Kitabı oku: «Die dunkle Blume»

Yazı tipi:

John Galsworthy

Die dunkle Blume

Inhaltsverzeichnis

Die dunkle Blume

Erster Teil. Frühling

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Zweiter Teil. Sommer

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Dritter Teil. Herbst

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Impressum

John Galsworthy

Die dunkle Blume

Roman

»Nimm vom Busen mir die Blume,

bitte, nimm die Blume auch aus meinem Haare,

dann geh fort von hinnen;

denn die Nacht ist schön,

und die Sterne freuen sich,

den Weg mit dir zu gehn.«

›Der Rhapsode vom Dimbowitztal‹

Erster Teil.
Frühling
Erstes Kapitel

An einem Nachmittag, anfangs Juni, ging er die Holywell-Straße entlang; auf seinem dichten, dunklen Haar trug er keine Mütze, und sein kurzes, talarartiges Gewand hing lose über die Arme herab. Ein Junge von mittlerer Größe und einer Gestalt, als stamme er von zwei grundverschiedenen Geschlechtern ab, das eine robust, das andere leicht und sehnig. Auch sein Gesicht zeigte eine seltsame Mischung, denn trotz der energischen Züge war sein Ausdruck sanft und nachdenklich. Seine dunkelgrauen, leuchtenden Augen mit den tief schwarzen Wimpern schienen über das, was sie sahen, hinwegzublicken, so daß es einem manchmal vorkam, als weile er ganz woanders; sein flüchtiges, lebhaftes Lächeln zeigte Zähne, die so weiß wie die eines Negers waren, und verlieh seinem Gesicht einen eigentümlichen Ausdruck steter Erwartung. Die Leute starrten ihn ein wenig an, als er vorbeiging, denn im Jahre 1880 war er seiner Zeit schon dadurch voraus, daß er keine Mütze trug. Besonders die Frauen interessierten sich für ihn; sie merkten, daß er ihnen keine Beachtung schenkte, sondern in die Ferne zu blicken und seinen Gedanken nachzuhängen schien.

Verstand er eigentlich, was er dachte, verstand er damals überhaupt etwas, da alles, was über seinen unmittelbaren Horizont hinausging, ihm so merkwürdig und interessant vorkam? Wußte er auch, was er zu sehen und zu tun gedachte, nachdem er sein Studium in Oxford beendet hatte, wo jedermann so ›furchtbar nett‹ zu ihm war und so ›ganz wie sich's gehörte‹, aber nicht gerade sehr interessant?

Er war auf dem Wege zu seinem Professor, um ihm einen Aufsatz über Oliver Cromwell vorzulesen. Unter der alten Mauer, die einst die Stadt umschlossen hatte, zog er ein Tier aus der Tasche. Es war eine kleine Schildkröte; in ihre Betrachtung ganz versunken, verfolgte er die forschenden Bewegungen ihres kleinen Kopfes und befühlte sie die ganze Zeit über mit seinen kurzen, breiten Fingern, als hätte er ganz genau herausfinden wollen, wie sie beschaffen war. Was für einen mächtig harten Rücken sie doch hatte! Kein Wunder, daß dem armen alten Äschylus ein bißchen übel wurde, als sie ihm auf den Kopf fiel! Die Alten dachten, die Welt werde von einer Schildkröte getragen, eine Welt voll Götzen, vielleicht Menschen, Tieren oder Bäumen, wie jenes Schnitzwerk an dem chinesischen Schrank seines Vormundes. Die Chinesen schufen merkwürdig komische Tiere und Bäume, als stellten sie sich alle Dinge beseelt vor und nicht nur gerade dazu geschaffen, daß die Menschen sie essen, Wagen ziehen lassen oder Häuser damit bauen. Wenn die Kunstschule ihn nur nach seinem eigenen Kopf modellieren, anstatt immer und ewig nur kopieren ließe! Es sah geradeso aus, als ob man's dort für gefährlich hielte, einen irgend etwas selbst ausdenken zu lassen.

Er hielt die Schildkröte gegen seine Weste und ließ sie krabbeln, doch als er merkte, daß sie die Ecke seines Aufsatzes benagte, steckte er sie wieder in die Tasche. Was würde sein Professor tun, wenn er wüßte, was er da bei sich trug? Den Kopf ein wenig auf die Seite legen und sagen: »Ah, Lennan, es gibt Dinge, von denen sich meine Schulweisheit nichts träumen läßt.« Ja, es gab gar manches, wovon sich der alte Stormer nichts träumen ließ, Stormer, der sich so schrecklich vor allem Ungewöhnlichen zu fürchten, der stets über einen zu lachen schien, aus Angst, man könnte über ihn lachen. In Oxford gab's ja eine Menge solcher Leute. Es war lächerlich. Wenn man sich immer fürchten sollte, ausgelacht zu werden, wie konnte man da je etwas Vernünftiges leisten! Da war Mrs. Stormer doch ganz anders; sie tat etwas, weil – nun weil es ihr gerade so in den Sinn kam. Aber freilich, sie war ja keine Engländerin, sondern aus Österreich und um so viel jünger als der alte Stormer.

Er war vor dem Hause seines Professors angelangt und zog die Glocke …

Zweites Kapitel

Als Anna Stormer in das Studierzimmer trat, sah sie ihren Gatten am Fenster stehen, den Kopf ein wenig auf die Seite geneigt, eine große langbeinige Gestalt in hübschem Tuchanzug und niedrigem Umlegkragen (damals nicht modern) mit blauseidener Krawatte, die sie gestrickt hatte und die durch einen Ring gezogen war. Er summte vor sich hin und trommelte mit seinen wohlgepflegten Fingernägeln leise auf die Fensterscheibe. Obgleich er wegen der vielen Arbeit, die er leistete, berühmt war, überraschte sie ihn doch niemals bei irgendeiner Beschäftigung in ihrem Hause, das sie gewählt hatten, weil es über einen Kilometer vom College entfernt lag, wo die lieben jungen Clowns, wie er die Studenten nannte, deren Professor er war, auch ihren Wohnsitz hatten.

Er wandte sich nicht um – es war durchaus nicht seine Gewohnheit, von irgend etwas Notiz zu nehmen, wenn es nicht unbedingt sein mußte –, doch sie fühlte, daß er sich ihrer Anwesenheit bewußt war. Sie ging zur Fensterbank und setzte sich. Da drehte er sich endlich um und sagte: »Ah!«

Fast klang es wie ein Laut der Bewunderung – etwas Ungewöhnliches bei ihm, da er, von gewissen Stellen der Klassiker abgesehen, nur selten etwas bewunderte. Doch sie wußte, daß sie keine bessere Stellung hätte wählen können: ihre wahrhaft schöne Gestalt kam voll zur Geltung, als die Sonne auf ihr braunes Haar fiel und ihre tiefliegenden eisgrünen Augen unter den schwarzen Wimpern aufleuchten ließ. Es war ihr manchmal eine große Genugtuung, daß sie schön blieb. Denn das Bewußtsein, den so schwer zu befriedigenden Geschmack ihres Gatten zu verletzen, hätte ihr in der Tat noch mehr Kummer bereitet. Für ihn waren ihre Backenknochen zu stark, ein Symbol von jenem Etwas in ihrem Charakter, das mit dem seinen nicht harmonierte: ein Anflug von Temperament, Zügellosigkeit, der Mangel jenes gewissen spezifisch englischen Schliffs, für ihn eine Quelle steten Ärgers.

»Harold!« – daß sie das R doch niemals ganz richtig aussprach! –, »ich möchte diesen Sommer in die Berge gehn.«

Die Berge! Sie hatte sie schon seit zwölf Jahren nicht gesehen, seit jenem Aufenthalt in San Martino di Castrozza, der mit ihrer Heirat geendet hatte.

»Nostalgia!«

»Ich weiß nicht, wie das heißt – ich hab Heimweh. Können wir fahren?«

»Wenn du Lust hast, warum nicht? Aber ich werd niemand mehr auf den Cimone della Pala führen!«

Sie wußte, was er damit sagen wollte: Nur keine Romantik. Was für ein ausgezeichneter Führer war er an jenem Tag gewesen! Sie hätte ihn damals anbeten können. Welche Blindheit! Welche Verblendung! War das wirklich noch derselbe Mann, der dort stand, mit dem hellen skeptischen Blick und dem schon angegrauten Haar? Ja, mit der Romantik war es in der Tat vorbei. Und sie saß schweigend da und blickte auf die Straße hinaus, jene schmale alte Straße, in die sie Tag und Nacht hinaussah. Eine Gestalt ging draußen vorbei, kam auf die Tür zu und zog die Glocke.

»Da ist Mark Lennan«, sagte sie leise.

Sie fühlte die Augen ihres Gatten eine Sekunde lang auf sich ruhen, wußte, daß er sich umgedreht hatte und hörte ihn murmeln: »Ah, der Engel unter den Clowns!« Und ganz still wartete sie, bis die Tür aufging. Da stand der Junge mit dem lieben dunklen Kopf, schüchtern, sanft und ernsthaft und seinen Aufsatz in der Hand.

»Na, Lennan, wie geht's dem alten Cromwell? Ein genialer Heuchler, was? Schießen Sie los, damit wir mit ihm fertig werden.«

Von ihrem Sitz am Fenster betrachtete sie regungslos die beiden Gestalten am Tisch. Der Junge las vor mit seiner seltsamen, samtweichen Baßstimme, während ihr Gatte in seinen Stuhl zurückgelehnt saß, die Fingerspitzen gegeneinander gepreßt, den Kopf ein wenig auf die Seite geneigt und jenes leise spöttische Lächeln auf den Lippen, das niemals in seine Augen kam. Ja, er träumte vor sich hin, war fast eingeschlafen; doch der Junge, der nicht aufsah, las weiter. Als er zum Schluß kam, blickte er auf. Was für Augen er hatte! Andere Jungen hätten gelacht, er aber sah fast schuldbewußt drein. Sie hörte ihn murmeln: »Ich bitte um Entschuldigung, Herr Professor.«

»Ah, Lennan, Sie haben mich erwischt! Das letzte Semester hat mich tüchtig hergenommen. Wir gehen in die Berge. Schon in den Bergen gewesen? Wie, niemals? Kommen Sie doch mit, eh? Was sagst du dazu, Anna? Meinst du nicht auch, der junge Mann da sollte mitkommen?«

Sie erhob sich und starrte die beiden an. Hatte sie recht gehört?

Dann erwiderte sie ernst:

»Ja, er soll mitkommen.«

»Gut, diesmal soll er Führer sein bei der Besteigung des Cimone della Pala!«

Drittes Kapitel

Als der Junge sich verabschiedet und Anna ihm bis auf die Straße nachgesehen hatte, stand sie einen Augenblick in dem Streifen Sonnenlicht, der durch die offene Tür hereinfiel, und preßte die Hände an ihre flammenden Wangen. Dann schloß sie die Tür und drückte die Stirn gegen die Fensterscheibe, ohne etwas zu sehen. Das Herz klopfte ihr heftig. Immer wieder vergegenwärtigte sie sich die eben durchlebte Szene. Dies alles hatte doch für sie soviel tiefere Bedeutung, als sie anfänglich geglaubt …

Obgleich sie stets an Heimweh litt, besonders gegen Ende des Sommersemesters, war es diesmal doch ein ganz anderes Gefühl, das sie zu ihrem Gatten sagen ließ: »Ich möchte in die Berge gehn!«

Zwölf Jahre schon hatte sie sich jeden Sommer nach den Bergen gesehnt, aber nie darum gebeten hinzugehen; dieses Jahr hatte sie um die Reise gebeten, ohne sich jedoch nach den Bergen zu sehnen. Es war ihr nämlich auf einmal die seltsame Tatsache klargeworden, daß sie England gar nicht zu verlassen wünschte, und gerade aus diesem Grunde hatte sie gebeten, weggehen zu dürfen. Warum aber hatte sie gesagt: »Ja, er soll mitkommen«, da sie doch den Jungen unbedingt vergessen wollte. Freilich, das Dasein war ja immer ein unerklärlicher Kampf zwischen Pflichtgefühl und dem Wunsch, sich auszuleben, ein sonderbarer, stets wechselnder, qualvoller Zustand. Wie lang war es jetzt her seit jenem Tage, an dem er zum erstenmal zu Tisch gekommen war, still und scheu, und wie er plötzlich lächelte, als wäre es in seinem Innern auf einmal hell geworden, seit jenem Tage, da sie zu ihrem Gatten gesagt: »Ah, er ist ein Engel!« Noch kein Jahr, war es doch zu Anfang des letzten Semesters im Oktober gewesen. Er war anders als alle übrigen Jungen; nicht etwa, daß er ein Wunderknabe mit ungekämmtem Haar, schlechtsitzenden Kleidern und einem klugen Kopf gewesen wäre, sondern er besaß etwas – etwas – – ah, er war eben ganz anders; weil er eben – er war; weil sie sich danach sehnte, seinen Kopf zwischen ihre Hände zu nehmen und zu küssen. Sie erinnerte sich noch genau des Tages, an dem diese Sehnsucht zuerst über sie gekommen war. Er war zum Tee bei ihr, es war ganz zu Anfang des Ostersemesters; er streichelte ihre Katze, die stets zu ihm gelaufen kam, und erzählte ihr, daß er Bildhauer werden wolle, sein Vormund es aber nicht erlaube, so daß er natürlich nicht beginnen könne, bevor er mündig sei. Die Lampe auf dem Tisch hatte einen rosenfarbenen Schirm; er hatte gerudert – es war ein sehr kalter Tag –, und sein Gesicht glühte, während er sonst etwas blaß war. Und plötzlich lächelte er und sagte: »Es ist abscheulich, warten zu müssen, nicht wahr?« In diesem Augenblick hätte sie fast die Arme nach ihm ausgestreckt, um seine Stirn an ihre Lippen zu pressen. Damals hatte sie gedacht, daß sie ihn küssen möchte, weil es doch so schön gewesen wäre, seine Mutter zu sein – sie hätte gerade seine Mutter sein können, wenn sie mit sechzehn Jahren geheiratet hätte. Nun aber wußte sie schon lange, daß sie nicht seine Stirn, sondern seine Lippen zu küssen verlangte. Er war das in ihrem Leben, was ein Feuer in einem kalten, verschlossenen Hause ist; sie konnte kaum noch begreifen, wie sie diese ganzen Jahre ohne ihn hatte existieren können. Sie hatte ihn so sehr vermißt während der sechswöchigen Osterferien, hatte in seinen drei kurzen, sonderbaren Briefen, die halb schüchtern, halb vertraulich waren, geschwelgt, hatte sie geküßt und in ihrem Kleid getragen. Und als Antwort ihm lange, vollkommen korrekte Episteln in ihrem noch immer seltsamen Englisch geschrieben. Sie hatte ihn nie etwas von ihren Gefühlen merken lassen; der Gedanke daran flößte ihr einen unaussprechlichen Schauder ein. Als das Sommersemester anfing, schien ihr ganzes Dasein nur aus Gedanken an ihn zu bestehen. Wäre vor zehn Jahren ihr Kind am Leben geblieben; hätte ein grausamer Tod, nach all ihren Qualen, nicht ein für allemal den Wunsch, ein zweites zu haben, in ihr ausgelöscht; wäre es ihr nicht schon jahrelang klar gewesen, daß sie keine Zärtlichkeit mehr zu erwarten hatte, daß die Liebe für sie vorbei war; hätte das Leben in der schönsten aller alten Städte etwas Anziehendes für sie gehabt – dann wäre sie wohl imstande gewesen, diesem Gefühl Einhalt zu tun. So aber konnte nichts in der Welt den Strom eindämmen. Und sie war so übervoll von Energie und wußte genau, daß ihre ganze Lebenskraft vergeudet wurde! Manchmal hatte sie dies Gefühl, leben zu wollen, ein Betätigungsfeld für ihre Kräfte zu finden, geradezu gefoltert. So viele hundert einsame Spaziergänge hatte sie während all dieser Jahre unternommen, hatte versucht, sich in der Natur zu verlieren, war allein umhergelaufen, war in die Wälder geflüchtet, hinaus auf die Felder, wo keine Menschen hinkamen, hatte versucht, jenes Gefühl der überschüssigen Kraft loszuwerden, hatte versucht, wieder so zu empfinden, wie sie als Mädchen empfunden, als noch die ganze Welt vor ihr lag. Nicht umsonst war ihre Gestalt so herrlich, ihr Haar so glänzend braun, waren ihre Augen so leuchtend geblieben. Sie hatte viele Zerstreuungen versucht: Arbeit im Armenviertel, Musik, Theaterspielen, Jagen; eines nach dem andern hatte sie fallenlassen, um es dann leidenschaftlich wieder aufzugreifen. Früher hatte das geholfen, dieses Jahr jedoch war alles vergebens … Eines Sonntags, als sie aus der Beichte kam, ohne gebeichtet zu haben, hatte sie sich selbst unter die Lupe genommen. Es war sündhaft! Sie mußte dies Gefühl in sich ertöten, sie mußte vor dem Jungen fliehen, der sie so sehr in Aufruhr brachte. Handelte sie nicht schnell, so würde sie davon fortgerissen werden. Und dann war ihr der Gedanke gekommen: Warum nicht? Das Leben war dazu da, um gelebt zu werden, nicht um es stumpfsinnig zu verträumen in dieser sonderbaren Pflegestätte der Kultur, wo einem die Überlieferung geradezu im Blut lag. Das Leben war zum Lieben da, zum Genießen! Und nächsten Monat würde sie sechsunddreißig! Sie kam sich schon ungeheuerlich alt vor. Sechsunddreißig! Bald würde sie alt sein, tatsächlich alt, ohne je die Leidenschaft gekannt zu haben! Die Anbetung, die aus dem vornehm aussehenden, zwölf Jahre älteren Engländer, der eine Gesellschaft auf den Cimone della Pala führen konnte, einen Helden gemacht, war keine Leidenschaft gewesen. Sie wäre vielleicht zur Leidenschaft geworden, wenn er es gewollt hätte. Er aber war nichts weiter als Form, Eis, Bücher. Hatte er überhaupt ein Herz? Floß Blut in seinen Adern? Gab es denn irgendwelche Lebensfreude in dieser viel zu schönen Stadt und den Leuten, die darin wohnten, in dieser Stadt, wo selbst die Begeisterung nur Formsache zu sein schien und keine Schwingen hatte, wo alles festgelegt und ausgeklügelt war wie in ihren Kirchen und Klöstern? Und dennoch, solche Gefühle für einen Knaben zu empfinden, der jung genug war, ihr Sohn zu sein! Es war so – schamlos! Dieser Gedanke verfolgte sie förmlich, ließ sie im Dunkeln erröten, wenn sie nachts wachlag. Und voll Verzweiflung betete sie dann – denn sie war fromm – um ihre Reinheit, um die heiligen Gefühle einer Mutter, bat darum, nur von dem herrlichen Bewußtsein erfüllt zu werden, alles zu seinem Besten tun zu können, alles für ihn leiden zu dürfen. Nach diesen langen Gebeten fühlte sie sich beruhigt und wie betäubt, als hätte sie ein Schlafmittel genommen. Stundenlang pflegte sie so dazuliegen. Und dann überkamen sie alle diese Empfindungen wieder von neuem. Nie dachte sie daran, ob auch er sie lieben könnte; das wäre – unnatürlich. Warum auch sollte er sie lieben? Sie war darin sehr bescheiden. Seit jenem Sonntag, als sie die Beichte vermieden, brütete sie unausgesetzt darüber, wie sie ein Ende machen, wie sie von dieser Sehnsucht, die zu mächtig für sie wurde, loskommen könne. Da war sie auf den Plan verfallen, um eine Reise in die Berge zu bitten, dorthin zurückzukehren, wo ihr Gatte in ihr Leben getreten war und wo jenes Gefühl vielleicht wieder schwinden würde. Wenn es nicht besser würde, wollte sie, dieser Gefahr entrückt, dort bei ihren Angehörigen bleiben. Und nun hatte dieser Narr, dieser blinde Narr, dieser überlegene Narr mit seinem spöttischen Lächeln und seinem ewigen Gönnertum sie dahin gebracht, ihren eigenen Plan umzustoßen! Gut, mochte er die Folgen tragen, sie hatte ihr Bestes getan. Sie wollte wenigstens einmal wissen, was Freude ist, selbst wenn sie dann dort bleiben mußte und den Jungen niemals wiedersehen sollte.

Wie sie so in dem dämmerigen Vorraum dastand, wo man einen leisen Geruch von altem Holz wahrnahm, sobald die Fenster und Türen geschlossen waren, bebte sie am ganzen Körper vor heimlicher Glückseligkeit. Mit ihm in ihren Bergen zu sein! Ihm alle jene wundervollen, glitzernden oder lohfarbenen Felsen zu zeigen! Mit ihm die Gipfel zu besteigen und die Königreiche der Welt ausgebreitet unter sich zu sehen! Mit ihm durch die Nadelwälder zu wandern, über die Almen in dem Duft der Bäume und Blumen, wo die Sonne so heiß herabschien! Am ersten Juli! Und jetzt war es erst Mitte Juni! Würde sie es noch erleben? Sie wollte diesmal lieber nicht nach San Martino gehen, nein, eher nach Cortina, nach einem unbekannten Ort, an den sich keine Erinnerungen knüpften.

Plötzlich wandte sie sich vom Fenster weg und machte sich mit einer Blumenschale zu schaffen. Sie hatte den summenden Laut vernommen, der oft ihres Gatten Ankunft kündete, als hätte er die Welt dadurch auffordern wollen, die gebührende Haltung wiederzugewinnen, ehe er eintrat. In ihrem Glück fühlte sie sich gütig und freundlich gegen ihn gestimmt. Hatte er auch nicht beabsichtigt, ihr Freude zu bereiten, so hatte er es dennoch getan! Er kam die Treppe herunter, zwei Stufen auf einmal, mit jener Miene, die sagte: ›Ich bin kein Pädagoge‹ und die sie so gut kannte; er nahm seinen Hut und wandte sich ihr halb zu.

»Ein lieber Bursch, der junge Lennan; hoffe, er wird uns da draußen nicht langweilen.«

In seiner Stimme schien ein leiser Selbstvorwurf zu liegen, als bäte er wegen dieser impulsiven Einladung um Verzeihung. Und der überwältigende Wunsch zu lachen überkam sie plötzlich. Um es zu verbergen und eine Entschuldigung dafür zu finden, rannte sie zu ihm hin, zog ihn an den Rockaufschlägen, bis sie sein Gesicht erreichen konnte, und küßte ihn auf die Nasenspitze. Dann lachte sie. Und er stand da und sah sie an, den Kopf ein wenig auf die Seite geneigt und die Augenbrauen ein wenig in die Höhe gezogen.

Viertes Kapitel

Als Mark ein leises Pochen an seiner Tür vernahm, war er zwar schon aufgestanden, kleidete sich jedoch nur langsam und verträumt an – es war so lustig, die Berge zu betrachten, die im Morgenlicht wie ungeheure Tiere dalagen. Der Kerl da, der den Kopf gerade über die Tatzen erhoben hatte und den sie heute besteigen wollten, schien sehr weit entfernt zu sein. Er öffnete die Tür nur einen Spalt weit und flüsterte:

»Ist es schon so spät?«

»Fünf Uhr; sind Sie noch nicht fertig?«

Es war furchtbar unhöflich von ihm, sie warten zu lassen! Und schnell war er unten in dem leeren Speisezimmer, wo eine verschlafene Kellnerin schon den Kaffee hereinbrachte. Anna saß allein da. Sie trug eine flachsblumenblaue Hemdbluse, die den Hals frei ließ, einen kurzen grünen Rock und einen kleinen graugrünen Samthut mit einer Birkhahnfeder. Warum konnten die Frauen nicht immer so hübsche Sachen tragen und so famos aussehen? Und er sagte:

»Wie prachtvoll Sie aussehn, Mrs. Stormer!«

Sie gab ihm lange keine Antwort, so daß er fürchtete, seine Bemerkung wäre vielleicht unhöflich gewesen. Aber sie sah wirklich prachtvoll aus, so lebhaft, kernig und glückstrahlend!

Sie gingen durch einen Lärchenwald den Hügel hinunter nach dem Bach, schritten über die Brücke und begannen sofort den Aufstieg auf einem Pfad durch die Heufelder. Wie konnte nur der alte Stormer an einem solchen Morgen im Bette bleiben! Bauernmädchen in blauleinenen Röcken waren schon an der Arbeit, in Bündel zu sammeln, was die Männer gemäht. Eines der Mädchen, das am Rande des Feldes rechte, hielt inne und nickte ihnen schüchtern zu. Sie hatte ein Madonnengesicht, so ruhig, ernst und lieb, mit feingeschwungenen Brauen – es war eine Freude, dies Antlitz zu betrachten. Der Junge sah sich nach ihr um. Ihm, der zum erstenmal von England fort war, schien alles seltsam und märchenhaft. Die Hütten mit ihren langen, breiten, dunkelbraunen Holzgalerien und den weit vorstehenden Strohdächern, die tief herunterreichten; die hellen Kleider der Bauersfrauen; die freundlichen, kleinen, braunweißen Kühe mit den stumpfen, rauchgrauen Mäulern. Sogar die Luft empfand man anders, diese frische, köstliche, brennende Wärme, die nur leicht das eisige Schweigen dort oben zu streifen schien; und die entzückende Anmut der Dörfer am Fuße der Berge – Duft von Fichtenharz, sonnige Lärchenwälder und die Blumen und Gräser der Matten! Doch am seltsamsten war das Gefühl in ihm: etwas wie Stolz, ein Bewußtsein von Wichtigkeit, eine sonderbare Freude, mit ihr allein, von einer so herrlichen Frau zum Gefährten erwählt zu sein.

Sie überholten alle übrigen Wanderer, die denselben Weg gingen, breitschultrige, unrasierte Deutsche, die ihre Röcke aufgeschnallt hatten, schwere Alpenstöcke nachschleiften, grüne Rucksäcke trugen und schwerfällig immer in gleichem Tempo marschierten. Sie brummten, als Anna und der Junge vorbeikamen: »Nur keine Eile!«

Diese beiden aber konnten nicht schnell genug gehen, um mit ihrer Begeisterung Schritt zu halten. Es war kein schwieriger Aufstieg, sondern eigentlich nur ein Trainingsmarsch zur Spitze der Nuvolau empor; noch vor Mittag waren sie oben, und bald darauf begannen sie, beide sehr hungrig, den Abstieg. Als sie in das kleine Eßzimmer der Cinque-Torre-Hütte traten, fanden sie es von einer Gesellschaft von Engländern besetzt, die Omeletten aßen. Man konnte merken, daß sie Anna wiedererkannten, obwohl sie ihr Gespräch nicht unterbrachen, das mit gleichem Eifer weitergeführt wurde, und doch noch immer mit jenem affektierten müden Tonfall, der ihnen so vornehm schien. Die meisten von ihnen hatten Feldstecher umgehängt, und das Zimmer war besät mit Photographenapparaten. Ihre Gesichter sahen sich zwar nicht sehr ähnlich, doch ließen sie alle beim Lächeln die Mundwinkel hängen und zogen auf ganz eigene Art die Augenbrauen in die Höhe, so daß sie einem wie Vervielfältigungen eines einzigen Typus vorkamen. Auch hatten die meisten etwas vorstehende Zähne, als hätte das beständige Verziehen des Mundes sie nach vorne gedrängt. Und sie aßen, wie Leute zu essen pflegen, die ihre leiblichen Gelüste nicht gern zur Schau tragen und es vorziehen, überhaupt nichts riechen oder schmecken zu müssen.

»Aus unserm Hotel«, flüsterte Anna. Sie nahmen Platz und bestellten Rotwein und Schnitzel. Die Dame, die das Kommando der englischen Gesellschaft zu führen schien, erkundigte sich jetzt nach Mr. Stormers Befinden, er wäre doch hoffentlich nicht krank? Nicht? Nur zu bequem? Wirklich! Er wäre doch ein so ausgezeichneter Kletterer, wie sie gehört hätte. Dem Jungen schien es, als hätte die Dame etwas an ihnen auszusetzen. Die ganze Konversation wurde von ihr, einem Herrn mit zerknülltem Kragen, der ein Tuch zum Schutz gegen die Sonne um den Kopf gewickelt trug, und einem kleinen, untersetzten, graubärtigen Mann in dunkler Norfolk-Jacke geführt. Sobald ein jüngeres Mitglied der Gesellschaft sprach, nahm man die Bemerkung mit hochgezogenen Brauen und gesenkten Augenlidern hin, als hätte man sagen wollen: Ah! Aus dir kann noch was werden!

»Nichts in meinem Leben bereitet mir größeren Kummer als der Hang der menschlichen Natur, im Formwesen zu erstarren.« Die Dame, die das Kommando führte, sprach diese Worte, und die jungen Leute nickten wie zustimmend mit den Köpfen. Sie sehen genau wie Perlhühner aus, dachte der Junge, mit den kleinen Köpfen, den abfallenden Schultern und den gesprenkelten grauen Jacken!

»Ah, meine verehrte gnädige Frau« – der Herr mit dem zerknüllten Kragen sprach jetzt –, »ihr Schriftstellerinnen verhöhnt stets den löblichen Zustand der Gleichförmigkeit. Dieser Geist des Zweifels ist die traurigste Erscheinung unsrer Zeit. Noch nie ist der Aufruhr größer gewesen, besonders unter der Jugend. Daß ein jedes Individuum ein selbständiges Urteil haben soll, ist ein ernstliches Symptom nationaler Degeneration. Aber das ist kein Thema …«

»Das Thema ist zweifellos von höchstem Interesse für alle jungen Leute.« Und wieder erhoben die jungen Leute ihre Köpfe und bewegten sie langsam hin und her.

»Meine verehrte gnädige Frau, wir sind nur zu sehr geneigt, alles, was unser Interesse erregt, auch ohne weiters diskutabel zu finden. Wir lassen diese Theorien sich in unser Gedankenleben einschleichen, bis sie nach und nach unsern Glauben unterwühlen und am Ende vernichten.«

Einer der jungen Leute unterbrach ihn plötzlich: »Madre« – und schwieg sogleich.

»Ich hoffe«, fing die Dame wieder an, »man wird mich nicht der Zügellosigkeit beschuldigen, wenn ich – was stets meine Meinung war – erkläre, daß Gedanken nur dann gefährlich sind, sobald man sich nur von der rohen Intelligenz leiten läßt. Wenn uns die Kultur nichts zu bieten hat, dann fort mit aller Kultur! Wenn jedoch die Kultur, wie ich überzeugt bin, unentbehrlich ist, dann müssen wir die Gefahren, welche sie nach sich zieht, auch mit in den Kauf nehmen.«

Wieder nickten die jungen Leute mit den Köpfen, und wieder begann der jüngere der beiden jungen Männer: »Madre …«

»Gefahren? Gibt es für kultivierte Menschen überhaupt Gefahren?«

Wer hatte das gesagt? Jede Augenbraue ging in die Höhe, jeder Mundwinkel zog sich nach abwärts, und Schweigen trat ein. Der Junge starrte seine Gefährtin an. Mit welch seltsamer Stimme sie diese paar Worte dazwischengerufen hatte! Und in ihren Augen schien eine Flamme aufzulodern. Da sprach der kleine graubärtige Mann – seine etwas flüsternde Stimme klang hart und schneidend:

»Wir sind alle nur Menschen, meine verehrte Gnädige.«

Der Junge fühlte sein Herz heftig schlagen, als Anna auflachte. Es war geradeso, als hätte sie damit gesagt: Freilich! Aber ihr auf keinen Fall! Und er erhob sich und folgte ihr zur Tür hinaus.

Die Gesellschaft der Engländer hatte bereits angefangen – vom Wetter zu sprechen.

Die beiden gingen eine Zeitlang schweigend nebeneinander, bis Anna sagte:

»Es war Ihnen wohl peinlich, daß ich lachte?«

»Ich fürchte, Sie haben sie verletzt.«

»Das hab ich ja gewollt – diese ›englischen Moralhelden‹! Bitte, seien Sie mir nicht böse! Es waren doch ›englische Moralhelden‹, nicht wahr – jeder einzelne?«

Sie blickte ihn scharf an, so daß er fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen schoß und ihn ein Schwindel ergriff, als ob ihn etwas vorwärts zöge.

»Sie haben kein Blut, diese Leute! Ihre Stimme, ihre hochmütigen Blicke, die einen auf und ab begaffen! Oh, ich kenne sie durch und durch! Diese Person mit ihrem Liberalismus – um kein Haar besser als die andern! Wie ich sie alle hasse!«

Er hätte sie auch gern gehaßt, weil sie es tat, aber ihn hatten sie nur amüsiert.

»Sie sind keine Menschen! Sie fühlen nicht! Eines Tages werden Sie sie kennenlernen. Dann werden sie Ihnen nicht mehr amüsant vorkommen!«

Sie fuhr mit ruhiger, fast träumerischer Stimme fort:

»Warum kommen sie eigentlich her? Hier ist die Welt noch immer jung und warm und schön. Warum bleiben sie nicht bei ihrer Kultur, wo keiner weiß, was Schmerz und was Hunger ist, und die Menschen kein Herz im Leibe haben? Fühlen Sie nur!«

Der Junge war so verwirrt und bestürzt, daß er nicht recht wußte, ob es in ihrem Herzen oder in seiner Hand so heftig pulsierte. Freute er sich, oder tat es ihm leid, als sie seine Hand losließ?

»Ach was! Diesen Tag können sie uns nicht verderben. Ruhen wir ein wenig aus.«

Am Rande des Lärchenwaldes, wo sie sich niederließen, blühten kleine Bergnelken mit zackigen Rändern und von wunderbar süßem Duft rund um sie her, und Anna erhob sich bald, um einen Strauß zu pflücken. Er jedoch blieb liegen, und ein seltsames Gefühl ergriff ihn. Das Blau des Himmels, das grüne Gefieder der Lärchenbäume und die Berge kamen ihm ganz anders vor als am frühen Morgen.

Sie kam zurück, beide Hände voll von den kleinen Bergnelken, und ließ sie zwischen ihren Fingern niederrieseln. Sie fielen ihm alle über Antlitz und Nacken. Noch nie hatte er solch süßen Duft verspürt, niemals ein solch sonderbares Empfinden wie in diesem Augenblick erlebt. Sie hängten sich in sein Haar, bedeckten seine Stirn, seine Augen, eine hatte sich sogar auf seine Lippen niedergelassen, und er blickte durch die gezackten Blütenblätter zu ihr auf. In seinem Auge mußte dabei etwas Wildes aufgeleuchtet haben, etwas von den Gefühlen, die sein Herz verwirrten, denn ihr Lächeln erstarb; sie trat ein paar Schritte von ihm zurück und stand mit abgewandtem Gesichte da. Bestürzt und unglücklich sammelte er die zerstreuten Blumen; und erst als er jede einzelne aufgelesen hatte, erhob er sich und brachte sie schüchtern zu ihr, die noch immer an demselben Fleck stand und in die Tiefen des Lärchenwaldes starrte.

Fünftes Kapitel

Was wußte er denn von Frauen, daß er sie hätte verstehen sollen? Während seiner Schulzeit hatte er keine kennengelernt, in Oxford nur diese einzige. Wenn er in den Ferien zu Hause war, sah er nur seine Schwester Cicely. Die zwei Liebhabereien ihres Vormunds, Fischen und das Sammeln von Antiquitäten seiner heimatlichen Grafschaft, machten ihn jeder Gesellschaft abhold, so daß sein kleines Herrenhaus in Devonshire, mit dem dunkeln eichenen Holzwerk und dem verwilderten, von Steinmauern umschlossenen Park am Bach, jahrein, jahraus keine Weiberröcke zu sehen bekam, ausgenommen die von Cicely und der alten Gouvernante Miß Tring. Zudem war der Junge schüchtern. Nein, nichts hatte sich in seiner kaum neunzehnjährigen Vergangenheit ereignet, wonach er sich hätte richten können. Er gehörte nicht zu jenen Jünglingen, die stets an Eroberungen denken. Schon der bloße Gedanke an eine Eroberung schien ihm niedrig, gemein, entsetzlich. Es mußten schon viele Anzeichen vorhanden sein, ehe es ihm einfiel, daß eine Frau in ihn verliebt sein könnte, ganz besonders eine, zu der er emporsah und die ihm so herrlich dünkte. Denn angesichts der Schönheit war er demütig, kam er sich schwerfällig und unbeholfen vor. Unbewußt fühlte er, daß diese Seite des Lebens heilig war und man sich ihr nur zitternd nahen dürfe. Je mehr seine Bewunderung wuchs, um so scheuer und furchtsamer wurde er. Und daher fühlte er sich eingeschüchtert nach dem einen leidenschaftlichen Augenblick, als sie die Blüten gepflückt und über ihn gestreut hatte; und auf dem Heimweg ging er schweigsamer denn je neben ihr her, verlegen und in tiefster Seele aufgewühlt.

Wenn sein Herz, dem bisher jede Sorge fremd geblieben war, jetzt in Aufruhr geriet, was mußte dann in ihr vorgehen, die schon so lange im geheimen auf das Erwachen dieser Wirrnis gehofft hatte? Auch sie sprach kein Wort.

Als sie kurz vor dem Dorf an einer offenstehenden Kirchentür vorbeikamen, sagte sie:

»Warten Sie nicht auf mich, ich möchte eine Zeitlang hierbleiben.«

In dem Zwielicht der leeren Kirche war nur eine Gestalt zu sehen, eine Bäuerin in schwarzem Schal, die wunderbar regungslos auf den Knien lag. Er wäre gern dort geblieben. Die kniende Gestalt, das Glitzern des Sonnenlichts, das sich in das Halbdunkel ergoß! Lange genug zögerte er, bis er sah, wie auch Anna in der Stille niederkniete. Betete sie? Wieder empfand er die wilde Unruhe, die ihn erfaßt hatte, als sie die Blumen pflückte. Herrlich sah sie aus, wie sie so auf den Knien lag! Doch es war häßlich von ihm, sie zu bewundern, wo sie im Gebet versunken war! Und rasch wandte er sich um und ging weiter. Aber jenes heftige, wehe und doch süße Gefühl ließ ihn nicht mehr los. Er schloß die Augen, um ihr Bild nicht mehr vor sich zu haben – doch sofort stand sie zehnmal deutlicher vor ihm, wurde dies Gefühl zehnmal stärker. Er stieg zum Hotel empor; dort traf er auf der Terrasse seinen Professor. Und sonderbarerweise ließ ihn sein Anblick so kühl, als wäre er der Portier des Hotels gewesen. Stormer schien einfach gar nicht in Betracht zu kommen; er schien es gar nicht zu wünschen, in Betracht gezogen zu werden. Und obendrein war er ja so alt, fast fünfzig!

Der Mann, der so alt war, stand in charakteristischer Haltung da, die Hände in den Taschen seiner Norfolk-Jacke, die eine Schulter etwas in die Höhe gezogen und den Kopf ein ganz klein wenig auf die Seite geneigt, als hätte er über etwas spötteln wollen. Wie Lennan auf ihn zukam, lächelte er, ohne daß sich der Ausdruck seiner Augen veränderte.

»Nanu, junger Mann, wo haben Sie denn meine Frau gelassen?«

»In einer Kirche, Herr Professor.«

»Aha! Davon läßt sie nicht ab! Haben Sie sich die Beine ablaufen müssen? Nicht? Dann wollen wir ein wenig herumspazieren und plaudern.«

Mit ihrem Gatten so auf und ab zu gehen und sich zu unterhalten schien ganz natürlich, geriet mit jenen neuen Gefühlen nicht einmal in Konflikt, ließ ihn auch nicht die leiseste Scham darüber empfinden. Er wunderte sich nur ein wenig, daß sie ihn hatte heiraten können, doch nur ein ganz klein wenig. Nur ganz schattenhaft und akademisch war diese Verwunderung, so wie er sich in früheren Tagen darüber gewundert hatte, daß seine Schwester mit Puppen spielen konnte. Wenn noch ein anderes Gefühl daneben aufkam, so war es nur der Wunsch, von ihm loszukommen und wieder den Berg hinunter zur Kirche zu gehen. Alles schien jetzt kalt und einsam zu sein, nach dem langen mit ihr verbrachten Tage, als ob er sich dort oben zurückgelassen hätte, stundenlang mit ihr wandernd oder neben ihr in der Sonne liegend. Worüber redete der alte Stormer eigentlich? Über den Unterschied der Ehrbegriffe bei den alten Griechen und Römern. Stets in der Vergangenheit – schien rein zu glauben, daß die Gegenwart nichts mehr vom ›guten Ton‹ wüßte. Und er sagte:

»Auf dem Berge haben wir ein paar ›englische Moralhelden‹ getroffen, Herr Professor.«

»Ah! Irgendeine besondere Sorte?«

»Ein paar von ihnen modern, die andern nicht – waren sich aber eigentlich alle gleich, glaub ich.«

»Soso! ›Moralhelden‹ heißen Sie die Leute?«

»Jawohl, Herr Professor, aus unserm Hotel. Mrs. Stormer gab ihnen diesen Namen. Sie taten so großartig.«

»Aha!«

Es lag etwas Ungewöhnliches in dem Ton, womit er dieses kleine Wort äußerte. Und der Junge starrte ihn an, zum erstenmal schien ein wahrer Mann vor ihm zu stehen. Dann schoß ihm das Blut in die Wangen, denn sie kam daher. Würde sie zu ihnen kommen? Wie prachtvoll sie aussah, von der Sonne verbrannt, und ihr Gang so elastisch, als wäre sie eben erst aufgebrochen! Sie trat jedoch ins Haus, ohne sich nach ihnen umzuwenden. Hatte er sie vielleicht verletzt, beleidigt? Er entschuldigte sich und ging auf sein Zimmer.

Wieder stand er am Fenster, von dem er am selben Morgen die Berge betrachtet hatte, die im Dämmerlicht wie Löwen hingestreckt lagen, und blickte in die Sonne, die hinter dem Horizont versank. Was war ihm nur geschehen? Er kam sich so ganz anders vor, so ganz anders! Es war eine andere Welt. Und die seltsamste Empfindung beschlich ihn: als ob die Blumen wieder über Antlitz, Nacken und Hände rieselten, ihre weichen, ausgezackten Ränder ihn kitzelten, als ob er wieder ihren verwirrenden Duft einsöge. Und er schien ihre Stimme zu hören, wie sie sagte: ›Fühlen Sie nur!‹, und ihren Herzschlag wieder unter seiner Hand zu spüren.

Sechstes Kapitel

Anna, die mit der Bäuerin im schwarzen Schal in der Kirche allein war, betete nicht. Während sie auf den Knien lag, empfand sie nur ein schmerzhaftes Gefühl der Auflehnung. Warum hatte das Schicksal dies Empfinden in ihrem Herzen erweckt, ihr Dasein plötzlich aufgehellt, wenn Gott ihr die Erfüllung versagte? Ein paar halbzerdrückte Bergnelken waren in ihrem Gürtel steckengeblieben, und ihr Duft suchte sich gegen den leisen Geruch von Moder und Weihrauch zu behaupten. Solange sie diese verführerischen Blumen trug, die so voll von Erinnerungen waren, konnte sie unmöglich beten. Aber wollte sie denn beten? Wünschte sie in der Stimmung jener armen Seele im schwarzen Schal zu sein, die sich auch nicht um Haaresbreite von ihrem Platz gerührt hatte, seit sie sie betrachtete, sondern die ganz in demütiger, ruhevoller Andacht aufging, wie befreit von des Lebens Bürde, als ob sie in völligem Vergessen Erlösung fände? Aber ach, was wäre ein so mühsames, ein so wenig aufregendes Leben wert, tagein, tagaus, Stunde für Stunde, wenn es die höchste Freude sein sollte, in ergebener Gedankenlosigkeit so dazuknien? Ihr Anblick war schön, aber traurig. Und Anna überkam ein Verlangen, zu ihrer Nachbarin zu gehen und sie zu bitten: Sag mir doch deine Sorgen, wir sind ja beide Frauen! Vielleicht hatte sie einen Sohn verloren, vielleicht jemand, den sie liebte oder sich nur einbildete zu lieben. Die Liebe! … Warum sollte sich ein Geist unendlich sehnen, warum sollte ein Körper voll Kraft und Freude aus Mangel an Liebe langsam verschmachten? War in dieser weiten Welt nicht genug vorhanden, daß auch für sie, Anna, ein wenig übrigblieb? Sie wollte ihn nicht unglücklich machen, denn sie würde genau wissen, wann er von ihr genug hatte; sie würde dann sicher noch soviel Kraft und Stolz haben, ihn freizugeben. Denn natürlich würde er ihrer müde werden. In ihrem Alter konnte sie nicht mehr hoffen, einen jungen Menschen mehr als wenige Jahre, vielleicht nur wenige Monate festzuhalten. Aber würde sie ihn überhaupt jemals festhalten können? Die Jugend war so grausam, sie hatte kein Herz! Und darin kam ihr wieder die Erinnerung an seine Augen, wie sie verwirrt, fast wild zu ihr aufgeblickt, als sie die Blumen über ihn hatte rieseln lassen. Diese Erinnerung versetzte sie in eine Art Taumel. Ein Blick von ihr, eine Berührung nur – und er hätte sie in die Arme geschlossen. Dessen war sie sicher, doch wagte sie kaum an das zu glauben, was ihr so viel bedeutet hätte. Und plötzlich schien ihr alle Pein und Qual, die ihr bevorstand, welche Wendung die Sache auch nehmen mochte, doch zu grausam und unverdient! Sie erhob sich. Der letzte Sonnenstrahl fiel gerade durch die offene Tür; er war nur ein ganz kleines Stück von der Bäuerin entfernt, und Anna beobachtete ihn. Würde er sich weiterschleichen und sie berühren, oder würde die Sonne hinter den Bergen versinken und der Strahl erlöschen? Ohne etwas von dieser Frage an das Schicksal zu ahnen, lag die Gestalt im schwarzen Schal unbeweglich auf den Knien. Und der Sonnenstrahl schlich weiter. Wenn er sie berührt, wird er mich lieben, wenn auch nur für eine Stunde; wenn er zu früh vergeht … Und der Sonnenstrahl schlich weiter. Dieser schwache Lichtstreif mit den tanzenden Stäubchen, war er wirklich ein Bote des Schicksals, war er wirklich der Prophet der Liebe oder der Verzweiflung? Langsam bewegte er sich weiter und stieg empor, als die Sonne sank; er erhob sich über jenem gebeugten Haupt, schwebte wie in einem goldenen Nebel, strich weiter und war auf einmal erloschen.

Unsichern Schrittes, ohne etwas deutlich zu sehen, verließ Anna die Kirche. Warum sie auf der Terrasse an ihrem Gatten und dem Jungen vorbeiging, ohne sie anzusehen, hätte sie nicht genau sagen können – vielleicht, weil der Gefolterte die Folterknechte nicht grüßen mag. Als sie auf ihr Zimmer kam, fühlte sie sich todmüde, legte sich auf ihr Bett hin und schlief fast sofort ein.

Ein Geräusch weckte sie auf, und da sie das rücksichtsvolle Klopfen ihres Gatten erkannte, gab sie keine Antwort, denn es war ihr gleichgültig, ob er hereinkam oder nicht. Er trat leise ein. Wenn sie ihm nicht zeigte, daß sie wach war, würde er sie auch nicht wecken. Sie lag still und beobachtete ihn, wie er sich rittlings auf einen Stuhl setzte, die Arme auf der Lehne kreuzte, sein Kinn darauf ruhen ließ und sie anstarrte. Es fügte sich so, daß sein Gesicht das einzige war, was sie durch den Schleier ihrer Wimpern genau sehen konnte, und um so deutlicher schien es, weil sie sonst nichts andres wahrnahm. Sie schämte sich gar nicht dieser langen gegenseitigen Betrachtung, bei der ihre Lage so vorteilhaft war. Er hatte ihr nie gezeigt, was in ihm vorging, hatte ihr nie enthüllt, was hinter jenen hellen, spöttischen Augen sich abspielte. Vielleicht würde sie es jetzt zu sehen bekommen! Und sie lag da und vertiefte sich in seinen Anblick mit dem gespannten Interesse, mit dem man ein kleinwinziges Unkraut durch ein Mikroskop betrachtet und gewahr wird, wie seine unbedeutende Gestalt die Größe und Wichtigkeit eines Treibhausgewächses annimmt. Der Gedanke arbeitete in ihr: Er sieht mich mit seinem wahren Selbst an, da er jetzt keinen Grund hat, sich vor mir zu verstellen. Zuerst schienen seine Augen durch ihren gewöhnlichen hellen Ausdruck maskiert, sowie sein ganzes Gesicht durch seine gewohnte schickliche Förmlichkeit; allmählich aber veränderte er sich so sehr, daß sie ihn kaum wiedererkannte. Diese Förmlichkeit, dieser helle Ausdruck lösten sich von dem los, was hinter ihnen lag, wie sich Reif und Tau vom Gras loslösen. Und ihr war's, als ob sich ihre innerste Seele zusammenkrampfte, als ob sie wirklich zu dem würde, was er in ihr sah: ein Etwas, das man einfach übergehen konnte, ein Garnichts. Ja, sein Gesicht verriet deutlich, daß er etwas ihm Unverständliches und daher nicht Beachtenswertes betrachtete; etwas, das keine Seele hatte; etwas von einer andern und inferioren Gattungsart, das einen Mann nicht sonderlich interessieren konnte. Sein Gesicht war wie das lautlose Geständnis eines von ihm gezogenen Schlusses, ein so intimes und bestimmt ausgeprägtes Geständnis, daß es unbedingt aus seinem innersten Herzen kommen, instinktiv, unabänderlich sein mußte. Das also war sein wahres Selbst! Ein Mann, der das Weib verachtet! Ihr erster Gedanke war: Und der ist verheiratet – welch ein Los! Ihr zweiter: Wenn er das fühlt, fühlen es vielleicht Tausende von anderen Männern! Bin ich und sind alle übrigen Frauen tatsächlich das, wofür sie uns halten? Die Überzeugung in seinem starren Blick, die felsenfeste, unerschütterliche Überzeugung, hatte sie angesteckt; und einen Augenblick lang fühlte sie sich darunter wie vernichtet. Dann revoltierte ihr Geist mit solcher Heftigkeit dagegen, und das Blut pulsierte so stark in ihr, daß sie kaum richtig dazuliegen vermochte. Wie wagte er es, sie für so etwas zu halten – für ein Nichts, für ein Bündel unerklärlicher Launen, Stimmungen, für seelenlose Materie? Tausendmal: nein! Er war der Prosaische, der Seelenlose, der Gottlose, der in seiner widerlichen Überlegenheit ihr Sein und mit ihr das Sein aller Frauen so leugnen konnte! Sein starrer Blick schien ihr zu sagen, daß er in ihr – nur eine Puppe sah, die mit soundso vielen Gewändern herausgeputzt war, als da hießen: Seele, Geist, Rechte, Verantwortung, Würde, Freiheit – nichts weiter als so viele leere Worte. Es war schändlich, es war entsetzlich, daß er sie in diesem Licht betrachten sollte! Und ein wahrhaft furchtbarer Kampf hob in ihr an zwischen dem Wunsch, aufzuspringen und es laut herauszuschreien, und dem Bewußtsein, daß es lächerlich, jeder Würde bar, geradezu verrückt wäre, ihm zu zeigen, daß sie etwas verstünde, was er nie zugeben, ja nicht einmal wissen würde, daß er's ihr enthüllt hatte. Und dann kam ihr etwas wie Zynismus zu Hilfe. Wie komisch doch das Eheleben war – all die langen Jahre mit ihm verbracht zu haben und nicht zu ahnen, was sich im Grunde seines Herzens verbarg! Sie hatte das Gefühl, daß, wenn sie jetzt auf ihn zuginge und ihm sagte: Ich bin in den Jungen verliebt, er nur die Mundwinkel hängen lassen und mit der denkbar spöttischsten Stimme erklären würde: Wirklich! Das ist aber interessant!, daß es nicht um ein Jota seine Meinung von ihr ändern und ihn nur in seiner Überzeugung bestärken würde, daß sie nicht der Beachtung wert, unverständlich, nur eine inferiore, sonderbare Abart von Lebewesen und von keinem wirklichen Interesse für ihn wäre.

Und als sie gerade fühlte, daß sie sich nicht länger zurückhalten könne, stand er auf, schlich auf den Zehen zur Tür, öffnete sie geräuschlos und ging hinaus.

Im nächsten Augenblick sprang sie auf. So! Sie war also an einen gekettet, für den sie nicht, für den gewissermaßen kein Weib zu existieren schien! Es war ihr, als hätte sie jetzt unvermutet eine Erfahrung von geradezu überwältigender Wichtigkeit gemacht und damit den Schlüssel zu allem gefunden, was ihr bisher so rätselhaft und hoffnungslos in ihrer Ehe erschienen war. Wenn er sie wirklich aus ganzem Herzen heimlich verachtete, brauchte auch sie für einen so trockenen, so engherzigen und von vornherein stupiden Menschen nur ein Gefühl der Verachtung übrig zu haben. Aber sie wußte recht gut, daß sogar Verachtung das nicht erschüttern könnte, was sie in seinem Gesicht gelesen hatte; durch seine pedantische, langweilige Überzeugung von seiner Überlegenheit hatte er sich wie mit undurchdringlichen Mauern umgeben. Er hatte sich auf immer verschanzt, und sie würde stets Sturm gegen ihn laufen müssen. Doch – was lag jetzt noch daran?

Während sie sich sonst rasch und fast sorglos ankleidete, verwandte sie an diesem Abend lange Zeit auf ihre Toilette. Ihr Hals war von der Sonne stark verbrannt, und sie zögerte, ungewiß, ob sie seine Zigeunerfarbe durch Puder verbergen oder sie zeigen sollte. Sie puderte sich am Ende doch nicht, denn sie merkte, daß ihr die braune Farbe zu ihren Gletschereisaugen unter den schwarzen Wimpern und ihrem Haar mit seinem oft überraschend aufblitzenden Flammenglanz besonders gut stand.

Als die Glocke zum Abendessen läutete, schritt sie an der Zimmertür ihres Mannes vorbei, ohne wie gewöhnlich anzuklopfen, und ging allein hinunter.

In der Vorhalle bemerkte sie einige von der englischen Gesellschaft aus der Schutzhütte. Sie grüßten sie nicht, sondern zeigten auf einmal Interesse für das Barometer, doch konnte sie fühlen, daß sie sie scharf ins Auge faßten. Sie setzte sich nieder, um zu warten, und merkte sogleich, wie der Junge von der andern Seite des Saales fast wie schlafwandelnd herüberkam. Er sprach kein Wort. Aber wie er aussah! Und das Herz begann ihr zu klopfen. War das der Augenblick, nach dem sie sich gesehnt? Wenn er jetzt wirklich gekommen war, würde sie es wagen, ihn auszunützen? Dann sah sie ihren Gatten die Treppe herunterkommen, sah ihn die englische Gesellschaft begrüßen, hörte ihre langgezogene schläfrige Unterhaltung. Sie blickte den Jungen an und sagte rasch: »War es schön heute?« Es bereitete ihr einen so unaussprechlichen Genuß, diesen Blick in seinem Gesicht festzubannen, diesen Blick, als hätte er in ihrer Betrachtung alles andere vergessen! Aus seinen Augen schien in dem Moment etwas Heiliges, etwas von der Wundersehnsucht der Unschuld und Natur zu sprechen. Das Bewußtsein war entsetzlich, daß dieser Blick im Handumdrehn verschwinden mußte, um vielleicht nie wieder in seinem Antlitz zu erscheinen – dieser herrlich schöne Blick! Ihr Gatte kam jetzt auf sie zu. Er sollte es nur sehen, wenn es ihm Vergnügen machte! Er sollte sehen, daß jemand sie bewundern konnte, daß sie nicht für jeden bloß eine Art von minderwertigem Lebewesen war. Ja, er mußte das Gesicht des Jungen gesehen haben; und dennoch veränderte sich sein Ausdruck nicht im geringsten. Er hatte also nichts bemerkt! Oder hielt er's für unter seiner Würde, etwas zu bemerken?

Siebentes Kapitel

Für den jungen Lennan brach eine seltsame Zeit an, eine Zeit, da er keinen Augenblick lang recht wußte, ob er glücklich war – stets bemüht, mit ihr zusammen zu sein, ruhelos, wenn es nicht möglich war, betrübt, wenn sie mit andern sprach und sie anlächelte; aber auch wenn er mit ihr zusammen war, fühlte er sich ruhelos, unbefriedigt und litt unter seiner Schüchternheit.

Eines Morgens, als es regnete, spielte sie auf dem Klavier des Hotels, er hörte zu und glaubte mit ihr allein sein zu können. Da kam ein junger deutscher Geiger herein, blaß, in einem braunen Rock mit enger Taille, mit langen Haaren und kurzem Backenbart – ein Ekel, wahrhaftig! Natürlich forderte sie dieses junge Ekel bald auf, ihn zu begleiten, als hätte irgend jemand sein widerliches Gefiedel hören wollen! Jedes Wort, das sie an den Geiger richtete, und jedes Lächeln verletzte ihn furchtbar, da er deutlich merkte, um wieviel interessanter dieser Fremde als er selbst war. Und das Herz ward ihm schwerer und schwerer, und er dachte: Es sollte mir eigentlich nichts dran liegen, daß er ihr gefällt – 's liegt mir aber doch was dran! Was kann ich dafür? Es war abscheulich, zusehen zu müssen, wie sie lächelte und wie sich das junge Ekel zu ihr herabbeugte. Und obendrein sprachen sie deutsch miteinander, so daß er keine Ahnung hatte, was sie sagten, und alles noch unerträglicher wurde. Er hatte bisher nicht gewußt, daß solche Qualen möglich waren.

Und dann empfand er das Bedürfnis, sie zu verletzen. Aber das war ein häßlicher Gedanke – und übrigens, wie konnte er sie denn verletzen? Ihr lag ja nichts an ihm, für sie war er nur – ein Kind! Wenn sie ihn, der sich so alt fühlte, wirklich für ein Kind hielt, so wäre das einfach entsetzlich! Der Gedanke durchzuckte ihn, daß sie vielleicht den jungen Geiger gegen ihn ausspielte! Nein, so was würde sie niemals tun! Aber das junge Ekel sah gerade so aus wie einer, der ihr Lächeln falsch auslegen könnte. Wenn er doch nur etwas Ungehöriges täte, wie herrlich wär's, ihn zu einem Gang in den Wald aufzufordern und ihn nach der nötigen Aufklärung ordentlich zu verprügeln! Er wollte ihr nichts davon erzählen, er würde sich dadurch in ihren Augen nicht besser machen wollen. Er würde sich von ihr fernhalten, bis sie ihn wieder zurückrief. Doch plötzlich wurde der Gedanke, was er wirklich fühlen würde, wenn sie diesen jungen Mann statt seiner zum Freunde nähme, so lebendig, so schmerzhaft, so entsetzlich qualvoll, daß er unerwartet aufstand und zur Tür ging. Wollte sie ihm denn kein Wort sagen, ehe er das Zimmer verließ, wollte sie nicht versuchen, ihn zurückzuhalten? Tat sie es nicht, dann war gewiß alles zu Ende; das würde ihm beweisen, daß ihr jeder andere mehr bedeutete als er. Dieser kurze Weg zur Tür dünkte ihm wirklich wie der Gang zum Schafott. Wollte sie ihm nicht nachrufen? Er blickte zurück. Sie lächelte. Doch er konnte nicht lächeln; sie hatte ihn zu sehr verletzt! Er wandte den Kopf weg und stürmte zur Tür hinaus, barhäuptig in den Regen. Das Gefühl der Feuchtigkeit auf den Wangen gewährte ihm eine klägliche Genugtuung. Bald würde er bis auf die Haut durchnäßt sein! Vielleicht würde er noch krank! Hier, weit weg von seinen Angehörigen, würde sie ihn pflegen müssen; und vielleicht – vielleicht würde er ihr in seiner Krankheit nach und nach doch interessanter scheinen als jenes junge Ekel, und dann –! Ach, wenn er nur krank werden könnte!

Unter den triefenden Bäumen stieg er rasch zum Fuße des niederen Berges empor, der sich hinter dem Hotel erhob. Er schlug den Pfad ein, der zum Gipfel führte, und eilte sehr schnell vorwärts. Das Gefühl, daß ihm Unrecht widerfahren war, begann nachzulassen; er verspürte keine Lust mehr, krank zu werden. Der Regen hatte aufgehört, die Sonne kam hervor; er stieg weiter, immer höher. Er wollte rascher zum Gipfel kommen als jemals einer vor ihm! Das war wenigstens etwas, das er besser konnte als jenes junge Ekel! Die Fichten machten verkrüppelten Lärchen Platz und diese wieder dem Krummholz und Geröll; ganz außer Atem kletterte er weiter, wobei er sich an dem zähen Gebüsch emporzog; das Herz schlug ihm hörbar, der Schweiß strömte ihm vom Gesicht. Sein einziger Gedanke war jetzt, ob er die Spitze erreichen würde, ehe er erschöpft hinfiel. Er glaubte vor lauter Herzklopfen sterben zu müssen, aber lieber sterben als jetzt stehenbleiben und sich wenige Schritte vor dem Ziele besiegt erklären! Endlich stolperte er zu dem kleinen Plateau am Gipfel empor. Volle zehn Minuten lag er dort regungslos auf dem Gesicht, dann kugelte er sich auf die Seite. Sein Herz hatte aufgehört, so furchtbar zu schlagen; er atmete aus voller Brust auf, streckte die Arme über das dampfende Gras hin, fühlte sich wieder glücklich! Hier oben war's wundervoll! Die Sonne brannte heiß aus dem schon wieder hellblauen Himmel nieder. Wie winzig alles da drunten aussah, das Hotel, die Bäume, das Dorf, die Sennhütten, wie kleines Spielzeug! Noch nie zuvor hatte er die Freude, auf der Höhe zu sein, empfunden. Die zerrissenen Regenwolken, die längs der Berge nach Süden trieben, glichen in ihren gigantischen, weißen Gestalten einer flüchtenden Armee von Riesen mit Streitwagen und weißen Rossen. Plötzlich fiel ihm ein: Wie, wenn ich gestorben wäre, als mir das Herz so furchtbar schlug? Hätte es den geringsten Unterschied gemacht? Alles ginge geradeso wie bisher weiter, die Sonne schiene, der Himmel über mir wäre ebenso blau, und diese Spielsachen lägen ebenso im Tale unten. Seine ganze Eifersucht vor einer Stunde – ach, sie zählte nicht, er selbst zählte nicht! Was lag daran, ob sie zu dem Kerl im braunen Rock nett war? Was lag an irgend etwas, da doch das Weltall so groß war und er nichts weiter als ein Atom?

Am Rande des Plateaus war, um den höchsten Punkt zu bezeichnen, ein rohgezimmertes Kreuz errichtet worden, das sich deutlich vom blauen Himmel abhob. Es sah da oben häßlich aus und ganz am unrichtigen Platz, wie es so verkrümmt und hinfällig dastand; es schien ihm eine Taktlosigkeit, als hätten die Leute, von einer einzigen Idee besessen, es hier heraufgezerrt, ohne sich darum zu kümmern, ob es auch in die Umgebung paßte. Ebensogut hätte man einen jener Felsen in die schöne dunkle Kirche hineinstellen können, wo er Anna neulich zurückgelassen hatte, als hier ein Kreuz aufzurichten!

Das Bimmeln kleiner Glocken, Geschnüffel und Schlurfen weckte ihn aus seinen Gedanken; ein großer grauer Ziegenbock war heraufgekommen und roch an seinem Haar – der Führer einer Herde von Tieren mit sonderbar gelben Augen, länglichen Pupillen und possierlichen kleinen Bärten und Schwänzen, die sich voll ernsthafter Neugier bald um ihn sammelten. Furchtbar nette Biester – und freundlich! Was für famose Dinger zum Modellieren! Er lag still (diese in Gegenwart aller Tiere nötige Gewohnheit kannte er von seinem Vormund, der Fischer war), während der Führer eine Probe vom Geruch seines Nackens nahm. Es war ein angenehmes Gefühl, wie die lange rauhe Zunge über seine Haut fuhr, und erweckte in ihm ein merkwürdiges Bewußtsein guter Kameradschaft. Er unterdrückte den Wunsch, dem Tiere die Nase zu streicheln. Jetzt wollten sie scheinbar alle seinen Hals kosten; aber ein paar von ihnen waren zu schüchtern, und die Berührung ihrer Zunge kitzelte ihn nur, so daß er lachen mußte; bei diesem sonderbaren Laut wichen sie etwas zurück und starrten ihn an. Niemand schien bei ihnen zu sein, bis er in einiger Entfernung den Ziegenhirten gewahrte, einen Jungen von ungefähr seinem Alter, der ganz bewegungslos im Schatten eines Felsens saß. Wie einsam er hier oben den ganzen Tag sein mußte! Vielleicht unterhielt er sich mit seinen Ziegen. Er sah auch ganz danach aus. Hier oben mußte man auf seltsame Gedanken kommen, die Felsen und Wolken und Tiere und ihre eigentliche Bedeutung kennenlernen. Der Ziegenhirt stieß einen eigentümlichen Pfiff aus und etwas, Lennan konnte nicht recht sagen, was, war unter den Ziegen zu bemerken, ein Ruf wie ›Hier sind wir, Herr!‹ schien von ihnen zu kommen. Dann kam der Hirt aus dem Schatten hervor und ging zum Rande des Plateaus hinüber, und zwei Ziegen, die dort weideten, drückten ihre Nase in seine Hand und rieben sich an seinen Beinen. Es sah wunderschön aus, wie die drei so am Bergrand standen und wie die Gruppe sich vom Himmel abhob …

An jenem Abend wurde das Speisezimmer nach dem Diner zum Tanzen ausgeräumt, so daß sich die Gäste fröhlich und unbehindert fühlen konnten. Und bald darauf begann tatsächlich ein Paar in der schüchternen Art, wie sie Hotelgästen eigen ist, über den Boden hin und her zu walzen. Dann stürzten sich plötzlich drei Paare von Italienern in den Tanz, sie wirbelten in einem fort dahin und sahen einander heiß in die Augen; von ihrem Beispiel angeregt, fingen einige Amerikaner an, sich leicht hin und her zu drehen. Danach setzte sich ein englisches ›Moralheldenpaar‹ mit vorsichtig amüsierten Mienen in Bewegung. Lennan schien es, daß sie alle recht gut tanzen konnten, viel besser als er. Wagte er es, sie aufzufordern? Da sah er, wie der junge Geiger auf sie zuging, wie sie sich erhob, seinen Arm nahm und mit ihm in den Tanzsaal verschwand; mit einem wehen Gefühl des Besiegtseins preßte er die Stirn gegen eine Fensterscheibe und blickte ins Mondlicht hinaus, ohne etwas zu sehen. Er hörte seinen Namen, sein Professor stand neben ihm.

»Wir beide, Lennan, müssen einander trösten. Das Tanzen ist für die Jugend, eh?«

Glücklicherweise halfen Instinkt und Erziehung dem Jungen, seine Gefühle zu verbergen und auch dann nett zu sein, wenn er innerlich nicht im Gleichgewicht war.

»Gewiß, Herr Professor. Schönes Mondlicht da draußen, nicht wahr?«

»Ach ja, recht schön. Als ich in Ihrem Alter stand, schwang ich das Tanzbein mit den Besten. Aber nach und nach, Lennan, sah man ein, daß es ohne eine Partnerin nicht ging – da lag der Hase im Pfeffer! Sagen Sie mal: Nehmen Sie die Frauen überhaupt ernst? Ihre Ansicht darüber würde mich interessieren.«

Es war natürlich ironisch gemeint, doch lag etwas in diesen Worten – zweifellos!

»Ich glaube, Herr Professor, Sie sollten mir zuerst Ihre Ansicht sagen.«

»Mein lieber Lennan, meine Erfahrung auf diesem Gebiet zählt nicht.«

Das sollte ein Hieb auf sie sein. Er wollte lieber nichts entgegnen. Wenn Stormer ihn nur allein lassen wollte! Die Musik hatte aufgehört. Gewiß saßen sie irgendwo draußen und plauderten miteinander! Er nahm sich zusammen und sagte:

»Heute morgen war ich auf dem Berg hinterm Hotel, wo das Kreuz steht. Ich hab ein paar schöne Ziegen dort gesehn.«

Und plötzlich sah er sie allein daherkommen. Sie war erhitzt und lächelte; es fiel ihm auf, daß ihr Kleid den gleichen Schimmer wie das Mondlicht hatte.

»Harold, willst du tanzen?«

Jetzt würde er gewiß ja sagen, und sie würde wieder fortgehn! Aber sein Professor machte ihr nur eine kleine Verbeugung und sagte mit einem eigentümlichen Lächeln:

»Lennan und ich sind zu dem Schluß gekommen, daß das Tanzen nur für die Jugend ist.«

»Manchmal müssen sich die Alten opfern. Mark, wollen Sie tanzen?«

Er hörte seinen Professor hinter sich murmeln:

»Ah, Lennan, Sie verraten mich!«

Der kurze schweigsame Gang mit ihr zum Tanzsaal war vielleicht der seligste Augenblick, den er je gekostet hatte. Und er hätte wegen des Tanzes gar nicht solche Angst zu haben brauchen. Freilich war er nicht sehr vollendet, hinderte sie aber nicht, so leicht, sicher, so schwebend reigte sie dahin. Es ließ sich herrlich mit ihr tanzen! Erst als die Musik aufhörte und sie sich niedersetzte, fühlte er, wie ihm der Kopf wirbelte. Es war ihm sonderbar zumute, wirklich recht sonderbar! Er hörte sie sagen: »Was ist Ihnen nur, lieber Junge? Sie sind ja kreideweiß!«

Ohne recht zu wissen, was er tat, beugte er das Gesicht auf die Hand herab, die sie auf seinen Arm gelegt hatte, dann benahm ihm eine Ohnmacht die Sinne.

Achtes Kapitel

Die Überanstrengung des Morgens – da er sich doch im Wachstum befand! Weiter war es nichts! Er kam sehr rasch wieder zu sich und ging ohne Hilfe zu Bett. Zu dumm! Noch nie hatte sich jemand über eine kleine Schwäche so geschämt wie dieser Junge. Nun, da er sich wirklich etwas unwohl fühlte, fand er die Idee, sich pflegen oder warten zu lassen, einfach unerträglich. Mit fast verletzender Eile war er weggegangen. Erst nachdem er im Bette lag, erinnerte er sich an den Ausdruck ihres Gesichtes, als er sie verlassen hatte. Wie gedankenvoll. und unglücklich, als schiene sie ihn anzuflehen, ihr zu verzeihen! Als ob es etwas zu verzeihen gäbe! Als ob sie ihn nicht ganz selig gemacht hätte, wie sie mit ihm tanzte! Er sehnte sich, ihr zu sagen: Könnte ich jeden Tag eine einzige Minute so dicht bei dir verbringen, dann läge mir nichts an allem übrigen! Vielleicht würde er den Mut haben, ihr das morgen zu sagen. Wie er so dalag, fühlte er sich noch immer etwas schwindlig. Er hatte vergessen, die Rippen der Jalousien zu schließen, und das Mondlicht strömte voll herein; aber er fühlte sich zu träge, zu schlaftrunken, um jetzt noch aufzustehen. Man hatte ihm Kognak gegeben, vielleicht zu viel, das konnte die Ursache sein, warum er sich so sonderbar fühlte; nicht gerade krank, sondern betäubt, als träume er, als wünsche er gar nicht mehr, sich jemals wieder bewegen zu können. Nur so dazuliegen und das fließende Mondlicht zu betrachten und weit entfernte Musik heraufzittern zu hören und noch immer ihre Berührung zu fühlen, wie sie mit ihm im Tanze schwebte, und immerfort den Duft von Blumen einzuatmen! Seine Gedanken waren Träume, seine Träume die Verkörperung seiner Gedanken – alles herrliche Unwirklichkeit. Und dann war ihm, als ob sich das Mondlicht zu einem einzigen blassen Streifen verdichtet hätte – es hämmerte und bebte lauter, und der Streif Mondlicht kam auf ihn zu. Er kam ihm so nahe, daß er es warm an seiner Stirne wehen fühlte; er seufzte, schwebte hin und her, wich lautlos zurück und war wieder verschwunden. Danach mußte er in traumlosen Schlaf gesunken sein …

Wie spät war's eigentlich, als er, durch ein schwaches Klopfen aufgeweckt, seinen Professor, eine Tasse Tee in der Hand, in der Tür stehen sah?

War Lennan wieder ganz wohl? Ja, er fühlte sich wieder vollkommen wohl – er würde gleich unten sein! Es war ganz ungeheuer nett vom Herrn Professor, zu ihm zu kommen! Er brauchte wirklich nichts.

Schön, schön, aber Lahmen und Krüppeln müsse man beistehen!

Sein Gesicht schien dem Jungen in diesem Augenblick recht gütig, ihn nur ein wenig anzulächeln, aber gerade genug. Und es war doch höchst anständig von ihm, gekommen zu sein und zu warten, bis er den Tee ausgetrunken hatte. Es fehlte ihm wirklich nichts, nur ein wenig Kopfweh hatte er noch. Beim Ankleiden hielt er oft inne und versuchte sich zu erinnern. Jener weiße Streifen Mondlicht – war es wirklich Mondlicht, oder war es nur ein Traum gewesen? Oder war es, konnte sie es gewesen sein, in ihrem mondlichtfarbenen Kleid? Warum war er nicht wach geblieben? Er würde nicht den Mut haben, sie zu fragen, und daher auch nie erfahren, ob der warme Hauch auf seiner Stirn, an den er sich dunkel erinnerte, ein Kuß gewesen war.

Er frühstückte allein in dem Saal, wo sie getanzt hatten. Zwei Briefe waren für ihn angekommen, der eine von seinem Vormund, der ihm Geld sandte und sich über die Furchtsamkeit der Forellen beschwerte, der zweite von seiner Schwester. Der Mann, mit dem sie verlobt war – ein angehender Diplomat und der Gesandtschaft in Rom zugeteilt –, befürchtete, daß man ihm den Urlaub verkürzen würde. Dann müßten sie sofort heiraten. Nötigenfalls müßten sie sogar um eine Speziallizenz nachsuchen. Es träfe sich gut, daß Mark so bald zurückkäme. Sie müßten ihn einfach zum Brautführer haben! Die einzige Brautjungfer würde Sylvia sein … Sylvia Doone? Ach, die war ja noch ein Kind! Und in seiner Erinnerung tauchte ein kleines Mädchen in einem ganz kurzen Röcklein von ungebleichtem Leinen, mit flachsblondem Haar, hübschen blauen Augen und einem so hellen Gesicht auf, daß man fast hindurchsehen konnte. So hatte sie freilich vor sechs Jahren ausgesehen; jetzt würde sie gewiß kein Röcklein mehr tragen, das ihre Knie freiließ, oder bunte Perlen, oder sich vor Stieren fürchten, die gar nicht existierten. Zu dumm, Brautführer sein zu müssen, gewiß hätte sich noch ein anderer anständiger Kerl dazu gefunden! Und dann vergaß er alles, denn sie stand draußen auf der Terrasse. In der Eile, sie zu treffen, ging er an ein paar ›englischen Moralhelden‹ vorbei, die ihn von der Seite anstarrten. Sein Betragen vom vorigen Abend war tatsächlich dazu angetan gewesen, sie aus der Fassung zu bringen. Ein Student aus Oxford – der in einem Hotel ohnmächtig wurde! Da war etwas nicht in Ordnung! …

Und dann, als er sie erreicht hatte, fand er doch den Mut, sie zu fragen:

»War es wirklich Mondlicht?«

»Nur Mondlicht.«

»Es war aber warm.«

Und als sie ihm darauf nichts erwiderte, empfand er genau das gleiche, fast berauschende Gefühl, wie wenn er in der Schule Sieger bei einem Wettlauf geblieben war.

Jetzt aber kam ein furchtbarer Schlag. Nach einer Klettertour mit einer deutschen Gesellschaft war der alte Führer seines Professors plötzlich erschienen. In Stormer regte sich wieder der einstige Kampfgeist. Er wollte noch am Nachmittag nach einer gewissen Schutzhütte aufbrechen und in der Dämmerung des nächsten Morgens eine gewisse Spitze erklettern. Lennan jedoch sollte nicht mitgehen. Warum nicht? Weil er vorigen Abend ohnmächtig geworden war und weil er noch nicht den dummen Titel ›Sachverständiger‹ beanspruchen konnte. Als ob …! Wo sie hingehn konnte, da konnte auch er hingehn! Man behandelte ihn ja wie ein Kind! Natürlich hätte er auch diesen verdammten Berg besteigen können! Es lag ihr nur nichts daran, ob er mitging! Er schien ihr nicht Mann genug dafür zu sein! Glaubte sie, er könne einen Berg nicht bewältigen, wenn – ihr Gatte es konnte? Und wenn es wirklich gefährlich war, dann sollte auch sie nicht gehn und ihn zurücklassen, das war geradezu grausam! Sie aber lächelte nur, und er stürzte von ihr fort, ohne zu merken, daß sie sein ganzer Jammer nur um so glücklicher machte.

Und am Nachmittag gingen sie tatsächlich ohne ihn weg. Welche finsteren, abgrundtiefen Gedanken erfüllten ihn da! Wie leidenschaftlich haßte er seine eigene Jugend! Was für Pläne heckte er da nicht aus, daß sie zurückkommen und ihn nicht antreffen sollte, weil er unterdessen auf einen noch viel gefährlicheren und anstrengenderen Berg geklettert war! Traute man ihm keine solche Klettertour zu, so würde er einfach allein eine solche Tour unternehmen! Jeder gab zu, daß wenigstens das gefährlich sei. Und sie würde Schuld daran tragen! Dann würde es ihr leid tun. Er wollte vor der Dämmerung aufstehn und sich auf den Weg machen; er legte sich die Sachen bereit und füllte seine Flasche. An diesem Abend war das Mondlicht wundervoller denn je zuvor, die Berge standen da wie riesenhafte Geister ihrer selbst. Und sie war droben auf der Schutzhütte, so nah bei ihnen! Es dauerte recht lange, bis er einschlief, denn er brütete unablässig über das ihm widerfahrene Unrecht – er wollte überhaupt nicht schlafen, damit er um drei Uhr morgens aufbrechen könnte. Statt dessen wachte er um neun Uhr auf. Sein Zorn war verraucht, er fühlte sich nur ruhlos und beschämt. Wenn er, anstatt davonzustürzen, sich damit hätte abfinden wollen, so hätte er mit ihnen bis zur Schutzhütte gehen und dort die Nacht verbringen können. Und nun verwünschte er sich, daß er ein solcher Narr, ein solcher Idiot gewesen war. Vielleicht konnte er seine Dummheit zum Teil noch gutmachen. Wenn er sofort nach der Hütte aufbrach, konnte er vielleicht noch rechtzeitig hinkommen, um sie auf dem Rückweg zu treffen, und sie heimbegleiten. Er stürzte den Kaffee hinunter und machte sich auf den Weg. Den ersten Teil des Aufstiegs kannte er gut, verlor sich dann in den Wäldern, fand endlich den richtigen Pfad wieder, erreichte die Hütte jedoch nicht viel früher als zwei Uhr. Jawohl, die Gesellschaft wäre heute morgens aufgestiegen, man hatte sie auf dem Gipfel gesehn, sie dort jodeln gehört. Gewiß, gewiß! Sie würden aber nicht denselben Weg herunterkommen. Bestimmt nicht! Sie würden in westlicher Richtung absteigen und über den andern Paß zurückkehren. Sie würden sicherlich schon lange vor dem jungen Herrn wieder im Hotel zurück sein.

Seltsam, daß er dies fast mit Erleichterung vernahm! War es der lange einsame Weg gewesen, oder weil er so hoch oben war? Oder einfach, weil er sich sehr hungrig fühlte? Oder nur wegen dieser netten, freundlichen Leute in der Schutzhütte und ihrer jungen Tochter mit dem frischen Gesicht, dem seltsamen, langbebänderten Matrosenhütchen aus schwarzem Tuch, dem Samtmieder und ihrem entzückend einfachen Benehmen? Oder war's der Anblick der kleinen silbergrauen Kühe, die ihre breiten, schwarzen Schnauzen gegen die Hand des Mädchens rieben? Was hatte ihn eigentlich von seiner ganzen Ruhelosigkeit befreit, was machte ihn glücklich und zufrieden? … Er wußte nicht, daß immer nur das Allerneueste ein junges Hündchen auf seinen Sprüngen amüsiert … Er saß lange nach dem Mittagessen da, versuchte die kleinen Kühe zu zeichnen, beobachtete, wie die Sonne auf den Wangen jenes hübschen Kindes spielte, und gab sich Mühe, mit ihr deutsch zu sprechen. Und als er endlich »Adieu!« sagte und sie »Küß die Hand! Adieu!« murmelte, gab es ihm förmlich einen Stich … Das Herz des Mannes ist doch sonderbar und unergründlich … Als er sich dem Hotel wieder näherte, fing er trotz alledem zu eilen an, bis er buchstäblich rannte. Warum war er dort oben so lange geblieben? Sie war gewiß schon zurück, glaubte, daß er im Hotel sein würde, und dieses junge Ekel von einem Geiger war vielleicht statt seiner wieder mit ihr zusammen! Er kam noch gerade rechtzeitig ins Hotel zurück, um auf sein Zimmer zu eilen, sich umzuziehen und zum Abendessen hinunterzugehen. Ah! Sie waren gewiß müde – ruhten sich auf ihrem Zimmer aus. Er nahm das Essen, so ruhig er konnte, erhob sich vor dem Dessert vom Tisch und flog die Treppe empor. Eine Minute stand er zweifelnd da: An welche Tür sollte er klopfen? Dann pochte er schüchtern an die ihre. Keine Antwort! Er pochte fest an die Tür seines Professors. Wieder keine Antwort! Sie waren also noch nicht zurück. Noch nicht zurück? Was sollte das nur heißen? Oder vielleicht schliefen sie gar beide? Er klopfte noch einmal an ihre Tür; dann drückte er verzweifelt auf die Klinke und warf einen flüchtigen Blick ins Zimmer. Leer, in voller Ordnung, unberührt! Noch nicht zurück! Er wandte sich um und lief wieder hinunter. Die Gäste strömten aus dem Speisesaal, und er verwickelte sich in ein Gespräch mit einer Gruppe von ›englischen Moralhelden‹, die einen Touristenunfall in der Schweiz diskutierten. Wie er zuhörte, wurde ihm auf einmal ganz schlecht. Einer von ihnen, der kleine graubärtige ›Moralheld‹ mit der flüsternden Stimme, sagte zu ihm: »Heute abend wieder ganz allein? Die Stormers sind noch nicht zurück?« Lennan versuchte zu antworten, aber etwas hielt ihm die Kehle wie zugeschnürt; er konnte nur den Kopf schütteln.

»Sie hatten doch einen Führer?« fragte der ›englische Moralheld‹.

Diesmal konnte Lennan »Jawohl« hervorbringen.

»Soviel ich weiß, ist Stormer doch ein geübter Kletterer.« Und sich an die Dame wendend, welche die jungen ›Moralhelden‹ mit ›Madre‹ angeredet hatten, setzte er hinzu:

»Der hohe Reiz des Bergsteigens liegt für mich stets in dem Abgeschiedensein von den übrigen Menschen, in der Einsamkeit.«

Die Mutter der jungen ›Moralhelden‹, die Lennan mit ihren halbgeschlossenen Augen ansah, erwiderte:

»Das ist mir gerade unsympathisch; ich schließe mich immer gerne meinesgleichen an.«

Der graubärtige ›Moralheld‹ murmelte gedämpft: »Gefährlich, so was in einem Hotel zu sagen!«

Und sie redeten weiter, doch Lennan, ganz krank vor Angst, wußte nicht mehr, wovon. In der Gegenwart dieser ›englischen Moralhelden‹, die sich über alle niedrigen Gefühlsausbrüche so erhaben dünkten, durfte er seiner Unruhe keine Worte verleihen; sie betrachteten ihn sowieso schon als nicht ganz normal, weil er in Ohnmacht gefallen war. Dann kam es ihm zum Bewußtsein, wie sich die Leute um ihn her den Kopf darüber zerbrachen, was den Stormers zugestoßen sein könnte. Der Abstieg war höchst unangenehm; ein gewisser Übergang war besonders schwierig. Der ›Moralheld‹, dessen Kragen jetzt nicht zerknüllt war, sagte, er halte es nicht für richtig, daß die Frauen auf die Berge klettern. Es wäre ein Zug der Zeit, den er am meisten bedauere. Die Mutter der jungen ›Moralhelden‹ parierte sofort den Hieb: In der Praxis stimmte sie ihm bei, daß es nicht geschmackvoll war, in der Theorie aber konnte sie nicht einsehen, warum sie nicht klettern sollte. Ein Amerikaner, der daneben stand, versetzte alle in einen gelinden Schrecken durch den Einwurf, daß es am Ende zur Entwicklung ihrer Beine beitragen könnte. Lennan ging nach der Eingangstür. Der Mond war soeben im Süden aufgegangen, und genau darunter konnte er ihren Berg erblicken. Was für Vorstellungen stiegen da in ihm auf! Er sah sie tot daliegen, sah sich selbst im Mondlicht herunterklimmen und ihren noch atmenden, aber halb erstarrten Körper aus irgendeinem gefährlichen Felsspalt herausziehen. Selbst das schien ihm fast besser, als überhaupt nicht zu wissen, wo sie sich befand und was geschehen war. Die Leute traten ins Mondlicht hinaus und blickten neugierig in sein starres Gesicht, das so unbeweglich dreinsah. Einer oder der andere fragte ihn, ob er sich ängstige, und er erwiderte: »Ach nein, gar nicht!« Man würde bald eine Rettungsexpedition aussenden müssen. Wie bald? Er wollte, er mußte sich ihr anschließen! Diesmal sollten sie ihn nicht zurückhalten. Und plötzlich dachte er: Ach, das alles geschieht ja nur, weil ich heute nachmittag dort oben so lange mit jenem Mädchen gesprochen, nur deshalb weil ich sie vergessen hatte!

Und dann vernahm er ein Geräusch hinter sich. Da waren sie, kamen gerade den Gang herunter, in den sie durch eine Seitentür eingetreten waren; mit Alpenstock und Rucksack ging sie voraus, ein Lächeln auf dem Gesicht. Instinktiv verbarg er sich hinter einer Pflanzengruppe. Sie schritten an ihm vorbei. Ihr sonnengebräuntes Antlitz mit den tiefliegenden Augen sah so glücklich aus, müde, doch lächelnd, triumphierend. Das konnte er nicht ertragen, und nachdem sie fort waren, stahl er sich in den Wald hinaus, warf sich im Dunkeln zu Boden, vergrub sein Gesicht und bemühte sich, ein furchtbares trockenes Schluchzen, das ihm immer wieder in der Kehle emporstieg, herunterzuwürgen.

Neuntes Kapitel

Am nächsten Tag war er glückselig, denn den ganzen Nachmittag lag er im Schatten desselben Waldes ihr zu Füßen und blickte durch die Zweige der Lärchen empor. Es war so herrlich schön, nur die Natur um ihn. Und die Natur so lebendig, so tätig und groß!

Als er am Tag vorher von der Schutzhütte heruntergekommen war, hatte er eine Spitze erblickt, die der Gestalt einer Frau mit einem Tuch um den Kopf täuschend ähnlich sah – die größte Statue in der Welt; von weiter unten aus gesehen war sie zur Gestalt eines bärtigen Mannes geworden, der den Arm vor die Augen hielt. Hatte sie es auch bemerkt? Hatte sie auch bemerkt, wie alle Berge im Mondlicht oder ganz früh morgens sich wie Tigergestalten ausnahmen? Am eifrigsten strebte er danach, Abbilder von Tieren und Geschöpfen aller Art herstellen zu können, die dem Geiste der Natur glichen, ihn sozusagen in sich hatten, ihn förmlich ausströmten, so daß einem ihr Anblick so viel Freude machen konnte wie der Anblick von Bäumen, Tieren, Felsen und sogar mancher Menschen – nur nicht der von ›englischen Moralhelden‹.

Also hatte er sich zum Studium der Kunst endgültig entschlossen? – O ja, natürlich.

Er würde dann – von Oxford fortwollen! – Nein, ach nein! Freilich – eines Tages würde er es müssen.

Sie erwiderte: »Manche kommen nie davon los.«

Und er sagte rasch: »Natürlich werd ich nie von Oxford fortwollen, solange Sie dort sind.«

Er merkte, wie sie plötzlich den Atem anhielt.

»O ja, Sie werden's! Helfen Sie mir jetzt aufstehn!« Und sie ging mit ihm zum Hotel zurück.

Er blieb noch auf der Terrasse, nachdem sie hineingegangen war, und fühlte sich im Augenblick ruhelos und unglücklich. Eine Stimme dicht bei ihm sagte: »Na, Freund Lennan, tief in Gedanken – oder Katzenjammer? Wie?«

In einem jener hohen Korbstühle, die ihre Insassen von der übrigen Welt isolieren, erblickte er seinen Professor, wie er sich zurücklehnte, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt und die Spitzen seiner Finger gegeneinandergepreßt. Er glich einem Götzenbild, wie er so träge dasaß, und doch war derselbe Mann gestern einen solchen Berg emporgeklettert!

»Nur wieder lustig! Sie werden sich noch früh genug das Genick brechen! Ich erinnere mich, wie schmerzlich ich es in Ihrem Alter empfunden habe, daß man mir nicht erlauben wollte, das Leben anderer aufs Spiel zu setzen.«

Lennan stammelte:

»Daran hab ich nicht gedacht! Ich hab nur gemeint, wo Mrs. Stormer hinginge, könnte ich auch hin.«

»Ah! Aber trotz all unserer Bewunderung können wir die Ebenbürtigkeit der Frau doch nicht anerkennen, wenn es wirklich auf die Probe ankommt, nicht wahr?«

Des Jungen Ergebenheit brach flammend hervor:

»Das mein ich nicht. Ich halte Mrs. Stormer für ebenso tüchtig wie nur irgendeinen Mann, nur … nur …«

»Nicht für ganz so tüchtig wie Sie selbst, eh?«

»Für hundertmal tüchtiger, Herr Professor.«

Stormer lächelte. Zynisches Scheusal!

»Lennan«, sagte er, »nur nicht gar so enthusiastisch!«

»Natürlich weiß ich ganz gut, daß ich nicht ordentlich klettern kann«, sprudelte der Junge wieder hervor, »aber – aber – ich hab gemeint, wo sie ihr Leben aufs Spiel setzen darf, sollt ich's auch dürfen!«

»Bravo! Das gefällt mir!« Es wurde diesmal ganz ohne jede Ironie geäußert, daß es den Jungen aus der Fassung brachte.

»Sie sind noch jung, Bruder Lennan«, fuhr sein Professor fort. »In welchem Alter, glauben Sie nun, fängt der Mann an, besonnen zu werden? Denn das eine sollten wir uns stets vor Augen halten: Den Frauen geht diese vortreffliche Eigenschaft gänzlich ab.«

»Ich glaub, die Frauen sind das Beste auf der Welt«, platzte der Junge wieder heraus.

»Mögen Sie noch lange dieser Meinung bleiben!« Der Professor hatte sich erhoben und betrachtete ironisch seine Knie. »Etwas steif«, sagte er. »Lassen Sie's mich wissen, wenn Sie Ihre Ansicht ändern.«

»Ich werd sie niemals ändern, Herr Professor!«

»Ah, ah! Niemals ist ein großes Wort, Lennan. Na, ich geh jetzt Tee trinken.« Und mit einem Lächeln ging er vorsichtig davon, als spöttelte er gewissermaßen über seine eigenen steifen Beine.

Lennan blieb mit flammenden Wangen zurück. Wieder schienen ihm die Worte seines Professors gegen sie gerichtet. Wie konnte nur ein Mann so über die Frauen reden! War es richtig, so wollte er's nicht wissen, und war es unrichtig, so fand er es häßlich, so zu sprechen. Es mußte doch furchtbar sein, niemals Edles empfinden zu können, immer und ewig spötteln zu müssen! Entsetzlich, den ›englischen Moralhelden‹ zu gleichen! Natürlich war er anders als sie, denn im Grunde genommen war der alte Stormer doch weit interessanter und intelligenter – gar nicht zu vergleichen; nur geradeso ›überlegen‹ wie sie. Manche kommen nie davon los. Hatte sie damit sagen wollen: von jener Überlegenheit? Gerade unter ihm mähte eine Bauernfamilie Gras und rechte es zusammen. Man konnte sich sehr gut vorstellen, wie sie das tat und wie wunderschön sie mit einem bunten Tuch um den Kopf dabei aussehn würde; man konnte sich sehr gut vorstellen, daß sie irgend etwas Alltägliches tat – aber den alten Stormer konnte man sich unmöglich anders als in seiner gewohnten Tätigkeit denken. Und auf einmal fühlte sich der Junge elend, niedergedrückt durch diesen flüchtigen Einblick in das verfehlte Leben zweier aneinandergeketteter Menschen. Und er beschloß, nicht wie Stormer zu werden, wenn er einmal alt war. Nein, viel eher wollte er ein regelrechter Lump werden als so einer! …

Als er auf sein Zimmer ging, um sich zum Abendessen umzukleiden, erblickte er in einem Glas Wasser eine große Gartennelke. Wer hatte sie hingestellt? Wer anders konnte sie hingestellt haben als sie? Sie strömte denselben Duft aus wie die Bergnelken, die sie über ihn hatte rieseln lassen, nur noch stärker und köstlicher, einen Duft, der heimlich berauschend, verführerisch war. Er drückte sie an die Lippen, ehe er sie ins Knopfloch steckte.

Am Abend tanzte man wieder, diesmal gab es mehr Paare, und das Klavier wurde noch von einer Geige begleitet. Sie hatte eine schwarze Toilette an. Er hatte sie nie zuvor in Schwarz gesehen. Ihr sonnenverbrannter Hals und das Gesicht waren gepudert. Der erste Anblick dieses Puders flößte ihm einen leichten Schrecken ein. Er hatte sich irgendwie eingebildet, daß wahre Damen sich niemals pudern. Aber wenn sie es tat, dann war's in Ordnung! Und er ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Er sah, wie der junge deutsche Geiger sie umschwärmte, sogar zweimal mit ihr tanzte, beobachtete sie, wie sie mit andern tanzte, aber ohne alle Eifersucht, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie von einem Traum befangen. Was war es nur? War er in diesen sonderbaren Zustand gezaubert worden – durch das Geschenk der Nelke in seinem Knopfloch? Was war es nur, das ihn, als er mit ihr tanzte und sie schwiegen, mit Seligkeit erfüllte? Er erwartete ganz und gar nicht, daß sie etwas sagen oder tun würde, er erwartete nichts, er wünschte nichts. Selbst als er mit ihr auf die Terrasse hinausging, selbst als sie den Hügel hinunterschritten und sich auf eine Bank setzten, von der man die Felder übersah, wo die Bauern gemäht hatten, empfand er noch immer nichts anderes für sie als stille, träumerische Anbetung. Dunkel und träumerisch war auch die Nacht, denn der Mond stand noch tief hinter den Bergen. Die kleine Kapelle spielte den nächsten Walzer; er aber saß ganz regungslos da, als ob man ihm alle Kraft zu handeln und zu denken genommen hätte. Und der Duft der Nelke in seinem Knopfloch stieg empor, denn es war windstill. Plötzlich hörte ihm das Herz zu schlagen auf. Sie hatte sich an ihn gelehnt, er hatte gefühlt, wie ihre Schulter seinen Arm berührte, ihr Haar seine Wange streifte. Da schloß er die Augen und wandte ihr das Gesicht zu. Er fühlte, wie sie ihre Lippen mit einem raschen, brennenden Kuß auf seinen Mund preßte. Er seufzte, streckte die Arme nach ihr aus. Nur die Luft war geblieben. Nur das Rascheln ihres Kleides durch das Gras hin vernahm er. Die Nelke – auch die war fort.

Zehntes Kapitel

Anna schloß die ganze Nacht kein Auge. Waren es Gewissensbisse, die sie wach hielten, oder der Taumel trunkener Erinnerung? Wenn sie den Kuß als ein Verbrechen empfunden hatte, so war es nicht ihrem Gatten oder sich selbst, sondern dem Jungen gegenüber – wie die Vernichtung einer Illusion, eines Heiligtums schien es ihr. Gleichzeitig aber konnte sie sich eines Glückseligkeitstaumels nicht erwehren, und es kam ihr auch nicht einen Augenblick in den Sinn, das, was sie getan, ungeschehen machen zu wollen.

Er war also bereit, ihr ein wenig Liebe zu schenken! Ein ganz klein wenig, verglichen mit der ihren, aber doch ein wenig! Etwas anderes konnte die Bewegung seines Gesichtes mit den geschlossenen Augen, als ob er es an ihre Brust hätte schmiegen wollen, nicht bedeuten.

Schämte sie sich ihrer kleinen Manöver in den letzten paar Tagen, dem jungen Geiger zugelächelt zu haben, so spät von der Klettertour zurückgekehrt zu sein, ihm die Nelke gegeben zu haben; schämte sie sich der ganzen planmäßigen Belagerung, die sie ins Werk gesetzt hatte seit jenem Abend, als ihr Gatte ins Zimmer getreten war und sie beobachtete, ohne zu wissen, daß sie ihn sah? Nein, sie schämte sich eigentlich nicht! Ihre Gewissenbisse entsprangen einzig und allein dem Kusse. Es tat ihr weh, daran zu denken, weil es das Ende, das gänzliche Aufhören des Muttergefühls in ihr bedeutete, das Erwachen von – wer konnte sagen was – in dem Jungen! Denn wenn sie ihm als etwas Rätselhaftes vorkam, um wieviel rätselhafter erschien er ihr, in seinem Eifer, seinem träumerischen Wesen, seiner jugendlichen Wärme, seiner Unschuld! Wie, wenn dadurch sein Vertrauen getötet, der Tau abgestreift, ein Stern am Firmament gestürzt worden wäre? Hätte sie sich das verzeihen können? Hätte sie's ertragen können, ihn so zu machen, wie so viele andere junge Leute waren, wie zum Beispiel der junge Geiger – zu einem zynischen Jüngling, der die Frauen als Freiwild betrachtete? Aber war es denn denkbar, ihn zu einem solchen Menschen zu machen, konnte er sich je nach dieser Richtung hin entwickeln? Nein, gewiß nicht, sonst hätte sie ihn nicht vom ersten Augenblick an lieben und ihn ›einen Engel‹ heißen können.

Nach jenem Kuß im Dunkeln, jenem Verbrechen, wenn es eines war, wußte sie nicht, was er getan, wohin er gegangen – vielleicht war er umhergewandert, vielleicht sofort in sein Zimmer hinauf. Warum hatte sie sich zurückgehalten, ihn dort allein gelassen, warum sich seinen Armen entzogen? Das konnte sie kaum selbst begreifen. Nicht aus Scham, nicht aus Furcht; aus Ehrfurcht vielleicht – aber wovor? Vor der Liebe – vor der Illusion, dem Geheimnisvollen, all dem, was die Liebe so herrlich machte; vor der Jugend, ihrer Poesie; vielleicht nur um der dunklen stillen Nacht willen und des Duftes jener Blume, jener dunklen Blume der Leidenschaft, die ihn zu ihr getrieben und die sie ihm wieder entwendet hatte, die sie jetzt die ganze Nacht lang dicht am Halse trug und morgens welk in ihrem Kleid verbarg. So lang hatte sie gehungert, so lang auf diesen Augenblick gewartet – es war gar nicht verwunderlich, wenn sie selbst nicht recht wußte, warum sie gerade dies und nicht jenes getan.

Und wie sollte sie ihm jetzt entgegentreten, wie ihm in die Augen blicken? Waren sie inzwischen anders geworden? Hatten sie vielleicht nicht mehr den geraden Blick, den sie so liebte? Ihr fiel nun die Führung zu, sie hatte die Zukunft zu gestalten. Und sie sagte sich in einem fort: Ich werd mich nicht fürchten. Es ist einmal geschehen. Ich will nehmen, was mir das Leben bietet! An ihren Gatten dachte sie dabei überhaupt nicht.

Aber in dem Augenblick, als sie den Jungen wiedersah, wußte sie auch schon, daß ihn seit jenem Kuß etwas von außen, etwas Ungünstiges beeinflußt hatte. Er kam zwar auf sie zu, sagte jedoch nichts, sondern stand an allen Gliedern zitternd da und reichte ihr ein Telegramm, das lautete: ›Komm sofort zurück, Hochzeit unmittelbar bevorstehend, erwarte dich übermorgen. Cicely.‹ Die Worte schienen ihr beim Lesen ganz verschwommen, und sie sah das Gesicht des Knaben wie durch einen Nebel. Dann bezwang sie sich und sagte gelassen:

»Sie müssen natürlich hingehn. Sie dürfen die Hochzeit Ihrer einzigen Schwester nicht versäumen.«

Er sah sie ohne jeden Widerspruch an, und sie konnte seinen Blick fast nicht ertragen – er schien so wenig zu wissen und so viel zu fragen. Sie sagte: »Es wird nicht lange sein nur für ein paar Tage. Sie kommen wieder her, oder wir kommen zu Ihnen.«

Sein Gesicht hellte sich sogleich wieder auf.

»Kommen Sie wirklich bald zu uns, sofort wenn Sie eine Einladung erhalten? Dann ist es mir gleich – ich … ich …« Und dann brach er ab, denn er erstickte schier.

Sie sagte wieder:

»Laden Sie uns ein. Wir werden kommen.«

Er faßte ihre Hand, drückte sie immer wieder zwischen seinen beiden Händen, dann streichelte er sie zärtlich und sagte:

»Ach! Ich tu Ihnen weh!«

Sie lachte, um nicht weinen zu müssen.

In wenigen Minuten mußte er abreisen, um den einzigen Zug zu erreichen, der ihn rechtzeitig nach Hause brachte. Sie ging mit ihm und half ihm einpacken. Es war ihr unendlich schwer ums Herz, da sie aber sein unglückliches Gesicht nicht ertragen konnte, redete sie in einem fort anscheinend heiter von ihrer Rückkehr, fragte ihn über sein Heim und wie man am besten hinkäme, sprach von Oxford und vom neuen Semester. Als seine Sachen fertig waren, schlang sie ihm die Arme um den Hals und drückte ihn einen Moment an sich. Dann lief sie fort. In der Tür blickte sie nach ihm zurück: er stand noch genauso da wie im Augenblick, als sie sich von ihm abgewandt hatte. Ihre Wangen waren naß; sie trocknete sie, während sie hinunterging. Als sie sich genügend sicher fühlte, trat sie auf die Terrasse hinaus. Dort sah sie ihren Gatten und sagte zu ihm:

»Willst du mit mir in den Ort gehn? Ich möchte ein paar Sachen einkaufen.«

Er zog die Augenbrauen in die Höhe, lächelte ungewiß und folgte ihr. Langsam stiegen sie den Hügel in die lange Dorfstraße hinab. Die ganze Zeit redete sie, ohne recht zu wissen wovon, und die ganze Zeit dachte sie: Sein Wagen wird vorbeifahren – sein Wagen wird vorbeifahren!

Mehrere Wagen mit Schellengeläute überholten sie. Endlich kam der seinige. Er starrte vor sich hin und bemerkte sie nicht. Sie hörte ihren Gatten sagen:

»Nanu! Wohin fährt denn unser Freund Lennan mit dem ganzen Gepäck? Sieht ja wie ein verängstigtes Löwenjunges drein!«

Sie bemühte sich, so deutlich und ruhig wie möglich zu erwidern:

»Es ist gewiß etwas passiert, sonst kann es nur die Hochzeit seiner Schwester sein.«

Sie fühlte, wie ihr Gatte sie musterte, und hätte gern ihr eigenes Gesicht dabei gesehen; in diesem Augenblick jedoch schlug das Wort ›Madre‹ an ihr Ohr, und sie waren von einem kleinen Trupp ›englischer Moralhelden‹ umgeben.

Elftes Kapitel

Die mehr als dreißig Kilometer lange Wagenfahrt war vielleicht der qualvollste Teil der Reise für den Jungen. Es ist stets schwer, leiden zu müssen und dabei ruhig zu sitzen.

Als Anna ihn in der vergangenen Nacht verlassen hatte, war er in der Dunkelheit umhergestrichen, ohne recht zu wissen, wohin er ging. Dann stieg der Mond empor, und er fand sich unter dem vorspringenden Dach einer Scheune sitzen, nahe bei der Sennhütte, wo alles schwarz und ruhig war; und unter ihm im Tal lag das mondbeglänzte Dorf mit seinen Dächern und Türmen und den kleinen, schimmernden, nebelhaften Lichtern.

Es wäre ein merkwürdiges Schauspiel für die Eigentümer jener Hütte gewesen, wenn sie ihn zufällig gesehen hätten, wie er im Gesellschaftsanzug, ohne Hut auf dem dunklen, wirren Haar, auf den heubedeckten Brettern gegen ihre Scheune gelehnt saß und in sehnsüchtigem Entzücken vor sich hin starrte. Doch sie gehörten zu den Leuten, denen der Schlaf kostbar ist …

Und nun war ihm alles entrissen worden, in solch ungeheuer weite Ferne entrückt! Würde es denn möglich sein, seinen Vormund zu bewegen, sie nach Hayle einzuladen? Und würden sie auch kommen? Sein Professor würde gewiß nicht gern nach einem Orte gehen, der so abseits auf dem Lande lag, so weit von Büchern und allem andern! Bei dem Gedanken an den Professor runzelte er die Stirn, von Zweifel und Unruhe erfüllt, doch aus keinem andern Grunde. Aber wenn er sie nicht dort haben konnte, wie sollte er die zwei Monate warten, bis das nächste Semester begann? Solche Gedanken gingen ihm im Kopf herum, während der Wagen ihn weiter und weiter von ihr forttrug.

Im Zuge war es besser; die Zerstreuung, die die seltsame Menge von Ausländern ihm bot, das Interesse an fremden Gesichtern und fremden Gegenden – und dann der Schlaf – eine ganze Nacht lang in eine Ecke geschmiegt, vollkommen erschöpft! Und am nächsten Tag wieder neue Gegenden, wieder neue Gesichter. Und allmählich wich sein Schmerz und seine Unruhe einem Gefühl der Erwartung von etwas, das man ihm versprochen hatte und worauf er sich freuen durfte. Endlich Calais und eine nächtliche Überfahrt in einem feuchten kleinen Dampfer, die sommerliche Brise, die ihm Gischt ins Gesicht spritzte, weißschäumende Wogen in der schwarzen See und das wilde Heulen des Windes. Zurück nach London, die Fahrt am frühen Morgen durch die Stadt, die noch im Augustnebel schlief; ein englisches Frühstück: Haferbrei, Hammelkoteletten, Orangenmarmelade. Und schließlich der Zug nach Hause. Auf alle Fälle konnte er ihr schreiben; er riß eine Seite aus seinem kleinen Skizzenbuch und begann:

›Ich schreibe im Zug, verzeihen Sie deshalb, bitte, die zitterige Schrift …‹

Dann wußte er nicht, wie er fortfahren sollte, denn alles, was ihm auf dem Herzen lag, war derart, daß er es ganz unmöglich niederschreiben konnte – was er fühlte, würde auf dem Papier entsetzlich aussehen! Außerdem durfte er doch nichts schreiben, was nicht jedermann hätte lesen können. Was sollte er also sagen?

Zuletzt schrieb er: ›Die Reise war lang, fort von Tirol.‹ (Er wagte nicht einmal zu schreiben ›von Ihnen‹.) ›Ich dachte, sie würde nie enden, aber schließlich hat sie doch geendet – beinahe. Ich habe viel über Tirol nachgedacht. Es war eine herrliche Zeit, die herrlichste Zeit in meinem Leben. Und da sie jetzt vorbei ist, suche ich mich mit dem Gedanken an die Zukunft zu trösten, nicht die allernächste Zukunft, die ist nicht sehr erfreulich. Ich möchte wissen, wie die Berge heute aussehen. Bitte, richten Sie ihnen meine herzlichsten Grüße aus, besonders denen, die wie Löwen aussehen, wenn sie im Mondlicht liegen – hier werden Sie sie schwerlich erkennen.‹ Dann folgte eine Skizze. ›Und das ist die Kirche, an der wir vorbeikamen, wo jemand auf den Knien lag. Und das sollen die ›englischen Moralhelden‹ sein, die eine mit einem Bergstock anstarren, die sehr spät heimkommt – nur daß mir die ›englischen Moralhelden‹ besser gelungen sind als die Dame mit dem Bergstock. Ich wollte, ich wäre einer der ›englischen Moralhelden‹ und jetzt noch in Tirol. Ich hoffe, bald einen Brief von Ihnen zu erhalten, daß Sie im Begriff sind zurückzukommen. Mein Vormund würde sich furchtbar freuen, wenn Sie uns besuchen wollten. Er ist gar kein übler Kerl, wenn man ihn erst näher kennt, und seine Schwester Mrs. Doone und ihre Tochter werden noch nach der Hochzeit dableiben. Es wäre einfach abscheulich, wenn Sie und Mr. Stormer nicht kämen. Ich wollt, ich könnte alles schreiben, was ich über die herrliche Zeit in Tirol fühle, aber Sie müssen sich das, bitte, selber denken.‹

Und ebensowenig, wie er eine Anrede für sie gefunden hatte, wußte er jetzt auch nicht, wie er sich unterzeichnen sollte, und schrieb einfach ›Mark Lennan‹.

Er warf den Brief in Exeter, wo er Aufenthalt hatte, in den Kasten, und seine Gedanken wanderten immer mehr von der Vergangenheit zur Zukunft. Jetzt, da er seiner Heimat näher kam, fing er an, an seine Schwester zu denken. In zwei Tagen würde sie nach Italien abgereist sein, und dann würde er sie lange Zeit nicht wiedersehen. Eine ganze Reihe von Erinnerungen streckte ihm die Hände entgegen. Wie sie oft beide in dem von einer Mauer umgebenen Garten und auf dem vertieften Krocket-Spielplatz zusammen spazierengegangen waren, wobei sie, weil sie zwei Jahre älter und in jenen Tagen größer war als er, ihren Arm um seinen Hals geschlungen und ihm Geschichten erzählt hatte. Das erste Gespräch an jedem Ferienanfang, wenn er zu ihr zurückkam; der erste Tee – mit unbeschränkter Marmelade – in dem alten Schulzimmer, das Fenster mit Steinpfeilern und Kattunvorhängen hatte, nur er, sie und die alte Tingle (Miß Tring, die ehrwürdige Gouvernante, die jetzt ihren Schützling verlor) und manchmal noch das kleine Ding, die Sylvia, wenn sie gerade mit ihrer Mutter zu Besuch dort war. Cicely hatte ihn stets verstanden, wenn er ihr erklärte, wie dumm die Schule war, weil die Vögel und andern Tiere nur dazu zu existieren schienen, um umgebracht zu werden, und niemand Interesse daran fand, sie zu zeichnen und zu modellieren oder sonst etwas Vernünftiges mit ihnen anzufangen. Sie pflegten zusammen im Park umherzustreifen oder am Bach entlang, wo alles so wild und ungewöhnlich aussah – die knorrigen Eichbäume und die riesigen Felsblöcke, von denen der alte Kutscher Godden behauptete: ›Die sind gewiß noch von der Sintflut zurückgeblieben, junger Herr‹. Diese und noch tausend andere Erinnerungen stürmten auf ihn ein. Und wie der Zug immer näher an die Station heranfuhr, machte er sich eifrigst bereit, aus dem Wagen zu springen, um sie zu begrüßen. Das Wartezimmer und die Holzpfosten des Bahnsteigs waren über und über mit blühendem Geißblatt bedeckt – herrlich in diesem Jahr; und dort stand sie allein auf dem Bahnsteig. Aber das war ja gar nicht Cicely! Ganz verwundert stieg er aus, als hätten ihm seine Erinnerungen einen Streich gespielt. Es war zwar auch ein Mädchen, doch sah sie nur wie etwa sechzehn aus und trug einen großen Sonnenhut, der ihr Haar und das halbe Gesicht verdeckte. Sie hatte einen blauen Rock an und ein paar Geißblattblüten im Gürtel stecken. Sie schien ihn anzulächeln und zu erwarten, daß er ihr Lächeln erwidern würde; und deshalb lächelte auch er sie an. Sie kam auf ihn zu und sagte:

»Ich bin Sylvia.«

Er erwiderte: »Oh! Tausend Dank! Furchtbar nett von dir, mich abzuholen.«

»Cicely hat so viel zu tun. Wir haben nur den kleinen Wagen. Hast du viel Gepäck?«

Sie ergriff seinen Mantelsack, und er nahm ihn ihr wieder ab; sie ergriff seine Handtasche, und er nahm sie ihr wieder ab; dann gingen sie zu dem Wägelchen. Ein kleiner Groom stand dort bereit, der einen kleinen, lebhaft tänzelnden hellen Rotschimmel mit schwarzer Mähne und schwarzem, buschigem Schweif am Zügel hielt.

Sie sagte: »Hast du was dagegen, wenn ich lenke? Ich lern es gerade.«

Und er erwiderte: »Nein, durchaus nicht.«

Sie stieg in den Wagen; er merkte, daß ihre Augen ganz aufgeregt dreinsahen. Dann brachte man seinen Koffer, der mit den übrigen Sachen hinten verstaut wurde, und er nahm neben ihr Platz.

Sie sagte: »Laß los, Billy!«

Der Rotschimmel flog an dem kleinen Groom vorbei, dessen Stulpenstiefel zu funkeln schienen, als er hinten aufsprang. Sie verließen den Bahnhof und sausten um die Ecke, und als er merkte, daß ihr Mund ein ganz klein wenig geöffnet war, als hätte sie das verwirrt, sagte er:

»Er zerrt ein bißchen.«

»Ja – aber ist er nicht reizend?«

»Wirklich ein famoser Kerl.«

Ah! Wenn sie kam, wollte er sie fahren; allein mit ihr in dem kleinen Wagen, würde er ihr die ganze Gegend zeigen.

Da wurde er aus seinem Traum aufgescheucht.

»Ach, er scheut gewiß!« Gleich darauf sprang der Rotschimmel zur Seite. Er ging in leichten Galopp über.

Sie waren an einem Schwein vorbeigekommen.

»Sieht er jetzt nicht prächtig aus? Hätt ich ihm die Peitsche geben sollen, wie er gescheut hat?«

»Aber nein!«

»Warum nicht?«

»Weil Pferde Pferde sind und Schweine Schweine; es ist nur natürlich, wenn die Pferde vor ihnen scheuen.«

»Ach so!«

Er sah sie von der Seite an. Wange und Kinn zeigten ganz weiche Linien und gefielen ihm recht gut.

»Weißt du, ich hab dich zuerst gar nicht erkannt!« sagte er. »Du bist so schrecklich in die Höhe geschossen.«

»Ich hab dich sofort erkannt. Deine Stimme ist noch immer so samtweich.«

Wieder trat ein Schweigen ein, bis sie sagte:

»Er zerrt ganz tüchtig, nicht wahr? Weil er wieder nach Hause will.«

»Soll ich fahren?«

»Ja, bitte!«

Er stand auf und ergriff die Zügel, und sie schlüpfte vor ihm darunter durch; ihr Haar duftete genauso wie Heu, als sie sanft gegen ihn geschleudert wurde.

Jetzt, da sie nicht mehr zu lenken brauchte, sah sie ihn immerzu aus tiefblauen Augen an.

»Cicely hat gefürchtet, daß du nicht kommen würdest«, sagte sie unerwartet. »Was für Leute sind diese alten Stormers eigentlich?«

Er fühlte, wie er über und über rot wurde, würgte etwas hinunter und gab zur Antwort:

»Nur er ist alt. Sie ist nicht mehr als ungefähr fünfunddreißig.«

»Das ist aber alt.«

Er wollte sagen: Freilich ist's alt für so 'n Küken wie du! Statt dessen sah er sie nur an. War sie denn ein Küken? Für ein Mädchen schien sie ganz groß zu sein und auch nicht sehr mager, und ihr Gesicht hatte einen sanften, freimütigen Ausdruck, als verlangte sie, daß man nett zu ihr sein sollte.

»Ist sie sehr hübsch?«

Diesmal wurde er nicht rot, so sehr setzte ihn diese Frage in Verwirrung. Es schien ihm, daß ein ›Ja‹ der ganzen Welt seine Anbetung verraten müsse; doch etwas anderes zu sagen wäre wie Untreue gewesen. So sagte er am Ende doch »Ja« und lauschte gespannt auf den Ton seiner eigenen Stimme.

»Das hab ich mir gedacht. Hast du sie sehr gern?«

Wieder würgte er etwas hinunter und sagte abermals: »Ja.«

Er hätte dieses Mädchen hassen können, aber es war ihm unmöglich – sie sah so sanft und vertrauensvoll aus. Als sie jetzt vor sich hin starrte, waren ihre Lippen noch immer ein wenig geöffnet; es war also vorher gar nicht deshalb gewesen, weil Bolero gezerrt hatte; trotzdem waren sie hübsch, ebenso wie die kurze, gerade, kleine Nase und ihr Kinn, und sie war furchtbar blond. Seine Gedanken flogen zu jenem andern Gesicht zurück, das so herrlich, so voller Leben war. Plötzlich konnte er es sich unmöglich wieder vorstellen, zum erstenmal seit seiner Abfahrt konnte er es nicht deutlich vor sich sehen.

»Ach, sieh nur!«

Ihre Hand zog ihn am Arm. Dort im Feld hinter der Hecke sauste ein Habicht wie ein Stein zu Boden.

»Ach, Mark! Ach! Ach! Er hat's gepackt!«

Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, und der Habicht, der ein junges Kaninchen in den Klauen trug, schwebte wieder empor. Es war ein so schöner Anblick, daß ihm das Kaninchen eigentlich gar nicht leid tat; doch wollte er sie trösten und beruhigen und sagte:

»Es ist ganz in Ordnung, Sylvia; glaub mir's nur! Siehst du, das Kaninchen ist doch schon tot. Und alles ist auch ganz natürlich.«

Sie nahm die Hände von ihrem Gesicht, das aussah, als wollte sie weinen.

»Das arme kleine Kaninchen! Es war so 'n ganz kleines!«

Zwölftes Kapitel

Am Nachmittag des folgenden Tages saß er im Rauchzimmer, ein Gebetbuch in der Hand und eine Falte auf der Stirn, und las den Abschnitt über den Traugottesdienst. Bei der Herstellung des Buches war man darauf bedacht gewesen, daß sein Format die Figur nicht verdarb, wenn man es in der Tasche trug. Aber das machte gar nichts, denn selbst wenn er die Worte hätte lesen können, hätte er nicht gewußt, was sie bedeuteten, da er darüber nachdachte, wie er ein gewisses Anliegen einer gewissen Person verständlich machen könnte, die gerade hinter ihm an einem großen Rollschreibtisch saß und künstliche Fliegen besichtigte.

Endlich entschloß er sich für folgende Form:

»Gordy!« (Warum Gordy, wußte eigentlich niemand mehr genau – vielleicht weil er George hieß.) »Wenn Cis fort ist, wird es hier ganz abscheulich sein, nicht wahr?«

»Ganz und gar nicht.«

Mr. Heatherley war ein Mann von ungefähr vierundsechzig, wenn Vormünder überhaupt ein Alter haben, und sah eher wie ein Arzt aus als wie ein Gutsherr; sein Gesicht mit den geschwungenen Lippen war breit und aufgedunsen, seine Augen stets halb geschlossen; die barsche Stimme sprach mit jener vornehmen Grobheit, wie sie Leuten aus alter Familie eigen ist.

»Aber ich weiß es bestimmt!«

»Na, und wenn schon?«

»Ich hab nur gedacht, du möchtest vielleicht Mr. und Mrs. Stormer auf kurze Zeit einladen – sie waren furchtbar nett zu mir, während ich mit ihnen war.«

»Fremde Leute! Mein lieber Junge!«

»Mr. Stormer fischt gern.«

»So? Und was tut sie gern?«

Froh, daß er ihm den Rücken zuwandte, entgegnete der Junge:

»Ich weiß nicht – alles mögliche – sie ist furchtbar nett.«

»Hm!! Hübsch?«

Er erwiderte mit schwacher Stimme:

»Ich weiß nicht, was du hübsch nennst, Gordy.«

Er fühlte mehr, als er sah, daß sein Vormund ihn aus den halbgeschlossenen Augen unter den geschwollenen Lidern forschend musterte.

»Schön! Tu, was du willst. Laß sie herkommen und damit Punktum!«

Hüpfte ihm das Herz vor Freude? Doch nicht; aber es schlug warm und glücklich, und er sagte:

»Ich bin dir schrecklich dankbar, Gordy! Es ist so furchtbar nett von dir.« Dann wandte er sich wieder dem Traugottesdienst zu. Einen Teil davon konnte er verstehen. Manche Stellen erschienen ihm schön, andere wieder sonderbar. Das mit dem Gehorchen zum Beispiel. Hatte man jemand lieb, so war es doch gemein, Gehorsam zu verlangen. Liebte man und wurde man wiedergeliebt, wie konnte es da überhaupt eine Gehorsamsfrage geben, da doch alles nur mit gegenseitiger Übereinstimmung geschah? Und wenn man nicht geliebt wurde oder selbst nicht liebte, dann – o dann wäre es einfach unerträglich, mit einem Menschen weiterzuleben, den man nicht liebte und von dem man nicht geliebt wurde. Aber sie hatte natürlich seinen Professor nicht lieb. Hatte sie ihn je geliebt? Jene hellen kritischen Augen und das absichtliche spöttische Lächeln um seinen Mund – er sah alles deutlich vor sich. So etwas konnte man nicht lieben; und dennoch – er war wirklich ein ganz netter Kerl. Etwas wie Mitleid, fast wie Zuneigung für seinen Professor stieg in ihm auf. Ein merkwürdiges Gefühl! Denn als sie das letztemal auf der Hotelterrasse miteinander gesprochen, hatte er nichts Derartiges empfunden.

Der Lärm des Rollpultes, das herabgelassen wurde, scheuchte ihn aus seinen Gedanken auf; Mr. Heatherley schloß den Rest seiner künstlichen Fliegen ein. Das hieß, daß er nun fischen gehen würde. Im Augenblick, als Mark die Tür ins Schloß fallen hörte, sprang er auf, rollte das Pult wieder empor und fing an, seinen Brief zu schreiben. Es war ein schweres Stück Arbeit.

›Sehr geehrte Mrs. Stormer!

Mein Vormund bittet mich, Sie und Mr. Stormer einzuladen, uns, sobald Sie von Tirol zurückkommen, zu besuchen. Bitte, sagen Sie Mr. Stormer, daß nur die allerbesten Fischer – wie er – unsere Forellen fangen können; alle übrigen fangen unsere Bäume. Das bin ich, wie ich die Bäume fange.‹ (Hier folgte eine Skizze.) ›Meine Schwester wird morgen getraut, und wenn sie fort ist, wird es hier abscheulich sein, falls Sie nicht kommen. Also kommen Sie doch, bitte!

Mit den allerbesten Grüßen verbleibe ich

Ihr ergebener Diener

M. Lennan.‹

Nachdem er dies Erzeugnis frankiert und in den Briefkasten geworfen, hatte er das verrückte Gefühl, als wär's der erste Ferientag gewesen, als hätte er umhertollen und allerhand Possen treiben müssen. Was sollte er anfangen? Cis war natürlich zu beschäftigt, sie hatten ja alle soviel mit der Hochzeit zu tun. Er würde hinuntergehn, den Bolero satteln und im Park herumjagen; oder sollte er am Bach entlangschlendern und die Eichelhäher beobachten? Beides schien ihm allein zu langweilig. Und niedergeschlagen stand er am Fenster. Als er fünf Jahre alt war, hatte er einmal auf einem Spaziergang zu dem Kindermädchen gesagt: »Ich möcht Zuckerbrot essen, den ganzen Weg lang möcht ich Zuckerbrot essen!« Vielleicht ging es ihm jetzt noch genauso – den ganzen Weg lang wollte er Zuckerbrot essen. Dann erinnerte er sich seiner Modellierarbeiten und begab sich nach dem kleinen leeren Gewächshaus, wo er seine Meisterwerke aufbewahrte. Sie kamen ihm jetzt ganz entsetzlich vor, und zwei von ihnen, das Schaf und den Truthahn, weihte er dem endgültigen Untergang. Da kam ihm der Gedanke, zu versuchen, den entfliehenden Habicht mit dem kleinen Kaninchen zu modellieren; doch als er anfing, machte es ihm keine Freude; er warf das Zeug zu Boden und ging hinaus. Über den mit Unkraut bewachsenen Weg rannte er nach dem Tennisplatz – Lawn-Tennis kam damals gerade in Mode. Das Gras sah ganz verwildert aus. Aber schließlich – alles, was zu dem kleinen Herrenhaus gehörte, blieb mehr oder weniger sich selbst überlassen; warum, wußte niemand recht zu sagen, und niemand schien daran Anstoß zu nehmen. Er hielt inne und untersuchte die Beschaffenheit des Bodens. Ein summender Ton drang an sein Ohr. Er kletterte auf die Mauer. Da saß Sylvia im Feld und drehte eine Girlande von Geißblattzweigen. Er stand ganz still und lauschte. Sie sah hübsch aus – so in die Melodie verloren. Er rutschte von der Mauer herunter und sagte leise:

»Hallo!«

Sie blickte sich nach ihm um mit weitoffenen Augen.

»Du hast eine liebe Stimme, Sylvia!«

»Ach nein!«

»Doch! Komm, wir wollen auf einen Baum klettern!«

»Wo denn?«

»Im Park natürlich.«

Einige Zeit verstrich mit dem Aussuchen eines Baumes; viele waren zu leicht für ihn und wieder andere zu schwer für sie; aber endlich fanden sie einen, eine alte Eiche, die ein Lieblingsplatz der Krähen war. Er bestand darauf, daß sie angeseilt werden müsse, und ging daher nach dem Hause, um ein Stück Vorhangschnur zu holen. Um vier Uhr begann der ›Aufstieg‹: Er nannte ihn die Besteigung des Cimone della Pala. Er war der Führer dieser hochwichtigen Expedition und schlang jedesmal eine Schlinge der Vorhangschnur um einen Ast, ehe er ihr eine Bewegung erlaubte. Zwei- oder dreimal war er genötigt, die Schnur zu befestigen und zurückzuklettern, um ihr zu helfen, denn sie war keine ›Sachverständige‹; ihre Arme schienen zu schwach zu sein, und sie neigte mehr dazu, auf zwei Beinen zu stehen, anstatt sich auf eines zu verlassen. Doch schließlich hatte sie einen Platz gefunden auf dem drittobersten Ast, die Kleider voll von Moos. Dort saßen sie schweigend und lauschten auf die in ihrer Würde schwer verletzten Krähen, die sich aber allmählich wieder beruhigten. Abgesehen von diesem stets schwächer werdenden Protest, war es wunderbar friedlich und ruhsam hier oben, dem blauen Himmel so nahe, der nur leicht von den braungrünen, zackigen Blättern verschleiert wurde. Der eigenartige, trockene Moosduft eines Eibenbaumes erfüllte die Luft bei der leisesten Bewegung ihrer Hände und Füße gegen die Rinde. Sie konnten kaum den Boden sehen, und ringsherum versperrten andere knorrige Bäume jede Aussicht. Er sagte:

»Wenn wir hier oben bleiben, bis es dunkel wird, können wir Eulen sehn.«

»Ach nein! Eulen sind garstige Tiere!«

»Was! Sie sind wunderschön – besonders die weißen.«

»Ich kann ihre Augen nicht leiden, und sie quieken so, wenn sie jagen.«

»Oh, das find ich gerade so lustig, und ihre Augen sind wundervoll!«

»Sie fangen immer Mäuse und kleine Hühnchen – allerhand kleine Dinger.«

»Aber sie wollen sie ja gar nicht fangen; sie wollen nur was zu essen haben. Meinst du nicht auch, daß bei Nacht alles am schönsten ist?«

Sie legte ihren Arm in den seinen.

»Nein, ich mag die Dunkelheit nicht.«

»Warum nicht? Es ist herrlich, wenn alles so geheimnisvoll wird.« Er verweilte liebevoll bei diesem Wort.

»Ich kann geheimnisvolle Dinge nicht leiden. Sie erschrecken mich.«

»O Sylvia!«

»Nein, ich hab den frühen Morgen lieber, besonders im Frühjahr, wenn die Bäume ausschlagen.«

»Ja, freilich.«

Der Sicherheit wegen lehnte sie sich gegen ihn – nur ein ganz klein wenig; er streckte seinen Arm aus und ergriff energisch einen Ast, um eine sichere Rücklehne für sie herzustellen. Es herrschte Schweigen. Dann sagte er:

»Wenn du nur einen Baum haben könntest, welchen möchtest du?«

»Keine Eichen. Linden – nein – Birken. Welche möchtest du?«

Er überlegte. Es gab so viele prachtvolle Bäume. Birken und Linden natürlich; aber doch auch Buchen und Zypressen, Eiben, Zedern und Steineichen und Platanen; dann sagte er plötzlich:

»Föhren; ich meine die großen mit den rötlichen Stämmen und den Ästen ganz hoch oben.«

»Warum?«

Wieder überlegte er. Es war sehr wichtig, genau zu erklären, warum; denn seine Gefühle über alle andern Dinge hingen eng mit diesem einen Gefühl zusammen. Und während er nachsann, starrte sie ihn an, als wäre sie überrascht, jemand so ernsthaft nachdenken zu sehen. Endlich sagte er:

»Weil sie unabhängig sind und voller Würde und niemals ganz kalt, und ihre Zweige über etwas zu brüten scheinen; besonders aber, weil die, die ich im Sinn hab, meist nicht mit allen andern gewöhnlichen Bäumen zusammenwachsen. Immer nur einer oder zwei, weißt du, die sich groß und dunkel vom Himmel abheben.«

»Sie sind zu dunkel.«

Plötzlich fiel ihm ein, daß er die Lärchen vergessen hatte. Die konnten einfach wundervoll sein, wenn man unter ihnen lag und zum Himmel emporsah, wie er's dort an jenem Nachmittag getan. Dann hörte er sie sagen:

»Wenn ich nur eine Blume haben könnte, möcht ich Maiglöckchen haben, die kleinen, die wild wachsen und so köstlich riechen.«

Ihm kam plötzlich eine andere Blume in den Sinn, die war dunkel – ganz anders, und er schwieg.

»Welche möchtest du haben, Mark?« Ihre Stimme klang etwas beleidigt. »Du denkst an eine, nicht wahr?«

Er sagte aufrichtig:

»Ja.«

»An welche?«

»Sie ist auch dunkel; dir würde sie kein bißchen gefallen.«

»Woher weißt du das?«

»Eine Nelke.«

»Aber ich hab sie ja gern – nur – nicht besonders.«

Er nickte ernst.

»Ich hab's gewußt.«

Dann trat wieder Schweigen ein. Sie lehnte sich nicht mehr gegen ihn, und er vermißte diese liebevolle Vertraulichkeit. Jetzt, da ihre Stimmen und das Gekrächze der Krähen verstummt waren, vernahm man nichts als das Rascheln dürrer Blätter und den klagenden Schrei eines Habichts, der über dem kleinen Hügel jenseits des Baches jagte. Sehr oft waren es auch zwei, die dort oben den Himmel durchkreuzten. Dem Knaben schien dieses Schweigen köstlich, als ob die Natur zu einem redete – die Natur redete immer im Schweigen. Die Tiere, die Vögel und die Insekten zeigten nur dann ihr eigentliches Wesen, wenn man sich still verhielt; auch bei Blumen und Pflanzen mußte man sich furchtbar still verhalten, sonst konnte man ihr eigentliches seltsames Sonderleben nicht erkennen. Sogar die Felsblöcke dort unten, von denen der alte Godden glaubte, daß die Sintflut sie hierhergeschwemmt habe, zeigten einem niemals, wie merkwürdig sie geformt waren, und ließen auch keine Vertrautheit aufkommen, wenn man nicht mit allen Gedanken bei ihnen war. Im Grunde genommen war Sylvia in dieser Hinsicht doch besser, als er erwartet hatte. Sie konnte still sein (er hatte nämlich die Mädchen in dieser Beziehung für hoffnungslos gehalten), sie war so sanft, und man hatte wirklich seine Freude dran, sie anzusehen! Durch die Blätter tönte leise das ferne Bimmeln des Glöckchens, das zum Tee rief.

Sie sagte: »Wir müssen hinunter.«

Es war wirklich viel zu schön, um hineinzugehen. Doch wenn sie ihren Tee wollte – daß doch Mädchen immer Tee haben müssen! Und die Schnur sorgsam um den Ast schlingend, fing er an, ihren Abstieg zu beaufsichtigen. Gerade als er folgen wollte, hörte er sie rufen:

»Ach, Mark! Ich häng fest – ich häng fest! Ich kann nicht hinunterreichen mit meinem Fuß! Ich häng in der Luft!« Und er sah, daß sie wirklich in der Luft hing, an ihren Händen und an der Schnur.

»Laß los! Laß dich auf den Ast unter dir fallen – die Schnur wird dich schon halten, bis du den Stamm packen kannst!«

Ihre Stimme klang kläglich:

»Ich kann nicht – ich kann wirklich nicht – ich würd ausrutschen!«

Er befestigte die Schnur und glitt hastig auf einen Ast unter ihr; dann, sich gegen den Stamm drückend, ergriff er sie um Taille und Knie, aber die straffe Leine hielt sie in der Schwebe, so daß sie keinen festen Fuß fassen konnte. Er konnte sie nicht halten und zugleich die Schnur losknüpfen, die fest um ihre Taille geschlungen war. Wenn er sie mit einer Hand losließ, um sein Messer herauszunehmen, konnte er sie unmöglich abschneiden und zu gleicher Zeit festhalten. Einen Augenblick dachte er, es wäre besser, wieder hinaufzuklettern und die Schnur loszulösen, doch konnte er in ihrem Gesichte lesen, wie sie sich zu fürchten anfing; auch an dem Beben ihres Körpers konnte er es fühlen.

»Wenn ich dich in die Höhe heb«, fragte er, »kannst du dich oben wieder festhalten?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, hob er sie empor. In großer Angst packte sie den Ast.

»Halt dich nur einen Augenblick fest!«

Sie gab keine Antwort, aber er sah, daß ihr Gesicht ganz weiß geworden war. Er riß sein Messer aus der Tasche und durchschnitt die Schnur. Sie hielt sich gerade noch diesen einen Augenblick, dann fiel sie ihm in die Arme, und gegen den Stamm gelehnt, zog er sie an sich. Nunmehr in Sicherheit, verbarg sie ihr Antlitz an seiner Schulter. Er sprach leise auf sie ein, um sie zu beruhigen, und dabei hatte er das Gefühl, daß es ganz entschieden seine Aufgabe wäre, sie so zu trösten und zu beschützen. Er wußte, daß sie weinte, sie ließ sich jedoch keinen Laut entschlüpfen, und er vermied es sorgsam, sich etwas merken zu lassen, damit sie sich nicht zu schämen brauchte. Er wußte nicht recht, ob er sie küssen sollte. Zuletzt tat er es doch – er küßte ganz leise ihr Haar. Da hob sie das Gesicht empor und sagte, sie sei ein dummes Ding. Und da küßte er sie noch einmal – auf die Augenbraue.

Hernach war sie scheinbar ganz beruhigt, und sie stiegen sehr vorsichtig wieder hinunter, wo die Schatten über den Farnkräutern immer länger wurden und die untergehende Sonne in ihre Augen schien.

Dreizehntes Kapitel

In der Nacht nach Cicelys Trauung stand der Junge am Fenster seiner anheimelnden Mansarde, die eine schräge Wand hatte und leicht nach Mäusen roch. Er war müde und aufgeregt und sein Gehirn voll von Bildern. Das war seine erste Trauung gewesen, und fortwährend schwebte ihm die kleine, weiße Gestalt seiner Schwester und ihr Gesicht mit den strahlenden Augen vor. Nun war sie fort, gehörte nicht mehr ihm! Wie gräßlich nur der Hochzeitsmarsch auf der Orgel geklungen hatte, auf jenem alten, keuchenden Kasten! Und erst die Predigt! Kein Mensch wollte so was hören, wo einem das Weinen doch viel näher war. Sogar Gordy schien feuchte Augen zu haben, wie er die Braut ›hinweggab‹. Noch ganz deutlich konnte er die Gruppe vor dem Altargitter sehen, als wäre er selbst gar nicht daran beteiligt gewesen: Cis in Weiß, Sylvia in duftigem Grau, die hohe, unbewegliche Gestalt seines Schwagers, Gordy mit dem gelben Gesicht und den halbgeschlossenen Augen, der im schwarzen Rock sehr komisch aussah. Das dümmste an der ganzen Sache war, daß man mit dem Herzen dabeisein wollte und dabei doch an den Ring denken mußte, und an die Handschuhe, und ob der unterste Knopf der Weste auch offenstand, wie sich's gehörte. Mädchen konnten beides gleichzeitig tun, so schien es – Cis schien die ganze Zeit über etwas Wundervolles zu sehen, und Sylvia hatte fast einer Heiligen geglichen. Ihn selbst hatte die Stimme des Pfarrers zu sehr in Anspruch genommen und dessen berufsmäßige Art und Weise, mit der er alles erledigte, als ob er ein Rezept zusammenstellte und Weisungen erteilte, wie es anzuwenden sei. Und dennoch war es in seiner Art recht schön gewesen alle Gesichter nach einer Richtung gewendet und eine ungeheure Stille, nur der brave alte Godden hatte sich in ein kolossales rotes Taschentuch geschneuzt; und das milde Dunkel im Dachstuhl oben und in den Kirchenstühlen unten; und das Sonnenlicht, das durch die südlichen Fenster fiel! Trotz alledem war es doch so viel schöner gewesen, sich irgendwo einfach bei den Händen zu fassen und vor Gott zu erklären, was man wirklich empfand, denn im Grunde genommen war Gott alles, war er überall, nicht allein in dumpfen Kirchen. So wollte er heiraten, im Freien, in einer Sternennacht wie dieser, wo alles ringsumher so herrlich war! Gott war doch gewiß nicht so klein, wie ihn die Leute immer machen wollten – zu einer Art von überlegenem Menschen, nur eine Kleinigkeit größer als sie selbst! Sogar die allerschönsten, wunderbarsten und erhabensten Dinge, die man sich vorstellen oder die man schaffen konnte, mußten einem Gott, der einen Tempel wie die Nacht da draußen hatte, soviel wie nichts bedeuten. Aber man konnte doch nicht allein heiraten, und kein Mädchen würde jemals heiraten wollen ohne Ring und Blumen und schöne Kleider und Worte, die alles hübsch und behaglich machten! Cis hätte es vielleicht getan, sie wollte nur nicht, um die Gefühle anderer zu schonen; doch Sylvia – niemals –, sie würde sich davor fürchten. Freilich, sie war ja noch so jung! Und die Kette seiner Gedanken brach entzwei – und die Gedanken zerstreuten sich wie Perlen, wenn die Schnur reißt.

Er lehnte sich hinaus, stützte das Kinn in die Hände und sog die Nachtluft begierig ein. Geißblatt? Oder war es noch immer der Duft der Lilien? Alle Sterne am Himmel und eine Menge Eulen im Freien – vier zumindest. Was wäre die Nacht ohne Eulen und Sterne? Aber das war's ja gerade – man konnte sich niemals vorstellen, wie die Dinge aussahn, wenn sie nicht gerade das waren und dort waren, wo sie eben waren. Auch wußte man niemals, was kommen würde, und doch, wenn es dann kam, schien es, als hätte es gar nicht anders kommen können. Seltsam, man glaubte alles tun zu können, was einem gefiel, bis man's getan hatte; aber wenn's einmal getan war, dann wußte man natürlich, daß man's hatte tun müssen … Was war das für ein Licht, da unten links? Wessen Zimmer? Der alten Tingle? Nein, das kleine Fremdenzimmer – Sylvias! Sie war also noch wach! Er lehnte sich weit hinaus und flüsterte mit einer Stimme, von der sie gesagt hatte, sie wäre noch immer samtweich:

»Sylvia!«

Das Licht flackerte, er konnte gerade ihren Kopf sehen mit dem gelösten Haar, und ihr Gesicht schaute zu ihm auf. Nur undeutlich nahm er es wahr, halb mußte er sich's denken, es schien geheimnisvoll, verschwommen; er flüsterte wieder:

»Ist es nicht himmlisch?«

Das Flüstern flog zurück:

»Himmlisch!«

»Bist du nicht müde?«

»Nein; und du?«

»Kein bißchen. Hörst du die Eulen?«

»Natürlich.«

»Riecht's nicht fein?«

»Wunderbar! Kannst du mich sehn?«

»Nur grad so, nicht sehr gut. Kannst du?«

»Ich kann deine Nase nicht sehn. Soll ich die Kerze holen?«

»Nein, das wär nicht schön. Wo sitzt du denn?«

»Auf dem Fenstersims.«

»Du wirst dir noch den Hals verrenken.«

»Nein – nur – nur ein kleines bißchen.«

»Hast du Hunger?«

»Ja.«

»Wart 'nen Augenblick. Ich laß dir ein Stück Schokolade hinunter in meinem großen Badetuch; es wird bis zu dir hinunter reichen; streck die Hand aus!«

Ein deutlich sichtbarer weißer Arm reichte empor.

»Fang! Du, du frierst doch nicht?«

»Ach, keine Spur!«

»Es ist zu schön, um zu schlafen, nicht wahr?«

»Mark!«

»Ja?«

»Welcher ist dein Stern? Meiner ist der weiße, der über dem obersten Ast der großen Sykomore, von hier aus.«

»Und meiner ist der glitzernde rote über dem Gartenhaus. Sylvia!«

»Ja!«

»Fang!«

»Ach, ich könnt nicht – was war es?«

»Nichts.«

»Sag doch, was es war!«

»Nur mein Stern. Er hat sich in deinem Haar verfangen.«

»Oh!«

»Horch!«

Schweigen; dann ihr erschrecktes Wispern:

»Was gibt's?«

Und wie verhauchend flüsterte es zu ihr herab:

»Cave!«

Hatte sich etwas geregt, ein Fenster geöffnet? Vorsichtig spähte er die Fassade des dunklen Hauses entlang. Nirgends ein Licht, und auch aus ihrem Fenster unten bewegte sich nichts Verschwommen-Weißes mehr. Alles war dunkel, schien weit weg zu sein, nur der süße Duft von etwas Wundervollem lag noch in der Luft. Und dann sah er, was dieses Etwas war. Längs der Mauer unter seinem Fenster blühte weißer Jasmin – Sterne, nicht nur am Himmel. Vielleicht war der Himmel wirklich eine Wiese voll weißer Blumen, und Gott wandelte dort und pflückte die Sterne …

Als er am nächsten Morgen zum Frühstück herunterkam, lag ein Brief auf seinem Teller. Er konnte ihn nicht öffnen, während Sylvia an der einen Seite saß und die alte Tingle an der andern. Mit einem Gefühl des Ärgers öffnete er ihn endlich doch. Seine Angst war grundlos gewesen. Der Brief war so geschrieben, daß jeder ihn hätte lesen können; er erzählte von einem Aufstieg, von schlechtem Wetter und daß sie heimkämen. Fühlte er sich erleichtert, bestürzt, erfreut, daß sie zurückkamen, oder nur unruhig und beschämt? Sie hatte seinen zweiten Brief noch nicht erhalten. Er fühlte, wie die alte Tingle sich nach ihm umwandte mit ihren merkwürdigen, scharfen, zwinkernden Augen und Sylvia ihm freimütig ins Gesicht sah. Und als er spürte, daß er im nächsten Augenblick erröten würde, sagte er zu sich: Ich will nicht! Und er wurde auch nicht rot. In drei Tagen spätestens würden sie in Oxford sein. Wollten sie dann sofort hierherkommen?

Die alte Tingle sprach. Er hörte Sylvia antworten: »Nein, ich kann vorstehende Backenknochen nicht vertragen. Sie sind so spitz!« Sylvia hatte freilich keine, ihre Wangen wölbten sich rund bis unter die Augen.

»Kannst du sie leiden, Mark?«

Er entgegnete langsam:

»Bei manchen.«

»Solche Leute haben einen starken Willen, nicht wahr?«

Hatte Anna einen starken Willen? Es wurde ihm auf einmal klar, daß er sie überhaupt nicht kenne.

Als das Frühstück vorüber und er nach seinem alten Gewächshaus gegangen war, beschlich ihn eine seltsame, unglückliche Stimmung. Er war ein schlechter Kerl, er hatte nicht halb soviel an sie gedacht, als er hätte sollen! Er zog den Brief hervor und betrachtete ihn mit furchtbarem Stirnrunzeln. Warum konnte er nicht stärker für sie empfinden? Was war eigentlich mit ihm los? Warum war er nur so ein Unmensch, Tag und Nacht nicht an sie zu denken? Lange stand er untröstlich, den Brief in der Hand, in dem kleinen dunklen Gewächshaus zwischen den Bildnissen seiner Tiere.

Bald darauf stahl er sich hinaus und ging unbemerkt nach dem Bach hinunter. Wie tröstlich – das sachte, plätschernde Geräusch des Wassers! Wie wunderbar tröstlich, ganz still auf einem Stein zu sitzen und auf die Dinge zu warten, die rund umher geschahn! Man verlor sich ganz, wenn man so dasaß, wurde gleichsam eins mit Zweigen und Steinen, Wasser und Vögeln und Himmel, kam sich nicht mehr wie solch ein Unmensch vor. Gordy würd es nie begreifen, warum er sich nichts aus dem Fischen machte, wobei doch ein Geschöpf versuchte, ein anderes zu fangen – anstatt andere Geschöpfe zu beobachten und verstehen zu lernen! Man kam niemals auf den Grund, wenn man ins Wasser blickte oder ins Gras oder Farnkraut – immer wieder gab es etwas Neues und Sonderbares. Und mit sich selbst ging es einem ebenso, wenn man so recht in sich hineinsah – furchtbar interessant doch zu verfolgen, wie alles in der Seele sich gestaltete!

Ein leichter Regen fiel jetzt nieder und klatschte leise auf die Blätter, aber Lennan hatte noch immer eine kindische Freude am Naßwerden, und so blieb er, wo er war, auf dem Stein. Manch einer sah Elfen in den Wäldern oder Nymphen tief im Wasser oder sagte wenigstens, er sehe welche; das schien ihm gar nicht so großartig zu sein. Wirklich interessant war es herauszufinden, wie sich jedes Ding vom andern unterschied und wodurch; das mußte man zuerst einsehen, ehe man ordentlich zeichnen oder modellieren konnte. Wie reizvoll war es doch, wenn die Geschöpfe, die man darstellte, genau ihre natürliche Gestalt annahmen, ohne daß man recht verstand, wieso es kam! Aber in diesen Ferien taugte er zu nichts, konnte keinen Strich zeichnen oder modellieren!

Nicht weit von ihm hatte sich ein Eichelhäher niedergelassen und blieb ruhig sitzen, seine bunten Federn ordnend. Von allen Geschöpfen waren die Vögel doch am anziehendsten! Er beobachtete ihn lange Zeit, und als er wegflog, folgte er ihm über die hohe Mauer in den Park hinein. Obwohl er die Mittagsglocke in der Ferne läuten hörte, ging er doch nicht ins Haus. Solange er hier draußen im sanften Regen mit Bäumen, Vögeln und anderen Geschöpfen zusammen war, fühlte er sich von jener trostlosen Stimmung vom Morgen frei. Erst gegen sieben ging er wieder zurück, durch und durch naß und recht hungrig.

Während des ganzen Abendessens kam es ihm vor, als ob Sylvia ihn in einem fort anblickte, als hätte sie ihn etwas fragen wollen. Sie sah sehr lieblich aus in ihrem weißen Kleid, das den Hals frei ließ, und dem goldigblassen Haar, das fast dem Mondlicht glich; und er wollte ihr zu verstehen geben, daß er keineswegs ihretwegen den ganzen Tag allein fortgewesen war. Als nach dem Essen der Tisch zum Kartenspielen hergerichtet wurde, flüsterte er ihr zu:

»Hast du gestern nacht geschlafen – danach?«

Sie nickte eifrig.

Es regnete jetzt sehr stark und rauschte und strömte in der Dunkelheit; er wisperte:

»Unsere Sterne würden heute nacht ertrinken.«

»Glaubst du wirklich, daß wir Sterne haben?«

»Vielleicht. Meiner freilich ist sicher. Dein Haar ist wirklich hübsch, Sylvia!«

Sie sah ihn an voll Zärtlichkeit und Überraschung.

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