Kitabı oku: «Nonni erzählt: Erlebnisse und Geschichten vom frohen Öresund.»

Yazı tipi:

Jón Svensson
Nonni erzählt
Erlebnisse und Geschichten vom frohen Öresund

Mit Bildern

von Johannes Thiel

Saga

1. Ein Land mit offenen Türen

In diesem Buche will ich erzählen, was ich in meinen späteren Lebensjahren auf den dänischen Inseln, einem der Heimatländer der streitbaren und seetüchtigen Normannen, erlebt habe.

Ich habe lange in diesen paradiesisch-schönen, meerumsäumten Gauen geweilt — im ganzen 26 Jahre. Und ich muss gestehen, sowohl Land wie Leute sind mir ungemein teuer geworden; das Land, weil es so ausnehmend schön und lieblich ist, und das Volk erst recht, weil es so freundlich und fröhlich, so geweckt und höflich, so gebildet und dabei doch so einfach und bescheiden ist und noch dazu ein so gutes Herz hat.

Doch nicht nur in Dänemark, sondern auch in andern fremden Ländern habe ich mich jahrelang aufgehalten. Mein Schicksal hat es nun einmal so gewollt.

Das werden die meisten meiner jungen Leser aus meinen früheren Büchern und von meinen vielen Vorträgen wissen, die ich seit mehr als zwanzig Jahren fast täglich und in den verschiedensten Ländern Europas gehalten habe. Überall, wo ich gewesen bin, habe ich mich glücklich gefühlt, denn überall waren die Menschen gut zu mir.

Aber am meisten hat es mich immer zu dem entzückend schönen Land am Baltischen Meere und ganz besonders zu den paradiesischen Inseln am Sund und Belt hingezogen, die mitten in den azurblauen Fluten dieser prachtvollen nordischen Wasserstrassen wie duftende Lustgärten schimmern und deren liebenswürdige Bevölkerung für immer einen bevorzugten Platz in meinem Herzen einnehmen wird.

Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich den ersten Eindruck von den Schönheiten Dänemarks empfing.

Es war auf Island, meiner teuren Heimatinsel. Ich war damals noch ganz klein, zwischen neun und zehn Jahren alt.

Ich weilte für eine Zeit auf einem grossen Hofe im Innern des Landes, bei einer Familie, die zum Freundeskreise meiner Eltern gehörte.

Es wurde dort viel gelesen, viel geschrieben, viel gedichtet und überhaupt allerlei getrieben, was zu einem regen geistigen Leben gehört.

Eines Abends nun sass ich mit den Leuten in der grossen Wohnstube des Hofes, von den Isländern „Badstofa“ genannt. Ein Mann mit einem Buche in der Hand und einem andern auf dem Schosse sass an einer Holzsäule, an der eine kleine, äusserst einfache Öllampe hing.

Es war dies der Platz, von wo aus an den Winterabenden den wissbegierigen Bewohnern des Hofes vorgelesen zu werden pflegte. Die Leute sassen rundherum im Halbdunkel auf Stühlen und Bänken und Betten und waren mit Spinnen, Stricken, Nähen, Holzschnitzen, Kunstweben und ähnlichen Handarbeiten beschäftigt.

Ich war voller Aufmerksamkeit und Spannung; denn der Mann las eben etwas aus der Edda und dann aus einem uralten isländischen Sagabuch vor. — Es war dort von Dänemark die Rede, und das Land wurde als „Freias Wohnung“ bezeichnet.

Die Götterkönigin Freia war mir wohl bekannt. Aber dass sie in Dänemark gewohnt habe, davon hatte ich noch nie etwas gehört.

„Warum hat denn Freia sich gerade Dänemark als Wohnung gewählt?“ fragte ich einen sehr begabten Hirtenknaben, der neben mir sass und ein grosser Freund von mir war.

„Weisst du denn das nicht?“ antwortete er. „Freia ist die Göttin der Schönheit, der Liebe und der Fruchtbarkeit. Sie schwebt — so erzählt die Sage — in einem leichten Federgewand wie eine Wolke über die Erde, lässt warmen Regen über die Felder fallen und bricht die Macht des Winters. Deshalb musste sie in Dänemark wohnen. Das Land ist nämlich so schön und so fruchtbar, und die Menschen dort sind so gut und so liebenswürdig.“

„Ist Dänemark schöner als Island?“ fragte ich weiter.

„So wuchtig ist es nicht. Es hat keine Berge, keine Täler, keine grossen Flüsse, keine Wasserfälle wie Island. Aber es hat riesengrosse und schöne Buchenwälder, reiche, fruchtbare Ebenen, herrliche Frucht- und Blumengärten, ein mildes, angenehmes Klima und ist überhaupt viel lieblicher als unser Land. — Und hast du nicht gehört, was soeben aus dem uralten Sagabuch vorgelesen wurde? Ich meine die Knytlingersaga, die Geschichte von den Dänenkönigen, mit der herrlichen Erzählung von König Knut und den Bauern.“

Jetzt kam mir alles wieder in den Sinn, was der Mann in der „Badstofa“ vorgelesen hatte. Es war dort von den Bauern die Rede, wie sie um ihre Wälder und Weiden kämpften, und wie sie besonders um den Öresund stritten, auf dem sie jahraus jahrein einen so reichen Heringsfang hatten, und den der König jetzt wegnehmen wollte, weil sie sich weigerten, ihm ihre Pferde zur Verfügung zu stellen, wenn er mit seinem Gefolge das Land durchzog.

Auch von geheimnisvollen grossen und reichen Schiffen war in der Saga die Rede, die plötzlich im Öresund auftauchten und dann spurlos verschwanden.

Am meisten aber hat mich die Geschichte von König Knut gefesselt. Er war ein starker Beschützer der Christen und jagte alle Heiden und Ungläubigen aus seinem Lande fort. Alle Mörder und Räuber, die sich an der Küste Dänemarks zeigten und das friedliebende dänische Volk beunruhigten, liess er töten.

Wenn einer dem andern etwas zuleide tat, dann wurde er auf dieselbe Weise bestraft, mit der er ihn misshandelt hatte. Die Furcht vor seiner Gerechtigkeit und vor seinen Strafen war so gross, dass niemand in seinem Reich zu stehlen wagte.

Ja die Liebe zur Ehrlichkeit ging bei dem grossen Dänenkönig Knut so weit, dass er seinem Volke den Rat gab, die Türen und Schränke nicht zu verschliessen, wenn sie vom Hause weggingen, und die Pferde nicht anzubinden. Und wenn dann jemand etwas gestohlen werde, oder er vermisse irgend eine Sache, dann möge er nur zu ihm kommen. Er werde ihm zunächst den Wert ersetzen, den das Gestohlene habe. Dann aber werde er mit Hilfe seiner Soldaten den Dieb suchen und ihn dermassen bestrafen, dass ihm ein für allemal die Lust zum Stehlen vergehe.

Dieser erste Eindruck, den ich von Dänemark und den Dänen bekam, prägte sich tief in meine Seele ein, und mein Entschluss stand sofort fest: „Wenn ich einmal gross bin, dann werde ich Dänemark, die herrliche Wohnung der Freia, besuchen.“

2. Meine Träume erfüllen sich

Doch so lange sollte es nicht dauern bis zur Verwirklichung meines Wunsches, denn — merkwürdige Fügung! — kaum waren zwei Jahre vergangen — ich war eben zwölf Jahre alt geworden und wohnte bei meiner Mutter in der reizend schönen Stadt Akureyri auf Nordisland —, da kam eines Tages wie ein Blitz aus heiterem Himmel eine wunderbare Überraschung, wohl die grösste meines Lebens: ich sollte schon bald auf einem kleinen Segelschiff den gewaltigen Atlantischen Ozean durchqueren, um nach dem Lande meiner Sehnsucht, dem lieblichen Dänemark, zu reisen! ...

Man kann sich meine Ergriffenheit denken. Ich war kaum imstande, ein solches Glück zu fassen, und fiel gleichsam in eine dauernde Verzückung.

Die kühnsten Träume meiner Kindheit sollten jetzt mit einem Male in Erfüllung gehen — und zwar weit über alle meine Erwartungen hinaus.

Da ich in kurzer Zeit nach Dänemark reisen sollte, sehnte ich mich danach, noch etwas mehr über die Dänen und ihr Land zu erfahren.

Ich suchte daher jede Gelegenheit auf, mich über Dänemark zu erkundigen, und bemühte mich, mit einigen Dänen, die sich eben zu dieser Zeit in dem Städtchen aufhielten, zusammenzukommen, um sie mir etwas näher anzusehen und um ihren Charakter und ihr Wesen kennen zu lernen.

Eines Tages hatte ich hierin besonderes Glück:

Ich hatte mich ans Meeresufer begeben, das ganz nahe an unser Haus heranreichte, und betrachtete dort die grossen ruhigen Wellen, die ununterbrochen an den Strand schlugen, um gleich darauf eines jähen Todes zu sterben, und ich schaute dort den Wasservögeln zu, die in den Lüften und auf den Wellen ihr fröhliches Spiel trieben.

Da auf einmal kam ein kleiner Junge zu mir hergelaufen. Ich kannte ihn gut; er gehörte einer Familie der Stadt an.

„Nonni“, rief er mir zu, „du sollst sofort zu einem Fest bei dem Amtmann Havstein kommen; es sind sechs Knaben und sechs Mädchen eingeladen. Wir beide gehören dazu. Wir sollen dort Schokolade trinken.“

„Aber was ist das für ein Fest?“ fragte ich.

„Man will den Geburtstag der beiden kleinen Kopenhagener feiern, die seit einigen Tagen beim Amtmann als Gäste wohnen.“

Hocherfreut über diese feine Einladung und über das Glück, zwei kleine Dänen aus Kopenhagen sehen und sprechen zu dürfen, lief ich schnell nach Hause, um mich in Ordnung zu bringen. Der kleine Bote kam mit.

Meine Mutter wusste schon Bescheid und erlaubte mir gern, die Einladung anzunehmen.

Als ich mich gewaschen und meine Kleider gereinigt hatte, gingen wir zum Amtmann. Sein Haus war das schönste und grösste in der ganzen Stadt. — Wir traten ein. Die jungen Eingeladenen waren schon fast alle zur Stelle. Es war eine überaus frische und lustige Kindergesellschaft. — Die kleinen Dänen bildeten den Mittelpunkt der ganzen Versammlung. Es waren ein elfjähriger Junge und seine um ein Jahr ältere Schwester, beide Kinder eines sehr reichen Kaufmanns aus Kopenhagen, der auf seinem eigenen Schiffe mit ihnen den langen Weg von Dänemark nach Island gemacht hatte.

Wir wurden alle den jungen Fremden vorgestellt und suchten mit ihnen einige Worte in ihrer Sprache zu wechseln. Es ging aber schwer. Sie konnten kein Wort Isländisch und wir nur wenig Dänisch. Es gelang mir aber doch, in mangelhaftem Dänisch ihnen mitzuteilen, dass ich bald zum ersten Mal nach ihrer Vaterstadt Kopenhagen reisen solle.

Das interessierte sie lebhaft. Sie kamen gleich auf mich zu, nahmen mich in ihre Mitte und erzählten mir allerlei von der grossen Stadt, die sie aus und ein kannten. Leider hatte ich Mühe, alles zu verstehen, denn sie sprachen sehr schnell, wie es alle Dänen tun.

Ihre Freundlichkeit aber und ihre feinen Manieren gefielen mir ausserordentlich gut. Ja sie waren so liebenswürdig, dass ich es gar nicht beschreiben kann. — Von unserem Geplauder habe ich noch Folgendes behalten können:

Der kleine Knabe sagte:

„Aber du musst uns unbedingt besuchen, wenn du nach Kopenhagen kommst.“

„Das werde ich sicher tun“, antwortete ich. „Aber wie kann ich euch dort finden?“

„O das ist ganz leicht. Wir wohnen in der Kvästhusstrasse. Jedermann kennt dort unsern Namen.“

„Und wir werden dich mitnehmen ins Theater, wenn ein Kinderstück aufgeführt wird“, sagte das kleine Mädchen.

„Und in den Lustgarten ‚Tivoli‘, wo es so vieles zu sehen gibt“, fügte der Knabe hinzu.

„Und auch auf einen Kinderball“, fuhr das kleine Mädchen fort. „Du kannst doch tanzen?“

„Ja, aber nur Polka. Hier haben wir nur ganz selten einen Kinderball. Ich habe nur Polka gelernt.“

„O das ist aber auch genug. Dann wirst du mit mir Polka tanzen.“

Wie sie sprechen und plaudern konnten, diese dänischen Kinder! Und wie sie fröhlich waren! Und wie sie sich fein und nett benahmen! Ich war erstaunt und musste zugestehen, dass sie in jeder Beziehung viel feiner und geschliffener waren als wir. Ich schaute zu ihnen hinauf mit der grössten Verehrung, wie zu Wesen aus einer andern Welt.

„Aber wie heisst ihr?“ fragte ich jetzt.

„Ich heisse Dagmar“, antwortete das kleine Mädchen.

„Und ich Eskil“, sagte der Knabe.

„Und wie heisst du?“ fragten sie dann mich.

„Ich heisse Jón Svensson. Und mein Kindername ist Nonni.“

„Nonni! Den Namen wollen wir uns merken. Der klingt schöner und ist leichter zu behalten als der andere.“

„Aber Kinder!“ rief jetzt plötzlich Amtmann Havstein der Kinderschar zu, „wollt ihr nicht irgend etwas spielen, bevor ihr ins Speisezimmer geht?“

„Gewiss, gewiss!“ tönte es von allen Seiten zurück.

Die kleinen Dänen machten ein paar Schritte rückwärts und warteten bescheiden, dass wir irgend ein Spiel anfingen.

Doch wir schauten uns unschlüssig an, und keiner wagte, etwas vorzuschlagen. Die feinen kleinen Dänen, dachten wir, kennen sicher unsere isländischen Spiele nicht.

Es entstand eine kurze Verlegenheitspause.

Da schlug der Amtmann vor:

„Aber Eskil und Dagmar, ihr kennt so viele hübsche dänische Kinderspiele. Fangt doch irgend etwas an. Die andern werden schon mittun.“

Da hätte man aber die Geschicklichkeit und Überlegenheit der kleinen Dänen sehen sollen! Sie erklärten sich sofort bereit und waren nun lauter Beweglichkeit und Leben.

Leicht und rasch wie Schmetterlinge flatterten sie hin und her, stellten uns in Reihen und Kreise auf, gaben jedem seinen Platz, und nun wurden Reigen aufgeführt, alles unter ihrer Leitung. Es wurde fröhlich gesungen, gelacht und getanzt, bis unsere Wangen förmlich glühten in den schönsten, gesundesten Farben.

Dann wurden wir ins Speisezimmer geführt, wo wir auf das beste bewirtet wurden, und wo unter der mütterlichen Anleitung der Frau Amtmännin sogar ein paar kleine, kindliche Tischreden in gutem Isländisch und mangelhaftem Dänisch zu Ehren der fremden Gäste gehalten wurden. Diese antworteten und dankten auf die ungezwungenste und liebenswürdigste Weise. Sie sagten unter anderem: am liebsten würden sie uns alle auf ihrem Schiffe nach Kopenhagen mitnehmen.

Wie verstanden sie es doch, durch ihre echt dänische Freundlichkeit alle Herzen für sich zu gewinnen!

3. Tapfere Dänen

Schneller, als wir es haben wollten, war das Fest zu Ende, und wir mussten Abschied nehmen.

„Auf Wiedersehen in Kopenhagen, Nonni!“ sagten die beiden dänischen Kinder zu mir, als ich ihnen die Hand reichte.

„Auf baldiges Wiedersehen!“ antwortete ich.

Dann gingen wir alle nach Hause.

Ich war entzückt über die Bekanntschaft, die ich da gemacht hatte, und die Dänen stiegen immer höher in meiner Achtung.

Als ich nach Hause kam, erzählte ich meiner Mutter, wie ausnehmend gut die dänischen Kinder mir gefallen hatten.

„Das will ich schon glauben“, sagte sie mit einem freundlichen Lächeln. „Die dänische Liebenswürdigkeit ist überall bekannt.“

„Aber glaubst du, Mutter, dass alle dänischen Kinder so liebenswürdig sind wie diese?“

Die Mutter lachte über meine Frage und antwortete: „Die meisten von ihnen werden wohl so sein.“

Beim kleinen Feste im Hause des Amtmanns hatte ich mich aus eigener Erfahrung von der Liebenswürdigkeit des dänischen Charakters überzeugen können. Jetzt kam mir aber der Gedanke: Ob die Dänen auch energisch, männlich und tapfer sind?

Die herrlichen isländischen Sagas waren meine Lieblingslektüre. Dort aber spielen Starkmut und Männlichkeit eine gewaltig grosse Rolle. — Ich lief zu meiner Mutter. — „Mutter“, fragte ich, „sind wohl die Dänen auch ebenso mutig, wie sie liebenswürdig sind?“

Die Mutter erwiderte lachend:

„Aber, mein kleiner Nonni, du scheinst nur noch Dänen in deinem Kopf zu haben. — Doch ich begreife das schon, da du ja bald nach Dänemark reisen sollst“, fügte sie in einem etwas ernsteren Tone bei. „Nun, was deine Frage angeht, so kann ich dir sagen, dass die Dänen nicht nur liebenswürdige, sondern auch ganz hervorragend tüchtige, mutige und tapfere Menschen sind.“

Ich schaute die Mutter gespannt an, und sofort erinnerte ich mich wieder an König Knut und die Bauern am Öresund. Ich erzählte der Mutter, was ich wusste, und gleich fuhr sie begeistert fort:

„Ja, König Knut war nicht nur tapfer, er war auch gerecht. Er beschützte Dänemark mit seiner starken Hand und machte es zu einem grossen Reich. Schon mit zehn Jahren wurde er zum König von Dänemark ernannt. Mit dreizehn Jahren sammelte er ein gewaltiges Heer. Er sandte auch nach Norwegen Botschaft an seinen Schwager Fürst Erich und lud ihn ein, ebenfalls ein Heer zu sammeln und mit nach England zu fahren. Denn Erich war sehr berühmt wegen seiner Kriegstaten. König Knut steuerte mit seiner Flotte nach England, und die Saga erzählt:

Stürmischer zog nie

ein gepanzerter Krieger

in die Welt;

die Kampfschilde Knuts

färbten sich rot am Lande.

König Edmund von England wehrte sich heftig. Er kam König Knut so nahe, dass er ihn mit einem Schwerthieb erreichte. König Knut warf schnell den Schild über den Hals seines Pferdes. Aber der Hieb König Edmunds war so stark, dass er den Schild zerschnitt und das Pferd im Bug spaltete. Nun aber umringten die dänischen Krieger den englischen König so sehr, dass seine Soldaten ihn nicht mehr sahen. Sie glaubten, er wäre gefallen, und ergriffen die Flucht. König Knut aber drang mit seinem Heer immer tiefer in das Land ein und unterwarf das ganze englische Volk.“

Mein Staunen wurde immer grösser. Aber ich sah es der Mutter an, dass sie noch nicht fertig war mit dem Erzählen. Ohne dass ich lang zu waren brauchte, fuhr sie auch gleich weiter:

„Es ist wahr, König Knut war nicht nur ein tapferer Krieger und tüchtiger Herrscher, er war auch ein gottesfürchtiger Mann.

König Erich, ein Nachkomme König Knuts, liess die klügsten Männer in seinem Reiche alle zusammenrufen, gelehrte und ungelehrte, und erklärte, es sei sein Wille, dass die Gruft König Knuts untersucht würde, wenn die Priester nichts dagegen hätten.

Nun baten alle den König, zu bestimmen, und so zogen sie mit dem Einverständnis der Bischöfe und des ganzen Volkes auf Geheiss des Königs mit zahlreichem Gefolge nach Fünen, wo der König lag. Die besten Männer in Dänemark waren dabei.

Darauf wurde das Grab König Knuts geöffnet und der Sarg herausgenommen, und seine Überreste mit Lobgesängen um die Kirche herumgetragen. Vor der Kirche aber sass ein Mann, der seit langem ein Krüppel war. Er sass gerade am Wege, wo der Zug mit den Überresten vorbeiging, so dass die Männer den Sarg über ihn hinwegtragen mussten. Als der Sarg sich eben über dem armen Mann befand, stand dieser plötzlich auf und zog gesund mit den andern Männern um die Kirche und lobte Gott und den König Knut.

Jetzt wurde der Sarg in die Kirche getragen und mitten auf den Boden der Kirche gestellt. Darauf traten der König und die Priester hinzu. Der Sarg des Königs Knut wurde geöffnet, und siehe da, sein Leichnam war unversehrt, als ob er eben erst gestorben wäre. Allen, die zugegen waren, erschien das wie ein Wunder.

Nun wurde der Leichnam aus dem Sarge genommen und auf eine Bahre gelegt. Die Männer verlangten, dass man die Heiligkeit erproben solle, und alle riefen nach der Entscheidung des Königs. Der König sprach:

‚Ich bin dafür, dass die Probe gemacht wird, damit niemand sagen kann, das, was wir hier gesehen haben, sei eine Lüge der Dänen. Wir aber hoffen, dass Gott um der Verdienste des Königs Knut willen gewähren wird, dass seine Heiligkeit noch deutlicher und überzeugender werde, je mehr sie auf die Probe gestellt wird.‘

Da liess König Erich ungebleichte Leinwand nehmen und sie zu einer Puppe zusammenwickeln, so dass sie nicht länger und nicht kürzer war als König Knuts Leichnam. Darauf wurde diese Puppe auf den Leichnam gelegt, geweihtes Feuer genommen und die Leinwand angesteckt. Sie verbrannte vollständig, aber der Leichnam des grossen Königs Knut blieb unversehrt. Die Geistlichen stimmten das Tedeum an, und alle lobten den allmächtigen Gott und den heiligen König Knut.

Darauf wurde sogleich sein Todestag zu einem grossen Feiertag erhoben, und in ganz Dänemark wird sein Messetag gehalten wie die höchsten Festtage.“

Ich machte grosse Augen. Die Mutter fuhr fort:

„Das geschah alles vor vielen hundert Jahren. Und heute sind die Dänen nicht weniger tüchtig. Hast du nicht gehört, wie sie sich bei Düppel gegen die Preussen verteidigt haben? Da kämpften sie auf den Düppeler Schanzen in einem furchtbaren Handgemenge und wichen nicht eher, als bis 5200 der Ihrigen gefallen waren. Selbst ihre damaligen Gegner rühmten die Tapferkeit der Dänen bei dieser Gelegenheit.“

Einige Tage später sollte ich etwas erleben, wodurch mir der Starkmut und die Männlichkeit eines Dänen auf die erschütterndste Weise vor Augen geführt werden sollten. — Ich habe das tragische Erlebnis schon einmal erzählt, möchte es aber hier kurz wiederholen, weil es das Heldentum eines braven Dänen im schönsten Lichte zeigt.

Eines Morgens wurde ich von meiner Mutter mit einer dringenden Botschaft zu einem Hof geschickt, der hoch oben in den Bergen lag. — Ich sattelte mein Reitpferd Grani, rief mein Hündchen Fidel herbei, das auf allen meinen Reisen mein treuer Gefährte war, und ritt eiligst davon.

Kaum war ich aber eine kleine Strecke aus der Stadt hinausgeritten, da fängt auf einmal der Hund wütend zu bellen an. Auch das Pferd spitzte die Ohren. Ich warf scharfe Blicke nach vorn und entdeckte bald hinter einer kleinen Böschung einige fremde Gestalten. Ich erkannte sie gleich. Es waren dänische Matrosen vom grossen Kopenhagener Schiff „Hertha“, das eben auf der Reede gegenüber dem Städtchen lag. Sie hatten Landurlaub erhalten und gingen hier spazieren.

Ich kannte die wilde Art der jungen Matrosen und wollte ihnen in einem grossen Bogen ausweichen, aber es war zu spät. Sie fielen alle über mich her, umringten mich, ergriffen die Zügel meines Pferdes und hielten es fest. — Fidel bellte aus Leibeskräften die Fremden an.

„Herunter, du kleiner Isländer!“ riefen die Leute. „Wir wollen dein Pferdchen ein wenig probieren, ob es auch schnell laufen kann.“

„Nein, nein!“ rief ich, „ich kann nicht, ich darf nicht. Ich habe Eile. Ich muss voran.“

Und ich versuchte mich loszureissen und das Pferd voranzutreiben.

Da hatte ich aber nicht mit der Leidenschaft der Matrosen gerechnet. Diese Leute, die sonst immer auf dem Wasser leben, sind leidenschaftlich darauf erpicht, sobald sie ans Land kommen, sich unsere kleinen Ponys zu verschaffen, um Vergnügungsritte zu machen. Jetzt war eben eine gute Gelegenheit da. Ich war ihnen in die Hände gefallen, und sie waren nicht gesonnen, mich so ohne weiteres wieder entschlüpfen zu lassen.

Einer von ihnen fasste mich schon mit kräftigen Armen um den Leib und wollte mich vom Pferde herunterziehen. Ich wehrte mich, so gut ich konnte, und schlug sogar mit dem Schafte meiner Reitpeitsche um mich. — Der Mann liess mich los, aber nur für einen Augenblick. Mein Widerstand hatte ihn gereizt, und mit einigen Kameraden machte er Miene, mich jetzt etwas kräftiger anzupacken.

„Ihr kennt das Pferd nicht“, schrie ich den Angreifern zu, „es wird sich von euch losreissen und davonlaufen, und dann kann ich nicht weiter... Lasst mich doch los — ich darf mich nicht aufhalten ...“

Meine Lage fing an, gefährlich zu werden, und die Dänen schienen mir hier nicht so liebenswürdig wie sonst zu sein.

Da auf einmal trat einer der Leute an mich heran. Es war ein riesengrosser Mensch mit gewaltigem, blondem Vollbart. Er schob mit einem kräftigen Stoss seine hitzigen Landsleute von mir weg und sagte:

„Nein, das machen wir nicht. Der Junge hat Eile; wir wollen ihn weiterziehen lassen.“

Dann wandte er sich an mich und redete mich sanft an:

„Du kannst uns wohl dein Pferd nicht gut leihen, mein kleiner Freund?“

„Ihnen wollte ich es gern leihen. Doch diesmal kann ich es leider nicht. Ich darf keine Zeit verlieren.“

„Dann ist’s gut. Reite nur weiter. Du sollst von uns nichts zu fürchten haben.“

„Ich danke Ihnen herzlich“, sagte ich zu meinem freundlichen Befreier und sprengte davon.

Fidel stiess ein Freudengeheul aus. Dann lief er neben mir her, versäumte es aber nicht, einige Male noch den Kopf umzudrehen und ein zorniges Bellen nach der Richtung der Matrosen zurückzuschleudern.

Die Freundlichkeit des grossen dänischen Matrosen mit dem blonden Vollbart konnte ich nicht mehr vergessen. „Wenn ich ihm noch einmal begegne“, sagte ich zu mir selbst, „dann biete ich ihm sogleich mein Pferd an.“ —

Ich führte meinen Auftrag aus und kehrte bald wieder nach Hause zurück.

Auf dem Heimweg begegnete ich den Matrosen nicht mehr. Sie waren schon alle wieder auf ihr Schiff, die „Hertha“, zurückgekehrt.

Sobald ich meiner Mutter Rechenschaft abgelegt und mein Pferd wieder auf die Weide getrieben hatte, lief ich zum Meeresstrande hinunter, wo eine Menge meiner kleinen Kameraden auf dem reinen, trockenen Sande am Spielen war.

Es war sonniges, warmes Sommerwetter, und der glatte Meeresspiegel glänzte im Sonnenschein wie Silber und Gold.

Auf einmal drang zu uns von den Schiffen her, die auf der weiten Reede vor Anker lagen, ein starkes, dumpfes Geräusch, gefolgt von lautem, durchdringendem Geschrei. ...

Sofort hörten wir mit unserem Spiel auf und warfen angstvolle Blicke nach den Schiffen.

„Wo ist das gewesen?“ riefen einige.

Ein Junge zeigte mit der Hand nach der „Hertha“ und rief:

„Schaut doch, die Matrosen laufen ganz wirr durcheinander auf dem Deck herum.“

Aller Augen waren auf die „Hertha“ gerichtet.

Man war dort eben noch mit dem Ausladen grosser Weinfässer beschäftigt gewesen. Die schweren, vollen Fässer wurden mit starken Eisenketten aus dem Lastraum in die Höhe gehoben und dann in die Boote draussen an der Schiffswand heruntergelassen.

Ein Knabe rief:

„Ein Fass muss wohl von oben her auf dar Deck hinuntergefallen sein.“

„O Gott“, riefen einige, „dann ist aber gewiss ein Mann dabei zu Schaden gekommen!“

Nur zu bald sollten wir mit eigenen Augen sehen, dass diese Vermutung richtig war.

Ein Mann — offenbar ein Verunglückter — wurde nach einiger Zeit vorsichtig an der Schiffswand hinuntergelassen, um gleich darauf von einigen Matrosen ans Land gerudert zu werden.

Wir liefen alle zur Landungsstelle hin und sahen nun, als das Boot die Landungsbrücke erreichte, dass sechs dänische Matrosen einen Verwundeten ans Land brachten.

Der Verunglückte lag unbeweglich auf einer Strohmatratze mitten im Kahn unter einer grossen wollenen Decke. Seine Kameraden banden das Boot an der Brücke fest und stiegen aus. Der Sýslumaður, einer der höheren Beamten der kleinen Stadt, war schon zur Stelle.

Ich drängte mich näher heran, um hören zu können, was gesprochen wurde.

„Was ist mit dem Manne geschehen?“ fragte der Beamte.

„Ein Weinfass ist auf ihn heruntergefallen und hat ihm den ganzen Unterkörper zerquetscht“, antwortete einer der Matrosen.

„Schade, dass wir augenblicklich keinen Arzt hier im Orte haben. Doch es ist eine Hebamme da, die sich etwas auf Heilkunde versteht. Der Verwundete muss sofort zu ihr gebracht werden.“

Nun wurde der Mann aus dem Boot gehoben. Als er auf die Landungsbrücke niedergelegt wurde, kam sein Gesicht zum Vorschein.

Ich stiess einen lauten Schrei aus. ... Ich hatte nämlich in ihm sofort den freundlichen, grossen Dänen mit dem blonden Vollbart erkannt, der mich einige Stunden vorher aus den Händen seiner Kameraden befreit hatte.

Ich wurde so bestürzt, dass ich gleich nach Hause lief und meiner Mutter alles erzählte. Auch sie wurde sehr ergriffen und sagte, ich solle ohne Verzug nach dem Hause der Hebamme gehen und, nachdem der Mann verbunden worden sei, fragen, wie es mit ihm stehe.

Ich lief hin und wartete draussen, bis die Matrosen das Haus verliessen, um wieder an Bord zu gehen. Sie sahen alle sehr ernst und niedergeschlagen aus und sprachen nur ganz leise miteinander.

„Wie geht es ihm?“ fragte ich sie.

„Schlecht!“ war die einzige Antwort.

Ich ging ins Haus hinein und wurde freundlich von der Hebamme, die ich gut kannte, empfangen.

„Ist es wahr, dass es dem armen Manne schlecht geht?“ fragte ich sie.

„Ja, leider, mein kleiner Nonni; er wird kaum am Leben bleiben. Der ganze Unterkörper ist vollständig zerquetscht. Er ist schrecklich zugerichtet. Hier würde auch der beste Arzt nichts ausrichten können.“

Es traten mir Tränen in die Augen.

„Er ist noch bei Besinnung“, sagte sie, „und benimmt sich gefasst und mutig wie ein Held. Willst du zu ihm hineingehen, Nonni?“

„Ja, sehr gerne“, erwiderte ich.

Sie führte mich hinein. Der Mann lag in einem kleinen Zimmer auf einem guten Lager. Er war mit einem grossen Federbett aus sehr leichten, echten isländischen Eiderdaunen zugedeckt. Nur der Kopf war noch sichtbar.

Ich näherte mich dem Bette. Der Schwerverletzte schaute mich an und schien mich zu erkennen. Er musste furchtbare Schmerzen ausstehen. Er atmete kurz und schnell und presste die Lippen zusammen. Ich kam ganz nahe an sein Gesicht und flüsterte ihm zu:

„Kennen Sie mich?“

„Ja, mein kleiner Freund.“

„O, wie tut es mir leid, dass Sie so verletzt sind!“

„Gott hat es gewollt. Wir dürfen nicht klagen“, antwortete der starke Mann und biss sich vor Schmerz auf die Lippen.

„Ich will Gott bitten, dass Sie wieder gesund werden.“

„Ich danke dir, kleiner Freund. Gottes Wille muss aber geschehen.“

„Sie haben wohl grosse Schmerzen?“

„Nicht mehr, als zu erwarten ist“, antwortete er mit grosser Anstrengung.

Da ich nicht recht wusste, was ich weiter tun oder sagen sollte und auch befürchtete, ihn zu ermüden, strich ich ihm mit der linken Hand ganz sanft über seine dichten Haare, als Zeichen meiner Teilnahme.

Der Mann schien gerührt zu sein, er schaute mich ungemein mild und freundlich an und sagte:

„Du bist ein guter Junge. Wie heisst du?“

„Ich heisse Nonni. Und ich möchte so gern etwas für Sie tun, weil Sie mir heute morgen geholfen haben.“

„Das Beste, was du für mich tun kannst, mein lieber Nonni, ist, für mich zu beten.“

„O, das will ich aber auch tun“, erwiderte ich. Und heisse Tränen liefen mir die Wangen herunter.

Jetzt kamen auch ihm, dem grossen, starken Manne, Tränen in die Augen, und mit ganz schwacher Stimme sagte er: „Ich habe auch einen kleinen Jungen in Dänemark. — — Er ist in deinem Alter. — — Ich fürchte, dass ich — — — ihn nie mehr — — —.“

Er konnte den Satz nicht zu Ende sprechen. Ein so starkes Zittern ging durch seinen Körper, dass die Bettstelle aus den Fugen zu gehen drohte, und sein Gesichtsausdruck veränderte sich.

Ich erschrak, lief hinaus und rief die Frau des Hauses.

„Ich glaube, er ist im Sterben!“ rief ich ihr zu.

Sie kam sofort ins Zimmer herein.

„Es ist ein Anfall“, sagte sie.

„Kann ich etwas für ihn tun?“ fragte ich.

„O nein, mein Junge. Du bist zu klein, um hier helfen zu können. Doch ich danke dir für deinen guten Willen. Geh jetzt wieder nach Hause.“

Ganz traurig und niedergeschlagen verliess ich den Schwerverwundeten. Ich war voll Bewunderung über die Fassung und den Heldenmut, mit welchem dieser Däne sein furchtbares Los ertrug.

Ich hielt mein Versprechen und betete viel für ihn.

Am folgenden Tag, sobald ich aufgestanden war, lief ich wieder hin, um ihn zu besuchen. Doch als ich ins Zimmer trat, lag er unbeweglich da mit geschlossenem Mund und geschlossenen Augen und atmete immer noch sehr schwer.

Die Frau sagte: „Jetzt wird er dich nicht mehr erkennen, mein kleiner Nonni. Er hat den Starrkrampf bekommen.“ — Ich näherte mich ihm, wünschte ihm einen guten Tag und strich ihm wieder mit der Hand über die Haare. — Ach, diesmal gab er kein Zeichen mehr. Augen und Mund blieben fest geschlossen, und zu meinem Schrecken knirschte er zuweilen sehr stark mit den Zähnen.

„Es ist der Starrkrampf“, sagte die Frau. „Er kann den Mund nicht mehr öffnen.“

Ich blieb nur kurze Zeit bei ihm; denn er hatte die Besinnung vollständig verloren. — Er kam nicht mehr zu sich und starb nach ein paar Tagen.

Als er zu Grabe getragen wurde, schritten viele Dänen, meistens Seeleute von den Schiffen, die auf der Reede lagen, und auch einige Isländer hinter dem Sarg. In wehmütiger Stimmung schloss ich mich dem Zuge an.

Unterwegs fragte mich der Geistliche, an dessen Seite ich ging, ob ich den Verstorbenen gekannt habe.

Ich erzählte ihm von meiner Begegnung mit ihm und seinen Kameraden auf dem Wege, und wie er mir da geholfen habe. Ich sagte ihm auch, ich hätte ihn auf dem Sterbebette besucht, und wie mutig und schön er sich bei seinen schweren Leiden benommen habe.

„Er muss ein guter Mann gewesen sein“, sagte der Geistliche.

Und bei seiner Leichenrede am Grabe erwähnte er kurz — doch ohne meinen Namen zu nennen —, was er soeben von mir über den Toten gehört hatte.

Bald nachher reiste ich ab nach dem schönen Lande Eskils und Dagmars und des toten dänischen Matrosen.

4. Übers Meer in die weite Welt hinaus

Es war an einem Septembernachmittag des Jahres 1870, als ich auf dem Bornholmschen Segler „Valdemar“ mein Heimatland Island verliess und durch den prächtigen Eyjafjördur segelte, um nach Kopenhagen zu fahren. Die Fahrt auf dem Atlantischen Ozean, von Island nach Dänemark, die sonst nur einige Tage dauerte, nahm diesmal fünf Wochen in Anspruch; denn die wilden Herbststürme trieben zu der Zeit eben ihr gefährliches Spiel auf dem weiten Meer.

Wir wurden vom Sturm erfasst und über den Polarkreis hinaus tief ins Eismeer unter riesengrosse Eisberge gedrängt. Nach langen Bemühungen gelang es der Mannschaft, das Schiff wieder aus dem Eis ins offene Meer hinauszuziehen. Dabei wurden sie von hungrigen Eisbären überfallen und ein Matrose und der Kapitän schwer verwundet.

Das war eine gefährliche Fahrt, aber sie war schön, und als wir an einem sonnig-heiteren Herbsttage in Kopenhagen ankamen, waren alle froh über diese ungewöhnlichen Erlebnisse.

Wie es mir bei diesem ersten Aufenthalt in Kopenhagen und am Öresund erging, das habe ich in den Büchern „Die Stadt am Meer“, „Abenteuer auf den Inseln“ und „Wie Nonni das Glück fand“ erzählt. Hier will ich nur die Geschichte von dem verhängnisvollen Mittagessen nachholen, das mir die etwas strenge Haushälterin, Madame Valentin, einmal bereitete.

Als ich einige Tage vor den Ferien aus der Schule zurückkam, ging ich — wie gewöhnlich — auf das kleine Zimmerchen, wo ich mein Mittagessen einzunehmen pflegte. Die junge deutsche Magd des Hauses brachte es mir und wünschte mir guten Appetit. Dieser freundliche Wunsch der kleinen Magd wäre sonst kaum nötig gewesen, denn ich hatte den gesundesten Knabenappetit, den man sich nur denken kann. Aber kaum hatte ich diesmal zu essen angefangen, da befiel mich plötzlich eine merkwürdige Übelkeit. Ich versuchte sie zu besiegen, aber ohne jeden Erfolg.

Was hatte man mir eigentlich da gebracht? Ich schaute aufmerksam in meinen Teller und entdeckte nun, dass das Fleisch ungewöhnlich fett war — und mich aus diesem Grunde unwiderstehlich anekelte. Ich liess es darum unberührt auf dem Teller liegen.

Als die junge Magd bald wieder in das Zimmer eintrat, fragte ich sie, was für ein Fleisch das sei.

„Es kommt von einem Tiere, Nonni, das keinen feinen Namen hat. Es ist aber sehr gutes Fleisch.“

„Von welchem Tiere kommt es denn?“

„Es kommt vom Schwein, Nonni.“

„Oh, vom Schwein! Ich will gern glauben, dass es ein feines Fleisch ist“, erwiderte ich, „aber es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich ein solches Fleisch sehe. Ich bin nicht daran gewöhnt, und es ist mir unmöglich, es zu essen.“

„Das tut mir leid, Nonni. Ich will es gleich der Madame Valentin sagen, vielleicht hat sie etwas anderes für dich.“

Sie ging hinaus. Kurz darauf hörte ich feste, hastige Schritte im Gang. Die Tür wird eilig aufgemacht. Und in das Zimmer tritt mit zornigem Gesicht die würdige Madame Valentin.

„Was höre ich, Junge!“ fuhr sie mich an. „Du willst das Fleisch nicht essen, das ich für dich bestimmt habe? Ist das wahr?“

Ganz erstaunt über die heftige Erregung der Haushälterin, antwortete ich beschwichtigend:

„Aber, Madame Valentin, ich bitte Sie, mir zu verzeihen; ich habe mir alle Mühe gegeben, das Fleisch zu essen. Ich kann es aber nicht.“

„Wie, ein so gutes Fleisch kannst du nicht essen? Und warum denn nicht?“

„Ich weiss es nicht, Madame Valentin. Aber es widersteht mir fürchterlich. Ich glaube, es kommt daher, weil ich solches Fleisch noch nie gegessen habe. In Island gibt es solche Tiere nicht.“

„Schäme dich, Junge! Das ist alles kein Grund. Was man will, das kann man. Es ist nur Eigensinn von deiner Seite. Ich habe dir ein gutes Essen gegeben. Und ich erkläre dir, dass du nichts bekommen wirst, bis du das ganze Fleisch dort auf dem Teller aufgegessen hast.“

Mit diesen Worten ging Madame Valentin, rot vor Zorn, aus dem Zimmer und schlug die Tür heftig hinter sich zu.

Ich war überzeugt, dass ich sehr schuldig sein müsse, sonst hätte eine so verständige Frau unmöglich in einen solchen Zorn gegen mich geraten können. Aber meine Lage war schlimm — und ich wusste gar nicht, wie ich mir helfen sollte.

Ich erneuerte meine Versuche mit der schrecklichen Speise. Aber alles war umsonst. Es war mir unmöglich, meine Unlust zu überwinden. Doch wenn die Haushälterin sagte, es sei Eigensinn, dann musste es wohl Eigensinn sein.

Wie war ich doch unglücklich! Hungrig und mit Tränen in den Augen stand ich schliesslich vom Tische auf und ging auf mein Zimmer.

Da ich viele Schulaufgaben zu erledigen hatte, setzte ich mich an meinen Tisch und fing an zu arbeiten. Das half mir, wenigstens für einige Zeit, meinen Hunger einigermassen zu vergessen.

So beschäftigte ich mich fast den ganzen Nachmittag mit Lesen und Schreiben und allerlei traurigen Betrachtungen über meinen Eigensinn und meine sonstigen bösen Eigenschaften.

Als endlich die Zeit zum Abendessen da war, verliess ich meine Stube und ging mit pochendem Herzen nach dem kleinen Speisezimmer hinunter.

Auf der Treppe begegnete ich der kleinen deutschen Magd. Sie warf mir im Vorbeigehen einen traurig-mitleidigen Blick zu, ohne mir ein Wort zu sagen.

Ich schämte mich vor ihr und dachte: „Sie hat sicher schon von Madame Valentin zu hören bekommen, dass ich ein böser und eigensinniger Junge bin.“ Das war mir aber sehr unangenehm.

Als ich in das Speisezimmer eintrat, fand ich nur ein Schnittchen Schwarzbrot auf dem Tische liegen. Daneben Messer und Gabel. Ich war aber so hungrig, dass das Schwarzbrot mir als Leckerbissen vorkam.

Ich setzte mich an den Tisch und wartete eine Weile. Bald wurden Schritte im Gang vernehmbar. — Die Türe ging ganz leise auf, und die kleine Magd trat ein.

Sie trug einen Teller in der Hand und stellte ihn mit betrübtem Gesicht vor mich auf den Tisch. Auf dem Teller war aber nichts anderes zu sehen als das grosse Stück Fleisch vom Mittag, im Fett schwimmend.

Beim blossen Anblick des Gerichtes fing wieder — trotz meines Hungers — die Übelkeit an. Dabei schämte ich mich unsäglich vor dem Mädchen, welches sicher wusste, was für ein böser Übeltäter ich war. Mit gesenktem Haupte sass ich da, ohne sie auch nur anzuschauen. Sie aber fasste mich sanft beim Arm, beugte sich zu mir herunter und flüsterte mir ganz leise ins Ohr:

„Armer Nonni, versuch doch, das Fleisch zu essen, dann ist alles vorüber. Sonst wird Madame Valentin so bös!“ Dann hüpfte sie schnell aus dem Zimmer hinaus.

Ich kann gar nicht sagen, wie die freundliche Teilnahme des jungen Mädchens mir wohl tat. „Gott segne sie!“ dachte ich bei mir. „Die ist also wenigstens nicht böse auf mich.“ So sass ich allein da und sollte mein schreckliches Mahl beginnen.

Mit dem Schwarzbrot fing ich an. Das ging ganz gut. Wegen des Hungers schmeckte es mir wie ein süsser Kuchen.

Dann versuchte ich es wieder mit dem Fleisch. Ich schnitt ein kleines Stückchen ab und tat es behutsam in den Mund ... Kaum hatte es aber meine Zunge berührt, da war die „Seekrankheit“ und das Würgen wieder da.

Aus Gehorsam gegen Madame Valentin wollte ich mich aber diesmal mit aller Gewalt zwingen. Doch der Ekel und das Würgen wurden so stark, dass ich den kleinen Bissen wieder auf den Rand des Tellers fallen lassen musste. Da half keine noch so grosse Anstrengung. — Ich konnte nicht. Und doch war ich so hungrig und so schwach geworden ... Es war ein Elend. Traurig stand ich auf und ging aus dem Zimmer. Draussen auf dem Gang stand die kleine Magd.

„Ging es, Nonni?“ flüsterte sie mir zu.

„Nein, Marie, es ging nicht. Es will gar nicht gehen. — Und ich habe mich doch so angestrengt.“

„Armer Nonni!“ sagte sie traurig und verschwand durch die Küchentür. Ich aber ging auf mein Zimmer und legte mich bald zu Bett.

Vor dem Einschlafen bat ich Gott, mir zu helfen, meinen Eigensinn zu überwinden und gehorsam zu sein gegen Madame Valentin. Trotz meines Hungers schlief ich bald ein und wachte erst am folgenden Morgen wieder auf.

Bevor ich das Haus verliess, um zur Schule zu gehen, begab ich mich wieder in das kleine Speisezimmer. Statt aber mein gewöhnliches Frühstück zu finden: Kaffee und Milch, Butter und Brot, sehe ich da auf dem Tisch den Teller mit der für mich ungeniessbaren Speise! Ein kleines Stück Schwarzbrot lag wieder dabei.

Ohne die vergeblichen Versuche wieder anzustellen, nahm ich das Schwarzbrot, steckte es in die Tasche und verliess traurig das Haus.

Während der Schul- und Spielstunden fühlte ich mich sehr erschöpft und nahm wenig teil an allem, was vor sich ging. Meine Zurückhaltung fiel sowohl den Lehrern als auch meinen Schulkameraden auf. In einer der Schulstunden fragte mich plötzlich ein Lehrer:

„Aber, Nonni, was hast du denn heute? Du bist so still und siehst so blass aus.“

„Ich bin ein wenig unwohl, Herr Lehrer“, erwiderte ich. Ich hütete mich aber, den Grund meines Unwohlseins zu verraten.

„Er hat wahrscheinlich Leibweh“, bemerkte ganz leise ein kleiner Spassvogel. — Unterdrücktes Lachen auf den Bänken rundherum. „Wahrscheinlich zu viel Pfannkuchen gegessen“, flüsterte kichernd ein anderer.

Es wurde um mich herum etwas lauter gelacht, und viele steckten die Köpfe zusammen.

„Ruhig dort auf den hintern Bänken!“ donnerte der Lehrer.

Ich liess alles geduldig über mich ergehen und war nur mehr darauf bedacht, den wirklichen Sachverhalt nicht herauskommen zu lassen.

So verstrichen die Schulstunden mühselig und langsam, bis es endlich Zeit wurde, nach Hause zu gehen.

Als die frisch-fröhlichen Schuljungen, laut lachend und jubilierend, sich aus dem Schulgebäude in den innern kleinen Schulhof ergossen, suchte ich unbemerkt an den munteren Gruppen vorbeizuschlüpfen. Ich hatte keine Lust, mich ihnen, wie gewöhnlich, anzuschliessen. Ich wollte diesmal allein nach Hause gehen.

Wie ich aber gerade im Begriffe stand, den Schulhof zu verlassen, um auf die Strasse hinauszugehen, fühlte ich mich plötzlich von einer festen Hand am Arm gefasst und zurückgehalten.

Ich schaute mich rasch um und erblickte hinter mir den Herrn Doktor Niehaus, den Direktor der Schule.

„Nonni“, sagte er, „komm mit mir auf mein Zimmer.“ Sofort machte ich kehrt und ging mit dem Herrn Doktor wieder ins Haus hinein. Bald darauf standen wir vor der Tür seines Empfangszimmers.

Wir traten beide ein, worauf Doktor Niehaus die Tür wieder zumachte. Er setzte sich in seinen Lehnstuhl und zog mich bis zu seinen Knieen an sich heran. Dann schaute er mir einige Augenblicke freundlich ins Gesicht und sagte:

„Sag mir mal, mein kleiner Freund, ist dir heute nicht wohl?“

Statt gleich zu antworten, heftete ich zuerst, wie Kinder zu tun pflegen, einen forschenden Blick auf sein Gesicht, um gleichsam aus demselben herauszulesen, ob ich mich ihm auch ohne Gefahr anvertrauen dürfe. Die kurze Untersuchung fiel befriedigend aus. Es schien mir, dass aus den klaren Augen nichts anderes als echte Güte und Freundlichkeit leuchteten.

Beruhigt antwortete ich daher auf seine Frage:

„Ich danke Ihnen, Herr Direktor, für Ihre Freundlichkeit. Aber es ist wahr, mir ist nicht ganz wohl.“

„So! Fühlst du dich krank?“

„Nicht eigentlich krank ...“

„Wie! Es ist dir nicht wohl, und du bist doch nicht krank? Wie ist denn das zu verstehen?“

Wieder bohrte ich meinen Blick in seine Augen. Denn jetzt war er daran, mein Geheimnis aus mir herauszulocken.

„Aber was hast du denn, Nonni?“ fuhr er weiter fort. „Woran leidest du denn?“

Jetzt musste ich mich ganz eröffnen — oder vollständig verschliessen. Ich wählte das erstere. Ernst und feierlich sagte ich:

„Herr Direktor, ich bin nicht krank — sondern — ich bin — hungrig.“

Die Änderung im Gesichtsausdruck des Herrn Direktors war auffallend. Es war ein Gemisch von Verblüffung und Heiterkeit. Es war, wie wenn er nicht recht wüsste, ob er weinen oder lachen solle.

Ich war aber alles andere eher als zum Spassen aufgelegt, und mir war die Sache bitter ernst. — Ihm schien sie aber wohl eher komisch als ernst zu sein.

Nachdem er mich eine kleine Weile schweigend angeschaut hatte, sagte er schliesslich:

„Aber, mein lieber, kleiner Nonni, was hast du eigentlich gesagt? Ich fürchte, ich habe dich nicht recht verstanden.“

„Ich habe gesagt, Herr Doktor, dass ich sehr hungrig bin.“

Verständnislos schaute mich der Herr Doktor noch immer an. Dann fragte er:

„Wie ist denn das zu verstehen? Du bist hungrig, Nonni? Aber dann ist doch leicht zu helfen. Jetzt gehst du ja zum Mittagessen nach Haus.“

„Aber ich bekomme kein Mittagessen, Herr Doktor. Und ich habe heute kein Frühstück bekommen. Und auch gestern bekam ich den ganzen Tag nichts zu essen ...“ Und jetzt fingen die Tränen an, mir reichlich über die Wangen herunter zu rollen.

Ganz ernst und höchst erstaunt ergriff der Herr Doktor meine Hand und sagte:

„Aber, mein lieber Junge, wie soll ich das wieder verstehen! Du wohnst doch bei Herrn Doktor Grüder, nicht wahr?“

„Ja, Herr Direktor.“

„Und er lässt dich hungern und gibt dir nichts zu essen?“

„Er ist es nicht, Herr Doktor.“

„Wer denn?“

Ich schaute den Herrn Schuldirektor verlegen an und zauderte mit der Antwort. — Es schien mir nicht schön zu sein, Madame Valentin anzuklagen. — Doktor Niehaus schien meine Bedenken zu erraten. Er legte mir die Hand auf den Kopf und sagte sehr freundlich:

„Mein lieber Nonni, sei nicht bange, mir die ganze Wahrheit zu sagen. Ich werde dein Vertrauen gewiss nicht missbrauchen. — Also sage es mir ganz offen: Wer ist es, der dich drüben im Grüderschen Hause so behandelt?“

Jetzt entschloss ich mich, alles zu sagen. — Ich schaute also Herrn Niehaus fest an und antwortete:

„Es ist die Madame Valentin, Herr Doktor, sonst ist sie aber sehr gut zu mir.“

„Ah, ja, Madame Valentin. Sie ist ja die Haushälterin. Gibt dir denn Madame Valentin nichts zu essen?“

„Nein, Herr Doktor. Seit zwei Tagen nichts mehr. Und jetzt bin ich so hungrig, dass ich nichts mehr tun kann.“

Doktor Niehaus schüttelte den Kopf und sagte:

„Ist — das — wahr, Nonni? Seit zwei Tagen gibt Madame Valentin dir nichts zu essen.“

„Ja, Herr Doktor, es ist wahr.“

„Wirklich, rein nichts?“

„Nur Schweinefleisch, Herr Doktor, aber das kann ich ja nicht essen.“

Der Doktor lächelte.

„Wie hängt denn das zusammen, Nonni? Wird denn beim Herrn Doktor Grüder nur Schweinefleisch gegessen?“

„Die andern essen gute Sachen, aber ich bekomme nur Schweinefleisch.“

„Aber so was habe ich noch nie in meinem Leben gehört, dass man einem Jungen nur Schweinefleisch zu essen gibt! Warum tut denn Madame Valentin das?“

„Weil ich es nicht essen kann. Madame Valentin sagt, es sei Eigensinn.“

„Ah! So liegt die Sache. Jetzt fange ich an zu verstehen.“

Durch geschickte Fragen lockte nun Doktor Niehaus die ganze Geschichte aus mir heraus, und als der Sachverhalt klipp und klar vor ihm lag, tröstete er mich auf das freundlichste und versprach mir, er wolle mit Madame Valentin sprechen. Einstweilen solle ich dableiben und heute bei ihm zu Mittag speisen. Er werde dafür sorgen, dass mir kein solches Fleisch mehr vorgesetzt werde.

Mit grösstem Dank nahm ich die Einladung an, und nachdem ich mich durch das reichliche Mahl vollauf gestärkt hatte, dankte ich noch einmal herzlich dem gütigen Schuldirektor und verliess dann das gastliche Haus.

Als ich auf die Strasse hinausgekommen war, rief er mich noch einmal zurück und sagte mir leise:

„Sollte dir die Unglücksspeise noch einmal vorgesetzt werden, so lasse sie nur stehen. Ich werde selber sobald wie möglich alles wieder in Ordnung bringen.“

„Ich danke Ihnen vielmals, Herr Doktor“, sagte ich frisch und munter. Dann lief ich mit erleichtertem Herzen nach Hause. Ich wunderte mich, dass sowohl meine Erschöpfung als auch meine gedrückte Stimmung wie mit einem Schlag spurlos verschwunden waren.

Vor Madame Valentin spürte ich nun keine Furcht mehr, denn in Doktor Niehaus hatte ich einen starken Verbündeten gefunden. Durch das ärgerliche Abenteuer kam es mir aber vor, als sei Madame Valentin um einige Stufen in meiner Achtung gesunken. Ich bedauerte das aufrichtig und bemühte mich redlich, alle hässlichen Gefühle gegen sie zu bekämpfen. Es war mir aber unmöglich, die Überzeugung loszuwerden, dass sie mich ein wenig stiefmütterlich behandelt habe.

Leider war dadurch auch meine vorherige kindliche Zuneigung zu ihr in grosser Gefahr zu verschwinden. Ja, sie war auf einmal so sehr geschwächt worden, dass ich mir Gewalt antun musste, um mich nicht durch irgend welche tolle Knabenstreiche an ihr zu rächen.

Doch diese Versuchung suchte ich mit aller Kraft zu überwinden, denn jedesmal, wenn diese boshaften Gedanken kamen, erinnerte ich mich an eine der Ermahnungen meiner Mutter, die sie mir öfters auf das eindringlichste ans Herz gelegt hatte. Die lautete so:

„Wenn deine Vorgesetzten sich täuschen und wenn sie dir auch einmal aus Irrtum sogar eine unverdiente Strafe auferlegen sollten, dann nimm das alles geduldig und bescheiden hin, ohne ihnen zu zürnen, und vor allem such dich nie zu rächen. — In solchen Fällen denke an die vielen Fehler, die du begangen hast, ohne dafür bestraft worden zu sein. Nimm die unverdienten Strafen für die ungesühnten Fehler ruhig hin. Das wird dir Segen bringen.“

Diese Worte meiner lieben Mutter standen, von ihrer Hand geschrieben, auf dem Abschiedszettel, den sie mir bei meiner Abreise mitgab. Sie halfen mir jetzt mächtig, meinen aufbrechenden Zorn und meine Rachelust im Zaume zu halten.

Ich nahm mir immer wieder vor, auf das genaueste darnach zu handeln. Es war dies ein grosses Glück für mich, denn jetzt sollte das Schwerste kommen. — Der letzte Akt dieser tragikomischen Geschichte.

Sobald ich die Wohnung des Herrn Doktor Grüder erreicht hatte, ging ich ins Haus hinein und stieg — diesmal frisch und munter — die Treppe hinauf. Als ich oben im Gang an der Tür des kleinen Speisezimmers vorbeigehen wollte, höre ich plötzlich von der Küche her die Stimme der Haushälterin:

„Bist du es, Nonni?“

„Ja, Madame Valentin.“

„Warum kommst du heute so spät nach Haus?“

„Weil mich der Herr Doktor Niehaus zurückgehalten hat.“

„So, so!“ sagte sie. „Der Doktor Niehaus hat dich nachsitzen lassen?“

„Ja, Madame Valentin.“

Es war ja die Wahrheit. Aber den Grund des Nachsitzens wagte ich ihr nicht so recht zu sagen. Doch nun kam die gefürchtete Frage:

„Und warum hat denn der Doktor dich nachsitzen lassen?“

Ich schaute verlegen auf den Boden und überlegte, was ich da antworten sollte. Ich fand aber auf der Stelle keinen Ausweg. Und so stand ich einige Augenblicke schweigend da. Das muss wohl der energischen Frau verdächtig vorgekommen sein, denn auf einmal fuhr sie mich sehr heftig an:

„Antworte mir augenblicklich, eigensinniger Junge, was hast du in der Schule angestellt?“

„Ich habe nichts Böses angestellt, Madame Valentin“, erwiderte ich treuherzig.

Diesen Bescheid hat sie wahrscheinlich als eine offenbare Unwahrheit aufgefasst; denn als Antwort gab sie mir eine schallende Ohrfeige mit den Worten:

„Du willst mich glauben lassen, dass du unschuldig gestraft worden bist!“

Entsetzt und in höchstem Grade empört über diese Härte, fand ich im Nu meine ganze Kraft und Energie wieder.

Eine mächtige Welle von Zorn und Unmut stieg in meinem Innern auf. Noch nie in meinem Leben hatte ich eine Ohrfeige bekommen.

Ganz ausser mir und meiner selbst kaum mehr mächtig, war ich in diesem Augenblick nahe daran, meiner heftigen Aufregung alle Zügel schiessen zu lassen und völlig unüberlegt eine töricht-unwürdige Handlung gegen die Frau zu begehen. Mit jedem Atemzug stieg die Erbitterung in mir höher.

Da aber stand mit einem Male, wie blitzartig, das sanfternste Bild meiner Mutter wieder vor meinem Geiste, und es tönten mir ihre mahnenden Worte wieder entgegen:

„... Vor allem suche dich nie zu rächen ... Nimm die unverdienten Strafen für die ungesühnten Fehler ruhig hin ... Das wird dir Segen bringen ...“

Diese herrlichen Worte wirkten wie besänftigendes Öl auf die aufgeregten Wellen in meinem Innern. Ich fühlte, wie der unbändige Zorn sich langsam legte. Sofort stand es bei mir fest: ich richte mich nach den Worten meiner Mutter und werde mich nie an Madame Valentin rächen. Was dieser Entschluss aber mich kostete, das weiss Gott allein.

In der Zeit von wenigen Augenblicken war alles das in meiner Seele vor sich gegangen. Sobald ich den harten Schlag von der aufgeregten Frau auf meine Wange erhalten hatte, wich ich entsetzt einige Schritte zurück, schaute die Haushälterin fest an und rief ihr mit lauter Stimme zu:

„Warum schlagen Sie mich, Madame Valentin?“

Verblüfft schaute mich Madame Valentin an, und da sie keine Antwort gab, fuhr ich fort:

„Der Herr Doktor hat mich nicht zur Strafe zurückbehalten.“

„So, nicht zur Strafe! Warum denn sonst?“

„Er hat es nur getan, weil ich so hungrig war.“

„Wie?“

„Weil ich so hungrig war. Er hat mich zum Mittagessen eingeladen.“

Dieser Bescheid schien Madame Valentin nicht im mindesten zu gefallen. Im Gegenteil, er wirkte auf sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wenn sie vorher schon aufgeregt war, so wurde sie es jetzt wenn möglich noch mehr.

„Wie, er hat dich zum Mittagessen eingeladen! Dann hast du ihm etwas vorgelogen!“

„Nein, Madame Valentin“, protestierte ich energisch. „Ich habe ihm nichts vorgelogen.“

„Doch. Du musst ihm gesagt haben, ich habe dir schlechtes Essen gegeben.“

„Nein, Madame Valentin. Das habe ich nicht gesagt.“

„Hast du ihm von dem Fleisch gesprochen, das du aus Eigensinn nicht essen willst?“

„Ja, Madame Valentin.“

„Was hat er darauf gesagt?“

„Er hat gesagt, dass er zu Ihnen kommen werde, um darüber mit Ihnen zu sprechen.“

Madame Valentin wurde rot im Gesicht und sagte:

„Da haben wir es ja. Du hast ihm vorgemacht, ich sorge schlecht für dich.“

„Nein, Madame Valentin, das habe ich nicht. Ich habe ihm nur gesagt, dass ich dieses Fleisch nicht essen kann.“

Statt mir zu antworten, öffnete Madame Valentin die Tür zum Speisezimmer und befahl mir, hineinzugehen. Da sie mich schon geschlagen hatte, fürchtete ich, sie würde mich im Zimmer drinnen noch weiter schlagen. Ich blieb deshalb im Gange stehen und sagte in festem Tone:

„Wollen Sie mich noch weiter schlagen, Madame Valentin?“

„Nein. Ich habe etwas anderes vor. Geh schnell hinein.“

Jetzt gehorchte ich und ging in das Zimmer. — Sie folgte mir nach und schloss die Tür hinter sich zu.

Auf dem Tische stand der Teller mit dem alten Gericht. Ein Stück Schwarzbrot daneben.

Madame Valentin ging bis zum Tische hin, nahm das Messer und die Gabel, drehte sich zu mir und sagte:

„Wenn du dem Herrn Doktor Niehaus gesagt hast, dass ich dir schlechtes Essen gebe, so will ich dir jetzt beweisen, dass das eine Unwahrheit ist.“

Dann schnitt sie von dem Stück ab und fing an, davon zu essen.

Als sie zwei, drei kleine Stückchen genommen hatte, hörte sie auf und sagte:

„Jetzt kannst du sehen, dass ich, die Haushälterin dieses Hauses, von diesem Fleische ohne Schwierigkeit essen kann. — Also musst du es auch können. — Und jetzt erkläre ich dir, dass ich deinem Eigensinn nicht nachgeben werde, und dass du keine andere Speise von mir bekommen wirst, bevor du diese aufgegessen hast.“ Mit den Worten ging sie aus dem Zimmer.

Sobald sie fort war, erinnerte ich mich wieder an die Worte des Herrn Doktor Niehaus, der mir erklärt hatte, ich brauche von diesem Gericht nicht mehr zu essen. Dann überlegte ich einige Augenblicke, was nun zu tun sei. Auf einmal kam mir der Gedanke: Hier muss eine Kriegslist angewendet werden.

Auf einem der Stühle lag ein kleines Papier. Ich nahm es, schob das unglückselige Stück Fleisch, das mir schon so viel Verdruss gebracht hatte, aus dem Teller, suchte es in das Papier hineinzuwickeln und steckte es in die Tasche. Sie wurde ganz fettig, weil das Papier zu klein war.

Dann verliess ich das Zimmer und lief die Treppen hinunter auf die Strasse. Kaum war ich einige Schritte gegangen, als eine grosse dänische Dogge, ein echter Grand Danois, auf mich zusprang.

Das Tier schnüffelte eifrig an der Tasche herum, in welcher das Fleisch verborgen war. Es versuchte sogar seine Schnauze hineinzustecken. Da ich es nicht mehr loswerden konnte, zog ich das Paketchen heraus. Es war noch nicht ganz aus der Tasche, da packte es der gewaltige Hund zwischen die Zähne, legte sich auf das Pflaster und verschlang die willkommene Beute.

Damit hatte das traurige Mittagessen seine Bestimmung erreicht. Es war, wenn nicht von mir, so doch von einem andern Geschöpfe Gottes verspeist worden. Ich aber freute mich herzlich, dass es nun endlich aus der Welt geschafft war.

Aus Dankbarkeit ging ich noch zu dem grossen schönen Hund hin und klopfte ihm liebkosend auf den prächtigen Kopf. Auch er schien mir für den grossen Bissen sehr dankbar zu sein.

Ich machte noch einen schönen Spaziergang durch die Stadt, ging dann wieder nach Hause, um an meinen Schulaufgaben zu arbeiten. Kaum hatte ich aber ein Stündchen an meinem Arbeitstisch gesessen, da auf einmal höre ich Schritte und lautes Sprechen im Gange draussen. Gleich darauf wurde an meine Zimmertüre geklopft. Ich sprang auf, in der Meinung, es seien einige lustige Schulkameraden, lief zur Tür und öffnete hastig mit den Worten: „Willkommen! Willkommen!“

Aber zu meiner nicht geringen Überraschung stehen da vor der Tür — statt der lustigen Jungen — der freundlich lächelnde Schuldirektor Dr. Niehaus und die würdig-strenge Madame Valentin. Der Schuldirektor rief mir gleich zu:

„Ich bringe dir einen hohen Besuch, Nonni. Madame Valentin in eigener Person.“

„Das freut mich sehr, Herr Direktor“, erwiderte ich mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung. Sofort führte ich den hohen Besuch in das Zimmer und bot meine beiden einzigen Stühle an.

„Es soll nun jetzt“, fing — halb spassend, halb im Ernst — der Herr Doktor an, „zwischen Madame Valentin und dir Friede geschlossen werden. Bei der Gelegenheit kannst du versprechen, ihr gegenüber immer gehorsam und bescheiden zu sein.“

„Ja, Herr Direktor, das verspreche ich.“

„Und auch“, fügte Madame Valentin hinzu, „etwas weniger eigensinnig.“

„So, kannst du auch eigensinnig sein, Nonni?“ fragte der Doktor.

Statt direkt auf die Frage zu antworten, warf ich einen flüchtigen Blick auf Madame Valentin und sagte:

„Ich will auch versprechen, nicht eigensinnig zu sein.“

„Ja, wenn er das nur halten würde“, fuhr Madame Valentin dazwischen.

„Das wird er ganz sicher“, erklärte der Doktor. „Ich kenne ihn, er ist kein böser Junge.“

„Ich wollte, es wäre wahr“, sagte die Haushälterin. „Hier im Hause hat er es nun aber doch verstanden, mir recht unangenehme Schwierigkeiten zu machen; es hat lange gedauert, bis er sich endlich entschlossen hat, die Speise, die ich ihm vorgesetzt habe, zu essen. Erst nachdem ich ihm eine kleine Züchtigung erteilt habe, hat er es schliesslich getan.“

„So, Nonni“, sagte der Doktor, „du hast also doch schliesslich das Fleisch gegessen?“

„Nein, Herr Doktor. Ich habe es nicht essen können. Es war mir ganz unmöglich.“

„Wie kannst du aber so etwas sagen, Jungei!“ brauste Madame Valentin auf. „Vor einer guten Stunde hast du doch dein Mittagessen eingenommen! Den Teller haben wir ja soeben leer gefunden.“

Ich schwieg ganz beschämt und verlegen. Denn meine Kriegslist und die Geschichte mit dem Hund scheute ich mich zu verraten.

„Sie sehen es selber, Herr Doktor“, bemerkte jetzt Madame Valentin, „der Junge nimmt es nicht so genau mit der Wahrheit.“

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