Kitabı oku: «In Fesseln»

Yazı tipi:

John Galsworthy

In Fesseln

Die Forsyte Saga - Band 3

Inhaltsverzeichnis

In Fesseln. Zweiter und dritter Teil

Zweiter Teil

Erstes Kapitel: Die dritte Generation

Zweites Kapitel: Soames versucht es noch einmal

Drittes Kapitel: Besuch bei Irene

Viertes Kapitel: Die Wege, die Forsytes scheuen

Fünftes Kapitel: Jolly als Richter

Sechstes Kapitel: Jolyon schwankt

Siebentes Kapitel: Dartie kontra Dartie

Achtes Kapitel: Die Herausforderung

Neuntes Kapitel: Dinner bei James

Zehntes Kapitel: Tod des Hundes Balthasar

Elftes Kapitel: Timothy erhebt Einspruch

Zwölftes Kapitel: Fortsetzung der Jagd

Dreizehntes Kapitel: »Da bin ich wieder!«

Vierzehntes Kapitel: Eine seltsame Nacht

Dritter Teil

Erstes Kapitel: Soames in Paris

Zweites Kapitel: Im Spinnennetz

Drittes Kapitel: Richmondpark

Viertes Kapitel: Über den Fluß

Fünftes Kapitel: Soames handelt

Sechstes Kapitel: Ein Sommertag

Siebentes Kapitel: Eine Sommernacht

Achtes Kapitel: James in Erwartung

Neuntes Kapitel: Aus dem Spinnennetz heraus

Zehntes Kapitel: Abschluß einer Epoche

Elftes Kapitel: Neue Interessen

Zwölftes Kapitel: Geburt eines Forsytekindes

Dreizehntes Kapitel: James erfährt es

Vierzehntes Kapitel: Sein

Impressum

In Fesseln. Zweiter und dritter Teil

Einzige autorisierte Übersetzung

Deutsch von Luise Wolf

Die Forsyte Saga

Roman

In Fesseln:

2. Roman von »Die Forsyte-Saga«

1925

Paul Zsolnay Verlag Ges. m. b. H

Der Originaltitel des Werkes lautet »The Forsyte Saga« / Die Übersetzung der Romane »Der reiche Mann« (The man of property), »In Fesseln« (In chancery) und »Zu vermieten« (To let) stammt von Luise Wolf, die des »Nachsommer« (Indian summer of a Forsyte) und »Erwachen« (Awakening) von Leon Schalit

»Zwei Häuser, beide gleich an Würdigkeit,

– – – – – – – – – –

Reizt alter Haß zu neuem Kampf und Streit.«

Romeo und Julia

Zweiter Teil
Erstes Kapitel: Die dritte Generation

Eines Abends im November schlenderte Jolly Forsyte die High Street in Oxford hinunter; Val Dartie schlenderte sie hinauf. Jolly hatte sich nach dem Rudern eben umgekleidet und war auf dem Wege zu seinem Klub, in den er kürzlich gewählt worden war. Val hatte den Reitanzug eben mit einem andern vertauscht und war auf dem Wege zu etwas weniger Harmlosem – einem Buchmacher in Cornmarket.

»Hallo!« sagte Jolly.

»Hallo!« erwiderte Val.

Die Vettern waren einander nur zweimal begegnet, Jolly, der schon im zweiten Jahrgang war, hatte den Neuankömmling zum Frühstück eingeladen, und gestern abend hatten sie sich unter einigermaßen fremdartigen Umständen wiedergesehen.

Über einem Schneider in Cornmarket wohnte einer jener bevorzugten jungen Leute, die als Minderjährige ein großes Erbe besitzen, deren Eltern tot, deren Vormünder weit entfernt und deren Instinkte lasterhaft sind. Mit neunzehn Jahren hatte er eine Laufbahn begonnen, die gewöhnlichen Sterblichen, für die ein einmaliger Bankerott so gut wie ein Fest ist, so anziehend und unbegreiflich erscheint. Er war berühmt als Besitzer des einzigen Roulettetisches, der damals in Oxford zu finden war, und brachte sogar das Geld, das er zu erwarten hatte, verblüffend rasch durch. Er stach selbst Crum vollständig aus, obwohl er ein robuster Typus war, dem die faszinierende Lässigkeit des andern fehlte. Dort zum Roulettespiel eingeführt zu werden, war für Val bedeutungsvoll wie eine Taufe, und nach der Sperrstunde durch ein Fenster des College zurückzukehren, dessen Riegel wenig widerstandsfähig waren, ein Ereignis wie eine Konfirmation. Einmal während jenes herrlichen Abends, als er von dem verführerischen Grün vor ihm aufblickte, sah er durch eine Wolke von Tabaksqualm gegenüber seinen Vetter stehen. » Rouge gagne, impair, et manque!« Er hatte ihn nicht wiedergesehen.

»Komm mit in den Klub zum Tee«, sagte Jolly, und sie gingen hinein.

Ein Fremder, der sie zusammen gesehen hätte, würde eine entfernte Ähnlichkeit zwischen diesen Vettern der dritten Generation der Forsytes bemerkt haben; die gleiche Gesichtsbildung, wenn auch Jollys Augen von dunklerem Grau, sein Haar heller und welliger war.

»Bitte Tee und Buttersemmeln, Kellner«, sagte Jolly.

»Nimmst du eine Zigarette?« fragte Val. »Ich sah dich gestern abend. Wie erging es dir?«

»Ich spielte nicht.«

»Ich gewann fünfzehn Goldfüchse.«

Obwohl Jolyon gern einen launigen Ausspruch über Spielen, den er einmal von seinem Vater gehört, wiederholt hätte – »Wenn du geschoren wirst, ist dir übel zumute, wenn du andere scherst, tut es dir leid« –, begnügte er sich damit, zu sagen:

»Faules Spiel, finde ich; ich war auf der Schule mit dem Burschen. Er ist ein schrecklicher Dummkopf.«

»Oh! ich weiß nicht«, sagte Val, wie man wohl einen verunglimpften Gott verteidigt, »er ist ein ganz lustiger Kerl.«

Sie pafften schweigend Dampfwolken in die Luft.

»Du bist mit meinen Leuten zusammen gewesen, nicht?« sagte Jolly. »Sie kommen morgen her.«

Val ward ein wenig rot.

»Wirklich? Ich kann dir einen selten guten Tip für das Manchester November-Handicap geben.«

»Danke, ich interessiere mich nur für die klassischen Rennen.«

»Dabei kannst du nichts gewinnen.«

»Ich hasse den Ring, da ist solch ein Lärm und Gestank. Ich geh' nur gern in den Sattelraum.«

»Ich verlasse mich nur auf mein Urteil und auf meinen Tip«, erwiderte Val.

Jollys Lächeln erinnerte an das seines Vaters. »Ich habe gar kein Urteil, ich verliere immer, wenn ich wette.«

»Die Erfahrung muß man natürlich teuer erkaufen.«

»Ja, aber die anderen kommen dabei immer zu Schaden.«

»Natürlich, aber wenn nicht die anderen, ist man's selber, der zu Schaden kommt – das ist eben der Kitzel.«

Jolly blickte ihn ein wenig verächtlich an.

»Was tust du in deinen Freistunden? Rudern?«

»Nein, reiten und mich umschauen. Im nächsten Semester will ich Polo spielen, wenn ich meinen Großvater dazu bekomme, mehr zu blechen.«

»Das ist der alte Onkel James, nicht wahr? Wie ist er?«

»Älter als Methusalem«, sagte Val, »und immer in Angst, sich zu ruinieren.«

»Ich vermute, daß mein Großvater und er Brüder waren.«

»Ich glaube nicht, daß einer von der alten Sippe Sportsmann war«, sagte Val, »sie müssen das Geld angebetet haben.«

»Meiner nicht«, sagte Jolly warm.

Val strich die Asche von seiner Zigarette.

»Geld ist nur gut zum Ausgeben«, sagte er, »ich wünschte wahrhaftig, ich hätte mehr.«

Jolly sah ihn von unten her mit dem kritischen Blick an, den er von dem alten Jolyon geerbt hatte: »Man spricht nicht von Geld!« Und wieder herrschte Schweigen, während sie Tee tranken und ihre Buttersemmeln aßen.

»Wo werden deine Leute wohnen?« fragte Val mit gespielter Gleichgültigkeit.

»Im ›Regenbogen‹. Wie denkst du über den Krieg?«

»Faul soweit. Die Buren haben keine Ahnung von Sport. Weshalb rücken sie nicht offen vor?«

»Warum sollten sie? Alles spricht gegen sie, ausgenommen ihre Art zu kämpfen. Ich bewundere sie eher.«

»Sie können reiten und schießen«, gab Val zu, »aber es ist eine lausige Bande. Kennst du Crum?«

»Aus Merton? Nur vom Sehen. Er ist wohl auch in dem flotten Kreis, nicht wahr? Etwas affektiert und verbummelt und liederlich.«

»Er ist mein Freund!« sagte Val fest.

»Oh! Tut mir leid!« Und nachdem sie ihre Lieblingsrenommierpunkte erörtert hatten, saßen sie da und starrten verlegen aneinander vorbei. Denn Jolly stand unbewußt eine Verbindung vor Augen, deren Leitsatz war: »Glaubt nicht, daß ihr uns langweilen dürft. Das Leben ist viel zu kurz, und wir wollen schneller reden und kraftvoller, wollen mehr tun und mehr wissen und uns weniger bei einer Sache aufhalten, als ihr euch überhaupt vorstellen könnt. Wir sind die ›Besten‹ – zäh und elastisch.« – Und Val hatte unbewußt eine Verbindung vor Augen, deren Leitsatz war: »Glaubt nicht, daß ihr uns interessieren oder aufregen könnt. Wir kennen jede Sensation, und wenn nicht, so tun wir doch, als hätten wir sie erlebt. Wir sind so blasiert, daß Tag und Nacht uns gleich vorkommen. Wir wollen unser Letztes mit Gleichmut verspielen. Wir sind rasch geflogen und über alles hinaus. Alles ist Schall und Rauch! Bismillah!« Wetteifer, der bei den Engländern so tief eingewurzelt ist, zwang diese beiden jungen Forsytes, Ideale zu haben, und am Schluß eines Jahrhunderts sind die Ideale sehr gemischt. Die Aristokratie hatte im Grunde die neuen Ideen angenommen, wenn auch hier und dort Leute wie Crum – der von Adel war – zaghaft für das Nirwana des Spielers eintraten, der das summum bonum der alten »Dandys« und der »Stutzer« der achtziger Jahre gewesen war. Und um Crum sammelte sich noch ein Häuflein Blaublütiger mit plutokratischem Anhang.

Aber zwischen den Vettern herrschte noch eine andere, weniger sichtbare Antipathie, die von der entfernten Familienähnlichkeit herrührte, die vielleicht beide verdroß, oder auch von der halb unbewußten Vorstellung von der alten Fehde, die noch zwischen den beiden Zweigen der Familie bestand und sich nach besonderen Äußerungen und halben Andeutungen ihrer Eltern in ihnen gebildet hatte. Und Jolly, der mit seinem Teelöffel klapperte, dachte bei sich: »Seine Krawattennadel und seine Weste und seine Art zu sprechen und seine Wetten – du lieber Himmel!«

Und Val, der den Rest seiner Semmel verzehrte, dachte: »Er ist eigentlich ein Biest!«

»Du wirst deine Leute wohl abholen?« sagte er und stand auf. »Willst du ihnen sagen, daß ich ihnen gern das College zeigen würde – falls sie Lust dazu haben –, wenn da auch nicht viel los ist.«

»Danke, ich werde sie fragen.«

»Werden sie lunchen wollen? Ich habe einen sehr anstelligen Aufwärter.«

Jolly glaubte nicht, daß sie Zeit dazu haben würden.

»Aber du fragst sie doch?«

»Sehr freundlich von dir«, sagte Jolly, in der festen Absicht, sie nicht gehen zu lassen; aber mit instinktiver Höflichkeit fügte er hinzu: »Du solltest morgen lieber zu uns zu Tisch kommen.«

»Sehr gern. Um welche Zeit?«

»Sieben Uhr dreißig.«

»Frack?«

»Nein.« Und sie schieden in unterdrückter Feindseligkeit gegeneinander.

Holly und ihr Vater trafen mit dem Mittagszug ein. Es war ihr erster Besuch in der Stadt der Türme und der Träume, und sie war sehr still und blickte fast mit Scheu auf den Bruder, der ein Teil dieses wundervollen Ortes war. Nach dem Lunch ging sie umher und nahm seinen Haushalt mit lebhafter Neugierde in Augenschein. Jollys Wohnzimmer war getäfelt und die Kunst durch eine Anzahl Bartolozzidrucke, die dem alten Jolyon gehört hatten, und durch Photographien von Kollegen repräsentiert – jungen Leuten, die ein wenig heldenhaft wirkten und sie an Val erinnerten. Jolyon unterzog dies Zeugnis des Charakters und Geschmacks seines Sohnes ebenfalls sorgfältig einer Prüfung.

Jolly lag viel daran, daß sie ihn rudern sehen sollten, daher begaben sie sich an den Fluß. Holly, die zwischen ihrem Bruder und ihrem Vater ging, fühlte sich gehoben, wenn Köpfe sich nach ihr umwandten und Augen auf ihr ruhten. Um ihn im besten Licht sehen zu können, verließen sie ihn an der Fähre und ließen sich ans andere Ufer übersetzen. Mit seiner schlanken Gestalt – denn von allen Forsytes waren nur der alte Swithin und George stark beleibt – ruderte Jolly als »Zwei« in einer Achtermannschaft. Er sah sehr ernst und eifrig aus. Mit Stolz sagte sich Jolyon, daß er von allen jungen Leuten am besten aussah. Holly gefielen, wie es einer Schwester zukam, einer oder zwei der andern besser, doch nicht um die Welt hätte sie das gesagt. Die Themse war klar an diesem Nachmittag, die Wiesen üppig, die Bäume noch schön gefärbt. Vollkommener Friede lag über der alten Stadt; Jolyon hoffte auf einen schönen Tag zum Skizzieren, wenn das Wetter sich hielt. Die Acht kamen zum zweiten Male vorüber und kehrten längs der Boote zurück. Jollys Gesicht war sehr verschlossen, wie um zu verbergen, daß er außer Atem war. Sie kamen über den Fluß zurück und warteten auf ihn.

Auf dem Rückweg sagte Jolly: »Ich mußte Val Dartie auffordern, heute abend mit uns zu essen. Er wollte euch zum Lunch bei sich haben und euch sein College zeigen, da hielt ich es so für besser, da ihr dann nicht zu gehen braucht. Ich mag ihn nicht sehr.«

Hollys ziemlich blasses Gesicht erglühte.

»Weshalb nicht?«

»Ach! Ich weiß nicht. Er scheint ziemlich prahlerisch zu sein und hat schlechte Manieren. Wie ist seine Familie, Vater? Er ist nur ein entfernter Vetter, nicht wahr?«

Jolyon suchte Zuflucht in einem Lächeln.

»Frage Holly«, sagte er, »sie kennt seinen Onkel.«

»Mir gefiel Val«, erwiderte Holly und starrte vor sich hin; »sein Onkel sah – ganz anders aus.« Unter den Wimpern hervor warf sie einen verstohlenen Blick auf Jolly.

»Habt ihr jemals unsere Familiengeschichte gehört, meine Lieben?« sagte Jolyon launig. »Es ist ein ganzes Märchen. Der erste Jolyon Forsyte – wenigstens der erste, von dem wir etwas wissen, und das ist euer Ururgroßvater – wohnte in Dorsetshire auf dem Lande an der See und war von Beruf ›Landwirt‹, wie eure Großtante es nennt, und auch der Sohn eines Landwirts – Pächters eigentlich, von dem euer Großvater zu sagen pflegte, daß er in ›sehr kleinen Verhältnissen‹ lebte.«

Er schaute Jolly an, um zu sehen, wie er es in seinem Stolz aufnahm, und bemerkte mit dem andern Auge Hollys boshaftes Vergnügen über die leise Enttäuschung im Gesicht ihres Bruders.

»Wir müssen ihn uns dick und derb denken. Typisch für England, wie es war, bevor die industrielle Ära begann. Der zweite Jolyon Forsyte – dein Urgroßvater, Jolly, baute Häuser, wie die Chronik erzählt, zeugte zehn Kinder und wanderte nach London aus. Es ist bekannt, daß er gern Madeira trank. Wir müssen ihn uns als Repräsentanten des England der Napoleonischen Kriege und allgemeiner Unruhen denken. Der älteste seiner sechs Söhne war der dritte Jolyon, euer Großvater, meine Lieben – er war Teehändler und Vorsitzender verschiedener Gesellschaften, einer der tüchtigsten Engländer, der je gelebt – und mir der liebste.« Jolyons Stimme hatte das Spöttische verloren, und sein Sohn und seine Tochter sahen ihn feierlich an. »Er war gerecht und hartnäckig, zärtlich und jung im Herzen. Ihr erinnert euch seiner, und ich erinnere mich seiner ebenfalls. Nun zu den andern! Euer Großonkel James, der Großvater des jungen Val, hat einen Sohn namens Soames – mit dem die Geschichte einer verlorenen Liebe zusammenhängt, die keine Liebe war, aber ich glaube nicht, daß ich sie euch erzählen werde. James und die andern acht Kinder des ältesten Jolyon, von denen noch fünf am Leben sind, können gut als Repräsentanten des viktorianischen Englands mit seinen Handelsprinzipien und seinem Individualismus zu fünf Prozent und das Geld zurück angesehen werden, wenn ihr wißt, was das bedeutet. Jedenfalls haben sie dreißigtausend Pfund unter sich in eine runde Million verwandelt im Laufe ihres langen Lebens. Sie unternahmen niemals wilde Sachen – außer euerm Großonkel Swithin, der einst von einem Taschenspieler betrogen wurde und ›Vierspänner-Forsyte‹ genannt wurde, weil er mit zwei Pferden fuhr. Ihre Zeit geht zu Ende und auch ihr Typ, nicht gerade zum Vorteil des Landes. Ich bin der vierte Jolyon Forsyte – ein armseliger Vertreter des Namens –«

»Nein, Vater«, sagte Jolly, und Holly drückte ihm die Hand. »Doch«, wiederholte Jolyon, »ein armseliges Exemplar, das, fürchte ich, nichts repräsentiert als das Ende des Jahrhunderts, nicht erworbenes Einkommen, Liebhabereien und individuelle Freiheit – etwas ganz anderes als Individualismus, Jolly. Du bist der fünfte Jolyon Forsyte, mein Junge, und du eröffnest den Ball des neuen Jahrhunderts.«

Sie bogen in das Tor des College ein, und Holly sagte: »Es ist bezaubernd, Papa.«

Keiner von ihnen wußte, was sie eigentlich meinte. Jolly war ernst.

Der »Regenbogen«, der sich, wie nur ein Gasthaus in Oxford es konnte, durch Mangel an modernen Einrichtungen auszeichnete, war mit einem kleinen eichengetäfelten Privatwohnzimmer ausgestattet, in dem Holly weiß gekleidet, scheu und allein saß, als der einzige Gast eintrat.

Wie man eine Motte berühren würde, ergriff Val ihre Hand. Ob sie sich nicht diese »armselige« Blume anstecken möchte? Es würde »fabelhaft« aussehen in ihrem Haar. Er nahm eine Gardenie aus seinem Knopfloch.

»Oh! Nein! danke – das geht doch nicht!« Aber sie nahm sie und befestigte sie am Halse, während sie sich plötzlich des Wortes »prahlerisch« erinnerte. Vals Knopfloch hätte Anstoß erregt, und sie wollte so gern, daß er Jolly gefiel. Wußte sie, daß Val sich in ihrer Gegenwart von seiner besten und ruhigsten Seite zeigte, und war das vielleicht das halbe Geheimnis seines Reizes für sie?

»Ich habe nie etwas über unsern Ritt verlauten lassen, Val.«

»Tu's auch lieber nicht. Das bleibt unter uns.«

Die Unruhe in seinem ganzen Wesen gab ihr ein Gefühl der Macht, das köstlich war, aber auch ein sanftes Gefühl – den Wunsch, ihn glücklich zu machen.

»Erzähle mir doch von Oxford. Es muß ja himmlisch sein.«

Val gab zu, daß es riesig angenehm sei, tun zu können, was man wollte; die Vorlesungen böten keine Schwierigkeiten und es wären ein paar nette Kerle da. »Nur«, fügte er hinzu, »wünschte ich natürlich, ich wäre in der Stadt und könnte zu dir hinauskommen und dich sehen.«

Holly legte scheu eine Hand aufs Knie und senkte den Blick.

»Du hast doch nicht vergessen«, sagte er, plötzlich Mut fassend, »daß wir zusammen toll umherstreifen wollten?«

»Ach! Das war nur ein Einfall. Man kann doch so etwas nicht tun, wenn man erwachsen ist, weißt du.«

»Ach was! Als Vetter und Kusine können wir es«, sagte Val. »In den nächsten großen Ferien – sie beginnen im Juni und dauern ewig – wollen wir die Gelegenheit benutzen.«

Holly aber schüttelte den Kopf, obwohl der Gedanke an die Verschwörung ihr wie ein Schauer durch die Adern rann. »Es wird nicht gehen«, murmelte sie.

»Nicht gehen!« sagte Val heftig, »wer kann uns daran hindern? Doch nicht dein Vater oder dein Bruder?«

In diesem Augenblick kamen Jolyon und Jolly herein, und alle Romantik floh und prickelte und brannte den ganzen Abend, keinem sichtbar, bis in die Zehenspitzen, in Vals Lack- und Hollys weißen Seidenschuhen.

In seinem feinen Gefühl für Atmosphäre merkte Jolyon bald die latente Feindseligkeit zwischen den beiden jungen Leuten und war erstaunt über Holly; unwillkürlich wurde er ironisch, was höchst peinlich für die Jugend ist. Ein Brief, der ihm nach dem Essen gebracht wurde, machte ihn schweigsam, und er blieb so, bis Val und Jolly sich erhoben, um zu gehen. Er zündete sich eine Zigarre an und begleitete sie hinaus, dann ging er mit seinem Sohn bis zu den Toren des Christ Church College. Als er zurückkehrte, nahm er den Brief wieder vor und las ihn nochmals unter einer Laterne.

»Lieber Jolyon!

Soames kam heute abend – an meinem siebenunddreißigsten Geburtstag – wieder her. Sie hatten recht, ich darf hier nicht bleiben. Ich gehe morgen ins Piedmont-Hotel, aber ich möchte nicht ins Ausland reisen, ohne Sie gesehen zu haben. Ich fühle mich einsam und mutlos.

Freundlichst

Ihre Irene.«

Er faltete den Brief zusammen, und erstaunt über die Heftigkeit seiner Gefühle, steckte er ihn wieder in die Tasche und ging weiter. Was hatte der Mann getan oder gesagt?

Er bog in die High Street ein und kam in ein Labyrinth von Türmen und Domen und langen Mauern und Fassaden der Colleges, die in dunklem Schatten lagen oder vom Mondlicht hell beleuchtet waren. Hier im Herzen von Englands Adel war es schwer, sich vorzustellen, daß eine einsame Frau belästigt oder verfolgt werden konnte, doch was sonst konnte der Brief bedeuten? Soames mußte in sie gedrungen sein, zu ihm zurückzukehren, wo die öffentliche Meinung und das Gesetz doch auf seiner Seite waren! »Achtzehnhundertneunundneunzig!« dachte er, »aber wenn es sich um Besitz handelt, sind wir noch Heiden! Ich will morgen früh hin. Ich denke, es wird das beste für sie sein, ins Ausland zu reisen.« Doch der Gedanke gefiel ihm nicht. Weshalb sollte Soames sie aus England verjagen! Außerdem konnte er ihr folgen, und da draußen wäre sie den Aufmerksamkeiten ihres Mannes gegenüber noch hilfloser. »Ich muß vorsichtig vergehen«, dachte er; »dieser Mensch könnte sehr lästig werden. Mir gefiel seine Art neulich in der Droschke nicht.« Ihm kam seine Tochter June in den Sinn. Konnte sie wohl helfen? Einst war Irene ihre beste Freundin gewesen, und jetzt war sie eine »lahme Ente«, der beizustehen in Junes Natur lag! Er beschloß, seiner Tochter zu telegraphieren, sich mit ihm an der Paddington-Station zu treffen. Auf dem Wege zum »Regenbogen« versuchte er sich Rechenschaft über seine eigenen Gefühle zu geben. Würde ihn jede Frau in gleichem Falle in solche Erregung versetzen? Nein! Sicherlich nicht! Das Resultat dieser Schlußfolgerung bedrückte ihn, und als er sah, daß Holly zu Bett gegangen war, suchte er sein eigenes Zimmer auf.

Allein schlafen konnte er nicht, er saß daher lange, in seinen Mantel gehüllt, am Fenster und beobachtete den Mondschein auf den Dächern.

Nebenan lag Holly ebenfalls wach und dachte an Vals lange Wimpern, namentlich die der unteren Lider, und überlegte, was sie tun könnte, um Jolly freundlicher für ihn zu stimmen. Es duftete herb, für sie aber angenehm nach der Gardenie in ihrem kleinen Schlafzimmer.

Und Val lehnte aus seinem Fenster im ersten Stock des College und starrte auf ein Mondscheinviereck, ohne es zu sehen, er sah statt dessen Holly vor sich, schlank und weiß gekleidet, wie sie am Kamin gesessen, als er eintrat.

Jolly aber lag in seinem Schlafzimmer, das schmal war wie ein Handtuch, mit einer Hand unter der Wange und träumte, daß er mit Val in einem Boot saß und um die Wette mit ihm ruderte, während sein Vater vom Uferweg aus rief: »Zwei! Aufpassen! Geschickt sein!«

Zweites Kapitel: Soames versucht es noch einmal

Von all jenen glänzenden Firmen, die mit ihren Fenstern den Westen von London zieren, hielt Soames Gaves und Cortegal für die »gediegenste« – ein Wort, das eben in Mode gekommen war. Er hatte nie Geschmack an kostbaren Steinen gehabt wie sein Onkel Swithin, und seit Irene im Jahre 1889 sein Haus verlassen und auf all das glitzernde Zeug, das er ihr geschenkt, verzichtet hatte, verabscheute er diese Art von Kapitalanlage. Aber er verstand sich auf Diamanten, und in der Woche vor ihrem Geburtstag hatte er die Gelegenheit benutzt, sich auf dem Wege zu oder von seinem Bureau ein wenig vor den Läden der größeren Juweliere aufzuhalten, wo die Waren zwar nicht dem Wert des Geldes entsprachen, aber immerhin etwas Vornehmes hatten.

Beständiges Nachdenken hatte ihn seit der Droschkenfahrt mit Jolyon immer mehr von der außerordentlichen Wichtigkeit dieses Moments in seinem Leben und der außerordentlichen Notwendigkeit überzeugt, Schritte, und zwar keine falschen, zu unternehmen. Und neben dem trockenen, vernünftigen Gedanken, daß es jetzt oder nie geschehen müsse, wenn er sich einrichten und eine Familie gründen wolle, regte sich der geheime Drang seiner Sinne, die der Anblick der einst so leidenschaftlich begehrten Frau geweckt hatte, und die Überzeugung, daß es eine Sünde gegen den gesunden Menschenverstand und die anständige Gesinnung eines Forsyte sei, auf die Frau zu verzichten, die ihm gehörte.

In bezug auf Winifreds Fall hatte Justizrat Dreamer – Soames hätte Waterbuck vorgezogen – geraten, die Wiederherstellung der ehelichen Gemeinschaft zu beantragen, worüber Soames niemals in Zweifel gewesen war. Wenn ihnen der Rechtsspruch darüber zugegangen war, mußten sie abwarten, ob ihm entsprochen wurde. Wenn nicht, würde es zur Feststellung böswilligen Verlassens kommen, sie hätten Beweise ungehörigen Verhaltens und könnten ihr Gesuch auf Ehescheidung einreichen. Alles das war Soames vollkommen bekannt. Die Einfachheit des Falles seiner Schwester machte ihn nur noch verzweifelter über die Schwierigkeit seines eigenen. In der Tat drängte alles zu der einfachen Lösung von Irenens Rückkehr. War es ihr auch zuwider, hatte er nicht Gefühle zu unterdrücken, Beleidigungen zu verzeihen, Kummer zu vergessen? Er hatte sie wenigstens doch nie beleidigt, und man lebte nun einmal in einer Welt der Kompromisse! Er konnte ihr so viel mehr bieten, als sie jetzt besaß. Er war bereit, freigebig eine feste Summe für sie auszusetzen. In diesen Tagen betrachtete er oft prüfend sein Bild. Er war nie ein Geck gewesen wie Dartie und hatte sich auch nicht für einen Mann gehalten, der den Frauen gefiel, aber er hielt doch etwas von seiner Erscheinung – nicht ohne Grund, denn er war wohlgestaltet, gepflegt, gesund, blaß und nicht entstellt durch Trunk oder Ausschweifungen irgendwelcher Art. Das Forsytesche Kinn und die ausgeprägten Züge seines Gesichts waren Vorzüge in seinen Augen. Soweit er es zu beurteilen vermochte, war kein Zug in ihm, der Abscheu erregen konnte.

Gedanken und Sehnsucht, die uns täglich beschäftigen, werden uns schließlich natürlich, auch wenn ihr Ziel in weiter Ferne liegt. Wenn er nur deutliche Beweise seiner Absicht geben könnte, Vergangenes begraben sein zu lassen, und alles tun, was in seiner Macht stand, ihr zu gefallen, warum sollte sie nicht zu ihm zurückkehren?

Er ging daher am Morgen des 9. November in das Geschäft von Gaves und Cortegal, um eine bestimmte Diamantenbrosche zu kaufen. »Vier fünfundzwanzig, Sir, und spottbillig für das Geld. Es ist eine Brosche für eine Lady.« Er war in einer Stimmung, die jeden Einwand ausschloß, und ging mit dem flachen grünen Saffianlederetui in der Brusttasche in sein Bureau. Mehrmals an diesem Tage öffnete er es, um die sieben sanft schimmernden Steine in ihrem ovalen Samtpolster zu betrachten.

»Wenn es der Lady nicht gefällt, Sir, tausche ich es jederzeit gern um. Aber das ist nicht zu befürchten.« Wenn es doch so wäre! Er erledigte eine Anzahl von Arbeiten, das einzige 'Mittel zur Beruhigung der Nerven, das er kannte. Während er im Bureau war, kam ein Telegramm von dem Agenten in Buenos Aires mit Einzelheiten und der Adresse einer Stewardeß, die bereit war, das Nötige zu beschwören. Es war eine rechtzeitige Mahnung für Soames bei seinem tiefen und festeingewurzelten Abscheu davor, öffentlich schmutzige Wäsche zu waschen. Und als er mit der Untergrundbahn zur Victoriastation fuhr, gab ihm der Bericht über einen modernen Ehescheidungsprozeß in seiner Abendzeitung einen neuen Antrieb, eine Wiederherstellung seiner Ehe zu versuchen. Der Familiensinn aller echten Forsytes, die in Angst und Not sind, das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das sie stark und kräftig erhielt, veranlaßte ihn, zum Essen nach Park Lane zu gehen. Weder konnte noch wollte er den Seinen gegenüber ein Wort über seine Absichten verlauten lassen – dazu war er viel zu stolz und zu zurückhaltend –, aber der Gedanke, daß sie sich freuen und ihn beglückwünschen würden, wenn sie es wüßten, war ermutigend.

James war in düsterer Stimmung, denn die Erregung, in die die Unverschämtheit von Krügers Ultimatum ihn versetzt hatte, war durch den armseligen Erfolg des letzten Monats und die Mahnung zur Anspannung aller Kräfte in den »Times« stark abgekühlt. Er wußte nicht, wie das enden sollte. Soames suchte ihn aufzuheitern. Aber James war beunruhigt. Da war dieser Colley, der auf einem Hügel umzingelt war – und dies Ladysmith lag in einer Talmulde, überhaupt hielt er das Ganze für eine »völlig verfehlte Geschichte«; er fand, sie müßten Matrosen hinschicken – das wären Jungens, sie leisteten Unglaubliches in der Krim. Soames brachte ihn auf ein anderes Thema, um ihn zu trösten. Winifred hatte von Val gehört, daß am Guy-Fawkes-Tag in Oxford »Radau« mit Freudenfeuer gewesen sei und er der Entdeckung dadurch entgangen wäre, daß er sich das Gesicht geschwärzt hatte.

»Ach!« murmelte James, »er ist ein kluger kleiner Kerl.« Kurz darauf aber schüttelte er doch den Kopf und sagte, er wisse nicht, was aus ihm werden würde. Er blickte seinen Sohn nachdenklich an und bedauerte, daß Soames nie einen Sohn gehabt. Er hätte so gern einen Enkel seines eigenen Namens. Und nun – ja, was war da zu tun!

Soames zuckte zusammen. Er hatte eine solche Herausforderung, das Geheimnis seines Herzens zu enthüllen, nicht erwartet. Und Emily, die sein Zusammenzucken sah, sagte:

»Unsinn, James, sprich doch nicht so!«

James aber, der ihre Gesichter nicht sah, murmelte weiter. Da waren Roger und Nicholas und Jolyon, alle hatten sie Enkelsöhne. Und Swithin und Timothy hatten nie geheiratet. Er selbst hätte getan, was er konnte, doch nun wäre es bald vorbei mit ihm. Und als hätte er Worte tiefsten Trostes gesprochen, schwieg er und aß seinen Bregen mit einem Stückchen Brot, das er verschlang.

Soames entschuldigte sich gleich nach Tisch. Es war zwar nicht kalt, doch zog er seinen Pelz an, der ihn vor Anfällen nervöser Schauer schützen sollte, denen er den ganzen Tag über ausgesetzt gewesen war. Unbewußt hatte er das Gefühl, so bester auszusehen als in einem gewöhnlichen schwarzen Überrock. Und mit dem flachen Saffianetui an seinem Herzen machte er sich auf. Er war kein Raucher, aber er zündete sich eine Zigarette an und rauchte sie bedächtig im Gehen. Er ging langsam nach Knightsbridge und ließ sich Zeit, um bis ein Viertel nach neun in Chelsea zu sein. Was tat sie nur Abend für Abend so ganz allein in dem kleinen Loch? Wie geheimnisvoll Frauen doch sind! Man lebte nebeneinander und wußte nichts von ihnen. Was war es nur an diesem Bosinney, das sie so toll machen konnte? Denn schließlich war doch alles, was sie getan hatte, Tollheit – wahnsinnige, mondsüchtige Tollheit, die ihr alles Gefühl für Werte genommen und ihr wie sein Leben zerstört hatte! Und für einen Augenblick überkam ihn eine förmliche Exaltation, als wäre er, wie jener Mann in der Legende, vom Heiligen Geist besessen und könne ihr alle Güter des Lebens wiedererstatten, vergeben und vergessen und der gute Geist ihrer Zukunft werden. Unter einem Baume, der Knightsbridgekaserne gegenüber, wo der Mond klar und weiß herabschien, nahm er noch einmal das Saffianetui heraus und ließ die Steine in den Strahlen Funken sprühen.

Ja, sie waren vom reinsten Wasser! Doch bei dem festen Zuschnappen des Etuis überlief ihn abermals ein kalter Schauer, und er ging rascher, ballte die behandschuhten Hände in seinen Rocktaschen und hoffte fast, sie nicht zu Haus zu treffen. Der Gedanke, wie geheimnisvoll ihr Wesen war, quälte ihn wieder. Abend für Abend allein beim Essen – in einem Abendkleid noch dazu, als wolle sie glauben machen, in Gesellschaft zu sein! Und das Klavierspiel – für sich selbst! Nicht einmal eine Katze oder ein Hund, soviel er gesehen hatte. Und das erinnerte ihn plötzlich an die Stute, die er als Arbeitspferd in Mapledurham hielt. Jedesmal, wenn er in den Stall kam, war sie dort ganz allein, halb im Schlaf, und doch war sie auf ihrem Rückweg nach Haus immer lebhafter, als wenn sie hinaus mußte, als sehne sie sich danach, einsam in ihrem Stall zu sein! »Ich würde sie gut behandeln«, dachte er unvermittelt. »Ich würde sehr vorsichtig sein!« Und alles Verlangen nach einem häuslichen Leben, dessen er durch ein schnödes Schicksal für immer beraubt zu sein schien, regte sich plötzlich in Soames, so daß er in Träume versunken war, als er der South Kensington-Station gegenüberstand. Ein Mann mit einer Ziehharmonika kam taumelnd aus einer Kneipe. Soames beobachtete einen Augenblick sein verrücktes Tanzen auf dem Pflaster zu den abgerissenen, schleppenden Tönen, dann ging er auf die andere Seite der Straße hinüber, um jede Berührung mit diesem trunkenen Narren zu vermeiden. Eine Nacht in Haft! Was für Esel die Leute doch waren! Der Mann aber hatte sein Ausweichen bemerkt, und eine Flut von gemütlichen Flüchen folgte ihm über die Straße. »Ich hoffe, sie stecken ihn ein«, dachte Soames erbittert. »Kann man solche Raufbolde frei herumlaufen lasten, wo Frauen allein ausgehen!« Die Gestalt einer Frau vor ihm hatte diesen Gedanken hervorgerufen. Ihr Gang kam ihm merkwürdig bekannt vor, und als sie um die Ecke bog, begann sein Herz zu klopfen. Er eilte hin, um sich zu vergewissern. Ja! Es war Irene, ihr Gang war nicht zu verkennen in der kleinen engen Straße. Sie ging noch zwei Straßenecken weiter, und von der letzten sah er sie in ihr Haus treten. Um sie sicher zu treffen, lief er die paar Schritte, eilte die Treppe hinauf und erreichte sie an ihrer Tür. Er hörte den Schlüssel im Schloß umdrehen und war an ihrer Seite, als sie sich erschreckt in der offenen Tür umwandte.

»Beunruhige dich nicht«, sagte er, »ich sah dich zufällig. Laß mich eine Minute hinein.«

Sie hatte die Hand auf die Brust gelegt, ihr Gesicht war farblos, die Augen weit geöffnet vor Schreck. Dann schien sie sich zu beherrschen, sie neigte den Kopf und sagte: »Bitte.«

Soames schloß die Tür. Auch er mußte nach Fassung ringen, und als sie ins Wohnzimmer gekommen waren, wartete er eine volle Minute und atmete tief, um das Klopfen seines Herzens zu beruhigen. In diesem Augenblick, von dem so viel für die Zukunft abhing, das Saffianetui herauszunehmen, schien roh. Doch nahm er es nicht heraus, stand er ohne jeden entschuldigenden Vorwand für sein Kommen da. Und in diesem Dilemma packte ihn die Ungeduld über das ganze Arsenal von Entschuldigungen und Rechtfertigungen. Dies war eine Szene – es konnte gar nicht anders sein, und er mußte sie über sich ergehen lassen! Er hörte ihre trostlose Stimme rührend leise:

»Weshalb bist du wiedergekommen? Begreifst du nicht, daß es mir lieber wäre, du hättest es nicht getan?«

Er warf einen Blick auf ihre Kleidung – dunkelbrauner gerippter Velvet, eine Zobelboa und eine ebensolche runde Toque. Es stand ihr wunderbar. Sie hatte offenbar Geld übrig für Kleider. Er sagte unvermittelt:

»Heute ist dein Geburtstag. Ich brachte dir dies«, und er hielt ihr das grüne Saffianetui hin.

»Oh! Nein – nein!«

Soames drückte auf das Schloß, und die sieben Steine leuchteten auf dem hellgrauen Samt.

»Weshalb nicht?« sagte er. »Nur als Zeichen, daß du mir nicht länger zürnst.«

»Unmöglich!«

Soames nahm den Schmuck aus dem Etui.

»Laß mich nur sehen, wie er wirkt.«

Sie schreckte zurück.

Er folgte ihr und legte seine Hand mit der Brosche vorn auf ihr Kleid. Sie schreckte wieder zurück.

Soames ließ die Hand sinken.

»Irene«, sagte er, »laß die Vergangenheit begraben sein. Wenn ich es kann, müßtest du es wahrlich auch. Wir wollen wieder beginnen, als wäre nichts geschehen. Willst du?« Seine Stimme war ernst, und seine Augen, die auf ihrem Antlitz ruhten, hatten etwas Flehendes in ihrem Blick.

Sie stand in größter Bedrängnis dicht an die Wand gelehnt, und ein leises Schlucken war ihre ganze Antwort. Soames fuhr fort:

»Willst du wirklich all deine Tage halbtot in diesem kleinen Loch verleben? Komm zurück zu mir, und ich will dir alles geben, was du willst. Du sollst dein eigenes Leben leben, ich schwöre es dir.«

Er sah ihr Gesicht sich spöttisch verziehen.

»Ja«, wiederholte er, »diesmal meine ich es wirklich so. Ich möchte nur eines. Ich muß – ich muß einen Sohn haben. Sieh mich nicht so an! Ich muß einen haben. Es ist hart!« Seine Stimme war eifrig geworden, so daß er sie kaum als seine eigene erkannte, und zweimal warf er den Kopf zurück, als ringe er nach Atem. Aber beim Anblick ihrer dunkeln Augen, die mit starrer Furcht fest auf ihn gerichtet waren, raffte er sich zusammen, und seine quälende Unsicherheit verwandelte sich in Zorn.

»Ist das so unnatürlich?« sagte er zwischen den Zähnen. »Ist es so unnatürlich, von seiner eigenen Frau ein Kind zu wünschen? Du zerstörtest unser Leben und hast damit alles vernichtet. Wir leben nur halb und ohne jede Zukunft weiter. Schmeichelt es dir gar nicht, daß ich dich – trotz allem – noch zur Frau zu haben wünsche? Sprich, um Gottes willen! bitte sprich!«

Irene schien es zu versuchen, doch es gelang ihr nicht.

»Ich will dich nicht erschrecken«, sagte Soames sanfter. »Der Himmel weiß es. Ich möchte nur, du sähest ein, daß es so nicht weiter geht. Ich muß dich wiederhaben. Ich muß dich haben!« Irene hob eine Hand und bedeckte den unteren Teil ihres Gesichts damit, ihre Augen aber wandten keinen Blick von ihm, als könne sie ihn dadurch im Zaume halten. Und all jene Jahre seit – ach! – seit wann? – beinah seit er sie zuerst kennengelernt, wurden wieder lebendig in Soames, kamen in einer großen Welle der Erinnerung über ihn, und ein Zucken, das er um keinen Preis zu meistern vermochte, verzerrte sein Gesicht.

»Es ist noch nicht zu spät«, sagte er, »noch nicht – wenn du das nur glauben wolltest.«

Irene rang die Hände vor ihrer Brust, und Soames ergriff sie. »Laß das!« sagte sie atemlos. Aber er hielt sie fest und versuchte ihr in die Augen zu starren, die ihn unverwandt anblickten. Dann sagte sie ruhig:

»Ich bin hier allein. Du wirst dich nicht benehmen, wie du dich schon einmal benommen hast.«

Er ließ ihre Hände fallen, als wären sie heißes Eisen, und wandte sich ab. War es möglich, daß es eine so beharrliche Unversöhnlichkeit gab? Konnte der eine Akt der Vergewaltigung noch lebendig in ihr sein? Versperrte ihm das alles? Und eigensinnig sagte er, ohne aufzublicken:

»Ich gehe nicht, bis du mir geantwortet hast. Ich biete dir an, was wenige Männer sich entschließen würden anzubieten, ich will eine – eine vernünftige Antwort.«

Und fast mit Erstaunen hörte er sie sagen:

»Du kannst keine vernünftige Antwort erhalten. Vernunft hat nichts damit zu tun. Du kannst nur die brutale Wahrheit hören, daß ich lieber sterben würde.«

Soames starrte sie an.

»Ach!« sagte er. Eine Art Lähmung in Sprache und Bewegung überkam ihn, ein Beben, wie es einen Mann überfällt, der tödlich beleidigt wird und noch nicht weiß, wie er es aufnehmen soll, oder vielmehr wie ihm dadurch geschehen ist.

»Ach!« sagte er wieder. »So schlimm ist es? Wirklich? Du möchtest lieber sterben? Das ist hübsch!«

»Es tut mir leid. Du wolltest eine Antwort. Ich kann mir nicht helfen, ich mußte doch die Wahrheit sagen, nicht wahr?« Bei dieser merkwürdig eindringlichen Erklärung suchte Soames zum Trost Zuflucht im Handeln. Er schleuderte die Brosche in das Etui zurück und steckte es in die Tasche.

»Wahrheit!« sagte er; »das gibt's bei Frauen nicht. Es sind die Nerven – die Nerven!«

Er hörte sie flüstern:

»Ja, die Nerven lügen nicht. Hast du das noch nicht entdeckt?« Er schwieg, besessen von dem Gedanken: »Ich will die Frau hassen! Ich will sie hassen!« Das aber war sein Kummer: Wenn er es nur könnte! Er warf einen Blick auf sie, wie sie da reglos, den Kopf hoch und die Hände gefaltet, an der Wand stand, als sollte sie erschossen werden. Und er sagte rasch:

»Ich glaube kein Wort davon. Du hast einen Geliebten. Wenn du keinen hättest, wärst du nicht eine solche – eine solche Törin.« An dem Ausdruck ihrer Augen erkannte er, daß er etwas Unüberlegtes gesagt und zu unvermutet in den freien Ton des Ehemannes zurückgefallen war. Er wandte sich zur Tür. Allein er vermochte nicht hinauszugehen. Etwas in ihm – jene tiefste und geheimste Forsytesche Eigenschaft, die Unmöglichkeit, das Phantastische und Hilflose seiner eigenen Hartnäckigkeit zu sehen – hinderte ihn daran. Er kehrte wieder um und blieb mit dem Rücken gegen die Tür stehen, wie sie an der Wand gegenüber, ohne sich des Lächerlichen dieser Trennung durch den ganzen Raum bewußt zu werden.

»Denkst du je an irgend jemand außer an dich selbst?« sagte er.

Irenens Lippen bebten; dann erwiderte sie langsam:

»Denkst du je daran, daß ich meinen Fehler – meinen hoffnungslosen, furchtbaren Fehler – bereits in der ersten Woche unserer Ehe erkannte; daß ich drei Jahre versuchte, sie weiterzuführen – du weißt, daß ich es versuchte? Geschah das um meinetwillen?«

Soames knirschte mit den Zähnen. »Gott weiß, was es war. Ich habe dich nie verstanden, ich werde dich nie verstehen. Du besaßest alles, was du wünschest, und du kannst es wieder haben, und mehr. Was hast du gegen mich? Ich lege dir die einfache Frage vor. Was ist es?« Er war sich des Pathos dieser Frage nicht bewußt und fuhr leidenschaftlich fort: »Ich bin nicht lahm, ich bin nicht abscheuerregend, ich bin kein Bauer, kein Narr. Was ist es denn? Was für ein Geheimnis umgibt mich?«

Ihre Antwort war ein langer Seufzer.

Er faltete die Hände mit einer Gebärde, die für ihn merkwürdig ausdrucksvoll war. »Als ich heute abend herkam, glaubte ich – hoffte ich – wollte ich tun, was ich konnte, um die Vergangenheit auszulöschen und wieder von vorn anzufangen. Und du kommst mir mit ›Nerven‹ und Schweigen und Seufzern. Da ist nichts Greifbares. Es ist wie – wie ein Spinnennetz.«

»Ja.«

Dies Flüstern von der andern Seite des Zimmers machte Soames aufs neue rasend.

»Ich habe keine Lust, in einem Spinnennetz zu sitzen. Ich werde es zerschneiden.« Er ging gerade auf sie zu. »Jetzt!« Was er tun wollte, als er zu ihr hinüberging, wußte er selbst nicht. Doch als er dicht vor ihr stand, übermannte ihn plötzlich der alte vertraute Duft ihrer Kleider. Er legte die Hände auf ihre Schultern und beugte sich vor, sie zu küssen. Er küßte aber nicht ihre Lippen, sondern eine feine harte Linie des zusammengepreßten Mundes; dann fühlte er sein Gesicht von ihren Händen fortgestoßen und hörte sie sagen: »Oh! nicht doch!« Scham, Zerknirschung, ein Gefühl der Nichtigkeit überflutete sein ganzes Wesen, er wandte sich und ging rasch hinaus.

Drittes Kapitel: Besuch bei Irene

Jolyon fand June wartend auf dem Bahnsteig der Paddington-Station. Sie hatte sein Telegramm beim Lunch erhalten. Ihre Wohnung – ein Atelier und zwei Schlafzimmer in einem Garten von St. Johns Wood – hatte sie wegen der völligen Unabhängigkeit gewählt, die sie ihr bot. Unbeobachtet von den Moralisten, ungehindert durch dauernd anwesende Dienstleute konnte sie ihre »lahmen Enten« zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht empfangen, und nicht selten hatte eine von ihnen, die ohne Atelier war, von dem ihren Gebrauch gemacht. Sie genoß ihre Freiheit und liebte sie mit einer Art jungfräulicher Leidenschaft. Alle Wärme, die sie an Bosinney verschwendet hätte, und deren er – in Anbetracht ihrer Forsyteschen Hartnäckigkeit – sicherlich müde geworden wäre, setzte sie nun im Kampf für die unverstandenen und werdenden »Genies« der Künstlerwelt ein. Sie lebte in der Tat nur, um ihre Entlein in die Schwäne zu verwandeln, die sie in ihnen sah. Im Eifer ihrer Hilfsbereitschaft verwirrte sich ihr Urteil. Aber sie war gerecht und freigebig; mit ihrer kleinen eifrigen Hand wies sie stets jedes akademische und kaufmännische Vorurteil zurück, und obgleich ihr Einkommen beträchtlich war, wies ihr Bankkonto häufig ein Minus auf.

Sie war nach einem Besuch bei Eric Cobbley in tiefster Seele erregt zur Paddington-Station gekommen. Eine elende Galerie hatte sich geweigert, eine Separatausstellung dieses glatthaarigen Genies zu veranstalten. Ihr unverschämter Leiter hatte nach einem Besuch in seinem Atelier erklärt, daß es, »vom Verkaufsstandpunkt aus gesehen«, eine zu »dürftige« Ausstellung sein würde. Dies Musterbeispiel kaufmännischer Feigheit ihrem Liebling unter den lahmen Enten gegenüber – wo es ihm so schlecht ging mit einer Frau und zwei Kindern, daß es sie veranlaßte, ihr Guthaben zu überschreiten –, machte das Blut in ihrem kleinen resoluten Gesicht noch glühen und ihr rotgoldenes Haar mehr leuchten denn je. Sie umarmte ihren Vater und stieg in eine Droschke mit ihm. Sie hatte genau soviel auf dem Herzen wie er. Es war nur die Frage, wer den Anfang machen sollte.

Jolyon sagte: »Ich möchte, daß du mit mir kommst«, sah aber an dem unsteten Blick ihrer blauen Augen, die sich hin und her bewegten – wie der Schwanz einer lauernden Katze –, daß sie gar nicht zuhörte.

»Ist es wahr, Papa, daß ich absolut nicht an mein Geld heran kann?«

»Nur an die Zinsen, glücklicherweise, meine Liebe.«

»Wie schrecklich dumm! Ist es nicht irgendwie zu machen? Es muß doch einen Weg geben. Ich könnte nämlich eine kleine Galerie für zehntausend Pfund kaufen.«

»Eine kleine Galerie«, murmelte Jolyon, »scheint ein bescheidener Wunsch zu sein. Aber dein Großvater sah es voraus.«

»Ich finde all diese Sorge um Geld gräßlich«, rief June heftig, »wenn soviel Genie in der Welt deshalb aus Mangel am Notwendigsten einfach zugrunde geht. Ich werde nie heiraten und Kinder haben, warum sollte ich da nicht ein wenig Gutes tun können, anstatt es alles für Fälle aufzusparen, die nie eintreffen werden?«

»Unser Name ist Forsyte, meine Liebe«, erwiderte Jolyon mit seiner ironischen Stimme, an die sich seine ungestüme Tochter nie hatte gewöhnen können, »und Forsytes, weißt du, sind Leute, die so über ihr Vermögen verfügen, daß ihre Enkel, falls sie vor ihren Eltern sterben, sich testamentarisch verpflichten müssen, ihr Vermögen, das ihnen nur zufällt, wenn ihre Eltern sterben, diesen zu hinterlassen. Kannst du folgen? Ich auch nicht, aber es ist so. Wir haben den Grundsatz, daß, solange eine Möglichkeit vorhanden ist, Reichtum für die Familie zu erhalten, er nicht abnehmen darf; stirbst du unverheiratet, so geht dein Geld auf Jolly und Holly und ihre Kinder über, wenn sie heiraten. Ist es nicht angenehm zu wissen, daß, was du auch tun magst, keiner von euch Mangel leiden wird?«

»Aber kann ich mir das Geld nicht leihen?«

Jolyon schüttelte den Kopf. »Es ginge sicher eine Galerie zu pachten, wenn du es aus deinen Einkünften bestreiten könntest.«

June zuckte verächtlich die Achseln.

»Ja, und dann nichts übrig zu behalten, um irgend jemand zu helfen.«

»Mein liebes Kind«, sagte Jolyon leise, »würde es nicht auf dasselbe herauskommen?«

»Nein«, rief June heftig. »Ich könnte sie für zehntausend kaufen, das wären nur vierhundert im Jahr. Aber ich müßte tausend Pfund jährlich Miete zahlen, und das würde mir nur fünfhundert übrig lassen. Was könnte ich nicht alles tun, wenn ich die Galerie hätte, Papa. Ich könnte Eric Cobbley in kürzester Zeit einen Namen machen und manchem andern auch.«

»Namen, die wert sind, gemacht zu werden, kommen von selbst dazu.«

»Wenn sie tot sind.«

»Kanntest du je einen lebenden Menschen, meine Liebe, der dadurch, daß sein Name gemacht wurde, besser geworden ist?«

»Ja, dich«, sagte June und drückte seinen Arm.

Jolyon stutzte. »Ich?« dachte er. »Aha! Jetzt wird sie mich um etwas bitten. Wir verstehen es, wir Forsytes, jeder auf seine Weise.«

June rückte näher an ihn heran.

»Papa, liebster«, sagte sie, »du kaufst die Galerie, und ich zahle dir vierhundert im Jahr dafür. Dann hat keiner von uns einen Schaden. Außerdem ist es eine großartige Anlage.«

Jolyon zauderte unentschlossen. »Findest du nicht«, sagte er, »daß es für einen Künstler ein wenig verdächtig ist, eine Galerie zu kaufen? Übrigens sind zehntausend Pfund keine Lappalie, und ich bin kein kaufmännischer Charakter.«

June blickte ihn mit bewundernder Anerkennung an.

»Natürlich bist du das nicht, aber du bist schrecklich geschäftlich. Und ich bin sicher, daß es sich bezahlt machen wird. Es ist das beste Mittel, jene elenden Händler und solche Leute auszuscheiden.« Und wieder drückte sie den Arm ihres Vaters.

Jolyons Gesicht hatte einen Ausdruck komischer Verzweiflung. »Wo ist diese begehrte Galerie? Glänzend gelegen, vermute ich?«

»Dicht an der Cork Street.«

»Ah!« dachte Jolyon, »wußt' ich's doch, daß es irgendwo dort sein würde. Jetzt aber zu dem, was ich von ihr will!«

»Nun, ich werde es mir überlegen, es muß doch nicht gleich sein. Erinnerst du dich Irenens? Ich möchte, daß du mit mir zu ihr gehst. Soames ist wieder hinter ihr her. Sie wäre sicherer, wenn wir irgendwo ein Asyl für sie fänden.«

Das Wort Asyl, das er zufällig gebraucht hatte, war wie geschaffen dafür, Junes Interesse zu erregen.

»Irene, ich habe sie nicht gesehen, seit –! Natürlich! Es wäre mir eine Freude, ihr zu helfen.«

Jetzt war Jolyon an der Reihe, diesem feurigen, großherzigen kleinen Geschöpf in warmer Bewunderung den Arm zu drücken. »Irene ist stolz«, sagte er, blickte sie von der Seite an, denn ihm kam ein plötzlicher Zweifel an Junes Diskretion; »es ist schwer, ihr zu helfen. Wir müssen behutsam vorgehen. Hier ist es. Ich drahtete ihr, daß sie uns erwarten möchte. Wir wollen unsere Karten hinaufschicken.«

»Ich mag Soames nicht leiden«, sagte June, als sie ausstieg; »er rümpft die Nase über alles, was keinen Erfolg hat.«

Irene war im sogenannten Damenzimmer des Piedmont-Hotels.

Entschlossen ging June geradeswegs auf ihre ehemalige Freundin zu, küßte sie auf die Wange, und die beiden ließen sich auf einem Sofa nieder, auf dem seit der Gründung des Hotels niemand gesessen hatte. Jolyon sah, daß Irene über Junes einfache Art, zu verzeihen, tief gerührt war.

»Also Soames hat Sie wieder belästigt?« sagte er.

»Er besuchte mich gestern abend; er will, daß ich zu ihm zurückkehre.«

»Das tust du natürlich nicht?« rief June.

Irene lächelte leise und schüttelte den Kopf. »Aber seine Lage ist furchtbar«, murmelte sie.

»Er ist selbst schuld daran; er hätte sich von dir scheiden lassen sollen, als er es konnte.«

Jolyon mußte daran denken, wie inbrünstig June in alten Tagen gehofft hatte, daß der Name ihres toten, treulosen Verlobten nicht durch eine Scheidung besudelt würde.

»Laß uns hören, was Irene zu tun gedenkt«, sagte er.

Irenens Lippen bebten, aber sie sprach ruhig.

»Das beste wäre, ich gäbe ihm neuen Anlaß, mich loszuwerden.«

»Wie schrecklich!« rief June.

»Was sonst kann ich tun?«

»Keine Rede davon«, sagte Jolyon sehr ruhig, » sans amour.«

Er glaubte, sie würde anfangen zu weinen, aber sie stand rasch auf, wandte ihnen halb den Rücken zu und versuchte ihre Fassung wiederzugewinnen. June sagte plötzlich:

»Ich werde einfach zu Soames gehen und ihm sagen, daß er dich in Ruhe lassen soll. Was will er denn in seinem Alter?«

»Ein Kind. Das ist nicht unnatürlich.«

»Ein Kind!« rief June verächtlich. »Natürlich! Ihm sein Geld zu hinterlassen. Wenn er wirklich so gern eins will, mag er sich jemand nehmen und eins haben; dann kannst du dich von ihm scheiden lassen, und er kann sie heiraten.«

Jolyon merkte plötzlich, daß er einen Fehler gemacht hatte, June herzubringen – ihre leidenschaftliche Parteinahme war Wasser auf Soames' Mühle.

»Es wäre das beste für Irene, ruhig zu uns nach Robin Hill zu kommen und abzuwarten, wie die Dinge sich gestalten.«

»Natürlich«, sagte June, »nur –«

Irene sah Jolyon voll an – all seine vielen späteren Versuche, diesen Blick zu analysieren, waren fruchtlos geblieben. »Nein! Ich würde nur Unruhe über euch bringen. Ich werde ins Ausland gehen.«

Er hörte ihrer Stimme an, daß dieser Entschluß endgültig war. Der flüchtige Gedanke: »Ich könnte sie dort ja sehen«, durchzuckte ihn, aber er sagte:

»Glauben Sie nicht, Sie würden dort noch hilfloser sein, wenn er Ihnen folgte?«

»Ich weiß es nicht. Ich kann es nur versuchen.«

June sprang auf und ging im Zimmer auf und ab. »Das alles ist schrecklich«, sagte sie. »Weshalb müssen die Menschen Jahr um Jahr gequält und elend und hilflos gemacht werden durch dies widerwärtig scheinheilige Gesetz?« Aber es war jemand ins Zimmer gekommen, und June verstummte. Jolyon ging zu Irene: »Brauchen Sie Geld?«

»Nein.«

»Und möchten Sie, daß ich Ihre Wohnung vermiete?«

»Ja, Jolyon, bitte.«

»Wann wollen Sie reisen?«

»Morgen.«

»Sie gehen doch nicht mehr dahin zurück, nicht wahr?« Er sagte es mit einer Angst, die ihm selbst sonderbar erschien.

»Nein, ich habe alles hier, was ich brauche.«

»Sie werden mir Ihre Adresse senden?«

Sie reichte ihm die Hand. »Ich fühle, Sie sind ein Felsen.«

»Auf Sand gebaut«, erwiderte Jolyon und drückte ihr fest die Hand, »aber es ist mir ein Vergnügen, irgend etwas für Sie zu tun, zu jeder Zeit, denken Sie daran. Und wenn Sie sich anders besinnen –! Komm, June, verabschiede dich.«

June kam vom Fenster und schloß Irene in die Arme.

»Denke nicht an ihn«, sagte sie leise, »genieße es und laß dir's gut gehen!«

Sie konnten die Tränen in Irenens Augen und das Lächeln auf ihren Lippen nicht vergessen und gingen in tiefem Schweigen fort, an der Dame vorbei, die ihre Unterredung unterbrochen hatte und sich jetzt über die Zeitungen auf dem Tisch beugte. – Der Nationalgalerie gegenüber rief June aus:

»Weg mit allen rohen Gesellen und schauderhaften Gesetzen!«

Aber Jolyon antwortete nicht darauf. Er hatte etwas von dem Gleichgewicht seines Vaters und konnte die Dinge unparteiisch betrachten, wenn seine Gefühle auch in Aufruhr waren. Irene hatte recht, Soames' Lage war so schlimm oder schlimmer als die ihre. Was das Gesetz anbelangte, so war es für menschliche Naturen bestimmt, die einen niedrigen Standpunkt einnehmen. In der Furcht, irgendeine Indiskretion zu begehen, wenn er jetzt noch länger in der Gesellschaft seiner Tochter blieb, sagte er, daß er seinen Zug zurück nach Oxford erreichen müsse, rief eine Droschke herbei und überließ sie, mit dem Versprechen, über die Sache mit der Galerie nachzudenken, den Aquarellen Turners.

Doch er dachte statt dessen an Irene. Mitleid, sagte man, sei der Liebe verwandt! Wenn es so war, befand er sich wahrlich in der Gefahr, sie zu lieben, denn er bemitleidete sie tief. Dieser Gedanke, sie so allein und gedrückt in Europa umherstreifen zu wissen! »Ich hoffe, sie behält den Kopf oben!« dachte er; »sie könnte sich leicht der Verzweiflung überlassen.« Jetzt, wo sie die spärlichen Fäden ihrer Tätigkeit durchschnitten hatte, konnte er sich tatsächlich kaum vorstellen, wie sie weiterleben würde – ein so schönes Geschöpf, so hoffnungslos, und der Spielball eines jeden! In seiner Erbitterung war mehr als eine leise Furcht und Eifersucht. Frauen taten seltsame Dinge, wenn sie in die Enge getrieben wurden. »Ich bin begierig, was Soames jetzt tun wird!« dachte er. »Ein niederträchtiger, blödsinniger Zustand! Und ich glaube, man wird sagen, daß sie selbst schuld daran sei.« Zerstreut und bekümmert stieg er in seinen Zug, verlegte sein Billett und grüßte auf der Plattform in Oxford eine Dame, deren Gesicht er zu kennen glaubte, ohne sich ihres Namens zu erinnern, selbst als er sie im »Regenbogen« beim Tee sah.

Viertes Kapitel: Die Wege, die Forsytes scheuen

In zitternder Erregung über die Niederlage seiner Hoffnungen, das grüne Saffianetui noch flach auf dem Herzen, quälte Soames sich mit Gedanken, die bitterer waren als der Tod. Ein Spinnennetz! Er ging rasch und sah nichts in dem Mondlicht, er brütete über der Szene, die er eben durchlebt, und dachte an ihre Gestalt, die erstarrt war bei seiner Berührung. Und je mehr er brütete, desto gewisser ward er, daß sie einen Geliebten hatte – ihre Worte: »Ich würde lieber sterben!« waren lächerlich, wenn sie keinen hätte. Hatte sie ihn auch nie geliebt, so hatte sie doch nie viel Wesens daraus gemacht, bis Bosinney auf der Bildfläche erschienen war. Nein, sie liebte wieder, sonst hätte sie nicht diese theatralische Antwort auf seinen Vorschlag gegeben, der jedenfalls vernünftig war. Sehr gut! Das vereinfachte die Dinge!

»Ich werde Schritte unternehmen, um zu wissen, woran ich bin«, dachte er. »Als erstes werde ich morgen früh zu Polteed gehen.«

Aber selbst als er diesen Entschluß faßte, wußte er, wie widerwärtig ihm die Sache sein würde. Er hatte in seinem Beruf öfter von Polteeds Agentur Gebrauch gemacht, sogar eben erst in Darties Fall, aber er hätte es nie für möglich gehalten, sie zur Beobachtung seiner eigenen Frau benutzen zu müssen.

Es war zu beschämend für ihn selbst!

Er fand keinen Schlaf, denn dieser Plan und sein verwundeter Stolz hielten ihn wach. Beim Rasieren jedoch fiel ihm plötzlich ein, daß sie sich jetzt bei ihrem Mädchennamen Heron nannte. Polteed würde nicht wissen, wenigstens anfangs nicht, wessen Frau sie war, würde ihn nicht servil anschauen und dann hinter seinem Rücken lächeln. Sie würde eben die Frau eines seiner Klienten sein. Und so war es auch – denn war er nicht sein eigener Sachverwalter?

Aus Furcht, daß er es schließlich vielleicht wieder unterlassen könnte, beschloß er, sein Vorhaben so bald wie möglich auszuführen. Er ließ sich von Warmson eine Tasse Kaffee bringen und stahl sich vor dem Frühstück aus dem Haus. Schnell ging er in eine der kleinen Straßen des Westens, wo die Firma Polteeds neben andern den wohlhabenderen Klassen zur Verfügung stand. Bisher hatte er Polteed stets in seinem Bureau empfangen, aber er kannte die Adresse und war zur Stelle, als geöffnet wurde. In dem Vorzimmer, einem Raum, der so behaglich eingerichtet war, als wäre es der eines Geldverleihers, empfing ihn eine Dame, die man für eine Schulvorsteherin hätte halten können.

»Ich wünsche mit Mr. Claud Polteed zu sprechen. Er kennt mich – mein Name tut nichts zur Sache.«

Niemand wissen zu lassen, daß er, Soames Forsyte, seine Frau beobachten lassen mußte, war von wesentlicher Bedeutung für ihn.

Mr. Claud Polteed – so verschieden von Mr. Lewis Polteed – war einer jener Männer mit dunklem Haar, leicht gebogener Nase und lebhaften braunen Augen, die leicht für Juden gehalten werden können, tatsächlich aber von Phöniziern abstammen, die sich einst in Cornwall angesiedelt hatten. Er empfing Soames in einem Raum, dessen dicke Teppiche und Decken jeden Laut dämpften. Die Ausstattung war wirklich vertrauenerweckend, und nirgends war eine Spur von Dokumenten zu sehen.

Er begrüßte Soames ehrerbietig und drehte den Schlüssel in der einzigen Tür ostentativ um.

»Wenn ein Kunde nach mir schickt«, pflegte er zu sagen, »gebraucht er jede mögliche Vorsicht. Kommt er hierher, so überzeugen wir ihn, daß er ganz sicher vor Horchern ist. Ich darf ruhig sagen, wir machen in Sicherheit, wenn in sonst nichts ... Nun, Sir, womit kann ich Ihnen dienen?«

Soames war die Kehle zugeschnürt, so daß er kaum sprechen konnte. Es war durchaus notwendig, vor diesem Manne zu verbergen, daß er ein anderes als berufliches Interesse an der Sache hatte, und mechanisch nahm sein Gesicht das gewohnte schiefe Lächeln an.

»Ich komme so früh zu Ihnen, weil keine Stunde zu verlieren ist« – verlor er eine Stunde, so unterließ er es vielleicht doch wieder! »Steht Ihnen eine wirklich zuverlässige Frau zur Verfügung?«

Mr. Polteed schloß ein Schubfach auf, aus dem er ein Notizbuch nahm, überflog es mit den Augen und verschloß das Schubfach wieder.

»Ja«, sagte er, »ganz wie wir sie brauchen.«

Soames hatte sich hingesetzt und schlug die Beine übereinander – nur eine leise Röte, die aber seine normale Gesichtsfarbe hätte sein können, verriet ihn.

»Dann schicken Sie sie gleich fort, um eine Mrs. Irene Heron, Truro Mansions, Chelsea, bis auf weiteres zu beobachten.«

»Sofort«, sagte Mr. Polteed; »Scheidung vermutlich?« und rief durch ein Sprachrohr: »Ist Mrs. Blanch da? Ich möchte sie in zehn Minuten sprechen.«

»Nehmen Sie selbst alle Berichte entgegen«, fing Soames wieder an, »und schicken Sie sie mit der Bezeichnung ›vertraulich‹ versiegelt und eingeschrieben an mich persönlich. Mein Klient verlangt äußerste Verschwiegenheit.«

Mr. Polteed lächelte, als wolle er sagen: »Sie belehren Ihre Großmutter, Sir«, und für einen nicht »beruflichen« Augenblick glitten seine Augen über Soames' Gesicht.

»Beruhigen Sie ihn vollkommen darüber«, sagte er. »Rauchen Sie?«

»Nein«, sagte Soames. »Es wäre möglich, daß das Ganze zu nichts führt, verstehen Sie? Wenn der Name bekannt wird oder die Beobachtung Verdacht erregt, kann es sehr ernste Folgen haben.«

Mr. Polteed nickte. »Es kann in die Geheimschriftkategorie kommen. Bei dem System wird nie ein Name genannt, wir arbeiten mit Zahlen.«

Er schloß ein anderes Schubfach auf und nahm zwei Streifen Papier heraus, schrieb etwas darauf und reichte sie Soames. »Behalten Sie das, Sir; es ist Ihr Schlüssel. Ich behalte dies Duplikat. Den Fall wollen wir 7x nennen. Die beobachtete Partei ist 17; der Beobachter 19; das Gebäude 25; Sie selbst – ich meine Ihre Firma – 31; ich selbst 2; falls Sie Ihren Klienten in einem Schreiben zu erwähnen haben, nenne ich ihn 43; irgendeine Person, die wir im Verdacht haben, 51. Haben Sie sonst noch irgendwelche Winke oder Instruktionen zu geben?«

»Nein«, sagte Soames, »nur – gehen Sie, bitte, möglichst rücksichtsvoll vor.«

Wieder nickte Mr. Polteed. »Die Kosten?«

Soames zuckte die Achseln. »Innerhalb vernünftiger Grenzen«, erwiderte er kurz und erhob sich. »Die Sache bleibt doch völlig in Ihrer Hand?«

»Völlig«, sagte Mr. Polteed, der plötzlich zwischen ihm und der Tür stand. »Ich suche Sie in der andern Sache sehr bald auf. Guten Morgen, Sir.« Seine Augen glitten nochmals – nicht beruflich – über Soames' Gesicht, und er öffnete die Tür.

»Guten Morgen«, sagte Soames und blickte weder nach links noch rechts.

Auf der Straße draußen haderte er eifrig mit sich selbst. Ein Spinnennetz, und es zu zerschneiden, mußte er diese Späher benutzen, eine geheime, unsaubere Methode, und so überaus abstoßend für jemand, der sein Privatleben als das geheiligtste Stück seines Besitztums betrachtet. Aber der Würfel war gefallen, er konnte nicht mehr zurück. Und er ging in sein Bureau, schloß das grüne Saffianetui und den Schlüssel zu der Geheimschrift weg, die bestimmt war, seinen häuslichen Bankrott kristallklar zu machen.

Merkwürdig, daß jemand, der sein Leben damit zubrachte, alle privaten Vermögensschwierigkeiten und die häuslichen Mißhelligkeiten anderer in die Öffentlichkeit zu bringen, diese so sehr fürchtete, wenn es sich um die eigenen handelte; und doch nicht merkwürdig, denn wer kannte so gut wie er die gefühllose Prozedur gesetzlicher Entscheidungen?

Er arbeitete emsig den ganzen Tag. Winifred war für vier Uhr bestellt, er wollte sie zu einer Konferenz mit Dreamer mitnehmen, und während er auf sie wartete, las er noch einmal den Brief, den sie auf seine Veranlassung an dem Tage von Darties Abreise geschrieben hatte, um ihn zur Rückkehr aufzufordern.

»Lieber Montague!

Ich habe den Brief mit der Nachricht, daß Du mich für immer verlassen hast und auf dem Wege nach Buenos Aires bist, erhalten. Es ist natürlich ein großer Schlag für mich gewesen. Ich benutze diese erste Gelegenheit, Dir zu schreiben, daß ich bereit bin, Vergangenes vergangen sein zu lassen, wenn Du sofort zu mir zurückkehrst. Ich bitte Dich, es zu tun. Ich bin sehr angegriffen und will weiter nichts sagen. Ich sende diesen Brief eingeschrieben an die Adresse, die Du im Klub hinterlassen hast. Bitte kable mir.

Deine Dich noch liebende Frau

Winifred Dartie.«

Hu! Welch bitterer Humbug! Er erinnerte sich, wie er sich über Winifred gebeugt, während sie abschrieb, was er aufgesetzt hatte, und wie sie, als sie die Feder hinlegte, mit einer sonderbaren Stimme, als wisse sie selbst nicht recht, was sie wollte, gesagt hatte: »Nimm an, er kommt, Soames!« »Er wird nicht kommen«, hatte er erwidert, »bis er sein Geld verbraucht hat. Daher müssen wir sofort handeln.« Der Kopie dieses Briefes war das Original von Darties trunkenem Gekritzel aus dem Iseeum-Klub beigefügt. Soames hätte gewünscht, daß der Einfluß der Getränke ihm nicht so deutlich anzumerken gewesen wäre. Gerade auf solche Dinge würde das Gericht sich stützen. Er meinte die Stimme des Richters schon sagen zu hören: »Sie nahmen das ernst? Ernst genug, um ihm zu schreiben, wie Sie es taten? Glauben Sie, daß es so gemeint war? Mochte er nur! Die Tatsache, daß Dartie abgereist und nicht wiedergekommen war, konnte nicht bestritten werden. Auch seine Kabelantwort: »Rückkehr unmöglich. Dartie.« war beigefügt. Soames schüttelte den Kopf. Wenn die ganze Sache nicht in den nächsten paar Monaten erledigt war, würde der Bursche wieder auftauchen wie eine falsche Münze. Ihn loszuwerden war eine Ersparnis von mindestens tausend Pfund im Jahr, ganz abgesehen von all dem Ärger für Winifred und seinen Vater. »Ich muß Dreamer den Kopf warm machen«, dachte er, »wir müssen es beschleunigen.«

Winifred, die eine Art Halbtrauer angelegt hatte, die sie mit ihrem hellen Haar und der hohen Gestalt sehr gut kleidete, kam in James' Kalesche mit den Braunen davor. Soames hatte das Gefährt nicht in der City gesehen, seit sein Vater sich vor fünf Jahren vom Geschäft zurückgezogen hatte, und dessen altmodisches Aussehen fiel ihm auf. »Die Zeiten ändern sich«, dachte er, »man weiß nicht recht, was die nächste Mode bringen wird!« Selbst Zylinderhüte wurden seltener. Er fragte nach Val. »Val«, sagte Winifred, »schrieb, daß er im nächsten Semester Polo spielen möchte.« Sie glaubte, daß er einer sehr guten Verbindung angehörte. Und mit vornehm unterdrückter Angst fügte sie hinzu: »Kommt meine Angelegenheit in die Öffentlichkeit, Soames? Muß es in den Zeitungen stehen? Es ist so peinlich für ihn und die Mädchen.«

Soames, der selbst noch an seinem Elend litt, erwiderte:

»Zeitungen sind ein zudringliches Gesindel, es ist sehr schwer, ihnen etwas vorzuenthalten. Sie behaupten, die Moral des Publikums zu wahren, dabei korrumpieren sie es mit ihren widerlichen Berichten. Aber so weit sind wir noch nicht. Wir müssen heute mit Dreamer über den Sühneversuch sprechen. Natürlich weiß er, daß es zu einer Ehescheidung kommen muß, doch mußt du tun, als wünschtest du sehnlichst, Dartie zurückzuhaben – du kannst dich heute in dieser Rolle üben.«

Winifred seufzte.

»Oh! Was für ein Clown Monty gewesen ist!« sagte sie. Soames sah sie scharf an. Es war ihm klar, daß sie ihren Dartie nicht ernst nehmen konnte und die ganze Sache fallen lassen würde, wenn ihr die kleinste Chance gegeben wurde. Sein eigener Instinkt war in dieser Angelegenheit von Anbeginn richtig gewesen. Jetzt einen kleinen Skandal zu vermeiden, hieße nur Schimpf und Schande über seine Schwester und ihre Kinder bringen und später vielleicht Ruin, wenn Dartie sich weiter an sie hinge, es bergab mit ihm ginge und er das Geld verschwendete, das James seiner Tochter hinterlassen würde. Wenn es auch sicher festgelegt war, würde dieser Bursche sich doch irgendwie schadlos halten und seine Familie kräftig zahlen lassen, um ihn vor dem Bankrott oder gar dem Gefängnis zu bewahren! Sie ließen den glänzenden Wagen mit den glänzenden Pferden und den Dienern mit den glänzenden Hüten am Ufer zurück und gingen in das Bureau des Justizrats Dreamer in der Crown Office Row.

»Mr. Bellby ist hier, Sir«, sagte der Schreiber; »Mr. Dreamer wird in zehn Minuten da sein.«

Mr. Bellby saß da und warf noch einen letzten Blick auf seine Papiere. Er war vom Gericht gekommen und noch in Robe und Perücke, die gut zu ihm mit seiner Nase, die wie der Schwengel einer winzigen Pumpe hervorragte, seinen schlauen blauen Äuglein und der ziemlich vorstehenden Unterlippe paßte – niemand hätte Dreamer besser ergänzen und unterstützen können.

Nachdem er Winifred vorgestellt war, sprangen sie auf das Wetter über und sprachen dann vom Kriege. Soames unterbrach sie plötzlich:

»Wenn er nicht einwilligt, können wir das Verfahren nicht vor sechs Monaten beginnen. Ich möchte vorwärtskommen mit der Sache, Bellby.«

Mr. Bellby lächelte Winifred zu und murmelte mit einer Spur von irischem Akzent: »Aufschub des Prozesses, Mrs. Dartie.«

»Sechs Monate!« wiederholte Soames; »es würde dann bis in den Juni hinein dauern! Wir können die Klage ja erst lange nach den Ferien einbringen. Wir müssen es beschleunigen, Bellby« – er würde seine liebe Not haben, daß Winifred standhaft blieb.

»Mr. Dreamer läßt bitten, Sir.«

Sie gingen der Reihe nach hinein. Mr. Bellby voran und Soames mit Winifred nach einer Pause von einer Minute nach seiner Uhr.

Justizrat Dreamer in der Robe, aber ohne Perücke, stand vor dem Kamin, als betrachte er diese Konferenz als ein besonderes Vergnügen; er hatte eine lederne, beinah ölige Gesichtsfarbe, wie vom vielen Studieren, eine ansehnliche Nase mit einem Kneifer darauf und einen kurzen, leicht ergrauten Backenbart; er zog fortwährend die eine Augenbraue in die Höhe und ließ die Unterlippe unter der Oberlippe verschwinden, was seiner Sprache etwas Kehliges gab. Auch hatte er eine Manier, plötzlich auf die Person zuzugehen, mit der er sprach; alles dies, mit einem entnervenden Ton in seiner Stimme und einer Angewohnheit, ein Brummen hören zu lassen, bevor er anfing zu sprechen, hatte ihm zu einem Ruf in Vormundschafts- und Ehescheidungssachen verholfen, wie ihn nur wenige haben. Nachdem er Mr. Bellbys lebhafte Wiederholung der Tatsachen angehört und die eine Augenbraue wieder in die Höhe gezogen hatte, brummte er und sagte:

»Das weiß ich alles«, wandte sich plötzlich Winifred zu und stieß kehlig die Worte hervor:

»Wir wollen ihn gern zurückhaben, nicht wahr, Mrs. Dartie?«

Soames unterbrach ihn scharf:

»Die Lage meiner Schwester ist natürlich unerträglich.«

Dreamer brummte: »Gewiß. Können wir uns nun auf die gekabelte Weigerung verlassen, oder müssen wir bis nach Weihnachten warten, um ihm Gelegenheit zum Schreiben zu geben – das ist die Sache, nicht wahr?«

»Je eher –« begann Soames.

»Was sagen Sie, Bellby?« fragte Dreamer und ging auf ihn zu. Mr. Bellby schien nach Luft zu schnappen wie ein Hund. »Wir werden damit nicht vor Mitte Dezember anfangen. Mehr Spielraum brauchen wir ihm nicht zu geben.«

»Nein«, sagte Soames. »Weshalb sollte meine Schwester dadurch in Ungelegenheit gebracht werden, daß er in –«

»Die weite Welt will!« sagte Dreamer, »ganz recht. Man sollte nicht in die weite Welt gehen, nicht wahr, Mrs. Dartie?« Und er hob seine Robe wie zu einer schützenden Pelerine. »Ich stimme mit Ihnen völlig überein. Ist noch etwas zu sagen?«

»Augenblicklich nicht«, meinte Soames bedeutsam. »Ich wollte nur, daß Sie meine Schwester kennenlernten.«

Dreamer brummte leise: »Sehr erfreut. Guten Abend!« Und er ließ die schützende Robe wieder fallen.

Sie gingen hintereinander hinaus. Winifred stieg die Treppe hinunter. Soames zögerte. Wider Willen hatte Dreamer Eindruck auf ihn gemacht.

»Die Zeugenaussagen sind ganz sicher«, bemerkte er zu Bellby. »Unter uns gesagt, wenn wir die Sache nicht schnell durchbringen, gelingt es uns nie. Glauben Sie, daß er das einsieht?«

»Ich werde ihn dazu bringen«, sagte Bellby. »Er ist sonst ein tüchtiger Mensch – ein tüchtiger Mensch.«

Soames nickte und eilte seiner Schwester nach. Er fand sie im Flur stehend, sah, wie sie sich hinter ihrem Schleier auf die Lippen biß, und beeilte sich zu sagen:

»Das Zeugnis der Stewardeß wird völlig ausreichend sein.«

Winifreds Gesicht wurde hart; sie nahm sich zusammen, und sie gingen zum Wagen. Und auf der ganzen schweigsamen Fahrt zurück zur Green Street beschäftigte die Seelen der beiden der einzige Gedanke: »Warum, ach, warum muß ich mein Unglück der Öffentlichkeit preisgeben? Warum Spione anstellen, die in meine Privatsorgen die Nase hineinstecken? Ich bin nicht schuld daran.«

Fünftes Kapitel: Jolly als Richter

Das Streben nach Besitz, das zwei Mitglieder der Familie Forsyte nach tiefer Enttäuschung bewog, loszuwerden, was sie nicht länger besitzen konnten, wurde täglich stärker im britischen Volk. Obwohl Nicholas ursprünglich seiner Investitionen wegen so voll Zweifel in bezug auf den Krieg gewesen war, hatte man ihn sagen hören, daß die Buren eine starrköpfige Bande wären und eine Menge Kosten verursachten; je eher sie ihre Lektion bekämen, desto besser wäre es. Er würde Wolseley hinschicken! Da die Forsytes immer ein wenig weiter sahen als andere Leute – sie waren dadurch zu ihrem sehr beträchtlichen Vermögen gekommen –, hatte er schon bemerkt, daß Buller nicht der rechte Mann war – »ein wahrer Bulle, dieser Mann«, meinte er, »der darauflosstieße, und wenn sie sich nicht vorsähen, würde Ladysmith fallen!« Das war Anfang Dezember gewesen, und als dann die Schwarze Woche kam, konnte er jedem vorhalten, daß er es »ihnen gleich gesagt habe«. Während dieser Woche düsterer Sorge, wie kein Forsyte sie je erlebt, wurde der jüngste Nicholas in seinem Korps – dem »Teufelskorps« – so gedrillt, daß sein Vater den Familienarzt der Gesundheit seines Sohnes wegen konsultierte und beunruhigt war zu hören, daß er vollkommen gesund sei. Der Junge hatte eben sein etwas kostspieliges Studium beendet und sollte gerade seine juristische Laufbahn beginnen, es war daher ein beklemmendes Gefühl für seine Eltern, daß er sich in einer Zeit dem Militärdienst widmen mußte, wo die Zivilbevölkerung wahrscheinlich dazu herangezogen werden würde. Sein Großvater natürlich machte sich lustig über diese Idee, denn er war zu gründlich in dem Gefühl aufgewachsen, daß kein britischer Krieg anders als kurz sein und dabei nur Berufssoldaten in Frage kommen könnten, und er war sehr mißtrauisch gegen Regierungsmaßnahmen, durch die er überdies noch Verluste haben würde, denn er besaß De Beers, die jetzt schnell heruntergingen, und das betrachtete er als ein mehr als genügendes Opfer seines Enkels.

In Oxford dagegen herrschten ganz andere Gefühle. Die einem Konglomerat von jungen Leuten eigene Erregung hatte sich in den beiden Monaten des Semesters vor der Schwarzen Woche allmählich zu lebhafter Opposition kristallisiert. Die normale Jugend, in England immer konservativ, wenn sie die Dinge auch nicht allzu ernst nimmt, verlangte ungestüm nach einem Kampf und einer gehörigen Züchtigung der Buren. Dieser größeren Partei gehörte Val natürlich als Mitglied an. Die radikale Jugend dagegen, eine kleine, aber vielleicht stimmkräftigere Partei, war dafür, den Krieg zu beendigen und den Buren Autonomie zu geben. Bis zur Schwarzen Woche indessen gab es gestaltlose Gruppen, ohne scharfe Kanten, und die Streitfrage blieb nur akademisch. Jolly war einer von denen, die nicht recht wußten, wo sie standen. Seine Gerechtigkeitsliebe, die sich von seinem Großvater, dem alten Jolyon, auf ihn vererbt hatte, hinderte ihn, nur eine Seite der Sache zu betrachten. Überdies war in seiner Verbindung »Die Besten« ein eifriger »Schwärmer« mit außerordentlich vorgeschrittenen Anschauungen und einiger persönlicher Suggestivkraft. Jolyon schwankte. Sein Vater schien ebenfalls unentschieden in seiner Meinung. Und wenn er auch, wie es bei zwanzig Jahren üblich ist, seinen Vater scharf im Auge behielt und auf Fehler fahndete, denen vielleicht noch abzuhelfen war, lag doch etwas in dem Auftreten dieses Vaters, das seiner ironischen Toleranz einen geheimen Reiz verlieh. Künstler natürlich waren notorisch Hamletnaturen, und das mußte man bei einem Vater mit in Betracht ziehen, wenn man ihn auch liebte. Aber Jolyons eigenste Ansicht, daß »seine Nase da hineinzustecken, wo man nicht gewünscht wird (wie die »Uitlander« es getan hatten), und dann andere auszunutzen, bis man sein Ziel erreicht hatte«, nicht gerade vornehm gehandelt war, übte – sie mochte auf Tatsachen beruhen oder nicht – eine gewisse Anziehungskraft auf Jolly aus, der sehr auf Vornehmheit hielt. Andererseits konnte er »Wirrköpfe«, wie man es in seiner Verbindung, und »Snobs«, wie man es in Vals Verbindung nannte, nicht vertragen, so daß er immer noch schwankte, als die Stunde der Schwarzen Woche schlug. Eins – zwei – drei kamen jene verhängnisvollen Rückschläge bei Stormberg, Magersfontein und Colenso. Die hartnäckige englische Seele setzte nach dem ersten ihre Hoffnung auf Methuen, nach dem zweiten auf Buller, dann aber verhärtete sie sich in wachsendem Unmut. Jolly sagte sich: »Nein, zum Teufel! Jetzt müssen wir die Bande unterkriegen, einerlei, ob wir recht haben oder nicht.« Und hätte er es nur gewußt, sein Vater dachte ebenso.

Am nächsten Sonntag, dem letzten des Semesters, war Jolly von einem der »Besten« zum Wein eingeladen. Nach dem zweiten Toast »Buller und Vernichtung den Buren!« – er leerte sein Glas – bemerkte er, daß Val Dartie, ebenfalls als Gast, ihn grinsend anblickte und etwas zu seinem Nachbarn sagte. Er war sicher, daß es etwas Geringschätziges war. Nichts lag ihm ferner, als es sich anmerken zu lassen oder eine öffentliche Störung zu verursachen, aber das Blut schoß ihm ins Gesicht, und er preßte die Lippen zusammen. Die sonderbare Feindseligkeit, die er seinem Vetter gegenüber immer empfunden hatte, steigerte sich noch. »Schon gut!« sagte er zu sich. »Warte nur, mein Freund!« Der Genuß von mehr Wein, als ihm gut und er gewohnt war, bestärkte ihn in seinem Vorhaben, und als alle zusammen aufbrachen, zupfte er Val am Arm.

»Was hast du da drinnen über mich gesagt?«

»Darf ich nicht sagen, was mir beliebt?«

»Nein.«

»Nun, ich sagte, du seist Pro-Bure – und das bist du!«

»Du lügst!«

»Du willst dich also schlagen?«

»Natürlich, aber nicht hier, im Garten.«

»Gut! Komm.«

Sie gingen, einander von der Seite ansehend, erregt und entschlossen weiter und kletterten über das Gartengitter. An den Stacheln kam ein kleiner Riß in Vals Ärmel, der seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Jolly beschäftigte der Gedanke, daß sie im Begriff waren, im Bereich eines Gebäudes zu kämpfen, das ihnen beiden fremd war. Es war eigentlich nicht das Rechte, aber einerlei – dieser Lümmel!

Sie gingen über den Rasen an eine ziemlich dunkle Stelle und zogen ihre Röcke aus.

»Du bist doch nicht bezecht, wie?« sagte Jolly plötzlich. »Ich kann mich nicht mit dir schlagen, wenn du bezecht bist.«

»Nicht mehr als du.«

»Gut denn.«

Ohne sich die Hand zu reichen, stellten sie sich sofort in Verteidigungspositur. Sie hatten zuviel getrunken, um sachgemäß vorzugehen, und bemühten sich daher, besonders korrekte Stellungen einzunehmen, bis Jolly Val beinah zufällig eins auf die Nase gab. Danach war alles nur wüste, häßliche Rauferei im tiefen Schatten der alten Bäume, und niemand da, »Schluß« zu rufen, bis sie keuchend und atemlos voneinander abließen und zurücktaumelten, während eine Stimme rief:

»Ihre Namen, meine Herren!«

Bei dieser freundlichen Frage unter der Laterne an der Gartenpforte, die ihnen wie vom Himmel zu kommen schien, hielten ihre Nerven nicht länger stand, sie griffen nach ihren Röcken, rannten an das Gitter, stiegen hinüber und kehrten an die Stelle zurück, von der aus sie den Kampf begonnen hatten. Hier, in dem matten Licht, wischten sie sich die Gesichter ab und wandelten, ohne ein Wort, zehn Schritt voneinander, bis zum Tor des College. Schweigend gingen sie hindurch, Val an der Brauerei entlang, Jolly die Gasse hinunter. Ihm rauchte noch der Kopf, er bedauerte lebhaft, daß er nicht mehr Sachkenntnis entfaltet hatte, und dachte an die Gegenstöße und Knockoutschläge, die er versäumt. Im Geiste sah er einen andern Kampf vor sich, unendlich verschieden von dem, den er eben ausgefochten, einen unendlich tapfereren, mit Schärpe und Schwert, mit Angriff und Abwehr, als läse er seinen geliebten Dumas. Er sah sich selbst als La Mole, als Aramis, Bussy, Chicot und d'Artagnan in einer Gestalt, doch es war ihm unmöglich, sich Val als Conconnac, Brissac oder Rochefort vorzustellen. Dieser sein Vetter war eben nichts weiter als ein ungehobelter Bengel. Aber einerlei! Er hatte ihm doch ein paar versetzt! »Pro-Bure!« Das Wort brannte ihn noch, und der Gedanke, sich anwerben zu lassen, über das Schlachtfeld zu reiten, tapfer zu schießen, während die Buren sich wie Kaninchen am Boden wälzten, arbeitete in seinem schmerzenden Kopf. Und als er die brennenden Augen hob, sah er die Sterne zwischen den Giebeln scheinen und sich selbst im Karoo (was immer das auch sein mochte) in eine Decke gewickelt, das Gewehr geladen und den Blick auf den flimmernden Himmel gerichtet.

Er hatte einen fürchterlichen »Kater« am nächsten Morgen und behandelte ihn, wie es sich für einen der »Besten« gehörte, mit kaltem Wasser und einem Gebräu von Kaffee, den er nicht trinken konnte, und schlürfte zum Frühstück nur ein Gläschen Hochheimer. Das Märchen, daß »ein Tölpel« ihn an der Ecke angerannt hatte, mußte als Vorwand für die Beule auf seiner Backe dienen. Um keinen Preis hätte er den Kampf erwähnt, denn eigentlich entsprach er durchaus nicht seinen Grundsätzen.

Am nächsten Tage fuhr er nach London und gleich durch nach Robin Hill. Es war niemand dort außer Holly und June, denn sein Vater war nach Paris gereist. Er verlebte seine Ferien unstet und regellos, völlig ohne jede Fühlung mit seinen Schwestern. June freilich war von ihren »lahmen Enten« in Anspruch genommen, die Jolly in der Regel nicht ausstehen konnte, namentlich diesen Eric Cobbley und seine Familie, »hoffnungslose Außenseiter«, die in den Ferien immer das Haus auf den Kopf stellten. Und zwischen Holly und ihm bestand ein merkwürdiges Zerwürfnis, als wäre sie im Begriff, eigene Meinungen zu haben, was so – unnötig war. Er schlug beim Kricket wütend auf den Ball los, ritt ungestüm, aber allein, im Richmondpark, wo er tollkühn über die hohen, schwierigen Hecken hinwegsetzte, die gewisse abgenutzte Graswege absperren sollten, dies alles, um, wie er sagte, seine Nerven zu stärken. Jolly hatte eine größere Furcht, Scheu zu zeigen als die meisten jungen Leute. Er kaufte eine Büchse, und in dem Gedanken, sich eines Tages vielleicht anwerben zu lassen und Südafrika für sein Land zu retten, errichtete er auf dem Felde zu Hause einen Schießstand und schoß, wobei er die Gärtner gefährdete, über den Teich hinweg in die Mauer des Küchengartens. Jetzt, da sie Freiwillige als Rekruten brauchten, war der Junge ganz unglücklich. Mußte er sich melden? Keiner von den »Besten« dachte daran mitzugehen, soviel er wußte, denn er korrespondierte mit mehreren von ihnen. Wären sie bereit dazu gewesen, so hätte er auch nicht gezögert, denn er war ehrgeizig, hatte einen starken Sinn für Form und konnte es nicht ertragen, bei irgend etwas zurückzustehen – es jedoch aus eigenem Antrieb zu tun, hätte wie Prahlerei aussehen können, weil es eigentlich nicht wirklich nötig war. Überdies lag ihm nichts daran zu gehen, denn diesem jungen Forsyte widerstrebte es, sich blindlings in etwas hineinzustürzen. Es war alles ein wüstes Durcheinander in ihm, aufregend krankhaft, und er wurde seinem heiteren, vornehmen Selbst ganz unähnlich.

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