Kitabı oku: «Zwischen Eis und Feuer»
Jón Svensson
Zwischen Eis und Feuer
Ein Ritt durch Island
Im Verein mit dem Verfasser
besorgte Neubearbeitung der autorisierten Übersetzung
von Johannes Mayrhofer
Saga
1. Winkende Ferien Mit Schiff Richtung Island
Im Juli 1894, gegen Ende eines anstrengenden Schuljahres, erhielt ich eines schönen Morgens die Nachricht, ich solle mich eilends bereit machen für eine Reise nach Island, um dort meine Sommerferien zu verbringen.
Das war für mich eine ausserordentlich freudige Botschaft.
Ich war damals Lehrer an einer Lateinschule bei Kopenhagen. Meine Ferien dauerten volle zwei Monate, da konnte man schon eine grössere Reise unternehmen.
Aber was noch viel mehr war: die Reise sollte nach Island gehen, nach dem zaubervollen Wunderland droben im Atlantischen Meer, mit seiner erinnerungsreichen stolzen Vorzeit und seiner grossartigen, herrlichen Natur, nach dem Land mit den brausenden Quellen, die ihre kochendheissen Wasser hoch in die Luft hinaufwerfen, nach dem Land mit den riesengrossen Wasserfällen, mit den zweitausend Feuerschlünden, von denen der grösste gross genug wäre, dass ganz Kopenhagen, die Hauptstadt Dänemarks, bequem auf seinem Grunde Platz hätte, während der kleinste nur einem kleinen, harmlosen Brünnlein gleicht, das aber in dem harten Basaltgestein unendlich tief in die Erde hinabreicht.
Dieses wunderbare, so eigentümlich schöne Land und seine ruhmvolle Geschichte liebte ich mit einer leidenschaftlichen Liebe.
Aber nicht nur das Land, auch seine Bevölkerung bewunderte und liebte ich: diese hochbegabten, feinfühligen, etwas stolzen und streitbaren, aber zugleich herzensguten und unvergleichlich gastfreien Menschen, dieses kleine isländische Volk, das nun über tausend Jahre schon da oben am Polarkreis mit rührender Treue über die alten Erinnerungen des skandinavischen Nordens wacht, das noch heute die so klangreiche, kräftige, poetische und feinentwickelte Sprache der alten Normannen redet: die Sprache der Edda und der Sagas, dieselbe Sprache noch, die einst Harald Schönhaar, Knut der Grosse und all die alten Helden gesprochen haben, deren männliche Taten das kleine isländische Volk vor dem Vergessen bewahrt hat.
Ja, dieses Land und Volk, sie waren mir gleich lieb, und ich freute mich unsäglich darauf, dorthin reisen zu dürfen.— Ich sollte Island, mein Heimatland, das ich als zwölfjähriger Knabe im Jahre 1870 verlassen hatte, zum ersten Mal jetzt wiedersehen!
Das Glück, das ich in meinem Herzen darüber empfand, kann ich unmöglich beschreiben. Ich will deshalb gleich anfangen zu erzählen, wie die Reise vor sich gehen sollte.
Die Fahrt über das Meer zwischen Dänemark und Island hatte ich schon früher einmal gemacht, aber nur in der Richtung von Island nach Dänemark. Es war im Jahre 1870, als ich, wie gesagt, noch ein kleiner zwölfjähriger Junge war.
Das Schiff, auf dem ich damals reiste, war der kleine dänische Segler „Valdemar von Rönne“.
Jene Reise dauerte fünf volle Wochen. Eisberge und wütende Herbststürme waren schuld daran, dass es so langsam ging. Die ganze abenteuerliche Fahrt habe ich in dem Buche „Nonni“ geschildert.
Mein nächstes Reiseziel war damals Kopenhagen, wo ich ein Jahr lang bleiben musste. Diesen Aufenthalt habe ich in meinem Buch „Die Stadt am Meer“ beschrieben.
Am 6. Juli 1894 nun sollte ich mit dem Dampfer „Botnia“ von Kopenhagen nach Reykjavik, der Hauptstadt Islands, fahren, von dort dann quer über die ganze vulkanische Insel reiten, von Südwest nach Norden, bis hinauf zu dem herrlichen Eyjafjördur, und von da sollte mich Anfang September der dänische Dampfer „Thyra“ wieder nach Kopenhagen zurückbringen.
Besonders der Ritt durch das Innere von Island erschien mir als der Glanzpunkt der ganzen Reise. Ein solcher Ritt über ausgedehnte, mir noch ganz unbekannte Strecken Landes musste reich werden an Erlebnissen und Abenteuern, die ich immer am meisten liebte, zumal da es ursprünglich meine Absicht gewesen war, allein, ohne Führer und Begleiter, zu reisen.
Aber ein gutes Geschick wollte es anders: es besorgte mir einen liebenswürdigen kleinen Reisekameraden.
Sobald nämlich meine Schüler davon erfuhren, dass ich nach dem fernen Island reisen sollte, kamen sie in der Pause draussen auf dem Spielplatz der genannten Schule alle zu mir herangestürmt und überschütteten mich, so wie nur die lebhaften dänischen Kinder es können, mit einer Menge Fragen.
Zuerst wollten sie sicher wissen, ob das mit der Islandfahrt überhaupt wahr sei. Als ich es bejahte, ging das Fragen los:
„Sie wollen also dahin reisen, wo aus den heissen Quellen das kochende Wasser hoch in die Luft hinaufspritzt?“
„Ja, dahin will ich reisen.“
„Und wo es die Schafe mit vier Hörnern gibt?“ rief ein anderer.
„Ganz richtig, die gibt es dort“, bestätigte ich.
„Und man reitet dort auf kleinen Pferden und setzt auf ihrem Rücken über die Flüsse?“
„Ja, das tut man.“
„Und es gibt dort Höhlen und unterirdische Gänge, in denen Geächtete leben?“
Hierauf antwortete ich:
„Ob es die jetzt noch gibt, weiss ich nicht. Früher allerdings hat es sie wohl gegeben.“
„Aber das Eis soll in Island so lange gefrieren, dass es zuletzt ganz trocken wird und als Brennholz gebraucht werden kann?“ bemerkte darauf ganz ernsthaft ein Kleiner.
Als ich ihn fragte, ob das ein Witz sein solle, erwiderte er:
„Nein, nein, mein Papa hat gesagt, das steht in einem alten Geschichtsbuch.“
Ich erklärte ihm darauf, dass dies wohl richtig sei, aber jener alte Schriftsteller (es war der Geschichtschreiber Adam von Bremen im 11. Jahrhundert) habe sich da geirrt. —
Nach dieser kurzen geschichtlichen Abschweifung ging das Fragen lustig weiter:
„In Island werden Sie gewiss auch die Hekla sehen?“ rief jetzt wieder einer.
„Ja, natürlich werde ich sie sehen!“
„Und werden Sie in den heissen Quellen auch Essen kochen?“
„Selbstverständlich, das werde ich bestimmt tun!“
„Und wie weit werden Sie überhaupt in das Land hineinreiten?“
„Ich werde quer durch die ganze Insel reisen“, sagte ich; „da werde ich über Berg und Tal, über Stock und Stein und über reissende Flüsse setzen müssen.“
„Und wann kommen Sie wieder zurück?“
„In etwa zwei Monaten.“ —
Auf einer solchen Reise wollten natürlich die Jungen am liebsten gleich alle mit dabei sein, und einer um den andern rief mir zu:
„Könnten Sie mich da nicht auch mitnehmen?“
„O ja, wenn eure Eltern es erlauben“, sagte ich.
Die meisten glaubten, dass sie diese Erlaubnis ohne weiteres bekommen würden.
Da läutete auf einmal die Schulglocke und brach unsere Unterredung ab. Der ganze Bubenschwarm stürmte auseinander und in die Schulzimmer zurück.
Was mich betraf, so hätte ich gern alle diese lustigen, lebhaften Jungen nach dem schönen Island mitgenommen; jedoch ich war überzeugt, dass ihre Eltern keinem die Einwilligung zu einer so langen und gefährlichen Reise geben würden. —
Darin irrte ich mich aber. Einer der Schüler, ein frischer, zwölfjähriger Junge aus Kopenhagen, der Sohn einer angesehenen Familie, brachte es fertig, dass er mitreisen durfte. Er hatte bei der Preisverteilung am Schluss des Schuljahres den ersten Preis in seiner Klasse erhalten, und zum Lohn dafür gaben ihm seine Eltern die so heiss begehrte Erlaubnis.
Der Name des Jungen war Frederik (auf deutsch Friedrich). —
Wir trafen nun sogleich beide mit dem grössten Eifer unsere Vorbereitungen, denn wie gesagt, schon am 6. Juli, vormittags 9 Uhr, sollte unser Schiff, der prächtig ausgestattete kleine Dampfer „Botnia“ von der „Vereinigten Dampfschiffahrtsgesellschaft“, von Kopenhagen abfahren und uns über Schottland und die Färöer-Inseln nach Island bringen.
Friedrich jubelte vor Freude und Begeisterung.
Als der Tag der Abreise gekommen war, begaben wir uns schon eine halbe Stunde vor der Abfahrt an Bord des Schiffes. Aber welche Überraschung! Auf dem Deck befanden sich bereits so viele Menschen, dass es fast buchstäblich einem Ameisenhaufen glich. Es war zunächst unmöglich, in diesem Gewimmel vorwärtszukommen.
Schliesslich glückte es mir aber, bis in die Nähe des Rauchsalons zu gelangen, freilich nicht ohne Hindernisse: bald stiess ich, ganz gegen meinen Willen, einen Herrn in den Rücken, bald einen in die Seite, einen dritten vor die Brust und meinen armen kleinen Reisegefährten sogar mitten ins Gesicht. Voll Reue, und um nicht noch mehr Unheil anzurichten, gab ich es zuletzt auf, mich weiter voranzudrängen, besonders da ich bald merkte, dass es in der Kajüte und im Rauchsalon ebenso voll war wie auf Deck.
„Wenn nur die Hälfte dieser Menschen mit nach Island soll“, sagte ein deutscher Herr, der hinter mir in dem Gedränge gleichfalls feststeckte, „dann haben wir in ein paar Tagen Hungersnot auf dem Schiff!“
Ich wollte gerade antworten, da läutete die grosse Schiffsglocke, und auf einmal begann die ganze Menschenmenge hinunter zu den Landungsbrücken zu stürmen. Friedrich und ich wurden beinahe umgerissen in der plötzlichen Bewegung. Bald jedoch nahm das Gedränge ab, und in kurzer Zeit war das Schiff fast menschenleer. Nur etwa vierzig bis fünfzig Personen blieben zurück.
Das waren die wirklichen Islandfahrer. Alle andern waren Freunde und Bekannte von ihnen gewesen!
Der genannte deutsche Herr kam nun auf mich zu und sagte lächelnd:
„Jetzt haben wir bessere Aussichten!“ —
Nach wenigen Minuten war das Schiff dann abfahrtbereit und setzte sich langsam in Bewegung. Wir glitten durch den Hafen zur „Langen Linie“ hinaus, während Hunderte von Taschentüchern uns vom Lande her ein letztes Lebewohl zuwinkten.
Unser nächstes Reiseziel war Edinburg, die Hauptstadt Schottlands, wo wir in zwei Tagen eintreffen sollten.
Das Schiff dampfte bereits immer schneller in nördlicher Richtung durch den Sund. Wir alle aber blickten noch lange auf Kopenhagen zurück, das die meisten von uns erst in einem oder zwei Monaten wiedersehen sollten. —
Plötzlich machte der Kellner dem Gedanken hieran ein Ende; er gab das Zeichen zum Frühstück, und kurz nachher sassen wir alle an einem reichgedeckten Tisch im Speisesaal.
Friedrich und ich bekamen unsern Platz einer stattlichen Dame gegenüber, die einen neunjährigen, frischen, munteren Knaben neben sich hatte. Von einem Nachbarn hörten wir, dass es die Frau des isländischen Landeshauptmanns Magnus Stephensen sei, die mit ihrem kleinen Sohn Magnus nach Reykjavik zurückkehrte.
In diesem Magnus, der äusserst heiter und liebenswürdig war, fand Friedrich schnell den besten Freund und Spielkameraden. Sie stiessen in eleganter, kindlicher Weise sogleich miteinander an und waren von da an unzertrennlich. —
Als wir nach dem Frühstück wieder auf Deck kamen, war Kopenhagen beinahe verschwunden, und die Türme von Kronborg erschienen am nördlichen Horizont.
Die Passagiere der ersten Schiffsklasse, in der wir reisten, bildeten eine recht bunte Gesellschaft aus allen Ländern der Welt; es befanden sich unter ihnen Engländer, Deutsche, Franzosen, Dänen, Amerikaner, Isländer, Leute von den Färöern, ja selbst Russen waren vertreten. Beständig hörte man um sich die Sprachen aller dieser Länder.
Bald wurden auch Bekanntschaften gemacht, und schon nach einer Stunde waren wir alle eine einzige, friedliche Familie, deren Einigkeit und Herzlichkeit täglich zunahm.
2. Begegnung mit den „weinenden Jungfrauen“
Je weiter wir uns vom Lande entfernten, desto unruhiger wurde das Meer. Ich ging deshalb zu einem alten Matrosen und fragte ihn, welche Aussichten wir wohl mit Wind und Wetter hätten.
„Es wird schon eine bewegte See geben“, antwortete er mit einem Kennerblick auf Himmel und Meer. „Sehen Sie die weissen Schaumspitzen auf den Wogen?“
Ich schaute über das Meer hin und betrachtete das Spiel der Wellen. Rings um das Schiff und weit im Umkreis wogten und schäumten sie. Es war gleichsam, als wenn eine unzählige Schar kleiner, schneeweisser Lämmer beständig darauf hin und her hüpften. Sie sprangen ohne Unterlass bald in die Luft empor, bald seitwärts hierhin und dorthin, und es schien, dass ihrer stets mehr und mehr wurden.
Die alte Edda, an die ich hier erinnert wurde, vergleicht allerdings die Wogen und ihre Schaumkronen nicht mit weissen Lämmern; in ihr sind es der Göttin Kolga unruhige Schwestern, Ägirs und Rans starke Töchter. Diese Jungfrauen, heisst es da, „weinen aus Herzenslust und werfen ihre Schleier hoch hinauf zum Himmel“. Sie umringen das Schiff, drängen sich heran, fassen es, schütteln es mit ihren starken Armen, heben es mutwillig empor mit ihren breiten Schultern und ziehen es dann wieder hinab in die Tiefe.
Ja, der alte Matrose hatte recht: es gab eine bewegte See, und mit der Edda konnten wir sagen, dass wir wirklich den „weinenden Jungfrauen“ begegnet waren. Wir hörten ihr unablässiges Schluchzen und merkten nur allzu gut, wie kräftig sie unser Schiff gepackt hatten.
Als wir uns dem unruhigen Kattegatt näherten, wurde das Schütteln des Schiffes geradezu unheimlich. Die meisten Passagiere verschwanden in ihren Kabinen: zuerst die Damen mit ihren Kindern, schweigend und bekümmerten Angesichts; dann die Herren, einer nach dem andern, jedoch ganz ruhig, so wie zufällig, als wollten sie bloss irgend etwas heraufholen.
Aber keiner kam wieder auf Deck!
Der Grund dieses Verschwindens war nicht schwer zu erraten, besonders wenn man die leichenblassen Gesichter betrachtete. — Ja, das Spiel der „weinenden Jungfrauen“ wirkt eben nicht auf jedermann gleich und vor allem nicht angenehm. — So unglaublich es klingen mag: als zum Mittagessen geläutet wurde, waren wir insgesamt nur noch vier Reisende auf Deck! —
Etwa fünf Minuten später warf ich einen flüchtigen Blick in den Speisesaal, um zu sehen, wieviele wohl an der Tafel sässen. — Ich machte auch hier die gleiche Beobachtung: zwei Herren und mein kleiner, munterer Reisekamerad, der mit seinem jugendlichen Appetit sich offenbar jedem Essen gewachsen zeigen wollte, bildeten die ganze Mittagstischgesellschaft. Alle übrigen hatten bei der immer stärker werdenden Bewegung des Schiffes an völlig andere Dinge zu denken! —
Als ich wieder auf das Deck hinaufgegangen war, kam der Kellner auf mich zu und fragte mich freundlich, ob ich nicht zu Mittag speisen wollte.
„Gern“, erwiderte ich, „wenn ich das hier oben kann.“
„Gewiss“, sagte der dienstbereite Mann, „ich werde Ihnen bringen, was Sie wünschen.“
Man spricht von so vielen Mitteln gegen die Seekrankheit. Da will ich einmal auch das meinige angeben:
Ich kenne für mich kein bewährteres Mittel, als so lange wie möglich oben in der frischen Luft auszuhalten und am besten ruhig in der Mitte des Schiffes, wo die üble schwankende Bewegung nicht so gross ist, auf und ab zu gehen und dabei tüchtig die Gedanken und die Aufmerksamkeit von der unbehaglichen Krankheit abzulenken.
Das hat mir immer am sichersten geholfen, während dagegen die eigentümliche Luft unten in den Kabinen, selbst bei ruhigem Wetter, schon oft und in kürzester Zeit alle Schrecken der Seekrankheit über mich gebracht hat. Allerdings muss man gut für zwei Dinge sorgen: erstens muss man sich warm halten, und zweitens darf man trotz aller Übelkeit die gewöhnlichen Mahlzeiten nicht unterlassen; doch heisst es dabei sehr mässig sein.
Dieser Erfahrung folgend, speiste ich oben auf Deck zu Mittag und bewegte mich die übrige Zeit, fast ganz allein, angetan mit Regenmantel und hohen, wasserdichten Gamaschen, langsam in der frischen Luft hin und her. Ab und zu plauderte ich mit dem einen oder andern Matrosen. —
Die Wogen gingen allmählich höher und höher, das Schiff schwankte unablässig auf und nieder, es wurde gerüttelt und geworfen. Das Wasser spritzte und klatschte wie im Takt über das Deck hin. Auf besseres Wetter war keine Aussicht. —
Am Abend brachte mir der wackere Kellner mein Essen wieder auf Deck, und ich nahm es abermals unter freiem Himmel ein. Der kleine Friedrich dagegen, der nichts von Seekrankheit spürte, ass unten im Speisesaal.
Ich befand mich verhältnismässig wohl.
Als es anfing, dunkel zu werden, sah man da und dort im Umkreis rote und grüne Punkte zwischen den Wogen aufleuchten. Das waren die Laternen der vielen Schiffe, die immer in diesen Gewässern verkehren.
Für mich entstand jetzt die Frage: Wo soll ich die Nacht zubringen?
Bei meinem Spaziergang auf Deck kam ich nämlich gerade an der Treppe zu den Kabinen vorbei, da schlug mir eine üble warme Luft entgegen. Ich sagte mir sofort: Nein, dahinunter gehe ich nicht! Lieber bleibe ich jede Nacht oben im Freien, als dass ich ein solches Gift einatme!
Ich besorgte mir nach einigem Überlegen ein paar wollene Decken und richtete mir im gut gelüfteten Rauchsalon ein Lager her.
Mein „Bett“ war durchaus behaglich geworden, so dass ich eine gute Nacht erwarten durfte. Ich legte mich bequem zurecht und schloss die Augen. —
Jetzt aber vernahm ich deutlich, was unten in den Schlafkabinen vor sich ging: Es waren Geräusche, die sich nicht lustig anhörten — ein „Konzert“ von etwas unheimlicher, beinahe herzzerreissender Art! ...
Ich hatte oft in Reiseschilderungen diesen Vergleich gefunden, und ich glaubte, er sei geschmacklos; aber hier, mitten in der Wirklichkeit, da fand ich, dass das Bild durchaus zutrifft. Während ich nämlich auf meinem Lager ruhte, drangen die wunderlichsten Laute wie von Gespenstern aus einem Grabe zu mir herauf:
Bald war es ein tiefes Basssolo, bald einige Sopranstimmen in hohen, schneidenden Trillern: wie mir schien, ein paar gesunde kräftige Jungen mit ihrer Mutter.
Dann hörte man deutlich den Text: „Mutter, Mutter, lass mich ans Land! lass mich ans Land! — Ich will nicht! ich will nicht!“
Auf einmal wurden die Sopranstimmen von einem hellen Tenor unterbrochen, der jetzt für einige Zeit alles andere übertönte; und endlich fiel der ganze Chor ein mit einem erschütternden Fortissimo. —
So blieb es mit allen möglichen Änderungen der Stimmen und Töne, während „Ägirs starke Töchter“ rings um uns immer wilder und wilder wurden.
Zuletzt aber fiel ich doch in Schlaf, trotz allem Jammern und Stöhnen unten im Schiff und trotz dem rasenden Lärm der Wogen draussen auf dem Meere.
Die Geister des Sturmes hörten nicht auf, uns zu „wiegen“. Sie packten immer von neuem unser Schiff und wendeten und drehten es fortgesetzt. Bald lag ich auf der linken Seite, bald auf der rechten; bald stand ich nahezu auf dem Kopf, bald wieder auf den Füssen. Nie hatte ich Rast oder Ruhe.
Dennoch schlief ich, oder besser gesagt, schlummerte ich ganz gut in meiner sturmumbrausten Einsiedelei über dem „Konzertsaal“. —
Als es hell wurde, stand ich hurtig auf und freute mich des neuen Tages.
3. In Edinburg und auf den Färöern
Die beiden folgenden Reisetage verliefen ungefähr gleich wie der erste, ich kann sie daher in meiner Schilderung übergehen.
Am Abend des dritten Tages, als es bereits vollständig finster geworden war, näherten wir uns der schottischen Küste und fuhren planmässig auf die prächtige Hauptstadt Edinburg zu. Die zahllosen, vielfarbigen Lichter am Lande machten einen solchen Eindruck, dass die meisten Passagiere aus ihren Kojen krochen und sich auf Deck schleppten, um den zaubervollen Anblick zu geniessen.
Unser Deck war nur spärlich beleuchtet. Bleich und müd standen unsere „Sänger der Nacht“ im Chore da, und man sprach ihnen, freundlich und teilnehmend, die besten Glückwünsche aus für ihre schönen Leistungen, obwohl fast keiner — aus Bescheidenheit natürlich — zugeben wollte, dass er bei den nächtlichen Darbietungen mitgewirkt habe. Ganz besonders wurden die kleinen Soprankünstler getröstet, denn es ging jetzt ja bald ihr Wunsch nach dem Lande in Erfüllung.
So kehrte nach und nach die alte Munterkeit und Geselligkeit auf dem Schiff zurück.
Der Aufenthalt in Edinburg sollte gut vierundzwanzig Stunden dauern. Alle sehnten sich danach, an Land zu kommen. Die Gründe waren verschieden. Einer davon war sicher die Schönheit der Stadt, die mit Recht als eine der schönsten in ganz Europa gilt. Man wird nie müde, diese Stadt anzusehen.
Nachdem das Schiff in Granton, einem von Edinburgs Häfen, eingelaufen war, gingen wir alle gleich zu Bett, denn man konnte jetzt doch endlich in Ruhe schlafen.
Am folgenden Morgen verliess ich mit Friedrich zeitig das Schiff, und wir begaben uns nach der kleinen Eisenbahnstation, von wo bald ein Zug nach Edinburg gehen sollte. Granton liegt nämlich eine Strecke weit von der Stadt entfernt.
Ich trat an den Schalter, um die Fahrkarten zu lösen. Da bemerkte ich, dass ich nur dänisches Geld bei mir hatte.
Ich hatte vergessen, mich auf dem Schiff mit englischem. Geld zu versehen.
Vergebens mache ich nun den Versuch, mit einer dänischen Krone zu bezahlen. Der Beamte verweigerte die Annahme:
„Bedaure“, sagte er, „ich kann nur englisches Geld nehmen.“
Während ich so dastehe und nachdenke, wie ich mir helfen soll, tritt ein anderer Eisenbahnbeamter neben mich, nimmt ein paar Geldstücke aus der Tasche und löst zwei Fahrkarten nach Edinburg; die eine reicht er mir, die andere Friedrich — alles mit einem freundlichen, ruhigen Lächeln, ohne ein Wort zu sagen.
Er hatte meine Verlegenheit bemerkt, er hatte die Antwort des Schalterbeamten gehört und griff dann, ein wahrer Menschenfreund, in der angegebenen Weise helfend ein.
Ich war gerührt von dieser feinen, liebenswürdigen Zuvorkommenheit und wusste im Augenblick gar nicht, wie ich das vergelten könnte. Nur mit Mühe gelang es mir, den guten Mann zu bewegen, dass er eine Entschädigung in dänischem Gelde annahm.
Friedrich und ich stiegen darauf in den bereitstehenden Zug, und fort ging’s nach der schönen Stadt.
Am Bahnhof in Edinburg nahmen wir einen Wagen und fuhren zu lieben Freunden in der Lauriston-Street, die wir im Jahre vorher auf einer Reise nach den Färöern kennen gelernt hatten. Wir wurden vom Rektor des Hauses, dem Bruder des englischen Admirals White, aufs herzlichste begrüsst, blieben den Tag über bei ihm und hatten Zeit, uns mit Lebensmitteln für die kommende Reise durch Island zu versehen.
Rektor White selbst kaufte für uns im grössten Geschäft in der Princes-Street einen ganzen Kasten voll feine Sachen, meist blanke Metalldosen, auf denen zu lesen war: Beef, Boiled Mutton, Chicken and Ham, Liebig Meat-Extract (das heisst: Rindfleisch, gekochtes Hammelfleisch, Huhn und Schinken, Liebigs Fleischextrakt), usw. usw. Da wir uns nämlich grösstenteils in den unbewohnten Gegenden Islands aufhalten wollten, mussten wir dort ja alles bei uns haben, was man zum Lebensunterhalt brauchte.
Bei der Abfahrt in Edinburg wurde unsere Reisegesellschaft durch eine Anzahl vornehmer Engländer vergrössert, die sich einige Wochen in der kräftigen, freien isländischen Natur ausruhen wollten, weit weg vom Lärm und Geräusch der grossen Welt. Die Zahl der Passagiere erster Klasse stieg damit auf 53.
Die Fahrt zwischen Schottland und den Färöern, die wir neu gestärkt durch den schönen Aufenthalt in der Stadt Edinburg antraten, verlief zunächst recht angenehm. Als wir jedoch in die Nähe von Suderö, der südlichsten der Färöer-Inseln, kamen, da erhob sich ein starker Sturm, begleitet von dichtem Nebel. Wir fuhren jetzt daher so nahe wie möglich an den senkrecht aufragenden Felsen hin, um Trangisvaag zu finden, den Fjord, wo das Schiff zuerst anlaufen sollte. Allein die Schwierigkeit war gross; der Nebel verhüllte alles, man konnte nur die nächsten Felswände unterscheiden, die sich drohend zur Linken erhoben.
Endlich sahen wir einen Fjord. Das Schiff drehte und fuhr hinein. Aber schon nach einer kurzen Strecke zeigte es sich, dass wir uns geirrt hatten: wir waren in den gefährlichen Vaagsfjord geraten, der bekannt ist wegen seiner vielen Riffe.
Begreiflicherweise wurden jetzt verschiedene Passagiere ängstlich. Auch wurde der Fjord plötzlich so eng, dass das Schiff nicht mehr wenden konnte; wir mussten Anker werfen und warten, bis der Sturm uns mit Hilfe des Ankers in die gewünschte Richtung brachte.
Inzwischen kamen vom Lande her mehrere wohlbemannte Boote, um zu sehen, was da los war. Sie fuhren ein paarmal um das Schiff herum und entfernten sich dann wieder, als sie merkten, dass wir ihre Hilfe nicht nötig hatten.
Es dauerte aber beinahe eine Stunde, ehe wir aus dem Fjord wieder hinauskamen. —
Nach diesem unfreiwilligen „Abstecher“ dampften wir eine Zeit lang von neuem die Küste entlang, um endlich das richtige Trangisvaag zu erreichen. Diesmal gelang es, und die vorher so ängstlich gewordenen Passagiere konnten sich nun von ihrem Schrecken erholen.
Eigentümlich sahen sich hier von unserem Schiff aus die Wohnungen der Färinger an: sie glichen einer Reihe Vogelnester am Bergeshang.
Von Trangisvaag fuhren wir dann etwa vier Stunden lang weiter nach Thorshavn, der kleinen Hauptstadt der Färöer. Da die See sehr aufgeregt war, fehlte es auf dem ganzen Wege nicht an Sturzbädern auf Deck, wo die Seetüchtigsten von uns, darunter natürlich auch Friedrich, sich aufhielten.
In Thorshavn trafen wir gegen Abend ein.
Gut eine Stunde vom Hafen entfernt, in einem ganz kleinen Dorf, namens Hvidenaes, hatte ich einen wichtigen Auftrag zu besorgen. Ich musste mich deshalb beeilen, denn unser Schiff sollte womöglich noch in der Nacht wieder abfahren.
Eine Menge Boote hatte bald den Dampfer umringt, der weitab vom Lande hatte Anker werfen müssen; einige kräftige Färinger kamen zu uns an Bord. Ich wandte mich sofort an sie und bat sie, mich sogleich nach Hvidenaes zu rudern, das man in nördlicher Richtung erblicken konnte. Indes ich bekam von allen dieselbe Antwort:
„Unmöglich! Die Brandung an der Küste und auch die Strömung zwischen den Inseln ist zu stark!“
Das war leider richtig. Die Brandung war, wie man vom Schiffe aus sah, so gewaltig, dass die ganze Küste schimmernd weiss war vom Schaum der Wogen.
Es blieb mir also nichts anderes übrig, als in Thorshavn an Land zu gehen und für die Wanderung über den Berg, der zwischen Hvidenaes und der Stadt Thorshavn lag, einen Führer zu nehmen. Ich wollte mich auch durch die Nacht nicht davon abhalten lassen.
Als ich dies dem kleinen Friedrich mitteilte, machte er ein äusserst bedenkliches Gesicht:
„Aber Sie kommen doch um Gottes willen ja nicht zu spät zurück!“ rief er. „Was sollte aus mir werden, wenn wir ohne Sie nach Island fahren würden!“
„Du kannst ruhig sein“, tröstete ich ihn, „ich komme ganz bestimmt rechtzeitig wieder.“
Aber wie sehr ich ihm das auch versicherte, so gelang es mir doch nicht, ihn ganz zu beruhigen. Ich musste mit ihm zum Kapitän gehen, den er flehentlich bat, nicht weiterzufahren, bis ich zurückgekommen wäre.
Der Kapitän lächelte über die kindliche Furcht des Knaben und versprach, er wolle sich ganz nach seinem Wunsch und Begehr richten. Zu mir gewandt aber sagte er, er werde reichlich eine Stunde vor der Abfahrt einige kräftige Signale mit der grossen Dampfpfeife geben, die würde man bis draussen in Hvidenaes hören, und danach könnte ich mich dann ja einrichten, dass ich nicht zu spät käme.
Ich stieg also eilig vom Schiff in das Boot eines Färingers, der mich ans Land ruderte. Während wir pfeilgeschwind über die Wogen dahinsausten, konnte ich noch lange ein weisses Taschentuch sehen, mit dem eine kleine Hand unausgesetzt vom Steuerbord über die Reling winkte.
In Thorshavn, mit seinen winkligen Strassen, suchte ich unverzüglich nach einem Führer. Vor einem Haus traf ich einen kräftigen färöischen Jungen, der mich schon von ferne mit grossen Augen ansah. Diesen fragte ich:
„Kennst du den Weg nach Hvidenaes?“
„Ja, sehr gut“, erwiderte der Kleine mit einer Betonung, die ganz von der dänischen abwich.
„Kannst du mich vielleicht gleich dahin führen?“ fragte ich weiter.
„Ja, gerne“, sagte er freudestrahlend und verschwand mit einem Satz in der nächsten Tür.
Etwas verwundert über dies plötzliche Verschwinden meines kaum erst gefundenen Führers, blieb ich einen Augenblick stehen, ging dann aber zu der Tür, durch die er hineingeschlüpft war, und klopfte an. Nachdem ich etwas gehört, das nach meiner Meinung so ähnlich wie „Herein“ klang, öffnete ich die Tür und sah nun den Kleinen eifrig damit beschäftigt, ein paar leichte Schuhe, wie man sie auf den Färöern trägt, anzuziehen. Indessen kam mir auch schon seine Mutter freundlich entgegen. Sie schien recht erfreut, dass ihr Sohn einen solchen Vertrauensposten erhalten hatte, und wohl ebenso über den Verdienst, der natürlich damit verbunden war.
Nach wenigen Minuten traten wir den Marsch über den Berg an, der Junge tapfer voraus.
Es ging auf Wegen dahin, die keine Wege waren. Oftmals mussten wir über Stock und Stein springen und über Bergbäche setzen. Aber das verdross uns nicht im geringsten. Wir hatten fest unser Ziel vor Augen, wir dachten an die uns bemessene knappe Frist, und in etwa eineinhalb Stunden erreichten wir Hvidenaes.
Ich erledigte so schnell wie möglich meinen Auftrag. Kurz nach Mitternacht, als ich glücklich damit fertig war, machten wir uns wieder auf den Rückweg über den Berg — eine eigenartig schöne Wanderung in halbheller Nacht.
Mein kleiner Färinger war jetzt sehr zutraulich und mitteilsam geworden. Er erzählte mir mit kindlicher Offenheit und Natürlichkeit von seiner Familie und von den Verhältnissen in Thorshavn. Sein Vater, sagte er, sei gerade nicht daheim, er sei auf dem Fischfang droben bei Island.
Das machte mich natürlich ein wenig neugierig, und ich bekam Lust, zu hören, wie der kleine Färinger wohl über mein Heimatland dachte. Wir führten darum etwa folgendes Gespräch:
„Wie gefällt deinem Vater Island?“
„Er sagt, es ist ein sehr schönes Land, aber man könne dort nicht so gut wohnen wie hier, denn die Berge seien so fürchterlich hoch.“
„Ja, aber was schadet denn das, kleiner Freund, dass die Berge so hoch sind?“
„Es liegt immer Eis und Schnee darauf, und der schmilzt nicht einmal im Sommer.“
„Das ist wahr, und man muss daran gewöhnt sein. — Dein Vater hat aber wohl auch sonst noch etwas von Island erzählt?“
„Ja, er meint, das Land sei so furchtbar gross; man sollte gar nicht glauben, dass es eine Insel sei. — Und dann hat er noch gesagt, es sei überaus reich.“
Hier muss ich gestehen, dass ich mich über eine solche Meinung sehr wunderte. — Island ein „furchtbar grosses“ und ein „überaus reiches“ Land! Das waren zwei Vorstellungen, die man zum mindesten bezweifeln konnte, besonders die über die Reichtümer Islands. Jedenfalls verbot mir jetzt meine Bescheidenheit, mich dem kleinen Färinger zu offenbaren, wie ich es sonst sicher getan hätte — dass ich nämlich auch von diesem „reichen“ Lande stammte.
Um zu erfahren, was der Junge wohl von Islands Reichtum im Vergleich zu andern Ländern hielt, fragte ich ihn:
„Ist Island denn reicher als die Färöer?“
Da sah der Knabe mich an, als wollte er sagen, ob das vielleicht ein Spass sein solle. Dann erwiderte er:
„Natürlich, Island ist viel, viel reicher!“
„Aber doch wohl nicht so reich wie Dänemark?“
„Nein, das nicht; dort ist ja der König!“
Ich fragte weiter:
„Und was hält dein Vater von den Leuten auf Island?“
„Er sagt, die sind sehr gut und gastfrei. — Als mein Vater im vorigen Sommer wieder oben war, ging er zusammen mit einigen andern Männern von Thorshavn an einem Sonntag weiter ins Land hinein. Da kamen sie zu einem grossen Gehöft. Als der Bauer die Färinger sah, kam er sogleich heraus und begrüsste sie alle sehr freundlich. Er küsste sogar jeden einzelnen auf den Mund. Dann bat er sie, mit ihm in sein Haus hineinzukommen. Dort führte er sie in eine grosse, schöne Stube mit dicken Balken an der Decke. Ringsum in der Stube, an den Wänden entlang, standen bemalte Truhen. Mein Vater und die übrigen Männer mussten sich um einen grossen Tisch setzen. Eine Frau brachte dann Kaffee und Kuchen, und der Bauer schenkte noch einen guten, süssen Likör ein. Dann zeigte er ihnen den Hof und die Ställe; die waren so gross, dass sie Platz für mehrere tausend Schafe boten. Überall auf dem Hof waren viele Männer und Frauen und Kinder. Am Schluss, ehe mein Vater und die andern gingen, küsste der Bauer sie wieder.“
Das, was der kleine Färinger hier alles berichtete, war vielleicht etwas kindlich übertrieben; aber er erzählte es auf eine so einfache, natürliche Art, so frisch und frei und sicher, dass ich ihn immer lieber gewann. Er ist später wohl selbst ein tüchtiger Fischer droben bei Island geworden und hat vielleicht auch den grossen, schönen Hof besucht, wo man einst seinen Vater so gastfrei aufgenommen hatte. —
Inzwischen waren wir auf dem Berge gegen Thorshavn angelangt. Hier vernahmen wir plötzlich durch die stille Nacht einen gellenden Pfiff unten vom Hafen herauf. Er meldete uns, dass mein Schiff, die „Botnia“, daran sei, sich zur Abfahrt zu rüsten.
Um das Schiff nicht auf mich warten zu lassen, schlug ich meinem jungen Begleiter einen kleinen Galopp den Berg hinunter vor. Jedoch das musste ich bald bereuen, denn trotz aller Anstrengung war es mir unmöglich, so schnell wie der kleine Färinger zu laufen.
Als wir in Thorshavn bei seiner Wohnung ankamen, bezahlte ich ihn eiligst, oder vielmehr seine Mutter, und ich gab mehr, als ich mir anfangs vorgenommen hatte, weil der gute, tüchtige Junge das vollauf verdiente, und weil ich obendrein jetzt wusste, dass ich aus einem „wohlhabenden“ Lande stammte!
Der Knabe und seine Mutter bedankten sich wiederholt und wünschten mir aufs herzlichste eine glückliche Reise.
Ein Färinger ruderte mich dann zu meinem Schiff hinaus, wo Friedrich schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, mich jemals wiederzusehen. Ich stieg sofort an Bord, und gleich darauf setzte sich die „Botnia“ in Bewegung, dem „reichen Island“ entgegen.
Bei der Fahrt draussen auf dem Atlantischen Meer fühlt man immer deutlicher, wie man sich von der bewohnten Welt entfernt, hinaus in die einsame, uneingeschränkt freie Natur. Man trifft da kaum noch ein Schiff; soweit das Auge reicht, herrscht nichts als Stille und Einsamkeit.
Doch fehlt dort auch das Leben nicht ganz. Besonders die mächtig grossen Wale fangen hier an, sich häufiger zu zeigen. Bald taucht langsam einer dicht beim Schiff empor: er beschaut sich eine Weile verwundert den schwarzen Koloss, der an ihm vorbeigleitet, und verschwindet dann wieder ruhig in die Tiefe; bald sieht man ganze Scharen dieser gewaltigen Tiere ungestört sich tummeln. Sie schiessen aus ihren Köpfen, wie es scheint, fortgesetzt Wasserstrahlen hoch in die Luft hinauf, und die Passagiere werden nicht müde, das seltsame Schauspiel zu betrachten. —
So ging die Fahrt noch zwei Tage lang.
4. Island in Sicht — Die Vestmanna-Inseln
Am zweiten Tage, nachdem wir von den Färöern abgefahren waren, begannen Passagiere und Schiffsmannschaft gegen Mittag lebhaft nach Land auszuschauen. Die Südwestküste von Island konnte nämlich nicht mehr ferne sein.
Endlich ging es wie ein Lauffeuer über das ganze Schiff:
„Land auf Steuerbord!“
Ein Matrose hatte es deutlich gesehen.
Nun strömt alles zum Vordersteven. Oben auf der Kommandobrücke stehen der Kapitän und der erste Steuermann mit dem Fernglas in der Hand. Niemand ausser ihnen sieht etwas; aber der Matrose bleibt bei seiner Behauptung, dass Land in Sicht sei.
Nach einer Stunde sieht man wirklich weit draussen am Horizont eine bläuliche Linie, die beständig höher und höher steigt. Und wieder ein paar Stunden, da erheben sich mächtige Berge über die Wasserfläche.
Das muss der Öraefajökull (Öraefagletscher) sein, der ungeheure, mit Eis und Schnee bedeckte Vulkan. Aber wegen der grossen Entfernung sehen wir ihn nur schwach.
Wir fahren unverweilt weiter in westlicher Richtung. Das Land samt dem grossen Jökull verschwindet wieder, um später in vollständig veränderter Gestalt aufs neue zu erscheinen. Diesmal sehen wir gewaltige, dunkelgraue Felsen, die steil aus dem Meere emporragen, und im Hintergrund eine ganze Versammlung von Jökulls, einen neben dem andern: Mýdalsjökull, Botnajökull, Gotalandsjökull, Torsajökull.
Welch ein Anblick! — Grossartig! mächtig! — Aber zugleich unendlich ernst und düster.
Neben diesen Bergesriesen gleicht unser Schiff einer kleinen Nussschale, einem unbedeutenden Nichts. Hier herrscht in ihrer ganzen Macht und Grösse die wilde, unbezwungene Natur, die nie von einer Menschenhand berührt wurde.
In schneller Fahrt geht es dann vorüber an Hjörleifshöfdi, einer ungeheuren Felsenmasse, die sich einsam an der dunklen Küste erhebt und rings von einer vollständig neuen Landschaft umgeben ist:
Auf beiden Seiten dehnt sich eine düstere Sandwüste aus, Mýrdalssandur genannt, zur Rechten von einem breiten Fluss, dem Kutafljót, begrenzt. An dem Flusse sieht man einen runden grünen Fleck, in dessen Mitte scharfe Augen einen kleinen, schwarzen Punkt entdecken können. Das ist Thikkvabaers-Kloster, früher ein wirkliches katholisches Kloster, jetzt ein einsamer Hof in dieser Wüste.
Hinter dem Felsen ist ein Weg, den man aber nur mit einem zuverlässigen Führer benützen kann. Wie erzählt wird, sei es nämlich mehr als einmal geschehen, dass ein unvorsichtiger Reiter sich draussen in der Sandwüste verirrte und in die hier so häufigen Sümpfe versank, so dass nie wieder eine Spur von Ross und Reiter gesehen wurde — für Friedrich und mich ein eigenartiges Gefühl, wenn wir an unsern eigenen bevorstehenden Ritt durch dieses Land dachten.
Ein ganz neuer Anblick bietet sich nach Hjörleifshöfdi: Es kommt Portland oder Dyrhólaey, eine lange, vorspringende Landzunge, vor der ein hoher, steiler Felsen, nicht weit vom Lande entfernt, eine natürliche Wölbung oder Pforte bildet (daher der Name), durch die unser Schiff bequem hätte durchfahren können. Wir dampften jedoch mit voller Kraft daran vorbei.
An Backbord tummelt sich hier eine Schar Wale, aber man schenkte ihnen kaum noch Beachtung. Wir alle waren hingerissen von dem grossartigen Blick auf das Land. Für die meisten von uns war das eine vollständig neue Welt. Neben den Bergesriesen auf der Insel nehmen sich die grössten Walfische nur wie kleine Zwerge aus. —
Die Fahrt ist kurzweilig. Es ist schon gegen 8 Uhr abends. Die Sonne ist noch nicht untergegangen. Sie verbirgt sich überhaupt nur für eine kleine Weile hinter der eigenartigen Jökullandschaft zu unserer Rechten.
Wir entfernen uns wieder vom Land, und wiederum zeigt sich etwas vollständig Neues. Vor uns, weit draussen im Meer, etwa 10 Meilen weit, sieht man eine Inselgruppe. Schwarze Felsengebilde ragen hoch über die Meeresfläche empor:
Das sind die Vestmanna-Inseln, die im Jahre 1627 ein so trauriges Schicksal hatten. Sie wurden damals von drei algerischen Seeräuberschiffen angegriffen.
Das klingt unglaublich, aber es ist wahr: die nordafrikanischen Räuber trieben wiederholt hier oben bei Island ihr Unwesen. Sie brannten die Kirche und die Handelshäuser nieder und schleppten gegen zweihundertfünfzig Einwohner als Sklaven nach Afrika; die übrigen töteten sie.
Diese merkwürdigen Inseln waren unsere erste isländische Station. Wir erreichten sie nach fünf Stunden Fahrt in den isländischen Gewässern zwischen 1 und 2 Uhr nachts.
Die Passagiere wären hier am liebsten die ganze Nacht aufgeblieben, um die bezaubernde Herrlichkeit dieser Landschaft zu bewundern. Aber plötzlich ward alles in Nebel gehüllt — das schöne, seltsame Bild war auf einmal verschwunden. Darauf begaben sich die meisten doch in ihre Kojen.
Der kleine Friedrich, der schläfrig geworden war, folgte ihrem Beispiel; ich dagegen konnte mich trotz des Nebels nicht dazu entschliessen: befand ich mich hier doch wieder in meinem lieben Vaterland, das ich fast fünfundzwanzig Jahre nicht mehr gesehen hatte!
Menschen, die Gefühl für ihre Heimat haben, werden verstehen können, dass es mir da unmöglich war, zu schlafen. Mein ganzes Innere war in höchster Spannung.
Ich blieb also auf Deck und ging auf und ab, tief in Gedanken und Erinnerungen versunken und noch immer gefangen von all den neuen Eindrücken und Bildern ringsumher. —
Meine Ausdauer sollte ich nicht bereuen. Nach ein paar Stunden erhob sich ein starker Sturm, der in wenigen Minuten den Nebel wegfegte, und mit einem Schlag tat sich jetzt eine Landschaft auf, die bei weitem alles übertraf, was wir bisher auf unserer Fahrt gesehen hatten:
Nahe vor uns, nur noch eine dänische Meile entfernt, die zaubervollen, prächtigen Vestmanna-Inseln, rechts in der Ferne auf Island, im Goldglanz der nordländischen Abendsonne, eine ganze Gruppe Jökulls: zunächst der mächtige Eyjafjallajökull, dann weit im Hintergrund Islands bekanntester Vulkan, die Hekla.
Das war ein unbeschreiblich schönes Schauspiel
Aber das Merkwürdigste war die Beleuchtung, besonders wenn man bedenkt, dass es um Mitternacht herum war. Unendliche Massen von Eis und Schnee erstrahlten, soweit das Auge reichte, als ob sie in lichterloher Glut stünden. Der ganze nordwestliche Horizont nahm sich eine Zeit lang aus wie ein einziges Feuermeer! Selbst die eiskalten, schimmernden, weissen Jökulls erschienen nicht mehr leblos in dieser purpurroten und goldfarbenen Wunderbeleuchtung. Es war überwältigend: so schön, so gross, so herrlich, dass ich lange wie ausser mir vor Bewunderung dastand.
Alles in dieser sonst so ernsten Natur war wie durch einen Zauberschlag lauter Licht und Leben geworden.
Das mussten unsere Passagiere alle sehen! Schnell wurden darum die Schlafenden drunten in ihren Kojen geweckt, und kurz nach 1 Uhr nachts, als wir bei den Vestmanna-Inseln anlangten, waren alle, fertig angezogen, oben auf Deck versammelt.
Die Gehöfte, die man jetzt drüben auf Island deutlich erkennen konnte, lagen so dicht unter dem Eyjafjallaberg, dass es schien, als müssten sie jeden Augenblick von den ungeheuren Eismassen hoch oben gerade über ihnen erdrückt werden.
Alles war ergriffen von dem grossartigen Bild. Zwei deutsche Herren hörte ich ausrufen:
„Wir haben die ganze Schweiz durchreist, aber so etwas haben wir nie gesehen!“
Plötzlich macht unser Schiff halt. Ein lauter, langer Pfiff gellt durch die Nacht. Mit voller Kraft will die Dampfpfeife die Bewohner der Inseln wecken, die eben in ihrem süssesten Schlafe liegen. Wir sollen nämlich von den Vestmanna-Inseln Waren und Reisende nach Reykjavik aufnehmen, darum muss schnell ein Boot vom Lande herbeigerufen werden.
Wir bekamen also hier das erste isländische Fahrzeug und die ersten Isländer zu sehen!
An Bord herrscht nun begreiflicherweise grosse Erwartung. Aber der Wind scheint an Heftigkeit zuzunehmen; es kann noch keine Rede davon sein, dass wir Anker werfen, das Schiff muss ständig unter Dampf gehalten werden.
Eine gute Viertelstunde nach dem ersten Signal pfeift es von neuem mit aller Kraft. Am Lande aber rührt sich wieder nichts. Trotzdem wir uns eine halbe Stunde lang so nahe wie möglich an der Küste halten, scheint die Dampfpfeife nichts auszurichten.
Zur Maschine hinunter wird jetzt ein neues Kommando gegeben. Das Schiff macht darauf eine Schwenkung nach rechts und dampft nach der andern Seite der Insel, um dort die Weckversuche zu wiederholen.
Abermals ruft die Dampfpfeife, lang und kräftig. Aber auch hier ist keine Wirkung wahrzunehmen. Die See sei allzu gefährlich, meinen die meisten; die Leute würden es vermutlich vorziehen, sich lieber nicht in diesen Sturm zu begeben.
Ich ging jetzt zu einer Gruppe Engländer hin, die ja im Rufe stehen, sich in der Seefahrt auszukennen, und fragte sie um ihre Ansicht. Sie schüttelten den Kopf und sagten, ein Boot könne sich unmöglich bei einem solchen Wetter herauswagen.
Da war also guter Rat teuer. Sollten wir weiterfahren nach Reykjavik, oder sollten wir die ganze Nacht hier warten?
Der Kapitän fuhr fort, die stärksten Signale zu geben.
Auf einmal erschallt der Ruf:
„Ein Boot vom Lande!“
Alle schauen angestrengt nach der bezeichneten Richtung. Und wirklich, ein kleiner dunkler Punkt bewegt sich dicht unter einem hohen vorspringenden Felsen am Ufer. Er verschwindet von Augenblick zu Augenblick vollständig zwischen den Wassermassen, dann zeigt er sich wieder deutlich hoch oben auf dem Kamm einer Woge.
Kein Zweifel mehr, es ist wirklich ein Boot.
Alle Augen folgen ihm.
„Hurra, das sind wackere Seeleute!“ hört man jetzt von allen Seiten. „Wenn es nur gut geht!“
Man merkte, dass hier eine Gefahr drohte.
Die Spannung bei den Passagieren stieg immer höher. Es wurde ganz still. Einige Matrosen begannen an den Schiffsbooten zu arbeiten.
Das machte die Sache nicht angenehmer.
Trieb man hier wirklich ein Spiel mit Menschenleben? — Die wilden, heulenden Wasser liessen das Schlimmste befürchten.
Doch das Boot vom Lande kam näher und näher heran.
Mit einem Male dreht unser Schiff, die „Botnia“, und fährt zu einer Stelle, wo etwas mehr Schutz vor dem Winde zu sein scheint; denn in einem solchen Seegang bei unserem Schiff anzulegen, war eine reine Unmöglichkeit für das kleine Boot.
Alles verharrt in ängstlicher Spannung.
Endlich kann man Leute in dem kämpfenden Fahrzeug unterscheiden:
Da waren zunächst acht Ruderer und ein Steuermann.
Die Ruderer waren alle von oben bis unten in Leder gekleidet; auf dem Kopfe hatten die einen Pelzmützen, die andern mächtige Südwester. Die meisten trugen starke Bärte, einer sogar einen schneeweissen. Zwei sahen ganz jugendlich aus, ohne eine Spur von Bart; es waren zwei Knaben von vierzehn bis sechzehn Jahren.
Nur der Steuermann stach merkwürdig von allen andern ab. Er war gekleidet wie ein Stadtherr aus Kopenhagen, mit feinem schwarzem Anzug, weissem Kragen und weissen Manschetten, und rauchte — mitten in dem Sturm — eine Zigarre!
Zwischen den Ruderern sass wohl ein halbes Dutzend Männer und Frauen, ja selbst Kinder, die mit unserem Schiff nach Reykjavik wollten. Unten im Boot lagen eine Menge Säcke und andere Gegenstände, die nach dem Festland, das heisst nach Island, mitzunehmen waren.
Wir beobachteten mit Spannung das kleine Fahrzeug. — Wie in aller Welt wird es sich bei derart bewegter See an der eisernen Seitenwand unseres Schiffes halten können, ohne zerschmettert zu werden? Alles schaukelt ja und wird mit Wucht und Gewalt von den empörten Wogen hin- und hergeworfen.
Sobald das Boot, das viel grösser ist, als es anfänglich schien, unser Schiff erreicht hat, zieht seine Mannschaft auf Kommando blitzschnell alle acht Ruder ein. Im selben Augenblick haben vier Mann dicke, lange Stangen gefasst, womit sie sich den starken Stössen unseres Schiffes entgegenstemmen. Vom Deck aus wirft man gleichzeitig zwei Taue ins Boot hinab. Die werden sofort von zwei andern Ruderern ergriffen, die eilends jeder nach seiner Ecke des Fahrzeugs gesprungen sind; beide ziehen die Taue jetzt aus Leibeskräften gegen sich.
Solange das Boot neben uns liegt, halten die vier Männer es mit den Stangen ein kleines Stück vom Schiff entfernt, während die beiden andern ständig an den Tauen ziehen, die oben bei uns auf Deck befestigt sind. Infolgedessen kommt das Boot nicht ein einziges Mal dazu, an den Dampfer zu stossen.
Das ganze Manöver wurde so leicht und sicher ausgeführt, dass man wohl merken konnte, wie die Leute das nicht zum ersten Mal taten. —
Nun wurden Männer und Frauen, Erwachsene und Kinder, Säcke und Waren, alles ungefähr auf dieselbe Weise, an Deck befördert.
Als das Boot geleert war, füllte man es rasch vom Schiff aus wieder mit den verschiedensten Dingen, die wir von Kopenhagen mitgebracht hatten: mit Kisten und Paketen, mit kleinen Fässern, Holz- und Metallgegenständen, dass es fast bis an den Rand voll wurde.
Dann verabschiedete man sich gegenseitig. Das Boot ruderte wieder ans Land, und wir dampften davon nach Reykjavik, wo wir in etwa zwölf Stunden sein sollten.
5. Reykjavik Der isländische Landeshauptmann
Als wir die Vestmanna-Inseln gegen 2 Uhr nachts verlassen hatten, gingen alle Passagiere zur Ruhe, und ich zweifle nicht, dass nach diesen mannigfaltigen nächtlichen Eindrücken jeder ausgezeichnet schlief.
Am andern Morgen erwachte ich, als wir gerade in den breiten Faxafjord einliefen, in dem die isländische Hauptstadt Reykjavik liegt.
Das Wetter war sehr schön und warm. Es herrschte vollständige Windstille. Die Luft war so klar, dass man in der Ferne den bekannten, jetzt erloschenen Vulkan Snaefell deutlich sehen konnte, blendend weiss von Eis und Schnee, und nicht weit von der Stadt die majestätische, ebenfalls mit etwas Schnee bedeckte Bergkette Esja.
Im Hafen fuhren wir an einigen grünen, bewohnten Inseln vorbei. Zwischen ihnen und dem Lande war noch viel Platz für Schiffe. Von den anwesenden Dampfern war der grösste das französische Kriegsschiff „Nielly“. Etwas weiter weg lag ein dänisches, „Diana“ mit Namen. Die vielen Handelsschiffe beachtete man diesen Kolossen gegenüber weniger.
Das französische Kriegsschiff war da zur Sicherheit für die zahlreiche französische Fischerflotte, die jedes Jahr an die isländische Küste kommt, weshalb im Sommer auch vierbis fünftausend Franzosen bei und auf Island leben (ausser zahlreichen Engländern, Deutschen, Amerikanern, Skandinaviern und Färingern).
Die isländische Fischerei bringt den Fremden jährlich dreissig bis vierzig Millionen Kronen ein. Die armen Isländer selbst hatten bisher nicht das Kapital gehabt, um sich einen grösseren Anteil an diesen Schätzen, die ihnen doch am nächsten liegen, zu verschaffen. Auch die Dänen hatten sich hier nicht weiter an der Fischerei beteiligt.
Heute ist das Verhältnis allerdings ganz anders geworden, denn jetzt ist es auch den Isländern gelungen, riesengrosse Fischereiunternehmungen einzurichten.
Reykjavik gleicht in etwa einer kleinen norwegischen Handelsstadt und hatte, als wir es besuchten, rund 4000 Einwohner. In den späteren Jahren ist es sehr rasch aufgeblüht. Heute zählt es bereits über 30 000 Einwohner.
Sobald wir Anker geworfen, wurde unser Schiff von einem Schwarm von Booten umringt. Um eines davon so bald wie möglich für Friedrich und mich zur Fahrt ans Land zu bekommen, wandte ich mich sofort an einen jungen Mann, der gerade auf Deck kam, und fragte ihn:
„Können Sie uns und unser Gepäck zur Stadt mitnehmen?“
„Gern“, erwiderte er höflich, „ich werde Ihnen gleich helfen, Ihre Koffer hinunterzubringen.“
So waren wir bald mit all unsern Sachen unten im Boot.
Auf dem Wege ans Land, der eine Viertelstunde betrug, mussten wir nach alter isländischer Sitte dem jungen Mann Rede und Antwort über uns geben: über Namen, Heimat, Zweck unserer Reise usw. Alle Fragen wurden aber in einer so unschuldigen, geraden Weise gestellt, dass man sie nicht als taktlos empfinden und übel aufnehmen konnte. Der Mann begann:
„Darf ich fragen, wie Sie heissen?“
„Ich heisse Jón Svensson.“
„Und wie heisst der Junge?“
„Der heisst Friedrich.“
„Und wo, mit Vergunst, sind Sie zu Hause?“
„In Charlottenlund bei Kopenhagen.“
„Darf ich nach Ihrem Stand fragen?“
„Ich bin Lehrer an einer Lateinschule.“
„Wollen Sie sich vielleicht hier niederlassen?“
„Nein, wir werden hier in Reykjavik nur zwölf Tage bleiben, dann reisen wir nach dem Nordland.“
Unter solchen und ähnlichen Fragen kamen wir rasch zur Landungsstelle. Friedrich und ich nahmen dort unsere Sachen aus dem Boot und verabschiedeten uns. Als ich bezahlen wollte, erhielt ich von dem jungen Mann die Antwort, für so einen kleinen Dienst nehme er kein Geld. Dann besorgte er uns einen Träger, der unser Gepäck nach dem Hotel „Reykjavik“ brachte.
Dieses Hotel war ein geräumiges hölzernes Gebäude in der Hauptstrasse der Stadt. Die Wirtin, Frau Zoëga, eine Isländerin, nahm uns mit grösster Zuvorkommenheit auf, und bald sassen wir behaglich in einem netten kleinen Zimmer im ersten Stock.
Frau Zoëga, eine würdige, gewandte Dame, hatte sich mehrere Jahre in England aufgehalten, um die englische Küche praktisch kennen zu lernen. Der Tisch bei ihr war denn auch ganz ausgezeichnet und vollständig englisch.
Es gab zwei Klassen im Hotel; in der ersten Klasse war der Preis 5 Kronen (5—6 Mark) täglich für Kost und Wohnung, in der zweiten Klasse war es bedeutend billiger. Für uns wurde der Preis herabgesetzt, weil wir zwei Personen waren und uns zwölf Tage lang aufhalten wollten.
Die Tagesordnung war ungefähr diese: morgens Kaffee (wenn es gewünscht wird, mit Kuchen); um 1 Uhr zweites Frühstück: kalte Küche mit einem oder zwei warmen Gerichten; um 7 Uhr gemeinschaftliche Tafel mit drei warmen Gerichten.
Wie man sieht, war hier alles so ziemlich modern europäisch. Das gleiche gilt von allen bessergestellten Leuten in Reykjavik. Von unserem Aufenthalt in der Stadt ist daher nicht viel Besonderes zu berichten.
Reykjaviks Hafen ist prächtig und grossartig. Er ist aber von der Natur allein geschaffen. Grössere Werke von Menschenhand sind hier noch selten, dafür ist die Stadt zu klein.
Bevor wir Reykjavik verlassen, darf ich nicht vergessen zu erzählen, wie ausserordentlich liebenswürdig der Landeshauptmann, Herr Magnus Stephensen, und seine Frau sich gegen uns erwiesen. Sie waren beide hochgebildete Menschen. Der Befehlshaber des französischen Kriegsschiffes „Nielly“, den ich einmal besuchte, sagte mir unter anderem, der Landeshauptmann spreche so vollkommen französisch, dass man bei ihm nicht den geringsten Unterschied von einem Franzosen merke.
„Ausserdem“, fügte er hinzu, „muss man sich sehr in acht nehmen, dass man sich in der Unterhaltung mit ihm nicht blamiert; er ist nämlich in der französischen Literatur vorzüglich bewandert.“
Mir gegenüber war der Landeshauptmann, wie gesagt, äusserst liebenswürdig. Er lud uns mehrmals ein, seine allerbesten Reitpferde zu benutzen; auch gab er uns seinen kleinen Sohn Magnus, mit dem ja Friedrich bereits auf der Fahrt mit dem Dampfer „Botnia“ von Kopenhagen nach Island Freundschaft geschlossen hatte, als Führer mit und stellte uns ausserdem einen Diener zur Verfügung. Wir fühlten uns daher sozusagen wie eine vornehme Gesellschaft.
Einmal unternahmen wir in solcher Begleitung einen Ritt in die Umgegend von Reykjavik.
Dieser Ausflug war eine sehr gute Vorbereitung für unsere bevorstehende grosse Reise durch das Land. Wir besuchten dabei unter anderem die nahe gelegenen heissen Quellen, die eigenartigste Wäscherei der Welt, wo alle Wäsche der Stadt gereinigt wird in Wasser, das, von vulkanischem Feuer erwärmt, aus Kratern strömt. Auch setzten wir auf unsern zuverlässigen Pferden über einen Fluss und machten uns mit den verschiedensten Arten von Wegen bekannt.
Der kleine Magnus ritt auf seinem eigenen Pferd, einem kleinen, feurigen Tier. Trotz seiner jungen Jahre war er ein so ausgezeichneter Reiter, dass er und sein Pferd wie in eins verwachsen schienen. Bisweilen sprengte er so stürmisch voran, dass ich mir ernstlich Sorge um Friedrich machte, ob er noch mitkommen könne. Aber als echter Junge zeigte Friedrich nicht die geringste Furcht, und es ging auch alles gut.
Friedrich ritt auf dem Pferde der Frau des Landeshauptmanns, ich auf dem Pferde des Landeshauptmanns selbst. Darauf waren wir beide nicht wenig stolz. Diese prächtigen Tiere gehörten gewiss zu den besten und edelsten in Reykjavik, und es ritt sich so vorzüglich auf ihnen, dass man auch im wildesten Galopp beinahe so sanft wie in einem Sofa auf ihnen sass. —
Überall, wohin wir auf unserem Ritt kamen, waren die Leute ausserordentlich freundlich gegen uns und stets gerne bereit, uns gute Winke für unsere bevorstehende grosse Reise nach dem Nordland zu geben. Wir erhielten auf diese Weise die trefflichsten Ratschläge über die Behandlung der Pferde, über Ausrüstung, Kleider und Lebensmittel, mit denen wir uns versehen sollten, über die Wege, denen wir am besten folgen würden, über die Höfe, wo wir absteigen sollten, und verschiedenes andere, so dass es mir immer mehr schien, wir könnten unsere Reise ohne die geringste Gefahr ganz allein antreten. Nur auf den gefährlichsten Strecken wollte ich einen Führer nehmen.
Von Bezahlung für die Dienste, die man uns erwies, war fast nie die Rede. Einmal liessen wir bei einem Goldschmied einen kleinen Gegenstand reinigen und herrichten; als wir bezahlen wollten, erhielten wir die gewöhnliche Antwort:
„Ach, für so eine Kleinigkeit nehme ich kein Geld.“
Ein anderes Mal ruderten uns zwei Knaben zu einem Dampfer weit draussen im Hafen und wieder zurück, und als wir sie fragten, was wir schuldig seien, erklärten sie bestimmt:
„Nichts.“
Es war, als hielten es die Leute für eine Herabwürdigung ihrer selbst, wenn sie für solche Dinge Geld nähmen.
Kurz bevor wir Reykjavik verliessen, kam der kleine Hotelkellner, der mir oft Auskunft über die Sehenswürdigkeiten der Stadt gab, eines Nachmittags auf mein Zimmer gestürmt und rief voll Eifer:
„Haben Sie auch schon Thorwaldsens Gabe an Island gesehen: den Taufstein in der Domkirche?“
„Nein, das habe ich noch nicht, kleiner Freund.“
„O, den müssen Sie aber dann unbedingt sehen! Thorwaldsen hat ihn selbst aus dem feinsten Marmor gemacht und hat ihn von Rom hierhergeschickt!“
Ich ging also in die Domkirche und bewunderte das feine Kunstwerk, das im Chor gerade vor dem Altar aufgestellt ist. Es trägt folgende Inschrift, die Thorwaldsen selber in den weissen Marmor eingehauen hat:
Opus hoc Romae fecit, et Islandiae, terrae sibi gentilitiae, pietatis causa donavit Albertus Thorvaldsen, Anno MDCCCXXVII.
Das heisst:
„Dieses Werk hat Bertel Thorwaldsen in Rom ausgeführt und es als Zeichen seiner Liebe Island, seiner Heimat, geschenkt im Jahre 1827.“
Die Inschrift zeigt, dass Thorwaldsen mitten in seiner Berühmtheit drunten in Rom nicht das Land vergessen hat, aus dem er von väterlicher Seite stammt. — Sein Vater war nämlich der Isländer Gottskalk Thorvaldsson, seine Mutter war eine Dänin.
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