters, mit demselben herabhängenden großen Schnurrbart – war sichtlich abgezehrt. Er erbleichte. Das Zusammentreffen nach all den Jahren war furchtbar, denn nichts in der Welt war so furchtbar wie eine Szene. Sie gingen auf einander zu und reichten sich ohne ein Wort die Hände. Dann sagte der Vater mit einem Beben in der Stimme:

»Wie geht's dir, mein Junge?«

Der Sohn erwiderte:

»Und dir, Papa!«

Des alten Jolyon Hand zitterte in dem dünnen lavendelfarbenen Handschuh.

»Wenn du den gleichen Weg hast, kann ich dich ein Stück mitnehmen.«

Und als wären sie gewohnt sich gegenseitig jeden Abend nach Hause zu begleiten, gingen sie hinaus und stiegen in die Droschke.

Dem alten Jolyon kam es vor, als sei sein Sohn gewachsen. Mehr Mann geworden, dachte er im stillen. Über dem von Natur liebenswürdigen Gesicht lag es wie eine Maske von Bitterkeit, als hätten seine Lebensumstände ihn genötigt, sich zu wappnen. Die Züge freilich verrieten völlig den Forsyte, aber der Ausdruck war mehr der eines in sich gekehrten Gelehrten oder Philosophen. Er hatte im Laufe dieser fünfzehn Jahre wohl auch häufig in sich hinein schauen müssen.

Den Sohn hatte der erste Anblick des Vaters offenbar erschreckt – er sah so abgezehrt und alt aus. Aber im Wagen schien es, als habe er sich kaum verändert, denn er hatte noch den wohlbekannten ruhigscharfen Blick und hielt sich aufrecht wie ehedem.

»Du siehst gut aus, Papa.«

»Ziemlich,« erwiderte der alte Jolyon.

Ihn quälte eine Angst, die er in Worte kleiden zu müssen glaubte. Nun er seinen Sohn wieder hatte, mußte er wissen, wie seine finanzielle Lage war.

»Jo,« sagte er, »ich wüßte gern, in was für Verhältnissen du lebst. Du hast vermutlich Schulden?«

Er wählte diese Form, um seinem Sohne das Geständnis zu erleichtern.

Dieser antwortete in seiner ironischen Art:

»Nein, ich habe keine Schulden!«

Der alte Jolyon sah, daß es ihn verstimmte und ergriff seine Hand. Es war ein Wagnis gewesen. Aber es war der Mühe wert, und Jo hatte ihm nie etwas übel genommen. Ohne das Gespräch wieder aufzunehmen, fuhren sie weiter nach Stanhope Gate. Der alte Jolyon forderte ihn auf mit hinein zu kommen, aber Jo schüttelte den Kopf.

»June ist nicht hier,« sagte sein Vater hastig. »Sie reiste heute fort auf Besuch. Du weißt doch, daß sie verlobt ist?«

»Schon?« murmelte der junge Jolyon.

Sein Vater stieg aus und gab dem Kutscher beim Bezahlen zum ersten Mal in seinem Leben aus Versehen ein Goldstück anstatt eines Schillings.

Der Kutscher steckte die Münze in den Mund, trieb sein Pferd verstohlen mit der Peitsche an und jagte davon.

Der alte Jolyon drehte den Schlüssel leise im Schloß herum, stieß die Tür auf und winkte. Sein Sohn sah ihn bedächtig, mit dem Ausdruck eines Jungen, der die Absicht hat Kirschen zu stehlen, seinen Rock aufhängen.

Die Tür des Speisezimmers stand offen, das Gas war heruntergedreht; ein Spirituskessel summte auf dem Teebrett und daneben auf dem Eßtisch lag eingeschlafen eine zynisch aussehende Katze. Der alte Jolyon scheuchte sie gleich hinaus und rollte seinen Hut hinter dem Tiere her. Der kleine Zwischenfall erleichterte es ihm, seine Gefühle zu verbergen.

»Sie hat Flöhe,« sagte er und folgte ihr hinaus. Durch die Tür in der Halle, die zum Erdgeschoß führte, rief er ein paarmal »Hßt!«, wie um sich vom Verschwinden der Katze zu überzeugen, als durch einen merkwürdigen Zufall der Butler unten erschien.

»Sie können zu Bett gehen, Parfitt,« sagte der alte Jolyon, »ich werde zuschließen und das Licht ausmachen.«

Als er ins Speisezimmer zurückkehrte, kam die Katze ihm unglücklicherweise zuvor, den Schwanz steil in die Höhe gerichtet, als wolle sie damit zu verstehen geben, daß sie das Manöver, den Butler zurückzuhalten, von vornherein durchschaut habe.

Die häuslichen Kriegslisten des alten Jolyon waren von jeher vom Mißgeschick verfolgt gewesen.

Jo konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. Er hatte viel Sinn für Ironie, und an diesem Abend sah er alles von der ironischen Seite; die Episode mit der Katze ebenso wie die Nachricht von der Verlobung seiner Tochter. Er hatte an dieser ja nicht mehr Anteil, als an der Mieze. Und die poetische Gerechtigkeit, die darin lag, drängte sich ihm auf.

»Wie sieht June denn jetzt aus?« fragte er.

»Sie ist ein zartes Ding,« erwiderte der alte Jolyon; »sie soll mir ähnlich sein, aber das ist ein Unsinn. Sie gleicht mehr deiner Mutter – dieselben Augen und dasselbe Haar.«

»So! und ist sie hübsch?«

Der alte Jolyon war ein zu echter Forsyte, um irgend etwas unbedingt zu loben, namentlich etwas, das er wirklich bewunderte.

»Sie sieht nicht schlecht aus – hat das echte Forsyte-Kinn. Es wird hier einsam werden, wenn sie fort ist, Jo.«

Der Ausdruck seines Gesichts erschreckte diesen wieder wie der erste Anblick des Vaters.

»Was wirst du dann anfangen, Papa? Sie ist wohl ganz vernarrt in ihn?«

»Was ich anfangen werde?« wiederholte der alte Jolyon mit ärgerlichem Ton in der Stimme. »Es wird ein elendes Leben sein, hier allein zu wohnen. Ich weiß nicht, was daraus werden soll. Ich wünschte wahrhaftig –« er hielt an sich und fügte hinzu: »Die Frage ist, was ich mit dem Hause anfangen soll?«

Der junge Jolyon sah sich im Zimmer um. Es war eigentümlich öde und leer mit seinen ungeheuren Stilleben – schlafende Hunde mit der Nase auf Möhrenbündeln und daneben Zwiebeln und Weintrauben in überraschend friedlicher Eintracht – er erinnerte sich ihrer noch aus seiner Knabenzeit. Das Haus stand zwar zwecklos da, aber er konnte sich das Leben seines Vaters in einer kleineren Wohnung nicht vorstellen; und umso größer schien ihm die Ironie, die darin lag.

In seinem großen Sessel mit dem Lesepult saß einsam wie nur je ein alter Mann in London, der alte Jolyon mit seinem weißen Haar und der hochgewölbten Stirn, der Typus seiner Familie, seines Standes und seines Glaubens, ein Repräsentant der Mäßigkeit, und Ordnung, und Liebe am Besitz.

Er saß da in der düsteren Behaglichkeit des Zimmers, ein Spielball in der Gewalt größerer Mächte, die sich nicht um Familie, Stand noch Glauben kümmerten, sondern maschinenmäßig und unerbittlich zu unerforschlichen Zielen führten. So sah es der junge Jolyon von seinem unpersönlichen Standpunkt aus.

Der arme alte Papa! Das also war das Ende, der Zweck, zu dem er mit so bewundernswerter Mäßigkeit gelebt hatte! Um einsam zu bleiben, älter und älter zu werden, voll Sehnsucht nach einer Seele, mit der er reden konnte!

Der alte Jolyon wieder sah zu seinem Sohne hin. Er hätte so gern über viele Dinge gesprochen, über die er in all diesen Jahren nicht hatte sprechen können. Es war unmöglich gewesen, June im Ernst anzuvertrauen, daß das Grundstück im Soho-Viertel seiner Überzeugung nach im Werte steigen werde, daß ihn das furchtbar lange Stillschweigen Pippins, des Leiters der New Colliery-Company, beunruhigte, dessen Vorsitzender er so lange gewesen, und daß er sich über das ständige Fallen der amerikanischen Golgotha-Papiere ärgerte, oder gar mit ihr zu beraten, wie durch eine Bestimmung irgend welcher Art die Zahlung von Abgaben zu vermeiden wäre, die seinem Hinscheiden folgen mußten. Jedoch unter dem Einfluß einer Tasse Tee, in der er ohne Ende rührte, fing er endlich an zu sprechen. Ein neuer Lebensausblick bot sich ihm, ein verheißenes Land des Sichaussprechens, wo er einen Hafen finden konnte vor den Wogen der Befürchtungen und der Sorge; wo er seine Seele mit dem Opium des Plänemachens einlullen konnte, wie sein Besitz abzurunden und das einzige, was von ihm zurückbleiben sollte, unsterblich zu machen war.

Sein Sohn war ein guter Zuhörer; es war eine seiner besten Eigenschaften. Er hielt den Blick fest auf des Vaters Gesicht gerichtet und stellte zuweilen eine Frage an ihn.

Die Uhr schlug eins, ehe der alte Jolyon geendet hatte, und beim Klang dieser Schläge stellten seine Prinzipien sich wieder ein. Mit einem überraschten Blick zog er seine Uhr hervor:

»Ich muß zu Bett, Jo,« sagte er.

Dieser erhob sich und streckte die Hand aus, um seinem Vater aufzuhelfen. Das alte Gesicht sah wieder fahl und eingefallen aus, die Augen hielt er beständig abgewandt.

»Leb wohl, mein Junge, laß dir's gut gehen!«

Einen Augenblick noch, und der junge Jolgon hatte das Zimmer eilig verlassen. Er vermochte kaum zu sehen, die lächelnden Lippen zuckten. Niemals in den fünfzehn Jahren, seitdem er zuerst dahinter gekommen war, daß das Leben nicht so einfach sei, war es ihm so seltsam kompliziert erschienen.

Drittes Kapitel
Mittagessen bei Swithin

In Swithins hellblau und orangefarbenem Speisezimmer, das nach dem Park hinaus lag, war der runde Tisch für zwölf Personen gedeckt.

Ein geschliffener Kristallkronleuchter mit angezündeten Kerzen hing wie ein riesiger Stalaktit mitten darüber und warf seine Strahlen auf große, in Gold gerahmte Spiegel, auf die Marmorplatten der Seitentische und schwere goldene Stühle mit gewirkten Sitzen. Alles verriet jenen Schönheitssinn, der so tief in jeder Familie wurzelt, die sich aus dem Herzen des einfachen Volks herauf ihren Weg in die Gesellschaft hat bahnen müssen. Swithin war alle Einfachheit wahrhaft zuwider, und seine Vorliebe für Goldzierat stempelte ihn unter seinesgleichen zu einem Manne von großem, wenn auch etwas luxuriösem Geschmack. Und in dem Bewußtsein, daß niemand diese Räume betreten konnte, ohne den wohlhabenden Mann in ihm zu erkennen, hatte er ein wahres, dauerndes Glück gefunden, wie es ihm vielleicht nichts anderes im Leben gewährt hätte.

Seitdem er seinen Beruf als Häusermakler aufgegeben hatte, der namentlich wegen der dabei vorkommenden Auktionen tief in seiner Achtung stand, hatte er sich völlig aristokratischen Neigungen hingegeben.

In dem vollkommenen Luxus seiner späteren Lebenstage lag er eingebettet wie eine Fliege im Zucker; und seine Seele, in der vom Morgen bis zum Abend sehr wenig vorging, war von zwei merkwürdig entgegengesetzten Regungen beherrscht, einer leisen und trotzigen Genugtuung darüber, seinen eigenen Weg und sein eigenes Glück gemacht zu haben, und einer Empfindung, daß ein Mann von seinen Vorzügen seine Seele niemals mit Arbeit hätte besudeln dürfen.

In einer weißen Weste mit großen Knöpfen aus Gold und Onyx stand er am Büfett und paßte auf, wie sein Diener die Hälse von drei Champagnerflaschen tiefer in die Eiskübel bohrte. Zwischen den Ecken seines Stehkragens, den er – obwohl jede Bewegung ihn schmerzte – um keinen Preis hätte ändern lassen, blieb das blasse Fleisch seines Doppelkinns unbeweglich. Seine Augen schweiften von Flasche zu Flasche. Er überlegte und kam zu folgenden Schlüssen: »Jolyon trinkt ein Glas, vielleicht zwei, er ist ja so vorsichtig; James, der kann jetzt gar keinen Wein vertragen. Nicholas und Fanny würden sicherlich Wasser in sich hineinschütten! Soames zählte nicht mit, diese jungen Neffen – Soames war achtunddreißig – konnten ja nicht trinken! Aber Bosinney? Als er auf den Namen dieses Fremden kam, der etwas außerhalb des Bereiches seiner Philosophie lag, hielt Swithin inne. Eine Besorgnis erwachte in ihm! Man konnte nicht wissen! June war nur ein Mädchen und dazu noch verliebt! Emily, James' Frau, liebte ein gutes Glas Champagner. Für Juley, die gute alte Seele, war er viel zu trocken, sie hatte keine feine Zunge. Und Hatty Cheßman! Der Gedanke an diese alte Freundin beschwor eine Wolke von Befürchtungen herauf, die den hellen Glanz seiner Augen verdunkelte: es sollte ihn nicht wundern, wenn sie eine halbe Flasche trank!

Aber als er an seinen letzten Gast dachte – an Mrs. Soames – stahl sich ein Ausdruck über sein altes Gesicht wie der einer Katze, die eben anfängt zu schnurren. Sie trank vielleicht nicht viel, aber sie wußte zu schätzen, was sie trank, es war ein Vergnügen, ihr guten Wein vorzusetzen. Eine schöne Frau – und ihm so sympathisch!

Der Gedanke an sie war wie Champagner selbst! Ein Vergnügen, einer jungen Frau guten Wein vorzusetzen, die so gut aussah, die sich zu kleiden wußte und ein so reizendes, ganz vornehmes Wesen hatte – ein Vergnügen, sie zu bewirten. Er gestattete seinem Kopf zwischen den Ecken seines Kragens an diesem Abend die erste kleine, schmerzhafte Bewegung.

»Adolf,« sagte er. »Setzen Sie noch eine Flasche hinein.«

Er selbst durfte eine ganze Menge trinken, denn dank Blights Verordnung fühlte er sich außerordentlich wohl, und er war so vorsichtig gewesen, nicht zu frühstücken. Er hatte sich seit Wochen nicht so wohl gefühlt. Die Unterlippe vorschiebend, gab er seine letzten Anordnungen.

»Adolf, eine Spur von dem Westindischen, wenn der Schinken kommt.«

Er ging ins Vorzimmer und setzte sich mit gespreizten Knieen auf den Rand eines Stuhles. Seine große, wohlbeleibte Gestalt fiel alsbald in eine seltsam erwartungsvolle, ihm eigentümliche Reglosigkeit zurück. Er war bereit, sich jeden Augenblick zu erheben. Seit Monaten hatte er niemand zu Tisch geladen. Dies Mittagessen zu Ehren von Junes Verlobung war ihm anfangs lästig und langweilig erschienen (die Forsytes hielten andächtig an dem Brauch fest, Verlobungen durch Gastmähler zu feiern), aber nachdem die Mühe, Einladungen zu versenden und das Essen zu bestellen, überstanden war, fühlte er sich angenehm angeregt.

Und als er fett und glatt und prächtig, wie eine abgeplattete Butterkugel, mit der Uhr in der Hand da saß, dachte er an nichts.

Ein langer Mensch mit einem Backenbart, der früher in Swithins Dienst gestanden hatte, jetzt aber Grünkramhändler war, kam herein und meldete:

»Mrs. Cheßman, Mrs. Septimus Small!«

Zwei Damen traten ein. Die vordere, ganz in Rot gekleidet, hatte große Flecke von der gleichen Farbe auf den Wangen und ein hartes, blitzendes Auge. Sie ging auf Swithin zu und streckte ihm die Hand in langem primelfarbenen Handschuh entgegen:

»Nun, Swithin,« sagte sie, »ich habe dich eine Ewigkeit nicht gesehen. Wie geht's? Aber, lieber Junge, wie du stark wirst!«

Nur der starre Blick in Swithins Auge verriet Erregung. Ein dumpfer, zürnender Groll schwellte seine Brust. Es war ordinär stark zu sein, von Starksein zu reden; er hatte eben eine breite Brust. Er wandte sich zu seiner Schwester, ergriff ihre Hand und sagte in gebieterischem Ton:

»Nun, Juley!«

Mrs. Septimus Small war die größte der vier Schwestern; ihr gutes, rundes altes Gesicht war ein wenig säuerlich geworden; zahllose Schmollfältchen durchzogen es, als hätte es bis zu diesem Abend in einer eisernen Drahtmaske gesteckt, die, plötzlich entfernt, kleine Wülste rebellischen Fleisches über ihrem ganzen Antlitz zurückgelassen hatte. Selbst ihre Augen blickten schmollend. Auf diese Weise gab sie ihren beständigen Groll über den Verlust von Septimus Small zu erkennen.

Sie war bekannt dafür, immer das Verkehrte zu sagen, und hartnäckig wie ihre ganze Sippe, hielt sie daran fest, wenn sie einmal etwas gesagt hatte und fügte immer noch etwas Verkehrtes hinzu. Seit dem Hinscheiden ihres Gatten hatten die Familienhartnäckigkeit und Familiennüchternheit keinen fruchtbaren Boden mehr bei ihr gefunden. Sie war sehr gesprächig, wenn sie Gelegenheit dazu fand, konnte ohne die geringste Aufmunterung stundenlang mit epischer Eintönigkeit von den zahllosen Anlässen erzählen, bei denen sie vom Schicksal mißbraucht worden war und merkte nie, daß ihre Zuhörer mit dem Schicksal übereinstimmten, denn sie hatte ein gutes Herz.

Da die gute Seele lange Zeit am Bette von Septimus Small (einem Manne von schwächlicher Konstitution) hatte verbringen müssen, war es ihr zur Gewohnheit geworden, und sie hatte später zahllose Gelegenheiten gehabt, bei Kranken, Kindern und andern hilflosen Personen zu sitzen und sie zu zerstreuen, war aber nicht davon abzubringen, die Welt für die undankbarste Stätte zu halten, in der man leben konnte. Sonntag für Sonntag saß sie zu Füßen des außerordentlich geistreichen Predigers Thomas Scoles, der einen großen Einfluß auf sie ausübte; aber es gelang ihr jedermann zu überzeugen, daß selbst dies ein Unglück sei. Sie war sprichwörtlich in der Familie geworden, und wenn man einen von ihnen besonders verstimmt sah, wurde er ›eine wahre Juley‹ genannt. Ihr Gemütszustand hätte jeden, der kein Forsyte war, zu vierzig Jahren ins Grab gebracht; aber sie war vierundsiebzig und hatte nie wohler ausgesehen. Und man fühlte, daß Genußfähigkeiten in ihr schlummerten, die noch zutage treten konnten. Sie besaß drei Kanarienvögel, den Kater Tommy und einen halben Papagei – die andere Hälfte gehörte ihrer Schwester Hester, und diese armen Geschöpfe (sie wurden Timothy sorgfältig ferngehalten – er mochte keine Tiere) erkannten besser als die Menschen, daß sie für ihr Mißgeschick nichts konnte, und hingen leidenschaftlich an ihr.

Sie erschien an diesem Abend in der düstern Pracht ihres schwarzen Seidenkleides mit dem malvenfarbenen Einsatz und dem schüchtern dreieckigen Ausschnitt, den ein schwarzes Samtband um den Ansatz ihres dünnen Halses abschloß. Schwarz und Malvenfarbe für eine Abendtoilette galt bei fast allen Forsytes für sehr vornehm.

Schmollend sagte sie zu Swithin:

»Ann hat nach dir gefragt. Du bist eine Ewigkeit nicht bei uns gewesen.«

Swithin steckte die Daumen in die Armlöcher seiner Weste und erwiderte:

»Ann wird sehr klapprig, sie sollte einen Arzt zu Rate ziehen!«

»Mr. und Mrs. Nicholas Forsyte!«

Die rechtwinkligen Brauen hochgezogen, kam Nicholas Forsyte lächelnd herein. Es war ihm im Laufe des Tages geglückt, einen Vorschlag zur Verwendung von Eingeborenen aus Oberindien in den Goldminen von Ceylon zur Annahme zu bringen. Ein Lieblingsplan von ihm, der trotz großer Schwierigkeiten schließlich doch zur Ausführung gekommen war – er konnte wohl zufrieden sein. Es mußte den Ertrag seiner Minen verdoppeln, und, wie er oft mit Nachdruck hervorgehoben hatte, zeigte alle Erfahrung, daß Menschen sterben müssen. Ob sie nun im eignen Lande an Altersschwäche starben oder frühzeitig an der Feuchtigkeit auf dem Grunde einer Mine in der Fremde, war sicherlich von geringer Bedeutung, vorausgesetzt, daß die Veränderung ihrer Lebensweise dem Britischen Reiche einen Nutzen brachte.

Seine Fähigkeiten waren nicht zu verkennen. Er pflegte die eingeknickte Nase zu seinem Zuhörer emporzuheben und hinzuzufügen:

»Aus Mangel an ein paar Hundert dieser Kerle haben wir jahrelang keine Dividende zahlen können. Sehen Sie nur wie die Aktien stehen, ich bekomme nicht zehn Schillinge dafür.«

Er war auch in Yarmouth gewesen und mit dem Gefühl zurückgekehrt, sein Leben wenigstens um zehn Jahre verlängert zu haben. Er ergriff Swithins Hand und rief in scherzhaftem Tone:

»Ja, da wären wir wieder hier!«

Seine Gattin, ein verblühte Frau, lächelte hinter ihm ein Lächeln verschüchterter Munterkeit.

»Mr. und Mrs. James Forsyte! Mr. und Mrs. Soames Forsyte!«

Swithin schlug die Hacken zusammen, seine Haltung war bewunderungswürdig wie immer.

»Na, James, na Emily! Guten Tag, Soames! Und wie geht's dir?«

Seine Hand umschloß die Irenens, und seine Augen vergrößerten sich. Sie war eine schöne Frau – ein wenig zu blaß, aber diese Figur, diese Augen, diese Zähne! Viel zu schade für diesen Soames!

Die Götter hatten Irene mit dunkelbraunen Augen und goldenem Haar ausgestattet, jener seltsamen Zusammenstellung, die die Blicke der Männer reizt und das Zeichen eines schwachen Charakters sein soll. Und die volle weiche Blässe ihres Halses und der Schultern über einem goldfarbenen Gewand, gaben ihrer Persönlichkeit eine verführerische Fremdartigkeit.

Soames stand hinter seiner Frau, die Augen auf ihren Hals geheftet. Die Zeiger auf Swithins Uhr, die er noch immer geöffnet in der Hand hielt, waren, über die Acht hinausgerückt; es war eine halbe Stunde über seine Tischzeit – er hatte nicht gefrühstückt – und eine seltsame, unverhüllte Ungeduld wallte in ihm auf.

»Es ist nicht Jolyons Art, zu spät zu kommen!« sagte er zu Irene, ohne seinen Ärger verbergen zu können. »Wahrscheinlich hält June ihn auf.«

»Verliebte kommen immer zu spät,« erwiderte sie. Swithin starrte sie an; ein dunkles Orangegelb färbte seine Wangen.

»Sie haben kein Recht dazu! Das ist so ein moderner Unsinn!«

Und hinter diesem Ausbruch schien die unartikulierte Gewaltsamkeit früherer Generationen zu murren und grollen.

»Wie findest du meinen neuen Stern, Onkel Swithin,« sagte Irene sanft.

Zwischen den Spitzen am Busen leuchtete ein fünfzackiger Stern aus elf Diamanten.

Swithin betrachtete den Stern. Er verstand sich auf Steine; keine Frage hätte wirksamer gewählt sein können, seine Aufmerksamkeit abzulenken.

»Wer hat ihn dir geschenkt?« fragte er.

»Soames.«

Nichts veränderte sich in ihrem Gesicht, aber Swithins Augen traten hervor, als wäre plötzlich eine Erleuchtung über ihn gekommen.

»Du langweilst dich wohl zu Haus,« sagte er. »Wann immer du Lust hast zu Tisch zu mir zu kommen, will ich dir eine Flasche so guten Wein vorsetzen, wie er in London irgend zu haben ist.«

»Miß June Forsyte – Mr. Jolyon Forsyte! ... Mr. Bo–swainey! ...«

Swithin machte eine Bewegung mit dem Arm und sagte mit knurriger Stimme:

»Zu Tisch, jetzt – zu Tisch!«

Er führte Irene unter dem Vorwand, daß er sie seit ihrer Brautzeit nicht bewirtet habe. June erhielt Bosinney zum Tischnachbarn, der zwischen Irene und seine Braut gesetzt wurde. An der andern Seite neben June saß James mit Nicholas' Frau, dann der alte Jolyon mit James' Frau, Nicholas mit Hatty Cheßmann, und Soames mit Mrs. Small, die den Kreis schloß, wieder neben Swithin.

Bei Familientafeln der Forsytes wurden gewisse Traditionen beobachtet. Es gab zum Beispiel keine Hors d'oeuvre. Der Grund hierfür ist unbekannt.

Nach Anschauung der jüngeren Generation war es auf den unerhörten Preis der Austern zurückzuführen; wahrscheinlicher ist der Wunsch schuld daran, zur Hauptsache zu kommen und mit gutem praktischen Sinn zu erklären, daß Hors d'oeuvre nichts als Notbehelf sind. Nur bei James, wo man einem in Park Lane fast allgemeinen Brauch nicht widerstehen konnte, wich man zuweilen davon ab.

Eine schweigende, fast verdrießliche Unaufmerksamkeit gegen einander folgte dem Einnehmen der Plätze und währte beinah über den ersten Gang hinaus, wenn auch einzelne Bemerkungen fielen, wie: »Tommy geht's wieder schlecht, ich weiß nicht, was ihm fehlt!« – »Ann kommt morgens wohl gar nicht mehr herunter?« – »Wie heißt euer Arzt, Fanny? Stubbs? Er ist ein Quacksalber!« – »Winifred? Sie hat zu viele Kinder. Vier, nicht wahr? Sie ist dünn wie eine Latte!« – »Was zahlst du für diesen Sherry, Swithin? Mir zu trocken!«

Beim zweiten Glas Champagner vernahm man ein Gemurmel, das von gelegentlichen Nebengeräuschen befreit und in seine ursprünglichen Bestandteile zerlegt, als James' Erzählung einer Geschichte zu erkennen war, und da diese längere Zeit in Anspruch nahm, beeinträchtigte es zeitweise sogar den Genuß des allgemein als Höhepunkt eines Forsyteschen Gastmahls angesehenen ›Hammelrückens‹. Kein Forsyte gab je ein Mittagessen ohne für einen Hammelrücken zu sorgen. In seiner saftigen Solidität liegt etwas, das Leuten von einer gewissen Position zusagt. Er ist nahrhaft und – schmackhaft, darauf wird von jedermann Wert gelegt. Er hat eine Vergangenheit und eine Zukunft, wie ein bei der Bank eingezahltes Depot; und es läßt sich darüber disputieren.

Jeder Zweig der Familie hielt hartnäckig an einer bestimmten Bezugsquelle fest – der alte Jolyon schwor auf Dartmoor, James auf Wales, Swithin auf Southdown und Nicholas behauptete, wenn die Leute auch die Nase rümpften, daß nichts mit Neuseeland zu vergleichen sei. Aber Roger, das ›Original‹ unter den Brüdern, sah sich genötigt, eine Quelle für sich allein zu finden, und mit einem Scharfsinn, wie er eines Mannes würdig war, dem es gelungen, einen neuen Beruf für seine Söhne zu ersinnen, hatte er einen Laden entdeckt, wo deutsche Hammel zu haben waren. Als Einwendungen gemacht wurden, hatte er seine Behauptung durch Vorzeigen einer Metzgerrechnung bestätigt, aus der zu ersehen war, daß er mehr bezahlte als einer der andern. Bei dieser Gelegenheit hatte der alte Jolyon in einer seiner philosophischen Anwandlungen zu June gesagt:

»Die Forsytes sind eine verschrobene Gesellschaft, darauf kannst du dich verlassen – du wirst schon noch dahinter kommen, wenn du älter wirst!«

Nur Timothy machte eine Ausnahme, denn obwohl er Hammelrücken sehr gern aß, fürchtete er sich doch davor, wie er sagte.

Für jeden, der ein psychologisches Interesse für die Forsytes hat, ist dieser Hammelrückenzug von größter Bedeutung. Er illustriert nicht nur ihre Hartnäckigkeit im allgemeinen und als Individuen, sondern ist ein Zeichen dafür, daß sie mit Leib und Seele jener großen Klasse von Menschen angehören, die an Nahrhaftigkeit und Geschmack glauben, und keinem sentimentalen Verlangen nach Schönheit nachgeben.

Die jüngeren Familienmitglieder hätten wohl gern ganz auf einen Braten verzichtet und Geflügel oder eine Hummermayonnaise vorgezogen – etwas das auf die Phantasie wirkte und weniger nahrhaft war – aber die waren weibisch, oder wenn nicht das, doch von ihren Frauen oder Müttern verdorben, die ihr ganzes Eheleben hindurch gezwungen waren, Hammelrücken zu essen und ihren Söhnen eine gewisse Feindseligkeit dagegen eingeimpft hatten.

Nach Erledigung der großen Hammelrückenfrage kam ein Tewkesbury-Schinken mit einem Tropfen des Westindischen an die Reihe – Swithin hielt sich bei diesem Gang so lange auf, daß er eine Stockung im Fortgang des Diners verursachte. Um sich ihm von ganzem Herzen widmen zu können, unterbrach er seine Unterhaltung.

Von seinem Platz neben Mrs. Small machte Soames seine Wahrnehmungen. Er hatte seine eigenen, mit einem Lieblingsplan in Verbindung stehenden Gründe, Bosinney zu beobachten. Der Architekt konnte seinen Zwecken dienlich sein, er sah klug aus, wie er da zurückgelehnt in seinem Stuhl saß und nachdenklich kleine Wälle von Brotkrumen machte. Soames bemerkte, daß seine Sachen einen guten Schnitt hatten, aber zu eng waren, als wären sie vor Jahren angefertigt.

Er sah, wie er sich Irene zuwandte und etwas sagte und sah ihr Gesicht strahlen, wie er es andern Leuten gegenüber oft strahlen sah – aber niemals ihm gegenüber. Er versuchte aufzufangen, was sie sagten, aber Tante Juley unterhielt sich gerade mit ihm.

Ob es ihm nicht auch immer ganz merkwürdig vorgekommen sei, fragte sie. Erst am letzten Sonntag wieder war der liebe Pastor Scoles so geistreich in seiner Predigt, so sarkastisch. »Denn,« hatte er gesagt, »was nützt es, sein Seelenheil zu gewinnen, wenn man all sein Gut dabei verliert?« Das sei der Leitspruch des Mittelstandes; aber was hatte er nur damit gemeint? Es könnte ja natürlich sein, daß der Mittelstand so dachte – sie wisse es nicht; was war seine Ansicht darüber?

Er antwortete zerstreut: »Wie kann ich das wissen? Scoles ist ein Schwätzer, nicht?« Denn Bosinney sah sich am Tisch um, als mache er auf die Eigenheiten der Gäste aufmerksam, und Soames hätte gern gewußt, was er sagte. Ihrem Lächeln nach stimmte Irene seinen Bemerkungen offenbar zu. Sie schien mit andern Leuten immer übereinzustimmen.

Ihre Augen waren auf ihn selbst gerichtet; Soames senkte sofort seinen Blick. Das Lächeln auf ihren Lippen war erloschen.

Ein Schwätzer? Was wollte er damit sagen? Wenn Mr. Scoles ein Schwätzer war, er, ein Pastor – dann konnte ja jeder – es war schrecklich!

»Jawohl – das sind sie auch!« sagte Soames.

Während Tante Juleys momentanem entsetzten Schweigen fing er einige Worte Irenens auf, die klangen wie: »Laßt die Hoffnung draußen, alle, die ihr hier eintretet!«

Aber Swithin war nun mit seinem Schinken fertig.

»Wo kaufst du deine Champignons?« fragte er Irene mit der Stimme eines Liebhabers; »du solltest zu Snileybob gehen – da bekommst du sie frisch. Diese kleinen Leute geben sich nicht die Mühe!«

Irene wandte sich um, ihm zu antworten, und Soames sah, wie Bosinney sie lächelnd beobachtete. Ein sonderbares Lächeln hatte der Mensch; halb einfältig wie ein Kind, das lächelt, wenn es sich freut. An Georges Spitznamen – der Bukanier – dachte er gar nicht mehr. Und als er sah, wie Bosinney sich zu June wandte, lächelte Soames ebenfalls, aber spöttisch – er mochte June nicht, die nicht allzu froh aussah.

Kein Wunder übrigens, denn sie hatte eben folgende Unterhaltung mit James gehabt:

»Auf meinem Rückweg sah ich vom Fluß aus eine schöne Baustelle für ein Haus, Onkel James.«

James, ein langsamer und gründlicher Esser, hielt im Kauen inne.

»Wie?« sagte er. »Wo war es denn?«

»Dicht bei Pangbourne.«

James nahm einen Bissen Schinken in den Mund, und June wartete.

» Du weißt doch wohl nicht, ob das Land dort herum verkäuflich ist?« fragte er schließlich. » Du wirst doch nichts über den Preis der Grundstücke da draußen wissen?«

»Doch,« sagte June. »Ich habe mich erkundigt.« Ihr resolutes Gesichtchen unter der Kupferkrone glühte in verdächtigem Eifer.

James musterte sie mit der Miene eines Inquisitors.

»Was? Du denkst doch nicht etwa daran Land zu kaufen?« rief er und ließ die Gabel sinken.

June ermutigte sein Interesse sehr. Es war lange ihr Lieblingsplan gewesen, daß ihre Oheime sich und Bosinney zum Nutzen, von diesem Landhäuser bauen lassen sollten.

»Natürlich nicht,« sagte sie. »Ich dachte nur, es wäre ein so prächtiger Platz für – dich oder – sonst jemand, um dort ein Landhaus zu bauen!«

James sah sie von der Seite an und nahm einen zweiten Bissen von dem Schinken.

»Land muß dort herum sehr teuer sein,« sagte er.

Was June für persönliches Interesse gehalten hatte, war nur die unpersönliche Erregung jedes Forsyte, der hörte, daß etwas Vorteilhaftes in andere Hände überzugehen droht. Aber sie wollte das Schwinden ihrer Aussichten nicht sehen und verfolgte ihren Zweck weiter.

»Du solltest aufs Land ziehen, Onkel James. Ich wollt, ich hätte einen Haufen Geld, dann bliebe ich keinen Tag länger in London.«

James war bis ins Innerste seiner langen, dürren Gestalt empört. Er hatte keine Ahnung davon, daß seine Nichte so verwegene Ansichten hegte.

»Warum ziehst du nicht aufs Land?« wiederholte June, »es wäre ein wahres Glück für dich!«

»Warum?« begann James erregt. »Land kaufen – was glaubst du, hätte ich vom Landkaufen, und Häuserbauen? – Ich bekäme nicht vier Prozent für mein Geld!«

»Was schadet das? Du hättest frische Luft.«

»Frische Luft!« rief James aus; »was soll mir frische Luft –«

»Ich dächte, jeder liebt es, frische Luft zu haben,« sagte June verächtlich.

James wischte sich mit der Serviette über den Mund.

»Du kennst den Wert des Geldes nicht,« sagte er und wich ihrem Blicke aus.

»Nein! Und das werde ich hoffentlich nie!«

Die arme June biß sich in unsagbarer Entrüstung auf die Lippen und schwieg.

Warum waren ihre eigenen Verwandten so reich, und Phil wußte nie, wo er am nächsten Tag das Geld für den Tabak hernehmen sollte. Warum konnten sie nicht etwas für ihn tun? Aber sie waren so selbstsüchtig. Warum konnten sie nicht Landhäuser bauen? Sie hatte noch jenen festen naiven Glauben, der so rührend ist und zuweilen so Großes vollbringt. Bosinney, dem sie sich in ihrer Niedergeschlagenheit zuwandte, unterhielt sich mit Irene, und ein Frösteln erfaßte Junes Seele. Ihre Augen wurden starr vor Zorn, wie die des alten Jolyon, wenn man sich ihm widersetzte.

Auch James war ganz verstört. Ihm war, als habe jemand ihm das Recht bestritten, sein Geld mit fünf Prozent anzulegen. Jolyon hatte sie verzogen. Von seinen Töchtern hätte keine so etwas gesagt. James war gegen seine Kinder immer sehr freigebig gewesen, und das Bewußtsein davon ließ es ihn noch tiefer fühlen. Er stocherte verdrießlich in seinen Erdbeeren, dann überschwemmte er sie mit Sahne und verzehrte sie rasch; sie wenigstens sollten ihm nicht entgehen.

Kein Wunder, daß er außer sich war. Seit vierundfünfzig Jahren (er war so früh das Gesetz es erlaubte als Anwalt zugelassen worden) hatte er Hypotheken zu ordnen, Geld zu hohen und dabei sicheren Zinsen anzulegen, Geschäfte nach dem Grundsatz zu leiten, aus andern Leuten so viel wie möglich herauszuholen, sofern es mit der Sicherheit für seine Klienten und ihn selbst zu vereinigen war, und bei den Berechnungen der genauen pekuniären Möglichkeiten in allen Lebenslagen war er schließlich dazu gekommen, nur noch in Geldbegriffen zu denken. Geld war jetzt sein Licht, sein Mittel zu sehen, ohne das er tatsächlich unfähig war zu sehen, wirklich nichts zu erkennen vermochte; und daß man ihm ins Gesicht sagen konnte: »Hoffentlich werde ich nie den Wert des Geldes kennen lernen!« betrübte und empörte ihn. Er wußte, daß es Unsinn war, sonst hätte es ihn erschreckt. Wohin sollte es noch kommen in der Welt! Aber plötzlich fiel ihm die Geschichte des jungen Jolyon ein, und das tröstete ihn ein wenig, was konnte man schließlich erwarten mit einem solchen Vater! Seine Gedanken wurden dadurch auf eine noch unerfreulichere Bahn geleitet. Was bedeutete denn all dies Gerede über Soames und Irene?

Wie in allen Familien, die etwas auf sich halten, hatte sich ein Stapelplatz gebildet, an dem die Familiengeheimnisse ausgetauscht und der Familienschatz bewertet wurde. Es war an der Forsytebörse bekannt, daß Irene ihre Heirat bereute. Aber ihre Reue wurde gemißbilligt. Sie hätte es sich vorher überlegen sollen; keine zuverlässige Frau täuscht sich in solchen Dingen.

James sagte sich verstimmt, daß sie doch ein hübsches, wenn auch ziemlich kleines Haus in ausgezeichneter Lage hatten, keine Kinder und keine Geldsorgen. Soames war in bezug auf seine Angelegenheiten sehr zurückhaltend, aber er mußte doch allmählich ein sehr wohlhabender Mann werden. Er hatte ein vorzügliches Einkommen aus dem Geschäft – denn Soames war wie sein Vater Teilhaber der wohlbekannten Anwaltfirma Forsyte, Bustard und Forsyte – und war immer sehr vorsichtig gewesen. Es war ihm ganz ungewöhnlich gut mit einigen Hypotheken geglückt, die er aufgenommen hatte – dazu eine kleine rechtzeitige Pfändung – höchst glückliche Treffer!

Es gab keinen Grund für Irene, nicht glücklich zu sein, und doch hieß es, sie habe getrennte Zimmer verlangt. Er wußte, worauf das hinauslief. Wenn Soames noch ein Trinker gewesen wäre!

James sah zu seiner Schwiegertochter hinüber. Sein unbemerkter Blick war kalt und unsicher. Es lag Furcht und Anklage darin und ein Gefühl persönlichen Kummers. Warum blieb ihm dieser Ärger nicht erspart? Wahrscheinlich war alles Unsinn. Frauen sind eben komische Geschöpfe! Sie übertreiben so, man weiß nie, was man ihnen glauben soll; und dann, ihm sagte keiner was, er mußte alles allein herausfinden. Wieder blickte er verstohlen zu Irene hin, und von ihr hinüber zu Soames. Dieser hörte Tante Juley zu und warf dabei unter seinen Brauen einen Blick auf Bosinney.

»Er liebt sie, das weiß ich,« dachte James. »Man sieht es an der Art, wie er sie immer beschenkt.«

Und das außerordentlich Unbillige ihrer Abneigung traf ihn mit erhöhter Gewalt. Wirklich schade, sie war ein liebes kleines Ding, und er, James, hätte sie wirklich lieb gehabt, wenn sie es nur erlaubt hätte. Seit kurzem war sie sehr vertraut mit June; das war nichts für sie, das war ganz gewiß nichts für sie. Sie fing an, eigene Ansichten zu haben. Was wollte sie denn eigentlich damit. Sie hatte ein schönes Heim und alles, was sie nur wünschen konnte. Man müßte ihre Freunde für sie wählen. Es weiter gehen zu lassen wie bisher, wäre gefährlich.

Gewohnt, Unglückliche unter ihren Schutz zu nehmen, hatte June Irene tatsächlich ein Geständnis abgelockt und ihrerseits dann die Notwendigkeit gepredigt, dem Übel, selbst durch eine Trennung, wenn es sein mußte, Trotz zu bieten. Aber Irene hatte diesen Ratschlägen gegenüber nachdenklich geschwiegen, als fände sie den Gedanken fürchterlich, mit kaltem Blut einen solchen Kampf durchzuführen. Er würde sie nie freigeben, hatte sie zu June gesagt.

»Was macht das?« rief June, »laß ihn tun was er mag – wenn du nur daran festhältst!« Und sie hatte kein Bedenken gehabt, bei Timothy einige Andeutungen darüber zu machen. Als James davon hörte, war er natürlich entrüstet und erschrocken.

Wenn Irene es sich nun wirklich in den Kopf setzte, Soames – er konnte den Gedanken kaum zu Ende denken – zu verlassen? Aber dieser Gedanke schien ihm so unerträglich, daß er ihn schnell von sich schob. Was für dunkle Visionen er heraufbeschwor, dies Familiengetuschel, das ihm im Ohre summte, dies Entsetzen, daß so etwas in seiner Nähe, bei einem seiner Kinder geschehen konnte! Glücklicherweise hatte sie kein Geld – elende fünfzig Pfund im Jahre! Und er dachte mit Verachtung an den verstorbenen Heron, der ihr nichts hatte hinterlassen können. Über seinem Glase brütend, hatte er die langen Beine unterm Tisch übereinander geschlagen und versäumte aufzustehen, als die Damen das Zimmer verließen. Er mußte mit Soames sprechen – mußte ihn warnen; so konnte es nicht weitergehen, nachdem eine solche Möglichkeit vor ihm aufgetaucht war. Und er bemerkte verstimmt und unwillig, daß June ihr gefülltes Weinglas hatte stehen lassen.

»Das kleine Ding ist an allem schuld,« dachte er. »Irene wäre von selbst nie darauf gekommen.« James hatte Phantasie.

Swithins Stimme erweckte ihn aus seiner Träumerei.

»Ich gab vierhundert Pfund dafür,« sagte er. »Es ist aber auch ein wirkliches Kunstwerk.«

»Vierhundert! Hm! Ein Haufen Geld!« stimmte Nicholas ein.

Der Gegenstand, um den es sich handelte, war eine sorgfältig gearbeitete Gruppe aus italienischem Marmor, die auf einem hohen Sockel (ebenfalls von Marmor) stand und eine Atmosphäre von Kultur im ganzen Zimmer verbreitete. Die Nebenfiguren, es waren deren sechs, weiblich und nackt, von höchst zierlicher Arbeit, wiesen alle auf die Mittelfigur hin, die ebenfalls weiblich und nackt war und auf sich selbst wies; und alles dies gab dem Beschauer eine lebhafte Empfindung ihres hohen Wertes. Tante Juley, die ihr gerade gegenüber gesessen, hatte es den ganzen Abend die größte Schwierigkeit bereitet, sie nicht anzusehen.

»Vierhundert Goldfüchse! Du wirst mir doch nicht weißmachen, daß du dafür vierhundert Pfund gegeben hast?« sagte der alte Jolyon jetzt, durch den die ganze Diskussion veranlaßt war.

Zwischen den Ecken seines Kragens machte Swithins Kinn die zweite schmerzhafte Bewegung. »Vier–hundert – Pfund in gutem englischen Geld, keinen Heller weniger. Es reut mich nicht. Es ist nicht gewöhnliche englische Arbeit – sondern echte, modern italienische!«

Soames' Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln und er sah zu Bosinney hinüber. Der Architekt grinste hinter den Dampfwolken seiner Zigarette. Jetzt allerdings, sah er wirklich eher wie ein Bukanier aus.

»Es steckt eine Menge Arbeit darin,« bemerkte James eifrig, denn die Größe der Gruppe machte sichtlich Eindruck auf ihn. »Man bekäme bei Jobson sicher einen guten Preis dafür.«

»Der arme fremde Dei–bel, der das gemacht hat, forderte fünfhundert – ich gab ihm vier. Wert ist es acht. Sah halb verhungert aus, der arme Dei–bel!«

»Ach ja!« stimmte Nicholas plötzlich ein, »arme schäbige Gesellen, diese Künstler. Es ist mir ein Rätsel, wie sie leben. Da ist zum Beispiel dieser junge Flageoletti, den Fanny und die Mädchen immer zum Geigen kommen lassen; wenn's hoch kommt, verdient er hundert Pfund im Jahr!«

James schüttelte den Kopf. »Ja,« sagte er, » ich weiß nicht wie sie leben!«

Der alte Jolyon hatte sich erhoben und sah sich, mit der Zigarre im Munde, die Gruppe in nächster Nähe an.

»Hätte nicht zweihundert dafür gegeben!« sagte er schließlich.

Soames sah seinen Vater und Nicholas einen besorgten Blick wechseln, und an der andern Seite, neben Swithin, saß Bosinney noch immer in Rauch gehüllt.

»Möchte wissen, was er davon hält?« dachte Soames, der wohl wußte, daß diese Gruppe hoffnungslos vieux jeu war, hoffnungslos der vorigen Generation angehörte. Derlei Kunstwerke gingen bei Jobson nicht mehr.

Endlich kam Swithins Antwort. »Du hast nie was von Skulpturen verstanden; du hast deine Bilder, und damit gut!«

Der alte Jolyon ging an seinen Platz zurück und paffte an seiner Zigarre. Fiel ihm nicht ein, sich mit einem so eigensinnigen Starrkopf wie Swithin auf Argumente einzulassen, der störrisch war wie ein Maulesel und eine Statue von einem – Strohhut nicht unterscheiden konnte.

»Stuck!« war alles was er sagte.

Es war seit lange eine psychische Unmöglichkeit für Swithin, aufzuspringen; er schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Stuck! Ich möchte in deinem Hause mal etwas sehen, das nur halb so gut wäre!«

Und hinter seinen Worten schien abermals jene leidenschaftliche Gewaltsamkeit früherer Generationen hervorzutönen.

Es gelang James, die Situation zu retten.

»Und was sagen denn Sie dazu, Mr. Bosinney? Sie sind Architekt, Sie müssen mit Statuen und dergleichen doch Bescheid wissen!«

Aller Augen waren auf Bosinney gerichtet; jeder wartete mit seltsam mißtrauischem Blick auf seine Antwort.

Und Soames, der zum ersten Mal das Wort ergriff, fragte:

»Ja, Bosinney, was meinen Sie?«

Bosinney erwiderte gelassen:

»Es ist eine bemerkenswerte Arbeit.«

Seine Worte waren an Swithin gerichtet, seine Augen lächelten verschmitzt dem alten Jolyon zu; aber Soames war unbefriedigt.

»Bemerkenswert, weswegen?«

»Wegen ihrer Naivität.«

Der Antwort folgte ein eindrucksvolles Schweigen. Nur Swithin war nicht sicher, ob ein Kompliment beabsichtigt war.

Viertes Kapitel
Bauprojekte für das Haus

Drei Tage nach der Mittagsgesellschaft bei Swithin trat Soames Forsyte durch seine grüngestrichene Haustür, und als er von der andern Seite des Squares zurückblickte, befestigte sich der Eindruck, daß das Haus eines neuen Anstrichs bedurfte.

Er hatte seine Frau, mit gekreuzten Händen im Schoß, auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzend verlassen; sie hatte augenscheinlich auf sein Fortgehen gewartet. Das war nichts Ungewöhnliches. Es geschah eigentlich jeden Tag.

Er begriff nicht, was sie an ihm auszusetzen hatte. Wenn er noch ein Trinker gewesen wäre! Stürzte er sich in Schulden, spielte oder fluchte er, war er gewalttätig oder hatte er leichtsinnige Freunde? Blieb er die Nächte fort? Im Gegenteil.

Die tiefe, unterdrückte Abneigung, die er seiner Frau anmerkte, war ihm ein Mysterium und eine Quelle der furchtbarsten Aufregung. Daß sie sich getäuscht hatte und ihn nicht liebte, daß sie versucht hatte ihn zu lieben und es nicht vermochte, war doch kein Grund dazu.

Wer eine so fernliegende Ursache dafür suchte, daß seine Frau nicht gut mit ihm stand, war sicherlich kein Forsyte.

Soames war darum geneigt, Irene allein alle Schuld zuzuschreiben. Er war nie einer Frau begegnet, die eine so allgemeine Bewunderung erregte. Wo er sich mit ihr zeigte, mußte er sehen, welche Anziehungskraft sie auf die Männer ausübte; ihre Blicke, ihre Mienen und Stimmen verrieten es. Irenens Benehmen war bei diesem Aufsehen über jeden Tadel erhaben. Daß sie eine jener Frauen war – sie sind nicht häufig in der angelsächsischen Rasse – die zum Lieben und Geliebtwerden geboren sind und ohne Liebe nicht leben können, war ihm wahrscheinlich nie in den Sinn gekommen. Ihre Anziehungskraft sah er für einen Teil ihres Wertes als sein Eigentum an; aber sie erweckte allerdings auch die Vermutung in ihm, daß sie ebenso geben könne wie nehmen; und ihm gab sie nichts! »Warum hat sie mich dann geheiratet?« fragte er sich beständig. Er hatte vergessen, wie er um sie geworben; hatte jene anderthalb Jahre vergessen, wo er sie belagert und ihr nachgestellt hatte, wo er Pläne zu ihrem Vergnügen geschmiedet, ihr Geschenke gebracht, immer wieder seinen Antrag wiederholt und durch seine beständige Anwesenheit ihre übrigen Verehrer verscheucht hatte. Er hatte jenen Tag vergessen, an dem er geschickt einen heftigen Ausbruch ihres Widerwillens gegen ihre häusliche Umgebung ausgenutzt hatte und seine Bemühungen von Erfolg gekrönt sah. Wenn noch etwas in seiner Erinnerung haftete, so war es die schnöde Launenhaftigkeit, mit der das goldhaarige, dunkeläugige Mädchen ihn behandelt hatte. Sicherlich erinnerte er sich nicht des Ausdrucks in ihrem Gesicht – jenes seltsamen, duldenden, anklagenden Blickes – als sie sich eines Tages plötzlich ergab und sagte, daß sie ihn heiraten wolle.

Es war ein Werben voll inniger Hingebung gewesen, wie es in Büchern und von den Menschen gepriesen wird, wo der Liebende nach langem geduldigen Harren schließlich belohnt wird und mit den Hochzeitsglocken ein ewiges Glück beginnt.

Soames ging, verdrießlich auf der Schattenseite der Straße hinschleichend, dem Osten zu.

Das Haus mußte neu gestrichen werden, wenn er sich nicht entschloß aufs Land zu ziehen und zu bauen.

Zum hundertsten Mal in diesem Monat überdachte er diesen Plan. Sich zu überstürzen hatte keinen Zweck! Er lebte in sehr behaglichen Verhältnissen, mit seinem wachsenden Einkommen das fast dreitausend Pfund im Jahr betrug; aber sein angelegtes Vermögen war vielleicht nicht so groß wie sein Vater glaubte – James neigte zu der Annahme, daß es seinen Kindern besser ging, als es der Fall war. »Achttausend kann ich leicht aufbringen,« dachte er, »ohne Robertson oder Nicholl in Anspruch zu nehmen.«

Er war stehen geblieben, um sich einen Bilderladen anzusehen, denn Soames war ein ›Liebhaber‹ von Bildern und hatte Montpellier Square Nummer 62 ein kleines Zimmer, wo an der Wand aufgestapelt eine Menge Gemälde standen, die aufzuhängen er keinen Platz hatte. Er brachte sie, gewöhnlich in der Dämmerung, auf seinem Wege aus der City mit nach Haus und pflegte sich an Sonntag-Nachmittagen in diesem Zimmer aufzuhalten, wo er Stunden damit zubrachte, die Bilder gegen das Licht zu wenden, die Zeichen auf ihrer Rückseite zu prüfen und sich gelegentlich Notizen zu machen.

Es waren fast nur Landschaften mit Figuren im Vordergrund, ein Zeichen geheimer Auflehnung gegen London, gegen die großen Häuser, die endlosen Straßen, wo sein Leben und das Leben der Seinen und seiner Klasse sich abspielte. Von Zeit zu Zeit nahm er dann ein oder zwei Bilder in einer Droschke mit und hielt auf dem Wege in die Stadt bei Jobson an.

Er zeigte sie selten jemand. Irene, auf deren Urteil er im geheimen etwas gab und es vielleicht darum nie forderte, kam nur bei seltenen Gelegenheiten in das Zimmer, um irgend eine Hausfrauenpflicht zu erledigen. Er forderte sie nicht auf, die Bilder anzusehen, und sie tat es auch niemals. Das war für Soames ein neuer Kummer. Er haßte ihren Stolz und fürchtete ihn heimlich.

Aus der Spiegelscheibe des Bilderladens schaute sein eigenes Bild ihn an.

Sein schlichtes Haar unter der Krempe des großen Hutes hatte einen Glanz wie der Hut selbst. Seine blassen schmalen Wangen, die Linie seiner glatt rasierten Lippen, das feste Kinn mit dem vom Rasieren grauen Schimmer und die zugeknöpfte Straffheit seines schwarzen Schoßrockes machten einen Eindruck von Zurückhaltung und Verschwiegenheit, von unerschütterlicher, sicherer Gelassenheit; aber seine kalten grauen Augen mit dem gespannten Blick und der Falte zwischen den Brauen, musterten ihn nachdenklich, als wüßten sie von einer geheimen Schwäche.

Er sah nach dem Gegenstand der Bilder, dem Namen der Maler und berechnete ihren Wert, aber ohne die Befriedigung, die ihm dieses innerliche Taxieren sonst gewährte, und ging weiter.

Nummer 62 würde für ein weiteres Jahr völlig ausreichen, wenn er sich entschloß zu bauen! Die Zeiten waren günstig zum Bauen, Geld war seit Jahren nicht so teuer gewesen; und die Baustelle, die er bei Robin Hill gesehen hatte, als er im Frühjahr hingefahren war um Nicholls Hypotheken zu prüfen – wo konnte er eine bessere finden! Zwölf Meilen von Hyde Park Corner gelegen, würde der Wert des Bodens sicher steigen und immer mehr einbringen als er dafür zahlte, so daß ein wirklich in gutem Stil gebautes Haus die beste Kapitalanlage war.

Das Bewußtsein, der einzige in der Familie zu sein, der ein Landhaus besaß, kam bei ihm kaum in Betracht, denn für einen echten Forsyte waren Gefühle, selbst das Gefühl der gesellschaftlichen Stellung, ein Luxus, den man sich erst gestatten durfte, nachdem das Verlangen nach mehr materiellen Freuden gestillt war.

Irene aus London fortbringen, ihr die Möglichkeit nehmen auszugehen und Leute zu sehen, sie von ihren Freunden trennen und von allen die ihr den Kopf verdrehten! Das war's! Sie war zu dick befreundet mit June! June konnte ihn nicht leiden. Er erwiderte dies Gefühl. Sie waren von gleichem Blut.

Alles wäre gewonnen, wenn er Irene aus der Stadt herausbekommen konnte. Das Haus würde ihr gefallen, und es machte ihr vielleicht Spaß, sich an der Ausschmückung mit zu beteiligen, sie hatte sehr künstlerische Anlagen!

Das Haus mußte in gutem Stil gebaut sein, so daß immer ein guter Preis zu erzielen war, mußte etwas Eigenartiges sein, wie das letzte Haus von Parker, das einen Turm hatte. Aber Parker hatte ihm selbst gesagt, sein Baumeister habe ihn ruiniert. Man wisse nie, woran man mit diesen Leuten sei. Hatten sie einen Namen, so veranlaßten sie einen zu Ausgaben ohne Ende und wären noch dünkelhaft obendrein.

Und einen gewöhnlichen Architekten zu wählen, hatte keinen Sinn – der Gedanke an Parkers Turm schloß die Verwendung eines gewöhnlichen Architekten aus.

Darum hatte er an Bosinney gedacht. Nach der Gesellschaft bei Swithin hatte er Erkundigungen eingezogen, deren Resultat dürftig aber ermutigend war:

»Einer von der neuen Richtung.«

»Tüchtig?«

»Das wohl – aber ein bißchen – ein bißchen hoch hinaus!«

Es war ihm nicht gelungen ausfindig zu machen, was für Häuser Bosinney gebaut hatte, noch wie seine Preise waren. Er hatte den Eindruck gewonnen, als würde er selber die Bedingungen stellen können. Je mehr er über die Idee nachdachte, desto besser gefiel sie ihm. Damit würde die Sache in der Familie bleiben, der Gedanke kam den Forsytes förmlich instinktmäßig; und er erhielt es wohl zu Vorzugspreisen, wenn nicht gar unter den billigsten Bedingungen – das war auch ganz in der Ordnung, wenn man bedachte, daß Bosinney Gelegenheit gegeben war, seine Talente zu entfalten, denn das Haus durfte kein gewöhnliches Bauwerk sein.

Soames freute sich bei dem Gedanken an die Aufträge, die es dem jungen Manne sicher einbringen würde; denn wie jeder Forsyte konnte er durch und durch Optimist sein, wenn irgend etwas dabei zu gewinnen war.

Bosinneys Bureau befand sich ganz in der Nähe, in der Sloane Street, so daß er die Pläne beständig würde überwachen können.

Übrigens würde Irene wohl auch nichts dagegen haben London zu verlassen, wenn der Bräutigam ihrer besten Freundin die Sache bekäme. Junes Heirat hing vielleicht davon ab. Irene konnte anstandshalber ihrer Heirat nicht im Wege stehen; das würde sie niemals tun, dazu kannte er sie zu gut. Und June würde sich freuen, darin sah er auch einen Vorteil.

Bosinney sah gescheit aus, aber er machte auch den Eindruck – und das war einer seiner größten Vorzüge – als wäre er nicht recht auf seinen Vorteil bedacht; in Geldsachen war es gewiß leicht, mit ihm fertig zu werden. Soames hatte bei diesen Betrachtungen nicht im Sinne dies auszunutzen; es war eine ganz natürliche Anschauungsweise bei ihm – die Anschauungsweise jedes guten Geschäftsmannes – all der Tausende von guten Geschäftsleuten, an denen vorbei er sich seinen Weg durch Ludgate Hill bahnte.

Er handelte also nach den unerforschlichen Gesetzen seiner großen Klasse – nach den Gesetzen der Natur selbst – wenn er mit einem Gefühl von innerer Zufriedenheit daran dachte, daß es leicht sein würde, in Geldsachen mit Bosinney fertig zu werden.

Während er sich weiter durch das Gewühl drängte, zog die Kuppel des St. Paulsdomes seine Blicke auf sich, die er sonst auf den Boden vor sich geheftet hielt. Dieser alte Dom übte einen eigentümlichen Zauber auf ihn aus, und er pflegte nicht nur einmal, sondern zwei-, dreimal in der Woche seine tägliche Pilgerfahrt zu unterbrechen, hineinzugehen und sich fünf oder zehn Minuten in den Seitenschiffen aufzuhalten, um die Namen und Inschriften auf den Grabmälern zu betrachten. Der Reiz, den diese große Kirche auf ihn ausübte, war unerklärlich, es sei denn, daß es ihm darin gelang, seine Gedanken auf die Angelegenheiten des Tages zu konzentrieren. Wenn irgend eine Sache, die von besonderer Bedeutung war oder besonderen Scharfsinn erforderte, auf seiner Seele lastete, ging er unwandelbar hinein und wanderte mäuschenstill von Inschrift zu Inschrift. Und wenn er dann auf die gleiche geräuschlose Weise wieder umkehrte, pflegte er, jedesmal ein klein wenig mehr eigensinnige Entschlossenheit in seinem Gang, die Straße hinaufzugehen, als hätte er etwas gesehen, das zu kaufen er sich vorgenommen hatte.

Auch an diesem Morgen ging er hinein, aber anstatt sich von Grabmal zu Grabmal zu stehlen, richtete er die Augen empor zu den Säulen und Wandflächen und blieb regungslos stehen.

Sein emporgewandtes Gesicht mit dem andächtigen, ehrfurchtsvollen Ausdruck, den Gesichter in der Kirche anzunehmen pflegen, war weiß wie Kalk geworden in dem weiten Gebäude. Die behandschuhten Hände hatte er vor sich über dem Griffe seines Schirmes gefaltet. Er hob sie in die Höhe. Eine heilige Eingebung war vielleicht über ihn gekommen.

»Ja,« dachte er, »ich muß Platz haben, um meine Bilder aufzuhängen.«

An demselben Abend sprach er auf seinem Heimweg aus der Stadt in Bosinneys Bureau vor. Er traf den Architekten in Hemdärmeln, eine Pfeife rauchend und im Begriff, den Grundriß eines Planes zu zeichnen. Soames lehnte einen Trunk ab und kam sogleich zur Sache.

»Wenn Sie am Sonntag nichts Besseres vorhaben, kommen Sie mit mir nach Robin Hill und sagen Sie mir Ihre Ansicht über eine Baustelle.«

»Sie wollen bauen?«

»Vielleicht,« sagte Soames. »Aber sprechen Sie nicht darüber. Ich möchte nur Ihre Ansicht wissen.«

»Sehr wohl,« sagte Bosinney.

Soames sah sich im Zimmer um.

»Sie wohnen hier ziemlich hoch,« bemerkte er.

Was er über Art und Zweck von Bosinneys Tätigkeit nur erfahren konnte, war von Nutzen für ihn.

»Für mich ist es so weit gut genug,« erwiderte der Architekt. »Sie sind an Protzen gewöhnt.«

Er klopfte seine Pfeife aus, steckte sie aber leer wieder zwischen die Zähne; es half ihm vielleicht, die Unterhaltung im Gange zu erhalten. Soames bemerkte eine Höhlung in jeder Wange, die vom Saugen herzurühren schien.

»Was zahlen Sie für ein Bureau wie dieses?« fragte er.

»Fünfzig zu viel,« erwiderte Bosinney.

Die Antwort machte einen günstigen Eindruck auf Soames.

»Es ist wahrscheinlich teuer,« sagte er. »Ich komme dann Sonntag gegen elf zu Ihnen.«

Am nächsten Sonntag holte er also Bosinney in einer Droschke ab und fuhr mit ihm zum Bahnhof. Als sie in Robin Hill eintrafen, fanden sie keinen Wagen, und machten sich auf, die anderthalb Meilen bis zu der Baustelle zu Fuß zu gehen.

Es war der erste August – ein herrlicher Tag mit glühender Sonne und wolkenlosem Himmel – und auf dem geraden schmalen Wege, der den Hügel hinauf führte, wirbelten ihre Füße einen gelben Staub auf.

»Kiesboden,« bemerkte Soames und warf von der Seite einen Blick auf den Rock, den Bosinney trug. In den Seitentaschen dieses Rockes steckten Papierbündel, und unter dem Arm trug er einen sonderbar aussehenden Stock. Soames merkte sich diese und andere Eigenheiten.

Nur ein gescheiter Mensch oder allenfalls ein ›Bukanier‹ durfte sich in seinem Äußeren solche Freiheiten erlauben; und obwohl Soames diese Exzentrizitäten zuwider waren, gewährten sie ihm doch auch wieder eine gewisse Befriedigung, da sie auf Eigenschaften schließen ließen, die einen unbedingten Vorteil für ihn bedeuteten. Wenn der Mann Häuser bauen konnte, was kam es dann auf seine Kleider an?

»Ich sagte Ihnen schon,« begann er, »daß dies Haus eine Überraschung sein soll, sprechen Sie also nicht darüber. Ich rede nie über meine Angelegenheiten, bis sie erledigt sind.«

Bosinney nickte.

»Weiht man erst die Weiber in seine Pläne ein,« fuhr Soames fort, »so weiß man nie, wohin das führt.«

»Ja,« sagte Bosinney, »Weiber sind des Teufels!«

Im Grunde seines Herzens hatte Soames seit lange so gefühlt; er hatte es jedoch nie in Worte gekleidet.

»Ah!« murmelte er. »Und nun haben Sie –« Er stockte, fügte aber mit unverhohlenem Ärger hinzu: »June besitzt ein Temperament! – schon von jeher.«

»Temperament ist nichts Schlimmes bei einem Engel.«

Soames hatte Irene nie einen Engel genannt. Er hätte seine besten Empfindungen nicht dadurch entweihen können, daß er anderen Leuten das Geheimnis ihres Wertes enthüllte und sich so gehen ließ. Er erwiderte nichts.

Sie hatten einen neu angelegten Weg quer über ein Gehege eingeschlagen. Sine Karrenspur führte im rechten Winkel zu einer Kiesgrube, dahinter erhoben sich die Schornsteine eines Häuschens inmitten einer Baumgruppe am Rande eines dichten Waldes. Büschel von Federgras bedeckten den rauhen Boden und daraus stiegen Lerchen in den Sonnendunst empor. Am fernen Horizont erhob sich über einer zahllosen Reihe von Feldern und Hecken eine Hügelkette.

Soames ging voran, bis sie die gegenüberliegende Seite erreicht hatten und machte Halt. Es war die gewählte Baustelle; aber jetzt, da er im Begriff war, einem andern den Platz zu zeigen, war er unsicher geworden.

»Der Agent wohnt in dem Häuschen dort,« sagte er, »man kann bei ihm etwas zu essen bekommen – wir wollen lieber erst frühstücken, bevor wir uns die Sache ansehen.«

Er ging wieder voran bis zu dem Haus, wo der Agent, ein Mann namens Oliver, mit einem plumpen Gesicht und ergrautem Bart, sie begrüßte. Während des Frühstücks, das Soames kaum berührte, wandte er keinen Blick von Bosinney und wischte sich mit seinem Taschentuch ein paarmal verstohlen über die Stirn. Endlich war das Mahl beendet und Bosinney erhob sich.

»Sie haben gewiß Geschäftliches zu besprechen,« sagte er, »ich will mich indessen draußen ein wenig umschauen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, schlenderte er hinaus.

Soames war Anwalt für dieses Besitztum und brachte beinahe eine Stunde in der Gesellschaft des Agenten zu, besichtigte Grundstückspläne und sprach über die Hypotheken Nicholls und anderer; dann brachte er wie zufällig das Gespräch auf den Bauplatz.

»Die Leute,« sagte er, »sollten mir im Preise entgegenkommen, da ich als erster hier bauen will.«

Oliver schüttelte den Kopf.

»Der Platz, den Sie aussuchten, ist der billigste, den wir haben. Die Baustellen auf der Höhe oben sind ein gut Teil teurer.«

»Übriges,« sagte Soames, »ich bin noch nicht entschlossen, leicht möglich, daß ich gar nicht baue. Die Grundsteuer ist sehr hoch.«

»Es täte mir sehr leid, Mr. Forsyte, wenn Sie es aufgeben würden, und ich glaube, Sie tun nicht recht daran. Es gibt in der Nähe von London kein Stück Land mit einer solchen Aussicht, und keins, das billiger wäre, wenn alles mit in Betracht gezogen wird. Wir brauchten nur zu annoncieren, und eine Unmenge von Leuten risse sich darum.«

Sie sahen sich beide an. Ihre Gesichter sagten sehr deutlich: »Ich achte dich als Geschäftsmann, aber du kannst nicht erwarten, daß ich ein Wort von dem glaube, was du sagst.«

»Also,« wiederholte Soames, »ich bin noch nicht entschlossen, es wird wahrscheinlich nichts aus der Sache werden!« Mit diesen Worten nahm er seinen Schirm, dann reichte er dem Agenten seine frostige Hand, zog sie ohne den geringsten Druck wieder zurück und ging hinaus in die Sonne.

In tiefem Nachdenken kehrte er langsam zurück zu der Baustelle. Sein Instinkt sagte ihm, daß der Agent recht hatte. Ein billiger Bauplatz. Und das Beste daran war, er wußte, daß der Agent ihn gar nicht für so billig hielt; sein eigenes intuitives Urteil über die Sachlage war also ein Sieg über das des Agenten.

»Billig oder nicht, ich muß ihn haben,« dachte er.

Die Lerchen zu seinen Füßen flatterten auf, die Luft war voll von Schmetterlingen, und ein süßer Wohlgeruch stieg aus den wilden Gräsern empor. Der zarte Duft der Farnkräuter wehte leis vom Walde herüber, wo im Dickicht verborgen, die Tauben girrten, und fernher kam mit einem warmen Lüftchen der rhythmische Klang von Kirchenglocken.

Soames heftete die Augen beim Gehen auf den Boden, seine Lippen öffneten und schlossen sich, wie im Vorgeschmack eines leckeren Bissens. Aber als er bei dem Bauplatz anlangte, war Bosinney nirgends zu erblicken. Nachdem er eine Weile gewartet hatte, ging er quer über das Gehege in der Richtung auf die Anhöhe zu. Er hätte gern gerufen, fürchtete sich aber vor dem Klang seiner Stimme.

Das Gehege war einsam wie eine Prärie, nur durch das Rascheln der Kaninchen, die in ihre Löcher schlüpften, und den Gesang der Lerchen wurde die Stille unterbrochen.

Soames, der Bahnbrecher und Anführer der großen Forsytearmee, die heranrückte, diese Wildnis zu zivilisieren, fühlte sich bedrückt durch diese Einsamkeit, den unsichtbaren Gesang und die heiße süße Luft. Er war schon im Begriff umzukehren, als er endlich Bosinney entdeckte.

Der Architekt lag lang ausgestreckt unter einer hohen Eiche mit vom Alter geborstenem Stamm und einem ungeheuren Dach von Zweigen und Laub, die am Rande der Anhöhe stand.

Soames mußte seine Schulter berühren, ehe er aufblickte.

»Ah! Forsyte,« sagte er, »ich hab einen Platz für Ihr Haus gefunden. Da, sehen Sie!«

Soames sah ihn sich an und sagte dann kühl:

»Alles sehr gut und schön, aber dieser Platz würde mich noch einmal so viel kosten.«

»Zum Henker mit den Kosten, Mensch! Sehen Sie sich die Aussicht an!«

Fast ihnen zu Füßen erstreckte das reife Korn sich bis zu einem kleinen dunkeln Wäldchen drüben, wo es sich verlor. Weite Felder und Hecken dehnten sich bis zu dem fernen graublauen Hügelland. Zur Rechten sah man in einem silbernen Streifen den Lauf des Flusses.

Der Himmel war so blau und die Sonne so strahlend, daß es war, als herrsche ein ewiger Sommer über dieser Gegend. Taumelig im reinen Äther wirbelten die Flocken der Distelblüte rund um sie her. Die Hitze tanzte über dem Korn, und alles durchdringend ward sie zu einem leisen, unmerklichen Summen zwischen Himmel und Erde, festlich wie das Gemurmel fröhlicher Minuten.

Soames sah sich um. Unwillkürlich schwellte etwas ihm die Brust. Hier im Anblick von alledem zu leben, es seinen Freunden zeigen zu können, sich darüber zu unterhalten, es zu besitzen! Seine Wangen glühten. Die Hitze, der Glanz, die Glut nahmen seine Sinne gefangen wie vor vier Jahren Irenens Schönheit seine Sinne gefangen genommen und in ihm das Verlangen nach ihr erweckt hatten. Er warf verstohlen einen Blick auf Bosinney, dessen Augen, die Augen des ›Jahrmarkt-Tigers‹, wie der Kutscher ihn genannt hatte, wild über die Landschaft zu schweifen schienen. Die Sonne fiel auf die vorspringenden Teile seines Gesichts, auf die vorstehenden Backenknochen, die Spitze seines Kinns und die vertikalen Erhöhungen über den Brauen. Und Soames beobachtete dies kräftige, enthusiastische, unbekümmerte Gesicht mit einem unbehaglichen Gefühl.

Eine lange leise Windwelle kräuselte das Korn und wehte ihnen einen warmen Lufthauch ins Gesicht.

»Ich könnte Ihnen hier ein Mordsding herbauen,« sagte Bosinney, der endlich das Schweigen unterbrach.

»Das will ich meinen,« erwiderte Soames trocken. »Sie brauchen es nicht zu bezahlen.«

»Für etwa achttausend könnte ich Ihnen einen Palast bauen.«

Soames war sehr blaß geworden – er kämpfte mit sich. Er senkte die Augen und sagte eigensinnig:

»Das kann ich mir nicht leisten.«

Und langsam schritt er mit seinem schleichenden Gang den Weg zu der ersten Baustelle zurück.

Sie verbrachten dort einige Zeit, da sie die Einzelheiten des geplanten Hauses besprachen, und Soames begab sich dann nochmals in das Haus des Agenten.

Nach etwa einer halben Stunde kam er wieder heraus und ging mit Bosinney zum Bahnhof.

»Also,« sagte er, kaum die Lippen öffnend, »ich habe schließlich doch Ihre Baustelle genommen.«

Dann schwieg er wieder und dachte betroffen darüber nach, wie es gekommen war, daß dieser Mensch, den er eigentlich verachtete, ihn in seinem eigenen Entschluß hatte wankend machen können.

Fünftes Kapitel
Eine Forsytesche Häuslichkeit

Wie Tausende von Aufgeklärten seiner Klasse und seiner Generation in dem großen London, die nicht mehr an rote Plüschmöbel glauben und wissen, daß moderne italienische Marmorgruppen › vieux jeu‹ sind, bewohnte Soames Forsyte ein Haus, das allen Ansprüchen genügte. Es hatte einen kupfernen Türklopfer von eigenartiger Gestalt, Fenster, die sich nach außen öffnen ließen, hängende, mit Fuchsien gefüllte Blumenbretter, und an der Rückseite (sehr vornehm) einen kleinen, mit nephritgrünen Fliesen belegten Hof, von rosenroten Hortensien in pfaublauen Kübeln umgeben. Hier konnten sich unter einem pergamentfarbenen japanischen Sonnenschirm, der den ganzen Raum bedeckte, Bewohner und Gäste vor neugierigen Blicken schützen, wenn sie ihren Tee tranken und in Muße die neuesten von Soames' kleinen silbernen Dosen betrachteten.

Bei der inneren Einrichtung waren der Empirestil und William Morris bevorzugt. Für seine Größe war das Haus behaglich; überall waren zahllose kleine, Vogelnestern gleichende Nischen, und kleine silberne Nippsachen lagen umher wie Eier.

In dieser allgemeinen Vollkommenheit waren zwei verschiedene Geschmacksrichtungen sehr wählerischer Art mit einander im Streit. Es lebte eine Herrin darin, die sich auf einem wüsten Eiland ein zierliches Heim zu schaffen gewußt hätte, und ein Gebieter, dessen Schönheitssinn, den er nur im Gedanken an sein Emporkommen pflegte, eigentlich eine den Gesetzen des Wettbewerbs entsprechende Kapitalsanlage war.

Dieser berechnete Schönheitssinn hatte bei Soames schon in seiner Schulzeit das Verlangen erweckt, der erste unter den Jungen zu sein, der im Sommer weiße und im Winter Manchesterwesten trug, sie hatte ihn davor bewahrt, öffentlich mit verschobener Krawatte zu erscheinen und ihn veranlaßt, seine Lackstiefel blank zu reiben, wenn sich bei der Schulfeier eine große Menge versammelte, um ihn Molière rezitieren zu hören.

Wie vielen Londonern, war Soames eine makellose Sauberkeit angeboren; es war unmöglich, sich vorzustellen, daß bei ihm ein Härchen in Unordnung geraten könnte, daß seine Krawatte ein Haar breit von der senkrechten Linie abweichen, sein Kragen ohne Glanz sein könnte. Nicht um die Welt hätte er auf sein tägliches Bad verzichtet – es war Mode Bäder zu nehmen, und mit welch bitterer Verachtung sah er auf Leute herab, die es unterließen!

Irene aber konnte man sich als Nymphe vorstellen, die von der Frische und dem Anblick ihrer eigenen holden Gestalt erfreut, in verstecktem Weiher badet.

In diesem häuslichen Konflikt hatte die Frau nachgeben müssen. Wie bei dem Kampf zwischen Sachsen und Kelten, der noch in der Nation fortlebte, war das eindrucksfähigere und empfänglichere Temperament in eine konventionelle Form hineingezwängt worden.

So war das Haus nun von hundert andern Häusern mit den gleichen hohen Ansprüchen kaum zu unterscheiden, war: ›Das reizende kleine Haus von Soames Forsyte geworden, ganz eigenartig – wirklich elegant!‹

Liest man für Soames Forsyte James Peabody, Thomas Atkins, Emmanuel Spagnoletti oder den Namen sonst irgend eines Engländers des besseren Mittelstandes in London, der Anspruch auf guten Geschmack erhebt, so paßt derselbe Satz auf sie, mag die Einrichtung auch verschieden sein.

Am Abend des achten August, eine Woche nach der Expedition nach Robin Hill, saßen im Speisezimmer dieses Hauses, das – ganz eigenartig – wirklich elegant! – war, Soames und Irene bei Tisch. Warmes Mittagessen am Sonntag galt in diesem, wie vielen andern Häusern als eine besondere Vornehmheit. Soames hatte es gleich zu Anfang seiner Ehe zur Bedingung gemacht. »Es muß am Sonntag warmes Mittagessen geben,« pflegte er zu sagen, »sonst haben die Dienstboten nichts zu tun und spielen den ganzen Tag Harmonika.«

Die Anordnung war keinem Widerstand begegnet. Denn – Soames sah es als ein ziemlich bedauerliches Zeichen an – die Dienstboten hingen an Irene, die aller unverletzlichen Tradition zum Trotz, deren Recht auf einen Anteil an den Schwächen der menschlichen Natur anzuerkennen schien.

Das glückliche Paar saß sich nicht gegenüber, sondern an den rechtwinklig zu einander stehenden Seiten des hübschen Tisches aus Rosenholz. Sie speisten ohne Tischtuch – eine besondere Eleganz – und hatten bis jetzt noch kein Wort gesprochen.

Soames liebte es, sich bei Tisch von Geschäften oder seinen Einkäufen zu unterhalten, und solange er sprach, verstimmte Irenens Schweigsamkeit ihn nicht. An diesem Abend aber war es ihm unmöglich zu sprechen. Die Absicht zu bauen hatte ihm die ganze Woche auf der Seele gelastet, und er war entschlossen, es ihr zu sagen.

Die Unruhe angesichts dieser Eröffnung erregte ihn sehr; sie durfte ein solches Gefühl in ihm nicht aufkommen lassen – Mann und Frau waren doch eins. Nicht ein einziges Mal hatte sie ihn angeblickt, seitdem sie sich zu Tisch gesetzt hatten, und er fragte sich, woran sie wohl die ganze Zeit hindurch gedacht haben mochte. Es war hart für einen Mann, der so arbeitete wie er, um Geld für sie zu verdienen – und dazu noch mit diesem Weh im Herzen – wenn sie dasaß und aussah – aussah, als beengten die Wände des Zimmers sie. Es konnte einen Mann vom Tisch vertreiben.

Das rosig gedämpfte Licht der Lampe fiel auf ihren Hals und ihre Arme – Soames sah sie bei Tisch gern im ausgeschnittenen Kleide, es gab ihm ein Gefühl von Überlegenheit über die Mehrzahl seiner Bekannten, deren Frauen sich mit ihren besten hohen Kleidern oder ›Teagowns‹ begnügten, wenn sie zu Hause speisten. Unter dem rosigen Licht bildeten ihr bernsteinfarbenes Haar und die helle Haut einen seltsamen Kontrast zu ihren dunkelbraunen Augen.

Konnte man etwas Hübscheres haben als diesen Speisetisch mit seinen tiefen Farben, den leuchtenden zartblättrigen Rosen, dem rubinfarbenen Glas und dem wunderbar feinen Silberzeug; konnte man etwas Reizenderes haben als diese Frau, die daran saß. Dankbarkeit war jedoch keine Forsytesche Tugend, denn, mit ihrem gesunden Menschenverstand und nur auf Gewinn bedacht, hatten sie keine Verwendung dafür; und Soames empfand nur ein Gefühl der Erbitterung, das sich bis zum Schmerz steigerte, weil er sie nicht besaß, wie es sein Recht war sie zu besitzen, daß er seine Hand nicht ausstrecken konnte wie nach jener Rose, sie nicht pflücken und die tiefsten Heimlichkeiten ihres Herzens ausspüren konnte.

All sein sonstiges Besitztum, alles was er gesammelt hatte, sein Silber, seine Bilder, seine Häuser, seine Gelder, gaben ihm ein geheimes vertrautes Gefühl, nur sie gab ihm keines.

Es stand auf jeder Wand dieses Hauses geschrieben. Seine geschäftsmäßige Natur wehrte sich gegen die geheime Mahnung, daß sie nicht für ihn geschaffen sei. Er hatte diese Frau geheiratet, hatte sie erobert, sie zu seinem Eigentum gemacht, und es schien ihm dem wesentlichsten aller Rechte, dem Besitzrecht zu widersprechen, daß er nichts als ihren Körper sein eigen nennen sollte – wenn das überhaupt der Fall war; er fing fast an daran zu zweifeln. Hätte ihn jemand gefragt, ob er ihre Seele besitzen wolle, wäre die Frage ihm so lächerlich wie sentimental vorgekommen. Aber er wollte es, und die Schrift an den Wänden sagte ihm, daß es ihm nie gelingen würde.

Sie war stets schweigsam, passiv, sanft abweisend, als fürchtete sie durch ein Wort, eine Bewegung oder ein Zeichen den Glauben in ihm zu erwecken, daß sie ihn liebte; und er fragte sich: Wird es niemals anders werden?

Wie bei den meisten Romanlesern seiner Generation (und Soames war ein großer Freund von Romanen), waren seine Lebensanschauungen von der Literatur beeinflußt, und er wiegte sich in dem Glauben, daß es nur eine Frage der Zeit sei. Zuletzt gewann der Mann doch immer die Liebe seiner Frau. Selbst in Fällen – er liebte derartige Bücher nicht sehr – die tragisch endeten, starb die Frau immer mit Worten bitterer Reue auf den Lippen, oder wenn der Mann starb – ein unangenehmer Gedanke – warf sie sich in der Pein ihrer Gewissensqualen über ihn.

Er ging oft mit Irene ins Theater und wählte instinktiv moderne Gesellschaftsstücke mit modernen Eheproblemen, die glücklicherweise von den Eheproblemen im wirklichen Leben so verschieden waren. Er fand, daß sie ebenfalls immer in der gleichen Weise endeten, selbst wenn ein Liebhaber mit im Spiele war. Solange er dem Stück zuschaute, sympathisierte Soames mit dem Liebhaber; aber noch ehe er auf der Heimfahrt in der Droschke mit Irene zu Haus anlangte, sah er ein, daß es keinen Sinn hatte und war froh, daß das Stück geendet hatte, wie er es gesehen. Es war damals gerade eine neue Art von Ehemännern in Aufnahme gekommen, der starke, ziemlich rohe, aber außerordentlich gesunde Mann, der am Ende des Stückes so merkwürdigen Erfolg hatte. Für diesen empfand Soames durchaus keine Sympathie, und wäre er nicht um seine eigene Stellung besorgt gewesen, so hätte er seinem Abscheu gegen den Burschen Ausdruck gegeben. Aber er war sich so wohl bewußt, wie wesentlich die Notwendigkeit für ihn war, ein glücklicher und selbst ein ›starker‹ Ehemann zu sein, daß er niemals von seinem Widerwillen sprach, der vielleicht infolge von wunderlichen Naturprozessen aus einem geheimen Fond von Brutalität in ihm selbst entstanden war.

Allein die Schweigsamkeit Irenens an diesem Abend war außergewöhnlich. Er hatte noch nie einen solchen Ausdruck in ihrem Gesicht gesehen. Und da Ungewohntes immer beunruhigt, war Soames beunruhigt. Er aß seinen Nachtisch und trieb das Mädchen an, als es die Krumen mit der silbernen Tischbürste abfegte. Als es das Zimmer verlassen hatte, füllte er sein Glas mit Wein und sagte:

»War heute Nachmittag irgend jemand hier?«

»June.«

»Was wollte denn die?« Es war ein Axiom bei den Forsytes, daß man nirgendwohin ging, ohne etwas zu wollen. »Wollte sich wohl über ihren Bräutigam aussprechen?«

Irene erwiderte nichts.

»Es sieht mir so aus,« fuhr Soames fort, »als wäre sie verliebter in ihn als er in sie. Sie läuft ihm überall nach.«

Irenens Blicke gaben ihm ein unbehagliches Gefühl.

»Es kommt dir nicht zu, so etwas zu sagen!« rief sie aus.

»Warum nicht? Jeder kann es sehen.«

»Keiner kann das. Und wenn man es könnte, ist es unerhört, es zu sagen.«

Soames verlor seine Fassung.

»Du bist mir eine nette Frau!« sagte er. Aber im geheimen wunderte er sich über ihre hitzige Antwort, das sah ihr gar nicht ähnlich. »Du bist ganz übertrieben mit June. Eines kann ich dir sagen, jetzt, wo sie den Bukanier am Bändel hat, macht sie sich keinen Pfifferling aus dir, du wirst schon noch dahinter kommen. Aber du wirst sie künftig nicht mehr so häufig sehen, wir ziehen aufs Land.«

Es war ihm lieb, seine Eröffnung unter dem Deckmantel dieser gereizten Auseinandersetzung machen zu können. Er hatte einen Ausruf des Entsetzens erwartet, und das Schweigen, mit dem diese Mitteilung entgegengenommen wurde, beunruhigte ihn.

»Es scheint dich nicht zu interessieren,« sah er sich genötigt hinzuzufügen.

»Ich wußte es bereits.«

Er sah sie scharf an.

»Wer sagte es dir?«

»June.«

»Woher wußte sie es?«

Irene antwortete nicht. Enttäuscht und verstimmt sagte er:

»Es ist eine gute Sache für Bosinney; er wird sein Glück dabei machen. Sie hat dir wohl alles darüber erzählt?«

»Ja.«

Es entstand abermals eine Pause, dann sagte Soames:

»Du tust es wohl nicht gern?«

Irene gab keine Antwort.

»Ja, ich weiß nicht, was du willst. Du scheinst hier nie zufrieden.«

»Kommen meine Wünsche dabei irgendwie in Betracht?«

Sie nahm die Vase mit den Rosen und verließ das Zimmer. Soames blieb sitzen. Hatte er dazu den Kontrakt unterzeichnet? Sollte er dafür an zehntausend Pfund ausgeben? Bosinneys Ausspruch: »Frauen sind des Teufels«, fiel ihm wieder ein.

Aber bald beruhigte er sich. Es hätte schlimmer kommen können. Sie hätte aufbrausen können. Er hatte etwas mehr erwartet als dies. Ein glücklicher Zufall immerhin, daß June das Eis für ihn gebrochen hatte. Sie hatte es wohl aus Bosinney herausgelockt; das hätte er sich doch denken können.

Er zündete sich eine Zigarette an.

Schließlich hatte Irene doch keine Szene gemacht! Sie würde nachgeben – das war das Beste an ihr; sie war zwar kalt, aber nicht trotzig. Er paffte einen Marienkäfer auf dem blanken Tisch an und versank in Nachdenken über sein Haus. Es hatte keinen Zweck sich zu ärgern; er wollte sofort zu ihr und alles wieder gut machen. Sie saß wahrscheinlich im Dunkeln draußen unter dem japanischen Sonnenschirm und strickte. Die Nacht war warm und schön ...

Wirklich war June am Nachmittag mit leuchtenden Augen gekommen und hatte gesagt: »Soames ist ein guter Kerl! Eine famose Sache für Phil – genau, was er braucht!«

Da Irenens Gesicht verständnislos und verblüfft blieb, fuhr sie fort:

»Euer neues Haus in Robin Hill nämlich. Wie? Weißt du nichts davon?«

Irene wußte nichts.

»O, dann hätte ich es dir wohl nicht sagen dürfen!« Und mit einem ungeduldigen Blick auf die Freundin hatte sie ausgerufen: »Du siehst aus, als liege dir nichts daran. Siehst du denn nicht, daß es gerade das ist, was ich immer gewünscht habe – genau die Gelegenheit, die er braucht. Jetzt wirst du sehen, was er kann;« und dann gab sie die ganze Geschichte zum besten.

Seit ihrer eigenen Verlobung schien sie kein großes Interesse an der Lage der Freundin zu nehmen; die Stunden, die sie bei Irene zubrachte, waren ihren eigenen vertraulichen Mitteilungen gewidmet. Und zuweilen war es ihr trotz ihres liebevollen Mitgefühls unmöglich, einen Anflug verächtlichen Mitleids mit der Frau zu unterdrücken, die einen solchen Fehler im Leben begangen hatte – solch einen unbesonnenen, lächerlichen Fehler.

»Er soll auch die Inneneinrichtung machen – er hat völlig freie Hand. Es ist prächtig –« Sie lachte fröhlich auf, ihre kleine Gestalt bebte vor Vergnügen; sie hob die Hand und schlug nach einem Musselinvorhang. »Weißt du, ich bat sogar Onkel James –« Aber in einer plötzlichen Unlust von dem Vorfall zu sprechen, hielt sie inne und ging, da sie ihre Freundin so einsilbig fand, dann plötzlich fort. Auf der Straße blickte sie noch einmal zurück, Irene stand noch in der Haustür. Ihren Abschiedsgruß erwidernd, winkte sie mit der Hand, wandte sich langsam um und schloß die Tür ...

Soames ging ins Wohnzimmer und spähte durchs Fenster nach ihr.

Draußen im Schatten des japanischen Sonnenschirmes saß sie ganz still, die Spitze auf ihren weißen Schultern bewegte sich, wenn der Busen sich leise hob und senkte.

Aber die schweigsame Gestalt, die so regungslos dort im Dunkeln saß, schien eine Wärme, eine heimliche Glut zu durchzittern, als wäre ihr ganzes Wesen aufgewühlt und ein Wandel in ihrem tiefsten Innern eingetreten.

Er stahl sich unbemerkt ins Speisezimmer zurück.

Sechstes Kapitel
James auf eigene Hand

Es währte nicht lange, bis Soames' Entschluß zu bauen in der Familie herumgekommen war und eine Unruhe verursachte, wie jede Entscheidung, die mit Vermögensangelegenheiten in Beziehung stand, sie unter den Forsytes hervorgerufen hätte.

Es war nicht seine Schuld, denn er war entschlossen, niemand etwas davon wissen zu lassen. June hatte es in der Überfülle ihres Herzens Mrs. Small erzählt und ihr erlaubt, es nur Tante Ann zu sagen – sie dachte, es würde die gute alte Seele erfreuen! denn Tante Ann mußte seit vielen Tagen das Zimmer hüten.

Mrs. Small erzählte es sogleich Tante Ann, die in ihren Kissen liegend, lächelnd mit ihrer deutlichen, alten zittrigen Stimme sagte:

»Wie schön für die liebe June; aber ich hoffe, sie werden sorgsam sein – es ist doch ziemlich gewagt!«

Als sie wieder allein war, überflog ein Schatten gleich einer Wolke, die einen Regentag ankündigt, ihr Gesicht.

Wie sie die vielen Tage dort so lag, war sie unaufhörlich bemüht, ihre ganze Willenskraft immer aufs neue anzuspannen; auch ihrem Gesicht war es anzumerken, und um die Mundwinkel zuckte es beständig.

Ihr Mädchen, – ›ein gutes Mädchen – aber langsam!‹ – das seit fast zwanzig Jahren in ihren Diensten stand, vollzog jeden Morgen mit peinlichster Genauigkeit die Schlußzeremonie ihrer gewohnten Toilette. Aus der Tiefe einer sauberen weißen Putzschachtel nahm sie die flachgedrückten grauen Locken, das Abzeichen persönlicher Würde, legte sie vorsichtig in die Hände ihrer Herrin und kehrte ihr den Rücken zu.

Und jeden Tag mußten die Tanten Juley und Hester kommen und berichten wie es Timothy ging; was für Nachrichten von Nicholas gekommen; ob es June geglückt, den alten Jolyon zu einer Kürzung der Verlobungszeit zu bestimmen, da Mr. Bosinney doch nun das Haus für Soames baute; ob des jungen Rogers Frau wirklich – erwartete; wie Archie die Operation überstanden und was Swithin mit dem leeren Hause angefangen hatte, dessen Mieter sein ganzes Geld verloren und sich so schlecht benommen hatte. Vor allen Dingen aber über Soames. Verlangte Irene noch – noch immer getrennte Zimmer? Und jeden Morgen sagte sie zu ihrem Mädchen: »Ich komme heute Mittag hinunter, so gegen zwei Uhr. Du wirst mich stützen müssen nach all diesen Tagen im Bett.«

Nachdem Mrs. Small Tante Ann alles erzählt hatte, sprach sie in strengstem Vertrauen zu Nicholas' Frau von dem Haus, und diese wieder ließ es sich von Winifred Dartie bestätigen, in der Voraussetzung natürlich, daß sie als Soames' Schwester alles wissen müsse. Durch sie war es dann auf direktem Wege James zu Ohren gekommen. Er hatte sich nicht wenig darüber aufgeregt.

»Mir,« sagte er, »erzählt keiner was.«

Und anstatt direkt zu Soames zu gehen, vor dessen Einsilbigkeit er sich fürchtete, nahm er seinen Schirm und ging zu Timothy.

Er fand Mrs. Septimus Small und Hester (man hatte es ihr gesagt, denn sie war so zuverlässig und fand es so ermüdend zu sprechen) bereit, sogar begierig, sich über die Neuigkeit zu unterhalten. Es wäre sehr gütig von dem lieben Soames, fanden sie, Mr. Bosinney zu beschäftigen, aber ziemlich riskant. Wie hatte George ihn doch genannt? »Den Bukanier!« Wie drollig! Aber George war immer so drollig! Immerhin würde alles in der Familie bleiben – sie mußten Mr. Bosinney doch wohl als zur Familie gehörig betrachten, so sonderbar es ihnen auch vorkam.

James warf hier ein:

»Niemand weiß etwas von ihm. Ich verstehe nicht, was Soames mit diesem jungen Mann will. Es sollte mich nicht wundern, wenn Irene da die Hand mit im Spiele hätte. Ich werde darüber mit –«

»Soames,« fiel Tante Juley hier ein, »sagte zu Mr. Bosinney, er wünsche nicht, daß darüber gesprochen werde. Er sähe es gewiß nicht gern, wenn man mit ihm darüber spräche, und wenn Timothy es wüßte, würde er sich sehr ärgern, ich –«

James hielt die Hand hinters Ohr.

»Wie?« sagte er. »Ich werde sehr schwerhörig. Ich glaube, ich verstehe nicht recht was gesagt wird. Emily hat einen schlimmen Zeh. Vor Ende des Monats werden wir nicht nach Wales reisen können. Es ist immer was los!« Und da er erfahren hatte, was er wollte, nahm er seinen Hut und ging.

Es war ein schöner Nachmittag und er ging quer durch den Park zu Soames, wo er zu Tisch bleiben wollte, denn Emilys Fuß fesselte sie ans Bett, und Rachel und Cicely waren zum Besuch auf dem Lande. Er schlug einen Querweg über eine Wiese mit kurzem dürren Gras ein, wo hier und dort zerstreut schwarze Schafe weideten, Pärchen lagerten und sonderbare Gesellen auf dem Bauch lagen wie Leichen auf einem Feld, über das die Wogen einer Schlacht geflutet sind.

Er ging schnell, mit gesenktem Kopf und blickte weder nach rechts noch links. Der Anblick dieses Parks, der Mittelpunkt seines eigenen Schlachtfeldes, auf dem er sein Leben lang gekämpft hatte, regte ihn weder zum Nachdenken noch zu Betrachtungen an. Diese dort im Sturm und Drang des Kampfes hingestreckten Leiber, diese Liebespaare, die dicht aneinandergeschmiegt der Einförmigkeit ihrer Tretmühle eine Stunde eitel Elysium abgerungen, ließen seine Phantasie unberührt; diese Art von Vorstellungen waren ihm fremd geworden; seine Nase war wie die eines Schafes auf die Weide gerichtet, die er abgraste.

Einer seiner Mieter hatte kürzlich angefangen mit seiner Miete im Rückstand zu bleiben, und es war eine ernste Frage für ihn gewesen, ob er ihn nicht lieber gleich hinaussetzen sollte und so Gefahr laufen, die Wohnung vor Weihnachten nicht wieder zu vermieten. Swithin war gerade übel mitgespielt worden, aber es war ihm recht geschehen – er hatte zu lange gezaudert.

Darüber sann er nach, als er da gleichmäßigen Schrittes weiterging und seinen Schirm vorsichtig, dicht unter der Krücke am Stock trug, um mit der Zwinge den Boden nicht zu berühren und die Seide in der Mitte nicht abzunutzen. Und wie er gebeugt mit seinen hohen mageren Schultern weiterschritt, wobei die langen Beine sich mit mechanischer Genauigkeit vorwärtsbewegten, glich dieser Gang durch den Park, wo die Sonne mit hellem Licht auf soviel Müßiggang – auf so viele menschliche Zeugen des unbarmherzigen Kampfes um Hab und Gut herabschien, der draußen tobte – dem Flug eines Zugvogels über das Meer.

Er fühlte eine Berührung am Arm, als er aus dem Park trat.

Es war Soames, der aus dem Wege vom Bureau plötzlich neben ihm auftauchte.

»Mutter liegt zu Bett,« sagte James. »Ich wollte eben zu euch, aber ich störe wohl.«

Die äußeren Beziehungen zwischen Soames und seinem Vater zeichneten sich durch einen echt Forsyteschen Mangel an Herzlichkeit aus, aber die beiden hingen trotzdem an einander. Vielleicht betrachteten sie sich gegenseitig als Kapitalsanlage; jedenfalls war jeder um das Wohl des andern besorgt und freute sich des Zusammenseins mit ihm. Nie hatten sie zwei Worte über intimere Lebensfragen gewechselt oder in der Gegenwart des andern die Existenz eines tieferen Gefühls verraten.

Etwas, das sich in Worten nicht ausdrücken läßt, verknüpfte sie mit einander, etwas, das verborgen tief in Familien und Nationen wurzelt – denn Blut ist dicker als Wasser, wie man sagt – und keiner von ihnen hatte kaltes Blut. Wirklich war James' Liebe zu seinen Kindern jetzt die Haupttriebkraft seines Lebens. Um diesen, die Teile von ihm selbst waren, sein erspartes Geld hinterlassen zu können, hatte er gespart; und mit fünfundsiebzig Jahren, was war ihm denn noch geblieben sich daran zu freuen, als – das Sparen. Das Sparen für seine Kinder bildete den Inhalt seines Lebens.

Dann war James Forsyte trotz all seiner ›Jonaismen‹ der gesundeste Mensch (wenn der Selbsterhaltungstrieb wirklich das erste Symptom von Gesundheit ist, obwohl Timothy darin entschieden zu weit ging) in ganz London, dem er so viel verdankte, an dem er als dem Mittelpunkt seiner Tätigkeit mit einer stillen Liebe hing. Er besaß die wunderbare instinktive Gesundheit des Mittelstandes. Mehr als bei Jolyon mit seiner festen Willenskraft und seinen Anwandlungen von Zärtlichkeit und Philosophie – mehr als bei Swithin, dem Märtyrer seiner Verschrobenheit – und Nicholas, der unter seinen Fähigkeiten litt – mehr als bei Roger, dem Opfer seiner Unternehmungslust – trat bei ihm die Neigung für Kompromisse zutage. Von allen Brüdern war er an Geist und Persönlichkeit am wenigsten bemerkenswert, und aus diesem Grunde wahrscheinlich zu ewigem Leben ausersehen.

James hatte mehr Liebe für ›die Familie‹ und deren Bedeutung, als einer der andern. Von jeher hatte in seinem Wesen dem Leben gegenüber etwas Ursprüngliches und Gemütliches gelegen; er liebte den häuslichen Herd, liebte es, zu plaudern und zu brummen. Alle seine Ansichten waren wie ein Rahm, den er von der Familiengesinnung abschöpfte, und durch diese Familie wieder von der Gesinnung Tausender von andern Familien gleicher Beschaffenheit. Jahr für Jahr und Woche für Woche besuchte er Timothy, saß mit übergeschlagenen Beinen und dem langen weißen Bart um den glattrasierten Mund im Wohnzimmer seines Bruders, sah die Familienkanne brodeln und den Rahm an die Oberfläche steigen und ging dann erfrischt und gestärkt, mit einem unbeschreiblichen Gefühl des Behagens wieder fort.

Unter der demantharten Decke seines Selbsterhaltungstriebes war viel echte Weichheit in James. Ein Besuch bei Timothy war wie eine Stunde auf dem Schoß einer Mutter; und sein tiefes Verlangen nach Schutz unter den Fittichen der Familie wirkte darum auch auf seine Empfindungen den eigenen Kindern gegenüber zurück. Wie ein Alp bedrückte es ihn, sie mit ihrem Vermögen, ihrer Gesundheit oder ihrem Ruf dem Treiben der Welt ausgesetzt zu sehen. Als der Sohn seines alten Freundes John Street als Freiwilliger eintreten wollte, schüttelte er bedenklich den Kopf und wunderte sich, daß John Street seine Einwilligung dazu gab. Und als der junge Street dann, durch einen Wurfspeer der Wilden getroffen, fiel, nahm er es sich so zu Herzen, daß er überall eigens zu dem Zweck Besuche machte, seine Empörung auszusprechen und zu sagen, daß er gewußt, wie es hatte kommen müssen.

Als sein Schwiegersohn Dartie damals infolge seiner Ölspekulationen jene verhängnisvolle geschäftliche Krisis durchzumachen hatte, war James vor Ärger krank geworden; ihm war, als würde aller Wohlstand zu Grabe geläutet, und es kostete ihn drei Monate und eine Reise nach Baden-Baden, um sich zu erholen; in dem Gedanken, daß ohne sein Geld Darties Namen vielleicht auf die Konkursliste gekommen wäre, lag etwas Furchtbares.

Da er sich einer so gesunden Konstitution erfreute, daß er, wenn er Ohrenschmerzen hatte, schon zu sterben wähnte, betrachtete er gelegentliche Unpäßlichkeiten seiner Frau und Kinder als persönliche Kränkung, als besondere Eingriffe der Vorsehung, um seinen Seelenfrieden zu stören. Aber bei Leuten außerhalb seiner unmittelbaren Familie glaubte er überhaupt nicht an Krankheit und schob die Schuld in jedem Fall auf ein vernachlässigtes Leberleiden.

»Was erwarten sie denn,« pflegte er zu sagen, »mir geht's ebenso, wenn ich nicht vorsichtig bin!«

Als er an diesem Abend zu Soames ging, fand er, daß das Leben ihm hart mitspielte. Emily lag mit ihrem kranken Fuß zu Bett, und Rachel kutschierte auf dem Lande umher; um ihn kümmerte sich keiner. Ann war krank – sie würde den Sommer wohl kaum überstehen – dreimal war er nun bei ihr gewesen, ohne daß sie ihn hatte sehen können! Und diese Idee von Soames ein Haus zu bauen, da mußte man doch aufpassen. Dann aber diese Sorge um Irene, was sollte daraus noch werden – es konnte alles Mögliche daraus entstehen!

Er betrat das Haus am Montpellier Square Nummer 62 mit der festesten Absicht, sich unglücklich zu fühlen.

Es war schon halb acht, und Irene saß, zum Essen angekleidet, im Wohnzimmer. Sie trug ihr goldfarbenes Kleid – denn nachdem sie bei einem Diner und einem Ball damit geprunkt hatte, mußte es im Hause aufgetragen werden – und hatte den Busen mit einer Kaskade von Spitzen geschmückt, an denen James' Blicke sofort haften blieben.

»Wo kaufst du deine Sachen?« fragte er lebhaft. »Rachel und Cicely sehen nie auch nur halb so gut aus. Aber diese Spitze mit dem Rosenmuster da – die ist nicht echt!«

Irene trat dicht an ihn heran, um zu beweisen, daß er sich irre.

Und wider Willen empfand James den Einfluß ihres Wesens, des leisen verführerischen Duftes, der von ihr ausströmte. Kein Forsyte, der einige Selbstachtung besitzt, ergibt sich mit einem Schlage, darum sagte er nur: Kann sein – sie mußte wohl ein schönes Stück Geld für ihre Toilette ausgeben.

Der Gong ertönte, Irene schob ihren weißen Arm in den seinen und führte ihn ins Speisezimmer. Sie wies ihm Soames' gewöhnlichen Platz an der Seite zu ihrer Linken an. Das Licht fiel nur schwach dahin, so daß das allmähliche Verlöschen des Tages ihn nicht belästigen konnte; dann fing sie an mit ihm über sich selbst zu sprechen.

Mit James ging alsbald eine Veränderung vor, wie mit einer Frucht, die in der Sonne reift. Er fühlte sich wie geliebkost, gelobt und getätschelt, und alles das, ohne eine einzige Zärtlichkeit oder ein Wort des Lobes von seiner Seite. Er hatte ein Gefühl, daß alles, was er aß, ihm zuträglich war; zu Haus hatte er nie diese Empfindung; er erinnerte sich nicht, daß ihm jemals ein Glas Champagner so gut geschmeckt hatte, und als er sich nach der Marke und dem Preis erkundigte, überraschte es ihn zu hören, daß es derselbe war, von dem er einen großen Vorrat besaß, jedoch zu Haus nie trinken konnte. Er beschloß sogleich seinem Weinhändler zu melden, daß er betrogen worden war.

Von seinem Teller aufblickend bemerkte er:

»Ihr habt hier eine Menge hübscher Sachen. Was zahltet ihr zum Beispiel für diesen Zuckerstreuer? Wird wohl schweres Geld gekostet haben?«

Besonders gut gefiel ihm ein Bild an der gegenüberliegenden Wand, das er selbst ihnen geschenkt hatte.

»Ich hatte keine Ahnung, daß es so gut ist!« sagte er.

Sie erhoben sich, um ins Wohnzimmer zu gehen, und James folgte Irene auf dem Fuße.

»Das nenne ich ein ausgezeichnetes kleines Diner,« murmelte er leise und beugte sich auf ihre Schultern herab, »nichts Schweres – und nicht zu sehr französiert. Aber zu Haus bekomme ich es nicht so. Ich zahle meiner Köchin sechzig Pfund das Jahr, aber sie kann mir kein Mittagessen bereiten wie dieses!«

Er hatte bis jetzt noch nichts von dem Bau des Hauses erwähnt und tat es auch nicht, als Soames sich unter dem Vorwand von Geschäften nach oben in das Zimmer begab, wo er seine Bilder aufbewahrte.

James blieb mit seiner Schwiegertochter allein. Die Glut des Weines und eines ausgezeichneten Likörs wirkte noch in ihm nach. Er hatte ein herzliches Gefühl für sie. Sie war wirklich ein reizendes kleines Geschöpf, hörte einem zu und schien auch zu verstehen was man sagte; und während der Unterhaltung betrachtete er beständig ihre Figur, von den bronzefarbenen Schuhen bis zu dem welligen Gold ihres Haares. Sie saß leicht zurückgelehnt in einem Empiresessel, an dessen oberen Rand die Schultern sich stützten – die biegsame Gestalt wiegte sich bei jeder Bewegung frei in den Hüften, als überließe sie sich den Armen eines Geliebten. Ihre Lippen lächelten und die Augen waren halb geschlossen.

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