Kitabı oku: «Über Sozialismus»
John Stuart Mill
Über Sozialismus

Mill gilt als wichtiger Vertreter liberalen politischen Denkens. Dass sich bei ihm aber auch wesentliche Motive republikanischen, ja sogar sozialistischen Denkens finden, die sich dieser gradlinigen Zuordnung entziehen, wird bislang noch häufig übersehen.
In seiner Schrift „Über Sozialismus“ erweist sich Mill als radikaler Kritiker einer grundlegenden Institution der bürgerlichen Gesellschaft: des Privateigentums. Mill setzt sich in diesem Buch, das unvollendet geblieben ist und erst fünf Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wurde, mit den verschiedenen Varianten der zeitgenössischen Kapitalismuskritik auseinander und stellt die soziale Ungleichheit in den Vordergrund seiner Kritik. Ausführlich schildert Mill die soziaslistischen und kommunistischen Strömungen seiner Zeit und diskutiert deren Reform- und Revolutionspläne. In seiner eigenen Sozialismuskonzeption verbindet Mill Gedanken des genossenschaftlichen Sozialismus mit liberalen Grundrechten.
Aus heutiger Sicht ist der Text von Mill vor allem wegen seiner überzeugenden Kritik am klassischen liberalen Eigentumsverständnis sowie wegen seiner experimentellen Offenheit gegenüber grundlegenden eigentumsrechtlichen Reformvorhaben lesenswert.
„Über Sozialismus“ wurde von Sigmund Freud 1880 mit Sinn für sprachliche Feinheiten und mit einer Portion Sympathie flüssig übersetzt und erscheint erstmals als separate Ausgabe.
Hubertus Buchstein, seit 1998 Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Greifswald. Gastprofessuren in New York und Tampere. Neuere Veröffentlichungen zu: Rechtsextremismus im ländlichen Raum, deutsche Sozialwissenschaftler im Exil nach 1933, Losverfahren in der Demokratie sowie zur Politischen Theorie von John Stuart Mill.
Sandra Seubert, seit 2009 Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Theorie an der Goethe-Universität Frankfurt a. M. 2000/2001 Gastwissenschaftlerin an der New School for Social Research in New York. Neuere Veröffentlichungen zu: Transformationen des Bürgerschaftlichen, Grenzverschiebungen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit sowie zur Politischen Theorie von John Stuart Mill.
John Stuart Mill
Über Sozialismus
In der Übersetzung von Sigmund Freud
Herausgegeben und mit einem Essay
„John Stuart Mill und der Sozialismus“
von Hubertus Buchstein
und Sandra Seubert
CEP Europäische Verlagsanstalt
© ebook-Ausgabe CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2016
Satz: datagrafix, Manila/Philippinen
Covergestaltung: Susanne Schmidt, Leipzig
Signet: Dorothee Wallner nach Caspar Neher »Europa« (1945)
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Übersetzung, Vervielfältigung (auch fotomechanisch), der elektronischen Speicherung auf einem Datenträger oder in einer Datenbank, der körperlichen und unkörperlichen Wiedergabe (auch am Bildschirm, auch auf dem Weg der Datenübertragung) vorbehalten. Alle Rechte, insbesondere das Recht der Übersetzung, Vervielfältigung (auch fotomechanisch), der elektronischen Speicherung auf einem Datenträger oder in einer Datenbank, der körperlichen und unkörperlichen Wiedergabe (auch am Bildschirm, auch auf dem Weg der Datenübertragung) vorbehalten.
ISBN 978-3-86393-534-4
Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im Internet unter www.europaeische-verlagsanstalt.de
Inhalt
Vorbemerkung Helen Taylor
Einleitung
1. Die Einwürfe der Sozialisten gegen die bestehende Gesellschaftsordnung
2. Prüfung der sozialistischen Vorwürfe gegen die gegenwärtige Gesellschaftsordnung
3. Die Schwierigkeiten des Sozialismus
4. Der Begriff des Privateigentums ist kein fester, sondern ein wandelbarer
John Stuart Mill und der Sozialismus Hubertus Buchstein und Sandra Seubert
Personenregister
Stichwortverzeichnis
Vorbemerkung1
Von dem Ausmaß beeindruckt, in welchem – selbst in den vorausgegangenen zwanzig Jahren, in denen die Welt so sehr mit anderen Dingen beschäftigt war – sich die sozialistischen Ideen von spekulativen Denkern unter den Arbeitern aller zivilisierten Länder verbreiten konnten, fasste Mill im Jahr 1869 den Entschluss, ein Buch über den Sozialismus zu verfassen. Da er davon überzeugt war, dass die unabwendbaren Entwicklungstendenzen der modernen Gesellschaft dieses Thema immer weiter nach oben auf die Tagesordnung rücken würden, war es für ihn von immensem praktischem Interesse, diese Ideen einer eingehenden und vorurteilsfreien Prüfung zu unterziehen. Darüber hinaus wollte er der Frage nachgehen, wie diese spekulativen Entwürfe auf die aktuellen Verhältnisse übertragen werden könnten, ohne damit gegenwärtiges Leiden zu verlängern und ohne gleichzeitig unnötige gesellschaftliche Unruhen heraufzubeschwören. Daher plante er eine Arbeit zu verfassen, in der der gesamte Themenkomplex erschöpfend, Punkt für Punkt erörtert werden sollte; und die hier abgedruckten vier Kapitel sind die ersten Entwürfe, die das Fundament des geplanten Werkes bilden sollten. Diese Kapitel wären möglicherweise, wenn ihr Verfasser das komplette Buch geschrieben und – wie es seine Gewohnheit war – danach noch einmal überarbeitet hätte, in einer anderen Reihenfolge erschienen; auch wären sie möglicherweise in verschiedene andere Teile eingebaut worden. Es geschah deshalb nicht ohne Zögern, dass ich dem drängenden Wunsch des Herausgebers dieser Zeitschrift nachgab, diese Kapitel der Welt zugänglich zu machen; aber ich habe der Bitte schließlich deswegen entsprochen, da sie für mich einen großen intrinsischen Wert besitzen und zugleich eine praktische Anwendung im Hinblick auf die Probleme bieten, die heute mit aller Macht in die Öffentlichkeit drängen. Die Kapitel werden, so bin ich überzeugt, die Reputation seines Verfassers in keiner Weise schmälern, sondern vielmehr als ein Beispiel für den geduldigen Fleiß stehen, mit der eine gute Arbeit getan wird.
Januar 1879
Helen Taylor
1 Anm. d. Hg.: Diese ‚Preliminary Notice‘ stellte Helen Taylor, John Stuart Mills Adoptivtochter, als Herausgeberin des posthum veröffentlichten Manuskripts, dem Text als redaktionelle Vorbemerkung der Erstveröffentlichung in der ‚Fortnightly Review‘ voran. Die Übertragung der Vorbemerkung ins Deutsche erfolgte durch die Herausgeber.
Einleitung2
In dem gewaltigen Gemeinwesen jenseits des atlantischen Ozeans, welches das mächtigste Land der Erde nahezu schon ist und in Bälde unzweifelhaft sein wird, herrscht das allgemeine Männer-Stimmrecht. Auf demselben Grunde ruht, seit 1848, das politische Leben Frankreichs und nunmehr auch des deutschen Bundesstaates, wenngleich nicht aller Einzelstaaten Deutschlands. In Großbritannien ist die Ausdehnung des Stimmrechts noch nicht ganz so weit gediehen; aber die letzte Reformakte3 hat für einen großen Teil derjenigen, die von Wochenlohn leben, die Schranken der Verfassung so weit geöffnet, dass sie, sobald und so oft sie als eine vereinte Klasse auftreten und die ihnen eingeräumte Macht für ein gemeinsames Ziel aufzubieten gewillt sind, die Gesetzgebung, wenn auch nicht völlig beherrschen, so doch wesentlich beeinflussen müssen. Gerade Leute dieser Klasse sind es nun, von denen die höheren Stände zu sagen pflegen, dass ihnen am Wohlergehen des Landes nichts gelegen sei, weil sie dabei nichts zu verlieren haben. In Wahrheit haben sie jedoch selbstverständlicherweise dabei am meisten zu verlieren, da ihr tägliches Brot von dem Gedeihen des Landes abhängt. Nur das ist richtig, dass sie durch kein eigenes Sonderinteresse dafür eingenommen – wir dürfen vielleicht sagen, bestochen – sind, für die Erhaltung des Eigentums in seiner gegenwärtigen Gestalt, oder gar für die Erhaltung der Ungleichheiten in der Verteilung des Eigentums einzustehen. Soweit ihre Macht jetzt reicht oder späterhin reichen mag, werden die das Eigentumsverhältnis regelnden Gesetze ihre Stütze in Erwägungen allgemeiner Natur, in dem Urteil über die Zweckdienlichkeit derselben für das allgemeine Beste, nicht in rein persönlichen Beweggründen der herrschenden Klassen zu suchen haben.
Es scheint mir, dass die Bedeutung dieses Umschwungs noch keineswegs vollständig gewürdigt worden ist, weder von denen, welche unsere letzte Verfassungsreform durchgeführt, noch von jenen, welche sich ihr widersetzt haben. Um die Wahrheit zu sagen: der Scharfblick der Engländer für die Tragweite politischer Neuerungen hat sich in letzter Zeit einigermaßen abgestumpft. Sie haben viele Neuerungen mit angesehen, welche, solange sie noch in Aussicht standen, zu großen Erwartungen – guter sowohl als schlimmer Art – Anlass gaben, während der wirkliche Erfolg in dem einen wie in dem anderen Betracht hinter jenen Voraussagungen weit zurück blieb. Dies hat eine Vorstellung von der Art erzeugt, als läge es in der Natur politischer Neuerungen, die an sie geknüpften Erwartungen nicht zu erfüllen, und man ist, ohne sich davon genaue Rechenschaft zu geben, in den Glauben verfallen, dass solche Neuerungen, wenn sie ohne eine gewaltsame Revolution erfolgen, den gewöhnlichen Lauf der Dinge nicht erheblich oder dauernd zu verändern vermögen. Diese Auffassung beruht jedoch auf einer oberflächlichen Beurteilung der Vergangenheit sowohl als der Zukunft. Die mannigfachen Reformen der letzten zwei Generationen sind an schwerwiegenden Folgen mindestens so fruchtbar gewesen, wie man vorhergesagt hatte. Die Voraussagen waren allerdings oft irrig in Bezug auf die Raschheit, mit der diese Erfolge eintraten, und selbst mitunter in Bezug auf deren Natur. Wir belächeln jetzt die eitlen Erwartungen derjenigen, die da meinten, dass die Emanzipation der Katholiken Irland beruhigen oder mit der englischen Herrschaft aussöhnen werde. Als die ersten zehn Jahre nach der Reformakte von 1832 verstrichen waren, hielten wenige mehr die Meinung aufrecht, dass dieselbe alle bedeutenden praktischen Übelstände beseitigen würde, oder dass sie dem allgemeinen Stimmrecht das Tor geöffnet hätte. Aber die weiteren fünfundzwanzig Jahre ihrer Wirksamkeit haben ihren mittelbaren Ergebnissen, welche weit gewichtiger sind als ihre unmittelbaren Folgen, zu einer reichen Entfaltung verholfen. Plötzliche Wirkungen sind im geschichtlichen Leben gewöhnlich von oberflächlicher Art. Ursachen, welche tief in die Wurzeln künftiger Ereignisse eindringen, bringen den bedeutendsten Teil ihrer Wirkung nur allmählich hervor und haben daher Zeit, mit der gewohnten Ordnung der Dinge zu verschmelzen, ehe die allgemeine Aufmerksamkeit sich auf die Veränderungen lenkt, die sie hervorrufen. Daher sind zur Zeit, da die bewirkten Veränderungen klar zu Tage liegen, oberflächliche Beobachter oft nicht mehr im Stande, deren Verknüpfung mit der Ursache zu erkennen. Die entfernteren Folgen einer neuen politischen Tatsache werden selten als solche erkannt und richtig beurteilt, ausgenommen in dem Falle, wenn sie schon vorher ins Auge gefasst worden sind.
Diese rechtzeitige Würdigung wird uns besonders leicht in Betreff der Tragweite der Wandlung, welche die Reformakte von 1867 in unseren Einrichtungen hervorgebracht hat. Der große Machtzuwachs, welchen diese Erweiterung des Wahlrechts den arbeitenden Klassen gewährt hat, ist von dauernder Art; die Umstände, welche dieselben bisher veranlasst haben, von dieser Macht einen sehr beschränkten Gebrauch zu machen, sind ihrer Natur nach nur von zeitweiliger Geltung. Selbst der unaufmerksamste Beobachter muss wissen, dass die arbeitenden Klassen politische Ziele besitzen und voraussichtlich auch besitzen werden, die ihnen in ihrer Eigenschaft als Arbeiter am Herzen liegen, und in Bezug auf welche sie – mit Recht oder Unrecht – glauben, dass die Interessen und Ansichten der anderen mächtigen Klassen den ihren zuwiderlaufen. So sehr sie auch für den Augenblick in der Verfolgung dieser Ziele durch den Mangel einer politischen Organisation, durch innere Zwistigkeiten oder durch den Umstand aufgehalten sein mögen, dass sie bisher ihre Wünsche in keine hinreichend bestimmte praktische Form gekleidet haben, so ist es doch so gewiss, als irgendetwas in politischen Dingen sein kann, dass sie binnen kurzer Zeit Mittel und Wege finden werden, ihre gesamte Macht als Wähler in wirksamer Weise der Förderung ihrer gemeinsamen Ziele dienstbar zu machen. Und wenn sie dies tun, werden sie nicht in der planlosen und unzweckmäßigen Weise vorgehen, wie sie Leute kennzeichnet, die den Mechanismus der Gesetze und der Verfassung nicht zu benützen verstehen; auch werden sie dabei nicht bloß einem rohen nivellierenden Triebe gehorchen. Die Presse, das Vereins- und Versammlungswesen, und die Entsendung einer möglichst großen Anzahl von Männern ins Parlament, welche für die Bestrebungen der arbeitenden Klassen in Pflicht genommen sind, – dies sind die Werkzeuge, derer sie sich bedienen werden. Die politischen Zielpunkte selbst werden durch scharf ausgeprägte politische Doktrinen bestimmt werden; denn die politischen Fragen werden gegenwärtig vom Standpunkt der arbeitenden Klassen aus in wissenschaftlicher Weise behandelt, und Ansichten, welche zu Gunsten der besonderen Interessen dieser Klassen ausgestellt wurden, werden jetzt zu Systemen und Glaubenslehren verarbeitet, welche, mit demselben Rechte wie die Lehren älterer Denker, einen Platz im Bereiche der politischen Philosophie für sich in Anspruch nehmen. Es ist auf das dringendste zu wünschen, dass alle denkenden Menschen sich beizeiten die Frage vorlegen, wie diese volkstümlichen Glaubenssysteme wahrscheinlicherweise beschaffen sein werden, und dass sie auf jeden einzelnen Artikel derselben das Licht der gründlichsten Untersuchung und Erörterung fallen lassen, damit, wenn der rechte Augenblick gekommen ist, alles Richtige an ihnen, wenn möglich, einmütig angenommen, und alles Unrichtige ebenso einmütig verworfen werde, und damit ein feindlicher Zusammenstoß – physischer oder auch nur moralischer Art – zwischen dem Alten und dem Neuen vermieden, und die besten Bestandteile beider zu einem verjüngten Aufbau der Gesellschaft vereinigt werden können. Bei der Langsamkeit, mit welcher sich gewöhnlich solche großen sozialen Wandlungen, die nicht durch physische Gewalt herbeigeführt werden, vollziehen, haben wir noch einen Zeitraum von ungefähr einem Menschenalter vor uns, von dessen gehöriger Verwendung es abhängt, ob die Anpassung der sozialen Einrichtungen an den veränderten Zustand der menschlichen Gesellschaft das Werk weiser Voraussicht oder das Ergebnis des Widerstreites voneinander entgegengesetzten Vorurteilen werden soll. Die Zukunft des Menschengeschlechtes wird ernstlich bedroht sein, wenn man zulässt, dass die Entscheidung so gewaltiger Fragen zwischen der unwissenden Neuerungssucht und dem unwissenden Widerstreben gegen jede Neuerung ausgefochten werde.
Die Untersuchung aber, welche jetzt noch nötig ist, muss bis auf die allerobersten Prinzipien der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung zurückgehen, denn die fundamentalen Lehren, welche früheren Generationen als unbestreitbar galten, werden nunmehr in Zweifel gezogen. Bis auf unser Zeitalter ist die Institution des Eigentums in der Form, wie sie von Alters her auf uns gekommen ist, von Niemandem außer von einigen wenigen spekulativen Denkern ernstlich in Frage gestellt worden; denn die Konflikte der Vergangenheit haben sich zwischen Klassen abgespielt, welchen insgesamt an der Erhaltung der bestehenden Eigentumsordnung gelegen war. Damit ist es nun zu Ende. Wenn Klassen eine Stimme bei der Erörterung haben, welche so viel wie gar kein Eigentum besitzen, und welche an dieser Institution bloß insofern interessiert sind, als sie dem allgemeinen Wohle dient, werden diese niemals zugeben, dass irgendein Prinzip als ausgemacht hingestellt werde, – am wenigsten das des Privateigentums, dessen Rechtmäßigkeit und Ersprießlichkeit von vielen Denkern, die sich auf den Standpunkt der arbeitenden Klassen stellen, bestritten wird. Diese Klassen werden sicherlich verlangen, dass der Gegenstand in allen seinen Teilen neuerdings von Grund auf erörtert werde, dass alle Vorschläge, diese Einrichtung zu beseitigen, und alle in Aussicht genommenen Modifikationen derselben, welche ihrem Interesse günstig zu sein scheinen, die eingehendste Prüfung und Berücksichtigung erfahren, bevor man sich dafür entscheidet, dass es beim Alten sein Bewenden haben müsse.
Soweit England in Betracht kommt, haben die arbeitenden Klassen bis jetzt nur gegen gewisse Außenfestungen des Systems des Privateigentums feindselige Gesinnungen gezeigt. Viele verlangen, dass das unbeschränkte Recht der Vertragsschließung, welches eines der gewöhnlichen Attribute des Privateigentums ist, für alle Fragen aufgehoben werde, die sich auf die Arbeitslöhne beziehen. Die anspruchsvolleren unter ihnen stellen in Abrede, dass der Boden ein geeigneter Gegenstand privater Aneignung sein könne, und haben eine Agitation für die Zurücknahme desselben durch den Staat ins Werk gesetzt. Dazu kommt die Anklage gegen den sogenannten „Wucher“, welche einige der Agitatoren in ihren Kundgebungen erheben, ohne aber irgend genauer zu bestimmen, was sie darunter verstehen; auch scheint dieser Ruf nicht heimischen Ursprungs zu sein, sondern dem kürzlich durch die Arbeiterkongresse und die Internationale mit den Sozialisten des Kontinents angebahnten Verkehr zu entstammen; denn diese erklären sich gegen alle von Geld genommenen Zinsen und bestreiten die Rechtmäßigkeit jedes Einkommens, das in irgendwelcher Form von Eigentum allein, ohne Arbeit, abgeleitet ist. Es sind bis jetzt keine Anzeichen dafür vorhanden, dass diese Lehre in Großbritannien erheblichen Anklang gefunden hätte, aber der Boden ist für die Aufnahme solcher Saat vortrefflich vorbereitet, und diese wird von jenen Ländern her weithin ausgestreut, in denen umfassende allgemeine Theorien und vielverheißende Entwürfe nicht Misstrauen erregen, sondern für die Popularität einer Bewegung unerlässlich sind. Ich denke dabei an Frankreich, Deutschland und die Schweiz, in welchen Ländern eigentumsfeindliche Lehren im weitesten Sinne des Wortes eine beträchtliche Verbreitung in den Kreisen der Arbeiter gefunden haben. Dort nennen sich fast alle diejenigen, welche eine Reform der Gesellschaft zu Gunsten der arbeitenden Klassen anstreben, Sozialisten, eine Bezeichnung, unter welcher Bestrebungen von sehr verschiedener Natur zusammengefasst und zusammengeworfen werden, welche aber doch zum Mindesten die Geneigtheit zu einer Umgestaltung des Privateigentums in sich schließt, die in der Regel einer Abschaffung desselben nahekommt. Und man dürfte wahrscheinlich finden, dass selbst in England die hervorragenderen und eifrigeren Arbeiterführer gewöhnlich im Stillen Sozialisten der einen oder der anderen Färbung sind, obgleich sie ihre praktischen Bemühungen näher liegenden Zielen zuwenden und zufrieden sind, sich mit ihren extremen Theorien so lange zurückzuhalten, bis dieselben Prinzipien in kleinerem Maßstabe erprobt sind; denn sie besitzen, gleich den meisten am öffentlichen Leben teilnehmenden Engländern, ein besseres Verständnis als ihre festländischen Genossen für die Unmöglichkeit, große und dauernde Wandlungen in den fundamentalen Ideen der Menschheit durch einen Handstreich zu bewirken. Solange dies der Charakter der englischen Arbeiter bleibt – wie es der Charakter der Engländer im Allgemeinen ist – steht nicht zu befürchten, dass sie blindlings auf die unbesonnenen Extravaganzen einiger auswärtiger Sozialisten eingehen werden, welche – selbst in der nüchternen Schweiz – öffentlich ihre Geneigtheit aussprechen, mit dem bloßen Umsturz zu beginnen und den darauf folgenden Wiederaufbau sich selbst zu überlassen; und unter Umsturz verstehen sie nicht bloß die Vernichtung jedweder Art von Regierung, sondern desgleichen die Konfiskation allen Eigentums, welches den Händen der Besitzer entzogen und zum allgemeinen Besten verwendet werden soll. In welcher Weise aber dieses zu geschehen habe, darüber, so meinen sie, werde man späterhin eine Entscheidung treffen können.
Es ist eines der merkwürdigsten Zeichen der Zeit, dass man solch einer Lehre in einer öffentlichen Zeitschrift, dem Organ einer Arbeiterverbindung (dem in Neuchâtel erscheinenden Blatt La Solidarité) begegnen kann. Von den Führern der englischen Arbeiter – deren Delegierte auf den Kongressen von Genf und Basel zu dem Quantum von gesundem Menschenverstand, welches daselbst anzutreffen war, weitaus die stärkste Beisteuer geliefert haben – steht es nicht zu erwarten, dass sie vorsätzlich mit der Anarchie beginnen werden, ohne sich eine Meinung darüber gebildet zu haben, welche neue Form der Gesellschaft an die Stelle der alten treten solle. Aber es ist klar, dass wir alle ihre etwaigen Vorschläge nur dann richtig würdigen und die Gründe unseres Urteils nur dann in einer für die Masse des Volkes überzeugenden Weise darlegen können, wenn wir zuvor die beiden gegnerischen Theorien – die des Sozialismus und die des Privateigentums – durchmustert haben, da wir einer von beiden notwendigerweise die Mehrzahl der Prämissen für unsere Untersuchung entnehmen müssen. Bevor wir daher mit Nutzen daran gehen können, diese Reihe von Fragen im Einzelnen zu erörtern, wird es rätlich sein, die allgemeineren Fragen, welche der Sozialismus aufwirft, von Grund auf zu prüfen. Bei dieser Prüfung sollten wir uns von jedem feindseligen Vorurteil fernhalten. Denn als so unwiderleglich auch die Argumente zu Gunsten der Gesetze des Privateigentums denen gelten mögen, in deren Augen sie den doppelten Zauber besitzen, welchen das unvordenkliche Herkommen und das persönliche Interesse verleiht, so ist doch nichts natürlicher, als dass sie einem Arbeiter, welcher über politische Dinge nachzudenken begonnen hat, in ganz anderem Lichte erscheinen. Nachdem die vom Glück minder begünstigten Klassen von „volljährigen Männern“ nach harten Kämpfen in einigen Ländern vollständig, in anderen nahezu die Grenze erreicht haben, über welche hinaus, wenigstens für sie, kein weiterer Fortschritt in Bezug auf rein politische Rechte möglich ist, sollten sie sich da nicht die Frage stellen, ob denn damit aller Fortschritt zu Ende sein müsse? Trotz alledem, was für die Ausdehnung freiheitlicher Rechte bisher geschehen ist und voraussichtlich noch geschehen wird, gibt es doch eine kleine Minderzahl, die zu großem Reichtum geboren ist, während die Mehrzahl zu einer Dürftigkeit bestimmt ist, die durch den Kontrast nur noch verschärft wird. Die große Mehrheit der Menschen ist zwar nicht mehr aufgrund der Gesetze geknechtet oder in einem Zustand von Abhängigkeit gehalten, wohl aber aufgrund ihrer Armut: sie sind immer noch an einen Ort, an eine Beschäftigung und an den beherrschenden Willen eines Arbeitgebers gekettet; und der Zufall der Geburt schließt sie sowohl von den Genüssen als von den intellektuellen und moralischen Vorteilen aus, welche andere ohne eigene Anstrengung und unabhängig von jedem Verdienste ererben. Mit Recht halten dies die Armen für ein Übel, kaum geringer als irgendeines, mit welchem die Menschheit bisher gerungen hat. Ist es ein notwendiges Übel? Dafür geben es diejenigen aus, welche es nicht fühlen, welche in der Lotterie des Lebens die großen Preise gewonnen haben. Aber auch die Sklaverei, der Despotismus, alle Vorrechte der Oligarchie wurden für notwendig erklärt. Alle die stufenweisen Errungenschaften der ärmeren Klassen, welche dieselben teils den edleren Gefühlen der Machthaber, teils ihrer Furcht verdanken, und zum Teil mit Geld erkauft oder als Gegenleistung für die Unterstützung erlangt haben, welche sie einem Teil der Mächtigen in seinen Streitigkeiten mit einem anderen gewährten, hatten von vornherein die stärksten Vorurteile gegen sich; aber ihre Erlangung war ein Zeichen der Erstarkung der unteren Klassen, mithin ein Mittel weiteren Machterwerbes; sie verschaffte diesen Klassen daher einen gewissen Anteil an dem Ansehen, das die Macht genießt, und rief eine entsprechende Wandlung in dem Urteil der Gesellschaft hervor. Alle Rechte, deren Erwerbung ihnen geglückt war, wurden nun als ihr rechtmäßiges Eigentum betrachtet; derjenigen hingegen, die sie noch nicht erlangt hatten, galten sie immer noch als unwürdig. Daher haben die Klassen, welche das herrschende soziale System in eine untergeordnete Stellung versetzt, wenig Grund, irgendeinem der Sätze Glauben zu schenken, welche dieses selbige System als Prinzipien ausgestellt haben mag. Wenn man in Betracht zieht, wie wunderbar geschmeidig sich die Meinungen der Menschen erwiesen haben, wie sie immer darauf abzielten, das Bestehende zu heiligen und das noch nicht Bestehende entweder für gemeingefährlich oder für unausführbar zu erklären, da darf man wohl die Frage aufwerfen, welche Gewähr denn jene Klassen dafür besitzen, dass es mit der Unterscheidung zwischen Arm und Reich eine andere Bewandtnis habe, dass dieselbe auf einer zwingenderen Notwendigkeit beruhe als jene anderen altherkömmlichen Tatsachen, welche jetzt, da sie beseitigt sind, selbst von jenen verurteilt werden, welche ehemals aus ihnen Nutzen zogen. Die bloße Versicherung einer beteiligten Partei kann die Frage nicht entscheiden. Die arbeitenden Klassen haben das Recht zu verlangen, dass das ganze Gebiet der sozialen Einrichtungen von neuem geprüft und jede Frage so erwogen werde, als ob sie jetzt zum ersten Male aufgeworfen würde, wobei man nie vergessen darf, dass es nicht jene zu überzeugen gilt, welche ihr Lebensbehagen und ihr Ansehen dem gegenwärtigen Systeme verdanken, sondern jene, welche ohne jedes Sonderinteresse nur von dem Streben nach voller Gerechtigkeit und nach Förderung des Gesamtwohls beseelt sind. Es sollte das Ziel der Untersuchung sein, festzustellen, welcherlei Verfügungen in Bezug auf das Eigentum ein vorurteilsfreier, zwischen Besitzenden und Nicht-Besitzenden völlig unparteiisch in der Mitte stehender Gesetzgeber treffen würde, dieselben nur mit solchen Gründen zu verteidigen und zu rechtfertigen, welche für einen derartigen Gesetzgeber wirklich bestimmend wären, und nicht mit solchen, die den Eindruck machen, dass sie zu Gunsten des bereits Bestehenden zusammengesucht sind. Alle Rechte oder Privilegien des Eigentums, welche dieser Prüfung nicht Stand halten, werden – früher oder später – aufgegeben werden müssen. Außerdem sollten alle Einwendungen gegen die Institution des Eigentums selbst unparteiisches Gehör finden. Alle die Übel und Missstände, welche mit der Einrichtung, selbst in ihrer besten Gestalt, verknüpft sind, sollten freimütig eingeräumt werden, und die beste Abhilfe oder Linderung, welche menschlicher Scharfsinn zu erdenken vermag, dagegen zur Anwendung kommen. Endlich sollten alle, welchen Namen immer habenden, Entwürfe, die von Sozialreformatoren vorgebracht wurden, um die durch die Einrichtung des Eigentums bezweckten Vorteile ohne deren Übelstände zu erreichen, mit gleicher Unbefangenheit geprüft und keiner derselben von vornherein als ungereimt oder unausführbar verworfen werden.
2 Anm. S. Freud: Fortnightly Review, Februar–April 1879. Es sind dies Bruchstücke eines im Jahre 1869 begonnenen, nicht über den ersten Entwurf hinaus gediehenen Werkes, welches Miss Helen Taylor, des Verfassers Stieftochter, trotz ihrer augenfälligen Unfertigkeit der Welt nicht vorenthalten wollte und deren Aufnahme in diese Sammlung uns von derselben gütig gestattet wird.
3 Anm. d. Hg.: Gemeint ist „An Act further to amend the Laws relating to the Representation of the People of England and Wales“ vom 15 August 1867, mit dem das Wahlrecht in Großbritannien auf 2 Millionen (von insgesamt 5 Millionen) erwachsenen Männern ausgedehnt wurde.
1. Die Einwürfe der Sozialisten gegen die bestehende Gesellschaftsordnung
Wie bei allen Reformvorschlägen zwei Stücke in Betracht zu ziehen sind – nämlich was von der Umgestaltung betroffen sein soll und worin die Umgestaltung bestehen soll – so sind auch am Sozialismus, als Ganzes genommen, und an jeder seiner Spielarten für sich, zwei Seiten zu unterscheiden: die kritische oder zerstörende und die positive oder schaffende. Wir haben zunächst das Urteil des Sozialismus über die bestehenden Einrichtungen und Übungen und über deren Erfolge, und an zweiter Stelle die mannigfachen Pläne ins Auge zu fassen, welche derselbe entworfen hat, um zu Vollkommenerem zu gelangen. In Betreff des ersten Punktes stimmen alle die verschiedenen sozialistischen Schulen überein. Die Einwendungen, die sie gegen die bestehende wirtschaftliche Ordnung der Gesellschaft erheben, sind fast genau dieselben. Bis zu einem gewissen Punkte fallen auch ihre allgemeinen Vorstellungen von der Abhilfe, die dagegen zu treffen ist, zusammen; aber in den Einzelheiten gehen ihre Meinungen, trotz dieser allgemeinen Übereinstimmung, weit auseinander. Wenn wir daran gehen, uns ein Urteil über ihre Lehren zu bilden, werden wir es ebenso naturgemäß als zweckdienlich finden, mit dem negativen, ihnen allen gemeinsamen Teil derselben zu beginnen und von ihren Meinungsverschiedenheiten erst dann zu handeln, wenn wir zu ihren positiven Bestrebungen gelangen, in denen allein sich ernste Differenzpunkte zwischen ihnen ergeben.
Dieser erste Teil unserer Aufgabe bietet keinerlei Schwierigkeiten, da er bloß in einer Aufzählung vorhandener Übel besteht. An diesen ist wahrlich kein Mangel und die Mehrzahl von ihnen liegt klar und unverhüllt zu Tage. Ja, viele darunter bilden die alltäglichsten Gemeinplätze der Moralisten, obwohl die Wurzeln derselben in eine Tiefe hinab reichen, zu der die Moralisten nur selten vorzudringen versuchen. Sie sind von so mannigfaltiger Art, dass die einzige Schwierigkeit darin liegt, ein annähernd erschöpfendes Verzeichnis derselben zu geben. Wir werden uns für den Augenblick damit begnügen, einige wenige von den wichtigsten zu erwähnen. Eines aber muss der Leser fortwährend im Auge behalten. Wenn ein Punkt der Aufzählung nach dem anderen vor seinem geistigen Auge vorüberzieht, und wenn er eine Tatsache nach der anderen, die er zu den Naturnotwendigkeiten zu rechnen gewohnt war, zur Anklage gegen die sozialen Einrichtungen verwendet sieht, hat er kein Recht, das Verfahren ein unbilliges zu schelten und zu versichern, dass die gerügten Übelstände dem Menschen und der Gesellschaft notwendig anhaften und durch keinerlei soziale Anordnungen zu beseitigen seien. Denn das hieße nichts anderes tun, als die strittige Frage umgehen. Niemand gesteht bereitwilliger zu als die Sozialisten – ja sie behaupten es sogar mit weit mehr Entschiedenheit, als durch den wirklichen Sachverhalt gerechtfertigt scheint – dass die Übel, über welche sie Beschwerde führen, innerhalb der gegenwärtigen Verfassung der Gesellschaft keine Heilung gestatten. Sie wollen, dass man erwäge, ob sich nicht irgendeine andere Form der Gesellschaft ausfindig machen ließe, welcher diese Übelstände gar nicht oder in viel geringerem Maße anhaften würden. Alle diejenigen, welche die gegenwärtige Ordnung der Gesellschaft, als ein Ganzes angreifen, und die Möglichkeit einer vollständigen Umgestaltung ins Auge fassen, haben das Recht, alle die Übelstände, welche sich gegenwärtig in der Gesellschaft vorfinden, als Argumente zu Gunsten ihrer Sache aufzuführen, gleichviel ob die sozialen Einrichtungen an ihnen Schuld zu tragen scheinen oder nicht, – vorausgesetzt, dass sie nicht das Ergebnis von Naturgesetzen sind, denen menschliche Macht nicht gewachsen ist oder die Wissenschaft noch nicht zu begegnen gelernt hat. Moralische und solche physische Übelstände, welche beseitigt wären, wenn alle Menschen handelten, wie sie sollten, lassen sich füglich gegen den Zustand der Gesellschaft, welcher sie zulässt, ins Feld führen, und können so lange als triftige Argumente gelten, bis der Nachweis geführt wird, dass jeder andere Zustand der Gesellschaft ein gleiches oder ein größeres Maß von derartigen Übeln in seinem Gefolge hätte. Nach der Meinung der Sozialisten haben die gegenwärtigen gesellschaftlichen Einrichtungen in Betreff des Eigentums und der Hervorbringung und Verteilung des Vermögens, als Mittel zur Förderung des allgemeinen Wohls betrachtet, ihre Aufgabe völlig verfehlt. Sie sagen, dass diese Einrichtungen einer ungeheuren Masse von Elend und Schlechtigkeit gegenüber sich machtlos erweisen; dass das moralische oder physische Gute, was sie zu Wege bringen, im Vergleiche zur aufgewandten Mühe, erbärmlich gering ist, und dass selbst dieses wenige Gute durch Mittel erzeugt wird, welche an verderblichen Konsequenzen, sittlicher wie physischer Art, überaus ergiebig sind.
Obenan unter den bestehenden sozialen Übeln steht die Armut. Die Institution des Eigentums wird hauptsächlich darum gerühmt und verteidigt, weil man in ihr das Mittel erblickt, durch welches der Arbeit und Genügsamkeit ihre Belohnung gesichert und die Menschheit in den Stand gesetzt wird, sich über die Stufe der Dürftigkeit zu erheben. Dies mag sich wirklich so verhalten, und die meisten Sozialisten gestehen zu, dass es sich in früheren Perioden der Geschichte so verhielt. Aber wenn diese Einrichtung, so sagen sie, in dieser Hinsicht nicht mehr oder nichts Vollkommeneres leisten kann, als sie bisher geleistet hat, dann ist ihr Leistungsvermögen ein sehr beschränktes zu nennen. Wie klein ist nicht, selbst in den zivilisiertesten Ländern Europas, der Bruchteil der Bevölkerung, welchem ein nur einigermaßen nennenswerter persönlicher Vorteil aus den Segnungen des Eigentums erwächst! Man kann sagen, dass auch die anderen ihr tägliches Brot entbehren müssten, wenn sich nicht Eigentum in den Händen ihrer Arbeitgeber vorfände; aber wenn man dies auch einräumt, so ist doch das tägliche Brot das Einzige, was sie haben, und dies oft in unzureichender Menge, fast immer von ungenügender Güte, und ohne jede Sicherheit, dass sie es in Zukunft überhaupt erhalten werden; denn ein überaus großer Teil der arbeitenden Klassen ist zu irgendeiner Lebensepoche (wenigstens zeitweilig) auf öffentliche oder private Mildtätigkeit angewiesen, und die Gesamtheit ist stets der Gefahr ausgesetzt, in eine derartige Lage zu geraten. Es wäre überflüssig, hier den Jammer der Armut zu schildern, oder die Anzahl von Menschen, welche selbst in den fortgeschrittensten Ländern in dauernder Weise den aus ihr entspringenden physischen und moralischen Leiden preisgegeben sind, abschätzen zu wollen. Dies mag den Philanthropen überlassen bleiben, welche dieses Elend mit hinreichend starken Farben ausgemalt haben. Für uns genüge die Bemerkung, dass im zivilisierten Europa, und selbst in England und Frankreich, der Zustand großer Massen von Menschen ein elenderer ist, als bei den meisten uns bekannt gewordenen Stämmen von Wilden.
Man kann einwenden, dass niemand ein Recht habe, sich über dieses harte Los zu beschweren, weil es nur solche trifft, die wegen ihrer geringeren Tatkraft oder Klugheit von anderen überholt werden. Aber selbst wenn dies wahr wäre, läge darin doch nur ein recht armseliger Trost. Wenn ein Nero oder Domitian hundert Menschen zwingen würde, einen Wettlauf zu unternehmen, bei welchem die fünfzig oder zwanzig zuletzt Ankommenden dem Tode verfallen sollten, so wäre das Unrecht darum kein geringeres, weil die Stärksten oder die Flinksten sicher wären, wenn kein ungünstiger Zufall sie aufhält, zu entrinnen. Das Jammervolle und Verbrecherische bestünde darin, dass überhaupt irgendwelche dem Tod verfielen. Nicht anders steht es im Haushalt der Gesellschaft; wenn es irgendwelche Menschen gibt, welche unter materiellen Entbehrungen oder sittlicher Herabwürdigung leiden, deren leibliche Bedürfnisse entweder gar nicht oder in einer Weise, die nur tierischen Geschöpfen genügen kann, befriedigt werden, so beweist dies, wenngleich nicht notwendigerweise ein Verbrechen der Gesellschaft, so doch pro tanto einen Misserfolg ihrer Einrichtungen. Und es heißt zum Unglück nur den Hohn hinzufügen, wenn man eine Verkleinerung des Übels darin erblicken will, dass die also Leidenden die in moralischer oder physischer Hinsicht schwächeren Mitglieder des Gemeinwesens sind. Ist denn die Schwäche eines Wesens ein Grund, Leiden über dasselbe zu verhängen? Gewährt sie nicht vielmehr einen geradezu unabweislichen Anspruch auf Schutz vor Leiden? Könnten die Glücklichen, wenn ihr Geist und Gemüt von der rechten Art wäre, ihres Glückes froh werden, wenn um dieses Glückes willen auch nur einem einzigen Menschen in ihrer Nähe aus einer anderen Ursache als durch eigenes Verschulden die Bedingungen eines begehrenswerten Daseins entzogen würden?
Es gibt eine Bedingung, unter welcher, falls sie zutreffen sollte, die sozialen Einrichtungen von jeder Verantwortlichkeit für die erwähnten Übel freigesprochen werden müssten. Da die menschliche Gattung keine anderen Mittel zur Sicherung einer genussreichen Existenz, oder der Existenz überhaupt, hat, als sie durch ihre eigene Arbeit und Enthaltsamkeit hervorbringt, so entfiele jeder Grund zur Beschwerde gegen die Gesellschaft, wenn jeder, der bereit ist, einen angemessenen Teil dieser Arbeit und Enthaltsamkeit auf sich zu nehmen, auch einen angemessenen Anteil an dem Ertrage derselben erhielte. Aber ist dies der Fall? Ist nicht vielmehr das Gegenteil davon der Fall? Anstatt dass die Belohnung der Arbeit und Enthaltsamkeit des Einzelnen entspräche, steht sie nahezu in umgekehrtem Verhältnisse zu denselben: diejenigen, welche an Arbeit und Enthaltsamkeit am meisten leisten, erhalten am wenigsten. Sogar die arbeitsscheuen, gedanken- und gewissenlosen Armen, von denen man am ehesten behaupten kann, dass sie ihre Lage selbst verschulden, unterziehen sich oft größerer und schwererer Arbeit, nicht nur als diejenigen, welche zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit geboren sind, sondern selbst als fast alle besser entlohnten unter denen, die ihren Unterhalt erwerben; ja, die, wenn auch unzulängliche Selbstbeherrschung, der sich der arme Arbeitsmann unterzieht, kostet ihn mehr Opfer und Anstrengung, als fast jemals von den begünstigteren Mitgliedern der Gesellschaft erfordert wird. Jeder Gedanke einer austeilenden Gerechtigkeit, oder eines angemessenen Verhältnisses zwischen Erfolg und Verdienst, oder zwischen Erfolg und Anstrengung, ist bei dem gegenwärtigen Zustande der Gesellschaft so augenscheinlich chimärischer Art, dass man ihn in das Reich der Träume verweisen muss. Allerdings ist das Los des Einzelnen nicht ganz unabhängig von seiner Tugend und seiner Einsicht; diese wirken in der Tat zu seinen Gunsten, aber sie tun dies in viel geringerem Maße als viele andere Dinge, die mit Verdienst nicht das Mindeste zu schaffen haben. Der großen Mehrzahl fällt ihr Los durch die Geburt zu. Einige werden zu Reichtum ohne Arbeit geboren, andere zu Stellungen, in denen sie durch Arbeit reich werden können, die große Mehrheit zu harter Arbeit und lebenslanger Armut, gar viele zum Elend. Neben der Geburt entscheiden Zufall und Gelegenheit über den Erfolg im Leben. Wenn es jemandem, der nicht zu Reichtum geboren ist, gelingt, solchen zu erwerben, so hat sein Fleiß und seine Geschicklichkeit an diesem Erfolge gewöhnlich einen Anteil; aber Fleiß und Geschicklichkeit allein hätten dazu nicht ausgereicht, wenn nicht auch eine Gunst der Umstände und Zufälle mitgewirkt hätte, wie diese nur wenigen Menschen zu Teil wird. Wenn es wahr ist, dass manchen ihre Tugenden bei ihrem Fortkommen zu Gute kommen, so gereichen anderen, und vielleicht ebenso vielen, ihre Laster zum Vorteil: ihre Kriecherei und ihr Intrigengeist, ihre hartherzige knickerige Selbstsucht, desgleichen der Spielgeist, die erlaubten Lügen und Kniffe des kaufmännischen Verkehrs, und nicht selten auch die echte und rechte Schurkerei. Tatkraft und Talent sind für den Erfolg im Leben von viel größerem Belang als Tugend; und wenn der eine dadurch sein Glück macht, dass er seine Tatkraft und sein Talent einem Unternehmen widmet, das allgemeinen Nutzen bringt, so gedeiht dagegen ein anderer, indem er dieselben Eigenschaften dazu verwendet, einen Rivalen aus dem Sattel zu heben und zu Grunde zu richten. Das Äußerste, was ein Moralist zu behaupten wagen kann, ist dies, dass unter sonst gleichen Umständen Ehrlichkeit die beste Politik ist, und dass bei Gleichheit der übrigen Vorteile die Aussichten des ehrlichen Mannes günstiger stehen als jene des Schuftes; aber selbst dies ist in vielen Lagen und Lebensstellungen fraglich, und von mehr als diesem kann überhaupt keine Rede sein. Man kann nicht behaupten, dass die Ehrlichkeit als Förderungsmittel auch nur so viel zählt, als der Vorsprung um eine einzige Sprosse auf der Stufenleiter der Gesellschaft. Der Zusammenhang zwischen Glück und Wohlverhalten ist der Hauptsache nach folgender: es gibt einen Grad der Schlechtigkeit oder vielmehr einiger Arten von Schlechtigkeit, welcher die reichste Gunst des Schicksals wettzumachen vermag; aber das Gegenstück zu diesem Satze fehlt: Bei der Lage, in der sich die meisten Menschen befinden, ist auch der höchste Grad des Wohlverhaltens häufig unvermögend, sie ohne die Mithilfe glücklicher Zufälle in der Welt emporzuheben.
Dieses Übel also, große Armut, und zwar eine Armut, welche mit dem Verdienste sehr wenig zu tun hat, ist der erste große Misserfolg der bestehenden Einrichtungen der Gesellschaft. Der zweite ist das menschliche Fehlverhalten: Verbrechen, Laster und Torheit mit all den Leiden, die sie in ihrem Gefolge haben. Denn nahezu alle Arten des menschlichen Fehlverhaltens, es mag sich um Vergehen gegen uns selbst oder gegen andere handeln, lassen sich auf eine von drei Ursachen zurückführen: auf Armut und die sie begleitenden Versuchungen bei der großen Menge, auf Müßiggang und Mangel an Beschäftigung bei den Wenigen, deren Lebensumstände sie nicht zur Arbeit nötigen, und auf schlechte oder mangelnde Erziehung bei Beiden. Die beiden ersten Faktoren müssen zum Mindesten als Misserfolge der sozialen Einrichtungen angesehen werden, während man im dritten jetzt allgemein das Verschulden – man möchte fast sagen, die verbrecherische Schuld – derselben Einrichtungen erkennt. Ich behandle den Gegenstand hier nur obenhin und in großen Zügen; eine tiefere Erforschung der Quellen menschlicher Charaktermängel und Irrungen würde viel deutlicher das ursächliche Band darlegen, welches dieselben mit einer fehlerhaften Organisation der Gesellschaft verknüpft, aber freilich auch die Bedingtheit dieses mangelhaften Zustandes der Gesellschaft durch einen unentwickelten Zustand des menschlichen Geistes darstellen.
Bei diesem Punkt machten die Gleichmacher früherer Zeiten in der Aufzählung der Übel der Gesellschaft für gewöhnlich halt; ihre tieferblickenden Nachfolger aber, die heutigen Sozialisten, gehen weiter. In ihren Augen ist die ganze eigentliche Basis des menschlichen Lebens, wie es gegenwärtig bestellt ist, das Grundprinzip, welches die Erzeugung und Verteilung aller materiellen Güter beherrscht, seinem inneren Wesen nach verwerflich und gesellschaftsfeindlich. Es ist dies der Grundsatz des Individualismus und der Konkurrenz: Jeder für sich und gegen alle anderen. Derselbe ist auf den Widerstreit, nicht auf die Harmonie der Interessen gegründet, und unter seiner Herrschaft ist es der Kampf, der jedem seinen Platz anweist: er drängt andere zurück oder wird von ihnen zurückgedrängt. Die Sozialisten betrachten dieses System des Privatkrieges (wie man es nennen möchte)4 zwischen einem jeden und allen anderen als besonders verhängnisvoll in wirtschaftlicher wie in sittlicher Rücksicht. Vom Standpunkt der Moral sind dessen Übel augenfällig. Ihm entstammt Neid, Hass und jede Art der Lieblosigkeit, es macht jedermann zum natürlichen Feind aller anderen, welche seinen Pfad kreuzen, und jedermann muss dies fortwährend von jedem erwarten. Unter dem gegenwärtigen System kann kaum irgendeiner gewinnen, ohne dass ein anderer oder viele andere verlieren oder ihre Hoffnungen getäuscht sehen. In einer wohleingerichteten Gesellschaft müssten die vom Erfolg gekrönten Bemühungen des einen jedem anderen zum Vorteil gereichen, während jetzt das Gegenteil stattfindet; und die Quelle des größten Gewinnes ist die schlimmste von allen, der Tod: der Tod jener Wesen, welche uns am nächsten stehen und am teuersten sein sollten. In Betreff seiner rein ökonomischen Wirksamkeit erfährt der Grundsatz der individuellen Konkurrenz von Seiten der Sozialreformatoren eine nicht minder unbedingte Verurteilung, wie in sittlicher Rücksicht. In der Konkurrenz der Arbeiter erblicken sie die Ursache der niedrigen Arbeitslöhne, in der Konkurrenz der Produzenten die Ursache des Ruins und Bankrottes, und beide Übel – so behaupten sie – besitzen die Tendenz, in dem Maße als Bevölkerung und Vermögen zunehmen, beständig zu wachsen. Nach ihrer Meinung schädigt dieser Prozess alle, mit Ausnahme der großen Landeigentümer, der Besitzer von fixen Geldeinkommen und einiger weniger großer Kapitalisten, deren Reichtum sie nach und nach in den Stand setzt, alle anderen Produzenten an Wohlfeilheit zu überbieten, alle Unternehmungen der Gewerbetätigkeit unter ihre Herrschaft zu bringen, alle konkurrierenden Arbeitgeber vom Markte zu verdrängen und die Arbeiter in eine Art von Sklaven oder Leibeigenen zu verwandeln, welche in Betreff ihrer Subsistenzmittel von ihnen abhängen und gezwungen sind, diese unter jenen Bedingungen entgegenzunehmen, die es ihnen zu stellen beliebt. Mit einem Wort: die Gesellschaft eilt, nach der Ansicht dieser Denker, einer neuen Art von Feudalherrschaft, jener der großen Kapitalisten, entgegen.
Da ich in späteren Abschnitten dieses Buches reichliche Gelegenheit finden werde, meine eigene Meinung über diese und viele andere mit ihnen verknüpfte und ihnen untergeordnete Themen auszusprechen, will ich jetzt ohne weitere Vorbereitung daran gehen, die Ansichten hervorragender Sozialisten über die bestehenden Einrichtungen der Gesellschaft in einer Auswahl von Stellen aus ihren Schriften darzulegen. Ich wünsche zunächst nur als ein Berichterstatter zu gelten, der die Ansichten anderer mitteilt. Es wird sich später zeigen, wie viel von dem, was ich anführe, mit meinen eigenen Überzeugungen zusammentrifft oder denselben widerspricht.
Die klarste, bündigste, bestimmteste und detaillierteste Formulierung der Anklagen, welche die Sozialisten im Allgemeinen mit Bezug auf das wirtschaftliche Gebiet der menschlichen Angelegenheiten gegen die bestehende Gesellschaftsordnung erheben, findet sich in dem kleinen Werke von Louis Blanc, betitelt „Organisation du Travail“ („Organisation der Arbeit“). Meine ersten hierauf Bezug habenden Anführungen sollen daher dieser Abhandlung entnommen sein.5
„Die Konkurrenz ist ein Würgeengel für das Volk.
Ist der Arme ein Glied der Gesellschaft oder ihr Feind? Man antworte.
Der Boden um ihn her ist in Besitz genommen.
Darf er den Boden für sich bestellen? Nein, denn das Recht dessen, der zuerst Besitz ergriffen hat, ist zum Eigentum geworden.
Darf er die Früchte, welche Gott auf seinem Wege hat reifen lassen, pflücken? Nein, denn ebenso, wie der Boden, so sind die Früchte Eigentum.
Darf er jagen oder fischen? Nein, denn das ist ein Recht, welches die Obrigkeit verpachtet.
Darf er aus einem Brunnen, welcher auf dem Felde steht, Wasser schöpfen? Nein, denn der Besitzer des Feldes ist in Folge des Zuwachsrechts auch Besitzer des Brunnens.
Darf er, wenn er vor Hunger oder Durst stirbt die Hand ausstrecken um die Mildthätigkeit seiner Mitmenschen anzuflehen? Nein, denn es giebt Gesetze gegen den Bettel.
Darf er, müde und ohne Obdach, auf dem Strassenpflaster seine Glieder zur Ruhe ausstrecken? Nein, denn es giebt Gesetze gegen die Landstreicher.
Darf er sein menschenmordendes Vaterland, welches ihm alles weigert, fliehen, um weit von dem Orte, wo er geboren ist, zu versuchen, was er zum Leben gebraucht, zu erwerben? Nein, denn es ist nur unter gewissen Bedingungen, die ihm zu erfüllen unmöglich sind, erlaubt, seinen Wohnort zu wechseln.
Was soll der Unglückliche also thun? er wird euch sagen: ‚Ich habe Arme, ich habe Vernunft, ich habe Kräfte, ich bin jung, nehmet all dies und lasst mich dafür ein Stück Brot eintauschen’. So sprechen und so handeln heute die Proletarier. Aber selbst dann könnt ihr dem Armen antworten: ‚Ich habe keine Arbeit für dich‘. Was soll er dann anfangen?
Die Antwort ist sehr einfach (…)
Was ist Konkurrenz für die Arbeiter? Die Vergebung der Arbeit im Wege der Versteigerung. Ein Unternehmer bedarf eines Arbeiters, es melden sich deren drei. Wie viel fordert Ihr für Eure Arbeit? Drei Francs, ich habe eine Frau und Kinder. Gut und Ihr? Zwei und einen halben Franc. Ich habe keine Kinder, aber eine Frau. Schön und Ihr? Zwei Francs würden mir genügen: ich stehe allein da. Ihr sollt die Arbeit haben. Damit ist die Sache erledigt, der Handel ist geschlossen. Was wird nun aus den beiden anderen Proletariern? Sie werden Hungers sterben, wie zu hoffen ist. Wenn aus ihnen nun aber Diebe würden? Keine Furcht, wozu ist denn die Polizei da? Oder Mörder? Dafür haben wir ja den Henker! Und der Glücklichste von den Dreien; auch sein Sieg ist nur ein vorläufiger. Lasse einen vierten Arbeiter kommen, kräftig genug, um von zwei Tagen je einen zu fasten, der Hang, den Lohn herabzudrücken wird bis zum Alleräussersten gesteigert werden, ein neuer Paria, vielleicht ein neuer Rekrut des Bagno!6
Kann man behaupten, dass diese Schlüsse übertrieben sind, dass sie nicht möglich sind in allen Fällen, in welchen der Bedarf an Arbeit nicht genügt für die Arme, welche beschäftigt sein wollen! Ich frage meinesteils, ob der Wettbewerb vielleicht in sich ein Mittel birgt, dieses menschenmörderische Missverhältnis zu beseitigen? Wenn es einer Industrie an Armen fehlt, wer birgt mir dafür in dieser ungeheuren, durch einen allumfassenden Wettbewerb hervorgerufenen Verwirrung, dass eine andere Industrie nicht daran Ueberfluss leidet? Zu einer Verurteilung des Prinzips würde es genügen, wenn auch nur zwanzig Menschen von vierunddreissig Millionen gezwungen würden, zu stehlen, um ihr Dasein zu fristen.
Wer wäre blind genug, nicht zu sehen, dass unter der Herrschaft der unbeschränkten Konkurrenz der fortgesetzte Niedergang der Löhne eine notwendigerweise allgemeine Thatsache und keine Ausnahme ist? Hat die Bevölkerung Grenzen, welche sie nie überschreiten darf? Ist es uns gestattet, der Industrie, welche den jeweiligen Launen des individuellen Egoismus unterthan ist, dieser Industrie, welche ein Meer ist, reich an Strandungen, zu sagen: Du darfst nicht weiter gehen! Die Bevölkerung vermehrt sich stetig; gebiete der Mutter des Armen, unfruchtbar zu sein und lästere Gott, welcher sie fruchtbar gemacht hat, denn wenn du es nicht thust, wird der Raum bald zu eng für alle Mitkämpfenden werden. Eine Maschine wird erfunden; verlange, dass man sie zerbreche und schleudere den Bannfluch gegen die Wissenschaft! denn wenn du es nicht thust, werden die tausend Arbeiter, welche die neue Maschine aus ihrer Werkstatt jagt, an die Thür der nächste Werkstatt klopfen und den Lohn ihrer Genossen herabdrücken. Ein systematisches Herabdrücken der Löhne, welches die Brotlosigkeit zahlreicher Arbeiter zur Folge hat, ist die unvermeidliche Wirkung der unbegrenzten Konkurrenz. Sie ist eben ein Vorgang der Industrie, mittelst dessen die Proletarier gezwungen werden, sich gegenseitig zu vernichten.“
„Ist es eine Thatsache, dass das Anwachsen der Bevölkerung bedeutend stärker bei den Armen wie bei den Reichen vor sich geht? Nach der ‚Statistik der Bevölkerung Europas‘ belaufen sich die Geburten in Paris nur auf 1/32 der Bevölkerung in den besten Bezirken, in den anderen betragen sie 1/26. Dieses Missverhältnis ist eine allgemeine Thatsache und Sismondi7 erklärt dasselbe in seinem Werke über die Volkswirtschaft als eine Folge der Unmöglichkeit, in welcher Tagelöhner sich befinden, auf irgend etwas zu hoffen oder auf irgend etwas im Voraus Bedacht zu nehmen. Der allein kann die Zahl seiner Kinder nach der Höhe seines Einkommens einrichten, welcher sich Herr des Morgens weiss; aber wer von der Hand in den Mund lebt, unterwirft sich dem Joch eines geheimnisvollen Schicksals, welchem er sein Geschlecht weiht, weil er selbst sich ihm geweiht fühlt. Auf der anderen Seite bedrohen die Findelhäuser die Gesellschaft mit einer wahren Überschwemmung von Bettlern. Wo giebt es ein Mittel gegen diese Landplage?
Ja, wenn die Pest noch häufiger ihren Einzug hielte! oder der Friede nicht so lange dauerte! bei dem gegenwärtigen wirtschaftlichen Zustande ist ja die Vernichtung das einfachste Heilmittel! Aber die Kriege werden immer seltener, die Cholera lässt auf sich warten, wie soll das also enden? Und was werden wir schliesslich mit unseren Armen anfangen? Zweifellos ist es, dass eine Gesellschaft, in welcher die Masse der Lebensmittel langsamer wächst als die Zahl der Menschen, dem Abgrunde zueilt. (…)
Die Konkurrenz schafft das Elend, diese Thatsache ist durch Zahlen bewiesen.
Die Fruchtbarkeit des Armen schleudert in die Gesellschaft Unglückliche, welche arbeiten müssen, aber keine Arbeit finden: auch diese Thatsache ist durch Ziffern belegt. (…)
Da man nun nur wählen kann zwischen der Ernährung der Armen oder ihrer Vernichtung, so haben die englischen Gesetzgeber sich für das erstere entschieden;“
Soviel in Betreff der Armen. Wir wenden uns nun zu den Mittelklassen8:
„Die Billigkeit ist das grosse Wort, in dem nach den Volkswirten der Smith’schen und Say’schen Schule, alle Wohlthaten der unbegrenzten Konkurrenz sich zusammenfassen lassen. Aber warum wehrt man sich hartnäckig, die Folgen der Billigkeit in’s Auge zu fassen und ihr Verhältnis zu dem augenblicklichen Nutzen, welchen der Konsument aus ihr zieht? Die Billigkeit nutzt einzig und allein denen, welche nur Konsumenten sind, während sie zwischen die Produzenten die Keime einer vernichtenden Anarchie schleudert. Die Billigkeit ist die Keule, mit welcher die reichen Produzenten die weniger gut gestellten erschlagen. Die Billigkeit ist die Schlinge, mit welcher die kühnen Spekulanten den fleissigen Arbeiter erwürgen. Die Billigkeit ist der langsame Tod des Fabrikanten, welcher nicht die Kosten für eine teure Maschine zu erschwingen vermag, welche seine reicheren Nebenbuhler anzuschaffen im Stande sind. Die Billigkeit ist der Hinterhalt, in welchem das Monopol lauert, sie ist die Totenglocke für die mittlere Industrie, den mittleren Handel, das mittlere Eigentum: mit einem Wort, sie ist die Vernichtung der Bourgeoisie zu Gunsten weniger industrieller Alleinherrscher.
Soll deshalb die Billigkeit an sich verdammt werden? Niemand wird uns eine derartige Unvernunft zutrauen. Aber das ist ja gerade das Eigentümliche der falschen Grundsätze, dass sie das Gute in Böses verkehren und Alles verderben. In dem System der Konkurrenz ist die Billigkeit nur eine einstweilige und scheinbare Wohlthat. Sie wird nur aufrecht erhalten, so lange der Kampf dauert; sobald der Stärkere seine Nebenbuhler kampfunfähig gemacht hat, lässt er die Preise emporschnellen. Die Konkurrenz führt zum Monopol aus denselben Gründen, aus welchen die Billigkeit zur Überteuerung führt. So wird das, was ein Werkzeug des Kampfes der Produzenten unter sich gewesen ist, früher oder später die Ursache der Verarmung für die Konsumenten. Eint man dieser Ursache alle diejenigen, welche wir bereits aufgezählt haben, in erster Linie das ungeregelte Anwachsen der Bevölkerung, so wird man wohl zugeben müssen, dass die Verarmung der Massen der Konsumenten ein direkt der Konkurrenz entspringendes Übel ist.
Andererseits treibt diese Konkurrenz, welche dahin zielt, die Quellen der Konsumtion versiegen zu machen, die Produktion zu einer vernichtenden Thätigkeit. Die Verwirrung, welche eine Folge des allgemeinen Kampfes ist, entzieht dem einzelnen Produzenten die Kenntnis des Marktes. Im Dunkeln tappend, ist er für den Absatz seiner Produkte einzig und allein auf den Zufall angewiesen. Warum sollte er sich bei der Gütererzeugung einen Zügel anlegen, so lange er seine Verluste auf den so ungemein dehnbaren Lohn des Arbeiters abwälzen kann? Sehen wir doch täglich, wie Fabrikanten, obschon mit Verlust, doch weiter arbeiten, weil sie nicht den Werth ihrer Maschinen, ihrer Werkzeuge, ihrer Rohstoffe, ihrer Bauten, nicht den Rest ihrer Kundschaft verlieren wollen und weil sie, wie der Spieler, nicht auf den möglichen glücklichen Treffer verzichten wollen in einer Industrie, welche unter der Herrschaft der Konkurrenz kaum noch etwas anderes ist als ein Hasardspiel.
So zwingt die Konkurrenz – wir können dieses Resultat gar nicht genugsam betonen – die Produktion zur Zunahme und die Konsumtion zur Abnahme; so geht sie schnurstracks gerade gegen den vernünftigen Zweck jeder Wirtschaftsordnung; (…)
Ich habe, um Gemeinplätze und wohlfeile Wahrheiten zu vermeiden, nicht der erschrecklichen sittlichen Versumpfung erwähnt, mit welcher die Industrie in ihrer heutigen Ordnung oder vielmehr Unordnung die Bourgeoisie durchseucht hat. Alles ist käuflich und die Konkurrenz ist eingedrungen bis in das Gebiet des Gedankens.
So vernichten die Fabriken das Handwerk, die grossen Handlungshäuser saugen die kleinen Gewerbetreibenden auf, der Handwerker, welcher sein eigener Herr ist, wird durch den Tagelöhner, welcher es nicht ist, ersetzt, der Betrieb mittelst des Pfluges wird Herr über den Betrieb mittelst des Spatens, und das Feld des Armen fällt in die schändliche Hand des Wucherers; die Bankbrüche mehren sich, die Industrie wird durch die schlecht geregelte Ausdehnung des Kredits zu einem Spiel, in welchem der Gewinn Niemandem, nicht einmal dem Schurken gesichert ist, endlich, diese gewaltige Unordnung, welche so recht eigentlich geschaffen ist, bei Allen Neid, Eifersucht, Hass zu erwecken und allmählich alle edlen Gefühle zu ertöten und alle Quellen des Glaubens, der Hingebung, der Poesie zu ersticken… das ist das hässliche und nur zu wahre Bild, welches der Anwendung der freien Konkurrenz zu verdanken ist.“
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.