Kitabı oku: «Es gibt keine Wiederkehr»

Yazı tipi:

John Mair

Es gibt keine Wiederkehr

Ein Klassiker des Polit-Thrillers

Herausgegeben von

Martin Compart

Übersetzung ins Deutsche von Jakob Vandenberg


INHALT

Es gibt keine Wiederkehr

Der vergessene Klassiker

Nachwort von Martin Compart

Var. Und was sagen diese Magier oder Weisen über jene wilden Geister, welche in den Einöden hausen? Luc. Von ihnen schweigen sie; nur dieses eine sagen sie: Dass jene, die sie aufsuchen, sei es durch Zufall oder aus freien Stücken, niemals wiederkehren.

Nicholas Ryam: A Brief Discourse upon the History, Polity and Religion of the Golden Tartars, London 1697

ERSTES KAPITEL

A. phalloides, allgemein bekannt als «weiße» oder tödliche Amanita bzw. als Grüner Knollenblätterpilz, und die verwandte Art Amanita verna (der «Todesengel» von Bulliard – ach, der poetische alte Bulliard!) sind verantwortlich für die allermeisten tödlich verlaufenden Pilzvergiftungen. A. phalloides ist strahlend weiß, wenn man von der Haube absieht, die ins Bernsteinfarbene spielen kann. Seinen Namen verdankt der Pilz der Ähnlichkeit mit einem Phallus, allerdings ist die Analogie bei weitem nicht so evident wie im Fall des Phallus inpudicus (sic!). Die Giftigkeit ist jedenfalls hoch ausgeprägt, und schon kleine Portionen können den Tod herbeiführen (gut!).

Symptome: Ein Prodromalstadium von sechs bis zwölf Stunden ohne manifeste Symptomatik weicht einer Phase heftigster Schmerzen im Unterleib, begleitet von Erbrechen und Durchfall, wobei das Erbrochene Blut und Schleim enthält. Auf Phasen abklingender Beschwerden folgen krampfartige Schmerzattacken mit erneutem Erbrechen; im Französischen heißt der charakteristische Ausdruck «la face voltueuse» (klingt wie eine der Beschreibungen von Bulliard). Ein Nachlassen der Kräfte, Erschöpfung, Zyanose, Gelbsucht und eine Kälte der Haut (hat sie ohnehin schon) stellen sich rasch ein, und im Zustand der Bewusstlosigkeit folgt der Tod binnen weniger Tage (zu langsam). Die Heilungschancen sind schlecht (gut), die Sterblichkeit liegt bei sechzig bis hundert Prozent (hervorragend).

Opiumvergiftung: Im postmortalen Zustand gibt es keine charakteristischen Hinweise, abgesehen vom Opiumgeruch des Mageninhalts. Häufig kommt es zu einem Blutandrang in der Lunge (noch nachschlagen!) und zu extremer Blässe der Haut. Der Magen befindet sich in der Regel in gutem Zustand. Opium selbst lässt sich nicht nachweisen, nur der Geruch und einige physikalische Eigenschaften, die leicht zu verbergen sind (gut). Toxizität: Fünf Samenkapseln sind für die meisten Menschen tödlich. (Klingt sehr vielversprechend. Weiter prüfen.)


Obwohl er sich an einem Ecktisch des Lesesaals akribisch Notizen machte, wusste er nur zu genau, dass er Anna Raven niemals töten würde. Nicht, dass ihn sein Gewissen beschwert hätte (es sei denn, seine moralische Haltung hätte sich ins Gewand der Trägheit gehüllt). Es fehlte ihm einfach an Entschlossenheit zu einem Werk, das einen wirklich hohen Aufwand an Planung, Vorbereitung und Sorgfalt in der Durchführung erforderte, zumal er nicht die Nerven besaß, die Angst vor allmählicher Entdeckung und übler Strafe zu ertragen. Sein Entschluss, Anna zu töten, entsprang seiner Schwäche, er war ein letzter Versuch, einem öden und endlosen Unglück zu entfliehen.

Deprimiert begriff er, dass all seine sorgfältigen Nachforschungen auf dem Gebiet der kriminalistischen Chemie ebenso töricht und selbstvergessen ausfielen wie die Exzerpte der übrigen Besucher. Eigentlich war er ein Bruder im Geiste jenes alten Knaben am Tisch E 17, dessen wirr wuchernder grauer Bart für alle Ewigkeit über ein riesiges Faksimile des Codex Vaticanus kratzte, welchen er dem Vernehmen nach in ein umgangssprachliches Aramäisch übersetzte – als Vorstufe zu einer sorgsamen Übertragung ins historische Hochhebräisch. Das Los dieses Alten war umso beklagenswerter, als er der Cousin jener fülligen kleinen Dame am Tisch K 11 war, die eine zweifellos fingierte wissenschaftliche Arbeit vorschob, um sich ohne Unterlass in leicht anstößige französische Romane des 18. Jahrhunderts zu vertiefen. In ferner Zukunft wäre er vermutlich selbst vollkommen verrückt, und Besuchern gegenüber würde man mit respektvollem Spott auf einen alten Mann weisen und ihnen zuflüstern, er plane den Giftmord an einer Frau, die bereits vor fünfzehn Jahren an Altersschwäche gestorben sei.

Viertel nach zwei. International Features verlangte nach ihm. «Aber selbstverständlich», so hatte es Mr. Poole oft genug ausgedrückt, wobei er seinen Kopf zur Seite legte und sich wie ein großherziger, schüchterner Trotzki über den kleinen Bart strich, «selbstverständlich erwarte ich von meinen Redakteuren nicht die gleiche strikte Pünktlichkeit, die unser Unternehmen bei den jungen Mitarbeitern voraussetzt, und ich weiß ja auch, wie sehr Ihnen, Thane, Ihre, nun ja, demokratischen Freiheiten am Herzen liegen, hehe!» (Er kicherte immer bei diesen dezenten Abschweifungen, die er für kultivierten Humor hielt.) «Aber Sie wissen ja Bescheid, unsere Direktoren machen die Regeln, nicht ich, und sollten sie uns dabei ertappen, wie wir, hm, uns verspäten, möchten sie vielleicht unsere – hehe – Angelegenheiten und Affären näher begutachten!»

Nein, heute wäre er der eisernen Faust des Mr. Poole in ihrem rüschenbesetzten Handschuh durchaus gewachsen; und während er die Bahnhofshalle durcheilte, die Treppe hinab Richtung New Oxford Street, ordnete er im Kopf bereits sein Arbeitspensum für den Nachmittag. Unterschwellig jedoch kreisten seine Gedanken unablässig und zwanghaft von einem Punkt seines Dilemmas zum nächsten: Wie könnte er bloß über Anna Raven hinwegkommen, sie besitzen und wieder loswerden?


Er war sich später niemals wirklich sicher, ob sein anfängliches Interesse an ihr sich tatsächlich rein zufällig ergeben hatte. Das Café Royal war gut besucht, aber auch nicht so voll, dass der leere Platz an ihrem Tisch der einzige freie Stuhl gewesen wäre. Und ihr Äußeres war keineswegs von herausragender Attraktivität. Eine dunkelhaarige, kräftige Frau Anfang dreißig; besonders ins Auge fielen ihre schlanken Finger und ihr schnelles Mundwerk – Eindruck machte sie erst ganz allmählich und nicht auf den ersten Blick. Je länger Desmond sie kannte, desto weniger hätte er ihre körperlichen Eigenschaften beschreiben können. Wenn er später über seinen allerersten Eindruck nachdachte, war es eine freudige Überraschung, dass eine Dame, die allein an einem Tisch saß, einen wirklich guten Burgunder trank.

Nachdem er den Raum zweimal umkreist hatte, blieb er vor ihrem Tisch stehen.

«Dürfte ich mich setzen? Oder erwarten Sie eine Freundin?»

«Ich erwarte niemanden. Ich habe keine Freunde.»

Erst jetzt nahm er sie zum ersten Mal wahr.

Es war die Zeit zu Beginn des Krieges, als man Fremde noch ansprechen konnte, ohne mit Argwohn betrachtet oder als Trunkenbold abgetan zu werden. Desmond jedenfalls imponierte die direkte Art dieser Frau, die sich später als Anna Raven vorstellte, und so begann er ein Gespräch. Sie behauptete, aus dem Süden Englands zu stammen; und obwohl ihr Englisch nach jener unnatürlichen Übergenauigkeit des gebildeten Ausländers klang, hätte er – außer auf diesem intuitiven Weg – keine Einwände gegen ihre englische Herkunft vorbringen können. Jedenfalls wusste sie sich auszudrücken, und sie war ohne Frage ungewöhnlich intelligent. Dabei fehlte es ihr aber offenbar an speziellen Interessen und Neigungen, oder sie wusste diese gut zu verbergen; jedenfalls vermittelte sie den Eindruck einer selbstbewussten Person von unbegrenzter Kompetenz auf ihrem speziellen Arbeitsgebiet. Sie war stark. Sie war ungewöhnlich. Sie zog ihn an.

Desmond selbst wusste ziemlich genau, dass er eine außerordentlich gute Figur machte. Seine Eloquenz ließ ihn klüger erscheinen, als er tatsächlich war, er konnte sich rasch auf jeden Zuhörer einstellen, und er beherrschte die schwere Kunst, zu schmeicheln und gleichzeitig distanziert zu wirken. Seiner Eitelkeit zum Trotz war er klüger, als die meisten Leute glaubten (wenn auch weniger klug, als er selbst annahm), und als er sich an diesem Abend in Positur setzte, um nach Bekannten Ausschau zu halten, in Wirklichkeit aber, um sein eindrucksvolles römisches Profil zu präsentieren, wusste er nicht nur ganz genau, was er da tat, sondern es war ihm dabei auch vollkommen klar, dass Anna sein Manöver ebenfalls durchschaute und sein Gehabe als Kompliment auffassen würde. Tatsächlich beherrschte Desmond in der Regel die Technik derartiger Zufallsbegegnungen. Die Kontrolle verlor er nur dann, wenn seine Gefühle das Ruder übernahmen.

Eine ganze Stunde lang plauderten sie beiläufig und unpersönlich. Schließlich blickte sie ihm direkt in die Augen und sagte:

«Es ist spät. Ich muss gehen.»

«Darf ich Sie vielleicht nach Hause begleiten?»

Sie schwieg einen Augenblick. «Ja», erwiderte sie dann ganz langsam in ihrem pedantischen Englisch, «ich wäre Ihnen wirklich sehr verbunden.»

Desmond verspürte plötzlich das Flackern eines Zweifels: nicht das flüchtige Gefühl von Langeweile und ermüdenden Selbstzweifeln, die er schon so oft in vergleichbaren Situationen erlebt hatte, sondern eine blitzartige Vorahnung künftiger Komplikationen, so wie ein Kopfschmerz dem nahenden Gewitter vorauseilt. Er schob seinen Stuhl geräuschvoll zurück und half ihr in den Mantel.

Im Taxi schwiegen beide. Sie rückte nicht nahe an ihn heran, lehnte sich aber auch nicht zur Seite, sondern saß ganz einfach und ungezwungen neben ihm. Ihre Hand ruhte auf dem Sitz zwischen ihnen, und nach einer Weile legte er die seine darauf und streichelte ihre Finger. Sie blieb vollkommen desinteressiert und unbeteiligt, sodass Desmond, der diese Haltung passiven Widerstands gelegentlich selbst angewandt hatte, aber von Frauen nicht gewohnt war, sich zunächst ein wenig ärgerte und schließlich wirklich ratlos schien. Anna war nicht kalt, sondern ruhig; nicht distanziert, sondern eher gedankenverloren. Ihm war, als habe er Buddha anstößige Avancen gemacht. Er räusperte sich und sagte:

«Ich glaube, der Taxameter beweist als einzige Uhr tatsächlich, dass Zeit Geld ist. Wenn Big Ben nach dem gleichen Prinzip funktionierte und den Staatshaushalt in Tausenderschritten zählte, würde sich die Wählerschaft vermutlich viel mehr für die Politik der Regierung interessieren.»

Sie schwieg weiter, und er fühlte sich so unbeholfen und lächerlich wie schon seit vielen Jahren nicht mehr.

Sie hielten an einem Platz in Bloomsbury vor einem großen Haus, dessen Inneres man in kleine Apartments unterteilt hatte. Der Wein, den Desmond getrunken hatte, war inzwischen vollständig verflogen, und während er nach Geld suchte, um den Fahrer zu bezahlen, hatte er das Interesse an diesem vermeintlich vielversprechenden Abenteuer bereits verloren, und er war entschlossen, sich auf der Außentreppe zu verabschieden. Doch als er sich umwandte, hatte Anna bereits die Haustür geöffnet und wartete im matten blauen Licht der Vorhalle auf ihn. So verzog er nur das Gesicht und folgte ihr nach oben.

Ihr Apartment war klein und nach konventionellem Geschmack komfortabel ausgestattet. In dieser Art hätte man das Mobiliar auch gut telefonisch bei irgendeinem teuren Laden in Auftrag geben können: Die Möbel wirkten ansehnlich, deuteten aber in keiner Weise auf persönliche Vorlieben hin. Diese Ausstattung verhielt sich zu wirklich gutem Geschmack wie das Menü eines großen Hotels zu einem wirklich guten Essen: Alles schien einfach und ordentlich für eine gut situierte Person arrangiert zu sein, die für Häuslichkeit absolut nichts übrig hatte. Das einzige markante Objekt im Raum war ein großer schwarzer Schreibtisch am Fenster, der auf merkwürdige Weise vom femininen Regency-Stil aller übrigen Stücke abstach. Der Tisch störte auf irritierende Weise, wie eine Bühnenrequisite, die sich ins falsche Stück verirrt, oder wie ein Zimmermannshammer, den jemand in einem fertig dekorierten Schaufenster vergessen hat.

Anna wandte sich nach ihm um. «Möchten Sie einen Brandy?»

«Danke, sehr gern.»

Sie reichte ihm ein Glas und ließ sich auf dem Sofa am Kamin nieder, wo sie sich eine Zigarette anzündete.

«Nehmen Sie selbst keinen?»

«Nein, hier trinke ich nie. Ich habe ihn nur für meine Gäste.»

Die Antwort verwirrte ihn, doch ihr Ton verwehrte weitere Fragen. Nach kurzem Zögern nahm er neben ihr Platz, legte seinen Arm um ihre Schultern und küsste sie auf den Mund. Ihre Lippen waren so kalt, dass die Wärme ihrer Zunge beinahe etwas Obszönes hatte; und als sie sich zurücklehnte, wobei sie ihn weder von sich stieß noch seine Küsse erwiderte, schien sie wie unter Drogen oder schlafend. Er ließ seine Hand den Rücken ihres Kleides hinabgleiten, dann berührte er ihre kleinen Brüste. Ihre Brustwarzen wurden unter seinen Fingern fester, sie selbst bewegte sich aber nicht, und ihr Atem blieb unverändert. Als er ihre Lippen wieder freigab, nahm sie erneut einen Zug aus ihrer Zigarette.

Er fühlte sich wie der ratlose Fachmann, der sich vorsichtig an eine ganz neue Art von Bombe herantastet und nach der Zündkapsel sucht. Ein Blindgänger womöglich, dachte er und unterdrückte ein Kichern. Sein Arm lag unbequem und verkrampfte sich, aber da Anna ihre Haltung ein wenig geändert hatte, konnte er die Hand nicht zurückziehen, ohne sie dabei nach vorn zu stoßen. Zum zweiten Mal an diesem Abend fühlte er sich unwohl, und so etwas mochte er nicht. Keiner von ihnen sagte ein Wort, und schließlich erhob er sich rasch.

«Wo habe ich eigentlich mein Glas abgestellt?»

Auf dem Weg zum Kaminsims blickte er in den Spiegel und sah, wie Anna ihn mit einem neugierigen Lächeln betrachtete, doch als er mit dem Glas in der Hand umkehrte, hatte sie sich wieder zurückgelehnt und ihren abwesenden Gesichtsausdruck angenommen.

Ein Spiel also, oder etwa nicht? Oder eine Gefühlsperversion, eine höhere Form von Masochismus – Vergnügen durch Passivität zu verhindern? Sogleich spürte er, überrascht, eine Welle der Zuneigung: Er hatte sein Selbstvertrauen wiedergefunden. Aber nun war sie am Zug: Wollte sie spielen, musste sie jetzt einen Zug anbieten. Er blieb vor ihr stehen, schaute auf sie herab und schwieg entschlossen.

Sie erhob sich.

«Ich bin müde und muss ins Bett», sagte sie und zog einen Vorhang zurück, der zunächst nur eine Bettnische abzutrennen schien, doch dann betrat sie ein großes Schlafzimmer.

Erneut war Desmond verunsichert, zögernd bewegte er sich auf die Tür zu.

«Ja, es ist ziemlich spät. Ich bin selbst sehr müde, ich muss morgen früh zur Arbeit.»

Sie antwortete nicht, kehrte ihm aber den Rücken zu und streifte ihr Kleid ab. Sofort kehrte Desmond um und fasste sie bei den Schultern. Kaum hatte er sie berührt, wandte sie ihm das Gesicht zu, sie schlang einen Arm um seinen Hals und zog seinen Mund zu sich herab. Mit der freien Hand fingerte sie an seinen Hemdknöpfen.

«Zündkapsel», sagte er.

Beide lachten.


Während der ersten Monate verlief ihre Beziehung so zufriedenstellend, wie ein abgeklärter Genussmensch sie sich nur wünschen konnte. Sie teilten gemeinsame Vorlieben, sie erhoben keinerlei Ansprüche auf den anderen, und als Geliebte erwies Anna sich als einfühlsam und raffiniert und von einer stets anziehenden Sinnlichkeit, die ohne Leidenschaft auskam. Desmond jedoch, trotz aller intellektuellen Wertschätzung einer solchen Affäre, wurde dieser vollendeten und doch kalten Erotik rasch überdrüssig; ihm fehlten jene Gefühle, die er nach außen hin verabscheute. So wuchs in ihm, wonach er sich sehnte: Während die Lust dahinging, keimte die Zuneigung, und er verliebte sich in eine Frau, deren körperliche Reize er nicht mehr empfand. Nun interessierte er sich für Annas Leben und ihre persönlichen Dinge; was er dabei erfuhr, missfiel ihm zwar, doch das änderte nichts an seinem Verlangen, sie voll und ganz zu besitzen. Man hört gelegentlich von jenem Typus von Mann, der alles zerstört, was er liebt – doch gibt es auch jene, die zwanghafte Liebe empfinden, wo sie mit voller Absicht zerstören.

Anna blieb stets reserviert, und ihre Offenheit war oberflächlich; nur in sehr seltenen und verwirrenden Momenten zeigte sie ihre Empfindungen.

Eines Abends, es war kurz nach ihrem ersten Zusammentreffen, bemerkte sie seine ungewöhnlich kräftigen, dunkel behaarten Handgelenke und Unterarme. Ihm schmeichelte ihr Interesse an dem einzig bemerkenswerten Teil seiner physischen Ausstattung, und so prahlte Desmond und rühmte sich der Kraft seiner Arme: er könne sein gesamtes Gewicht an einer einzigen Hand hinaufziehen und sogar einen Stapel Spielkarten zerreißen. Dazu aufgefordert, hatte er einer Vorführung zugestimmt, und ohne sonderliche Mühe verbog er einen beachtlichen Schürhaken.

Anna schien diese sinnlose Demonstration fasziniert zu haben, sie umfasste seine Hände und zog sie gegen ihre Brust. «Ich bewundere Kraft», sagte sie und küsste seine Handgelenke.

Er reagierte seltsam gereizt und entzog ihr seine Hände.

Sie lachte. «Amer Liebling! Soll ich dich lieber auf den Kopf küssen?»

«Warum denn nicht?»

«Das Leben gehört den Starken.»

«Sentimentaler Unfug! Es gehört den intellektuell und psychisch Starken, wenn du so willst – jedenfalls nicht muskulösen Tölpeln.»

Sie legte ihm die Hand auf die Lippen und zog den halb Widerstrebenden an sich. Seit sie miteinander schliefen, hatte er sie noch nie so leidenschaftlich erlebt.

Aus Gründen, die er nicht durchschaute, blieb diese kleine Begebenheit wie ein störender Fleck in seinem Gedächtnis haften. Und noch etwas brachte ihn aus der Fassung. Sie hatten auf ihre übliche und wenig konkrete Weise über den Tod gesprochen, als Anna sagte:

«Ich habe noch niemals einen Toten aus der Nähe gesehen, obwohl ich das schon immer gern wollte.»

«Wenn ich jetzt ein mittelalterlicher Ritter wäre, würde ich einfach den nächsten Passanten anhalten und dir einen zum Geschenk machen. Aber wie die Dinge heutzutage liegen, werden bald überall in Europa Leichenberge herumliegen, du brauchst dir also keine Sorgen zu machen – warte einfach ab, bis die Luftangriffe beginnen.»

«Aber ich meine es ernst. Ich möchte wirklich gern einen Toten sehen.»

«Nun, nichts leichter als das. Schau dir einfach die Anschlagtafeln vor den Polizeiwachen an, bis irgendwo ein unbekannter Leichenfund gemeldet wird. Dann gehst du hin und erklärst, die Beschreibung passe auf deinen verschollenen Onkel Ben, und bitte sie, dir den Leichnam zu zeigen. Wahrscheinlich gibt es ein paar Formalitäten, aber allzu kompliziert dürfte es nicht werden.»

«Kluger Desmond, er denkt immer sofort an solche Sachen! Komm, wir suchen eine Polizeiwache.»

«Ich glaube, eine liegt gleich um die Ecke.»

Sie schlenderten durch Covent Garden und blieben im bläulichen Schimmer eine Lampe in der Bow Street stehen. Desmond beugte sich zum Schwarzen Brett herunter.

«Tatsächlich, sie hatten kürzlich eine ziemlich gute Ernte. Ich glaube, wir dürften stolz sein auf die Bekanntschaft mit ‹Körper: männlich; Alter: um die sechzig; drei Goldzähne im Oberkiefer; doppelreihiger blauer Anzug; Filzhut; dunkelblaues Hemd; rot gepunktete Krawatte; Lederschuhe; keine Unterwäsche›. Oder wie wäre es mit ‹Körper: weiblich; etwa vierzig Jahre; Muttermal auf der linken Gesichtshälfte bis zum Nacken; Linsentrübung am rechten Auge; grüner Mantel, brauner Glockenhut›? Der Glockenhut klingt wirklich traurig – vielleicht ist es unsere ältere Schwester, die vor vielen Jahren auf die schiefe Bahn geraten ist?»

In diesem Ton plapperte er eine Weile weiter, bis Anna ihn unterbrach. «Entscheide dich einfach, und wir gehen hinein und fragen nach.» Sie schritt auf die Treppe zu.

«Anna! Wo willst du hin?»

«Ich möchte eine Leiche sehen! Worüber haben wir denn die letzten zehn Minuten geredet? Komm mit und halt den Mund.»

Desmond war bestürzt. Er hatte nicht einen Moment daran gedacht, dass sie es ernst meinen könnte, und glaubte auch jetzt noch an einen ihrer spontanen Scherze.

«Ach komm, sei doch nicht albern!»

Sie blickte ihn kalt an.

«Mein lieber Desmond, ich bin nicht wie du. Ich verschwende meine Zeit nicht mit klugen Plänen, die ich niemals umsetzen möchte; ich sage, was ich denke, und tue, was ich will. Ich habe dich nicht um deine Begleitung gebeten: Wenn du zimperlich bist, kannst du ja nach Hause gehen.»

In ihrer Zurechtweisung steckte genügend Wahrheit, um ihn zunächst zum Schweigen zu bringen, und er antwortete ihr nicht. Ohne sich weiter umzuschauen, ging sie die Treppe zur Polizeiwache hinauf. Desmond zögerte einen Augenblick, dann schritt er die Straße hinunter, gleichermaßen ärgerlich auf sie wie auf sich selbst.

Bei ihrem nächsten Zusammentreffen einige Tage später fragte er: «Hast du also deine Leiche gesehen?»

«Ja. Es war schwieriger, als du angenommen hast, aber am Ende ist es gelungen. Es hat mich aber nicht wirklich befriedigt», fügte sie nachdenklich hinzu. «Er war zu alt und schien zu friedlich gestorben zu sein.»

Er starrte sie an und bemerkte, dass sie vollkommen ernsthaft blieb.

«Du ekelhafte kleine Schlampe.» Er schlug ihr ins Gesicht, durchaus heftig. Er erwartete eine Szene, aber sie sagte nur:

«Warum bin ich nicht wie andere Menschen?» Ohne ihr Gesicht mit den Händen zu bedecken, weinte sie leise und bitterlich. Er versuchte, sie zu umarmen, doch sie stieß ihn zurück.

«Geh jetzt», forderte sie ihn mit erstickter Stimme auf, «und komm auf keinen Fall zurück, bevor ich dich anrufe.»

Er ging. Sie meldete sich drei Wochen lang nicht. Beide erwähnten den Vorfall später mit keinem Wort.

Es waren kurze Einblicke in eine seltsame und unerfreuliche Seite ihres Wesens, die ihn durchaus verunsicherten; Eifersucht und Misstrauen aber führten schließlich dazu, dass er sie zu hassen begann.


Schon zu Anfang ihrer Beziehung war ihm bewusst, dass er allenfalls einen begrenzten Ausschnitt ihres Lebens ausfüllte, und die Freiheit von jeglicher Verantwortung, die eine solche Position verleiht, hatte ihm zunächst zugesagt. Vermutlich hatte er anfangs sogar geglaubt, er könne mühelos alles Wissenswerte über sie in Erfahrung bringen und sie, wie alle früheren Damenbekanntschaften, rasch einer der wenigen und belanglosen Kategorien zusortieren. Tatsächlich aber verstand er sie umso weniger, je länger ihre Bekanntschaft währte; und aus anfänglicher Neugierde erwuchs eine Obsession. Sie glich keiner Frau, der er je begegnet war; und der bloße Gedanke daran, dass sie noch ein ganz anderes und weiter gespanntes Leben führen könnte als das ihm bekannte, bereitete ihm ein wachsendes Missvergnügen. Und so erlag er der unter Männern weit verbreiteten, ihm selbst aber bislang fremden Täuschung, dass keine Frau auf Erden der Geliebten das Wasser reichen könne und dass, sollte er Anna jemals verlieren, dieser Verlust niemals zu ersetzen sei. Er wollte sie gar nicht mehr und konnte doch nicht ohne sie sein; er empfand sämtliche Gefühle eines eifersüchtigen Liebhabers, nur nicht die Liebe selbst. Kurzum, er war von ihr besessen, er verabscheute sie und brauchte sie, so wie der Süchtige seine Droge braucht.

Er hatte fast nichts über Anna herausgefunden. Ihm gegenüber hatte sie niemals, ob nun direkt oder indirekt, einen ihrer Freunde erwähnt, gerade so, als verfalle sie in seiner Abwesenheit in eine Art Winterschlaf. Ihre gemeinsamen Treffen fanden in unregelmäßigen Abständen statt, und Ort und Zeit bestimmte ausschließlich sie. Nur ein einziges Mal hatte er sie außerhalb ihrer Verabredungen besuchen wollen, doch obwohl er überzeugt davon war, ihr Gesicht im Fenster erkannt zu haben, hatte sie auf sein hartnäckiges Klopfen nicht reagiert. Ein anderes Mal hatte er versucht, ihr nach einem gemeinsamen Mittagessen zu folgen, doch war sie mit erstaunlicher und ärgerlicher Gewandtheit in der Menge untergetaucht, so wie eine Schlange im hohen Gras verschwindet. Eine Stunde später rief sie ihn an: «Heute nachmittag hast du versucht, mir zu folgen. Solltest du das noch einmal probieren, werden wir uns nie wiedersehen.» Sie legte auf, ohne seine Entschuldigungen abzuwarten, und ihre Stimme verriet ihm, dass sie Wort halten würde.

Sie schien viel Geld zu besitzen, das sie mit kalter und sorgloser Extravaganz ausgab, doch weigerte sie sich stets, ihn in teure Restaurants oder West-End-Theater zu begleiten. Von Anfang an hatte sie es zudem strikt abgelehnt, auch nur einen einzigen seiner Freunde zu treffen (seine eigene Verschwiegenheit billigte diese Haltung), und ihre gemeinsamen Stunden verbrachten sie an einer seltsamen Mischung verschiedenster Orte, von Kew bis Box Hill, in Baudenkmälern, riesigen Hotelkomplexen, für die beide eine seltsame Vorliebe hegten, und auf Hunderennbahnen, wo sie sich als kaltblütige und erfolgreiche Spielerin entpuppte.

Sie ging irgendeiner Beschäftigung nach, und er registrierte, dass die Lederauflage auf ihrem Schreibtisch abgenutzt war, als würde dort regelmäßig gearbeitet. Hinweisen und Fragen wich sie allerdings aus, und etwas in ihrer Art warnte Desmond, dass sie ihn auf der Stelle verlassen würde, falls er sie weiter bedrängte. Mit wachsender Eifersucht fiel ihm das Schweigen immer schwerer, und er befürchtete, sie sei womöglich die Geliebte eines sehr wohlhabenden Mannes oder sogar eine Art Edelhure. Schließlich gelang es ihm, eine Szene zu provozieren und ihr einige seiner Mutmaßungen an den Kopf zu werfen. Zum ersten Mal schien sie wirklich erregt, sie attackierte ihn wütend, sie musste schlucken, und er bemerkte sogar einen Speicheltropfen in ihrem Mundwinkel.

«Wie kannst du es wagen, mich eine bezahlte Geliebte zu nennen! Ich bin niemandes Hure! Meine Arbeit ist zu wichtig, als dass du sie verstehen könntest! Ich habe mich nie in dein Leben eingemischt – wie kannst du dich nur erdreisten, in meinem herumzuwühlen? Du scheinst zu glauben, du hättest irgendwelche Rechte an mir, nur weil ich dich ausgewählt habe, mit mir zu schlafen. Du solltest aber wissen, dass du nur ein sehr kleiner Teil meines Lebens bist, den ich jederzeit zurücklassen kann. Mir scheint, dieser Tag ist nicht mehr fern, und wenn es soweit ist, werde ich dich verlassen und dich niemals wiedersehen und auch nie wieder an dich denken.»

«Um Himmels willen, schrei nicht so laut und behalte deine schlechten Manieren für dich», hatte er matt erwidert; wütend stolperte er die Treppe hinunter und schwor sich, dieses Mal tatsächlich nicht mehr wiederzukehren. Natürlich kam er dann aber doch zurückgekrochen, und Anna schien beschämt und betrübt über ihren Ausbruch. Ihre Beziehung aber hatte von da an ihre Leichtigkeit verloren. Das war alles vorbei.

Obwohl ihr intimes Einvernehmen nun praktisch ausgelöscht war, schleppte die Beziehung sich noch elend dahin, einem unheilbar kranken Krebspatienten gleich, der, von den Ärzten narkotisiert und aufgeschnitten, sein schreckliches Leben noch um ein paar weitere nutzlose Monate in die Länge zieht. Anna, die Desmond als Liebhaber mochte und ihn auch als Person zu schätzen schien, war genügsam und abgehärtet genug, seine wechselnden Launen zu entschuldigen; offenbar bereitete sie sich darauf vor, das öde Finale nach ihren eigenen Wünschen zu gestalten.

Desmonds Fall war anders gelagert. Ihm war jetzt klar, dass er Anna niemals wirklich besitzen oder auch nur begreifen würde, und er ahnte, dass ihr Tod ihn zutiefst befriedigen musste. Sie am Leben zu wissen und außerhalb seiner Sphäre, einen anderen Mann liebend oder, schlimmer noch, ohne an ihn zu denken, in fremder und angenehmer Gesellschaft, zu der ihm der Zutritt verwehrt war – diese Vorstellung wucherte wie eine Geschwulst in seinem Seelenfrieden; wie eine Entzündung, die niemals heilte, die man nie vergaß und die man herausschneiden musste.

So rann ihre Affäre noch ein wenig dahin, bis vor genau einer Woche. Als er sich früh am Morgen von Anna verabschiedete, erzählte sie ihm, sie werde London innerhalb von zehn Tagen verlassen und sie sollten sich besser nicht mehr sehen. Sie war sehr freundlich und rücksichtsvoll, und auch er reagierte mit vollendeter Höflichkeit und gut gelaunt. Er küsste ihr die Hand und zitierte lächelnd «Sprach der Rabe: Nimmermehr», sachte schloss er die Tür und bog draußen ohne Hast um die Ecke des Platzes. Erst dort, außer Sichtweite, lehnte er sich erschöpft gegen eine Wand und plante den Mord.

Ihm blieben noch drei Tage. Er musste sie aufhalten. Er vermochte es nicht, und er wollte es auch nicht, selbst wenn er gekonnt hätte. Er wollte sie töten. Aber er war doch ein Narr; er hatte nicht das Naturell zum Mörder. In ein paar Wochen würde er schon darüber hinwegkommen. Er musste sie wiedersehen! Wenn sie doch nur tot wäre. Er musste ein wenig verrückt sein.

Zwei Uhr dreißig. Hinter ihm schloss sich die Tür von International Features.


An jenem Nachmittag war eine ganze Menge Arbeit zu erledigen. Captain McCulloch, der vor einiger Zeit einmal einen Beitrag von zweihundert Wörtern über Torffeuer auf den Hebriden im Blatt untergebracht hatte, bombardierte die Redaktion inzwischen mit einer vierzigtausend Wörter zählenden Rückschau auf seine Erlebnisse im Lande der Yogis; er hatte schriftlich mit einem persönlichen Anruf gedroht und musste nun taktvoll, aber endgültig abgewürgt werden. Einer der Freunde von Mr. Poole hatte einen vollkommen unbrauchbaren Artikel eingereicht, den man komplett umschreiben musste, da man ihn nicht ablehnen durfte. Und zu allem Überfluss hatte Mr. Poole selbst schon zum dritten Mal an jenem Tag ein brillanter Geistesblitz ereilt, weshalb er Desmonds sofortigen Einsatz verlangte.

«Ah, Thane, hier sind Sie ja! Was halten Sie von einer Artikelreihe, die wir … hm … vielleicht ‹Warum ich meinen Mann liebe› nennen könnten – natürlich ist das nur ein Arbeitstitel», fügte er eilig hinzu und lief ein wenig rot an. Mr. Poole schien sich immer ein wenig für die Niveaulosigkeit der Beiträge zu schämen, die seine Firma produzierte, andererseits widersetzte er sich hartnäckig sämtlichen Versuchen, daran etwas zu ändern.

Desmond bestätigte ihm, dass es sich seines Erachtens um einen sehr hübschen Titel handelte.

«Ich könnte mir vorstellen, dass die Bekenntnisse von, nun ja, einigen jungen Frauen stammen, die mit unterschiedlichen Typen aus unserer Leserschaft verlobt sind – also sagen wir, einem Arzt, einem Architekten, einem Immobilienmakler …» Er stockte und rieb sich den Schnurrbart; ihm schien sonst niemand einzufallen, der die unzähligen Journale tatsächlich lesen mochte, die seine Redaktion mit Beiträgen versorgte.

«Warum sollte eine der Damen nicht mit einem Journalisten verlobt sein?»

«Nein, nein, wir müssen da sauber bleiben.» Mr. Poole kicherte, stolz auf seine klare Haltung.

«Aber wer soll das alles schreiben?» fragte Desmond, der die Antwort schon ahnte.

Mr. Poole wischte die Frage mit schuldbewusster Nonchalance vom Tisch.

«Oh, ich dachte, Sie hätten dafür Zeit, Thane; das ist genau Ihr Stil – ich kenne niemanden, der das besser könnte. Die Korrekturfahnen auf Ihrem Schreibtisch haben keine Eile – Sie können sie leicht übers Wochenende durchsehen. Ich würde die Fahnen ja selbst mit nach Hause nehmen, aber wie es aussieht, habe ich gerade Arbeit für zehn unter den Händen.»

Diese zehn kamen Desmond bekannt vor. In den Gesprächen seiner Vorgesetzten tauchten sie regelmäßig auf – vermutlich die zehn faulsten und inkompetentesten Vertreter ihrer Zunft. Mr. Poole plapperte weiter:

«Bei den Artikeln lasse ich Ihnen natürlich freie Hand, aber bringen Sie bitte einiges … ähm … aus dem Leben mit hinein.»

«Sie meinen, etwas leicht Anrüchiges? In Ordnung, überlassen Sie das mir.»

«Nein, nein, nichts in dieser Art», unterbrach Mr. Poole hastig, «Sie erinnern sich doch an den Ärger mit dem Beitrag ‹Ist Abtreibung Sünde?›, den wir dem Familienjournal für Johannesburg geschickt hatten, auf Ihren Rat, möchte ich hinzufügen. Es hieß, sie hätten daraufhin fünfhundert Abonnenten verloren.»

«Okay, aber ich vermute mal, dass sämtliche Mitglieder der Familien, die ihr Abo gekündigt haben, die Hefte jetzt heimlich im Buchhandel kaufen. Sie dürften im Gegenzug Hunderte von Lesern gewonnen haben.»

Mr. Poole war sich nicht sicher, was er von dieser Bemerkung halten sollte. Dann hellten sich seine Züge auf.

«Sie sind ein Witzbold, Thane, und ein Zyniker! Sie haben Miss Prestwood erschreckt! Nicht wahr, Miss Prestwood?»

Die Sekretärin kicherte, Desmond lächelte pflichtschuldig, und Mr. Poole ließ ihn gehen, unter vergnügtem Glucksen, weil alles sich so heiter und demokratisch-informell gelöst hatte.

Zurück am eigenen Schreibtisch, atmete Desmond tief durch und begann zu schreiben:

«Mein Liebhaber ist Arzt, und er macht mich glücklich, weil er meinen Leib ebenso versteht wie mein Herz. (Ob P. das mag?) Ich glaube, nur wenige Mädchen haben ihre Männer auf so eigenartige Weise kennengelernt wie ich. Ich brachte meine kleine Schwester zur Ambulanz von St. Margaret’s, und ich erinnere mich noch, wie überrascht und ein wenig skeptisch ich reagierte, weil der Doktor noch so jung war …»

(Es half nichts; er musste Anna wiedersehen und dazu bringen, ihre Pläne zu ändern – oder sie musste ihm zumindest verraten, wohin sie reisen würde. Diese verdammte eiskalte Schlampe. Nein, seine eigene dumme Vernarrtheit sollte verdammt sein. Nicht, dass er sich das Geringste aus ihr machte, natürlich nicht …)

«‹Ich bin nicht gekommen, um mir die Hämorrhoiden Ihres Vaters anzuschauen›, flüsterte er sanft. ‹Ich bin wegen etwas viel Interessanterem hier – um mit Ihnen zu reden!› Mein Herz pochte so laut, dass ich glaubte, er müsse es hören, aber als ich antwortete, klang meine Stimme so ruhig und spöttisch, dass ich sie selbst kaum erkannte. ‹Oh Doktor›, sagte ich, wobei ich mich zum Spiegel wandte und mir übers Haar strich, wie ich es bei Claudette Colbert im Kino gesehen hatte. ‹Ist das nicht ziemlich unprofessionell? …›»

Um viertel nach vier konnte Desmond es nicht länger ertragen. Er konnte sich aber nicht dazu durchringen, Anna persönlich anzurufen; eine kindische Hoffnung riet ihm, dass ein Telegramm mit seiner dringlichen Aufrichtigkeit Eindruck machen würde. Er gab also telefonisch ein Telegramm auf, wobei er sich gleichzeitig albern und verzweifelt vorkam: KOMME HEUTE ABEND SIEBENDREISSIG VORBEI – SOLLTEST MICH IM EIGENEN INTERESSE EMPFANGEN – DT.

Schon als er den Hörer auflegte, war ihm bewusst, dass der Text auf dümmliche Weise melodramatisch klang, und er überlegte, wie er diese Worte ihr gegenüber rechtfertigen sollte. Die Kälte eines solchen Fernschreibens jedoch dürfte selbst Anna ein wenig imponieren, und die passenden Worte würden ihm bei der Begegnung schon noch einfallen. Es musste doch irgendetwas geben, womit man sie anrühren konnte! Liebe womöglich, aber die empfand er ja gar nicht: Hass und Entschlossenheit mussten deren Stelle einnehmen. Was, wenn sie anrief und ihm absagte? Er wandte sich an seine Sekretärin: «Miss Hedley, falls irgendjemand – egal wer – mich heute nachmittag anruft: Ich bin außer Haus und komme heute auch nicht zurück. Bitte seien Sie sehr bestimmt, egal, wer am Apparat ist und wie dringend die Angelegenheit auch klingt.»

Sofort fühlte er sich entspannter, und instinktiv war er sich sicher, dass er mit seiner Redegewandtheit, die ihn noch nie im Stich gelassen hatte, Anna zu irgendeinem Kompromiss verleiten könnte. Inzwischen wollte er sie gar nicht mehr bei sich behalten, er wollte sie einfach nur ganz allmählich verlassen, nach seinem eigenen Zeitplan. Beinahe euphorisch wandte er sich wieder seiner Arbeit zu:

«‹Aber das darfst du nicht, Liebling! Das – das ist ungehörig.› Er lachte und presste mich noch enger an sich. ‹Du herrliches kleines Ding›, flüsterte er. ‹Ich werde dich niemals verlassen, ganz gleich, was die bärtigen alten Herren der Medizinischen Fakultät davon halten. Zerbrich dir nicht dein süßes kleines Köpfchen; es ist wahr, Liebe findet immer einen Weg, und für eine Stunde in deinen Armen würde ich mich mit dem alten Hippokrates höchstpersönlich anlegen.› Seine Küsse durchzuckten mich wie flüssiges Feuer, und die grauen Wände der Krankenhausapotheke lösten sich auf, bis die bunten Medizinflaschen sich in tropische Früchte verwandelten, und es schien mir, als seien wir zwei ganz allein auf einem Atoll inmitten des Pazifik …»

ZWEITES KAPITEL

Als er Anna an jenem Abend aufsuchte, fiel ihm nichts ein, was er ihr hätte sagen können. Ihn überraschte das gar nicht – er kannte ihre Gabe, ihn vollkommen verstummen zu lassen, so wie das Rampenlicht einem nervösen Schauspieler die Sprache raubt. Ungewöhnlich war lediglich seine eigene Gleichgültigkeit ihr gegenüber; während er auf der Schreibtischkante saß und mit den Beinen wippte, fühlte er sich unbeteiligt und überlegen wie ein Biologe, der das natürliche Verhalten seiner Versuchstiere beobachtet. Nach einer kurzen, beiläufigen Begrüßung schwieg er; in blasierter Selbstzufriedenheit summte er leise die Melodie eines altmodischen Tanzliedes.

Anna beendete die Stille.

«Warum bist du hergekommen?»

«Ach, nur eine gesellschaftliche Pflichtübung. Manche Leute haben religiöse Verpflichtungen, ich habe gesellschaftliche, und denen komme ich in angemessener Demut nach.»

«Was hatte dein Telegramm denn zu bedeuten?»

«Nichts, überhaupt nichts. Findest du nicht auch, Postämter sollten Schmuckblätter für schlechte Nachrichten bereithalten, ähnlich wie für Grußtelegramme? Die Todesnachrichten aus dem Kriegsministerium kämen dann auf einem Papier in Schwarz und Silber, an den Rändern eine Girlande aus Totenköpfen, Kreuzen, Urnen und geborstenen Säulen. Ich bin mir sicher, Witwen und Waisen wären begeistert über eine künstlerische Wertschätzung ihres Opfers, die sie einrahmen und an die Wohnzimmerwand hängen können.»

Anna unterbrach ihn ungeduldig.

«Wenn du mir etwas zu sagen hast, sag es bitte jetzt. Ich werde in ein paar Tagen ins Ausland reisen und wahrscheinlich nicht zurückkehren.»

«Ins Ausland? Wie schön für dich. Aber bitte nicht mit einer Reisegruppe: Habe ich mal mitgemacht, aber es stellte sich heraus, dass zu viele Hähne im Korb waren und zu wenig Hennen.» Er kicherte aufdringlich.

Anna fuhr scharf dazwischen:

«Wenn du dich weigerst, vernünftig zu reden, tu, was du nicht lassen kannst. Ich habe jedenfalls gleich einen Termin. Bitte entschuldige, ich muss mich umziehen.»

Er entließ sie mit gnädiger Handbewegung, als sie sich resolut umdrehte und im Schlafzimmer verschwand. Durch einen Spalt im Vorhang über der Tür sah sie sein selbstzufriedenes Lächeln, während er seine Fingernägel begutachtete. Sie fühlte sich ein wenig unbehaglich. Sie hatte ihre Erfahrungen mit Männern und glaubte auch Desmond zu durchschauen; in dieser Stimmung hatte sie ihn freilich nie zuvor erlebt. Ihr fiel auf, dass seine Gesten auf eine fast unmerkliche, aber doch spürbare Art außer Kontrolle schienen, als wäre er betrunken. Seine Beine wippten ein klein wenig zu kräftig, er sprach laut, und Kopf oder Hände blieben unablässig in Bewegung. Dabei wusste sie, dass er vollkommen nüchtern war, denn seine Augen blickten kalt und unbeteiligt und etwas angestrengt, als starre er auf einen weit entfernten Punkt. Erneut schaute sie zu ihm herüber, und jetzt erst, zum ersten Mal an diesem Abend, sah auch er sie an, als wolle er sich ihr Gesicht in Erinnerung rufen oder ihr Gewicht abschätzen. Während er zu ihr herüberschaute, knetete er weiterhin seine Hände und tastete seine Fingernägel ab. Das erschien geradezu unnatürlich; sein Körper wirkte auf unangenehme Weise wie ein wachsames Tier, das ein eigenes Leben führt, losgelöst vom Verstand.

Desmond musterte Anna mit jener aufdringlichen Neugierde, die man normalerweise nur Eingeborenen entgegenbringt. Wie sie da halb entblößt vor ihrer Ankleidekommode kauerte, schien sie ihm älter als sonst, und die Struktur ihrer Kehle und der Gesichtshaut wirkten mit einem Mal rau gegenüber der Zartheit ihrer Schultern. Ihr Nacken schien allmählich kräftig zu werden, und Desmond vermutete jetzt sogar, die aufrechte Haltung des Rückens müsse das Ergebnis bewusster Anstrengung sein. Kaum erinnerte er sich noch daran, dass sie zu alledem auch Verstand und Persönlichkeit besaß: Für ihn war sie jetzt eine klug konstruierte Puppe, gekrönt mit einer hübsch glänzenden Perücke. Seine Gedanken nahmen eine Wendung ins Hämische, und er überlegte, wie er sie wohl verletzen könnte.

Es war jetzt acht Uhr abends, die Dunkelheit brach an. Anna trat ins Zimmer. Sie strich sich übers Haar und drängte:

«Ich muss bald aufbrechen. Zum letzten Mal: Hast du mir irgendetwas zu sagen?»

«Nichts, was dich interessieren könnte.»

Sie hob ihre Stimme: «Sag jetzt, was du zu sagen hast; ich werde dich nicht wieder fragen.»

«Sprich nicht so laut. Geh, wenn du willst: Ich halte dich nicht auf.»

Seine Ferse stieß gegen den Rand des Tisches und brach einen Splitter aus dem polierten Holz, aber er schien das nicht zu bemerken. Gegen das schwindende Licht im Fenster nahmen sich seine Konturen mit den hängenden Schultern und dem vorgestreckten Kopf aus wie die Silhouette eines bizarren Vogels. Abermals verspürte Anna eine Unsicherheit, einem Zucken im Körper vergleichbar; sie beschloss, sofort aufzubrechen, früher als geplant. Und so trat sie an den Schreibtisch und schob Desmond zur Seite.

«Entschuldige, ich muss hier etwas einstecken.»

Sie öffnete eine der Schubladen und zog ein kleines, in Leder geschlagenes Büchlein heraus, das mit einem Metallschloss versehen war. Desmond riss es ihr aus der Hand und sprang vom Tisch.

«Ah, ein Tagebuch! Wer hätte gedacht, dass du so etwas führst!»

Er schob es sich in die Tasche und näherte sich demonstrativ der Tür. Anna erbleichte und fauchte ihn an:

«Lass diese Albernheit! Gib es mir auf der Stelle zurück!»

«Nicht, bevor ich gelesen habe, was du über mich schreibst. Ich schicke es dir morgen zurück.»

Ihm war klar, wie kindisch er sich aufführte, und doch schämte er sich nicht. Anna zitterte förmlich vor Wut, und er genoss das – jedenfalls in Bezug auf Anna seltene – Gefühl der Überlegenheit. Dann aber griff sie blitzschnell in ihre Handtasche und zog eine kleine Pistole hervor, die sie auf ihn richtete.

«Nun gib mir das Buch zurück!»

Desmond konnte ein spontanes Lachen nicht unterdrücken. Die Szene wirkte so lächerlich und unwirklich wie in einem schlechten Film, und von der Waffe fühlte er sich so wenig bedroht wie von einer Steinzeitaxt im Museum. Scherzhaft riss er die Hände in die Höhe und schlenderte auf sie zu.

«Meine liebe Anna, jetzt siehst du aber albern aus! Die Rolle des Flintenweibs steht dir überhaupt nicht. Bist du sicher, dass du sie auch geladen hast?»

«Gib mir das Buch, oder ich werde schießen.»

Da überkam ihn Zorn auf dieses melodramatische Getue, mit einem raschen Griff schlug er ihr die Pistole aus der Hand, dann packte er sie an ihrem seidenen Halstuch. Er riss kräftig daran und zischte:

«Sei doch keine verdammte Idiotin!»

Sie presste ihn von sich und rammte ihm ein Knie mit aller Gewalt in die Leisten. Er stolperte und riss Anna mit sich auf den Boden. Blind vor Wut rollte er das Halstuch zusammen, bevor er mit aller Kraft daran zog. Erneut traf ihn Annas Knie. Um den Schmerz zu betäuben, zerrte er an der Seide, bis die Adern seiner Handgelenke hervortraten. Und während ihr Leib sich unter seinem Griff wand, fragte er sich in einem sehr entlegenen Winkel seines Hirns, wie lange ihr Kampf wohl noch andauern würde. Auch als sie sich nicht mehr regte, lag er noch auf ihr und drehte das Halstuch fester und fester. Da wusste er schon, dass sie tot war.

Als Desmond vom Boden aufstand, war es vollkommen finster. Er spürte keinerlei Empfindung, griff zur Pistole und nahm wieder auf der Ecke des Schreibtisches Platz, verharrte dort vollkommen regungslos. Es dauerte ein wenig, dann erfüllte ihn Stolz auf seine eigene Kälte; er wanderte im Zimmer auf und ab, stolperte über Möbelstücke und führte Selbstgespräche. Dabei mied er die Ecke, in welcher der Leichnam lag.

«Gut, gut, wer hätte das gedacht! Ich vermute, dafür wird man mich hängen. Glück gehabt, dass wir nicht in Amerika leben: Beim elektrischen Stuhl dauert es eine halbe Stunde, und am Ende stirbt man bei der Autopsie, heißt es jedenfalls. Wer war das gleich nochmal mit der Vermutung, dass der Kopf nach der Enthauptung noch ein paar Minuten lebt und etwas wahrnimmt? Man hört ja sogar, man könne zu Tode gekitzelt werden oder am Niesen sterben. Ein Tyrann könnte das an seinen Feinden ausprobieren, ihr lächerlicher Todeskampf würde ihre Ansichten öffentlich diskreditieren. Wenn jemand beim Hängen zu tief fällt, wird der Kopf abgerissen – man sagt ja, die Leute fallen zu tief, wenn der Henker zu tief ins Glas geschaut hat … Arme alte Anna! Anna wie? Annabell mit dem Totenglöckchen … Vielleicht sehe ich ganz anders aus, jetzt, da ich ein Mörder bin? Mal nachschauen.»

Er zog den Vorhang zur Seite, schaltete eine Leselampe ein und betrachtete sein Abbild im Spiegel, während er sich wie ein Mannequin verrenkte und posierte.

«Wie immer, fürchte ich – sehe halt nicht aus wie ein grober Kerl. Wenn ich mich präsentiere, sehe ich aus wie ein Römer … der schändlichste Römer von allen: Einer, den man auf seinem Schild nach Hause trägt, das Gesicht nach unten, und alle Wunden auf dem Rücken, dazu ein paar Stiche in die Seite vom Zickzacklaufen.»

Er probierte verschiedene Gesten aus und schnitt passende Grimassen, wobei er Annas Pistole auf imaginäre Gegner richtete oder durch seine Tasche hindurch zielte wie ein amerikanischer Gangster. Dann aber fiel er schlagartig in die Wirklichkeit zurück; vor sich sah er eine bleiche, zerzauste Gestalt, die sich auf groteske Weise im Spiegel eines nur schwach erleuchteten Zimmers angrinste, während ein erstarrender Leib halb verdeckt hinter dem Sofa lag.

«Mein Gott!» stöhnte er und erschrak jetzt wirklich.

Er schaltete sämtliche Lampen ein, nahm vorsichtig Platz und versuchte, seine Lage zu überdenken. Kein Gewissen regte sich, auch kein Mitleid mit Anna – wie erwartet hatte der Tod seine Zuneigung ausgelöscht –, doch er fürchtete sich jetzt vor den schmutzigen und langsam näher rückenden Konsequenzen, die ihm drohten, sobald die Polizei eingeschaltet würde. Einige Minuten lang atmete er tief, um sich zu beruhigen, bis sein Verstand wieder halbwegs normal funktionierte.

Zunächst einmal hatte ihn niemand kommen sehen, und bei der Dunkelheit draußen konnte er nahezu sicher sein, das Haus auch wieder ungesehen verlassen zu können. Tatsächlich war ihm niemals irgendjemand in diesem Haus begegnet, möglicherweise war Annas Etage sogar die einzige bewohnte im gesamten Gebäude. Wenn er es recht bedachte, gab es zudem keinerlei Möglichkeit, Anna mit ihm in Verbindung zu bringen. Er hatte sie keinem seiner Freunde gegenüber erwähnt, denn er schätzte Männer nicht sonderlich, die mit ihren Liebschaften prahlten. Er glaubte ohnehin, dass ein eisernes Schweigen in diesen Dingen ein sehr viel größeres Renommee einbrachte als selbstgefällige Anekdoten, jedenfalls wenn man so töricht war und es darauf anlegte.

Anna, da war er sich sicher, war von ähnlicher Diskretion; und selbst wenn sie eine enge Vertraute besessen haben sollte, schien es unwahrscheinlich, dass die Zeit ausgereicht hätte, dieser von seinem angekündigten Abendbesuch zu erzählen. Er hatte Anna nie geschrieben, ihr nie signierte oder anderweitig zurückverfolgbare Geschenke überreicht, und sie hatte ihn keinem Menschen vorgestellt. Scotland Yard konnte ihn eigentlich gar nicht ausfindig machen. Am besten also, er verließ unverzüglich die Wohnung.

Desmond sprang auf, wischte mit dem Taschentuch über den Türgriff und alle Dinge, die er berührt hatte, soweit er sich erinnerte. Leise trat er auf den Treppenabsatz und zog die Wohnungstür sachte hinter sich zu.

Das Telegramm!

Er drückte gegen die Tür, aber sie gab nicht nach. Verzweifelt versuchte er es mit seinen eigenen Schlüsseln, einen nach dem anderen, doch die Tür besaß ein Sicherheitsschloss, und seine Schlüssel passten dort nicht einmal hinein. Er wühlte in seinen Taschen nach irgendetwas Brauchbarem, fand aber nur Annas Pistole. Ratlos wiegte er sie in der Hand. Irgendwo hatte er gelesen, dass man Türen aufschießen kann, und selbst diese kleine Waffe dürfte das Schloss zerschmettern, falls er einen oder zwei Schüsse direkt auf Schloss und Schlüsselloch abfeuerte. Andererseits war das Haus finster und bedrohlich still: In der Wohnung darunter musste der Knall wie ein Donnerschlag hallen. Sollte er abdrücken, würden die Menschen aus allen Türen herbeiströmen, so wie in den Straßen bei einem Unfall: Machte er sich aber klammheimlich aus dem Staub, würde die Polizei das Telegramm unweigerlich finden, die Rufnummer, von der er es aufgegeben hatte, ermitteln, ihn ausfindig machen und verhören, bis er alles gestand. Vielleicht befand sich aber auch sonst niemand im Haus, und im schlimmsten Fall könnte er versuchen, sich den Weg freizuschießen und als Löwe vor den Henker treten und nicht als Schaf.

Er zog seinen Mantel aus, wickelte ihn um die Waffe, um den Schall zu dämpfen, dann presste er die Mündung wenige Zentimer links vom Schlüsselloch aufs Holz und feuerte zweimal.

Der Schuss donnerte wie ein Erdbeben, und noch bevor das Echo verklungen war, warf er sich mit dem Gewicht seines Körpers gegen die Tür. Beim ersten Versuch zersplitterte der Holzrahmen, beim zweiten gab das Türblatt nach, und er stürzte hinein. Während er sich aufrappelte, vernahm er, wie sich in der Etage darunter eine Tür öffnete und das Licht angeknipst wurde. Lautlos huschte er aus der Wohnung, er legte sich flach auf den Boden und richtete die Pistole, wo die Treppe nach oben eine Kehre machte, durchs Geländer. Sofern niemand nach oben kam, blieb er unsichtbar, und falls Menschen heraufkämen, würde er sie zuerst sehen.

Einen Moment herrschte Stille, dann rief eine nervöse mittelalte Männerstimme:

«Hallo, ist da oben alles in Ordnung?»

Stille. Nun nörgelte eine Frauenstimme:

«Komm endlich herein, Jack, und schließ die Tür. Was oben passiert, geht uns nichts an.»

«Liebes, ich bin mir sicher, einen Knall gehört zu haben. Ich sollte wohl besser einmal nachschauen, was los ist.»

«Du willst also nachschauen, ob es Miss Raven gut geht? Ich kenne dich doch! Glaubst wohl, ich hätte nicht bemerkt, wie du ihr die letzten Monate im Treppenhaus schöne Augen gemacht hast? Komm sofort rein und denk dran: Du bist ein verheirateter älterer Mann.»

«Ich bin kein älterer Mann! Ich bin in den besten Jahren!»

«Beste oder nicht, komm sofort zurück und schließ die Tür; der Durchzug ist unerträglich.»

«Es dauert keine Minute, Liebes, aber ich meine, ich sollte doch kurz nach dem Rechten sehen.»

Desmond hörte, wie Pantoffeln in Richtung Treppenabsatz schlurften. Er lag angespannt da und schob die Waffe nach vorn. Da durchbrach die Frauenstimme sehr entschieden die Stille:

«In Ordnung, wenn du nach oben gehst, komme ich mit! Wir beide können Miss Raven fragen, wie es ihr geht.»

Die Pantoffelschritte hielten inne, und die Männerstimme resignierte:

«Also gut, meine Liebe, ich denke, du hast recht. Ich bin sicher, oben ist alles in Ordnung; in ein paar Minuten beginnen die Nachrichten, und die wollen wir doch nicht verpassen.»

Die Tür fiel ins Schloss. Desmond schlich zurück ins Apartment, er schloss die Tür und schob den Riegel vor. Jetzt erst stand ihm die Gefahr, die er soeben überstanden hatte, in aller schockierenden Deutlichkeit vor Augen, und ihm wurde übel. Er torkelte ins Bad und kniete minutenlang würgend vor der Toilettenschüssel. Sobald er sich wieder besser fühlte, kehrte er ins Wohnzimmer zurück, er streifte sich die Handschuhe über und begann mit einer systematischen Durchsuchung. Der Papierkorb? Leer. Der Schreibtisch? Die Schubladen waren verschlossen, doch die Schlüssel lagen oben auf der Tischplatte, wo Anna sie hingelegt hatte. Also zog er die Schubladen auf und schaute den Inhalt flüchtig durch, wobei er ihn auf dem Fußboden ausbreitete. Alles war ungemein ordentlich – Bündel mit Briefen, zusammengehalten von Bindfäden in verschiedenen Farben; quittierte Rechnungen, Notizbücher voller Zahlen, offenbar Listen mit Ausgaben. Einige Dinge überraschten Desmond ein wenig: Anna besaß einen amerikanischen Pass; und sie musste polyglott gewesen sein, denn sie verwahrte Dokumente in den verschiedensten Sprachen – aber Desmond fehlte die Zeit, seine Neugierde zu stillen. Einen Augenblick hielt er sich noch bei einer Schublade auf, die mit Buchkatalogen gefüllt war; ihn überraschte, dass eine Dame, deren Buchbestand aus einem halben Dutzend Nachschlagewerken bestand, all diese Kataloge offenbar sehr sorgfältig durchgesehen und mehrere Einträge angestrichen hatte. Nur sein Telegramm fand er nirgends.

Er suchte nach weiteren Verstecken und erinnerte sich an ihre Handtasche. Darin fand er einen Lippenstift, einen Spiegel, eine goldene Puderdose und ein großes Bündel abgenutzter Ein-Pfund-Noten. Grob geschätzt waren es mehrere Hundert, und so weit er das beim hastigen Durchblättern beurteilen konnte, stammten sie alle aus unterschiedlichen Serien; vielleicht waren sie sorgsam ausgewählt worden, damit man einen eventuellen Diebstahl nicht zurückverfolgen konnte. Diesen Schatz stopfte er sich in die eigenen Taschen, und schlagartig fühlte er sich kühner. Nie zuvor hatte er so viel Bargeld besessen, und er verspürte jetzt das gleiche Gefühl von Macht und Sicherheit, das einen Wilden ausfüllen mag, der nach einer gut gearbeiteten Waffe greift. Er dachte: «Ich wüsste doch nur zu gern, was Anna mit all dem anfangen wollte? Vielleicht war sie ja spielsüchtig.»

Er empfand ein seltsames Hochgefühl, und während er seine Suche fortsetzte, summte er vergnügt einige Melodien. Irgendwo hatte er gelesen, dass Frauen ihren geheimsten Besitz gern zwischen der Unterwäsche verstecken, und so durchwühlte er Annas Schlafzimmer besonders gründlich. Unter ihrer unscheinbaren Oberfläche hatte sie einen geradezu exotischen Geschmack kultiviert, und obwohl Desmond sich stets im Stillen über ihre Vorliebe für außergewöhnliche und teure Unterwäsche amüsiert hatte, die eher in ein Pariser Schaufenster gehörte als an einen menschlichen Körper, erstaunte ihn jetzt wieder der Gegensatz zwischen der Strenge ihrer Kleider und dem üppigen Luxus darunter. Ganz zum Schluss ertastete er hinten in ihrer Nachttischschublade etwas Festes und zog es hervor. Es war ein Buch: eine preiswerte lateinische Ausgabe der Aeneis, in der einige Zeilen unterstrichen waren. Irgendwie schien ihm dahinter ein bedeutsames Geheimnis zu stecken, deshalb riss er den Buchblock aus dem Einband und zog das Vorsatzpapier ab, hinter dem etwas versteckt sein mochte. Er fand aber nichts.

Also schlenderte er zurück ins Wohnzimmer. Neben dem Kamin blieb er stehen und kaute an seinen Fingernägeln. Plötzlich überkam ihn eine große Erleichterung, und er lachte hysterisch.

«Da habe ich mir aber etwas Schönes eingebildet», dachte er. «Warum zum Teufel sollte sie mein Telegramm denn überhaupt aufbewahren? Und es womöglich noch im Schreibtisch einschließen oder zu ihrer Unterwäsche legen? Sie wird es gleich nach dem Lesen ins Feuer geworfen haben.»

Desmond kniete nieder und stocherte in den verglimmenden Kohlen, entdeckte aber keine Spur von Papier, sondern nur reichlich Asche. Was immer sie hineingeworfen hatte, musste längst verbrannt sein. Er erhob sich also wieder, um noch ein allerletztes Mal rasch durchs Apartment zu schauen und dann so leise wie möglich zu verschwinden.

Mit lang anhaltendem und unregelmäßigem Summen klingelte das Telefon.

Desmond verharrte regungslos, sein Herz hämmerte, und in seinem Schädel pochte eine Ader. Er hoffte, das Summen werde enden, doch der Ton blieb hartnäckig. Desmond überkam die schreckliche Vorstellung, Anna könne aufstehen und ans Telefon gehen, falls es nur lange genug läutete. Ein unwiderstehlicher Zwang drängte ihn, den Hörer abzuheben, nur um das Läuten zu beenden, und wie unter Hypnose näherte er sich bereits dem Schreibtisch, als der Ton schlagartig verstummte.

Jetzt war keine Zeit mehr zu verschwenden. Er wusste, dass ein unregelmäßiger Ton auf ein Ortsgespräch schließen ließ: Der Anrufer konnte also durchaus in einer Telefonzelle draußen vor dem Haus stehen und hinaufkommen, um nach dem Rechten zu sehen, da niemand an den Apparat ging.

Er löschte das Licht, zog die Wohnungstür hinter sich zu und ging behutsam die Treppe hinab, die Pistole in der Hand. Als er den Treppenabsatz im Erdgeschoss erreicht hatte, klingelte das Telefon wieder. Selbst draußen auf der Straße, eingetaucht in Dunkelheit, glaubte er den Ton noch ganz leise zu hören, immer und immer wieder.

DRITTES KAPITEL

Draußen im Dunkeln fühlte Desmond sich mutterseelenallein. Hinter ihm lag die Erinnerung an etwas, das er nicht an sich heranlassen wollte; vor sich sah er nur Angst, quälendes Warten und Rechtfertigungsversuche. Ginge er jetzt nach Hause, fände er dort einen gemütlichen Sessel und allerlei Bücher, die Tröstungen der Schönheit, Vernunft und Philosophie bereithielten. Nach kurzem Zögern schob er sich durch die Pendeltür ins Jolly Conscript.

Die Stimmung in der Kneipe war so heiter wie stets. In einer Ecke verteidigte ein junger Unteroffizier den Wert der Keuschheit gegen den derben Humor einer älteren Dirne, und er sah nicht gut dabei aus. In einer anderen Ecke hockten drei Männer in schwarzen Mänteln, die ihnen bis zu den Knöcheln reichten, sie tranken Whiskey und warfen sich aus den Mundwinkeln bedeutungsschwere Worte zu. Am Flipperautomat redeten ein indischer Student und seine hochschwangere blonde Frau auf einen begriffsstutzigen tschechischen Flüchtling ein und ließen ihn wissen, Freud, Marx und Einstein seien eigentlich nur verschiedene Ausprägungen der einen Lebenskraft – und ein italienischer Bauer sei klüger als alle drei zusammen. Ein Glatzkopf spielte Klavier, und zwei lesbische Frauen würdigten einen bedauernswerten Angestellten keines Blickes, der soeben versucht hatte, sie auf einen Drink einzuladen. Ein Besserwisser dozierte über den entscheidenden Sieg im Krieg: Man müsse lediglich ins Zentrum Chinas vorstoßen und dort die weltweit einzige Lagerstätte eines bestimmten unverzichtbaren Minerals in Besitz nehmen. Für all diese Menschen war die Kneipe Heimat, Wahrheit und Schönheit. Dafür war man bereit, in den Kampf zu ziehen.

Kaum war Desmond eingetreten, geriet er in einen kleinen Strudel bekannter Gesichter.

«Hallo Thane, wo haben Sie nur die ganze Zeit gesteckt?»

«Ach, ich hatte zu arbeiten. Wie geht’s euch? Gibt’s was zum Lästern?»

Die wohlkalkulierte Bitte sollte dem Fragesteller Ruhe verschaffen – und den anderen eine Menge einfacher Vergnügungen bieten. Wie erwartet brach ein Sturm von Gerüchten über Desmond herein.

Offenbar hatte Milly Peter verlassen, und Tony war jetzt mit Susan liiert; Matthew war ins Beschaffungsministerium der Streitkräfte übergewechselt und Paul hatte sich nach Frankreich versetzen lassen; John war bei einem Luftwaffeneinsatz gefallen, und von Nancy hieß es, sie sei in einen Fahrer ihrer Rettungswache verliebt; Mark widersprach irgendeiner Ansicht, weil die Deutschen brutale Bestien seien, er selbst aber Mitglied in der Königlichen Gesellschaft zur Verhütung von Grausamkeiten an Tieren; und irgendjemandes Cousin hatte tatsächlich vor den Schranken des Gerichts ausgerufen: «Ich bin eine Feuersäule!» Und so ging es fort und fort. Desmond, der diesen Tratsch normalerweise goutierte, dachte nur: Stünde mir ein Engel mit Flammenschwert zur Seite, bräuchte er sich nicht über einen Mangel an Aufgaben zu beschweren.

Als endlich Ruhe einkehrte und man sich auf allgemeines Geplauder verlegte, blieb Desmond einsilbig; er suchte nach einem Vorwand, um sich wieder zu entfernen.

Weit hinten in der Kneipe bemerkte er ein großes blondes Mädchen, dessen schrille Stimme und grelle Kleidung die Ansehnlichkeit ihrer Figur ebenso wenig zu beeinträchtigen vermochten, wie die vollendeten Formen den Ausdruck einer großen Leere überspielen konnten. Sie war ein wenig angetrunken und damit ein Problem für ihre dunkelhaarige Freundin und den jungen Unteroffizier mit dem Zahnbürstenschnäuzer, der die beiden offenbar angeschleppt hatte. «Herunter, herunter bis zum Boden», dachte Desmond. «Wer kein Gewissen hat, hat auch kein Recht auf guten Geschmack.» Er entschuldigte sich etwas schroff, trat zu den dreien hinüber und klopfte dem Offizier auf die Schulter.

«Na sowas! Dass wir uns hier wiedertreffen! Schätze, Sie erkennen mich gar nicht mehr – wir sind uns vor dem Krieg in Cowes begegnet. Darf ich Sie und Ihre Freundinnen vielleicht auf einen Drink einladen?»

Nach Desmonds Berechnungen musste gerade dieser snobistische Tonfall den Schnurrbart gefügig machen, der offenbar niemals in Cowes gewesen war und der sich offensichtlich gern vor den Frauen in Szene setzte; etwaige Zweifel zerstreute man am besten mit Großzügigkeit.

«Äh, ja, danke», stotterte der Schnurrbart zögernd.

Desmond setzte nach.

«Lassen Sie doch einfach stehen, was Sie gerade trinken, und gönnen wir uns einen Champagner. Ich glaube, dieses Lokal hat einige sehr anständige Flaschen auf Lager, auch wenn es gar nicht danach aussieht.»

«Oh ja, aber gern», bat die Blonde.

«Das wäre wirklich sehr nett», sagte die Dunkelhaarige.

«Aber hallo», bekräftigte der Schnurrbart.

Geschafft. Während Desmond dem Barkeeper mit den Fingern ein Zeichen gab, spürte er förmlich die erstaunten und missbilligenden Blicke seiner Freunde, und er ahnte den Tadel in ihrem Geflüster. Ihn kümmerte das nicht im Geringsten; er fing an, sich großartig zu amüsieren.


Der Mann, der neben dem Leichnam gekniet hatte, erhob sich wieder. «Sie ist kaum länger als drei Stunden tot», sagte er, «vermutlich weniger.» Er schrieb etwas in sein Notizbuch. Einer der anderen durchsuchte das Zimmer, fachkundig und ohne Hast, während der dritte den Türknauf und glatte Oberflächen auf Fingerabdrücke hin untersuchte.


Alles, was Desmond über seine neuen Bekannten wissen wollte, fand er im Nu heraus. Die Blondine, deren Beitrag zur Konversation vornehmlich aus Kichern bestand, war, so versicherte ihm die Dunkelhaarige, in einer «waaahnsinnig verantwortungsvollen Position – Privatsekretärin bei einem wichtigen Manager in der Werbebranche». Desmond vermutete, das «privat» beziehe sich wohl eher darauf, dass die Frau des Managers von dieser Sekretärin nichts wissen durfte, und das sei dann auch schon alles. Die Dunkelhaarige war Kanadierin und im gleichen Unternehmen beschäftigt, zeichnete sich aber durch ein höheres Streben aus: «Sie machen sich ja überhaupt keine Vorstellung davon, Mr. Tisket» (Desmonds Pseudonym für diesen Abend), «in welch wundervollen Frieden Sie eintauchen, wenn Sie sich erst einmal ins astrale Denken vertiefen.» Der Schnurrbart war auf Wochenendurlaub vom Regiment («Darf nicht sagen, wo wir stationiert sind, oh nein, nein! Der Feind hört mit und so weiter, Sie kennen das ja, alter Knabe!») und sehr darum bemüht, als Offizier und Gentleman zu imponieren – zwei Rollen, die immer weniger miteinander in Einklang zu bringen waren, je betrunkener er wurde.

Ursprünglich hatte Desmond geplant, die Blondine von der Party wegzulotsen, doch schon bald zeigte sich, dass dies äußerst knifflig würde; deshalb beschloss er, stattdessen den Schnurrbart loszuwerden. Die einfachste Methode bestand darin, ihm beim Abfüllen bis zur Bewusstlosigkeit zur Hand zu gehen – beim Blick in seine bereits glasigen Augen vergleichsweise unkompliziert. Leider besaß der Offizier einen robusten Magen, wenn ihm schon der Kopf fehlte, und Desmonds Großzügigkeit steigerte allenfalls seine Streitsucht und sein Misstrauen.

Die Blondine wurde fröhlicher und fröhlicher.

«Tisky, Liebling, ich glaube, ich bin beschwipst! Glaubst du nicht auch, dass ich ein ungezogenes Mädchen bin?»

«Ich werde dich verhauen!» rülpste der Schnurrbart und grabschte ungeschickt nach ihr. Desmond schob ihn beiseite.

«Also bitte, denken Sie immer daran, dass Sie für die Freiheit kämpfen, nicht für die Freizügigkeit. Möchten Sie noch einen Drink?»

Der Schnurrbart schwankte auf ihn zu.

«Ich kämpfe für mein Land, jeder kämpft für sein Land. Was tun Sie denn so?»

«Nun, ich dürfte Ihnen das eigentlich gar nicht verraten, aber ich arbeite in der Propagandaabteilung des Rüstungsministeriums.»

«Oh bitte, verraten Sie mir doch ein Staatsgeheimnis», kreischte die Blondine und schüttete ihm ihr Glas über den Ärmel.

«Tja, das sollte ich wirklich nicht tun, fürchte ich, aber ich weiß ja, dass ich mich auf euch verlassen kann.» Er lehnte sich vertrauensvoll nach vorn. «Ich habe in letzter Zeit an einem eigenen Projekt gearbeitet, einem Propagandageschoss.»

Der Schnurrbart blinzelte misstrauisch.

«Wassndas?»

«Das werden Sie gleich erfahren. Eigentlich eine ganz einfache Konstruktion, sie basiert auf dem Prinzip der Pfeifenorgel. Wir bohren ganz spezielle Löcher in ein Metallgeschoss, und wenn der Luftstrom nach dem Abfeuern durch diese Löcher entweicht, entsteht ein Propaganda-Ton. Gerade haben wir zehn Millionen angefertigt, die ‹Freieieieieieieieieiheit› pfeifen, wenn sie hinter den Linien des Feindes zu Boden gehen. Stellen Sie sich vor, was das für die Moral der Nazis bedeutet, wenn sie beim Klang unserer herrlichen Parole vor die Hunde gehen!»

Die Dunkelhaarige vertiefte sich in diesen Gedanken. «Aber müsste das Wort nicht auf Deutsch erklingen, damit sie es verstehen?»

«Da haben Sie vollkommen recht. Sie haben die Schwachstelle dieses Programms erkannt. Ein Fehler der Bürokratie – keiner im Ministerium hat auf diesen Punkt geachtet, bis die Geschosse fertig waren, und nun möchte man sie den Japanern verkaufen, die sie gegen Amerika einsetzen könnten. Wir bräuchten mehr Leute wie Sie; ich könnte Ihnen eine Stelle in meiner Abteilung besorgen.»

Der Schnurrbart kam ins Grübeln. Beinahe konnte man die schweren Panzerketten seiner Gedanken hören, wie sie der Spur hin zu einer Idee folgten.

«Aber ich meine …», setzte er an.

Desmond fuhr hastig fort.

«Ein weiteres Projekt, das wir kürzlich abgeschlossen haben, betrifft einen Giftgaszylinder, der das Gas in Form von Wörtern ausströmen lässt – so wie Himmelsschreiben mit Rauch. Das Kabinett ist sich aber noch nicht einig; sie können sich nicht entscheiden, ob sie schreiben wollen: ‹Wir lieben die Deutschen, ehrlich› oder ‹Geschieht euch recht, ihr Faschisten-Bande›.»


Einer der Männer sagte: «Ihre Kontaktliste ist verschwunden, Sir, und auch von dem Geld für spezielle Ausgaben ist nichts zu finden. Alles andere scheint am Platz zu sein.» Ein Zweiter ergänzte: «Ich finde keine Fingerabdrücke, aber ich habe eine der Kugeln aus der Tür.» Der Dritte, ein hochgewachsener Mann mit breitem Kreuz in elegantem Anzug, forderte scharf: «Geben Sie mir die Kugel. Durchsuchen Sie die Wohnung gründlicher, und machen Sie weiter, bis Sie etwas Brauchbares gefunden haben. Aber keinen Lärm! Ich berichte an die Zentrale.» Er wandte sich zum Telefon, doch der erste Mann unterbrach ihn, respektvoll, aber bestimmt: «Bitte rühren Sie das Telefon nicht an, Sir, es könnte angezapft sein. Fünfzig Meter die Straße herunter gibt es eine Telefonzelle.» Der große Mann nickte wohlwollend. «Gut. Also machen Sie weiter.» Lautlos wie eine Katze glitt er durch die Wohnungstür.


Das Gespräch hatte sich der Politik zugewandt, und der Schnurrbart reagierte gereizter.

«Die Roten? Kann die Roten nich ausstehn. Hab einen in der Offssiersmesse … Mieser Typ, trinkt nix, liest dauernd Bücher. Will sich bei den Kamraden einschleimen, aber die mögen ihn nich. Oh nein! Sie lieben Offssiere, die sie re…spektieren können … natürliche Autorität … sowas in der Art. Dieser Rote … alles eine Sorte, denkt nur ans Geld. Schwatzt immer von Lohn und Lehmshal…tungskostn, denkt an nix andres.»

Er rülpste, erschöpft von seinem Vortrag. Desmond pflichtete ihm bei.

«Ich weiß. Die Arbeiterklasse ist schlicht und einfach furchtbar. Hätten sie Badezimmer, würden sie darin Kohlen lagern, wenn sie denn Kohlen bekämen. Was haben sie getan, als sie nach dem letzten Krieg im Geld schwammen? Nun, sie kauften sich Konzertflügel, zündeten darunter ein Feuer an und nahmen darin ihr Bad.»

Der Schnurrbart schob sein Gesicht nahe an Desmonds heran, sein Atem war Alkohol.

«Sie sind ein Roter. Ich weiß es. Ich kann sie riechen.»

«Die Roten würden Sie überall riechen, glaube ich.»

«Wollen Sie mich beleidigen, heh? Sie wollen Prügel?»

Er versuchte, sich aufzurichten, und wäre beinahe vornüber gestürzt. Seine Stimme klang breiig und wütend. Der Wirt gab seinem zweiten Barkeeper, einem stämmigen jungen Mann mit der Statur eines versoffenen Bauern, ein Zeichen, und der Mann steuerte ihre Ecke an. Desmond fand, es sei an der Zeit, sich zurückzuziehen.

«Mag keine Roten», wiederholte der Schnurrbart. «Mag Sie nich!» Sein Schluckauf war unüberhörbar.

Desmond fühlte, wie die Dunkelhaarige ihn sanft am Arm zog. Er beugte sich zu ihr.

«Geben Sie ihm einen Stoß», verblüffte sie Desmond, «er kann nichts vertragen, das ist mit ihm los. Er braucht einen kräftigen Stoß.»

Desmond hatte eine bessere Idee. Er fasste den Mann an der Schulter und drehte ihn herum.

«Schauen Sie, da drüben steht einer Ihrer Freunde. Ich glaube, er will Ihnen einen Drink spendieren.»

Der Schnurrbart torkelte und starrte mit glasigen Augen ins Durcheinander, während Desmond die beiden Mädchen an den Armen fasste und nach draußen zog.

«Wo ist Jimmy? Wir haben Jimmy verloren!» kreischte die Blonde.

«Keine Sorge; gehen wir anderswo hin. Taxi!»

«Oh ja, Tisky, gehen wir! Ich hole Jimmy!»

Ein Taxi hielt. Desmond schob die beiden rasch hinein und bat den Fahrer, sie zu einem netten und lauten Ort zu bringen.

«Armer Jimmy! Er wird beleidigt sein», sagte die Blonde.

«Erst durch Ferne wächst die Liebe», entgegnete Desmond.

«Sie hätten ihm einen kräftigen Stoß geben sollen», sagte die Dunkle. «Er denkt nicht kreativ.»

Die Vorstellung des Taxifahrers von etwas Nettem und Lautem entpuppte sich als ein Keller in der Nähe des Leicester Square, der wie ein Münchner Bierpalast aufgemacht war. In Friedenszeiten war man hier stolz aufs deutsche Ambiente, auf den Tisch kamen Frikadellen und zweierlei Arten Gemüse unter dem Namen Königsbürger Klops mit Brat Kart. und Wirsingkohl. Der Name machte das Gericht zwar nicht schmackhafter, rechtfertigte aber offenbar eine Verfünffachung des Preises. Seit dem Krieg jedoch gab man sich alle Mühe, das Dekor als austro-tschechisch durchgehen zu lassen; und das Tiroler Orchester intonierte gelegentlich den Sambre-et-Meuse-Marsch und die Marseillaise als Verneigung vor kontinentaler Feierkultur. Die Speisekarte hatte man ein wenig zu gründlich reformiert, sie enthielt jetzt Delikatessen wie Mitteleuropäische Wurst mit Sauerkraut à la Danubienne. Die Stammgäste des Lokals waren überwiegend sehr junge Offiziere der Luftwaffe, die offenbar gut miteinander bekannt waren.

Die Blonde hatte ihren Jimmy inzwischen vergessen; sie demonstrierte jetzt ihr erstaunliches Vermögen beim Herunterkippen von Bier und beim Flirten mit Gruppen junger Männer aus fünfzehn Meter Entfernung. Ihre Freundin dagegen wollte übers Ewige reden.

«Wissen Sie», erklärte sie sehr ernsthaft, «ich habe eine große Gabe, ins Innere der Menschen vorzustoßen.»

«Mir geht es ähnlich. Mitunter müssen wir in andere Menschen eindringen.»

Sie lehnte sich vor. «Ich spüre das Innere meiner Freundin, sie hat wirklich eine so liebenswerte Seele. Sie weiß, dass das Leben ein Geben ist, kein Nehmen – und sie gibt und gibt und gibt.»

«Das habe ich gleich vermutet, als ich sie sah.»

«Oh, da haben Sie eine Intuition! Sie haben die Augen eines Sehers! Was war denn Ihr erster Eindruck von mir?»

Desmond betrachtete sie nachdenklich.

«Sie sind hochsensibel und musisch veranlagt. Sie hatten eine unglückliche Kindheit, weil Sie vieles intensiver empfunden haben als andere. Sie besitzen ein sehr gesundes Selbstbewusstsein, scheuen sich aber, das zu zeigen aus Sorge, Sie könnten andere verletzen. Und Sie haben eine große Schwäche – manchmal hindert Ihre Großzügigkeit Sie daran, Ihren eigentlichen Zielen im Leben nachzugehen. Mehr habe ich, glaube ich, nicht gesehen.»

Sie starrte ihn an.

«Aber Mr. Tisket, das ist ja wunderbar! Ich bin noch nie einem Menschen begegnet, der mich so gut verstanden hat.»

Er wischte sich die Nase im Taschentuch ab.

«Ich habe bei Duleepsinghi Astrologie studiert. Vielleicht ist das die Erklärung.»

Er zog sich in ein behagliches Wachkoma zurück und lauschte den weitschweifigen und zweifellos hochinteressanten Schilderungen aus dem Leben der Dunkelhaarigen.

Um Mitternacht packten die Tiroler ihre Instrumente zusammen, und Kellner umkreisten die Tische und brachten alle Bierkrüge an sich, die nicht mehr verteidigt wurden. Mittlerweile war Desmond wieder mit sich und der Welt im Allgemeinen versöhnt, und so stimmte er gern zu, als die Blonde vorschlug, man möge noch irgendwo hingehen. Draußen auf der Straße streifte ihn noch ein letzter Gedanke, der zur Vorsicht mahnte: Kaum ratsam, womöglich auf eine Bottle-Party zu gehen – mit mehreren Hundert Ein-Pfund-Noten in der Tasche. Wo konnte er die verstecken? Vergnügt lächelte er über seinen eigenen schlauen Einfall, er dirigierte das Taxi zum Postamt am Leicester Square und bat die Mädchen, im Wagen auf ihn zu warten, weil er noch einen wichtigen Brief abzuschicken hätte. Drinnen besorgte er sich den größten verfügbaren Umschlag, schloss sich in eine Telefonzelle ein und zählte sein Geld. Es waren fast dreihundert Pfund-Noten, zweihundertfünfzig davon steckte er in den Umschlag. In einer seiner Taschen fand er Annas Tagebuch, er schaute flüchtig hinein. Die Seiten – so dünn, dass sie fast beim Umblättern zerrissen – waren mit Ziffern bedeckt, vielleicht eine Art Geheimcode. Beim Betrachten des Buches drängte sich die Erinnerung daran, wie er es an sich gebracht hatte, langsam durch die Schutzfilter seiner künstlichen Heiterkeit. Desmond schüttelte sich und steckte auch das Buch in den Umschlag. Aber wohin sollte er den Brief senden? Nicht an seine eigene Anschrift jedenfalls, denn sollte die Polizei ihn tatsächlich verdächtigen, könnten sie auch seine Korrespondenz abfangen, ja, der Brief käme womöglich – so seine vom Alkohol entflammte Fantasie – genau in dem Moment bei ihm an, da ein Kommissar ihn befragte, und er spürte förmlich, wie seine Hand zitterte, als sie den Umschlag unter den kalten Augen des Verdachts in seine Tasche schob. Besser, dachte er, schicke ich alles postlagernd an einen falschen Namen, und so adressierte er den Umschlag in sorgfältigen Druckbuchstaben an: Walter Tisket, Esq., Poste Restante, Hauptpostamt … in? Ihm fiel ein Dorf ein, wo er als Kind einmal gewohnt hatte und das er gern wiedersehen würde: Missenden, Buckinghamshire.

Erleichtert kehrte er zum Taxi zurück.

«Fahren Sie uns bitte zum besten Nachtclub ohne Dresscode», bat er den Fahrer. So geschah es.

The Snake and Ladder war ein Club, der sich wenig von anderen Partytreffpunkten dieser Art unterschied. John Bull, der Geschäftsmann, versorgte eine Dame mit platinblondem Haar mit Champagner, die so fügsam war, dass sie gehorsam jedem Mann zu jeder Zeit an jeden Ort gefolgt wäre, jedenfalls solange kein zweiter Mann sie am Arm hielt. Neural Gender, der Poet, ließ das alte Athen mittels fünf hübscher junger Männer und einer Papiermütze wiederauferstehen. Ein Fähnrich saß allein für sich und stellte eine gespielte Gleichgültigkeit zur Schau, die nur zu deutlich durchscheinen ließ, dass seine Vergangenheit in der Zukunft lag. Und viele andere Gäste gaben sich alle Mühe, zu vergessen, dass jede Form von Zukunft, die sie haben mochten, längst einer fernen Vergangenheit angehörte. Desmond wünschte, sie wären anderswo hingeraten, und er spendierte allen Umstehenden einen Drink. Die Blonde wurde gesprächig.

«Oh», sagte sie, «Sie sind aber sehr spendabel!»

«Es ist aber auch ein besonderer Anlass. Ich feiere zu Ehren einer sehr lieben Freundin, die mich zu ihrem Todesvollstrecker gemacht hat.»

«Sie meinen Testamentsvollstrecker», warf die Dunkle ein.

«Oh ja, natürlich. Wie auch immer, sie hat Geld für eine Totenfeier zu ihrem Gedenken hinterlassen. Bevor sie einschlief, sagte sie noch, sie könne nicht in Frieden ruhen, wenn sie nicht geweckt würde. Die Arme! Immer diese Paradoxien!»

Desmond seufzte mehrmals tief und bemerkte, wie ein Kellner ihn eigenartig musterte. Offenbar wurde er betrunken; besser gleich etwas nachschütten. Die Band dröhnte, eine Frau sang, ein Mädchen legte einen Striptease hin, ein Herr erzählte schmutzige Geschichten. Vermutlich war das alles sein Geld wert; jedenfalls schienen viele Leute gern bereit zu sein, dafür zu bezahlen. Plötzlich brüllte eine laute, deutliche Stimme fast in sein Ohr:

«Hallo Anna, wo warst du denn nur? Ich dachte schon, du bist tot.»

Desmond fuhr herum und bemerkte zwei Fremde, die sich am Nebentisch unterhielten. Stumm lachte er über sich selbst, und dennoch hatte er all seine Fassung verloren; jetzt fühlte er sich betrunken und elend, sein Atem ging hastig, wie bei einem Asthmatiker. Er wandte sich an die Dunkle.

«Es tut mir sehr leid, aber ich muss sofort aufbrechen. Hier ist das Geld für die Rechnung, es dürfte problemlos reichen. Für den Rest kaufen Sie sich und Ihrer Freundin bitte ein Geschenk. Ich hoffe, Sie verzeihen mir, aber ich fühle mich gar nicht gut.»

Er schob ihr eine Handvoll Geldscheine zu und eilte nach draußen auf die Straße. Der Vollmond hatte schon seinen halben Weg über den Himmel zurückgelegt, und die flachen Gesichter der Häuser wirkten wie Kulissen eines kubistischen Balletts. In der Ferne schlug eine Turmuhr die halbe Stunde, und ein Zug schob sich über den Fluß. Desmond wusste, dass er sich in einem Netz verfangen hatte, aus dem es kein Entrinnen gab.


Der Mann, der den Aschebehälter in der Küche durchsuchte, erhob sich mit einem zusammengeknüllten Papier in der Hand. «Hier ist etwas», sagte er, «ein Telegramm mit einer Verabredung für den Abend.» Der Große riss es ihm aus der Hand. «Hervorragend! Beenden Sie Ihre Suche so schnell wie möglich und vernichten Sie alle Papiere, die ich nicht mitnehme. Verlassen Sie den Ort leise und einzeln, und sprechen Sie mit niemandem darüber, bis ich es Ihnen gestatte. Bleiben Sie zu den üblichen Zeiten daheim und warten Sie auf meine Anweisungen. Gute Nacht.» Er ging. Eine Stunde später lag die Wohnung still und dunkel da. Das Feuer war heruntergebrannt, und es hatte den Anschein, als habe hier niemals etwas gelebt.


Zu Hause wanderte Desmond vor seinen Bücherregalen auf und ab und quälte sich mit der Berechnung, wie viel Zeit und Geld das Lesen ihn gekostet haben mochte. Selig der Mensch, so dachte er, ohne geistige oder körperliche Leidenschaften, der mit gleicher Verachtung an Buchhandlungen, Bordellen und Reisebüros vorbeizugehen vermochte. Eigentlich schade, dass man sich heutzutage nicht mehr dem Teufel verschreiben konnte; der allgemeine Niedergang des Glaubens hatte diesen Markt ruiniert und den Verderbten lediglich die Rolle des verachteten Proletariats zugewiesen; zu verkaufen blieb denen nichts als ihre ohnehin verlorenen Seelen. Faust hatte Juristerei, Medizin, Logik und Philosophie immerhin noch gegen vierundzwanzig Jahre voller Macht und Herrlichkeit eingetauscht; inzwischen steckten alle Hauptstädte randvoll mit Gelehrten, die diese vier Disziplinen und allerlei weiteres Wissen liebend gern für ein paar Schillinge und gelegentliche Vortragsreisen hingegeben hätten. Laster unterlagen einer Überproduktion, wie anderes auch.

Desmond hielt inne, er schwankte ein wenig und starrte seine Bücher traurig an.

«Ach, Platon! Habe ich früher einmal gelesen. Mal schauen, wie er sich gehalten hat.»

Er zog einen Band aus dem Regal und schlug ihn an irgendeiner Stelle auf:

«Wenn einer umgekehrt die Größe des Abstandes des königlichen Individuums von dem Tyrannen hinsichtlich der gediegenen Wahrheit seines Vergnügens mathematisch ausdrücken wollte, so würde er nach angestellter Multiplikation finden, daß Ersterer siebenhundertundneunundzwanzigmal vergnügter, der Tyrann aber um eben diesen Abstand unglücklicher lebe.»

Glücklicher König Georg! Siebenhundertneunundzwanzigmal glücklicher als ein Diktator. Armer Josef, armer Adolf! Desmond begann weiterzulesen, doch die Buchstaben zerliefen ihm in ein Durcheinander. Außerdem war da noch etwas in seinem Kopf. Was konnte das sein? Nach einigem Nachdenken fiel es ihm wieder ein, und er griff nach einem anderen Band. Was mochte da über Mord geschrieben stehen?

«Gerät jemand aber in einen derart wütenden Zwist mit seinen Eltern, dass er es über sich bringt, in seinem wahnhaften Wüten Vater oder Mutter zu töten, dann verfällt dieser Täter gleich mehreren Gesetzen: Dieser Greueltat wegen treffen ihn die härtesten Strafen, zu denen noch hinzutreten Strafen für Gottlosigkeit und Tempelraub, da er seinen Eltern das Leben raubte.»

Was für ein Haufen Unfug! Warum ihn nicht gleich wegen Brandstiftung anklagen, hat er seine Eltern doch ins Höllenfeuer geschickt, oder wegen Behinderung, da er den Herzschlag der Eltern anhielt, oder wegen betrügerischer Umnutzung, hat er doch die Körper der Eltern in Leichen verwandelt?

«… wenn es also menschenmöglich wäre, hundert Tode zu sterben, so wäre es nur allzu gerecht, denjenigen, der Vater oder Mutter im Zorn erschlug, diese hundert Tode sterben zu lassen.»

Hätte er kaltblütig gehandelt, verdiente er vermutlich zweihundert Tode – oder vielleicht auch nur vierzig; bei diesem Platon wusste man es nie so genau. Sollte es der medizinischen Wissenschaft jemals gelingen, Menschen nach einem unangenehmen Tod, sagen wir durch Ersticken, wiederzubeleben, könnte man den Täter wahrhaftig hundert Tode sterben lassen und ihn nach jeder Hinrichtung wieder aufwecken, außer nach der letzten. So ließe sich eine Art Tarifkatalog erstellen, von einem Tod für Taten im Affekt bis zu fünfhundert Toden für vorsätzlichen Raub, Unzucht und Vatermord, begangen an einem hohen Offizier, der gerade im Feld dem Feind ins Auge blickte; sollte die Berufung scheitern, wäre die Strafe zu verdoppeln.

«Wenn ein Sklave einen freien Mann in Selbstverteidigung tötet, unterliegt er den gleichen Gesetzen wie jener, der seinen Vater erschlägt.»

Desmond wurde zornig. «Verfluchter Platon! Und ich habe Jahre darauf verschwendet, einen ungerechten alten Bastard wie ihn zu bewundern!» Er begann, eine Seite nach der anderen aus dem Buch zu reißen, wobei er auf jeder einen Satz las, dann in ein spöttisches Lachen ausbrach und die Blätter ringsum im Zimmer verstreute. Schließlich stieg Übelkeit in ihm auf wie Blasen im Treibsand, und er stolperte ins Bad und übergab sich. Sobald sein Magen sich beruhigt hatte, warf Desmond sich aufs Bett, um zu schlafen, bevor die Übelkeit wieder einsetzte.

Als er am Morgen erwachte, fühlte er sich steif und ermattet wie ein gescheiterter Bergsteiger. Nase und Rachen waren verschleimt, und sein Hemdkragen schnürte ihm den Hals zu. Er stand auf, immer noch ein wenig unsicher, und tappte ins Wohnzimmer hinüber, wo Teppiche verrutscht schienen, ein Tintenfass umgestoßen lag und die ausgerissenen Seiten der wunderschönen Platon-Ausgabe den Boden bedeckten. Warum er dies angerichtet hatte, fiel ihm nicht mehr ein, er war noch zu erschöpft; auch an Anna erinnerte er sich erst, als er den Wasserhahn der Badewanne aufdrehte. Die Erinnerung belastete ihn freilich kaum: Sie war fern und bereits verblasst, so als gehörte sie zu einer längst abgetanen Epoche der Geschichte.


Der Tag im Büro verlief rundum unerfreulich. Desmond, kränklich und von heftigen Kopfschmerzen gequält, hielt sich nur mit Mühe wach, und seine Sekretärin war dermaßen erkältet, dass sie unablässig schniefte, da sie es nicht wagte, ihre Nase mit jenem wenig damenhaften Nachdruck freizuputzen, welchen der Grad der Verschleimung erfordert hätte. Alle paar Minuten sammelte sich ein kristallklarer Tropfen am Rand eines Nasenlochs, und jedesmal beobachtete Desmond ihn mit der matten Angespanntheit eines Spielsüchtigen und wettete gegen sich selbst auf das weitere Anwachsen des Tropfens und dessen vermutete Verweildauer. Druckfahnen wurden hereingereicht, das Telefon läutete und die zehn Stockwerke dieses intellektuellen Produktionsbetriebs liefen auf Hochtouren. Desmond dachte sehnsüchtig an seine Reise nach Missenden am kommenden Wochenende; ein wenig spielte er mit dem Gedanken an einen nervösen Zusammenbruch und ein paar herrlich entspannte Wochen in Irland oder Südfrankreich. Schließlich schüttelte er die Träumereien ab und holte sich ein Glas Wasser.

Nach dem Mittagessen fühlte er sich schon besser, und nun durchsuchte er die Morgenzeitungen sehr gründlich nach einer Meldung über Anna. Er fand nichts; und obwohl der gesunde Menschenverstand ihm nahelegte, dass eine Verzögerung keinen Unterschied ausmachte, sagte ihm ein Instinkt, seine Chancen stünden besser, je länger der Leichnam unentdeckte bliebe, und so hob sich seine Stimmung. Die Rückkehr der Lebensgeister erfolgte im rechten Moment, denn um drei Uhr kehrte Mr. Poole aus seinem Club zurück, in sehr pedantischer Laune.

«Also wirklich, Thane, ich wünsche einfach nicht, dass Sie sich sarkastisch über ernsthafte Dinge auslassen! Was sollte dieser alberne Untertitel in Captain Thompsons Beitrag über die Offensivkraft der deutschen Armee?»

Er wühlte in einem Stapel mit Druckfahnen und fischte triumphierend ein Blatt heraus. «Hier ist es! ‹Träumt nicht den Traum von Maginot›. Was soll das heißen? Heute morgen bekam ich einen Aktenvermerk von Mr. Pink, und der ist ganz meiner Meinung: ‹Was soll das heißen?›»

«Ich dachte nur …», begann Desmond, doch er fühlte sich zu müde für eine Debatte. «In Ordnung», lenkte er erschöpft ein, «ich ändere das. Wie wäre es mit ‹Hitlers Militärmaschine: die wahren Fakten›?»

Mr. Pool schien zufrieden. «Das ist besser, das ist ein guter Titel. Ich mache noch einen echten Journalisten aus Ihnen, wenn Sie nur dieses intellektuelle Zeug hinter sich lassen. Als junger Mann war ich genau wie Sie; ich wollte immer besonders clever sein, aber ich war nicht vernünftig. Und dann erkannte ich eines Tages, dass ich mich für ein fröhliches Bohemienleben entscheiden müsste oder für den Neun-Uhr-Zug jeden Morgen und einen anständigen Beruf. Meine Entscheidung habe ich nie bereut. Sie haben das Zeug dazu, Thane; ich weiß, dass Sie tief drinnen ganz vernünftig sind.»

‹Der Morgen und der Morgen und der Morgen … Das Märchen eines Narren voller Lärm und ohne Wut, und es bedeutet nichts›, dachte Desmond.

Mr. Poole schwatzte weiter.

«Ihr jungen Männer seid doch alle gleich – versucht immer clever zu sein. Nehmen wir mal die Rezensionen, die Sie früher geschrieben haben, sehr kluges Zeug natürlich, keine Frage, aber scharf und unausgewogen. Als ich noch Redakteur beim Montreal Chronicle war, sagte ich meinen Rezensenten immer: ‹Ist ein Buch schlecht, rezensieren Sie es nicht. Wenn Ihnen das Buch, das ich Ihnen schicke, keine Freude bereitet, schreiben Sie gar nichts darüber. Denken Sie immer daran: Schweigen ist die stärkste Form von Verachtung.› Ich habe ihnen beigebracht, dass der Rezensent das Bindeglied zwischen Autor und Leser darstellt, und je weniger eigene Vorurteile er zeigt, desto besser.»

«Das schwächste Glied wäre demnach eines, das den Autor und den Verleger nicht in Frieden lässt?» bemerkte Desmond.

«Thane, Thane, was machen wir nur mit Ihnen! Immer zynisch, niemals ernsthaft! Ich denke da an meinen alten Freund Max – Lord Beaverbrook –, der sagte zur mir …» Desmond schaltete ab. Wer wie ein tibetanischer Heiliger oder ein schlechter Soldat im Stehen schlafen konnte, brauchte Langeweile nicht zu fürchten, wenn Mr. Poole in Fahrt kam.

Desmond lehnte sich gegen ein Bücherregal und ignorierte Mr. Pooles Vortrag über die eigene Großartigkeit. Plapperte dieser Mann von den Geisteswissenschaften, schien das so absurd und provokant wie ein kurzsichtiger Professor mit dünnen Ärmchen, der seinen Kollegen das altnordische Schwingen einer Axt demonstriert – oder wie ein offensichtlich im Sterben liegender Schwindsüchtiger, der die politischen Fragen des kommenden Jahres bespricht. Desmond fand Mr. Pooles Unfähigkeit derart offensichtlich, dass Poole selbst sich darüber im Klaren sein musste; jeder Kommentar zu seinen Ausführungen käme daher einer herablassenden Kränkung gleich. Desmond kannte diese Ratlosigkeit von gelegentlichen Versuchen, einer unattraktiven Frau zu schmeicheln; er war dann errötet beim bloßen Gedanken an die Peinlichkeit, falls sie ihn als Heuchler und Lügner zurückgewiesen hätte. Allerdings wissen Menschen dort, wo sie Stärken haben, auch um eigene Grenzen und Unzulänglichkeiten; was ihnen vollkommen abgeht, ist ihnen selten bewusst. Wenn also jemand in ernstem Ton versichert hätte, er, Desmond, besitze die Augen eines Mystikers oder die Waden eines Marathonläufers, hätte Desmond ihm wahrscheinlich geglaubt – und den Schmeichler deshalb besonders geachtet.

Um vier Uhr öffnete ein Junge die Tür und warf die Abendzeitung hinein. Desmond verrenkte seinen Hals, bis er die Überschriften lesen konnte:

DEUTSCHES FLUGZEUG VOR SHETLAND ABGESTÜRZT; VORLÄUFIGES SCHEIDUNGSURTEIL FÜR BARONIN; FRAU TOT IM APARTMENT. Desmond erstarrte und beugte sich vor:

FRAU TOT IM APARTMENT

Am heutigen Morgen wurde der Leichnam einer Frau, deren Name vermutlich Anna Raven lautet, in einem Apartment am Bedford Square aufgefunden. Der Tod trat vermutlich infolge einer Strangulation ein. Der Polizei liegen eine Reihe von Hinweisen vor; im Zusammenhang mit dem Verbrechen bittet man eine männliche Person, sich für eine Befragung bereitzuhalten.

Desmond spürte, wie er erbleichte, und stützte sich mit der Hand auf den Schreibtisch. Natürlich, sie schrieben immer etwas in dieser Art; sie konnten ihn unmöglich aufgespürt haben. Das half aber nichts; der elende Pressetext hatte ihm den Mord wieder vor Augen geführt – die Tat war nun «amtlich», und er wusste, dass sie sich wirklich zugetragen hatte. Er fürchtete plötzlich eine nahende Ohnmacht. Da wurde auch Mr. Poole aufmerksam.

«Fehlt Ihnen etwas, Thane? Sie sind ja bleich wie ein Gespenst.»

«Alles in Ordnung, vielen Dank; ich fühle mich nur ein wenig schwach, ich glaube, ich hole mir etwas Wasser, wenn Sie nichts dagegen haben; es ist wirklich alles in Ordnung.»

«Setzen Sie sich hin, Miss Prestwood wird Ihnen Wasser bringen. Beugen Sie Ihren Kopf nach unten – nein, noch tiefer –, dann werden Sie sich gleich besser fühlen.»

Mr. Poole rang mit sich; seine natürliche Freundlichkeit kämpfte gegen seine Pflichten als Arbeitgeber. Die Freundlichkeit siegte.

«Da, trinken Sie. Sie sollten lieber heimgehen und sich hinlegen; wir werden den Rest des Tages auch ohne Sie schaffen. Schlimmer, falls Sie hinfällig bleiben, wenn der Abgabetermin näher rückt. Ich bitte Miss Prestwood, Ihnen ein Taxi zu rufen.»

Desmond protestierte nur halbherzig, denn zu seinem eigenen Schrecken fühlte er sich tatsächlich krank, und er war froh, als man ihn in ein Taxi setzte. Ein paar Minuten später ging es ihm wieder besser, und als er zu Hause ankam, war er nahezu vollständig wiederhergestellt. Ähnlich wie Anna bewohnte auch er eines von mehreren Apartments in einem umgebauten Wohnhaus. Während er die Treppe hinaufstieg, schien ihm, als sei seine Wohnungstür ins Schloss gefallen. Er eilte die letzten Stufen hinauf und traf auf einen großen, kräftigen Mann, der eine Hand auf den Türklopfer legte.

«Wollen Sie mich sprechen?»

Der Mann wandte sich langsam um. Sein Gesicht wirkte weich, als rasierte er sich dreimal täglich; die Augen spielten ins Grünliche und standen ungewöhnlich weit auseinander. Seine Stimme klang belegt.

«Wohnt hier Mr. George Williamson?»

«Nein, tut mir leid.»

«Dann entschuldigen Sie mich; ich werde mich in der Adresse geirrt haben.»

Der Mann lüftete seinen schwarzen Hut und stieg die Treppe hinab, ohne eine Spur von Enttäuschung. Desmond zuckte die Achseln und trat ein.

Mrs. Fletcher, seine Haushaltshilfe, hatte an diesem Morgen offenbar sehr gründlich geputzt, denn Desmond fiel auf, dass alle Dinge, selbst seine Bücher, ein klein wenig anders standen als sonst. Zum Glück lag Annas Tagebuch an einem sicheren Ort; als Nächstes musste er die Pistole loswerden. Er inspizierte die Taschen des Anzugs, den er am letzten Abend getragen hatte. Ja, sie war immer noch da.

Bei Dunkelheit nahm er die Pistole an sich, er eilte zur Waterloo Bridge und warf sie über die Brüstung. Das war’s, so Gott will!

VIERTES KAPITEL

I. O.

NIEDERSCHRIFT EINER AUSSERORDENTLICHEN SITZUNG

DES ZENTRALKOMITEES FÜR WESTEUROPA

Anwesend: A (Vorsitzender); B, C (für die Sektion Osteuropa); D, E, F, G (Schriftführer)

Ort: Londoner Zentrale

Termin: 22.30 Uhr am 17. dieses Monats

Die Teilnehmer verständigen sich darauf, dass die Sitzung in englischer Sprache abgehalten wird. B wird für D übersetzen; E übersetzt für F.

Auf Vorschlag des Sitzungsleiters wird die Niederschrift der letzten Sitzung als bekannt vorausgesetzt.

Vorsitzender: Ich habe diese außerplanmäßige Sitzung so kurzfristig einberufen, weil ein Ereignis eingetreten ist, das die Zukunft unserer gesamten Organisation gefährden könnte. Ich will mich kurz fassen. Anna Raven, unsere wichtigste Agentin und Kontaktperson in diesem Land, wurde von Unbekannten ermordet, und man hat ihre Kontaktliste entwendet.

B: Oh Gott, war das die Gestapo? Was sollen wir tun?

E: Gestapo? Vermutlich eher der britische Geheimdienst. Ihr Deutschen denkt immer nur an eure Gestapo.

B: Sie würden die Gestapo nicht so leichtfertig abtun, wenn Sie sie so erlebt hätten wie ich! Ich habe mitangesehen, wie sie die Menschen abholen; ich war selbst bei einem Verhör zugegen. Sie werden auf meinen Namen stoßen und mich fassen. Ich muss sofort aufbrechen.

C: Haltet ihn auf, sonst gefährdet er uns alle!

Es entwickelt sich eine hitzige Debatte, die auf Anweisung des Vorsitzenden aus dem Protokoll gestrichen wird. Der Vorsitzende ruft die Versammlung zur Ordnung.

Vorsitzender: Meine Herren, meine Herren, bitte fassen Sie sich; die Situation ist nicht ganz so hoffnungslos, wie Sie vielleicht glauben. Mr. Foster, ein Kontaktmann von Mrs. Raven, hat die Angelegenheit untersucht und wartet draußen, um Ihnen zu berichten. Ich schlage vor, ihn anzuhören, bevor wir weiter beratschlagen.

Mehrere Stimmen: Einverstanden.

Mr. Foster wird hereingebeten und gibt folgende Erklärung ab.

Mr. Foster: Am Montagabend sollte Raven mich um neun Uhr aufsuchen, um letzte Details wegen der Übertragung ihrer Aufgaben auf mich zu besprechen; anschließend wollte sie abreisen, um ihre neue Position einzunehmen. Um viertel vor zehn war sie noch immer nicht eingetroffen, daher rief ich sie in ihrer Wohnung an. Weil sich niemand meldete, wurde ich unruhig; ich fuhr höchstpersönlich mit zwei Assistenten dorthin, um nach dem Rechten zu sehen. Ins Haus gelangte ich mit meinem Duplikatschlüssel, im Treppenhaus ist mir niemand begegnet. Ich fand die Wohnungstür offen; jemand hatte das Schloss mit zwei Schüssen zerstört. Im Wohnzimmer entdeckte ich Ravens leblosen Körper auf dem Boden; sie ist mit ihrem eigenen Halstuch erwürgt worden, offenbar nach einem kurzen Handgemenge. Bei meinem Eintreffen war sie noch nicht lange tot. Jemand hatte das Apartment durchsucht, alles war in Unordnung; die Kontaktliste und ein Geldbetrag waren verschwunden, ansonsten war noch alles an seinem Platz. Ich habe einige Beweisstücke an mich genommen und die Wohnung in den frühen Morgenstunden wieder verlassen.

Vorsitzender: Gibt es dazu Fragen?

C: Woraus genau besteht diese Kontaktliste?

Mr. Foster: In diesem Fall enthält sie eine kurze Darstellung unserer Ziele, Hinweise auf besondere Eigenheiten unserer britischen Kontaktpersonen, detaillierte Instruktionen zur Kontaktaufnahme mit führenden Vertretern unserer Organisation in anderen Ländern und gewisse Bemerkungen über die Mitglieder dieses Komitees.

B: Gütiger Gott, wir sind verloren!

Mr. Foster: Das Buch ist allerdings in einem speziellen Code abgefasst, und ich habe Grund zu der Annahme, dass die Personen, die es entwendet haben, bislang nicht in der Lage sein dürften, ihn zu entschlüsseln.

D: Woher wollen Sie das wissen?

Vorsitzender: Beantworten Sie diese Frage bitte nicht. Es tut mir leid, meine Herren, aber im Augenblick liegt es, glaube ich, in unser aller Interesse, so wenig wie möglich in diese Details einzusteigen. An Tagen wie diesen ist es nötig, selbst unter …

B: Was unterstellen Sie da? Wie können Sie es wagen, uns mit dieser Art von Anschuldigungen zu behelligen!

Vorsitzender: Herrr B.! Nichts, was ich sagte, war auf eine der anwesenden Personen gemünzt; ich wollte lediglich andeuten, dass diese ganze Angelegenheit äußerst verdächtig wirkt und dass es bis zur vollständigen Aufklärung am sichersten scheint, niemandem mehr anzuvertrauen als absolut unumgänglich. Und ich denke, daran sollten auch Sie sich halten, auch wenn Sie hier unter Freunden sind, die den Grund für Ihre Erregung verstehen.

B: Es tut mir leid. Verzeihen Sie mir. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Es ist manchmal schwer, zwei Herren zu dienen.

E: Mr. Foster, haben Sie denn irgendeinen Hinweis auf den Mörder gefunden?

Mr. Foster: Im Aschebehälter in der Küche habe ich ein Telegramm entdeckt, das auf den gleichen Nachmittag datiert war und in dem eine Person, die mit D.T. unterzeichnet hat, ein Treffen um halb acht abends fordert. Meine Recherchen ergaben, dass der Anruf aus den Büros von International Features kam, einer wichtigen Nachrichtenagentur. Ich konnte nur zwei Angestellte mit diesen Initialen ermitteln, über beide habe ich Erkundigungen eingeholt. Über den einen erfuhr ich nichts von Belang; im Apartment des anderen fand ich eine vollautomatische Pistole, die zum Kaliber der Kugeln passt, die ich aus Ravens Tür entnehmen konnte. Selbstverständlich habe ich mich sofort über diesen Herrn informiert und ein kleines Dossier angelegt.

Vorsitzender: Bitte lassen Sie hören.

Mr. Foster: «Desmond Thane; um die dreißig; blasse Gesichtsfarbe, dunkles Haar, etwa einsachtzig groß. Bei International Features als Redakteur angestellt. Verheiratet, lebt aber von seiner Frau getrennt. Interessen und Vorlieben außerhalb seiner Arbeit sind nicht bekannt, er scheint aber mehrere Sprachen zu beherrschen. Während der letzten Monate hat er offenbar viel Zeit außerhalb seiner Wohnung verbracht, er ist allerdings sehr verschwiegen, was seine Aktivitäten betrifft, und seine Kollegen wissen kaum etwas über ihn.» – Meine Herren, Sie müssen bedenken, dass mir die Zeit für gründlichere Ermittlungen fehlte und dass ich bei der Befragung seiner Bekannten äußerst behutsam vorgehen musste. – «Eine sorgfältige Durchsuchung seiner Wohnung förderte nichts Relevantes zutage, von der bereits erwähnten Pistole abgesehen. Sein Geschmack betreffs Kleidung und Bücher ist extravagant, und ausweislich einer Streichholzschachtel verkehrt er offenbar im Snake and Ladder, einem teuren Nachtclub. Seine Papiere bestehen überwiegend aus unbezahlten Rechnungen, und ich könnte mir vorstellen, dass sein Lebensstil über seiner Gehaltsklasse liegt. Mir war es nicht möglich, ihn mit irgendeiner politischen Organisation in Verbindung zu bringen.»

C: Die Kontaktliste haben Sie aber nicht gefunden?

Mr. Foster: Nein, leider nicht.

G: Wie schätzen Sie persönlich Thane ein?

Mr. Foster: Da möchte ich mich ungern festlegen. Bei früheren Anlässen habe ich ja bereits ausgeführt, dass ein Mann, der geistig beweglich, verschwiegen und nicht an seiner Arbeit interessiert ist, in der Regel noch einer weiteren Beschäftigung nachgeht, für die er die beiden erstgenannten Eigenschaften benötigt. Thane scheint zu dieser Sorte von Menschen zu gehören, die ich selbst gelegentlich einsetze, und könnte deshalb gefährlich werden.

Vorsitzender: Hat jemand noch weitere Fragen an Mr. Foster? Falls nicht, schlage ich vor, dass er sich verabschieden darf, denn er fliegt morgen früh nach Paris und hat noch einige Vorkehrungen zu treffen.

E: Nur noch eine Frage. Wie eng war Ihre Beziehung zu Raven?

Mr. Foster: Sehr eng. Wir waren Kollegen.

E: War Ihre Beziehung rein beruflich?

Mr. Foster: Ja.

E: Hat sie Thane jemals erwähnt oder einen anderen Namen, der mit ihm in Verbindung stehen könnte?

Mr. Foster: Nein. Sie hat immer behauptet, keine Freunde zu haben. Ich war ihr engster Vertrauter.

Mr. Foster verlässt den Raum. Die Diskussion wird fortgesetzt.

Vorsitzender: Höchst vertrauenswürdig. Er ist unser wichtigster Mann in Großbritannien und hat bislang alle Aufgaben hervorragend ausgeführt. Seine Loyalität steht ganz außer Zweifel.

E: Ohne seine Loyalität in Zweifel zu ziehen – aber könnte er nicht aus persönlichen Gründen verwickelt sein? Er ist zielstrebig und rücksichtslos; und ich schließe aus der Art seiner Ausführungen, dass sein Verhältnis zu Raven womöglich nicht rein beruflich war. Wäre es nicht denkbar, dass er sie aus, sagen wir, Eifersucht getötet hat, die Kontaktliste verschwinden ließ, um den Verdacht auf andere zu lenken, und dass er nun versucht, das Verbrechen Thane in die Schuhe zu schieben, der womöglich sogar ein erotischer Rivale war?

G: Ich glaube, wir können ganz sicher sein, dass Foster in einem solchen Fall so gründlich vorgegangen wäre, dass wir keinerlei Beweise gegen ihn in die Hand bekämen. Und ich möchte Sie alle daran erinnern, dass er ein sehr wertvoller und gefährlicher Mann ist, dessen Arbeit stets untadelig war und auf den wir derzeit gar nicht verzichten können. Ich denke, wir vertagen diese Verdächtigungen erst einmal und entscheiden lieber, was wir in Sachen Thane unternehmen.

E: Mir ist schon seit einigen Monaten unwohl dabei, wie abhängig wir von diesem Herrn sind. Mit seinem Wissen und seinen Fähigkeiten könnte er hochgefährlich werden, und ich glaube, es ist an der Zeit, ihn zu stoppen. Fürs Erste plädiere ich dafür, dass die Untersuchung dieser wichtigen Angelegenheit nicht ausschließlich in seinen Händen liegt.

G: Ich schlage vor, dass wir die Gesamtverantwortung bei Foster belassen, aber ihm jemanden an die Seite stellen – nach außen hin zur Unterstützung, aber tatsächlich als Beobachter.

Vorsitzender: Das wird er ablehnen, fürchte ich.

G: Nicht, wenn wir es behutsam angehen. Ich kenne einen exzellenten Mann für diesen Job, einen Iren, der sich O’Brien nennt. Foster kennt ihn nicht, er ist absolut verlässlich und unbestechlich, und er ist zu dumm, als dass Foster ihn ernst nehmen und gekränkt sein könnte.

E: Wenn er dumm ist, was nützt er dann?

G: Ein dummer Beobachter ist oft am besten, da er einfach nur berichtet, was er gesehen hat. Und er ist vertrauenswürdiger als ein kluger Mann.

Vorsitzender: Sehr gut, ich werde Foster diese Person bei seinen Untersuchungen zur Seite stellen. Aber lasst uns zum Fall Raven zurückkehren. Wie lautet die Meinung des Plenums?

B: Die Details dieser Angelegenheit scheinen mir belanglos, wir wissen bereits mehr als nötig. Eine unserer wichtigsten Agentinnen wurde ermordet, und einige unserer Namen befinden sich in den Händen des Gegners. Falls wir nicht unverzüglich fliehen, werde ich in Dachau enden, Sie in einer Salzmine, Sie mit einer Kugel im Hinterkopf, Sie in einem tropischen Sumpf und Sie, Herr Vorsitzender, in einem behaglichen Schloss, wo ein netter fairer Prozess auf Sie wartet und ein netter neuer Strick um Ihren Hals – sofern man Ihnen das Genick nicht mit einer Seidenkordel bricht, aus Rücksicht auf Ihre Stellung.

D: B. hat recht; wir sind erledigt, ganz gleich, wer die Liste besitzt. Wir sollten uns besser schnellstens verdünnisieren und keine Zeit mit Rumreden vertrödeln.

Vorsitzender: Meine Herren! Die eigene Schwäche zu übertreiben ist ebenso gefährlich wie das Überschätzen der eigenen Stärke, und sich die Niederlage auszumalen führt sie nur umso sicherer herbei. Bitte gestatten Sie mir eine nüchterne Darstellung unserer Lage.

Zunächst eine Mahnung! Oben auf der Tagesordnung finden Sie die Buchstaben I. O. Die stehen, wie Sie wissen, für «Internationale Opposition». Wir stehen für eine in der Geschichte gänzlich neue Bewegung: einen engen internationalen Zusammenschluss all jener, die, unabhängig von ihren politischen Zielen und Strategien, gegenwärtig nicht am Ruder sitzen – wir sind, wenn Sie so wollen, ein Bund der Entrechteten. Wir repräsentieren die großen ideologischen Minderheiten Europas – angefangen bei C, der den ursprünglichen Bolschewismus wiederherstellen möchte, über B als Vertreter des reinen und unverfälschten Nationalsozialismus bis zu F, der einem anderen Duce anhängt. Ich selbst wünsche mir für Großbritannien eine wohltätige Autokratie – anstelle unserer hartherzigen Oligarchie. Kurz, wir sind das Schattenkabinett eines großen Teiles dieser Welt – eine temporäre Einheitsfront all jener, die zeitweise Not leiden. Heute steht unser Sieg unmittelbar bevor; wir stehen kurz vor den Revolten in allen Hauptstädten unserer Zielländer, Macht und Rache sind nahe. Anschließend werden wir Gegner sein; jetzt aber sind wir Bundesgenossen, die zusammenstehen oder zusammen fallen; und in unserem Bund liegt eine größere Kraft, als einige von Ihnen zu ahnen scheinen.

Während wir uns verbündet haben, sind unsere Gegner verfeindet; das ist unsere Stärke. In Friedenszeiten haben sie oft zusammengearbeitet, das ist wahr. C wird sich noch daran erinnern, wie die Gestapo Radek und Bucharin an Stalin verriet, weil Krupp eine Dritte Internationale fürchtete; und B dürfte nicht vergessen haben, dass der französische Geheimdienst Ernst Röhm an Hitler verriet im Glauben, ein deutscher Staatskapitalismus sei leichter zu ertragen als nationaler Sozialismus. Heute dagegen führen diese Mächte Krieg gegeneinander, und die Kontakte zwischen ihren Geheimdiensten sind weitgehend abgerissen. Ihre herrschenden Klassen bekämpfen einander, ihre Geheimagenten spionieren einander aus, und sollte eine Regierung Wind von unseren Machenschaften bekommen, wird sie uns vermutlich eher zur Seite springen, als uns zu verraten. Wir sind die einzige schlagkräftige Internationale!

Nun zum Fall Raven. Sie hat in unserem Auftrag gegen die britische und die deutsche Regierung gearbeitet, und jeder dieser beiden Geheimdienste könnte sie beseitigt haben. Allerdings hätten sie dabei niemals kooperiert oder Erkenntnisse ausgetauscht – und so wären wir selbst im schlimmsten Fall nur halb verraten und nur halb vernichtet. Das wäre der schlimmste Fall; ich bin aber recht zuversichtlich, dass unsere Lage gar nicht so ernst ist, wenn wir alles in Ruhe betrachten und nichts überstürzen. Ich möchte noch einmal betonen, dass die Liste auf eine Weise kodiert ist, dass sie ohne Schlüssel unlesbar bleibt; den aber besitzen unsere Feinde bisher nicht, wer immer sie sein mögen. B, Sie gehören doch der Gestapo an. Glauben Sie, die Gestapo hatte hier ihre Hand im Spiel?

B: Ich kann es nicht sagen. Ich weiß es nicht. Seit fünf Jahren gehöre ich zu ihnen, und ich weiß immer noch nicht alles, was dort vor sich geht, nicht einmal in meiner eigenen Abteilung. Vielleicht verdächtigen sie mich bereits und verbergen manches vor mir; vielleicht planen sie schon, mich zu beseitigen. Da bin ich mir sogar sicher!

Vorsitzender: Bitte beruhigen Sie sich und antworten Sie mit Bedacht. Glauben Sie, die Gestapo wusste von Ravens Aktivitäten?

B: Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht. Mit Sicherheit stand sie nicht auf der allgemeinen Liste, aber das will nichts heißen. Vielleicht stand sie ja auf einer kleinen Spezialliste.

Vorsitzender: Passt das, was Sie über diesen Vorfall gehört haben, zu deren üblichen Methoden?

B: Nein – nein. Man hätte sie nicht erwürgt; man hätte sie erschossen, totgeschlagen oder entführt. Mag sein, dass sie diesen Thane engagiert haben; sie verwenden diese Sorte von Leuten hier in England ganz gern für spezielle Aufträge außerhalb der üblichen Agententätigkeit.

Vorsitzender: Mr. G – glauben Sie, der britische Geheimdienst war hier am Werk?

G: Es riecht nicht sehr nach unserem Geheimdienst, auch wenn Thane einer dieser Leute sein könnte, die sie von Zeit zu Zeit für belanglose Aufgaben einsetzen. Nur – warum sollten sie Raven töten? Sie befinden sich hier im eigenen Land, sie hätten Raven also leicht verhaften können, wenn nötig. Vielleicht war es ja ein ungeplanter Mord oder einer aus rein persönlichen Motiven?

F: Sicher nicht. Öffnet ein Dieb in einem bewohnten Haus eine Tür mit der Schusswaffe? Hätte ein gewöhnlicher Krimineller ein verschlüsseltes Notizbuch an sich genommen und Silberschmuck und wertvolle Steine zurückgelassen? Welches Motiv könnte sonst dahinter stecken? Mord aus Leidenschaft? Aber würde ein Mann eine Tür aufschießen und seine Geliebte erdrosseln und anschließend noch ihren Schreibtisch durchsuchen, dabei ihre Briefe ungeöffnet lassen und ausgerechnet das einzige Notizbuch mitnehmen, das er gar nicht lesen kann? Stammt das Telegramm von einem Liebhaber? Und welchen Beweis haben wir denn dafür, dass Raven überhaupt Liebschaften pflegte oder dass sie Thane kannte?

G: Das Telegramm setzt doch eine Bekanntschaft voraus.

F: Sicher, aber nicht zwingend eine persönliche und intime. Wir müssen davon ausgehen, dass Thane die Kontaktliste an sich genommen hat, egal aus welchen Gründen; solange wir sie nicht zurückhaben, gibt es weder Ruhe noch Sicherheit. Ich für meinen Teil glaube nicht an Zufälle, und nach allem, was wir gehört haben, bin ich überzeugt, dass dieser Mord aufs Konto unserer Gegner geht. Es ist jedenfalls von äußerster Wichtigkeit, dass wir unverzüglich nach dieser Prämisse handeln.

B: Ich schlage vor, Thane sofort zu töten, bevor er uns weiter schadet.

C: Ich bin strikt dagegen. Er ist unsere einzige Verbindung zur Kontaktliste, die wir, verschlüsselt oder nicht, zurückbekommen oder zerstören müssen. Außerdem ist es von äußerster Dringlichkeit, den Urheber dieser Liquidierung zu ermitteln, damit wir angemessene Schritte zu unserem Schutz unternehmen können.

E: Ich schlage vor, Thane zu einer Befragung abzuholen und ihn anschließend zu beseitigen.

Vorsitzender: Ich schließe mich meinem Vorredner an. Ich schlage vor, wir überlassen Foster diese Angelegenheit, der in ein paar Tagen nach London zurückkehrt. Wir sollten Thane aber sofort ergreifen und an einen sicheren Ort bringen.

B: Müssen wir auf Foster warten? Können wir diesen Herrn nicht selbst befragen? Überlassen Sie mir die Befragung, und ich quetsche die Wahrheit schnell aus ihm heraus.

Vorsitzender: Es ist immerhin denkbar, dass das Telegramm absichtlich im Apartment hinterlassen wurde und dass unsere Gegner, da sie die Liste nicht entziffern können, Thane als eine Art Köder benutzen in der Hoffnung, uns aufzuspüren, sollten wir versuchen, ihn zu entführen. Wenn wir seine Entführung also einigen rangniederen Agenten überlassen, zwingen wir unseren Gegner, sich zu offenbaren: Selbst der britische Geheimdienst dürfte es kaum zulassen, dass wir einen aus seinen Reihen längere Zeit festhalten. Und da Foster den Fall Raven nun schon einmal übernommen hat, scheint es das Beste, ihm diese Angelegenheit anzuvertrauen – und ich möchte hinzufügen: Jemand anderem in diesem Stadium die Verantwortung zu übertragen wäre ein Beweis mangelnden Vertrauens, der ihm gar nicht gefallen dürfte. Wobei wir alle Herrn B natürlich sehr dankbar dafür sind, uns seine Expertise zur Verfügung zu stellen.

E: Ich stimme zu. Wir können es uns noch nicht leisten, Foster zu verärgern.

Vorsitzender: Darf ich also davon ausgehen, dass wir alle einer Meinung sind? Mit Ihrer Zustimmung werde ich selbst alles Notwendige veranlassen, um Thane unverzüglich in Gewahrsam zu nehmen.

G: Und dafür zu sorgen, dass O’Brien seine Instruktionen erhält.

C: Sollte der Code, der in Ravens Kontaktliste verwendet wurde, nicht unverzüglich aufgehoben werden?

Vorsitzender: Das ist bereits geschehen. Meine Herren, habe ich Ihre Zustimmung?

B: Mir gefällt das nicht, aber ich glaube, Sie haben recht.

B, C, D, E, F und G stimmen dem Vorschlag des Vorsitzenden zu. Die Sitzung ist beendet.

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