Kitabı oku: «Zu vermieten»
John Galsworthy
Zu vermieten
Die Forsyte Saga - 5. Band
Inhaltsverzeichnis
Erster Teil
Erstes Kapitel: Begegnung
Zweites Kapitel: Fine Fleur Forsyte
Drittes Kapitel: In Robin Hill
Viertes Kapitel: Das Mausoleum
Fünftes Kapitel: Heimaterde
Sechstes Kapitel: Jon
Siebentes Kapitel: Fleur
Achtes Kapitel: Idyll im Gras
Neuntes Kapitel: Goya
Zehntes Kapitel: Trio
Elftes Kapitel: Duett
Zwölftes Kapitel: Launen
Zweiter Teil
Erstes Kapitel: Mutter und Sohn
Zweites Kapitel: Väter und Töchter
Drittes Kapitel: Zusammentreffen
Viertes Kapitel: In der Green Street
Fünftes Kapitel: Reine Forsyte-Angelegenheiten
Sechstes Kapitel: Soames' Privatleben
Siebentes Kapitel: Junes Beistand
Achtes Kapitel: Der Zaum zwischen den Zähnen
Neuntes Kapitel: Öl ins Feuer
Zehntes Kapitel: Entscheidung
Elftes Kapitel: Timothy prophezeit
Dritter Teil
Erstes Kapitel: Der alte Jolyon geht um
Zweites Kapitel: Das Bekenntnis
Drittes Kapitel: Irene!
Viertes Kapitel: Soames überlegt
Fünftes Kapitel: Die fixe Idee
Sechstes Kapitel: Verzweiflung
Siebentes Kapitel: Botschaft
Achtes Kapitel: Die wehmütige Melodie
Neuntes Kapitel: Unter der Eiche
Zehntes Kapitel: Fleurs Hochzeit
Elftes Kapitel: Der Letzte der alten Forsytes
Impressum
Erster Teil
Erstes Kapitel: Begegnung
In Gedanken über die Zukunft versunken, trat Soames Forsyte am Nachmittag des 12. Mai 1920 aus dem Knightsbridge-Hotel, wo er wohnte, um die Bildersammlung in einer Galerie nahe der Cork Street zu besuchen. Er ging zu Fuß. Seit dem Kriege nahm er nie eine Droschke, wenn es sich vermeiden ließ. Die Kutscher waren seiner Ansicht nach eine unhöfliche Gesellschaft, wenn sie auch jetzt, wo der Krieg vorüber war und das Angebot die Nachfrage wieder zu übersteigen begann, gewohnheitsmäßig höflicher wurden. Dennoch hatte er ihnen nicht verziehen, da er sie mit düsteren Erinnerungen und, wie alle Angehörigen ihrer Klasse, jetzt dunkel mit der Revolution identifizierte. Die große Angst, die er während des Krieges ausgestanden hatte, und die noch größere Angst, der er seither im Frieden ausgesetzt gewesen, war nicht ohne psychische Folgen für seine zähe Natur geblieben. Er hatte im Geiste so oft den Ruin erlebt, daß er aufgehört hatte, an dessen greifbare Wahrscheinlichkeit zu glauben. Zahlte man viertausend Pfund im Jahr an Einkommen- und anderen Steuern, was konnte einem da noch Ärgeres widerfahren! Ein Vermögen von einer Viertelmillion, wenn man nur für seine Frau und seine Tochter zu sorgen hatte, bot, da es auf sehr verschiedene Art angelegt war, selbst der »Kateridee« der Kapitalsabgabe gegenüber eine feste Garantie. Und was die Einziehung der Kriegsgewinne anbetraf, war er vollständig damit einverstanden, denn er hatte keine, und der »Bande« geschah ganz recht! Der Preis der Bilder überdies war mehr gestiegen als irgend etwas, und mit seiner Sammlung war es ihm seit dem Kriege besser gegangen denn je zuvor. Luftangriffe hatten ebenfalls günstig auf einen Geist gewirkt, der von Natur vorsichtig war, und einen an sich eigensinnigen Charakter gestählt. Ist man in Gefahr, völlig zerstückelt zu werden, so verringert sich die Furcht vor der teilweisen Zerstückelung, die Abgaben und Steuern mit sich bringen, während die Gewohnheit, die Unverschämtheit der Deutschen zu verurteilen, natürlich dazu geführt hatte, die der Arbeiter, wenn nicht offen, so doch im Grunde seines Herzens zu verurteilen.
Er ging zu Fuß. Übrigens hatte er noch keine Eile, denn Fleur sollte ihn um vier Uhr in der Galerie treffen, und es war erst halb drei. Das Gehen tat ihm gut – seine Leber beengte ihn ein wenig, und seine Nerven waren ziemlich angegriffen. Seine Frau war immer unterwegs, wenn sie in der Stadt waren, und seine Tochter hatte, wie die meisten jungen Mädchen seit dem Kriege, nichts anderes im Sinn, als rastlos, wie ein Irrwisch, umherzuschwärmen. Aber er mußte dankbar sein, daß sie zu jung gewesen, im Kriege selbst etwas zu unternehmen. Natürlich hatte er den Krieg von Anbeginn mit ganzer Seele unterstützt, aber zwischen dieser Unterstützung und der körperlichen seiner Frau und seiner Tochter war ein himmelweiter Unterschied gewesen, und bei seinen etwas altmodischen Anschauungen verabscheute er jede extravagante Regung. Er war zum Beispiel streng dagegen gewesen, daß Annette, die so anziehend und 1914 erst vierunddreißig Jahre alt war, nach ihrer Heimat Frankreich, ihrer » chère patrie«, ging, wie sie es, durch den Krieg angeregt, zu nennen begonnen hatte, um ihre » braves poilus« zu pflegen! Das fehlte gerade, ihre Gesundheit und ihr Aussehen aufs Spiel zu setzen! Als ob sie wirklich Pflegerin wäre! Er hatte nichts davon hören wollen. Mochte sie zu Haus Handarbeiten machen oder stricken für sie! Sie war daher nicht gegangen und seitdem nie wieder ganz dieselbe gewesen. Eine böse Gewohnheit, ihn nicht offen, aber fortgesetzt auf allerlei Art zu verspotten, hatte sich verstärkt. Und für Fleur war durch den Krieg das schwierige Problem entstanden, ob sie in eine Pension kommen sollte oder nicht. Er hielt es für besser, wenn sie fern von der Mutter in ihrer Kriegsstimmung war, fern von dem Zufall der Luftangriffe und dem Bestreben, extravagante Dinge zu unternehmen; er hatte sie in einem Seminar so weit weg untergebracht, wie es ihm mit Vortrefflichkeit vereinbar schien, und hatte sie furchtbar vermißt. Fleur! Er hatte diesen etwas ausländischen Namen, für den er sich bei ihrer Geburt so plötzlich entschieden hatte – wenn es auch eine Konzession an die Franzosen gewesen war –, nie bereut. Fleur! Ein hübscher Name – ein hübsches Kind! Aber unstet – zu unstet, und eigenwillig! Sie kannte auch ihre Macht über ihren Vater! Soames dachte oft darüber nach, welch ein Fehler es war, in seine Tochter vernarrt zu sein. Alt zu werden und vernarrt zu sein! Fünfundsechzig! Er wurde älter, aber er fühlte es nicht, denn glücklicherweise vielleicht, wenn man Annettens Jugend und gutes Aussehen in Betracht zog, hatte seine zweite Ehe sich als eine kühle Angelegenheit herausgestellt. Er hatte in seinem Leben nur eine wahre Leidenschaft gekannt – für seine erste Frau – für Irene. Ja, und sein Vetter Jolyon, der mit ihr auf und davon gegangen war, sähe sehr klapprig aus, sagten sie. Kein Wunder mit zweiundsiebzig, nach zwanzig Jahren einer dritten Ehe!
Soames hielt einen Augenblick im Gehen inne, um sich über das Parkgitter zu lehnen. Ein passender Ort für Erinnerungen auf halbem Wege zwischen dem Haus in Park Lane, das seine Geburt und den Tod seiner Eltern gesehen, und dem kleinen Haus in Montpellier Square, wo er vor fünfunddreißig Jahren die erste Ausgabe seiner Ehe genossen hatte. Jetzt, nach zwanzig Jahren der zweiten Ausgabe, kam ihm die alte Tragödie vor wie ein Dasein, das er früher geführt – und das geendet hatte, als Fleur anstatt des Sohnes geboren war, auf den er gehofft. Seit vielen Jahren hatte er aufgehört, es auch nur vage zu bedauern, daß ihm kein Sohn geboren war; Fleur füllte sein Herz völlig aus. Schließlich trug sie ja seinen Namen, und er sehnte sich durchaus nicht nach der Zeit, wo sie ihn ändern würde. Dachte er jemals an solch eine Kalamität, so war sie durch das unbestimmte Gefühl gemildert, daß er sie reich genug machen könnte, um den Namen des jungen Mannes, der sie heiratete, vielleicht zu kaufen und auszulöschen – weshalb auch nicht, da Frauen doch heutzutage den Männern gleich waren, wie es den Anschein hatte? Und in der heimlichen Überzeugung, daß sie es nicht waren, strich sich Soames mit der gebogenen Hand kräftig über das Gesicht, bis sie gemächlich bis zum Kinn hinunterglitt. Dank seiner enthaltsamen Lebensweise war er nicht fett und schwammig geworden, seine Nase war blaß und dünn und der graue Schnurrbart kurz gestutzt, seine Sehkraft ungeschmälert. Ein leichtes Vorbeugen machte das Höherwerden der Stirn unter dem zurückweichenden Haar weniger sichtbar. Die Zeit hatte den »begütertsten« der jungen Forsytes, wie der letzte der alten Forsytes – Timothy – jetzt, in seinem hundertsten Jahr, es ausgedrückt hätte, wenig verändert.
Der Schatten der Platanen fiel auf seinen feinen Filzhut, er hatte die Zylinderhüte aufgegeben – es hatte keinen Zweck, in Zeiten wie diesen die Aufmerksamkeit auf Reichtum zu lenken. Platanen! Seine Gedanken wandelten lebhaft nach Madrid – Ostern vorm Kriege, als er jenes Goyabildes wegen einen Entschluß fassen mußte und eine Entdeckungsreise unternommen hatte, um den Maler an Ort und Stelle zu studieren. Der Mann hatte Eindruck auf ihn gemacht – ein sehr vielseitiger Maler, ein wahres Genie! Doch einen so hohen Rang er auch einnahm, er würde einen höheren einnehmen, bevor sie mit ihm fertig waren. Der zweite Goyarummel würde größer sein, als der erste gewesen, o ja! Und er hatte gekauft. Auf dieser Reise hatte er – was er nie zuvor getan – die Kopie eines Freskogemäldes, »La Vendimia« genannt, bestellt, auf dem die Gestalt eines Mädchens, einen Arm in die Seite gestemmt, ihn an seine Tochter erinnert hatte. Es hing jetzt in seiner Galerie in Mapledurham, und zwar ziemlich schlecht – man konnte Goya nicht kopieren. Wenn aber seine Tochter nicht mehr da war, würde er es um der Erinnerung willen, um des Unwiderstehlichen in der Beleuchtung, des straffen Gleichgewichts der Gestalt, der Weite zwischen den gewölbten Brauen, der glühenden verträumten Augen willen immer gern anschauen. Merkwürdig, daß Fleur dunkle Augen hatte, wo seine eigenen grau waren – kein echter Forsyte hatte braune Augen, und die ihrer Mutter waren blau! Aber natürlich, die Augen Madame Lamottes, ihrer Großmutter, waren dunkel wie Sirup!
Er ging weiter bis zur Hydepark Corner. In ganz England gab es keine größere Veränderung als auf dem Reitweg in diesem Park. Beinah in Schußweite davon geboren, konnte er sich dessen seit 1860 erinnern. Als Kind hatte man ihn hingebracht, um zwischen Krinolinen die Dandys in engen Hosen mit Backenbärten anzustaunen, die in steifer Haltung vorüberritten, zu beobachten, wie die krausrandigen und die steifen weißen Hüte aus der Mode kamen und der kleine krummbeinige Mann in langer roter Weste, der mit Hunden an etlichen Leinen: King-Charles-Wachtelhunden und italienischen Windspielen, die in die Krinoline seiner Mutter verliebt waren, unter die modischen Leute zu kommen pflegte und versuchte, einen an sie verkaufen – jetzt war so etwas nie mehr zu sehen. Man sah niemand mehr von Rang, nur noch Arbeitervolk, das dumpf in Reihen saß und nichts zum Anstarren hatte als ein paar rittlings in den Sätteln sitzende kecke junge Reiterinnen mit Topfhüten oder Leute aus den Kolonien, die planlos auf elenden Mietsgäulen auf und nieder ritten, ab und zu hier und dort kleine Mädchen auf Ponys oder alte Herren, die sich Bewegung machten, zuweilen auch eine Ordonnanz auf einem großen Kavalleriepferd; kein Vollblut, keine Grooms, keine Verbeugung, kein Scharren, keine Unterhaltung – nichts, nur die Bäume waren dieselben – die Bäume, die den Generationen und dem Verfall der Menschheit gegenüber gleichgültig blieben. Ein demokratisches England – zersplittert, eilig, laut und offenbar ohne ein Ziel. Etwas wie stolze Verachtung regte sich in Soames. Für immer vorbei der enge Kreis von Vornehmheit und Rang! Reichtum gab es wohl – o ja! Reichtum – er selbst war ein reicherer Mann, als sein Vater je gewesen, aber Manieren, Geschmack, Qualität, damit war es vorbei, es war alles in einen öden, häßlichen, wüsten, nach Maschinenöl riechenden Rummel versunken. Hier und dort verstreut und » chétif«, wie Annette sagen würde, ein paar halb heruntergekommene Leute vornehmen Standes, aber nichts von Bestand und Zusammenhang mehr. Und in dies neue Durcheinander von schlechten Manieren und lockeren Sitten war seine Tochter – die Blume seines Lebens – hineingeschleudert! Und wenn diese Gesellen von der Arbeiterpartei an die Macht kamen – wenn das jemals geschah –, mußte man auf das Schlimmste gefaßt sein!
Er ging durch das Tor, das – Gott sei Dank – nicht mehr durch das Kanonengrau seines Scheinwerfers verunstaltet war. »Sie sollten lieber dort einen Scheinwerfer anbringen, wohin sie alle gehen«, dachte er, »und ihre kostbare Demokratie beleuchten!« Dann setzte er seinen Weg an den Klubfronten der Piccadilly entlang fort. George Forsyte würde natürlich an dem Bogenfenster des Iseeum-Klubs sitzen. Der Mensch war jetzt so stark geworden, daß er fast seine ganze Zeit dort zubrachte, einem reglosen, spöttischen, humoristischen Auge gleich, das den Niedergang von Menschen und Dingen beobachtete. Und Soames, der sich im Grunde immer unbehaglich unter dem Blick seines Vetters fühlte, beeilte sich, vorbeizukommen. George hatte, wie er gehört, mitten im Kriege einen Brief mit der Unterschrift »Patriot« geschrieben und sich über die Hysterie der Regierung beklagt, die den Hafer für die Rennpferde beschlagnahmt hatte. Ja, da war er, groß, wuchtig, geschniegelt, glatt rasiert, mit seinem schlichten Haar, das kaum dünner geworden war und sicher nach dem besten Haarwuchsmittel roch, und einem Rennprogramm in der Hand. Nein, er veränderte sich nicht! Und vielleicht zum erstenmal in seinem Leben empfand Soames eine gewisse Sympathie unter seiner Weste für diesen spottlustigen Verwandten. Mit seinem Gewicht, seinem vollkommen gescheitelten Haar und dem stierähnlichen Blick war er eine Gewähr dafür, daß die alte Ordnung noch manchem Stoß widerstehen würde. Er sah George das Rennprogramm bewegen, wie um ihn aufzufordern, heraufzukommen – er wollte ihn wohl etwas über das Vermögen fragen. Es stand noch unter Soames' Kontrolle, denn bei der Annahme einer stillen Teilhaberschaft in jener schmerzlichen Periode vor zwanzig Jahren, als er sich von Irene hatte scheiden lassen, war Soames, fast ohne es zu wollen, weiter Verwalter aller reinen Forsyteangelegenheiten geblieben.
Einen Augenblick zögernd, nickte er und ging hinein. Seit dem Tode seines Schwagers Montague Dartie in Paris, bei dem niemand recht wußte, was er davon halten sollte, wenn es auch sicher kein Selbstmord gewesen war, schien Soames der Iseeum-Klub viel solider. Auch George hatte sich, das wußte er, die Hörner abgelaufen und völlig den Freuden der Tafel gewidmet; er aß nur vom Allerbesten, um sein Gewicht niederzuhalten, und besaß, wie er sagte, »nur eben einen oder zwei alte Gäule, um sein Interesse am Leben aufrechtzuerhalten«. Er setzte sich daher ohne das verwirrende Gefühl, seinen Taktlosigkeiten ausgesetzt zu sein, das er hier sonst immer gehabt, zu seinem Vetter an das große Fenster. George streckte eine wohlgepflegte Hand aus.
»Hab' dich seit dem Kriege nicht gesehen«, sagte er. »Wie geht's deiner Frau?«
»Danke«, sagte Soames kühl, »ganz gut.«
Ein verstohlenes Lächeln huschte für einen Augenblick über Georges fleischiges Gesicht und stierte aus seinen Augen.
»Dieser Belgier Profond«, sagte er, »ist jetzt hier Mitglied geworden. Er ist ein schnurriger Geselle.«
»Ja!« murmelte Soames. »Was wolltest du von mir?«
»Der alte Timothy kann sich jeden Augenblick aus dem Staube machen. Ich vermute, er hat sein Testament gemacht.«
»Ja.«
»Nun, du oder irgend jemand müßte einmal nach ihm sehen – dem Letzten von der alten Sorte – er ist hundert Jahre alt, weißt du. Sie sagen, er sei wie eine Mumie. Wohin wollt ihr ihn bringen? Er müßte eigentlich eine Pyramide bekommen.«
Soames schüttelte den Kopf. »Highgate, in die Familiengruft.«
»Ich glaube, die alten Mädchen würden ihn vermissen, wenn er woanders wäre. Sie sagen, ihm liege noch etwas am Essen. Er könnte noch lange leben. Bekommen wir nichts für die alten Forsytes? Es waren zehn – Durchschnittsalter achtundachtzig – ich habe es ausgerechnet.«
»Ist das alles?« sagte Soames. »Ich muß weiter.«
»Du ungeselliger Teufel«, schienen Georges Augen zu antworten. »Ja, das ist alles. Besuche ihn in seinem Mausoleum – der alte Bursche könnte prophezeien wollen.« Das Grinsen erstarb in den reichen Kurven seines Gesichts, und er fügte hinzu: »Habt ihr Advokaten noch keinen Kniff entdeckt, diese verwünschte Einkommensteuer abzuschaffen? Sie trifft das ererbte feste Einkommen ganz verteufelt. Ich pflegte Zweitausendfünfhundert im Jahr zu haben; jetzt habe ich bettelhafte Fünfzehnhundert, und der Preis der Lebenshaltung hat sich verdoppelt.«
»Ah!« murmelte Soames, »der Rennplatz ist in Gefahr.«
Über Georges Gesicht huschte ein Strahl spöttischer Selbstverteidigung.
»Ich bin zum Nichtstun erzogen«, sagte er, »und hier werde ich immer älter und werde jeden Tag ärmer. Dies Arbeitergesindel meint, daß ihm alles zufällt, bevor sie noch etwas getan haben. Was wirst du tun, deinen Lebensunterhalt zu verdienen, wenn es dazu kommt? Ich werde sechs Stunden am Tage arbeiten, um Politiker zu lehren, wie man einen Scherz auffaßt. Nimm meinen Tip, Soames; gehe ins Parlament, sichere dir deine Vierhundert – und stelle mich an.«
Und als Soames sich entfernte, nahm er seinen Platz an dem Bogenfenster wieder ein.
Tief in Nachdenken versunken und erregt durch die Worte seines Vetters, setzte Soames seinen Weg der Piccadilly entlang fort. Er selbst war immer ein Arbeiter und Sparer gewesen, George stets eine Drohne und ein Verschwender; und doch, wenn die Einziehung des Vermögens einmal begann, war er es – der Arbeiter und Sparer –, der ausgebeutet wurde! Es war die Verneinung allen Ansehens, ein Umstürzen aller Forsytegrundsätze. Konnte die Zivilisation auf irgendwelchen andern aufgebaut werden? Er glaubte es nicht. Nun, sie würden keine Bilder konfiszieren, denn sie würden ihren Wert nicht kennen. Aber was würden sie wert sein, wenn diese Wahnsinnigen anfingen, das Kapital zu melken? Wertlose Ware auf dem Markt. »Es ist mir nicht um mich selbst zu tun«, dachte er; »ich könnte mit Fünfhundert im Jahre leben und würde in meinem Alter den Unterschied gar nicht merken.« Aber Fleur! Dies Vermögen, das so klug angelegt war, diese zahlreichen Kunstschätze, die so sorgfältig gewählt waren, sollten alle ihr gehören. Und wenn es dazu käme, daß er ihr alles das nicht hinterlassen oder geben konnte – ja, dann war das Leben ohne Sinn, und welchen Zweck hatte es eigentlich, da hineinzugehen und sich diese verrückten, futuristischen Sachen anzusehen und zu beurteilen, ob sie eine Zukunft hatten?
Als er jedoch in der Galerie der Cork Street anlangte, zahlte er seinen Schilling, nahm einen Katalog und trat ein. Etwa zehn Personen streiften dort umher. Soames' Blick fiel auf etwas, das er für einen Laternenständer hielt, der durch eine Kollision mit einem Motoromnibus umgebogen war. Es stand etwa drei Schritt von der Wand entfernt und war in seinem Katalog als »Jupiter« bezeichnet. Er prüfte es neugierig, denn er hatte kürzlich seine Aufmerksamkeit mehr der Skulptur zugewendet. »Wenn das Jupiter ist«, dachte er, »möchte ich wissen, wie Juno aussieht.« Und plötzlich sah er sie gegenüber. Sie erinnerte ihn lebhaft an eine Pumpe mit zwei Schwengeln, leicht in Schnee gehüllt. Er betrachtete sie noch voll Staunen, als zwei der Besucher neben ihm stehenblieben. »Großartig!« hörte er den einen sagen.
»Quatsch!« brummte Soames vor sich hin.
Die knabenhafte Stimme des andern erwiderte:
»Fehlgeschossen, lieber Freund; er führt dich an der Nase herum. Als er Jupiter und Juno schuf, sagte er: ›Ich will sehen, wieviel diese Narren sich gefallen lassen.‹ Und dann haben die sich alles gefallen lassen.«
»Grünschnabel du! Bospovitsch ist ein Neuerer! Siehst du nicht, daß er Satire in die Skulptur gebracht hat? Die Zukunft der Bildhauerkunst, der Musik, der Malerei und selbst der Architektur hat satirisch eingesetzt. Es mußte so kommen. Die Leute sind es müde – dem Gefühl ist der Boden ausgeschlagen.«
»Nun, ich würde mich ebensogut ein wenig für Schönheit interessieren. Ich bin mit im Kriege gewesen. Sie haben Ihr Taschentuch fallen lasten, Sir.«
Soames sah sein Taschentuch vor sich hingehalten. Er nahm es mit einem natürlichen Mißtrauen und hielt es an die Nase. Es hatte den richtigen Duft – roch schwach nach Eau de Cologne – und seine Initialen in der Ecke. Ziemlich beruhigt blickte er auf das Gesicht des jungen Mannes. Es hatte faunähnliche Ohren, einen lachenden Mund, mit einer halben Zahnbürste, die an jeder Seite daraus hervorwuchs, und kleine lebhafte Augen, im ganzen eine normal gekleidete Erscheinung. »Danke Ihnen«, sagte er und fügte, durch eine gewisse Erregung getrieben, hinzu: »Ich freue mich, daß Sie Schönheit lieben; es ist selten heutzutage.«
»Ich bin vernarrt in sie«, sagte der junge Mann; »aber Sie und ich sind die Letzten der alten Garde, Sir.«
Soames lächelte.
»Wenn Sie sich wirklich etwas aus Bildern machen«, sagte er, »hier ist meine Karte. Ich kann Ihnen einige ganz gute zeigen, wenn Sie an irgendeinem Sonntag den Fluß entlang kommen und Lust haben, sie anzuschauen.«
»Riesig liebenswürdig, Sir. Ich komme hereingeschneit, ehe Sie sich's versehen. Mein Name ist Mont – Michael.« Und er nahm den Hut ab.
Soames, der seinen Einfall schon bereute, lüftete den seinen ebenfalls ein wenig und warf dabei einen Blick auf den Gefährten des jungen Mannes, der eine purpurrote Krawatte trug, einen schrecklichen kleinen Backenbart und einen verächtlichen Blick hatte – als wäre er Dichter!
Es war die erste Unbesonnenheit, die er seit langer Zeit begangen hatte. Was war ihm nur eingefallen, einem so ungestümen jungen Burschen, der mit einem solchen Menschen umherging, seine Karte zu geben? Und Fleur, die immer im Hintergrund seiner Gedanken war, trat hervor wie eine Filigranfigur aus einer Uhr, wenn die Stunde schlägt. An der Wand ihm gegenüber war eine Leinwand mit einer großen Menge dicker tomatenfarbener Blasen darauf, sonst weiter nichts, soviel Soames von seinem Platz aus sehen konnte. Er sah in seinem Katalog nach: »Nr. 32 – ›Die zukünftige Stadt‹ – Paul Post.« »Vermutlich ist das auch satirisch«, dachte er. »Was für ein Zeug!« Aber sein zweiter Impuls war vorsichtiger. Man durfte nicht zu schnell verdammen. Da waren jene streifigen, gestrichelten Schöpfungen Monets, die solche Trümpfe geworden waren; und dann die Schule der Pointillisten; und Gauguin. Sogar seit den Nachimpressionisten hatte es zwei oder drei Maler gegeben, die nicht zu verachten waren. Während der achtunddreißig Jahre seines Kennerlebens hatte er in der Tat so viele »Bewegungen« beobachtet, den Umschwung des Geschmacks und der Technik so ebben und fluten sehen, daß man wirklich nichts sagen konnte, als daß aus jedem Wechsel der Mode Geld zu machen war. Auch dies konnte ein Fall sein, wo man den allerersten Instinkt unterdrücken oder den Markt verlieren mußte. Er stellte sich vor das Bild und bemühte sich, es mit den Augen anderer Leute zu betrachten. Über den Tomatenblasen war etwas, das er für einen Sonnenuntergang hielt, bis jemand im Vorübergehen sagte: »Er hat die Flugmaschine wundervoll herausbekommen, findest du nicht?« Unter den Tomatenblasen war ein Band von Weiß mit vertikalen schwarzen Streifen, dem er keinerlei Bedeutung unterzulegen vermochte, bis wieder jemand vorbeikam und murmelte: »Welch einen Ausdruck er seinen Vordergründen gibt!« Ausdruck? Wovon? Soames ging zu seinem Sitz zurück. »Das Ding hatte etwas Reiches«, wie sein Vater gesagt hätte, und er wollte nicht einen Pfifferling dafür geben. Ausdruck! Ach! Sie waren jetzt alle Expressionisten auf dem Kontinent, wie er gehört hatte. Also kam es auch hierher, wirklich? Er erinnerte sich der ersten Influenzawelle im Jahre 87 oder 88 – die aus China stammte, wie man sagte. Er hätte gern gewußt, wo dieser – dieser Expressionismus eigentlich herstammte. Die Sache war eine reguläre Krankheit!
Er hatte eine Dame und einen jungen Mann bemerkt, die zwischen ihm und der »Zukünftigen Stadt« standen. Sie kehrten ihm den Rücken zu, sehr plötzlich aber hielt Soames sich seinen Katalog vor das Gesicht, zog seinen Hut nach vorn und starrte durch den Spalt dazwischen hin. Nicht zu verkennen dieser Rücken, elegant wie immer, obwohl das Haar oben ergraut war. Irene! Seine geschiedene Frau – Irene! Und dies war ohne Zweifel ihr Sohn – von diesem Burschen Jolyon Forsyte –, ihr Junge, sechs Monate älter als sein Mädel! Im Geiste durchlebte er nochmals die bittern Tage seiner Scheidung und erhob sich, um ihnen aus dem Wege zu gehen, setzte sich aber rasch wieder hin. Sie hatte den Kopf gewandt, um mit ihrem Jungen zu sprechen, ihr Profil war noch so jugendlich, daß ihr graues Haar wie gepudert schien, als wäre sie in einem Phantasiekostüm; und ihre Lippen lächelten, wie Soames, ihr erster Besitzer, sie nie hatte lächeln sehen. Ärgerlich mußte er zugeben, daß sie noch schön war und so jung aussah wie je. Und wie der Junge das Lächeln erwiderte! Der Anblick beleidigte seinen Gerechtigkeitssinn. Er mißgönnte ihr das Lächeln des Jungen – es übertraf alles, was Fleur ihm gab, und das war unverdient. Ihr Sohn hätte der seine sein können; Fleur hätte ihre Tochter sein können, wenn sie sich richtig verhalten hätte! Er senkte seinen Katalog. Sah sie ihn, um so besser. Eine Mahnung an ihr Benehmen in Gegenwart ihres Sohnes, der wahrscheinlich von nichts wußte, würde ein heilsamer Wink der Nemesis sein, die sie sicher früher oder später heimsuchen mußte! Dann kam Soames halb unbewußt der Gedanke, daß es extravagant für einen Forsyte seines Alters sei, so zu denken, und er nahm seine Uhr heraus. Vier vorüber! Fleur verspätete sich. Sie war zu seiner Nichte, Imogen Cardigan, gegangen, und dort hielten sie sie wohl mit ihren Zigaretten und ihrem Geschwätz fest. Er hörte den jungen Mann lachen und munter sagen: »Ob dies wohl eine von Tante Junes ›lahmen Enten‹ ist, Mama?«
»Paul Post – ich glaube, es ist so, Liebling.«
Bei dem Wort zuckte Soames leise zusammen; er hatte sie es nie brauchen hören. Und dann sah sie ihn. Seine Augen mußten etwas von George Forsytes spöttischem Blick gehabt haben, denn ihre Hand krampfte sich um die Falten ihres Rockes, sie zog die Augenbrauen hoch, und ihr Gesicht versteinerte sich. Sie ging weiter.
»Ein Beispiel dafür, wie man nicht malen darf«, sagte der Junge, und ergriff wieder ihren Arm.
Soames starrte ihnen nach. Der junge Mann sah gut aus mit dem Forsytekinn und den tiefliegenden dunkelgrauen Augen, die aber etwas Sonniges hatten, als wäre ein Glas alten Sherrys darüber ausgegossen, auch über sein Lächeln vielleicht und sein Haar. Sie hatten es besser, als sie es verdienten – die beiden! Im nächsten Zimmer kamen sie ihm aus dem Gesicht, und Soames fuhr fort, die »Zukünftige Stadt« zu betrachten, sah aber nichts. Ein leises Lächeln schürzte seine Lippen. Er verachtete die Heftigkeit seiner eigenen Gefühle nach all diesen Jahren. Gespenster! Und doch, wenn man alt wurde – blieb da irgend etwas zurück, das nicht gespensterhaft war? Ja, da war ja Fleur! Er heftete den Blick auf den Eingang. Sie mußte jetzt kommen, aber sie ließ ihn warten, natürlich! Und plötzlich spürte er etwas wie einen menschlichen Atem – eine kleine schmächtige Gestalt in einem seegrünen Djibbah mit Metallgürtel und einem Stirnband um das widerspenstige rotgoldene, ganz mit grauen Strähnen durchsetzte Haar. Sie sprach mit dem Galeriediener, und etwas in ihren Augen, ihrer Miene, in ihrem ganzen Wesen, etwas, das an einen schlanken Terrier gerade vor seinem Mittagessen erinnerte, kam ihm bekannt vor. Sicherlich June Forsyte! Seine Kusine June – und sie kam geradeswegs auf seine Nische zu! Tief in Gedanken setzte sie sich neben ihn, nahm ein Täfelchen heraus und notierte etwas. Soames regte sich nicht. »Eine verwünschte Geschichte, diese Verwandtschaft! Widerlich!« hörte er sie murmeln; dann, als fühle sie die Gegenwart eines zuhörenden Fremden, sah sie ihn an. Das Schlimmste war geschehen!
»Soames!«
Soames wandte den Kopf ein klein wenig.
»Wie geht es dir?« sagte er. »Habe dich seit zwanzig Jahren nicht gesehen.«
»Nein. Was führte dich her?«
»Meine Sünden«, sagte Soames. »Was für Zeug!«
»Zeug? O ja – natürlich; es ist noch nicht ›anerkannt‹!«
»Das wird es nie«, sagte Soames; »es muß einen großen Verlust bringen.«
»Natürlich tut es das.«
»Woher weißt du das?«
»Es ist meine Galerie.«
Soames war sprachlos vor Staunen.
»Deine? Wie in aller Welt kommst du darauf, eine Ausstellung, wie diese, zu wagen?«
»Ich behandle die Kunst nicht, als wäre sie ein Kramhandel.«
Soames wies auf die »Zukünftige Stadt«. »Sieh dir das an! Wer wird in einer solchen Stadt oder mit ihr an der Wand leben wollen?«
June betrachtete das Bild einen Augenblick. »Es ist eine Vision«, sagte sie.
»Ach! Was du sagst!«
Es entstand Schweigen, und June erhob sich. »Verrücktes Geschöpf!« dachte er.
»Du wirst deinen jungen Stiefbruder mit einer Frau treffen, die ich einst kannte. Wenn du meinem Rat folgen willst, müßtest du die Ausstellung schließen.«
June sah sich nach ihm um. »Oh! Du Forsyte!« sagte sie und ging weiter. Über ihrer leichten, flüchtigen Gestalt, die sich plötzlich so schnell entfernte, lag eine gefährliche Entschiedenheit. Forsyte! Natürlich war er ein Forsyte! Und sie ebenfalls! Doch seit der Zeit, wo sie Bosinney in sein Leben gebracht, um es zu zerstören, hatte er sich nie mit June versöhnen können – und würde es nie! Und nun war sie hier, unverheiratet bis heute, im Besitz einer Galerie! ... Und plötzlich fiel ihm ein, wie wenig er jetzt von seiner eigenen Familie wußte. Die alten Tanten bei Timothy waren seit vielen Jahren tot; es gab keine Ablagerungsstelle für Neuigkeiten mehr. Wie war es ihnen allen während des Krieges ergangen? Des jungen Rogers Junge war verwundet worden, St. John, Haymans zweiter Sohn, gefallen; der älteste des jungen Nicholas hatte das Kriegskreuz bekommen, oder was sie sonst gaben. Sie hatten alle irgendwie daran teilgenommen, glaubte er. Der Sohn Jolyons und Irenens war wohl zu jung gewesen, seine eigene Generation natürlich zu alt, wenn auch Giles Hayman einen Wagen für das Rote Kreuz geführt hatte und Jesse Hayman speziellen Dienst bei der Polizei gehabt – die »Siamesen« waren immer ein Sportsmanntyp gewesen! Und er selbst hatte eine Motorfeldambulanz gestiftet und die Zeitungen gelesen, bis er krank davon wurde, hatte viel Angst ausgestanden, keine Kleider gekauft und sieben Pfund an Gewicht verloren: er wußte nicht, was er in seinem Alter mehr hätte tun können. Zwar, wenn er darüber nachdachte, mußte er einräumen, daß er und seine Familie diesen Krieg ganz anders aufgenommen hatten als die Sache mit den Buren, wo, wie man annahm, alle Hilfsquellen des Reiches aufgeboten wurden. In dem alten Kriege freilich war sein Neffe Val Dartie verwundet worden und der älteste Sohn Jolyons an Darmtyphus gestorben, die »Siamesen« waren zu Pferde hinausgegangen und June als Pflegerin; allein all das waren Ausnahmen gewesen, während in diesem Krieg jeder selbstverständlich »das seinige« getan hatte, soviel er wußte. Es schien irgend etwas im Wachsen begriffen oder nahe dem Verfall. Waren die Forsytes weniger individuell geworden oder monarchischer oder weniger provinziell? Oder geschah es einfach, weil man die Deutschen haßte? ... Weshalb kam Fleur nicht, so daß er fort konnte? Er sah die drei zusammen aus dem andern Raum zurückkommen und an der gegenüberliegenden Wand vorübergehen. Der junge Mann stand jetzt vor der Juno. Und plötzlich sah Soames an der andern Seite von ihr – seine Tochter mit hochgezogenen Brauen. Er konnte ihre Augen seitwärts nach dem jungen Mann blicken und ihn den Blick erwidern sehen. Dann schob Irene ihren Arm unter den seinen und zog ihn fort. Soames sah ihn verstohlen zurückschauen und Fleur den Dreien nachsehen, als sie hinausgingen.
Eine Stimme sagte heiter: »Ein bißchen arg, Sir, nicht wahr?«
Der junge Mann, der ihm sein Taschentuch zurückgegeben hatte, ging wieder vorüber. Soames nickte.
»Ich weiß nicht, wohin wir noch geraten werden.«
»Oh! Da ist alles in Ordnung, Sir«, antwortete der junge Mann munter, »die wissen es auch nicht.«
Fleurs Stimme sagte: »Hallo, Vater! Da bist du ja!«, gerade, als hätte er sie warten lassen.
Der junge Mann riß den Hut herunter und ging weiter.
»Nun«, sagte Soames und sah sie von oben bis unten an, »du bist ja eine sehr pünktliche junge Dame!«
Dieser kostbare Besitz seines Lebens war von mittlerer Größe und Farbe, mit kurzem, nußbraunem Haar; ihre weit auseinander stehenden braunen Augen schwammen in so klarem Weiß, daß sie glänzten, wenn sie sich bewegten, und doch waren sie in der Ruhe beinah träumerisch unter den sehr weißen, schwarz bewimperten Lidern. Sie hatte ein reizendes Profil und nichts von ihrem Vater außer einem entschiedenen Kinn. Als er merkte, daß sein Ausdruck sanfter wurde, während er sie ansah, runzelte Soames die Stirn, um seine Gleichmütigkeit zu bewahren, wie es sich für einen Forsyte ziemte. Er wußte, daß sie nur zu sehr dazu neigte, sich seine Schwäche zunutze zu machen.
Sie schob ihre Hand unter seinen Arm und sagte:
»Wer war das?«
»Er hob mein Taschentuch auf. Wir sprachen über die Bilder.«
»Du wirst doch das nicht kaufen, Vater?«
»Nein«, sagte Soames grimmig, »und auch die Juno nicht, die du dir angesehen hast.«
Fleur zog ihn am Arm. »Oh! Laß uns gehen! Es ist eine schauderhafte Ausstellung!«
An der Tür begegneten sie dem jungen Manne namens Mont und seinem Gefährten. Aber Soames hatte eine abweisende Miene aufgesteckt und beachtete kaum den Gruß des jungen Menschen.
»Nun«, sagte er auf der Straße, »wen hast du bei Imogen getroffen?«
»Tante Winifred und jenen Monsieur Profond.«
»Ah!« murmelte Soames. »Was findet deine Tante denn an dem Burschen?«
»Ich weiß nicht. Er sieht ziemlich verschlagen aus – Mutter mag ihn ganz gern.«
Soames brummte.
»Vetter Val und seine Frau waren auch da.«
»Wie?« sagte Soames. »Ich dachte, sie wären nach Südafrika zurückgegangen.«
»O nein! Sie haben ihre Farm verkauft. Vetter Val will Rennpferde in Sussex züchten. Sie haben ein hübsches altes Landhaus bekommen und mich zu sich eingeladen.«
Soames hustete; die Nachrichten gefielen ihm nicht. »Wie sieht seine Frau jetzt aus?«
»Sie ist sehr still, aber hübsch, finde ich.«
Soames hustete wieder. »Ein toller Bursche, dein Vetter Val.«
»O nein, Vater, sie sind schrecklich anhänglich. Ich versprach, vom Samstag bis zum nächsten Mittwoch zu ihnen zu kommen.«
»Rennpferde züchten!« sagte Soames. Es war schlimm genug, aber nicht der Grund seines Mißfallens. Warum, zum Teufel, hatte sein Neffe nicht draußen in Südafrika bleiben können? Seine eigene Scheidung war schlimm genug gewesen, auch ohne die Heirat seines Neffen mit der Tochter seines Gegners, einer Halbschwester von June noch dazu und des jungen Menschen, den Fleur sich von den Pumpenschwengeln aus eben angeschaut hatte. Wenn er nicht aufpaßte, würde sie alles über die alte Schande erfahren! Unangenehme Geschichten. Sie verfolgten ihn an diesem Nachmittag wie ein Schwarm von Bienen!
»Ich sehe es nicht gern!« sagte er.
»Ich möchte die Rennpferde sehen«, murmelte Fleur, »und sie haben versprochen, mich reiten zu lassen. Vetter Val kann nicht viel gehen, weißt du, aber er reitet vollkommen. Er will mich ihre Galopps lehren.«
»Rennen!« sagte Soames. »Schade, daß der Krieg dem nicht ein Ende gemacht hat. Er schlägt seinem Vater nach, fürchte ich.«
»Ich weiß nichts von seinem Vater.«
»Nein«, sagte Soames verbissen. »Er interessierte sich für Pferde und brach sich in Paris den Hals, als er eine Treppe hinunterging. Gut für deine Tante, daß sie ihn los ist.« Mit gerunzelter Stirn erinnerte er sich seiner Erkundigung nach dieser Treppe, die er vor sechs Jahren in Paris eingezogen, einer ganz normalen Treppe in einem Hause, wo man Bakkarat zu spielen pflegte. Entweder Darties Gewinne oder die Art, wie er dazu gekommen war, waren seinem Schwager zu Kopf gestiegen. Die französische Art zu spielen war sehr lax gewesen; und so war er in große Schwierigkeiten geraten.
Ein Ausruf Fleurs zerstreute seine Aufmerksamkeit. »Sieh! Die Leute, die in der Galerie mit uns waren.«
»Was für Leute?« fragte Soames, der es sehr gut wußte.
»Ich finde die Frau sehr schön.«
»Komm in diese Konditorei«, sagte Soames plötzlich, und ihren Arm fester fassend, führte er sie hinein. Es war – für ihn – erstaunlich, das zu tun, und er sagte ziemlich unsicher: »Was willst du haben?«
»Oh! Ich brauche nichts. Ich bekam einen Cocktail und ein fabelhaftes Frühstück.«
»Wir müssen etwas nehmen, da wir einmal hier sind«, murmelte Soames, während er sie am Arm festhielt.
»Zweimal Tee«, sagte er, »und zwei von den Nougatdingern.« Aber kaum saß er äußerlich ruhig da, als sein Herz zusammenzuckte.
Die Drei – jene Drei kamen herein! Er hörte Irene etwas zu ihrem Jungen sagen und ihn antworten:
»O nein, Mama, dieser Platz ist ganz gut. Ganz mein Geschmack.« Und die Drei setzten sich.
In diesem höchst ungelegenen Augenblick, wo Geister und Schatten seiner Vergangenheit auf ihn einstürmten, in Gegenwart der beiden einzigen Frauen, die er je geliebt – seiner geschiedenen Frau und der Tochter ihrer Nachfolgerin –, fürchtete Soames die beiden nicht so sehr wie seine Kusine June. Sie konnte eine Szene machen – könnte die Kinder einander vorstellen –, sie war zu allem fähig. Er biß zu hastig in das Nougat, und es setzte sich an seiner Platte fest. Während er mit dem Finger daran stocherte, blickte er zu Fleur hinüber. Sie kaute träumerisch, aber ihre Augen ruhten auf dem Jungen. Der Forsyte in ihm sagte: »Denke, fühle, und es ist vorbei mit dir!« Und er gebrauchte verzweifelt seinen Finger. Eine Platte! Hatte Jolyon eine Platte? Hatte die Frau dort eine? Es hatte eine Zeit gegeben, wo er gesehen hatte, daß sie keine trug! Das wenigstens war etwas, das ihm nie genommen werden konnte. Und sie wußte es, wenn sie auch ruhig und beherrscht dort saß, als wäre sie nie sein Weib gewesen. Ein herbes Gefühl regte sich in seinem Forsyteblut, ein leiser Schmerz, der sich nur um Haaresbreite von Freude unterschied. Wenn nur June nicht plötzlich ihre Pfeile abschoß. Der Junge sprach mit ihnen.
»Natürlich, Tante June –«, so nannte er seine Halbschwester wirklich »Tante«? – allerdings, sie mußte wohl nächstens fünfzig sein! –, »es ist riesig gut von dir, sie zu ermutigen. Nur – zum Kuckuck!« Soames blickte verstohlen hin. Irenens erschreckter Blick weilte aufmerksam auf ihrem Jungen. Sie – sie hatte soviel Zärtlichkeit für – Bosinney –, für den Vater dieses Knaben – für diesen Knaben! Er berührte Fleurs Arm und sagte:
»Nun, hast du genug?«
»Noch eins, bitte, Vater.«
Es würde sie krank machen! Er ging an den Ladentisch, um zu zahlen. Als er sich wieder umdrehte, sah er Fleur nahe an der Tür stehen und ein Taschentuch halten, das der junge Mann ihr offenbar eben übergeben hatte.
»F. F.«, hörte er sie sagen. »Fleur Forsyte – es ist das meine. Danke vielmals.«
Guter Gott! Sie hatte den Trick versucht, von dem er ihr in der Galerie erzählt hatte – Affe!
»Forsyte? Aber – das ist ja auch mein Name. Vielleicht sind wir Verwandte.«
»Wirklich! Das sind wir gewiß. Es gibt keine andern. Ich wohne in Mapledurham, und Sie?«
»In Robin Hill.«
Frage und Antwort waren einander so rasch gefolgt, daß alles vorüber war, bevor er einen Finger rühren konnte. Er sah Irenens Gesicht sich erschreckt beleben, neigte unmerklich den Kopf und schob seinen Arm unter den Fleurs.
»Komm!« sagte er.
Sie regte sich nicht.
»Hörtest du nicht, Vater? Ist es nicht sonderbar – unser Name ist der gleiche. Sind wir verwandt?«
»Was sagst du?« erwiderte er. »Forsyte? Entfernt vielleicht.«
»Mein Name ist Jolyon, Sir. Jon abgekürzt.«
»Ah! Soso!« sagte Soames. »Ja. Entfernt. Sehr freundlich von Ihnen. Leben Sie wohl!«
Er ging weiter.
»Ich danke vielmals«, sagte Fleur. » Au revoir!«
» Au revoir!« hörte er den jungen Mann erwidern.
Zweites Kapitel: Fine Fleur Forsyte
Als sie aus der Konditorei traten, war Soames' erster Impuls, sich Luft zu machen und zu seiner Tochter zu sagen: »Wie konntest du nur das Taschentuch fallen lassen!«, worauf ihre Antwort wohl sein würde: »Das habe ich dir nachgemacht!« Sein zweiter Impuls war daher, schlafende Hunde nicht zu wecken. Aber sie würde ihn sicherlich ausfragen. Er warf von der Seite einen Blick auf sie und merkte, daß sie ihn ebenso ansah. Sie sagte sanft:
»Weshalb magst du diese Verwandten nicht, Vater?«
Soames zog die Mundwinkel hoch.
»Wie kommst du darauf?«
» Cela se voit!«
»Das sieht man!« Welch eine Art, sich auszudrücken!
Nach zwanzigjähriger Ehe mit einer Französin hatte Soames noch wenig Sympathie für ihre Sprache; er fand sie theatralisch und seinem Gefühl nach mit allen Finessen geheimen Spottes verbunden.
»Wie?« fragte er.
»Du mußt sie doch kennen, und du ließest dir nichts anmerken; ich sah doch, wie sie dich anschauten.«
»Ich habe den jungen Mann nie im Leben gesehen«, erwiderte Soames wahrheitsgemäß.
»Nein, aber du hast die andern gesehen, mein Lieber.«
Soames warf abermals einen Blick auf sie. Was hatte sie aufgeschnappt? Hatten Tante Winifred oder Imogen oder Val Dartie und seine Frau ihr etwas gesagt? Jede Andeutung des alten Skandals war zu Haus sorgfältig vor ihr vermieden worden, und er hatte Winifred oftmals gewarnt und ihr gesagt, daß er ihr nicht um die Welt etwas davon zu Ohren kommen lassen wolle. Für sie war er nie vorher verheiratet gewesen. Aber ihre dunkeln Augen, deren südlicher Glanz und Klarheit ihn oft erschreckten, blickten mit vollkommener Unschuld auf ihn.
»Ja«, sagte er, »dein Großvater und sein Bruder hatten einen Streit. Die beiden Familien kennen einander nicht.«
»Wie romantisch!«
»Was denkt sie sich wohl dabei?« dachte er. Das Wort schien ihm extravagant und gefährlich – es war, als hätte sie gesagt: »Wie drollig!«
»Und sie werden sich weiter nicht kennen«, fügte er hinzu, bereute aber augenblicklich die Herausforderung in den Worten. Fleur lächelte. In diesem Alter, wo junge Leute sich damit brüsten, ihre eigenen Wege zu gehen und auf keinerlei Vorurteil zu achten, waren seine Worte gerade dazu angetan, ihren Eigenwillen zu wecken. Dann, als er sich des Ausdrucks in Irenens Gesicht erinnerte, atmete er wieder auf.
»Was für einen Streit?« hörte er Fleur sagen.
»Eines Hauses wegen. Es ist eine alte Geschichte. Dein Großvater starb an dem Tage, wo du geboren wurdest. Er war neunzig.«
»Neunzig? Gibt es viele Forsytes außer denen in dem Roten Buch?«
»Ich weiß nicht«, sagte Soames. »Sie sind jetzt alle zerstreut. Die Alten, außer Timothy, sind tot.«
Fleur schlug die Hände zusammen.
»Timothy! Ist das nicht köstlich?«
»Durchaus nicht«, sagte Soames. Es kränkte ihn, daß sie »Timothy« köstlich fand – es war wie eine Beleidigung seiner Familie. Diese neue Generation verspottete alles Solide und Ausdauernde. »Gehe hin und besuche den alten Knaben. Er könnte prophezeien wollen.« Ah! Wenn Timothy das unruhige England seiner Großneffen und Großnichten sehen könnte, würde er sicherlich schelten. Und unwillkürlich blickte er zum Iseeum hinauf; ja – George saß noch am Fenster, mit demselben Rennprogramm in der Hand.
»Wo ist Robin Hill, Vater?«
Robin Hill! Robin Hill, der Mittelpunkt der ganzen Tragödie! Weshalb wollte sie das wissen?
»In Surrey«, murmelte er, »nicht weit von Richmond. Warum?«
»Ist das Haus dort?«
»Welches Haus?«
»Um das sie sich stritten.«
»Ja. Aber was hat das alles mit dir zu tun? Wir fahren morgen nach Haus – du solltest lieber an deine Kleider denken.«
»Du lieber Himmel! Das ist alles bedacht. Eine Familienfehde? Es ist wie in der Bibel oder bei Mark Twain – furchtbar spannend. Welche Rolle spieltest du bei der Fehde, Vater?«
»Was kümmert das dich?«
»Oh! Aber wenn ich sie doch wieder aufnehmen soll?«
»Wer sagt, daß du sie wieder aufnehmen sollst?«
»Du, mein Lieber.«
»Ich? Ich sagte, es habe nichts mit dir zu tun.«
»Genau, was ich denke, weißt du; dann ist alles in Ordnung.«
Sie war zu spitzfindig für ihn; fine, wie Annette sie zuweilen nannte.
Es war nichts zu machen, als ihre Aufmerksamkeit davon abzulenken.
»Da drinnen ist ein Stück echter Spitze«, sagte er und blieb vor einem Laden stehen, »ich dachte, sie würde dir gefallen.«
Als er sie bezahlt hatte und sie weitergingen, sagte Fleur:
»Findest du nicht, daß die Mutter des jungen Mannes die schönste Frau ihres Alters ist, die du je gesehen?«
Soames schauerte zusammen. Unnatürlich, wie sie daran festhielt!
»Ich achtete nicht darauf.«
»Ich sah doch deinen verstohlenen Blick auf sie.«
»Du siehst alles – und ein groß Teil mehr, scheint mir!«
»Wie ist ihr Mann? Er muß dein rechter Vetter sein, wenn eure Väter Brüder waren.«
»Tot, soviel ich weiß«, sagte Soames mit plötzlicher Heftigkeit. »Ich habe ihn seit zwanzig Jahren nicht gesehen.«
»Was war er?«
»Maler.«
»Das ist aber drollig!«
Die Worte: »Wenn du mir einen Gefallen tun willst, schlage dir die Leute aus dem Sinn«, kamen Soames auf die Zunge, aber er unterdrückte sie – er durfte sie seine Gefühle nicht sehen lassen.
»Er beleidigte mich einst«, sagte er.
Ihre raschen Blicke ruhten auf seinem Gesicht.
»Ich verstehe! Du rächtest dich nicht, und nun brennt es noch. Armer Vater! Du mußt es mir überlassen!«
Es war wirklich, wie wenn man im Dunkeln lag und ein Moskito über einem hin und her schwirrte. Solch eine Hartnäckigkeit bei Fleur war ihm neu, und als sie das Hotel erreichten, sagte er grimmig:
»Ich tat, was ich konnte. Und nun ist's genug über diese Leute. Ich gehe bis zum Essen hinauf.«
»Ich bleibe hier.«
Mit einem Abschiedsblick auf sie, die ausgestreckt in einem Stuhl lag – einem Blick, halb grollend, halb liebevoll –, stieg Soames in den Fahrstuhl und ließ sich zu ihren Zimmern im vierten Stock befördern. Er stand am Fenster des Wohnzimmers, das eine Aussicht auf den Hydepark hatte, und trommelte mit einem Finger auf die Scheiben. Seine Gefühle waren wirr, absonderlich unruhig. Das Pochen in der alten Wunde, die mit der Zeit, wo neue Interessen kamen, vernarbt war, mischte sich mit Verdruß, mit Besorgnis und einem leisen Schmerz in der Brust, denn das Nougatzeug war ihm nicht bekommen. Ob Annette zu Haus war? Nicht, daß sie ihm irgendeine Hilfe in solcher schwierigen Lage war. Jedesmal, wenn sie ihn nach seiner ersten Ehe gefragt, war er darüber hinweggegangen; sie wußte nichts davon, außer daß es die große Leidenschaft seines Lebens gewesen und seine Heirat mit ihr nur ein Notbehelf. Sie hatte den Groll darüber nie verwinden können und nutzte ihn praktisch aus. Er horchte. Ein Ton – das vage Geräusch der Bewegungen einer Frau – kam durch die Tür. Sie war zu Haus. Er klopfte.
»Wer ist da?«
»Ich«, sagte Soames.
Sie hatte die Kleider gewechselt und war noch nicht völlig angekleidet; eine fesselnde Gestalt vor dem Spiegel. Es war etwas Herrliches um ihre Arme, ihre Schultern und ihr Haar, das dunkler geworden war, seit er sie zuerst kennengelernt, um die Haltung ihres Halses, das Seidige ihrer Gewänder, ihre dunkel bewimperten graublauen Augen – sie war mit vierzig wirklich so hübsch, wie sie immer gewesen. Ein schöner Besitz, eine vorzügliche Hausfrau, eine vernünftige und leidlich liebevolle Mutter. Wenn sie nur nicht immer so offen zynisch über die Beziehungen zwischen ihnen gesprochen hätte! Soames, der nicht mehr wirkliche Liebe für sie empfand als sie für ihn, litt als Engländer unter einem nagenden Kummer darüber, daß sie ihr Verhältnis zueinander nie durch den dünnsten Schleier eines Gefühls verhüllte. Wie die meisten seiner Landsleute und Landsmänninnen war er der Ansicht, daß Ehe auf gegenseitige Liebe gegründet sein müsse, wenn aber die Liebe in einer Ehe verschwunden war, oder man fand, daß sie nie wirklich bestanden hatte – die Ehe also nachweislich nicht auf Liebe gegründet war –, man es nicht eingestehen dürfe. So stand es um sie, denn die Liebe fehlte – aber man war nun einmal da und mußte fortfahren zu leben! Auf diese Weise ging es, und man wurde nicht durch Zynismus, Realismus und Sittenlosigkeit gehemmt wie die Franzosen. Außerdem war es des Vermögens wegen notwendig. Er wußte, daß sie wußte, daß sie beide wußten, daß keine Liebe zwischen ihnen bestand, aber er erwartete von ihr, dies weder in Worten noch Handlungen zuzugeben, und konnte nie begreifen, was sie meinte, wenn sie von der Heuchelei der Engländer sprach.
»Wen hast du für die nächste Woche nach ›Haus Zuflucht‹ eingeladen?« fragte er.
Annette fuhr fort, ihre Lippen sorgfältig mit Salbe zu betupfen – er wünschte immer, daß sie es nicht tue.
»Deine Schwester Winifred und Car–r–r–digans«, sie nahm einen winzigen schwarzen Stift – »und Prosper Profond.«
»Den Belgier? Weshalb den?«
Annette wandte sich lässig um, strich über ein Augenlid und sagte:
»Er amüsiert Winifred.«
»Ich möchte jemand, der Fleur amüsiert; sie ist so reizbar.«
»R–r–r–eizbar?« wiederholte Annette. »Ist es das erstemal, daß du das siehst, mein Lieber? Sie ist von Geburt an r–r–r–eizbar, wie du es nennst.«
Würde dies affektierte Rollen ihrer »r« nie aufhören?
Er berührte das Kleid, das sie abgelegt hatte, und fragte:
»Was hast du unternommen?«
Annette sah ihn im Spiegel an. Ihre noch glänzend vollen Lippen lächelten ironisch.
»Mich amüsiert«, sagte sie.
»Aha!« erwiderte Soames mürrisch. »Weiberkram vermutlich.«
Es war sein Wort für all das unbegreifliche Rennen in die Läden, für das Frauen so schwärmen. »Hat Fleur schon ihre Sommerkleider?«
»Du fragst nicht, ob ich meine habe.«
»Dir liegt doch nichts daran, ob ich es tue oder nicht.«
»Ganz recht; nun, sie hat sie; und ich habe meine – furchtbar teuer.«
»Hm!« sagte Soames. »Was tut dieser Profond in England?«
Annette zog die Brauen hoch, mit denen sie gerade fertig war. »Er segelt mit seiner Jacht.«
»Ah!« sagte Soames; »er ist ein schläfriger Geselle.«
»Zuweilen«, erwiderte Annette, und ihr Gesicht hatte einen Ausdruck von stiller Heiterkeit. »Zuweilen aber sehr amüsant.«
»Er hat so etwas von einem Mischling an sich.«
Annette reckte sich.
»Mischling?« sagte sie. »Was meinst du damit? Seine Mutter war eine Armenierin.«
»Dann ist es das«, murmelte Soames. »Versteht er etwas von Bildern?«
»Er versteht von allem etwas – ein Mann von Welt.«
»Gut, also besorge jemand für Fleur. Ich möchte sie zerstreuen. Sie geht am Samstag zu Val Dartie und seiner Frau; ich mag das nicht.«
»Weshalb nicht?«
Da der Grund nicht zu erklären war, ohne die Familiengeschichte zu berühren, erwiderte Soames nur:
»Dies Umherschwärmen. Es nimmt zu sehr überhand.«
»Mir gefällt die kleine Mrs. Val; sie ist sehr still und klug.«
»Ich weiß nichts von ihr, außer – das hier ist neu.« Und Soames nahm ein Gewand vom Bett auf.
Annette nahm es ihm ab.
»Willst du es mir zuhaken?« sagte sie.
Soames hakte es zu. Als er einmal, über ihre Schulter hinweg, in den Spiegel blickte, sah er den ein wenig amüsierten, ein wenig verächtlichen Ausdruck in ihrem Gesicht, der zu sagen schien: »Danke! Du wirst es nie lernen!« Nein, Gott sei Dank war er kein Franzose! Er endigte mit einem Ruck und den Worten: »Es ist zu tief ausgeschnitten.« Dann ging er, in dem Wunsch, von ihr fortzukommen und wieder zu Fleur hinunterzugehen, zur Tür.
Annette stand mit der Puderquaste da und sagte mit erschreckender Plötzlichkeit:
» Que tu es grossier!«
Er kannte den Ausdruck – er hatte Grund dazu. Das erstemal, wo sie ihn gebraucht, hatte er geglaubt, es bedeute »Was für ein Krämer du bist«, und hatte nicht gewußt, ob er sich erleichtert fühlen sollte oder nicht, als er besser unterrichtet war. Ihn ärgerte dies Wort – er war nicht unzart! War er unzart, was war dann erst der Kerl im Zimmer nebenan, der sich jeden Morgen so entsetzlich räusperte, oder jene Leute im Empfangszimmer, die es für gesittet hielten, ihre Konversation so laut zu führen, daß die ganze Welt sie hören mußte – fade Schwätzer! War es unzart zu sagen, daß ihr Kleid zu tief ausgeschnitten sei? Das war es doch! Er ging ohne Erwiderung hinaus.
Als er in die Halle trat, sah er sogleich Fleur, wo er sie verlassen hatte. Sie hatte ein Knie über das andere geschlagen und wippte langsam mit einem Fuß, in Seidenstrumpf und grauem Schuh, ein sicheres Zeichen, daß sie verträumt war. Auch ihre Augen verrieten es – sie blickten mitunter so. Und dann in einem Augenblick konnte sie wieder ganz lebhaft werden und so ruhelos und behende wie ein kleiner Affe. Und sie wußte so viel, war so selbstsicher und doch noch nicht neunzehn. Wie nannte man doch diese modernen jungen Mädchen? Diese schrecklichen Dinger – quietschend und kreischend, die ihre Beine zeigten! Die schlimmsten von ihnen böse Träume, die besten gepuderte Engel! Fleur war kein solch schreckliches Ding, nicht eines jener geschwätzigen, schlecht erzogenen Frauenzimmer. Und doch war sie erschreckend eigenwillig, voller Leben und entschlossen, es zu genießen. Genießen! Das Wort erregte keinen puritanischen Schauder in ihm, aber es erregte einen Schauder, der seinem Temperament angemessen war. Er hatte sich immer gefürchtet, das Heute zu genießen, weil er Angst hatte, das Morgen dann nicht genießen zu können. Und es war beängstigend zu fühlen, daß seine Tochter dieses innern Halts beraubt war. Schon die Art allein, wie sie in Träumen verloren dort saß, war ein Beweis dafür. Er selbst war nie in einen Traum verloren gewesen – es brachte nichts ein; und woher sie das hatte, wußte er nicht! Sicher nicht von Annette! Und doch hatte Annette als junges Mädchen, damals, als er sich um sie bewarb, zuweilen etwas Schmelzendes in ihrem Blick gehabt. Jetzt natürlich hatte sich das verloren!
Rasch, unstet erhob Fleur sich und stürzte an einen Schreibtisch. Sie ergriff Feder und Papier und begann zu schreiben, als hätte sie nicht Zeit zu atmen, bevor der Brief fertig war. Und plötzlich sah sie ihn. Die Miene leidenschaftlicher Vertieftheit schwand, sie lächelte, warf ihm eine Kußhand zu und machte ein Gesicht, als wäre sie ein wenig verlegen und ein wenig gelangweilt.
Ach! Sie war » fine« – » fine«!
Drittes Kapitel: In Robin Hill
Jolyon Forsyte hatte in Robin Hill den neunzehnten Geburtstag seines Jungen verlebt, war aber dabei ruhig seiner Beschäftigung nachgegangen. Er tat jetzt alles sehr ruhig, weil sein Herz angegriffen war und ihm, wie seiner ganzen Familie, der Gedanke an den Tod zuwider war. Er hatte sich nie klargemacht wie sehr, bis er eines Tages vor zwei Jahren gewisser Symptome wegen zum Arzt gegangen war und erfahren hatte:
»Jeden Augenblick, bei jeder Überanstrengung!«
Er hatte es mit einem Lächeln aufgenommen – bei einem Forsyte die natürliche Rückwirkung einer unangenehmen Wahrheit gegenüber. Allein, als die Symptome sich im Zuge auf dem Heimweg verschlimmerten, war er zu voller Klarheit über den Urteilsspruch gekommen, der über ihm schwebte. Irene verlassen, seinen Jungen, sein Haus, seine Arbeit – wenn er jetzt auch wenig genug arbeitete! Sie um eines unbekannten Dunkels willen verlassen, um eines so undenkbaren Zustands, eines solchen Nichts willen, daß er nicht einmal etwas von dem Wind wissen würde, der die Blätter über seinem Grab bewegte, noch den Geruch von Gras und Erde. Um solchen Nichts willen, das er nie würde begreifen können, mochte er auch noch so sehr versuchen, es zu tun. Daher durfte er die Hoffnung nicht aufgeben, sie, die er liebte, einst wiederzusehen! Sich dies vorzustellen, war eine stechende innere Qual. Bevor er an jenem Tage zu Hause anlangte, hatte er beschlossen, es Irene zu verschweigen.
Er würde vorsichtiger sein müssen, als je ein Mann gewesen, denn die geringste Kleinigkeit konnte es verraten und sie – beinah ebenso unglücklich machen wie ihn selbst. Sein Arzt hatte ihn in anderer Hinsicht für gesund erklärt, und siebzig Jahre waren kein Alter – er würde noch lange standhalten, wenn er konnte!
Dieser Beschluß, den er vor nahezu zwei Jahren gefaßt, entwickelte in vollem Maße die zartere Seite seines Charakters. Von Natur nicht aufbrausend, außer wenn er sich in nervöser Erregung befand, war er die verkörperte Selbstbeherrschung geworden. Die traurige Geduld alter Leute, die zum Müßiggang verurteilt sind, war durch ein Lächeln verhüllt, das sogar, wenn er allein war, auf seinen Lippen blieb. Und er ersann fortgesetzt allerlei Vorwände, um den erzwungenen Müßiggang zu verbergen.
Obwohl er sich selbst deswegen verspottete, heuchelte er eine Bekehrung zu einfacherem Leben, gab Wein und Zigarren auf und trank eine besondere Art von Kaffee ohne Kaffee darin. Kurz, er sicherte sich, wie ein Forsyte in seiner Lage es mit Hilfe seiner milden Ironie vermochte. Sicher vor Entdeckung, da seine Frau und sein Sohn in die Stadt gefahren waren, hatte er den schönen Maitag damit zugebracht, in Ruhe seine Papiere zu ordnen, damit er morgen sterben könnte, ohne irgend jemand zu belästigen, und somit seinem irdischen Sein tatsächlich den letzten Stempel aufzudrücken. Nachdem er sie in seines Vaters chinesischem Schrank verstaut und eingeschlossen hatte, legte er den Schlüssel in ein Kuvert, schrieb außen darauf die Worte: »Schlüssel zum chinesischen Schrank, worin die genaue Aufstellung meines Vermögens zu finden ist. J.F.« und steckte es in seine Brusttasche, um es für den Fall, daß ihm etwas zustoßen sollte, immer bei sich zu haben. Dann klingelte er nach Tee und ging hinaus, um ihn unter der Eiche einzunehmen.
Allen Menschen droht der Tod, und Jolyon, dem er nur ein wenig deutlicher und ernster drohte, hatte sich so daran gewöhnt, daß er, wie andere Leute, meist an andere Dinge dachte. Jetzt dachte er an seinen Sohn.
Jon war an diesem Tage neunzehn Jahre alt und hatte kürzlich einen Entschluß gefaßt. Er war weder in Eton erzogen worden wie sein Vater, noch in Harrow, wie sein verstorbener Halbbruder, sondern in einer der Anstalten, die bestimmt waren, das Schlechte des öffentlichen Schulsystems zu vermeiden und das Gute darin zu pflegen, aber vielleicht das Schlimme pflegten und das Gute vermieden. Jon hatte die Schule im April verlassen, ohne die geringste Ahnung zu haben, was er eigentlich werden wolle. Der Krieg, der ewig zu dauern versprach, war gerade zu Ende, als er im Begriff war, sechs Monate vor seiner Zeit ins Heer einzutreten. Seitdem hatte er sich allmählich an den Gedanken zu gewöhnen gehabt, daß es ihm jetzt freistand, selbst eine Wahl für sich zu treffen. Er hatte mit seinem Vater verschiedentliche Diskussionen gehabt, und als er munter erklärte, daß er zu allem bereit sei – ausgenommen natürlich Kirche, Heer, Rechtswissenschaft, Bühne, Medizin, Börse, Geschäft und die Technik –, war Jolyon ziemlich im klaren darüber, daß Jon eigentlich zu nichts Lust hatte. Er selbst hatte in dem Alter genau so gefühlt. Bei ihm hatte eine frühe Heirat und deren unglückliche Folgen dieser angenehmen Leere bald ein Ende gemacht. Ihn hatte die Not gezwungen, als Agent bei Lloyds einzutreten, und er war wieder zu Wohlstand gekommen, bevor sein künstlerisches Talent sich entpuppt hatte. Doch nachdem er seinen Jungen »gelernt« hatte, wie einfache Leute es nennen, Schweine und andere Tiere zu zeichnen, wußte er, daß Jon niemals Maler werden würde, und schloß aus seiner Abneigung gegen alles sonst, daß er wohl dazu bestimmt war, Schriftsteller zu werden. Da seiner Ansicht nach jedoch selbst für diesen Beruf Erfahrung notwendig war, fand Jolyon, daß für Jon nichts anderes übrigblieb als die Universität, Reisen und vielleicht das Studium der Rechte. Danach würde man sehen, oder vielmehr wahrscheinlich nicht sehen. Indessen war Jon diesen Anregungen gegenüber unentschieden geblieben. Solche Auseinandersetzungen mit seinem Sohn hatten Jolyon in dem Zweifel daran bestärkt, daß die Welt sich wirklich verändert hatte. Die Leute sagten, es sei ein neues Zeitalter. Aber mit seinem Scharfblick erkannte Jolyon, daß die Zeit unter einer leichten Veränderung der Oberfläche genau dieselbe war, die sie gewesen. Die Menschheit war noch in zwei Arten geteilt: die wenigen, die Phantasie hatten, und die vielen, die sie nicht hatten, mit einem Gürtel von Bastardwesen, wie er, in der Mitte. Jon schien Phantasie zu besitzen; sein Vater betrachtete das als schlechte Aussicht.
Mit einem tieferen Gefühl, als sein gewohntes Lächeln erkennen ließ, hatte er den Jungen daher vor vierzehn Tagen sagen hören: »Ich möchte es gern mit der Landwirtschaft versuchen, Papa, wenn es nicht zuviel kostet. Es scheint die einzige Art von Leben zu sein, die niemand schadet, ausgenommen die Kunst, und davon kann bei mir keine Rede sein.«
Jolyon hatte sein Lächeln unterdrückt und geantwortet:
»Gut, du sollst dahin zurückkehren, wo wir im Jahre 1760 unter dem ersten Jolyon waren. Es wird die Theorie des Kreises beweisen, und wenn der Zufall es will, wirst du vielleicht bessere Rüben ziehen, als er es getan.«
Ein wenig verdutzt hatte Jon erwidert:
»Aber hältst du es nicht für einen guten Plan, Papa?«
»Er ist nicht schlecht, mein Lieber, und wenn du dich wirklich dafür entscheidest, wirst du mehr Gutes tun als die meisten Menschen, was wenig genug ist.«
Zu sich selbst jedoch hatte er gesagt: »Aber er wird sich nicht dafür entscheiden. Ich gebe ihm vier Jahre. Schließlich ist es gesund und harmlos.«
Nachdem er die Sache nach allen Seiten hin überlegt und sich mit Irene beraten hatte, schrieb er an seine Tochter, Mrs. Val Dartie, und fragte sie, ob sie einen Landwirt in ihrer Nähe wüßten, der Jon als Eleven annehmen würde. Hollys Antwort war enthusiastisch. Sie wüßten einen vortrefflichen Mann ganz nahe bei ihnen, sie und Val wären glücklich, mit Jon leben zu können.
Der Junge sollte morgen fort.
Jolyon schlürfte seinen schwachen Tee mit Zitrone und betrachtete durch die Blätter der alten Eiche die Aussicht, die ihm zweiunddreißig Jahre so lieb gewesen. Der Baum, unter dem er saß, schien nicht einen Tag älter. So jung die kleinen, bräunlichen goldenen Blätter, so alt das weißliche Grüngrau des dicken rauhen Stammes. Ein Baum der Erinnerungen, der noch Hunderte von Jahren leben würde, wenn nicht irgendein Barbar ihn fällte. – Er erinnerte sich einer Nacht vor drei Jahren, als er, den Arm fest um Irene geschlungen, aus dem Fenster gesehen und ein deutsches Flugzeug beobachtet hatte, das gerade über dem alten Baum zu schweben schien. Am nächsten Tage hatten sie auf dem Felde des Nachbargutes ein Bombenloch gefunden. Das war, bevor er wußte, daß er zum Tode verurteilt war. Er wünschte beinah, daß die Bombe ihn getötet hätte. Es hätte ihm viel Ungewißheit erspart, viele Stunden kalter Furcht im Herzen. Er hatte damit gerechnet, bis zu dem normalen Forsytealter von fünfundachtzig oder mehr zu leben, wo Irene siebzig sein würde. Sie würde ihn wohl vermissen. Allein sie hatte ja Jon, der wichtiger für ihr Leben als er war. Jon, der seine Mutter anbetete.
Unter diesem Baum, wo der alte Jolyon, während er Irene erwartete, sein Leben ausgehaucht hatte, überlegte Jolyon, ob er, wo er alles so vollkommen in Ordnung gebracht, jetzt nicht lieber auch die Augen schließen und von ihnen gehen sollte. Es lag etwas Unwürdiges darin, so parasitenhaft an dem zwecklosen Ende eines Lebens zu hängen, in dem er nur zweierlei bedauerte – die lange Trennung zwischen seinem Vater und ihm, als er jung war, und daß er so spät zu der Verbindung mit Irene gekommen war.
Von seinem Platz aus konnte er eine Gruppe blühender Apfelbäume sehen. Nichts in der Natur bewegte ihn so, wie Obstbäume in der Blüte; und sein Herz tat ihm plötzlich weh, weil er sie vielleicht nie wieder blühen sehen würde. Frühling! Wahrlich, niemand sollte sterben müssen, solang das Herz noch jung genug war, Schönheit zu lieben! Amseln sangen sorglos in den Büschen, die Schwalben flogen hoch, die Blätter über ihm glänzten; und über den Feldern brannte in der Sonne junges Laubwerk jeder Schattierung, bis zu dem fernen Blau des »Rauchbusches«, das sich am Horizonte hinzog. Irenens Blumen, auf ihren schmalen Beeten, wirkten an diesem Abend erstaunlich individuell, fast wie eine Verheißung heiterer Lebenslust. Nur chinesische und japanische Maler, und vielleicht Leonardo, hatten jenes kleine erstaunliche Ego in jede gemalte Blume, jeden Vogel und jedes Tier zu bringen gewußt – das Ego und doch dabei das Eigentümliche der Art, das Leben in seiner Gesamtheit. Sie hatten es verstanden! »Ich habe nichts gemacht, das bleiben wird!« dachte Jolyon; »ich war ein Dilettant – ein bloßer Liebhaber, kein Schöpfer. Schließlich aber hinterlasse ich doch Jon, wenn ich gehe.« Welch ein Glück, daß der Junge nicht dem grausigen Krieg zum Opfer fiel! Er hätte so leicht getötet werden können wie der arme Jolly vor zwanzig Jahren, draußen in Transvaal. Jon würde dereinst etwas zuwege bringen – wenn die Zeit ihn nicht verdarb – er war ein phantasievoller Bursche! Sein Einfall, es mit der Landwirtschaft zu versuchen, war nur Gefühlssache bei ihm und würde wohl nicht von Dauer sein. Und gerade jetzt sah er sie über das Feld heraufkommen: Irene und der Junge kamen Arm in Arm vom Bahnhof. Er stand auf und schlenderte durch den neuen Rosengarten, um ihnen entgegenzugehen ...
An diesem Abend kam Irene in sein Zimmer und setzte sich ans Fenster. Sie saß dort ohne zu sprechen, bis er sagte:
»Was ist dir, meine Liebe?«
»Wir hatten heute eine Begegnung.«
»Mit wem?«
»Soames.«
Soames! Seit zwei Jahren hatte er vermieden, an diesen Namen zu denken, denn er wußte, daß es ihm schaden könnte. Und jetzt brachte das Pochen seines Herzens ihn beinah aus der Fassung, als drohe es, ihm die Brust zu sprengen.
Irene fuhr ruhig fort:
»Er und seine Tochter waren in der Galerie, und nachher in der Konditorei, wo wir Tee tranken.«
Jolyon ging zu ihr und legte die Hand auf ihre Schulter.
»Wie sah er aus?«
»Grau; sonst aber ganz der alte.«
»Und die Tochter?«
»Hübsch. Wenigstens fand Jon es.«
Jolyons Herz fing wieder an zu pochen. Das Antlitz seiner Frau hatte einen gespannten, bestürzten Ausdruck.
»Du hast nicht –?« begann er.
»Nein; aber Jon kennt ihren Namen. Das Mädchen ließ das Taschentuch fallen, und Jon hob es auf.«
Jolyon setzte sich auf sein Bett. Ein böser Zufall!
»June war mit dir. Hat sie sich eingemischt?«
»Nein; aber es war alles sehr sonderbar und gezwungen, und Jon konnte sehen, daß es so war.«
Jolyon holte tief Atem und sagte:
»Ich habe mich oft gefragt, ob es recht war, daß wir es ihm verschwiegen. Er wird eines Tages doch dahinterkommen.«
»Je später, desto bester, Jolyon; die Jugend hat ein so schnelles, hartes Urteil. Was hättest du mit neunzehn Jahren von deiner Mutter gedacht, wenn sie getan hätte, was ich getan?«
Ja! Das war es! Jon verehrte seine Mutter und wußte nichts von den Tragödien, den unerbittlichen Notwendigkeiten des Lebens, nichts von dem geheimen Kummer einer unglücklichen Ehe, nichts von Eifersucht oder Leidenschaft – wußte von alledem noch nichts!
»Was hast du ihm gesagt?« fragte er schließlich.
»Daß es Verwandte seien, wir sie aber nicht kennten; daß du dir nie viel aus deiner Familie gemacht hättest und sie sich nichts aus dir. Ich vermute, daß er dich danach fragen wird.«
Jolyon lächelte. »Das verspricht die Stelle der Luftangriffe einzunehmen«, sagte er. »Schließlich vermißt man sie.«
Irene blickte zu ihm auf.
»Wir haben gewußt, daß es eines Tages kommen würde.«
Er antwortete mit plötzlicher Energie:
»Ich könnte es nicht ertragen, dich von Jon getadelt zu sehen. Er wird es nicht tun, nicht einmal in Gedanken. Er hat Phantasie und wird es verstehen, wenn es ihm richtig erklärt wird. Ich glaube, ich täte besser, es ihm zu sagen, bevor er es von andern erfährt.«
»Noch nicht, Jolyon.«
Das sah ihr ähnlich – sie hatte keine Voraussicht und ging allem Kummer aus dem Wege. Doch – wer konnte wissen? – sie hatte vielleicht recht. Es war eine böse Sache, dem Instinkt einer Mutter zuwider zu handeln. Vielleicht wäre es richtig, den Jungen in Ruhe zu lassen, bis er an der Erfahrung einen Prüfstein hatte, nach dem er den Wert der alten Tragödie beurteilen konnte; bis Liebe, Eifersucht, Sehnsucht sein Mitempfinden vertieft hatten. Aber einerlei, man mußte vorsichtig sein – so vorsichtig wie möglich! Und lange, nachdem Irene ihn verlassen hatte, hielten die Gedanken über diese Vorsichtsmaßregeln ihn wach. Er mußte an Holly schreiben, ihr sagen, daß Jon noch nichts von den Familiengeschichten wußte. Holly war verschwiegen, sie würde sich ihres Mannes versichern, würde achtgeben! Jon konnte den Brief mitnehmen, wenn er morgen hinfuhr.
Und so verklang der Tag, an dem Jolyon die letzten Verfügungen über seinen materiellen Besitz getroffen, mit dem Läuten der Stallglocke, und es begann ein anderer für ihn im Schatten seelischer Bedrängnis, die nicht so abzutun und zu glätten war ...
Aber Jon, dessen Zimmer einst seine Kinderstube gewesen war, lag ebenfalls wach da als Beute eines Gefühls, über das die Menschen immer disputierten, die niemals »Liebe auf den ersten Blick« gekannt. Er hatte sie bei dem Leuchten der dunkeln Augen kommen gefühlt, die über die Juno hinweg in die seinen schauten – er war überzeugt davon, daß dies sein »Traum« war, so daß, was folgte, ihm natürlich und wunderbar zugleich erschienen war. Fleur! Ihr Name allein schon genügte beinah für ihn, der so empfänglich für den Reiz der Worte war. In einem homöopathischen Zeitalter, wo Knaben und Mädchen zusammen erzogen wurden und sich früh vermischten, bis das Geschlecht beinah aufgehoben schien, war Jon sonderbar altmodisch geblieben. Seine moderne Schule nahm nur Knaben auf, und seine Ferien hatte er immer in Robin Hill mit Schulkameraden oder den Eltern allein verlebt. Ihm war das Gift gegen die Keime der Liebe daher nie in kleinen Dosen eingeimpft worden. Und jetzt in der Dunkelheit stieg seine Temperatur sehr schnell. Er lag wach, Fleurs Bild vor Augen, und rief sich ihre Worte, namentlich das » Au revoir!« zurück, das so sanft und heiter geklungen hatte.
Er war noch in der Morgendämmerung so völlig wach, daß er aufstand und in Tennisschuhen, Beinkleidern und einem Sweater leise die Treppe hinunter und durch das Fenster des Lesezimmers hinausschlüpfte. Es wurde eben hell, und es roch nach Gras. »Fleur!« dachte er, »Fleur!« Es war geheimnisvoll weiß draußen, und nichts war wach als die Vögel, die gerade zu zwitschern begannen. »Ich will ins Wäldchen hinuntergehen«, dachte er. Er lief durch die Felder, erreichte den Teich gerade, als die Sonne aufging, und ging weiter in das Wäldchen hinein. Blaue Glockenblumen bedeckten den Boden wie einen Teppich, unter den Lärchenbäumen wisperte es geheimnisvoll – die Luft hatte gleichsam etwas Romantisches. Jon atmete die Frische ein und staunte die blauen Glockenblumen in dem heller werdenden Lichte an. Fleur! Ein Gedicht wie sie! Und sie wohnte in Mapledurham – auch ein hübscher Name, irgendwo am Fluß. Er konnte es gleich im Atlas auffinden. Er wollte an sie schreiben. Aber würde sie antworten? Oh! Sie mußte. Sie hatte gesagt: » Au revoir!« Nicht: »Leben Sie wohl!« Welch ein Glück, daß sie ihr Taschentuch halte fallen lassen! Sonst hätte er sie nie kennengelernt. Und je mehr er an das Taschentuch dachte, desto merkwürdiger schien ihm sein Glück. Fleur! Es war wirklich wie ein Gedicht! Rhythmen drängten sich in seinem Kopf. Worte strebten, miteinander verbunden zu werden, er war nahe daran, zu dichten.
Jon blieb mehr als eine halbe Stunde in dieser Gemütsverfassung, ging dann zum Haus zurück, nahm eine Leiter und kletterte vor lauter Seligkeit in sein Schlafzimmerfenster. Dann erinnerte er sich, daß das Fenster im Lesezimmer offen stand, ging hinunter und schloß es, nachdem er erst die Leiter weggestellt hatte, wie um die Spuren seiner Gefühle zu verwischen. Die Sache war zu tief, um sie sterblichen Seelen – selbst seiner Mutter – zu offenbaren.
Viertes Kapitel: Das Mausoleum
Es gibt Häuser, deren Seelen in die Hölle der Zeit eingegangen sind, ihre Körper aber in der Hölle Londons zurückgelassen haben. Dies war nicht ganz der Fall bei Timothys Haus in der Bayswater Road, denn Timothys Seele stand noch mit einem Fuße in Timothy Forsytes Körper, und Smither sorgte mit Kampfer und Portwein dafür, daß die Atmosphäre unverändert blieb in dem Haus, dessen Fenster nur zweimal täglich geöffnet wurden, um zu lüften.
In der Vorstellung der Forsytes war das Haus jetzt eine Art von chinesischer Pillenschachtel, eine Serie von Lagern, auf deren letztem Timothy lag. Er war nicht zu erreichen, so wurde wenigstens von Familienmitgliedern berichtet, die aus alter Gewohnheit oder Zerstreutheit eines schönen Tages vorfuhren, um sich nach ihrem überlebenden Oheim zu erkundigen. So zum Beispiel von Francie, die sich jetzt völlig von Gott emanzipiert hatte (sie bekannte sich offen zum Atheismus), von Euphemia, die sich von dem alten Nicholas, und Winifred, die sich von ihrem »Mann von Welt« emanzipiert hatte. Schließlich war aber jedermann jetzt emanzipiert, oder sagte, daß er es sei – was vielleicht nicht ganz dasselbe war!
Als Soames daher am Morgen nach jener Begegnung auf seinem Wege zur Paddingtonstation dort vorsprach, geschah es kaum in der Erwartung, Timothy leibhaftig anzutreffen. Er spürte eine leise Regung im Herzen, während er in vollem Sonnenschein auf der frisch geweißten Schwelle des kleinen Hauses stand, wo einst vier Forsytes gelebt hatten und jetzt nur noch einer darin wohnte wie eine Winterfliege; des Hauses, wo Soames unzählige Male ein und aus gegangen, seiner Bündel von Familienklatsch beraubt oder damit beladen; des Hauses der »Alten« eines andern Jahrhunderts, eines andern Zeitalters.
Der Anblick Smithers – die immer noch bis an die Achselhöhlen geschnürt war, weil die neue Mode, die 1903 aufkam, von den Tanten Juley und Hester nie »anständig« gefunden wurde – rief eine blasse Freundlichkeit auf Soames' Lippen hervor. Smither, die in jeder Einzelheit noch getreu nach dem alten Muster ausgestattet war, ein unschätzbarer Dienstbote – wie es keine mehr gab – erwiderte das Lächeln mit den Worten: »Ach, das ist ja Mr. Soames, nach so langer Zeit! Wie geht es Ihnen denn, Sir? Mr. Timothy wird sich freuen, zu hören, daß Sie hier waren.«
»Wie geht es ihm?«
»Oh! er hält sich ziemlich für sein Alter: aber natürlich, er ist ein wunderbarer Mann. Wie ich schon Mrs. Dartie sagte, als sie zuletzt hier war: Es würde Miß Forsyte und Mrs. Juley und Miß Hester sicher freuen, zu sehen, wie ihm ein Bratapfel noch schmeckt. Aber er ist ganz taub. Und ein Glück ist das, denke ich immer. Denn was wir bei den Luftangriffen mit ihm angefangen hätten, weiß ich nicht.«
»Was habt ihr dabei denn mit ihm angefangen?«
»Wir ließen ihn ruhig in seinem Bett und hatten die Klingel bis in den Keller hinuntergeleitet, so daß die Köchin und ich hören konnten, wenn er klingelte. Es wäre unmöglich gewesen, ihn wissen zu lassen, daß Krieg war. Ich sagte zu der Köchin: ›Wenn Mr. Timothy klingelt, mögen sie tun, was sie wollen, ich gehe hinauf.‹ Meine lieben Damen hätten einen Anfall bekommen, wenn sie gesehen hätten, daß er klingelte und niemand zu ihm ging. Aber er schlief während aller Angriffe wunderschön. Und bei dem einen am Tage nahm er sein Bad. Es war wirklich ein Glück, denn er hätte all die Leute auf der Straße bemerken können, die alle in die Höhe schauten – er sah oft aus dem Fenster.«
»So ist es!« murmelte Soames. Smither wurde schwatzhaft! »Ich wollte mich nur umschauen und sehen, ob etwas zu tun ist.«
»Ja, Sir. Ich glaube, es ist nichts als ein Geruch von Mäusen im Speisezimmer, den wir nicht zu beseitigen wissen. Merkwürdig, daß er da ist, denn es ist kein Krümchen darin, da Mr. Timothy seit Anfang des Krieges nicht mehr herunterzukommen pflegt. Aber es sind garstige kleine Dinger, man weiß nie, wo sie einen das nächste Mal fassen.«
»Verläßt er sein Bett zuweilen?«
»O ja, Sir; er macht morgens fleißig Bewegung zwischen Bett und Fenster, um keinen Luftwechsel zu riskieren. Und er fühlt sich ganz behaglich, nimmt jeden Tag regelmäßig sein Testament vor. Es ist ihm ein großer Trost.«
»Nun, Smither, ich möchte ihn gern sehen, wenn ich kann, für den Fall, daß er mir etwas zu sagen hat.«
Smither errötete über ihrem Schnürleib.
»Das wird aber ein Ereignis sein!« sagte sie. »Darf ich Ihnen das Haus zeigen, Sir, während ich die Köchin hinaufschicke, es ihm zu sagen?«
»Nein, gehen Sie zu ihm«, sagte Soames. »Ich kann mir das Haus allein ansehen.«
Man durfte vor andern seine Empfindungen nicht zeigen, und Soames fühlte, daß er anfing sentimental zu werden, während er durch die Räume ging, die so vollgesogen mit Vergangenheit waren. Als Smither aufgelöst vor Aufregung ihn verlassen hatte, trat Soames ins Speisezimmer und schnupperte; seiner Meinung nach waren es nicht Mäuse, sondern beginnende Holzfäule, und er untersuchte die Täfelung. Ob es sich lohnte, sie streichen zu lassen bei Timothys Alter? Das Zimmer war immer das modernste im ganzen Hause gewesen, und ein leises Lächeln kräuselte Soames' Lippen und Nasenflügel. Wände von reichem Grün über dem Eichengesims, ein schwerer Metallkronleuchter hing an einer Kette von der Decke herab, die durch imitierte Balken geteilt war. Die Bilder hatte Timothy vor sechzig Jahren einmal spottbillig bei Jobson gekauft – drei Snyders' »Stilleben«, zwei schwach kolorierte Zeichnungen von einem Knaben und einem Mädchen, sehr hübsch, die mit »J. R.« gezeichnet waren – Timothy hatte immer geglaubt, sie würden sich als Werke von Joshua Reynolds entpuppen, aber Soames, der sie bewunderte, hatte entdeckt, daß sie nur von John Robinson waren, und ein zweifelhafter Morland, ein weißes Pony, das beschlagen wird. Tiefrote Plüschvorhänge, zehn hochlehnige dunkle Mahagonistühle mit tiefroten Sitzen, ein türkischer Teppich und ein Mahagonitisch, der so groß war wie das Zimmer klein, das war die Einrichtung, deren Soames sich, unverändert an Körper und Seele, seit seinem vierten Jahr erinnern konnte. Er betrachtete hauptsächlich die beiden Zeichnungen und dachte: »Ich werde sie aus dem Nachlaß kaufen.«
Aus dem Speisezimmer ging er in Timothys Arbeitszimmer. Er erinnerte sich nicht, jemals in dem Raume gewesen zu sein. Er war vom Boden bis zur Decke mit Büchern angefüllt, und Soames betrachtete sie mit Neugierde. Eine Wand schien Erziehungsbüchern gewidmet, die Timothys Firma vor zwei Generationen veröffentlicht hatte – mitunter zwanzig Exemplare desselben Buches. Soames las ihre Titel und schauderte. An der Mittelwand standen genau dieselben Bücher, die in der Bibliothek seines Vaters in Park Lane zu stehen pflegten, woraus er schloß, daß James und sein jüngster Bruder eines Tages wohl zusammen ausgegangen waren und einen Haufen kleiner Bibliotheken aufgekauft hatten. Der dritten Wand näherte er sich mit größerer Spannung. Hier würde sich doch wohl Timothys eigener Geschmack finden. So war es. Die Bücher waren Attrappen. Die vierte Wand nahmen nur die mit schweren Vorhängen versehenen Fenster ein. Und davor stand ein großer Lehnstuhl, an dem ein Mahagonipult befestigt war, auf dem gelblich und zusammengefaltet die »Times« vom 6. Juli 1914, dem Tag, an dem Timothy zum ersten Male nicht heruntergekommen war, wie in Vorbereitung auf den Krieg noch auf ihn zu warten schien. In einer Ecke stand ein großer Globus von der Welt, die Timothy nie betreten hatte, weil er die tiefe Überzeugung hegte, daß außerhalb Englands alles unreell sei, und er einen wahren Abscheu vor der See empfand, auf der er an einem Sonntagnachmittag im Jahre 1836 in einem Vergnügungsboot in Brighton mit Juley, Hester, Swithin und Hatty Cheßman sehr krank gewesen war; und zwar hatte er das Swithin zu verdanken, der sich immer solche Dinge in den Kopf setzte, zum Glück aber ebenfalls krank gewesen war. Soames kannte die Geschichte ganz genau, da er sie mindestens fünfzigmal gehört hatte. Er trat an den Globus und ließ ihn sich drehen; ein leises Knarren war zu hören, er bewegte sich etwa einen Zoll weiter und brachte dabei ein langbeiniges Insekt in seinen Gesichtskreis, das auf dem vierundvierzigsten Breitengrad verendet war.
»Mausoleum!« dachte er. »George hat recht!« Dann ging er hinaus und die Treppe hinauf. Auf dem halben Absatz blieb er vor dem Kasten mit den ausgestopften Kolibris stehen, die ihn in seiner Kindheit entzückt hatten. Sie sahen nicht einen Tag älter aus, wie sie da an Drähten über dem Pampasgras hingen. Öffnete man den Kasten, würden die Vögel nicht zu summen anfangen, sondern das ganze Ding würde wohl zerfallen, nahm er an. Es hatte keinen Wert, ihn mit in den Nachlaß aufzunehmen! Und plötzlich fiel ihm Tante Ann ein – die liebe alte Tante Ann –, die ihn vor dem Kasten bei der Hand hielt und sagte: »Sieh her, Soamey! Sind sie nicht hübsch und lustig, die summenden kleinen Kolibris?« Und Soames erinnerte sich seiner eigenen Antwort: »Sie summen ja nicht, Tantchen.« Er mußte damals sechs Jahre alt gewesen sein, in einem schwarzen Samtanzug mit hellblauem Kragen – er erinnerte sich des Anzugs noch ganz gut. Tante Ann mit ihren Ringellocken, ihren gütigen hageren Händen und ihrem ernsten alten Lächeln – eine feine alte Dame, diese Tante Ann! Er ging weiter an die Tür des Wohnzimmers. Da hingen zu beiden Seiten davon die Gruppen der Miniaturen. Die allerdings würde er mit einkaufen! Die Miniaturen seiner vier Tanten, eine seines Onkels Swithin als junger Mann und eine seines Onkels Nicholas als Knabe. Sie waren alle von einer der Familie befreundeten jungen Dame zu gleicher Zeit gemalt, etwa um 1830, wo Miniaturen als etwas sehr Feines und auch Haltbares angesehen wurden, da sie auf Elfenbein gemalt waren. So manches Mal hatte er die Geschichte der jungen Dame gehört: »Sie war sehr begabt, mein Lieber, sie hatte geradezu eine Schwäche für Swithin, und sehr bald danach wurde sie schwindsüchtig und starb: ganz wie Keats – wir sprachen oft davon.«
Ja, das waren sie! Ann, Hester, Juley, Susan – als ganz kleines Kind; Swithin, mit himmelblauen Augen, rosigen Wangen und gelben Locken, in einer weißen Weste, die viel zu groß für ihn war, und Nicholas, wie Kupido, mit Augen, die gen Himmel blickten. Jetzt erst fiel es ihm ein, Onkel Nick hatte immer etwas davon gehabt – ein wundervoller Mann bis zuletzt. Ja, sie mußte Talent besessen haben, und Miniaturen hatten immer ihr eigen unvergängliches Gepräge und waren wenig abhängig von dem Wettringen an der Börse der Ästhetik. Soames öffnete die Wohnzimmertür. In dem Zimmer war alles abgestaubt, die Möbel unbedeckt, die Vorhänge zurückgezogen, genau, als weilten seine Tanten noch geduldig wartend darin. Und ihm kam ein Gedanke: »Wenn Timothy starb – weshalb nicht? Wäre es nicht beinahe eine Pflicht, dieses Haus zu erhalten – wie Carlyles –, eine Tafel anzubringen und es zu zeigen? ›Muster einer Wohnung aus der viktorianischen Zeit. – Eintritt ein Schilling, mit Katalog.‹« Es war eigentlich die vollkommenste Sache und vielleicht die toteste im heutigen London. Vollkommen hinsichtlich des speziellen Geschmacks und der Kultur, das heißt, wenn er die vier Barbizons, die er ihnen geschenkt, herunternahm und sie in seiner eigenen Sammlung unterbrachte. Die noch himmelblauen Wände, die grünen, mit roten Blumen und Farnen gemusterten Vorhänge, der gestickte Wandschirm vor dem gußeisernen Kaminrost, der Mahagonischrank mit Glasscheiben, voll kleiner Nippsachen, die mit Perlen gestickten Fußbänke, Keats, Shelley, Southey, Cowper, Coleridge, Byrons »Korsar« (sonst nichts von ihm) und die Dichter der viktorianischen Zeit in einer Reihe auf dem Bücherbrett, der eingelegte Schrank, mit stumpfem rotem Plüsch ausgelegt, voll von Familienreliquien, Hesters erstem Fächer, den Schnallen von ihres Vaters und ihrer Mutter Schuhen, drei Skorpionen in Flaschen und einem sehr gelben Elefantenzahn, den ihr Großonkel, Edgar Forsyte, der in Jute gehandelt, aus Indien geschickt hatte, einem Stück gelben Papiers mit spinnenähnlicher Schrift darauf, die Gott weiß was enthielt! Und die vielen Bilder an den Wänden – alles Aquarelle, außer jenen vier Barbizons, die wie Fremdlinge darunter wirkten, die sie auch waren, und zweifelhafte Kunden dazu – heitere, illustrative Bilder, »Bei den Bienen«, »Juchhe, da kommt die Fähre!« und zwei im Stile von Frith, alle mit Taschenspielern und Krinolinen, die Swithin ihnen geschenkt. Ach! Viele, viele Bilder, die Soames tausendmal voll überlegenen Entzückens angeschaut, eine wunderbare Sammlung glatter, matt vergoldeter Rahmen.
Und das Boudoirpiano, schön abgestaubt, hermetisch verschlossen wie immer, und Tante Juleys Album mit gepreßten Seenesseln darauf. Und die Stühle mit den vergoldeten Beinen, die stärker waren, als sie aussahen. Und an einer Seite des Kamins das Sofa, aus karmesinfarbener Seide, wo Tante Ann und nach ihr Tante Juley zu sitzen gewohnt war, dem Licht gegenüber und gerade aufrecht. Und an der anderen Seite des Kamins der einzige wirklich bequeme Armsessel, mit dem Rücken zum Licht, für Tante Hester. Soames blickte umher, er meinte sie dort sitzen zu sehen. Ah! Und die Atmosphäre – selbst jetzt noch, von allerlei Stoffen, gewaschenen Spitzen und Gardinen, Lavendel in Beuteln und getrockneten Bienenfiügeln. »Nein«, dachte er, »dergleichen gibt es nicht noch einmal, das müßte bewahrt bleiben.« Und mochten sie darüber lachen, aber als Standard schlichten vornehmen Lebens, von dem man niemals abwich, als Muster des Geschmacks für Auge, Nase und Gefühl trug es den Sieg davon über das Heute – das Heute mit seinen Untergrundbahnen und Automobilen, seinem unaufhörlichen Rauchen, seinen jungen Mädchen mit den bis zur Taille entblößten Nacken, den übereinandergeschlagenen Beinen, die bis zu den Knien sichtbar waren (eine Augenweide für den Satyr in jedem Forsyte, aber kaum seine Vorstellung von einer Dame), mit ihren Füßen, die sie beim Essen um die Stuhlbeine schlangen, ihrem Gekicher und albernen Redensarten – Mädchen, die ihn schaudern machten, wenn er sich Fleur in Kontakt mit ihnen dachte; und mit den streng blickenden tüchtigen älteren Frauen, die selbständig waren und ihn ebenfalls schaudern machten. Nein! Seine alten Tanten hatten, wenn sie auch niemals ihre Herzen, ihre Augen oder sehr viel ihre Fenster öffneten, doch wenigstens Manieren und einen Standard und Ehrfurcht vor der Vergangenheit und Zukunft.
Mit einem beklemmenden Gefühl schloß er die Tür und ging auf den Zehenspitzen die Treppe hinauf. Er schaute unterwegs in einen Raum hinein: Hm! in vollkommener Ordnung seit den achtziger Jahren, mit einer Art von gelbem Ölpapier an den Wänden. An der Treppe oben zögerte er zwischen vier Türen. Welche von ihnen war Timothys? Und er lauschte. Ein Geräusch, als wenn ein Kind langsam sein Steckenpferd hinter sich herzöge, traf sein Ohr. Das mußte Timothy sein! Er klopfte, und eine Tür wurde von Smither geöffnet, die sehr rot im Gesicht war.
Mr. Timothy mache seinen Spaziergang, und sie sei noch nicht imstande gewesen, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Wenn Mr. Soames in das Hinterzimmer kommen wolle, könne er ihn durch die Tür sehen.
Soames ging in das Hinterzimmer und beobachtete ihn.
Der Letzte der alten Forsytes schritt mit nachdrücklichster Langsamkeit und einer Miene vollkommenster Hingabe für sein Unternehmen zwischen dem Fußende seines Bettes und dem Fenster, einer Entfernung von etwa zwölf Fuß, hin und her. Den unteren Teil seines eckigen Gesichts, das nicht mehr glatt rasiert war, bedeckte ein schneeiger Bart, der so kurz wie möglich geschnitten war, und sein Kinn sah so breit aus wie seine Stirn, wo das Haar ebenfalls ganz weiß war, während Nase, Wangen und Stirn eine gute gelbliche Farbe hatten. In einer Hand hielt er einen dicken Stock, und die andere faßte in die Falten seines Jägerschlafrocks, unter dem seine Knöchel in Bettsocken und die Füße in Jägerpantoffeln sichtbar waren. Der Ausdruck in seinem Gesicht glich dem eines eigensinnigen Kindes, das erpicht auf etwas ist, das es nicht bekommen hat. Jedesmal, wenn er sich umwandte, stieß er mit dem Stocke auf und zog ihn dann hinter sich her, wie um zu zeigen, daß er ohne ihn fertig wurde.
»Er sieht noch kräftig aus«, sagte Soames leise.
»O ja, Sir. Sie sollten ihn sein Bad nehmen sehen – es ist wunderbar; er genießt es so.«
Diese ganz lauten Worte waren eine Bestätigung für Soames' Annahme, daß Timothy völlig kindisch geworden war.
»Nimmt er irgendein Interesse an den Dingen im allgemeinen?« fragte Soames ebenfalls laut.
»O ja, Sir, an seinem Essen und an seinem Testament. Es ist ganz erstaunlich, ihn es immer wieder umwenden zu sehen, nicht um es zu lesen, natürlich; und alle Augenblick fragt er nach dem Preis von Konsols, und ich schreibe es dann sehr groß für ihn auf eine Tafel. Natürlich schreibe ich immer dasselbe, wie sie waren, als er im Jahre 1914 zuletzt Notiz davon nahm. Wir veranlaßten den Arzt, ihm das Zeitungslesen zu verbieten, als der Krieg ausbrach. Oh! er war zuerst außer sich darüber. Aber bald gab er nach, weil er wußte, daß es ihn ermüdete; und er ist wunderbar in dem Bemühen, seine Energie zu bewahren, wie er es zu nennen pflegte, als meine lieben Damen noch lebten; Gott segne sie! Wie ärgerlich er oft über sie gewesen ist; sie waren immer so geschäftig, wenn Sie sich erinnern, Mr. Soames.«
»Was würde geschehen, wenn ich hineinginge?« fragte Soames. »Würde er mich erkennen? Ich setzte sein Testament auf, wie Sie wissen, als Miß Hester im Jahre 1907 starb.«
»Ach, Sir«, erwiderte Smither zweifelnd, »darüber kann ich nichts sagen. Ich glaube, es wäre möglich, er ist wirklich ein wundervoller Mensch für sein Alter.«
Soames ging in die Türöffnung und wartete, bis Timothy sich umdrehte, dann sagte er mit lauter Stimme: »Onkel Timothy!«
Timothy stapfte den halben Weg zurück und hielt inne.
»Eh?« sagte er.
»Soames«, rief Soames mit hoher Stimme und streckte die Hand aus, »Soames Forsyte!«
»Nein!« sagte Timothy, und mit seinem Stock laut auf den Boden stoßend, setzte er seinen Gang fort.
»Es scheint nicht zu wirken«, sagte Soames.
»Nein, Sir«, erwiderte Smither ziemlich verzagt; »Sie sehen, er hat seinen Spaziergang noch nicht beendet. Ihn beschäftigt immer nur eine Sache zur selben Zeit. Ich bin überzeugt, daß er mich heute nachmittag fragen wird, ob Sie wegen des Gaslichts gekommen wären, und es wird schwer sein, es ihm verständlich zu machen.«
»Glauben Sie, daß er einen Mann um sich haben müßte?«
Smither hob abwehrend die Hände. »Einen Mann! O nein! Die Köchin und ich werden vollkommen fertig mit ihm. Ein Fremder um ihn würde ihn in kürzester Zeit wahnsinnig machen. Und meine Damen hätten den Gedanken, einen Mann im Hause zu haben, nicht gemocht. Außerdem sind wir so stolz auf ihn.«
»Ich nehme an, daß der Doktor zu ihm kommt?«
»Jeden Morgen. Er gibt seine bestimmten Anweisungen, und Mr. Timothy ist so gewöhnt daran, daß er es gar nicht beachtet, außer daß er die Zunge herausstreckt.«
Soames wandte sich ab. »Es ist sehr traurig und schmerzlich für mich«, sagte er.
»Oh, Sir!« erwiderte Smither besorgt, »so dürfen Sie nicht denken. Jetzt, wo er sich über nichts mehr ärgern kann, genießt er sein Leben so recht, wirklich, das tut er. Wie ich schon zu der Köchin sagte, Mr. Timothy ist zufriedener, als er je gewesen. Wenn er nicht badet, sehen Sie, oder seinen Spaziergang macht, ißt er, und wenn er nicht ißt, schläft er; so ist es. Er hat keine Sorgen und keinen Schmerz.«
»Nun«, sagte Soames, »das ist wahr. Ich will hinuntergehen. Übrigens, lassen Sie mich das Testament sehen.«
»Dazu muß ich meine Zeit abwarten, Sir; er hat es unter seinem Kopfkissen, und er würde mich sehen, solange er noch auf ist.«
»Ich möchte nur wissen, ob es dasjenige ist, das ich aufgesetzt habe«, sagte Soames, »sehen Sie irgendwann einmal nach dem Datum und lassen Sie mich's wissen.«
»Ja, Sir, aber ich bin sicher, daß es dasselbe ist, weil die Köchin und ich Zeugen waren, wenn Sie sich erinnern, und da stehen noch unsere Namen, und wir haben es nur einmal getan.«
»Ganz recht«, sagte Soames. Er erinnerte sich. Smither und Jane waren richtige Zeugen gewesen, aber es war ihnen nichts in dem Testament vermacht, so daß sie kein Interesse an dem Tode Timothys haben konnten Es war – das sah er völlig ein – eine fast ungebührliche Vorsicht gewesen, aber Timothy hatte es so gewünscht, und übrigens hatte Tante Hester reichlieh für sie gesorgt.
»Sehr gut, Smither«, sagte er, »leben Sie wohl. Sehen Sie nach ihm, und wenn er irgendwann etwas sagen sollte, schreiben Sie es auf und lassen Sie es mich wissen.«
»O ja, Mr. Soames, das werde ich sicher tun. Es war eine so angenehme Abwechslung, Sie zu sehen. Die Köchin wird ganz aufgeregt sein, wenn ich es ihr erzähle.«
Soames schüttelte ihr die Hand und ging hinunter. Er blieb volle zwei Minuten an dem Hutständer stehen, wo er seinen Hut so viele Male aufgehängt hatte. »So geht alles dahin«, dachte er, »vergeht und beginnt aufs neue. Armer alter Kerl!« Und er horchte, ob vielleicht das Geräusch von Timothys Nachschleppen seines Steckenpferdes die Treppen herunter zu hören war oder der Geist eines alten Gesichts sich über dem Geländer zeigte und eine alte Stimme sagte: »Ach, das ist ja der liebe Soames, und wir sprachen gerade davon, daß wir ihn seit einer Woche nicht gesehen!«
Nichts – nichts! Nur der Geruch von Kampfer und Staubkörnchen in einem Sonnenstrahl durch das fächerartige Fenster über der Tür. Das kleine alte Haus! Ein Mausoleum! Dann riß er sich los und ging, um einen Zug noch zu erreichen.
Fünftes Kapitel: Heimaterde
»Auf Heimaterde tritt sein Fuß,
Sein Name ist – Val Dartie.«
Mit einem solchen Gefühl etwa machte Val Dartie sich in seinem vierzigsten Jahr an demselben Donnerstagmorgen sehr früh aus dem alten Gutshaus auf, das er im Norden von Sussex gekauft hatte. Sein Ziel war Newmarket, das er seit dem Herbst im Jahre 1899 nicht mehr gesehen hatte, als er von Oxford heimlich zu dem Cambridgeshire hingefahren war. Er zögerte an der Tür, um seine Frau zu küssen, und steckte eine Flasche Portwein in die Tasche. »Übermüde dein Bein nicht, Val, und wette nicht zuviel.«
Bei ihrer Umarmung, Brust an Brust, und dem Blick ihrer Augen in die seinen fühlte Val Bein und Flasche sicher. Er wollte mäßig sein, Holly hatte immer recht – sie besaß eine natürliche Anpassungsfähigkeit. Es schien ihm gar nicht so merkwürdig wie vielleicht andern, daß er – obwohl er ein halber Dartie war – seiner jungen Kusine die zwanzig Jahre hindurch, seit er sie auf so romantische Art draußen im Burenkrieg geheiratet hatte, vollkommen treu geblieben war, ihr ohne jedes Gefühl von Opfer oder Langeweile treu geblieben – sie war so beweglich, wußte so klug seiner Stimmung immer ein wenig zuvorzukommen. Da sie Vetter und Kusine waren, hatten sie, oder vielmehr hatte Holly beschlossen, keine Kinder zu haben, und wenn sie auch ein wenig blasser war, hatte sie doch ihr gutes Aussehen, ihre Schlankheit und die Farbe ihres dunklen Haares behalten. Val bewunderte namentlich das Leben, das sie für sich führte, dabei aber doch ihm widmete, und ihr Reiten, das sich jedes Jahr vervollkommnete. Sie trieb ihre Musik weiter, las eine furchtbare Menge von Romanen, Dichtungen, allerlei Zeug. Draußen auf ihrer Farm in der Kapkolonie hatte sie sich aller »Nigger«-Kinder und -Frauen in wunderbarer Weise angenommen. Sie war tatsächlich tüchtig, machte aber nicht viel Wesens davon und stellte sich gar nicht vornehm. Wenngleich er nicht gerade zu Demut neigte, war Val doch allmählich zu dem Gefühl gekommen, daß sie ihm überlegen war, und grollte ihr deswegen nicht – das war ein großer Tribut. Es sei hier erwähnt, daß er sie nie ansah, ohne daß sie es merkte, ihr Blick aber mitunter ganz unvermutet auf ihm weilte.
Er hatte sie im Torweg geküßt, weil er es auf dem Bahnsteig nicht tun konnte, obwohl sie ihn zur Station begleitete, um das Auto zurückzufahren. Wenn auch gebräunt und zerfurcht durch das Wetter in den Kolonien und die Tücken, die von Pferden nicht zu trennen sind, dazu gehindert durch das Bein, das, im Burenkrieg geschwächt, ihm in dem eben beendeten Kriege wahrscheinlich das Leben gerettet hatte, war Val fast noch derselbe, der er in den Tagen ihres Brautstandes gewesen; sein Lächeln war so offen wie anziehend, seine Wimpern wenn möglich noch dichter und dunkler, die Augen klar und grau, seine Sommersprossen vielleicht dunkler, das Haar an den Schläfen ein wenig ergraut. Er machte den Eindruck eines Menschen, der sich in einem sonnigen Klima viel mit Pferden beschäftigt hat.
Während er am Tor mit dem Auto eine scharfe Wendung machte, sagte er:
»Wann kommt der junge Jon?«
»Heute.«
»Brauchst du irgend etwas für ihn? Ich könnte es am Samstag mitbringen.«
»Nein, aber du könntest mit demselben Zuge kommen wie Fleur – um ein Uhr vierzig.«
Val ließ den Ford schneller laufen; er fuhr noch, wie jemand in einem fremden Land mit schlechten Wegen fährt, der jedes Kompromiß zurückweist und bei jedem Loch auf den Himmel rechnet.
»Das ist ein Mädel, das weiß, was es will«, sagte er. »Ist dir das nicht auch aufgefallen?«
»Ja«, sagte Holly.
»Onkel Soames und dein Papa – ein wenig peinlich, nicht wahr?«
»Sie weiß nichts davon, und er weiß nichts davon, und es darf natürlich nichts erwähnt werden. Es ist nur für fünf Tage, Val.«
»Stallgeheimnis! Recht so!« Wenn Holly es für sicher hielt, dann war es so. Sie lächelte ihm verschmitzt zu und sagte: »Hast du bemerkt, wie reizend sie sich selbst einlud?«
»Nein.«
»Sie tat es aber. Wie findest du sie, Val?«
»Hübsch und klug, aber sie wäre wohl imstande, an jeder Ecke durchzugehen, wenn ihr die Laune danach steht, glaube ich.«
»Ich möchte wissen«, sagte Holly, »ob sie eins dieser modernen Mädchen ist. Man fühlt sich ganz ratlos, wenn man in all dies hineinkommt.«
»Du? Du findest dich doch so rasch in alles hinein.«
Holly schob ihre Hand in seine Rocktasche.
»Was hältst du von Profond, diesem Belgier?« fragte Val.
»Ich glaube, er ist ein ganz ›guter Teufel‹.«
Val grinste.
»Er scheint mir ein verdächtiger Freund für unsere Familie. Sie ist wirklich in einer fatalen Lage mit Onkel Soames, der eine Französin geheiratet hat, und deinem Vater, der Soames' erste Frau nahm. Unsere Großväter wären außer sich geraten.«
»Die anderer Leute ebenfalls, mein Lieber.«
»Dieses Auto«, sagte Val, »braucht eine Aufmunterung, es kommt bergauf nicht von der Stelle. Ich werde abwärts wohl die volle Geschwindigkeit einschalten müssen, wenn ich den Zug noch erreichen soll.«
Seine Vorliebe für Pferde hatte ihn immer gehindert, wirklich Gefallen an einem Auto zu finden, und die Geschwindigkeit des Ford unter seiner Führung war mit der unter Hollys Führung gar nicht zu vergleichen. Aber er erreichte den Zug.
»Sei vorsichtig auf dem Rückweg, sonst wirst du noch herausgeschleudert. Leb wohl, Liebling.«
»Leb wohl«, rief Holly und warf ihm eine Kußhand zu.
Im Zuge, nach einer Viertelstunde Unentschiedenheit zwischen seinen Gedanken an Holly, seiner Morgenzeitung, dem Anblick des schönen Tages und seiner schwachen Erinnerung an Newmarket, vertiefte Val sich in den Inhalt eines kleinen dicken Buches mit allen Namen, Stammbäumen und Notizen über Zucht und Gestalt von Pferden. Der Forsyte in ihm neigte dazu, eine bestimmte Rasse zu wählen, und er unterdrückte entschlossen den Dartiehang zu Flüchtigkeit. Als er nach dem günstigen Verkauf seiner Farm und seiner Pferdezucht in Südafrika nach England zurückkehrte und bemerkte, daß die Sonne selten schien, sagte Val sich: »Ich muß durchaus etwas mit meinem Leben anfangen, oder dies Land wird es mich fühlen lassen. Jagen genügt nicht, ich will züchten und aufziehen.« Mit diesen vernünftigen Ansichten und seiner Entschlossenheit, die er sich durch seinen langen Aufenthalt in einem neuen Lande erworben, hatte Val bald den schwachen Punkt der modernen Zucht herausgefunden. Sie waren alle durch die Mode und die hohen Preise fasziniert. Er wollte schöne Tiere kaufen und sich um Namen nicht kümmern! Aber hier saß er bereits hypnotisiert von dem Blendwerk einer bestimmten Rasse! Halb unbewußt dachte er: »Es ist etwas in diesem verwünschten Klima, das einen dazu bringt, sich im Kreise zu drehen. Doch einerlei. Ich muß einen Abkömmling des Mayflybluts haben.«
In dieser Stimmung erreichte er das Mekka seiner Hoffnung. Es war eins jener ziemlich ruhigen Rennen, die günstiger für diejenigen sind, die es vorziehen, Pferde anzusehen, als sich um die Buchmacher zu kümmern; und Val hielt sich an die Koppel. Die zwanzig Jahre seines Lebens in den Kolonien hatten ihn von dem Dandyismus befreit, in dem er erzogen war, ihm aber die nötige Eleganz des Reiters gelassen und ihm einen scharfen Blick für das gegeben, was er die »Albernheit« mancher Engländer und das Papageienhafte mancher Engländerin nannte – Holly aber hatte nichts davon, und Holly war sein Vorbild. Aufmerksam, rasch, mit allem Nötigen versehen, ging Val stets gerade auf sein Ziel los, mochte es sich um ein Pferd oder einen Trunk handeln; und er war gerade im Begriff, sich eine Mayflystute zu sichern, als eine Stimme dicht neben ihm sagte:
»Mr. Val Dartie? Wie gehen es Mrs. Val Dartie? Ich hoffen, sie ist wohl.« Und er sah den Belgier neben sich, den er bei seiner Schwester Imogen getroffen hatte.
»Prosper Profond – ich traf Sie beim Lunch«, sagte die Stimme.
»Wie geht's?« murmelte Val.
»Danke, gut«, erwiderte Monsieur Profond lächelnd mit einer gewissen unnachahmlichen Langsamkeit. »Einen guten Teufel« hatte Holly ihn genannt. Nun! Er sah ein wenig wie ein Teufel aus mit seinem dunklen, kurzgeschnittenen spitzen Bart, wenn auch wie ein schläfriger und gutgelaunter, mit schönen Augen, die unerwartet intelligent aussahen.
»Hier ist ein Herr, der Sie kennenlernen möchte – ein Vetter von Ihnen – Mr. George Forsyte.«
Val sah eine hohe Gestalt und ein glattrasiertes Gesicht, stierähnlich, ein wenig düster, mit spöttischem Ausdruck in den großen grauen Augen; er erinnerte sich seiner dunkel aus alten Tagen, wenn er mit seinem Vater im Iseeum-Klub speiste.
»Ich pflegte mit Ihrem Vater zu den Rennen zu gehen«, sagte George. »Was macht der Rennstall? Wollen Sie einen meiner Klepper kaufen?«
Val lachte, um das plötzliche Gefühl zu verbergen, daß Züchtung hier nichts mehr galt. Sie glaubten an nichts mehr hier, nicht einmal an Pferde. George Forsyte, Prosper Profond! Der Teufel selbst war nicht nüchterner als diese beiden.
»Ich wußte nicht, daß Sie ein Rennbahnliebhaber sind«, sagte er zu Monsieur Profond.
»Nein, ich machen mir nichts daraus. Ich seglen mit meiner Jacht. Eigentlich, ich machen mir auch daraus nichts, aber ich sehen gern meine Freunde. Ich haben ein Frühstück bereit, Mr. Val Dartie, nur ein kleines Frühstück, wenn Sie Lust dazu haben; nicht viel – nur ein kleines eben – in meinem Auto.«
»Danke«, sagte Val, »sehr freundlich von Ihnen. Ich komme in einer Viertelstunde etwa.«
»Dort drüben. Mr. Forsyte kommt auch«, und Monsieur Profond wies mit einem gelbbehandschuhten Finger auf den »kleinen Wagen mit dem kleinen Frühstück«; dann ging er weiter, lässig, verschlafen und fremd, und George Forsyte, geschniegelt, unförmig, mit seiner vergnügten Miene, begleitete ihn.
Val war bei der Mayflystute stehengeblieben. George Forsyte natürlich war ein alter Knabe, aber dieser Profond mochte in seinem Alter sein. Val fühlte sich außerordentlich jung, als wäre die Mayflystute ein Spielzeug, über das die beiden gelacht hatten. Das Tier hatte alle Wirklichkeit verloren.
»Was sehen Sie an der ›kleinen‹ Stute?« meinte er die Stimme von Monsieur Profond sagen zu hören, »was haben Sie an ihr? – wir müssen alle sterben!«
Und George Forsyte, der alte Freund seines Vaters, noch immer auf der Rennbahn! Die Mayflyrasse – war sie eigentlich besser als irgendeine andere? Er konnte mit seinem Gelde ebensogut etwas Amüsanteres unternehmen.
»Nein, wahrhaftig!« murmelte er plötzlich, »wenn es keinen Zweck hat, Pferde zu züchten, hat nichts einen Zweck. Wozu bin ich denn hergekommen? Ich werde sie kaufen.«
Er trat zurück und beobachtete das Zurückebben der Besucher des Sattelplatzes. Geschniegelte alte Herren, schlaue, stattliche Gesellen, Juden, Trainer, die aussahen, als hätten sie nie im Leben ein Pferd gesehen; große, schlaffe, lässige oder lebhafte Frauen mit lauten Stimmen; junge Männer mit einer Miene, als versuchten sie die Sache ernst zu nehmen – zwei oder drei von ihnen mit nur einem Arm.
»Das Leben hier ist ein Spiel!« dachte Val. »Die ›Startglocke‹ läutet, Pferde rennen. Geld wechselt den Besitzer; wieder läutet es, wieder rennen Pferde, das Geld kommt zurück in andere Hände.«
Aber beunruhigt über seine eigene Philosophie, ging er an das Tor des Sattelplatzes, um die Mayflystute hinuntergaloppieren zu sehen. Sie bewegte sich gut; dann ging er zu dem »kleinen« Auto hinüber. Das »kleine« Frühstück war, wie man es sich oft erträumt, aber selten bekommt; und als es vorüber war, ging Monsieur Profond mit ihm zurück zum Sattelplatz.
»Ihre Frau ist sehr hübsch«, war seine überraschende Bemerkung.
»Die hübscheste Frau, die ich kenne«, erwiderte Val trocken.
»Ja«, sagte Monsieur Profond, »sie haben ein hübsches Gesicht. Ich bewundern hübsche Frauen.«
Val sah ihn argwöhnisch an, aber etwas Gütiges und Offenes in dem diabolischen Wesen seines Gefährten entwaffnete ihn für den Augenblick.
»Wenn Sie irgendeinmal Lust haben, auf meine Jacht zu kommen, werd' ich Sie immer gern für kurze Zeit mitnehmen.«
»Danke«, sagte Val wieder gewappnet, »meine Frau haßt die See.«
»Ich auch«, sagte Monsieur Profond.
»Weshalb segeln Sie denn?«
Die Augen des Belgiers lächelten. »Oh! Ich weiß nicht. Ich haben alles versucht; das ist das letzte, was ich haben versucht.«
»Es muß verd – – kostspielig sein. Ich würde etwas Vernünftigeres unternehmen.«
Monsieur Profond zog die Brauen hoch und schob seine dicke Unterlippe vor.
»Ich bin ein leichtlebiger Mensch«, sagte er.
»Sind Sie mit im Krieg gewesen?«
»Ja–a. Auch das haben ich getan. Ich war vergast; es war ein klein wenig unangenehm.« Er lächelte verschlafen mit der Miene eines Menschen, dem alles glückt, als habe er es seinem Namen zu verdanken. Ob seine kleinen Sprechfehler Affektation war, konnte Val nicht entscheiden, der Mann war offenbar zu allem fähig. In dem Kreis von Käufern um die Mayflystute, die das Rennen gewonnen hatte, sagte Monsieur Profond:
»Sie wollen mitbieten?«
Val nickte. Mit diesem schläfrigen Satan neben sich aber fehlte ihm der Glaube. Wenn er durch die Vorsorge seines Großvaters, der tausend Pfund im Jahr für ihn ausgesetzt hatte, zu denen noch die tausend kamen, die Hollys Großvater jährlich für sie ausgesetzt hatte, schließlich auch vor Schicksalsschlägen geschützt war, besaß er doch nicht einen Überfluß an Kapital, das ihm zur Verfügung stand, da er das meiste von dem Erlös seiner südafrikanischen Farm für seinen Landsitz in Sussex verwendet hatte. Und sehr bald kam er zu der Einsicht, daß der Preis zu hoch für ihn war. Das Äußerste für ihn – sechshundert – war überschritten; er gab das Mitbieten auf. Die Mayflystute kam für siebenhundertfünfzig Guineen unter den Hammer. Er machte ärgerlich kehrt, als die langsame Stimme Monsieur Profonds an sein Ohr schlug: »Ich haben die kleine Stute gekauft, wissen Sie, aber ich brauchen sie nicht, nehmen Sie sie und schenken Sie sie Ihrer Frau.«
Val sah ihn mit erneutem Argwohn an, aber der launige Ausdruck in seinen Augen war so, daß er wirklich keinen Anstoß daran nehmen konnte.
»Ich haben eine kleine Menge Geld im Kriege verdient«, begann Monsieur als Antwort auf seinen Blick. »Ich hatten Munitionsaktien. Es machen mir Spaß, es auszugeben. Ich verdienen immer Geld. Und ich brauchen sehr wenig für mich. Ich haben es gern, wenn meine Freunde es nehmen.«
»Ich werde sie zu dem Preis von Ihnen kaufen, den Sie zahlten«, sagte Val mit plötzlicher Entschiedenheit.
»Nein«, sagte Monsieur Profond, »Sie nehmen sie. Ich brauchen sie nicht.«
»Unsinn! man nimmt doch nicht –«
»Weshalb nicht?« lächelte Monsieur Profond. »Ich bin ein Freund von Ihrer Familie.«
»Siebenhundertfünfzig Guineen sind doch keine Kiste Zigarren«, sagte Val ungeduldig.
»Gut, dann behalten Sie sie, bis ich sie brauchen, und machen Sie mit ihr, was Sie wollen.«
»Solange sie Ihnen gehört, habe ich nichts dagegen«, sagte Val.
»So ist's recht«, murmelte Monsieur Profond und entfernte sich.
Val beobachtete ihn. Er mag ein »guter Teufel« sein, aber vielleicht auch nicht. Er sah, daß er sich George Forsyte anschloß, und danach begegnete er ihm nicht wieder.
Die Nächte nach dem Rennen brachte Val im Hause seiner Mutter in der Green Street zu.
Winifred mit ihren zweiundsechzig Jahren hatte sich wunderbar gehalten, wenn man die dreiunddreißig Jahre mit in Betracht zog, in denen sie mit Montague Dartie fertig zu werden hatte, bis eine französische Treppe sie glücklich erlöste. Es war eine große Befriedigung, ihren Lieblingssohn nach so langer Zeit aus Südafrika zurück zu haben, ihn so wenig verändert zu sehen und seine Frau in ihr Herz zu schließen. Winifred, die Ende der siebziger Jahre, vor ihrer Heirat, Vorkämpferin für Freiheit, Vergnügen und Mode gewesen war, mußte einräumen, daß ihre Jugend durch die heutigen jungen Damen überboten war. Sie schienen zum Beispiel die Ehe als einen Zufall zu betrachten, und Winifred bedauerte zuweilen, daß sie es nicht ebenfalls getan; ein zweiter, dritter, vierter Zufall hätte ihr vielleicht einen Partner von weniger betörendem Reiz beschieden; schließlich aber hatte er ihr doch Val, Imogen, Maud und Benedikt (der beinahe Hauptmann und doch unbeschädigt durch den Krieg war) gelassen – von denen bis jetzt noch keiner geschieden war. Dachte sie an deren Vater, so staunte sie oft über die Beständigkeit ihrer Kinder, und es war ihr ein angenehmer Gedanke, daß sie alle, mit Ausnahme von Imogen vielleicht, echte Forsytes waren. Die »Kleine« ihres Bruders, Fleur, beunruhigte Winifred mehr. Das Kind war so unstet wie all diese modernen jungen Mädchen – »sie ist ein Flämmchen im Zugwind«, hatte Prosper Profond einmal nach Tisch gesagt –, aber sie war nicht zappelig und sprach nicht mit lauter Stimme. Der unbeirrte Forsyteismus in Winifreds eigenem Charakter verwarf instinktiv die überspannten Gefühle, die Gewohnheiten und das Motto des modernen Mädchens: »Ach was, heute ist heut! Ausgeben, morgen sind wir arm!« Sie sah als rettende Tugend bei Fleur, daß sie, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, nicht ruhte, bis sie es bekam – obwohl sie hinsichtlich dessen, was später geschah, wohl zu jung war, um die Tragweite ihrer Handlungsweise zu beurteilen. Das Kind war ein »sehr hübsches kleines Ding«, und es war ein Vergnügen, sie auszuführen, mit dem französischen Geschmack ihrer Mutter und der Gabe, ihre Kleider zu tragen. Jeder wandte sich um nach Fleur – das war von großer Bedeutung für Winifred mit ihrer Vorliebe für Stil und Vornehmheit, die sie, was Montague anbelangte, so grausam getäuscht hatte.
Als sie sich beim Frühstück am Samstagmorgen mit Val über sie unterhielt, kam sie auf das »Gespenst« in der Familie zu sprechen.
»Von der Sache zwischen deinem Schwiegervater und deiner Tante Irene, Val – es ist zwar ewig lange her – darf Fleur aber nichts erfahren. Dein Onkel Soames ist sehr sonderbar darin. Du mußt also vorsichtig sein.«
»Ja! Aber es ist verteufelt schwierig – Hollys junger Halbbruder soll bei uns wohnen, während er die Landwirtschaft erlernt. Er ist schon da.«
»Oh!« sagte Winifred. »Welch eine Komödie! Wie ist er denn?«
»Ich sah ihn nur einmal – in Robin Hill, als wir 1909 zu Hause waren; er war nackt und mit blauen und gelben Streifen bemalt – ein lustiger kleiner Bursche!«
Winifred fand das »allerliebst« und fügte gemütlich hinzu: »Na, Holly ist ja vernünftig; sie wird schon wissen, was sie zu tun hat. Ich werde es deinem Onkel nicht sagen. Es würde ihn nur ärgern. Es ist ein großer Trost, daß du wieder zurück bist, mein lieber Junge, jetzt, wo ich älter werde.«
»Älter! Was! du bist so jung wie je. Dieser Profond, Mutter, ist mit dem alles in Ordnung?«
»Prosper Profond? Oh! der amüsanteste Mann, den ich kenne.«
Val brummte und erzählte die Geschichte mit der Mayflystute. »Das sieht ihm ähnlich«, murmelte Winifred. »Er macht die sonderbarsten Dinge.«
»Nun«, sagte Val heftig, »unsere Familie hat nicht viel Glück gehabt mit dieser Sorte; sie sind zu leichtherzig für uns.«
Es war richtig, und Winifred saß eine volle Minute in Gedanken versunken, bevor sie erwiderte:
»Nun ja, er ist ein Ausländer, Val, man muß es nicht so genau nehmen.«
»Gut, ich nehme seine Stute und mache es irgendwie wieder wett.«
Und kurz darauf verabschiedete er sich von ihr, nahm ihren Kuß entgegen und verließ sie, um zu seinem Buchmacher, in den Iseeum-Klub und zur Viktoriastation zu gehen.
Sechstes Kapitel: Jon
Mrs. Val Dartie hatte sich nach zwanzig Jahren Südafrika glücklicherweise in etwas verliebt, das ihr gehörte, denn der Gegenstand ihrer Leidenschaft war die Aussicht von ihren Fenstern und das kühle klare Licht auf dem grünen Hügelland. Das war endlich wieder England! England schöner, als sie geträumt. Der Zufall hatte Val Dartie und seine Frau wirklich an einen Ort geführt, wo die südlichen Hügel von großem Reiz waren, wenn die Sonne schien. Holly hatte genug von ihres Vaters Augen, um Verständnis für die seltene Schönheit der Umrisse dieser Hügel und ihr kreidiges Leuchten zu haben; durch den schluchtartigen Weg da hinaufzugehen und gegen Chanctonbury und Amberley weiterzuwandern, war ein Vergnügen, das sie kaum mit Val zu teilen versuchte, denn seine Bewunderung für die Natur war von dem Trieb der Forsytes, Nutzen daraus zu ziehen, abhängig wie die Übungen seiner Pferde von der Beschaffenheit des Rasens.
Als sie den Ford geschickt, ihn gewissermaßen sanft behandelnd, nach Hause gefahren hatte, nahm sie sich vor, Jon als erstes dort hinaufzunehmen und ihm »die Aussicht« unter diesem Maihimmel zu zeigen.
Sie freute sich mit einer Mütterlichkeit, die trotz Val unerschöpflich war, auf ihren jungen Halbbruder. Bei einem dreitägigen Besuch in Robin Hill, bald nach ihrer Ankunft zu Hause, hatte sie ihn nicht gesehen – er war noch auf der Schule; so daß sie sich seiner, wie Val, nur als eines sonnenblondhaarigen kleinen Buben erinnerte, der blau und gelb gestreift unten am Teich gestanden hatte.
Diese drei Tage in Robin Hill waren aufregend, traurig und verwirrend gewesen. Erinnerungen an ihren toten Bruder, Erinnerungen an Vals Bewerbung, das Altern ihres Vaters den sie zwanzig Jahre nicht gesehen hatte, etwas Todtrauriges in seiner ironischen Sanftheit, das ihr, die einen so feinen Instinkt hatte, nicht entgehen konnte; vor allem die Gegenwart ihrer Stiefmutter, derer sie sich noch vage als der »Dame in Grau« aus den Tagen erinnerte, wo sie jung war, ihr Großvater noch lebte und Mademoiselle Beauce so böse war, weil dieser Eindringling ihr Musikstunden gab – alles dies verwirrte und quälte ihr Gemüt, das sich gesehnt hatte, Robin Hill ungetrübt vorzufinden. Aber Holly war gewohnt, dergleichen für sich zu behalten, und so hatte es den Anschein gehabt, als ginge alles gut.
Mit Lippen, die zitterten, wie sie deutlich merkte, hatte ihr Vater sie geküßt, als sie ihn verließ.
»Der Krieg hat Robin Hill nicht verändert, nicht wahr, meine Liebe?« sagte er. »Wenn du nur Jolly hättest mit zurückbringen können! Sage, kannst du dies spiritistische Gerede vertragen? Wenn die Eiche stirbt, stirbt sie, fürchte ich.«
Aus der Wärme ihrer Umarmung erriet er wahrscheinlich, daß er die Katze aus dem Sack gelassen hatte, denn er verfiel sogleich wieder in seine Ironie.
»Spiritismus – sonderbares Wort. Je mehr sie offenbaren, desto mehr beweisen sie, daß sie mit der Materie zu tun haben.« »Wie das?« sagte Holly.
»Nun! Sieh dir ihre Photographien der Auraausstrahlungen an. Du mußt etwas Materielles haben, worauf Licht und Schatten fällt, bevor du eine Photographie aufnehmen kannst. Nein, es wird damit enden, daß wir alle Materie Geist nennen, oder allen Geist Materie – ich weiß nicht, welches von beiden.«
»Aber glaubst du nicht an ein Leben nach dem Tode, Papa?«
Jolyon hatte sie angesehen, und der launige Ernst seines Gesichts hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht.
»Meine Liebe, ich möchte dem Tode gern etwas abgewinnen. Ich habe da ein wenig hineingeschaut. Aber beim besten Willen kann ich nichts finden, für das Telepathie, Unterbewußtsein und Emanation aus dem Warenhaus dieser Welt nicht ebensogut herhalten können. Ich wünschte, ich könnte es! Der Wunsch ist zwar Vater des Gedankens, erbringt aber doch keinen Beweis.«
Holly hatte nochmals ihre Lippen auf seine Stirn gepreßt und meinte seine Theorie, daß alle Materie Geist würde, bestätigt zu sehen – seine Stirn fühlte sich unkörperlich an.
Aber die lebhafteste Erinnerung dieses kurzen Besuches war die unbemerkte Beobachtung ihrer Stiefmutter, die einen Brief von Jon las. Es war entschieden der reizendste Anblick, den sie je gehabt. In den Brief ihres Jungen vertieft, stand Irene an einem Fenster, wo das Licht auf ihr Gesicht und das schöne graue Haar fiel; ihre Lippen bewegten sich lächelnd, ihre dunkeln Augen lachten, leuchteten, und die Hand, die den Brief nicht hielt, war an die Brust gepreßt. Dieses Bild vollkommener Liebe gab Holly die Überzeugung, daß Jon nett sein mußte. Als sie ihn mit einer Ledertasche in jeder Hand vom Bahnhof kommen sah, war sie in ihrer Vorahnung bestärkt. Er war Jolly, diesem längst verlorenen Idol ihrer Kindheit, ein wenig ähnlich, aber der Blick war lebhafter und sein Wesen weniger förmlich, die Augen tiefer und das Haar heller, denn er trug keinen Hut; im ganzen genommen ein sehr interessanter »kleiner« Bruder!
Seine schüchterne Höflichkeit entzückte sie, die an Sicherheit im Benehmen der Jugend gewöhnt war; er war verwirrt, weil sie ihn nach Hause fahren wollte, anstatt daß er sie fuhr. Sollte er es nicht versuchen? Sie hätten seit dem Kriege allerdings kein Auto in Robin Hill, und er sei nur einmal gefahren und auf einer Böschung gelandet, also brauche sie nichts gegen den Versuch zu haben. Sein leises, ansteckendes Lachen war sehr anziehend. Als sie zu Hause anlangten, zog er einen zerknüllten Brief hervor, den sie las, während er sich wusch – einen ganz kurzen Brief, den zu schreiben ihren Vater wohl viel Überwindung gekostet haben mußte.
»Meine Liebe!
Du und Val werden, hoffe ich, nicht vergessen, daß Jon nichts von der Familiengeschichte weiß. Seine Mutter und ich denken, daß er jetzt noch zu jung dazu ist. Der Junge ist sehr lieb und ihr Augapfel. Verbum sapientibus.
Dein Dich liebender Vater
J. F.
Das war alles; aber es erneute in Holly ein unbehagliches Bedauern, daß Fleur kommen sollte.
Nach dem Tee erfüllte sie sich selbst ihren Wunsch und nahm Jon mit auf die Anhöhe. Sie hatten ein langes Gespräch, während sie dort über einer alten Kreidegrube saßen, die ganz mit Brombeeren und Labkraut überwachsen war. Milchwurz und Leberkraut besternten den grünen Abhang, die Lerchen sangen und die Amseln im Gebüsch, und dann und wann kreiste eine Möwe, die an Land flog, sehr weiß am verblassenden Himmel, wo der ferne Mond aufging. Ein köstlicher Wohlgeruch wehte zu ihnen herüber, als liefen unsichtbare kleine Wesen umher, die Duft aus Blättern und Gräsern traten.
Jon, der ganz verstummt war, sagte plötzlich:
»Es ist wundervoll hier! Nichts, das stören könnte. Möwenflug und Schafglocken – –«
»Möwenflug und Schafglocken! Du bist ein Dichter, mein Lieber!«
Jon seufzte:
»Du lieber Himmel! Wo denkst du hin!«
»Versuche es! Ich tat es auch in deinem Alter.«
»Wirklich? Mutter sagt auch: ›versuche es‹; aber ich bin so faul. Kannst du mir etwas von deinen Gedichten zeigen?«
»Mein Lieber«, erwiderte Holly, »ich bin neunzehn Jahre verheiratet. Ich schrieb nur Verse, als ich wünschte, es zu sein.«
»Ach!« sagte Jon und wandte das Gesicht ab: die eine Wange, die sie sehen konnte, war von köstlicher Farbe. Hatte Jon sich wohl schon die Finger verbrannt, wie Val es nennen würde? Schon? Wenn es so war, desto besser, dann würde er Fleur nicht beachten. Überdies sollte er am Montag mit der Landwirtschaft beginnen. Und sie lächelte. War es Burns, der hinter dem Pfluge hergegangen war, oder nur Piers Plowman? Fast jeder junge Mann und die meisten jungen Mädchen waren heutzutage Dichter, nach der Anzahl ihrer Bücher zu urteilen, die sie draußen in Südafrika gelesen hatte; und auch ganz gute, viel bessere, als sie selbst gewesen waren! Aber die Poesie war seit ihrer Zeit eigentlich erst mit den – Automobilen gekommen. Nach Tisch noch ein langes Gespräch bei einem Holzfeuer in der niedrigen Halle, und es schien wenig übrigzubleiben, was sie von Jon nicht wußte, ausgenommen einiges von wirklicher Wichtigkeit. Holly trennte sich an seiner Schlafzimmertür von ihm, nachdem sie zweimal nachgesehen, ob er alles hatte, und war überzeugt, daß sie ihn liebgewinnen und Val ihn gern mögen würde. Er war eifrig, aber nicht überströmend; er war ein glänzender Zuhörer, sympathisch, verschwiegen über sich selbst. Er liebte offenbar ihren Vater und betete seine Mutter an. Er liebte Reiten, Rudern und Fechten mehr als Spiele. Er rettete Motten aus der Flamme und konnte Spinnen nicht vertragen, trug sie aber lieber in einem Stückchen Papier hinaus, als daß er sie tötete. Mit einem Wort, er war liebenswürdig. Sie ging schlafen mit dem Gedanken, daß er furchtbar leiden würde, wenn jemand ihn verletzte; aber wer sollte ihn verletzen?
Jon dagegen saß wach mit einem Stück Papier und einem Bleistift in der Hand am Fenster und schrieb sein erstes »wirkliches Gedicht« beim Licht einer Kerze, weil nicht Mondlicht genug war, um dabei zu sehen, nur genug, die Nacht unwirklich und wie in Silber getaucht erscheinen zu lassen. Just die Nacht, für Fleur zu wandern und sich umzuschauen und weiter zu gehen – über die Hügel und weit, weit fort. Und Jon, die offene, freie Stirn in tiefen Falten, machte Zeichen auf das Papier und rieb sie wieder aus, um sie abermals aufzuschreiben, und tat alles, was für die Vollendung eines Kunstwerks notwendig ist; und er hatte ein Gefühl, wie die Frühlingswinde es haben müssen, wenn sie ihren ersten Sang unter den kommenden Blüten versuchen. Jon war einer jener Knaben (es gibt nicht viele), in denen eine von Haus aus eingeimpfte Schönheitsliebe das Schulleben überdauert. Er hatte es natürlich in sich verschließen müssen, so daß nicht einmal sein Zeichenlehrer etwas davon wußte; aber es war da, lebte stolz und rein in ihm. Und sein Gedicht kam ihm so lahm und gekünstelt vor, wie die Nacht beschwingt. Aber er behielt es trotzdem. Es war »Torheit«, doch besser denn nichts, als Ausdruck des Unaussprechlichen. Und beinah niedergeschlagen dachte er: »Ich werde es Mutter nicht zeigen können.« Als er, überwältigt von allem Neuen, endlich einschlief, schlief er entsetzlich gut.
Siebentes Kapitel: Fleur
Um das Peinliche von Fragen zu vermeiden, die nicht beantwortet werden konnten, war Jon nichts weiter gesagt worden als:
»Es kommt ein junges Mädchen am Ende der Woche mit Val heraus.«
Aus demselben Grunde war alles, was Fleur gesagt wurde: »Es wohnt ein junger Mann bei uns.«
Die beiden Jährlinge, wie Val sie in seinen Gedanken nannte, trafen sich daher auf eine Weise, die an Unvorbereitetsein nichts zu wünschen übrigließ. Holly stellte sie einander so vor: »Dies ist Jon, mein kleiner Bruder; Fleur ist eine Kusine von uns, Jon.«
Jon, der durch die hohe Glastür aus starkem Sonnenlicht hereinkam, war von dem unvorhergesehenen Wunder so betroffen, daß er Zeit gewann, Fleur ruhig sagen zu hören: »Oh, sehr angenehm!«, als wenn er sie nie gesehen hätte und undeutlich aus der denkbar schnellsten kleinen Bewegung ihres Kopfes zu verstehen, daß er sie nie gesehen hatte. Er neigte sich daher ganz trunken über ihre Hand und war schweigsamer als das Grab. Er hütete sich zu sprechen. Einmal in seiner frühesten Kindheit, als er lesend bei einem Nachtlicht überrascht wurde, hatte er töricht gesagt: »Ich habe nur die Blätter umgewendet, Mama«, und seine Mutter hatte erwidert: »Jon, sage nie eine Lüge, deines Gesichts wegen – niemand wird sie dir je glauben.«
Dieser Ausspruch hatte für immer das notwendige Vertrauen zu dem Erfolg der gesprochenen Unwahrheit untergraben. Er hörte daher Fleurs gewandte und lebhafte Bemerkungen darüber, wie hübsch sie alles finde, mit an, versah sie mit Gebäck und Marmelade und entfernte sich, sobald es ging. Man sagt, daß man im Delirium tremens einen, vorzugsweise dunkeln bestimmten Gegenstand sehe, der plötzlich Gestalt und Lage verändert. Jon sah den bestimmten Gegenstand; er hatte dunkle Augen und ziemlich dunkles Haar, und er änderte seine Lage, aber nie die Gestalt. Das Bewußtsein, daß zwischen ihm und dem Gegenstand bereits ein geheimes Einverständnis bestand (wie unmöglich es auch zu verstehen war), durchzitterte ihn so, daß er fieberhaft wartete und sein Gedicht abzuschreiben begann – das er ihr natürlich nie zu zeigen wagen würde –, bis der Klang von Pferdehufen ihn weckte und er vom Fenster aus Val mit ihr fortreiten sah. Es war klar, daß sie keine Zeit vergeudete, aber der Anblick schmerzte ihn. Er vergeudete die seine. Wäre er in seiner furchtbaren Erregung nicht davongelaufen, hätten sie ihn vielleicht aufgefordert, mitzukommen. Und von seinem Fenster aus beobachtete er ihr Verschwinden, sah sie auf der Straße wieder erscheinen und noch einmal für eine Minute klar am Rande der Hügelkette auftauchen. »Alberner Tropf!« dachte er, »ich versäume immer die Gelegenheit.«
Weshalb konnte er nicht Selbstvertrauen haben und bereit sein? Er legte sein Kinn auf die Hand und stellte sich den Ritt vor, den er mit ihr hätte machen können. Fünf Tage waren nur fünf Tage, und nun hatte er drei Stunden davon versäumt. Gab es irgend jemand außer ihm, der solch ein Dummkopf gewesen wäre wie er? Er kannte keinen.
Er kleidete sich früh zu Tisch an und war zuerst unten. Er wollte nichts mehr versäumen. Aber er vermißte Fleur, die zuletzt herunterkam. Er saß ihr bei Tisch gegenüber, und es war furchtbar – unmöglich, etwas zu sagen, aus Furcht, das Falsche zu sagen; unmöglich, sie unbefangen anzuschauen; unmöglich, sie, mit der er im Geiste schon über alle Berge und weit fort gewesen, normal zu behandeln; in dem Bewußtsein dazu, die ganze Zeit, daß er ihr und allen andern wie ein stummer Tölpel vorkommen mußte. Ja, es war entsetzlich! Und sie sprach so sicher – schwebte leichtbeschwingt hierhin und dorthin. Wunderbar, wie sie eine Kunst beherrschte, die er so gräßlich schwer fand. Sie mußte ihn in der Tat für hoffnungslos halten!
Die Augen seiner Schwester, die mit einigem Erstaunen auf ihn gerichtet waren, nötigten ihn schließlich, Fleur anzublicken; aber sofort schienen ihre Augen, sehr eifrig und sehr weit geöffnet, zu sagen: »Um Gottes willen!« und zwangen ihn, Val anzusehen, dessen Grinsen ihn wieder zwang, auf sein Kotelett zu blicken, das wenigstens keine Augen und kein Grinsen hatte, und es hastig zu verzehren.
»Jon ist im Begriff, Landwirt zu werden«, hörte er Holly sagen; »Landwirt und Dichter.«
Er blickte vorwurfsvoll auf, sah ein komisches Hochziehen ihrer Brauen wie das ihres Vetters, lachte und fühlte sich besser.
Val erzählte den Vorfall mit Monsieur Profond, und nichts hätte günstiger sein können, denn während er erzählte, sah er Holly an, die wieder ihn ansah, während Fleur mit leisem Stirnrunzeln irgendeinen eigenen Gedanken zu betrachten schien und Jon endlich sie anschauen konnte. Sie hatte ein weißes Kleid an, das sehr einfach und gut gemacht war; ihre Arme waren bloß, und in ihrem Haar steckte eine weiße Rose. In diesem raschen Augenblick freien Anschauens nach so intensivem Unbehagen sah Jon sie verklärt wie einen schlanken weißen Obstbaum, den man im Dunkeln sieht, empfand sie wie den Vers eines Gedichts, der im Geist vor einem aufblitzt, oder einen Ton, der in weiter Ferne verhallt.
Er hätte gar zu gern gewußt, wie alt sie war – sie schien soviel selbstbewußter und erfahrener als er. Weshalb durften sie nicht sagen, daß sie sich getroffen hatten? Er erinnerte sich plötzlich des Gesichtes seiner Mutter, das bestürzt war, verletzt aussah, als sie antwortete: »Ja, es sind Verwandte, aber wir kennen sie nicht.« Unmöglich, daß seine Mutter, die Schönheit liebte, Fleur nicht bewundern sollte, wenn sie sie kannte!
Als er nach Tisch mit Val allein blieb, nippte er ehrfurchtsvoll an dem Portwein und antwortete auf die Vorschläge seines neugewonnenen Schwagers. Zum Reiten (immer das erste, was bei Val in Betracht kam) könnte er den jungen Chestnut haben, ihn selbst satteln und absatteln und nach ihm sehen, wenn er ihn hereinbrachte. Jon sagte, daß er von zu Haus an all das gewöhnt sei, und sah, daß er in der Achtung seines Wirtes um eine Stufe höher gestiegen war.
»Fleur«, sagte Val, »kann noch nicht gut reiten, aber sie ist kühn. Ihr Vater natürlich kann ein Pferd nicht von einem Wagenrad unterscheiden. Reitet dein Papa?«
»Er pflegte es zu tun; aber jetzt ist er – du weißt, er ist –« Er hielt inne, denn er haßte das Wort »alt« so. Sein Vater war alt und doch nicht alt; nein – nie!
»Ja, ja«, sagte Val. »Ich kannte deinen Bruder von Oxford her, vor langer Zeit, den, der im Burenkrieg starb. Wir hatten einen Kampf im Garten des New College. Das war eine sonderbare Geschichte«, fügte er nachdenklich hinzu; »es zog vieles nach sich.«
Jons Augen öffneten sich weit; alles drängte ihn zu historischer Untersuchung, als die Stimme seiner Schwester sanft von der Tür her sagte:
»Kommt doch her, ihr beiden«, und er erhob sich, da sein Herz ihn zu etwas drängte, das viel mehr zeitgemäß war.
Nachdem Fleur erklärt hatte, daß es »einfach zu wundervoll wäre, um drinnen zu bleiben«, gingen sie alle hinaus. Das Mondlicht machte den Tau frösteln, und eine alte Sonnenuhr warf einen langen Schatten. Zwei Buchsbaumhecken im rechten Winkel, breit und dunkel, sperrten den Obstgarten ab. Fleur ging durch die Öffnung und rief: »Kommen Sie mit!« Jon blickte auf die andern und folgte. Sie lief wie ein Geist zwischen den Bäumen. Alles war lieblich und wie Schaum über ihr, und es roch nach alten Baumstämmen und nach Nesseln. Sie verschwand. Er dachte, daß er sie verloren hatte, aber da rannte er sie beinah um, da sie ganz still dastand.
»Ist das nicht herrlich?« rief sie, und Jon erwiderte:
»Sehr!«
Sie streckte die Hand aus, zupfte eine Blüte ab, drehte sie zwischen den Fingern und sagte:
»Ich darf Sie doch Jon nennen, nicht wahr?«
»Selbstverständlich.«
»Gut denn! Aber Sie wissen doch, daß da eine Fehde zwischen unseren Familien ist?«
»Eine Fehde?« stammelte Jon. »Weshalb?«
»Das ist ja eben so romantisch und albern. Deshalb tat ich, als kennten wir uns nicht. Wollen wir morgen früh aufstehen und vor dem Frühstück einen Spaziergang machen und uns über alles aussprechen? Ich hasse es, etwas aufzuschieben, Sie nicht auch?«
Jon stimmte begeistert zu.
»Sechs Uhr also. Ich finde Ihre Mutter entzückend.«
Jon sagte feurig: »Ja, das ist sie.«
»Ich liebe alles Schöne«, fuhr Fleur fort, »wenn es aufregend ist. Aber Griechisches mag ich gar nicht.«
»Wie? Nicht Euripides?«
»Euripides? Ach! Nein! Ich mag griechische Stücke nicht leiden; sie sind so lang. Ich finde, man muß Schönheit immer rasch genießen. Ich sehe mir zum Beispiel gern ein Bild an und laufe dann davon. Ich vertrage nicht so viele Dinge auf einmal. Sehen Sie!« Sie hielt ihre Blüte in das Mondlicht. »Das ist besser als der ganze Garten, finde ich.«
Und plötzlich ergriff sie mit der andern Hand die seine.
»Finden Sie nicht, daß von allem in der Welt Vorsicht das Schrecklichste ist? Riechen Sie das Mondlicht!«
Sie hielt ihm die Blüte dicht vors Gesicht; Jon pflichtete taumelig bei, daß von allem in der Welt Vorsicht das Schrecklichste sei, beugte sich vor und küßte die Hand, die die seine hielt. »Das ist hübsch und altmodisch«, sagte Fleur gelassen. »Sie sind furchtbar schweigsam, Jon. Aber ich liebe Schweigen, wenn es nicht lange dauert.« Sie ließ seine Hand los. »Glaubten Sie, daß ich mein Taschentuch absichtlich fallen ließ?«
»Nein!« rief Jon ganz entrüstet.
»Aber ich tat es natürlich. Jetzt wollen wir zurück, sonst denken sie, wir tun dies auch absichtlich.« Und wieder rannte sie wie ein Geist unter die Bäume. Jon folgte ihr, mit Liebe im Herzen, Frühling im Herzen, und über allem die mondbeschienene, weiße, unirdische Blüte. Sie kamen heraus, wo sie hineingegangen waren, Fleur jetzt ernst und gesetzt.
»Es ist ganz wundervoll da drinnen«, sagte sie träumerisch zu Holly.
Jon bewahrte Schweigen, in der leisen Hoffnung, Anerkennung bei ihr zu finden.
Sie sagte ihm flüchtig und ernst gute Nacht, was ihm das Gefühl gab, geträumt zu haben ...
In ihrem Schlafzimmer hatte Fleur ihr Kleid abgeworfen, und in ein formloses Gewand gehüllt, die weiße Blume noch im Haar, sah sie aus wie eine Mousmé, als sie da mit untergeschlagenen Beinen auf ihrem Bett saß und bei Kerzenlicht schrieb.
»Liebste Cherry!
Ich glaube, ich bin verliebt. Es sitzt mir im Halse, nur ist das Gefühl eigentlich tiefer unten. Er ist ein entfernter Vetter – ein solches Kind, etwa sechs Monate älter und zehn Jahre jünger als ich. Jungens verlieben sich immer in Frauen, die älter sind als sie, und Mädchen in jüngere oder in alte Männer von vierzig. Lache nicht, aber seine Augen sind die treuesten, die ich je gesehen; und er ist göttlich schweigsam! Wir hatten eine höchstromantische erste Begegnung unter der Juno von Vospovitsch. Und jetzt schläft er im Nebenzimmer, und der Mondschein fällt auf die Blüten, und morgen früh, bevor jemand auf ist, machen wir einen Spaziergang ins Hügelmärchenland. Es ist eine Fehde in unseren Familien, die alles sehr aufregend macht. Ja! und ich werde wohl Vorwände brauchen und Dich um Einladungen bitten – wenn es so kommt, wirst Du wissen warum! Mein Vater wünscht nicht, daß wir uns kennen, aber da kann ich ihm nicht helfen. Das Leben ist kurz. Er hat die entzückendste Mutter mit silbrigem Haar und einem jungen Gesicht mit dunkeln Augen. Ich bin bei seiner Schwester zum Besuch – die meinen Vetter geheiratet hat; es ist alles sehr verwickelt, aber ich werde sie morgen auspumpen. Wir haben oft darüber gesprochen, daß Liebe ein Spielverderber ist; aber das ist alles Unsinn, es ist der Anfang eines Spieles, und je eher Du sie fühlst, meine Liebe, desto besser für Dich.
Jon (nicht einfach so geschrieben, sondern Abkürzung für Jolyon, ein Name, der in unserer Familie üblich ist, wie man sagt) gehört zu denen, die leicht entflammt sind und dann verlöschen, ist etwa fünf Fuß zehn, noch im Wachsen, und ich glaube, er wird ein Dichter. Wenn Du über mich lachst, bin ich für immer fertig mit Dir. Ich sehe allerlei Schwierigkeiten, aber Du weißt, wenn ich wirklich etwas haben will, bekomme ich es. Eine der Hauptwirkungen der Liebe ist, daß man die Luft gewissermaßen bewohnt sieht, wie man ein Gesicht im Mond sieht; und man fühlt sich – fühlt sich wirblig und sanft zu gleicher Zeit, mit einer seltsamen Empfindung gerade über dem Leibchen – als atme man fortwährend den Duft von Orangeblüten ein. Dies ist meine erste, und ich habe das Gefühl, als werde es meine letzte sein, was natürlich sinnlos wäre bei all den Gesetzen der Natur und Moral. Wenn Du mich verspottest, erschlage ich Dich, und wenn Du es irgend jemand sagst, verzeihe ich es Dir nie. Ich weiß noch gar nicht, ob ich diesen Brief abschicken soll. Jedenfalls will ich es erst überschlafen. Also, gute Nacht. Ach! meine Cherry –!
Deine
Fleur.«
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