Kitabı oku: «Die Stadt am Meer - Nonni's neue Erlebnisse»
Jón Svensson
Die Stadt am Meer
Nonni’s neue Erlebnisse
Saga
Brief des französischen Dichters Paul Bourget an den Verfasser:
Chantilly, 14. September 1924.
Verehrter Herr Svensson!
Ihre Island-Erzählungen haben mein lebhaftes Interesse gefunden, und ich danke Ihnen für die freundliche Zusendung ihrer Übersetzung, die ich für ausgezeichnet halte. Die Gabe der Erzählung ist Ihnen in die Wiege gelegt worden, jene köstliche Gabe, die so selten geworden ist und deren sich selbst grosse Romanschriftsteller nicht rühmen durften. Wie geheime Macht geht diese Kunst des Erzählens jedem Atem des Lebens nach und erweckt mit unwiderstehlichem Zauber hingebenden Glauben. Wir Leser folgen Ihrem Nonni und Manni auf ihr Schifflein, dem Schauplatz ihrer Abenteuer. Geschieht auch das Zusammentreffen mit den Walfischen unter den merkwürdigsten Umständen: wir erleben es ohne Schatten eines Zweifels, können es gar nicht anders erleben. Schwarze, lange Leiber dieser Ungeheuer tauchen auf in der Nacht und verschwinden wieder. Wir hören nur das entsetzliche Knattern der niederstürzenden Wassersäulen, die sie gleich Fontänen spielend emporgeschleudert haben. Und wir begleiten schliesslich die armen Kinder an den gastlichen Bord des französischen Kriegsschiffes. Das Herausstellenkönnen greifbarer Gegenwart, das ist’s, was den Erzähler zum Meister macht. Dieses Vermögen besitzen Sie in allerweitestem Ausmass.
Halten Sie mir zugute, wenn ich noch etwas zu Ihrem Lobe sage. Ich muss das, sonst wäre es nicht voll. Nämlich: in beiden Erzählungen tritt zu Ihrer Erzählerkunst noch eine andere Gabe, die ich mangels besseren Ausdrucks nicht anders zu bezeichnen vermag denn als die Gabe atmosphärischer Wirklichkeitsvermittlung. Sehen Sie! Wie fern ist uns doch Ihre Heimat, Island! Kaum dass man sie in Frankreich kennt. Und doch! Liest man Ihre Zeilen, so steigen Ihrer Insel einsame Küstenstriche greifbar vor den Augen auf, ihre Gewässer, die im Glanz der Mitternachtssonne zittern, ihre Fjorde, ihre Berge, die ungekünstelte, doch wahrhaft hochherzige Art der Gesinnung ihrer Bewohner! Was muss das für eine Rasse von Seeleuten sein, wenn zwei Kinder, eines mit acht, das andere mit elf Jahren, nichts dahinter finden, mutterseelenallein in einen Nachen zu steigen, Ruder und Steuer in die Hand zu nehmen und in die schwarze Nacht hinauszustossen, bald übermütig, bald verzagt dahintreibend! Was für ein Geschlecht von Träumern, die den Fischen eines vorpfeifen wollen, dass sie sich in die wogenden Abgründe der Wellen flüchten! Da ist’s, als ob wir in unserem abgestumpften, lichtgetrübten Empfinden doch in etwa ahnten, wie in solchen kindlichen Äusserungen jene primitive Vorstellungswelt widerklingt, die einst die seltsamen nordischen Märchen gezeugt hat. Und wir ahnen ferner, bis zu welcher Höhe des Christentums diese Nachkömmlinge einstiger heidnischer Seeräuber emporgeklommen sein müssen, wenn wir den frommen Sinn dieser beiden schiffbrüchigen Kinder sehen dürfen, ihr Vertrauen in den Schutz der Vorsehung, diese köstlich naive Inbrunst ihres Gelübdes.
So war in der Tat, verehrter Herr Svensson, die Lektüre dieser Erzählungen ein grosser Genuss für mich. Ich sage Ihnen das gerade heraus, weil Ihnen vielleicht doch etwas daran liegt, das Urteil eines grau gewordenen Schriftstellers zu hören, der die Kunst des Fabulierens zu sehr liebt, als dass er nicht die Begegnung mit solchen Dichtungen als freudiges Erlebnis empfände.
Paul Bourget.
Kreuz und quer durch Kopenhagen
1. Abschied vom „Valdemar von Rönne“
An einem sonnig-heiteren Herbsttage, Anfang Oktober 1870, landete ich in Kopenhagen, der glänzenden Hauptstadt Dänemarks.
Erst zwölf Jahre alt, war ich den langen, weiten Weg über den Atlantischen Ozean von meiner Heimatinsel Island hierher gekommen und sollte nun in einer für mich ganz fremden Welt ein neues Leben beginnen.
Fünf volle Wochen hatte meine Reise gedauert — von dem fernen Island droben im hohen Norden bis nach dem lieblichen Öresund, in dessen kristallklaren Wassern die stolze Grossstadt Kopenhagen sich spiegelt.
Und wie herrlich war sie doch gewesen, diese lange Reise auf dem gewaltigen Meer, mit all ihren aufregenden Gefahren, ihren seltsamen Abenteuern und frischfröhlichen Erlebnissen, besonders für mich, den lebhaften, unternehmungslustigen Knaben! Wie einen kostbaren Schatz, der mir vom Glücke zugefallen, bewahrte ich sie jetzt in meiner Erinnerung1.
„Nun wird aber unser kleiner Passagier froh sein, dass die Reise zu Ende ist!“ sagte einer der dänischen Matrosen zu mir, als unser Schiff, der bornholmsche Segler „Valdemar von Rönne“, am Kai des Kopenhagener Hafens festgebunden wurde.
„O nein!“ erwiderte ich. „Wenn sie nur noch länger gedauert hätte! Es war so schön draussen auf dem grossen Meere!“
„So so, du hast das Meer schon so liebgewonnen?“
„Ja, ich habe es immer gern gehabt. Ich bin ja ganz nah am Meere geboren.“
„Dann bist du also ein geborner Seemann! — Aber jetzt musst du bald fort von uns. Das wird dir wohl leid tun?“
Bei dieser Frage wurde ich etwas wehmütig gestimmt, denn auf der langen Reise war das Schiff und seine Besatzung mir ungemein lieb und teuer geworden.
Der Matrose schien meine Gemütsbewegung zu merken. Er brach das Gespräch ab, indem er sagte: „Nonni, wir sind gute Freunde geworden; wir wollen es bleiben und oft an unsere schöne Reise denken.“
Ich lehnte mich jetzt sinnend an die Reling des Schiffes. Es war ein schmerzlicher Gedanke für mich, dass ich schon am folgenden Morgen den „Valdemar von Rönne“ für immer verlassen sollte, und für immer auch den guten Kapitän Foss, meinen lieben Freund den jungen Schiffskoch Owe, den frohgemuten Steuermann und die drei biederen dänischen Matrosen.
Wie sicher und treu hatte doch das kleine Schiff mich über das unermessliche Meer getragen! Und wie sanft hatte ich während der furchtbaren Orkane in seinem Schosse geruht, umtost von den wütenden Wellen des Nordatlantischen Ozeans! Da hatte ich geschlafen so ruhig wie ein Kind, das in der Wiege von seiner Mutter geschaukelt wird.
Jetzt aber war alles das vorbei! Nur wenige Stunden noch sollte ich hier weilen dürfen.
Wehmut im Herzen, ging ich am Abend zu Bette, und wehmütig stand ich am folgenden Morgen wieder auf.
Mein letzter Morgen auf dem trauten „Valdemar von Rönne“!
Kapitän Foss wollte mich selber durch die grosse Stadt zu Herrn Gísli Brynjúlfsson, einem isländischen Professor an der Kopenhagener Universität, führen und mich in seine Hände übergeben. Er hatte das vor unserer Abreise in Island meiner Mutter versprochen.
Während Herr Foss sich auf diesen Gang durch die Stadt vorbereitete, unterhielt ich mich noch ein letztes Mal mit den Matrosen.
Mit meinem kleinen Freund Owe sprach ich jetzt wenig. Wir waren beide traurig, da wir nun voneinander scheiden mussten; auch hatten wir zusammen verabredet, dass wir ganz allein drunten in der Kajüte einen besondern Abschied nehmen würden.
Wie das geschah, habe ich bereits in dem Buch über meine Reise von Island nach Dänemark erzählt.
Die Matrosen waren an jenem Morgen aussergewöhnlich gut aufgelegt. Sie sangen und pfiffen lustig, wo sie gingen und standen, machten Spässe und waren alle sehr freundlich gegen mich.
Einer von ihnen sagte, ich sei nun schon weit in die Welt hinausgekommen. Er nannte mich scherzend einen kleinen Weltreisenden. Und als wir dann weiter von meiner künftigen Reise nach Frankreich sprachen, meinte er, ich sei wie ein kleiner Märchenprinz, der auszieht, um ein Königreich zu erobern.
„Ja, ja, so ist’s“, fügte lachend ein anderer bei; „Nonni ist wie einer der Prinzen in ‚Tausendundeine Nacht‘. Er wird sicher noch ein Königreich gewinnen. Darum ist er auch immer so lustig.“
Ich lachte jetzt ebenfalls über die gutmütigen Spässe der Matrosen. „Ein Königreich!?“ rief ich aus. „Das möchte ich gar nicht. Aber vor meiner Abreise in Island hat ein Mann mir gesagt, ich werde Glück haben. Das ist mir lieber.“
„Und du glaubst an diese Prophezeiung?“
„Ja, ich glaube ganz fest daran.“
Nach dieser kurzen Unterhaltung begannen die Matrosen leise miteinander zu sprechen.
Ich stand unterdessen neben dem Schiffsmast und dachte über meine Zukunft nach und über das Glück, das der Mann auf Island mir vorhergesagt hatte. Ich war so sehr damit beschäftigt und so ganz in Gedanken versunken, dass ich kaum auf das sonst für mich so fesselnde Leben und Treiben am Hafenkai achtete; nur ab und zu liess ich meinen Blick dorthinüber schweifen.
Ich glaubte in der Tat an mein zukünftiges Glück.
Vor meinen Augen winkte und lockte es mir wie aus einem märchenhaften königlichen Land in weiter Ferne. Ich war überzeugt, dass ein freundlich-gutes Schicksal mich unaufhaltsam vorwärts treibe, immer neuen, freudvollen Erlebnissen entgegen. Ich fühlte mich als den glücklichsten Knaben der Welt und war, wie der Matrose soeben gesagt hatte, immer lustig und froh.
Jetzt freilich war meine Lage doch etwas eigenartig. Trotz der wonnigen Freude, die ich empfand, kam es mir vor, als sei in dieser Stunde alles feierlich ernst um mich herum geworden.
Ich stand nun ganz allein da in einer neuen Welt, noch so jung und unerfahren, unter lauter fremden Menschen, sozusagen auf mich selbst gestellt.
Bei meiner Abreise in Island hatte ich alles verlassen müssen, was mir lieb und teuer war auf Erden: Freunde und Verwandte, meinen kleinen Bruder Manni, meine Schwester Bogga und meine liebe, liebe Mutter.
Ein unermessliches Weltmeer lag von nun an wie ein gähnender Abgrund zwischen ihnen und mir.
Infolge dieser Gedanken war ich nahe daran, traurig zu werden. Da kam Owe gesprungen und sagte schnell zu mir:
„Nonni, der Steuermann will etwas mit dir sprechen! Ich habe soeben gehört, wie er es zum Kapitän gesagt hat.“
Ich sprach mit Owe noch einige Worte, da sahen wir schon den Steuermann aus der Kapitänskajüte heraufkommen. Er ging auf mich zu, klopfte mir freundlich auf die Schulter und sagte:
„Komm einen Augenblick mit mir, Nonni, in die Matrosenkajüte. Ich möchte etwas mit dir reden. Der Herr Kapitän braucht doch noch einige Zeit, bis er zum Ausgehen fertig ist.“
Ich folgte dem Steuermann die Treppe hinunter, und wir traten beide in die vordere Kajüte hinein.
Der Steuermann sah diesmal gegen seine Gewohnheit merkwürdig ernst aus. Ich konnte mir das gar nicht erklären.
Was mochte er mir wohl zu sagen haben?
Er schloss die Tür hinter sich zu und bat mich, an dem Tisch mitten in dem kleinen Raum Platz zu nehmen. Dann setzte er sich mir gegenüber und begann:
„Nun, mein lieber Nonni, wie geht es dir heute? Hast du noch immer Lust, hier in Kopenhagen zu bleiben, bis der deutsch-französische Krieg zu Ende ist? Und willst du dann wirklich deine grosse Reise bis nach Südfrankreich fortsetzen?“
„Aber natürlich! Das muss ich doch! Es ist ja alles so abgemacht!“
„Freilich, das schon. Aber ich meine, wenn es dir in Kopenhagen unter den fremden Menschen nicht mehr gefallen würde, und du wolltest wieder nach Island zurückkehren ...“
„Ich nach Island zurückkehren? — Herr Steuermann, das wäre doch nicht vernünftig!“
„Warum denn nicht?“
„Ich soll doch nach Frankreich reisen! Und jetzt bin ich schon so weit von zu Hause fort! Und ich bin ja ganz freiwillig gegangen! Alle Leute in Akureyri würden mich ja auslachen, wenn ich jetzt wieder heimkäme!“
„O nein, Nonni, man würde dich nicht auslachen; du müsstest nur einen guten Grund haben, warum du wieder heimkommst.“
„Aber ich habe keinen Grund, Herr Steuermann. Ich habe auch bis jetzt noch gar nie daran gedacht, nach Hause zurückzukehren.“
„Das freut mich, mein Lieber, dass du so mutig bist. — Aber sag mal, hast du noch nie Heimweh gehabt, seitdem du von Akureyri fort bist?“
„Ein wenig schon; aber nur, wenn ich an meine Mutter denke und an meine Geschwister. Sonst habe ich kein Heimweh.“
Der Steuermann schwieg jetzt einen Augenblick. Dann fuhr er fort:
„Zuweilen hast du also doch Heimweh, Nonni. Das kann ich wohl begreifen. Vielleicht bekommst du aber später noch mehr Heimweh. Möchtest du dann nicht doch wieder zu deiner Mutter gehen?“
„Das ist schon möglich. Aber meine Mutter würde das nicht gern haben, wenn ich nur aus Heimweh wieder nach Hause käme.“
„Glaubst du das sicher?“
„Ja, Herr Steuermann, ich glaube es ganz sicher. Meine Mutter ist so. Sie hat es mir freigestellt, ob ich die Reise machen wolle oder nicht, und sie hat gesagt, es sei sehr gut und nützlich für mich, wenn ich in Frankreich studiere. Nun bin ich aber schon so weit auf dem Wege nach Frankreich, da will sie ganz gewiss, dass ich jetzt aushalte. Sie hat mir auch selbst gesagt, dass ich Heimweh bekommen würde; aber darauf solle ich gar nicht achten, sondern es überwinden, wenn es käme; die Kinder vornehmer Eltern müssten das auch manchmal tun.“
„Deine Mutter hat recht, Nonni. Aber glaubst du, du wirst das Heimweh immer überwinden können?“
„O, ich kann das schon, wenn ich mir nur Mühe gebe und Gott um seine Hilfe bitte. — Aber warum sprechen Sie gerade jetzt von diesen Sachen, Herr Steuermann?“
„Das will ich dir sagen, mein kleiner Freund: Ich tue es nicht, um dich mutlos zu machen; aber ich kam gestern mit dem Herrn Kapitän auf dich zu sprechen. Wir sind beide etwas besorgt um dich und würden dich gern umsonst wieder nach Island mitnehmen, wenn du dich unglücklich fühlen würdest und nach Hause zurückkehren wolltest.“
Jetzt erst verstand ich, warum der Steuermann mich so ausfragte. Ich ergriff seine Hand, drückte sie herzlich und sagte:
„Sie sind beide so gütig gegen mich, Herr Steuermann, Sie und der Herr Kapitän. Ich danke Ihnen sehr dafür. — Wann werden Sie denn wieder nach Island fahren?“
„Wir segeln jetzt zuerst heim nach Bornholm. Gegen Ende des Winters kommen wir noch einmal nach Kopenhagen. Hier nehmen wir Waren ein, dann fahren wir wieder nach Island. Wenn du um diese Zeit noch in Kopenhagen bist und gern nach Island zurückkehren willst, dann bist du als Passagier bei uns willkommen. Du würdest unser Gast sein und natürlich freie Fahrt haben.“
Ich dankte dem Steuermann nochmals herzlich und sagte, wenn ich am Ende des Winters noch in Kopenhagen sei und mich unglücklich fühlen würde, dann wolle ich die Einladung gerne annehmen und mit nach Island fahren.
Der Steuermann reichte mir freundlich die Hand. „Gut, Nonni, das ist also abgemacht“, sagte er.
Nach einer kleinen Weile fragte ich ihn:
„Aber, Herr Steuermann, warum denken Sie, dass ich mich vielleicht unglücklich fühlen könnte?“
„Warum? — Das hat seinen Grund, Nonni. Du bist noch ein Knabe und stehst schon allein da in der Welt. Du kommst jetzt in eine grosse Stadt unter lauter fremde Menschen. Die haben andere Sitten und Gebräuche, als sie bei euch in Island sind. Da ist alles ganz neu für dich. Du wirst dich an vieles erst gewöhnen müssen. Das wird nicht immer leicht sein. Dann wirst du vielleicht Heimweh bekommen nach deinen Freunden und Geschwistern und nach deiner Mutter, und da wäre es doch möglich, dass du dich unglücklich fühlen würdest. — Überhaupt, Nonni, bist du selber gar nie ein wenig bange, wenn du so an deine eigentümliche Zukunft denkst?“
„Nicht viel und nur ganz selten. Aber dann habe ich auch ein Mittel, das mir gleich hilft.“
Der Steuermann war sichtlich gespannt darauf, was für ein Mittel das wohl sein würde.
„Es ist der Gedanke an meine Mutter“, sagte ich.
„An deine Mutter? — Wie meinst du das, Nonni?“
Ich griff in meine Brusttasche, holte mein Notizbuch hervor und nahm daraus ein Blatt. Indem ich es auseinanderfaltete, sagte ich:
„Hier, Herr Steuermann, hat meine Mutter mir vor dem Abschied zu Hause ihre letzten Ratschläge aufgeschrieben. Soll ich Ihnen vorlesen, was mir am meisten hilft, wenn ich etwas Furcht bekomme?“
Der Steuermann bat mich darum, und ich las ihm nun den Schluss der Aufzeichnungen meiner Mutter vor. Er lautete:
„Wenn du dich bemühst, immer ein Freund Gottes zu sein, dann wird dir nie etwas fehlen. Gott wird dir in allen deinen Anliegen helfen und dich auf seinen Händen tragen, überall wo du bist.“
Ich schaute den Steuermann an und merkte, dass ihm das Vorgelesene gefiel. Dann sagte ich:
„Herr Steuermann, nicht wahr, ich brauche doch nicht bange zu sein, wenn Gott mir immer so hilft.“
„Nein, Nonni, das brauchst du gewiss nicht. Und wenn du die Ermahnungen deiner Mutter immer befolgst, dann habe auch ich keine Sorge mehr um dich.“
Damit stand er auf, drückte mir bewegt meine beiden Hände und sagte zum Abschied:
„Behüt dich Gott, mein lieber kleiner Freund. Ich wünsche dir viel Glück.“
Mir kamen jetzt Tränen in die Augen, und ich wusste nichts zu antworten. Auch der Steuermann sagte nichts mehr. Schweigend verliessen wir beide die Kajüte und gingen wieder auf Deck. —
Ich hatte nun eben noch Zeit, mit Owe ein letztes Mal in die Kajüte hinunterzugehen und den erwähnten besondern Abschied von ihm zu nehmen.
Dann aber war auch schon der Kapitän fertig zum Aufbruch. Er rief jetzt, ich solle mich ein wenig beeilen.
Als ich wieder hinaufgekommen war, sah ich, wie die Matrosen mit dem Steuermann beisammen neben dem Schiffsmast standen. Sie schienen auf mich zu warten. Ich zögerte aber noch immer, mich von diesen guten Menschen zu trennen.
Da hörte ich wiederum den Kapitän rufen. Er stand bereits drüben auf dem Kai und wartete auf mich.
„Jetzt musst du aber schnell machen, Nonni!“ sagte der Steuermann; „den Herrn Kapitän darfst du nicht warten lassen!“
Ich gab also eilig einem jeden die Hand, sagte ihnen allen herzlich Lebewohl und lief dann hurtig vom Schiff über die Landungsbrücke zum Kapitän auf die Strasse hinüber.
„Es ist gut, dass du endlich da bist, Nonni“, sagte Herr Foss. „Wir haben einen weiten Weg vor uns. Die Dossering, wo der Professor Gísli Brynjúlfsson wohnt, liegt ganz am andern Ende der Stadt. Und dann wirst du wohl unterwegs auch einiges sehen wollen, mein kleiner Freund; es gibt da viel Neues für dich, ich werde dir manches zeigen können.“
„O ja, bitte schön, Herr Kapitän! Ich bin sehr gespannt darauf, wie die Stadt weiter innen aussieht.“
„Hast du aber auch den Empfehlungsbrief deiner Mutter an den Herrn Professor bei dir?“
„Ja, Herr Kapitän, ich habe ihn in meiner Brieftasche.“
„Und hast du sonst nichts an Bord vergessen?“
„Nein, Herr Kapitän.“
Ohne weiter etwas zu fragen, betrachtete Herr Foss jetzt mit forschendem Blick noch meinen Anzug. Da war alles in Ordnung. Nur über meine Fussbekleidung geriet er in grosses Erstaunen. Ich hatte nämlich meine kleinen isländischen Schaflederschuhe an.
„Aber Nonni!“ rief er aus, „was ist denn das? Was hast du da an den Füssen? So etwas kann man doch hier in der Stadt nicht tragen! Wo sind denn deine dänischen Stiefeletten?“
„Sie sind mir bei dem grossen Orkan über Bord gefallen, Herr Kapitän“, sagte ich kleinlaut, indem ich einen verlegenen Blick auf meine unglückseligen Schaflederschuhe warf.
„Das ist aber sehr bedauerlich, Nonni. Solche Schuhe kennt man in Kopenhagen nicht. Da werden alle Leute auf dich schauen, besonders die Knaben.“
„Das habe ich schon gestern gemerkt, Herr Kapitän. Die dänischen Jungen waren alle erstaunt über meine Schuhe und fanden sie ganz merkwürdig.“
Während wir so sprachen, wurden wir plötzlich von der Stimme eines Knaben unterbrochen, der aus dem Fenster eines nahen Hauses laut zu uns herüberrief:
„Nonni! Wo gehst du hin?“
„Ich gehe mit dem Herrn Kapitän nach der Dossering!“
„Kommst du nachher wieder zum Schiff zurück?“
„Nein!“
„O, dann warte einen Augenblick! Ich komme gleich hinunter zu dir. Nur einen Augenblick, Nonni!“
Damit verschwand er aus der Fensteröffnung.
„Was ist denn das für ein Bekannter?“ fragte Herr Foss verwundert.
„Es ist einer der Knaben, mit denen ich gestern hier gespielt habe. Er heisst Harald und ist ein sehr guter Junge.“
„So, wie weisst du denn, dass er ein guter Junge ist?“
„Das habe ich gestern gleich gemerkt. Denn als ich von meinem Taschengeld den vielen dänischen Knaben Napoleonskuchen kaufen wollte, da hat er gesagt, ich dürfe das nicht tun, das sei eine Verschwendung. Meine Mutter würde mir sicher so etwas nicht erlauben. Das war doch schön von ihm?“
„Gewiss, Nonni, das war sehr schön von ihm. Aber was will er denn jetzt von dir?“
„Ich glaube, er will nur Abschied von mir nehmen. Wir sind gestern gute Freunde geworden.“
„So, so, ihr habt schon Freundschaft miteinander geschlossen? — Das scheint aber sehr schnell bei euch zu gehen“, bemerkte lächelnd der Kapitän.
Ich wusste nicht recht, was ich antworten sollte, da kam gerade Harald zur Tür seines Hauses herausgesprungen und eilte auf uns zu. In der Hand trug er ein kleines, weisses Paketchen.
Er grüsste zuerst höflich den Kapitän und bat um die Erlaubnis, mit mir sprechen zu dürfen. Dann übergab er mir das Paketchen mit den Worten:
„Das schickt dir meine Mutter für die vielen Äpfel und Birnen, die du mir gestern gegeben hast, und du sollst auch einmal zu uns kommen.“
Ich betrachtete neugierig das Paketchen und fragte Harald, was darin enthalten sei.
„Es ist ein Napoleonskuchen!“ sagte er. „Ich habe meiner Mutter erzählt, dass du die Napoleonskuchen so gerne hast.“
Ich gab Harald die Hand, dankte ihm und sagte, er möge auch seiner Mutter meinen Dank aussprechen.
„Das will ich tun“, erwiderte Harald. „Aber sag noch, wo wirst du hier in Kopenhagen wohnen?“
„In der Breitstrasse 64.“
„In der Breitstrasse? — Das ist ja hier ganz in der Nähe! Da werde ich dich bald besuchen, Nonni. Also auf Wiedersehen!“
Er reichte mir die Hand zum Abschied, machte vor Herrn Foss eine Verbeugung und sprang wieder nach Hause.
Als er fort war, sagte der Kapitän: „Nun wollen wir aber gehen, Nonni, sonst kommen am Ende noch alle Knaben aus den Häusern und bringen dir Napoleonskuchen. So viel Zeit haben wir nicht übrig, und noch mehr Kuchen würden vielleicht auch nicht gut für dich sein, meinst du nicht?“
Ich musste lachen und ging nun mit Herrn Foss unsern Weg weiter in der Richtung nach dem Neuen Königsmarkt. Das weisse Paketchen trug ich sorgfältig in der Hand.
Wir waren aber kaum einige Schritte weit gekommen, da hörten wir schon wieder ein starkes Rufen hinter uns:
„Leb wohl, Nonni! — Leb wohl! — Auf Wiedersehen!“
Es waren die Leute unseres Schiffes. Sie standen alle auf dem Verdeck und winkten mir den letzten Abschiedsgruss zu.
Da fasste ich den Kapitän beim Arm und hielt ihn fest, bis er stehen blieb.
O diese guten bornholmschen Freunde!
Ich war so ergriffen und bewegt, dass ich nicht ein einziges Wort herausbringen konnte, sondern nur so dastand und immer nur den Kapitän festhielt.
Wehmütig sah ich zum letztenmal meine Reisegefährten auf dem „Valdemar von Rönne“ stehen: den Steuermann, die Matrosen und den lieben kleinen Owe.
Auch sie schauten jetzt alle schweigend vom Schiffe zu uns her.
Ich zog mein Taschentuch heraus und schwenkte es vor meinem Gesicht auf und nieder.
Sofort winkten sie ebenfalls vom Verdeck herüber und riefen noch einmal:
„Leb wohl, Nonni! — Viel Glück!“
Unter den starken Männerstimmen aber klang laut und hell wie Glockenton eine Knabenstimme hervor:
„Leb wohl, Nonni! — Leb wohl!“
Das war Owe.
Ich wollte rufen, doch es war mir unmöglich: die Worte blieben mir in der Kehle stecken, ich konnte kaum ein Schluchzen zurückhalten. Ich begnügte mich daher, nur ein allerletztes Mal noch zu winken.
Der Kapitän hatte währenddessen seine Hand auf meine Schulter gelegt. Als wir uns dann langsam wieder gegen die Stadt hin wandten, um unsern Weg fortzusetzen, sagte er freundlich:
„Ich sehe, mein Lieber, du bist mit den Leuten an Bord recht gut Freund geworden. — Wen von ihnen kannst du denn am besten leiden?“
„Owe, Herr Kapitän.“
Herr Foss lächelte. „Das kann ich mir wohl denken“, sagte er, „ihr seid ja fast im gleichen Alter. — Und welches war dann der nächste unter deinen Freunden?“
„Nach Owe der Steuermann.“
„Der war immer lustig mit dir, nicht wahr?“
„Ja, und er hat mir oft Feigen gegeben und Rosinen, und noch viele andere Sachen.“
„Dann glaube ich freilich, dass er neben unserm kleinen Koch dein liebster Freund war“, fügte scherzend Herr Foss hinzu.
Ich verstand, was er damit sagen wollte, und erwiderte deshalb sogleich:
„Herr Kapitän, ich habe aber auch noch den jüngsten unter den Matrosen gern.“
„So, der ist auch dein Freund? Wie ist denn das gekommen?“
„Es war damals, wo er krank zu Bette lag, nach dem Kampf mit den Eisbären. Ich musste ihn da oft besuchen und ihm helfen. Er hat es immer gern gehabt und war immer freundlich gegen mich.“
„Ja, richtig, ich kann mich jetzt wieder erinnern. Das war aber schön von dir, Nonni, dass du ihm so geholfen hast, als er krank war. Hier in Kopenhagen brauchst du keine Verwundeten mehr zu pflegen, hier gibt es keine Eisbären. Unser ‚Valdemar‘ liegt jetzt ruhig und sicher dort drüben im Hafen, bis wir heimsegeln nach Bornholm, und du kommst nun in feine, schöne Häuser zu vornehmen Leuten.“
Ich wandte mich bei diesen Worten noch einmal um und schaute nach dem Hafen zurück. Den „Valdemar von Rönne“ aber konnte ich nicht mehr sehen, er war verschwunden in dem dichten Wald von Schiffsmasten.
2. Mit Kapitän Foss in der Breitstrasse Die Königinbirnen
Wir waren jetzt am Neuen Königsmarkt angelangt, wo das grosse Reiterdenkmal steht, das mich am Abend vorher in einen so gewaltigen Schrecken versetzt hatte. Ich hatte nämlich bis dahin noch nie in meinem Leben ein Denkmal gesehen und deshalb beim ersten Anblick des Standbildes geglaubt, dass Ross und Reiter da oben lebendig seien.
Rechts von uns, auf den Neuen Königsmarkt herausmündend, war die Breitstrasse mit den vielen vornehmen Bauten und den Gesandtschaftspalästen. Sie lief kerzengerade weit, weit in die Ferne.
Ich blieb stehen und sagte zu Herrn Foss:
„In dieser Strasse ist das Haus des Herrn Dr. Grüder, bei dem ich bis zu meiner Abreise nach Frankreich wohnen soll. Hier in meinem Notizbuch steht es geschrieben: es ist die Nummer 64.“
„Da hast du wohl gleich Lust, kleiner Freund, deine künftige Wohnung zu sehen?“ bemerkte der Kapitän.
Ich war sofort dazu bereit. Herr Foss aber sagte, wir gingen jetzt noch nicht in das Haus des Herrn Grüder hinein, sondern würden es uns nur von aussen einmal anschauen.
Ich war aufs höchste gespannt, was für ein Haus das wohl sein werde, in dem Herr Dr. Grüder wohnte und in dem nun auch ich wohnen sollte, wahrscheinlich bis zum Ende des grossen deutsch-französischen Krieges.
Gewiss wird es ein sehr vornehmes Haus sein, dachte ich bei mir.
Die wehmütige Stimmung, von der ich eben noch ergriffen war, verschwand jetzt schon gänzlich. Ich beschäftigte mich in meinen Gedanken nur noch mit dem Grüderschen Hause und meinem zukünftigen Leben in der grossen, herrlichen Breitstrasse.
„Nonni, du sagst also, es ist die Nummer 64?“ fragte Herr Foss, indem er zu den Hausnummern hinaufschaute.
„Ja, Herr Kapitän, so hat meine Mutter es mir aufgeschrieben.“
„Dann haben wir aber noch weit zu gehen. Die Nummer 64 muss ganz dort oben am andern Ende der Strasse sein.“
„Das haben gestern auch die Matrosen gesagt“, bemerkte ich.
Während wir auf der linken Strassenseite weitergingen, fragte mich Herr Foss, ob ich im Hause des Herrn Grüder schon jemand kenne. Ich sagte nein; ich wisse nur von meiner Mutter, dass Herr Grüder ein sehr gelehrter Mann sei, und dass nur gelehrte Herren dort wohnten; sie seien keine Dänen, sondern lauter Deutsche, und es seien alle gute Menschen.
„Aber sie sind dir fremd, Nonni. Hast du da keine Angst?“ sagte Herr Foss.
„O nein, ich habe gar keine Angst, Herr Kapitän! Ich glaube, es wird mir Spass machen, zu diesen gelehrten deutschen Männern zu kommen und bei ihnen zu wohnen. Ich habe noch nie einen Deutschen kennengelernt; ich bin ganz gespannt darauf, einmal zu sehen, was für Menschen das sind!“
„So ein mutiger Junge bist du?“ erwiderte der Kapitän, indem er ein wenig stehen blieb und lächelnd mich anschaute. „Ich weiss, Nonni, du bist ein lebhafter, munterer Knabe. Aber meinst du nicht, in dem fremden Hause, bei den ganz fremden Menschen könntest du Heimweh bekommen? — nach Island, nach Akureyri, nach deiner Mutter und deinen Geschwistern?“
Jetzt fühlte ich, dass meine Tapferkeit vielleicht doch nicht so gross sein würde, wie ich eben noch geglaubt hatte. Es wurde mir auf einmal ganz merkwürdig zumute. Ich konnte nicht mehr fröhlich plaudern.
Herr Foss bemerkte es und tröstete mich sogleich:
„Nun sei aber doch nicht traurig, Nonni! Ich habe das nur so gemeint. Du wirst es schön haben beim Herrn Dr. Grüder, deine Mutter hätte dich sonst gewiss nicht zu ihm geschickt. Du hast eine gute Mutter; denke nur oft an sie und an ihre Ermahnungen.“
„Ja, Herr Kapitän, das tue ich. Meine Mutter hat gesagt, Gott wird unter den fremden Menschen ebenso für mich sorgen wie zu Hause in Island.“
„Gewiss, Nonni, das darfst du sicher glauben; und es gibt auch überall Menschen, die gut sind. Es braucht dir also nicht bange zu sein. Wir sind ja auf dem Schiff auch gleich gute Freunde geworden ...“
Da fiel ich ihm ins Wort und sagte, indem ich seine Hand ergriff:
„Ja, Herr Kapitän, und ich danke Ihnen, weil Sie immer so gut gegen mich waren, und weil Sie mir auch freie Rückfahrt nach Island angeboten haben. Der Herr Steuermann hat es mir schon erzählt. Aber ich habe gesagt, ich will jetzt doch in Kopenhagen bleiben.“
„Ich weiss es, Nonni“, erwiderte er. „Es ist auch am besten so, und wir können ja im Frühjahr wieder darüber sprechen.“—
Indessen waren wir bereits in die Mitte der Breitstrasse gekommen. Bei einem Hause dort begegnete uns auf einmal etwas Seltsames.
Aus einer offenen Kellertür, wie ich glaubte, zu der eine kleine Treppe hinunterführte, wehte mir ein ganz eigentümlicher Duft entgegen, den ich mir am Anfang gar nicht erklären konnte. Es war aber darin etwas, das mich an die Äpfel des vorhergehenden Tages erinnerte, die ich nicht hatte essen können, weil ich noch nie in meinem Leben eine solche Frucht gekostet hatte.
Ich blieb stehen und schaute mit gespanntem Blick gegen die offene Tür hin. Da trat Herr Foss neben mich und sagte:
„Du hast wohl Lust, Nonni, ein wenig Obst zu essen?“
„O nein, Herr Kapitän, ich kann gar kein Obst essen, ich bin nicht daran gewöhnt. — Aber was ist denn das für ein Keller, und was ist das für ein merkwürdiger Duft, der da herauskommt?“
Herr Foss lachte. „Das ist doch kein Keller, Nonni!“ „Das ist ja ein Obstladen! — und sogar einer von den feinsten!“
Neben der Tür war eine grosse Fensterscheibe, dahinter lag eine Menge kostbarer Früchte, rote und gelbe und violette und rosafarbige. Ein prachtvoller Anblick! Ich hatte nie zuvor etwas Ähnliches gesehen.
Der Kapitän nannte mir die Namen der verschiedenen Fruchtsorten. Gerade vor uns, dicht an der Fensterscheibe, lagen auf farbigen, kunstfertig geformten Seidenpapierstreifen ganze Reihen von überaus prächtigen Birnen. Die gefielen mir ganz besonders, und ich dachte, es müssten wohl sehr gute Früchte sein.
„Weisst du, wie diese Birnen heissen?“ fragte Herr Foss.
„Nein, Herr Kapitän.“
„Dann musst du sie dir aber merken, Nonni“, fuhr er fort. „Das sind nämlich die besten Birnen, die es hier gibt. Man nennt sie ‚Königinbirnen‘. Sie sind etwas teuer, aber sie haben einen wunderbaren Geschmack, und sie sind so weich, dass sie einem auf der Zunge schmelzen. — Hast du nicht Lust, eine zu probieren?“
Etwas zögernd gab ich zur Antwort: „Ich glaube, Herr Kapitän, dass ich Lust habe.“
„Wenn du das glaubst, Nonni“, sagte lächelnd Herr Foss, „dann wollen wir eine kaufen.“
Wir gingen die kleine Treppe hinunter in den Laden hinein. Herr Foss suchte die grösste und schönste der Königinbirnen aus und gab sie mir in die Hand.
Als er sie dem Fräulein, das im Laden war, bezahlte, merkte ich, dass sie fast ebensoviel kostete wie zwei bis drei ganze Napoleonskuchen zusammen. Dies erhöhte meine Achtung vor der edlen Frucht noch bedeutend.
Ich hatte mich inzwischen mit der Birne in der einen Hand und dem Napoleonskuchen von Harald in der andern schon nach der Türe gewandt, um hinauszugehen, da hielt Herr Foss mich zurück. Er sagte zu dem Fräulein:
„Dieser Junge da ist ein Isländer, der noch nie in seinem Leben eine Birne gegessen hat. Dürfte er sie vielleicht hier essen?“
„Aber herzlich gern!“ erwiderte das Fräulein und holte sofort ein Obstmesser und ein Tellerchen mit einem goldnen Rand herbei und lud mich ein, an einem kleinen marmornen Tischchen etwas weiter rückwärts in dem feinen Laden Platz zu nehmen. Dann stellte sie Birne, Teller und Messer vor mich hin.
Ich befand mich jetzt in einer peinlichen Lage. Da war alles so glänzend und vornehm, und ich wusste gar nicht, wie ich mich anschicken sollte.
Ratlos betrachtete ich die wunderschöne Birne auf dem Teller vor mir. — Wie sollte ich sie essen? — Ich hatte keine Ahnung davon!
Ich warf verlegene Blicke bald auf Herrn Foss und bald auf das Fräulein, die mich beide mit heiterer Miene ansahen.
„Der junge Herr ist also wirklich ein Isländer?“ nahm das Fräulein nun wieder das Wort.
„Gewiss“, antwortete Herr Foss. „Wir sind gestern von Island hier angekommen, und wie Sie sehen, ist hier noch alles ganz neu für ihn.“
„Ja, ich sehe schon“, wandte das Fräulein sich jetzt freundlich zu mir; „ich glaube, ich muss dir helfen, junger Herr.“
Sie nahm das Messer und die Birne und schnitt die kostbare Frucht in zwei gleiche Teile. Sogleich wurde das reine, weisse Obstfleisch sichtbar, und ein heller, klarer Saft träufelte auf den goldgerandeten Teller hinab.
Ich war aufs höchste gespannt, wie das wohl weitergehen werde.
Das Fräulein nahm jetzt die eine Hälfte der Birne und teilte auch sie in zwei Teile. An dem einen Ende sass der Stiel. Sie fasste ihn und entfernte mit ein paar raschen Schnitten alles, was nicht gegessen werden sollte; nur den Stiel liess sie daran. Dann legte sie die weisse Frucht auf den Teller, reichte ihn mir dar und sagte liebenswürdig nach dänischem Brauch:
„Sei so artig, kleiner Herr.“
Ich nahm zuerst das Stück mit dem Stiel, fasste es geradeso, wie ich eben das Fräulein hatte tun sehen, und obwohl ich noch immer ein wenig fürchtete, es könnte mir vielleicht wieder ergehen wie am Tage vorher mit den Äpfeln, die ich nicht hatte essen können, so führte ich doch — ganz langsam freilich und etwas feierlich ernst — die seltsame, mir völlig unbekannte Speise zum Mund.
Ich biss behutsam ungefähr die Hälfte des Stückes ab.
Zu meiner grössten Überraschung fand ich, dass es gut schmeckte. Ja es schmeckte mir so gut, dass ich beim folgenden Bissen beinahe den Stil auch mitgegessen hätte.
Die noch übrige halbe Birne versuchte ich jetzt gleichermassen zu behandeln, wie das Fräulein es mit der ersten Hälfte gemacht hatte, und es gelang mir, bald damit fertig zu werden.
So hatte ich zum erstenmal in meinem Leben eine Birne gegessen — für mich ein wahres Ereignis! Und ich war nicht wenig stolz darauf, dass meine erste Birne eine „Königinbirne“ war. —
Als das Fräulein im Gespräch mit dem Kapitän sich überzeugt hatte, dass ich in der Tat ein Isländer sei, fragte sie, während ich die Birne ass, Herrn Foss:
„Bleibt der Kleine hier in Kopenhagen?“
„Nur vorläufig“, antwortete Herr Foss; „er soll nach Frankreich gehen und dort studieren.“
Das Fräulein war darüber sehr erstaunt. — „Nach Frankreich?“ sagte sie. „Aber er reist doch wohl nicht allein nach Frankreich?“
„Doch, Fräulein, ganz allein. Aber erst nach dem Kriege. Bis dahin bleibt er hier in Kopenhagen. Er wird sogar in dieser Strasse wohnen, hier in nächster Nähe, Nummer 64.“
„In Nummer 64? Bei den deutschen Herren?“
„Ja, im Hause des Herrn Dr. Grüder. — Kennen Sie vielleicht diese Herren?“
„Nur dem Namen nach und vom Ansehen. Die Herren kommen öfters hier vorbei. Dr. Grüder ist ein älterer, würdiger Herr, den man sich leicht merkt; er geht immer glatt rasiert und trägt gewöhnlich einen dunkelblauen Rock. Die andern sind zwei junge deutsche Gelehrte, namens Dr. Diessel und Dr. Böhmer.“
Der Kapitän wandte sich jetzt zu mir und sagte lächelnd:
„Nonni, dann kommst du ja unter lauter Doktoren! Am Ende wirst du da auch ein gelehrter Herr Doktor!“
Das Fräulein und ich mussten lachen.
Währenddessen kam eine vornehme Dame zum Laden herein. Wir wollten daher nicht länger bleiben. Herr Foss dankte dem Fräulein für die freundliche Auskunft. Ich gab ihr die Hand und machte ihr eine Verbeugung. Dann traten wir zur Türe hinaus. —
Als wir weiter durch die Breitstrasse gingen, schaute ich sogleich eifrig umher, ob ich nicht vielleicht irgendwo den Herrn Dr. Grüder sähe; denn so wie das Fräulein ihn beschrieben hatte, dachte ich, würde ich ihn wohl sicher erkennen und ihn begrüssen können. Es hätte mir Spass gemacht, ihn plötzlich zu überraschen. Aber Herr Foss meinte, es wäre nur Zufall, wenn wir ihn gerade auf der Strasse antreffen würden, ich solle lieber sonst meine Augen offen halten, damit nicht am Ende mir selbst in dem Strassenverkehr eine „Überraschung“ zustosse!
Bald wurde ich auch durch neue Sehenswürdigkeiten von meinem Vorhaben, den Herrn Dr. Grüder zu entdecken, abgelenkt. Wir kamen jetzt an einem mächtigen Gebäude vorüber, an dem mit riesigen goldenen Buchstaben auf einer grossen Wandfläche zu lesen stand: Hôtel Phénix, und darunter: Restaurant français.
Ich blieb stehen und rief erstaunt aus:
„Herr Kapitän, hier ist ja ein französisches Haus! Wie kommt dieses französische Haus hierher?“
Herr Foss erklärte mir, das sei kein französisches Haus, sondern ein dänisches; nur die Aufschrift sei französisch. In Städten, wo viele Fremde verkehren, sei es vielfach gebräuchlich, dass man die Gasthäuser mit französischen Namen bezeichne.
Gleich darauf sah ich zur Linken etwas ganz Merkwürdiges, einen noch viel grösseren Bau, der aber in Trümmern lag: Riesenmauern ohne Dach, aus gewaltigen weissen Steinblöcken, die alle gleichmässig zubehauen waren.
Voll Verwunderung fragte ich Herrn Foss:
„Wer hat denn diesen ungeheuern Bau so zerstört?“
„Den hat niemand zerstört, kleiner Freund.“
„Wie ist er aber dann zu einer solchen Ruine geworden?“
„Das will ich dir sagen. Diese ‚Ruine‘, wie du meinst, ist die sogenannte Marmorkirche; es ist nur noch nicht gelungen, sie fertig zu bauen. Die Dänen wollten nämlich eine Kirche aus weissem Marmor haben, und sie sollte ähnlich wie die Peterskirche in Rom werden. Als man aber bis zum Dach gekommen war, hatte man kein Geld mehr, sie zu vollenden.“
Ich konnte nicht genug diese merkwürdige „Kirche“ betrachten. Noch im Weitergehen schaute ich mehrmals nach den riesenhohen Mauern zurück und wunderte mich im stillen über die Kühnheit der Dänen, die aus weissem Marmor eine Kirche wie den Petersdom bauen wollten.
3. Eine überraschende Begegnung
Eine kleine Strecke von der Marmorkirche entfernt blieb Herr Foss auf einmal stehen. Er fasste mich am Arm, zeigte mit der Hand über die Strasse hinüber und sagte:
„Nonni, sieh mal dort das kleine Tor und lies, was darüber steht.“
Ich schaute hinüber und fand sogleich das kleine Tor samt der Überschrift. Im nächsten Augenblick rief ich voll Freude und Begeisterung aus:
„Herr Kapitän, da wohnt Herr Dr. Grüder! Es ist die Nummer 64!“
Aber es war merkwürdig: man konnte dort kein Haus sehen, sondern nur eine hohe Mauer. Ich fragte deshalb Herrn Foss, wie das komme, und ob Herr Grüder vielleicht doch nicht da wohne.
„Nur Geduld, mein Freund“, erwiderte der Kapitän, „das Haus wird wohl etwas weiter zurück von der Strasse liegen.“
Ich betrachtete mit Spannung den Ort und fühlte mich eigentümlich ergriffen. — Hier sollte ich also wohnen! — „Breitstrasse 64“, so hatte es meine Mutter mir aufgeschrieben.
Das erste Ziel meiner langen Reise war erreicht!
Aber wo nur das Haus des Herrn Dr. Grüder sein mochte? — Ich konnte es nirgends finden.
Links von uns war ein schöner Bau mit einer Apotheke. Der Kapitän sagte, der schöne Bau sei ein königliches Krankenhaus und heisse „Friedrich-Spital“. Zur Rechten lag ein mächtiges Gebäude mit breiten, steinernen Stufen und hohen Säulen am Eingang. Ich schaute es mit Bewunderung an und fragte, was dies für ein Haus sei.
„Das ist das Anatomische Institut der Stadt Kopenhagen“, antwortete Herr Foss.
„Was machen die Leute, die da drin wohnen, Herr Kapitän?“
„Die haben eine ganz eigenartige Beschäftigung, Nonni. — Da drinnen untersucht man tote Menschen.“
„Wie? — tote Menschen! — Leichen!“ fragte ich bestürzt. „Ist das möglich, Herr Kapitän?“
„Gewiss, Nonni.“
„Aber warum untersuchen sie denn tote Menschen?“
„Sie tun es, um die Kranken besser heilen zu können.“
Ich verstand nicht, was dies heissen sollte. Da erklärte mir Herr Foss:
„Wenn drüben im Spital ein Kranker stirbt, und man weiss nicht recht, welches die Todesursache war, dann bringt man den Toten ins Anatomische Institut und sucht herauszufinden, welche Krankheit er gehabt hat. Und wenn man es findet, dann kann man später mit grösserer Leichtigkeit einem Kranken helfen, der an derselben Krankheit leidet.“
Das schien mir sehr vernünftig zu sein. Nur war es mir nicht angenehm, dass ein solches Haus so nahe bei dem Ort lag, wo ich nun bald wohnen sollte.
Um das Gespräch von diesen unheimlichen Dingen abzulenken, sagte ich:
„Herr Kapitän, meinen Sie nicht, dass wir einmal sehen sollten, wo man in das Haus des Herrn Dr. Grüder hineingeht?“
Herr Foss schaute nach links und nach rechts. Dann sagte er:
„Man kann es wahrscheinlich von hier aus gar nicht sehen. Es wird wohl, wie ich gesagt habe, etwas weiter von der Strasse zurückliegen. Wenn du willst, so geh nur hinüber und schau einmal zu dem kleinen Tor hinein, vielleicht kannst du es dann sehen. Ich warte hier.“
Ich liess mich nicht zweimal auffordern. Voll Begierde, endlich mein neues Heim zu sehen, in das ich noch diesen Abend einziehen sollte, sprang ich hinüber. Nach einem nochmaligen schnellen Blick auf die Nummer 64 öffnete ich behutsam das kleine Tor und ging hinein.
Vor mir lag jetzt ein gerader, offener Gang mit hohen Mauern zu beiden Seiten.
Rasch entschlossen schritt ich vorwärts durch den langen Gang und entdeckte bald eine steinerne Treppe, deren Stufen zu einer Haustür linkerhand hinaufführten.
Hier war also ein Wohnhaus, wie der Kapitän vermutet hatte, und ich zweifelte nicht, dass Herr Grüder da wohne.
An der steinernen Treppe angelangt, blieb ich stehen und betrachtete eine Weile die Tür.
Die muss man doch leicht aufmachen können, dachte ich. — Soll ich es probieren?
Ich empfand eine unbändige Lust dazu.
Aber war es denn erlaubt, so ohne weiteres in ein fremdes Haus hineinzugehen?
Schliesslich siegte die Neugierde über alle meine Bedenken. Ich ging auf den Fussspitzen die wenigen Stufen hinauf, fasste vorsichtig die Türklinke und drückte sie leise hinunter.
Die Tür ging auf.
Ich steckte den Kopf hinein und sah in einen dunklen Gang. In der rechten Wand schienen einige Türen zu sein. Zur Linken dagegen, nur ein paar Schritte von mir, war eine Treppe, die in die oberen Stockwerke hinaufführte.
Alles war still. Ich schaute und horchte. Aber ich vernahm nicht den geringsten Laut.
Jetzt nahm ich mir ein Herz und trat in den dunklen Hausgang hinein. Langsam liess ich die Türe los. Sie schloss sich von selbst hinter mir.
Ich stand nun ganz im Dunklen.
Was tun? — Ich streckte beide Arme aus und ging vorsichtig die paar Schritte bis zur Treppe hin. Ich schaute hinauf. Von oben kam ein wenig Tageslicht herunter. Es musste also irgendwo ein Fenster oben sein.
Sollte ich es wagen, hinaufzugehen? — Ich überlegte.
Auf einmal fuhr ich zusammen. — Oben wurde eine Tür aufgemacht. Dann wurde sie wieder zugemacht, und es wurden Tritte hörbar.
Ich merkte, dass jemand an die Treppe kam. — Man hatte mich sicher entdeckt!
Ich wandte mich daher, so schnell ich konnte, nach der Haustür zurück und wollte eiligst hinaus. Doch wegen der Dunkelheit war es mir nicht möglich, gleich die Türklinke zu finden; ich musste erst eine Weile nach ihr herumtasten.
Unterdessen waren die Tritte hinter mir immer näher gekommen.
Endlich brachte ich die Türe auf. Ich wollte entfliehen. Allein es war zu spät. Als ich mich nämlich schnell noch umschaute, sah ich ganz nahe hinter mir einen vornehmen, älteren Herrn.
Ich schämte mich nun, wie ein Einbrecher vor den Augen des Mannes hinauszulaufen, und blieb deshalb bei der offenen Türe stehen.
Im Tageslicht, das jetzt durch die Türe in den dunklen Gang hereinfiel, konnte ich den vornehmen Herrn genau erkennen. Er trug einen langen, dunkelblauen Rock, sein Gesicht war glatt rasiert, die Nase stark gebogen. Er war von mittlerer Grösse und sah sehr ernst aus.
O Gott! — schoss es mir wie ein Blitz durch den Kopf, das muss der Herr Dr. Grüder selbst sein! Sein Aussehen und seine Kleider, alles passte genau zu der Beschreibung, die uns das Fräulein in dem Obstladen von ihm gegeben hatte.
Ich nahm schnell meine Mütze ab, stellte mich gegen den einen Türpfosten, hielt mit der Hand die Tür und sagte, nur um in meiner Verlegenheit überhaupt etwas zu sagen:
„Guten Tag, mein Herr! Wenn Sie hinausgehen wollen, so will ich die Tür so lange offen halten.“
„Ich danke dir, mein Junge. Aber sag mir, was wünschest du eigentlich? Willst du vielleicht jemand hier im Hause besuchen?“
„Nein, mein Herr, ich will niemand besuchen“, antwortete ich kleinlaut.
„Aber warum kommst du dann hier herein? Etwas musst du doch vorhaben?“
„Ich wollte nur sehen, ob die deutschen Herren hier wohnen.“
„Gewiss, die wohnen hier. Willst du zu einem von ihnen gehen?“
„Nein, aber ich sollte heute abend hierher gebracht werden.“
Der Mann schaute mich jetzt mit grossen Augen an und betrachtete mich aufmerksam. Dann sagte er:
„Du sollst zu den deutschen Herren hierhergebracht werden? Heute abend? Ja wer bist du denn, mein Junge, und wo kommst du her?“
„Ich heisse Nonni“, antwortete ich rasch. „Ich komme von Island, und ich soll hier eine Zeitlang bei Herrn Dr. Grüder wohnen.“
Sichtbar überrascht, reichte der Herr mir nun die Hand und sagte überaus freundlich:
„Aber dann sollst du ja gerade bei mir wohnen, kleiner Freund! Mein Name ist Hermann Grüder.“
Jetzt drückte auch ich seine Hand und sagte: „Ich hatte mir gleich gedacht, dass Sie der Herr Dr. Grüder sind.“
„So? — Kennst du mich denn?“
„Nein, Herr Doktor, aber ich habe soeben von einem Fräulein gehört, wie Sie aussehen.“
Herr Grüder schaute mich fragend an.
„Es war ein Fräulein in einem Obstladen“, fuhr ich fort; „ich habe dort eine Birne gegessen.“
Herr Grüder lächelte. Er sah jetzt gar nicht mehr ernst aus. Ich bekam den Eindruck, dass er ein freundlicher, guter Mann sein müsse. Er nahm wieder das Wort und sagte:
„Es freut mich herzlich, dass du hier bist, kleiner Freund. Aber nun erzähle mir auch, wie du so ganz allein hierher kommst.“
„Ich bin nicht allein, Herr Doktor. Der Kapitän des Schiffes ‚Valdemar von Rönne‘, das mich von Island hergebracht hat, steht draussen auf der Strasse und wartet auf mich.“
„So, so? Dann werde ich ihn ja gleich begrüssen können. Ich gehe nämlich gerade in die Stadt, da kannst du mich zu ihm hinbegleiten.“
Herr Grüder wollte hinausgehen. Er blieb aber nochmal stehen und besann sich einen Augenblick. Dann sagte er:
„Weisst du auch, Nonni, dass der andere isländische Knabe, der zusammen mit dir nach Frankreich reisen soll, schon vor einiger Zeit bei uns angekommen ist?“
„Meinen Sie den Gunnar Einarsson, Herr Doktor?“
„Ja, den Gunnar Einarsson, von dem Hofe Nes im Eyjafjörður auf Nord-Island. Ihr kennt euch wohl?“
„Ja, Herr Doktor, wir wohnen in Island nicht weit voneinander. Ich bin auch aus dem Eyjafjörður.“
„Richtig, das hat er mir schon erzählt.“
„Geht es ihm gut, Herr Doktor?“
„Ja, Nonni, es geht ihm gut, und ich bin sehr mit ihm zufrieden. Er sitzt fast den ganzen Tag über seinen Büchern und lernt.“
„Ist er wirklich so fleissig?“ fragte ich etwas betroffen.
„Ja, das ist er. — Und du bist es wohl auch, nicht wahr, kleiner Freund?“
„Ich weiss nicht, Herr Doktor. Ich will es aber versuchen. Doch ich glaube nicht, dass ich so fleissig sein kann wie Gunnar.“
„So? — Warum denn nicht, mein Lieber?“
„Ich bin nicht daran gewöhnt, Herr Doktor.“
Herr Grüder fing an zu lachen. „Nicht daran gewöhnt!“ sagte er. „Was hast du denn eigentlich bis jetzt getrieben?“
„Ich bin viel in den isländischen Bergen herumgeritten und auch viel auf dem Meere in meinem Kahn gefahren. Es gefällt mir immer am besten, wenn ich draussen in der freien Luft bin.“
Herr Grüder lächelte abermals. „Dann hast du es allerdings recht schön gehabt“, erwiderte er. — „Ja, ja. — Du kommst mir vor wie so eine kleine wilde Blume aus den isländischen Bergen. — Doch sei nur nicht bange, mein Freund, du wirst auch hier nach Herzenslust im Freien sein und herumspringen können. Freilich nicht den ganzen Tag. Du musst zwischenhinein auch etwas lernen und studieren, sonst wirst du ja nie ein tüchtiger Mann werden. Daran gewöhnt man sich aber schon mit der Zeit.“
Was Herr Grüder hier gesagt hatte, gefiel mir, und ich wurde immer mehr überzeugt, dass er wirklich ein guter Mann sei.
Er trat jetzt zur Haustüre hinaus. Ich folgte ihm die steinernen Stufen hinunter und ging an seiner Seite durch den langen, offenen Gang bis zum Strassentor.
Währenddessen fragte er mich: „Nonni, du sagtest soeben, das Schiff, auf dem du nach Kopenhagen gekommen bist, heisse ‚Valdemar von Rönne‘. Wie heisst denn der Kapitän?“
„Er heisst Foss. Er ist von Bornholm. Alle Matrosen des Schiffes sind von Bornholm. Herr Foss kennt schon Ihren Namen, Herr Doktor!“
„Warum ist er denn nicht mit dir ins Haus hereingekommen?“
„Ich glaube, er wollte Sie nicht stören, Herr Doktor.“
Mittlerweile hatten wir das Strassentor erreicht. Ich machte die Tür auf und liess Herrn Grüder vor mir hinausgehen. Dann sprang ich hinter ihm her und an ihm vorbei und lief eilends zu Herrn Foss hin, der auf der andern Seite der Strasse wartete.
Herr Grüder kam langsam nach.
Ich fasste den Kapitän am Arm, zog ihn zu mir herunter und flüsterte ihm ins Ohr:
„Herr Kapitän, der Mann, der da kommt, ist der Herr Dr. Grüder!“
Im nächsten Augenblick war schon Herr Grüder selbst da. Er grüsste den Kapitän freundlich und reichte ihm die Hand.
„Ich höre“, sagte er, „dass Sie diesen kleinen Isländer hierher gebracht haben. Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Mein Name ist Hermann Grüder.“
Der Kapitän stellte sich ebenfalls dem würdigen Herrn vor und teilte ihm dann sogleich mit, dass er mich auf Wunsch meiner Mutter zu einer Familie in der Stadt überbringe.
Herr Grüder erwiderte, er habe schon eine Zeitlang auf meine Ankunft gewartet und freue sich, dass ich nun endlich da sei, und noch dazu so fröhlich und so frisch.
„Ja, er ist recht munter und ist auch die ganze Reise hindurch immer so gewesen“, sagte Herr Foss darauf.
Herr Grüder blickte mich freundlich an: „Das gefällt mir, mein Junge, und ich hoffe, dass du auch bei uns deine Fröhlichkeit nicht verlieren wirst.“
Zu Herrn Foss gewandt, fuhr er fort: „Haben Sie eine glückliche Überfahrt gehabt, Herr Kapitän?“
„Nein, leider nicht, Herr Doktor. Wir hatten eine ungewöhnlich harte und lange Reise.“
„Das tut mir aber herzlich leid“, sagte Herr Grüder teilnahmsvoll und mit einem väterlichen Blick auf mich, wie wenn er mich trösten wollte. Ich entgegnete aber sogleich:
„Herr Doktor, mir hat es ganz gut gefallen! Die Stürme und die hohen Wellen haben mir immer Spass gemacht, und auch die Eisberge!“
„Das ist brav von dir, mein Junge. Doch wie sagst du: Eisberge? — Sind Sie denn zwischen Eisberge geraten, Herr Kapitän?“
„Ja, Herr Doktor, und wir können Gott danken, dass wir überhaupt mit dem Leben davongekommen sind.“
„Das muss allerdings schlimm gewesen sein. — Sie haben wohl starke Stürme gehabt und sind am Ende aus Ihrem Kurs verschlagen worden?“
„Ja, wir hatten förmliche Orkane zu bestehen und haben für diese Reise, die sonst in acht bis zehn Tagen gemacht werden kann, mehr als dreissig Tage gebraucht.“
„Dann darf man Ihnen aber wahrhaftig Glück wünschen“, bemerkte Herr Grüder. — „Und du, kleiner Freund, sagst, eine solche Reise habe dir Spass gemacht!?“
„Ja, Herr Doktor; auf dem Meere gefällt es mir immer am besten, wenn viel Sturm und Bewegung da ist!“
Die beiden Herren mussten lachen.
Herr Grüder sagte dann zum Kapitän: „Wann werde ich nun den kleinen Isländer bei mir erwarten können?“
„Erst heute abend, Herr Doktor. Seine Mutter hat mich, wie gesagt, gebeten, ich solle ihn zuerst zu einem isländischen Freund bringen. Wir sind gerade auf dem Wege dahin. Ich zeige ihm noch die Stadt ein wenig; heute abend aber wird er sicher bei Ihnen eintreffen.“
„Gut, so werden wir uns also heute abend wiedersehen, Nonni!“
Damit reichte Herr Grüder uns die Hand und bat um Entschuldigung, dass er uns schon verlassen müsse. Er habe dringende Geschäfte in der Stadt zu besorgen, sagte er.
Ehrerbietig nahmen wir Abschied von dem ausserordentlich würdigen und freundlichen Herrn, der sich darauf rasch durch die Breitstrasse in der Richtung nach dem Neuen Königsmarkt entfernte.
4. Auf den Wällen von Kopenhagen Valdemar und Karl
Als Dr. Grüder fort war und wir ihn unter den vielen Menschen auf der Strasse bald nicht mehr sehen konnten, sagte Herr Foss zu mir:
„Nun, wie gefällt dir dein zukünftiger Hausherr?“
„Ich kann ihn schon gut leiden, Herr Kapitän. Er ist so freundlich. Wenn die andern deutschen Herren auch so sind wie er, dann werde ich leicht mit ihnen auskommen.“
„Sie werden alle gut mit dir sein, Nonni“, versicherte der Kapitän.
Und nach einer Pause fügte er noch hinzu: „Wahrscheinlich werden sie dich bald auch in die Schule schicken. Da musst du aber dann fleissig sein.“
„Ja, das habe ich mir — vorgenommen, Herr Kapitän“, erwiderte ich mit einem leisen Seufzer.
Diese Wendung des Gespräches gefiel mir nicht, denn vor der Schule hatte ich ein gewisses heimliches Grauen. Ich war deshalb froh, als wir unsern Weg wieder fortsetzten.
Von der Breitstrasse war jetzt nur noch ein kleines Stück übrig. Am Ende der Strasse, dachte ich, müsse die Stadt aufhören, denn man sah dort hohe Bäume, grüne Rasenflächen mit Blumen und zierlichen Sträuchern, alles in den feurigen, goldnen Farben des Herbstes. Es sah schon von der Ferne prachtvoll aus.
Ich fragte den Kapitän, was das für eine Gegend sei. Er sagte:
„Das ist ‚Grönningen‘, Nonni. Dort sind die alten Festungswälle und die Festungsgräben von Kopenhagen; sie sind aber jetzt in Anlagen verwandelt.“
Wir traten nun schon aus der Breitstrasse hinaus, und gerade vor uns lag das lieblich-schöne Grönningen.
Mit Entzücken betrachtete ich die neuen und seltsamen Dinge hier: die tiefen Festungsgräben und die hohen grünen Wälle mit den alten Riesenbäumen darauf, die in langen Reihen dastanden. Ihre mächtigen Kronen ragten hoch in die Luft empor.
Nachdem wir eine Zeitlang vorangegangen waren, hörte ich auf einmal fröhliches Lachen und Rufen wie von einer Menge spielender Kinder. — Unter den grossen Bäumen droben auf den Wällen musste es förmlich von spielenden Knaben wimmeln! Je näher wir hinkamen, um so deutlicher hörten wir ihre silberhellen Stimmen, ihr lautes, lustiges Lachen.
Ich fasste den Kapitän beim Arm und rief voll Begeisterung aus:
„Herr Kapitän, wie glücklich müssen doch diese Kinder sein, dass sie den ganzen Tag an solchen schönen Plätzen spielen dürfen!“
„Aber Nonni, was denkst du denn!“ entgegnete Herr Foss, „die spielen doch nicht den ganzen Tag! Sie spielen nur zwischen den Schulstunden!“
„Gehen denn alle diese Kinder in die Schule, Herr Kapitän?“
„Natürlich!“
„Wie kommt das aber! Die Matrosen haben mir gestern gesagt, die Kinder in Kopenhagen dürfen den ganzen Tag spielen und sich vergnügen!“
„Das haben sie dir wahrscheinlich nur im Spass gesagt.“
Als wir gleich darauf schon ganz nahe bei den hohen Wällen waren, bekam ich gewaltige Lust, am Spiel der Kinder teilzunehmen. Ich bat deshalb Herrn Foss:
„O, sollten wir nicht ganz hinaufgehen? Vielleicht darf ich ein bisschen mitspielen — nur ein ganz klein wenig, Herr Kapitän.“
„Gewiss, mein Junge, das darfst du“, erwiderte Herr Foss.
Oben auf den Wällen angelangt, sahen wir vor uns einen geräumigen Spielplatz, wo unzählige Kinder sich munter herumtummelten.
Zuerst blieben wir eine Weile auf dem äusseren Rande des hohen Hügels stehen und schauten zu. Endlich sagte Herr Foss zu mir:
„Geh nur hin zu den Knaben, Nonni, und spiele mit ihnen. Ich will mich unterdessen auf einer Bank dort unter den Bäumen ausruhen. Wenn es Zeit ist, werde ich dich rufen.“
Bevor der Kapitän zu den Bänken hinüberging, bat ich ihn, meinen Napoleonskuchen, den ich bis jetzt immer in der Hand getragen hatte, für mich aufzubewahren. Er nahm mir das Paketchen bereitwillig ab. Dann ging er hinüber und setzte sich. Ich aber lief freudig hüpfend zu den Kindern hin.
Welch munteres, frisches Leben hier war! Welche Lust und Fröhlichkeit! Welch eine Bewegung!
Ich spähte nach einer passenden Gelegenheit, mich in den wogenden Kinderstrudel hineinzuwerfen. Es muss wonnig sein, dachte ich, mit ihnen zu spielen!
Die Gelegenheit war bald da, aber nicht zum wonnigen Spiel, wie ich mir gewünscht hatte.
Nahe an mir vorbei kamen nämlich soeben in sausender Eile zwei Knaben gesprungen, ein grösserer und ein kleinerer. Sie waren beide sehr erhitzt in ihren Gesichtern. Der Grosse, etwa vierzehn bis fünfzehn Jahre alt, stark und kräftig, mit glühendem, wildem Blick, wie mir schien, verfolgte den Kleinen. Dieser war ein unschuldig, gutmütig aussehender Knabe von zehn bis elf Jahren. Er verstand es aber geschickt, durch blitzschnelle Wendungen nach rechts und links seinem an Kraft überlegenen Gegner auszuweichen.
Ich betrachtete mit grösster Aufmerksamkeit den spannenden Auftritt.
„Valdemar, geschwind! Schnell, Valdemar!“ wurde von allen Seiten dem tüchtigen Kleinen zugerufen.
Der Kleine hiess also Valdemar. Ich fühlte mich schon stark zu ihm hingezogen. — „O, wenn er nur seinem bösen Verfolger entkommt!“ dachte ich im stillen.
Allein gerade als der frische kleine Läufer schon ganz atemlos, aber doch immer fröhlich lachend an einem der grossen Bäume vorbeisprang, strauchelte er an einer knorrigen Wurzel und fiel zu Boden.
Im nächsten Augenblick war der Grosse über ihm.
Mich packte der Arger, besonders da der Sieger sofort begann, mit geballten Fäusten auf den tapfern kleinen Gegner einzuschlagen.
„Das lass aber sein, Karl!“ riefen die andern Knaben dem Grossen zu. „Lass sein! Das ist eine Feigheit!“
Doch Karl hörte nicht auf die Rufe seiner Kameraden, die fast alle kleiner waren als er. Je mehr sie riefen, desto mehr schlug er den kleinen Valdemar, der schon laut vor Schmerz aufschrie.
Empört über eine solche Roheit, rief ich einem Jungen zu, der nicht weit von mir stand:
„Schau doch, wie der Bube dort den Kleinen misshandelt! Das ist niederträchtig!“
„Gewiss, aber so macht es Karl immer“, antwortete der Knabe.
Meine Mutter hatte mir oft gesagt, ich solle mich, wo ich könne, der schwächeren Kinder annehmen, wenn ihnen Unrecht getan werde, und ihnen nach Kräften helfen. Dieser Ermahnung glaubte ich jetzt folgen zu müssen. Statt Herrn Foss herbeizurufen, was hier wohl das klügste gewesen wäre, stürzte ich mich voll Entrüstung auf den starken grossen Knaben. Ich schlang meine Arme um ihn und versuchte, ihn von seinem Opfer loszureissen.
Als Karl sich so unerwartet angegriffen fühlte, drehte er den Kopf herum und warf mir einen grimmigen Blick zu. Er sah sich gezwungen, Valdemar loszulassen. Dann aber kam er auf die Beine, und nun begann ein heftiges Ringen zwischen ihm und mir.
„Was geht das dich an! — Lass du mich los!“ rief er immer wieder, während er wie ein Wütender sich gewaltig anstrengte, nun auch mich zu Fall zu bringen.
Er riss und zerrte mich hin und her und wollte mich bald nach links, bald nach rechts schleudern, so dass ich mich nur mit grösster Mühe aufrecht halten konnte.
Wir rangen wie auf Leben und Tod. Keuchend vor Wut und Anstrengung schrie Karl:
„Das sollst du bereuen! Das sage ich dir! Wart nur ein wenig! Du wirst schon sehen, wie ich dir das heimzahle! Überhaupt, was hast du hier zu tun?“
„Ich wollte nur dem kleinen Valdemar helfen“, erwiderte ich. „Er ist ja doch für dich zu klein. Du hättest ihn nicht so schlagen sollen. Das sagen auch alle andern.“
„Schere dich um deine Sachen und nicht um die meinen!“ keuchte er zurück.
Unser Ringen wurde immer wilder.
Kapitän Foss konnte uns von seiner Bank aus nicht sehen, und so hatte ich keine Hilfe von ihm zu erwarten.
Zum Glück für mich war ich im isländischen Ringkampf, den man „Glíma“ nennt, gut bewandert. Ich hatte mich sehr oft mit meinen Spielkameraden zu Hause darin geübt und kannte deshalb manchen Kunstgriff und allerlei Mittel und Wege, um auch einem stärkeren Gegner eine Zeitlang wenigstens standhalten zu können.
Hier kamen mir nun diese Fertigkeiten vortrefflich zustatten. Denn mein Gegner, das merkte ich bald, war viel stärker als ich, und was für mich das gefährlichste war: er war nicht nur sehr stark, sondern auch entschieden boshaft und gerade jetzt sehr zornig.
Ich strengte daher meine Kräfte bis zum äussersten an und tat alles, was ich nur konnte, um nicht von Karl zu Fall gebracht zu werden.
So kämpften wir und drängten uns eine gute Weile rundumher in dem losen, weichen Sand.
Eine Menge kleiner Zuschauer hatten bald einen dichten Kreis um uns gebildet. Alle schienen gespannt auf den Ausgang unseres Kampfes zu sein. Ich hörte, wie einige sagten:
„Wer ist doch der fremde Junge? Den haben wir noch nie hier gesehen. Er wird sich gegen Karl wohl nicht behaupten können.“
Andere riefen mir zu: „Nur drauf los, du Neuer! So, jetzt hast du ihn!“
Wieder andere sagten zueinander: „Es wäre eine Schande für Karl, wenn er mit dem nicht fertig würde!“
An den meisten dieser Ausrufe konnte ich merken, dass Karl unter seinen Kameraden wenig Freunde hatte.
Allmählich lernte ich die Kampfesart meines Gegners immer besser kennen, und ich gewöhnte mich daran. Seine Kniffe waren immer dieselben.
Auch merkte ich bald zu meiner Freude, dass ich doch sicherer auf den Beinen stand, als ich zuerst geglaubt hatte.
Nein, Karl sollte mich nicht so leicht besiegen!
Aber er war so stark und so hitzig, dass ich ihn auch nicht zu Fall bringen konnte.
Ich musste also zu irgendeiner Kriegslist meine Zuflucht nehmen. In so einem Ringkampf war das ja erlaubt.
Ich überlegte, so gut es mir unter den schwierigen Umständen möglich war, und nahm mir vor, folgendes zu machen:
Ich wollte versuchen, Karl durch einen Scheinangriff zu täuschen. Ich wollte ihn kräftig nach rückwärts drängen und dann plötzlich mich durch einen starken Ruck zurückziehen. Dann würden wir zwar beide hinfallen, aber ich würde es wohl fertig bringen, dass ich obenan zu liegen käme.
Das war mein Plan. Doch ich durfte nicht mehr lange warten, denn ich wurde immer müder.
Ich begann also sofort mit der Ausführung meiner Kriegslist. Ich setzte meinem starken Gegner durch einen kräftigen Druck zu. Ich schob und schob ihn nach rückwärts, so fest ich nur konnte, wie wenn ich ihn um jeden Preis auf den Rücken werfen wollte. Dann aber, als er am allerkräftigsten sich entgegenstemmte, wich ich mit einem plötzlichen Ruck zurück und zog Karl heftig auf mich zu.
Das alles war in wenigen Augenblicken geschehen.
Meine List gelang vollständig. In einem Nu lag der nichts ahnende starke Knabe unter mir im Sand. Ich hatte ihn im Fall durch eine rasche Drehung nach rechts mit mir gerissen, so dass nicht ich, sondern er auf den Rücken zu liegen kam.
Mein Sieg wurde von den zahlreichen kleinen Zuschauern mit lauten Bravorufen begrüsst.
Aber ach, die Freude sollte von kurzer Dauer sein!
Ganz ausser sich vor Wut wegen seiner Niederlage, wand und reckte sich Karl so heftig unter mir, dass es ihm bald gelang, sich auf mich zu wälzen und mich auf die Erde niederzudrücken, gerade so, wie er es vorher mit dem kleinen Valdemar getan hatte.
Mein Sieg war also im Handumdrehen in eine Niederlage verwandelt, und alle meine Anstrengungen vermochten nichts daran zu ändern. Ich musste mich in mein Schicksal ergeben.
„Du hast mir ein Bein gestellt! Dann bin ich gefallen! — Du Elender!“ schrie Karl, während er mit den Knien auf mir lag und meine ausgestreckten Arme in den Sand drückte.
„Nein, das ist nicht wahr! Ich habe dir kein Bein gestellt!“
„Doch, du hast’s getan! Ihr habt es auch gesehen!“ rief er jetzt den andern zu.
„Nein, das hat er nicht!“ widersprachen ihm sogleich viele, und einer rief: „Auch wenn er es getan hätte, so wäre es erlaubt gewesen! Im Ringkampf darf man einem ein Bein stellen!“
„Ja, ja, das darf man!“ stimmten die meisten bei.
„So, das darf man!“ brauste Karl jetzt auf. — „Dann darf man auch das hier!“ und er schlug mich mit der Faust mitten ins Gesicht hinein.
„Feigling!“ riefen sie nun von allen Seiten. Ich aber suchte aus Leibeskräften mich freizumachen.
Leider gelang mir das nicht. Karl hatte wiederum meine beiden Arme gefasst.
„Du bekommst jetzt noch mehr! noch viel mehr!“ schrie er. „Wart nur ein wenig, wir sind noch lange nicht miteinander fertig!“
Da machte ich verzweifelte Anstrengungen, meine Arme freizubekommen. Der Schlag ins Gesicht hatte mich gewaltig empört und mir neue Kräfte gegeben.
Endlich brachte ich es fertig, meinen rechten Arm loszureissen, und nun konnte ich wenigstens die Schläge Karls abwehren. Zugleich kam noch der kleine Valdemar mir zu Hilfe. Er hatte meine gefährliche Lage erkannt und wollte sich mir dankbar zeigen. Er warf sich über Karl und fasste ihn mit beiden Händen an einem Arm.
Dadurch gelang es mir, auch meinen zweiten Arm noch freizumachen. Und da ich jetzt ernstlich böse geworden war, wäre es sicher Karl schlimm ergangen, wenn nicht plötzlich Kapitän Foss herbeigekommen wäre und mit ein paar kräftigen Griffen uns auseinandergerissen hätte.
„So, jetzt ist’s genug!“ rief er mit gebieterischer Stimme.
Er musste uns wohl schon eine Weile zugesehen haben.
Keiner von uns getraute sich, ihm zu widerstehen. Wir standen auf und schlugen schweigend den Staub aus unsern Kleidern. Dabei halfen mir eine Menge kleiner Hände. Valdemar brachte mir meine Mütze, die während des Kampfes weit fortgeflogen war. Karl musste die seinige selbst suchen; auch half ihm niemand seine Kleider reinmachen.
Ich empfand deshalb aufrichtiges Mitleid mit ihm, weil er keinen einzigen Freund unter den Knaben zu haben schien.
Während ich so dastand und meine Beobachtungen über Karl anstellte, fühlte ich auf einmal, dass eine kleine Hand meinen Arm berührte. Es war Valdemar. Er zog mich sanft einige Schritte beiseite und fragte:
„Wie heisst du?“
„Ich heisse Nonni.“
„Nonni?“ wiederholte er, verwundert über den ihm ganz fremden Namen, und schaute mir gerade in die Augen hinein. Dann sagte er weiter:
„Nonni, ich danke dir sehr, dass du mir gegen Karl geholfen hast. Denn es ist sonst keiner da, der ihn anzugreifen wagt. Er ist so stark und wird gleich so zornig, und will sich immer rächen.“
„O, wir sind jetzt fertig mit ihm“, antwortete ich, „und es freut mich, Valdemar, dass ich dir helfen konnte.“
Der kleine Knabe sagte hierauf ganz leise und innig:
„Aber wir müssen zusammenhalten, Nonni. Ich will immer auf deiner Seite sein, besonders gegen Karl.“
Diese Worte rührten mich. Ich reichte dem Kleinen die Hand und sagte:
„Dann sind wir also Freunde!“
„Ja, Nonni, das wollen wir sein!“
„Hat Karl gar keine Freunde unter den Knaben?“ fragte ich jetzt.
„Doch, einige von den Grösseren halten oft zu ihm, aber die sind gerade nicht hier.“
Ich schaute nun meinen neuen Freund etwas genauer an und bemerkte, dass er ein paar Beulen im Gesicht hatte. So stark hatte Karl ihn geschlagen.
Der Knabe tat mir sehr leid.
Da bekam ich sofort eine glückliche Eingebung: „Wart ein wenig, Valdemar“, sagte ich, „ich habe ein kleines Freundschaftsgeschenk für dich.“
Dann lief ich zum Kapitän Foss hin, holte meinen Napoleonskuchen und bat Valdemar, er möge ihn als Zeichen meiner Freundschaft annehmen.
„Was ist da drin?“ fragte er.
„Es ist ein Napoleonskuchen, den hat mir heute morgen ein kleiner Junge im Neuhafen geschenkt.“
Valdemar sträubte sich anfangs, mein Geschenk anzunehmen. Schliesslich war er aber doch dazu bereit. — „Ich danke dir herzlich, Nonni“, sagte er, indem er mir die Hand drückte. „Ich hoffe, dass ich es dir einmal vergelten kann.“
Ich aber fühlte mich überglücklich, dass ich meinen Napoleonskuchen einem so guten und lieben Jungen hatte schenken können.
Herr Foss war inzwischen mitten unter den Knaben gestanden und hatte sich mit ihnen unterhalten. Er rief mir jetzt zu, dass es Zeit für uns sei.
Ich gab Valdemar schnell die Hand und lief zum Kapitän hin.
„So, jetzt gehen wir, Nonni“, sagte er.
Indes bevor wir aufbrachen, konnte es der immer noch zornige Karl nicht unterlassen, mir nachzuschreien:
„Hör mal, du! — Wir sind noch nicht quitt! — Ich werde dich schon wiederfinden! — Dann zahle ich es dir heim! — Meinen Namen hast du ja gehört: Ich heisse Karl und wohne in der Grossen Königstrasse Nr. 52, hier ganz in der Nähe! — Und jetzt, wenn du kein Feigling bist, sag auch du mir, wie du heissest und wo du wohnst!“
„Ich heisse Nonni und wohne in der Breitstrasse 64. Das ist auch hier ganz in der Nähe!“
Nunmehr fasste mich der Kapitän rasch beim Arm und zog mich mit sich fort. Er sagte: „Antworte ihm doch nicht! Du hättest ihm nicht sagen sollen, wo du wohnst! Er will nur Händel mit dir haben!“
„Aber, Herr Kapitän, er hat gerufen, wenn ich kein Feigling sei, solle ich ihm sagen, wo ich wohne! Da musste ich es ihm doch sagen!“
„Nein, Nonni, das brauchst du nicht. Kümmere dich gar nicht darum, was solche Knaben sagen. Halte dich fern von dem; er ist ein frecher Junge und kann dir nur schaden.“
Ich versprach Herrn Foss, seinen Rat zu befolgen.
Als wir dann ein Stück weit gegangen waren, wandte ich mich noch einmal um und sah, dass Valdemar mir mit der Hand zum Abschied winkte.
„Leb wohl, Valdemar!“ rief ich ihm zu.
„Leb wohl, Nonni!“ klang seine helle Stimme zurück.
„Ja, ja! Adieu du!“ rief nun auch Karl. „Wir sehen uns wieder, und zwar bald!“
Ich wollte antworten, doch Herr Foss verhinderte es. Wir gingen rasch die Wälle hinunter.
Jetzt fiel mir ein, dass Owe am Tage vorher mich vor den Gassenjungen gewarnt hatte.
Sollte Karl vielleicht ein Gassenjunge sein?
Ich erzählte dem Kapitän, was Owe mir gesagt hatte, und fragte ihn dann, ob Karl ein solcher Junge sei.
„Nein, ein Gassenjunge ist er gerade nicht“, meinte Herr Foss; aber er ist ein hitziger Bursche.“
„Herr Kapitän, er hat mich mitten ins Gesicht hineingeschlagen.“
„Ja, das sieht man; du hast eine Beule unter dem linken Auge.“
„Hier, Herr Kapitän?“ fragte ich und deutete mit dem Finger an die verwundete Stelle. „Da tut es mir ein wenig weh. Aber solche Sachen bekommt man oft, wenn man viel mit grösseren Knaben spielt. Ich bin daran gewöhnt.“
Herr Foss lachte: „So, du bist daran gewöhnt? — Das ist aber eine sonderbare Gewohnheit, Nonni! Ich meine, es wäre besser, du würdest dich an solche Abenteuer nicht zu sehr gewöhnen.“
Ich musste nun ebenfalls lachen. Dann sagte ich:
„Herr Kapitän, es war aber doch ärgerlich, dass ich den Karl nicht festhalten konnte!“
„Denk nur nicht weiter daran, Nonni. Merke dir, was ich gesagt habe: halte dich fern von Karl und von allen Jungen seiner Art; sie passen nicht für dich.“
Ich nahm mir sogleich vor, diesen Rat des Kapitäns zu befolgen.
Aber was sollte ich tun, wenn Karl mir wieder begegnete? — Er hatte ja gesagt, er werde es mir heimzahlen.
Der Kapitän schien meine Gedanken erraten zu haben, denn er fügte hinzu:
„Ich rate dir, Nonni, geh nirgendwo mit diesem Jungen allein. Wenn er dir auf der Strasse begegnet oder an einem andern Ort, wo viele Leute sind, da kann er dir nichts Böses tun. Versucht er aber, dich an einen einsamen Ort hinzulocken, dann folge ihm nicht, er wird sich sonst sicher an dir rächen. Und da er nun einmal viel grösser und stärker ist als du, so würde er dich leicht misshandeln können. Drum sei vorsichtig mit ihm.“
Diese Worte des Kapitäns beruhigten mich. Ich war nämlich fest davon überzeugt, dass Karl bei der nächsten Gelegenheit mich überfallen werde. Jetzt wusste ich aber, wie ich mich ihm gegenüber zu verhalten hatte.
5. Die „königlichen Prinzen“ — Das erste Laub
Ich ging nun eine Zeitlang stillschweigend neben dem Kapitän einher und dachte an Valdemar, an Karl und mein Erlebnis droben auf den Wällen.
Doch bald schlug ich mir alle diese Gedanken aus dem Sinn und fing wieder an, die vielen wunderbaren Dinge zu betrachten, die sich meinen Blicken von überallher darboten.
Der Strassenverkehr wurde immer lebhafter. Es wimmelte förmlich von Menschen um uns herum, so dass wir oft nur mit Mühe vorankommen konnten.
Ich hielt mich dicht an der Seite des Kapitäns und fragte ihn über allerlei Dinge, die mir vollständig neu waren und die ich mir gar nicht erklären konnte.
Vor allem fesselten mich verschiedene sehr merkwürdige Gestalten, wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Es waren Männer in schönen bunten Kleidern; ihre Röcke waren mit kostbaren Knöpfen besetzt, die wie reines Gold glänzten.
Einige von ihnen trugen farbige Mützen mit goldig glitzernden Bändern darum. Andere hatten schwarze, blank polierte Helme auf; die strahlten und schimmerten, dass man fast geblendet wurde, wenn die Sonne darauf schien. Um den Leib hatten sie schön gewichste lederne Gürtel, die ebenfalls im Sonnenlicht glänzten. Es hingen Schwerter daran, deren Griffe wie aus purem Gold waren.
Wieder andere trugen hochrote Röcke. Waffen hatten sie aber nicht. Dafür hielten sie Briefe und allerhand Papier in ihren Händen. Diese machten einen besonders tiefen Eindruck auf mich, denn in ihrer hellroten Tracht sahen sie über die Massen fein und vornehm aus.
Ich war überzeugt, dass diese Männer zu den höchsten Klassen der Gesellschaft gehören müssten, und nahm deshalb gern die Mütze ab, wenn einer von ihnen an uns vorüberging.
In Island hatte ich einmal gehört, dass Rot die Farbe der königlichen Familie in Dänemark sei. Ich vermutete daher, dass die Männer mit den roten Röcken vielleicht königliche Prinzen seien.
Sollte ich den Kapitän fragen, wie es sich damit verhielt?
Ich hätte es gern getan, aber ich getraute mir nicht recht; denn ich hatte mich schon so oft geirrt, und dann wurde meist über mich gelacht.
Doch nun kam wieder einer der rotgekleideten Männer uns entgegen. Als er gerade vorbeiging, grüsste ich abermals und warf ein paar scheue Blicke auf den vornehmen Herrn.
Der rote Mann sah mich einen Augenblick verwundert an. Er erwiderte zögernd meinen Gruss und ging dann seines Weges weiter.
Jetzt endlich fasste ich Mut und wandte mich an Herrn Foss:
„Wissen Sie vielleicht, Herr Kapitän, was das für ein Mann ist?“
„Welchen Mann meinst du?“
„Den roten dort.“
„Das ist ein Briefträger, Nonni. Glaubst du, der sei etwas Besonderes?“
„Ein Briefträger!?“ rief ich aus. — „Dort der Herr in dem prachtvollen roten Rock ist ein — Briefträger?“
„Aber gewiss, Nonni. Weisst du das nicht? Siehst du denn nicht die Briefe, die er trägt?“
„Doch, Herr Kapitän. — Aber wie kommt es, dass ein Briefträger so prachtvolle Kleider anhat?“
„Den roten Rock meinst du? — So prachtvoll scheint mir der gerade nicht zu sein. Die rote Farbe ist eben die dänische Landesfarbe, und die haben nun einmal die Postleute für ihre Uniform.“
„Sind dann diese Briefträger gewöhnliche Leute wie alle andern Menschen?“
„Aber natürlich, Nonni, was sollten sie sonst sein?“
Man kann sich denken, wie überrascht ich war! Ich hütete mich aber, Herrn Foss zu erzählen, dass ich die roten Postboten für königliche Prinzen gehalten hatte.
Etwas kleinlaut fragte ich dann weiter:
„Herr Kapitän, was sind aber das für Leute, die mit den Schwertern und Helmen und mit den goldnen Knöpfen?“
„Das sind dänische Soldaten und Polizisten, mein Lieber.“
„Gehören die zu den vornehmen Leuten?“
„Das kann man nicht gerade sagen. Die meisten von ihnen sind ganz gewöhnliche Leute.“
Von jetzt ab unterliess ich es, meine Mütze abzunehmen vor den Soldaten, Polizisten und Briefträgern. Ich fühlte mich im Augenblick ein wenig beschämt wegen meiner Unwissenheit und wagte es nicht mehr, noch weiter solche Fragen zu stellen.
Meine Wissbegierde wurde auch bald wieder durch andere Dinge abgelenkt. Es gab ja fortwährend so viel Neues für mich zu sehen; der eine Eindruck verdrängte und verwischte den andern.
Nach einer Weile kamen wir an einen Ort, der war wie übersät von den schönsten Blumen. Dazwischen waren grüne, sammetweiche Rasenplätze, und an vielen Stellen standen grosse und kleine Bäume.
„Nonni“, sagte der Kapitän, „vorher haben wir uns die kleine Blumenanlage in Grönningen nicht näher angesehen. Hier ist eine grössere, ein schöner Lustgarten, da wollen wir hineingehen.“
Es war in der Tat eine ungewöhnlich prachtvolle Gartenanlage, die erste, die ich in meinem Leben genauer sehen sollte.
Als ich von aussen her den ersten Blick in den Garten hineinwarf, blieb ich wie festgebannt vor Bewunderung stehen. Ich war entzückt von der Pracht dieses paradiesischen Ortes, so überaus schön war es da.
Der Kapitän liess mich eine Weile schauen, dann führte er mich durch ein Gittertor hinein.
Ich wurde bei diesem Eintritt von einer gewissen Ehrfurcht und feierlichen Stimmung ergriffen. Langsam wanderten wir unter schattigen Baumreihen, auf einsamen Gängen und lauschigen Pfaden dahin, überall umgeben von herrlichen Blumen, die wie schimmernde Perlen und rötlich funkelnde Rubine hingestreut waren.
„O wie schön! wie schön!“ rief ich da immer von neuem aus.
Und als ich mich an der Blumenpracht sattgesehen hatte, schaute ich nach oben, wo sich mir wieder ein anderes Wunder darbot, ein für mich völlig neues, eine unendlich zarte Schönheit ganz eigener Art.
Ich sah nämlich, nicht hoch über mir, ein herrliches grünes Laubgewölbe, ganz überirdisch fein und leicht und halb durchsichtig, das immerfort in einer ungemein zierlichen, zitternden Bewegung war.
Da glitzerte und flimmerte es beständig, und es hingen, wie mir schien, unzählige goldig leuchtende Fäden herab.
Es war das unermüdliche Spiel der Sonnenstrahlen, die hier wie lebhafte kleine Geister ohne Rast und ohne Ruh überall herum durch das zarte Laubdach huschten.
An einigen Stellen, wo man oben durch kleine Lücken in dem Laubgewölbe hinaussah, sickerte hell und freundlich, wie feiner goldner Regen, das Sonnenlicht durch das zitternde Laub auf uns hernieder.
Es kam mir vor, als fliesse dieser Lichtglanz gerade in mich hinein und verkläre alle meine Sinne. —
Am meisten aber entzückte mich das Laub, das ich hier zum erstenmal in nächster Nähe sah.
Dieses zarte, sich stets bewegende Laub machte auf mich einen unbeschreiblichen Eindruck. Es war für mich etwas gänzlich Neues, etwas himmlisch Schönes.
Ich fühlte mich wie von einem schwellenden, geheimnisvollen Leben umgeben.
Diese Unzahl von stets sich wiegenden, zierlichen Zweigen und lichtdurchleuchteten grünen und purpurroten Blättern, die von jedem Windhauch so reizvoll hin und her bewegt wurden, erschienen mir wie lebendige Glieder märchenhafter Wesen, welche hier in der von Blumenduft und Sonnenschein erfüllten Luft um uns herum schwebten und uns von allen Seiten her zuwinkten.
O wie herrlich war alles das! wie unaussprechlich schön diese neue Märchenwelt, in der ich mich befand!
Ich fühlte mich zuletzt wie bezaubert von lauter Bewunderung, Freude und Seligkeit.
Der Kapitän schien meine Ergriffenheit zu merken; er sprach wenig und liess mich ruhig schauen und alles betrachten, soviel ich nur wollte.
So gingen wir durch dies ganze sonnige Blumenparadies hindurch.
Als wir wieder zum Ausgang gelangten, blieb ich stehen und schaute mich um. Am liebsten wäre ich noch einmal durch den herrlichen Garten gewandert, aber es war leider nicht möglich. Herr Foss sagte:
„Nonni, wir haben noch vieles zu sehen, wir müssen weiter.“
Zögernd folgte ich ihm. Wir traten durch das Gartentor und befanden uns im nächsten Augenblick wieder auf einer grossen belebten Strasse.
„Hier müssen wir rechts gehen“, sagte der Kapitän.
Als wir an einem hohen Turm vorbeikamen, fiel mir auf einmal der Runde Turm ein, das grosse Wunder Kopenhagens, von dem ich schon als Kind so vieles gelesen und gehört hatte.
Rasch ergriff ich die Hand des Herrn Foss und sagte:
„Herr Kapitän, wie ist es mit dem Runden Turm? Den haben wir noch nicht gesehen, und er ist doch das Merkwürdigste von allem, was es in Kopenhagen gibt! Ist er weit von hier?“
„Ach so, der Runde Turm! Dass ich doch bis jetzt nicht daran gedacht habe! Du hast mir ja einmal gesagt, deine Mutter habe dir von diesem Turm erzählt. — Hast du Lust, jetzt gleich den Runden Turm zu sehen und hinaufzusteigen?“
„O ja, Herr Kapitän!“ erwiderte ich lebhaft.
„Gut, das wirst du sofort können, Nonni. Wir sind hier nicht mehr weit von ihm entfernt.“
Der Kapitän blieb stehen, überlegte ein wenig und zeigte dann nach links. „Dort wird wohl der nächste Weg sein“, sagte er.
Ich war nun voll der spannendsten Erwartung. Nach meiner Ansicht gab es ja, wie gesagt, in Kopenhagen keine zweite Sehenswürdigkeit wie diesen merkwürdigen Turm. Man konnte da inwendig mit Pferd und Wagen bis ganz oben hinauf fahren!
Wo in der Welt war wohl ein Turm, der mit einem solchen Wunderturm sich messen konnte!
Und nun sollte ich das erste Mal dieses Weltwunder sehen und im Innern des Turmes auf dem spiralförmigen Weg bis zur obersten Plattform hinaufgehen dürfen!
6. Der Runde Turm
Wir waren soeben um eine neue Strassenecke herumgebogen. Auf einmal wandte sich der Kapitän nach links und sagte:
„Siehst du, Nonni, dort drüben?“
Ich schaute neugierig nach der bezeichneten Richtung hin und entdeckte nun in der Ferne über allen Dächern, hoch in die Luft ragend, eine graue, ungeheuer grosse, runde, steinerne Masse, deren oberster Rand, wie mir schien, von einem Geländer umgeben war.
Dorthin hielt ich jetzt unverwandt meinen Blick gerichtet.
Der Kapitän sagte nichts. Er schaute mich nur lächelnd an.
Ich griff dann mit der einen Hand nach seinem Arm und deutete mit der andern vorwärts nach der seltsamen steinernen Masse droben:
„Herr Kapitän, ist das der Runde Turm?“
„Ja, Nonni, das ist er.“
„O, der ist ja bald so breit wie er hoch ist!“ rief ich in meiner ersten Überraschung aus.
Herr Foss lachte. „Ja, Nonni, da hast du recht. Es gibt darum auch Leute, die ihn den ‚dicken Turm‘ nennen. Man hat ihn eben so breit machen müssen wegen seiner inneren Einrichtung. Nun komm aber, wir wollen einmal näher hingehen.“
Einige Schritte vor dem Eingangstor blieben wir stehen. Herr Foss sagte, ich solle jetzt den Turm zuerst von da aus anschauen.
Schweigend betrachtete ich den runden, gewaltig starken Turmbau, der wie ein mächtiger Felsblock zum Himmel emporragte — für mich ein überwältigender Anblick. Der Turm war so hoch, dass ich den Kopf ganz zurücklegen musste, um bis zum obersten Rand hinaufsehen zu können.
Plötzlich rief ich aus: „Herr Kapitän, das ist aber ein seltsamer Turm! Der steht ja ganz schief! Er neigt sich gegen uns her! Sehen Sie hier, gerade über meinem Kopf!“
„Das meinst du nur, Nonni, das ist eine Täuschung“, belehrte mich Herr Foss. „So sieht es bei allen hohen Bauten aus, wenn man sie aus nächster Nähe betrachtet.“
Ich konnte das kaum glauben und schaute mit einem fragenden Blick den Kapitän an. Da nahm er mich beim Arm und sagte:
„Nonni, ich merke, du verstehst mich noch nicht. Komm, wir gehen jetzt auf die andere Seite des Turmes, dann wirst du sehen, dass er sich auch dorthin wieder neigt.“
Wir gingen an dem Turmtor vorbei, etwa zwanzig Schritte weit nach der entgegengesetzten Seite. Unterwegs schaute ich mehrmals in die Höhe, und höchst erstaunt rief ich wieder aus:
„Herr Kapitän, jetzt bewegt sich ja der Turm dort oben! — Der oberste Teil dreht sich! — Er folgt uns immer nach! — Jetzt neigt er sich auch hier vornüber!“
„Gewiss, Nonni; es ist eben, wie ich dir gesagt habe: das alles sieht nur so aus.“
Nun lief ich schnell zurück bis zu der Stelle, wo wir vorher gestanden hatten — und abermals neigte sich der obere Teil des Turmes zu mir hin!
„Herr Kapitän“, rief ich, „jetzt neigt er sich wieder ganz deutlich hierher! Wie ist es dort, wo Sie stehen?“
„Hier neigt er sich ganz deutlich zu mir her!“ sagte Herr Foss.
Also neigte er sich zu gleicher Zeit nach rechts und nach links!
Das war aber doch rein unbegreiflich! Es war, wie wenn der Turm nichts anderes zu tun gehabt hätte, als fortwährend unsern Bewegungen zu folgen, sich nach links und nach rechts zu wenden und auf uns hernieder zu schauen. Aber das merkwürdigste war, dass er sich zu gleicher Zeit nach beiden Seiten neigte.
Erstaunt lief ich wieder zum Kapitän zurück.
Ich sah mir nun den Wunderturm etwas genauer an. Er hatte keine Spitze. Sein oberster Teil war ebenso breit wie der untere. Er war überall rund und hatte überall den gleichen grossen Umfang. Den Abschluss oben bildete eine weite, runde Plattform, als ob der Turm dort querdurch abgesägt worden wäre.
Zuhöchst am Geländer, das am äusseren Rand um die ganze Plattform herumlief, sah ich ab und zu kleine Gestalten, die sich ähnlich wie Fliegen hin und her bewegten. Auf meine Frage, was dies sei, erklärte mir Herr Foss, es seien Leute, die droben herumgingen und sich die schöne Aussicht und die Stadt ansähen.
Diese Menschen sahen in der gewaltigen Höhe wie Puppen und Zwerge aus. Manchmal lehnten sie sich an das Geländer, dann konnte man deutlich ihre Köpfe und Hände und Arme unterscheiden. Aber sie waren viel kleiner als in Wirklichkeit.
Das alles machte diesen Turm für mich zu einem wahren Wunder. Ich konnte ihn gar nicht genug betrachten.
Besonders über seine mächtige Höhe und Breite musste ich mich immer von neuem wundern. Der Kapitän sagte mir darauf:
„So scheint es dir, Nonni, weil du noch nie grosse Bauwerke gesehen hast. Es gibt aber Türme in der Welt, die sind noch viel grösser als dieser. Wenn du einmal nach Frankreich kommst, wirst du noch bedeutend höhere Türme sehen.“ —
Auf die Gebäude in der nächsten Umgebung hatte ich bis jetzt kaum geachtet. Ich wurde erst darauf aufmerksam, als Herr Foss mich fragte:
„Nun, Nonni, hast du dir auch die Kirche zu dem Runden Turm gemerkt?“
„Was für eine Kirche, Herr Kapitän?“
„Die Dreifaltigkeitskirche. Sie steht doch hier neben uns.“
Wahrhaftig, da war eine grosse Kirche, die sich hoch zwischen den Häuserreihen gerade hinter dem Turm erhob.
Ich fragte: „Hat denn der Runde Turm etwas mit dieser Kirche zu tun?“
„Aber selbstverständlich, Nonni! Der Runde Turm ist ein gewöhnlicher Kirchturm. Er ist der Turm der Dreifaltigkeitskirche.“
Das kam mir sehr sonderbar vor. Ich hätte nicht gedacht, dass so ein Turm, auf den man mit Pferd und Wagen hinauffahren konnte, ein Kirchturm sein könne.
„Und weisst du auch, wer den Turm und die Kirche gebaut hat?“ fragte Herr Foss weiter.
„Nein, Herr Kapitän.“
„Dann musst du es dir aber merken, kleiner Freund. — Es war der dänische König Christian IV. Von diesem sind noch viele Prachtbauten hier in Kopenhagen, und überhaupt im ganzen Lande.“
„O, von Christian IV. habe ich schon gelesen, Herr Kapitän! Ich kenne seinen Namen gut! Er war einer der grössten Könige von Dänemark!“
„Ja, das ist er wohl gewesen.“
„Gibt es hier in Kopenhagen noch mehr solcher Türme von ihm, Herr Kapitän?“
„Nein, solche gerade nicht, Nonni; aber andere, die ebenso merkwürdig sind wie der Runde Turm. So zum Beispiel der von der ‚Börse‘, der auch hier in der Nähe ist.“
„O, dann können wir ja gleich hingehen, Herr Kapitän!“
Herr Foss lachte. „Nur Geduld, kleiner Freund! — Weisst du überhaupt, was die Börse ist?“
„Nein, Herr Kapitän, ich habe noch nichts von ihr gehört.“
„Gut, dann will ich es dir sagen. — Die Börse ist ein prächtiges Gebäude am inneren Hafen, dort werden Geldgeschäfte abgemacht.“
„Und der Turm der Börse, Herr Kapitän, ist der auch so gross wie der Runde Turm?“
„Nein, so gross ist er nicht; aber er ist noch viel merkwürdiger. Er besteht aus vier riesig grossen Drachen; die liegen auf dem Dach der Börse; ihre langen Schwänze sind zusammengewunden und türmen sich senkrecht in die Luft hinauf.“
„Das muss aber komisch aussehen, Herr Kapitän, wenn der ganze Turm nur aus diesen zusammengewundenen Drachenschwänzen besteht!“
„Ja, aber es ist sehr schön, Nonni. Die vier Drachen winden und ringeln sich umeinander, wie wenn es lebendige wären. Das Ganze ist aus vergoldetem Kupfer gemacht. Es ist ein berühmtes Kunstwerk.“
„Dann ist es ja wie ein Märchen, Herr Kapitän! Und der König Christian muss ein merkwürdiger König gewesen sein! — Hat er noch andere solche Türme und Häuser gebaut?“
„Ja, noch verschiedene. Aber es würde uns zu viel Zeit nehmen, wenn ich sie dir alle beschreiben wollte. Von einem will ich dir aber noch erzählen. Das ist das Schloss Frederiksborg bei Hilleröd, einige Meilen von Kopenhagen. Mit diesem Schloss ist es so gewesen:
König Christian war damals noch ein kleiner Junge. Eines Tages ist er im Wagen an dem See von Hilleröd vorbeigefahren. Dieser See ist sehr schön. Er ist rings von den prachtvollsten Buchen umgeben. Da liess der junge Prinz seinen Wagen halten. Er hatte eine solche Freude, dass er ausrief: ‚Hier, mitten in diesem Wasser, werde ich mir einst ein Schloss bauen.‘
Man lachte über ihn, und einer sagte: ‚Du hast deine Kinderschuhe noch nicht ausgetreten und willst ein Schloss bauen, mitten in diesem See?‘
Der kleine Prinz schwieg darauf. Später, als er gross geworden war, baute er das Schloss, mitten in den tiefen See hinein. Und dieses Schloss ist jetzt eines der schönsten von Dänemark.
Auf beiden Seiten des Schlosstores sieht man noch heute eine Menge Kinderschuhe in die Mauersteine eingemeisselt. Das hat der König selber so befohlen. Die kleinen Schuhe sollten eine Erinnerung an den Scherz sein, den man über ihn gemacht hatte.“ —
Hier hörte der Kapitän plötzlich auf. Er zog seine Uhr aus der Tasche und sagte:
„Aber Nonni, nun stehen wir da herum, und ich erzähle dir lange Geschichten von Christian IV., statt dass wir auf den Runden Turm hinaufgehen! Komm, wir müssen jetzt ein wenig eilen!“
Ich folgte Herrn Foss sofort zu dem geheimnisvollen, grossen Turm hin. Bevor wir durch das Tor hineingingen, fragte ich:
„Ist es nun aber auch wirklich wahr, Herr Kapitän, dass man den ganzen Weg bis oben auf den Turm hinauf mit Pferd und Wagen fahren kann?“
„Ob das wahr ist? — Wart nur einen Augenblick, Nonni, du wirst es dann gleich selbst sehen. Jedenfalls ist es sicher, dass der russische Kaiser Peter der Grosse einmal mit einem Wagen und vier Pferden hinaufgefahren ist.“
Mir schien das ganz unglaublich zu sein; aber Herr Foss versicherte mir noch einmal, dass es wirklich so gewesen sei.
Er öffnete jetzt das Eingangstor des Turmes, und wir traten hinein.
Zuerst kamen wir in einen Vorraum, in welchem links ein alter Mann mit einem Buch in der Hand an einem kleinen Fenster sass. Es war der Turmwächter.
Herr Foss fragte ihn, ob man hinaufgehen könne.
„Gewiss, mein Herr“, antwortete der Mann, worauf Herr Foss das Eintrittsgeld bezahlte. Es kostete acht dänische Skilling für uns beide.
Nun stand der Turmwächter auf. Er begleitete uns etwas weiter hinein, öffnete eine schwere hölzerne Tür, die zum Spiralweg des Turmes führte, und bat uns einzutreten. — „Den Weg werden Sie ja finden“, sagte er scherzhaft, „man geht hier nicht so leicht fehl.“
Herr Foss dankte ihm, und als wir durch die Tür gegangen waren, schloss der Wächter sie hinter uns zu.
„Nun, was meinst du jetzt, mein Lieber?“ sagte Herr Foss. „Glaubst du nun, dass man mit Pferd und Wagen da hinauffahren kann?“
Staunend blieb ich stehen. — Vor uns dehnte sich ein breiter Weg hin. Der Boden war gepflastert und flach wie eine gewöhnliche Landstrasse, ohne eine Spur von Stufen. Spiralförmig wand sich der Weg nach rechts und stieg nur mässig aufwärts. Ja diese Steigung war so gering, dass man sie anfangs kaum merken konnte. Man hätte fast glauben können, man gehe da auf einer gewöhnlichen Strasse.
Wir wanderten nun auf diesem seltsamen Wege voran, indem wir immer nach rechts um eine mächtige steinerne Säule herumgingen, die eine feste, senkrechte Achse mitten in dem grossen Turm bildete.
Diese riesige Säule war stets zu unserer Rechten, die eigentliche Turmwand zur Linken.
So schritten wir eine gute Weile rüstig vorwärts, die eigentümliche Spirale hinan. Allmählich aber wurde ich müde; ich kam fast ausser Atem.
Endlich blieb ich stehen und sagte: „Herr Kapitän, dieser Weg scheint ja gar kein Ende zu haben!“
„Ja, ja, er ist ziemlich lang, Nonni“, lächelte Herr Foss. „Es kann einem ordentlich warm dabei werden. Du meinst wohl auch, mit Ross und Wagen ginge es leichter? Aber wir lassen uns Zeit und ruhen wieder aus, wenn wir müde sind; dann kommen wir auch zu Fuss noch hinauf.“
Unterdessen hatte ich links in der Turmwand ein kleines Fensterchen entdeckt. Ich lief hin und schaute durch die staubbedeckte schmale Glasscheibe hinaus.
Da ward ich aufs höchste überrascht. Ich wandte mich gleich wieder um und rief:
„Herr Kapitän, schauen Sie doch! — hier diese Aussicht! Das kann ich ja gar nicht verstehen!“
„So, was siehst du denn?“
„Ich sehe fast nichts als Schornsteine! Es sind viele Hunderte, ja ich glaube, es sind Tausende da! Und sie rauchen fast alle! — Und dann sehe ich auch noch rote und grüne und schwarze Dächer ringsherum und oben und unten! — Aber Sie müssen selbst kommen und sehen, Herr Kapitän, es sieht zu spassig aus!“
Herr Foss kam zu mir an das kleine Fenster hin und schaute hinaus.
„Ja, richtig, Nonni“, sagte er, „das sind die Dächer und Schornsteine von Kopenhagen. Wir sind also jetzt schon ziemlich hoch oben; wir befinden uns bereits über den gewöhnlichen mittelgrossen Häusern.“
„Wirklich? Sind wir schon so hoch heraufgekommen, Herr Kapitän? Ich habe geglaubt, wir seien die ganze Zeit nur vorwärts gegangen, nicht in die Höhe.“
„Nein, Nonni, da täuschest du dich. Mit dem Runden Turm ist es nämlich eine eigene Sache: Man meint, dieser Weg führe immer nur vorwärts, aber man steigt zugleich auch in die Höhe.“
„Dann kommt es wohl auch davon, Herr Kapitän, dass wir so müde geworden sind?“
„Ja, daher kommt es. Wir müssen uns deshalb einmal ausruhen, denn wir haben noch weit bis zur obersten Plattform hinauf.“
Von jetzt ab hielten wir öfters eine kleine Rast und ruhten aus.
Bei einer dieser Ruhepausen warf ich zufällig einen Blick auf die Turmwand neben mir und entdeckte dort eine Menge Namen und Zeichen, die in die Steine hineingeritzt oder mit Bleistift darauf geschrieben waren.
Ich las einige davon. Unter zahlreichen andern standen folgende Namen da:
Vigliarolo : Napoli
H. Müller : Bodö
Manignol : Brest
Maria og Kristine
Um die zwei unteren Namen war ein schwarzer Rahmen herumgemacht.
Es war das erste Mal, dass ich mit diesem eigentümlichen Gebrauch bekannt wurde, seinen Namen auf die Wände zu schreiben. Ich nahm einen Bleistift aus der Tasche und rief Herrn Foss zu:
„Herr Kapitän, hier scheinen alle Leute ihre Namen auf die Wände zu schreiben. Sollten wir das nicht auch tun? Hier ist gerade ein guter Platz für Foss und Nonni, und für einen Rahmen darum.“
Ein wenig unwillig antwortete der Kapitän:
„Nein, Nonni, das tut man nicht! Nur törichte Menschen kratzen ihre Namen überall auf Mauern und Wänden herum.“
Darauf steckte ich meinen Bleistift sofort wieder in die Tasche und ging weiter.
Manchmal lief ich im Zickzack von der Turmwand zur Säule hin und her und schaute durch all die kleinen Fensterchen hinaus, an denen wir vorbeikamen.
So geschah es, dass ich bald sehr müde wurde. Ich ging daher zum Kapitän hin, der sich stets an den kürzeren Weg in der Mitte bei der grossen Säule hielt, nahm ihn zutraulich beim Arm und stützte mich ein wenig auf ihn.
„Das kommt von deinem Herumspringen“, warnte er. „Schliess den Mund und atme durch die Nase.“
Dann fasste er mich bei der Hand, und wir schritten beide zusammen ruhig und langsam an der Säule entlang vorwärts.
Als wir nach einer Weile wieder durch eines der Turmfensterchen hinausschauten, waren alle Dächer und Schornsteine schon tief unter uns.
Ich wurde nun immer gespannter und vergass fast ganz meine Müdigkeit. Ich stellte mir bereits im stillen vor, dass ich jetzt bald hoch oben auf der grossen Plattform stehen werde, wo man, von der Strasse aus gesehen, so klein wie Puppen und Zwerge scheint.
Indes gingen wir fort und fort um die steinerne Säule herum, immer höher hinauf, bis wir endlich zu einem vorläufigen Abschluss unserer langen, mühsamen Wanderung gelangten. Wir kamen an eine ganz enge Wendeltreppe mit steinernen Stufen, die zum obersten Teil des Runden Turmes hinaufführte.
Da sagte ich: „Hier könnte man aber doch nicht mehr mit einem Wagen fahren, Herr Kapitän!“
„Nein, hier hört der Fahrweg auf, Nonni. Wir sind jetzt aber auch ganz nah an der Plattform.“
Meine Spannung stieg aufs höchste.
Wir gingen die wenigen Stufen hinauf bis zu einer kleinen Tür, welche die enge Treppe abschloss.
Herr Foss machte die Tür auf, und wir traten hinaus — ins Freie.
Ich stand zum erstenmal in meinem Leben hoch oben auf dem berühmten Turm!
Rings um den Rand der geräumigen runden Plattform lief ein starkes Geländer aus Schmiedeeisen. An ihm standen die vielen Menschen, die mir unten auf der Strasse so klein erschienen waren, und schauten sich die Stadt und die Umgegend an.
Herr Foss und ich gingen auch zu dem Eisengeländer hin.
Ich hielt mich mit beiden Händen daran fest und blickte hinaus in die Ferne.
Ein Ausruf des Entzückens entrang sich meiner Brust.
Welch ein märchenhaftes Bild!
Ich glaubte mich auf einer hohen Bergkuppe zu befinden, von wo aus man weit über Länder und Meere sehen kann.
Wie in einem einzigen Riesengemälde sah ich hier grosse Wälder und weitausgedehnte Ebenen mit Städtchen und Dörfern und Häusern und Höfen, ungeheure glitzernde Wasserflächen mit Hunderten von Schiffen und Booten, und ganz drüben am Horizont, weit jenseits des Sundes, eben noch sichtbar, die bläulichen Berge und Höhenzüge von Schweden.
Es war ein Bild, so überwältigend gross und verschiedenartig, dass ich es unmöglich in der kurzen Zeit verstehen und festhalten konnte.
Tief unter uns, nach allen Seiten sich ausbreitend, sahen wir ein förmliches Meer von Häusern und Türmen und Kirchen und Palästen, von Strassen und Alleen, Gärten und Seen, von grossen und kleinen Plätzen — ein überaus merkwürdiger, fast verwirrender Anblick!
Da war alles voll Leben und Bewegung.
Die Strassen und Plätze nahmen sich von hier oben wie Furchen und Versenkungen in dem seltsamen Gelände aus.
Drinnen in diesen Furchen und Versenkungen sah man ein Gewühl und ein Gewimmel von lauter kleinen lebendigen Wesen, die alle wie in einer gleitenden, dahinfliessenden Bewegung zu sein schienen, einem Strome gleich, der sich nach den verschiedensten Richtungen in eine Menge von Bächen und Flüsschen verzweigt.
Die kleinen lebendigen Wesen sahen aus wie ein zahlloses Volk von geschäftig kriechenden und krabbelnden Ameisen. Sie gingen und bewegten sich hin und her, und liefen und eilten ohne Rast und ohne Ruh.
Und was war dies alles?
Es war die Grossstadt Kopenhagen in ihrer ganzen Ausdehnung. Es waren die vielen Menschen, die vielen Pferde und Wagen, die den Strassenverkehr der grossen Stadt bildeten, und die von hier oben so spassig klein und winzig aussahen.
Ich war eine Zeitlang ganz versunken im Anblick dieses seltsamen Schauspiels.
Da wandte sich Herr Foss zu mir und sagte:
„Nun, mein lieber Freund, wie gefällt dir Kopenhagen von hier aus?“
„So habe ich noch keine Stadt gesehen, Herr Kapitän“, erwiderte ich. „Gehören denn diese unzähligen Häuser, die man da sieht, alle zu Kopenhagen?“
„Gewiss, Nonni. Du musst denken, der Runde Turm steht ungefähr mitten in der Stadt, und drum kann man von hier auch die ganze Stadt sehen.“
„Also ist das alles eine einzige Stadt, Herr Kapitän! — alles, was man da sieht!“
„Ja, das gehört alles zu Kopenhagen. Du weisst ja, dass Kopenhagen die grösste Stadt des ganzen Nordens ist. Es ist sozusagen die Hauptstadt der drei skandinavischen Länder Dänemark, Schweden und Norwegen. Stockholm ist nur ein wenig mehr als halb so gross, und Kristiania ist noch kleiner als Stockholm. Hier um den Runden Turm wohnen viel mehr Menschen als auf der ganzen Insel Island, obwohl Island fast dreimal grösser ist als Dänemark.“
„Das hat meine Mutter mir auch gesagt, Herr Kapitän. Und dann hat sie noch gesagt, der grosse Bischof Absalon sei der Gründer von Kopenhagen gewesen.“
„Ja, das ist richtig, Nonni. — Nun pass mal auf: Siehst du das grosse Schloss dort drüben?“
Der Kapitän deutete mit der Hand auf einen Riesenbau ganz in der Nähe. Ich folgte ihm mit den Augen.
„Dieses Schloss ist der weitaus grösste Bau in Kopenhagen“, fuhr er fort. „Es heisst Kristiansborg. Dort wohnt der König. Gerade dort war es vor vielen hundert Jahren, da hat Bischof Absalon eine befestigte Burg gegen die Wenden gebaut. Die Wenden waren damals die gefährlichsten Feinde Dänemarks. Und diese Burg ist dann der erste Anfang von Kopenhagen geworden.“
„Ist die Burg Absalons jetzt auch noch da, Herr Kapitän?“
„Nein, man sieht nur noch einige kleine Reste von ihr.“
Lange betrachtete ich das mächtige Schloss und stellte mir vor, wie prachtvoll es darin sein müsse, denn Herr Foss hatte ja gesagt, in dem Schloss wohne der König von Dänemark. Es sah aus wie ein Berg von Granit, der aus lauter grauen Hausteinen aufgeführt war. Das machte einen gewaltigen Eindruck.
Ich sagte zum Kapitän, zu diesem königlichen Schloss wolle ich bald einmal hingehen und es in nächster Nähe besichtigen.
„Ja, tu das nur, Nonni“, erwiderte er. — „Aber jetzt will ich dir etwas anderes zeigen, wovon wir schon unten gesprochen haben: Du sollst jetzt die Börse mit dem Drachenturm sehen.“
„O ja, Herr Kapitän! Wo liegt die Börse?“
Herr Foss sagte: „Schau wieder auf das Schloss hin. — So. — Und jetzt ein wenig nach links, dann musst du die Börse finden.“
Ich tat, wie der Kapitän mir angab, und es dauerte nicht lange, da rief ich aus:
„Jetzt habe ich sie, Herr Kapitän! — Und jetzt sehe ich auch die Drachen und ihre zusammengewundenen Schwänze! — O, ist aber das seltsam! — Und so schön und so prächtig wie es ist! Da strahlt! ja alles in Gold und Grün! — Wie hat man doch einen solchen Turm bauen können!“
„Ja, das hat eben nur der prachtliebende König Christian IV. so machen können, Nonni; die Börse ist einer der schönsten und feinsten Bauten von ganz Dänemark.“
Ich hatte noch nie etwas so Merkwürdiges gesehen wie diesen Drachenturm, und ich konnte gar nicht fertig werden, ihn zu bewundern. Nie hätte ich gedacht, dass man imstande sei, einen ganzen grossen Turm aus lauter Drachenschwänzen aufzubauen, und dass er noch dazu so zierlich aussehen könne.
Ich schaute mir die Börse und die Kristiansborg noch eine Weile an und suchte mir ihre Lage genau zu merken, denn ich war fest entschlossen, gleich in den folgenden Tagen einen Spaziergang dorthin zu machen.
Jetzt zeigte mir der Kapitän noch einige andere von den vielen Sehenswürdigkeiten der Stadt: die Domkirche mit ihrem mächtigen viereckigen Turm, auf dessen Spitze ein vergoldetes Riesenkreuz stand, das im Sonnenschein wie helles Feuer glänzte und blitzte; dann die Erlöserkirche, deren Turm der höchste von ganz Kopenhagen ist.
„Auch auf diesen Turm“, erklärte mir Herr Foss, „führt ein spiralförmiger Weg hinauf, gerade wie hier auf den Runden Turm. Aber man geht dort aussen hinauf, um den Turm herum, nicht inwendig wie hier.“
„O, da möchte ich auch hinaufsteigen, Herr Kapitän! Könnten wir nicht gleich hingehen, wenn wir mit dem Runden Turm fertig sind?“
„Nein, Nonni, das können wir heute nicht mehr. Die Erlöserkirche liegt ganz dort draussen auf der Insel Amager!“
„Amager? Was für eine Insel ist das, Herr Kapitän?“
„Wie? Du kennst die Insel Amager nicht, Nonni?“
„Nein, Herr Kapitän.“
„Gut, dann schau hierher.“ — Der Kapitän deutete mit der Hand nach Südost, wo er mir die Erlöserkirche gezeigt hatte, und sagte: „Gerade dort ist die Insel Amager. Dort fängt sie an. Sie ist genau eine Quadratmeile gross, und auf ihr steht ein Teil der Stadt Kopenhagen. Die meisten Einwohner von Amager sind aber Holländer.“
„Wie kommen denn die Holländer dahin, Herr Kapitän?“ unterbrach ich ihn.
„Die sind schon lange dort, Nonni. Sie haben die Insel von König Christian IV. erhalten gegen die Verpflichtung, dass sie dort Gemüsebau treiben und Kopenhagen mit Gemüse versehen.“
„Und das tun sie jetzt noch immer, Herr Kapitän?“
„Gewiss. Sie ziehen aber auch Blumen und Obst. Die ganze Insel ist ein einziger grosser Garten. Da ist alles flach und eben, und man sieht dort, wenn man hindurchgeht, fast nichts als lauter Gemüse und Obst und Blumen.“
„Das muss dann aber sonderbar aussehen, Herr Kapitän. Kann man nach der Insel Amager leicht hinüberkommen?“
„O ja, es ist gar nicht schwer. Es führen ein paar grosse Brücken hinüber, und man kann auch mit Fährkähnen hinüberfahren. Es sind immer Leute da, die sich auf dem Wasser hin und her fahren lassen.“
„Dann werde ich auch mit einem Fährboot mal hinüberfahren!“ sagte ich. „Das ist viel schöner, als wenn man über die Brücken geht.“
„So, was willst du dann dort machen?“
„Ich will die ganze Insel durchwandern und sehen, wie es dort ist.“
„Das heisst, du willst so eine kleine Entdeckungsreise machen?“ bemerkte scherzend der Kapitän. — „Da kann ich dir gleich noch eine andere Gegend zeigen, dort im Norden, die ist noch schöner als Amager. — Siehst du die grossen Wälder dort drüben?“
„Was ist das, Herr Kapitän?“
„Das ist der berühmte ‚Dyrehave‘, der Tiergarten von Kopenhagen, einer der schönsten auf der Welt.“
„Den kenne ich, Herr Kapitän! Ich habe schon viel von ihm gehört. Es sind mehr als tausend Hirsche drin. Und da ist auch der ‚Dyrehavsbakken‘, wo es die vielen Belustigungen gibt, und wo so viel Musik gemacht wird mit allen Musikinstrumenten auf einmal.“
Der Kapitän lächelte. „Das stimmt“, sagte er; „auf dem Dyrehavsbakken geht es immer lustig her. — Aber nun schau auch einmal dort hinüber zu dem grossen Wasser! Das ist der Öresund. Er ist einer der schönsten und meist befahrenen Wasserwege der Erde.“
Das konnte man auch jetzt soeben sehen. Denn überall auf dem Sund herrschte das regste Leben. Ich war nicht imstande, die vielen Dampfer und Segelschiffe zu zählen, die dort im hellen Sonnenschein nach allen Seiten hin auf dem schimmernden Wasser sich bewegten.
Dazu kamen noch die grossen grünen Laubwälder am Strande entlang, welche diese herrliche Wasserstrasse so lieblich begrenzen.
„Herr Kapitän!“ rief ich aus, „diese schöne Gegend habe ich schon gestern kennengelernt, als wir durch den Sund von Kronborg nach Kopenhagen segelten. Dort drüben, im Norden, liegt Helsingör und Hölsingborg. Und dann kommen auf der dänischen Seite die Städte Skodsborg, Klampenborg und Charlottenlund mit dem königlichen Schloss. Und dort mitten im Sund liegt die Insel Hven, wo der dänische Astronom Tycho Brahe in seinem grossen Schloss Uranienborg gewohnt hat.“
„Ganz richtig, Nonni. Wer hat dir denn alle diese Namen gesagt?“
„Owe und der Steuermann, Herr Kapitän. Ich konnte sie bald alle auswendig. Diese Orte sind so schön, dass ich sie nie mehr vergessen werde.“
Entzückt von der Pracht und Schönheit der Natur, die sich hier weithin wie ein gewaltiges Gemälde in den glänzendsten Farben entfaltete, liess ich langsam meinen Blick über die unendlichen Waldgründe von Charlottenlund, Klampenborg und Skodsborg schweifen, und über die spiegelglatten, blinkenden Fluten des Sundes, in welche die ganze Lieblichkeit des azurblauen Himmels sich hineingesenkt zu haben schien.
Als ich dann wieder die schwedische Küste jenseits des Sundes sah, da bekam ich plötzlich einen ganz neuen Einfall:
„Herr Kapitän!“ fragte ich eifrig, „wissen Sie, woran ich jetzt denke?“
„Nein, das weiss ich nicht, Nonni.“
„... Ich möchte einmal in einem kleinen Kahn über den Sund nach Schweden hinüberfahren!“
Herr Foss lachte laut auf. „Das ist aber ein merkwürdiger Einfall von dir“, sagte er. „Diese Fahrt wirst du so schnell nicht machen, mein Lieber!“
„Glauben Sie, Herr Kapitän? — Das würde mir aber sehr leid tun. Ich möchte so gern einmal nach Schweden kommen.“
„Ja, aber doch nicht im offenen Kahn, Nonni! Was denkst du nur?“
„O, ich bin aber sehr gut ans Meer gewöhnt, Herr Kapitän!“
„So? Was hast du denn bisher auf dem Meere geleistet, kleiner Freund?“
„Ich habe zu Hause meinen eigenen Kahn gehabt und bin oft im Eyjafjörður herum gerudert und gesegelt.“
„Aber so weit wie von hier bis nach Schweden bist du sicher niemals auf deinem Kahn gefahren.“
„Doch, Herr Kapitän, einmal.“
„Wirklich? — Weisst du aber auch, wie weit es von hier bis zur schwedischen Küste ist?“
„Nicht genau, Herr Kapitän.“
„Gut, dann will ich es dir sagen: es sind mehr als dreissig Kilometer.“
„Dann bin ich aber mit meinem Bruder Manni schon weiter auf dem Meere draussen gewesen!“
Herr Foss schaute mich fragend an. — „Und das soll ich dir glauben?“ sagte er.
„Ja, Herr Kapitän, wir sind einmal ganz allein von Akureyri bis zur Mündung des Eyjafjörður gefahren!“
„Von Akureyri bis zur Mündung des Eyjafjörður!? — Das ist nicht möglich, Nonni! Das wären ja sechzig Kilometer! doppelt so weit wie von hier nach Schweden!“
„Ja, Herr Kapitän; der Eyjafjörður ist sechzig Kilometer lang.“
„Aber Nonni, so etwas darfst du doch mir nicht erzählen! Ich bin Seemann und kann über solche Dinge urteilen.“
„Wir sind aber wirklich bis zur Mündung des Eyjafjörður gekommen, Herr Kapitän.“
„Nun, dann bin ich aber doch gespannt, wie das zuging, mein Freund. Erzähle mir mal die näheren Umstände.“
Diese Frage brachte mich ein wenig in Verlegenheit. Die Sache war nämlich die: Mein kleiner Bruder Manni und ich kamen bei jener Kahnfahrt in die grösste Lebensgefahr. Wir verirrten uns im Nebel, wurden von einem reissenden Strom ins offene Meer hinausgetrieben und dann schliesslich von dem französischen Kriegsschiff „La Pandore“ gerettet2.
Es war mir natürlich nicht angenehm, das alles jetzt dem Kapitän zu erzählen. Aber da er nach den näheren Umständen fragte, musste ich mit der Wahrheit heraus.
Etwas kleinlaut antwortete ich:
„Ganz leicht ist es nicht gegangen, Herr Kapitän. Es hat eine ganze Nacht gedauert. Wir sind aus dem Golf gegen das offene Meer hinausgetrieben worden. Und es war schrecklich viel Nebel da. Und dann sind wir wieder nach Hause zurückgekehrt auf einem Kriegsschiff ...“
„Ah so! — auf diese Weise!“ antwortete lächelnd Herr Foss. „Ja, jetzt verstehe ich! — Ihr habt Unglück gehabt und seid in Seenot gekommen!“
„Ja, das ist wahr, Herr Kapitän. Damals haben wir etwas Unglück gehabt. Aber das war nur das eine Mal. Hätten wir nicht den reissenden Strom und soviel Nebel gehabt, dann wäre alles gut gegangen.“
„Ja, ja. — Und dann wäret ihr auch nicht so weit hinausgetrieben worden! — Übrigens könntest du hier ebensogut Nebel bekommen wie auf dem Eyjafjörður. Gefährliche Strömungen gibt es auch im Öresund. Und wenn du wieder in Seenot kämest, dann wäre wohl nicht gerade ein Kriegsschiff da, das dich retten könnte. — Also, ich meine, lieber Nonni, du sollst keine so langen Bootfahrten auf dem Meere machen. Halte dich lieber ans trockene Land.“
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