Kitabı oku: «Abenteuer auf den Inseln: Nonnis Erlebnisse auf Seeland und Fünen»
Jón Svensson
Abenteuer auf den Inseln: Nonnis Erlebnisse auf Seeland und Fünen
Mit Bildern von Bert Jäger
Saga
Abenteuer auf den Inseln: Nonnis Erlebnisse auf Seeland und FünenCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1927, 2019 Jón Svensson und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711446119
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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1. Neuen Abenteuern entgegen
Meine Kahnfahrt mit dem kleinen Valdemar über das große, herrliche Meer bis zur fernen schwedischen Küste, unsere seltsamen Abenteuer auf dem Saltholm, das „tote Schiff“, die Möwen, die Seeräuber, die nächtliche Wanderung drüben im dunklen Walde, die Eule, der große Hund und die Waldhütte . . ., wie war all das doch wundervoll schön gewesen! 1
Ich konnte es nicht vergessen, und das Sehnen nach neuen, ähnlichen Abenteuern wurde immer stärker in meiner jungen Brust. Inzwischen hatte bei Dr. Niehaus in der König-Knud-Schule das fröhliche Schulleben wieder begonnen. Ich lernte und schrieb meine Aufgaben mit Lust und Freude, ohne deshalb die gewohnten Knabenstreiche und die munteren Abenteuer zu vernachlässigen.
„Diese Mischung von Ernst und Spaß braucht eben ein rechter Schulbub“ — meinte ich —, „und wenn man es nicht zu wild treibt, läßt sich beides ganz gut vereinigen.“ Unartig wollte ich beileibe nicht sein — ein Kopfhänger aber erst recht nicht! Nun war der warme Sommer da. Jetzt mußte ich wieder hinaus!
Ein neuer, großer Ausflug mußte bald gemacht werden. Aber wohin? Ich wußte es noch nicht.
Da kam mir auf einmal der Gedanke, einen Besuch bei meinem kleinen Freund Valdemar zu machen. Ihn mußte ich um Rat fragen.
Ich begab mich zu ihm und lud ihn zu einem Spaziergang ein.
Wir gingen nach der Meeresküste, zu derselben Stelle, wo wir im Frühjahr die Einzelheiten unserer Kahnfahrt nach Schweden besprochen und festgelegt hatten. Dort fanden wir die nämliche Bank wieder und setzten uns darauf.
„Valdemar“, fing ich an, „weißt du, warum ich dich zu diesem Spaziergang eingeladen habe?“
„Nein, Nonni.“
„Ich habe es getan, weil ich dir etwas sehr Wichtiges zu sagen habe.“
Valdemar schaute mich mit seinen großen Augen an und erwiderte: „Und was ist das, Nonni?“
„Wir müssen wieder einen Ausflug machen.“
Voll Freude rief Valdemar aus: „Einen Ausflug! Wie damals . . . nach Schweden!“
„Ja, Valdemar, wie damals —.“
„Aber wohin, Nonni?“
„Das ist es gerade, was ich noch nicht weiß, und deshalb wollte ich jetzt darüber mit dir reden.“
Valdemar warf einen prüfenden Blick über die gewaltig große Meeresfläche, die sich vor uns bis zum Horizont hin ausdehnte. — Dann deutete er mit der Hand geradeaus und sagte:
„Dort liegt Malmö. Da waren wir das letzte Mal.“ Dann wandte er sich nach links, zeigte schräg nach Schweden hinüber und fuhr fort: „Dort aber liegt die schöne kleine schwedische Stadt Helsingborg, der dänischen Stadt Helsingör gegenüber, da wo Hamlet gelebt hat, und auf dem Wege dorthin liegt die kleine schwedische Insel Hven, wo der große dänische Astronom Tycho Brahe sein Schloß Uranienborg gebaut hat. — Sollten wir nicht vielleicht dorthin fahren?“
Ich sprang auf die Bank und suchte in der gewiesenen Richtung die Insel Hven. Sie lag ganz richtig mitten im Sund wie der Saltholm, nur viel nördlicher. Die Stadt Helsingborg konnte ich aber nicht sehen. Sie lag wohl zu weit entfernt.
„Das wäre ganz gewiß eine schöne Fahrt“, sagte ich zu Valdemar. „Aber ich habe doch an etwas anderes gedacht.“ Wir sprangen wieder von der Bank herunter und setzten uns nebeneinander. Valdemar schaute mich fragend an.
„Ich will es dir sagen, Valdemar“, fuhr ich nach einer kleinen Weile fort. „Ich glaube, daß es besser wäre, wenn wir diesmal zur Abwechslung einen Ausflug ins Land hinein machen würden.“
„Das glaube ich auch“, unterbrach mich sofort der Kleine. „Das wäre auch weniger gefährlich als auf dem Meere. — Aber wohin, Nonni?“
„Ich habe mir einen Ausflug gedacht durch die großen Wälder der Insel Seeland.“
„Das ist ein feiner Plan, Nonni. Aber nach welcher Richtung möchtest du gehen?“
„Ich habe noch kein bestimmtes Ziel, Valdemar. Ich möchte nur, wenn möglich, die ganze Insel durchqueren.“
„Das würde aber ein weiter Weg werden, Nonni! Er wäre noch viel länger als von hier über den Sund nach Schweden.“
„Das weiß ich, Valdemar. Es würde uns mehrere Tage kosten, wenn wir zu Fuß gehen müßten. Aber vielleicht könnten wir irgendwo ein Pferd einfangen und einen Teil des Weges reiten. Dann ginge es ja viel schneller.“
„Das ist wahr. Aber wie könnten wir uns ein Pferd verschaffen?“ frug mein kleiner Freund.
„Das weiß ich nicht. Ich glaube aber, daß wir irgendwo auf dem Wege eines finden werden. Gibt es nicht wilde Pferde in den Wäldern hier herum?“
„O nein, das glaube ich nicht, Nonni. Und fremde Pferde auf dem Wege zu nehmen, das wäre doch etwas gefährlich.“
„Man muß nicht zu bange sein, Valdemar. Etwas muß man doch wagen. Sonst kommt man niemals an ein Ziel. Auf Island bin ich oft auf wilden Pferden herumgeritten mit meinem Bruder Manni. Wir haben nie dabei Unglück gehabt.“
„Auf Island . . . das will ich dir schon glauben, aber hier ist es anders, Nonni! Hier laufen die Pferde nicht wild herum wie auf Island.“
„Nun, wenn keine Pferde zu finden sind, dann werden wir wohl was anderes entdecken, vielleicht einen Esel.“
„Einen Esel! O nein, Nonni, einen Esel finden wir noch viel weniger. Hier gibt es keine Esel. Die gibt es nur im Süden.“
„Nun gut, dann tun wir es ohne Pferd und ohne Esel, so wie es eben geht. — Jedenfalls müssen wir den Ausflug machen.“
Wir sprachen noch eine Weile hin und her über unsern Plan. — Dann notierten wir verschiedene Sachen, die wir mitnehmen sollten: ein wenig Mundvorrat, eine Spirituslampe mit Kessel, den Revolver von früher mit den Platzpatronen und einen kleinen Kompaß.
Aus Vorsicht machten wir schließlich unter uns ab, die ganze Sache geheimzuhalten. Wer zuviel plaudert, schafft sich nur Schwierigkeiten. Ein bißchen Klugheit schadet ja nichts, dachten wir.
Dann standen wir auf und begaben uns nach Hause.
Es vergingen nun mehrere Wochen. Der Sommer war wunderschön. Fast jeden Tag war die Stadt in hellsten Sonnenschein gebadet. — Die herrlichen Buchenwälder draußen lockten und winkten. Man sagte, es seien die schönsten Buchenwälder der ganzen Welt. — Sie waren voll von Wundern, Märchen und Geheimnissen aller Art.
Valdemar und ich spähten fortwährend nach einer Gelegenheit, unser Vorhaben ins Werk zu setzen. Die Schule aber hielt uns fest. Wir mußten Geduld üben.
Die Hitze stieg mit jedem Tage. In der Schule war es kaum mehr auszuhalten. Trotzdem wurde uns kein freier Tag gegeben. Wir empfanden das als eine übertriebene Härte, mußten es aber über uns ergehen lassen.
Schließlich ging das Schuljahr doch zu Ende. Da wir trotz Wärme und Müdigkeit fleißig gewesen waren, bestanden alle die Schulprüfungen mehr oder weniger glänzend und machten dann zuletzt mit frisch-fröhlichem Herzen den Sprung in die so lang ersehnten Sommerferien hinein.
Welche Befreiung! Jetzt konnte es losgehen.
2. Der Brief aus Avignon
Schon am ersten Tage nach der Schulprüfung wollte ich zu Valdemar hin, um mit ihm die letzten Vorbereitungen für unsern Ausflug zu treffen.
Als ich eben im Begriffe stand, das Grüdersche Haus zu verlassen, hörte ich, daß ein Fenster im zweiten Stock aufgemacht wurde. Gleich darauf ertönte eine kräftige Frauenstimme:
„Nonni, komm schnell zurück! Dr. Grüder will mit dir sprechen. . . .“
Es war Madame Valentin, die Haushälterin des Herrn Doktors.
„Ich komme sofort, Madame Valentin“, rief ich zurück.
Etwas betroffen wandte ich mich also um, lief schnell nach der Eingangstür zurück, schlüpfte ins Haus hinein und flog in wenigen Sätzen die Treppe hinauf. Im nächsten Augenblick stand ich vor der Tür des Herrn Doktors.
„Was hat der Herr Doktor mir wohl zu sagen?“ fragte ich mich — nicht ohne eine gewisse Angst. — „Sollte ich was verbrochen haben?“ Es wurde mir ein wenig schwül. . . .
Ich hielt es nicht für ratsam, sofort anzuklopfen. Es wird wohl sicherer sein, dachte ich, zuerst zu Madame Valentin zu gehen, vielleicht weiß die Bescheid.
Madame Valentin mußte wohl gerade jetzt in der Küche sein. — Ich lief rasch dorthin, klopfte an und fand sie mit der jungen deutschen Küchenmagd am Herde stehen.
„Nicht zu mir solltest du kommen“, fuhr sie mich lebhaft an, „sondern zum Herrn Doktor. Mache, daß du schnell zu ihm kommst. Er wartet auf dich und hat schon mehrere Male nach dir gefragt.“
„Was hat er mir wohl zu sagen, Madame Valentin?“
„Wie könnte ich das wissen, Nonni? — Ich weiß nur, daß er ein sehr ernstes Gesicht machte, als er mich bat, dich zu rufen.“
„Ein ernstes Gesicht? Wirklich, Madame Valentin? Glauben Sie, daß er böse ist?“
„Ob er böse ist, das weiß ich gerade nicht. Daß er aber sehr ernst ist, das weiß ich ganz bestimmt. — Hast du vielleicht etwas angestellt, Junge?“ fragte sie dann, indem sie näher zu mir herkam und mich fest anschaute.
„Ich weiß von nichts. — Wenigstens fällt mir augenblicklich nichts Besonderes ein. Haben Sie vielleicht etwas Unrechtes an mir gemerkt, Madame Valentin?“
Jetzt kam auch die Küchenmagd näher zu mir her, und beide warfen mir forschende Blicke zu.
„Jungens in deinem Alter, Nonni, sind oft sehr leichtsinnig. Ich will aber damit nicht sagen, daß ich jetzt gerade so etwas an dir gemerkt habe. Jedenfalls habe ich nicht über dich geklagt“, sagte Madame Valentin zu mir.
Dann wandte sie sich an das junge Mädchen und fragte: „Maria, ist dir in seinem Betragen etwas aufgefallen?“
Maria schaute mich schelmisch-teilnehmend an und dachte einen Augenblick nach. Dann sagte sie: „Ich habe nur gemerkt, daß er sich etwas stark mit den Schuljungen herumbalgt, wenn sie ihn auf seinem Zimmer besuchen, und das hat der Herr Doktor nicht gern.“
„Wenn das alles ist . . .“, dachte ich, und mein Mut wuchs beträchtlich. „Wir Jungen“, begann ich der Magd dann zu erklären, „können nicht immer so ruhig und artig sein wie ihr Mädchen. Wir spielen hie und da ein wenig laut miteinander, wenn wir oben auf dem Zimmer beisammen sind. Ich hätte nicht gedacht, daß etwas Böses dabei sei.“
Das junge Mädchen lächelte. Madame Valentin aber sagte in strengem Tone: „An anständigem Spielen ist nichts Böses. Das wilde Lärmen und Spektakeln aber, das ihr zuweilen droben macht, das will mir weniger gefallen.“
„Ich wußte nicht, daß man es im Hause hören konnte, Madame Valentin. Ich werde aber dafür sorgen, daß wir in Zukunft ruhiger sind.“
Dann verließ ich die Küche und kehrte ein wenig erleichtert nach dem Zimmer des Herrn Doktors zurück.
Ich klopfte:
„Herein!“ dröhnte es wie aus weiter Ferne vom hinteren Zimmer des Herrn Doktors her.
Ich öffnete leise die Tür und ging in das Vorzimmer hinein. Ich legte meine Mütze auf einen Stuhl und trat zur Tür des zweiten Zimmers vor. Sie stand halb offen. Ich schlüpfte deshalb ganz leise und ohne zu klopfen in das innere Zimmer hinein.
Herr Grüder saß vornübergebeugt an seinem Schreibtisch in emsiger Arbeit. Er schaute auf, warf mir einen raschen Blick zu, zeigte hastig nach einem Stuhle, ohne ein Wort zu sagen, und schrieb weiter.
Ich setzte mich und wartete.
Herr Grüder fuhr in seiner Arbeit fort. Die Feder lief hüpfend und springend über das Papier. „Er schreibt wohl einen Eilbrief“, dachte ich, während ich ihm schweigend und geduldig abwartend zusah.
Endlich richtete sich der Herr Doktor auf, legte den Federhalter langsam auf den Tisch, schaute einige Augenblicke sinnend vor sich hin, griff dann, indem er mir einen raschen Blick zuwarf, nach einigen Papieren, die rechts auf der Tischplatte vor ihm lagen, und entnahm dem kleinen Haufen einen Brief.
Dann drehte er sich auf dem Stuhle nach mir hin, schaute mich diesmal ernst an und sagte:
„Heute morgen ist dieser Brief angekommen, Nonni. Er wird dich interessieren, denn es ist darin die Rede von dir.“
Ich machte gewaltig große Augen und richtete mich auf, um den Brief wenigstens von außen etwas genauer anzusehen. Eine französische Freimarke klebte auf dem Umschlag. . . .
Blitzschnell schossen mir allerlei Gedanken durch den Kopf. . . .
„Das ist ein französischer Brief, Herr Doktor!“ rief ich voll Begeisterung aus.
„Bist du aber schlau, kleiner Schelm! Er kommt tatsächlich aus Frankreich.“
„Und ich weiß noch mehr, Herr Doktor: ich weiß auch, aus welcher Stadt in Frankreich er kommt“, fuhr ich in meiner Begeisterung fort.
„Weißt du auch das!“ lachte Herr Grüder laut auf. „Dann bist du ja ein kleiner Hellseher. — Wo kommt er denn her?“
„Er kommt aus Avignon“, gab ich sofort zur Antwort. „Und ich kann Ihnen auch noch sagen, Herr Doktor, wer ihn geschrieben hat.“
„Wie, auch das noch!“ lachte der Herr Doktor herzlich weiter. „Das wird ja geradezu unheimlich. — Nun, wer hat ihn denn geschrieben?“
„Er kommt vom Herrn Grafen de Foresta“, jubilierte ich, „von dem feinen Herrn, der mich nach Frankreich eingeladen hat.“
„Auch darin hast du recht, Nonni. Er kommt von dem Grafen de Foresta. — Was er aber darin schreibt, das wirst du wohl nicht so leicht erraten können.“
„Doch, Herr Doktor. Ich glaube, ich werde es erraten können. Soll ich es sagen?“
„Ja, ja! Sage es nur!“
„Er schreibt, daß Sie mich gleich nach Frankreich schikken sollen, in die große Schule in Avignon.“
Noch einmal lachte der Herr Doktor laut auf und sagte: „Nonni, du hast fast wieder das Richtige getroffen, du kleiner Wicht. Doch, wie kommst du denn dazu, alles das so zu erraten?“
„Ich habe gehört, daß der Krieg zwischen den Deutschen und den Franzosen jetzt zu Ende ist. Dann kann ich ja auch bald meine Reise nach Frankreich fortsetzen. Deshalb habe ich mir gedacht, daß der Herr Graf Ihnen darüber geschrieben habe.“
„Da hast du ganz richtig gedacht, Nonni“, sagte nun der Herr Doktor in ernsterem Tone. „Es scheint, daß der Krieg nun wirklich zu Ende ist und der Weg nach Frankreich bald wieder frei werden soll. — Willst du aber, daß ich dir den Brief vorlese?“
„O ja, Herr Doktor, das möchte ich sehr gern.“
„Gut, so höre denn.“
Herr Grüder nahm den Brief aus dem Umschlag, entfaltete ihn und sagte: „Der Brief ist französisch geschrieben. Ich will ihn aber für dich ins Dänische übersetzen. Der Graf de Foresta schreibt:
„Wie Sie wohl erfahren haben, geht der Krieg zu Ende. Es wird also bald möglich werden, meinen kleinen Isländer, den Sie nun fast ein Jahr in Ihrem Hause so liebevoll beherbergt haben, nach Frankreich reisen zu lassen. Den Zeitpunkt der Abreise aus Kopenhagen bitte ich Sie selber bestimmen zu wollen. Da aber der Weg von Kopenhagen bis Avignon recht lang und der Klimaunterschied zwischen den beiden Städten groß ist, habe ich die Reise so eingerichtet, daß der kleine Junge auf dem Wege ein paar Wochen wenigstens haltmachen kann, damit er sich sowohl ausruhen als auch an die größere Wärme in Frankreich allmählich gewöhnen kann. Als Haltestelle habe ich mir die Stadt Amiens in Nordfrankreich gedacht. — Es gibt dort eine große Studien- und Erziehungsanstalt für Gymnasiasten, die den Namen ,Ecole libre de la Providence‘ führt. Ich habe mich schon mit dem Direktor der Anstalt verständigt. Der kleine Isländer wird dort die freundlichste Aufnahme finden. Die einfachste Reisestrecke von Kopenhagen nach Amiens würde wohl die folgende sein: Von Kopenhagen nach Dünkirchen mit einem Dampfer. Von Dünkirchen gibt es eine sehr angenehme direkte Eisenbahnverbindnug nach Amiens. Von Amiens wird er dann später über Paris nach Avignon in einem Tage mit der Bahn auf das bequemste fahren können. Für diesen letzten Teil der Reise wird der Direktor der Anstalt ,La Providence‘ in Amiens Sorge tragen. . . .“
Hier machte Herr Grüder eine Pause, legte den Brief auf den Tisch und sagte:
„Und nun, Nonni, was meinst du dazu?“
Es war mir im Augenblick so eigentümlich zumute, daß ich nicht wußte, was ich sagen sollte.
Da unterbrach Herr Grüder das Schweigen:
„Also, mein kleiner Nonni, wenn du den Brief des französischen Grafen verstanden hast, so wird es dir nun wohl klar sein, daß die Tage deines Weilens hier in meinem Hause zu Ende gehen.“
Der Doktor sprach diese Worte in einem so freundlichväterlichen Tone, daß ich tief gerührt wurde.
Ohne ein Wort sagen zu können, warf ich einen flüchtigen Blick auf das Gesicht des Herrn Doktors und sah zu meiner nicht geringen Überraschung, daß seine Augen feucht waren. . . .
Jetzt konnte ich meine Bewegung nicht mehr zurückhalten. Ich drückte meine beiden Hände gegen mein Gesicht und brach in Tränen aus.
Fast ein Jahr hatte ich im Grüderschen Hause schon zugebracht und war immer von dem Hausherrn mit der größten Güte behandelt worden. Jetzt fühlte ich plötzlich, wie schwer es mir sein werde, diese Stätte, wo ich so glücklich gewesen war, nun bald auf immer verlassen zu müssen.
Nachdem ich ein paar Augenblicke so dagesessen hatte, schämte ich mich meiner Weichherzigkeit — ich nahm mich zusammen, wischte rasch meine Tränen ab, faßte die Hand des Herrn Grüder und sagte zu ihm:
„Sie sind immer so gut gegen mich gewesen, Herr Doktor, deshalb tut es mir leid, daß ich Sie nun verlassen muß. Ich werde Sie aber nie vergessen, Herr Doktor.“
Herr Grüder drückte zärtlich meine Hand und sagte, nun auch selber tief bewegt:
„Mein lieber, kleiner Nonni, ich wußte schon, daß du ein gutes Herz hast, ich hätte aber nicht gedacht, daß du so anhänglich und dankbar seiest für das wenige, das ich während dieses Jahres für dich tun konnte.“
„O Herr Doktor, Sie haben nicht wenig, sondern viel für mich getan“, stammelte ich, während ich kräftig gegen die Tränen ankämpfte.
„Auch ich habe dich immer gern gehabt, mein kleiner Nonni“, sagte Herr Grüder, „und auch mir tut die Trennung recht leid. Doch es muß nun einmal sein. . . . Wann möchtest du eigentlich nach Frankreich abreisen?“
Ich schaute den Doktor an und wußte zuerst nicht, was ich antworten sollte. — Andere Gedanken flogen plötzlich heran. . . . Mein Ausflug mit Valdemar schoß mir durch den Kopf. . . . Den mußte ich doch zuerst unbedingt hinter mir haben. . . . Darüber sprechen durfte ich aber nicht. Das hatten wir ja unter uns abgemacht. . . . Nicht einmal dem lieben, guten Doktor durfte ich unsern Plan verraten. Schließlich erwiderte ich:
„Herr Doktor, ich muß darüber noch etwas nachdenken. . . . Meinen Sie nicht, daß der Krieg wieder losbrechen könne? Ich glaube, es wäre gut, noch ein klein wenig zu warten.“
„Du hast recht, mein Lieber. Wir wollen noch ein klein wenig warten. Genieße deine Ferien und ruhe dich von den Mühen und Arbeiten des Schuljahres aus. Später wollen wir dann auf die Sache wieder zurückkommen.“
Ich stand auf, gab dem Herrn Doktor die Hand und verließ das Zimmer.
Noch immer tief bewegt, ging ich diesmal — gegen meine Gewohnheit — ganz langsam die Treppe hinauf. Ich trat in mein Stübchen und schloß die Tür von innen ab.
Seit einigen Tagen war ich der alleinige Bewohner hier, denn mein lieber Landsmann, Gunnar Einarsson, der etwas ältere isländische Junge, der mit mir im Grüderschen Hause geweilt hatte, war nicht mehr da. Er war auf Wunsch seiner Eltern nach Island zurückgekehrt.
Ich setzte mich an meinen Tisch, dachte nach und fühlte, daß ich an einen Wendepunkt meines Lebens gekommen war. Alles hier sollte ich verlassen: Kopenhagen, die glänzende Hauptstadt Dänemarks, das Grüdersche Haus, die König-Knud-Schule, die frisch-fröhlichen dänischen Jungen, meine lieben Schulkameraden, Valdemar und auch Karl, gegen den ich in der Marmorkirche zwar einmal ernstlich gekämpft hatte, der mir inzwischen aber ein Kamerad geworden war. Verlassen sollte ich nun auch den isländischen Professor, Herrn Gisli Brynjúlfsson, das prachtvolle, reizendschöne Land, die großen, geheimnisvollen Buchenwälder, den azurblauen Sund — alles das sollte für mich bald nur noch eine schöne Erinnerung sein . . .! „Wie traurig“, seufzte es in meinem Innern.
Vor einem Jahr hatte ich meine inniggeliebte Heimatinsel Island verlassen müssen, mein trautes Familienhaus, meine Mutter, meine Geschwister, Manni und Bogga, und alle meine Freunde, — o wie hatte ich damals gelitten . . .! Dann war ich hierher nach der Großstadt Kopenhagen gekommen, ganz allein und verlassen. Alles war mir damals hier fremd und neu.
Jetzt war ich aber eingelebt und wie festgewurzelt, und überall um mich herum hatte ich lauter liebe und gute Freunde. . . . Und nun sollte ich wieder von ihnen scheiden; wie schwer und wie hart war doch das!
So saß ich da und weinte. Gerade so wie ich vor einem Jahre in Island auf der stillen Bergeshalde und in der Kajüte des kleinen „Valdemar von Rönne“ beim damaligen Abschied geweint hatte.
Ich war sonst immer so frisch und fröhlich, jetzt aber war ich wie in ein Meer von Schmerz und Trauer versenkt. . . .
Ich schämte mich vor mir selber. . . . Aber es war mir für den Augenblick nicht möglich, mich von diesen tieftraurigen Empfindungen loszureißen.
Da auf einmal flogen meine Gedanken, wie so oft schon, in einem Nu den langen Weg über den Atlantischen Ozean nach Island; dort sammelten sie sich alle im Hause meiner Mutter, dem kleinen, schwarzweißen Bau neben der Kirche im reizend schönen Städtchen Akureyri am Eyjafjördur. . . .
Und in demselben Augenblick stand meine liebe Mutter vor mir — so lieb und so gütig lächelnd, aber auch fest und bestimmt, wie sie immer war. Ich sah sie in meinem Geiste ganz deutlich. Sie kam nah an mich heran, preßte beide Hände gegen meine Wangen und drückte einen Kuß auf meine Stirn.
Ich blieb wie erstarrt sitzen und wagte nicht die geringste Bewegung zu machen, um die liebe Erscheinung nicht zu verlieren.
„O Mutter, o Mutter!“ stammelte ich, nicht mit meinen Lippen, sondern tief in meiner Seele drinnen. . . . Und urplötzlich war alles um mich herum verschwunden. Ich war nicht mehr in meinem kleinen Stübchen in Kopenhagen. Ich war in Island, in Akureyri, im Hause meiner Mutter, in ihrer unmittelbaren Nähe, ja, ganz nahe bei ihr. . . .
Und da auf einmal hörte ich ihre Stimme . . ., die wohlbekannte Stimme der lieben Mutter: „Aber Nonni, mein Kind! Was tust du denn! Wie kannst du so traurig dasitzen! Du wolltest ja nach Frankreich reisen, und nun sollst du endlich dorthin. . . . Glaubst du denn, daß Gott dich dort verlassen wird? Hat er dich etwa hier in Kopenhagen verlassen? Hat er dich nicht im Gegenteil, wie ich dir vorausgesagt habe, immerfort auf den Händen getragen? Aber gerade so wird er es mit dir in Frankreich tun, wenn du ihm nur treu bleibst und dich bemühst, ein guter Junge zu sein. Und so wird er überall mit dir verfahren, ja überall, wo du auch immer in der ganzen Welt sein magst. — Du mußt jetzt von hier scheiden. Aber schüttle deine Traurigkeit ab, mein teures Kind, sie lähmt dich nur und macht dich weich. Fahre fort, ein frischer, munterer und fröhlicher Junge zu sein. Gott liebt dich und wird immer mit dir sein. . . .“
So sprach meine liebe Mutter zu mir — und noch vieles andere sagte sie, und je länger sie sprach, desto mehr schwanden all die traurigen, lähmenden und entmutigenden Gedanken aus meiner Seele. Die düsteren Wolken verloren sich in die Ferne, und heller Sonnenschein leuchtete wieder in mein Herz hinein.
Ich erhob mich rasch und wollte mich in die Arme meiner Mutter werfen. . . . Als ich aber die Augen öffnete, wurde ich vom Lichte geblendet, das durch die Fenster in das Zimmer hineinflutete. Meine Mutter war nicht mehr da. Ich stand allein mitten in meinem kleinen Stübchen.
„Mutter, Mutter! o liebe, liebe Mutter!“ rief ich wiederholt aus. Aber sie zeigte sich nicht mehr.
„Sollte denn das alles nur ein Traum gewesen sein?“ fragte ich mich tief enttäuscht. Ich konnte es nicht glauben. Nein, ich war sicher bei meiner Mutter gewesen. Sie hatte wirklich mit mir geredet, es war kein Traum. — Und wenn es dennoch ein Traum gewesen ist, dann war es einer der seligsten Träume meines Lebens. . . .
Ich fühlte mich wie neugeschaffen, voll Kraft und Freude, genau so wie früher zu Hause, wenn sie mich getröstet und ermuntert hatte.
„O mein Gott!“ rief ich aus, „segne und tröste meine liebe, gute Mutter und hilf mir, daß ich sie nie enttäusche.“
Es hing ein Spiegel vor mir an der Wand. Mein Blick fiel darauf, und ich sah die Spuren meiner Tränen. Sofort wusch ich mich sorgfältig und setzte mich dann auf den Stuhl, um zu überlegen, was jetzt zu tun sei.
Da kam mir sogleich der geplante Ausflug mit Valdemar in den Sinn. Ein gutes Mittel, dachte ich, um die kleinmütigen, düsteren Gedanken zu verscheuchen.
O ja, dieser Ausflug mußte unbedingt stattfinden.
Das würde wohl der letzte Ausflug sein, den ich durch die schönen dänischen Buchenwälder machen würde. Bald würde ich in dem großen fremden Lande sein, wohin ich nun reisen sollte. Dort würde ich dann mit munteren kleinen französischen Freunden Ausflüge machen durch die herrlichen Gegenden des sonnigen Südens, durch Wälder ganz anderer Art, wo süße Feigen, Orangen, Pfirsiche und Aprikosen an allen Ästen hingen!
Wie schön war doch meine Zukunft! Wie töricht, mich von Trauer und Mutlosigkeit überwältigen zu lassen!
Voll Freude und Zuversicht stand ich auf, nahm meine Mütze, machte mich zurecht und ging aus dem Zimmer.
Als ich die Treppe hinuntersprang, begegnete ich Madame Valentin.
„Wohin so rasch, Nonni?“ fragte sie in einem strengen Tone.
„Ich muß in die Stadt hinaus, zu einem Freund, Madame Valentin.“
„Bist du auch beim Herrn Doktor gewesen?“
„Ja, Madame Valentin.“
„Alles gut abgelaufen?“
„O ja, sehr gut, Madame Valentin. Der Herr Doktor hat mir eine große Neuigkeit erzählt.“
„Wie! eine große Neuigkeit?“ fragte Madame Valentin jetzt auch mit einem freundlichen Lächeln. Es war mir klar, daß sie die Neuigkeit gern zu erfahren wünschte.
„Ja, Madame Valentin, eine sehr, sehr große Neuigkeit.“
„Ja was ist denn das für eine Neuigkeit, mein lieber kleiner Nonni?“
„Es ist etwas außerordentlich Wichtiges, Madame Valentin“, sagte ich ein bißchen boshaft.
Es fiel mir nämlich plötzlich ein, daß ich ein paar Tage vorher einen Mann hatte sagen hören, die Frauen seien neugieriger als die Männer, und sie könnten schlecht ein Geheimnis bewahren. Ich hatte es damals nicht recht glauben wollen; nun aber schien es mir, als wäre etwas daran. Und ich dachte: jetzt habe ich eine gute Gelegenheit, es zu erfahren: ich brauchte ja nur die etwas strenge Madame Valentin auf die Probe zu stellen.
Unterdessen schaute mich die würdige Haushälterin sehr interessiert an. Dann sagte sie:
„So . . ., also etwas sehr Wichtiges, Nonni! Das hätte ich doch nicht gedacht. . . . Dann wäre es doch wohl besser, daß du es mir hier im kleinen Zimmer sagst, als auf der Treppe, wo jeder dich hören kann. — Man muß immer mit solchen Sachen vorsichtig sein. — Komm nur mit mir hinein. . . .“ Sie schob mich freundlich vor sich her in ein kleines Zimmer in der Nähe, trat hinter mir ein und schloß die Tür von innen ab.
„Also eine sehr wichtige Neuigkeit, Nonni! Was ist es denn?“
„Aber Madame Valentin“, sagte ich unverbesserlicher kleiner Schelm, „ich hatte nicht vorgehabt, es Ihnen zu sagen.“
„Wie? Was sagst du?“ erwiderte Madame Valentin anscheinend sehr erregt.
„Ich meine nur, Madame Valentin, daß ich nicht ganz sicher bin, ob ich es auch sagen darf. Denn es ist so wichtig“, fügte ich hinzu, um die Spannung der guten Hausmutter immer noch größer zu machen.
„Wie! du bist nicht sicher, ob du es mir sagen darfst! Meinst du vielleicht, daß ich ein Geheimnis nicht bewahren kann? Mir kannst du es ganz ruhig sagen, Nonni. Bei mir bleibt es in Sicherheit.“
„Ich will es Ihnen ganz gern sagen, Madame Valentin. — Aber der Herr Doktor . . .! Meinen Sie nicht, daß er vielleicht böse wird?“
„Das wird er sicher nicht, Nonni. Er wird ja auch nichts davon erfahren.“
„Meinen Sie aber nicht, daß ich ihn zuerst um Erlaubnis bitten sollte?“
„Wie bist du doch einfältig, Nonni! Das brauchst du doch gar nicht. Sage es nur ganz einfach.“
Jetzt war es mir so ziemlich klar geworden, daß, wenn nicht alle Frauen neugierig seien, Madame Valentin doch etwas von dieser Schwäche an sich haben müsse. Ob sie auch ein Geheimnis nicht bewahren könne, das wollte ich später schon noch erfahren. — Ich hielt sie nun nicht länger mit meinen Bemerkungen hin, sondern sagte ihr schließlich geradeheraus:
„Madame Valentin, die große Neuigkeit ist dies: ich werde bald dieses Haus verlassen.“
„Wie, du wirst das Haus verlassen?“
„Ja, und auch die Stadt.“
„Auch die Stadt! Du wirst Kopenhagen verlassen?“
„Ja, Madame Valentin, und nicht nur das, sondern sogar auch das Land.“
„Wie! du gehst fort, Nonni?“
„Ja, Madame Valentin. Und ich komme nie mehr zurück.“
„Nie mehr zurück!“ rief sie aus und schlug die Hände zusammen. „Und wo gehst du denn hin?“
„Nach Südfrankreich, Madame Valentin.“
„Oh, richtig, dort solltest du ja schon vor einem Jahre hin — auf ein Schloß, wenn ich nicht irre.“
„Jawohl, zu einem großen Mann, einem Grafen in Avignon.“
„Ja, ja, richtig. Das habe ich auch damals gehört. — Und dort sollst du studieren, nicht wahr?“
„Ja, Madame Valentin, in einem sehr großen Kolleg, wo viele hundert französische Knaben in meinem Alter studieren und erzogen werden.“
„Ja, das ist wahrhaftig eine große Neuigkeit! Und welch ein Glück für dich, Nonni! Da wirst du ja zu einem gelehrten und feinen Mann gemacht.“
„Ja, Madame Valentin, das soll ein sehr feines Kollegium sein, wo die Kinder aus den vornehmen Familien erzogen werden.“
„Oh, was nicht gar! Das ist ja herrlich, Nonni. Und wann wirst du abreisen?“
„Das ist noch nicht abgemacht, Madame Valentin. Ich soll noch etwas warten und zuerst hier Ferien machen.“
„Ja, ja, das ist recht. Du mußt dich ausruhen. — Und ist das nun auch die ganze Neuigkeit, Nonni?“
„Ja, Madame Valentin. Ist die nicht groß genug?“
„Sicher ist sie groß genug. Sie ist ja für dich von ungeheurer Wichtigkeit. Es wird ja für dich ein ganz neues Leben anfangen. — Und jetzt danke ich dir, mein kleiner Freund, daß du mir das alles anvertraut hast. Das war nett von dir.“
„Aber Sie sagen es keinem Menschen, nicht wahr, Madame Valentin?“
„Was das angeht, kannst du dich auf mich verlassen. Durch mich wird kein Mensch etwas erfahren.“
Wir verließen das kleine Zimmer, ich gab Madame Valentin munter die Hand und lief dann eilig die Treppe hinunter.
Ein paar Minuten später war ich auf dem Wege zu Valdemar. Während ich mit leichten Schritten die Breitstraße hinunterhüpfte, kam mir mein Gespräch mit Madame Valentin wieder in den Sinn.
Ich war nicht ganz mit mir selber zufrieden. Mein Experiment war freilich geglückt: Madame Valentin war wirklich in hohem Grade wißbegierig. Und daß ich diese Tatsache so klar herausgefunden hatte, das machte mir Spaß. Aber immer kam mir der Gedanke wieder: War es nicht häßlich von mir, die gute Frau so zu behandeln? Was würde meine Mutter dazu sagen?
3. Der große Ferienausflug wird vorbereit
Bald war ich bei der Wohnung meines kleinen Freundes angekommen.
Ich klingelte, die Tür ging auf, und ich stand der Mutter Valdemars gegenüber.
„Ist Valdemar zu Hause?“ fragte ich, nachdem ich sie höflich begrüßt hatte.
„Ja, Nonni, er ist da — komm nur herein.“
Ich folgte der guten Frau in ihren kleinen Salon hinein und fand dort Valdemar mit einem Buche am Tisch sitzen.
„Auf diese Weise machst du deine Ferien, Valdemar?“
Der kleine Junge sprang auf, drückte meine Hand und sagte: „Oh, ich habe schon viel draußen gespielt. Jetzt lese ich eine schöne Geschichte, Nonni.“
Er zeigte mir das Buch. Es waren die Geschichten des großen dänischen Märchendichters Andersen, der damals gerade in Kopenhagen weilte.
„Die habe ich schon alle während des Schuljahres gelesen“, sagte ich zu Valdemar, „sie sind wunderschön und werden dir sicher auch gefallen. — Aber jetzt habe ich mit dir von schöneren und wichtigeren Dingen zu sprechen.“
Valdemar schaute mich mit seinen großen Augen lebhaft an und fragte:
„Und was ist denn das, Nonni?“
„Wir müssen jetzt sobald wie nur möglich unsern großen Ausflug machen.“
„Ach ja, der Ausflug. . . . Ich bin bereit, Nonni. Aber warum eilt es denn so?“
„Das ist es, was ich dir gerade sagen will.“
Die Mutter bat mich, Platz zu nehmen. Und nun erzählte ich beiden das, was ich soeben von Dr. Grüder erfahren hatte.
„Aber Nonni, wenn du nach Frankreich gehst, dann werden wir uns vielleicht nie mehr sehen!“
„Ja, Valdemar, das ist das Traurige dabei. Ich sehne mich zwar danach, die große Reise nach Frankreich und Avignon zu machen, aber es tut mir schrecklich leid, dich und alles andere hier in Kopenhagen verlassen zu müssen. Ich habe hier so viele Freunde und bin nun schon so an alles hier gewöhnt.“
„Armer Nonni, ich kann verstehen, daß die Trennung von allem, was du hier schon so liebgewonnen hast, dir weh tut. Aber“, tröstete mich die gute Mutter Valdemars, „du wirst in Frankreich neue Freunde finden, die dich bald ebenso lieb haben werden wie die alten hier.“
„Aber einen so guten Freund wie Valdemar werde ich schwerlich in Frankreich finden“, antwortete ich der Mutter Valdemars.
„Es freut mich, Nonni“, sagte sie, „daß ihr so gute Freunde geworden seid. Ihr paßt vortrefflich zueinander.“
„Ja, das meinen wir auch“, riefen wir beide mit freudigem Lachen aus und schüttelten uns kräftig die Hände.
Die Frau lächelte mütterlich zu unserer Knabenfreundschaft und frug:
„Und nun der Ferienausflug? Wann soll er stattfinden? Und wo wollt ihr hin?“
„Ich habe mir gedacht, daß wir diesmal nicht eine Seereise, sondern eine Landreise machen sollten.“
„Das lobe ich mir. Auf dem Lande ist es auch sicherer als auf dem Meere.“
„Ich denke wohl“, fügte Valdemar hinzu.
„Dann sind wir ja ganz einig“, bemerkte ich. „Und wenn auch hie und da eine Gefahr sich zeigen sollte, dürfen Sie nicht bange sein, denn wir beide sind tapfer und ohne Furcht, und wir nehmen einen Revolver mit.“
Bei diesen Worten erschrak Valdemars Mutter sehr. „Einen Revolver! Wozu denn einen Revolver?“
„Den brauchen wir gegen die Hunde. Die sind zuweilen sehr bissig.“
„Wie der schwedische Hund bei der Waldhütte“, rief lachend der kleine Valdemar.
„Ja, eben“, fuhr ich fort, „und es könnte auch sein, daß wir den Revolver gegen böse Menschen, Wölfe und Bären und wilde Stiere gebrauchen müßten.“
„Wölfe und Bären gibt es, Gott sei Dank, nicht hier, Nonni“, erwiderte die Mutter Valdemars. „Auch wilde Stiere kaum. Aber böse Menschen gibt es hier, so wie überall. Doch ich würde nicht raten, euch in einen Kampf mit bösen Menschen einzulassen. Dafür seid ihr noch etwas zu klein.“
„Aber wir haben doch damals auf dem Sund mit Hilfe unseres Revolvers die schwedischen Seeräuber besiegt“, bemerkte ich.
„Ja, das ist wahr. Das habt ihr gut gemacht. Aber diese ,Seeräuber‘ waren damals nur junge Strolche. — Gegen Erwachsene dagegen dürft ihr euch nicht in einen Kampf einlassen.“
„Wir wollen vorsichtig sein“, versprach ich, „und uns ohne Not in keine Gefahr begeben. Sie brauchen nicht bange zu sein. Ich werde Valdemar frisch und gesund zurückbringen.“
„Das hoffe ich auch, mein kleiner Nonni. Aber wo wollt ihr eigentlich hin?“
„Ich habe mir gedacht, eine Fußwanderung quer durch die Insel Seeland zu machen.“
„Das ist ein vernünftiger Gedanke, Nonni. Und das läßt sich auch ziemlich leicht machen. Seeland ist eine sehr reiche und fruchtbare Insel. Da werdet ihr viel Schönes zu sehen bekommen. Aber an welchem Tage willst du den Ausflug anfangen?“
„In etwa vier Tagen. Wir müssen nämlich ungefähr vier Tage haben, um uns vorzubereiten.“
„Auch das ist vernünftig, daß ihr an eine ordentliche Vorbereitung denkt. — Was sind das aber für Vorbereitungen?“
„Das sind allerlei Dinge. — Um nur einiges zu nennen, so werde ich z. B. die Landkarte studieren. Ich werde mir besonders die Wege, die Wälder und die Städte notieren. Und auch die Bauernhäuser, die ich auf der Karte finde. — Dann müssen wir sorgen, daß wir uns etwas Reiseproviant verschaffen, Fleisch und Brot und Butter und besonders viele trockene Feigen. Ferner eine Spirituslampe und einen Kochtopf. — Das ist so ungefähr die Hauptsache.“
„Das ist ja nicht so übel“, meinte die Frau lächelnd. „Du hast ja so ziemlich an alles Wichtige gedacht. Wir wollen hoffen, daß die Reise gut vonstatten geht.“
„Das wird sie sicher“, sagte ich. „Wir werden dann einen Teil der Reise zu Pferd machen, wenn wir gute Pferde auf dem Wege treffen. Oder auch fahren, wenn Fuhrleute uns in ihre Wagen aufnehmen wollen.“
„Ja wahrhaftig, ihr seid unternehmend. Doch möchte ich dir raten, Nonni: Was die Pferde betrifft, sei vorsichtig; sonst könnte es sein, daß ihr als Pferdediebe festgenommen würdet. Laßt lieber die Pferde in Ruhe. Wenn aber Leute euch zum Mitfahren einladen, dann fahrt nur mit.“
Es wurde also abgemacht, daß wir auf das Reiten lieber verzichten und statt dessen die Gastfreundschaft der Fuhrleute annehmen sollten, wenn sie uns angeboten würde.
Nachdem ich noch etwas mit meinem Freunde Valdemar geplaudert hatte, brach ich auf und kehrte nach dem Grüderschen Hause zurück.
Da ich nicht ganz sicher war, ob der ein wenig strenge Dr. Grüder mir die Erlaubnis zum Ausflug geben werde, hielt ich es für ratsam, sein Haus auf einige Tage zu verlassen und in das gastliche Haus meines Landsmannes, des Herrn Professors Brynjúlfsson, hinüberzusiedeln. So hatte ich es ja vor meiner Kahnfahrt nach Schweden auch gemacht. Ich ging also zum Herrn Doktor Grüder hinein und sagte:
„Ich nehme an, Herr Doktor, daß Sie nichts dagegen haben, wenn ich etwa auf eine Woche zum Herrn Professor Brynjúlfsson hinübersiedle. Er nimmt mich immer sehr gern auf.“
„Gewiß habe ich nichts dagegen, mein lieber Nonni. Es ist sogar sehr vernünftig von dir, daß du vor deiner Abreise nach Frankreich deinen Landsmann besuchst. Das wird wohl auch dein Grund sein?“
„Ja, Herr Doktor, das ist auch mit ein Grund“, antwortete ich ein wenig ausweichend.
So konnte ich noch an demselben Tage zum Herrn Professor Brynjúlfsson hinüberziehen.
Dort war ich ja ein alter Bekannter, und ich brauche daher nicht zu erzählen, mit welcher Freundlichkeit ich im Hause des Herrn Brynjúlfsson empfangen wurde, nicht nur vom Herrn Professor selber, sondern auch von seiner Frau und seiner Mutter und von der guten Hausmagd.
Schon bei meiner ersten Begegnung mit dem Professor brachte ich mein Anliegen vor.
Herr Brynjúlfsson fand meinen Plan sehr gut und stimmte ihm völlig bei.
„Das wird eine vortreffliche und gesunde kleine Ferienreise für euch beide werden, und auch romantisch und abenteuerlich noch dazu. Prächtig, Nonni! Das ist etwas für zwei gesunde, frische und fröhliche Jungen, wie ihr es beide seid!“
„Aber“, unterbrach uns die liebenswürdige Frau Professor, „deinen kleinen Freund Valdemar kennen wir noch gar nicht. Lade ihn doch morgen zu Mittag bei uns ein.“
Ich war ganz selig über diesen Vorschlag und versicherte, daß Valdemar ein so lieber kleiner Junge sei, daß alle im Hause ihn gern haben würden, sobald sie ihn auch nur ein einziges Mal gesehen hätten.
Am folgenden Vormittag lud ich ihn also ein. Seine Mutter sagte, es sei eine große Ehre für ihn, und gab sofort ihre Einwilligung.
Bevor wir das Haus verließen, zog er noch seine allerschönsten Sonntagskleider an. Und so führte ich ihn in seinem feinsten Staat nach dem Hause des Herrn Professors Brynjúlfsson.
Valdemar war so bescheiden und so fein, daß ihn alle gleich lieb gewannen.
Am Nachmittag wurde noch manches überlegt, was den Ausflug betraf. Nützliche Ratschläge wurden uns gegeben. — Die Versorgung mit dem nötigen Reiseproviant wollte die Frau Professor allein auf sich nehmen. Jeder von uns sollte von ihr einen gepackten Rucksack bekommen.
Den Revolver aber, der auf unserer Kahnfahrt nach Schweden so gute Dienste geleistet hatte, mußte Valdemar wieder von demselben Freunde wie damals leihweise erbitten. Nun hatten wir alles geordnet. Und dann wurde abgemacht, daß mich Valdemar nach vier Tagen bei Sonnenaufgang im Hause des Herrn Professors Brynjúlfsson abholen sollte.
Die vier Tage waren bald um. Beim ersten Morgengrauen war ich schon aus dem Bette. — Auch Valdemar war pünktlich zur Stelle. Wir nahmen zusammen einen kräftigen Imbiß. Dann kam die liebe Frau Professor mit unsern beiden Rucksäcken. Sie waren zum Platzen mit Proviant vollgepackt. „Das wird für mehrere Tage reichen“, sagte sie. „Doch es ist nur aus Vorsicht, daß ich euch so vieles mitgebe. — Ich hoffe, daß ihr bald wieder zurück sein werdet.“
„Das ist eine gute Vorsicht“, erwiderte ich ihr. „Es ist nämlich schwer, im voraus zu wissen, wie lange so ein Ausflug dauern wird. Es trifft dabei oft manches ein, das man nicht voraussehen konnte.“
Die Frau Professor lachte. Dann drohte sie mir mit dem Finger: „Du kleiner Abenteurer, sorge dafür, daß du mir nicht zu lange ausbleibst!“
Jetzt sollten uns die Rucksäcke angeschnallt werden. — Zuerst nahm aber die Frau Professor uns beide nacheinander vor und prüfte sorgfältig vom Kopf bis zu den Füßen, ob auch alles an unsern Kleidern und Schuhen in Ordnung sei. Wenn sie unsere Mutter gewesen wäre, hätte sie es nicht aufmerksamer und liebevoller machen können. Sie schaute auch unser Taschengeld nach, ob wir genügend hätten, und da sie meinte, daß Valdemars Geldbeutel ein bißchen leicht sei, steckte sie ihm noch ein paar Silbermünzen hinein.
Jetzt nahmen wir die Rucksäcke auf den Rücken. — Sie waren ziemlich schwer. Um uns aber zu trösten, sagte die Frau Professor: „Macht euch nur keine Sorge. Ihr werdet mit jedem Tag leichter bekommen!“
Dann machte sie mich darauf aufmerksam, daß oben in meinem Sack ein winzig kleiner Topf mit etwas Salbe sei. „Die ist gut gegen wehe Füße“, sagte sie.
„Ist das aber eine Ausrüstung!“ rief der Herr Professor lachend aus, als wir zum Abschiednehmen vor ihm standen. „Man sollte fast meinen, ihr wolltet halb Europa durchwandern!“
„Wenn wir das nur dürften!“ rief ich lachend aus, „wir würden es sicher tun. Wir haben uns aber vorgenommen, die Insel Seeland auf unserer Wanderung nicht zu verlassen.“
„Na, sie ist auch groß genug für euch. Sie ist ja weit über hundert Kilometer lang und fast ebenso breit. Da habt ihr Platz genug, um euch ein paar Tage herumzutummeln.“
4. Bei Elefanten und Affen
Wir gaben nun allen die Hand, und nachdem jeder uns gute Reise und viel Vergnügen gewünscht hatte, eilten wir die Treppe hinunter und verließen das Haus des Professors Brynjúlfsson.
Eine gute halbe Stunde mußten wir durch die Straßen der Stadt gehen, bevor wir das Land erreichen konnten.
Es war später geworden, als wir gemeint hatten. Von einem hohen Turme schlug die Uhr acht Schläge. So viel Zeit hatten uns das Frühstück und die letzten Vorbereitungen genommen.
Frisch und munter eilten wir aber voran. Viele Leute schauten uns verwundert nach. Einmal begegneten wir zwei Arbeitern. Auch sie beguckten uns neugierig, und der eine sagte:
„Wo wollen die beiden wohl hin?“
„Wahrscheinlich nach Amerika“, erwiderte der andere und schaute uns schmunzelnd an.
„Nach Amerika! nach Amerika!“ wiederholten wir beide lachend.
„Das meint er sicher unserer Rucksäcke wegen“, bemerkte Valdemar.
Als wir einige Minuten später an einer Gruppe kleiner Schuljungen vorbeigingen, blieben auch diese stehen und schauten uns mit großen Augen an.
„Wollt ihr mit?“ rief ihnen Valdemar zu.
„Wohin?“ fragten die Jungen.
„Nach Amerika“, riefen wir beide munter zurück — eher als Echo der vorher von den Arbeitern ausgesprochenen Worte denn als Antwort auf die Frage der Jungen.
Die kleinen Schüler waren sprachlos und schauten uns lange staunend nach.
Unser erstes Reiseziel war ja gerade nicht Amerika, sondern die berühmte Stadt Roskilde, die in alter Zeit die Hauptstadt des ganzen Landes gewesen war. Roskilde aber liegt gut dreißig Kilometer westlich von Kopenhagen, dem Innern der Insel zu.
Eine breite, schöne Landstraße führt dorthin, und diese wollten wir beim Verlassen der Stadt erreichen.
Wir wußten, daß sie auf dem Frederiksberg an der Westgrenze der Stadt ihren Anfang nimmt.
Den Frederiksberg mußten wir also zuerst ersteigen.
Nach etwa zwanzig Minuten erreichten wir den Fuß des Berges.
Rasch eilten wir hinauf.
Als wir oben angekommen waren, sahen wir die schöne Roskilder Landstraße vor uns liegen. Sie war breit und kerzengerade und dehnte sich durch blühende Wiesen und fruchtbare Felder weit hinaus.
„So geht es bis nach Roskilde“, sagte Valdemar.
„Wie schön ist die Gegend hier“, rief ich aus und hielt einen Augenblick im Gehen inne, um das herrliche Bild besser betrachten zu können.
Viele prächtige Bauernhöfe lagen da hingestreut in der schönen Ebene.
Das Wetter war herrlich, der Himmel von reinstem Azur, kein Lüftchen regte sich, und die Sonne leuchtete in ihrem schönsten Glanze.
„Ja, Nonni“, brach Valdemar aus, „Dänemark ist ein schönes Land!“
„Das sagte auch deine Mutter, Valdemar. Und auch ich glaube, es ist eins der schönsten Länder der Welt.“
„Und denk dir, Nonni, dies ist nur der Anfang unserer Wanderung.“
„Es wird eine Überraschung nach der andern geben, ich bin arg gespannt darauf.“
Während wir so dastanden und miteinander plauderten, da auf einmal fuhren wir beide zusammen. . . .
Ein furchtbares Gebrüll ertönte plötzlich aus nächster Nähe. . . . Es schien von einem Garten zu kommen, der rechts am Wege lag und durch eine hohe Mauer von uns getrennt war.
Ich ergriff meinen kleinen Freund beim Arm und frug ihn erschrocken: „Was kann denn das sein, Valdemar?“
„Du brauchst nichts zu fürchten, Nonni“, sagte der Kleine. „Das ist der Zoologische Garten.“
„Der Zoologische Garten, in dem so viele Tiere sind? Ja, aber kann man da ohne Gefahr hineingehen, Valdemar?“
„Ganz ohne Gefahr, Nonni. Ich bin öfters drinnen gewesen.“
„Es ist aber merkwürdig, daß ich diesen seltsamen Garten noch nie gesehen habe.“
„Bist du wirklich nie im Zoologischen Garten gewesen, Nonni?“
„Nein, nie!“
„Dann müssen wir jetzt unbedingt hinein. Da gibt es sicher allerhand zu sehen!“
„Meinst du, daß man uns hineinläßt?“
„Wenn wir bezahlen — ganz gewiß.“
„Oh, dann nur hinein. Wir haben ja Geld genug.“
Valdemar, der den Eingang kannte, führte mich eine kurze Strecke Weges bis zu einem schönen Eingangstor. Dort kaufte er zwei Eintrittskarten, und gleich darauf waren wir drinnen.
Es war ein höchst überraschender Anblick für mich:
Eine ganze Stadt! Straßen und Stege, schöne Alleen, Rasenplätze und Blumenbeete, kleine Seen und Teiche und — seltsame Häuserreihen.
Da standen wahre Paläste für die Fürsten und Könige der Tierwelt, für Elefanten, Löwen, Tiger, Panther und Hyänen —, daneben kleine Hütten und Käfige für das Volk der Füchse und Hündchen, Hasen und Kaninchen und für eine Menge kleiner Geschöpfe aus allen möglichen fremden Ländern. Auf den kleinen Seen und Teichen schwammen Vögel mit märchenhaftem Aussehen, von denen ich nicht einen kannte. Einige standen unbeweglich am Ufer auf einem einzigen, ungeheuer langen Bein!
Mein Staunen wollte kein Ende nehmen. Wir wanderten von Haus zu Haus, von Hütte zu Hütte und schauten uns die Bewohner der Märchenstadt an. Einige empfingen uns freundlich und munter und schienen unsern Besuch gern zu haben. Andere warfen uns grimmige Blicke zu und knurrten und heulten, wenn wir zu nah an sie herankamen.
„Sie sind ja ganz wie die Menschen“, sagte ich zu Valdemar, „die einen gut, die andern bös.“
Plötzlich sahen wir uns einem mächtigen Gebäude gegenüber. Wir gingen näher zu ihm hin und blieben vor dem Eingangstor stehen. Es war ungewöhnlich hoch und breit, dieses Haus, und darüber war in großen Lettern zu lesen: „Elefanthuset“. Valdemar packte mich sofort beim Arm und rief mir zu:
„Hier sind die Elefanten, Nonni. Da müssen wir hinein.“
„Ja, das müssen wir unbedingt“, erwiderte ich. „Einen Elefanten habe ich noch nie in meinem Leben gesehen.“
An der Pforte kamen wir an einer Frau vorbei, die neben einem Tische saß. Auf dem Tische lagen eine Menge Brote.
„Wollen die jungen Herren nicht ein wenig Brot für den Elefanten mitnehmen?“ rief die Frau uns freundlich zu, als wir eben eintreten wollten.
Wir nahmen gleich ein paar Stückchen Brot von dem Tische und gaben ihr den verlangten Preis.
Dann gingen wir hinein.
Welch eine Überraschung für mich! Das riesengroße Tier stand gelassen an seinem Platze und schaute die Eintretenden mit gutmütigen Blicken an.
Ein paar Leute, die in seine Nähe getreten waren, reichten ihm fortwährend Brot. Mit seinem langen Rüssel, den er beständig wie einen Arm nach allen Seiten hin ausstreckte, nahm der Elefant die angebotenen Gaben dankbar an, die kleinen wie die großen, und steckte sie sofort in das gewaltig große Maul, das sich unmittelbar hinter dem Rüssel befand.
Ich ging näher heran und stellte mich gerade vor das Tier hin.
Als es die Brötchen in meiner Hand sah, langte es mit dem Rüssel danach und wollte sie mir wegschnappen. Ich hielt sie aber fest und reichte ihm jedesmal nur kleine Teile davon.
Valdemar, der neben mir stand, tat das gleiche. Wir hatten den größten Spaß an dem gutmütigen Riesen und wurden immer zutraulicher zu ihm.
Schließlich gingen wir so weit, daß wir das große Tier freundschaftlich neckten. Wir packten ab und zu den Rüssel und hielten ihn einige Augenblicke fest. Auch versteckten wir Steinchen in der hohlen Hand und reichten ihm diese statt Brot. Der gutmütige Elefant ließ sich unsern Spaß eine Zeitlang ruhig gefallen. Aber dann zahlte er uns alles heim durch einen Streich, der nicht ganz angenehm für uns war. Wir bekamen nämlich den Einfall, ihm die Brotstücke nicht mehr mit der Hand zu reichen, sondern sie auf unsere Mützen zu legen und sie ihm so anzubieten. Eine Weile nahm er das Brot ganz ruhig von unsern Mützen, wie er es vorher aus der Hand genommen hatte.
Valdemar trug eine Matrosenmütze. Sie war schön rund und hatte oben einen großen Knopf.
Ein Stückchen Brot nach dem andern wurde auf die Mütze gelegt, um von unserem großen Freunde sofort mit einer feinen Bewegung seines schlanken Rüssels abgeholt zu werden.
Ganz unerwartet stieß Valdemar plötzlich einen Schrei aus: der Elefant hatte die Mütze des Kleinen fest gepackt, steckte sie ohne lange Umstände tief in seinen Rachen hinein und fuhr darauf ruhig fort, weitere Brotstücke von den Leuten entgegenzunehmen.
Valdemar schrie verzweifelt: „Meine Mütze, Nonni, meine Mütze!“ Der Elefant warf uns schalkhafte Blicke zu, behielt aber die Mütze im Rachen und schien sogar zu probieren, sie mit den Zähnen zu zerkauen. Auf die Hilferufe des kleinen Valdemar kam bald der Wärter aus seinem Zimmerchen herausgesprungen, und als er erfahren hatte, was geschehen war, ging er rasch zum Elefanten hin, steckte den Arm in den Rachen des Tieres und holte die Mütze Valdemars heraus. Sie war zu unserem großen Erstaunen noch ziemlich unbeschädigt.
„Er hat nur einen Spaß machen wollen“, sagte der Wärter lächelnd und gab dem kleinen Valdemar die Mütze zurück. „Er tut das oft, wenn ihn übermütige Burschen necken.“
Die Leute lachten. Valdemar aber wurde verlegen und ein wenig rot im Gesicht.
„Hast du ihm etwas getan?“ fragte ihn der Wärter, der seine Verlegenheit merkte.
„Ich habe ein wenig Spaß mit ihm machen wollen“, antwortete Valdemar.
„Das habe ich mir gedacht“, sagte der Wärter, „du bist nicht der erste, an dem unser Elefant sich rächt.“
Wir zogen nun beide zur Tür hinaus, und der Elefant schaute uns vergnügt kauend nach.
„Da haben wir schon unser erstes Abenteuer“, sagte ich zu meinem kleinen Freunde, als wir aus dem Elefantenhaus hinausgekommen waren, „und das war ja recht lustig.“
„Es ist wahr, Nonni“, antwortete Valdemar. „Es wäre aber doch unangenehm für mich gewesen, wenn der Elefant meine Mütze aufgefressen hätte.“
Valdemar hatte sich bald von seinem Schrecken erholt, und während wir durch die Wege und Stege des schönen Gartens wanderten, wurde uns die Geschichte mit dem Elefanten zur frohen Erinnerung.
Wir waren kaum fünf Minuten gegangen, da sahen wir ein neues, aus Holz gebautes Haus. Es schien viel Leben drinnen zu sein, denn es wurde laut gerufen und gelacht, und es gingen eine Menge Leute aus und ein.
„Das ist das Affenhaus, Nonni“, sagte Valdemar. „Dort wohnen die Affen.“
„Da müssen wir natürlich auch hinein“, meinte ich. „Denn Affen habe ich auch noch nie gesehen.“
„Jawohl, da müssen wir auch hinein“, stimmte Valdemar zu. „Hoffentlich haben wir dort nicht wieder Pech wie bei dem Elefanten.“
So gingen wir munter und ohne jeden Verdacht zu den Affen. Die Tiere bewohnten einen weiten Raum. An den Wänden hingen gewaltig große Käfige, die vom Boden bis hinauf zur Decke reichten, und eine Unmenge von Affen sprangen darin herum und spielten in der drolligsten und tollsten Weise.
Viele Leute standen vor den Käfigen und reichten den gelenkigen kleinen Tieren Nüsse, Mandeln, Backwerk und andere gute Sachen.
Die Affen streckten die Hände nach den Gaben und verschmähten nichts. Brot hatten wir noch genug in unsern Taschen. Wir nahmen es heraus, gingen ganz nah an das Gitterwerk der Käfige heran und zeigten es den Affen.
Sofort streckten sich viele gelenkige Arme und überaus feine Händchen aus den Käfigen heraus und griffen danach.
Wir gaben und gaben und hatten Freude an den beweglichen Geschöpfen, die mit unglaublicher Behendigkeit vor uns herumturnten und fortwährend die schwierigsten Kunststücke machten.
„Guck doch, Nonni!“ rief plötzlich mein kleiner Gefährte aus, „guck, dieser Affe dort!“
Ich schaute hin, und was sah ich da? Ein lebhafter Affe hatte von Valdemar eine etwas größere Brotkruste erhalten. Damit war er an einem Stricke blitzschnell bis an die Decke hinaufgeklettert, und dort oben hatte er eine dünne eiserne Stange ergriffen — aber nicht mit den Händen, sondern mit seinem langen Schwanz!
So hing der kleine Affe ganz unglaublich putzig an dem Schwanze, pendelte lustig hin und her, kaute mit vollen Backen und verzehrte mit Wonne die Brotkruste Valdemars.
Das über alle Maßen drollige Tierchen gefiel uns so sehr, daß wir es wieder herablockten, um ihm noch mehr Brot zu geben.
Es folgte, sprang und schwang sich mit vollkommener Sicherheit von einem Tau zum andern, von Stange zu Stange, und war im Nu drunten.
Dann setzte es sich in unserer Nähe nieder, schaute uns fest an und streckte bald die eine, bald die andere Hand bittend nach uns.
Valdemar, der das Tierchen besonders liebgewonnen hatte, näherte sich ihm bis zum Gitter hin.
Da, was geschah? Blitzschnell ergriff der kleine Affe die Mütze des armen Valdemar und sprang damit in ein paar leichten Sätzen bis hinauf zur Decke!
Ein Jubelgeschrei des ganzen Affenvolkes begrüßte die Heldentat des kleinen Räubers, der nun, von einem Rudel schreiender Angreifer bedrängt, seine Beute verteidigen mußte.
Ein Knäuel von kämpfenden Affen bildet sich an der Decke des großen Käfigs und wälzt sich hin und her. Zehn, zwanzig Affenhände reißen wütend an der unglücklichen Mütze Valdemars. Die Bänder und das Futter regnen in Fetzen auf den Boden hinunter, und der kleine Valdemar steht verzweifelt da und schaut hilflos dem gefährlichen Spiele zu. Gute Leute hatten inzwischen den Pfleger vom Affenhaus herbeigerufen. Er kam, schaute die Sache an und hatte rasch begriffen, was hier wieder vor sich ging.
Er holte eine lange Stange und schritt damit auf den großen Käfig zu. Unter dem kämpfenden Affenvolk entstand eine große Verwirrung. Die Streitenden stoben wie entsetzt auseinander, und der kleine Dieb saß allein in einer Ecke und drückte seine Beute krampfhaft gegen die Brust. Der Mann mit der langen Stange warf ihm zuerst scharfe Blicke zu und rief dann mit gebieterischer Stimme:
„Max . . .! Herunter . . .!“
Max blieb regungslos in seiner Ecke sitzen und schaute unentwegt seinen Herrn an.
„Max . . .!“ ertönte wieder die gebieterische Stimme, „willst du augenblicklich mit der Mütze herunterkommen . . .?“
Die Mitkämpfer hielten sich alle in respektvoller Entfernung und schauten atemlos auf den kleinen Missetäter und auf den Mann mit der Stange. „Wie wird das enden?“ werden sie wohl alle bei sich gedacht haben.
Max bleibt aber ruhig sitzen und preßt die geraubte Mütze immer fester gegen die Brust. Dabei blinzelt er mit den Augen, schneidet verlegene Gesichter und wirft angstvolle Blicke bald nach links, bald nach rechts, wie wenn er nach einem Schlupfwinkel suchen wollte, in den er flüchten und sich verstecken könnte.
Nun setzt aber der Mann mit der Stange ein bitterböses Gesicht auf und schreit noch einmal ganz gewaltig zum kleinen Missetäter:
„So, du willst nicht zu mir herunterkommen? Gut! ich komme zu dir hinauf . . ., dann aber kannst du was erleben, alter Schelm!“
Darauf schritt er rasch zum Gitter, steckte die Stange hindurch und schob sie drohend gegen den unbußfertigen Sünder.
Die Spitze der Stange näherte sich dem Affen immer mehr und berührte schließlich recht unsanft seinen Schwanz.
Jetzt war für Max guter Rat teuer. Diese Berührung wirkte mächtig auf ihn.
Mit der zerrissenen Kopfbedeckung Valdemars in der einen Hand, machte er einen gewaltigen Sprung mitten in den leeren Raum hinein, und mit feiner Berechnung und einer verblüffenden Geschicklichkeit ließ er sich graziös mitten auf die Stange seines Herrn fallen. Von dort aus warf er die Mütze auf den Boden hinunter, schwang sich dann leicht wie ein Zaunkönig von Tau zu Tau, von Stange zu Stange, und ehe wir es versahen, war der kleine Schelm zwischen seinen Kameraden verschwunden.
Dann wurde die Mütze mit Stöcken herangeholt und meinem kleinen Freunde wieder zurückgegeben.
Er schaute sie an und machte ein trauriges Gesicht dazu, noch trauriger als vor einer halben Stunde, da er sie aus dem Rachen des großen Elefanten zurückbekam.
Die Mütze sah jämmerlich aus. Alle die zierlichen Seidenbänder waren fort, und vom Futter drinnen waren nur noch ein paar Fetzen da. Sogar der berühmte dänische Kriegsheld Tordenskjold, dessen Name in goldenen Buchstaben auf der einst so schönen Mütze prangte, war von dem kleinen Affen arg mitgenommen worden.
Voll Mitleid mit meinem lieben Reisegefährten nahm ich ihn bei der Hand und führte ihn von dieser Unglücksstätte weg.
Als wir wieder draußen im Garten waren, betrachtete Valdemar nochmals wehmütig seine Mütze, hob sie dann fragend vor mich hin und sagte: „Ist das nicht sonderbar mit meiner Mütze, Nonni?“
„Ja, es ist merkwürdig, Valdemar. Deine Mütze muß dem kleinen Affen gewaltig imponiert haben; er war offenbar neidisch auf dich. Jetzt würde er sie dir kaum noch einmal vom Kopfe reißen; denn sie sieht wirklich übel aus.“
„Traurig!“ sagte der Kleine.
„Schade, Valdemar, daß wir keine Nadel und auch keinen Zwirn haben, sonst würden wir die schlimmsten Schäden wieder ausbessern können.
Kaum hatte ich dies gesagt, da hörten wir einige Schritte von uns entfernt: „Soll ich euch helfen, kleine Herren?“
Ganz erstaunt schauten wir uns um.
Wir waren, ohne es zu merken, wieder zu dem Elefantenhaus zurückgekommen. Die gute Frau, von der wir vorher Brot gekauft hatten, saß noch immer dort. Sie hatte unser Gespräch gehört und bot uns gleich ihre Hilfe an.
Wir gingen zu ihr hin. Sie schaute uns wieder sehr freundlich an und sagte: „Aber was ist hier geschehen? Wer hat diese schöne Mütze so zugerichtet? Das sind wohl die Folgen einer Rauferei, mein Freund?“
„O nein“, sagte Valdemar. „Die Affen und der Elefant haben das getan.“
„Das soll wohl ein Scherz sein, mein junger Herr?“
„Nein“, entgegnete Valdemar treuherzig und erzählte der Verkäuferin seine beiden Abenteuer.
Als er fertig war, schüttelte die Frau den Kopf und sagte: „Wie hast du doch ein merkwürdiges Unglück gehabt. — Zweimal hintereinander! und mit zwei so ungleichen Tieren! Nun, ich will dir deine Mütze ein wenig ausbessern. Nachher wird deine Mutter das übrige tun.“
Sie nahm ihr Nähzeug und besserte rasch die größten Schäden aus.
„So“, sagte sie, als sie fertig war, „es wird nun schon gehen, bis du nach Hause kommst.“
Valdemar dankte ihr herzlich und fragte, was er bezahlen solle.
„Oh, gar nichts, mein Freund. Behalte nur dein Geld — und auch deine Mütze“, fügte sie schalkhaft bei, „denn ich weiß nicht, ob ich für einen dritten Fall noch Zwirn genug aufbrächte.“
Noch einmal dankend, nahmen wir Abschied von der guten Frau und verließen dann den schönen Zoologischen Garten.
5. Die roten Kühe
Sobald wir die große Landstraße wieder erreicht hatten, gingen wir mit raschen Schritten auf Roskilde zu.
An beiden Seiten des Weges blühten die herrlichsten Blumen. Wie Perlen und Rubinen leuchteten sie im Sonnenschein und guckten wie glänzende Äuglein aus dem sammetweichen Grase.
Die Wiesen sahen aus wie riesengroße Blumenteppiche, und mitten in dieser Blumenpracht summte und schwirrte ein großes Heer von Käfern und Schmetterlingen aller Arten und Farben.
Wir betrachteten all das Schöne, das uns umgab, und lauschten den Stimmen der zahllosen Künstler und Sänger der Natur, in die wir hier draußen wie in ein Meer eingetaucht waren.
Wir waren beide derart beschäftigt mit all diesem wundervollen Leben und Treiben, daß wir lange nichts miteinander sprachen.
Es ging aber tapfer voran, immer tiefer in die große Insel hinein. Wenn wir uns umdrehten und zurückschauten, konnten wir nichts mehr von der großen Stadt hinter uns sehen. Kopenhagen war längst in weiter Ferne verschwunden. Aber Roskilde, das erste Ziel unserer Wanderung, war noch nicht zu entdecken.
„Wie weit mag es noch sein bis nach Roskilde?“ fragte ich schließlich meinen kleinen Freund.
„Das ist schwer zu sagen, Nonni. Du weißt ja, Roskilde ist ungefähr dreißig Kilometer von Kopenhagen entfernt.“
„Das ist ein langer Weg, Valdemar. Ob wir vor dem Abend Roskilde wohl erreichen werden?“
„Das werden wir kaum, Nonni. Ich habe gehört, daß ein Erwachsener den Weg gut machen kann in einem Tage. Für uns geht es etwas langsamer, weil unsere Beine kürzer sind.“
Ich mußte lachen über den Einfall des kleinen Valdemar. Ich gab ihm aber recht und sagte: „Wenn wir nur doppelt so lange Beine hätten, Valdemar, dann würden wir bald in Roskilde sein. So aber brauchen wir sicher zehn Stunden von Kopenhagen bis dorthin.“
„Und wenn wir noch vorher zu Mittag essen müssen und dazu noch in allerlei Abenteuer geraten, wird es noch viel länger dauern.“
Nach einiger Zeit merkte ich, daß Valdemar nicht mehr so frisch voranging wie bisher.
„Bist du müde, Valdemar?“
„O ja, Nonni, und der eine Fuß beginnt mir wehe zu tun.“
„Das ist wohl eine Blase. Drückt dich vielleicht der Schuh?“
„Ja, ein wenig.“
„Dann mußt du gleich Salbe darauf tun, sonst fängst du an zu hinken.“
Wir bogen etwas vom Wege ab und setzten uns am Straßenrand ins Gras, mitten unter die duftenden wilden Blumen.
Ich nahm aus meinem Rucksack das kleine Gefäß, das die Frau Professor hineingelegt hatte. Es war eine weiße Salbe darin.
Dann half ich Valdemar, seinen wehen Fuß einzureiben.
„Wie geht es jetzt mit dem Fuß, Valdemar?“ fragte ich nach einer Weile.
„Gut! Ich spüre jetzt nichts mehr.“
Die Salbe hatte Wunder gewirkt. Nun ging es weiter und weiter. Immer neue Landschaften, neue Blumen, neue Felder und Wäldchen und neue Bauernhöfe links und rechts. Es war prächtig!
„Nonni, ich spüre argen Hunger“, jammerte der kleine Valdemar nach kurzer Zeit wieder.
„Ich auch, Valdemar“, bestätigte ich ihm sogleich, „vielleicht könnten wir ein Butterbrot essen? Für das Mittagessen ist es wohl noch zu früh.“
„Du hast recht, Nonni“, sagte Valdemar, ging an den Wegrand und setzte sich ins Gras.
Nun holte sich ein jeder von uns ein Butterbrot aus seinem Rucksack und verzehrte es mit einer wahren Andacht.
Neu gestärkt standen wir wieder auf und gingen noch eine gute Strecke Weges, bis wir an ein schattiges Wäldchen kamen. Ein Dorf lag daneben, und am Rande des Wäldchens fanden wir einen Brunnen.
Hier entschlossen wir uns, Rast zu machen und zu Mittag zu essen.
Wir gingen in das Wäldchen hinein und fanden dort einen großen Baumstamm, der am Boden lag. Dieser Baumstamm diente uns als Stuhl, Tisch und Kochherd zugleich.
Es war ein wundervolles Plätzchen. Die laubreichen Äste, die über unsern Köpfen eine hohe, prachtvolle Wölbung bildeten, verschafften uns eine willkommene Kühlung. Oben in den Zweigen saßen eine Menge kleiner Sänger und Musikanten und gaben uns in liebenswürdigster Weise ein Konzert.
„Wie groß und schön ist unser ,Speisesaal‘, Nonni!“ sagte der Kleine.
„Ja, er ist königlich, Valdemar. Oben die singenden und musizierenden Vögel, und rund um uns im grünen Grase die duftenden Blumen.“
Wir fingen nun an, alles für unser Mittagsmahl herzurichten. Unser Kochtopf mit der brennenden Spirituslampe wurde auf den Baumstamm gestellt.
Das Hauptgericht wurde hineingetan und mit Sorgfalt überwacht.
Valdemar lief mit unsern beiden leeren Bechern an den kleinen Brunnen am Waldrand. Er füllte sie dort und brachte sie zurück voll vom köstlichsten Labetrunk, den es auf der ganzen Welt überhaupt gibt.
Während wir bei „Tisch“ saßen, kamen einige Kinder aus dem Dorfe zu uns her und schauten uns zu. Wir empfingen sie mit der größten Freundlichkeit und schenkten ihnen allerhand gute Dinge aus unsern Rucksäcken.
„Ist es weit bis Roskilde?“ fragte Valdemar die Kinder.
„Ja“, sagten sie.
„Wie weit ist es zu gehen?“
„Wissen nicht“, sagten die Kinder. „Sind nie so weit gewesen.“
Nach der Mahlzeit packten wir alle unsere Sachen wieder zusammen und brachen auf.
Die Rucksäcke waren leichter geworden. Wir selber hatten uns gut erholt und traten nun die Wanderung wieder an.
Unsere Rast hatte ziemlich lange gedauert: die Sonne stand bereits tief am westlichen Himmel, aber es war immer noch sehr warm, und gar bald plagte uns wieder der Durst und die Müdigkeit.
Wir mußten unsern Marsch öfter unterbrechen und setzten uns dann jedesmal auf den weichen Rasen am Wegrand, mitten unter die Blumen.
Das half ein wenig gegen die Müdigkeit, den Durst aber konnten wir nicht löschen; denn es war weit und breit kein Wasser zu sehen.
Schließlich meinte Valdemar, der noch mehr an Durst litt als ich, wir sollten in irgendeinen der Bauernhöfe gehen, die überall zwischen den Feldern und Äckern lagen, und dort um einen Trunk Wasser bitten.
Ich ging gleich auf seinen Vorschlag ein, und so bogen wir vom Wege ab und gingen über einen schmalen Steg, der sich durch blühende Wiesen schlängelte und zu einem einsamen Bauernhof hinführte.
„Gewöhnlich sind die Bauern gute Leute“, sagte Valdemar. „Ich glaube, sie geben uns Milch zu trinken.“
„Das wäre fein“, erwiderte ich ihm. „Milch ist immer gut.“
Wir gingen wohlgemut in der Richtung der Gebäude durch das hohe Gras.
Bei der Biegung des Weges war ein kleiner Hügel. Als wir diesen umgangen hatten, sahen wir uns plötzlich einer Reihe von zehn bis zwölf Kühen gegenüber, schöne rote Kühe, die an Pflöcken angebunden waren und friedlich weideten.
Sie standen allein da, ohne Hirten und ohne Hund. Ich war von Island her daran gewöhnt, Kühe und Schafe, die ich bei meinen Wanderungen auf den Bergen einfangen konnte, kurzerhand zu melken und so meinen Durst mit ein wenig Milch zu löschen. Und um unsern Durst zu stillen waren wir doch vom Hauptweg abgebogen — was Wunder, wenn ich beim Anblick der schönen dänischen Kühe mich rasch entschloß, hier das gleiche zu tun wie in meiner Heimat.
„Valdemar“, sagte ich deshalb, „welch ein Glück für uns! Hier haben wir ja Milchkühe!“
„Was meinst du damit, Nonni?“
„Kannst du denn das nicht verstehen, Valdemar? Wir brauchen ja nur eine der Kühe zu melken. Dann ist unser Durst bald gelöscht.“
Valdemar wurde etwas nachdenklich. „Ob die Leute uns das nicht übelnehmen würden, Nonni?“
„Das glaube ich nicht, Valdemar. Ich habe es ja so oft in Island getan, und niemals sind die Leute mir deshalb böse geworden.“
Durch meine beruhigenden Worte und wohl auch wegen seines brennenden Durstes schienen die Bedenken Valdemars zu schwinden.
„Wenn du es meinst“, sagte er, „können wir es mal versuchen.“
„Wenn wir unsern Durst gelöscht haben, Valdemar, dann gehen wir nach dem Hof und sagen dem Bauern, daß wir ein wenig Milch von seinen Kühen getrunken haben. Da wird er uns das sicher nicht übelnehmen.“
Wir näherten uns den gutmütigen Tieren. Sie hörten alle auf zu grasen, drehten die Köpfe nach uns hin und schauten uns vertrauensvoll an.
Bald waren wir bei der vordersten Kuh angelangt. Sie ließ sich ruhig von uns streicheln und liebkosen.
Ich schnallte meinen Rucksack ab, legte ihn ins Gras und nahm meinen kleinen zinnernen Becher heraus.
„Ich werde ganz allein melken, Valdemar. Ich verstehe das. Du aber sollst bei der Kuh stehen bleiben und sie streicheln, damit sie stillhält.“
Valdemar begann sofort, das gute Tier am Kopfe freundschaftlich zu tätscheln, während ich mich auf die Knie fallen ließ und, den Becher fest in der linken Hand haltend, das Euter mit der rechten Hand anfaßte und die warme Milch herauspreßte.
Die Operation gelang prächtig, und in kurzer Zeit war der Becher zum Überfließen voll.
Ich stand auf, brachte ihn meinem Freunde und bat ihn, den ersten Trunk zu tun.
Freudestrahlend setzte er den vollen Becher an die Lippen und trank in einem Zuge den köstlichen Inhalt aus.
„Wie das gut schmeckt, Nonni!“ sagte er. „Aber wir müssen noch ein paar Becher trinken.“
„Das ist ja ganz klar, Valdemar“, erwiderte ich, indem ich mich anschickte, einen zweiten Becher voll zu melken.
Im Nu war auch der zweite Becher voll. Ich bot auch diesen meinem kleinen durstigen Reisegefährten an. Er nötigte mich aber, selbst zu trinken. Es ist ja noch immer genug da“, sagte er.
Valdemar hatte recht: es war genug da, und die Milch war vorzüglich.
Es sollte nun der dritte Becher voll gemolken werden.
Als er halb mit Milch gefüllt war, kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel eine fürchterliche dänische Dogge in gewaltigen Sprüngen auf uns zugerannt. . . . Und hinter ihr her ein junger, etwa zwanzigjähriger Bauernbursche mit einem dicken Stock in den Fäusten. . . .
Sie kamen vom Hofe des Bauern her und sahen sehr bedrohlich aus. . . . Ja, es machten sowohl die Bestie wie auch der junge Mann so grimmige Gesichter, daß Valdemar und mir angst und bange wurde.
Der erste, der uns erreichte, war der Hund. Er sprang wütend auf mich zu, wie ich eben dastand mit dem halbgefüllten Becher in der linken Hand. Ich wollte mich durch einen Seitensprung vor ihm retten. Dazu ließ er mir aber keine Zeit. Keuchend riß er den Rachen auf, packte meinen rechten Oberarm und biß so fest zu, daß seine Zähne durch die Kleider und die Haut bis tief auf den Knochen drangen.
Ich schrie laut auf vor Entsetzen und schleuderte die ganze Milch, die im Becher war, der furchtbaren Bestie direkt in die Augen.
Geblendet durch die weiße Flüssigkeit ließ der Hund mich los, so daß ich mich durch einen Sprung neben Valdemar stellen konnte.
In diesem Augenblick war nun auch der Bauernbursche da.
Er faßte den wütenden Hund am Halsband und hielt ihn fest.
Meine Aufregung war so groß, daß ich im Augenblick gar keinen Schmerz von meiner Wunde am Arm verspürte.
Bei diesen Schrecknissen stand die große rote Kuh gelassen da, wie wenn die ganze Sache sie nicht im mindesten anginge. — Sie schien sowohl den Mann wie den Hund zu kennen.
Sobald der junge Bursche den großen Hund in seiner Gewalt hatte, kamen wir an die Reihe. Er warf uns böse Blicke zu und sagte:
„So, jetzt seid ihr abgefangen, ihr Diebe. Ihr kommt nun sofort mit mir nach dem Hof. Dort wird der Bauer noch ein paar Wörtlein mit euch zu reden haben; ihr sauberen Herren, ihr!“
Die letzten Worte sprach er mit einem solch höhnischen Lachen aus, daß wir nichts Gutes zu ahnen begannen.
Im ersten Augenblick wußten wir nicht, was wir antworten sollten. Aber bald kam ich doch so weit zu mir selbst, daß ich erwidern konnte:
„Wir sind keine Diebe. Wir wollten nur ein wenig Milch trinken, weil wir so durstig waren.“
Bei dieser Antwort lachte der junge Bauernbursche laut auf.
„So, so — ohne jede Erlaubnis die Milch aus unsern Kühen zu trinken, das ist kein Diebstahl? Sagt das nur dem Bauern im Hof. Das weitere wird dann schon kommen.“
„Wir hatten von vornherein die Absicht, hernach zum Bauern zu gehen und ihm zu sagen, daß wir ein wenig von seiner Milch getrunken haben.“
Bei dieser Antwort lachte der junge Bursche noch viel ärger und sagte: „Famos, mein Junge! Sag auch das dem Bauern! Das wird ihm Spaß machen. — Übrigens kann ich euch eine sehr erfreuliche Nachricht bringen: Als der Bauer mich mit dem Hund fortschickte, euch hier abzuholen, da war er eben damit beschäftigt, sich eine Birkenrute zurechtzuschneiden.“
Es entstand eine Pause.
Valdemar schaute mich entsetzt an.
Dann flüsterte er mir ganz leise ins Ohr:
„Was mag er mit der Rute vorhaben?“
„Ich will den Burschen fragen“, flüsterte ich ihm zurück.
Dann nahm ich mir ein Herz und fragte den Burschen:
„Was hat er mit der Rute vor?“
Das will ich dir sagen, mein Junge: Er hat vor, euch beiden eine Züchtigung zu geben, die ihr nicht so bald wieder vergessen werdet. Und das kann ich euch sagen: er versteht sich auf so was.“
Der junge Mann schien Freude zu haben an unsern verdutzten Gesichtern. Er fuhr fort:
„Ja, er versteht sich darauf: Vor kurzem faßte ich auch zwei Jungen in eurem Alter hier ab. — Milch hatten sie zwar nicht gestohlen, wie ihr, so schlimme Kumpane waren es nicht einmal. Sie haben nur die Kühe gefoppt und einige Steinchen nach ihnen geworfen. Als ich die beiden Burschen aber erwischt hatte und sie unserem Bauern nach dem Hof brachte, hat er sie dermaßen mit einer Birkenrute durchgeprügelt, daß man sie dort drüben noch schreien hörte.“ Dabei zeigte er mit der Hand nach einem Hof, der wohl eine halbe Stunde Weges entfernt war.
Das waren schlechte Aussichten für uns. Wir waren wie zerschmettert. Was war nun zu tun? Es kam mir der Gedanke, uns beide durch die Flucht zu retten.
Ohne ein Wort zu sagen, hob ich meinen Rucksack vom Boden auf, schnallte ihn rasch an meinen Rücken mit der Absicht, mit Valdemar davonzulaufen.
Aber der schlaue Bursche schien meine Gedanken zu erraten. Er sagte ganz gelassen:
„Ich gebe euch einen Rat: versucht nicht davonzulaufen; denn wenn ihr das tut, werde ich den Hund zum zweiten Male auf euch loslassen. Und — ihr wißt! — der hat gute Beine und kann euch unter Umständen gefährlich werden.“
Ich verstand sogleich, daß jeder Fluchtversuch aussichtslos sei. — Es blieb nichts anderes für uns übrig, als unser Geschick abzuwarten.
Der Bauernbursche hob den Becher, den ich vorher auf den Boden hatte fallen lassen, auf, betrachtete die Milch, die daran klebte, und sagte:
„Der könnte ja als Beweis gegen euch dienen, doch das ist nicht notwendig. Wir haben ja vom Hof aus alles gesehen.“
Dann steckte er den Becher unter vergnügtem Pfeifen in meinen Rucksack hinein. Und so konnten wir nun den Weg nach dem Hof antreten.
Die Aussicht auf die Züchtigung mit der Birkenrute hatte mich bis jetzt alles andere vergessen lassen — selbst die Wunden, die mir der Hund am Oberarm beigebracht hatte. Jetzt aber brannten und schmerzten sie mich von Augenblick zu Augenblick immer mehr.
Da schoß mir plötzlich ein glücklicher Gedanke durch den Kopf:
Einige Wochen vorher hatte ich in Kopenhagen gesehen, wie ein Junge einen großen Hund geneckt und von diesem gebissen worden war. Die Eltern des verwundeten Jungen zeigten die Sache an; sie kam vor Gericht, und der Eigentümer des Hundes wurde verurteilt, dem Jungen nicht nur die zerrissenen Kleider zu ersetzen, sondern ihm auch Schmerzensgeld zu bezahlen. Und das, trotzdem der Junge nicht ganz unschuldig war.
Das war ja gerade mein Fall hier. Auch ich war nicht ganz unschuldig, da ich von der Milch der Kuh getrunken hatte. — Auch ich war, wie jener Junge, von dem Bauernhund gebissen worden.
Nun denn: wenn das Hundebeißen in Kopenhagen strafbar ist, dann muß es auch hier auf dem Lande strafbar sein!
Also konnte ich klagen, und der Bauer konnte dazu verurteilt werden, meine vom Hund zerrissenen Kleider mir zu ersetzen und mir dazu noch Schmerzensgeld zu bezahlen.
In unserer schrecklichen Lage und in meiner Furcht vor der Züchtigung, die uns drohte, klammerte ich mich an diesen Gedanken wie an eine Rettungsplanke.
Valdemar, der aus Furcht vor den Prügeln helle Tränen weinte, mußte sofort mit diesem Plane bekannt gemacht und dadurch getröstet werden.
Wir gingen nebeneinander. Der Bursche ging hinter uns her. Der Hund schritt an der Spitze und wies uns den Weg.
Ich ergriff den weinenden Valdemar am Arme, neigte mich unauffällig zu ihm hin und flüsterte ihm leise ins Ohr: „Laß das Weinen sein, Valdemar!“
Der arme Junge schaute mich an. Das Entsetzen stand ihm im Gesicht. Dann flüsterte auch er ganz leise zurück:
„Und die Prügel?“
„Die bekommen wir nicht.“
Wie ein Ertrinkender, der plötzlich einen Halt gefunden hat, faßte er meine Hand, schaute mich ungläubig an und sagte leise:
„Wie . . .? Was, Nonni? . . . Was sagst du da?“
„Wir bekommen keine Prügel, Valdemar. Weine also nicht mehr. Du kannst ganz ruhig sein.“
„Aber er hat doch die Rute schon zugeschnitten“, lispelte Valdemar, immer noch sehr untröstlich.
„Das ist wahr, aber ich habe ein Mittel gefunden, um ihn zu hindern. Er wird es nicht wagen, uns anzurühren. . . .“
Valdemar war so verblüfft, daß er in seiner Angst und plötzlichen Hoffnung nichts anderes zu sagen fand als die Worte:
„Wieso, Nonni . . .? Wie . . .? wie . . .?“
Ich erzählte ihm ganz leise in gebrochenen Sätzen die Geschichte von dem Jungen in Kopenhagen, den ein Hund gebissen hatte, und schloß mit den Worten:
„Ich werde dem Bauern drohen, ihn wegen meiner Bißwunden zu verklagen, sobald er mit der Birkenrute kommt. . . .“
„Ja, aber Nonni, dann werde ich allein die Prügel bekommen. Denn ich bin ja nicht gebissen worden.“
„Nein, Valdemar“, beruhigte ich meinen erschreckten kleinen Freund. „Und wenn er dich mit der Rute auch nur anrührt, werde ich ihm drohen, ihn zu verklagen.“
„Ob es helfen wird, Nonni? Und ob er durch deine Drohungen nicht noch viel wütender werden wird . . .? Sei vorsichtig, Nonni!“
„Hab keine Angst, Valdemar! Wir werden ihm ganz sicher bange machen. Nur darfst du keine Furcht zeigen. Wir müssen mutig gegen ihn auftreten, sonst gelingt es nicht.“
Jetzt gab sich der furchtsame kleine Junge alle Mühe, seine Angst zu bekämpfen. Er trocknete seine Tränen ab und versuchte — leider mit wenig Erfolg —, eine unerschrockene Miene aufzusetzen.
„Was schwätzt ihr da miteinander?“ rief plötzlich der Bauernbursche hinter uns.
Mit lauter Stimme und so unerschrocken, wie es mir bei meiner geheimen Furcht möglich war, erwiderte ich:
„Wir haben von meinen Bißwunden gesprochen. Sie sind schrecklich und tun mir sehr weh!“
„Da lügst du was, mein Freundchen! Du hast gar keine Wunden!“
Ich hielt diesen Augenblick für sehr günstig, die Rollen sofort zu vertauschen und ihn zum Angeklagten, uns aber zu den Anklägern zu machen:
„Wie können Sie so eine Unwahrheit sagen? Sie haben doch den wilden Hund auf uns gehetzt. Er hat mich ganz fürchterlich in den Arm gebissen. Es tut mir sehr weh, und es ist mir, wie wenn er den Knochen durchgebissen hätte.“
Um meinen Worten noch mehr Nachdruck zu geben, blieb ich stehen, schnallte meinen Rucksack los, warf ihn auf den Rasen, zog mit Hilfe Valdemars meine Jacke aus und schob den Hemdärmel nach oben.
Viel Blut war zwar nicht zu sehen, aber ein paar unheimliche blaue Löcher am oberen Armmuskel. Ich unterdrückte die Schmerzen und preßte die Wunden, und gleich floß reichlich Blut.
„Sie sehen“, fuhr ich nach einer Weile siegesgewiß fort, „wie wütend er mich gepackt hat. Und da sagen Sie noch, ich sei gar nicht gebissen worden!“
Der Bursche wurde unsicher und erwiderte:
„Das hätte ich mir doch nicht gedacht.“
Die Lage schien sich wesentlich zu unsern Gunsten wenden zu wollen. Ich entschloß mich daher, die Bestürzung des Burschen möglichst auszunützen und der Begegnung mit dem Bauern ein wenig vorzuarbeiten, und fuhr fort:
„Ich hätte auch nicht gedacht, daß Sie es wagen würden, einen so gefährlichen Hund auf uns zu hetzen. Sie wissen doch, daß das sehr strenge bestraft wird.“
„Bestraft wird! Von wem denn?“
„Von der Polizei. Dafür kommt man ins Gefängnis und muß Buße zahlen. Viel Geld!“
Der junge Mann schaute mich erst etwas betroffen an, dann sagte er:
„Oh, Polizei und Gefängnis! Das gibt es hier auf dem Lande nicht. Es sind hier keine Polizisten, die sich in unsere Sachen einmischen.“
„Ja, das tun sie nicht, wenn man nichts sagt. Ich werde es aber der Polizei in Kopenhagen sagen.“
Der junge Mann schmunzelte:
„Erzähle du, was du willst. Damit machst du mich nicht bange. Übrigens habe ich nur getan, was der Bauer mir befohlen hat. Ihn allein geht das an, nicht mich.“
Es freute mich, daß er die Verantwortung auf den Bauern abzuwälzen suchte. Denn nur vor ihm waren wir bange, und es galt, gerade ihm Furcht vor der Polizei einzuflößen, um ihn mit seiner Birkenrute milde zu stimmen.
„Übrigens“, fuhr ich fort, „wenn das den Bauern allein angeht, dann ist er in Gefahr. Es wundert mich, daß er befohlen hat, den Hund auf uns zu hetzen.“
Der Bursche schwieg, und ich konnte gut merken, daß er noch verlegener war als vorher.
Nach einer Weile kam er auf mich zu, nahm meinen Arm und untersuchte genau die Wunden. Ich merkte, daß er nicht recht wußte, was er tun solle.
Schließlich fragte er:
„Tut es dir sehr weh?“
„Ja, es tut mir furchtbar weh. Es ist, wie wenn Gift in die Wunde gekommen wäre.“
Der junge Mann schien jetzt ernstlich bange zu werden. Er sagte:
„Nein, Gift ist das nicht, es ist nur etwas Schmutz. Unsere Hausfrau wird das schon waschen und einen Verband anlegen.“
Ich zog die Jacke an, nahm den Rucksack und wollte ihn wieder auf den Rücken schnallen. Der Bauernbursche bot sich an, ihn für mich zu tragen. Ich nahm diesen Dienst aber nicht an, sondern bat wiederum Valdemar, mir behilflich zu sein.
„Siehst du, Valdemar, dem Burschen ist bange geworden“, flüsterte ich Valdemar ins Ohr.
„Ich merke es auch“, sprach der Kleine leise zurück. „Aber wie wird es mit dem Bauern gehen?“
„Wenn wir beide mutig sind, wird es ihm geradeso gehen wie dem Burschen.“
„Gut, Nonni“, sagte Valdemar, „ich werde versuchen, mutig zu sein.“
6. Der zornige Bauer
Nun kamen wir bei dem Bauernhof an. Vor dem Eingang stand ein großer und kräftiger Mann. In der rechten Hand hielt er eine lange Birkenrute.
Der Hund sprang gleich zu ihm hin und begrüßte ihn mit lautem Bellen und allerlei sonstigen Freundlichkeiten.
Sein Herr wies ihn aber zornig von sich ab.
Der Bursche trat näher und sagte:
„Hier sind die beiden Diebe.“
Der furchtbare Mensch gab keine Antwort, sondern schaute uns fortwährend mit grimmigen Augen an. Der Bursche verschwand, ohne ein weiteres Wort zu sagen, in den Hof hinein.
Valdemar war blaß geworden wie eine Leiche. Er wagte kaum die Augen aufzumachen.
Ich selber, der bisher dem kleinen Valdemar mit so vielem Eifer Mut zugesprochen hatte, fühlte jetzt meine eigene Zuversicht schwinden.
Wir standen alle da, ganz still. Keiner sprach ein Wort. Selbst der Hund war hinter einen Steinblock gekrochen und hatte sich dort hingelegt.
Es waren schreckliche Augenblicke. . . .
Ich suchte mich innerlich aufzuraffen. Es gelang mir aber nicht recht.
Ich rief Gott und alle guten Geister um Hilfe an und wartete, was geschehen werde.
Endlich öffnete der Bauer seinen Mund — und indem er mit der Rute zu jedem Worte den Takt schlug, schrie er uns mit Donnerstimme zu:
„Was — habt — ihr — bei — meinen — Kühen — zu tun — gehabt?“
Ich wollte antworten, aber die Worte blieben mir im Halse stecken. Ich brachte einstweilen keinen Laut heraus.
Der furchtbare Blick des Bauern lastete auf uns mit Zentnerschwere und drückte uns beide zu Boden.
Plötzlich dachte ich an Valdemar, und ich fühlte dabei, wie das Blut in mein Gesicht stieg. Ich schämte mich unsäglich vor meinem jüngeren, schwächeren Gefährten, dessen Führer ich sein sollte, daß ich mich nun plötzlich selber so schwach und so feige hatte zeigen können.
Dieser Gedanke stärkte mich, richtete mich wieder auf und half mir, meine Angst vollständig zu überwinden.
Ich hatte immer noch nicht geantwortet, und nun wiederholte der Bauer seine Frage, diesmal aber in einem noch viel schärferen Tone:
„Was — habt — ihr — bei — meinen — Kühen — zu — tun — gehabt?“
Jetzt fühlte ich, daß sein Zorn auch mich angesteckt hatte. Ich schaute ihm fest in die Augen und antwortete mit der ganzen Kraft meiner Stimme:
„Wir wollten Milch trinken, weil wir durstig waren.“
Der schreckliche Mensch schien ein paar Augenblicke in Verwirrung geraten zu sein wegen meiner plötzlichen Umwandlung. Er gewann aber bald die Fassung wieder und rot vor Wut donnerte er mir die Worte entgegen:
„So! — Ihr wolltet meine Milch trinken. Da ihr also Diebe seid, werde ich euch mit der Rute züchtigen.“
Ich war jetzt in Erregung gekommen und ließ mich nicht mehr einschüchtern. Ich schrie ihm mit voller Stimme zurück:
„Wir sind keine Diebe. Wir wollten nur ein wenig Milch trinken und es Ihnen nachher anzeigen.“
„Bist du verrückt, Junge?“ brauste jetzt der zornige Bauer auf. „Meinst du, daß jemand dir so etwas glauben werde?“
„Man muß es doch glauben, da es wahr ist!“ schrie ich ihm kräftig zurück.
„Dann will ich dir aber etwas sagen, was noch mehr wahr ist. Und es ist dies: daß ich euch beide jetzt derart durchhaue, daß ihr heulen werdet wie die Ferkel, die man totsticht.“
Meine bisherige Festigkeit war bedeutend erschüttert. Die Übermacht, der gegenüber wir uns befanden, war zu groß, und wir standen eine Weile wie gelähmt da.
Schweigend und mit einem grausamen Vergnügen schaute uns der Bauer unterdessen an.
Nachdem er uns so einige Augenblicke gepeinigt hatte, sagte er mit rauher Stimme:
„Nun kann’s beginnen. — Legt eure Rucksäcke ab.“
Valdemar und ich warfen uns gegenseitig einen bangen Blick zu, machten aber keine Anstalten, zu gehorchen.
Dann aber erdröhnte die Stimme des Bauern mit doppelter Gewalt:
„Legt eure Rucksäcke ab!“
Mechanisch führten wir den Befehl aus, nahmen die Rucksäcke herunter und legten sie auf den Boden.
Valdemar fing schon halblaut zu weinen an.
Jetzt kommandierte der Mann:
„Marsch in die Vorstube hinein!“
Wieder warf mir Valdemar einen angstvollen Blick zu. Wir sprachen aber kein Wort.
Wir zauderten beide ein paar Augenblicke — dann kamen wir auch diesem Befehle nach.
Der Bauer führte uns in ein kleines Stübchen nahe beim Eingang und schloß die Tür hinter sich.
Kaum hatte der Prügelmeister die Tür zugeschlossen, da kam er auf mich zu und sagte:
„Der Größere kommt zuerst an die Reihe.“
Als er diese Worte gesprochen hatte, packte er mich ziemlich unsanft beim Arme und wollte mich nach einem Tische schleppen, der mitten in der Stube stand.
Bei dieser Berührung erwachten auf einmal alle meine Lebensgeister. Mein Blut kam in Wallung, und ich fühlte plötzlich eine Kraft und eine Energie, die mich selber in Staunen setzten und die mich nun nicht mehr verlassen sollten.
Ich riß mich von dem starken Manne durch einen heftigen Ruck los, sprang zu Valdemar hin und stellte mich an seine Seite.
Dann rief ich dem Bauern in der heftigsten Gemütsbewegung zu:
„Ich habe Ihnen schon gesagt, daß wir keine Diebe sind. Sie dürfen uns daher nicht schlagen.“
„Du wagst, mir zu widerstehen!“ schrie mir der Bauer zu, zitternd vor Zorn.
„Ja, und wagen Sie es nicht, uns anzurühren!“
„Ich will dir zeigen, wer hier der Herr ist“, schrie nun der Bauer, ganz außer sich vor Wut.
„Gewiß sind Sie der Herr, aber schlagen dürfen Sie uns nicht!“ wiederholte ich klar und entschieden.
„So, Diebe darf man nicht züchtigen!“
„Wir sind keine Diebe“, wehrte ich mich energisch. „Bei mir zu Hause ist es jedem Durstigen erlaubt, die Kühe und Schafe auf den Bergen zu melken und Milch zu trinken, soviel er will. Das habe ich oft getan. Und nie hat man mich deshalb einen Dieb genannt.“
„Woher bist du?“
„Aus Island.“
„Hier sind wir aber nicht in Island. Ihr seid beide Diebe, und deshalb werde ich euch züchtigen.“
Mit diesen Worten kam der Bauer wieder auf mich zu und packte mich zum zweitenmal beim Arm.
Ich suchte mich noch einmal von ihm loszureißen. Diesmal aber gelang es mir nicht. Mit eisernem Griffe hielt er mich fest und schleppte mich zum Tische hin.
Nun galt es, vorsichtig meinen letzten Trumpf auszuspielen. Ich schaute dem Bauern entschlossen in die Augen und bemerkte fest und bestimmt:
„Wenn Sie mich nicht sofort loslassen, werde ich Sie bei der Polizei in Kopenhagen verklagen.“
Der Mann stutzte, dachte einen Augenblick nach, dann frug er:
„Weswegen willst du mich verklagen?“
„Wegen einer Sache, die geschehen ist, und die streng bestraft wird.“
Der Bauer schaute mich eine Weile scharf an und frug darauf merklich betroffen:
„Was weißt du von mir, Junge?“
„Ich weiß etwas von Ihnen, wofür Sie strenge bestraft werden, wenn ich es der Polizei in Kopenhagen anzeige.“
Ich war erstaunt, wie zahm der Bauer auf einmal geworden war, und fühlte, wie die Faust an meinem Arme sich lockerte. Der Bauer ließ mich los, so daß ich wieder zu Valdemar hingehen konnte.
Dann sagte er:
„Was ist das, was du weißt?“
„Ich werde es Ihnen nur dann sagen, wenn Sie versprechen, uns nicht mehr anzurühren,“
„Ich will euch in Ruhe lassen, also was ist es?“
„Gut“, sagte ich, „dann will ich es Ihnen sagen: Sie haben Ihren Knecht mit Ihrem großen Hund auf uns gehetzt, und der Hund hat mich gebissen. — Dafür wird man in Kopenhagen bestraft.“
„So, hat er dich gebissen! Wo denn?“
„Am Arm.“
„Laß sehen! “
Ich zog meine Jacke aus. Der Hemdärmel war jetzt blutig. Ich streifte ihn in die Höhe und zeigte den Arm. Er war geschwollen, und an mehreren Stellen waren Bißwunden zu sehen.
„Hat mein Hund dir das getan?“ fragte der Bauer.
„Ja. Und es tut mir sehr weh.“
„Es muß gewaschen werden, und dann müssen wir einen Verband anlegen.“
Er öffnete die Tür und rief seine Frau.
Diese, eine gutmütig aussehende Bäuerin, kam bald in die Stube herein. Der Mann befahl ihr, meinen Arm zu verbinden.
Mit großer Sorgfalt übernahm sie die Pflege meiner Wunden. Nachdem sie alles Nötige geholt hatte, wusch sie mit lauem Wasser das Blut ab und tat etwas Salbe auf die wunden Stellen. Dann verband sie den Arm mit weißem Linnen.
Unterdessen war der Bauer hinausgegangen.
Die Frau war das gerade Gegenteil von ihrem Manne. Sie war die Güte selbst und bot uns sogar Milch zu trinken an, was wir mit Dank annahmen.
Hernach fragte sie uns ein wenig aus, und wir erzählten ihr, wie es uns mit ihrem Manne ergangen war.
Sie lächelte und sagte:
„Ja, er kann zuweilen etwas heftig werden. Das ist so seine Art.“
Als wir die Milch getrunken hatten, drängte es uns, sobald wie möglich den Hof zu verlassen. Wir fürchteten nämlich, daß der Mensch wieder kommen würde. Mit ihm wollten wir aber nichts mehr zu tun haben.
Wir nahmen rasch Abschied von der guten Bäuerin und traten wieder ins Freie hinaus. Der Bauer ließ sich nicht mehr sehen. Wir hatten nichts dagegen und verzichteten gerne auf unser Klagerecht, wenn wir nur mit ungegerbten Hosen davonkämen.
7. Die Nacht in dem Heuschober
Mit unsern Rucksäcken bepackt liefen wir rasch vom Hof fort. Erst als wir uns in Sicherheit fühlten, gingen wir in langsamerem Tempo und trotteten schließlich in gemütlicher Wanderung weiter.
Wir mußten noch einmal an den schönen roten Kühen vorbei, ließen sie aber diesmal wohlweislich in Ruhe.
Bald hatten wir die große Landstraße erreicht, und nun ging es rasch vorwärts in der Richtung nach Roskilde.
Seitdem mein Arm verbunden worden war, tat er mir nicht mehr arg weh.
Wir plauderten von unserem neuen Abenteuer, das uns jetzt, da alle Gefahr endlich vorbei war, großen Spaß machte.
„Es war doch ein Glück“, sagte der kleine Valdemar, „daß der Bauer uns die Schläge mit der Birkenrute nicht gab. Hast du gesehen, Nonni, wie dick die Rute war?“
„Gewiß. Er hätte uns damit totschlagen können. Aber wie spassig, Valdemar, sein Hund war es, der uns gerettet hat!“
„Ja, das hat er. — Aber wie war ich bange, als du anfingst, mit dem Bauern zu streiten!“
„Das begreife ich. Das war auch gewagt. Aber ich hatte es vorher gut überlegt. Wenn man so eine Sache vorher gut überlegt hat, dann muß man nachher in der Gefahr ganz kühn und entschieden sein.“
„Das bist du auch gewesen, Nonni. — Du hast dich tapfer gegen ihn gewehrt.“
„Es war nur äußerlich so. Innerlich hatte ich große Angst.“
„Das habe ich aber nicht gemerkt, Nonni. Ich hatte im Gegenteil das Gefühl, daß du dem Bauern ordentlich bange gemacht hast.“
„O gewiß, Valdemar. Und ich muß sagen, daß ich erstaunt darüber war, wie schnell er nachgegeben hat. Ich hatte gedacht, daß es noch viel länger dauern würde.“
„Meinst du denn, Nonni, daß du noch länger gegen ihn hättest standhalten können?“
„Oh, ganz sicher. Ich war fest entschlossen, bis zum äußersten für uns beide zu kämpfen. Übrigens glaube ich, daß der Bauer nicht einmal so tapfer ist, wie er aussieht.“
So redeten wir miteinander und spähten immerfort nach vorn, um Roskilde zu entdecken. Es war aber von dieser Stadt immer noch nichts zu sehen, und die Sonne war schon ziemlich tief am Horizont hinabgesunken.
„Ich fürchte, daß wir Roskilde heute abend gar nicht mehr erreichen werden“, seufzte mein kleiner Freund.
„Es scheint mir auch so, Valdemar. Ich hätte nie gedacht, daß der Weg von Kopenhagen nach Roskilde so lang sei. — Wenn du nicht zu müde bist, könnten wir einmal versuchen, etwas schneller zu gehen.“
„Versuchen wir es“, sagte der Kleine.
Wir gingen nun eine Zeitlang mit langen und raschen Schritten auf der Landstraße dahin.
Aber es dauerte nicht lange, da hörte ich meinen kleinen Freund:
„Nonni, ich kann es nicht mehr länger aushalten. Ich bin furchtbar müde und auch hungrig.“
Ich blieb sogleich stehen und schaute den kleinen Jungen an: das Blut war ihm sehr stark in den Kopf gestiegen, und er schien ganz ermattet zu sein.
Ich führte ihn an den Wegrand. Da war viel schönes weiches Gras. — Ich nahm ihm seinen Rucksack herunter und bat ihn, sich ins Gras zu legen, um etwas auszuruhen.
Er legte sich sofort flach auf den Rücken und atmete schwer.
„Mein Gott!“ dachte ich. „Wenn er nur nicht krank wird!“
Ich kniete neben ihm nieder und drückte meine Hand auf seine Stirn und seine Wangen. Sein Gesicht war brennend heiß.
„Wie fühlst du dich, Valdemar?“
„Furchtbar müde, Nonni!“
„Versuche doch, ein wenig zu schlafen.“
Er schloß die Augen, und nach ein paar Minuten lag er in tiefem Schlafe. Ich ließ ihn ruhen.
Nicht weit von uns war eine kleine Erhöhung. Ich stieg hinauf und forschte nach unserem Reiseziel. Es war weit und breit nichts zu sehen. Meine Unruhe wuchs, und ich nahm mir fest vor, mit Valdemar nie mehr so schnell zu gehen. Er war zu jung dazu und zu zart gebaut und konnte solche Strapazen noch nicht aushalten.
Immer mehr wurde ich davon überzeugt, daß wir Roskilde an diesem Abend nicht mehr erreichen würden.
Aber wo sollten wir die Nacht zubringen?
Ich hielt nach allen Seiten Ausschau, ob nicht irgendwo in der Nähe ein größerer Bauernhof zu finden sei. — Da könnten wir ja für eine Nacht um Gastfreiheit bitten.
Aber sosehr ich auch meine Augen anstrengte, ich konnte nirgends ein Haus erblicken. Wir mußten also wohl noch etwas weiter auf der Landstraße vorwärts wandern. Es war nur die Frage, ob Valdemar dazu auch noch imstande war.
Nachdem ich alles reiflich überlegt hatte, ging ich wieder zurück zu meinem kleinen Reisekameraden. Er schlief immer noch fest. Sein Atem war ruhiger geworden, und sein Gesicht sah nicht mehr so rot und erhitzt aus. Es mußte ihm also besser gehen.
Ich ließ ihn noch eine gute Weile weiterschlafen.
Inzwischen schnallte ich seinen Rucksack auf und machte ihm ein kräftiges Butterbrot zurecht.
„Das werde ich ihm beim Erwachen anbieten“, dachte ich.
Nachdem ich noch eine geraume Zeit gewartet hatte, setzte ich mich neben ihn, berührte seine Schultern und rüttelte ihn sanft. — Es half aber wenig. Er drehte sich auf die Seite und schlief weiter.
Ich ergriff seine Hand, tätschelte und preßte sie. — Endlich machte der kleine müde Schläfer die Augen auf und schaute mich erstaunt an. Dann warf er erschrockene Blicke um sich und sagte:
„Aber was ist denn das, Nonni?“
Ich richtete ihn etwas in die Höhe, so daß er zu sitzen kam.
Er rieb sich die Augen und sagte: „Ich meinte, ich sei in meinem Schlafzimmer. Aber jetzt kenne ich mich wieder aus.“
„Wie geht es dir, Valdemar?“ fragte ich ihn.
„Oh, ganz gut“, gab er zur Antwort. „Nur bin ich noch etwas schläfrig und müde.“
Ich gab ihm das Butterbrot, das er dankbar annahm und mit bestem Appetit verspeiste.
„Wie bin ich froh, Valdemar“, sagte ich, „daß es dir wieder gut geht. Ich war so bange um dich und fürchtete fast, du könntest krank werden.“
„Krank! O nein, Nonni. Ich bin kräftiger, als du meinst.“
„Du hast ziemlich lange geschlafen, Valdemar, und es ist nun spät geworden. Wir werden heute abend Roskilde nicht mehr erreichen können.“
„Wo werden wir aber dann schlafen?“
„In dem ersten anständigen Bauernhof, den wir am Wege finden.“
„Gut, Nonni. Aber wenn nur der Bauer ein guter Mann ist!“
„Das sind die ja fast alle, Valdemar. — Nur muß man ihre Kühe in Ruhe lassen.“
Wir standen nun auf, machten uns zurecht und wanderten weiter — doch viel langsamer als vorher.
Inzwischen hielten wir fleißig Umschau nach besseren Bauernhöfen. Es waren aber überall nur kleine Hütten zu sehen.
„Nonni“, sagte schließlich Valdemar, „meinst du nicht, daß wir jetzt in irgendeinem Hause einkehren sollten? Ich möchte so gerne schlafen.“
Da ich fürchtete, er könne einen neuen Ermüdungsanfall bekommen, gab ich nach und sagte:
„Gut, Valdemar. Wir wollen sofort hier in der Nähe eine Schlafstätte suchen.“
Ich entdeckte ein winziges Wäldchen und daneben einen ganz kleinen Bauernhof.
„Das wäre vielleicht etwas für uns“, sagte ich, und deutete mit der Hand nach der Richtung, in der das Wäldchen und der kleine Hof lagen.
Valdemar willigte ein, und so bogen wir vom Wege ab und gingen auf das Höfchen zu.
Es mochte etwa eine Viertelstunde Weges bis dahin gewesen sein.
Als wir in die Nähe des kleinen Hofes gelangten, sah dort alles so ärmlich und eng aus, daß wir einige Augenblicke haltmachten und miteinander berieten, ob es nicht besser wäre, anderswo anzuklopfen.
Valdemar meinte, die Leute würden sicher keinen genügenden Platz haben, um uns aufzunehmen.
Das Ende unserer Beratung war, daß wir an dem armen Bauernhof vorbeigingen, um anderswo ein Nachtlager aufzusuchen.
Statt wieder nach der Landstraße zurückzukehren, gingen wir um das Wäldchen herum, um tiefer in das Land hineinzudringen. Es waren nämlich in nicht allzu weiter Ferne noch einige andere Bauernhöfe sichtbar geworden.
Als wir auf die entgegengesetzte Seite des Wäldchens gelangten, sahen wir dort mitten auf einer blühenden Wiese einen großen, runden, wohlaufgerichteten Heuhaufen. Nicht weit davon grasten ein paar rote Kühe, die an Pflöcken festgebunden waren. Die Stelle gefiel uns sehr. Man war hier ganz ungestört. Der Bauernhof stand auf der andern Seite des Wäldchens. Hier war alles friedlich und einsam, sauber und nett, und das überaus angenehm riechende Heu schien aus lauter duftigen Blumen und Kräutern zu bestehen.
„Wie wunderschön wäre es, hier zu übernachten!“ rief ich aus.
Valdemar schaute sich um und erwiderte: „Du hast recht, Nonni. Ich würde auch ganz gern die Nacht hier zubringen. Man ist hier auch so schön vor dem Winde geschützt.“
Wir betrachteten den stattlichen Heuhaufen von allen Seiten. — Er duftete wahrhaftig wie das feinste arabische Rauchwerk.
„Hier werden wir eine herrliche Nacht zubringen“, bemerkte ich. „Und dabei stören wir niemanden und sind vor jedem zornigen Bauern und vor jedem bissigen Hund in Sicherheit.“
„Und die Kühe dort werden wir schön in Ruhe lassen“, fügte Valdemar hinzu.
„Ja, das werden wir. Auf dieser Wiese wird uns niemand was anhaben können.“
Jetzt kam aber die wichtigste Frage: die unseres Ruhelagers.
„Wo meinst du, daß wir eigentlich schlafen sollen, Nonni?“
Ich antwortete: „Da ist mir schon etwas eingefallen, Valdemar.“
„Und was ist das, Nonni?“
„Ich habe einmal in einer Räubergeschichte gelesen, daß zwei Vagabunden (Vagabunden sind wir nun gerade nicht, aber doch etwas Ähnliches), daß zwei Vagabunden ihre Nächte in solchen Heuhaufen zuzubringen pflegten.“
„Wie konnten sie aber da hineinkommen?“ fragte Valdemar.
„Sie haben einfach ein Loch in das Heu gegraben, so groß, daß sie hindurchkriechen konnten. Dann schlüpften sie hinein und machten das Loch von innen wieder zu. Und da sollen sie sehr gut geschlafen haben.“
Valdemar dachte ein wenig nach — und sagte dann: „Das war ja ganz gescheit.“
„Das meine ich auch, Valdemar. Diese Leute haben Erfahrung. Wenn sie so etwas tun, dann muß das vernünftig sein.“
Die Sache war abgemacht.
Zuerst richteten wir uns neben dem Heuhaufen ein, um unsere Abendmahlzeit zu bereiten. Sie verlief ähnlich wie das Mittagessen.
Es war aber sehr spät geworden, als wir mit allem fertig waren.
Wir fingen deshalb ohne Verzug an, unser Nachtlager zu bauen, rissen an der Stelle, wo wir eben gesessen hatten, das duftende Heu aus dem gewaltigen Haufen heraus, krochen dann hinein und weiteten unser wundervolles kleines Schlafkämmerchen noch etwas aus. Schließlich hatten wir unsern Schlupfwinkel zu einer prächtigen kleinen Höhle ausgeformt, in der wir uns nach Belieben strecken konnten.
Wir waren voll Freude über diese unsere herrliche Nachtherberge und wir fühlten uns wie zwei kleine Robinsone.
Nachdem wir mit der Einrichtung fertig waren, krochen wir wieder hinaus, setzten uns vor dem Eingang der Höhle nieder und hielten ein gemütliches Plauderstündchen miteinander. Endlich sagte ich zu meinem kleinen Freunde:
„Ich sehe, du bist schläfrig und müde, Valdemar. Es ist wohl am besten, wenn wir gleich zur Ruhe gehen.“
Er war damit einverstanden. Der sternenklare Himmel wölbte sich wie ein großer Dom über die herrliche Natur und lud zum stillen Nachdenken ein.
Wir sprachen ein kurzes Abendgebet, ordneten dann das herausgerissene Heu zu einem Haufen und schafften es dicht vor den Eingang der Höhle. Dann nahmen wir unsere Rucksäcke in die Hand, bückten uns und schoben uns in unser Kämmerlein hinein.
Die Rucksäcke und ein wenig Heu waren angenehme Kopfkissen.
Zuerst half ich Valdemar, sein Lager zurechtzumachen. Dann kroch ich wieder hinaus, um so viel Heu wie möglich in die Öffnung hineinzustopfen. Durch ein kleines Löchlein zwängte ich mich dann selbst wieder hinein und stopfte den Rest der Öffnung von innen zur Hälfte zu.
Noch ehe ich fertig war, hörte ich Valdemars tiefe Atemzüge; er war bereits eingeschlafen. Nun legte ich mich hin.
Infolge der vielen Strapazen und Aufregungen des vergangenen Tages ruhten wir ausgezeichnet in unserem Heuhaufen und schliefen in einem Zuge bis in den hellen Morgen hinein.
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