Kitabı oku: «Der Vertrag - Der Mord an Olof Palme»

Yazı tipi:

John W. Grow

Der Vertrag - Der Mord an Olof Palme

Übersetzt

Gesa Füßle

Saga

Der Vertrag - Der Mord an Olof Palme ÜbersetztGesa Füßle Original Kontraktet: mordet på en statsministerCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1997, 2020 John W. Grow und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726749564

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

ERSTER TEIL

Let’s talk about roses …

1.

Der Mann, der sich Ray Lambert nannte, wachte bereits beim ersten grauen Dämmerlicht auf. Er war schon immer ein Morgenmensch gewesen. Dass er heute einen Menschen töten würde, machte da keinen Unterschied.

Er blieb im Bett liegen und beobachtete, wie das schwache Licht, das durch den Spalt zwischen den Gardinen fiel, die unscharfen Konturen des Hotelzimmers langsam deutlicher erscheinen ließ. Im Laufe der Jahre hatte sein Schlafbedarf abgenommen und er wachte immer früher auf. Das zeigt, dass ich älter werde, dachte er. Es war Zeit aufzuhören, sich zurückzuziehen. Aber der finanzielle Aspekt hinderte ihn daran.

Er reckte sich und stand auf. Ging zum Fenster und zog die Gardinen auf. Als er das Fenster öffnete, schlug ihm die noch nachtkalte Luft entgegen. Mit ihr drangen die Geräusche der erwachenden Stadt ins Zimmer. Unten fuhr eine Straßenreinigung mit rotierenden Bürsten vorbei und ein einsamer Wanderer sprang zur Seite, um den Wasserfontänen auszuweichen, die den Gehweg überspülten. Aus der anderen Richtung kam ein Taxi mit ausgeschaltetem Taxischild. Noch herrschte die Nacht, aber der Himmel war rosa und die Straßenlaternen bereits erloschen.

Ray zündete sich die erste Zigarette des Tages an, aber dann bekam er einen Hustenanfall und warf die Zigarette nach nur ein paar Zügen in den Aschenbecher. Er sollte wirklich aufhören zu rauchen. Seine Kondition war grundsätzlich zwar gut, aber obwohl er fast täglich trainierte und sich in Form hielt, hatte er im letzten Jahr eine gewisse körperliche Trägheit empfunden. Er wurde schneller müde. Das Alter, dachte er, aber niemand, der ihn sah, würde glauben, dass er gerade dreiundfünfzig geworden war. Seine Haare wurden oben am Kopf dünner und auch etwas grau, aber für diesen Auftrag hatte er sie haselnussbraun gefärbt. Die feinen Linien um seine Augen verliehen ihm Charakter, fand er, aber er war nicht mehr jung, er sollte seine Zukunft planen.

Die afrikanische Morgendämmerung war kurz, aber es würde noch eine Weile dauern, bis die Sonne über den Berg kam.

Nelson Luwamba atmete tief ein und füllte seine Lungen mit der kühlen, feuchten Morgenluft. Der Sauerstoff machte ihn hellwach. Es fühlte sich an, als würde sein junges Blut kochen. Er fühlte sich stark. Er mochte diese Tageszeit am meisten, ehe die Hitze sich wie ein Deckel über alles und alle legte. Oft war er um diese Zeit wach. Aber heute war es anders. Sein Wecker hatte mitten in der Nacht geklingelt, damit er alles schaffen würde. Jetzt war er bereit und fühlte sich fast feierlich.

Die Limousine, ein blauer Chevrolet, war vorgefahren. Den Lappen, mit dem er den verchromten Kühlergrill geputzt hatte, verwendete er jetzt für seine schwarzen Schuhe. Der rote Staub würde da draußen schnell den Glanz zerstören, aber in der Stadt ist es anders, dachte er. Es war wichtig, einen weltmännischen Eindruck zu machen. Er schnipste ein Staubkorn vom Ärmel seines dunkelblauen Anzugs und richtete seinen Krawattenknoten.

In der Ferne hatte die Sonne begonnen, über den Berggipfel zu klettern, als Nelsons Vater auf die Veranda trat. Schnell steckte Nelson das schmutzige Tuch in die Tasche und eilte zum Auto. Ehrfürchtig hielt er die Tür auf. Ernst und fast wie ein Soldat stand er da. Sein Vater grüßte ihn mit einer spielerischen Verbeugung, als er auf dem Rücksitz Platz nahm. Er lächelte amüsiert und wohlwollend über die feierliche Ernsthaftigkeit seines Sohnes.

Der blaue Chevrolet rollte weich durch die Landschaft. Die Räder rotierten über den Asphalt. Der Motor war kaum zu hören. Niemals hätte Nelson es sich träumen lassen, dass er so bald hinter dem Lenkrad von etwas anderem als einem Schrotthaufen sitzen würde. Nicht genug damit, dass er alle Prüfungen und seinen Führerschein bestanden hatte, er hatte auch sofort einen Job bekommen, einen Traumjob, den sein Vater ihm besorgt hatte. Die Zukunft sah wirklich rosig aus.

Sie passierten Trauben von Menschen auf Fahrrädern und zu Fuß, die auf dem Weg zur Arbeit in der Stadt waren. An den Straßenrändern warteten zahlreiche frühe Busse.

Gleich würden die ersten Bruchbuden am Rande von Soweto auftauchen.

Nelson hätte gern das Radio angestellt, aber auf dem Rücksitz saß sein Vater und sah einen Stapel Papiere durch, wobei er nicht gestört werden wollte. Die Hitze des Tages wurde langsam spürbar und Nelson stellte die Klimaanlage an. Er genoss den Luxus. Ein kleines Lächeln wurde auf seinen Lippen sichtbar, als er sich vorstellte, welche Möglichkeiten ihm offenstanden. Traute er sich zu fragen, ob er das Auto leihen und mit ihm schon heute Abend eine Tour in die Stadt machen dürfte? Ein wohliger Schauer durchfuhr ihn. Er war so tief in seinen Gedanken, dass er es zunächst gar nicht wahrnahm, als sein Vater ihn von hinten ansprach:

„Nelson, ich treffe in zwei Stunden einen Minister in der Stadt. Du wirst warten und mich hinfahren und nach dem Treffen wieder zurück.“

Nelson nickte. Er dachte sich, dass es wohl besser wäre, seinen Vater erst auf dem Rückweg am Abend zu fragen.

Johannesburg erwachte in einem heißen, stickigen Dunst von Autoabgasen. Der Verkehr floss träge und ohrenbetäubend dahin. Die Gehwege wimmelten von Tausenden von Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Die überfüllten Busse spuckten alle Viertelstunde eine neue Ladung schläfriger Lohnsklaven aus.

Die Läden waren bereits offen. Ray Lambert hielt an einem Tabakladen an. Ein älterer schwarzer Mann hatte gerade die Flugblätter der Zeitungen aufgehängt und Ray folgte ihm in den vollgestopften kleinen Laden. Der Inhaber, ein dicker Orientale mit blumigem Oberhemd, war gerade dabei, eingeschweißte Bündel mit amerikanischen Zeitschriften aufzureißen.

„Eine Schachtel Marlboro.“

„Normal oder Lights?“, fragte der Tabakhändler und legte das Messer beiseite. Er ging um den Tresen herum und streckte sich nach dem Regal dahinter.

„Normal – nein, lieber Lights“, entschied Ray sich um.

Der Tabakhändler holte die letzte Schachtel der begehrten Marke aus dem Regal. Er wandte sich um und rief über die Schulter in die hinteren Regionen des Ladens seiner Aushilfe zu, sie solle verdammt noch mal ihren trägen Arsch bewegen und endlich das tun, was er ihr aufgetragen hatte, nämlich das Regal auffüllen, wenn es leer war.

„Die glauben, sie bekommen ihren Lohn, ohne was dafür zu tun. Man muss ihnen alles dreimal sagen!“, grinste der Mann verbittert. Er schob Ray die Zigarettenschachtel rüber.

Ray gab ihm einen Schein und bekam sein Wechselgeld.

„Heute wird es heiß“, sagte der Tabakhändler und wischte sich mit dem Handrücken die Stirn ab, die bereits vom Schweiß glänzte. Ray nickte und verließ den Laden.

Er ging weiter die Straße entlang. Mit seinem schwarzen Dokumentenkoffer in der Hand und dem eleganten hellen Baumwollanzug sah er aus wie ein ganz normaler Angestellter auf dem Weg ins Büro. Genau das war sein Anliegen. Er wollte nicht auffallen, durfte niemand sein, an den man sich erinnerte. Einer von vielen.

Aber eine Sache unterschied ihn deutlich von allen anderen im Strom der anzugtragenden Aktenkofferträger: In seinem Koffer befand sich eine tödliche Waffe.

Zwei Wochen zuvor hatte Ray Lambert das Gewehr von einem Waffenhändler in Kapstadt gekauft. Ray hatte ihn nicht zufällig ausgewählt. Er hegte einen starken Widerwillen dagegen, die Grenzen mit einer Waffe im Gepäck zu überqueren. Sobald er diesen Auftrag über seine Kontakte in London bekommen hatte, suchte er nach einem Waffenhändler mit einem passenden Hintergrund. Er hatte Graeme Mulholland gefunden, der schon viele Jahre umfangreiche illegale Waffengeschäfte machte, sowohl mit Mitgliedern des rassistischen Broederbunds als auch mit gewöhnlichen Kriminellen. Offenbar hielten ihn keinerlei Skrupel davon ab. Diese Eigenschaften machten ihn zu einem angemessenen Waffenhändler.

Mulholland hatte überhaupt nicht helfen wollen. Erst als Ray mit seinem Wissen über Mulhollands Vergangenheit auspackte und ihm außerdem eine Entschädigung versprach, hatte er eingelenkt, ohne Fragen zu stellen.

Einige Tage später hatte Ray ein nagelneues demontierbares Gewehr beim Waffenhändler zu Hause abgeholt. Beim Probeschießen hatte alles perfekt funktioniert. Er musste nicht einmal das Zielfernrohr einstellen – auf hundert Meter Entfernung hatte der Schuss fast exakt den Punkt getroffen, den er anvisiert hatte. Die Abweichung betrug nur wenige Millimeter.

Das Gewehr hatte 2000 Rand gekostet.

Ganz oben auf dem staubigen Dachboden eines älteren Mietshauses am Rande vom Johannesburger Zentrum hatte Ray Lambert den perfekten Platz gefunden. Vom Dachbodenfenster hatte er freie Aussicht auf den Platz und das ockerfarbene Kongressgebäude am anderen Ende.

Er zündete sich eine Marlboro Light an und sah zu, wie der blaue Rauch sich langsam durch das Sonnenlicht nach oben schlängelte, das durch ein Dachfenster fiel. Die Zigarette schmeckte schwach und harmlos, aber er dachte, dass das ein guter Übergang sein könnte, bevor er ganz aufhörte. Er sah auf die Uhr und stellte fest, dass er sich bereit machen sollte. Die letzten Wochen hatte er sein Opfer genau beobachtet und seine Gewohnheiten kennengelernt. Er holte eine kleine Filmrollendose aus Aluminium aus seiner Hosentasche, schraubte den Deckel ab und drückte die Kippe sorgfältig darin aus. Er steckte die Dose wieder in die Tasche und wandte sich zum Fenster.

Fast im selben Moment knackte es im Walkie-Talkie, das im offenen Dokumentenkoffer neben ihm lag. Eine Reihe kurzer Klicklaute, dann Stille. Das war das verabredete Signal.

Schnell griff Ray Lambert nach der Waffe und schob den Gewehrlauf ein paar Zentimeter durchs Fenster. Man konnte es von der Straße aus nicht sehen, das hatte er vor ein paar Tagen mithilfe eines schwarzen Astes an derselben Stelle überprüft. Von der Straße aus hatte er die Fassade abgesucht. Wenn man nicht wusste, wohin man genau gucken oder wonach man suchen sollte, war kein Unterschied zu merken.

Ray musste nicht länger als eine halbe Minute warten.

In ein paar hundert Meter Entfernung glitt unter ihm ein blauer Chevrolet zum Kongressgebäude.

Auf der breiten Treppe zum Eingang, der mit hohen Säulen im klassischen Stil geschmückt war, saß ein Schwarzer mit einem Kinderwagen voller Zeitungen. Als er das Auto des Gewerkschaftschefs sah, leuchtete sein Gesicht auf. Er stand auf, nahm eine Zeitung aus dem Stapel und faltete sie zusammen, um sie ihm dann mit der üblichen andächtigen Verbeugung zu überreichen. Seit vielen Jahren kaufte der alte Luwamba jeden Morgen eine Zeitung bei ihm und wechselte ein paar Worte mit ihm. Luwamba wusste inzwischen sogar die Namen der Zeitungsverkäuferenkel. Der Zeitungsverkäufer wiederum wusste, dass der neue junge Chauffeur Luwambas Sohn Nelson war. Er lächelte breit. Die Eröffnungsreplik lag ihm schon auf den Lippen.

Abgesehen von den Männern im blauen Auto und dem Zeitungsverkäufer war der offene Platz fast leer, bis auf zwei schwarze Männer. Der eine lag etwa fünfzig Meter vom Gebäude entfernt im Schatten eines Baumes auf einer Parkbank, der andere ging mit einer Weinflasche in der Hand quer über den Platz auf ihn zu.

Ray legte das Auge ans Zielfernrohr und stellte den Chevrolet scharf. Ein junger Schwarzer mit marineblauem Anzug stieg aus. Ray stellte fest, dass dies nicht derselbe Chauffeur wie an den vergangenen Morgen war. Der Chauffeur öffnete die Hintertür, nahm eine Aktentasche entgegen und half mit seiner freien Hand dem älteren Mann aus dem Wagen.

Ray sah, wie die beiden Männer sich gegenüberstanden. Der ältere legte seine Hand auf die Schulter des jüngeren und sagte etwas, das beide zum Lachen brachte.

Er zielte auf einen Punkt etwas über und vor dem Ohr des alten Mannes. Ray fühlte das wohlbekannte Kitzeln des Adrenalins, das durch seine Adern bis in die Fingerspitzen pumpte. Das kriechende Gefühl aus Unruhe und Unbesiegbarkeit. Eine angenehme, sinnliche, fast erotische Empfindung.

Er drückte den Abzug und der Schuss feuerte los.

Der Kopf des Gewerkschaftschefs schien zu explodieren und er wurde zu Boden geschleudert.

Nelson Luwamba verstand erst nicht, was passiert war, einige ewige Sekunden lang hörte sein Gehirn auf zu arbeiten. Überflutet mit dem Blut und der Gehirnmasse seines Vaters starrte er auf den leblosen Körper.

Im nächsten Moment fiel er auf die Knie und schlug die Arme um den Vater. Unkontrolliert schrie er los – ein Schrei der tiefsten Verzweiflung.

Ray Lambert schraubte schnell und routiniert die Waffe auseinander und steckte die Teile in den Dokumentenkoffer. Mit dem Blick suchte er alle Oberflächen ab, mit denen er in Kontakt gekommen war, um sich zu versichern, dass er keine Spuren hinterlassen hatte. Er schloss die Tasche und verließ den Dachboden. Seit dem Schuss waren weniger als zwanzig Sekunden vergangen.

Weitere zwanzig Sekunden später war Ray unten an der Treppe angekommen. Er blieb hinter der Tür stehen, die in die kleine Seitenstraße an der Nordseite des Hauses führte. Ehe er auf den Weg hinaustrat, zog er sich ein Paar dünne, milchweiße, fast durchsichtige Gummihandschuhe aus und stecke sie sich in die Tasche.

Er spazierte zügig vom Haus fort und bog in die nächste Straße ein. Nach etwa hundert Metern trat er durch die Tür eines Lokals.

Gleichzeitig hörte er die ersten Polizeisirenen.

Ray Lambert sah sich in der halbvollen Kneipe um. Am Tresen saß ein Mann im khakifarbenen, zerknitterten Baumwollanzug. Die zwei Männer zeigten mit keiner Miene, dass sie einander kannten.

Der Name des Mannes war Arnold Wyllie. Ein knapp vierzig Jahre alter Boere, den Ray als Helfer engagiert hatte. Er hatte den Namen und die Adresse von seinem guten Freund und Kollegen Samuel Wilson in London bekommen. Wyllie war ein Kleinganove und Betrüger, der wiederholt wegen Diebstahls und Betrugs im Gefängnis gesessen hatte. Für Ray spielte es keine Rolle, dass sein Auftrag war, einen schwarzen Mann zu töten, es war ihm komplett egal, dass die Tat eine politische Motivation hatte – aber für Wyllies Beteiligung war dieser Fakt entscheidend gewesen. In dieser Hinsicht war er Idealist. Ein hingebungsvoller Anhänger der Apartheid.

Wyllie las eine Zeitung und schien sehr mit den Cricket-Ergebnissen im Sportteil beschäftigt zu sein. Ab und zu nippte er abwesend an seinem Espresso. Er hatte sich in das Lokal gesetzt, sobald der blaue Chevrolet vorbeigefahren war. In seiner Innentasche steckte das Walkie-Talkie, mit dem er Ray das Zeichen gegeben hatte. Jetzt saß er hier und wartete. Auf dem Boden neben ihm stand ein Dokumentenkoffer, exakt das gleiche Modell wie Rays.

Ray stellte seinen Koffer neben Wyllies und lehnte sich über den Tresen, während er sich eine Zigarette anzündete. Durch das Fenster zur Straße sah er, wie zwei Polizeiautos mit Sirenen und blitzendem Blaulicht vorbeirasten.

Arnold Wyllie sah auf die Uhr und legte die Zeitung beiseite. Mit einem Zug leerte er seine Kaffeetasse, beugte sich runter, nahm Rays Dokumentenkoffer und verließ das Lokal.

Ray versuchte, die Aufmerksamkeit des Bartenders auf sich zu lenken, während er mit dem Fuß Wyllies Koffer näher zu sich zog.

„Kann ich bitte einen doppelten Espresso haben?“

„Sofort!“

Der Bartender war am Fenster mit einem anderen Gast beschäftigt. Beide kommentierten laut die Geschehnisse auf der Straße, wo Menschen in Richtung Kongressgebäude rannten. Der Bartender machte keinerlei Anstalten, Rays Bestellung demnächst auszuführen.

Ray zögerte einen kurzen Moment, dann stand er auf und kehrte mit Wyllies zurückgelassenem Koffer auf die Straße zurück.

Pieter Boeck eilte die Treppen zu Norris‘ Büro im dritten Stock hoch. Immer zwei Stufen auf einmal. Er hatte unglaubliche Neuigkeiten. Er hatte gerade aus dem Radio erfahren, dass Luwamba ermordet worden war.

Luwamba, über den sie im letzten Jahr so viel diskutiert hatten, weil sein Handeln besorgniserregend für die wichtigen amerikanischen Interessen war. Jetzt war alles anders.

Er klopfte an die Tür zu dem Zimmer, das Norris während seiner Anwesenheit zur Verfügung gestellt worden war.

„Herein!“

Hinter einem riesigen Mahagonischreibtisch in einem auch ansonsten luxuriös eingerichteten Büro im dritten Stock der Botschaft in Pretoria saß Bertram Norris. Er war ein großgewachsener, blonder Mann in seinen Vierzigern, mit blauen Augen und Lachfalten, die ihm einen dauerhaft zufriedenen Ausdruck verliehen. Trotz der Hitze trug er einen dunklen Anzug mit Krawatte, sah aber dennoch cool und entspannt aus.

Er sah lächelnd von dem dicken Bündel Feldberichte auf, als Pieter Boeck außer Atem in das Zimmer stürzte.

„Mr Norris!“, keuchte er, noch abgekämpft von der Treppe. „Auf Luwamba ist geschossen worden!“

„Was?“ Norris fiel das Kinn herunter. „Was sagen Sie da?“

„Ich habe es im Radio gehört. Es gibt auch eine Sondersendung im Fernsehen!“

„Wann ist das passiert?“

„Gerade eben! Ein Scharfschütze bei der Kongresshalle, als Luwamba gerade hinein wollte.“

Norris stand auf und stellte den Fernseher in der Ecke an.

„Lebt er noch?“, fragte er.

„Nein, er war sofort tot!“, sagte Boeck. „Sein Kopf ist quasi in tausend Stücke zersprungen.“

Norris sank in den Sessel vor dem Fernseher und betrachtete mit ernster Miene die Reportagebilder vom Ort des Attentats. Ein aufgeregter Reporter stand vor einer Säule des Kongressgebäudes und sprach angespannt von den denkbaren Folgen des Mordes. Man befürchtete Demonstrationen und vielleicht Randale. War das hier der Auftakt für einen langen, heißen Sommer für Südafrika?

„Furchtbar!“, sagte Norris.

Boeck nickte. Was geschehen war, war furchtbar. Aber gleichzeitig spürte er Zufriedenheit. Der Mord hatte schließlich ihr Problem gelöst, als hätten die Götter eingegriffen, dachte er. Deus ex machina.

„Mr Norris, das kommt uns sehr gelegen“, sagte er leise und mit einem angedeuteten Lächeln.

Norris sah ihn kalt an.

„Das ist unglaublich zynisch, Boeck“, sagte er scharf und sah aufrichtig verstört aus über die rücksichtslose Direktheit. „Es ist grauenhaft. Ich hoffe wirklich, dass sie den Mörder so schnell wie möglich finden!“

Das Lächeln des jungen Angestellten erlosch unmittelbar, als hätte man ihm eine Ohrfeige verpasst.

„Aber Sie haben recht, dass sich die Situation dadurch verändert hat“, fuhr Norris mit milderem Ton fort. „Dies ist eine ganz neue Ausgangslage, zu der wir Stellung nehmen müssen.“

Norris verstummte und sah gedankenverloren aus dem Fenster.

Boeck versuchte die Falten aus seinem hellen Baumwollanzug zu streichen. Er spürte sein Hemd am Rücken kleben. Der Kragen musste fleckig vom Schweiß sein. Er steckte einen Finger in den Kragen und fuhr mit ihm an der Innenseite entlang. Er wagte es jedoch nicht, seine Krawatte zu lockern. Sein amerikanischer Chef hatte ja sogar einen zugeknöpften Anzug getragen, obwohl er allein in seinem Büro gewesen war.

„Boeck, halten Sie mich auf dem Laufenden, informieren Sie sich über die Geschehnisse“, sagte Norris nach einer kurzen Pause und stand auf. „Ich muss New York anrufen.“

„Okay, Mr Norris“, sagte Boeck erleichtert und eilte aus dem Zimmer.

Norris lächelte in sich hinein. Die Lachfalten um die Augen zogen sich zusammen. Er sah erleichtert aus. Er ging zum Fenster und stellte die Jalousien so ein, dass er auf die Straße sehen konnte. Das ging schneller als erwartet, dachte er. Weniger als zwei Monate, seit der Ball ins Rollen geraten war. Und nun war Luwamba tot.

Ein sehr kompetenter Killer, stellte er fest. Diesen Kontakt sollte man sich merken.

Bertram Norris arbeitete seit dem Ende der Sechzigerjahre für die CIA. Erst in Indochina, in den Siebzigern dann vor allem in Lateinamerika.

In Lateinamerika war es Norris‘ Aufgabe gewesen, so energisch und unsichtbar wie möglich amerikanisches Eigentum und amerikanische Interessen zu schützen. Das hatte vor allem bedeutet, verschiedene Diktaturregimes und deren Generäle zu unterstützen.

In diesem Zusammenhang hatte er Jack Pallon, einen amerikanischen Multimillionär kennengelernt, dessen Firma Pallon Enterprises Inc. Hektar um Hektar Obstplantagen in Lateinamerika gehörten. Pallon war Enteignung von den Staaten angedroht worden, in denen seine Tätigkeit die Wirtschaft komplett dominierte. Staaten, die den Namen „Bananenrepublik“ wahrhaftig verdienten.

Es gab notwendige Operationen, mit denen sich die CIA aus moralischen und politischen Gründen nicht befassen durfte. Operationen, die eher auf Privatfirmen und deren Gewinne abzielten als auf die amerikanische Sicherheitspolitik. Es kam drauf an, wie man es betrachtete. Norris‘ Auffassung dazu war eindeutig: Amerikanische Interessen gingen immer vor.

Manchmal musste einfach eingegriffen werden, obwohl die Organisation es nicht durfte. Es war wichtig, dass dieses Eingreifen nicht hergeleitet werden konnte, um nicht Ziel von Ermittlungen und Ausschussanhörungen zu werden. Es musste so weit wie möglich von der CIA und deren Personal entfernt geschehen. Die lenkende Hand musste unsichtbar sein. Das war Norris‘ Spezialität.

In einer südamerikanischen Republik hatte Norris bestimmte Gegner von Pallon eliminiert. Einen Politiker und einen General. Nicht persönlich, sondern mit der Hilfe von Vermittlern, die nichts mit der Arbeit der CIA zu tun hatten und in den meisten Fällen nicht einmal wussten, dass sie Vermittler waren oder woran sie gerade beteiligt waren. Die Morde wurden von angeheuerten Berufskillern ausgeführt, die mit den Kartellen verknüpft waren.

Pallon hatte seiner Dankbarkeit persönlich Ausdruck verliehen und Norris hatte sich das Haus in Vermont kaufen können.

Dass Norris sich nun in Südafrika befand, lag teilweise ebenfalls an Jack Pallon. Eine seiner Tochterfirmen war das Ziel einer Kampagne heftiger Kritik gegen ausländische Firmenbesitzer gewesen, die Luwamba initiiert hatte.

Aber Norris‘ Hauptaufgabe war, die Arbeit der CIA im Land neu zu organisieren.

Im Fernsehen hatte man nun einige politische Gutachter um einen Tisch im Studio versammelt und diskutierte die politischen Konsequenzen des Mordes. Mit einem Auge auf dem Fernseher nahm Norris das Telefon und drückte die Kurzwahl nach New York.

Auf der anderen Seite des Atlantiks ging Jack Pallon persönlich ans Telefon.

„Hallo, hier ist Norris!“

„Hallo, Bert, bist du noch immer in Afrika?“

„Ja, aber … das Fahrwasser hat sich verändert“, antwortete Norris.

Es bestand kein Zweifel, dass Jack Pallon die kryptische Aussage von Norris verstand. Pallon grinste breit.

„Wunderbar, gut gemacht! Wann sehen wir uns?“

Norris‘ Augen waren nur noch schmale Schlitze und sein Lächeln zeigte seine gleichmäßigen, weißen Zähne.

„Ich reise bereits morgen ab.“

Arnold Wyllie saß in seiner Wohnung und wartete auf 10000 Rand in bar.

Er hatte den Dokumentenkoffer geöffnet und betrachtete mit großem Interesse die Teile des High-end-Gewehrs. Er spielte gerade mit dem Zielfernrohr herum, als es an der Tür klingelte.

Schnell legte er die Teile zurück und schloss den Koffer, ehe er den Mann hereinließ, den er als Dennis Clayton kannte.

„Das ist doch super gelaufen, Dennis“, sagte Wyllie zufrieden. „Ein Schuss und fertig. Elegant. Es war im Fernsehen, sie hatten eine Einstellung …“

„Keine Probleme auf dem Heimweg?“, fragte Ray Lambert.

Wyllie schüttelte grinsend den Kopf.

„Es waren ja alle auf dem Weg zum Kongresshaus. Ich habe den Bus in die andere Richtung genommen. Hast du das Geld dabei?"

Ray klopfte sich auf Höhe der Innentasche aufs Jackett und Wyllie lachte erleichtert:

„Willst du einen Whisky?“

Ray nickte und Wyllie ging ans hintere Ende vom Zimmer zu einem Barschrank im Bücherregal. Es standen kaum Bücher im Regal, abgesehen von ein paar prachtvollen Bildbänden über Afrika. Stattdessen war es voll mit Hunderten von Videokassetten und großen Mengen von Nippes. Ray fiel es schwer, Wyllies robusten Männerkörper mit den kleinen, akkuraten, durchsichtigen Tierfiguren aus farbigem Glas überein zu bringen, die in ordentlichen Reihen dastanden.

Während Wyllie am Barschrank damit beschäftigt war, Whisky in zwei Wassergläser zu füllen, zog Ray eine Flasche aus seiner Tasche. Er zog den Korken hinaus und tränkte ein Taschentuch mit dem Flascheninhalt.

Wyllie wurde von Ray überrumpelt, der ihm von hinten das Jackett runterzog, sodass seine Arme gefangen waren. Als Ray ihm das äthergetränkte Taschentuch auf Nase und Mund presste, warf er sich verzweifelt auf die Seite, um sich loszureißen. Die beiden Männer taumelten gegen das Bücherregal. Die kleinen, fragilen Glasfiguren regneten zu Boden und vermischten sich mit dem Glas der Whiskyflasche und der Wassergläser.

Ray ließ nicht los und endlich entspannte sich der Körper unter seinem Griff. Er ließ ihn zwischen die Glassplitter auf den Boden gleiten.

Ray erlaubte sich keine Pause. Er leerte den restlichen Inhalt des Ätherfläschchens über den bewusstlosen Wyllie. Ein Buch über die Tierwelt der Serengeti war zu Boden gefallen. Ray riss eine Seite raus und zündete sie mit seinem Feuerzeug an. Er ließ das brennende Papier auf den Teppich fallen.

Sofort flammten die äthergetränkten Objekte auf und Arnold Wyllie wurde von den Flammen bedeckt.

Ehe das Feuer sich ausbreiten konnte, verließ Ray die Wohnung. Das Gewehr ließ er zurück. Als er die Tür hinter sich schloss, wischte er den Türgriff sorgfältig mit einem Taschentuch ab. Der Griff war das Einzige, das er in der Wohnung angefasst hatte.

Er mied den Fahrstuhl und lief die Treppen hinunter. Auf der Straße ging er in schnellem Tempo vom Haus fort. Vor einem indischen Restaurant ein paar Meter weiter hielt er ein Taxi an.

Ray sank auf den Rücksitz. Er merkte, dass sein Puls noch schnell war, aber das intensive Pulsieren seines Blutes an den Schläfen ließ nach. Ein ruhiges Gefühl erfüllte ihn. Dies war ein gefährlicher und trügerischer Moment, das wusste er. Noch war die Gefahr nicht vorbei und er durfte sich noch nicht entspannen. Aber mit jeder Minute entfernte er sich weiter vom Tatort. Ray zündete sich eine Zigarette an.

Das Taxi hielt vor dem Hotel an. Ray bezahlte und ging hinein, um seine Taschen zu holen. Er hatte bereits ausgecheckt, sodass er wenige Minuten später erneut mit seinem Gepäck durch die Eingangstür trat. Er nahm ein neues Taxi zum internationalen Flughafen. Er passierte den Check-In und bekam einen Ausreisestempel in den Pass, der auf den australischen Bürger Dennis Clayton ausgestellt war.

Drei Stunden später saß er in einem Jumbo nach London. Sein fünf Wochen andauernder Auftrag in der Republik Südafrika war abgeschlossen.

2.

Lennart Waldenström hasste New York.

Er hasste das Gedränge und die Gewalt, die er zum Glück nicht persönlich erleben musste. Niemals würde er auch nur davon träumen, allein durch den bedrohlichen Straßendschungel zu spazieren, wo das Heulen der Polizeisirenen ständig präsent war. Er war dankbar, dass er sich in einer schallisolierten Limousine befand, die das dröhnende Inferno der 5th Avenue ausschloss, deren Mittelspur Manhattan in zwei Teile teilte.

Trotz seiner Abneigung gegen die Stadt hatte er mit den Jahren recht viel Zeit in ihr verbracht. Der Hauptgrund dafür war sein amerikanischer Freund Jack Pallon, in dessen Auto die beiden gerade auf dem Weg zum Kennedy Airport waren.

Lennart und Jack kannten sich bereits seit Kindertagen. Ihre Väter hatten bereits Ende der Zwanziger Geschäfte miteinander gemacht. Das Band zwischen den Familien war sehr stark. Sechs Jahrzehnte lang hatten sie miteinander verkehrt und die beiden Söhne, die ziemlich gleich alt waren, hatten viel gemeinsam. Die Sommer hatten sie oft miteinander verbracht, sowohl in Schweden als auch in den USA. Lennart hatte den zwei Jahre älteren und – wie es immer hieß – begabteren Jack immer bewundert.

Sie waren immer füreinander da gewesen, als wären sie Brüder. Geld kann dicker als Blut sein, dachte Lennart.

Wie Jack hatte Lennart eine umfangreiche Ausbildung genossen, vor allem als Banker. Nach seinem Bachelor in Jura und ein paar Jahren an einer amerikanischen Universität hatte er einen Job in einer von Pallons Banken in New York bekommen. Seine Laufbahn schien festzustehen, doch dann überwarf er sich mit seinem Vater. Es ging um eine Geldanlage, von der ihm sein Vater abriet, die Lennart aber auf Jacks Rat hin trotzdem durchführte. Aus einer unbedeutenden Meinungsverschiedenheit wurde eine ernste Vertrauenskrise zwischen Vater und Sohn. Lennart wurde zu einer von Waldenströms Firmen verwiesen, die mit der Erzsuche in Afrika befasst war.

Sein Vater Ernst Waldenström ließ stattdessen sein Wohlwollen über Lennarts Schwester Emelie scheinen, die er ins Hauptbüro setzte. Sie sollte so weit geschult werden, dass sie eines Tages den gesamten Konzern übernehmen können würde. Sie fing in der Bankfiliale der Familie in Hong Kong an, die damals die wichtigste war.

Doch zwischenzeitlich zeigte es sich, dass auch Emelie die Erwartungen nicht erfüllte. Schon nach einer Woche in Hong Kong verliebte sie sich Hals über Kopf in einen chinesischen Kaufmann mit europäischen Bräuchen und Gewohnheiten. Zu allem Übel war dieser Mann der Sohn eines von Ernst Waldenströms erbittertsten Feinden.

Ernst versuchte mit allen Mitteln, seine Tochter zum Nachhausekommen zu bewegen. Er reiste mehrfach nach Hong Kong, um sie zu überreden, aber sie weigerte sich, zur Vernunft zu kommen. Er drohte ihr damit, sie zu enterben. Auch das half nicht. Schließlich zwang ihn sein Stolz dazu, seine Tochter für immer zu verstoßen.

Er holte seinen Sohn Lennart nach Hause, der mittlerweile mehr als zehn Jahre in Afrika verbracht hatte. Während dieser Zeit hatte Lennart eine Familie gegründet und mit seiner Frau Anna-Lisa sieben Kinder bekommen, die bei seiner Rückkehr nach Schweden alle unter zehn Jahre alt waren.

Lennart wurde im Hauptbüro der Bank im Zentrum von Stockholm eingesetzt und bekam die Verantwortung für die Währungsabteilung. Als Lennart klar wurde, dass dies seine große Chance auf Wiedergutmachung in den Augen seines Vaters war, beschloss er, alle Demütigungen runterzuschlucken. Er entschied sich, mit allen Mitteln das Misstrauen zu besiegen und zu beweisen, dass er durchaus zu etwas nütze war.

Es dauerte jedoch zehn Jahre, bis Ernst Waldenström seinen Sohn endlich in sein Direktorenbüro bestellte und ihm offenbarte, dass er ihm die Leitung übertragen wolle.

Der eigentliche Grund dafür war, dass Ernst von seinem Arzt die Diagnose Lungenkrebs bekommen hatte und dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb – auch mit Behandlung hatte er nur noch ein knappes Jahr zu leben. Dies erwähnte er jedoch mit keinem Wort seinem Sohn gegenüber.

Schon zwei Monate später starb Ernst – doch nicht am Krebs, sondern an einem Herzinfarkt im Flugzeug von Stockholm nach London.

Lennart war vierundvierzig Jahre alt, als er die Verantwortung für das Imperium übernahm, in dem Schwedens größtes Privatvermögen lag.

Ernst Waldenström war nicht der Einzige im Konzern, der an der Kompetenz des schweigsamen und manchmal unberechenbaren Nachkommen gezweifelt hatte. Die Nachricht über die Machtverschiebung wurde mit großem Unwillen aufgenommen.

Doch das Misstrauen wendete sich bald: Schon sehr bald gelang es Lennart Waldenström, einen großen Firmenkauf in der Weißwarenbranche durchzuführen, was ihm viel Respekt einbrachte. Der Kauf erwies sich als sehr geglückt und fast unanständig ertragreich – und in einer Welt, in der Geld das einzige Maß war, veränderte sich die Einstellung der anderen über Nacht.

In den darauffolgenden Jahren machte Lennart eine Reihe weiterer glücklicher Geschäfte und wurde in kurzer Zeit zu einer von Schwedens einflussreichsten Persönlichkeiten.

Auch seine Achtung vor sich selbst wuchs und er spürte die Verpflichtung seiner Position. Er war nicht mehr nur für sich selbst verantwortlich, sondern für alle, die von ihm abhängig waren – vielleicht sogar fürs ganze Land. Gleichzeitig legte er sich eine hübsch bescheidene Art zu und pflegte sorgfältig seine Anonymität. Mit seinem Vater als großem Vorbild entzog er sich aller unnötiger Öffentlichkeit.

Er wurde ein Mann, der lieber ohne viel Aufhebens im Stillen arbeitete.

Die seiner Klasse entsprechende Erziehung hatte ihm die Ehrfurcht vor demjenigen vermittelt, dessen Vermögen und Macht er nun geerbt hatte. Nun ehrte und achtete er die Erinnerung an seinen Vater. Dass er ihn seit seiner Kindheit gehasst hatte, gab er nicht einmal sich selbst gegenüber zu. Ebenso wenig erkannte er, dass er seinem Vater mit den Jahren immer ähnlicher wurde.

Jack Pallon war ein kleiner, untersetzter Mann. Er näherte sich der Sechzig, sah aber aus, als hätte er diesen Meilenstein bereits passiert. Die Abwesenheit von Haarwuchs – sogar die Augenbrauen waren nackt – unterstrich den Eindruck, dass er sehr viel älter als Lennart Waldenström war.

Er trug eine viel zu große, runde Brille mit unvorteilhaft breitem, schwarzen Rahmen. Die Gläser vergrößerten die kleinen, hellblauen Augen und verliehen ihnen einen intensiven und fast unerträglichen Blick.

Die sollte er austauschen, dachte Lennart, aber das war kein Thema, in das er sich hineinhängte. Die beiden Männer kannten sich in- und auswendig. Es gab nicht viel in Jacks Leben, worüber Lennart nicht Bescheid wusste.

Jack Pallon war der Chef von einer der größten Firmen der Welt. Auch wenn sie inzwischen vielleicht mehrere tausend Tochterfirmen in unterschiedlichen Branchen hatte – er wusste nicht genau, wie viele – lag der Schwerpunkt im Obst. Obst aus der ganzen Welt, vor allem aus Südamerika und dem Mittleren Osten.

Jack selbst besaß einen großen Teil dieser riesigen multinationalen Firmen. Wie Lennart hatte er das meiste von seinem Vater übernommen. Sein Vater, William H. Pallon – oder Bill, wie dieser im Sinne der Bescheidenheit vorzog – war hingegen ein Selfmade-Man gewesen. Bill hatte mit den klassischen leeren Händen angefangen, hart geschuftet und sein Imperium von Grund auf aufgebaut.

Der Mythos um Bill Pallons Weg zum Reichtum war sehr nützlich. Der amerikanische Traum war noch immer lebendig und verschaffte ihnen in fast allen Belangen Sicherheit und Autorität. Dies wurde fleißig ausgenutzt und der Traum wurde als Schutzschild gegen jegliche Kritik an der Firma hergenommen. Von dieser Kritik hatte es über die Jahre reichlich gegeben, insbesondere, was die Besitztümer der Firma in Südamerika anging. Aber gegen den Mythos stand jede Kritik als unamerikanisch da.

Jack war der Jüngste von mehreren Geschwistern. Außer ihm gab es noch drei Schwestern. Aber Jack war der einzige Sohn und erbte somit selbstverständlich die Leitung des Familienunternehmens. Der alte Bill Pallon hatte schon früh die Weichen für Jacks Übernahme des Vermögens gestellt.

Die erste und wichtigste Voraussetzung war natürlich eine fundierte Ausbildung. Eine Ausbildung, die der Vater gründlich geplant und vorgegeben hatte. Jack war willens und interessiert. Noch dazu war er begabt genug für sowohl Studium als auch Geschäfte, stieß also auf keinen Widerstand.

Die zweite Voraussetzung war, dass Jack ein guter Christ blieb. In Bill Pallons Fall hieß das, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen und die Baptistengemeinde in New York zu unterstützen, zu der die Familie schon immer gehört hatte.

Die dritte Voraussetzung war, dass er eine Frau mit dem gleichen Glauben aus derselben Gemeinde heiratete und dass sein Vater ihr zustimmen würde.

All das hatte Jack erfüllt.

Einige Monate, nachdem Jack geheiratet hatte, starb sein Vater an einer Gehirnblutung. Kurz nach der Beerdigung verließ Jack seine Frau. Sie bekam reichlich Unterhalt und war damit zufrieden. Auch für sie war die Ehe ein bloßes Geschäft gewesen.

Jack heiratete bald erneut. Diesmal eine Schauspielerin aus Kalifornien, mit der er rasch hintereinander drei Kinder bekam. Aber nach sieben Jahren relativen Glücks kam seine Frau bei einem Autounfall um und ließ Jack allein mit drei minderjähren Kindern zurück.

Ein Jahr später traf Jack eine achtzehn Jahre alte katholische Balletttänzerin, die sich in seine weltgewandte, vermögende Art verliebte und sich verführen ließ. Die hübsche junge Frau schmeichelte seinem Ego und er heiratete sie trotz des Altersunterschieds – er war doppelt so alt wie sie. Doch das Leben in der New Yorker Society langweilte die junge Frau. Schon nach einem halben Jahr hatte sie die Rolle der Stiefmutter von den drei kleinen Kindern satt, die sie nie so recht geliebt hatte, und auch den Mann, der ständig auf Geschäftsreise war. Als Jack eines Abends von einer zweitägigen Reise nach Guatemala zurückkehrte, war sie weg. Sie hatte ihn für einen jüngeren Filmproduzenten verlassen, der sie nach Europa mitgenommen hatte. Sie verließ Jack ohne Anspruch auf Unterhalt.

Die folgenden siebzehn Jahre lebte Jack allein. Gouvernanten ersetzten die Mutter der Kinder.

In Jack Pallon war etwas zerbrochen. Er hatte die junge, hübsche Tänzerin wirklich angebetet. Desillusioniert schloss er sich in sich ein. Immer häufiger ging er in die Kirche. An einem eiskalten Dezembersonntag traf er eine Frau, die sein Leben verändern würde.

Ellen Farray hatte sich aus Versehen in die Kirchenbank von Familie Pallon gesetzt. Sie war neu in der Gemeinde und wusste nicht, dass die prominenteren Gemeindemitglieder eigene, reservierte Plätze hatten. Als ihr ihr Fehler auffiel, war es zu spät. Der Gemeindepastor, Theodore Fuller, hatte bereits mit der Predigt begonnen.

Vorsichtig lehnte sich Ellen zu Jack, der gedankenverloren dasaß, und bat ihn mit leiser Stimme um Entschuldigung für ihren Fehler. Jack sah verwundert auf. Er hatte die fremde Frau nicht bemerkt, die beschämt neben ihn gesunken war.

Jack Pallon erzählte Lennart, dass er sich sofort in sie verliebte.

„Ich war gerade fünfzig geworden und sie war auch kein junges Täubchen mehr, aber ich fühlte mich wie ein junger College-Boy! Kannst du dir das vorstellen? Als alter Kerl! Ich hörte nicht ein verdammtes Wort von Pastor Fullers Predigt. Ich dachte einzig daran, wie ich sie kriegen konnte!“

Ellen saß so nah an ihm dran, dass er ihre Körperwärme spürte. Die betörenden Duftwolken von ihrem Parfüm machten ihn schwindlig.

In der Woche darauf war Jack wie berauscht. Er konnte die Frau nicht aus dem Kopf bekommen. Seine Mitarbeiter glaubten, dass er eine Grippe ausbrütete und legten ihm nahe, frei zu nehmen und sich zu Hause hinzulegen.

Am folgenden Sonntag ging Jack wie gewöhnlich zur Messe. Zu seiner großen Freude sah er Ellen dort. Sie erkannte ihn sofort wieder und nickte ihm freundlich zu, als er auf dem Weg zu seiner Bank im vorderen Teil der Kirche an ihr vorbeiging.

Auch diesmal konnte er sich nicht auf Pastor Fullers Betrachtungen konzentrieren. Ellen saß im allgemeinen Teil der Kirche. Ständig drehte er den Kopf und sah zu ihrem Platz. Wann immer sie seinen Blick traf, lächelte sie.

Meine Güte, ist sie hübsch, dachte er, und entdeckte zu seiner Verwunderung zum ersten Mal in seinem Leben, dass auch mittelalte Menschen schön sein können.

Jack hatte Glück. Er hatte hinterher noch etwas vor der Kirche rumgehangen und mit Ralph Miller gesprochen, obwohl es schneite und es kalt auf der Straße war. Ralph hatte das neue Budget für die Gemeindehausrenovierung besprechen wollen und Jack hatte interessiert zugehört. Ellen war nach dem Gottesdienst ebenfalls dageblieben, um sich Pastor Fuller und seiner Frau vorzustellen.

Als Jack sich von Ralph verabschiedete und sein Auto aufschloss, kam Ellen aus der Kirche. Er sah sie auf der glatten Treppe ausrutschen und hinfallen.

Jack reagierte blitzschnell und rannte zu ihr, um ihr aufzuhelfen. Sie konnte kaum auf ihren Fuß auftreten und er bot ihr sofort an, sie zu fahren. Er erfuhr, dass Ellen unverheiratet war und als Lehrerin arbeitete. Eine Woche später lud er sie in ein kleines italienisches Restaurant ein.

Es zeigte sich, dass Ellen sehr gläubig war. Ihr Mangel an Respekt für seine Position faszinierte ihn. Es war ihr komplett egal, dass er steinreich war. Sie interessierte sich vielmehr für ihn als Person – und für seine Kinder. Jack verfiel ihr haltlos.

Drei Monate später machte er ihr einen Antrag und sie sagte ja.

Jacks Religiosität war echt. Für ihn war das Treffen mit Ellen ein Zeichen des Herrn. Er spürte ein inneres Glühen, das er noch nie zuvor gekannt hatte. Sein neuer Zustand beeinflusste alles, was er tat, auch die Arbeit. Nicht so sehr, dass er seine oft ziemlich brüsken Geschäftsmethoden änderte, aber es schien, dass jetzt alles eine neue, fast heilige Bedeutung bekam. Er hatte eine christliche Pflicht.

Etwa eine Woche später wurde Lennart mitten in der Nacht von einem Anruf von Jack geweckt, der nicht an den Zeitunterschied gedacht hatte. Es gab diverse Dinge, die er besprechen wollte, und zwar so schnell wie möglich. Ob Lennart vielleicht nach New York kommen könnte? Ja, das konnte er.

Die beiden Männer hatten sich zwei Tage lang intensiv bei Jack zu Hause unterhalten. Lennart hatte zum ersten Mal Jacks neue Frau Ellen getroffen. Sie war tief gläubig und vor dem Essen wurde gebetet. Sie war die vierte Ehefrau und hatte Jack verändert, wie Lennart auffiel. Jack hatte eine neue Einstellung zur Welt. Am ersten Tag war alles noch recht formell gewesen und sie hatten sich über ein paar Vorstandsberichte von einer von Jacks Firmen unterhalten. Jack wollte Lennart in einem weiteren Vorstand haben, aber Lennart hatte dankend abgelehnt. Stattdessen hatte er selbst ein paar schnittige Ideen vorgeschlagen, die er in die Welt entlassen wollte.

Am zweiten Tag ging es um Jacks Grübeleien. Lennart war klar, dass sie der Hauptgrund waren, warum Jack ihn hatte treffen wollen. Geduldig hatte er seinem alten Freund zugehört, als er sich ausließ über seine Zukunftsangst, die Ausbreitung des Bösen und darüber, wie die Leader der Welt die Gefahren ignorierten, weil sie diplomatisch und politisch handeln mussten.

Im Großen und Ganzen teilte Lennart die Ängste seines Freundes, aber er stimmte ihm nicht zu, dass die Hauptursache im fehlenden Glauben an Gott lag. Ebenso wenig sah er sich als Werkzeug in Gottes Hand.

Lennart Waldenström war die neue Religiosität von Jack fremd. Er erkannte seinen Freund aus Kindertagen kaum wieder. Zwar war Jack immer konservativ gewesen, aber damals, während des Kalten Krieges, hatten sie gemeinsam über die paranoiden Übertreibungen der McCarthy-Ära lachen können. Jetzt hatte sich Jacks Konservatismus zu einem in der Öffentlichkeit fast lästigen Kommunistenhass ausgewachsen.

Lennart hatte ein Ticket für einen SAS Jumbo Richtung Stockholm-Arlanda gebucht und Jack wollte mit seiner privaten Boeing 747 auf Geschäftsreise nach Panama. Mit ihnen im Auto saß ein Mann, dessen Aufgabe Lennart nicht ganz klar war. Als er sich als Mr Norris vorstellte, hatte er geglaubt, dass er ein Geschäftsführer in einer von Jacks vielen Firmen war, aber dann hatte er herausgehört, dass er offenbar für die Regierung arbeitete. Dieser fast zwei Meter große Mann, der immer so aussah, als würde er lächeln, würde mit Jack nach Panama reisen. Er saß neben dem Fahrer und beteiligte sich nicht an der Unterhaltung auf der Rückbank.

„Dieser Kommunist schubst uns schon seit Vietnam nur herum!“, sagte Jack. Sein Gesicht hatte eine leicht pinke Färbung angenommen und die von der Brille vergrößerten Augen fixierten Lennart. „Ich mache mir seinetwegen Sorgen. Es heißt, dass er die nächste Wahl verlieren wird. Dann will man ihn in die UN holen. Viele wollen ihn dort haben. Das ist nicht gut. Viele machen sich Sorgen, ja, haben regelrecht Angst, Lenny.“

„Ich weiß“, sagte Lennart. „Zu Hause hält man auch nicht viel von ihm. Alle wollen ihn loswerden. Vielleicht verschwindet er mit der nächsten Wahl und dann bekommen wir sicher eine firmenfreundlichere Regierung, aber – und das ist das Hauptproblem – sie wird schwächer sein. Die Kurse werden fallen. Und am Tag drauf findet er sich sicher in der internationalen Arena wieder, wie du auch meinst.“

„Das wäre eine Katastrophe. Ich hoffe, du verstehst, wie ernst wir das nehmen – unsere Interessen in Südamerika werden darunter leiden. Und unsere Geschäfte, Lenny. Die Geschäftsbeziehungen zwischen den USA und Schweden werden leiden. Sprich mit deinen Leuten. Was sagen die? Ihr sollt wissen, dass wir hinter euch stehen. Wir stehen euch so lange wie möglich zur Seite. Wir … du musst versuchen, eine Lösung zu finden!“

Jack verstummte und trommelte mit den Fingern auf der Autotür herum.

Lennart lehnte sich gedankenverloren in den geräumigen Rücksitz der Limousine zurück und zündete sich einen Zigarillo an. Durchs Fenster sah er, dass sie das Zentrum hinter sich gelassen hatten und sich auf dem Highway befanden.

„Ich habe keine Ahnung, wie ausgerechnet ich eine Lösung finden soll“, sagte Lennart schließlich.

„Ich wünschte, du hättest so viel Gottvertrauen wie ich. Dann könntest du deinen Kummer in Gottes Hände legen.“

Jack lehnte sich vor und klopfte ihm leicht auf den Arm. Er lächelte mild. Die blauen Augen hinter den absurd vergrößernden Gläsern sahen ihn treu an. In dem Moment konnte Lennart nicht sagen, ob Jack nur so tat oder ob es ihm ernst war.

„Du stehst mir näher als meine Schwester, Lenny“, sagte Jack feierlich. „Wir beide haben so viel zusammen erlebt. Wir müssen auf unsere Freundschaft achtgeben.“

Lennart Waldenström verabschiedete sich am Eingang. Pallon würde mit dem Auto zum Privatterminal weiterfahren.

„Ich hoffe, du bist mit meinen Vorstandsleuten zufrieden“, sagte Lennart.

„Davon bin ich überzeugt“, sagte Jack. „Grüße an Anna-Lisa! Ach, und Lenny – das, worüber wir gesprochen haben … ruf mich an und erzähl mir, wie es läuft. Lass mich wissen, was für eine Lösung du findest.“

„Klar“, antwortete Lennart. Er war sich überhaupt nicht darüber im Klaren, welche Lösung von ihm erwartet wurde, aber er würde wie versprochen mit seinen Freunden sprechen. Er beugte sich zu dem dunkelblauen Samsonite-Koffer herunter, den der Chauffeur ihm vor die Füße gestellt hatte, aber Bertram Norris kam ihm zuvor:

„Lassen Sie mich den Koffer nehmen“, sagte er und hob ihn hilfsbereit hoch. Seine ebenmäßigen, weißen Zähne formten ein verbindliches Lächeln.

„Danke, aber das ist nicht nötig, Sie müssen doch weiter!“, protestierte Lennart.

„So eilig ist es nicht. Lass dir von Bert helfen. Ich warte im Auto“, sagte Jack und scheuchte sie mit der Hand weg. Er blieb stehen und sah zu, wie die beiden Männer in der Abflughalle verschwanden, ehe er sich wieder ins Auto setzte.

Lennart ist ein kluger Mann, dachte er zufrieden, wenn er Zeit zum Nachdenken hat, findet er sicher eine Lösung.

Waldenström nahm die Brieftasche mit den Tickets aus der Innentasche und sah sich nach dem Check-In um, sobald er die automatischen Türen passiert hatte.

„Es ist der Tresen da hinten“, sagte Norris und zeigte auf ein SAS-Schild fünfundzwanzig Meter weiter, ohne dass Lennart ihn gefragt hatte.

„Danke“, lachte Lennart. „Ich hatte ihn nicht gesehen.“

Er fühlte sich von Norris‘ aufgedrängter Hilfsbereitschaft leicht bedrängt und fragte sie, wie schnell er ihn loswerden konnte, ohne unhöflich zu sein.

„Ich glaube, jetzt komme ich alleine klar“, setzte er an.

Aber Norris unterbrach ihn mit leiser, verbindlicher Stimme:

„Mr Waldenström, kann ich ein paar private Worte mit Ihnen wechseln?“

Lennart, der sich gerade seinen Koffer hatte schnappen wollen, den Norris abgestellt hatte, hielt verwundert inne. „Ja, natürlich?“

„Es betrifft Ihr Problem …“

„Mein Problem?“

„Ja, das, worüber Sie und Mr Pallon im Auto gesprochen haben. Ich kann Ihnen einen Uhrmacher in Zürich empfehlen.“

Waldenström verstand nicht, was Norris andeuten wollte, aber das unbehagliche Gefühl in ihm drin wuchs. Er sah ihn abwartend an.

„Wie bitte?“

Norris warf einen unauffälligen Blick durch die Halle und beugte sich ein Stückchen näher an ihn heran. Lennart roch sein teures Rasierwasser, das er zu ausgiebig benutzte.

„Der Uhrmacher kann Ihnen helfen … in Kontakt mit Spezialisten zu kommen. Eine spezielle Art von Handwerkern.“

„Ich verstehe Sie nicht“, sagte Lennart. „Wofür sollte ich Spezialisten benötigen?“

„Um unmögliche Probleme endgültig zu lösen!“, fuhr Norris geduldig fort.

Er betonte das Wort „unmöglich“ und sah in Lennarts gespannte Augen.

„Sie meinen …?“ Lennart ließ die Frage in der Luft hängen. Was er dachte, konnte er unmöglich aussprechen. Es war zu erschreckend. Unruhig sah er sich um.

„Ja! Nichts ist unmöglich!“, sagte Norris und grinste so breit wie ein Schuljunge. „Sehen Sie mal!“

Er zog eine Visitenkarte hervor und gab sie Lennart. Auf der maschinengeschriebenen Karte stand „14 Bahnhofstrasse, Zürich“. Lennart drehte sie um. Keine Telefonnummer, kein Name. Er sah Norris fragend an.

„Werden Sie sich an die Adresse erinnern?“, fragte er.

„Bahnhofstrasse 14, ja klar, ich kenne Zürich ganz gut.“

Norris nahm den Zettel und steckte ihn sich wieder in die Brusttasche.

„Gut. Über der Tür steht ‚Uhr und Optik‘. Der Uhrmacher ist um die sechzig, oben Glatze, weiße Haare an der Seite, man kann sich nicht irren. Arbeitet allein im Laden. Bestellen Sie eine Uhr namens ‚Clockwork tide‘.“

„‘Clockwork tide‘?“

Norris nickte.

„Ja. Sagen Sie, dass ein Tiefseetaucher ihn empfohlen hat.“

„Tiefseetaucher?“, sagte Lennart und kam sich blöd vor, weil er jedes Wort des Amerikaners wiederholte.

Norris nickte erneut, aber vermutlich sah Lennart skeptisch aus, denn Norris wurde plötzlich ernst und sagte mit gewissem Nachdruck:

„Geben Sie dort keine Details preis. Hinterlassen Sie einen versiegelten Brief. Der Uhrmacher sorgt dafür, dass der Spezialist ihn bekommt. Mit dem treffen Sie dann Ihre Abmachung. Und noch etwas: Gehen Sie nicht selbst hin. Bitten Sie jemand anderen darum. Je weniger die Person mit Ihnen zu tun hat, desto besser.“

„Verstehe“, sagte Lennart unsicher. „Danke für die Erklärung.“

„Keine Ursache!“, sagte Norris abrupt und streckte die Hand aus. „Und jetzt vergessen wir dieses Gespräch!“

Sein Händeschütteln war hart, amerikanisch und maskulin, und es fühlte sich so an, als wollte er jeden einzelnen Knochen in der Gegenhand brechen.

Homophob, dachte Lennart. Ein Land voller heimlicher Schwuler. Er mochte Mr. Norris nicht und fragte sich, wie Jack es mit ihm aushielt.

„Grüßen Sie Schweden!“, sagte Norris mit einem wolfsgleichen Grinsen, als sich die Flügeltüren hinter Lennart schlossen.

3.

Er hatte viele Namen – aber keiner war der richtige.

Vor einem knappen halben Jahr war er in Südafrika Dennis Clayton gewesen. Ein Jahr früher hatte er in Italien Marcello Capotti geheißen. Richard Miller, Paul Fischer, David Silbermann, François Munot … so viele Namen wie Aufträge.

Sein offizieller Name war Ray Lambert, auch gefühlsmäßig. Den benutzte er nie im Zusammenhang mit Aufträgen. Dieser Name war seine Zuflucht und musste sauber bleiben. Nur äußerst wenige Personen kannten ihn unter diesem Namen und wussten, womit er sein Geld verdiente.

Aber hinter all dem gab es noch einen Namen, den niemand außer ihm kannte. Seine echte Identität, sein erster Name, der seit 23 Jahren auf einem Grabstein in Angola verwitterte, von der Welt vergessen. Der Name, den niemand mehr aussprach. Der echte Name.

Er wurde 1931 als Oliver Bendini in Montreal in Kanada geboren. Seine Eltern hießen Emma und Simon Bendini. Sein Vater war ein angesehener und erfolgreicher Anwalt. Sein Vater fand freilich, dass er noch erfolgreicher gewesen wäre, hätte er keinen italienischen Hintergrund gehabt. Ständig stellte er verbittert fest, dass die richtig reichen Mandanten sich an anglo-sächsische Anwälte wendeten. Trotzdem ermutigte er seinen einzigen Sohn, dieselbe Laufbahn einzuschlagen. Er ermutigte ihn nicht nur, er verlangte es von ihm.

Seine Schulzeit verbrachte Oliver komplett im Internat. Keine andere Ausbildung war gut genug für Simon Bendinis Sohn. Nach der bestandenen Prüfung sollte Oliver umgehend in der trotz allem sehr gut aufgestellten Firma seines Vaters anfangen. Zuerst hatte er kategorisch abgelehnt, wurde dann aber von seiner Mutter überredet. Ihr konnte er nicht widerstehen.

Olivers Vater fand, dass man ganz unten anfangen sollte, wie er es selbst getan hatte. Dann sollte man sich Schritt für Schritt zu der Position hocharbeiten, die man verdiente. Der Vater prägte seinem Sohn gründlich ein, nie etwas als selbstverständlich hinzunehmen, vor allem nicht die Zukunft der Firma. Nur, wenn sein Sohn sich auf die Hinterbeine stellte und seine Arbeitsaufträge mit angemessenem Respekt und Bescheidenheit ausführte, konnte er damit rechnen, in die Gemeinschaft des Büros aufgenommen zu werden. Es würde nicht ohne harte Arbeit funktionieren, falls er das glauben sollte.

Olivers Vater ließ ihn Routinearbeiten ausführen, die Oliver langweilten. Die anderen Angestellten im Büro grinsten heimlich und waren zufrieden, dass der Sohn des Chefs keine Sonderbehandlung bekam.

Aber Oliver musste sich nicht lange in diesem aufgezwungenen Beruf bemühen. An einem frühen Novembermorgen 1955 veränderte sich das Leben der Familie Bendini.

Oliver hasste seinen Vater nicht. Dafür kannte er ihn gar nicht gut genug. Aber er liebt seine Mutter.

Olivers Mutter war Lehrerin. An diesem Morgen fuhr sie wie immer mit ihrem gelben Volkswagen zur Schule. Wie immer war sie spät dran und wie immer fuhr sie viel zu schnell. Ein paar hundert Meter vom Haus entfernt näherte sich seine Mutter der großen Kreuzung, wo der Weg die Hauptstraße zum Stadtzentrum kreuzte. Sehr rechtzeitig sah sie den großen, schweren Laster, der von links kam, und fuhr langsamer. Doch als sie auf die Bremse trat, um den Laster vorbeifahren zu lassen, bemerkte sie, wie glatt es war. In der vorherigen Nacht war der Eismeerwind über Nordkanada geweht und hatte alle Straßen in Glatteis verwandelt. Das Auto fuhr mit unverminderter Geschwindigkeit weiter, trotz blockierter Reifen, genau auf die Kreuzung zu. Und rutschte unter den Lastwagen.

Der Laster fuhr nach dem Zusammenstoß ebenfalls noch hundertfünfzig Meter weiter auf der spiegelglatten Straße, ehe der Fahrer ihn zum Halten bringen konnte. Der kleine Volkswagen Käfer war unter dem riesigen Truck zusammengedrückt und mitgeschleift worden. Es dauerte eine Stunde, ihn herauszuschneiden und den toten Körper von Olivers Mutter zu bergen.

Erst nach ihrem Tod wurde Oliver wirklich bewusst, wie viel seine Mutter seinem Vater bedeutet hatte. Sein Vater brach komplett zusammen und ertränkte seine Sorgen im Alkohol. Als die Nachricht von ihrem Unfall kam, weinte er zwölf Stunden lang und betrank sich dann hemmungslos. Am nächsten Tag trank er weiter. Und am nächsten. Und am nächsten. Er wurde nie wieder nüchtern.

Mit der Anwaltskanzlei ging es bergab. Simon Bendini war kaum dort, und wenn er doch auftauchte, war er betrunken. Die besten Mitarbeiter kündigten und die Mandanten blieben schnell weg.

Oliver ging nicht mehr zur Arbeit und niemand sagte etwas dazu.

Sechs Monate dauerte der Verfall, dann ging die zuvor so renommierte Kanzlei in Konkurs. Am Abend der Konkursanmeldung erschoss sich Simon Bendini durch den Mund mit einer Pistole. Oliver fand ihn einige Tage später im Wohnzimmer des Hauses.

Oliver floh vor allem, was mit Jura und der Vergangenheit zu tun hatte. Er hatte keinerlei Verwandte. Nichts hielt ihn zurück und er zog von Montreal nach Québec, wo er dem Militär beitrat.

Oliver mochte das Militärleben. Voller verzweifelter Energie vollzog er das harte physische Training. Seine Vorgesetzten waren beeindruckt und legten ihm eindringlich die Offiziersausbildung nahe. Das passte ihm hervorragend. Seine Begabung und sein Enthusiasmus führten ihn zu glorreichen Erfolgen. Nach sechs Monaten war er Hauptmann.

Aber seine Unruhe und seine Abenteuerlust trieben ihn weiter. Mit dreißig Jahren sah er diese Phase seines Lebens als abgeschlossen an und verließ das Militär. Er verkaufte die wenigen Dinge, die er noch besaß, und verließ Kanada für immer.

Oliver ließ jedoch nicht das militärische Leben hinter sich, denn das war neben Jura die einzige Ausbildung, die er hatte. Ein Leben als Jurist oder Kaufmann interessierte ihn nicht. Stattdessen fuhr er nach Afrika, wo er sich als Söldner in Angola anheuern ließ. Dort war ein regelrechter Freiheitskrieg ausgebrochen und die portugiesische Kolonialmacht versuchte mit allen Mitteln, den Aufstand zu ersticken. Oliver wurde als Hauptmann eingestellt und bekam die Befehlshoheit über eine größtenteils internationale Kompanie der portugiesischen Armee.

In Afrika wurde er zum Mörder.

Und zu Ray Lambert.

Als Oliver nach Angola kam, war er noch nie im Krieg gewesen und hatte noch nie einen Menschen getötet, obwohl er sechs Jahre lang Berufssoldat gewesen war. Aber in Afrika verlor er seine Unschuld. Als Soldat war Oliver furchtlos und legte oft eine Waghalsigkeit an den Tag, die an Todesverachtung grenzte. Er stand all dem Leiden um sich herum vollkommen eiskalt und indifferent gegenüber. Das führte dazu, dass ein Major in seinem Bataillon auf ihn aufmerksam wurde.

Oliver wurde eines Tages mit zwei anderen Befehlshabern – einem englischen Fähnrich und einem deutschen Sergeant aus der gleichen Kompanie – zu Major de Macedos Expedition beordert. Als sie sein Büro betraten, schickte der Major sofort seinen Adjutanten raus. Er wartete, bis er die Tür hinter sich geschlossen hatte und wandte sich an die drei Männer.

„Ich möchte klarstellen, dass nichts, das in diesem Raum gesagt wird, weitergesagt wird. Verstanden?“

Er machte eine kurze Pause und sah sie an. Sie nickten.

Der Major nahm eine Zigarette aus dem Aschenbecher auf seinem Tisch. Plötzlich streckte er überraschend die Zigarettenschachtel zu den Männern und bot ihnen eine Zigarette an. Diese informelle Geste überrumpelte sie.

„Es geht um etwas, das außerhalb des normalen Diensts liegt“, fuhr er mit seiner Erklärung fort und zündete ihre Zigaretten an. „Darum kann ich Ihre Mitarbeit nicht anordnen, aber Sie werden es nicht bereuen. Ich habe Sie gut studiert und bin zu dem Schluss gekommen, dass Sie sehr gut dafür geeignet sind.“

Es ging darum, einen Mord an einem korrupten, hohen Bediensteten in der portugiesischen Verwaltung auszuführen. Ein Bediensteter, der ein politisches Risiko darstellte.

Aber es würde sich zeigen, dass der Grund kein politischer war.

Der Major wusste, dass Dr. António Campos, wie der Mann hieß, zu Hause ein kleines Vermögen verwahrte. Geld, an das er nicht mit sauberen Händen gekommen war.

Es war regelrecht ein rücksichtsloser Raubmord, den Major de Macedo geplant hatte und bei dem er sie dabeihaben wollte. Aber das sagte er nicht so direkt. Aber sie waren lang genug dabei, um es zu verstehen, doch auch sie sagten nichts, nicht einmal untereinander. Der Major würde beim Coup selbst dabei sein und die Belohnung würde reichlich sein. Vielleicht zehntausend Dollar pro Person. Auch daran waren sie gewöhnt. Wenn es bei einem Auftrag etwas zu plündern gab, taten sie es, aber es waren nie derartig hohe Summen.

Für Geld zu töten war den drei Söldnern nicht fremd. Und es war nicht schwer, sie zu überreden.

Das Haus stand auf einem Hügel am Rande des hippen Teils von Luanda. Es stand allein am Ende einer schwach beleuchteten Allee, in der sämtliche Häuser von ummauerten Gärten umgeben waren. Die ganze Gegend war geprägt von belaubtem, künstlich bewässerten Grün, im krassen Gegensatz zu den übrigen Teilen der Stadt und der ausgetrockneten Umgebung.

Das Haus war bewacht. Eine Wache stand am Tor, die andere patrouillierte auf dem Gelände. Der Major glaubte, dass sich im Haus eine dritte Wache befinden könnte.

Die Männer hatten den vom Regiment geliehenen Militärjeep in einer anderen Straße fünfhundert Meter entfernt geparkt. Während Major de Macedo im Auto wartete, verschwanden die drei Söldner Richtung Villa in der Dunkelheit. Oliver schlich sich hinter die Balustrade an der Auffahrt und näherte sich in ihrem Schutz dem Tor. Die Wache stand an einen Steinpfosten gelehnt im Tor unter einer Lampe. Es war viel zu hell. Oliver wartete ab. Nach einer Weile ging die Wache aus der Einfahrt raus und Oliver duckte sich ans Geländer. Er hörte Schritte in der Nähe. Es knirschte im Kies, dann wurde es still. Er lag still da und hörte, wie ein Streichholz angestrichen wurde, dann roch er Zigarettenrauch. Vorsichtig linste er über die Kante und sah gegen die Laterne die Silhouette des Mannes, der ein paar Meter von ihm entfernt rauchte. Er befand sich außerhalb des Lampenscheins im Dunkeln. Oliver spürte das Adrenalin durch seinen Körper pumpen – wie krabbelnde Ameisen an den Armen entlang bis zu den Fingerspitzen. Er wartete, bis die Wache ihm den Rücken zudrehte.

Im selben Augenblick sprang er über das Geländer, sprintete zu dem Mann und hielt ihm von hinten mit der linken Hand den Mund zu. Gleichzeitig hieb er ihm mit der anderen Hand das Bajonett schräg nach oben in den Brustkorb. Der Mann sank augenblicklich zusammen und Oliver zog ihn unter das Geländer. Oliver bemühte sich um eine ruhige Atmung. Das Blut rauschte durch seinen Körper und das vibrierende Geräusch an den Ohren und Schläfen war ohrenbetäubend. Wie in einem Stummfilm sah er seine zwei Kameraden über die Balustrade in den Garten rennen. Sein Kopf war leer. Reflexartig verließ er das Geländer und rannte hinter ihnen her.

Im Garten teilten sie sich auf und näherten sich dem Haus leise aus verschiedenen Richtungen. An der Garage entdeckte der englische Fähnrich eine Bewegung vor der weißen Mauer: Wache Nummer zwei saß in einem Gartenstuhl, die Hände überm Bauch gefaltet, die Füße gemütlich auf einen Tisch gelegt. Neben ihm lag sein Gewehr im Gras.

Diese Wache wachte nie wieder auf.

Der Fähnrich erwürgte den Mann schnell und effektvoll mit einer Klaviersaite. Er hob den leblosen Körper in die Büsche. Ein schwaches Rascheln der Zweige war der einzige Laut, der von der ganzen Operation zu hören war.

Die Tür zur Küche war unverschlossen. Die Männer drangen in die Villa ein. Im Haus war keine weitere Wache, sodass sie ungehindert durchs schlafende Haus die Treppe hoch zu Dr. Campos Schlafzimmer gelangten.

Der Bedienstete wachte davon aus, dass der Deutsche ihm grob eine Hand auf den Mund legte und ihm eine Pistole zwischen die Augen drückte. Der Schreck stand ihm in den Augen, aber er sah ein, dass es idiotisch wäre, herumzuschreien. Der Deutsche setzte ihn auf und sagte leise auf Portugiesisch:

„Zeig uns, wo das Geld ist.“

„Nicht schießen“, bat Dr. Campos. Er schwitzte stark und versuchte sich unter dem Pistolenlauf herauszuwinden, den der Sergeant fest gegen seine Wange drückte. Leise und ohne Widerstand wies er ihnen den Weg ins Arbeitszimmer. Dort ging er zum Schreibtisch und beugte sich vor, um eine Schublade aufzuziehen.

„Lass das!“ Der Fähnrich ging schnell einen Schritt vor und schubste ihn unsanft zurück.

„Aber da liegt der Schlüssel“, sagte Dr. Campos.

Der Fähnrich öffnete die Schreibtischschublade. Tatsächlich lag dort der Tresorschlüssel – aber daneben lag ein Revolver. Triumphierend hielt er die Waffe hoch und grinste Dr. Campos höhnisch an.

„An den hatten Sie natürlich nicht gedacht, oder?“

Der Sergeant drückte den zitternden Mann in einen Stuhl. Er hob die Pistole, bis sie auf seinen Brustkorb zeigte, genau auf Dr. Campos pochendes Herz. Oliver begriff, dass der Sergeant ihn erschießen wollte. Er griff nach seinem Arm:

„Warte. Noch haben wir das Geld nicht.“

Seine Sorge war berechtigt. Der Tresor barg fast nur Aktien und ein paar Brieftaschen, ein Schmucketui und eine Geldkasse. In ihr lag zwar Bargeld, Escudos in einem Gesamtwert von etwa 5000 Dollar, aber das war weit unter der erwarteten Summe.

„Wo ist der Rest?“, fragte Oliver.

„Das ist alles“, antwortete Dr. Campos. „Warum sollte es noch mehr geben?“

Die Soldaten sahen einander an. Sie hatten nicht mehr viel Zeit und der Major hatte nichts von mehreren Verstecken gesagt. Alle drei hatten sie Erfahrung damit, Informationen aus Feinden zu bekommen, aber die Zeit ließ keine raffinierten Foltermethoden zu.

Oliver ging zur Toilette und holte ein Handtuch, während die beiden anderen den Bediensteten am Stuhl festbanden. Oliver drückte das Handtuch grob in den Schlund des verschreckten Mannes. Er zog seine schwere Armeepistole, die mit einem Schalldämpfer versehen war, und lud durch. Die Augen des Mannes weiteten sich und er versuchte, etwas zu sagen. Aber durch das Handtuch drang nur ein leises Wiehern.

Oliver setzte die Pistole auf Dr. Campus Kniescheibe und drückte ab. Die Knieschiebe wurde vollständig zerstört und das Schlafanzugbein wurde von Blut durchtränkt. Der Mann versuchte zu schreien, aber der Stoff im Mund hinderte ihn daran. Oliver schlug ihn mit der offenen Hand ins Gesicht. Endlich beruhigte er sich. Als er nur noch leise wimmerte, entfernte Oliver ihm das Handtuch. Er griff dem Mann in die Haare und drückte seinen Kopf gegen die Stuhllehne.

„Hinterm Schrank“, stöhnte Dr. Campos fast unhörbar. Oliver bemerkte, dass er vom Schock zitterte. Der Mann war kurz davor, sein Bewusstsein zu verlieren.

Der Sergeant und der Fähnrich halfen dabei, den großen Archivschrank von der Wand abzurücken. Auf der Rückseite war eine flache Dose festgeschraubt. Sie hatte kein Schloss. Als der Fähnrich den Deckel abnahm, regneten amerikanische Dollarnoten und englische Pfund in Bündeln auf den Boden.

Im selben Augenblick schoss Oliver eine Kugel durch Dr. Campos‘ Kopf. Er tat es fast aus Reflex und war selbst vom blutigen Ergebnis überrascht.

Irgendwo im Haus hörten sie einen Mann rufen. Dann hörte man schnelle Schritte die Treppe hocheilen. Die Tür glitt auf und der einzige Diener im Haus, ein junger Schwarzer, betrat das Zimmer. Er blieb ziellos stehen und starrte verwirrt auf seinen toten Arbeitgeber. Er sah Oliver und den Sergeant, die daneben standen, aber nicht den Fähnrich, ehe der ihm die Klaviersaite über den Kopf geworfen und ihn erdrosselt hatte.

Major de Macedo wartete nicht im Auto. Der Jeep war leer, als sie zurückkamen. Sobald sie sich ins Auto setzten, fiel der erste Schuss. Der Fähnrich wurde sofort getroffen und fiel in sich zusammen. Der Sergeant riss ihn vom Steuer weg, kletterte über den Körper und setzte sich auf den Fahrersitz. Er spürte ein Stechen in der Seite und fluchte auf Deutsch, bekam aber den Motor an. Mit kreischenden Rädern fuhr er vom Maschinengewehrfeuer weg, das dröhnend in die Panzerung einschlug. Oliver duckte sich auf der Rückbank. Während das Auto immer schneller davonfuhr, feuerte er ein paar zufällige Schüsse auf die Soldaten ab, die hinter ihnen herliefen.

Sie begriffen, dass der Major sie reingelegt hatte. Oliver war überzeugt, dass de Macedo selbst die Einheit leitete, die sie überfallen hatte. Natürlich wollte er ans Geld, das jetzt in einer Tasche auf dem Jeepboden lag.

Oliver und der Sergeant hatten einen kleinen Vorsprung. Die Militärpolizei hatte niemals damit gerechnet, dass sie den Überfall überleben würden. Die Polizisten verloren wertvolle Zeit, als sie zu ihren Fahrzeugen zurücklaufen mussten. Ehe sie die Jagd aufnehmen konnten, war der Jeep bereits zur Hauptstraße gelangt, die aus der Stadt in Richtung Savanne führte.

Es war unmöglich, zur Militärbasis zurückzukehren. Sie fuhren in die entgegengesetzte Richtung. Wenn sie es aus der Stadt herausschafften, bestand die Chance, sich verstecken zu können.

Die Straßenbeleuchtung hörte auf und die afrikanische Nacht umschloss sie mit einer kompakten Dunkelheit. Zu dieser Zeit war kaum Verkehr und Oliver spähte nach hinten. Er rechnete in jedem Augenblick damit, dass die Scheinwerfer der Verfolger aufleuchteten.

Der Sergeant war von einer Kugel in die Seite getroffen worden und blutete stark, aber das Adrenalin hielt ihn aufrecht. Mit zusammengebissenen Zähnen fuhr er das Auto so schnell er konnte. Aber je mehr die Spannung nachließ, desto schneller verließen ihn die Kräfte.

„Du musst übernehmen“, sagte er zu Oliver.

Er fuhr langsamer und steuerte an den Seitenstreifen, aber ehe er das Auto anhalten konnte, verlor er das Bewusstsein und es kam von der Straße ab. Der Jeep fuhr in einen Graben und überschlug sich.

Nachdem er im Auto herumgeworfen worden war, hatte Oliver nur ein paar Schrammen und Schmerzen im linken Bein. Als er herauskroch, konnte er nur noch feststellen, dass seine beiden Kameraden tot waren. Der Sergeant war nicht an seiner Schusswunde, sondern am Genickbruch durch den Unfall gestorben. Oliver nahm die Tasche mit dem Geld vom Rücksitz und roch Benzin. Der Tank war beschädigt und Benzin rann ins Gras.

Oliver spähte in die Dunkelheit und sah in der Ferne sich nähernde Scheinwerfer. Fast automatisch suchte er in der Hosentasche nach Streichhölzern. Er holte die Schachtel hervor und trat ein paar Schritte vom Auto weg. Dann zündete er ein Streichholz an und warf es ins Autowrack. Das Feuer flammte sofort auf und er rannte zu einem Wäldchen. Als er den ersten Baum erreichte, explodierte das Auto hinter ihm und er spürte die heiße Druckwelle am ganzen Körper.

Er blieb stehen und sah sich um. Das Auto stand komplett in Flammen. Brennende Teile fielen auf das umgebende Gras, das sich ebenfalls entzünden würde. Die näherkommenden Autos auf der Straße waren noch einen Kilometer weit weg, aber es bestand kein Zweifel, dass sie die Explosion gesehen haben mussten.

Mit der Tasche, in der sich 43000 Dollar befanden, verschwand Oliver in der Dunkelheit.

Als die Militärpolizei am Unglücksort ankam, nahm Major de Macedo an, dass alle drei in den Flammen umgekommen waren und dass das Geld mit ihnen verbrannt war. Resigniert kehrte er nach Hause zurück. Aber am nächsten Tag erfuhr er, dass man nur zwei zerfetzte, verkohlte Leichen in den Autoresten gefunden hatte. Sofort vermutete er, dass der dritte Mann mit dem Geld verschwunden war. Er wusste nur nicht, welcher es war. Die Identifizierung der Leichen war schwierig und unsicher, aber schließlich sah es so aus, als ob Oliver Bendini fehlte.

Doch es kam nie zu einer Suchmeldung: Einen Tag später bekam de Macedo die Mitteilung, dass ein uniformierter Weißer etwa einen Kilometer vom Unfallort tot aufgefunden worden war. Die Leiche war von wilden Tieren zerfetzt worden, aber das Aussehen stimmte mit Bendinis Kennzeichen überein und seine Papiere steckten in der Uniformtasche. Geld wurde jedoch nicht gefunden.

Major de Macedo ließ die Leiche zur Kaserne bringen und auf dem dortigen Soldatenfriedhof beerdigen. Oliver Bendini wurde aus den Solddateien entfernt und man teilte den kanadischen Behörden mit, dass er bei einem Autounfall gestorben war.

Zwei Wochen später checkte er in einem Hotel in Tanger ein. Er trug sich als Ray Lambert ein, dessen Identität er übernommen hatte und mit dessen Pass er sich auswies.

Oliver hatte den jungen Büroangestellten acht Monate zuvor in einer Hafenkneipe kennengelernt. Die beiden Männer hatten sich zufällig getroffen und bemerkt, dass sie viele Gemeinsamkeiten hatten.

Als Oliver das erste Mal in der Kneipe war, hatte der Bartender ihn für den anderen gehalten und ihn Ray genannt. Als der echte Ray Lambert kurz darauf durch die Tür trat, klärte sich das Missverständnis auf und Ray lud Oliver auf ein Getränk ein. Sie lachten über die Verwechslung und stellten fest, dass sie sich tatsächlich ziemlich ähnlich sahen.

Es gab noch mehr Gemeinsamkeiten. Sie waren etwa gleich alt und genau wie Oliver hatte Ray keine Angehörigen. Er war Engländer, obwohl er in Afrika geboren worden war und den Kontinent nie verlassen hatte. Aber sein Vater war Engländer und war als junger Mann in die Kolonien gereist, um dort als Bediensteter Karriere zu machen – was gut funktionieren konnte, wenn man die richtigen Kontakte hatte und nicht aus der falschen sozialen Klasse kam. Sein Vater hatte eine Portugiesin geheiratet und war auf dem schwarzen Kontinent geblieben und hatte fast dreißig Jahre in der tropischen Hitze verbracht, wobei er ständig davon träumte, eines Tages mit der Familie ins kalte und regnerische Yorkshire zurückzukehren und sich dort ein Haus mit Garten zu kaufen. Aber die Mutter war an Malaria gestorben und sein Vater war in eine Straßenbaustelle gerast, ohne sein Heimatland je wiedergesehen zu haben.

Ray war ihr einziger Sohn und war nach Angola gezogen, um als Büroangestellter bei einer englischen Handelsfirma in Luanda zu arbeiten. Wegen der angespannten politischen Lage würde die Firma, in der er fünf Jahre gearbeitet hatte, nun ihr Büro in dem Land schließen. Ray dachte darüber nach, endlich die Reise in das Land anzutreten, das er noch nie gesehen hatte, das aber dennoch sein Land war.

Er wohnte ganz in der Nähe der Kneipe im Hafenviertel, wo Oliver ihn getroffen hatte. Sie hatten sich häufiger getroffen, wenn Oliver Ausgang hatte, und Ray hatte ihm die Stadt gezeigt. Manchmal hatten sie ein Bordell besucht, wo man Ray kannte und er eine Art Rabatt bekam. Aber man konnte nicht sagen, dass sie enge Freunde waren. Beiden fiel es schwer, ins Leben zu finden. Beide waren introvertiert. Auch darin waren sie sich ähnlich.

Zu Ray Lambert flüchtete Oliver nach dem Raub.

Diesen Mord zählte er als seinen ersten. Er hatte schon zuvor viele umgebracht, aber das war im Kampf oder um Rache zu üben. Immer im Zusammenhang mit seinem Dienst. Es waren Schwarze gewesen, mit denen ihn nichts verband. Die einzigen Weißen, die er getötet hatte, waren Dr. Campos und seine Torwache, aber die zählte er auch nicht. Die Morde waren nicht auf die gleiche Weise kalkuliert wie dieser.

Die Geschehnisse hatten ihn zu dem gemacht, der er war. Wie ein Geburtsprozess, dachte er sich. Eine Reinkarnation. Er hatte Oliver Bendini ermordet und war zu Ray Lambert geworden.

Er hatte ihn erschossen und ihm seine Uniform angezogen. In seine Taschen hatte er ihm seinen alten, verschlissenen Führerschein und seinen Ausweis gesteckt.

Ray Lambert hatte einen kleinen Fiat. Mit der Leiche unter einer Decke auf dem Rücksitz war er in der folgenden Nacht zur Unfallstelle zurückgefahren. Anderthalb Kilometer entfernt, in der Nähe einer Farm, hatte er die Leiche in einen Graben geworfen und war zurückgefahren.

Früh am nächsten Morgen verließ er Luanda mit zwei Reisetaschen voller Klamotten, die ihm tatsächlich perfekt passten.

Im Büro von Barnville & Clayton Shipping Co. stellte man fest, dass Ray eine Woche früher aufgehört hatte, als man angenommen hatte. Da die Hälfte des Personals die Firma bereits verlassen hatte, gab es Probleme mit der Inventur, aber sein nächster Chef, Mr Samuelson, kreidete es ihm nicht an. Lambert war jung und alle hatten ihren Teil beigetragen. Hätte er selbst einen besseren Job gefunden oder die Möglichkeit gehabt, früher zu gehen, hätte Mr Samuelson dasselbe getan. Es gab nichts Deprimierenderes, als hinter sich aufräumen zu müssen.

Niemand würde in Angola nach Ray Lambert fragen und niemand wartete irgendwo anders auf ihn.

4.

Der Staatsminister hatte ein Lunchmeeting in Rosenbad mit einigen seiner nächsten Mitarbeiter. Abgesehen von den zwei Staatsekretären, Göran Jonsson aus der Finanzministerium und Lena Utter aus seiner eigenen Staatskanzlei, waren Finanzminister Gunnar Ek und Parteisekretär Stig Gustafsson anwesend.

Der Staatsminister wollte an seinen engsten Vertrauten ein paar neue Ideen ausprobieren. Vor allem zwei Dinge ließen ihm keine Ruhe. Einerseits das in seinen Augen ungerechte System der privaten Rentenfonds und andererseits das kapitalistische Bankensystem, das eher wie ein Staat im Staat funktionierte. Es war ungünstig, dass die Staatsmacht so wenig Einsicht in die wichtigsten Zahnräder der gemischten Wirtschaftsordnung hatte.

Was das private Rentensystem betraf, hatte er einen radikalen Vorschlag: Die Rentenerträge sollten auf dieselbe Weise versteuert werden wie die Kapitalerträge. Er fand nicht, dass es einen Grund gab, Abzüge beim Rentensparen zuzulassen, weder privat, noch in Firmen. Das staatliche Rentenzuschuss-System deckte den Teil bereits ab. Warum sollten diejenigen, die bereits auf Kosten der Steuerzahler bevorzugt waren, die Möglichkeit eines so viel besser gestellten hohen Alters haben als der Rest der Bevölkerung, dem diese Möglichkeit überhaupt nicht offenstand?

Der Staatsminister hatte bereits aufgegessen und seinen Teller von sich geschoben. Sein Enthusiasmus ließ nicht nach, als der Finanzminister ihn leise fragte, ob Protestschreie aus den anderen Parteien kommen würden. Dem Staatsminister war es vollkommen egal, wie die bürgerlichen Parteien reagieren würden. Er war überzeugt, dass der Mehrheit der Bevölkerung der Vorschlag gefallen würde. Außerdem war er sich der hundertprozentigen Unterstützung von den Kommunisten sicher. Und selbstverständlich würde man mit der Besteuerung nicht umgehend beginnen. Es würde sukzessive in einem Zeitraum von fünf Jahren geschehen. Er hatte bereits mit dem Sozialminister und dem Außenminister über den Vorschlag gesprochen. Beide hatten sehr positiv reagiert.

„Du solltest dich über diesen ordentlichen Zuschuss zur Staatskasse echt freuen, Gunnar“, sagte der Staatsminister fröhlich.

Der Finanzminister Gunnar Ek starrte auf seinen Teller mit dem halb gegessenen Schweinekotelett. Er piekte mit der Gabel in eine Kartoffel, die mittlerweile zu kalt zum Essen war. Er fand den Vorschlag vom Staatsminister überhaupt nicht gut, aber jetzt war nicht der Zeitpunkt zum Diskutieren. Der Staatsminister war sehr empfindlich bei Kritik, wenn andere Personen anwesend waren. Dann würde es ihm nur noch wichtiger werden und er würde entweder sauer werden oder seine Mission so lange fortführen, bis ihm alle zustimmten. Der Finanzminister beschloss zu schweigen und das Thema bei einer anderen Gelegenheit wieder aufzunehmen, wenn sie allein waren.

Beim Spaziergang zurück zum Finanzministerium legte Gunnar Ek Staatssekretär Göran Jonsson seine Gefühle dar. Auch der hatte keine rechte Lust, die Rentenfonds zu besteuern. Zumal er selbst inzwischen eine stattliche Summe angespart hatte. Er hatte beim Essen auf die Schnelle im Kopf ausgerechnet, dass sein eigenes besteuerbares Vermögen statt bescheidenen 600000 Kronen fast 4,8 Millionen betragen würde – und dass seine Steuer um weitere mehrere Zehntausend Kronen pro Jahr steigen würde. Und nicht nur das: Dem Staatsminister würde die Offenlegung eines solchen Privatvermögens überhaupt nicht gefallen. Das war alles überhaupt nicht gut.

Waldenström hatte eine große, weiße, dreistöckige Villa in Djursholm an der Grenze von Stockholm. Das Haus war wunderschön, mit einer großen Veranda, die auf den gepflegten Park mit dem englischen Rasen hinausging, der sich bis zum Wasser erstreckte. Unten am Steg lag normalerweise Lennarts Cigarette-Racerboot im Bootshaus. Aber nun war Winter und es lag noch immer Eis auf dem See, der das Wasser daran hinderte, stimmungsvoll an den Steg zu plätschern. Das Haus und vor allem seine Umgebung sahen im Sommer am besten aus.

Der Park wurde, ebenso wie das Haus, von einem einzigen Mann gepflegt: Evert Jakobsson, der als Familieninstitution bereits seit fast 35 Jahren angestellt war. Evert war schlicht und ergreifend unverzichtbar. Anna-Lisa Waldenström pflegte zu sagen, dass man ohne ihn die Djurholmsvilla auch einfach abreißen könnte. Er wohnte unten in der Dienstbotenwohnung an der Rückseite des Hauses. Der Rest der Villa stand die meiste Zeit leer. Die Herrschaften Waldenström selbst wohnten, seit auch das jüngste Kind ausgezogen war, in ihrer Wohnung auf Östermalm und benutzten die Villa nur bei besonderen Einladungen.

Wenn eine solche Einladung stattfand, war es Everts Aufgabe, sich um die Arrangements zu kümmern und die Köchin und den Kellner herzubeordern. Seit fünfzehn Jahren waren es immer dieselben: Ebba Johansson und Kjell Ekberg. Wenn weiteres Personal gebraucht wurde, kümmerte sich Evert auch darum, schnell und effektiv. Mit den Jahren hatte er ausgezeichnete Kontakte mit den besten Hotels und Restaurants in Stockholm aufgebaut. Sie standen immer kurzfristig zur Verfügung, wenn es nötig war. Waldenström war ein Name, der nicht nur bei den Banken gut funktionierte.

Es verlieh Sicherheit, dass die Bediensteten fast immer dieselben waren, zuverlässige Leute aus renommierten und bekannten Lokalitäten.

Außerdem war das Personal von der Sicherheitspolizei geprüft. Bevor sie ihren Dienst antraten, mussten sie eine absolute Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen. Das war für die Sicherheit entscheidend. In der Villa trafen sich hohe Staatsleute und Politiker mit den Spitzen der Wirtschaft, und oft wurde über Milliardengeschäfte diskutiert oder sie wurden abgeschlossen. Evert hatte selbst Präsidenten gesehen, die Verträge unterschrieben, bei denen es um Summen ging, die in der Höhe des Bruttosozialprodukts eines kleineren Landes lagen.

In diesem Haus wurden große Geheimnisse gelüftet. Industriespione und Paparazzi mussten auf Abstand gehalten werden. Gar nicht zu reden von Drohungen von Terroristengruppen. Das Grundstück war daher mit einem umfassenden Alarmsystem ausgestattet. Empfindliche Sensoren auf hohen Stahlpfeilern, die im regelmäßigen Abstand an der Innenseite des hohen Zauns platziert waren, machten es unmöglich, sich uneingeladen und unbemerkt zur Villa zu begeben, ohne den Alarm auszulösen.

Das Abendessen, das an einem Donnerstag im Februar stattfinden sollte, war jedoch von anderer Natur. Weder Sicherheitswachen noch ein Alarmsystem waren notwendig. Es war eine ganz private Veranstaltung für Waldenströms enge Freunde und Kollegen. Dennoch würde dieses Treffen eine große Bedeutung haben – zumindest indirekt.

Drei Tage zuvor hatte Evert Jakobsson telefonisch mitgeteilt bekommen, dass das Ehepaar Waldenström am nächsten Donnerstagabend einige gute Freunde zum Abendessen einladen würde. Es handle sich um acht Gäste und sie würden um sechs Uhr ankommen. Anna-Lisa Waldenström würde jedoch früher kommen, bereits um vier, um persönlich die letzten Vorbereitungen zu überwachen.

Evert Jakobsson hatte sofort Ebba Johansson angerufen, die umgehend zusagte. Der Kellner Kjell Ekberg hatte ebenfalls Zeit. Mehr Bedienstete würden nicht vonnöten sein.

Auf der großen, mit Fenstern ausgestatteten Veranda stand ein Esstisch aus Birnenholz, den Lennart Waldenströms Vater Anfang der 20er-Jahre aus Argentinien nach Hause verschiffen lassen hatte. Wenn weniger als zehn Gäste kamen, ließ Frau Waldenström gern draußen auf der Veranda eindecken, auch im Winter. Es reichte ihr, kein Tischtuch aufzulegen, sondern die Teller auf Platzsets aus Leinen zu stellen, damit man die schöne Maserung des Birnenholzes sehen und bewundern konnte.

An diesem wunderschönen Tisch genossen die Gastgeber und ihre acht Gäste in Weißwein gebratene Seezunge, serviert mit Zitrone, fein geschnittenem Dill und gedünsteten Kartoffeln. Die Köchin hatte sich selbst übertroffen.

Der Salat bestand aus Tomaten mit Knoblauch, bestreut mit fein gehackter Petersilie in einer Vinaigrette, die Anna-Lisa selbst zubereitet und eine Stunde vor dem Servieren vorsichtig über den Salat gegeben hatte. Zum warmen Gericht wurde ein kühler Chablis Grand Cru serviert sowie importiertes Tafelwasser ohne Kohlensäure.

Neben Herrn und Frau Waldenström, die jeweils am kurzen Ende des Tisches saßen, nahmen Erik Dritz und seine Frau Karin an dem Essen teil. Erik war CEO in einer der zahlreichen Firmen des Konzerns in der Zellulosebranche. Seit über dreißig Jahren war er ein treuer Angestellter. Er war von Lennart direkt nach seinem Studium der Volkswirtschaft angestellt worden, um sich im Konzern weiterzubilden.

Erik Dritz hatte Lennart Waldenström immer unterstützt, auch als dessen Ansehen im Familienkonzern ganz unten gewesen war. Er war es auch gewesen, der am Schluss dafür gesorgt hatte, dass Vater und Sohn sich wieder versöhnten. Lennart hatte das nicht vergessen und Erik war seit vielen Jahren sein nächster Vertrauter.

Vilhelm und Greta Sundberg arbeiteten beide bei der Bank. Greta seit fünfzehn Jahren in der Kreditabteilung, Vilhelm seit siebzehn Jahren als Chef der Südregionen Schwedens. Vilhelm war der geborene Banker. Es lag ihm im Blut. Zwar hatte er seine Karriere bei einer Konkurrenzbank begonnen, aber der alte Waldenström, der eine Nase für Talente hatte, hatte den begabten Jüngling mit dem breiten Lächeln entdeckt und ihn schon früh in die Familienbank gelockt. Vilhelm verband Charme mit einer eiskalten Analysefähigkeit und vollkommener Skrupellosigkeit. Eigenschaften, die für seine Position passten wie ein Deckel auf den Topf.

Links von Anna-Lisa saß der mittlerweile pensionierte Oberst Sune Gren. Gegenüber, an der Seite von Vilhelm, saß Sunes Frau Lilian. Die beiden waren alte und enge Freunde der Waldenströms und besaßen den Nachbargrund in Östermalm.

Der ebenfalls pensionierte Weißwarendirektor Bo-Erik Svanström und seine Frau Eva machten die Einladungsliste komplett. Bo-Erik, der nach fünfundvierzig Jahren im Konzern noch immer genauso neugierig und voller Ideen war wie zu seiner aktiven Zeit, war inzwischen Lennarts persönlicher Ratgeber. In der Elektronikbranche war er noch immer seiner Zeit weit voraus und hatte offenbar gute internationale Kontakte, besonders nach Asien.

Beim Essen drehte sich das Gespräch vor allem um Privates. Bo-Erik Svanström erzählte von ihrem Haus auf Dalarö, das er und seine Frau Eva jetzt bauen und einrichten wollten, sodass man dort den Großteil des Jahres wohnen konnte.

„Ich habe in der Stadt kaum noch etwas zu schaffen“, erklärte er.

„Aber gibt es da draußen wirklich alles, was man braucht?“, fragte Anna-Lisa.

„Man kann ja ins Einkaufszentrum gehen, wenn man einmal pro Woche in die Stadt fährt“, sagte Frau Svanström loyal, aber mit etwas weniger Enthusiasmus. Sie wusste, dass sie die Gesellschaft ihrer Freundinnen vermissen würde. Ihre privaten Kaffeekränzchen und den täglichen Besuch im Einkaufszentrum.

Die Herren beschwerten sich über die Steuererhöhungen, die die Mitbürger vollkommen unnötig zwangen, ihre Steuerzahlungen zu planen, was der Reichsteuerkasse jede Menge unnötiger Arbeit einbrachte.

„Das ist wahrscheinlich genau das, was sie vorhatten. Arbeit zu schaffen. Und Gott weiß, dass ich ordentlich zu der Arbeit beitrage!“, sagte Erik Dritz mit übertriebenem Ernst und brachte alle um den Tisch herum zum Lachen.

Der treue Diener Evert Jakobsson spazierte durch den Park zum Bootshaus. Der Himmel über der Stadt in der Ferne war hell, aber hier draußen glitzerten die Sterne auf dem samtschwarzen Winterhimmel. Die Dunkelheit umgab ihn vollkommen, da kein Schnee auf dem Boden lag. Ich sollte die Beleuchtung anmachen, dachte er. Das mache ich, wenn ich zum Haus zurückkomme.

Auf dem Steg zündete er sich eine Pfeife an. Er sah zum Haus hoch, wo die Veranda wie die Kommandobrücke eines Schiffs in der Dunkelheit leuchtete. Drinnen sah es warm und gemütlich aus. Durch das Fenster sah er, wie der alte Oberst eine Dankesrede hielt und alle auf die Gastgeberin anstießen. Eingeschlossen in eine Glaskuppel.

Wie ein Aquarium, dachte er.

Nach dem Essen zogen sich die fünf Herren in die Bibliothek zurück, um Zigarre zu rauchen und Cognac zu trinken. Eine alte, konservative Sitte, die man gern pflegte. Als die Frauen bereits anfingen, die letzten Neuigkeiten über ihre Kinder und Enkelkinder zu erzählen, schloss Lennart Waldenström die Tür zur Bibliothek. Er hatte bereits angekündigt, dass er sich nach dem Essen eine Zusammenkunft wünschte. Nein, Zusammenkunft war zu viel gesagt, eher ein gemeinsames Gespräch. Er wollte über ein Problem sprechen.

Als er die Türen geschlossen hatte, sahen ihn alle fragend an. Er sah in ihre Augen und dachte für einen Moment, dass er vielleicht voreilig gewesen war.

„Ich möchte über ein Problem sprechen, das uns alle betrifft“, hub er an. „Ich habe neulich mit Vilhelm gesprochen, und … ja, du kannst ja vielleicht selber erzählen, was du über die Pläne der Regierung gehört hast, Vilhelm.“

Lennart setzte sich zu den anderen an den Rauchertisch und hob sein Cognacglas, während Vilhelm Sundberg darlegte, was er im Flugzeug nach Kopenhagen gehört hatte.

Er hatte zufällig neben Göran Jonsson gesessen, dem Staatssekretär vom Finanzministerium. Dieser hatte erzählt, dass die Regierung Pläne hatte, die private Rentenversicherung zu besteuern. Jedenfalls war das im Gespräch. Außerdem gab es ernste Überlegungen, dass Bankenwesen zum Teil zu verstaatlichen. Halbprivat, hieß es.

„Laut Göran Jonsson ist dies ein Vorschlag vom Staatsminister selber“, sagte Vilhelm. „Mehreren in der Regierung gefällt der Gedanke. In einem Monat wollen sie die Frage ernsthaft aufnehmen. Der Staatsminister hat offenbar schon einen seiner engsten Mitarbeiter damit beauftragt, die Eckdaten zusammenzutragen.“

„Der Mann wird uns ruinieren“, sagte Erik Dritz aufgebracht. „Er ist eine Gefahr für die ganze Nation!“

„Wenn er gegen die Banken loszieht, ist hier Krieg!“

Die Stimmung um den Tisch war erregt. Die sonst so beherrschten Männer unterbrachen sich gegenseitig. Lennart sah ihnen gedankenverloren zu und schnitt mit einem Taschenmesser die Spitze einer Zigarre ab.

„Es hängt an uns“, sagte er schließlich.

Die anderen vier verstummten und sahen ihn fragend an. Lennart zündete sich sorgfältig seine Zigarre an. Nachdenklich nahm er einen Schluck aus dem Cognacschwenker und ließ das weiche Getränk durch seinen Mund rollen, ehe er fortfuhr:

„Wir müssen uns fragen, wie wir seinen Weitergang aufhalten können. Es geht nicht nur um uns. Er ist auch ein internationales Problem, das muss uns klar sein. Auch im Ausland ist man besorgt. Wir haben eine Verantwortung. Wir müssen handeln.“

Die Männer sahen sich über den Tisch an. Sie unterstützten ja bereits mit ansehnlichen Beträgen Kräfte, die unter normalen Umständen einen Regierungswechsel zustande bringen könnten. Was sollte man noch tun?

„Hat er keine Schwächen?“, fragte Bo-Erik Svanström. „Gibt es kein Chappaquiddick, oder wie das heißt, das einen echten Skandal in Gang setzen kann und ihn vom Schemel stößt?

„Ja, das fragt man sich. Warum finden die Zeitungen nichts?“, murmelte der alte Oberst. „Der Typ ist ja wohl kein Heiliger? Die Reporter finden doch sonst überall irgendeinen Mist. Aber ihm halten sie den Rücken frei.“

In der folgenden halben Stunde diskutierten die fünf Männer über das Problem. Sie brachten einen unrealistischen Vorschlag nach dem anderen hervor und waren frustriert, dass sich mit Geld nicht alles kaufen ließ. Sie kamen nicht einmal in die Nähe einer Lösung.

Lennart Waldenström blieb bei der Diskussion merkwürdig passiv, obwohl er sie ausgelöst hatte. Mehr und mehr sah er ein, dass die endgültige Lösung des Problems nie besprochen werden würde. Und er war sich im Klaren darüber, dass er diese Verantwortung nicht teilen konnte. Es war ein Fehler gewesen, die Sache seinen Freunden gegenüber anzusprechen.

Er war fast erleichtert, als ihr Treffen durch Anna-Lisa unterbrochen wurde, die ihren Kopf durch die Tür steckte und mitteilte, dass sie nun Bridge spielen wollten.

Um elf Uhr am Abend gingen die letzten Gäste. Eine Viertelstunde später verließen die Gastgeber das Haus und begaben sich nach Hause in ihre Stadtwohnung. Lennart Waldenström hatte früh am nächsten Morgen ein Meeting und es wäre unpraktisch gewesen, im Haus zu übernachten.

Gegen Mitternacht war das Geschirr gewaschen und weggeräumt, und die Küche glänzte so sauber wie zuvor. Ebba Johansson und Kjell Ekberg sagten Evert Jakobsson gute Nacht. Er machte hinter ihnen das Licht aus und stellte den Alarm an, ehe er in seine Wohnung ging.

Lennart Waldenström konnte nicht schlafen. Er dachte an die Zukunft. An seine Kinder. Nur zwei seiner sieben Kinder arbeiteten im Konzern. Die anderen fünf hatten sich so weit wie es nur ging von der Bank- und Handelswelt entfernt. Es ist ironisch, dachte er, dass ich ein Kind habe, das Journalist ist, eins Vorschullehrer, eins, das Rockmusikerin werden will und zwei, die Medizin studieren. Gewiss war ihre Zukunft gesichert. Sie hatten alle große Privatvermögen, die er in sicheren Wertpapieren angelegt hatte. Aber dann? Die nächste Generation und die danach?

Er dachte an seinen Freund Jack Pallon, der ihn immer öfter anrief. Das letzte Mal vor einer Woche. Diesmal war es um eine Rede gegangen, die der schwedische Staatsminister vor der UN-Generalversammlung gehalten hatte. Sein Freund war außer sich gewesen.

Jacks Unruhe war gerechtfertigt, daran bestand kein Zweifel. Und er wusste, was sein Freund von ihm erwartete. Jack hätte niemals gezögert, das war sicher. Für Jack wäre das ein heiliger Krieg gegen das Böse. Eine gerechtfertigte Sache. Er erinnerte sich, wie sein Freund davon erzählt hatte, dass er erfolgreich Feinde aus dem Weg geschafft hatte, die seine Existenz in Südamerika bedroht hatten.

„Es geht ums Überleben, Lenny. Entweder die oder wir“, hatte er gesagt.

Lennart Waldenström fasste in dieser Nacht einen endgültigen Beschluss. Das Abendessen hatte ihn davon überzeugt, dass es seine Verantwortung war. Allein.

Es würde sehr viel Geld kosten. Geld, das er vielleicht verlieren würde. Aber so setzte er nur das eigene Geld aufs Spiel, nicht das von anderen. Der Gedanke fühlte sich gut an.

5.

Der große Elchbulle kam hinten am Waldrand aus dem Nebel. Ein kurzes Zögern am Zaun, dann schritt er majestätisch direkt vor ihm über die Wiese.

Roger Nyman hielt den Atem an. Er saß auf dem Axtblock vor der Scheune. Wenn er sich nicht bewegte, bestand die Möglichkeit, dass er mit dem Holzstapel hinter seinem Rücken verschmelzen würde und der Elch ihn nicht entdeckte. Es war fast windstill, aber Roger spürte einen schwachen Hauch von Norden. Der Wind kam ihm entgegen, der Elch konnte seine Witterung nicht aufnehmen.

So nah war er einem lebenden Elch noch nie gewesen. Er griff nach dem Gewehrkolben. Typisch, dachte er. Fünf Elchjagden hintereinander, ohne überhaupt einen Elch zu sehen. Es waren immer die anderen im Jagdteam, die die zugeteilten Tiere schossen. Und nun saß er allein hier, zur falschen Zeit und mit dem falschen Gewehr und durfte nicht schießen. Das Gesetz ließ keine Elchjagd im Februar zu – und wenn doch, was sollte er dann mit einer für die Hasenjagd gedachten Schrotflinte ausrichten? Das wäre nur ein Schreckschuss.

Der Elch bewegte sich grazil zum großen Apfelbaum, der etwa zehn Meter von Roger entfernt stand. Es knirschte unter den Hufen. Roger nahm an, dass der Elch Rinde essen oder gefrorenes Fallobst aus dem Schnee holen wollte.

Roger spürte ein Kratzen im Hals und musste sich räuspern. Er schluckte und kämpfte gegen den Hustenreflex an. Hielt die Luft an. Der Elch würde ihn sowieso jede Sekunde entdecken, aber er wollte das Erlebnis so lange wie möglich in die Länge ziehen.

Weit weg auf der anderen Seite des Sees hörte man ein Motorfahrzeug. Der Elch richtete sich auf und drehte Roger den Kopf zu. Sie starrten einander an. Die Augen des Tieres waren groß und braun. Der Bulle witterte in seine Richtung. Er saß wie erstarrt da und wagte nicht einmal zu blinzeln. Doch dann musste er doch Luft holen und im selben Moment kam der Husten. Der Elch war innerhalb von Sekunden weg.

Roger hustete und sah dem Tier keuchend nach. Er fluchte leise vor sich hin und spuckte in den Schnee. Das war jedenfalls etwas, wovon er zu Hause erzählen würde. Schade nur, dass er die Kamera nicht dabeigehabt hatte. Wenn er schnell gewesen wäre, hätte er vielleicht ein Foto vom Elchhinterteil machen können, ehe es zwischen den Bäumen verschwand. Jetzt würde ihm niemand glauben. Ja, klar, würden sie grinsen. Jagdgeschichten.

Roger legte das Gewehr weg und holte die Thermoskanne hervor. Er füllte den Becher mit dampfendem Kaffee und kramte das Butterbrotpäckchen aus dem Rucksack. Mettwurst und Käse, stellte er fest, als er die Plastikfolie abgewickelt hatte und sah, was Gun ihm mitgegeben hatte. Es sollte kaltes Schweinefleisch auf dem Brot liegen, dachte er, das passte am besten zur Jagd an einem kalten Wintertag. Er erinnerte sich an Skiausflüge, die er mit seinem Vater und seinem Bruder unternommen hatte. Die Mutter hatte die Thermoskannen mit heißer Schokolade gefüllt und dicke Brotscheiben mit Fleisch belegt. Essen für richtige Kerle.

Über dem See hatte der Himmel einen grünlichen Ton bekommen. Es war nach eins.

Er saß schon seit anderthalb Stunden auf seiner Unterlage und ihm wurde langsam kalt. Einmal hatte er an dieser Stelle gesessen und das Glück gehabt, einen Rehbock zu schießen. Er war in der Dämmerung durch den Gemüsegarten getippelt und hatte das Grundstück unterhalb der Hütte durchquert. Er hatte das Gewehr parat gehabt und sie hatten ihre Gefriertruhe auffüllen können.

Aber jetzt war weder für Rehe noch für Elche Jagdzeit und er hatte keine große Hoffnung, einen Hasen zu schießen. Eigentlich war er deswegen auch gar nicht hergekommen. Er wollte allein sein und nachdenken. Stalltorp war dafür der beste Ort. Er entspannte sich immer, sobald er die kleine rote Kaserne am See erreichte. Sommers wie winters, mit Familie oder ohne. Es war ein Ort der Kontemplation. Er kaute sein Wurstbrot, trank den Kaffee und genoss die Stille und die Einsamkeit.

Er musste zu einer neuen Situation auf der Arbeit Stellung beziehen. Seit mehr als zehn Jahren arbeitete als Ermittler. Er war es unglaublich leid, jeden Abend im Auto vor den Mietkasernen zu sitzen und darauf zu warten, dass vielleicht ein Verdächtiger aus einer Tür kommen würde. Oder stundenlang einem mutmaßlichen Handlanger zu folgen, um herauszufinden, ob er Hasch verkaufte und wenn ja, wem. Er war es leid, lange, ausführliche Berichte über jedes unwichtige Detail zu schreiben, das er erlebt hatte. Roger hatte das starke Bedürfnis, etwas anderes zu tun. Außerdem brauchte er ein besseres Einkommen.

Mit zwei Kindern und einer Frau ohne Arbeit waren ihre Ersparnisse am Boden. Das Haus verschluckte jeden Öre – und nicht einmal das reichte: Vor einigen Monaten musste er Geld von seinen alten Eltern leihen, damit es weitergehen konnte. Das Gehalt als Polizist war nicht hoch und es gab keinerlei Möglichkeiten für Extraeinkünfte.

Die Wirtschaftspolizei hatte intern eine Stelle ausgeschrieben, auf die er sich beworben hatte. Es war eine Art Beförderung mit höherem Gehalt, und nach dem Bewerbungsgespräch begriff er, dass er die Stelle bekommen würde. Aber jetzt hatte er Zweifel.

Einige Tage zuvor hatte Roger der Beisetzung eines Kollegen auf dem Waldfriedhof in Enskede beigewohnt. Als sich die Begräbnisgäste vor der Kapelle von der trauernden Familie verabschiedeten, war plötzlich ein Mann an seiner Seite aufgetaucht.

„Das ist vielleicht nicht der beste Moment, aber da wir uns jetzt ohnehin sehen, habe ich mich gefragt, ob ich vielleicht kurz mit Ihnen reden könnte?“, hatte der Mann mit leiser Stimme zu Roger gesagt. Der Mann, der einen eleganten dunklen Mantel mit Lederabsätzen am Kragen trug, hatte sich nicht vorgestellt, aber Roger kam er vage bekannt vor. Es bestand kein Zweifel daran, dass er ein Polizeibefehlshaber war. Sein ganzes Äußeres strahlte das aus.

Sie waren abseits an den Gräbern entlanggegangen. Roger hatte sich gefragt, was der Mann wohl von ihm wollte. Als sie ein Gräberfeld weiter weg waren, hatte der Mann diskret eine Hand ausgestreckt:

„Bernhard Lange. Wir haben uns glaube ich schon mal getroffen. Schade um Arvidsson. Ein guter Polizist! Haben Sie zusammengearbeitet?“

„Ja.“

„Die Besten gehen immer zuerst“, hatte Bernhard feierlich angehoben, war dann aber sofort davon abgekommen und wieder verstummt, zu sehr fiel ihm selbst auf, dass er nur Klischees bemühte. Er kannte den Toten nicht einmal persönlich und er hatte auch nicht zu seinen Untergebenen gehört.

Er strich sich über die dünnen, nach hinten gekämmten Haare und räusperte sich bemüht.

„Ja … naja, wir haben uns über die konkreten Aufgaben bei Ihrem neuen Job unterhalten“, war er mit einem ganz anderen Ton fortgefahren. „Und wir haben ein paar interessante Ideen. Können wir uns nächste Woche treffen, zum Beispiel am Montag? Um zehn?“

„Ja … klar, aber da habe ich Dienst.“

„Ich weiß, aber darum habe ich mich gekümmert, Sie haben grünes Licht!“

Roger hatte sich gewundert, aber Bernhard hatte bei dem Gedanken daran breit gegrinst, ein unpassendes, fast herzliches Lächeln.

„Dann sehen wir uns am Montag in der Cafeteria.“

Er hatte Roger auf die Schulter geklopft und war dann mit energischen Schritten zum Auto gegangen, das auf dem Weg zur Kapelle mit laufendem Motor gewartet hatte. Er fuhr nicht selbst – ein Privatchauffeur öffnete ihm die Tür.

„Kennst du Bernhard?“ Ein älterer Kollege, der in Uniform zur Beerdigung gekommen war, sah neugierig dem Auto hinterher, als es zwischen den Gräbern verschwand.

„Nein, aber ich wechsle in die Wirtschaftsabteilung, weißt du? Eine neue Seite aufschlagen, eine Veränderung …“

„Aber Bernhard ist doch kein Wirtschaftler, der ist doch Geheimdienst, verdammt noch mal. Er ist bei der Sicherheitspolizei!“, hatte der Kollege beeindruckt gesagt. „Fängst du da an?“

Das war es, was Roger bedrückte.

Vielleicht gab es gar keinen Job bei der Wirtschaftsabteilung. Vielleicht versuchte die Sicherheit so nur, an Leute ranzukommen, die interessant waren. Er wusste schon lange, dass man sich dort nicht bewerben konnte, sondern angeworben wurde. Und er war sich überhaupt nicht sicher, dass er bei denen arbeiten wollte. Er sah sich selbst nicht als Geheimagent, oder was man da nun genau war. Durch die Heimlichtuerei um die Abteilung entstanden Mythen. Aber das Geld war verlockend. Er hatte sich schlussendlich dazu entschieden, der Sache eine Chance zu geben.

Er steckte sein Essen wieder ein und machte sich fertig, um die dreißig Kilometer nach Stockholm zurückzufahren. Hasen würde es heute keinen geben. Aber er hatte einen Elch gesehen.

Es würden mehrere Monate seit dem Abendessen in der Villa in Djursholm vergehen, ehe Lennart Waldenström die Sache wirklich anging.

Viele Nächte lag er wach und dachte darüber nach, wie er mit der Information umgehen sollte, die er von Mr Norris in New York bekommen hatte. Er konnte schlecht selbst zum Uhrmacher in der Bahnhofstrasse 14 in Zürich tapsen, das war ihm klar. Norris hatte das deutlich betont: Sehen Sie zu, dass zwischen dem Kontaktmann und Ihnen so viel Abstand wie möglich liegt, am besten über mehrere Ecken.

Am besten sollte der Mittelsmann nicht wissen, worum es ging. Jedenfalls nicht, wer eliminiert werden sollte. Diese Information war allein dem Ausführenden vorbehalten.

Es müsste ein Brief sein, dachte er. Ein Brief, der nicht zurückverfolgt werden konnte, weder über die Schrift, noch über das Papier.

Eines Nachmittags war er in ein Antiquitätengeschäft gegangen. Es war ein reiner Impuls. Im Schaufenster stand eine alte, staubige Schreibmaschine, eine Halda aus den Fünfzigern. Er hatte sie für ein paar Hundert Kronen gekauft. Nun lag sie seit mehreren Wochen im Kofferraum seines Mercedes‘. Sie lag noch immer darin, als er mit Anna-Lisa in ihr Haus nach Öland fuhr, um dort Ostern zu feiern. Als sie die Reisetaschen einlud, hatte sie gefragt, was in dem Paket mit dem braunen Papier war, und er hatte geantwortet, dass es eine alte Schreibmaschine aus dem Büro war. Die Taschen hatten trotzdem genug Platz in dem großen Kofferraum und das Paket blieb dort liegen.

Lennart und Anna-Lisa Waldenström begingen Ostern in ihrem Ferienhaus, das groß, weiß und sehr gut in Schuss war. Ein schönes altes Haus, das seinerzeit von einem Grossisten aus Malmö gebaut worden war. Er war irgendwann Anfang der Zwanziger insolvent gewesen und die Bank hatte das Grundstück übernommen. Lennarts Vater hatte das Haus in Beschlag genommen und nun war es durchtränkt von Waldenström’scher Familientradition. Zwar war Lennart selbst nicht oft im Jahr dort, aber seine Frau Anna-Lisa lebte dort den ganzen Sommer über. Außerdem nutzten die Kinder und Enkelkinder das Haus häufig.

Aber an diesem Ostern waren sie allein. Lennart fühlte sich müde und verbraucht, er wollte niemanden treffen. Seine Frau und er gingen spazieren und saßen am Abend am Feuer. Zum ersten Mal seit Jahren konnten sie miteinander reden, ohne vom Telefon unterbrochen zu werden.

Am Karfreitag ging Anna-Lisa früh mit einem Buch ins Bett und Lennart blieb allein im Wohnzimmer sitzen. Als er am Abend zuvor in einer Schublade nach einem Kartenspiel gesucht hatte, fand er zufällig ein ungeöffnetes Paket Briefpapier und Umschläge, die er vor etwa zwanzig Jahren in London gekauft hatte. Sofort war ihm klar, dass er damit das Material hatte, das er brauchte – das man nicht zurückverfolgen konnte. In der Küche fand er eine Packung Gummihandschuhe aus dünnem Plastik. Er wollte schließlich auch keine Fingerabdrücke hinterlassen. Er schenkte sich einen Cognac ein, bevor er zum Auto ging und die Schreibmaschine holte.

Mitten in der Nacht setzte er sich ins Arbeitszimmer, um einen Brief an den Unbekannten zu schreiben, der das unmögliche Problem von ihm und seinesgleichen lösen sollte. Eine Tat, die nicht nur Schweden beeinflussen sollte, sondern vielleicht die ganze Welt. Eine Erlösertat.

Er dachte an seinen Freund Jack Pallon, der vor einer Woche angerufen und gefragt hatte, wie es mit ihrer Übereinkunft war. Übereinkunft, schnaubte Lennart, es gab überhaupt keine Übereinkunft. Er weigerte sich zuzugeben, dass das, was er jetzt tat, auf Jacks Konto ging. Es war ganz und gar sein eigener Beschluss und seine eigene Verantwortung. Aber das sagte er nicht zu Jack.

Jack hatte gefragt, ob er und Anna-Lisa nicht nach New York kommen und Ostern mit ihm und Ellen feiern wollten. Lennart hatte freundlich abgelehnt und es auf die Arbeit geschoben. Er konnte sich nur schwerlich vorstellen, die heiligsten religiösen Feiertage von allen in dem gottesfürchtigen Haus am Central Park zu verbringen. Mit einem Schaudern erinnerte er sich an die Tischgebete, als er das letzte Mal dort gewesen war. Wie würde das erst am Karfreitag aussehen? Jack hatte sich wirklich verändert. Er war nicht mehr wie in alten Zeiten.

Das Farbband der alten Halda war schlecht. Er musste oft denselben Buchstaben mehrfach anschlagen, damit es lesbar wurde. Er hatte den Text in seinem Kopf während zahlreicher schlafloser Nächte zurechtgeknetet und wusste jetzt ganz genau, was er schreiben wollte. Er schrieb auf Englisch. Es fiel ihm leicht, da er im Ausland gelebt und Englisch viele Jahre lang als Alltagssprache gehabt hatte.

Als er fertig war, las er den Text zweimal durch, faltete das Papier sorgfältig zusammen und steckte es in einen grauen Umschlag aus derselben Packung. Den Umschlag versteckte er im Lederfutter seines Dokumentenkoffers. Mit einem kleinen Tropfen Kleber befestigte er den Stoff, den er vom Innenleben gelöst hatte. Er war stolz auf seine umfangreichen Vorsichtsmaßnahmen.

Es dämmerte bereits, als er mit der Schreibmaschine unterm Arm zum Bootshaus ging. Am Tag zuvor hatte er seinen Besitz inspiziert und festgestellt, dass der Bauer, der sich um Grundstück und Haus kümmerte, das Ruderboot bereits zu Wasser gelassen hatte. Er schloss die Tür zum Bootshaus auf und setzte sich in das kleine, wacklige Boot. In der rosa Dämmerung ruderte er auf das spiegelglatte Wasser hinaus. Als er ein paar hundert Meter vom Land entfernt war, hob er die Schreibmaschine hoch und warf sie über Bord.

Am Montag nach Ostern war Erik Hellberg den ganzen Tag in nicht enden wollenden Bankmeetings. Er musste die Mittagspause ausfallen lassen und bemerkte, dass er trotzdem Überstunden machen musste. Er stand einer mit dem Waldenströmkonzern verbundenen Bankfiliale in Zürich vor und diese Tage nach Ostern schienen die hektischsten des Jahres zu werden.

Als er bei seiner Sekretärin reinsah und sie bat, ihm ein paar belegte Brote zu kaufen, die er im Büro essen konnte, gab sie ihm ein Fax, das gerade aus Stockholm gekommen war. Es war von Lennart Waldenström persönlich. Er wollte ihn in zwei Tagen in London treffen. Hellberg stöhnte. Er wusste, dass er am Mittwoch mindestens zwei weitere Meetings in Zürich hatte. Die Nachricht kam zu kurzfristig, aber als loyaler und gut bezahlter Mitarbeiter wusste er, dass Waldenströms Wunsch ihm Befehl war und ließ daher eine Bestätigung zurückfaxen. Seiner Sekretärin sagte er sofort Bescheid, seine Treffen so geschmeidig wie möglich umzubuchen.

Am Mittwoch fand sich Hellberg um Punkt drei an der Adresse in London Mayfair ein, 13 Bruton Street. Er war noch nicht einmal die Treppe zum Eingang hochgegangen, als ein Auto hupte. Er drehte sich um und sah Lennart Waldenström, der ihm vom Rücksitz eines Taxis zuwinkte.

Erik Hellberg sollte sich ins Auto setzen und es fuhr los. Er war sehr verdutzt, aber Waldenström tat nichts, um ihm den Grund des merkwürdigen Zusammentreffens zu verraten, so lange sie im Auto saßen. Das Londoner Taxi fuhr sie zum Regent’s Park. Sie stiegen an der Chester Road aus und gingen in dem Park spazieren. Es war kalt und feucht und der feine Nieselregen veranlasste sie, die Regenschirme mitzunehmen.

Sie gingen unter den Bäumen in dem fast menschenleeren Park entlang. Waldenström sagte, dass er sich ein privates Gespräch mit Hellberg wünschte. Es ging um etwas, das man nicht am Telefon besprechen konnte und er wollte aus unterschiedlichen Gründen nicht nach Zürich reisen. London passte ihm gut, da er dort noch weitere Verpflichtungen hatte. Er verschwendete keinen Gedanken daran, dass er Hellberg vielleicht Umstände bereitet hatte.

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her.

Es tropfte von den hohen Bäumen, die gerade ausschlugen. Der leise Frühlingsregen trommelte auf das gespannte Tuch der Regenschirme.

„Niemand darf wissen, dass wir uns getroffen haben“, sagte Waldenström plötzlich. „Darum wollte ich nicht, dass wir uns im Büro oder im Hotel treffen. Ich meine, sogar Restaurants sind ziemlich öffentlich. Man trifft dort dauernd Bekannte, nicht wahr?“

Erik Hellberg nickte. Er wurde immer verwirrter.

„Ich möchte, dass Sie mir einen persönlichen Gefallen tun, Erik“, fuhr Waldenström fort. „Einen sehr speziellen Gefallen, den ich nicht irgendwem anvertrauen würde. Aber es könnte gefährlich sein, das sollten Sie wissen, ehe Sie zusagen.“

Hellberg spürte ein starkes Unbehagen. Es war ihm vollkommen klar, dass er nicht wirklich eine Wahl hatte. Was würde passieren, wenn er sich weigerte? Er wagte nicht, an die Konsequenzen zu denken. Er konnte es sich nicht leisten, sich aufzulehnen, trotz seines ganzen Lebens in der Bankwelt. Vor ein paar Jahren hatte er seine Ersparnisse durch eine fatale Fehlinvestition verloren. Und er war überzeugt, dass Waldenström davon wusste.

„Sie können sich auf mich verlassen, Lennart“, sagte er. Wenn sie allein waren, ließ sein Chef es immer zu, dass man ihn beim Vornamen nannte.

Waldenström blieb stehen und versuchte einen Zigarillo anzuzünden. Er hatte Schwierigkeiten, gleichzeitig den Regenschirm zu halten. Hellberg streckte eine helfende Hand aus und hielt den Stock, während Lennart den Zigarillo anzündete.

„Danke“, sagte er und blies einen blauen Kringel in die Luft. „Haben Sie darüber nachgedacht, sich zurückzuziehen?“

Erik Hellberg spürte den Boden unter sich schwanken. Er lächelte unsicher.

„Erst in ein paar Jahren. Es ist ja auch eine Frage der ökonomischen Voraussetzungen.“

„Genau. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mitmachen, Erik. Das kann sich sehr für Sie lohnen. Sie werden dafür reich entlohnt.“

Lennart Waldenström bot Hellberg eine große Landfläche in Argentinien sowie eine Geldsumme an, die er niemals auf normale Weise selbst erwirtschaften konnte. Die Voraussetzung war, dass Erik den Konzern verließ und nach Argentinien auswanderte.

Hellberg schwindelte. Der Vorschlag klang unglaublich verlockend. Das einzige Problem war, dass seine Frau immer öfter darüber sprach, wieder nach Schweden zurückzuziehen. Sie hatte eine Schwester in Vetlanda. Ansonsten hatten sie keine Angehörigen mehr. Ihre eigene Tochter hatte vor mehr als zehn Jahren einen tödlichen Autounfall auf einer deutschen Autobahn gehabt. Ihre eigenen Eltern waren tot.

Die zwei Männer gelangten an den London Zoo. Dort drehten sie um und gingen wieder durch den Park zurück. Da hatte Hellberg bereits eine Lösung für das Problemchen gefunden, wie er seine Frau würde überreden können, nach Argentinien zu ziehen. Er hatte Waldenströms Vorschlag angenommen und dieser legte ihm nun den Auftrag dar.

Waldenström erzählte vom Uhrmacher in der Bahnhofstrasse 14 in Zürich und von dem Kontakt, der über ihn entstehen sollte. Er übergab Hellberg einen Umschlag. Der Umschlag enthielt zwei weitere: einen mit Geld für Hellbergs Ausgaben im Zusammenhang mit dem Auftrag und einen, den er dem Kontakt persönlich geben sollte. Hellberg sollte herausfinden, wie viel Geld er wollte und wie die Bezahlung vonstattengehen sollte. Wenn irgendetwas schief ging, sollte der Brief unverzüglich zerstört werden.

Waldenström insistierte, dass er größte Vorsicht walten lassen sollte, vielleicht wäre es gut, ein wenig Verwirrung zu stiften, dann wäre es schwieriger, die Spuren zu einem von ihnen zurückzuverfolgen, sollte es zum Schlimmsten kommen. Was das Schlimmste war, traute sich Hellberg nicht auszumalen, aber so, wie Waldenström sich ausdrückte, ging es darum, einer wichtigen, hohen Person in Schweden das Leben zu nehmen – und dass er den Kontakt mit dem Mörder aufnehmen sollte.

„Es darf keinerlei Verbindung zu mir geben. Sie sind dafür verantwortlich!“, sagte Waldenström und sah ihm in die Augen. „Ich werde jede Kenntnis leugnen.“

Hellberg nickte.

„Woher weiß ich, dass es der richtige Mann ist?“

„Er reagiert auf die Losung: ‚Let’s talk about roses‘ – lass uns über Rosen sprechen“, sagte Waldenström mit einem nach innen gekehrten Lächeln.

Hellberg hatte Angst, aber er hatte keine Wahl. In der nächsten Zeit würde er oft Trost in dem Gedanken an eine wirtschaftlich unabhängige Zukunft in Lateinamerika suchen.

6.

Der Uhrmacher kam aus einem Hinterzimmer in den Laden, als die Türglocke klingelte. Er sah aus wie die Parodie eines alten Uhrmachers, mit Brillengläsern wie Flaschenböden, die seine Augen doppelt so groß aussehen ließen. Er hatte einen leichten Buckel vom ständigen Beugen über kleine Zahnräder. Mit seinen karierten Filzpantoffeln schlurfte er zum Tresen und lächelte Hellberg freundlich an, der sich nervös im Laden umsah. Der Laden war winzig und wirkte fast klaustrophobisch. Die Wände, die mit unzähligen tickenden antiken Uhren vollhingen, waren in Zigarrenduft getränkt.

„Guten Tag. Vielleicht können Sie mir helfen“, begann Hellberg. „Ich suche eine Uhr … eine besondere Uhr … das Modell heißt ‚Clockwork tide‘.“

„‘Clockwork tide‘? Ist das eine englische Uhr?“, fragte der Uhrmacher, ohne weiter zu reagieren. „Sind Sie sicher, dass die Uhr so hieß?“

Hellberg war verunsichert. War er am falschen Ort? Kurzzeitig bekam er Panik. Die Angst vor allen möglichen Konsequenzen durchzog ihn.

„Vielleicht haben Sie eine Empfehlung?“, hörte er den Uhrmacher fragen.

Er sammelte sich. Wovor hatte er Angst? Er hatte nichts Verdächtiges getan. Er war in einen Laden gegangen und hatte nach einer Uhr gefragt, von der er zufällig gehört hatte. Er räusperte sich und schluckte.

„Ja“, sagte er. „Ein Freund, der Tiefseetaucher ist, hat sie empfohlen.“

Der Uhrmacher nickte schweigend.

„Ja, dann kann ich Ihnen vielleicht helfen, aber das kann so eine Woche dauern … ehe ich die Lieferung bestätigen kann … und ich habe Kosten dabei …“

„Ja, natürlich … wie viel?“

Der Mann zögerte einen Augenblick, rechnete im Kopf und sagte dann schnell:

„Fünftausend Dollar.“

Ohne auf die Höhe der Summe zu reagieren, zog Hellberg eilig seine Brieftasche hervor und zählte die Scheine auf den Tresen.

„Bitte schön.“

„Und wie erreicht man Sie?“ Der Mann nahm das Geld und steckte es in seine Hosentasche.

„Ich möchte den …“ Hellberg hielt inne und suchte das richtige Wort. Lieferant? „Ich würde den Lieferanten gern persönlich treffen. Muss das hier in Zürich sein?“

Der Uhrmacher schüttelte langsam den Kopf.

„Nein, natürlich nicht. Wo hätten Sie das Treffen gern?“

„Mallorca? Wäre Mallorca gut? Ich kann den Flug dorthin bezahlen.“

Der Mann sah ihn forschend an.

„Das ist nicht nötig“, sagte er.

„Ich habe eine Telefonnummer“, fuhr Hellberg enthusiastisch fort und holte einen Zettel mit einer Telefonnummer hervor, die er den Uhrmacher abschreiben ließ.

Ray Lambert hatte gerade geduscht, sich rasiert und einen Kamm durch die schwarzen Haare gezogen, die er inzwischen ohne Scheitel nach hinten kämmte. Er stand in dem dicken, gelben Frotteebademantel da und betrachtete sein Aussehen im Spiegel. Er hatte Falten am Hals und um die Augen bekommen. Die olivfarbene Haut hatte er von seinem Vater geerbt. Auch die braunen Augen, aber die große Nase kam von seiner irischen Mutter.

Er wusste, dass er trotz seines Alters gut aussah. Er hatte einen gewissen Ankratz bei den Frauen. Dennoch spielten Frauen eine untergeordnete Rolle in seinem Leben. Zufällige Verbindungen hatte er reichlich gehabt – oft mit Prostituierten. Aber seine Arbeit machte es schwierig, sich in einer festen Beziehung zu binden.

Vielleicht ging es ihm allein auch einfach besser. Jetzt hatte er jedenfalls die Grenze im Leben überschritten, wo er sich noch an einen anderen Menschen hätte anpassen können. Er hatte sein Leben aufs Alleinsein ausgerichtet und konnte sich nicht vorstellen, seine Umkreise stören zu lassen.

Als junger Kadett in Quebec war er einmal verheiratet gewesen. Eine kurze, stürmische Ehe, die anderthalb Jahre andauerte und eine Tochter hervorbrachte. Susan hatte ihn verlassen und war mit dem Kind nach Queens zurückgekehrt. Seitdem hatte er weder sie noch seine Tochter wiedergesehen, aber er wusste, dass Susan kurz nach der Scheidung einen Mann geheiratet hatte, der Aluminiumfassaden verkaufte. Der Mann hatte die Tochter adoptiert.

Sie gehörten zu einem anderen Leben.

Dem Leben von einem anderen Menschen.

Er dachte selten daran. Aber jetzt vor dem Spiegel, als er sein eigenes Altern betrachtete, glitten seine Gedanken zu seiner Tochter, die inzwischen fünfundzwanzig sein musste. Vielleicht hatte sie eigene Kinder. Vielleicht war er Großvater, wurde ihm klar. Er lachte auf und dachte, dass er das herausfinden sollte. Vielleicht sollte er ein Testament machen und ihre Zukunft sichern? Sentimentalität war ein Fremdwort für ihn und das ungewohnte Gefühl ließ ihn zusammenzucken. Zuerst müsste ich etwas zu vererben haben, dachte er zynisch.

Er hatte nie für die Zukunft vorgeplant, sondern immer im Jetzt gelebt. Das Schicksal hatte ihn von Ort zu Ort und zu verschiedenen Geschehnissen geführt. Aber in den letzten Jahren hatte er immer öfter darüber nachgedacht, sich zurückzuziehen.

Die Balearen im Mittelmeer schienen ihm perfekt dafür. Auf diesen Touristeninseln gab es niemanden, der Fragen stellte. Alles war voller verschiedener Nationalitäten und alles war vollkommen anonym. Wenn man dann auch noch südländisch aussah, verschmolz man noch leichter mit der Menge.

Er hatte nicht vorgehabt, sich für immer in der Wohnung zur Ruhe zu setzen, die er auf Ibiza gekauft hatte, aber das mediterrane Klima gefiel ihm. Hier konnte er das ganze Jahr über Golf spielen. Sein Interesse am Golfsport wuchs beständig und er verbrachte immer mehr Zeit auf dem Golfplatz. Dort fand sein Sozialleben auf der Insel statt. Er hatte einige Leute im Golfklub kennengelernt, mit denen er gut klar kam. Sie kannten ihn als den Engländer Ray Lambert, ehemaliger Kolonialwarenhändler, der sich mit einer angenehmen Rente und vielleicht etwas geerbtem Geld ans Mittelmeer zurückgezogen hatte. Sie wussten, dass er ab und zu auf Reisen war, vielleicht in beratender Funktion, sie fragten nicht nach und es interessierte sie auch nicht. Bei den gemeinsamen Mittagessen ging es nur um Golf und lokale Gerüchte. Das passte ihm ausgezeichnet.

Ab und zu hatte er Touristinnen in den Bars in der Stadt getroffen. Mit einigen war er ins Bett gegangen, aber nur für eine Nacht. Aber er achtete darauf, sich nicht mit Ortsansässigen sexuell einzulassen.

Ray sah auf die Uhr und zog sich schnell an. Als er die Wohnungstür abschloss, sah er sich vorsichtig um und steckte dann routinemäßig ein Streichholz in die obere Ecke zwischen Tür und Türrahmen. Wenn jemand hineingehen würde, während er weg war, würde er es merken.

Er ging die vier Treppen hinunter und traf unten auf Señora Ramirez, die ältere Dame, die seine Wohnung putzte. Sie verbeugte sich tief und fragte, ob sie nicht mal wieder sauber machen müsste. Das fragte sie immer, auch wenn sie am vorherigen Tag gerade da gewesen war. Er schüttelte den Kopf und klopfte ihr freundlich auf die Schulter. Sie verbeugte sich erneut und Ray trat auf die Straße.

Es war erst acht Uhr morgens, aber die Sonne stand bereits hoch am Himmel und D’alt Vila badete in ihrem Licht. Er blieb vor der Tür stehen und zündete sich eine Marlboro Lights an, während er über den Hafen blickte, in dem Tausende kleine Boote in engen, langen Reihen aneinander lagen. Er nahm einen tiefen Zug. Es fiel ihm schwer, sich an die neue Zigarettenmarke zu gewöhnen, aber er hielt durch und versuchte systematisch, ein paar Zigaretten weniger zu rauchen. Es glückte ihm bisher nicht besonders gut und er war irritiert über seinen schwachen Willen. Es würde anders sein, wenn er endlich einen neuen Auftrag bekäme. Motivation, dachte er.

Ray parkte seinen Fiat in einer Seitenstraße.

Ehe er ausstieg, drehte er den Rückspiegel zu sich und klebte sich sorgfältig einen Schnurrbart auf die Oberlippe. Mit einer Spange im Mund veränderte er die Form seiner Wangen und bekam so das Aussehen, das mit den Papieren von Roberto Calderas übereinstimmte. Den Namen verwendete er für seine postlagernde Adresse. Alle vierzehn Tage ging er zum Hauptpostamt in der Ciutat de Eivissa und sah nach, ob er Post bekommen hatte.

Der Umschlag war weiß. Ray nahm ihn entgegen. Hätte er eine andere Farbe gehabt, hätte er es nicht getan. Er hätte gesagt, dass der nicht für ihn war, dass es sich um ein Missverständnis handelte und wäre sofort wieder gegangen. Er hatte ganz genau geplant, welchen Weg er gehen würde, falls das passierte. Er hatte alles einkalkuliert und wusste, wie er eventuelle Verfolger abschütteln könnte. Aber dieser Umschlag war weiß und alles war in Ordnung.

Der Brief war von Schiller, dem Uhrmacher in Zürich, Rays Unterhändler. Er war von jemandem kontaktiert worden. Der Umschlag enthielt eine Telefonnummer und ein Datum, sonst nichts.

Die Telefonnummer beunruhigte ihn. Sie war spanisch und gehörte jemandem auf Mallorca. Wenn er dort einen Auftrag ausführen sollte, würde er dankend ablehnen. Es war viel zu nah an Ibiza, um sich sicher anzufühlen. Er hatte beschlossen, niemals einen Auftrag auf Ibiza oder überhaupt auf den Balearen anzunehmen. Das Risiko, dass einen jemand erkannte, war zu groß.

Aber vielleicht wohnte nur der Auftraggeber dort? Oder war zufällig hier? Auf den Inseln gab es reichlich Leute aus ganz Europa, die dort Häuser und Wohnungen hatten, genau wie er selbst.

Es klingelte fünfmal, ehe jemand antwortete.

„Ekberg.“

„Sie haben mich via Zürich gesucht“, sagte Ray auf Englisch.

Einen Moment lang war es still im Hörer.

„Clockwork tide?“, fragte Tomas Ekberg.

„Ja, wir haben wohl einen gemeinsamen Freund, der Tiefseetaucher ist.“

„Ich muss Ihnen persönlich etwas überbringen“, sagte Tomas Ekberg gepresst.

7.

Es sollten genau 103 Treppenstufen sein. Ray zählte sie genau, während er langsam die lange steinerne Treppe, die sich vom Platz nach oben schlängelte, hochstieg.

Das kleine Dorf klebte an den Talseiten und über ihm kletterten die Oliventerrassen hoch in die Dunkelheit. Die kreuzenden Straßen bestanden aus Treppenstufen. Alle Transporte mussten zu Fuß oder mit Eseln fortgeführt werden. Einen Esel hörte er in der Ferne schreien, als er stehen blieb und sich umsah. Es war sehr still und er bekam fast das Gefühl, dass das Dorf verlassen war.

Die alte, schummrige Straßenbeleuchtung warf nur einen schwachen, gelben Schein über die Hauswände. In den Seitengassen war es dunkel. Die Fensterläden der Häuser waren geschlossen, aber hinter ihnen konnte Ray leise die Fernseher hören. Vor einem Haus tief in einer Seitenstraße konnte er eine ältere Frau in der Dunkelheit erkennen. Sie saß mit einer Schüssel auf den Knien auf einem Hocker und putzte Gemüse.

Ray ging weiter die durchgetretenen, breiten Stufen hoch. Die hundertdritte Stufe war ein Absatz. Er blieb vor einem schmalen, dreistöckigen Haus stehen. Die Fensterläden neben dem Eingang waren geschlossen und der Rest vom Haus dunkel. Ein kleines Keramikschild schräg über der Tür erklärte in Blau und Weiß, dass das Haus „Casa de Pallaras“ hieß.

Er sah sich um. Eine dünne graue Katze saß auf der Balustrade und säuberte sorgfältig ihre Genitalien. Sie war das einzige Lebewesen in der Nähe. Er hob die Hand und klopfte vorsichtig an die große, braune Holztür. Sofort drehte drinnen jemand einen Schlüssel um und öffnete die Tür einen Spaltbreit.

Durch den Spalt konnte Ray eine ältere Frau erkennen.

„Gehen Sie zum Platz zurück“, sagte die Frau schnell und schloss die Tür wieder.

Er hörte, wie der Schlüssel erneut im Schloss gedreht wurde.

Es bereitete ihm Unbehagen, hier zu sein. Es ging gegen seine Prinzipien, dass jemand anderes die Umstände des Kontakts bestimmte. Er überlegte, es einfach sein zu lassen. Der einzige Grund, überhaupt herzukommen, war seine finanzielle Situation. Sein letzter Auftrag war fast ein Jahr her und sein Geld war einfach alle.

Der Platz war nicht mehr als fünfundzwanzig Meter breit und vielleicht dreißig Meter lang. Eine uralte Platane mit enormen Ästen stand in seiner Mitte. Neben dem Baum befanden sich eine Fontäne und ein Messinghahn für frisches Wasser. Der Platz war auf allen Seiten mit Häusern umgeben und man konnte nur zu Fuß hingelangen – entweder über die schmalen Gassen oder die Treppe runter, von der er gerade gekommen war.

Am einen Ende des Platzes war ein Supermarkt mit heruntergelassenen Jalousien. Gegenüber war eine Kneipe, die offenbar geöffnet hatte. Von drinnen hörte man Musik und Gemurmel.

Neben der Treppe, in der Dunkelheit außerhalb der Straßenbeleuchtung, standen zwei Holzbänke an der Hauswand. Auf einer der Bänke saß ein Mann mit Jeans, Turnschuhen und einem karierten Baumwollhemd und betrachtete Ray. Die zwei Männer sahen einander kurz an.

„Ich nehme an, dass wir beide uns verabredet haben“, sagte der Mann und erhob sich.

Als er ins Licht trat, konnte Ray erkennen, dass der Mann skandinavisch aussah, mit heller, sonnenverbrannter Haut und blonden, zurückgekämmten Haaren mit Seitenscheitel. Schultern und Hals waren kräftig, die Hüften schmal. Er sah gut trainiert aus.

Der Mann im Baumwollhemd ging auf Ray zu und streckte die Hand aus.

„Tomas Ekberg.“

Ray nahm wortlos seine Hand. Er nickte nur kurz und drehte dann auf dem Absatz um in Richtung Gasse. Tomas war überrumpelt. Einen Augenblick stand er verwirrt da, dann eilte er Ray hinterher.

„Verstehe“, sagte er aufgeregt. „Der Platz ist vielleicht nicht so gut. Zu offen.“

Sie traten in die dunkle Gasse. Ray blieb stehen und drehte sich um.

„Was wollen Sie?“, fragte er kurz.

„Ich bin nur der Bote“, sagte Tomas mit gepresster Stimme. „Mein Auftraggeber möchte, dass ich Ihnen einen Brief überreiche.“

„Ich bin mir nicht sicher, dass Sie den richtigen Mann gefunden haben.“

„Doch, davon bin ich überzeugt. Hier …“ Tomas steckte nervös seine Hand in die Tasche und holte einen Umschlag hervor, den er Ray reichte. Ray fühlte den Umschlag und konnte ohne nachzusehen an Form und Dicke erkennen, dass er ein Geldbündel enthielt.

„Ich habe noch einen Umschlag“, sagte Tomas und steckte seine Hand ins Hemd.

Ray legte ihm eine Hand auf die Schulter und er hielt inne. Er lehnte sich sehr nah zu Tomas und sagte ruhig:

„So arbeite ich nicht. Nehmen Sie es zurück.“

Er drückte den Umschlag mit dem Geld in Tomas‘ Gürtel und sah ihm in die Augen.

„Kommen Sie Donnerstag nächste Woche nach Palma“, fuhr Ray schnell fort. „Da steht eine Telefonzelle am Plaça Major, direkt vor der Pizzeria über der Treppe. Seien Sie dort, am besten in der Zelle, genau um ein Uhr.“

„Aber ich …“, setzte Tomas an.

„Sie können jetzt gehen“, sagte Ray. „Ich warte hier.“

Tomas nickte. Er sah sich unsicher um und steckte den Umschlag in die Gesäßtasche seiner Jeans.

„Verstehe. Schön, Sie zu treffen!“, sagte er mit einem schiefen Lächeln und ging langsam zurück zum Platz. Seine Hände steckten tief in den Taschen.

Ray blieb stehen, bis er Tomas in der Kneipe verschwinden sah.

Etwa eine Woche zuvor war Tomas Ekberg von Erik Hellberg einbestellt worden, der sein Chef in der Zürcher Bank war. Hellberg hatte sich nach dem Haus auf Mallorca erkundigt, von dem er wusste, dass Tomas es geerbt hatte. Er hatte gefragt, ob nur Tomas dort wohnte, ob er oft dort war und ob man jederzeit hinfahren konnte. Erst hatte Tomas geglaubt, dass Hellberg das Haus mieten wollte und über einen guten Preis nachgedacht, aber dann hatte Hellberg gefragt, ob er Lust hätte, einen Monat Urlaub bei vollem Gehalt und bezahlter Reise dort zu verbringen. Nicht nur das, er würde auch alle Unkosten ohne Nachweispflicht erstattet bekommen und dann noch zusätzliche Kompensation.

Tomas war das Kinn auf die Brust gefallen. Wie könnte er da widerstehen?

Als Gegengefallen hatte Hellberg ihn gebeten, einen einfachen, aber – und das betonte er – höchst geheimen Auftrag auszuführen. Tomas sollte einer Person zwei Umschläge geben. Die Person würde ihn auf Mallorca kontaktieren und er könnte den Treffpunkt selbst bestimmen. Wichtig war, dass es so diskret wie möglich geschah. Er würde dann eine Nachricht von dem Kontakt mitbekommen; entweder Ja oder Nein.

„Schönen Urlaub!“, hatte Hellberg ihm übertrieben heiter gewünscht. Er hatte ihm zwei Umschläge gegeben: einen weißen mit Geld und einen blauen, der mit Siegellack, aber ohne Siegel verschlossen war.

Worum es ging, hatte Tomas nicht erfahren und er hatte auch nicht gefragt. Es ging um etwas, das keinen Einblick zuließ, das war offensichtlich. Warum sollte das Treffen sonst so weit weg stattfinden? Warum sollte man sonst einen Code zur Identifizierung verwenden? Warum die ganze Geheimniskrämerei? Und vor allem: Warum würde er sonst so viel Geld dafür bekommen?

Tomas hatte darüber nachgedacht, worin Hellberg verwickelt war, aber er war zu dem Schluss gekommen, dass der Bankdirektor wahrscheinlich die Wahrheit gesagt hatte, dass er wie Tomas nur ein Mittelsmann war. Das Ganze war größer.

Natürlich dachte er darüber nach. Zu Hause hatte er darüber nachgedacht, den Umschlag zu öffnen, um seine Neugier zu stillen. Es war leicht zu sehen, dass er Geld enthielt. Von der Dicke zu urteilen eine ansehnliche Summe, egal in welcher Währung. Der Umschlag war nur zugeklebt und er hätte ihn leicht aufdampfen und wieder verschließen können. Der andere war schwieriger, da er versiegelt war – aber es war kein Siegel drauf und er hätte das neu machen können. Es wäre nicht schwierig, einen solchen blauen Umschlag zu finden. Aber er wusste nicht, ob er noch weitere Kennzeichen hatte. Deshalb hatte er es bleiben lassen.

Tomas merkte intuitiv, dass es besser war, je weniger er wusste. Es könnte gefährlich sein, zu viel zu wissen. Aber gleichzeitig fand er auf kindliche Weise, dass die Sache spannend war. Als wäre man mitten in einer Spionagegeschichte.

Tomas stieg die Treppe zum Plaça Major hoch. Es war Mittagszeit und der Platz wimmelte von Menschen. Er fand die Telefonzelle vor der Pizzeria. Er sah sich um und ging hinein. Als er auf die Uhr sah, war es eine Minute vor eins.

Er fühlte sich blöd, untätig herumzustehen und blätterte im Telefonbuch, als ob er eine Nummer suchte.

Er beschloss, fünf Minuten zu warten – dann würde er gehen. Er würde das Geld im Umschlag behalten und Hellberg mitteilen, dass der Kontakt es bekommen hatte, aber den Auftrag ablehnte. Beim Gedanken an die Summe hoffte er durchaus darauf.

Da klingelte das Telefon. Er riss den Hörer an sich.

„Ja?“

„Hören Sie genau zu“, sagte Ray. „Gehen Sie die Treppe wieder runter und weiter zum Passeig des Born. Wissen Sie, wo das ist?“

„Ja, weiß ich.“

„Kurz vorm Plaça de la Reina steht noch eine Telefonzelle auf der linken Seite. Seien Sie in genau einer Stunde dort.“

Ehe Tomas antworten konnte, legte Ray auf.

Aus dem Tabakladen auf der anderen Seite des Platzes sah er, wie der große Schwede aus der Telefonzelle trat. Als er die Treppe Richtung Avenida Unió runterging, folgte er ihm.

Der Frühling war da, die Luft war mild und die Cafés voller Leute. Tomas vertrieb sich die Wartezeit mit einem langsamen Schaufensterbummel am Promenadenweg entlang. In der Allee am Passeig des Born hatten die Platanen ausgeschlagen. Er setzte sich in eins der zahlreichen Straßencafés und bestellte eine Pepsi. Von hier aus konnte er die Telefonzelle sehen, in der das Telefon in einer Weile läuten würde. Dann würde er erneut mit dem geheimnisvollen Mann sprechen.

Ray setzte sich an einen leeren Tisch im Café gegenüber. Hinter einem Daily Bulletin beobachtete er Tomas, der 25 Meter weiter mit dem Rücken zu ihm saß. Er bestellte eine Cerveza und zündete sich eine Zigarette an.

Auf dem Weg vom Plaça Major hatte er sich beim Verfolgen vergewissert, dass niemand Tomas folgte und dass er niemanden zu kontaktieren versuchte. Ray trank einen großen Schluck aus dem beschlagenen Bierglas und fühlte sich ziemlich zufrieden. Er stellte fest, dass Tomas seine Pepsi mit einem Strohhalm trank und dachte, dass das hier wohl der amateurhafteste Kurier sein musste, mit dem er je zu tun gehabt hatte. Das musste nichts Schlechtes sein, es bedeutete nur, dass auch der Auftraggeber ein Amateur war und solche Bestellungen nicht oft aufgab. Er selbst war der einzige Profi und musste deshalb die Verantwortung für seine eigene Sicherheit und die des eventuellen Auftraggebers übernehmen.

Exakt eine Stunde, nachdem Ray auf dem Plaça Major aufgelegt hatte, betrat Tomas pflichtschuldig die andere Telefonzelle. Im selben Moment klingelte das Telefon.

„Legen Sie den Umschlag in das Telefonbuch, wo es mit C losgeht“, sagte Ray.

„Es sind zwei Umschläge“, unterbrach ihn Tomas.

„Nicht das Geld! Nur die Mitteilung. Dann gehen Sie zur Bushaltestelle die Straße runter und nehmen den erstbesten Bus.“

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