Kitabı oku: «Nonni - Erlebnisse eines jungen Isländers von ihm selbst erzählt»

Yazı tipi:

Jón Svensson
Nonni
Erlebnisse eines jungen Isländers von ihm selbst erzählt

Saga

Eine große Überraschung

Der 31. Juli 1870 war für mich ein großer Tag. Er sollte mir die größte Überraschung bringen, die ich je erlebt habe.

Es war in der friedlichen kleinen Stadt Akureyri am Eyjafjördur in Nord-Island.

Das Wetter war bezaubernd schön. Die ganze Stadt war wie gebadet in leuchtendem Sonnenschein.

Draußen auf der Reede, der Stadt gerade gegenüber, lag eine Menge fremder Schiffe vor Anker, vor allem dänische, norwegische, englische und französische.

Das Meer, das sich bis zu den Häuserreihen hinzog, war seltsam ruhig und still und sah aus wie eine leuchtende Mischung von geschmolzenem Gold und Silber. Es schien soviel wie immer möglich von all der Schönheit der Natur ringsum in sich hineinsaugen zu wollen.

Die Jugend des Städtchens hatte sich schon lange ins Freie hinauslocken lassen. Denn Sonne, Wärme und Licht flossen da draußen zusammen zu einem unbeschreiblichen goldenen Schimmer, der alles umgab und durchdrang, Land und Meer und Himmel, und auch der Menschen Herz.

Ich spielte mitten in all dieser Herrlichkeit unten am Strande eifrig mit meinen Freunden unmittelbar vor unserem Haus, dem sogenannten »Paulshaus«, einem schwarzweißen Holzbau, der sich neben dem freundlichen Kirchlein des Städtchens erhob.

Plötzlich bemerkte ich meine Schwester Bogga, die schnell auf uns zukommt. Sie tritt nahe an mich heran, nimmt mich am Arm und flüstert mir ganz geheimnisvoll ins Ohr:

»Nonni, Mutter sagt, du sollst gleich zu ihr hineinkommen. Sie hat dir etwas zu sagen.«

Nonni wurde ich meistens gerufen. Mit meinem eigentlichen Namen Jón wurde ich nur bei feierlichen Anlässen und von Fremden genannt.

Im ersten Augenblick fuhr ich zusammen. Ich dachte, da ist etwas nicht ganz geheuer. Es mußte wohl etwas vorgefallen sein.

Was mochte es wohl sein? Mir wurde etwas bange.

Ich war eben zwölf Jahre alt, also in dem Alter, wo man allerlei tolle Streiche ausführt.

Habe ich wieder etwas verkehrt gemacht? Das war mein erster Gedanke.

Ich überlegte: Hatte ich vielleicht ohne Erlaubnis vom Zucker genascht? Oder war ich an den Kuchen gegangen? Oder hatte ich etwa meinen kleinen Bruder Manni geschlagen?

Richtig – ganz gewiß –, das war’s. Gerade das hatte ich getan! Und das eben heute vormittag.

Ach wie dumm! Er hat sicher bei der Mutter geklagt, und nun sollte ich dafür büßen.

Mein kleiner Bruder spielte da drüben, zusammen mit den kleineren Kindern.

Ich lief zu ihm hin.

»Hör mal, Manni, tut es dir noch weh?«

Manni sah etwas erstaunt auf.

»Nicht wahr, Manni, du weißt ja, wie ich dazu kam – so –, ohne daß ich daran dachte. – Ja, nicht wahr, ich stieß dich etwas hart heute morgen. Spürst du noch was?«

Manni tastete nach dem Rücken.

»Nein, ich spüre nichts mehr.«

»Aber, Manni, was sagte die Mutter, als du es ihr erzähltest? Du hast ihr bestimmt etwas gesagt?«

»Nein, Nonni, ich habe ihr nichts gesagt. – Wenigstens bis jetzt noch nicht«, fügte er zögernd hinzu.

»Oh, das war nett von dir. – Morgen hole ich dir Heidelbeeren. Und nicht wahr, so brauchst du ja der Mutter nichts mehr davon zu sagen?«

»Nein, das glaube ich auch nicht.«

Ich atmete erleichtert auf. Ein Stein war nun wenigstens von meinem Gewissen gewälzt.

Jetzt lief ich zu Bogga zurück und fragte:

»Bogga, weißt du, was die Mutter mir eigentlich sagen will?«

Bogga setzte eine sonderbar ernste Miene auf, die mich nicht gerade beruhigte.

»Nonni«, sagte sie, »geh nur schnell hinein. Die Mutter will es dir selbst sagen.«

»Ist es etwas Schlimmes, Bogga? Sag es mir doch.«

»Ich darf dir nichts sagen. Es ist etwas sehr, sehr Wichtiges. Ja, etwas ganz außerordentlich Wichtiges. – Aber nun geh gleich zur Mutter.«

Oh, diese böse Bogga!

»Du guter Gott, was mag das wohl sein!« So sprach ich zu mir selbst, während ich langsam auf unser Haus zuging.

Mindestens zwei bis drei Minuten blieb ich draußen vor der Tür stehen, bis ich sie zu öffnen wagte. Ich war beinahe sicher, daß ich etwas ganz außerordentlich Schlimmes angestellt hätte.

Die Mutter war sehr gut zu uns; doch sie wachte auch sorgfältig über unser Betragen, besonders seit dem Tode unseres Vaters. Er war im verflossenen Jahr gestorben, und seitdem unterließ sie es nicht, uns streng zu strafen, sooft wir es verdient hatten. Trotz ihrer Strenge sorgte sie sich liebevoll um uns.

Endlich öffnete ich die Tür und ging in die Stube.

Die Mutter saß da und nähte.

Sie schaute mich an, und es kam mir vor, als wenn sie mich länger als sonst von oben bis unten betrachtete. Es schien mir, daß sie mir etwas Außergewöhnliches sagen wollte.

Ich ging ans Fenster und wartete mit klopfendem Herzen, was da kommen werde.

Es vergingen einige Augenblicke.

Endlich sagte sie ganz leise mit merkwürdig bebender Stimme: »Nonni, nimm den Stuhl da, und setz dich zu mir her.«

Ich folgte, ohne ein Wort zu sagen.

In einem scheinbar gleichgültigen Tone sprach sie weiter: »Sag mal, Nonni, gehst du gern in die Schule?«

»In die Schule? – Ja, Mutter, es gefällt mir ganz gut dort – so für gewöhnlich; aber zuweilen kommt es mir sehr langweilig vor.«

»Wirklich, Nonni? Gehst du nicht gern in die Schule?«

»Ja, weißt du, Mutter, wenn der Lehrer lustig ist, dann gefällt es mir in der Schule sehr gut.«

»Was meinst du damit: ›Wenn der Lehrer lustig ist‹?«

»Ich meine, wenn er schöne Geschichten erzählt. Das habe ich am liebsten. Und da, glaube ich, lerne ich am meisten.«

Ich merkte, daß die Mutter nicht ganz zufrieden war mit dem, was ich gesagt hatte, und dachte nun selbst, es sei dumm von mir gewesen, so zu sprechen. Deshalb fügte ich schnell hinzu:

»Ich halte sonst viel vom Lesen; aber ich kann bloß nicht leiden, daß man jedesmal Strafe bekommt, wenn man seine Aufgabe nicht kann.«

»Das begreife ich gut, mein Junge. Aber du sagtest doch, du möchtest gern etwas lernen?«

»O ja, Mutter, wenn man nur nicht den ganzen Tag lernen müßte. Ich habe so große Freude am Spielen.«

»Hättest du nicht Lust, Nonni, ganz ernsthaft zu lernen? Ich meine studieren und an eine höhere Schule, an ein Gymnasium gehen? Denk mal darüber nach.«

Nun bekam ich aber Herzklopfen. Aber wirklich, im Ernst.

Studieren! An eine höhere Schule gehen! An ein Gymnasium! Das war wirklich etwas ganz Neues.

Jetzt merkte ich, daß Bogga recht hatte, als sie sagte, das, worüber die Mutter mit mir reden wolle, sei etwas sehr Wichtiges, ja etwas ganz außerordentlich Wichtiges.

Eine höhere Schule!

Aber es gab nur eine höhere Schule auf ganz Island; das war die in Reykjavik. Reykjavik lag aber auf der anderen Seite der Insel, in einer Entfernung von mehreren hundert Kilometern.

Sollte es wirklich sein, daß ich so weit fortgeschickt würde? Bis nach Reykjavik! In die höhere Schule dort!

Ich war so betroffen, daß ich nichts zu sagen wußte.

Die Mutter sah mich lächelnd an und sagte: »Nun, Nonni, was denkst du davon? Möchtest du studieren und ein gelehrter Mann werden?«

»Mutter, das möchte ich wirklich sehr gern. – Aber dann müßte ich ja bis nach Reykjavik reisen!«

»Und wenn dir angeboten würde«, die Mutter sprach die Worte langsam, »wenn dir angeboten würde, noch weiter zu reisen als nach Reykjavik, was würdest du dann wohl sagen?«

Ich schaute die Mutter mit großen Augen an.

Noch weiter als nach Reykjavik? – Aber, lieber Himmel, das hieße ja, ins Ausland! In die weite, große Welt, an deren äußerster Grenze mein Vaterland, Island, lag? Ja, von der es getrennt war durch den Atlantischen Ozean, Hunderte von Meilen entfernt!

Die große Welt! Dänemark, Norwegen, Schweden, England, Deutschland – weiter wagten meine kühnsten Gedanken sich nicht.

Eine höhere Schule im Ausland! – Aber da konnte doch eigentlich nur die Rede sein von einer Schule in Dänemark, dem Lande, mit dem wir ja in engerer Verbindung standen.

»Mutter, soll ich wirklich daran denken, nach Dänemark zu reisen, und dort eine höhere Schule besuchen?«

»Nein, mein Kind, es handelt sich nicht um Dänemark. Es handelt sich um ein Land, das noch viel weiter entfernt liegt. Es ist eines jener großen Länder im Süden, wo die Sonne viel stärker leuchtet und brennt als bei uns; wo alles wächst und blüht in einer Üppigkeit und Frische, von der wir uns kaum eine Vorstellung machen können; wo es kaum einen Winter gibt, wo fast immer der wärmste Sommer herrscht oder Frühjahr und Herbst; wo die Bäume sich beugen unter der Last der köstlichen Früchte: Feigen, Apfelsinen, Pfirsiche, Weintrauben und viele andere, deren Namen du nicht einmal kennst.

Überleg mal, Nonni, hast du Lust, in ein solches Land zu reisen? Nicht aber, um das Leben zu genießen in all diesen Herrlichkeiten, sondern um etwas zu lernen, Jahr um Jahr fleißig zu studieren, ein tüchtiger Mann zu werden und dann wieder heimzukehren als Arzt oder Jurist oder Schriftsteller oder zu irgendeiner anderen Stellung, die du dann selber wählen kannst.

Was denkst du von dem Plan? Hast du Lust zu dieser großen Reise? – Antworte mir nicht gleich. Überleg es dir gut.«

Mir wurde beinahe schwindlig.

Ich lehnte mich zurück und versuchte nachzudenken.

Wirr schossen mir die Gedanken durch den Kopf.

Verlassen meine liebe Mutter, das Liebste, was ich auf der Welt hatte, meine guten Geschwister, Manni und Bogga, alle meine Freunde und Bekannten, mein Vaterland, und das vielleicht für immer!

Denn daß ich je wieder zurückkehren würde nach einer so langen Studienzeit, das war mir doch sehr ungewiß.

War es nicht gerade so, als sollte ich mit der Wurzel ausgerissen und in einen neuen Boden, in eine neue Welt eingepflanzt werden?

Ja, es war fast so, als müßte ich sterben und dann neu geboren werden und das Leben von neuem anfangen in einem fernen, unbekannten Land.

Es kam mir vor, als stürzte ich mich in einen gähnenden, bodenlosen Abgrund!

Ich schreckte davor zurück.

Und doch von der anderen Seite, welch lockende Aussicht!

Eine Reise in die weite Welt, ein langer Aufenthalt in einem der schönsten Länder des Südens! Oh, wie herrlich!

Ich hatte schon immer eine unwiderstehliche Sehnsucht gefühlt, hinauszuwandern, weit, weit weg.

Schon oft hatte ich den Entschluß gefaßt, nach dem Beispiel meiner Vorväter, der alten Normannen, das Vaterland zu verlassen und rund um die Welt zu reisen, die Sitten und Gebräuche anderer Völker kennenzulernen.

Und nun kommt plötzlich ein geheimnisvolles Angebot, das es mir möglich macht, diesen Plan auszuführen, ihn auszuführen auf die beste Weise, die ich mir denken konnte.

Ja, ich muß reisen, je eher, desto lieber! Es ist doch allzu schön; es ist eine Gelegenheit, die mir kaum je wieder geboten wird. Ich muß mit beiden Händen zugreifen.

Jetzt unterbrach ich das Stillschweigen, und in der Meinung, lange genug überlegt zu haben, sagte ich mit Bestimmtheit:

»Ja, Mutter, ich möchte gern reisen, gern studieren.

Aber um welches Land handelt es sich, Mutter? Und wer ist es, der uns dieses Angebot macht?«

»Ich ahnte es, mein lieber Nonni, daß du Lust dazu hättest. Gleich werde ich dir erzählen, wie das alles zusammenhängt.

Aber sag mir nun erst: Kannst du das betreffende Land nicht selbst herausfinden? Welches von den großen Ländern des Südens ist dir am meisten bekannt?«

Ich dachte etwas nach.

Die verschiedenen Länder, die ich in der Schule kennengelernt hatte, kamen mir nun nacheinander in den Sinn. Es konnte, dachte ich, wohl nur die Rede sein von Spanien, Italien, Deutschland oder Frankreich.

Frankreich! Das Land der »Großen Revolution«, das Land Napoleons und der Jungfrau von Orléans. Frankreich mit der Hauptstadt Paris, worüber ich so vieles gelesen hatte. Ein Mann, der in Paris gewesen war, hatte mir kurz vorher Wunderdinge von dieser Stadt erzählt.

Spanien! Das warme, weinreiche Land mit dem königlichen, stolzen Volke. Das Land mit den Wunderpalästen Eskorial und Alhambra und den großen Kathedralen.

Italien! Das Land der mächtigen Römer mit den großen Erinnerungen an die alte Zeit. Italien mit dem ewigen Rom, dem Vatikan, der Peterskirche und dem Flavischen Amphitheater, dem riesengroßen Kolosseum.

Deutschland! Das geschichtsreiche, weit ausgestreckte Land der Germanen, mit den verschiedenartigen Völkern. Deutschland! Das gewaltige Land mit den tiefen Wäldern, dem Rhein und seinen Weinbergen und alten starken Burgen.

Ich konnte mich noch immer nicht entscheiden. Meine Mutter warf mir lächelnd einen Blick zu.

Es wird sich wohl entweder um Deutschland oder Frankreich handeln, dachte ich.

Ich selbst gehörte ja zu der großen deutschen Völkerfamilie. Wir Isländer waren ja ein goto-germanisches Volk, und ich hätte nicht wenig Lust gehabt, nach dem herrlichen Lande der Deutschen zu reisen.

Doch merkwürdig! Immer wieder kam es mir in den Sinn: Es ist Frankreich, wohin du reisen sollst.

Frankreich war ja auch das Land, dessen Einwohner ich nächst Dänemark am besten kannte.

Jeden Sommer kamen nämlich viele französische Schiffe nach Island. Sie lagen oft lange Zeit im Eyjafjördur, gerade unserem Haus gegenüber. Vor allem waren es große französische Kriegsschiffe. Aber auch zahlreiche französische Fischkutter legten in den Sommermonaten an unserer Küste an.

Ich spielte gern mit den französischen Kindern, die manchmal ans Land kamen. Auch besuchten sie uns und wurden immer freundlich empfangen.

Zwar verstanden wir unsere Sprache gegenseitig nicht; aber wir halfen uns durch Zeichen und Bewegungen.

Zuweilen holte ich unsere Pferde und machte mit den fremden Jungen Spazierritte.

Ich hinwieder war ein häufiger Gast draußen auf den Kriegsschiffen. Kein Wunder, daß ich die Franzosen so gut kannte.

Alle diese Gedanken schwebten mir wie lichte Traumbilder vor Augen.

Endlich sagte ich zu der Mutter:

»Ich glaube, es ist nach Frankreich, wohin ich reisen soll.«

Bei diesen Worten mußte die Mutter lächeln.

»Nun«, sagte sie, »du hast das Richtige getroffen, lieber Nonni. Nach Frankreich, dem Vaterland deiner kleinen fremden Spielkameraden, sollst du wirklich reisen.«

»Aber wie ist das alles so gekommen, Mutter? Wer hat dir das Angebot gemacht?«

»Das will ich dir jetzt erzählen, mein Kind.

Du kennst wohl dem Namen nach Herrn Baudoin, den französischen Priester, der jetzt schon mehrere Jahre hier auf Island lebt?«

»Ja, Mutter, vom Hörensagen kenne ich ihn gut. Er ist von Reims. Gewöhnlich hat er in Reykjavik gewohnt, und da ist er auch jetzt. Ein Jahr lang hat er sich auch hier am Eyjafjördur aufgehalten bei unserem Freund Einar Asmundson, auf dem Gute Res.«

»Ganz richtig.

Pfarrer Baudoin hat mir nun vor kurzem einen Brief geschrieben, worin er mitteilt, daß ein französischer Edelmann aus Avignon, das unten am Mittelmeer liegt, eine große Vorliebe für Island gefaßt hat. Er soll ein guter, frommer Mann sein, und zudem sehr reich. Nun ist es sein größter Wunsch, daß zwei isländische Jungen zu ihm nach Avignon kommen. Er will für sie sorgen, sie studieren und auf die beste Weise erziehen lassen. Sie sollen ungefähr zwölf Jahre alt sein, gesund, gut erzogen und müssen Lust und Fähigkeit zum Studieren haben.«

»Aber Mutter, glaubst du, daß ich alle diese Eigenschaften besitze?« fragte ich etwas verlegen und kleinlaut.

»Ich hoffe es, mein Junge. Herr Baudoin schreibt nämlich, er sei durch unseren Freund Herrn Einar Asmundson auf uns aufmerksam geworden. Und nun fragt er mich, ob ich auf sein Angebot eingehen wolle. Wenn wir beide einverstanden sind, dann sollst du schon im August abreisen.

Das ist ein ganz ungewöhnliches Angebot, und ich bin gewiß, wenn dein Vater noch lebte, würde er sofort darauf eingehen.«

»Aber, Mutter, du sagtest, es sollten zwei Jungen sein. Wer ist denn der andere?«

»Das ist einer von Herrn Einar Asmundsons Söhnen, ein netter und begabter Junge. Er heißt Gunnar. Er reist schon vor dir ab. Du wirst ihn in Kopenhagen treffen. Von dort werdet ihr dann zusammen nach Frankreich reisen.

Noch etwas will ich dir sagen. Ein Herr hier am Eyjafjördur hat dasselbe Angebot für seinen zwölfjährigen, sehr begabten Sohn Thorhall erhalten. Der Vater war schon entschlossen, seinen Sohn reisen zu lassen. Der Junge selbst war auch einverstanden. Aber die Mutter war dagegen; sie fürchtete, es könne ihn auf der weiten Reise ein Unglück treffen. Der Vater war zwar davon überzeugt, daß Gott dort geradesogut über ihr Kind wachen würde wie hier; doch die Mutter wollte nicht nachgeben, und so wurde nichts aus der Reise. Jetzt sollst du, wenn es dir recht ist, Thorhalls Platz einnehmen.«

»Wie ist doch alles das merkwürdig, Mutter! – Aber wie soll die Reise vor sich gehen?«

»Du fährst von hier mit dem letzten dänischen Handelsschiff, das dieses Jahr Akureyri verläßt. Wahrscheinlich wird es das kleine bornholmische Schiff ›Valdemar‹ sein, mit Kapitän Foß. In den nächsten Wochen kommt es hierher und bleibt eine Zeitlang hier liegen. Es wird dich direkt nach Kopenhagen bringen, wo du dann einige Zeit bleiben mußt.«

»Bei wem werde ich aber in Kopenhagen wohnen, Mutter?«

»Bei einem vornehmen deutschen Herrn. Man nennt ihn ›Präfekt‹; sein Name ist Hermann Grüder. Er soll ein sehr gewissenhafter und guter Mann sein. Bei ihm wirst du Gunnar antreffen. Herr Grüder will für den anderen Teil der Reise, von Dänemark nach Frankreich, sorgen.«

»Aber, Mutter, ich kenne diesen Herrn Grüder nicht, und bei ihm werde ich wohl keine Isländer finden. Wäre es nicht möglich, daß ich bei einer isländischen Familie in Kopenhagen wohnen könnte? Es ist doch was ganz anderes, bei seinen Landsleuten zu sein als bei wildfremden Menschen.«

»Das wird nicht gut gehen, mein lieber Nonni. Aber du brauchst nicht ängstlich zu sein, sowohl er als auch die anderen Leute alle, die in seinem Hause wohnen, werden dich sehr gut und liebevoll behandeln. Ich habe mich über die Verhältnisse erkundigt.«

Die Worte meiner Mutter beruhigten mich.

»Aber, Mutter«, fuhr ich fort, »ich werde doch einige Isländer in Kopenhagen besuchen können?«

»Gewiß, mein Kind, und ich werde dir Briefe an verschiedene unserer Landsleute mitgeben. Du wirst sehen, mein Kind, es wird dir in Kopenhagen an Freunden nicht fehlen. – Und jetzt, mein lieber Nonni«, fuhr die Mutter ernst fort, »in der kurzen Zeit, die du hier noch verweilst, mußt du dich recht zusammennehmen. Bist du einmal von hier abgereist, dann beginnt ein ganz neues Leben für dich. Dann bin ich nicht mehr da, um dich ermahnen und dir raten zu können. Deshalb mußt du schon jetzt versuchen, dich wie ein Mann und nicht wie ein kleiner Junge und unvernünftiger Knabe zu benehmen.«

Und mit Nachdruck setzte sie hinzu, indem sie mich liebevoll anschaute:

»Vor allem mußt du darauf sehen, gut Freund mit Gott zu bleiben, mein Kind. Vertraue dich mehr und mehr ihm im Gebet an. Wir müssen bald voneinander Abschied nehmen, und wer weiß, ob wir uns je wiedersehen werden. Nun, so möge Gott für dich Vater und Mutter sein.«

Diese Worte meiner guten Mutter machten einen solchen Eindruck auf mich, daß ich in Tränen ausbrach.

Die Mutter stand auf, strich mir zärtlich über die Haare, tröstete und beruhigte mich.

»So«, sagte sie, »nun geh zu den anderen Kindern, die draußen im Sonnenschein spielen.«

Auf dem Berge

Ich wischte meine Tränen ab und ging hinaus.

Unwillkürlich zog es mich hinab zum Strande, um dort mit meinen Freunden wieder zu spielen, zu laufen und zu springen. Das hatte ich bisher immer am liebsten gemacht.

Aber plötzlich war alle Lust dazu auf einmal verschwunden. Ich blieb stehen und schaute hinab auf all die Kinder dort unten.

Ihr Spielen kam mir jetzt vor wie etwas, das mich nichts anging, ja als etwas so Leeres und Gleichgültiges, daß ich mich umwandte und den Bergabhang gleich hinter unserem Hause hinauflief.

Ich wollte allein sein. Ich mußte nochmals alles das überdenken, was sich eben zugetragen hatte.

Bald war ich so hoch oben, daß ich nach Norden hin meilenweit hinaus über den mächtigen Eyjafjördur schauen konnte.

Es war so still und einsam hier. Im Westen stiegen die hohen Berge bis hinauf zu den Wolken, im Osten sah ich die spiegelblanke Wasserfläche des Eyjafjördur und darüber hinweg die Bergkette Vadlaheidi.

Weit, weit draußen im Norden entdeckte ich mitten im Fjord einen kleinen schneeweißen Punkt, der einer schwimmenden Möwe glich. Es war ein einsames Segelschiff, das, wie es schien, fortsegelte. Es fuhr wohl hinaus auf das offene Meer, in den Atlantischen Ozean.

Auf so einem kleinen Fahrzeug, dachte ich, werde ich auch bald sein und zu einem fernen, sonnigen Strande fahren. Dort wartet auf mich eine ganz unbekannte Welt.

Wie wird es mir da wohl gehen?

Ich werde zwischen fremden Menschen leben müssen, die eine mir unbekannte Sprache sprechen und andere, ungewohnte Sitten und Gebräuche haben.

Da bin ich dann ganz allein, ohne Vater und Mutter, ohne Geschwister, ohne Freunde und Verwandte, ja, ohne Vaterland.

Alle diese Gedanken drängten mit unheimlicher Gewalt und Klarheit auf mich ein, als ich so dem kleinen, weißen Schiff nachschaute, das immer mehr meinen Blicken entschwand.

Es kam mir vor, als wäre ich auf einmal älter geworden. Jetzt sollte ich anfangen, Mann zu werden, hat die Mutter gesagt. Aber würde ich dazu imstande sein? Lief ich nicht Gefahr, ganz allein und verlassen in der großen, weiten Welt unterzugehen?

Wäre es nicht besser, ich änderte meinen Entschluß und nähme das seltsame Angebot nicht an? Ja, das wäre wohl das klügste.

Bange Furcht überfiel mich.

In meiner Herzensangst und Ratlosigkeit seufzte und stöhnte ich laut auf:

»Ach, mein Gott! Allmächtiger Gott, was soll ich anfangen? Hilf mir doch!«

Da auf einmal fuhr ich zusammen. Ich hatte Stimmen gehört – Kinderstimmen. Woher kamen sie? Ich konnte es nicht sagen.

Sonderbar!

Ich schaute umher, niemand war zu sehen. Ich war ganz allein.

Sollte mich jemand belauschen? Nein, ich muß mich geirrt haben. Auch hörte ich jetzt nichts mehr.

Aber eigentümlich war es doch. Ich hatte es so deutlich vernommen.

Ich setzte mich auf einen Stein.

Die kleine Unterbrechung hatte mich in eine andere Stimmung versetzt und meinen Gedanken eine neue Richtung gegeben.

Wozu doch alle diese trüben Gedanken? sagte ich zu mir. Weshalb sollte ich mich eigentlich bange machen vor einer Reise in ein fremdes Land?

War es denn im Grunde nicht eine lockende, ja eine überaus glänzende Zukunft, die mir da winkte?

Und hatte ich mich nicht immer nach Abenteuern gesehnt?

Ja, welch ein Glück! Erst zu Schiff die Hunderte von Meilen über das große Meer, den gewaltigen Atlantischen Ozean, von Island bis nach Dänemark!

Wie verlockend war schon das, dieses schöne Land kennenzulernen, worüber ich soviel von meiner Mutter gehört und selbst gelesen hatte!

Es mußte doch wahrhaft ein wunderbares Land sein. Schon in der Edda hieß es ja »Freijas Saal«.

Und dann Kopenhagen, die größte Stadt des Nordens!

Eine Zeitlang saß ich da und träumte über die Wunderdinge dieser glänzenden Hauptstadt. – Der Runde Turm, in dem man mit Wagen hinauffahren kann. Die altnordischen Sammlungen mit den Waffen der Normannen und den Wohnungen und Pelzkleidern der Eskimos. Der Lustgarten Tivoli mit dem Labyrinth. Thorvaldsens, meines großen Landsmannes, Meisterwerke. Die Häuser und Paläste, die vielen Menschen, das heitere Leben und das Gewühl der Großstadt!

Und Kopenhagen wird nun eine Haltestelle auf der großen Reise sein! Noch vieles andere werde ich erleben auf der Fahrt nach dem Süden bis hinab zum Mittelländischen Meer.

Ich werde wohl mit einem Schiff von Kopenhagen zur Nordküste Frankreichs segeln. Von da wird es dann weitergehen mit der Eisenbahn. Die habe ich noch nie im Leben gesehen. Welch herrliche Fahrt quer durch das große Land, über Paris nach Avignon!

War nicht schon das allein ein strahlendes, bezauberndes Märchen!

Und in Avignon die gelehrte Schule! – Da würde ich zusammenkommen mit den lebhaften französischen Jungen und fleißig studieren, um so bald wie möglich gelehrt zu werden. Und dann würde ich vielleicht später als großer Herr nach Island zurückkommen?

Während ich so meinen Träumereien nachging, kam mir plötzlich wieder ein Aber in den Sinn.

Aber die Gefahren unterwegs! Wird Gott mich beschützen?

»Alles hängt doch schließlich ab von Gottes Segen.« So sagt die Mutter immer. Und was sie sagt, muß doch wahr sein.

Es werden gewiß auf dem langen Wege manche und große Gefahren auf mich lauern.

Soll ich nicht niederknien und, wie die Mutter mir geraten, an Gott mich wenden und ihn bitten, er möge meine Zukunft segnen? Ja, das will ich tun.

Ich war gewohnt zu beten. Selten ließ ich einen Tag ohne Gebet hingehen. Und in dem täglichen Gebet vergaß ich nie meine Eltern, die ich so liebte.

Ich stand also auf, kniete nieder, und mit gefalteten Händen begann ich mein kindliches Gebet.

»Allmächtiger Gott, lieber, guter Gott, hilf mir! Wenn ich von hier fortgereist bin, habe ich sonst niemand, an den ich mich wenden, auf den ich mich stützen kann, als dich allein. Ach segne doch meine Reise und meine Zukunft. Hilf mir, daß ich ein guter Junge bleibe. Sei immer mit mir und verlaß mich nicht. Auch bitte ich dich, lieber Gott, nimm dich meiner Mutter an. Laß sie glücklich sein, noch mehr als mich. Ja, lieber Gott, sie ist mir so lieb. Segne, ich bitte dich, meine liebe, gute Mutter und meine Geschwister ...«

Weiter kam ich nicht.

Abermals fuhr ich zusammen und sprang auf; wieder hatte ich dieselben Laute gehört wie vorhin! Jetzt aber ganz deutlich!

Was mochte das doch sein?

Da sprangen plötzlich einige Schritte von mir Bogga und Manni aus einer kleinen Vertiefung hervor und liefen auf mich zu.

Bogga, die mich sehr liebte, umarmte mich und rief: »Lieber Nonni, sei nur nicht böse auf uns. Wir wollten dich nicht belauschen; wir waren dort in der Kuhle und pflückten Heidelbeeren. Wir kamen nicht gleich zu dir, um dich nicht zu stören.«

Jetzt kam Manni mit einer Papierschachtel voll von frischen Heidelbeeren und sagte:

»Du versprachst mir, Blaubeeren für mich zu pflücken. Nun habe ich Blaubeeren für dich gepflückt. Da hast du sie alle, Nonni.«

Mit diesen Worten reichte er mir die Schachtel.

Ich stand da und war ganz verwirrt.

Die sind gewiß schon längere Zeit dort gewesen, dachte ich, und ich glaubte, ganz allein zu sein. Das machte mich so verlegen, daß ich kaum wußte, was ich sagen sollte.

Besonders war es mir unangenehm, daß sie mich hatten beten sehen.

Doch ihre Unbefangenheit beruhigte mich bald wieder.

Ich dankte Manni, ganz gerührt von seiner Selbstlosigkeit, und sagte dann zu Bogga:

»Aber wie seid ihr hierhergekommen? Ich habe euch ja gar nicht bemerkt.«

»Als wir dich hinaufsteigen sahen«, erzählte Bogga, »liefen wir auf einem kleinen Umwege hinter dir her. Wir hielten uns ganz still in der Vertiefung dort und pflückten Heidelbeeren für dich.«

Mit dieser Erklärung gab ich mich zufrieden.

Eine kleine Weile standen wir nun da, ohne ein Wort zu sprechen. Dann aber wandte sich Bogga in einem ganz andern Tone zu mir und sagte:

»Aber jetzt höre, mein lieber Nonni. Ich wollte dich etwas anderes fragen, und deshalb bin ich dir eigentlich nachgelaufen. Ich weiß, worüber die Mutter mit dir gesprochen hat, und möchte gern von dir erfahren, was ihr ausgemacht habt. Willst du es mir sagen?«

»Gut, du sollst es hören, Bogga. Es ist abgemacht, daß ich in einigen Wochen von hier fortreise nach Frankreich. Und das läßt sich nicht mehr ändern. Ich bin fest entschlossen dazu.«

Bogga schwieg.

Sie schlug die Augen nieder. Ich sah, sie war sehr traurig. Manni hingegen schaute mich mit seinen großen Augen fragend an. Er verstand noch nicht recht, worum es sich handelte.

Dann sagte er:

»Wo ist das, wohin du reisen willst, Nonni?«

»Weit weg von hier, Manni, nach Frankreich hinab.«

»Und wann kommst du wieder?«

»Ich komme vielleicht niemals zurück, Manni.«

»Niemals zurück?«

Der Kleine konnte die Worte nicht recht fassen, doch fügte er hinzu: »Das ist aber schade, Nonni!«

Für einen Augenblick schlug auch er die Augen nieder.

Aber dann kam er plötzlich mit der Frage:

»Nimmst du deine schönen Holzschuhe auch mit, wenn du nach Frankreich gehst?«

»Nein, Manni.«

»Dann bekomm ich sie, nicht wahr? Ich werde die Mutter schon drum bitten. Du hast doch sicher nichts dagegen?«

»Nein, gewiß nicht, Manni.«

Ich hatte vor kurzem ein Paar niedliche dänische Holzschuhe als Geschenk erhalten. Sie waren schwarz und rot lackiert, und ich sah sie als etwas besonders Feines, als eine Kostbarkeit an.

Sonst trugen wir meist kleine Stiefel oder isländische Schuhe aus Schafleder. Holzschuhe waren bei uns etwas ganz Neues, Ausländisches. Nur wenige hatten solche. Die meinigen waren in Kopenhagen hergestellt, kamen also von weit her.

Manni hatte keine bekommen und war deshalb etwas neidisch auf mich.

»Gut, Manni«, sagte ich also zu ihm, »du kannst die Holzschuhe jetzt gleich haben.«

Der Kleine dankte mir so stürmisch, als wenn ich weiß Gott was getan hätte.

Wir setzten uns nun alle drei nieder, und Bogga sagte:

»Jetzt kann aber auch ich dir etwas Neues erzählen; ich habe es heute gehört. Das Schiff, welches heute morgen von England hierher kam, hat die Neuigkeit mitgebracht, und augenblicklich spricht man in der ganzen Stadt von nichts anderem.«

»Ja, was ist denn das, Bogga?«

»Eine Neuigkeit, auf die du sehr gespannt sein wirst. Denk dir, Frankreich, das Land, wohin du reisen sollst, hat Deutschland den Krieg erklärt!«

»Wie? Frankreich hat Deutschland den Krieg erklärt? Das ist doch wohl nicht wahr?«

»Doch, Nonni, das ist ganz gewiß wahr. Kaiser Napoleon will gegen die Preußen kämpfen. Vor kaum zwei Wochen, am 19. Juli, hat er den Krieg erklärt. Als die Nachricht heute nachmittag bei den französischen Seeleuten, die sich zur Zeit hier aufhalten, bekannt wurde, waren sie alle rein wild vor Begeisterung. Sie wollen so bald als möglich nach Frankreich zurücksegeln, um für ihr Vaterland zu kämpfen.«

»Nein, ist das aber auch wirklich wahr? So komme ich ja nach Frankreich mitten in den Krieg! Ist das nicht schrecklich?«

»Ja, wahrhaftig, das ist bedenklich. Aber glaubst du nicht, daß es gefährlich für dich werden könnte, eben jetzt während des Krieges nach Frankreich zu reisen?«

»Allerdings, das kann schon sein. Aber das Schlimmste wäre doch, wenn dieser Krieg meine Reise verhinderte, so daß ich überhaupt gar nicht abreisen könnte.«

»Gewiß. Unmöglich ist es nicht, daß es so kommen könnte und daß aus deiner Reise wegen des Krieges nichts würde.«

»Aber dann bekäme ich ja die Holzschuhe nicht«, wandte Manni ganz ernsthaft ein.

»O Manni, du wirst schon sehen, ich reise ganz sicher fort.«

Sowohl mir als Manni wurde es eigentlich doch etwas unbehaglich zumute bei dem Gedanken an diesen unseligen deutsch-französischen Krieg: mir, weil ich dachte, meine Reise könnte schließlich doch verhindert werden; Manni, weil er fürchtete, er bekäme vielleicht die schönen Holzschuhe nicht.

Wir blieben noch eine Weile oben mitten im blühenden Kraut sitzen, unterhielten uns über die bevorstehende Reise und bauten Luftschlösser.

Endlich standen wir auf. Wir mußten uns beeilen.

Wir nahmen den kleinen Manni in die Mitte und sprangen in vollem Lauf über Blumen und Kräuter den steilen Berg hinab, bis wir an unserem Hause waren, wo die Mutter schon lange auf uns wartete.

Abschiedsbesuche

»Lieber Nonni«, sagte ein paar Wochen später meine Mutter zu mir, »es wird Zeit, daß du einige Abschiedsbesuche bei Freunden und Verwandten machst. Du könntest heute hinaufreiten zum Hof Hals zu unserem Freund, Herrn Thorson. Sag ihm Lebewohl und danke ihm für alle Liebe, die er dir erwiesen hat.«

Schnell war ich zu diesem Ausflug bereit. Ich war gern unterwegs, mochte es kurz oder lang sein.

Sofort holte ich eines von unseren zwei Pferden, sattelte es, und bald ging es im Galopp den Berg hinauf, der zum Hofe Hals führte. Schon oft hatte ich den hübsch gelegenen Hof besucht.

Sobald ich mich dem Hause näherte, erkannten mich die Kinder, die alle meine Freunde waren.

Erwartungsvoll liefen sie mir entgegen, umringten mich, griffen in die Zügel meines Pferdes und hielten es an.

»Wohin geht’s?« rief Julius, der älteste Sohn des Herrn Thorson, gleich alt wie ich und einer meiner besten Freunde.

Wir waren schon oft zusammen auf die Jagd gegangen und hatten eine Menge wilder Enten geschossen, einmal sogar einen wilden Schwan.

»Vorläufig«, sagte ich, »will ich nicht weiter als hierher, Julius. – Ist dein Vater zu Hause?«

»Ja, was führt dich denn heute zu uns, Nonni?«

»Ich komme, um euch Lebewohl zu sagen, denn ich soll bald ins Ausland.«

»Ich habe schon davon gehört«, erwiderte Julius. »Aber nun will ich dir auch etwas sagen, was du sicher noch nicht weißt. Es war nämlich die Rede davon, daß ich nach Frankreich gehen sollte.«

»Nein, davon habe ich nichts gewußt. Hast du wirklich dieselbe Einladung erhalten wie ich?«

»Ja, das habe ich.«

»Weshalb hast du sie denn nicht angenommen?«

»Mein Vater war dagegen, und so mußte natürlich auch ich nein sagten. – Aber bestimmt werde ich es später bereuen«, fügte er traurig hinzu.

Ich sprang vom Pferd. Sofort kletterten vier, fünf kleine Reiter auf seinen Rücken. Das kleine Pony ließ es ruhig geschehen.

Julius bat nun die anderen, sie möchten uns allein lassen. Wir gingen eine kleine Strecke schweigend. Dann begann ich zu reden und fragte:

»Weshalb will dein Vater dich eigentlich nicht gehen lassen?«

»Er glaubt nicht, daß ich dann glücklich sein würde.«

»Genauso wie Thorhalls Mutter!«

»Ja, das habe ich auch gehört.«

»Sonderbar! Meine Mutter scheint keine Furcht zu haben.«

»Nonni, ich glaube, sie hat recht. Du kannst von Glück sprechen. Aber du verstehst sicher, daß ich nicht anders handeln konnte. Mein Vater ließ mir zwar volle Freiheit; doch gegen seinen ausdrücklichen Wunsch wollte ich nicht reisen.«

»Was hält deinen Vater denn ab?«

»Ja, ich weiß nicht recht, wie ich das ausdrücken soll. Er fürchtet, daß die Reise zu gefährlich für mich sei.«

»Das begreife ich nicht.«

»Ich auch nicht, Nonni. Aber es ist nun mal so.«

»Was meint er eigentlich damit?«

»Ich vermute, es hängt unter anderem mit der Religion zusammen. Du weißt ja, es gibt draußen in der großen Welt so viele Menschen, die keinen Glauben haben und die über jede Religion spotten.«

»Das hat meine Mutter mir auch schon gesagt. Aber sie hat hinzugefügt, daß es überall auch viele gute Menschen gibt, und zu solchen soll ich reisen.«

»Das weiß ich, Nonni. Und gerade der französische Edelmann, der uns zu sich einlädt, soll ein außerordentlich guter Mann sein. Aber trotzdem ist mein Vater nun einmal sehr besorgt.«

Inzwischen waren wir zum Eingangstor des Hofes gekommen, und Julius lief ins Haus, um seinen Vater zu rufen.

Gleich darauf kam Herr Thorson, grüßte freundlich und bat mich, ihm in sein Zimmer zu folgen.

Ich hatte vor, ihm sofort zu erzählen, weshalb ich gekommen sei. Aber nach dem, was ich eben von Julius gehört hatte, wußte ich nicht recht, wie ich anfangen sollte. Doch half er mir bald aus meiner Verlegenheit.

»Den Grund deines Besuches kann ich wohl erraten«, begann er, »du willst gewiß Abschied nehmen.«

»Ja, Herr Thorson, und Ihnen dafür danken, daß Sie immer so freundlich zu mir waren.«

»Das laß schon gut sein. Du willst also nach Frankreich reisen. Wann wirst du uns denn verlassen?«

»In einigen Tagen mit dem kleinen Schiff von Rönne, das nach Kopenhagen fährt.«

»Du meinst wohl das kleine Handelsschiff ›Valdemar‹, mit Kapitän Foß? – Das ist allerdings ein sehr kleines Schiff, ein Einmaster mit drei Matrosen.«

»Und einem Jungen«, fügte ich bei.

»Ja, ja; aber der zählt nicht mit. Er wird wohl Koch sein und ist nicht viel älter als du.«

»Ja, aber dann sind noch der Kapitän und der Steuermann da.«

»Ohne Zweifel! Es wäre schlimm, wenn die fehlten. – Du willst also nach Frankreich reisen. Hast du wirklich große Lust dazu?«

»Ja, Herr Thorson.«

»Nun, das kann ich mir vorstellen. Du bist noch ein Kind und denkst nur an das Verlockende einer solchen Reise. Du siehst eben das Leben noch mehr von der angenehmen Seite. Aber denkst du auch daran, daß es draußen in der Welt Gefahren gibt?«

»Ja, ich habe schon davon gehört und auch in Büchern davon gelesen. Aber ich habe mir fest vorgenommen, immer gut zu sein.«

»Das ist ein guter Vorsatz, aber du bist noch zu jung, um ihn halten zu können, wenn du ganz allein dastehst. – Ich fürchte sehr für dich, mein kleiner Nonni ...«

Ich wurde verlegen und wußte nicht, was ich sagen sollte.

Doch nach einer kleinen Pause fiel mir folgende Antwort ein:

»Ich glaube nicht, daß Sie sich um mich sorgen müssen. Meine Mutter hat gesagt, daß der Edelmann, zu dem ich reise, ein sehr guter und frommer Mann ist.«

»Ja, aber einen Vater und eine Mutter wird er kaum ersetzen können.«

»Die Mutter hat mir auch noch gesagt, daß Gott ebensogut für mich in Frankreich sorgen wird wie hier.«

»Ja, das ist gewiß wahr. Aber dann mußt du selbst dich an Gott halten und täglich zu ihm beten. – Ob du das auch tun wirst, wenn die Mutter nicht mehr da ist, um dich daran zu erinnern?«

»Ja, Herr Thorson, ich werde es tun. Ich habe es mir fest vorgenommen. Übrigens hat mir die Mutter versprochen, mir oft zu schreiben.«

»Schon recht, das sind gewiß gute Vorsätze. Behalte sie nur immer! Aber eine so weite Reise ist doch eine sehr gewagte Sache ...«

Doch ließ ich mich nicht weiter einschüchtern.

Es wurden mir nun einige Erfrischungen angeboten, die ich mit Julius zusammen verspeiste.

Dann nahm ich Abschied von Herrn Thorson und versprach ihm, die Ermahnungen, die er mir gegeben hatte, nicht zu vergessen.

Wie es in Island üblich ist, küßte er mich und drückte mir nebenbei still einige Taler in die Hand. Dabei sagte er mir leise ins Ohr: »Leg das zu deinem Taschengeld! Und nun lebe wohl! Gott sei mit dir!«

Ich war ganz gerührt von dieser Freundlichkeit.

Dann holte ich mein Pony, und Julius begleitete mich noch ein Stück den Berg hinab.

Wir waren beide sehr traurig. Keiner sprach ein Wort. Endlich trennten wir uns mit Tränen in den Augen.

Einige Tage später rief meine Mutter mich wieder und sagte: »Heute wollen wir beide zusammen zu Pastor Magnusson reiten. Du weißt, er ist ein besonderer Freund von uns.«

»Oh, das ist schön, Mutter! Das ist mal eine weite Reise, und außerdem kann ich Pastor Magnusson gut leiden.«

»Das weiß ich, mein Junge, ich habe aber noch einen besonderen Grund, gerade ihn zu besuchen«, fuhr die Mutter fort. »Ich möchte nämlich seine Meinung darüber hören, was er von deinem Aufenthalt in Frankreich hält.«

Eine Stunde später waren wir unterwegs. Ich ritt einen Goldfuchs, die Mutter saß auf einem stahlgrauen Schimmel.

Wir sprachen nur wenig, denn die Pferde liefen ständig in starkem Trab, so daß es schwer war, ein Gespräch zu führen.

Nach etwa zwei Stunden waren wir am Ziel.

Die Leute empfingen uns sehr freundlich und boten uns zunächst eine kleine Stärkung an. Dann führte der Pastor uns in sein Zimmer und bat uns, Platz zu nehmen.

»Herr Pastor«, begann die Mutter, »ich komme, um Sie in einer wichtigen Sache um Rat zu fragen. Ich habe vor, meinen Sohn Nonni nach Frankreich reisen zu lassen. Er soll dort studieren. Da er aber noch jung ist, könnte er leicht von der fremden Umgebung ungünstig beeinflußt werden. Einige Freunde haben mir deshalb abgeraten. Was meinen nun Sie, Herr Pastor, und was würden Sie mir wohl raten?«

Pastor Magnusson sah mich ernsthaft an. Dann sagte er:

»Es ist wirklich selten, daß ein Junge in diesem Alter von hier nach Frankreich reist, um zu studieren. – Ich wünsche dir von Herzen Glück, Nonni! Es kann für dich ein großer Segen werden.«

Er schwieg eine Weile und blickte sinnend vor sich hin. Dann fuhr er fort:

»Vor vielen hundert Jahren ist einer der größten Männer Islands auch nach Frankreich gereist. Er weilte dort viele Jahre und studierte an der Pariser Hochschule. Dann ließ er sich zum Priester weihen. Schließlich kam er als Gelehrter zurück. – Du kennst doch sicher seinen Namen?«

Ich fühlte, daß ich rot im Gesicht wurde, denn ich wußte im Augenblick nicht, wer es war.

Pastor Magnusson merkte meine Verlegenheit und kam mir gleich zu Hilfe.

»Doch, Nonni, du kennst seinen Namen schon. Er soll ein Buch zusammengestellt haben, das eines der berühmtesten Bücher der Welt geworden ist.«

Jetzt wußte ich Bescheid.

»Es war Sämundr der Weise«, sagte ich, »der die Lieder der älteren Edda gesammelt haben soll.«

»Ganz richtig«, erwiderte Herr Magnusson und fuhr lächelnd fort: »Und jetzt willst du nach Frankreich reisen wie Sämundr der Weise? – Wer weiß, vielleicht wirst du einst ein gelehrter Mann, am Ende gar ein berühmter Geistlicher werden wie er.«

»O nein, Herr Pastor!« antwortete ich lachend. »Ich glaube nicht, daß ich je ein Gelehrter werde. Und bestimmt werde ich niemals ein berühmter Geistlicher. Ich will bloß in Frankreich studieren, und dann wähle ich mir irgendeinen Beruf, der mir gefällt.«

Pastor Magnusson nickte mir freundlich zu. Dann wandte er sich an meine Mutter und sagte:

»Nun, es wird mit Ihrem Sohne gehen wie mit uns allen: wir machen unsere Pläne und meinen, unseren Lebenslauf selbst zu ordnen und zu bestimmen. Und doch sind wir es trotz unserer Freiheit in Wirklichkeit nicht; es ist ein anderer, der alles ordnet und lenkt und uns zuletzt zu Zielen führt, an die wir vielleicht nie gedacht hatten.

Sie fragen mich um meinen Rat. Es ist ja gewiß ein überaus wichtiger Entschluß, den Sie da fassen müssen. Es ist ein Schritt, der für das ganze Leben des Jungen entscheidend ist.«

Diese Worte stimmten mich ernst, und wir saßen alle drei eine Weile schweigend da.

Bald fuhr aber Herr Magnusson fort:

»Was meinst du eigentlich selber, Nonni, zu dieser gewaltig großen Reise? Fürchtest du dich nicht, so weit in eine dir ganz unbekannte Welt hinauszuziehen?«

»Ab und zu wird es mir etwas merkwürdig zumute, Herr Pastor, wenn ich an meine Abreise denke.«

»Und was ist es, was dich dann drückt?«

»Es ist besonders der Gedanke, daß ich meine Mutter verlassen muß. Das ist für mich das Schlimmste.«

Bei diesen Worten traten mir die Tränen in die Augen.

Pastor Magnusson faßte tröstend meine Hand und sagte:

»Das kann ich begreifen, aber Gott wird dir nicht nur Vater, sondern auch Mutter in der Fremde sein. – Gibt’s aber sonst etwas, was dich wegen dieser Reise beunruhigt?«

»Vieles nicht, Herr Pastor, aber doch einiges: ich habe gehört, daß die Kinder im Ausland ganz anders behandelt werden als hier bei uns. Man sagt, sie hätten keine Freiheit wie wir und dürfen nicht mit den Erwachsenen umgehen, sondern müssen immer unter sich sein wie Schafe in einer Hürde. – Das gefällt mir überhaupt nicht.«

Pastor Magnusson erwiderte lächelnd:

»Etwas Wahres ist daran. Hier darfst du dich sozusagen in völliger Freiheit in Berg und Tal und auf dem Meere noch dazu bewegen. Eine solche Freiheit gibt es im Ausland nicht so leicht. Da leben die jungen Leute in Internaten und müssen sich gewissen – übrigens vernünftigen – Bestimmungen fügen. Davor brauchst du aber keine Angst zu haben. Du wirst dich schon leicht daran gewöhnen.«

Es entstand eine Pause.

»Sie meinen also nicht, Herr Pastor«, fragte schließlich meine Mutter, »daß ich mich beunruhigen muß?«

»Nein, ich glaube nicht. Ich bin im Gegenteil davon überzeugt, daß es Gott selber ist, der Ihren Sohn auf diesen Weg führt, und daß er auch über ihn wachen wird. Sie brauchen keine Angst zu haben.«

Dann schloß er mit folgenden Worten, die großen Eindruck auf mich machten:

»Ich glaube fest an eine höhere Macht, die alles in unserem Leben leitet. Es gibt keinen Zufall in der Welt. ›Die Würfel werden in den Schoß geworfen, aber der Herr verteilt sie‹, sagt die Heilige Schrift. Alles, was uns trifft, mag es angenehm oder unangenehm, groß oder klein sein, kommt von Gott und wird uns immer von ihm zu unserem Besten gegeben.«

Ich war erstaunt über die Sicherheit, mit welcher Herr Magnusson sprach, und ich fühlte mich in meinem Entschluß, nach Frankreich zu reisen, mächtig gestärkt.

Meine Mutter dankte dem Pastor für den Rat, den er uns gegeben hatte. Dann dankte auch ich ihm. Er zog mich etwas auf die Seite und drückte mir drei Taler in die Hand.

»So«, sagte er, »da mußt du noch etwas Taschengeld haben auf die lange Reise. Halte dich nur immer an unseren Herrn und Gott. Er wird sich deiner annehmen.«

Dann nahmen wir Abschied und ritten heim.

Noch lange dachte ich nach über alles, was wir beim Pastor gesprochen hatten. Gott hatte etwas Wichtiges mit mir vor, dachte ich, und all mein Denken und Fühlen ging nun darauf aus, seinen geheimnisvollen Absichten zu entsprechen.

Eins aber konnte ich nicht begreifen, wie Pastor Magnusson und Herr Thorson, beide erfahrene und kluge Männer, eine entgegengesetzte Ansicht über meine Auslandsreise haben konnten. Nun, sagte ich zu mir, du wirst schon sehen, wer von beiden recht hat, wenn du zu dem deutschen Herrn in Kopenhagen kommst, und vielleicht mehr noch, wenn du mal in dem fernen Frankreich bist.

Mein Reitpferd hatte in den folgenden Tagen wenig Ruhe. Täglich ritt ich bald dahin, bald dorthin im Eyjafjördur herum. Überall, wohin ich kam, war das Erstaunen groß, sobald mein Vorhaben bekannt wurde. Manche gaben mir zu Ehren sogar ein kleines Abschiedsfest.

Mein Geldtäschchen, das ich einst von einem französischen Jungen gegen eine Mundharmonika eingetauscht hatte, wurde immer schwerer. Jeder wollte beitragen zur Aussteuer für meine Reise. Es war zuletzt so voll von blanken Talern, daß ich mir ein größeres verschaffen mußte.

Am schwersten fiel mir der Abschied von meiner Geburtsstätte, dem großen Hof Mödruvellir im Hörgatal. Hier hatte ich meine schönsten Kinderjähre verlebt. Auf dem Heimweg war ich so traurig, daß mir immer wieder die Tränen in die Augen stiegen.

Als ich spät abends nach Akureyri zurückkam, es war in einer Mittsommernacht, war es noch so hell, daß ich die weitausgestreckte Reede überblicken konnte.

Da auf einmal fuhr es mir wie ein elektrischer Schlag durch den ganzen Körper!

Was sah ich dort im Hafen? – Ich hielt mein Pferd an und schaute genauer hin.

Ja, es ist so! – Es ist »Valdemar«, das Schiff, das mich mitnehmen sollte!

Ich hatte es gleich erkannt. Jedes Jahr kam es zu uns, und schon oft war ich auf das Verdeck geklettert, um von den kleinen Dingen zu kaufen, die es immer von Dänemark mitbrachte.

Auf dem Schiffe war nämlich eine Kajüte in einen Kramladen umgewandelt.

Also »Valdemar« war wirklich gekommen.

Nie vorher hatte seine Ankunft einen solchen Eindruck auf mich gemacht wie heute.

Früher empfand ich bei seiner Landung wohl Freude, weil ich einen lieben Bekannten wiedersah. Heute aber wurde es mir traurig ums Herz.

Schnell ritt ich heim, stieg ab und ließ das Pferd zu der ihm bekannten saftigen Weide laufen. Ich ging hinein zur Mutter und sagte scheinbar gleichgültig:

»Mutter, Kapitän Foß ist angekommen. Wann wird er wohl wieder abfahren?«

»Einige Tage bleibt er hier, um seine Waren zu verkaufen. Aber er muß sich beeilen; die Eisberge nähern sich der Nordküste. Du mußt diese kurze Zeit benutzen, um von den Leuten hier in der Stadt Abschied zu nehmen und deine Sachen einzupacken.«

»Wann gehst du aber zu Kapitän Foß, Mutter, um mich bei ihm anzumelden?«

»Morgen früh, Nonni.«

Am folgenden Tag ruderten wir hinaus auf die große Reede, wo der Segler »Valdemar« lag.

Nach einer Viertelstunde lagen wir dicht an der pechschwarzen Schiffswand.

Der Steuermann hatte uns kommen sehen und half uns hinauf.

Die Mutter fragte ihn auf dänisch:

»Ist Kapitän Foß an Bord?«

»Ja, ich werde ihn sofort rufen.«

Er stieg in die Kajüte hinab, wo Kapitän Foß hinter der Theke stand und seine Sachen an einige Isländer verkaufte. Der Steuermann löste ihn ab, und alsbald kam der Kapitän die enge Kajütstreppe herauf.

Er sah gar nicht aus wie ein verwitterter Seemann, sondern eher wie ein vornehmer Beamter.

Er war mittelgroß, sein Haar war schwarz, und er trug einen kleinen Schnurrbart. Aus seinen schwarzen, lebhaften Augen leuchtete ein scharf durchdringender Blick.

Der Kapitän begrüßte meine Mutter höflich. Mir nickte er kurz zu. Dann sagte er:

»Womit kann ich dienen?«

»Herr Kapitän, ich möchte gern einen Augenblick mit Ihnen allein sprechen.«

Sofort winkte er dem kleinen Schiffsjungen, der zur Seite stand, und ließ ihn drei Stühle auf das Vorderdeck bringen.

Dann geleitete er uns dorthin mit den Worten:

»Entschuldigen Sie, Frau, meine Kajüte ist im Augenblick besetzt, deshalb müssen wir uns mit einem ruhigen Plätzchen hier oben auf dem Deck begnügen.«

Bald kam der Junge mit den Stühlen, und wir drei nahmen Platz.

Das Wetter war herrlich, kein Lüftchen regte sich. Die breiten ruhigen Wellen hoben und senkten das Schiff ganz behaglich, ohne die spiegelblanke See aufzurühren.

Meine Mutter begann nun:

»Herr Kapitän, dies hier ist mein Sohn. Er soll ins Ausland reisen. Können Sie ihn mitnehmen nach Kopenhagen?«

Der Kapitän dachte etwas nach, schaute mich an und fragte:

»Wie alt ist Ihr Sohn?«

»Zwölf Jahre, Herr Kapitän.«

»Er scheint ein gesunder und aufgeschlossener Junge zu sein. Meinen Sie, er kann die Strapazen aushalten, die mit einer so langen Seereise, besonders in dieser Jahreszeit, verbunden sind?«

»Ja, das kann ich ganz gut«, fiel ich ein.

Der Kapitän schaute mich lächelnd an und sagte:

»Schon gut, mein Junge; aber bedenke, der Herbst steht bevor; wir werden schwere Stürme durchmachen, bis wir nach Kopenhagen kommen.«

»Das macht mir gerade Spaß«, erwiderte ich und fügte noch hinzu: »Es ist mir gar nicht bange vor hohem Seegang.«

»Gut«, wandte der Kapitän sich an meine Mutter, »dann steht nichts im Wege. Doch alle Kojen sind besetzt. Wir sind für Mitreisende eben nicht eingerichtet. Deshalb müssen Sie für Matratze und Bettzeug selbst sorgen. Wir wollen dem Jungen eine Schlafstelle in der Kajüte zwischen mir und dem Steuermann einrichten. Da wird er am besten aufgehoben sein.«

»Danke, Herr Kapitän. Es freut mich, daß Sie ihm dort ein Plätzchen einräumen.«

»Sie können beruhigt sein. Sowohl der Steuermann wie auch ich werden ein wachsames Auge auf Ihren Sohn haben. Nur muß er versprechen, während der Fahrt streng zu gehorchen.«

»Ja, Herr Kapitän, das verspreche ich«, fiel ich wieder ein.

»Nun, mein Junge, dann wird wohl alles gutgehen.«

»Aber, Herr Kapitän«, fragte die Mutter, »wie steht es mit der Geldfrage? Was verlangen Sie für die Fahrt?«

Nachdenkend sagte der Kapitän:

»Für Kost und Aufenthalt während der unbestimmten Zeit, welche die Fahrt nach Kopenhagen dauern wird – sie kann nämlich zehn Tage dauern, sich aber auch ebensogut, zumal in dieser Jahreszeit, einige Wochen hinziehen –, ja, was soll ich sagen? Haben Sie an eine bestimmte Summe gedacht?«

»Nein, Herr Kapitän.«

»Nun, wenn wir sagen zwanzig Reichstaler, scheint Ihnen das zuviel?«

»Nein, das ist mir nicht zuviel.«

»Abgemacht. Der Knabe soll so behandelt werden, als wäre er mein eigener Sohn. Seien Sie ohne Sorge, ich werde ihn wohlbehalten nach Kopenhagen bringen.«

Die Mutter reichte dem Kapitän die Hand und dankte ihm.

»Aber«, fragte der Kapitän, »zu wem soll ich Ihren Sohn in Kopenhagen bringen?«

»Zu Herrn Gisli Brynjulfson. Dieser wird ihn dann zum Präfekten Grüder führen. Herr Gisli Brynjulfson wohnt auf der Dossering, der Präfekt Bredgade 64. – Wann lichten Sie die Anker?« fragte die Mutter weiter.

»Der Abfahrtstag ist noch nicht genau bestimmt; doch es wird an einem der nächsten Tage sein. Ich werde Ihnen Nachricht schicken.«

Die Mutter stand auf und verabschiedete sich vom Kapitän.

Beim Fortgehen besah sie sich nochmals das kleine Schiff, auf dem ihr Sohn nun bald die Fahrt durch die wilden Wogen des Atlantischen Ozeans machen sollte.

Wir stiegen hinab in unser Boot, das an der Seite des Schiffes ruhig auf und ab schaukelte.

Der Kapitän grüßte noch einmal freundlich, und ich ruderte wieder das kleine Boot nach Hause.

Eine unheimliche Nacht und ein strahlender Morgen

Alles war jetzt also abgemacht.

Mein Schicksal war besiegelt. Ich war als Passagier auf dem fremden Schiff angenommen.

Das Haus meiner Mutter war nicht mehr mein Haus.

Mein Haus war jetzt das kleine dänische Fahrzeug, das draußen im Fjord auf den tiefen Wassern schaukelte.

Von nun an wohnte ich nur noch als Gast bei meiner eigenen Mutter!

Diese Gedanken versetzten mich in eine so ernste, wehmütige Stimmung, daß ich es nicht beschreiben kann.

Es wurde mir ganz eigentümlich zumute.

Es kam mir vor, als sollte ich etwas ganz Neues werden, etwas ganz anderes, als ich bisher gewesen.

Beunruhigt durch diese Gedanken, ging ich abends zu Bett.

Ich schlief allein, oben in einem kleinen Dachstübchen, gerade über dem Zimmer meiner Mutter.

Bald fiel ich in Schlaf. Aber jetzt begann meine Phantasie, aufgeregt durch die Ereignisse des Tages, ihr nächtliches Spiel.

Die unheimlichen Geister der Nacht überfielen mich und jagten mich im gespenstischen Reich der Träume.

Ein entsetzliches Alpdrücken quälte mich. Ein Traum löste den anderen ab, aber alle endeten mit Unwetter und Sturm, mit Blitz und Donner, mit blutrotem Himmel und wildem Wellenschlag, mit gähnenden Abgründen, mit Schiffbruch, Tod und Grauen.

Endlich erwachte ich, ganz ermattet und wie in Schweiß gebadet.

Ich setzte mich aufrecht ins Bett und schaute umher.

Durch die schrecklichen Träume war ich noch voller Angst und ganz verwirrt.

Was mochte das alles bedeuten?

Waren es Warnungen? – Drohungen?

Mein Gewissen rührte sich, als wenn es mir Vorwürfe machte oder Strafen androhte.

Ein entsetzlicher Gedanke kam mir: Ob du wohl Gottes Freund bist?

Verdiene ich überhaupt bei meinen Unarten, meinem Leichtsinn, meiner Trägheit, meiner Naschhaftigkeit, meinem Zorn Gottes Liebe?

Doch, so kam mir ein Gedanke: Wäre es nicht auch möglich, daß Gott mich hat warnen wollen, nicht in die weite Welt hinauszugehen?

Nein, ich darf es nicht wagen. Hier bei meiner Mutter bin ich in Sicherheit. Draußen lauert auf mich nur Unglück und Verderben.

Ganz niedergeschlagen und mutlos stand ich auf.

Es war Nacht, aber doch hell, wie die Sommernächte in Island es sind.

Der Kopf brannte mir. Ich tauchte ihn daher tief ins Waschbecken und ließ ihn so lange in dem kühlenden Wasser, wie ich den Atem anhalten konnte.

Nachdem ich mich gewaschen und angezogen hatte, ging ich leise die Treppe hinab.

Im Hause war alles still. Vorsichtig öffnete ich die Tür und ging hinaus.

Überall war tiefes Schweigen. Die ganze Stadt lag noch im Schlaf. Kein Laut war zu hören. Selbst die sonst so unruhigen Seevögel schienen noch alle zu schlummern. Nirgends sah ich eine Spur von ihnen.

Ich wurde ergriffen von der geheimnisvollen Stille, die auf der ganzen Natur lag.

Da hörte ich ein leises Geräusch. Mir schien, es kam von der anderen Seite des Hauses.

Ich ging um die Ecke und fand hier eines unserer zwei Pferde, das auf der saftigen Wiese hinter dem Haus graste.

Sobald es mich wahrnahm, erhob es den Kopf leicht zur Seite und schaute mich eine Weile an mit seinen großen Augen, die leuchteten, als wären sie von Glas.

Langsam kam es auf mich zu, fing zutraulich an zu schnuppern an meiner Brust, an Armen und Händen, sogar am Gesicht.

Ich patschte es leise an beiden Seiten des Kopfes. Das schien ihm zu gefallen. Putzig streckte es die dicken Lippen vor, als wollte es nach mir schnappen.

Eine Weile standen wir beiden Freunde einander gegenüber. Ich war wirklich froh, in meiner Unruhe ein lebendes Wesen bei mir zu haben.

Da kam mir unwillkürlich der Gedanke: Warum nicht jetzt einen Ritt den Berg hinauf wagen? Mein Pferdchen selbst schien ja mich einzuladen.

Gedacht, getan. Ich nahm eine Schnurleine, legte das eine Ende dem Pferde ins Maul und paßte dabei gut auf, daß die Schnur unter die Zunge zu liegen kam. Dann band ich sie mit einem Knoten unter dem Kiefer fest, doch nicht zu straff, damit es nicht schmerzte. So hatte ich Zaum und Zügel in Ordnung; mehr brauchte es nicht.

Um aufzusteigen, führte ich mein Pferdchen zum kleinen Hundehäuschen, wo unser treuer Fidel im besten Schlafe lag.

Eben wollte ich auf das Häuschen treten, da wachte Fidel auf.

Er öffnete das eine Auge und schaute, noch ganz schlaftrunken, mich an. Aber gleich schloß er es wieder, um weiterzuschlafen.

»Fidel!« flüsterte ich ihm zu, »willst du nicht mit?«

Nun schlug er beide Augen auf – rührte sich aber nicht weiter.

»Bist du denn so faul, du kleiner Wicht?« sprach ich und stieß ganz leise mit dem Fuß an sein Haus.

Jetzt hob er langsam den Kopf, sperrte das Maul weit auf, streckte die Zunge heraus und gähnte einen langgezogenen Ton hervor, als wollte er klagen, daß ich ihn so ohne weiteres in seiner Nachtruhe störte.

Ich mußte ihm recht geben und versuchte nicht weiter, ihn aufzutreiben.

Schließlich stand er aber doch auf, streckte sich krampfhaft aus, wedelte mit dem Schwanz und leckte mir die Hand.

Ich streichelte ihn, und damit war es abgemacht, daß wir drei zusammen die seltsame Unternehmung machen wollten.

Ich stieg auf das Pferd, und im Galopp ging es davon, den Berg hinan.

Von den Huftritten wurden schlafende Vögel aufgescheucht. Sie flatterten ängstlich um uns herum, als wüßten sie nicht recht, wohin sie sollten.

Fidel überkamen Jagdgelüste.

In rasendem Lauf setzte er ihnen nach, bald rechts, bald links, bald voran, bald zurück, und suchte vergebens einen Vogel zu schnappen. Er lief sich nur müde.

Kurz danach ritten wir an einer Herde weißer Lämmer vorüber. Sie schreckten auf und flohen in wildem Durcheinander davon. Fidel hinter ihnen her, als ginge es auf Tod und Leben. Diesmal glückte es ihm, eines zu fassen.

Als ich sah, daß er in seiner Hitze das arme Tier in das Hinterbein beißen wollte, rief ich ihn, so laut ich konnte, zurück. Sofort gehorchte er und kam keuchend auf mich zugelaufen. Damit er nicht noch mehr derartige Streiche machte, hielt ich das Pferd an, streckte mein rechtes Bein etwas aus und gab Fidel ein Zeichen, heraufzuspringen und sich zu mir zu setzen.

Gut gezogen, wie er war, folgte er meinem Wink, sprang auf meinen Fuß, von da auf den Rücken des Pferdes und legte sich vorsichtig hinter mir nieder. Ich zog ihn fest an mich, damit er unterwegs nicht herunterfalle.

So setzte ich meinen Ritt fort, doch mit Rücksicht auf Fidels Lage in gemäßigtem Tempo.

Sooft ein Vogel aufflog oder ein aufgescheuchtes Schaf flüchtete, ließ der Hund ein leises Knurren oder angebrochenes Bellen hören, um mir anzukündigen, daß er jeden Augenblick bereit sei, seine Pflicht zu tun. Doch hielt ich ihn zurück.

Doch plötzlich sprang ein gewaltig großes Schaf mit einem Paar langen, kräftigen Hörnern unmittelbar vor uns auf.

Es lief einige Schritte weit nach rechts, stand aber bald wieder still und wandte sich mit einer so furchtlosen Überlegenheit auf uns zu, daß ich unwillkürlich mein Pferd anhielt, um das schöne Tier zu betrachten.

Jetzt war Fidel nicht mehr zu halten. Empört über eine solche Frechheit, sprang er mit einem Satz zur Erde und lief wütend auf das Tier los.

Aber da wurde er empfangen, wie er es nicht erwartet hatte. Das Schaf wich keinen Schritt zurück.

Erzürnt über den bellenden Angreifer, stampfte es mit den Vorderbeinen fest auf den Boden, neigte den Kopf und zeigte dem kleinen Köter seine Hörner.

Fidel stutzte wie gelähmt vor Schreck. Er bellte nicht mehr, stand still und schaute auf das große Schaf, das mit stolzer Verachtung seines Gegners sogar anfing, in aller Gemütlichkeit zu grasen.

Doch Fidel begann den Kampf von neuem.

Er bellte, heulte, fletschte die Zähne, sprang nach rechts, nach links. Aber das alles half nichts. Das kräftige Tier betrachtete mit überlegener Ruhe den hilflosen Kläffer und wich keinen Schritt zurück.

Zuletzt endete der Kampf mit einer vollständigen Niederlage für Fidel.

Nach vergeblichem Bellen, Rasen und Springen kam er, den Schwanz zwischen den Beinen, ganz niedergeschlagen zu mir und sprang auf das Pferd.

Bald stieg ich ab, löste die Schnur, die mir als Zaum und Zügel gedient, streichelte das gutmütige Tier und ließ es frei laufen.

Dann setzte ich mich auf einen mit Kräutern umwachsenen Stein nieder. Fidel legte sich neben mich.

Alle Kampfeslust war ihm vergangen. Er ließ das Schaf in Ruhe, und dieses tat auch, als wäre nichts vorgefallen.

Der gesunde Ritt in der frischen Morgenluft hatte mich gestärkt. Ich war viel ruhiger geworden. In vollen Zügen sog ich die von dem Duft der wilden Blumen und Kräuter gewürzte reine Bergluft ein.

Von meinem Sitz aus hatte ich eine wundervolle Fernsicht.

Vor mir lag der prächtige 60 Kilometer lange Eyjafjördur.

Seine glänzende dunkelblaue Wasserfläche war glatt wie ein Spiegel.

Die Bergkette Badlaheidi jenseits des Eyjafjördur prangte in allen Farben des Regenbogens und schien wie bedeckt mit einem riesigen Blumenteppich, der in großen Falten bis ins blaue Wasser hinabhing.

Darüber lag die zarte Luft des Sommermorgens wie ein durchsichtiger bläulicher Schleier.

Da, auf einmal, welch ein Farbenspiel!

Funkelndes Gold, leuchtendes Purpur, blendendes Weiß, Blau, Grün, Violett, Rosa – alles in ständigem Wechsel –, eine unbeschreibliche Pracht.

Waren dort oben lauter Feuer angezündet, hoch auflodernd und an Glanz und Kraft sich verstärkend?

Der ganze Bergrand fing an zu leuchten, zu brennen, zu glühen, so schön, daß ich wie gebannt dasaß.

Womit sollte ich diese Herrlichkeit vergleichen?

Es war, als wenn Milliarden funkelnder Perlen, Rubine und Edelsteine und alles Gold der Erde um die Wette leuchteten und ihre Strahlen hinaussprühten in den weiten Himmelsraum. Mit jeder Sekunde wuchsen Licht und Farbe.

Zuletzt stand die ganze Bergkette wie in hellen Flammen – Flammen aus Purpur und aus Gold!

»O wie schön, wie herrlich!« rief ich immer wieder aus.

Es war ein Rauschen von Feuer und Licht und Farben und schimmerndem Glanz.

Das Licht nahm immer zu an Stärke, denn jetzt stieg sie herauf dort hinter den Bergen, in ihrer blendenden Pracht, die Königin am Himmel – die Sonne!

Ein eigenartiger Wettstreit war nun zu schauen.

All die herrlichen Farben schienen zu ringen mit dem neuen Licht, das hinter ihnen herzog und sie auseinanderzujagen begann.

Das helleuchtende Weiße wurde immer stärker und stärker und breitete sich nach allen Seiten aus. Es vertrieb und verwischte nach und nach das schöne Rot und Blau und Gelb und Violett – die strahlende Sonne war also aufgegangen.

Drüben am Abhang der Bergkette Badlaheidi stiegen dünne, bläuliche Rauchsäulen, eine nach der anderen, in die Höhe, ein Zeichen, daß die Leute auf den Höfen jetzt aus dem Schlaf erwacht waren. Eine jede dieser Rauchsäulen erzählte mir, daß ein fleißiges Mädchen aufgestanden war und Feuer auf dem Herd angezündet hatte, um für die Bewohner des Hofes Kaffee zu kochen und dann, wie es Sitte auf Island ist, eine Tasse an jedes Bett zu bringen.

Reges Leben zeigte sich allmählich überall in den Bergen.

Hunde, Pferde, Schafe bellten, blökten und wieherten um die Wette. Vögel sangen, flöteten und kreischten. Menschen wurden auf den Höfen rund umher sichtbar, kleinen schwarzen Punkten gleich, die sich hin und her bewegten.

In der Stadt Akureyri selbst, tief unter mir, stieg jetzt Rauch fast von jedem Hause empor, auch vom »Paulshaus«, der Wohnung meiner Mutter.

Sie war also aufgestanden und damit beschäftigt, Kaffee zu kochen – auch für mich.

Gewiß ahnte sie nicht, wo ich war. Sie mußte glauben, ich schliefe ruhig in meinem Bett oben unter dem Dache.

Gleich würde sie hinaufgehen, mich zu wecken – und das Bett leer finden.

Das war nun freilich nichts Ungewöhnliches; denn ich stand häufig vor den anderen auf.

Aber ganz ungewöhnlich war, was ich in dieser Nacht durchgemacht und ausgestanden hatte. Dies wußte die Mutter nicht.

Jetzt kamen die unheimlichen Träume der Nacht mir von neuem in den Sinn.

Doch um meine Gedanken abzulenken, klopfte ich meinem kleinen vierbeinigen Freund, der noch schlafend neben mir lag, auf den Rücken. Er öffnete die Augen, schaute mich treuherzig an und wedelte dann so freudig mit dem Schwanz, daß sein ganzer Körper mitzappelte.

Dann schmiegte er sich an mich und versuchte, aus lauter Anhänglichkeit sogar mein Gesicht zu belecken.

Ich sprang auf und warf noch einen Blick auf das einsame Schiff unten im Hafen, mein künftiges, schwimmendes Heim.

Auf dem Verdeck stieg aus einem eisernen Rohr eine Rauchsäule auf. Der kleine dänische Koch hatte gewiß in der Schiffsküche Feuer angezündet und kochte den Morgenkaffee für die Mannschaft.

Wiederum suchte mich der Gedanke zu beunruhigen: In wenigen Tagen wirst auch du dort sein.

Doch ist es besser, nicht weiter darüber nachzugrübeln, dachte ich.

Ich mußte mit meiner Mutter sprechen. Sie war die einzige, die mir helfen konnte.

Ich rief Fidel, schwang mich auf mein Pferd, und hinunter gings im Trab bis vor unser Haus, das ich nun für immer verlassen sollte.

Abschied von der Mutter

Ich trat ins Haus, ging durch die Küche und stieg die Treppe hinauf.

So kam ich in meine Schlafkammer, ohne der Mutter zu begegnen. Sie war wohl im Wohnzimmer beschäftigt.

Schnell brachte ich mein Bett in Ordnung. Wie oft, kam mir der Gedanke, werde ich das noch hier zu Hause tun?

Mein Bett sollte ja schon heute an Bord des dänischen Schiffes gebracht werden.

Als ich fast fertig war, hörte ich jemand die Treppe heraufkommen. Ich lauschte. Es waren die Tritte meiner Mutter.

Sie kam an die Tür und klopfte an.

Ich öffnete. Die gute Mutter trat herein.

Ich war nicht wenig überrascht. In den Händen trug sie ein Kaffeebrett, auf dem eine unserer schönsten Tassen, gefüllt mit dampfendem Kaffee, stand; daneben ein Teller mit Butterbrot und leckerem Kuchen, den sie selbst gebakken hatte.

Aber was in aller Welt sollte das bedeuten!

Ich wurde ganz verlegen und beschämt.

Nie zuvor hatte die Mutter mir solche Aufmerksamkeit geschenkt. Sie war überhaupt nicht gewohnt, ihre Kinder zu verzärteln oder zu verwöhnen. Und nun kam sie mit all den schönen Sachen selbst zu mir herauf.

Was mochte sie dabei bezwecken?

Sie sagte kein Wort, sah mich aber lächelnd an und stellte das Brett auf einen kleinen Tisch neben dem Bett.

Ich war ganz gerührt. Ich faßte ihre Hand, drückte sie warm, führte sie an meine Lippen und küßte sie.

Aussprechen konnte ich nur: »Liebe Mutter!«

»Trink nun deinen Kaffee, Nonni, und komm dann zu mir herab, ich habe etwas Wichtiges mit dir zu reden.«

Dann drückte sie mir die Hand, nickte lächelnd und verließ meine Kammer.

Ich nahm die Tasse in die Hand. Mit großen goldenen Buchstaben standen darauf die zwei dänischen Wörter: Til Moder (Für die Mutter).

Diese Tasse hatte ich vor einigen Jahren der Mutter als Sommergabe geschenkt.

Auf Island ist es nämlich Sitte, am ersten Sommertag sich gegenseitig Geschenke zu geben, und so hatte ich meiner Mutter vor zwei Jahren am ersten Tag des Sommers diese Tasse geschenkt.

Das hatte sich so zugetragen:

Während der Wintermonate war in mir der Wunsch wach geworden, Vater und Mutter etwas Schönes als Sommergabe zu schenken. Weil ich aber kein Geld besaß, wußte ich nicht, wie ich mein Vorhaben ausführen könnte.

Eines Tages nun hatte ich einen glücklichen Einfall.

Mehrere Monate hindurch gab es zu Mittag eine isländische Delikatesse, Käfa genannt. Sie gab es anstelle der Butter.

Wir hatten damals zu Hause einen Knecht, alttestamentlichen Namens Hosias. Wir beide verstanden uns sehr gut. Hosias war nun ein großer Liebhaber von Käfa.

Als ich eines Tages beim Mittagessen bemerkte, daß er im Handumdrehen mit seiner Portion fertig war, gab ich ihm die Hälfte der meinigen.

Er freute sich darüber, mir aber kam ein Gedanke, und ich sagte ihm, daß ich mit ihm allein sprechen möchte.

Wir gingen in die Scheune neben dem Kuhstall, und da fand nun folgende Unterhaltung statt:

»Sag mal, Hosias, du ißt gern Käfa, nicht wahr?«

»Ja, Nonni, und wie!«

»Nun gut. Dann laß dir einen Vorschlag machen. Wenn es dir recht ist, will ich dir jeden Tag meine Portion Käfa überlassen.«

»Ist’s möglich? Willst du das wirklich, Nonni?«

»Ja, Hosias. Nur mußt du dann auch etwas für mich tun.«

»Und das wäre?«

»Du mußt mir meine Käfa mit Geld bezahlen.«

»Wieviel willst du denn dafür haben?«

»Wieviel willst du geben?« fragte ich.

»Sagen wir mal, für jede Portion einen Schilling?«

»Gut«, sagte ich, »einverstanden.«

Damit war der Handel abgeschlossen.

Ich aß nun jeden Tag das Brot trocken und gab Hosias meine Käfa, er bezahlte mir jedesmal einen Schilling.

So ging es ein paar Monate lang.

Schließlich hatte ich so viel Geld, daß ich glaubte, es sei genug. Von da an aß ich wieder meine Käfa, und Hosias behielt seinen Schilling.

Eines Tages ging ich nun mit meinem Gelde zu Herrn Möller, einem dänischen Kaufmann in der Stadt, und verlangte zwei schöne Sommergaben, eine für Vater und eine für Mutter. Herr Möller fragte: »Wieviel dürfen sie kosten?«

»So viel«, sagte ich und legte alle meine Schillinge vor ihn hin.

Der Kaufmann zeigte mir mehrere hübsche Sachen, darunter zwei große, schöne Kaffeetassen mit vergoldetem Rand. Sie kamen aus Dänemark. Auf der einen stand mit goldenen Buchstaben: Til Fader, auf der anderen: Til Moder.

Sie gefielen mir so gut, daß ich sie gleich mitnahm.

Einige Tage hielt ich die kostbaren Geschenke sorgfältig verborgen. Am Sommertag überreichte ich sie dann feierlich Vater und Mutter.

Das alles kam mir wieder in Erinnerung, als ich die Tasse betrachtete, in der die Mutter mir eben den Kaffee gebracht hatte. Wie lieb und aufmerksam das doch war von ihr!

Dafür schmeckte mir aber auch heute das Frühstück besonders gut.

Als ich fertig war, ging ich zur Mutter hinab. Sie saß im Wohnzimmer und ließ mich neben sich Platz nehmen.

»Mein lieber Nonni, du kannst dir wohl denken, welchen Schmerz eine Mutter fühlt beim Abschied eines ihrer Kinder. Wenn ich dich trotzdem fortreisen lasse, so tue ich es nur deshalb, weil ich überzeugt bin, daß es zu deinem Besten ist.

Ich möchte dir einiges sagen, was mir sehr am Herzen liegt.

Sei immer ehrlich und aufrichtig. Ich kann mich, Gott sei Dank, nicht erinnern, daß du jemals vor mir gelogen hast. Nun bitte ich dich, mein Kind, bleibe dabei, sei wahrheitsliebend und lüge niemals, auch nicht, um einer Strafe oder Beschämung zu entgehen. Das mußt du mir von ganzem Herzen versprechen.«

»Liebe Mutter, ja, ich verspreche es dir. Ich werde nie die Unwahrheit sagen. Du kannst dich drauf verlassen, Mutter.«

»Glaubst du auch imstande zu sein, alle deine guten Vorsätze zu halten?«

»Ja, Mutter, das glaube ich ganz bestimmt. Ich werde sie alle halten, mein ganzes Leben lang.«

Diese Worte sprach ich mit Nachdruck und Kraft. In meiner kindlichen Unerfahrenheit fühlte ich mich so sicher!

Die Mutter lächelte, sah mich voller Liebe an und erwiderte:

»Was du da sagst, ist gewiß ehrlich gemeint. Aber glaube mir, es wird nicht so leicht sein, wie du jetzt meinst. Du wirst Schwierigkeiten begegnen, von denen du keine Ahnung hast. Durch eigene Kraft kannst du dein Versprechen nicht halten.

Daher achte darauf, was ich dir jetzt sage; es ist das Allerwichtigste. – Ich will dir ein Mittel angeben, das dir ganz sicher hilft, trotz deiner Schwachheit und Unerfahrenheit die Vorsätze zu halten. – Und was für ein Mittel ist das? Kannst du es erraten?«

Da ich nicht antworten konnte, sprach sie weiter:

»Es besteht darin, daß du keinen Tag vorübergehen läßt, ohne dich mit deinem Herzen, deiner Seele, deinen Gedanken an Gott zu wenden und ihn zu bitten, er möge dir beistehen.«

Sie faßte meine Hände, sah mir in die Augen und sagte:

»Versprichst du deiner Mutter, daß du dich an Gott halten und jeden Tag zu ihm beten willst?«

Mit voller Bestimmtheit antwortete ich:

»Ja, Mutter, das verspreche ich dir von ganzem Herzen.«

Die Mutter stand auf, drückte nochmals meine Hände und sagte:

»Sei guten Mutes, mein lieber Nonni. Du brauchst dich nicht zu fürchten. Gott wird mit dir sein.«

Es waren einige Tage vergangen, seitdem Kapitän Foß mich als Passagier auf seinem Schiff angenommen hatte. Bereits war nach dem Wunsch des Kapitäns mein Bett in seine Kajüte gebracht und von meiner Mutter selbst zurechtgemacht worden.

Von unserer Seite aus war alles fertig zur Reise.

Von Manni und Bogga, die jetzt verreist waren, hatte ich einige Tage vorher Abschied genommen.

Ich war nun allein mit meiner Mutter zu Hause. Mit unbeschreiblicher Spannung wartete ich auf die Ankunft des Boten.

Endlich an einem Nachmittag kam er.

Es war der Schiffskoch, der nicht viel älter war als ich.

Ich ging ihm entgegen, öffnete die Tür und ließ ihn eintreten.

Die Mütze in der Hand, grüßte er und sagte, noch bei der Tür stehend, zu meiner Mutter:

»Kapitän Foß läßt Ihnen melden, Ihr Sohn möchte an Bord kommen, wenn möglich, jetzt gleich.«

Bei dieser Meldung fühlte ich, wie meine Brust sich zusammenschnürte.

Doch ließ ich mir nichts anmerken, sondern fragte den Jungen ruhig:

»Wann fahren wir ab?«

»Noch heute nachmittag«, lautete die Antwort. »Sobald du an Bord kommst, lichten wir die Anker und segeln ab nach Dänemark.«

Ich schaute die Mutter an. Unsere Blicke begegneten sich, doch nur eine Sekunde. Gott allein weiß, was ich in diesem Augenblick litt.

Aber auch die Mutter beherrschte sich und redete den kleine Boten freundlich an:

»Ich glaube, wir haben Gegenwind. Will der Kapitän nicht warten, bis der Wind günstiger ist?«

»Nein«, antwortete der Junge. »Er meint durch Kreuzen aus dem Fjord hinauszukommen. Deshalb will er lieber sofort abfahren.«

»Gut«, sagte die Mutter, »Nonni wird gleich bereit sein. Aber erst setze dich an den Tisch; ich will dir eine Tasse Kaffee bringen.«

Schnell holte ich einen Stuhl. Der Junge setzte sich bescheiden auf die Kante und hielt die Mütze in der geschwärzten Hand.

Der arme Junge! Er sah so freundlich aus, aber so vernachlässigt und schwarz von Ruß und Rauch; sein abgetragenes Hemd war noch schwärzer als Gesicht und Hände.

Ich bekam Mitleid mit meinem künftigen Reisekameraden; denn ich hatte den Eindruck, daß er ein hartes Leben habe.

Er war ja noch so jung und allein und verlassen zwischen den Matrosen – und so weit fort von seiner Mutter.

Der letzte Gedanke ging mir am meisten zu Herzen. Ich ging nahe an ihn heran und fragte leise:

»Wo wohnt deine Mutter?«

Verwundert über diese Frage, schaute er mich groß an und antwortete langsam und bedächtig:

»Meine Mutter wohnt in Rönne auf der Insel Bornholm.«

Zugleich traten Tränen in seine Augen und liefen die rußigen Wangen herab.

Tröstend sagte ich:

»Aber jetzt fährst du ja heim zu ihr.«

»Ja«, antwortete er zögernd. »Aber das ist eine weite und gefährliche Reise. Das habe ich erfahren. Beinah hätten wir auf der Fahrt hierher Schiffbruch erlitten. Auch fürchte ich immer, ich komme nicht wieder zu meiner Mutter zurück.«

»Davor sei doch nicht bange«, tröstete ich ihn. »Du wirst sie schon wiedersehen. Ich dagegen werde die meine nicht wiedersehen!«

Als ich dies aussprach, wurde mir nun ganz weich ums Herz. Ich versuchte meine Tränen vor dem fremden Jungen zu verbergen; aber es gelang mir nicht.

Er bemerkte es und fragte:

»Wirst du denn nicht von deiner Reise zurückkommen?«

»Ich glaube nicht«, sagte ich, »ich reise so weit fort.«

»Fährst du denn nicht nach Kopenhagen?«

»Ja, aber nur vorläufig. Von da geht es weiter nach Süden durch ganz Frankreich zu einer Stadt, die Avignon heißt.«

»So weit? Dann verstehe ich, daß du traurig bist. Es ist wirklich kein Spaß, seine Mutter zu verlassen, zumal wenn man noch so jung ist wie wir beide. Ich wünschte, ich wäre nie von zu Hause fortgegangen.«

Bei diesen Worten sah er mich traurig an.

Da ging die Tür auf. Meine Mutter trat herein und brachte Kaffee und Kuchen für uns beide.

Wir setzten uns an den Tisch. Aber sonderbar: während ich sonst Mutters Kuchen, den es freilich nur selten gab, sehr gern aß, konnte ich jetzt kaum ein Stückchen hinunterbringen; jeder Bissen blieb mir im Halse stecken.

Ich tat, was ich konnte, damit wenigstens der kleine dänische Gast tüchtig zugreife. Die Mutter hatte uns ja so gute Sachen zum Abschied vorgesetzt.

Aber der Kleine war sehr bescheiden. Da er sah, daß ich so wenig aß, glaubte er meinem Beispiel folgen zu müssen. Wir waren deshalb schnell fertig.

Meine letzte Mahlzeit im Hause meiner Mutter!

Der kleine Bornholmer stand auf und sagte zunächst der Mutter den gewöhnlichen dänischen Dank: Tak for Mad; dann gab er mir die Hand: »Auf Wiedersehen an Bord!«

Beim Abschied sagte die Mutter: »Gruß an Herrn Kapitän Foß; melde ihm, wir würden gleich kommen.«

Als der Junge fort war, ermahnte sie mich:

»Nonni, sei auf der ganzen Reise gut zu dem Jungen!«

»Das würde ich sein, Mutter, auch wenn du es mir nicht gesagt hättest. Ich habe ihn schon liebgewonnen.«

Darauf lief ich zum Nachbarshaus, um meinen Freund Stebbi zu holen. Es war nämlich vorher abgemacht, daß er uns zum Schiff hinausrudern sollte. Stebbi kam sofort, und wir beide brachten meinen Koffer zum Strand.

Unterdessen machte die Mutter sich fertig, und einige Augenblicke später saß ich neben ihr in dem kleinen Boot.

Stebbi stieß vom Land ab und ruderte hinaus zur » Valdemar von Rönne«. Als wir eine ziemliche Strecke vom Land entfernt waren, zog meine Mutter ein kleines, zusammengefaltetes Papier hervor und reichte es mir mit den Worten:

»Hier hast du, lieber Nonni, eine Erinnerung an mich. Ich hoffe, daß es dir noch lange ein Andenken sein wird.«

Ich öffnete das Papier und überflog es. Es enthielt einige wenige Ratschläge, von der Hand meiner Mutter geschrieben.

Dann faltete ich es wieder zusammen und steckte es in meine Brusttasche.

Jetzt konnte ich meine Tränen nicht länger zurückhalten. Ich umarmte meine Mutter und schluchzte:

»Mutter, ich verspreche dir nochmals, daß ich diese Ermahnungen beachten werde. – Liebe, liebe Mutter, ja, ich werde mich an sie halten.«

Mehr konnte ich nicht sagen.

Die Mutter weinte nicht. Doch drückte sie mich fest an ihr Herz.

Wir waren indessen bis nahe an das Schiff gekommen. Stebbi ruderte bis hart an die pechige Wand, und bald standen wir auf dem Deck.

Der kleine Koch kam gleich zu uns herangelaufen, machte eine Verbeugung vor der Mutter und gab mir freundschaftlich die Hand, die er soeben mit dem Küchentuch abgetrocknet hatte.

Dann half er Stebbi, meinen Koffer aus dem Boot zu holen.

Mittlerweile kam auch der Kapitän, grüßte freundlich und bat uns, in die Kajüte hinabzusteigen.

Wir folgten ihm in den »Salon« des Schiffes, wo ich während der Reise mit dem Kapitän und dem Steuermann zusammen wohnen sollte.

Ihre Kojen lagen sich längs der Schiffswände gegenüber; quer zwischen ihnen war mein Bett auf einer breiten, festen Bank eingerichtet. Es füllte den Raum zwischen den beiden Kojen ganz aus.

Mit dem Fuß konnte ich da klopfen, wo der Kopf des Kapitäns war, und mit den Händen konnte ich an die Füße des Steuermanns reichen.

Diese Anordnung gefiel mir sehr gut. Im Notfall konnte ich bei dem einen oder bei dem anderen Hilfe suchen.

Nachdem die Mutter nochmals die Kajüte und meine Lagerstätte besichtigt hatte, bat sie den Kapitän, zum Abschied noch einige Augenblicke mit mir allein zu sein.

»Selbstverständlich, nehmen Sie sich nur gut Zeit; Sie brauchen sich nicht zu beeilen«, sagte der Kapitän und verließ uns.

Der Abschied war kurz. Die Mutter umarmte und küßte mich. Dann sprach sie:

»Jetzt müssen wir scheiden, mein lieber Nonni. Es ist möglich, daß wir uns in diesem Leben nicht wiedersehen; aber ich hoffe, Gott wird uns einst im Himmel wieder vereinen.«

Wie es mir in diesem Augenblick ums Herz war, kann ich nicht mit Worten ausdrücken. Ich hatte meine Mutter so lieb. Ich konnte ihr nur durch Tränen antworten.

»Laß uns nun ein Ende machen«, sagte sie. »Lebe wohl, Kind! Ich übergebe dich dem Schutze Gottes. Er ist der Beschützer der Waisen; möge er dir Vater und Mutter sein.«

Das waren ihre letzten Worte. Wir stiegen aufs Verdeck.

Eilig nahm sie Abschied vom Kapitän und den umstehenden Matrosen und stieg ins Boot, das schnell davonfuhr.

Ich lehnte mich an den Schiffsrand und schaute dem Boot nach. Die Mutter wandte sich einige Male um und nickte liebevoll herüber. Ich winkte zurück.

Das Boot entfernte sich unter den Ruderschlägen Stebbis mehr und mehr, bis es zuletzt am Strand in der Nähe unseres Hauses verschwand.

Da legte sich unser Schiff auf die Seite und wandte die Spitze vom Land ab.

Ich hatte also den Weg zu meiner neuen Heimat angetreten.

Erneut überfiel mich wieder das frühere Gefühl! Ich kam mir vor wie ein Baum, der mit der Wurzel ausgerissen und in ein neues Erdreich gepflanzt wird.

Mein Vaterland, mein teures Island, meine Landsleute, das glückliche Leben, das ich bis jetzt in der Familie und mit meinen Freunden verlebt hatte, alles das sollte jetzt für mich nur noch eine liebe Erinnerung sein.

Von nun an sollte ich fremd unter fremden Menschen leben.

Wie blind und taub ging ich auf dem Schiff umher, ohne zu sehen, was ich sah, ohne zu hören, was ich hörte.

Die Leute sagten mir ab und zu ein freundliches Wort, einen kleinen Spaß.

»So, du kleiner Isländer, jetzt segeln wir hinaus. – Wir fahren nach Dänemark. – Werde nur nicht seekrank! – Jetzt sollst du ein echter Seemann werden. Gleich gibt’s eine Schaukelkur, eine ordentliche. Ob du die verträgst?«

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