Kitabı oku: «Der Fall - Amos Cappelmeyer»
Der Fall - Amos Cappelmeyer
Inhalt
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Epilog
Nachwort
Texte: © Copyright by John Marten Tailor
Alle Rechte vorbehalten. All rights resereved.
https://john-marten-tailor.com
Umschlaggestaltung: www.thaleaklein.de/premade-neu-vercovert
Bildquellen: www.depositphotos.com und www.pexels.com
Verlag:https://john-marten-tailor.com/Impressum
Druck:epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Personen und Handlungen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Persönlichkeiten sind nicht beabsichtigt und unterliegen dem Zufall.
Für meinen alten Kumpel Bernd, er würde gewiss wissen, wer gemeint ist.
Prolog
Ich bin, wer ich bin ...
Die Leute mochten mich schlicht als Mann mittleren Alters bezeichnen, mein Name: Amos Cappelmeyer. Ja, ganz recht, im Englischen wie im ostdeutschen Dialekt Ämos.
In meinem Geburtsjahr wurde Che Guevara erschossen, Martin Luther King schwang feurige Reden gegen den Vietnamkrieg und ein Dr. Manfred Eigen aus Göttingen erhielt den Nobelpreis für Chemie. Dies alles ereignete sich im Jahr des Herrn 1967. Ich stamme aus einem Örtchen im Landkreis Schmalkalden-Meiningen, von dem garantiert 99,9% der Menschheit niemals je gehört haben. Egal, für mich bleibt es der reizvollste Ort auf Erden.
Ich bin, wie ich bin.
Leider schlug die Damenwelt einen weiten Bogen um meine Person, da die Natur mich nicht eben gesegnet hatte, und ich, ehrlich gesagt, keine besonderen Anstrengungen unternahm, dem entgegenzuwirken. Von durchschnittlicher Statur, etwas unter ein Meter achtzig groß, hatte ich mir zumindest das volle dunkle Haar meiner Jugend bewahrt, welches von mir in Eigenleistung hin und wieder gestutzt wurde, wie der Rasen vorm Küchenfenster. Ich war weder trainiert, noch definiert - wie es auf neudeutsch heißt -, der Waschbrettbauch verbarg sich geschickt. Es bestand kein Anreiz, mit der Zeit zu gehen, bei uns auf dem Land war die Welt in Ordnung. Zu meiner modernsten Errungenschaft zählte ein preiswertes Smartphone, weil ich mir einredete als aufsteigender Stern am Schriftstellerhimmel das Internet zu benötigen.
Insgeheim sehnte sich mein Herz nach ein bisschen Zuneigung, von der großen Liebe wagte ich nicht zu träumen. Einsam suchte ich die Erfüllung als Schreiberling, mit zugegeben - mäßigem Erfolg. Hier und da einen Artikel in hiesigen Lokalblättern zu veröffentlichen, ein kleiner Lichtblick. Meine Sternstunde blieb die Kolumne »Der Totenkult in Mitteldeutschland von der Frühzeit bis zur Gegenwart am Beispiel der Gemeinde Kleinschmalkalden«, doch ich hatte mir in den Kopf gesetzt, einen echten Roman zu verfassen. Etwas, mit mehr Volumen, das man in der Hand halten konnte, wie die Bücher meiner Vorbilder aus Jugendtagen. Doch selbst nie in den Genuss der EOS, der erweiterten Oberschule, gekommen, geriet meine Karriere bereits vor ihrem Beginn ins Stocken. Knauserig, wie es meine Natur vorgab, schaffte ich ein paar Cent aus der Arbeit im Postdienst auf die hohe Kante. Von den Ersparnissen versuchte ich, meinen Traum zu erfüllen, - dabei verschlug es mich ins Ausland.
Ich nahm meinen kompletten Jahresurlaub, um nach München zu reisen, wohin ich eingeladen worden war. Ja, das Warten hatte sich ausgezahlt. Nach dem Gespräch mit der Verlagsleitung wurde ich übermütig. Mit kaum mehr als meinem Postbank-Sparbuch mit 1.500 Euro, Wäsche für ein paar Tage und ein Laptop im Gepäck, entschied ich spontan, nicht direkt nach Hause zu fahren, sondern am Münchener Hauptbahnhof den nächsten x-beliebigen Zug zu besteigen. Den kündigte die Abfahrtstafel für 12 Uhr 25 auf Gleis 9 an.
Zufällig war dessen Ziel Wien.
Der Tapetenwechsel sollte meiner aufgeputschten Kreativität Vorschub leisten, daher mietete ich mich von unterwegs mit Hilfe des Smartphones für sieben Tage in einem bescheidenen Hotel in der österreichischen Hauptstadt ein. Versprach mir raschen Reichtum. Wie konnte Mann nur so blauäugig sein, sich mit einem Verlag auf ein verwegenes Angebot einzulassen: 700.000 Euro, wenn ich es fertigbrachte, einen spannenden Roman abzuliefern, Thema frei, Minimum 300 Seiten - in sieben Tagen! Einfacher als ein Lottogewinn. Der Pferdefuß: Gelang es mir nicht, verlor ich mein Haus in bester Alleinlage, doch diese Option zog ich maximal mit einem Achtel Hirnkapazität in betracht.
So nahm das Schicksal seinen Lauf.
In grenzenloser Überheblichkeit unterschrieb ich mit einem goldenen Federhalter die Vereinbarung, vor den Konsequenzen die Augen verschlossen. Man hatte mich bei der Ehre gepackt. Mich, einen drittklassigen Schriftsteller vom Lande. Nur Gevatter Tod war längst fester Bestandteil des Plans ...
Ich bin, was ich bin.
Kapitel Eins
Ein einziger Tag
Sommer 1978
Man schrieb die dritte Ferienwoche, ein Sommertag wie aus dem Bilderbuch, geschaffen dafür, diesen im Freien zu verleben. Zwei Knaben, annähernd gleichen Alters, nicht nur körperlich unterschiedlich wie Tag und Nacht, fristeten ihn in einer Art ungesunder Zwangsgemeinschaft an einem kleinen See auf dem großelterlichen Grundstück. Libellen schwirrten, Bienen summten voller Lebensfreude, es duftete nach gemähtem Gras und Mücken umkreisten ihre Blutopfer, während die Kinder, nur in ihren Badehosen, Steinchen über die Wasseroberfläche hüpfen ließen.
»Ist das öde! Ich weiß nicht, was ich hier eigentlich soll«, maulte der Dunkelblonde, dessen Erscheinung und besonders sein Gesichtsausdruck ihn beim ersten Blick von der Kategorie „netter Nachbarsjunge“ ausklammerte.
Dasselbe, wie letztes Jahr und das Jahr davor. »Es sind Ferien«, stellte sein Spielgefährte dann lakonisch fest, weil er keinesfalls belehrend wirken wollte. Noch beim Sprechen katapultierte er mit voller Kraft einen weiteren flachen Stein auf den See hinaus, der diesmal sofort versank. Pech.
»Scheiße, das funzt nich`. Mir reicht`s! Ich bin kein Baby mehr. Wessen behämmerte Idee war das?«
»Fluch nicht, Bruno«, mahnte der schmächtige Zehnjährige mit dünner Stimme und biss sich sofort auf die Lippe.
»Wer sagt das?«, geiferte Bruno streitlustig, wobei er extrem einer alten englischen Hunderasse ähnelte. Er litt unter enormen Stimmungsschwankungen, was sein jüngerer Vetter schmerzhaft hatte lernen müssen, als er dabei einen Milchzahn verlor. Dies ereignete sich in einem anderen, längst vergangenen Sommer. Trotzdem, jedes Wort, jeder Widerspruch könnte der Zünder für den nächsten Wutausbruch sein - und vergangen ist nicht gleich vergessen.
»Weißt du doch.« Nachdem er die Augen verdreht hatte, schleuderte Amos wieder einen flachen Stein weit hinaus, der vorbildlich dreimal hintereinander aufditschte, und freute sich insgeheim, dass er etwas besser beherrschte. Etwas, für das man weder riesengroß noch stark sein musste. Ihm lagen eher die Kopfsachen. Mathe zum Beispiel, oder Aufsätze schreiben. Locker hätte er jetzt eine Abhandlung über die Flora im Thüringer Wald zwischen Kleinschmalkalden und Tambach-Dietharz zu Papier bringen können. Einfach so. Doch Holzkopf Bruno funkelte ihn finster an, dabei zerquetschte er einen hässlichen schwarzen Käfer zwischen zwei Fingern. Schmatz.
Gar nicht gut. Amos griff nach einer Pusteblume in Reichweite und begann nervös daran herumzuzupfen.
Ein fieses Grinsen legte sich für den Hauch eines Momentes um Brunos Mundwinkel.
»Was der Alte sagt, juckt mich nicht. Der hat mir überhaupt nix zu befehlen.«
Amos zuckte zusammen. Er verabscheute es, wenn jemand respektlos von seinem verehrten Großpapa sprach. Der Großvater liebte schließlich all seine Enkel gleichermaßen. Aber der Sermon fand kein Ende:
»Bei dir sieht die Sache anders aus, du Werchel. Meine Eltern sind nicht so dämlich, sich beim Kraxeln den Hals zu brechen.« Da hatte der Cousin ein Tabu-Thema angeschnitten, bei dem selbst der beherrschte Amos aus der Haut fuhr.
»Halt sofort den Mund! Du sollst nicht so reden!«
»Ach!« Bruno sprang mit unerwarteter Behändigkeit auf. Seine kurzen Finger gruben sich in den dunklen Haarschopf des Kleineren, dass dieser aufschrie, und zerrten ihn auf die Knie.
»Au! Au! Bist du blemblem? Lass mich los!«
Bruno war in seinem Element, als er sadistisch forderte:
»Sag bitte.«
»Du sollst loslassen.« Obwohl Amos sich geschworen hatte, nie wieder klein beizugeben, zwängte er das eine Wort über die Lippen: »– Bitte.«
Bruno ließ derart abrupt los, dass Amos auf seinen Hintern landete.
»Du Lutscher! Du erbärmlicher, kleiner ...«, an dieser Stelle gingen Bruno die Vokabeln aus. In der Abteilung Gehirn war er etwas zu kurz gekommen.
»Hör auf!« Wieder auf den Beinen stürmte Amos wie eine Furie auf den Hünen zu, rammte ihm eine Faust in den Wamst. Sicher hatte der Schlag nicht ernstlich weh getan, dafür war Bruno nun echt stinkig. Mist.
Amos tat das einzig Vernünftige, er ergriff die Flucht - unter den höhnischsten Beschimpfungen.
»Lauf zu Opi, du kleiner Schmarotzer! Heul doch!«
Amos schlug einen Haken und stürzte sich von dem knapp fünf Meter langen Steg in den Teich. Er empfand das Wasser kälter, wie an einem Sommertag zu vermuten, aber als er die Augen öffnete, konnte er prima sehen.
Bruno plumpste ins Wasser. Schneller wie erwartet.
Amos Vorsprung schrumpfte weiter, dann kam ihm die zündende Idee.
Kurz tauchte er auf, um seine Lungen zu füllen. Der Teich mass an dieser Stelle eine Tiefe von über zweieinhalb Metern. Vorne am Steg gammelte ein altes Kinderfahrrad auf dem Grund herum, das einst Klein-Bruno gehörte und inzwischen von Gräsern überwuchert wurde. Die Schwimmkünste des Cousins waren nicht herausragend.
Ein Punkt für die Kleinen.
Amos witterte seine Chance, tauchte zielgerichtet unter. Bald hielt er in den Händen, was er haben wollte, genau in dem Moment, als Bruno über ihm herum paddelte und brutal versuchte, ihn zu ertränken. Amos wusste, was es zu tun galt.
Er war im Besitz der Fahrradkette, die benutze er wie ein Strick, probierte, Bruno damit zu fesseln, und zwängte ihn weiter unter den Steg. Im Wasser war alles leichter, lernt man in der Schule oder aus Erfahrung. Der Große strampelte überrascht, am Ende seiner Atemluft. Bläschen entwichen seiner Nase, die Beine zappelten, die Kette rutschte erneut ab.
Das darf doch nicht wahr sein! Wieder ein Plan, der nicht funktioniert. Bruno würde ihn windelweich prügeln. Nein, mehr noch. Mit einem Zahn als Obolus würde er sich jedenfalls nicht zu frieden geben. Plötzlich verfing sich Brunos linker Fuß im Fahrradrahmen, panisch wedelte er mit den Armen, die Augen aufgerissen. So überrascht.
Er kam nicht frei, ihm fehlte es an Kraft.
Jetzt oblag es Amos, zu entscheiden, und zwar sprichwörtlich über Leben und Tod. Nie beabsichtigte er, seinem Cousin ernsthaft zu schaden, deshalb dauerte es nur Sekunden, bis er begann, an ihm herumzuzerren, um ihn frei zu bekommen. Brunos Augen blieben geschlossen.
Amos tauchte kurz auf, stieß einen Hilferuf aus, ging danach sogleich wieder auf Tauchstation. Er bog und zerrte an dem speckigen Fuß, dann war es geglückt. Der schmächtige Junge brachte Bruno an die Wasseroberfläche, schrie erneut um Hilfe, wie es seine Lungen hergaben. Irgendwie gelang es ihm gar, den Körper an das flache, grasige Ufer zu ziehen.
Auf einmal war der Großvater da, in seiner typischen Kluft bestehend aus Holzschuhen und einem Arbeitskittel. Amos Herz ging auf.
Geschafft. Alles wird in Ordnung kommen.
»Mach platz, Werchel!«
Werchel bedeutete so viel wie kleines, unbeholfenes Kind und war fester Bestandteil des großelterlichen Vokabulars. Der ältere Mann beugte sich hinunter und tätschelte dem Bewusstlosen die Wangen.
»Bruno? Hörst du mich? Bruno? – Wie lange war er im Wasser, Ämos?«
Amos zuckte die Schultern unter dem stechenden Blick des Erwachsenen.
»Nicht lange. Weiß nicht«, stotterte er unbeholfen, wünschte sich sehnlichst, Worte zu hören wie: Es wird alles wieder gut, doch stattdessen startete Großvater Wiederbelebungsmaßnahmen. Wie gebannt starrte der Knabe auf den Brustkorb seines Vetters sowie die grauen Hände seines Vormunds, die in einem gleichmäßigen Rhythmus zu pumpen begannen.
Täuschte das, oder sah Bruno viel weniger bedrohlich aus?
Die sich überschlagende Stimme des Großvaters riss Amos aus seinen Gedanken.
»Und eins, und zwei, und drei!« Unverhofft hustete Bruno, würgte, bis Wasser aus Mund und Nase trat. »Junge, mein lieber Junge! Du bist da. Alles in Ordnung?« Krächzend kam ein »Ja«, das Amos in diesem Moment alles bedeutete.
»Was ist denn nur geschehen? Ämos?«
»Uns war so warm, deshalb sind wir schwimmen gegangen. Auf einmal waren da ganz merkwürdige Wasserwesen, die haben Bruno festgehalten ...!«
»Ach, Ämos, du mit deiner blühenden Fantasie. Reiß dich zusammen. Dein Cousin wäre fast ertrunken!« Und im gleichen Atemzug: »Wir bringen dich erstmal rein. Wie wäre das, Junge?«
»Mmh.«
»Fass mit an, Ämos. Wir schaffen ihn in die Küche. Da kann er sich aufwärmen.«
Beim Abendessen waren sie vollzählig am Tisch versammelt. Die Großeltern auf der einen, die Kinder auf der anderen Seite. Der blasse Amos hielt den Blick gesenkt, erwartete jeden Augenblick die fällige Standpauke, doch die blieb aus. Bruno verhielt sich merkwürdig, hatte nicht mehr gesprochen seit dem Erlebnis im Teich.
Großvater blätterte missmutig in den Thüringer Nachrichten, räusperte sich. Er bekam jedes Mal schlechte Laune, wenn er über das Übel im Lande las. Deshalb hatte Amos gelernt, Zeitungen als eher abträglich für den Familienfrieden einzustufen. So kam es sporadisch vor, dass ein Exemplar, welches er am Morgen aus dem Briefkasten holen sollte, verschwand. Das Resultat erwies sich jedoch als kontraproduktiv, denn Großvaters Laune blieb den kompletten Tag über getrübt.
»Das darf nicht wahr sein«, raunte Luitpold, ohne die Lippen zu bewegen.
»Wie bitte? Du sprichst in Rätseln. Lass uns teilhaben, Lui«, forderte Oma Hilde, entfaltete ihre Serviette und drapierte sie auf ihrem Schoß, wie es sich für eine Dame geziemte. Sie hatte nicht aufgegeben, den Kindern Tischmanieren beibringen zu wollen, doch das hatte weder bei ihrem Gatten funktioniert, noch bei den eigenen Kindern und die Aussichten für die jüngste Generation Cappelmeyer standen lausig.
»Noh, im Harz oben ist eine Frau abgängig - bei diesen schwerreichen Hotelheinis. Weißt schon, die wo ständig die Annoncen in der Zeitung sind. `Nen Sohn hat`s wohl, kaum älter als wie unsere Beiden hier und plötzlich ist sie wie vom Erdboden verschluckt? Wer glaubt denn sowas? Hier, sogar mit Foto.« Er klopfte auf das Bild, als ob die anderen am Tisch es dann besser sehen könnten. »Kann fast jede sein, wenn ihr mich fragt. Aber es ist eine Belohnung ausgelobt, stellt euch vor. 500 Mark! – Glaube ja nicht, dass sie gefunden wird. Aber wer fragt einen alten Mann.«
»Ja, ja, die Welt ist verdorben«, nickte Hilde traurig, klatschte in die Hände und knipste in Nullkommanichts ihr bestes Sonntagslächeln an. »Aber jetzt esst bitte auf, Jungs und dann ist Schlafenszeit für euch. Morgen ist ein neuer Tag.«
500 Mark, das war unvorstellbar viel Geld, nicht nur für einen Knaben wie Amos.
Kapitel Zwei
Unklar
Gegenwart
… das Unfassbare geschah gleich in der ersten Nacht. Baufahrzeuge frästen alten Asphalt von der Straße direkt unter meinem Fenster. Eine Arbeit, über deren Sinn oder Unsinn ich nicht zu urteilen vermochte.
Auf jeden Fall stank es unerträglich nach verbranntem Teer.
Ein Höllenlärm, den kompletten Spätnachmittag lang, seit ich nach viereinhalb Stunden Zugfahrt die Zimmertür aufgesperrt hatte. Zudem war es stickig und warm in dem Kabuff, welches mir als Sparzimmer verkauft worden war. Wie sollte ich da schlafen, geschweige denn schreiben können? Ich, der Schriftsteller, inmitten seiner kreativen Phase, der nichts als absolute Stille und Ruhe gewohnt war? Für den ein Buntspecht bei der Arbeit an Lärmbelästigung grenzte?
Das Schreiben konnte ich mir heute abschminken, hoffte auf morgen.
Um nicht länger in der Enge des stillosen Zimmers sinnlos umher zu tigern, klappte ich den Laptop zu, streifte mir mein abgewetztes Lieblingsjackett mit den Armflicken über die Schultern, setzte meinen Stetson auf und begab mich in die Lobby. Der hochnäsige Concierge versicherte mir, nicht über die Straßenbaumaßnahmen informiert worden zu sein. Ich kaufte ihm das nicht ab und beschloss, um die Häuser zu ziehen. Immerhin war dies die Landeshauptstadt, da sollte doch was gehen.
Weit kam ich nicht, denn ich hatte nie Bauarbeitern hautnah bei der Arbeit zugesehen. Eine eigentümliche Faszination ergriff mich. Die rotierenden Scheiben der Fräse fraßen sich hungrig durch maroden welligen Teer. An der Seite mitlaufend beobachtete ich die drehenden Fräsmonster. Meine Neugier blieb nicht unbemerkt.
»Was glotzt`n Du so dämlich, du Tunte? Noch nie ehrliche Männer bei der Arbeit gesehen?«
»Äh, offen gesagt, nicht.« Kurzum schilderte ich dem Straßenarbeiter, dass ich einer der bekanntesten Schriftsteller unserer Epoche sei und gewöhnlich mit meiner Zeit knausern müsse. Er zog zweifelnd eine balkenförmige Augenbraue hoch.
»Ach, echt? Wie ist dein Name, Hallawachl?«
Ich räusperte mich, rang um Selbstbewusstsein: »Amos Cappelmeyer.«
»Kappelmeier? Ja, von dem habe ich gehört. Das ist doch der, der ...«
Zu meiner Verwunderung schien mein Gesprächspartner diesen Namen zu kennen, woher auch immer, und zitierte aus Büchern, von denen ich nichts wusste. Seine unrasierte Visage lud zum Reinschlagen ein, während er auf gebildet tat und seine Augen leuchteten gar wie kleine Funken, als er sein literarisches Wissen kundtun durfte, ohne von den harten Knochen aus der Asphalt-Branche verspottet zu werden.
Sollte ich mich zu erkennen geben, zugeben, dass ich in Wahrheit eine Null war? Kam nicht in Frage, denn ich würde den fürchterlichen Kerl der Firma »Leffler International Bau« niemals wieder sehen und machte mir einen Jux daraus, vorzugeben, jemand zu sein. Nach einer Weile fühlte ich mich wie sein Bruder, wir qualmten sogar eine Kippe zusammen. Doch die Kaltfräsmaschine produzierte auf einmal merkwürdige Geräusche und ruinierte den Moment. Gunar, so hieß der Typ, beschattete mit einer Hand seine Augen und fluchte, den Glimmstängel zwischen den Lippen:
»Scheiße! Nicht schon wieder.«
»Was meinst du damit, Gunar? Passiert das öfters?«
»Frag nicht so dämlich.« Als Mann weniger Worte demonstrierte ein fester Griff in meinen Nacken seine Entschlossenheit. Er schleifte mich zur Asphaltfräse.
»So, du Dummschwätzer, jetzt bist du dicht genug dran am Geschehen und kannst sehen, wie die Maschine ihre Arbeit ereldigt.« Das rotierende Fräswerk, welches direkt vor meiner Nasenspitze lärmend Fräsgut durch die Gegend spuckte, jagte mir gehörig Ballerkacken ein. Mein Alter Ego brüllte wie am Spieß, was zum Glück im Lärm der Fräse unterging. Oder?
»Spuck es aus, wer bist du, du Spinner?«
»Ich, ich bin ...« Vor Aufregung pinkelte ich mir in die Hosen. Es wurde wärmer um meine Genitalien. Gut, dass ich den Großteil an Flüssigkeit bereits ausgeschwitzt hatte. Er ließ von mir ab. So schnell mich meine Füße trugen, rannte ich davon. Die Ledersohlen klackerten höllisch laut, doch das fiese Lachen dröhnte noch aus einhundert Metern Entfernung in meinen Gehörgängen. Wieder Mal hatte ich versagt, sah aus wie ein Heckenpenner. Mit dem Jackett verdeckte ich die einurinierte Stelle, stank jedoch zehn Meter gegen den Wind. Selbst die Hotelbediensteten krümmten sich vor Lachen, bildete ich mir ein. Zitternd schloss ich mein Zimmer auf, welches linker Hand in einem schlauchartigen Flur lag, dessen Boden von geschmackloser rotgepunkteter Auslegeware geschmückt war, die den Geruch von Verwesung ausdünstete. Noch im Vorraum entledigte ich mich meiner Kleider. Schleunigst die Taschen entleeren. Eine rasche Dusche könnte helfen, nur wie üblich fehlte in der Flasche die Seife. Entnervt rief ich bei der Rezeption an, um dort meinem Unmut Luft zu machen.
Wenig später klopfte es.
»Wer da?« Keine Antwort. »Herrgottszeiten.« Ich riss die Tür auf, vor mir stand eine bildschöne rothaarige Frau mit einer Flasche knallgelber Flüssigseife und einem Grinsen von Ohr zu Ohr.
»Zimmerservice! - Die Saf. Soll ich dich einsafen, Schnuckiputz?«
»Bitte was? Unterstehen Sie sich! Nun geben Sie schon her!« Ich entriss ihr die Flasche und knallte der zwielichtigen Person die Tür vor der Nase zu. Nachdenklich, aber rollig trat ich unter die Dusche. Schließlich war ich nur ein Mann aus Fleisch und Blut. Meine Lanze stand kerzengerade, dürstete danach, ein Weib zu beglücken.
»Was meint ihr, ist das gut so?«, erkundigte sich die kleine Rothaarige angeekelt, als sie sich kunstvoll drapierte. So nah am Boden stiegen Ausdünstungen in ihr zartes Näschen, die nichts erfreuliches Vermuten ließen. Mittlerweile bereute sie, sich auf dieses Kammerspiel eingelassen zu haben. Der Bodenbelag kratzte, wie ein Strohballen auf nackter Haut und binnen Sekunden war ihr, als ob ihr ganzer Körper von unzähligen mikroskopisch kleinen Parasiten befallen worden sei. Eine Dusche würde danach nicht ausreichen. Sie hatte sich definitiv unter Wert verkauft. »Machen die hier auch mal sauber?« Die Frage galt ihren beiden männlichen Begleitern, die das Equipment aus Filmrequisiten in einem Alu-Koffer verstauten.
»Halt die Klappe und rühr dich nicht«, bekam sie zur Antwort.
»Okey-dokey. Tote Frau kann ich am besten.«
»Sonst wären wir nicht hier, Süße.« Noch ein paar letzte Handgriffe, dann war alles perfekt arrangiert.
»Die Show kann beginnen. Und keine Bewegung, Beata. Rückzug, Franky. Wir sind raus.« Die beiden Männer eilten den verwaisten Korridor entlang und entschwanden über den Notausgang.
Dreißig Minuten später duftete der Anzug angenehm nach Zitrone und hing zum Abtropfen in der Wanne. Mit einem Handtuch um den Bauch gewickelt öffnete ich die Tür einen Spalt, schielte hinaus. Womöglich stand sie ja noch da? Ich hegte die unsinnige Hoffnung, dass sie auf mich gewartet hatte.
Verdammt! Und ob sie noch da war.
Mir verging mit einem Schlag alles.
Ausgerechnet jene Frau, die mir vor wenigen Augenblicken ein zwielichtiges Angebot unterbreitet hatte, lag tot vor meiner Tür. Was für ein Desaster, das bedeutete Ärger mit der Polizei.
Leere Augen starrten an die Decke. Durchtrennte Kehle. Eine Wunde zog sich gut fünfzehn Zentimeter von einem Ohr zum anderen. Kein appetitlicher Anblick. Winzige Einkerbungen an den Wundrändern hatte ich längst bemerkt und analysiert. Als eifriger Krimifan hatte ich keine Folge meiner Lieblings-TV-Serie verpasst und wusste bestens Bescheid. Grundsätzlich kamen nicht viele Messertypen in Betracht. Davon abgesehen, hatte ich trotz meines Alters nie zuvor einen toten Menschen gesehen.
Ein Würgereiz reaktivierte die stibitzten Chips aus der Lobby. Vor Schreck schnellte die Tür ins Schloss zurück. Aufbrandendes Geschrei im Flur bereitete mir gehöriges Fracksausen. Kurz darauf klopfte es energisch, doch meine Stimme versagte den Dienst. Das Hämmern ließ Wände erzittern, akustisch untermalt von den Worten:
»Polizei! Öffnen Sie sofort die Tür!« Warum sollte ich? Meine Weste war rein, daher stellte ich mich taub. »Wir wissen, dass Sie da sind. Aufmachen!«
Eine Minute später durchbrachen sie die Tür, pressten mich nackt gegen die Wand.
»Hey, Moment mal!« Handschellen klickten unsanft meine Handgelenke hinter meinem Rücken zusammen. Die Staatsgewalt dachte nicht im Traum daran, einen Mörder zu bekleiden. Was sollte ich auch anziehen? Den Anzug hatte ich gerade frisch gewaschen, er hing tropfend in der Duschwanne, somit sprachen alle Indizien gegen mich. Schweiß benetzte meine Stirn. Die Polizei sah nur, was sie sehen wollte. Einer der Beamten schüttelte den Kopf, als ob er fürchterlich enttäuscht von mir sei. Dabei kannten wir uns überhaupt nicht.
»Ab mit dem Wicht!«
Sie führten mich durch das Treppenhaus, ich betone, unbekleidet. Auch die Lobby sollte auf ihre Kosten kommen. Hinter vorgehaltener Hand amüsierte man sich über meinen zu klein geratenen Penis. Die Uniformierten drückten mich gedemütigt auf den Rücksitz aus Kunstleder. Es quietschte. Sogar vorschriftsmäßig angeschnallt wurde ich von den pflichtbewussten Beamten, die jedoch nicht umhinkonnten, eine weitere herablassende Bemerkung über mein kleines Geschlechtsteil fallen zu lassen. Was für Hohlbirnen, nur Augen für das Offensichtliche. Mir wurde übel bei dem Gedanken, dass bedeutsame Spuren außer Acht gelassen werden könnten. Aber was sollte ich tun, hatte ich doch nur wenig Zeit meinen Roman zu vollenden. In diesem Moment verfluchte ich meinen Leichtsinn, im Handumdrehen Geld generieren zu wollen. Dass ich als Mörder hätte eingebuchtet werden können, kam mir nicht in den Sinn.
Am Polizeirevier angekommen, einem unscheinbaren Gebäude ohne jeglichen Charme, fiel eine Handvoll Reporter wie die Geier über meine Person her, schossen jede Menge Fotos. Auch Fragen, wie ich die Frau umgebracht habe, waren dabei. Wie konnten sie es wagen, mich in der Öffentlichkeit dermaßen bloß zu stellen! Und wie, zum Henker, konnte das mit der Frau so rasch bekannt werden?
Ich schwieg verbissen. Hatte ich keine Rechte?
Mit dem nackten Gesäß auf dem kalten Blechstuhl sitzend, wartete ich auf die anstehende Befragung. Doch zu meiner Verwunderung erschien niemand. Dauernd ging die Tür auf und verschiedene Personen spazierten an mir vorbei mit scheelen Blicken. Ich war die Attraktion auf dem Revier und machte dicht.
Abermals sezierte ich das Erlebte gedanklich, überlegte, was ich übersehen hatte.
Hunger und Durst quälten mich, pissen musste ich obendrein. Nach einer gefühlten Ewigkeit, schätzungsweise sechs bis acht Stunden, betrat ein Polizeibeamter den Raum, der einen Stock verschluckt haben musste. Ein Polizeioberkommissar seines Zeichens, der verkündete:
»Herr Cappelmeyer, Sie dürfen gehen. In ein paar Minuten bringt ein Kollege Ihr Gewand.« Keine Entschuldigung, nichts, was mir irgendwie helfen könnte. Wiederum dauerte es zwei Stunden, bis jemand für mich Zeit fand. Die Beamten knallten meine Sachen auf den Tisch, Reisetasche, Notebooktasche, den Stetson. Wohl denn, nichts geht über einen ordentlichen Hut. Sobald ich ihn trug, fühlte ich mich wie ein Geheimagent längst vergangener Zeiten.
Gedanken an die arme Frau plagten mich. Sie war die Einzige, die mir überhaupt je ein unmoralisches Angebot unterbreitet hatte. Schuldete ich ihr deshalb etwas? Während ich mich anzog, betrat ein anderer Polizist den Raum, ein weiterer unsympathischer Bursche. Er erwies sich als höflich und schien bemüht um meine Person.
»Herr Cappelmeyer, ich fahre Sie zurück zu Ihrem Quartier.«
Das war das Letzte, was ich wollte.
»Nein! Kommt nicht in Frage. Warten Sie kurz.« Mein Smartphone besaß nur minimale Energie, die Datenübertragung war auf Schneckentempo gedrosselt, aber für eine Hotelsuche musste es genügen. »Bingo!« Das abgelegene 2-Sterne-Haus in der Nähe versprach Ruhe und sollte für meine Bedürfnisse ausreichen. »Zur Schwalbe«. Allein der Name ließ die Herberge verdächtig erscheinen. Große Auswahl blieb um diese Zeit allerdings nicht. »Da will ich hin.«
»Wie Sie meinen.« Der Beamte chauffierte mich.
Ich rechnete mit dem Desaströsesten, da meine Visage gewiss in sämtlichen Nachrichtensendungen durch den Dreck gezogen worden war. Offenbar gab es hier keinen Fernseher oder er war kaputt. An der Rezeption buchte ich mit hochrotem Kopf ein Einzelzimmer für sechs Übernachtungen mit Frühstück auf Kosten der Polizeibehörde. Der Beamte unterschrieb die Rechnung und verabschiedete sich formvollendet. Sollte ich jetzt Erleichterung verspüren? Mir war nach allem, etwa einen Heben bis der Arzt kommt, oder doch eher Sex? Der Portier räusperte sich und überreichte mir den Schlüssel.
»Nummer Sechs, bitteschön. Das Zimmer ist nach hintern gelegen, eines unserer größten. Die Stiege ist da vorne.« Treppe, kein Fahrstuhl. Na ja, hatte ja nur leichtes Gepäck. Also machte ich mich auf in die dritte Etage zu Zimmer sechs, wieder auf der linken Seite, zog die elektronische Karte durch den Scanner. Die Tür sprang weit auf. Überraschenderweise eröffnete sich vor mir eine Wohnlandschaft von wenigstens zwanzig Quadratmetern mit einem separaten Schlafraum. Bestimmt hatten die unsichtbaren Finger der Polizei mitgewirkt, was mir nur recht war und der Ärger teilweise besänftigt. Ich war ein genügsamer Mensch. Erziehung prägt uns ein Leben lang.
In mir staute sich die Müdigkeit, aber meiner Geldbörse stand ein anstrengender Job bevor. Nach dem Frischmachen suchte ich den hauseigenen Schankraum auf, dort quetschte ich mich auf einen von sechs freien Barhockern. Es gab wenig Publikumsverkehr. Der Barkeeper platzierte prompt eine eiskalte Flasche Wodka, Soda und ein Glas auf den Tresen. Der Alkohol plätscherte kaskadenartig über das Eis im Becher, das bei dem Kontakt knisterte und knackte. Der erste Schluck umschmeichelte den Gaumen. Einkehrende Ruhe beförderte meine Gedanken zu der toten Frau, die mit durchtrennter Kehle ihre Leben ausgehaucht hatte. Die zackigen Abrisse an den oberen Hautschichten, Hand-, und Fußgelenken, die Fesselungsspuren aufwiesen, waren ein Indiz für Gewalt, aber ohne Obduktionsbericht nur schwer zu beurteilen. Ein unlösbares Puzzle, hatte es den Anschein, aber nicht für Amos Cappelmeyer!
Den zweiten Wodka kippte ich in einem Zuge hinunter. Vom Keeper bekam ich ungefragt Salzstangen dazu. Meine Überlegungen suchten verzweifelt Antworten. Der Täter musste sich von hinten genähert haben. Die Zacken boten zwei Optionen: erstens, ein Kampfmesser, zweitens ein Brotmesser.
Also denk nach, Cappelmeyer, denk nach. Wer zum Henker würde eine so schöne Frau töten? Auf ihrer Arbeit! Weshalb wurde sie zum Opfer?
Der Gedanke, warum sie ausgerechnet vor meinem Zimmer lag, ließ mir keine Ruhe, eines jedoch schien von vornherein klar zu sein, der Täter war männlich!
Die maskuline Bedienung hinter dem Tresen zeichnete sich durch eine ausgeprägte Beobachtungsgabe aus, er schenkte unaufgefordert nach. Die brennende Flüssigkeit rann die Kehle hinunter. Ein Genuss. Meine Blicke durchbohrten den attraktiven, jungen Mann, ohne ihn tatsächlich zu sehen. Er fühlte sich unbehaglich, doch ich beschwichtigte mit der Erklärung, dass ich Lösungen suche ...
Zur späten Sunde setzte sich eine elegante, großgewachsene Frau um die vierzig einen Hocker weiter zu meiner Rechten. Sie trug ihr kastanienbraunes Haare offen, war auffällig geschminkt und genoss meine ungeteilte Aufmerksamkeit, so viel stand fest. Genüsslich kippte ich meinen 3-Fachdestillierten. Ihre Blicke musterten mich auf ihren Anspruch hin. Gezupfte Augenbrauen verrieten einiges über einen Menschen und bekundeten Interesse. Außer meiner Wenigkeit war weit und breit kein anderer Mann in Sicht, nur der Jüngling hinter der Bar, was für ein Segen. Ihre langen Beine zappelten nervös umher. Höflich, nach Cappelmeyer-Art, bot ich ihr einen Drink an. Sie wandt sich mir lächelnd zu, rückte einen Stuhl auf. Der Barkeeper stellte ein zweites Glas für die Lady ab. Gentlemanlike füllte ich ihr Trinkgefäß zur Hälfte, doch sie schien eine Harte zu sein.
»Halbe Sachen machen wir nicht.« Sie drückte den Flaschenkopf runter, bis das Gefäß randvoll war. »Prosit.«
Wir ließen die Gläser klirren.
Ein Abend zum Entspannen.
»Du kannst mich Kitty nennen«, bot sie an. Freimütig erzählte sie von ihrem geschiedenen Mann. Der Ex lebte irgendwo im Ausland. Kinder im Alter von fünf und sechzehn Jahren erfüllten ihr Leben nur zum Teil.
»Es muss doch noch mehr geben!«
Ich nickte taktvoll. Die beiden Stammhalter waren beim Vater für die Ferien oder ein langes Wochenende, was auch immer. »Sturmfrei«, nannte sie ihren Zustand. »Eigentlich mache ich mir nichts aus Alkohol.«
»Ich auch nicht«, bekräftigte ich den besonderen Anlass. Der heutige Abend war der ihre. Ihre Hände suchten die Meinen. Ich setzte den nächsten Wodka an die Lippen, – der Wievielte war es? - da passierte es: Sie küsste mich. - Mich alten Sack! Meine Gefühlswelt bestand aus heillosem Chaos. Was verdammt stimmte mit mir nicht? Noch nie in meinem Leben wurde ich so zärtlich geküsst! Ich war siebenundvierzig ...
Ihre Lust auf meine Zunge war erbarmungslos.
Die angebrochene Flasche und die bezaubernde Frau im Schlepptau, was brauchte ein Mann mehr. Undefinierbare Gefühle in der unteren Körperregion breiteten sich aus. Vor der Tür stehend übernahm die schöne Fremde den Zimmerschlüssel, weil ich nicht wusste, in welche der beiden Öffnungen die Karte eingeführt wurde. Die Tür sprang auf, sie betrat staunend meine Wohnlandschaft.
»Sapperlot, so ein Zimmer hätte ich auch gern!« Ihre Kleider verstreute sie auf dem Weg ins Schlafzimmer. Ich dachte, das gibt es nur im Fernsehen. Zuerst die Pumps, dann die Bluse. Die Unbekannte hatte eine echt geile Kiste. Meine Glocken der Glückseligkeit schlugen Alarm. Ich Hengst hatte noch nie eine Stute wie diese. Nur Sekunden später fand ich sie erotisch auf dem Bett drapiert vor. Wiehern hätte ich bei diesem Anblick können. Passend dazu gingen mit meinen Hormonen die Pferde durch.
Unbeholfen streifte ich mir die Sachen ab, um dann entblättert vor ihr zu stehen, mit einem Ständer, der nach Erlösung schrie. Ich krabbelte auf das Bett, konnte den Segen noch nicht fassen. Ihre Brüste hatten gelitten durch das Stillen der Kinder, doch für mich war sie die betörendste Frau in diesem Universum. Unsere Lippen erfreuten sich aneinander, unwillkürlich lebten wir unsere Leidenschaft in vollen Zügen. Sie hatte Kondome dabei. Das Latexteil fand seinen Weg auf meinen Prachtjungen, ich selber wäre dazu nicht in der Lage gewesen.
Wir hatten uns gefunden, nach langer Zeit der Einsamkeit. Immer wieder holten wir uns ab, Liebe zu empfangen, bis wir schweißgebadet nebeneinanderlagen. Küsse des Dankes für die schönen Momente stimmten mich glücklich. In dieser Nacht weilte ich auf einem andern Stern, tief erfüllt schlief ich ein.
Die REM-Schlafphase führte mich zurück zur Asphaltfräsmaschine, die hatte unter dem Licht der Straßenlaterne ein Kreuz in die verbliebenen Teerschichten gefräst. Ich versuchte, schärfer zu sehen. Eine eindeutig weibliche Person war dort eingebettet, vernagelt mit Bügelklammern, unfähig, sich zu bewegen. Ein Mann, dieser Gunar, lachte mich fies an, gab den Wink, die monströse Maschine in Bewegung zu setzten.
»Stopp!« Ich kämpfte mit mir, nicht ins Schreien zu verfallen. Die rotierende Fräswalze bewegte sich träge vorwärts, hatte aber bereits die roten Pumps zerfetzt. Die kleinen Knöchelchen der Füße flogen wie scharfe Nägel umher, bohrten sich dabei in umstehende Verkehrsschilder.
Phalanges, Metatarsalia, Talus.
Ich konnte das Grauen nicht fassen. Kalter Schweiß brach mir aus.
Loses Fleisch wurde förmlich zu Brei verarbeitet. Sie kreischte unter Höllenqualen. Noch.
Tränen der Hilflosigkeit bahnten sich ihren Weg durch meine geschlossenen Lider. Mittlerweile hatten sich die Frässcheiben zu den Knien hochgearbeitet. Die Frau war zäh. Ihre Lider flatterten, doch die Augen wurden leer. Die Aussichtslosigkeit der Situation hatte sich in ihr Hirn gemeißelt. Wie konnte ich helfen? Ich musste doch etwas tun!
Atemnot nahm mich in Besitz. Ich vermochte nicht länger hinzusehen, aber gleichzeitig war ich unfähig, den Blick abzuwenden. Sie fixierte meine Augen, um Erlösung flehend und nun erkannte ich sie: Meine erste sexuelle Erfahrung, die Liebe für einen Abend, doch ich stand der Situation völlig machtlos gegenüber.
Das Becken war zerfetzt ... dann überfuhr die Maschine den leblosen Rest der einst stolzen Frau. Dabei zog die Fräse einen breiten, schmierigen Blutstreifen über den dunklen Asphalt.
Ich schrie wie am Spieß und wachte schweißgebadet gegen vier Uhr morgens auf. Allein. Es brauchte eine geraume Weile, bis ich mich sortiert hatte. Langsam begriff ich, es war nur ein böser Traum gewesen, der mich in diesen Zustand versetzt hatte.
Ich schälte mich aus dem nassen Laken, ließ mich einen Meter weiter am Tisch nieder und goss einen Wodka pur in Zimmertemperatur ein. Im Normalfall würde ich niemals einen Drink ohne Eis zu mir nehmen, aber außergewöhnliche Situationen erforderten Abstriche. Meine Geschmacksknospen empfanden den Alkohol als beruhigend.
»Gott sei Dank«, murmelte ich vor mich hin. »Nur ein Traum.« Der anstrengende Sex, - kein Traum - , verlangte Tribut, ergo legte ich mich wieder aufs Ohr. Der Schlaf riss mich erneut tief hinunter.
Gerädert vom nächtlichen Trauma stand ich um elf Uhr auf. Eine Dusche versprach Entspannung. Ein mittelprächtiger Schriftsteller hatte häufig dämonische Träume und es war mir verhasst, sogar sehr.
Das Gesicht war gerade frisch rasiert, da pochte es an der Tür.
»Moment!«
Wie sollte es anders sein, die Polizei, die immer paarweise anrückte. Entzückend.
»Herr ... Kappelmeier?«
»Das bin ich.«
»Hauptkommissar Vogt. Wäre nett, wenn wir uns kurz unterhalten könnten«, sagte der Kräftigere des Pärchens.
»Bitte kommen Sie herein.« Ich wies auf die Wohnlandschaft und bemerkte, dass der Zweite die Nase rümpfte. Müssten die mir nicht eigentlich aus der Hand fressen?
»Herr Cappelmeyer, bitte nehmen Sie platz.«
Das verhieß selten Gutes. Mein Gehirn spielte mir Streiche, vor meinem inneren Auge malte ich mir das Schlimmste aus, doch es sollte noch ärger kommen. Zu allem Übel hatte ich bisher keine Silbe, kein einziges Wort für den Roman geschrieben. Unerfreulicher noch, ich hatte nicht den geringsten Schimmer, worüber ich schreiben sollte, dabei hing meine Zukunft davon ab. Ich begann zu verzweifeln.
»Herr Cappelmeyer, haben Sie mir zugehört? Nein? Na fein. Sie wurden gesehen, wie Sie gestern Nacht mit einer Dame die hauseigene Bar verlassen haben ...«
»Das ist richtig.«
»Kannten Sie die Frau gut?«
»Kann ich nicht behaupten.« Faktisch wusste ich rein gar nichts über sie, nur dass sie die zärtlichste Frau war, die mir je begegnet war, doch mit dieser Information würden die Polizeibeamten herzlich wenig anfangen können.
»Dachte ich mir. – Waren Sie beide den ganzen Abend zusammen?«
Ich nickte heftig.
»Bis zum Einschlafen. Als ich aufwachte, war sie allerdings fort.«
»So so. Wissen Sie, Herr Cappelmeyer, in der Nacht ...«
Der Jammerlaut, der nun folgte, übertraf alles, was je meiner Kehle entsprungen war. In dem Moment, wo der Beamte von der Caterpillar erzählte, war es um meinen Geist geschehen. Nie zuvor fühlte ich mich leerer. Sie war eine Frau, die mich mit ihrer bezaubernden Art absolut eingefangen hatte, auf der Suche nach einem Mann, so simpel war das. Die Polizei hatte Mühe, noch ein vernünftiges Wort aus mir heraus zubekommen und trat unzufrieden den Rückzug an.
»Halten Sie sich bereit. Möglich, dass wir mit weiteren Fragen auf Sie zurückkommen müssen.«
»Klar, ich bin hier.«
»Sollte Ihnen noch etwas einfallen ist hier meine Karte.« Ich nahm die billige, weiße Visitenkarte entgegen und ließ sie auf das Tischchen fallen, weil ich sie eh nicht brauchen würde. Dann setzte ich den Wodka an, trank bis zur Neige. Sogleich bestellte ich eine weitere Flasche und befasste mich mit der Frage, wer in der Lage war, auf diese abartige Weise zu morden? Ich begriff den Sinn dieser Tat nicht. Mein Zerwürfnis mit der Welt hatte einen entscheidenden Wendepunkt erreicht. Im Hier und Jetzt zählte nur die Betäubung.
Irgendwann fiel ich volltrunken um. Im Geiste erschien mir die schöne Unbekannte, verabschiedete sich mit zarten Worten:
»Amos Cappelmeyer, vergiss mich nicht, bitte!« Dann Stille, nichts als Stille, die mir Frieden brachte.
Verkatert wachte ich am frühen Nachmittag, auf der Bettkante sitzend auf, was sehr eigenartig war, und fuhr zusammen. Mit verklebtem Mund und aufgedunsener Zunge entschlüpfte es mir:
»Du meine Güte, haben Sie mich ärschreckt! Aber verdammt, was suchen Sie in meinem Zimmer?«
»Wir haben noch einige Fragen an Sie. Dazu müssten Sie mich allerdings aufs Revier begleiten«, entgegnete der höfliche Polizist neutral.
»Kommt nicht in Frage. Bin doch nicht wahnsinnig.« Ich hatte eine reine Weste, war nur noch zu alkoholisiert, um überhaupt etwas zu sagen, geschweige zu schreiben.
»Sie weigern sich also?« Mühsam zwang ich meine Stimmbänder, mir zu gehorchen, und formulierte folgenden Ausspruch:
»Ich will nicht unhöflich sein, doch ich gehe nirgends hin. Ich habe mir gestern die Kante gegeben, nachdem die Bolizei mir unterbreitet hatte, wer die Tote war. Ein chinesisches Sprichwort besagt: »Das Leben meistert man lächelnd oder überhaupt nicht«, und jetzt verzieh dich aus meinem Zimmer, du Lutscher!«
Seine Höflichkeit fand ein jähes Ende. Ich hätte gewarnt sein müssen.
Seine Faust prallte ungebremst in meine Visage, Blut spritzte. Ich sank zu Boden. Bevor ich Gelegenheit bekam, die Auslegeware voll zu bluten, zerrte der Befehlsempfänger mich auf die Bettkante. Mir dröhnte der Schädel. Auch das Anbrüllen meiner Person von Angesicht zu Angesicht brachte keine Lösung. Ich durfte nur seinen üblen Atem riechen. Irgendwas mit Zwiebeln und Knoblauch, was für ein Gestank. Mir wurde noch elender. Überheblichkeit, verbunden mit einer Portion Frechheit, sollte den Tag rasch enden lassen, indem ich mit der Hand vor meinem Riechorgan herumwedelte.
Meine Liebste war bereits gestorben, warum nicht ihr folgen! Mein ausgestreckter Mittelfinger rief bei dem Kiberer das Rote im Auge hervor. Sein Gesicht verzog sich zu einer aggressiven Fratze. Eingeschüchtert war ich keinesfalls, bis erneut eine Faust Kontakt zu meinem linken Auge aufnahm. Mein Ich verabschiedete sich in die Dunkelheit ... Knock-out in der zweiten Runde, dabei sackte ich zu Boden. Der Polizist hatte ein neues Hobby gefunden, nämlich meine Fresse zu polieren. Mittlerweile war ihm der Teppich egal. Später verließ er den Raum, mit einem Gruß von Alfred.
Hä? Hatte ich richtig gehört? Wer zum Geier war dieser ominöse Alfred?
Konnte nicht einmal etwas halbwegs glatt laufen in meinem Leben?
Dann versank ich im Land der Finsternis.
Wie lange war ich weg gewesen?
Ich erwachte und ein Geräusch ertönte, das ich nicht zuordnen konnte. Krampfhaft versuchte ich, mich zu konzentrieren. Was war das nur? Gnädigerweise legten meine Gehirnzellen schließlich die Lösung parat:
Das Zimmertelefon schrillte bis zum Erbrechen. Unter brutalen Schmerzen, mit letzter Kraft hievte ich mich so weit hoch, dass ich nach dem Hörer langen konnte:
»Wer stört?«
»Herr Cappelmeyer? Frau Seeling, vom Verlagshaus Kniebrecht in München«, flötete eine weibliche Stimme. »Wir wollten uns erkundigen, wie Sie vorankommen mit Ihrem Werk. Es bleibt schließlich nicht mehr viel Zeit übrig. Können Sie uns eventuell schon etwas dazu berichten?« Ganz mieses Timing, schrie ich innerlich gequält, antwortete jedoch gewohnt optimistisch, direkt raus:
»Frau Seller, Schätzchen, pass mal gut auf: Mein Abgabetermin ist in fünf Tagen, wenn ich nicht irre? Also, warum nerven Sie derweil nicht einen anderen Autor, Sie Nymphe? Und rufen Sie bloß nicht wieder an!«
»Ich darf ja wohl sehr bitten! - Weder heiße ich Seller noch bin ich Ihr Schätzchen, Sie schmieriger alter Sack! Was bilden Sie sich ein?«
Jetzt hatte sie sich bestimmt ins Höschen gemacht, ihre überdrehte, schrille Stimme verriet sie. Aber, ob es mir nun gefiel, oder nicht, war es ein Weckruf, endlich mit meiner Arbeit loszulegen. Nur worüber schreiben? Noch immer hatte ich kein Thema gefunden. Ideen waren bei mir auf der Flucht, oder sollte ich sagen, es hing ein Fluch über mir.
Wie auch immer, ich brauchte eine Dusche. Im Spiegel erkannte ich mich selbst nicht mehr. Das Wasser hämmerte auf meine mit Blutergüssen übersäte Haut. Am übelsten war mein linkes Auge zugerichtet. Damit konnte ich kaum etwas sehen, nur durch einen schmalen Schlitz und auch nur verschwommen.
Der Schweißgeruch war abgewaschen, das Blut der vergangenen Stunden den Abfluss hinuntergespült. Nur zwei jämmerliche Sätze frische Wäsche füllten meine Reisetasche? Ich streifte mir die Sachen über, ein quietschbuntes Hawaiihemd und eine Kaufhallen-Niethose, der Hut durfte auf keinen Fall fehlen. Jetzt sah ich endgültig wie ein verwegener Gangster aus, fehlte nur noch ein adäquates Schießeisen im Hosenbund. Heute lastete die alte Jacke unendlich schwer auf meinen Schultern, was ich mir durch die Prügelmale erklärte.
Ich verließ das Zimmer, mein Bedarf an Dresche war gedeckt. Den Hut tief ins Gesicht gezogen, suchte ich die Flucht aus dem Hotel. Doch kurz vor dem Ausgang wurde ich aufgehalten.
»Herr Cappelmeyer, nicht so hurtig! Hier ist eine Nachricht für Sie.« Im Eingang überreichte der Concierge mir einen schmierigen Zettel, der unbedarft in die Innentasche der Jacke wanderte.
»Danke«, murmelte ich zwischen geschlossenen Lippen.
Die Sonne brachte alles an Licht hervor, sodass ich für einen Moment nur wenig von meiner Welt zu sehen in der Lage war. Vergeblich probierte ich, die Hutkrempe noch tiefer zu ziehen. Ich hatte einen Plan: Einfach geradeauslaufend, suchte ich die nächstbeste Konditorei, ein Konzept, das in jeder Stadt früher oder später zum Erfolg führte. Mich dürstete nach einer gepflegten Tasse Bohnenkaffee. Die Menschen, die mir entgegenkamen, rümpften die Nase und schlugen weite Bögen um mich. Mir war eh nicht nach Reden, besonders nicht, nach den letzten Stunden.
Kapitel Drei
Erbarmen
Den ohne Wurzeln wird der Wind davontragen. (Unbekannt)
Die Frau im Café trug Trauer und haderte mit sich selbst, dabei starrte sie in ihren Latte Macchiato mit Sojamilch. Sie saß zurückgezogen in der hintersten Ecke bei den Toiletten, was nicht bedeutete, dass sie nicht mitbekam, was um sie herum vorging.
Beobachten gehörte zu ihrer Natur.
Da war diese junge Kellnerin, die Zoff mit ihrem Macker hatte, einem äußerst unangenehmen Typ, der aus seinen Eifersüchteleien keinen Hehl machte. Sie fragte sich, wie verkommen die Welt war. Als Vorgesetzte hätte sie den Störenfried längst nach draußen befördert.
Sie rührte noch einmal in ihrem allenfalls lauwarmen Getränk. Wie hatte sie hier landen können?
Eine rhetorische Frage, auf die sie die Antwort nur zu gut kannte. Sie war nach Wien gereist, um Abschied von ihrer großen Schwester zu nehmen. Die Geschwister hatten sich nicht sonderlich nahe gestanden, nicht wie es Schwestern sollten. Zwar telefonierten sie regelmäßig, aber die Distanz war einfach zu groß. Die Frauen lebten in verschiedenen Zeitzonen. Aber sie erschien als Letzte in der Anruferliste der Verstorbenen, der Grund, warum sie jetzt in Österreich war und nicht zu Hause oder wenigstens in einer pulsierenden Metropole wie Berlin oder Hamburg. Sie musste Hellen die letzte Ehre erweisen.
Aktuell betrat ein Mann das Café und bewegte sich zielstrebig auf die WCs zu. Mit dem hatte es Gott, oder wer auch immer dafür die Verantwortung trug, nicht gut gemeint. Er fühlte sich unwohl in seiner Haut und war bemühte, nicht aufzufallen, was völlig unmöglich war, denn allein seine Erscheinung mutete wie aus einer anderen Zeit an. Das Auffälligste am ihm war ein altertümlicher Hut, ein Stetson, wie sie als Amerikanerin wusste, den er tief ins Gesicht gezogen trug und auch nicht abzusetzen gedachte, als er am Nachbartisch platz nahm, ohne Notiz von ihr zu nehmen. Zum Glück. Sie wollte nicht reden.
Ein merkwürdiger Kauz. Irgendetwas stimmte mit seinem Gesicht nicht. Deshalb wahrscheinlich der Hut. Er blickte auf, um die Bestellung bei der genervten Bedienung aufzugeben, und sie sah Blutergüsse und Schwellungen. Wie ein Preisboxer wirkte der Mann nicht, auch die besten Jahre lagen schon hinter ihm. Aber als er sprach, fiel ihr die angenehme Stimme auf, auch wenn er leicht gereizt klang.
»Was darf`s sein?« Die grellrot gefärbte Servierkraft trug ihre Nase ziemlich weit oben, als sie mich das fragte.
»Eine Tasse Kaffee und ein Stück Apfelkuchen mit Sahne, bitte.«
»Also, ein Schümli und ein Apfelschlangerl mit Obers. Na, Sie könn`s noch vertragen«, und ging von dannen, die blöde Kuh. Sie entsprach so gar nicht meinem Typus Frau. Obwohl, ich war selbst kein Frauenschwarm. Bei diesem Gedanken legte sich ein leichtes Grinsen über mein lädiertes Gesicht. Die Kellnerin, die daheim einen Namen wie Chantalle, Mandy oder Jaqueline tragen würde, hieß Solveig und stellte den Pott Kaffee und meinen geliebten Apfelkuchen mit Sahne auf den Tisch, ohne mich eines Blickes zu würdigen.
»Bitt`schö. Haben`s auch Geld dabei?«
Es stand ergo noch böser um mich, wie befürchtet. Ich war gewappnet: Triumphierend wedelte mein letzter Hunderter Barvermögen unter ihrer Nase und meine Schlagfertigkeit holte zum Finale aus.
»Ach, und Schätzchen, keine Sorge, dich könnte ich auch bezahlen!« Die Gesichtsfarbe ihrer Haarpracht angepasst, knallte sie mir das Wechselgeld von 91,55€ auf den Tisch und verschwand schnaubend. Schlürfend genoss ich den dampfenden Kaffee, verfeinerte ihn mit Sahne vom Teller. Der Kuchen war ausgezeichnet.
»Wo ist der Dämlack?« Ein Schrank von einem Mann stürmte das Café, fegte die Stühle in seinem Weg an die Seite, wie Streichhölzer. Sein Gesicht konnte ich nicht sehen, die Sicht auf ihn versperrte meine Hutkrempe. Eine weibliche Reibeisenstimme vom Nachbartisch stellte unmissverständlich klar, sollte er Hand an mich legen, würde Mr. Gipskopf sich tot auf dem Boden liegend wiederfinden.
»War`n Missverständnis«, murmelte der Koloss handzahm und trat den Rückzug an. Was wurde hier gespielt?
»Vielen Dank, aber das hätte ich locker allein geschafft«, behauptete ich, dann voller Wehmut: »Für mich hat sich noch nie jemand eingesetzt!«
»Doch, ich soeben. Das würde ich auch wieder tun, seien Sie gewiss!«, erwiderte die Dame vom Nebentisch mit einem leichten Akzent, während sie in ihrem Latte Macchiato herumrührte und den Löffel abschleckte. »Es sei denn, Sie erweisen sich als Arschloch.«
Nun wollte ich sehen, wer da eine starke Etikette vertrat. Als ich den Kopf hob, dachte ich zu träumen; eine zierliche Frau, wie ein Engel, mit langen kastanienbraunen Haaren, die sie zu einem strengen Dutt trug, in konservativen Schwarz gekleidet. So ein Persönchen hatte den Neandertaler in seine Schranken verwiesen? Ein schiefes Lachen huschte über mein geschundenes Gesicht. Kopfschütteln. Doch das Schießeisen, das sich hart in meine Eier schob, rückte mein Weltbild wieder zurecht. Natürlich hatte ich keine Angst, sie hatte die gleichen Augen wie meine schöne Unbekannte. Kitty? Ein alter Sack saß einer traumhaften Frau gegenüber, die mit ihrem Schießeisen genau auf seine Kronjuwelen zielte. Meine Aufmerksamkeit war ihr zu 100 Prozent gewiss, so viel stand fest.
Sie berichtete mir vom Verlust ihrer geliebten Schwester, dabei kullerten der harten Lady Tränen der Trauer über das makellose Gesicht. Im Roman käme jetzt mein Einsatz, doch ich trug nur selten Taschentücher mit mir herum. Sollte ich ihr erzählen, dass ich möglicherweise ihre Schwester gepimpert hatte? Ich hörte lieber weiter geduldig zu. Zu meiner Beruhigung wanderte ihre Knarre in die geräumige Marken-Handtasche. Meine Eier hätten ihr auf der Stelle huldigen können. Sie setzte sich um, links neben mich, lehnte sich an meine Schulter. Sie erzählte mir, ihre Schwester habe sie in der fraglichen Nacht noch angerufen und berichtet, dass sie endlich den Mann gefunden habe, der sie so mochte, wie sie war.
»Was habe ich mich gefreut für meine Schwester! Sie müssen wissen, seit ihrer Scheidung überkam sie nach und nach die Einsamkeit. In der Nacht klang sie glücklich, wie ewig nicht mehr. Sie hat zwei Kinder ... Ach, entschuldigen Sie bitte, ich heule Ihnen die Ohren voll und habe mich noch nicht vorgestellt, wie unhöflich von mir. Mein Name ist Audrette Miller.«
»Audrette? Was für ein hübscher Name. Ausgefallen. Ich bin Amos Cappelmeyer aus Thüringen, aus der verträumten Gemeinde Floh-Seligental.«
»Hocherfreut, Herr Cappelmeyer aus Floh-was?«
»Floh-Seligental. Keine Sorge, das kennt kaum jemand. Sind Sie eine echte Amerikanerin? Ich meine nur, Sie sprechen hervorragend Deutsch.« Ihr Schmunzeln ließ mir das Herz aufgehen.
»In der Tat besitze ich die amerikanische Staatsbürgerschaft. Liegt daran, dass ich im Alter von elf Jahren mit meinem Vater in die Staaten gegangen bin. Meine Schwester blieb bei unserer Mutter.«
»Interessant. Dürfte ich nach dem Namen Ihrer werten Schwester fragen?«
»Meine Schwester hieß Hellen, Hellen van Dijk. Wieso?«
Der Tränenfluss war nicht mehr zu bremsen, wie ein alter Köter heulte ich das Lokal zusammen. Schließlich hatte sie doch noch einen echten Namen bekommen.
Das Schießeisen bohrte sich zum zweiten Mal unerbittlich in meine Eier. Jetzt war ich geliefert.
»Was soll der Bullshit?« Ihr Blick wurde eiskalt, hasserfüllt.
»Oh nein, das ist ein Missverständnis! Hören Sie ...« Es gab nur den einen Ausweg, nämlich ihr alles anzuvertrauen. Ich begann mit den Ereignissen im Verlag. Dass ich ein drittklassiger Autor war, einen packenden Roman innerhalb von sieben Tagen abzuliefern hätte und dafür eine stattliche Summe einstreichen konnte. Im Falle meines Scheiterns, verlöre ich mein Haus im Grünen. Sie legte nachdenklich den Zeigefinger an ihre Nasenspitze.
»Was ist das für ein Quatsch? Warum dein Haus? Verstehe ich nicht.«
»Was weiß ich. War mir egal, habe nur die verdammten Euros gesehen.«
»Na schön. Aber soll das ein Zufall sein? Von einem solchen Vertrag habe ich noch nie gehört. Ist was Besonderes an deinem Haus, Cappelmeyer?«
»Nein, ganz und gar nicht. Es ist alt. Ich habe ein nettes Grundstück, die Luft ist sauber, mehr nicht.«
»Klingt aufregend«, grinste Audrette. »Schön blöd, in einer Woche einen kompletten Roman schreiben zu wollen.«
»Finde ich nicht. Na ja, also ...«, stotterte ich betreten. »Der schon wieder.« Der Hüne kreuzte erneut auf, mit hochrotem Schädel, hatte sich wohl am Kiosk um die Ecke Mut angetrunken.
»Der nervt.« Audrette spannt den Hahn ihrer Knarre. Sie war es leid, von dem hirntoten Mammut unhöflich von der Seite angequatscht zu werden, und richtete den Lauf auf seinen rasierten Schädel.
»Sehen Sie nicht, dass hier zwei kultivierte Erwachsene ernsthafte Gespräche führen?« Mit gewichtiger Stimme forderte sie den Neandertaler auf, lieber seine Alte anständig zu vögeln, dann würde die auch keine alten Säcke derart herablassend behandeln.
Bravo. Meine Meinung. - Bis auf den Teil mit den alten Säcken ...
Der Koloss brüllte zur Abwechslung sein Mädchen an. Es endete mit einer schallenden Ohrfeige, welche die Bedauernswerte gegen die nächste Wand beförderte. Da platze meiner neuen Bekanntschaft der Kragen.
»Das darf doch nicht wahr sein!« Sie platzierte ihre Waffe neben der Kaffeetasse, winkte Mr. Schrankwand zu sich, der aufs Wort gehorchte und antrabte, nur um von Audrette einen ordentlichen Tritt in die Kronjuwelen verpasst zu bekommen. Alleine das Zusehen schmerzte. Der zweite Tritt mit den Highheels quer durch die Hackfresse bescherte ihm ein breites Joker-Grinsen, dann sackte er zu Boden, wie ein gefällter Baum. Audrettes Gesicht spiegelte keinerlei Emotionen. Sie zupfte an ihrem Kleid rum und setzte sich wieder neben mich, als wäre es das Normalste der Welt.
»Also, wo waren wir eben stehengeblieben?« Trocken antwortete ich:
»Kleines, du hattest deine Knarre in meine Eier gebohrt, wolltest den Verdacht ausschließen, dass ich der Mörder deiner geliebten Schwester bin.«
»Richtig.« Der Hahn rastete zwar ein, was als Erfolg gewertet werden mochte, doch sie fixierte mich weiter mit ihren Blicken. Kein Wimpernzucken, nichts ... Das rief mir folgendes chinesische Sprichwort ins Bewusstsein: »Frauen tragen die Hälfte des Himmels.« Bei Audrette konnte ich mir das überhaupt nicht vorstellen. Plötzlich lächelte sie wie ein Honigkuchenpferd:
»Du stehst auf chinesische Sprichwörter?«
Ich nickte. Im Stillen keimte die Frage auf, ob diese Person mein Gegenstück sein sollte? Der Kaffee war längst erkaltet, meine Augen klebten an der Amerikanerin. Schwermütig meinte sie:
»Ein Weg entsteht erst, wenn man ihn geht.« In dieser Sekunde stand für mich fest, sie war mein YIN. Audrette, so zierlich und zerbrechlich sie wirkte, war in Wahrheit ein Vulkan. Sie wünschte sich von mir, sie zu der Beerdigung ihrer Schwester zu begleiten.
»Ist doch eine Frage der Ehre!«
»Die Leiche ist freigegeben und wird Morgen zur Mittagszeit beigesetzt. Allerdings gibt es ein kleines Problem. Ich habe versäumt, für heute Nacht ein Zimmer zu buchen. So was Blödes.« Ich zuckte die Achseln.
»Also, ich sehe da kein Problem. In meiner Unterkunft sind gewiss noch Zimmer frei. Wenn du keinen Wert auf Luxus legst, meine ich.«
»Du hast nicht zufällig ein Doppelzimmer? Ich dachte bloß, das würde Zeit und Geld sparen. - Bilde dir nichts darauf ein. Ich bin praktisch veranlagt.«
»Das bin ich auch.« Ungläubig deutete ich in Richtung meiner Unterkunft. »Sind nur ein paar Gehminuten.«
»Na dann, worauf wartest du noch?« Wir plauderten angeregt über das eine Thema, das uns verband, Hellen, auch als wir längst vor dem Hotel standen. Es war eine meiner unlogischsten Entscheidungen. Einerseits liebte ich ihre Schwester Hellen, – ein merkwürdiges Wort in Bezug auf eine Frau, die ich nur einige Stunden kannte, – doch andererseits fühlte ich mich von Beginn an zu Audrette hingezogen. Dennoch blieb da dieses Unbehagen in meiner Magengegend. Alldieweil hätte ich eine Person an meiner Seite, die in der Lage wäre, mich zu beschützen. Mich beschlich dumpf das Gefühl, dass dieser Faktor nicht ganz unerheblich sein würde.
»Wollen wir reingehen?« Ich ergriff ihre Hand und stolzierte mit ihr an meiner Seite ins Foyer. Kurz meldete ich meine Eroberung an. Der Rezeptionist trug Frau Miller vorschriftsmäßig in den Computer ein.
»Gerne, der Herr. Ich setzte den zweiten Gast auf die Rechnung.«
»So soll es sein.« War das etwa Ungläubigkeit in seiner Mine? Ich nahm den Zweitschlüssel in Empfang, tippte mir an den Hut, dann erklommen wir die abgewetzten Stufen zur dritten Etage.
»Kein Aufzug?«, kam die unweigerliche Frage. Doch schon waren wir im passenden Flur. »Ist das nicht dein Zimmer da vorne links, die Nummer 6?«
»In der Tat.« Die Zimmertür stand einen Spalt weit offen. Ich könnte Stein und Bein schwören, das ich die Türe fest zugezogen hatte, und zuckte die Schultern. Kein Licht. »Da ist doch was faul!« Audrette hielt mich am Arm zurück, den Zeigefinger an die Lippen gelegt, dann kramte sie ihre Bleispritze aus den Tiefen der Tasche hervor und stöckelte selbstsicher voran. Zuerst knipste sie das Licht an.
»Damn, ich hab`s gewusst.« Eine Verwüstung meiner Wohnlandschaft konnte nicht übersehen werden, doch für Audrette legte sich im Chaos ein Muster dar, welches sie mit dem Smartphone fototechnisch dokumentierte.
»Oh nein! Nicht der Computer!«, entfuhr es mir beim Anblick der auf dem Boden entleerten Notebooktasche, dabei glich der tragbare Computer einem gefalteten Buch.
»Das ist zu nichts mehr zu gebrauchen«, diagnostizierte meine Begleiterin. Ja, das zu erkennen bedurfte keines Genies. Wie sollte ich jetzt auf die Schnelle ein Buch schreiben? Mit der Hand, auf die alte Art? Lachhaft. Panik keimte in mir auf, alles Blut sackte in meine Füße.
»Hey, Amos! Alles klar? Du bist plötzlich so bleich geworden. Du hast doch deine Daten gesichert?« Nicken. Keine Lüge. Nichts multipliziert mit nichts ist dann wohl - nichts. Aber das brauchte sie nicht zu wissen. »Na dann.«
Audrette kickte die Pumps in den Raum, entkleidete sich bis auf die Haut, um dann in Windeseile die gesamte Wohnlandschaft aufzuräumen. Sie war mit einem traumhaften Apfelarsch gesegnet und Titten, klein und knackig. Zum Anbeißen, nur der Urwald ihrer Scham brannte mir einen Schauder auf die Netzhaut. Kaum fertig mit Aufräumen, ließ sie sich mit der Hotelleitung verbinden, der sie ein Ultimatum auferlegte.
»Entweder ist in einer Stunde ein neues modernes Notebook auf den Namen Amos Cappelmeyer auf diesem Zimmer, oder ...« Nur Minuten später klopfte es, wer hätte das gedacht? Unsere vielsagenden Blicke waren schon jetzt die eines eingespielten Teams. Die Waffe verborgen hinter dem Rücken, blieb sie ansonsten, wie Gott sie geschaffen hatte. Aus ihrer Position hatte sie den Tisch im Rücken und die Tür im Blick.
»Mach auf«, befahl sie. Ich weiß, sie wollte das Überraschungsmoment auf ihrer Seite wissen. Dem Hoteldirektor klappte, wie zu erwarten, die Kinnlade hinunter, als er die Frau im Evakostüm erblickte. So lag die gesamte Aufmerksamkeit bei ihr, ich war nur schmückendes Beiwerk. Das Handy in der einen Hand und die neun Millimeter in der anderen, trat sie so nah an den Hotelier heran, dass der hätte eigentlich erblinden müssen. Selbst ich konnte von der rassigen Lady noch etwas lernen, obwohl ich von dieser speziellen Methode absehen würde, nach meiner peinlichen Erfahrung.
»So meine Lieber, schau dir die Fotos an. Na? Das gefaltete Notebook kannst du mitnehmen und entsorgen. Ich gebe dir exakt eine Stunde Zeit, um den Schaden zu beheben. Ansonsten findest du dein Hotel in der Presse wieder.« Sein frisch rasiertes Gesicht begann zu glühen.
»Was? Nein, nein, ich meine ...« Dann schmetterte sie ihm die Tür vor der Nase zu. Er hatte gar keine Chance.
»Eine Stunde!!« Mich lächelte sie an: »Fortan ticken die Uhren anders in deinem Leben. Das ewige Herunterputzen findet mit diesem Tage ein Ende!« Mich packte die Ehrfurcht und ihre resolute Art machte mich an. Jedoch fuchtelte sie mit der Waffe vor meiner Nase rum, was ich überhaupt nicht leiden mochte.
»Könntest du vielleicht ... Was ist das überhaupt für eine Verbindung zwischen dir und dem Schießprügel?« Sie legte ihr Werkzeug auf dem Tisch ab, aber sollte ich auf eine Antwort gehofft haben, war ich schief gewickelt.
»Wir haben eine Stunde. Willst du bloß quatschen?« Sie sprühte vor Elan. Mein Blick traf unweigerlich auf ihren Urwald, damit schrumpfte mein Verlangen nach ihrem Schoß auf ein Minimum. Doch ihre Lippen suchten die meinen. Mich traf ein Blitzschlag der Sinnlichkeit, von nur einem Kuss. Sie warf einen diskreten Blick auf das Oberhaupt in der Hose, der einen Versuch unternahm, sich durch den Stoff zu bohren.
»Bin gleich zurück. Nicht weglaufen.« Sie verschwand im Bad. Keine Viertelstunde später stolzierte eine majestätische Gazelle heraus. Audrette zelebrierte ihren Auftritt. Heiliger Strohsack! Sie war vollends rasiert. Ein Traum von einer Frau, nur einen Zentimeter vor meiner Nase, die den Duft einer Blumenwiese versprühte. Ein fester Handgriff in meine Hoden unterstrich ihren Anspruch.
»Uns bleiben fünfundvierzig Minuten. Die Uhr tickt.« Ich küsste sie zärtlich, verzog aber schmerzvoll das Gesicht. Momentan keine gute Idee. Meine Finger tänzelten über ihren Rücken, wir verloren uns in der Glückseligkeit. Der Blick nach unten musste von ihr kommentiert werden:
»Nicht schlecht, mein Lieber.«
»Nicht schlecht? Du wirst noch dein blaues Wunder erleben.« Ich trieb die Lady vor mir her, bis der finale Stoß meiner Lenden den kläglichen Rest ihres Verlangens aus ihr herausgepresst hatte. Ihr erster Orgasmus seit Langem, wie sie mir später gestand. Ich vermochte kaum Vergleiche zu ziehen, aber es war mindestens genauso grandios wie mit ihrer Schwester.
»Wer hat dich überhaupt so zugerichtet? Sieht übel aus«, kam die Sprache letztlich auf mein entstelltes Gesicht.
»Ach das, sieht schlimmer aus, als es ist. Das war ein Dämlack von Polizist. In meinem Hotel - einem anderen - gab es einen Mord. Danach noch der Vorfall mit Hellen, da ist er ausgerastet.«
»Stop! Was, redest du da? Ein Polizist? Mord? Seltsam. Davon hätte man doch in den Nachrichten hören müssen. Also, ich habe nichts mitbekommen. - Diese Österreicher sind ein eigenwilliges Völkchen.« Da konnte ich nur zustimmen. »Ich werde gleich mal im Netz nachlesen, was da passiert sein könnte. Sowas gibt`s doch gar nicht.«
Sie griff nach ihrem Smartphone und tippte die entsprechenden Suchbegriffe ein. Ohne Ergebnis. »Sag ich doch, da ist was oberfaul. Warte, ich probiere noch was anderes.« Sie ließ sich die Schlagzeilen der letzte Tage anzeigen und schüttelte den Kopf. »Fehlanzeige. Alles dreht sich um dieses Zugunglück bei Wels mit mehreren Toten und zig Verletzten. Wie sowas geschehen kann? Die Zahl der Toten hat sich auf fünf erhöht. Traurig.«
Es klopfte. Sie las die Uhr vom Display ab. »Auf die Minute. Hätte ich nicht erwartet.« Audrette nahm ihre Knarre auf, positionierte sich vor der Tür. Ihr Nicken gab mir zu verstehen, dass ich die Tür mit einem Ruck öffnen sollte. Der Hoteldirektor starrte Frau Miller auf die Hupen.
»Ich darf sehr bitten!« Ob das wohl noch ein Nachspiel habe. »Aber wenigstens pünktlich.« Sie öffnete den Notebookkarton auf seinem Arm, überprüfte den Inhalt auf Vollständigkeit. »Warum nicht gleich?« Als Entschädigung für das Anstarren, verlangte sie freie Essenswahl für die Dauer unseres Aufenthalts.
»Was Sie wünschen, gnädige Frau.«
»Danke und auf Wiedersehen.« In diesem Fall knallte ich dem Lackaffen die Tür vor der Nase zu. Audrette stellte mit einem Anflug von Stolz den Karton auf dem Tisch ab. »Das hast du prima hinbekommen«, lobte ich.
»Habe ich dann nicht auch eine Belohnung verdient?«
»Hast du.«
Liebevoll zog ich die Decke über ihren zarten Körper. Sie war das Schönste, was ich bisher gesehen habe. Dabei war ein Kuss auf ihre knackigen Brüste Pflicht. Sie schnurrte, wie ein Kätzchen.
»Mmh, wie schön. - Mist, habe was vergessen. Ich muss noch mal aufstehen. Aber du darfst mich anschließend wieder zudecken.« Audrette schälte sich aus dem Bett, schraubte einen Schalldämpfer auf den Lauf der Waffe, welche sie dann unter dem dicken Kopfkissen deponierte. Das war eine neue Erfahrung für mich, ich schlief neben Miss America und einer geladenen Pistole. Dann süße Träume.
Mitten in der Nacht knarzte der Fußboden. Ich hatte einen sehr porösen Schlaf und war sofort da, wagte aber nicht, mich zu rühren. Ich lag wie in Leichenstarre. Außerdem war es dank der Verdunklungsschals stockfinster. Ein weiterer Schritt, ich hielt den Atem an, lauschte und überlegte, was zu tun sei. Wer meinte, der Schönheit an meiner Seite entginge etwas, sollte schmerzhaft eines Besseren belehrt werden. Meine Angebetete feuerte unter der Bettdecke die Waffe ab, vermutlich ohne die Augen zu öffnen. Denn wenn sie keine Eulengene besaß, konnte sie genauso wenig erkennen wie meinereiner. Dumpfes Aufschlagen eines schweren Körpers auf dem Laminat war die Konsequenz ihrer Tat. Hastig knipste ich das Licht an, wollte wissen, welcher Hirni gewagt hatte, unsere nächtliche Ruhe zu stören, die wir uns so schwer erarbeitet hatten. Audrette war nicht scharf darauf, ihre Beute in Augenschein zu nehmen und kuschelte sich schon wieder in die Decke. »Licht aus!«
»Ich muss doch sehen, wer das ist«, protestierte ich.
»Aha. Und, bist du jetzt zufrieden? Ich hätte darauf wetten sollen«, kommentierte sie. Denn, wer hätte das gedacht, es war der Kleiderschrank aus dem Café. Der Neandertaler. Hatte anscheinend nicht verknusen können, von einer zierlichen Frau verdroschen zu werden. Jetzt lag er leblos vor unserem Bett, die blicklosen Augen starrten uns an. Vorwurfsvoll. Unheimlich.
Irgendwie tat er mir ein bisschen leid.
»Und nun? Was machen wir mit ihm?« Mir fehlte die Übung, was derlei Situationen betraf und ich neigte gelegentlich zu leichter Panik. »War das wirklich nötig? Ich meine, ...«
»Ganz ruhig, Amos. Ist alles gar kein Problem.«
»Oh, fantastisch. Ich fing gerade an, mir Sorgen zu machen.«
»Ach, Amos«, seufzte sie. Sie stand auf und griff zum Telefon.
»Was tust du? Rufst du etwa die Polizei«, rief ich aus, aber Audrette winkte nur ab. Das war gewiss nicht die Polizei. Sie knallte verärgert den Hörer auf die Gabel und schaute grimmig.
»Haben wir jetzt ein Problem?«
»Nein. Zieh dir was über. Du erkältest dich.«
Wir warfen uns Bademäntel über. Das Fenster im Bad lag in Richtung Hof. Unter dieser Öffnung stand, oh Wunder, eine Mulde, zur Hälfte gefüllt mit blauen Säcken. Sie öffnete es, murmelte leise, mit unverhohlenem Vergnügen:
»Ach, wie einfach. Fass mit an. Außer uns schlafen alle.« Sie schnappte die Füße der Leiche und ich den Oberkörper. Schwer. »Du musst dich schon ein bisschen anstrengen. Allein schaffe ich das nicht.« Mit einem kräftigen Schwung war der Tote entsorgt, dabei hatte er nur einen winzigen Blutfleck hinterlassen, der rasch von Miss Perfect fachmännisch entfernt wurde. Sie war zufrieden.
Wie betäubt stand ich auf einer Stelle, starrte auf einen imaginären Punkt hinter der Milchstraße.
»Amos? Hallo?« Eine schallende Ohrfeige erreichte mein Gesicht und riss mich aus meiner Starre. Mit kräftigem Griff hielt ich sie fest.
»Hey! Was sollte das?«
»Wer nicht hören kann, muss fühlen.« Das war mein Stichwort.
Audrettes Emotionen spielten ihr Streiche. Sie gestand mir, der Sex mit mir sei etwas Besonderes. Ich alter Sack hätte alles vermutet, doch dieses Eingeständnis von der schönsten Frau der Welt zu hören, traf mich unvorbereitet.
»Sag das nochmal«, forderte ich sogleich.
»Das hättest du wohl gerne.« Unsere Bademäntel rutschten zu Boden, welche sie völlig unromantisch in der Mulde entsorgte. Vorsichtshalber.
Mittlerweile war ich hellwach. Das Tröpferlbad (wie die Wiener sagen) musste herhalten für meine Fantasien. Ich seifte die Traumfrau genüsslich ein, dabei kontrollierten meine Augen die ihren.
Diese Seifenoper hatte es in sich gehabt. Sie legte sich auf meinen Bauch und heimste abermals einen Gutenachtkuss ein.
Es blieben nur dreieinhalb Stunden bis zum Aufstehen, denn ein dunkler Anzug und ein Trauerkleid mussten besorgt werden. Mit einem letzten Blick zu Audrette löschte ich das Licht. In diesen Stunden des Schlafes rodete ich die Alleen Wiens ...
Kapitel Vier
Begräbnis
Die Morgensonne riss uns aus Morpheus' Armen. Unsere Bettdecke hatte sich längst auf den Fußboden verabschiedet. Audrette lag nackt, alle viere von sich gestreckt, mit offenem Mund, die Augenlider auf halbmast. Ein Bild für die Götter.
Glücklich, einander gefunden zu haben, nahmen wir eine gemeinsame Dusche. Behutsam mit unserer frischen Zuneigung trockneten wir uns gegenseitig ab. Ungern hatten wir uns angezogen, aber in ein paar Stunden sollten wir uns auf dem Wiener Zentralfriedhof, Karl Barromäus, einfinden.
Nach einem reichhaltigen Frühstück drängte die Zeit, die Verstorbene mit unserer Anwesenheit zu beehren, obwohl ich glaubte, dass es den Überresten herzlich egal war, wer oder ob überhaupt jemand dort erschien. Arm in Arm betraten wir das nächstgelegene Bekleidungsgeschäft, mit dem verheißungsvollen Namen Coppers & Schmith.
»Hier sind wir richtig. Schlicht, aber nicht zu billig soll es sein.« Audrette wählte einen schwarzen Anzug für mich, passend dazu glänzende Lederschuhe. »Ist das deine Größe?« Hundertprozentig. Alles passte, so machte Shoppen sogar spaß. Ein bestimmendes Heranwinken an ihre Kabine sollte einen unvergänglichen Eindruck vermitteln. Sie öffnete den Vorhang, um sich zu präsentieren. »Tada!« Da stand meine Angebetete, die Hüfte eingeknickt. Der aufreizende Panty umschmeichelte ihr zartes Becken, Strapse sollten später dazu auffordern, sie zu entkleiden. Ein dunkles, beinahe durchsichtiges Hemdchen unterstrich ihr Vorhaben. Sie war gerüstet, mich für immer einzufangen. Aber in Wahrheit war ich bereit, sie auf der Stelle zu vernaschen - noch in der Umkleidekabine.
»Hättest du gern, wie? Aber vergiss nicht, was du dir vorgenommen hast«, dabei zwinkerte sie mir vielsagend zu.
»Auf keinen Fall, Kleines.« Ich war zu leicht zu durchschauen, daran musste ich noch arbeiten. Zu guter Letzt streifte sie ein schwarzweißes Kleid über.
»Wow!«, entfuhr es mir. »Mega!« Die waghalsigen High Heels rundeten ihr Erscheinungsbild perfekt ab und zauberten Beine bis zum Himmel.
»Ist es nicht etwas too much?«
»Tu was? Ich finde es herausragend.«
»Gut, gekauft.« Ihre Platinkreditkarte beglich die stolze Summe von sechshunderteins Euro, dabei überschlug sich die Verkäuferin förmlich vor Höflichkeit. Audrette gab zwanzig Euro Trinkgeld, wobei das aufgesetzte Grinsen im pickligen Angesicht der Verkäuferin beinahe die Eiterbombe platzen ließ. Zum Schluss rückte ich meinen alten Stetson zurecht, somit war ich vorzüglich gekleidet, nur die Verfärbungen im Gesicht störten noch das Erscheinungsbild. Die Dame in der Boutique hatte uns ein Taxi bestellt. Türaufhaltend half ich der schönsten Frau der Welt, damit sie sich auf der Rückbank platzieren konnte. Hastig umrundete ich das Heck des Autos und rutschte neben sie.
»Zur Friedhofskirche zum Heiligen Karl Borromäus. Zügig, bitte«, wies Audrette an. Der imposante Friedhof am Rande Wiens beherbergte die Ehrengräber vieler bekannter Persönlichkeiten: Beethoven, Brahms, Mozart, Strauß (Vater und Sohn) und sollte bei keiner Städtetour ausgelassen werden.
Unser Fahrer schaltete den Taxameter ein, um gemächlich loszutuckern. Seine Augen klebten mehr am Rückspiegel, wie am fließenden Verkehr, was der emanzipierten Audrette ein Dorn im Auge war, daher dauerte es nicht lange, bis er ihre Ungeduld demonstriert bekam. Sie spreizte ihre Schenkel, so weit es der Schnitt des Kleides zuließ, dabei hielt sie die Neunmillimeter in der Hand, verdeckt von der Tasche. Sie erkundigte sich fürsorglich, ob er denn auch genug sehen würde. Ein kurzes Kopfnicken, mit geöffnetem Mundwinkel, mehr war von dem Stoffel nicht zu erwarten. Die Eier des Taxifahrers versperrten ihm scheinbar die Sicht. Audrette war es leid, rammte die Knarre in seine speckigen Rippen, flüsterten dem sabbernden Etwas den zu erreichenden Ort ins Ohr. Zur Erinnerung. Ein Raketenstart war die Folge, rote Ampeln existierten nicht mehr. Kein Verkehrszeichen hatte noch Gültigkeit. Acht Minuten später hielten wir am Ziel. Der Fahrer sah mitgenommen aus. Audrette warf ihm einen Zwanziger rüber und meinte großzügig:
»Passt so.« Dabei zeigte die Uhr eine Summe von 29,90 Euro, doch er widersprach nicht. Vor der Fahrertür bückte Audrette sich weit vorn über, um ihre Schuhe vom imaginären Staub zu befreien. Der bedauernswerte Taxifahrer konnte gar nicht anders und gaffte ihr verblendet in den Schoß. Hinter dem Wagen hatte sich ein kleiner Stau gebildet. Einer von den Wartenden wagte es, entnervt zu hupen, worauf der Kutscher erschrocken sein Fahrzeug in Bewegung setzte, ohne auf den Verkehr vor sich zu achten. Taxi und Streifenwagen kollidierten. Lächelnd hakte sich Audrette bei mir ein und wir spazierten zur Kirche.
Dieser beeindruckende Ort strotzte vor Geschichte. Der Himmel strahlte in makellosem Blau. Wenn der Anlass nicht so traurig gewesen wäre, müsste ich als Schriftsteller und Liebhaber der schönen Künste, fasziniert von der Schönheit des weitläufigen Areals Kenntnis nehmen. Jugendstilbauten, Alleen und über 330.000 Grabstellen. Das hätte ihrer Schwester gefallen, wusste Audrette besser als jeder andere zu beurteilen. Deshalb fiel die Wahl auf diesen speziellen Ort für die Gedenkfeier. Sozusagen Himmel und Hölle hatte sie in Bewegung gesetzt, dass alles vonstattenging, wie sie es sich vorstellte. Mehr war es nicht, nur eine Gedenkfeier mit einem leeren Sarg, schließlich blieb wenig für eine Beisetzung. Die sterblichen Überreste der stattlichen Hellen fanden in jedem handelsüblichen Schuhkarton platz. Ich schauderte und konzentrierte mich lieber auf den Weg, der vor meinen Füßen lag.
»Alles in Ordnung mir dir?« Audrette küsste mich zärtlich. Sie hatte schöne kleine Augen, braun, Wimpern dicht und lang zugleich. Erst jetzt fiel mir auf, sie hatte ihre Augenbrauen in Form gezupft. Vor der Kirche packte mich das Bedürfnis, sie im Arm zu halten, warnte sie eindringlich vor der nächsten Vereinigung. Sie schnitt eine Grimasse:
»Träum weiter, Kleiner. Das nächste Mal kommst du mir so leicht nicht davon!« Sollte mir das Angst einjagen? War sie eine von denen, die ihr wahres Gesicht nach dem dritten Treffen voll auslebte? Darüber hatte ich gelesen. »Amos, eine Sache noch, bevor wir da rein gehen.«
»Ja, was denn?«
»Würdest du mich heiraten?«
»Wie bitte?« Ich traute meinem Hörvermögen nicht und geriet ins Stolpern. »Heiraten? Jetzt schon? Du bist ja eine ganz Schnelle.«
»Frag nicht nach dem Warum.« Nein, ich fragte nicht, sondern ging mutig auf den Handel ein. Da das geklärt war, schien Audrette erleichtert und wir flanierten andächtig ins Innere der Kirche. Den Stetson setzte ich aus Respekt vor den Toten ab. Und die Hände hatten Beschäftigung, kneteten die Hutkrempe. Der Pfarrer diskutierte angestrengt mit Audrette. Scheinbar gab es ein Problem. Sie winkte mich heran, küsste mich sanft.
»Das ist mein Verlobter. Herr Pfarrer, ich bürge nicht nur mit meinem Namen. Herr Cappelmeyer ist ein erfolgreicher Autor in Deutschland und noch nie einer Seele etwas schuldig geblieben.«
»So ist es«, steuerte ich bei, ohne einen Schimmer, worum es ging. Audrettes Ausdruck hatte sich verändert. Tränen schimmerten in ihren Augen. »Was ist denn los?«, doch sie war nicht bereit zu antworten.
Das Licht wurde heruntergedimmt. Für ein paar Minuten verharrten wir schweigend, Hand in Hand, trauerten, untermalt von Orgelmusik vom Band; sie um ihre Schwester und ich um meine schöne Unbekannte, die den Namen Hellen trug. In diesem Moment traf mich die Erinnerung an diesen gammeligen Zettel, den ich beim Anziehen des neuen Anzuges in dessen Innentasche gesteckt und bisher ignoriert hatte. Ich holte ihn hervor, entfaltete ihn und kniff die Augen zusammen. Der Text war kurz, hastig geschrieben und besagte:
»Mein lieber Traumpartner, bitte vergiss mich nicht. Kümmer dich um meine Schwester, sie ist stark, aber auch sehr zerbrechlich. In Liebe, deine Hellen.«
Ich heulte auf. Ein Wolf war ein Waisenknabe dagegen. Wie konnte Hellen ihren Tod vorhersehen? Unheimlich. Ich stupste Audrette an, reichte den Zettel an sie weiter. Sie las und schaute mich dann mit feuchten Augen an.
»Sag Amos, bist du sicher, dass du mich heiraten willst?«
»Ja, aber natürlich! Keine Frage, egal was geschieht.« Ein ziemlich intimer Moment, den zu genießen mir nicht vergönnt war, als die Kirchentür aufschwang, eine Kugel mich rücklings durchbohrte und mich Richtung Altar katapultierte. Das Projektil durchlöcherte meinen rechten Lungenflügel wie eine Dartscheibe. Beim Austritt erwischte es noch eine Rippe, riss drei pfeilartige Knochensplitter mit, die in den Altarkerzen zum Stecken kamen. Ein letzter Blick sollte Audrette aufmuntern, doch sie war völlig in ihrem Element. Geschosse flogen umher, denkmalgeschützter Putz rieselte. Nach etwa fünfzehn Sekunden herrschte Grabesstille. Der Pfarrer lugte hinter dem Altarstein hervor und bekreuzigte sich. Mit letzter Kraft rief ich meine Geliebte herbei, hauchte:
»Ja, ich Amos Cappelmeyer, will dich, Audrette Miller, zu meiner Ehefrau nehmen.« Dann verlor ich das Bewusstsein.
Der geschockte Pfarrer, ein Krankenwagen sowie Polizei waren prompt zur Stelle, um Erste Hilfe zu leisten. Der Rettungswagen beförderte Amos auf Wunsch von Audrette in das beste Krankenhaus der Stadt. Voraussetzung, Herr Cappelmeyer würde anonym eingeliefert werden. Sie hielt den verdutzten Ärzten ihren Secret–Service-Ausweis unter die Nase. Dass sie eine ruhende Agentin war, wusste offiziell niemand in Europa. Im Krankenhaus wirbelten die Götter in Weiß um den Patienten herum, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass er in Begleitung einer amerikanischen Geheimagentin war. Die ersten Bilder der Untersuchung zeigten, welches Glück das Opfer gehabt hatte. Ein Kinderspiel für die Ärzte, nach lediglich drei Stunden konnte der Patient den OP verlassen. Für die Heilung versetzte man ihn für ein paar Tage in ein künstliches Koma.
Audrette nutze ihre Beziehungen und postierte vor dem Krankenzimmer ranghohe Ex-Agenten, die, genau wie sie, deaktiviert, also im Ruhestand waren. Sie selbst ging auf die Jagd, ihr Blut brodelte. Sie war äußerst gründlich in dem, was sie tat, und sie wollte wissen, was es mit dem Vertrag, geschlossen zwischen dem Verlagshaus Kniebrecht und Herrn Cappelmeyer, auf sich hatte. Leider konnte sie das obskure Dokument bisher nicht persönlich lesen, würde das aber nachholen, wenn sie in München fertig war. Es war äußerst suspekt, dass ein namhaftes Haus wie Kniebrecht, solch zwielichtige Verträge ausgestaltete.
Sie forderte bei einem alten Freund einen Gefallen ein. Dieser Freund, nennen wir ihn Joe, hatte weniger als achtundvierzig Stunden Zeit, einen spannenden Roman unter der Mailadresse: Lektoren@Kniebrecht.de einzureichen. Unmöglich? Joe kannte Audrette viele Jahre und wenn sie anrief, brannte der Baum. Trotzdem erlaubte er sich die Frage: »Wer hat sich diesen Schwachsinn denn ausgedacht?«
»Frag nicht. Fang besser an zu schreiben.«
»So haben wir aber nicht gewettet«, beschwerte sich das Opfer. »Das kostet dich was extra, mein liebes Fräulein.«
»Stell dich nicht so an. Du brauchst nur die Rohfassung abliefern, den Rest übernimmt anschließend das Lektorat.«
»Wie großzügig. Ich glaube, du hast nicht den leisesten Schimmer, wovon du überhaupt sprichst, mein Engel.«
»Ich hab dich auch lieb«, dann legte Audrette auf. Auf Joe war verlass. Kein Zweifel, er würde sich den Arsch für sie aufreißen.
Sie nahm sich die Zeit innezuhalten und gedachte mit einem Gebet ihrer Schwester, danach galt die Hatz auf die Drahtzieher des Anschlags als eröffnet.
Die Spur wies, wie sollte es anders sein, auf das deutsche Verlagshaus. Audrette entschied, nach München zu fliegen, wo Kniebrecht seinen Stammsitz hatte. Sie beauftragte noch ihre Kollegen, die restliche Habe von Herrn Cappelmeyer aus dem »Hotel zur Schwalbe« abzuholen. Ein schriller Pfiff plus ihr gutes Aussehen sollte sicherstellen, dass ein Taxi zügig den Weg zu ihr fand. Ihre Laune sank weiter. Unfassbar! Wieder dieser schmierige Taxifahrer. Hatte Wien nicht mehr zu bieten?
»Sie schon wieder«, stöhnte der Chauffeur im gleichen Atemzug. Sein Namensschild lautete auf Harry Stöbsl. Er roch, als hätte er vor kurzem noch im Auto gequalmt.
»Ja, ich. Und ich bin in Eile.« Sie stieg genervt auf der Beifahrerseite ein. »Flughafen! Zügig und unfallfrei, wenn Sie dazu in der Lage sind.« Stöbsl war kein abergläubischer Mensch, aber er sah in ihr einen Fluch, bekreuzigte sich, schaltete den Taxameter ein und raste los, wie auf dem Formel Eins Kurs in Spielberg. Im Nu stoppten sie vor dem Abflugterminal. Heile, unversehrt und pünktlich. Audrette warf ihm einen Fünfziger zu. Erleichtert fuhr Harry los, starrte aber dummerweise mit einem Auge auf den Hüftschwung seiner Passagierin.
Diesmal schob er drei weitere Taxis zusammen.
Kapitel Fünf
Observierung
Achte auf deine Gedanken, sie sind der Anfang deiner Taten. China
Eine kleine Gruppe von fünf Geschäftsreisenden stand am Abflugschalter für Privatmaschinen. Unweigerlich blieb deren Blick an der Amerikanerin haften, die am Nebenschalter vergebens versuchte, einen Flug nach München zu ergattern. Ihre hilflose Mimik stellte sie mädchenhaft zur Schau. Audrette besaß eine Begabung Männer in fünf Sekunden um den kleinen Finger zu wickeln. Das Ende vom Lied; die Geschäftsleute brachten es nicht übers Herz, die zarte, hilflose Frau mit dem süßen amerikanischen Akzent stehen zu lassen, zumal der Flieger nicht vollbesetzt war. Sie erklärte sich bereit, einhundert Euro Benzingeld zu leisten, doch ihr Angebot wurde mit lautstarkem Gelächter quittiert, so hörte man seriöse Businessmänner selten lachen. Die Herren kamen aus der Maschinenbaubranche und hatten zusammen mit einem österreichischen Kooperationspartner einen bedeutsamen Deal ausgeheckt. Da war Man(n) schon mal spendabel und Audrette war eine fabelhafte Schauspielerin, wenn es darum ging, ein Ziel schnellstmöglich zu erreichen.
Beim Landeanflug auf das knapp vierhundert Kilometer entfernte München brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Bei Herrn Janus Keilbart, der sie federführend zum Flug eingeladen hatte, bedankte Audrette sich aufrichtig mit einem Kuss auf die Wange.
»Auf Wiedersehen, schöne Frau. Ich hoffe, es trifft zu, dass man sich immer zweimal im Leben über den Weg läuft.«
Der Weg zum Autoverleiher hingegen war kurz, nur einmal um die Ecke, ENTER EUROPA. Der einzig anwesende Serviceangestellte erklärte verlegen mit tomatenfarbenen Kopf, dass nur noch ein Fahrzeugtyp zu haben sei, ein Oberklasse-SUV, Automatik-Diesel.
»Ist ziemlich groß, wissen Sie«, sagte der junge Mann zweifelnd mit einem Blick auf die zierliche Kundin.
»Ja, weiß ich. Das ist genau, was ich suche. Der ist perfekt.« Sie hielt ihm ihre Kreditkarte unter die fettig glänzende Nase. Max, so hieß der Knabe mit der schlechten Haut, der ihr das Auto samt dem unterschriebenen Mietvertrag schnell aushändigte, gewährte ihr einen Rabatt von fünf Prozent, führte dann seine Kundin zum Wagen, erklärte kurz alle relevanten Funktionen und brachte sie zum Lächeln, weil er die Route zu Kniebrecht ins Navi einprogrammierte. Die Fahrt dürfte keine dreißig Minuten dauern.
Das war ein Wort.
Gegenüber dem Verlagshaus erstreckte sich ein Parkstreifen mit Blick auf den Eingangsbereich. Ein anderer schwarzer SUV mit abgedunkelten Fenstern räumte soeben einen Parkplatz, den Audrette für ihr Vehikel beanspruchte.
War ein scheußlicher Klotz, dieses Verlagsgebäude, mindestens fünf Stockwerke hoch. Erwartungsgemäß würde dort eine Menge Aktivität herrschen. Observieren war mühselige Kleinarbeit und einschläfernd, aber ein notwendiges Übel. Sie pochte darauf, zu erfahren, wer im Verlagspalast Kniebrecht verkehrte. Idealerweise ohne die ganze Zeit bei kaltem Kaffee und Donuts im Auto zu hocken. Nachdem sie sich einen Überblick verschafft hatte, beschloss Audrette, eine dieser ultramodernen Kameras mit Wifi-Funktion zu kaufen, um das Signal über einen Hotspot weiterzuleiten. Den Verkäufer im Elektronikfachmarkt quatschte sie derart schwindelig, dass er ihr Handy direkt und völlig kostenlos als Empfangsquelle einrichtete.
Auf der Hinfahrt war sie an einem Fünfsterne-Hotel vorbeigekommen, wenige Minuten vom Zielobjekt entfernt. Dort fuhr sie direkt vor dem Haupteingang vor, wo ein Page galant den Wagenschlag öffnete und der Dame beim Ausstieg aus ihrem Dickschiff half.
»Willkommen im Mayfair-Hotel.«
»Herzlichen Dank.« Hier zählte der perfekte Auftritt. Sie löste auf dem Weg zu Tür den Dutt, um ihre wallende Mähne für sich sprechen zu lassen. Das gerissene Luder besaß viele Facetten und egal wie, es galt, das Ziel um jeden Preis zu erreichen. Nach einem freundlichen Empfang wurde allerdings rasch klar, dass es hier und heute zu keinem Einvernehmen kommen würde.
»Sie haben keine Reservierung? Dann tut es mir leid. Es ist Messezeit. Ich kann nichts für Sie tun.« Ob es nun stimmte oder nicht, der Rezeptionist saß am längeren Hebel.
»Das darf doch nicht wahr sein! Ich habe bereits allen meinen Geschäftspartnern Ihr Haus genannt!« Aber da half dann weder Empörung noch ein Schmollmund. Doch wie aus dem Nichts tauchte einer jener Geschäftsmänner auf, die sie großzügigerweise mitgenommen hatten. Er wollte seinen Schlüssel bei der Rezeptionistin abgeben, als er seine bezaubernde Mitreisende erkannte.
»Ach, sieh an. Die Welt ist wahrhaftig klein. Haben Sie etwa auch ein Zimmer hier?«»Nein, nein, eben nicht.« Wie auf Kommando schüttete sie ihr Herz bei ihm aus, verfiel wieder in ihren breiten Akzent; Hotel ausgebucht, sie fremd in der Stadt, allein, schnief.
»Bedaure, aber ich muss wirklich los. Zeitdruck, Sie verstehen?« Bevor er von dannen eilte, bedachte er das Personal mit einem extra eindringlichen Blick. Audrette hatte alle Hoffnung sinken lassen, war kurz davor zu kapitulieren, als sie angesprochen wurde.
»Wenn Sie mir bitte folgen würden, gnädige Frau?« Ein eifriger Page führte sie zu einem Zimmer. Die Formalitäten ließen sich dort über ein modernes Touchpanel erledigen.
»Das ist ja wunderbar! Sie sind mein Held für heute.« Der Page räusperte sich.
»Das ist meine Aufgabe, Frau Miller. Die Zufriedenheit all unserer Gäste zu garantieren. Allerdings mit einer Einschränkung. Länger als vier Nächte können wir diese Räumlichkeit nicht zur Verfügung stellen.«
»Vier Tage? Klasse, das genügt völlig.«
Nach wenigen Stunden Schlaf, es war beinahe Nacht, schlich sie in bequemer Kleidung aus dem Mayfaire, um die Kamera auf dem Dach gegenüber dem Verlag zu platzieren. Eingeschaltet, ausgerichtet, die Beschattung konnte beginnen.
Die Aufzeichnung startete, da trat einer der allgegenwärtigen Maschinenbauer aus dem Gebäude. Audrette stieß einen leisen Pfiff aus.
»Unglaublich. Die Kerle sind überall! Die Welt ist verdammt klein. Hallo, Herr Keilbart.« Könnte der, oder einer der anderen, mit der Angelegenheit ihres Zukünftigen etwas zu schaffen haben? Quatsch, das macht keinen Sinn. Andererseits, ein Ingenieur und ein Verleger zu nachtschlafender Zeit, welchen Sinn ergab das?
Eine alternde Jungfer in altmodischen, unförmigen Klamotten verabschiedete Keilbart übertrieben höflich. Fast hätte die Frau einen Kniefall auf dem Gehweg hingelegt. Flink spurtete Audrette runter auf die Straße. Doch zu spät, die Olle war schon weg.
Die Jungfer hatte die vermeintliche Joggerin durch das Fenster beobachtet, wie sie auf dem Gehsteig um Luft rang.
»Kann ich Ihnen helfen? Ich habe Sie zufällig durch das Fenster gesehen. Möchten Sie vielleicht ein Glas Wasser, Teuerste?« Hilfsbereit stellte sie sich als Fräulein Annemarie Seeling vor. Dabei legte sie eine besondere Betonung auf die altertümliche Anredeform und ihre Hände waren überall, an unaussprechlichen Orten, nur nicht wirklich hilfreich. Das Fräulein entpuppte sich als eine unersättliche liebestolle Lesbe. Und jünger als aus der Entfernung angenommen.
»Danke, nein. Es geht schon wieder«, keuchte die Joggerin.
»Was machen Sie nur hier draußen um diese Zeit?«
»Schlaflosigkeit. Dann gehe ich laufen.«
»Verstehe. Sie sollten sich vorsehen. Es ist gefährlich hier im Dunkeln.« Immer wieder suchten dreiste Finger Erfüllung. Die eher konservative Audrette wurde von Gefühlen dieser Art überrumpelt.
»Wo wohnen Sie denn? Ich kann Sie hinbringen.«
»Oh nein. Nicht nötig.« Fräulein Seeling besaß eine generalstabsmäßige Art, ganz so, als wäre jedermann ihr persönliches Besitztum. Wer äußerlich so hart wirkte, musste einen weichen Kern haben, mutmaßte jedenfalls Audrette, schüttelte aber den Kopf.
»Ich bringe Sie nach Hause! Es macht mir nichts aus.«
»Das brauchen Sie nicht, ich komme schon klar.«
»Ich möchte es aber.« Da sie ihre Fälle schwimmen sah, setzte Annemarie alles auf eine Karte und presste mit Leidenschaft ihre Lippen auf die der Fremden. Audrette blieb die Luft weg. Ein strafender Blick, der in der Vergangenheit so manchen Feind erzittern lassen hatte, hatte das Ziel Frau Seeling in ihre Schranken zu weisen, in diesem Fall törnte er nur noch mehr an.
»Herrgott noch eins! Was ist los mit Ihnen? Sind Sie nicht ganz dicht?« Urplötzlichbrach Audrette in Tränen aus. Bitterliches Weinen nach ihrem geliebten, kranken Ehegatten sollte hoffentlich die Lesbe dazu bewegen, von ihr zu lassen.
Ach, wie sie ihn vermisste.
Enttäuscht zog das Fräulein von dannen.
Audrette schnaufte auf dem Rückweg erst einmal durch. So eine Unverfrorenheit war ihr noch nie untergekommen. Sie war weder ein Mauerblümchen und gewiss kein Kind von Traurigkeit, aber diese Person toppte alles, was sie in ihrer bisherigen Laufbahn erlebt hatte. Ihre frisch entfachte Sexlust hatte unbekannte Dimensionen erreicht.
Jetzt ein Amos! Sie vermisste ihn tatsächlich. Mit zusammengekniffenen Schenkeln versuchte sie, dagegen anzukämpfen. Jeder Schritt war eine Qual. Im Hotel angekommen, entledigte sie sich ihrer Kleider. Mit dem Vorsatz, eine Dusche würde Linderung verschaffen, schob sie den Duschkopf an den Lustgarten heran, den Strahl auf harte Massage umgestellt. Im Nu stöhnte sie auf. Mit allem hatte sie bei dieser Mission gerechnet, aber dass ihr eine Lesbe, gekleidet wie Großtante Irmgard, zusetzen könnte, wäre ihr niemals in den Sinn gekommen.
Halbwegs befriedigt, aber noch tief in Gedanken versunken, trat sie aus der Dusche, erstarrte erschrocken und fluchte: »Das schlägt doch dem Fass den Boden aus!«
Die Lesbe hatte auf irgendwelchen verwundenen Pfaden herausgefunden, wo die Amerikanerin nächtigte. Sie stand da, durchtrainiert, ohne ein überflüssiges Härchen am Körper, mit vollen Brüsten und einem Blick der Begehrlichkeit.
»Das ist ja unglaublich! Sind Sie mir etwa gefolgt? Wie ... Wie kommen Sie hier herein?« Eine Antwort blieb die Frau schuldig und offerierte stattdessen eine ihrer Spezialmassagen.
»Nettes Angebot, aber ich glaube ich verzichte«, reagierte Audrette angewidert.
»Ach kommen Sie, nur eine Massage. Die wird Ihnen guttun. Sie sehen ziemlich gestresst aus.« Dagegen gab es nichts einzuwenden, wenn nicht die Frage im Raum stände, warum die Masseuse nackig war.
»Ich könnte die Polizei rufen«, versuchte es Audrette.
»Gewiss, das könnten Sie. Aber ich schätze, Sie werden es nicht tun.«
Ein Knistern lag in der Luft. Audrette biss sich auf die Lippen. Wo lag das Problem? Sie war alleine, vorübergehend zumindest, und ihre verspannten Muskeln würden es ihr danken. Wenn sie nicht so verdammt konservativ wäre ... Für diese Woche hatte sie ihr Pensum an spontanen Freizügigkeiten längst ausgeschöpft. Sie war im Evakostüm vor dem Hotelguru herumgetänzelt, hatte sich mit einem völlig Fremden ein Stelldichein geliefert, ihm mal eben nebenbei einen Heiratsantrag gemacht und nun - ließ sie das Handtuch sinken.
Ehe Audrette sich versah, hockte die Frau, mit einer Flasche neutralem Öl bewaffnet, auf deren Beinen und hinterließ mit weichen Händen auf ihrem Rücken einen wohligen Eindruck. Schon nach kurzer Zeit verfiel sie in eine tiefe Entspannung. Annemarie beließ es keinesfalls beim Rücken, arbeitete sich vor zu Po und Schenkeln.
»Vielleicht könnten Sie dort etwas zurückhaltender sein?«
»Nenn mich Annemarie, Schätzchen.«
»Oh Gott!« Jetzt gab es kein Entrinnen mehr. Flinke Finger massierten verbotenes Terrain, stießen zu jenem mystischen Punkt, der Schätzchens Haut zu einer erogenen Zone mutierte. Die hochbegabte Masseurin nahm sich ihren Anteil, dabei liebkoste sie die Früchte eines fremden Gartens. Völlig erledigt lagen die bebenden Leiber nebeneinander. Annemarie war von Audrettes femininen Körper angetan und endlich ließ sie von ihrer Beute ab, nahm noch eine Dusche und verwandelte sich indes in einen eiskalten Engel. Sie kleidete sich an, ohne die Andere noch eines Blickes zu würdigen. Sie hatte ihre Eroberung. Die berühmte Kerbe in der Bettkante.
Audrette verstand die Welt nicht mehr, fühlte sich gedemütigt, beraubt ihrer Seele. Tränen kullerten, sobald die Tür ins Schloss gefallen war. So hatte sie sich das nicht vorgestellt mit der Observierung. Mit dem Gedanken an Amos weinte sie unter der Dusche vor sich hin, körperlich tief befriedigt aber weggeworfen wie ein dreckiger Lappen.
Dabei liebte sie den spleenigen Thüringer uneingeschränkt, die Angst verlassen zu werden, verdrängte sie. Der Fall Cappelmeyer verlangte geklärt zu werden, dafür wertete sie die gespeicherten Bilder auf dem Handy aus. Im Schnelldurchlauf durchsuchte sie die Fotos nach möglichen Verdächtigen. Da waren die alten Gesichter wieder, die Geschäftsreisenden vom Flug. Na, wenn das kein Zufall war. Maschinenbau ...?
Audrette legte sich einen Schlachtplan zurecht, auch unter der Prämisse, noch mal von Miss-schlimmer-Finger rangenommen zu werden. Sie plante, sich um eine Praktikumsstelle im Verlag zu bewerben, um näher an die Quelle des Geschehens heranzurücken. Ihr schwarzweißes Kleid drängte sich dazu gerade auf. Mit weichen Hüftschwüngen verdrehte sie Männlein und Weiblein im Nu den Kopf, sie wurde sofort vorgelassen. Bei der Personalreferentin spielte sie ihre Traumrolle als ehemalige persönliche Lektorin eines Bestseller-Autors.
»Was für ein Zufall, genau so jemanden suchen wir! Wir hatten vor, diesen Samstag eine Anzeige zu schalten. Sie schickt der Himmel, meine Gute. Sie können unserer Frau Seeling etwas unter die Arme greifen. Willkommen bei Kniebrecht.« Nach dem Handschlag folgte Audrettes großer Auftritt. Ihr wurde genau neben Frau Seeling ein eigenes schuhkartongroßes Büro zugewiesen mit einem Desktop-PC und einem antiquarischen Telefon. Wenigstens der Stuhl sah recht bequem aus.
»Die Kollegin ist zur Mittagspause. Sie wird sich nachher um Sie kümmern und Ihnen alles erklären.« Annemarie war um diese Zeit im Sportstudio, wo sie exzessiv Kickboxen und Crossfit betrieb.
»Das ist super. Ich freue mich schon, sie kennen zu lernen«, heuchelte sie.
»Der Kaffeeautomat steht gleich um die Ecke!«
»Prima, danke. Damit wäre mein Tag gerettet.« Audrette sollte einen der prestigeträchtigsten Autoren, die Kniebrecht unter Vertrag hatte, unterstützen. Zwei dicke Manuskripte türmten sich auf ihrem Schreibtisch, die sich beide vom Umfang nichts nahmen. Ein Manuskript von Herrn Amos Cappelmeyer, welch ein Zufall, und eins vom weltberühmten Autor Arvid Mattsson! Mattsson produzierte hochspannende Thriller am laufenden Band, jedes Jahr mindestens einen, und eroberte die Bestsellerlisten im Sturm. Im Gegensatz zu Amos, den es Mühe und Schweiß kostete, und der sich gerade so über Wasser halten konnte. Auf dem Manuskript von Amos klebte eine gelbe Haftnotiz mit handschriftlicher Bemerkung:
»Bitte den Eingang nicht bestätigen, A. Seeling!«
Was? Das konnte doch nur ein schlechter Witz sein, einem Autor den Eingang seines Manuskripts nicht zu bestätigen, obwohl vertragliche Vereinbarungen das klar regelten. Sie schoss ein Beweisfoto mit ihrem Handy. Dann ihre erst Amtshandlung heute: Der Eingang vom Manuskript »Schwerenot« wurde von Audrette per E-Mail bestätigt, und zwar an Herrn Cappelmeyer persönlich und seinem Anwalt/Notar in Thüringen. Dann widmete sie sich gespannt dem Manuskript Mattsson, fünfhundertundfünfzig Seiten geballte Energie, ein Thriller der Extraklasse. Die Handlung spielte in Norwegen und Dänemark. Es las sich mühelos, mit den Beinen auf der Schreibtischplatte und einer Tasse Mokkachino aus dem Automaten. Audrette war ein Feind von Süßigkeiten und Naschereien, sonst hätte sich eine Tüte Chips, die gab es in dem Kasten auch, sicher gut gemacht. Unbemerkt lehnte Frau Seeling in der Tür, das Gesicht spiegelte eine tickende Zeitbombe wieder.
»Was, zum Henker, tust du hier?«
Audrette knallte Frau Seeling die Tür vor der Nase zu.
»Arbeiten! Schätzchen, arbeiten.« Audrette vergewisserte sich, dass niemand sonst auf diesem Flur stand, und provozierte Frau Seeling bis zum Äußersten. Die war fassungslos, dass die Eroberung der letzten Nacht eine Entlastungskraft im Hause Kniebrecht sein sollte. Annemarie, die den Rausschmiss nicht verknusen konnte, zerrte ihre Mitstreiterin an den Haaren.
»Du Miststück! Was machst du mit dem Manuskript von Mattson? Das ist mein Projekt!«
»Jetzt wohl nicht mehr, schätze ich.« Audrette schlug ihre Knie gegen die Kniekehlen Annemaries, die daraufhin zusammensackte und mit dem Kinn auf die Schreibtischkante knallte. Autsch! Klassisches Knock-out. So, jetzt war Ruhe. PC aus und ein Anruf an einen alten Kollegen vom Secret Service, der bereits nach wenigen Minuten als Ersthelfer im Flur stand. Eine Spritze chemischen Inhalts würde Annemaries Erwachen hinauszögern.
»Bring sie raus. Wenn du angesprochen wirst, sag, ihr ist unwohl. Du bist der Bruder. Nicht weit von hier gibt es einen verlassenen Schrottplatz. Bereitet sie für ein Verhör vor - und keiner fasst sie an. Diese Frau gehört mir, verstanden! Wir treffen uns dort.«
Doch vorher wollte Sie unbedingt mit Arvid Mattsson telefonieren, diese Chance bot sich nicht wieder. Audrette blickte Mike nach, wie er mit Frau Seeling unter dem Arm verschwand. Ihre Füße schleiften über den Teppichboden. Audrette griff zum Hörer, führte das Ferngespräch.
Der Vorstand durchschritt nervös die Abteilungen, scheute sich aber, das wichtige Telefonat mit ihrem besonderen Schützling zu stören.
Sie verstand sich prima mit Arvid, die Chemie passte auf Anhieb. Sie lachte viel am Telefon, seiner Einladung gedachte sie aber nicht zu folgen. Energisch klopfte der Vorstand erneut.
»Wo steckt denn Frau Seeling? Sie müsste doch hier sein.«
»Frau Seeling? Ach, die gute Frau hat an ihrem Schreibtisch einen Schwächeanfall erlitten und ist nach Hause gegangen. Sie lässt sich entschuldigen.«
»Na so was. Sieht ihr gar nicht ähnlich. – Verzeihen Sie, mein Name ist Dr. Dietmar Klotzig. Ich bin dann wohl auch Ihr Boss für die nächste Zeit, Frau ...« Er zeichnete sich durch starkes Transpirieren aus und knetete pausenlos ein Stofftaschentuch, welches sicherlich schon triefte, wenn man seinen schwammigen Händedruck berücksichtigte.
»So wird es sein.«
»Das Manuskript von diesem Cappelmeyer. Ist es hier?«
»Ja, das liegt hier. Soll ich es nicht parallel bearbeiten?«
»Nein, nein. Geben Sie es mir.«
»Wie Sie meinen. Es klingt jedenfalls spannend.«
»Mag sein.« Klotzig winkte belanglos ab und verschwand mit dem Manuskript. Vorher beauftragte er sie, persönlich nach dem Wohlergehen der hochgeschätzten Frau Seeling zu sehen und händigte ihr die Adresse seiner Angestellten aus. Wie merkwürdig.
Wie befohlen ging sie zu Annemarie. Jedoch nicht zu ihr nach Hause.
Auf dem Schrottplatz traf Audrette ihre Agenten. Sämtliche Vorbereitungen waren abgeschlossen, nun warteten sie auf weitere Instruktionen. Ein zufriedenes Nicken der Chefin war der Dank.
»Raucherpause, Jungs. Verzieht euch.« Dabei schweifte ihr kalter Blick bereits über den makellosen Körper. Stählern war er, jeder Muskel darin dezent ausgeprägt, unterstrichen die athletische Figur. Der Anblick fesselte die Texanerin auf ungewöhnliche Weise, doch als sie sprach, war davon nichts zu spüren: »Na Honey? Wie sieht es aus? Leider muss ich dir jetzt ein kleines bisschen wehtun, aber ich werde vorsichtig mit dir umgehen. Versprochen.«
»Das brauchst du nicht. Mach nur deinen Job, Flittchen. Ich bin harte Sachen gewohnt, also tu dir keinen Abbruch!« Audrette trat noch einen Schritt näher an die Gefesselte heran, so dass sie ihren Atem spüren konnte. Sie hing fest in den Seilen, in Unterwäsche wie gewünscht, die Arme nach hinten gebunden, dadurch stachen ihre ansehnlichen Brüste hervor. Unter ihr stand ein altes Maschinenbecken, randvoll mit einer Brühe, welche unappetitlich grünbräunlich schimmerte.
»Also, was geht hier vor?«, hauchte die Gefangene. »Worauf sind Sie aus? Wollen Sie Geld?«
»Pah!« Die Texanerin streichelte Annemaries Gesicht, befreite sie von der überproportionalen Fensterglas-Nurd-Brille. »Die brauchst du nicht.« Die Haare wallten lose herunter. Audrette küsste zärtlich die spröden Lippen. »Nein, dein Geld will ich nicht. Antworten möchte ich haben.« Audrettes Hände glitten über Brust und Bauch von Annemarie, die sich bei der Berührung verkrampfte. Sie umschritt die hängende Schönheit. »Zier dich nicht. Alles was ich will, bekomme ich sowieso, Teuerste.«
Sie löste das Seil ohne Vorwarnung. Annemarie, die gerade protestieren wollte, kreischte kurz auf und tauchte in das Becken ein. Audrette zog in Zeitlupentempo den zappelnden Corpus in die Höhe. Die Gefangene hob ihren Oberkörper mit schierer Muskelkraft aus dem stinkenden Wasser, spuckte aus und keifte die Ermittlerin an:
»Du Schlampe, ich wäre beinahe ertrunken! Sei froh, dass ich gefesselt bin, sonst ...«
»Sonst was? Wendest du dann erneut deine Verführungskünste an?«
»Nein, du bist wertlos für mich, ich hatte dich schon. Ein zweites Mal kommst du nicht in Frage, so einfach ist das. Ich spucke dich aus, wie ein ausgelutschtes Kaugummi!« Doch ihre Körpersprache signalisierte Angst, die Muskeln zitterten. Große Klappe, nichts dahinter. Wie schade. Audrette erwischte sich dabei, verbotene Regungen für die Gefangene zu entwickeln.
»Wirklich schön, einfach perfekt.« Verdammt! Audrette verfluchte sich, ihre Gedanken laut ausgesprochen zu haben. Zehn Vaterunser! Nachdem sie bis zwanzig gezählt hatte, hievte sie Annemarie am Seilzug hoch, damit sie einander in die Augen sehen konnten. Die gequälten Lungen rangen noch verzweifelt nach Sauerstoff, doch Audrette stellte ihr ein unmissverständliches Ultimatum.
»Ab sofort hast du zu tun, was ich fordere, ansonsten bedeutet es dein Ende!« Um ihren Wünschen Nachdruck zu verleihen, ließ sie Annemarie erneut kopfüber in die stinkende Brühe hinab und zählte bis dreißig. Jetzt sollte sie bereit sein, das zu tun, was man von ihr verlangte. Mit Bibbern und Stottern sprengte sie die harte Schale entzwei.
»Antworten! Ich will Antworten.« Die Agentin brachte ihre wenigen Forderungen klar zum Ausdruck. Wildes Kopfnicken ihres Gegenübers bewertete sie als ja. »Also, du wirst das Manuskript von Amos Cappelmeyer abgestempelt an seine Adresse und eine Kopie an seinen Anwalt senden. Dein Chef hat es mitgenommen. Sieh zu, dass du es zurückbekommst. Wie, ist mir egal. Wenn du damit fertig bist, kommst du heute Abend in mein Hotel, hübsch angezogen, dann gehen wir essen. Du weißt ja, wo ich wohne. Danach bekomme ich eine Massage. Dein Körper gehört mir, Frau Seeling, kapiert! Gehst du fremd, schneide ich dir eigenhändig die Finger ab.« Die arme Frau wurde immer blasser, nickte. »Wäre wirklich äußerst bedauerlich.« Audrette hielt Annemarie ihre Kleidung entgegen. »Da, zieh dich an! Und dann kannst du mir noch eine Frage beantworten: Spät abends, du weißt, von welchem Abend ich rede, war ein angeblicher Ingenieur im Verlag. Du hast ihn hinaus begleitet. Was wollte der bei euch?«
»Was? Wer? Ich weiß nicht, wen du meinst«, heuchelte Annemarie, während sie sich die Sachen überzog.
»Tu nicht so. Ich habe dir doch was gesagt.«
»Ich weiß nichts darüber. Es war ein wichtiger Besuch, das ist alles. Der Chef hat alleine mit ihm gesprochen hinter verschlossenen Türen. Ehrlich.«
»Gut, ich glaube dir.« Arm in Arm gingen sie zum Auto, ganz wie alte Freundinnen, die sich nach langer Zeit wiedergefunden hatten. Im Verlauf der Fahrt folgte eine weitere Anweisung:
»Zu niemanden ein Sterbenswort! Ich werde dich finden, egal wo, zu jeder Zeit.« Dabei hielt sie ihrer Mitfahrerin die Dienstmarke unter die Nase. Die erbleichte eine weitere Nuance. »Und ich meine, was ich sage. Ab heute gehört dein Arsch mir, Annemarie, für immer. Pack nachher noch Schlafzeug zusammen. Du übernachtest bei mir im Hotel, ich will dich verwöhnen!« Die Angesprochene wurde rot, dann wieder blass und starrte auf ihre Hände.
»In Ordnung.«
»Wirklich?«
»Ja, alles klar. Wir machen es, wie du gesagt hast.« Audrette verlangte noch einen weiteren Kuss, dabei knetete sie ihren Schoß.
»Ach, Fräulein: Überall im Büro sind Wanzen platziert.«
So kehrte die Seeling an ihrem Arbeitsplatz zurück. Bis Feierabend blieben noch zwei Stunden Arbeitszeit. Über das Handydisplay beobachtete die Agentin die Komplizin aus dem Verlagshaus kommend, mit dem Manuskript unter dem rechten Arm.
»Braves Mädchen.« Die Frau steuerte direkt auf das nahegelegene Hotel zu.
Bei einsetzender Abenddämmerung fiel eine verängstigte Annemarie weinend ihrer Peinigerin in den Arm.
»Was ist denn passiert? Du hast doch das Manuskript, oder?«
»Ja, hab ich. Es ist hier in der Tasche. Nein, es geht um etwas ganz anderes.«
»Da bin ich gespannt. Dann setzten wir uns mal.« Audrette hatte unwissentlich eine Lawine losgetreten. Annemarie berichtete unter Tränen, ihr Freund Lukas habe sie vor eineinhalb Jahren verlassen.
»Für einen Kerl! Ist das zu fassen? - Wir waren verlobt! Er war meine große Liebe. Und seither, na ja, ...«, ... sei sie auf Frauenfang, legte jede ein einziges Mal flach und behandelt sie anschließend wie Dreck. »Das ist so falsch, ich weiß. Ich bin ein fürchterlicher Mensch.«
»Sag das nicht.« Ein Kuss sollte trösten, Audrette streifte ihr die Sachen ab und legten den vorzüglich gestählten Körper frei. »Vergiss den Kerl. Er ist es nicht wert.« Bedächtig streichelte sie die erregten Brustwarzen, touchierte ihren Beckenkamm, der danach erbarmungslos bebte. »Bist du immer so leicht erregbar?« Annemarie nickte heftig. »Fein. Dann zieh dich komplett aus.«
Heute war es anders, angenehm, aber längst nicht so befreiend wie beim ersten Mal. Annemarie hatte sich hingelegt, ihre Liebste folgte ihrer wohlgeformten Silhouette. Sie schmiegte sich an sie, beide ließen sich treiben mit der Massage. Funkelnde Blicke trafen sich, alles in dem Bewusstsein, dass es nicht für ewig sein sollte. Audrette fragte nur:
»Willst du Leben und glücklich sein oder unglücklich sein und kein Leben haben?« Annemarie hauchte mit sehr femininer Stimme:
»Leben und glücklich sein, natürlich. Was für eine Frage.«
»Na siehst du. Mit Sicherheit gibt es den perfekten Partner für dich und wahrscheinlich kenne ich den sogar. Ein Mann, total zärtlich, dabei sehr bodenständig. Keine klassische Augenweide, aber interessant. Ich beschütze ihn, weißt du.« Audrette streichelte ihr Gesicht, bewunderte ihr Haar, das einen herrlichen Glanz besaß, den sie selber nie hinbekam, allenfalls nach teuren, aufwendigen Friseurbesuchen. »Dieser Mann hat eine absolut gutherzige Frau verdient, die nicht auf Äußerlichkeiten achtet, sondern weiß, was Ehe bedeutet.« Ein tiefer Seufzer, dann brachte sie es auf den Punkt: »Sein kleiner Amos bewirkt Wunder.« Ein Lachanfall Annemaries sprengte die Ketten endgültig. Der Knoten war geplatzt.
»Das ist nicht dein Ernst! Willst du mich verschachern oder den Kerl um jeden Preis loswerden?«
»Weder noch. Ich möchte nur für die Zukunft vorsorgen.«
»Deine Sorgen will ich nicht haben«, murmelte Annemarie verständnislos, zurückverwandelt in die Person von einst, einer gutaussehenden Frau, die den Sinn für eine Partnerschaft zwischen Mann und Frau neu entdeckt hatte. Ihre Augen strahlten den Glanz vergangener Zeiten. Sie war bereit, sich selbst zu verzeihen, zu warten auf den Einen.
Die Sonne erkämpfte sich Platz zwischen den Wolken. Beide Frauen zogen sich an, betrachteten ihre femininen Körper. Unterschiedlich wie Tag und Nacht, doch jede auf ihre Weise perfekt. Nach einer Umarmung teilte Audrette ihre geheime Handynummer mit. Ein letzter Kuss:
»Warte, bis ich dich kontaktiere.«
»Ey ey, Captain.«
So kehrte Annemarie befreit von allen Lasten zurück an ihre Arbeit. Audrettes Laune vermieste der Anruf eines alten Kollegen vom BND.
»Du wolltest doch was über die Besucher bei Kniebrecht wissen?«
»Ja, und? Spann mich nicht auf die Folter.«
»Die ungewöhnlichsten Gäste waren eindeutig Landvermesser und Geologen, die sich mit der Geschäftsführung von Kniebrecht getroffen haben.«
»Interessant. Danke für die Info! Vortreffliche Arbeit.« Nur was sollte das mit Amos oder gar ihrer Schwester zutun haben? Immer mehr Fragen. Begierig durchforstete sie das Netz nach Antworten, ohne neue Erkenntnisse. Es war schwierig, weil sie nicht wusste, was sie eigentlich suchte. Stochern im Dunkeln nannte man das. Sie hatte selbstredend Herrn Cappelmeyer persönlich überprüft, mit ernüchterndem Resultat, wobei es zu berücksichtigen galt, dass er in der ehemaligen DDR aufgewachsen war. Es gab noch die berühmten Stasi-Akten ... Sie glaubte, den Faden verloren zu haben, da überschlugen sich die Ereignisse. Ein Anruf auf der geheimen Nummer:
»Süße, du musst aus dem Hotel verschwinden, sofort!«
»Aber, ...« Dann riss die Verbindung ab. Die Agentin fluchte ausgiebig, dann suchte sie eilig ihre paar Kleider zusammen und schlich aus dem Hintereingang. Annemarie rief erneut an, als Audrette an ihrem Wagen ankam. Sie benahm sich merkwürdig. Flüsterte. »Hörzu, ich kann nicht reden.« Dubiose Gestalten bedrohten ihren Chef, Dr. Klotzig, dabei ging es wieder um diesen drittklassigen Schriftsteller Cappelmeyer. Der Roman war nie ernsthaft gewünscht. Ein Bluff.
»Ich hab`s geahnt«, fauchte die Amerikanerin. »Diese miesen Ratten!« Soeben rutschte ein Puzzleteilchen auf seinen Platz.
»Das abgelieferte Skript ist brillant, ich hab es gelesen, doch das spielt keine Rolle. Denen geht es nur um ein Haus und Grundstück von dem, du weißt schon ...« Audrette schnaufte. »Das ergibt überhaupt keinen Sinn für mich!«
»Eigenartig, ja. – Anni, denk mal ernsthaft über ein paar Tage Urlaub nach. Was hältst du von Ostdeutschland? Präziser, der wunderschönen Stadt Dresden? Weltkulturerbe, immer eine Reise wert?« Annemarie protestierte schwach, sah aber ein, dass an ihrem Arbeitsplatz etwas gehörig aus der Bahn geraten war. Besser, nicht dort zu sein, wenn die Eskalation den Höhepunkt erreichte.
Aufgewühlt grübelte Audrette über den Fall nach. Der schien irreal wie nur was. Es wurde Zeit, den Übeltätern das Handwerk zu legen. Sie war es leid, mit anzusehen, wie Menschen alles Erdenkliche anstellten, um ihre dubiosen Ziele zu erreichen. Meistens Macht und Geld. Geld und Macht. Welches Ziel hier verfolgt wurde? Audrette hatte eine Ahnung, doch wem konnte sie in dieser Sache trauen? Hinter Annemarie Seeling stand ein fettes Fragezeichen. Ihrer derzeitigen Einschätzung nach war die Frau nur unsagbar einsam und auf der Suche nach einem aufrichtigen Partner.
Audrettes Instinkte hatten ihr bislang gute Dienste geleistet. Diesmal signalisierten sie Verstärkung im großen Maßstab zu organisieren, bestehend aus ehemaligen Mitarbeitern des Service (CIA), der Agency (NSA) und anderen Diensten (MI 5, BND, Heeresnachrichtendienst HNA), die nichts mehr zu verlieren hatten, aber zumindest an das Gute glaubten. Agenten, gewohnt zu improvisieren und in der Lage, eine lückenlose Observierung ohne Aufsehen zu erledigen. Schließlich ging es um eine bedeutende Sache. Audrette hatte vor, sich mit der Stasi anzulegen. Ein Rundruf an die Ex-Kollegen/ - Konkurrenten war von Erfolg gekrönt. Binnen kurzer Zeit standen vierzehn Freiwillige parat, erfreut über eine kleine Abwechslung im Rentnerdasein. Der Begriff war irreführend. Nicht, dass alle das entsprechende Alter erreicht hatten, es gab unterschiedliche Gründe, den Dienst zu quittieren, siehe Audrette als bestes Beispiel. Nur durch eine kleine Flunkerei hatte sie ihre Dienstmarke behalten können, die sie auch heute noch gern einsetzte, wenn es hilfreich erschien. Es handelte sich bei den Kollegen, die ihr zur Seite standen, zu 90% um Männer im besten Alter, die alle, bis auf eine Ausnahme, in Europa weilten, teilweise in Deutschland, Österreich oder der Schweiz, was die Sache ungemein erleichterte. Allgemeiner Treffpunkt: Dresden.
Audrette benachrichtigte Annemarie: »Dein Urlaub. Dresden. Jetzt. Buch ein Doppelzimmer, ich komme bald möglichst nach.« Die packte ihre Arbeitstasche, kritzelte schnell noch etwas auf den Urlaubsantrag und verließ das Haus Kniebrecht, wie es ihr aufgetragen worden war, mit dem dumpfen Gefühl, dass es ein Abschied für immer werden könnte.
Aus den Kollegen Henry James aus den Staaten und Daniel Hufnagel, ein Ex-BND-ler, die beide schon in München eingetroffen waren, bildete Audrette ein Team. Den Männern fiel die Aufgabe zu, das Haus Kniebrecht rund um die Uhr zu überwachen. Jens Kühl´s Auftrag bestand darin, Audrette am Stadtrand Münchens aufzugabeln und nach Dresden zu bringen. Jens war ein Enddreißiger mit schütterem Haar, das er militärisch kurz trug, was ihm aber nicht schlecht stand. Auf der mehrstündigen Fahrt teilte sie ihre Erkenntnisse mit ihrem alten Weggefährten, berichtete vom plötzlichen Tod der geliebten Schwester, dem Vertrag mit Amos Cappelmeyer, von Frau Seeling. Jens nickte verständnisvoll und sein Hirn ratterte los. In diesem Moment rief der Sicherheitsmann aus dem Krankenhaus an. Zwei Personen hätten Erkundigungen über Cappelmeyers Gesundheitszustand einziehen wollen, ohne sich legitimieren zu können, weshalb die Ärzte die Unbefugten rauswarfen.
»Ich werd noch verrückt!« Audrette rieb sich die Augen. Jetzt mussten sie handeln, denn die wussten, wo er ist. »Wie geht es Amos denn?« Der Zustand des Patienten sei den Umständen entsprechend gut, er könne problemlos in ein anderes Krankenhaus verlegt werden.
»Super, so machen wir das. Lasst ihn nach Dresden bringen.«
Kurz darauf rief Annemarie an, sie habe im »La Tusch« eingecheckt, Zimmer 412. Audrette klappte die Kinnlade runter, als sie das hörte.
»La Tusch? Holy Shit! Bist du wahnsinnig? Den Schuppen kann ich mir nicht leisten!«
»Keine Panik auf der Titanic. Ich habe meine Kontakte, daher erlaube ich mir, dich einzuladen. – Und natürlich die komplette Mannschaft dazu.«
»Sicher? Ich meine, ...«
»Ich bin sicher. Nenn mir eine Zahl. Wie viele Zimmer brauchst du?«
»Keine Ahnung.« Für den Moment herrschte Sprachlosigkeit. Audrette sendete per SMS die Zahl 18. Achtzehn Leute, nicht achtzehn Zimmer. Eine Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
»Ok!«
Audrette brüllte: »Leck mich doch einer am Arsch!« Sie gab die Adresse in das Navi ein, Jens folgte der Route, anerkennend nickend.
»Gefällt mir, deine Freundin.«
Kapitel Sechs
Gejagt
Fast synchron trudelte aus allen Himmelsrichtungen das Team ein. Manche waren auf dem Flughafen Dresden gelandet, andere mit dem Auto angereist. Annemarie hieß jeden persönlich willkommen und verteilte einen Batzen Schlüsselkarten. Zwei Agenten sollten sich ein Zimmer teilen. Nach kurzem Murren fanden sich die passenden Gruppierungen. Sie begrüßte ihre neue Freundin mit einer zärtlichen Umarmung, drückte ihr speziell den Zimmerschlüssel in die Faust. Audrette witterte überall eine Verschwörung.
»Willst du mich damit ärgern?«, zischte sie. »Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.« Annemarie zog sich mit diebischer Freude in den Augen zurück, warf Audrette zur Krönung noch eine Kusshand zu.
»Wir sehen uns, Darling.«
Mittlerweile herrschte reges Treiben vor dem Portal des Luxus-Hotels. Jens hatte einen Schlachtplan ausgetüftelt, wonach vier Ermittler abwechselnd beim Uniklinikum postiert sein würden, vier weitere sollten Amos Haus sowie Grundstück gründlich unter die Lupe nehmen und begaben sich unverzüglich nach Thüringen. Doch Jens war nicht zufrieden.
»Wir haben etwas übersehen. Dreht jeden Heuhaufen zweimal um. Ich will wissen, was da gespielt wird.«
»Ja, Boss. - Schade um das nette Zimmer! Hab` mich so auf den Champagner gefreut!«
»Sehr witzig. Und jetzt Abmarsch! Ich erwarte euren Bericht.« Die Übriggebliebenen durchforsteten das Internet. Schlagworte: Kniebrecht, Floh-Selignthal, Cappelmeyer, SED, Stasi, Partei.
Der neue Schwerpunkt lag auf einer möglichen Stasi-Vergangenheit der Familie Cappelmeyer. Bei ihrer Recherche war Audrette die erschreckende Zahl von inoffiziellen Stasi-Mitarbeitern bewusst geworden, die sich auf 189.000 belaufen sollte. Zudem hieß es, dass es 111 Kilometer Stasi-Akten aufzuarbeiten galt. Das war eine unvorstellbare Menge Papier. Die Hoffnung lag nun darin, in diesen Unterlagen etwas über die Familie herauszubekommen. Wenn nicht über Amos selbst, was unwahrscheinlich war, denn er schien ein unbeschriebenes Blatt zu sein, dann über seine Eltern oder die Großeltern, von denen er gesprochen hatte. In Dresden gab es praktischerweise eine der BStu-Stellen, die sich mit dem Aktenwust beschäftigte.
»Los an die Arbeit, Männer.« Audrette klatschte in die Hände. Allerdings mit vorgetäuschtem Elan. Sie fühlte sich nach der langen Fahrt unwohl in den verschwitzten Klamotten und entschuldigte sich. »Bin gleich wieder da.« Sie eilte in das ausladende Gebäude - und war prompt überfordert. Welche Zimmernummer hatte Annemarie ihr noch gleich ins Ohr geflüstert? Es wollte ihr nicht einfallen. Sie stürmte mit der Schlüsselkarte zur Rezeption und notierte dort die Nummer 412. Richtig, jetzt kam die Erinnerung zurück.
Der Fahrstuhl ließ auf sich warten. Audrette zappelte von einem Fuß auf den anderen, zählte ungeduldig. Endlich, der Lift. Jetzt könnten die verdammten Türen aufgehen!
Drei Kerle drängelten sich an ihr vorbei, quetschten sich in die Kabine.
Na toll. Was für Hohlbirnen. Die Luft in der kleinen Kabine war geschwängert von einem aufdringlichen Aftershave, das in der Nase kribbelte. Widerstrebend gesellte sie sich dazu, stellte sich aber vermeintlich so, dass sie nicht, oder am wenigsten, angegafft werden konnte, und verdrehte genervt die Augen. Die Sicherheit, in der sie sich wog, war trügerisch. Einer der Herren nahm sich die Freiheit, die Festigkeit ihrer Kehrseite zu prüfen, der Andere wollte seinem Kumpel nicht nachstehen, doch bevor er auch nur zu blinzeln vermochte, hatte der Grapscher einen Damenschuh in der Fresse, der Erste wiederum den Ellbogen auf dem Kehlkopf und der Dritte nässte sich vor Angst ein.
Gelockert von der kleinen Trainingseinheit stolzierte Frau Miller hüftschwingend zu Zimmer 412 am Ende des Korriors. Sie öffnete ahnungslos die Tür, fand sich in der Admiralssuite, einer sogenannten Triplex-Suite wieder, opulent eingerichtet, mit allem, was schnöder Mammon nur kaufen konnte.
»Hey, na endlich! Das hat ja gedauert.« Um die Gefährtin vom Alltagsstress runter zu holen, verpasste Annemarie ihr einen Kuss und offerierte ein Glas kühles Prickelwasser. »Entspann dich, Süße.«
»Leichter gesagt als getan.« Audrette stürzte den Champagner runter. »Lecker. - Da hast du es ja ordentlich krachen lassen«, und meinte das feudale Ambiente.
»Nur das Beste für mein Herzblatt.« Annemarie entkleidete die protestierende Audrette und führte sie unter die Luxus-Dusche.
»Ich sollte eigentlich bei meinen Jungs sein. Ich wollte mich nur rasch umziehen.«
»Ja, ja. Ich weiß was du brauchst. Entspann dich.« Audrette verlor zunehmend die Kontrolle, als der Seifenschaum mit einer goldenen Handbrause abgespült wurde. Annemarie hatte ihre Flasche Spezial-Öl dabei und salbte sie ein.
Helles Sonnenlicht drang durch die Gardine, deren Maschen die Strahlen um ein Vielfaches spalteten. Audrette rekelte sich, fragte sich irritiert, wo sie sich befand.
Ach, richtig ... Amos hatte ihr versprochen, beim nächsten Sex alles zu geben. Sie sehnte diesen Augenblick herbei, als sie unter der Dusche die geschickten Hände ihres Abenteuers auf der Haut spürte.
Das Mobiltelefon klingelte unermüdlich, verlangte Auskunft, wo sie steckt. Nicht der erste Anruf. Leider auch nicht der Zweite. Auf der Liste der entgangenen Gespräche stand eine zweistellige Zahl, vom Abend bis heute früh. So ein Mist. Antworten in diesem Zustand, während Annemarie ihren Körper von allem befreite, was nur aussah wie Wassertropfen? Undenkbar. Das Handy plärrte unentwegt, fast genervt.
»Sorry, ich muss da ran gehen. Das sind meine Leute. – Hallo?«
»Na endlich! Meine Finger sind schon wund vom Wählen. Dachte, du bist im Jacuzzi ertrunken!« So amüsant, wie Jens es darstellte, fand er die Situation gar nicht. Doch was half es, mit der Amerikanerin zu streiten?
Er behauptete von sich, ein guter, feinfühliger Beobachter zu sein, deshalb war er ziemlich sicher, dass Audrette etwas mit einer Zielperson am Laufen hatte. Ein No-Go. Erwartet hätte er diesen Regelverstoß ausgerechnet von ihr nicht. Er kannte die Texanerin relativ lange, sie war stets integer. Unbestreitbar war sie eine scharfsinnige und vorausschauende Frau, ausgestattet mit einer exzellenten Kombinationsgabe. Erkenntnisse über den Fall Cappelmeyer teilte sie jedoch mit niemanden, vermutete einen bedeutsamen Skandal hinter den Angelegenheiten ihres Zukünftigen. In den übrigen Fällen lieferte sie konsequent tadellose Resultate.
Zu guter Letzt meinte Jens:
»Dann in einer Stunde vor dem Hotel.« Er legte verstimmt auf, weil er glaubte, dass sie eh nicht bei der Sache war.
»Wir haben 60 Minuten«, flüsterte Annemarie, setzte Audrette auf den kleinen Tisch und erinnerte sich schmerzvoll, dass die Ermittlerin vergeben war. Sie ertappte sich dabei, innige Gefühle für die Texanerin zu hegen. So streichelte sie nur durch die verbotene Zone und genoss das Ablutschen des Saftes an ihrem Finger umso mehr. Lippen berührten sich sinnlich, Zungen fochten den Akt der Hingabe aus.
»Ich hau mich wieder aufs Ohr.« Annemarie tapste zurück ins Bett. Audrette konnte sich diesen Luxus nicht leisten, sie machte sich fertig für die Ermittlungsarbeit. Zum Abschied bedachte sie den Knackarsch ihrer Freundin mit einem Kuss.
»Mach`s gut, Honey. Ich fühl mich total ausgelaugt. Schlaf `ne Runde für mich mit! Wir sehen uns.« Sie eilte nach unten, ohne gefrühstückt zu haben. In der Lobby tigerte Jens voller Ungeduld im Kreis. »Guten Morgen, Jens.«
Nach einem gebrummten Gruß hatte er Neuigkeiten.
»Amos ist aus frühzeitig aus dem Koma geholt worden.«
»Was? Das ist wunderbar! Ich bin so glücklich.« Die Halsschlagader der ansonsten coolen Agentin hämmerte einerseits aus Freude, andererseits aus einer gehörigen Portion Scham. Selbst bei geöffnetem Seitenfenster hatte sie den Eindruck, es würde immer heißer werden. Jens zog besorgt die Stirn in Falten.
Kapitel Sieben
Wieder da
»Hey Darling«, krächzte ich. Einen langen Schönheitsschlaf habe ich gehalten, hatte die nette Krankenschwester mir heute verkündet, aber gutgetan hatte der mir nicht, stattdessen fühlte ich mich am kompletten Leib wund. Meine Zukünftige hingegen mutete wie das strahlende Leben an, - geplagt von Gewissensbissen, schätze ich, so wie sie mit gesenktem Blick das Krankenzimmer betrat.
»Hallo Amos. Schön, dich zu sehen.« Audrettes Blicke blieben weiter auf den Boden geheftet. Beinahe hatte ich ihre Anmut vergessen. Wie sie die Haare offen trug, stand ihr viel besser, ließ sie noch femininer wirken.
»Komm zu mir.« Ich streckte die Hand aus, zog sie nah an mich heran, damit ich in ihr Ohr flüstern konnte: »Du weißt, was dir blüht, wenn ich wieder bei Kräften bin?« Statt zu lächeln, schluchzte Audrette los. »Weine nicht, mein Engel. Alles wird gut. Sobald ich hier raus bin, vögel ich dich ins Nirwana, meine schöne Ehefrau.«
Sie schniefte.
»Werde du erst mal richtig gesund.« Allerdings straften ihre Taten den Worten Lüge. Eine warme Hand legte sich fest um meine Kronjuwelen, presste sie zusammen, doch es schüchterte mich überhaupt nicht ein. Ihre geröteten Rehkitzaugen sprachen für sich selbst. Ein überwältigender Moment, der hoffentlich nie ein Ende fand.
Doch es klopfte an der Tür und beraubte mich meiner Illusion, schneller als ich Oh sagen konnte. So spielte das wahre Leben.
»Herein«, bat ich verdrossen. Eine Frau spazierte in den Raum, erfüllte ihn sogleich mit ihrem Karma. Sie stellte sich als Annemarie Seeling vor und überreichte mir einen bunten Floristenstrauß.
Ah, Blumen. Eine Schachtel Kondome hätte ich bevorzugt. Ich legte das Gestrüpp auf die Konsole in Ermangelung eines Gefäßes.
»Was tust du denn hier?«, wisperte Audrette erbost.
»Entschuldigung, kennen wir uns?« Ich war verwirrt. Der Name sagte mir nichts.
»Ich bin gekommen, um Sie persönlich um Verzeihung zu bitten. Wir hatten gewiss nicht den besten Start am Telefon. Aber Audrette spricht nur in den höchsten Tönen von Ihnen.«
Telefon? Jetzt dämmerte es mir.
»Soso, die berüchtigte Frau Seeling. Was für eine Überraschung.« Sie war entschieden jugendlicher, als in meiner Vorstellung und sah eigentlich verdammt gut aus, wie sie an der Seite von Audrette stand. Verstohlene Blicke wurden getauscht. »Frau Seeling, danke für die Blumen. Sie sehen völlig anders aus, wie ich erwartet habe, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben dürfte.«
»Gewiss, das höre ich des Öfteren. Sie entsprechen aber auch nicht dem Bild, das ich erwartet habe, Herr Cappelmeyer.«
»Was Sie nicht sagen. Ist das gut oder weniger gut für mich?« Ich zwinkerte verschmitzt. Ihre Augen wanderten zu Audrette, doch deren Handy brüllte um Gehör.
»Verflucht, nicht jetzt. Ja, hallo? - Was? Moment, ich komme runter.« Audrette verabschiedete sich mit einem zärtlichen Kuss von mir, dann streifte sie dezent mit der Hand über den athletischen Körper der Freundin. »Die Pflicht ruft. Ich kann euch zwei doch alleine lassen?« Kaum war die Tür hinter ihr zugefallen, wollte Annemarie wissen, ob ich wahrhaftig über die sagenumwobenen Kräfte verfüge. Ich zeigte mich verwundert über ihre Andeutung.
Plötzlich Geräusche, die klangen wie Salven aus einem Gewehr, Schreie auf dem Flur verbreiteten Angst und Schrecken. Annemaries Augen weiteten sich.
»Sind das etwa Schüsse?« Zeitgleich schrillte ihr Handy los, sie konnte gar nicht fix genug rangehen, zitterte regelrecht vor Aufregung. »Audrette! Was ist passiert? Es klingt wie ...«
»... unter Beschuss. Macht, dass ihr da wegkommt! Pass auf Amos auf!«, drang Audrettes Stimme aus dem Lautsprecher.
»Sicher, aber ...« Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und schwang beherzt meine Beine über die Bettkante. Mist, keine Schuhe! »Hoppla. Nicht so hastig, Cappelmeyer.« Annemarie unterstützte mich nach Kräften, da ich meinen physischen Status eindeutig überschätzt hatte. »Gemeinsam schaffen wir das.«
Als ich schließlich auf meinen Beinen stand, ging es halbwegs.
»Wo sind meine Schuhe?«
Frau Seeling spähte aus dem Zimmer. Noch immer schwirrten Kugeln umher. Dem Geräusch nach handelte es sich um ein halbautomatisches Gewähr, wenn ich mir diese Einschätzung erlauben durfte. Wie gesagt, meine Kenntnisse beruhten auf Fernsehserien. Putz flog - nur zu real - von den Wänden.
»Ich glaube nicht, das jetzt der richtige Zeitpunkt ist, danach zu suchen! Los komm jetzt. Ich kann einen Notausgang sehen. Ist nicht weit.«
»Vielleicht nicht, aber du wurdest auch nicht angeschossen.«
Annemarie zerrte mich hinter sich her.
»Für Audrette, Amos.« Für Audrette, ein Fuß vor den Nächsten. »Das machst du prima.« Was blieb mir für eine andere Wahl, um diesen dunklen Mächten zu entfliehen? So schlichen wir das Treppenhaus eines Nebenausgangs hinunter und versicherten uns, dass hier draußen keine Gefahr drohte.
»Hoffentlich ist Audrette nichts passiert.«
»Oh, das hoffe ich auch inständig.«
Aus unerfindlichen Gründen gelang es mir, uns zielsicher zu einem Taxistand zu navigieren, wo Fahrzeuge in einer Reihe warteten, vermutlich um ihre Pause zu absolvieren.
»Kennst du dich hier etwa aus?«, fragte meine Begleitung irritiert.
»Nein. Ja. Egal. Komm.« Wir kletterten in das erstbeste Taxi. Im Rückspiegel traf mich der belustigte Blick des Fahrers, ob unserer recht zwielichtigen Erscheinung, doch als Profi hatte er in den Jahren einiges gesehen, da war ein Kerl im Nachthemd ohne Schuhe nur eine weitere amüsante Anekdote in der Pokerrunde.
»Wo soll`s denn hingehen, die Herrschaften?«
Die Frage aller Fragen ...
»Ich weiß wohin«, flüsterte Annemarie geheimnisvoll.
»So?«
»Zur ...«, als sie den Zielort nennen wollte, zerbarst die Frontscheibe in einer Implosion. Das Gehirn des Fahrers verteilte sich über uns. Na gut, hauptsächlich auf Annemarie, die hinter ihm saß. Sie kreischte hysterisch, verängstigt wie ein kleines Mädchen in der Geisterbahn. Das Geschoss blieb in der Kopfstütze direkt vor ihrer Nasenspitze stecken. Welch ein Glück.
»Du musst still sein!« Ohne nachzudenken, zerrte ich die würgende Frau aus dem Taxi in ein Gebüsch, angeborenen Urinstinkten folgend, schloss sie kurz in meine Arme und streichelte beruhigend ihren Rücken. Woher ich meine Ruhe nahm, blieb mir ein Rätsel. Aus der Ferne rückten Martinshörner an. Nicht lange und die Kavallerie würde das Krankenhaus stürmen. Endlich.
Direkt hier gab es einen Park mit einem See, erinnerte ich mich, überprüfte, ob wir allein waren und zog die zitternde Annemarie aus, die abwesend alles über sich ergehen ließ.
»Pst, ganz ruhig. Das muss sein.« Ich wusch sie, tupfte ihr Gesicht mit dem befeuchteten Unterhemd ab. Die Lufttemperatur erreichte knapp den zweistelligen Bereich, das Wasser war bestialisch kalt, aber es nützte nichts. Jetzt erhielt ich Gewissheit, wie makellos meine zitternde Begleiterin war. Falscher Zeitpunkt, tadelte ich mich selbst. Just in dem Moment, als ich mich unter Schmerzen hinkniete, um unsere Sachen ins eisige Nass zu tauchen, passierte es.
Zwei Schüsse. Einer ging ins Leere und verschwand in der Botanik, ohne Schaden anzurichten, eine Kugel streifte Annemaries Hüfte. Doch sie gab keinen Mucks von sich, im Gegenteil, sie stellte sich schützend vor mich und trieb mich ins Wasser.
»Tauchen, so tief und weit, wie du nur kannst, alter Mann!« Ja, tauchen konnte ich Nicht-Sportskanone, Großvater Luitpolt sei dank. Er hatte mich und meine Cousins spielerisch an das Nass herangeführt. Nur die Temperatur ließ zu wünschen übrig. Meine Zähne schlugen bibbernd aufeinander. Wenigstens spürte ich die kaputte Rippe nicht. Durch die Eiseskälte zeigte sich der kleine See klar wie ein Kristall, mit einer Länge von gut 150 Metern, die es zu überwinden galt. Gräser und alte Fahrräder dienten als neues Zuhause von Aalen. Ich fröstelte. Mit meinen auf Miniaturgröße zusammengeschrumpften Entlein konnte ich keine Frau beeindrucken. Mein Körper fühlte sich unvertraut an, doch Annemarie spornte mich zur Höchstleistung an. Sie kniff mir in den verlängerten Rücken. Beeil dich, winkte sie energisch, ihre Kreditkarte klemmte zwischen den Zähnen. Eine eiskalte Strömung durchkreuzte unsere Bahn. Die Haut, die mein Skelett überzog, vermittelte mir das Gefühl, nicht zu mir zu gehören.
Endlich erreichten wir das rettende Ufer. Durchgefroren, am Rande der Erschöpfung, rubbelten wir uns gegenseitig trocken. Für Außenstehende gaben wir das Bild von zwei Perverslingen, die es bitternötig hatten.
Erfreulicherweise hatte meine Wunde nicht erneut zu bluten begonnen. Den durchweichten Verband riss ich vorsorglich herunter. Glückwunsch: Verfolgt, unter Beschuss, keine Kleider mehr am Leib, einziger Pluspunkt blieb eine Kreditkarte. Annemarie war stets auf der Hut und erklärte mir, dass wir diese vermutlich nur ein einziges Mal benutzen könnten. »Na toll. Auch zu viel fernsehen geschaut, was?«
Durch das Gebüsch war die offen stehende Tür eines Gebäudes auszumachen. Annemarie erkor diese zu unserem Ziel, griff nach meiner Hand und rannte los, wie eine Hochleistungssprinterin, dabei geriet sie nicht einmal aus der Puste. An der Tür angekommen, duftete es nach frischen Backwaren. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Essen! Wie lange hatte ich keine feste Nahrung zu mir genommen?
Mit einem Griff um den Türrahmen ergatterte sie zwei Hosen sowie eine Arbeitsjacke. Anstandshalber wollte ich die Jacke ihr über lassen, doch Annemarie blieb konsequent. Ich war lediglich schuhlos, sie hingegen nur von der viel zu großen Hose bedeckt. Ihre Brüste massierten mir die Augen, was ich als nette Ablenkung akzeptierte.
Annemarie hatte das Geldinstitut um die Ecke dafür auserkoren, eine stattliche Summe Bargeld abzuheben. Über verschlungene Wege erreichten wir unser Ziel.
»Die Bank International, meine Hausbank. Was für ein Zufall.«
»Ja, aber du willst nicht so da rein gehen, oder?« Letztlich war sie dann doch bereit, für den Bankbesuch die Jacke anzunehmen. Es half ja nichts, wenn sie gleich von den Wachleuten als Flitzerin verhaftet wurde. Ich wartete oberkörperfrei in der Kälte, quetschte mich aus zweierlei Gründen so tief wie möglich in einen Hauseingang. Als Raucher wäre jetzt der Moment, in dem ich mir eine Kippe herbeisehnen würde.
Nicht lange bis Annemarie mit einem breiten Grinsen und einer Tüte aus der Filiale trat. An der Hand führte sie mich in den geschützten Personaleingang der Bank, wo sie strahlend die Tüte aufriss.
»Tara! Sieh mal, was ich hier habe. Ist für dich.« Ein Schlipsträger hatte dafür herhalten müssen. Was manche Menschen für Geld nicht alles zu tun bereit waren, war für mich nicht nachvollziehbar, aber ich zollte Annemarie Respekt dafür. Der Spaß hatte meine Wunderfee schlappe tausend Euro gekostet. Das konnte ich kaum kommentarlos im Raum stehen lassen.
»Tausend Euro? Bist du irre?«
»Nein, ich sehe das als Investition in die Zukunft. Ich glaube, das Geld ist gut angelegt. Außerdem darfst du es bei mir abarbeiten!« Der geforderte Tribut wäre für mich ein Leichtes, wenn nicht meine zukünftige Gemahlin Treue verdient hätte. Annemarie zwinkerte wissend. »Audrette wird es dir nachsehen.«
Wie auch immer. Meine temporäre Begleiterin steckte voller Überraschungen.
So hatte sich eine Dame aus der Kreditabteilung erbarmt und Annemarie ein komplettes Business-Outfit gestellt.
»Du bist unglaublich. Wie hast du das hinbekommen?«
»Frauengeheimnis.« Wo sie nun die unförmigen Bäckersachen abstreifte, meldete sich postwendend mein Fahnenmast zu Wort. Schlimmer als bei der Army heute. Flagge hissen und einholen.
Nachdem wir uns beide in Schale geworfen und die geklaute Arbeitsmontur in der Tragetasche verstaut hatten, war ich bereit zum Aufbruch.
»Wir können gleich gehen. Ich muss mich nur kurz verabschieden.«
Ich kniff irritiert die Augen zusammen.
»Wie jetzt? Du hast doch schon bezahlt.«
»Schon gut. Dauert nur eine Minute.« Annemarie schaffte mich auf den Gehweg, um sich anständig auf ihre Art und Weise zu bedanken, indem sie die Spenderin am Hinterausgang küsste, als kenne man sich schon eine halbe Ewigkeit. Die Bänkerin schmolz dahin, wie ein Toffee in der Mittagssonne und winkte uns schüchtern. »Wiedersehen«, formte ihr Mund die Worte.
»Ich fasse es nicht«, stöhnte ich. »Was ist das für eine Welt?«
»Das meinst du nicht ernst, alter Mann, oder?« Ich setzte zu Protest an, fühlte mich dann aber der Konsequenz nicht gewachsen, und beschloss, meinen Einspruch zu vertagen. »Ein paar Häuser weiter befindet sich ein Autoverleiher. Da müssen wir hin.« Der verfügte über Fahrzeuge, die nicht gelistet waren, wusste meine Begleiterin, als wandelnde Quelle des Wissens und der Inspiration. »Auch Prominente wollen ein ungestörtes Shoppingvergnügen, egal ob auf der Kö oder dem Kuhdamm!«
»Wenn du es sagst.« Von Außen war der Verleiher völlig unscheinbar, nur ein Schild und ein kleines Büro, das eher abschreckend auf mich wirkte, doch der Schein trügt oft, hatte die Erfahrung mich gelehrt. Nach eigener Aussage verfügte der gut aussehende, frisch rasierte Mann über die besten Luxuskarossen der Stadt.
Annemarie wählte den auffälligsten Wagen aus dem Katalog, eine burgunderrote Raubkatze, mit heller Leder-Vollausstattung. Die einzige Chance, den Verfolgern für ein paar Stunden zu entkommen, behauptete sie. So sollte es sein. War schließlich ihr Geld. Und ich hätte ordentlich zu schuften. »Du fährst!«, kam das Kommando.
»Warum?« Zweifelnd starrte ich den klobigen Fahrzeugschlüssel in meiner Hand an, der keinerlei Ähnlichkeit zu meiner Definition von Schlüssel aufwies und mir die Tür zu diesem Wunderwerk der Ingenieurskunst öffnen sollte.
Ich quetschte mich hinters Steuer und stöhnte vor Schmerzen auf, als mich der weiche Sitz verschluckte. Wow, da konnte sich mein altes Sofa eine Scheibe von abschneiden. So weit, so gut. Bin drin. Die zweite Frage, die mich beschäftigte: Wie lange war ich schon nicht mehr Auto gefahren, geschweige so ein Gefährt? Zu keiner Zeit war die Antwort. Ich besaß eine Fahrerlaubnis, richtig, selber hatte ich es allerdings nie über den Motorroller hinaus geschafft. Das Cockpit des Wagens mutete futuristisch an. Die Bedeutung der scheinbar wahllos angebrachten Knöpfe und Schalter erschloss sich mir nicht auf Anhieb. Ich bestaunte die glänzenden Oberflächen und hätte sicher noch einen halben Tag mit Staunen zugebracht, wenn da nicht diese Stimme gewesen wäre ...
»Was ist denn los? Musst du erst die Bedienungsanleitung lesen, oder kann es jetzt losgehen?«
Den inneren Schweinehund besiegen und aufs Ganze gehen, mein Motto. Was sollte schon groß passieren?
Mehr schlecht als recht startete ich Richtung Heimat, um mich zu sortieren. Wohin könnten wir auch sonst? Kein Gedanke war klar zu fassen, ich schaute immer wieder nach Annemarie, die auf dem Beifahrersitz längst friedlich schlummerte. Ihre Schenkel schaukelten im Rhythmus der Schlaglöcher, ihr Schoß zeichnete sich appetitlich durch die zu enge Hose ab. Ich streichelte die Schenkel, die an ihrem Schoß endeten. Okay, ich war geil, wollte mich abreagieren, Frust und Fluch entfliehen. Immer wieder holten mich Erinnerungsfetzen von Hellen ein, malträtierten mich wie elektrische Schläge. Sie war an jenem Abend perfekt für mich gewesen und die Trauer würde ich mit mir tragen, solange ich atme. Hellen trug Güte in sich, sie sah in mir den Mann ihres Lebens, einen Familienmenschen. Hoffentlich hatte sie sich nicht geirrt.
Die Straßen wurden schmaler und kurviger. Beide Hände gehörten jetzt ans Steuer, obwohl ich fahrerisch an Sicherheit dazugewonnen hatte. Dann passierten wir das Ortsschild.
»Gleich sind wir da«, sprach ich mehr zu mir selbst. Nur noch zehn Minuten bis zu meinem Gehöft in Floh-Selignthal, einem Dorf mit 6512 Einwohnern. Mein Zuhause. Meine Oma pflegte zu sagen: »Wo du weg willst, wenn du älter wirst und zurück willst, wenn du alt bist, das ist Heimat.« Ein altes Sprichwort. Ich hatte meine Heimat nie verlassen - außer für ein paar kurze Urlaubsreisen. Länger als zehn Tage hielt ich es gewöhnlich nirgends aus.
»Sind wir da?«
»Ja, Dornröschen.«
Im Schritttempo bog ich in meine kleine Straße ein, ein geschotterter, leicht abschüssiger Weg, kaum breiter als ein 7,5 Tonner, beiderseits gesäumt von alten Baumbestand. Oben an der Straße verriet nur eine unauffällige Hausnummer den Standort.
Ich rollte auf den Hof, neben die Scheune. Alles schien mir friedlich wie immer. Hier war meine Seele zu Hause.
Leidenschaftlich berichtete ich Annemarie von meinen Anwesen, nahm sie unbewusst bei der Hand und zeigte ihr das Areal.
»Nett hier. Und so ruhig«, kommentierte sie und drückte immer intensiver meine Hand. »Ist bestimmt nicht leicht, das alles in Schuss zu halten.« Wie recht sie hatte. 15ha Land mit einem Haupthaus aus dem Jahr 1912, einer großen Scheune und mehreren Schuppen bzw. ehemaligen Ställen, nicht zu vergessen, mein eigener kleiner See. Okay, es war ein Teich, aber für mich ein Paradies. Jetzt allerdings hielt ich Ausschau nach fremden Spuren.
»Stimmt was nicht, Amos?« Ich glaubte, hier und da frische Fußabdrücke in den Gemüse-, und Blumenbeeten zu entdecken, sowie abgeknickte Blätter und Zweige.
»Ich weiß nicht genau. Ist nur ein Gefühl«, beruhigte ich sie. »Lass uns besser ins Haus gehen. - Warte, nur eine Sekunde.«
Für den Notfall hatte ich einen Satz Reserveschlüssel auf dem ersten höheren Balken in der Scheune deponiert. Die Spinnweben hatten von ihm längst Besitz ergriffen. Kurz abgestaubt, dann zum Hintereingang. Die Tür knarrte beim Öffnen.
Notiz: Etwas dagegen tun, wenn jetzt öfter Besuch kommen sollte. Vor dem Briefschlitz bildetet sich ein Berg, teils unnützes Papier. Rechnungen, Mahnungen, Postwurfsendungen an Herrn Kapellmeister, der Gemeindebrief, der Gasableser wollte gekommen sein, et cetera. Wie lang war ich eigentlich fort gewesen?
Etwas roch ziemlich unangenehm. Mir erschloss sich noch nicht, was das sein könnte. Annemarie bemerkte es auch und rümpfte die Nase. Na wunderbar. Der erste Eindruck war entscheidend, hieß es und ich hauste offenbar in einer Kloake.
»Was ist das bloß, Amos? Hast du etwa Leichen im Keller?«
»Aber nein, ich weiß auch nicht«, antwortete ich gedehnt und schaute mich suchend um. Mein Blick blieb am Goldfischglas kleben.
»Ach du Scheiße! Kevin!«
Annemarie schaute erst entsetzt, zog eine Grimasse und begann lauthals zu lachen, so dass sie sich den Bauch halten musste.
»Du hast, entschuldige - hattest, einen Goldfisch namens Kevin? Du wills mich verkackeiern, oder?«
»Nein«, ich schüttelte den Kopf. Ich fand das gar nicht zum Lachen. »Einen Moment, das haben wir gleich. Du kannst schon mal das Küchenfenster öffnen, wenn es dir nichts ausmacht.« Ich trat an das Tischchen heran, wo mein Mitbewohner klaglos sein Leben gefristet hatte, bis ich ihn dort vergessen hatte, nahm behutsam das runde Glas und trug es mit angehaltenem Atem nach draußen. Tut mir wirklich leid, alter Kumpel. Ich kümmere mich später um dich.
Dann setzte ich meinem Gast und mir einen Kessel Wasser für Tee auf, bestaunt von Annemaries wie das achte Weltwunder. Während ich Tassen aus dem Schrank kramte, hatte sie andere Pläne mit mir.
»Das Schlafzimmer ist oben? Komm mit.«
»Der Tee braucht noch ein paar Minuten«, antwortete ich verlegen.
»Der Tee kann warten.«
»Ich würde dich ja die Treppe rauftragen, aber wie du siehst, wäre das keine tolle Idee«, und deutete auf meinen lädierten Körper.
»Ja, ich weiß. Schade, ich wollte gern von der lebenden Legende kosten.«
»Legende? Was meinst du nur?«
»Ach nichts, war nur so daher gesagt. Du solltest dich nichtsdestotrotz ausruhen.«
Wie, ausruhen? Ich dachte, ...
»Klingt verlockend. Sollte ich tun. Na, dann komm, ich zeig dir alles.« Ihren geilen Körper könnte ich morgen ja noch in aller Ruhe bestaunen.
Wir betteten uns schicklich in meinem 1,40m Futonbett aus den frühen 80er Jahren, in dem noch nie zuvor ein weibliches Wesen eine komplette Nacht verbracht hatte, wie ich zu meiner Schande gestehen musste.
Sie träumte, begleitet von wilden Bewegungen und endete in einem bitterlichen Weinen, dermaßen herzzerreißend, dass ich meine eigenen Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.
Kapitel Acht
Daheim
Die Sonne durchflutete die Schlafkammer im Dachgeschoss. Frisch geschnittene Blumen sandten ihren Duft von der Nachtkonsole direkt in mein Riechorgan. Annemarie servierte Kaffee, Omelett und Brötchen auf einem Tablett. Ein Kuss von ihr verdrehte meine Sinne. Ihre eiskalte Hand wärmte sie unverblümt an meinen Lenden, schwang sich auf meine Oberschenkel und fütterte mich mit Brötchen, dem Saft ihrer Leidenschaft und heißem Kaffee. Die Dame verschwendete keine Zeit, holte sich was und wann sie es wollte. Sie war in ihrem Element. Ein Multitalent in jeder Hinsicht, wie ich geknickt feststellen musste; noch während des Verwöhnens kontaktierte sie Audrette.
Ich war gesättigt, wir begaben uns in die Küche, sie lümmelte sich in meinen Lieblingssessel, mit dem Handy am Ohr und berichtete, was vorgefallen war. In einem Nebensatz ließ sie verlauten, dass die Amerikanerin genügend Lust übrig lassen solle. Wo war ich da reingeraten?
Ich betrachtete Annemarie aus dem Eingangsbereich der Bibliothek, meinem bevorzugten Raum, denn hier war noch alles, wie ich es aus meiner Kindheit kannte. Sie erschrak, als sie feststellte, dass ich ihr zugeschaut hatte, während sie sich genüsslich über ihre erogenen Zonen hergemacht hatte. Die Verabschiedung endete mit den Worten:
»Küsschen, meine Teure«. Ihre Augen strahlten vor Verliebtheit. Die verbitterte Frau von einst gehörte der Vergangenheit an.
Auf meinem Schreibtisch fand ich ein dickes Paket mit dem Stempel vom Verlag Kniebrecht. Merkwürdig. Dort hatte ich mein Gespräch gehabt, vor scheinbar unendlich langer Zeit. Danach herrschte Funkstille, obwohl meine Frist eindeutig verstrichen war. Annemarie suchte die Flucht nach vorne, schmiegte sich an mich, weinte leise. Dann umklammerte sie mich kraftvoll, doch ich riss den Karton auf und hielt mein Manuskript in den Händen, abgestempelt von Audrette Miller.
Schwerenot. Ein Polit-Thriller. Geschrieben von Amos Cappelmeyer.
Sakrament! Das soll mein Skript sein. Wie ist das möglich? Was wurde hier gespielt? Langsam kam ich da nicht mehr mit. Die Welt dreht sich auch ohne mich weiter, das leuchtete mir ein. Ich wandte mich zu Annemarie, fixierte ihre Augen.
»Weißt du etwas darüber? Du arbeitest doch in diesem Verbrecherladen. Sag mir die Wahrheit.«
»Nein! Wieso, das ist doch dein Buch. Du hast es eingereicht, kurz bevor die Frist ...« In diesem Augenblick zertrümmerte die Fensterscheibe in abertausend winzige Splitter, eine Kugel durchschlug die Bibliothekenwand knapp neben unseren Köpfen. Annemarie schrie. Ein Scheppern ertönte, das mich schaudern ließ.
»Oh weh, nicht die Uhr!« Die Wanduhr, eine Erinnerung aus vergangen Tagen - zerstört. Sie hing dort seit der Hochzeit meiner Großeltern, gleich neben dem Porträt von Honecker. Annemarie sah mit ernster Mine zu, wie ich vor den Trümmern kniete, warf nur einen kurzen Blick auf das Opfer und griff nach meiner Hand.
»Vergiss das alte Ding und komm mit, du Spinner!« Wir stahlen uns durch die Hintertür. »Wo kommen wir hier hin? Draußen läuft ein Schütze herum, der eindeutig einen Schalldämpfer benutzt hat. Ich weiß nicht, wo der Drecksack jetzt steckt! Das Übelste ist, ich konnte ihn als einen von Audrettes Leuten aus Dresden identifizieren.«
Audrette würde nicht begeistert sein. Ein Verräter in eigenen Reihen machte sich nicht gut.
»Is` nich` wahr. Ich weiß, wo wir hinkönnen. Hat mit Wasser zu tun.«
Wieder mal mit nichts auf der Haut stürmten wir in Richtung des Natursees, den mein Opa zu DDR-Zeiten für uns hatte anlegen lassen, als ich noch ein kleiner Steppke war. Der Steg führte ganze zwanzig Meter auf den See hinaus. Wir schauten uns einvernehmlich an. Und los! Entschlossen sprang ich in das kalte Nass. Mein Herz protestierte, Blut pumpte durch den Körper. Annemarie vollführte einen Köpper, ohne eine Mine zu verziehen. Eine Frau nach meinem Geschmack. Der See hatte eine Länge von einhundertfünfzig, eine Breite von achtzig und eine Tiefe von maximal zehn Metern. Das Wasser war um diese Jahreszeit glasklar und definitiv nicht zum Schwimmen gedacht. Annemarie tauchte auf den Grund, um mich an den Füßen hinunter zuziehen. Es war ein Spaß für sie, sie bewegte ihre Lippen und formte einen Satz, den einjeder gern hört:
»Ich liebe dich, Amos.« Ihre Augen zeigten Verlegenheit, Beschämung, zugleich wusste ich, dass sie die Affäre mit Audrette nie beenden würde. Dafür war ich viel zu lange solo und akzeptierte, obwohl ich diese Aussage für voreilig hielt. Liebe ... Was ist das? Ein Wort, das ich bisher noch nie vernommen hatte. Bloß meine Oma hatte manchmal »Hab dich lieb, mein kleiner Bubbele«, gesagt. Aber genug davon ...
Ich tauchte voran und präsentierte meinen geheimen Unterschlupf unter Wasser, aus Kindertagen. An diesem Ort könnte man es gut und gerne ein paar Stunden aushalten – bei entsprechend wärmeren Temperaturen. Ein kleiner Einstieg verhalf in jenen Hohlraum, der zwei mal zwei Meter und eineinhalb hoch war. Eine schmale, grobgezimmerte Holzbank erstreckte sich an der Wand als gesamter Komfort und war eher für Halbwüchsige ausgelegt. Ein Rohr für die Luftzufuhr endete in einer wilden Wiese.
»Das ist der Wahnsinn, Amos! Weißt du, wie viele Kinder dich darum beneiden würden? Ich wäre selbst eins davon.« Annemarie zeigte sich von meinem Kindheitsversteck beeindruckt. Viele Stunden hatte ich allein oder mit meinem Cousin hier verbracht, solange bis sich unsere Wege trennten. Danach war es nur meine Höhle gewesen.
Menschen konnten Arschlöcher sein, aber wem erzähle ich das.
Eigentlich wäre es Zeit, meine Bibliothek aufzusuchen, nur Annemarie verspürte den Wunsch nach einer Entschuldigung für die Umstände im Verlagshaus Kniebrecht.
Es gab Personen, denen konnte ich schnell vergeben.
»Ist doch längst alles Vergessen. War nicht dein Fehler.«
Gemeinsam tauchten wir zurück bis unter den Steg. Ich legte meinen Zeigefinger an die Lippen und spähte aus dem Wasser. Nichts, außer dem Heulen des Windes war zu vernehmen, wie es sein sollte. »Die Luft ist rein.« Ich klang in meinen eigenen Ohren beinahe paranoid. Wir erklommen mit blau angelaufenen Lippen zitternd die Leiter. Wollte mich geradewegs in die Höhe stemmen, da bohrte sich ein harter Gegenstand in meine Schläfe und ich erstarrte in der Bewegung.
»Jetzt hat dein letztes Stündlein geschlagen, Schweinebacke!« Mein eingefrorenes Grinsen schlug unvermittelt in lautes Gelächter um.
»Audrette, ich bin heilfroh, dich zu sehen!« Sie küsste mich vor den Augen der Konkurrenz. Ihre Zunge spielte mit der meinen, trieb mich binnen Sekunden in den Wahnsinn. Sie machte sich einen Spaß daraus, die andere zu provozieren. Dann überließ Audrette Annemarie ihre Jacke, umarmte sie, wie eine Freundin.
»Schön, dass ihr okay seid. Und jetzt husch, husch ins Warme!«
»Gut, das du da bist. Es ist wieder etwas passiert,« stotterte Annemarie.
»Ich habe das kaputte Fenster gesehen.« Ich stapfte fröstelnd ins Haus, eine warme Dusche sollte mich retten. Das heiße Wasser sorgte für das tausend Stecknadelgefühl. Alles fühlte sich taub an und wie überraschend, zwei weiche Hände seiften mich ab. Nun kehrte auch das Leben in meine Weichteile zurück. Mein erstauntes Gesicht hatte sein eigenes Gesetz, es entglitt. Zu meiner Verwunderung war es Annemarie, die alles daran setzte, damit das Verwöhnen den gewünschten Erfolg erzielte. Emotionen die Himmel und Hölle auf den Plan riefen. Ich stemmte meine Hände gegen die Fliesenwand und genoss in vollen Zügen.
Unerwartet komplettierte Audrette das Gespann. Beklemmung trieb mich fluchtartig aus der Duschkabine. Dafür war unser Ostalgie Badezimmer nicht konzipiert worden. Das Wasser trat schon über den Rand des Beckens und bildete kleine Pfützen auf den Fließen. Ich hatte für mich beschlossen, wortlos den Rückzug anzutreten, doch Audrette war hier wieder äußerst bestimmend.
»Nein, bleib noch, Amos.« Sie küsste Annemarie. »Ich muss euch etwas sagen. Es ist wichtig.« Sie ergriff meine Hand und senkte den Blick. »Bitte.«
Na fein. Ich blieb. Doch auf das, was jetzt kam, war ich nicht ansatzweise vorbereitet. Sie berichtete unter Tränen, dass sie noch maximal achtzehn Monate zu Leben habe. So präzise könne man das nicht sagen. Diagnose Krebs, unheilbar, da das Gehirn betroffen war. Die kollektive Umarmung war gar nicht meins, doch einen Tumor zu haben, war eine andere Liga. Es dämmerte mir, wenn auch langsam: Sie hatte Annemarie zur Stellvertreterin erkoren. Meine Gedanken hatte ich nicht mehr im Griff, aber nach einer solchen Nachricht kein Wunder. Mit einem dicken Kloß im Hals überließ ich den beiden bereitwillig meine Dusche und ihren Gefühlen. Was konnte ich hier ausrichten? Frauen unter sich war hier die bessere Wahl.
Was für ein Tag. Ich setzte Tee auf. In karierte Boxershorts gehüllt kehrte ich zurück ins Bad. Beide Frauen weinten herzerweichend. Ein Anblick, bei dem es schwerfiel, nicht gleich mit zu heulen. In Annemaries Blick spürte ich eine tiefe Verbundenheit zu mir, ihr in dieser Stunde einen Kuss zu geben, traute ich mich nicht. Ich nickte ihr zu. Meine Bitte, zu Tee zuschreiten, wurde gern angenommen. In meiner Küche, die ausgestattet war wie zu Omas Zeiten, saß ich im alten Ohrensessel meines Opas, grübelte über die missliche Situation nach. Zwei synchrone Küsse auf beide Wangen sollten die Traurigkeit hinfort jagen. Tatsächlich schafften sie es, mich aus meinen trüben Gedanken zu befreien. Annemarie goss Tee ein und setzte sich auf die eine, Audrette auf die andere Lehne. Ihr Evakostüm war gewollt und noch immer konnte ich mein Glück nicht fassen, fragte mich ständig: Wieso ich?
Wir nippten an den Tassen.
»Das tut so gut«, meinte Audrette. »Danke, Amos.«
»Ist doch nur Tee«, wiegelte ich ab. Mein Gespür warnte mich, dass die Frauen etwas im Schilde führten. Dazu war ich aber nicht der Richtige, denn Sex zu dritt erschien mir frivol. Annemarie spielte mit ihren Füßen provozierend an meinen Genitalien, Audrette küsste mich. Die körperlichen Auswirkungen kann sich jeder ausmalen und mein mentales Chaos war nicht mehr zu toppen. Gerne würde ich meine Initialen in die Steintafel meisseln. Damit, dass beide hemmungslos genommen werden wollten, hatte ich mich abgefunden. - Ginge das auch nacheinander?
Gepolter hinter dem Haus rief Audrette auf den Plan, sie zückte ihre Waffe und stürmte nach draußen, wie ein geölter Blitz. Dabei stellte sich die Frage, ob sie nackt war, nicht. Wer sich mit Frau Miller anlegte, der hatte prinzipiell schlechte Karten.
Annemarie nutzte die Gunst der Stunde, um ihre Gefühle zu mir zu beichten.
»Ist schon gut, du musst dich nicht erklären.« Ein Kuss meinerseits verdeutlichte, wie ich für sie empfand. Sie presste mich fest an sich und fest hieß fest bei ihren trainierten Armen.
»Amos, wenn du mit mir zusammen bist, brauchst du dir um Geld keine Sorgen mehr zu machen. Nie wieder, hörst du?«
»Ja, na klar.« Meinte, sie hätte mehr als genug für drei Leben. Beruhigend, aber mir ging es nicht um Knete, sondern ums Schreiben. Prompt hatte es mich wieder gepackt, dieses verdammt miese Gefühl mit einem Verlagshaus wie Kniebrecht so einen Deal eingegangen zu sein. Aber Hand auf Herz, wer hätte da widerstehen können?
Audrette stürzte abgehetzt in die Küche, beugte sich vornüber, keuchte besorgniserregend. Sofort waren wir bei ihr.
»Was hast du? Alles okay mit dir?«
»Ja doch. Der war bestimmt zwei Meter groß«, berichtete sie schwer atmend. »Hat versucht, ins Haus einzudringen, völlig unprofessionell, aber zu fassen war er trotzdem nicht. Konnte rennen wie ein Windhund. Keine Chance. Amos, was hast du an Werkzeug? Und an Baumaterial?«
»Eigentlich ist alles da. Im Schuppen hinter dem Haus findest du ein ganzes Arsenal.«
»Wir brauchen Hämmer und Nägel, Holz, Klebeband. Dieses Haus muss sicherer werden! Ich rufe mein Team her.« Während Audrette telefonierte, streichelte ich ihren Rücken und hängte ihr eine Decke um. »Die treffen bald ein. Mach dich auf ein paar hungrige Mäuler gefasst, Amos. Du wirst sie mögen«, setzte Audrette nach, als sie meine irritierten Blicke sah. »Es sind alles Ex.«
»Ach so. Na dann.« Auf so viel Besuch war ich nicht eingestellt. Ich bereitete eine große Kanne Bohnenkaffee zu, raffte sämtliche Tassen zusammen, die ich finden konnte. Bei der Gelegenheit notierte ich mir im Hinterkopf, dringend einkaufen zu gehen. In den Schränken herrschte quasi gähnende Leere. Auch Milch für den Kaffee gab es nicht, da ich persönlich keinen Bedarf daran hatte. Aus der hintersten Ecke eines Hängeschrankes fischte ich einen Behälter mit Kaffeeweißer, von dessen Existenz ich gar nicht wusste.
Die Damen verkrümelten sich ins Schlafzimmer, unterdessen staubte ich eine alte Keksschachtel aus der Vorratskammer ab. Da die Tür nur anlehnte, konnte oder musste ich ihren Stimmen lauschen. Audrette erkundigte sich, wie es mit Annemarie und mir lief.
»Jetzt sag, seid ihr euch schon näher gekommen?«
»Eine Dame genießt und schweigt.«
»So gut, wie?«
»Wenn du es unbedingt genau wissen willst, ...« Zögerlich berichtete Annemarie von tiefen Gefühlen und Schmetterlingen im Bauch, dann brach sie vor Scham in Tränen aus.
»Kein Grund zu heulen.« Audrette wünschte sich, dass Annemarie erkannte, was Zuneigung ist, sie festhält, wenn sie gefunden war, und spendete Trost. Ich stahl mich davon, bevor die Szene in einem aufregenden Liebesspiel ausuferte, setzte mich in den abgewetzten Sessel vor den Volksempfänger. Nach einer Weile tapste Annemarie barfuß herein. Ihr gesenktes Haupt verbarg die Beschämung, sie kniete vor mir, legte ihren Kopf auf meine Beine und brach in ein herzzerreißendes Schluchzen aus.
»Das ist furchtbar ungerecht!«
»Ja, das ist das Leben, mein Herz.«
»Amos, ich liebe dich. Also das, was ich für Liebe halte. Glaub mir, mit den willkürlichen Sexabenteuern ist jetzt Schluss, ein für alle Mal! Ich schwöre.« Ich streichelte ihren Kopf, küsste ihren Nacken, teilte ihren Schmerz. Einzig bei einer Sache war ich mir nicht sicher; ob sie bei dem Argument Audrette ihr Versprechen halten könnte.
Die Geräusche von schwerer Arbeit drangen ins Haus, Hämmern, Sägen und alles, was dazugehörte. Ich fühlte mich ständig von unzähligen Augen beobachtet, doch das Hier und jetzt war bedeutend, zu wichtig. Wenn ich die Lider schloss, sah ich mich zwischen meinen beiden Prinzessinnen ruhen. Da pochte es am Küchenfenster und riss mich aus meinen Phantasien. Ein unbekanntes Gesicht klebte an der Scheibe, hielt eine leere Tasse in die Höhe und deutete auf das Gefäß. Ich nickte nur. Wer hatte behauptet, ich sei ein perfekter Gastgeber? Schnell zauberte ich zwei Liter Kaffee-Nachschub, dann trug ich endlich meine Angebetete ins Schlafzimmer und bettete sie sanft.
Ich quetschte mich mittig zwischen die Frauen, beide hatten das Bedürfnis sich eng mich zu schmiegen. Audrette umgab eine Zufriedenheit, die mir gehörige Angst einjagte. Das Geständnis hatte mich umgehauen. Annemarie war eine taffe Frau, nicht die alte Jungfer, die ich in ihr gesehen hatte, schön und klug und wollte streng genommen nur die wahre Liebe. Meine Gedanken pochten, Audrette schlief zuerst ein. Ihr Gesundheitszustand beschämte mich. Ausgerechnet sie, die starke Agentin mit dem klaren Ziel vor Augen, diejenigen zur Strecke zu bringen, die keine Skrupel kannten, andere Menschen um ihr Hab und Gut zu bringen, führte einen aussichtslosen Kampf. Annemarie schlummerte nun tief und fest, wohingegen Audrette sich erotisch verdrehte und ihre Rehkitzaugen aufschlug. Ihre Silhouette entsprang einem Bilderbuch.
»Du bist da, Amos. Das ist schön.« Ihre Hände suchten die meinen. Zu wissen, dass sie sterben würde ... Ich fühlte ihre zerbrechliche Seele. Ihre unbändige Kraft, mich beschützen zu wollen, verwandelte sie schon jetzt in einen Engel. Doch sie stand aus dem Bett auf, zog sich an, das hübsche Gesicht erstarrt zu einer Maske, als kenne sie den Ausgang dieser Mär nur zu gut. Ein letztes Mal drehte sie sich zu mir um, dann war sie fort. Es zeriss mich.
»Amos?« Annemarie, die mein leises Winseln vernommen haben musste, umklammerte mich fest und presste die Verzweiflungsschreie aus mir heraus. Ich brauchte etwas, das mich unmittelbar in die Ohnmacht beförderte. In die Dunkelheit. Wollte nichts hören oder sehen. Ich bettelte, möge wenigstens eine Liebe, die ich fand, überdauern.
Sollten ruhig alle Engel im Himmel mein Flehen hören, trug ich doch so viel Leidenschaft in mir. Annemarie schwor heulend, mich nie, unter gar keinen Umständen, zu verlassen. Sie quetschte den Schmerz aus meiner Seele.
Völlig entkräftet schlief ich auf ihr ein.
Kapitel Neun
Serienkiller
Gleißendes Sonnenlicht bohrte sich durch unsere Lider wie ein Schweißbrenner, weckte uns. Meine zum Bersten gefüllte Blase drängte mich zur Toilette. Auf dem Weg stellte ich aus Gewohnheit das Radio an. »... Zusammenstoß mit einem schweren Baufahrzeug ist nun erwiesen, dass es sich um eine Verkettung unglücklicher Umstände handelt.« Der Rundfunksprecher verlas monoton die 9 Uhr Nachrichten. Immer das Gleiche, doch dann schreckte mich eine Eilmeldung auf:
»Grausiger Fund. Anwohner der Straße der Freundschaft entdeckten heute Morgen eine verstümmelte Hand, die aus dem frischen Asphalt ragte. Makaber: Der halbabgetrennte Zeigefinger ist mit Paketband zu einem Kreuz gebunden worden und deutet Richtung Osten.«
Rief ich mir den Atlas ins Gedächtnis, bedeutete Osten grob und mit viel Fantasie Richtung sächsische Schweiz. Die ermittelnden Behörden standen vor einem Rätsel. Konnte ich mir vorstellen. Ich war unfähig, mich zu rühren. Annemarie hatte mich so noch nie gesehen, doch alleine ihre magische Kraft hievte mich vom Klo. Nie im Leben hatte ich derart heftige Angst verspürt. Oder?
»Amos, was ist nur los mit dir? Du benimmst dich echt merkwürdig.« Am Frühstückstisch berichtete ich von meiner Begegnung mit dem Straßenbauarbeiter Gunar in Wien, der mit Teerarbeiten beauftragt war. »Ein Bauarbeiter in Österreich, eine Frauenleiche. Mmh, mit einer Portion Einbildungskraft lässt sich da eine winzigkleine Ähnlichkeit ausmachen. Kann aber genauso purer Zufall sein. - Gunar, sagtest du?«, dabei vermeinte ich ein Aufflackern in ihren Augen zu erkennen. »Merkwürdiger Name.« Nur mit Mühe süppelte ich den liebevoll zubereiteten Tee. Ich sollte mich eigentlich pudelwohl fühlen, so verwöhnt zu werden. Erst jetzt entdeckte ich auf dem Sessel zwei pralle Rucksäcke.
»Hey, was hast du mit mir vor?«
»Ich? Aber ich hatte angenommen, dass du ...«
»Nein, aber sieh mal hier.« Ein kleiner Zettel mit einem Kussmund. Eindeutig Audrettes Werk.
»Was schreibt sie denn?«
»Bitte, egal wo ihr hingeht, nehmt die Rucksäcke mit! Sie können euch das Leben retten. In liebe Audrette.« Ich zuckte die Schultern. »Scheinbar wieder eine Vorahnung von ihr.« Dann überschlugen sich die Geschehnisse im Radio.
»Wir unterbrechen die Sendung für eine aktuelle Meldung: ... Nur wenige Stunden nach Entdeckung von einasphaltierten Körperteilen in Sachsen, nun ein neuer erschreckender Vorfall. Wir schalten live in das Elbsandsteingebirge zu unserem Reporter Klaus Wieda.« Der Berichterstatter meldete sich zu Wort. Ich horchte wie gebannt auf seine Beschreibung.
Eine junge, bislang unidentifizierte Frau, hing hilflos kopfüber an einem der metallenen Stege, die von einem Felsvorsprung zum nächsten führten. Unter ihr der klaffende Abgrund. Dass sie sich nicht selbst in diese Lage gebracht hatte, war selbstredend. Sie trug als einziges Kleidungsstück Skistiefel. Offenbar waren diese modifiziert, also mit einem automatischen Öffnungssystem versehen, das per Fernsteuerung funktionierte.
»Ja, in der Tat. Wir haben die Bestätigung. Sie atmet!« Der Reporter beschrieb detailliert die Verzweiflung in ihrem Gesicht.
»Wie grausam ist das denn?«, warf Annemarie ein.
Aufgeregt schaltete ich einen Nachrichtensender im TV ein, wollte es mit eigenen Augen sehen. Hubschrauber kreisten über unwegsamen Gebiet, übertrugen live ...
Annemarie klammerte sich an mich, teilte mit mir das mulmige Gefühl in der Magengrube. Tränen kullerten von ihrer Wange. »Ich habe noch nie etwas Abartigeres gesehen«, flüsterte sie. Meine Arme suchten ihren Körper schutzspendend, der zitterte aus Sorge um die Geliebte Audrette. Unsere Blicke trafen sich, da geschah es, ein ganzes Universum hätte nicht grandioser sein können. Ein innerliches Beben bescherte mir weiche Knie. Dann folgte das Unweigerliche, der erste phantastische Kuss. Als hätten alle himmlischen Wächter einen Chor arrangiert. Weder Zeit noch Raum spielte eine Rolle, nichts existierte außer uns zwei. Ihr Geschmack, Lippen, die sich suchten und das Fest der Liebe feierten. Eine Explosion, die ungeahnte Leidenschaft nach sich zog.
Doch nicht jetzt!
Die Nachrichten holten uns in die Realität zurück. Wie hypnotisiert starrten wir auf den Bildschirm, wo in dieser Sekunde die neusten Bilder aus der sächsischen Schweiz eingespielt wurden. Die Frau musste halb erfroren sein, war kahl rasiert. Der Himmel wirkte bedrohlich grau, dicke Wolken hingen tief über der Felsformation. Die Luftretter hatten allergrößte Mühe sie zu bergen, heftige Böen erschwerten das Unterfangen.
»Sie ist es nicht. Gott sei dank!«, flüsterte Annemarie erleichtert - was die Angelegenheit kaum weniger grausam machte. Die Panik stand dem Opfer ins Gesicht gemeißelt. In der Sekunde, als man die erste Fangleine um ihr Bein geschlungen hatte, sprang die Entriegelung der Skistiefel auf. Wir hielten die Luft an. Eine Schrecksekunde, das Gewicht der Frau spannte das Seil, aber sie konnte nicht abstürzen. Der Schmerz in meinem Bein, verursacht durch die Fingernägel Annemaries, ließ mich mitleiden.
Sie war zwar frei, doch die Gefahr lange nicht gebannt. Die ungünstige Wetterlage barg das größte Risiko, auch für die Retter. Vor dem Fernseher fieberten wir mit. Heftiger Seitenwind erfasste den Helikopter der Luftretter, die Rettungsleine fungierte als eine Art Pendel. Der behelmte Helfer sowie die schutzlose Frau wurden mit voller Wucht gegen die raue Felswand geschleudert. Annemarie quiekte auf. Der Schädel der Frau wurde zerschmettert, Gehirnmasse rutschte wie in Zeitlupe aus der Schädelschale. Beide baumelten reglos in den Seilen, wie Crashtest-Dummies.
»Landen! Sofort runter!«, hörte man eine Männerstimme über Funk, dann riss die Liv-Übertragung ab. Werbung wurde eingeblendet. »Waschmaschinen leben länger mit ...«
»Oh weh!« Ich drückte den Ausknopf. Mein Bein war taub, blutunterlaufen und Annemarie schrie und heulte wie ein verängstigtes Kind.
So hatte ich mir den Morgen nicht vorgestellt. Ich setzte mich in den Sessel, nahm sie auf den Schoß. In meinen Armen verkrochen, unter einer warmen Decke, schlief sie ein, was eher meinen Vorstellungen entspräche, wenn die Umstände andere wären. Ich dachte an Audrette, die sich bedingungslos für mich, einen unbedeutenden Schriftsteller, einsetzte. Liebte ich sie doch und wäre an meine Grenzen gegangen, um sie für unser restliches gemeinsames Leben begleiten zu dürfen, egal was kommen mochte.
In meiner Bewegung eingeschränkt und weil mir langweilig war, ließ ich die Augen über jedes Detail im Raum schweifen und entdeckte neben Staubmäusen und Spinnenweben, einen weiteren kleinen Zettel im Schlüsselloch der Tür zur Wohnstube. Irritiert, denn gestern verstopfte dort noch nichts das Schlüsselloch, dessen war ich mir sicher, wollte ich aufspringen. Annemarie rekelte sich, bedankte sich für die Zuneigung und stand auf. Endlich. Meine Neugier brannte. Ich erhob mich und humpelte zur Wohnzimmertür, spähte intensiv nach diesem Zettel. Es war eine winzige Rolle, am überstehenden Ende zerfranst. Mit den Fingerspitzen prokelte ich es vorsichtig heraus, um das fragile Papier nicht zu zerreißen, dabei schwebten Staubkörner zu Boden. Wie eine Schatzsuche. Meine Halsschlagader puckerte. Ich plante den Brief unter die Lupe nehmen, doch ein schriller Aufschrei Annemaries bedeutet Gefahr in Verzug.
»Was ist denn nun wieder?« Dann sah ich es selbst. Erst war ich wie erstarrt. Gunar stand in meiner Küche. Der Straßenbauarbeiter. Und dieses Schwein trug sein typisch ekeliges Grinsen in der Visage. »Wenn man vom Teufel spricht!« Ich zerknüllte die Notiz, ließ sie unauffällig zu Boden fallen. Doch der selbstgefällige Gunar hatte die Rechnung ohne Fräulein Annemarie gemacht. Jeder halbwegs Gescheite wusste, Frauen, die wahrlich liebten, waren nicht zu unterschätzen. Sie näherte sich von hinten, lautlos wie ein Tiger. Da erklang auch schon der Gong. Die gusseiserne Pfanne aus Großmutters Zeiten machte nicht nur leckere Bratkartoffeln, sondern auch dumpfe Töne, das probate Mittel zur Abwehr unerbetener Gäste. Noch nie hatte ich mir über eine Niederlage innerlich so die Hände gerieben. Annemarie stand mit der Pfanne in der Hand da, wie ein Baseballspieler und starrte auf ihre erlegte Beute, bereit für einen Nachschlag.
»Gut gemacht! – Wenn ich vorstellen darf: Das ist Gunar. Pass kurz auf ihn auf.« Rasch holte ich Kabelbinder, fesselte seine Arme und Beine, schleifte ihn am Kragen in die Scheune, wie einen nassen Sack Weizen. Verdammt schwer der Kerl. Ich kam heftig ins Schwitzen. Treppenstufe, Schotterweg, Natursteinpflaster. Lehmboden gleich Scheune. Gunar stöhnte, als er langsam zu sich kam, zerrte an seinen Fesseln. Der Kabelbinder hielt. In der Scheune wollte ich ihn am liebsten in einer Ecke versauern lassen. Sollte er doch verrotten. Wer würde den vermissen?
Der Eindringling schaffte es, ein paar Worte hervorzupressen:
»Grüß Annemarie von mir. Ich hasse sie, die alte Schlampe.«
»Danke, sehr nett. Das werde ich gewiss nicht ausrichten. - Ein nettes Leben noch, du Drecksack!«
»Amos, sei nicht so überheblich. Wir beide sind uns ähnlicher als du denkst.«
»Wie du meinst. Lebwohl und auf nimmer Wiedersehen.« Ich hörte ihn lachen, als ich die Scheune verließ. Annemarie telefonierte wegen unseres ungebetenen Besuchers und meinte zu mir:
»Er wird in einer halben Stunde abgeholt.« Ich brummelte nur. Von mir aus sollte er vergammeln, schlug daher vor:
»Wir könnten ihn in der Güllegrube versenken.«
»Amos, was ist nur in dich gefahren? Du bist ja regelrecht besessen.«
»Du siehst doch, dass ich recht hatte mit dem Kerl. Der hat nicht mehr alle Latten am Zaun. – Danke übrigens. Besser hätte ich das auch nicht hinbekommen.« Ich hatte für mich festgemacht, die Frauenmorde gingen auf Gunars Konto, er entsprach genau dem von mir konstruierten Profil. Mein Gehirn rekapitulierte alle Szenen, die ich mit dem gebildeten Lackaffen direkt oder indirekt durchlebt hatte. Seine letzten Worte allerdings nagten an mir, doch ich behielt sie für mich. Wenigstens bis ich wusste, was damit gemeint war.
»Los zieh dich an. Ich habe dir was rausgelegt. War gar nicht leicht, was halbwegs Anständiges zu finden.«
»Ach, jetzt hör aber auf. Mein Schrank ist voll.« Annemarie lachte kurz auf. Über das Thema Mode sollten wir dringend noch einmal sprechen, davon würde sie Augenkrebs bekommen. Die Ära der freien Entscheidung schien endgültig der Vergangenheit anzugehören. Vielleicht auch gut so, meine Klamotten waren allesamt nicht mehr taufrisch. Als ein Großteil der Sachen in Kambodscha genäht wurde, war noch der Kanzler an der Macht, der die Einheit des geteilten Deutschland für sich alleine verbuchen wollte. Das Nötigste, wie Unterhosen und Socken, besorgte ich in Großpackungen einmal im Jahr in der Kaufhalle. Annemaries Jeans hingegen zeichnete ihren Knackarsch genau in meine Augen. Unter der durchscheinenden weißen Bluse schimmerten die Umrisse ihres Busens. Wie gerne ich ihr unbedarft in den Schritt greifen und zeigen würde, wer der Mann im Hause war.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.