Kitabı oku: «Aufgewühlt»

Yazı tipi:

Jona Mondlicht

Aufgewühlt

Ein erotischer Roman


www.Elysion-Books.com

Jona Mondlicht

Jona Mondlicht wurde im März 1969 in Erfurt geboren, wuchs dort auf und wohnt nach einigen beruflich bedingten Umzügen wieder im regionalen Umfeld der Stadt.

Geschrieben hat er, seitdem er einen Stift in der Hand halten konnte. Anfangs krakelig, mittlerweile eher verschnörkelt. Sein erstes Manuskript verfasste er im Alter von sieben Jahren. „Der Gärtner, das Blümchen und der Papagei“ wurde jedoch nie veröffentlicht. Es lag wohl daran, dass er erst auf der letzten Seite das Fehlen des Papageien bemerkte.

Da sich davon also nicht leben ließ, erlernte er einen handfesten Beruf, studierte anschließend in der Fachrichtung Informatik und schloss 1998 ein Studium als Diplombetriebswirt ab.

Auch literarisch hat er dazugelernt. Im Jahr 2001 gründete er die Plattform „Schattenzeilen“ und beteiligt sich dort auch heute noch aktiv schreibend und betreibend. 2008 steuerte er zwei seiner Kurzgeschichten für das Buch „kopfkino“ bei.

2014 erschien mit „Unverglüht“ sein erstes Buch im Elysion-Books Verlag. Es begeisterte Leser wie Kritiker gleichermaßen.

Aktuelle Infos: http://www.jonamondlicht.de

JONA MONDLICHT

Aufgewühlt


EIN EROTISCHER ROMAN


www.Elysion-Books.com

Sämtliche Namen, Orte, Charaktere und Handlungen sind frei

erfunden und reine Fiction der Autoren/innen. Alle Ähnlichkeiten

mit Personen, lebend oder tot, sind Zufall.

UMSCHLAGGESTALTUNG: Ulrike Kleinert

www.dreamaddiction.de

FOTO: © fotolia/Denis Kadackii

LAYOUT & WERKSATZ: Hanspeter Ludwig

www.imaginary-world.de

ISBN 978-3-945163-53-5

Mehr himmlisch heißen Lesespaß finden Sie auf:

www.Elysion-Books.com


Inhalt

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Leseprobe: Sophia Rudolph - Blinde Leidenschaft


Kapitel Eins

Sarah legt ihren Zeigefinger vorsichtig auf den breiten, braunen Klingelknopf. Sie holt tief Luft, sammelt sich. Dann drückt sie entschlossen auf ihn.

Sie hat lange überlegt, ob es richtig ist. Ob sie das darf. Tage, Wochen, Monate. Dass es einen Menschen gibt, der erfahren muss, was passiert ist, lässt ihr keine Ruhe. Einen Menschen, der ihr Antworten geben kann. Den sie in manchen Dingen besser kennt als sich selbst. Obwohl sie ihm nie persönlich begegnet ist. Bis jetzt.

Hinter der Tür aus Eichenholz ertönt ein mondäner Gong. Tief, klar und ruhig. Niemanden, denkt Sarah, wird dieser Ton zur Eile rufen. Sie lässt die Hand sinken und betrachtet das Messingschild neben dem Türrahmen. Ein Name steht dort, tief eingraviert und mit schwarzer Farbe nachgezogen. Der gleiche Name, den sie auch auf der Rückseite eines Fotos fand. Vor vielen Jahren mit Bleistift geschrieben. Ein wenig verwischt und gerade noch lesbar.

Sarah wendet sich von der Tür ab und überblickt den Vorgarten. Die Vormittagssonne zeichnet noch frische Schatten zwischen die Blumen. Aber die Hitze der ersten Tage im Juli wird über ihnen die Luft flimmern lassen. Spätestens in ein, zwei Stunden. Gepflegt sieht es hier aus, denkt Sarah. Die Rasenkanten sind gerade abgestochen, die Gehwegplatten akkurat verlegt.

Das Klacken eines Schlosses unterbricht ihre Gedanken und Sarah dreht sich um. Gerade noch rechtzeitig, als sich die Tür eine handbreit nach innen öffnet.

»Ja bitte?« Ein Kopf schiebt sich in den Spalt. Zwei große Augen blinzeln neugierig gegen die Helligkeit des Tages. Forschend.

Sarah ist überwältigt und sieht sich vor der Fotografie stehen, auf der sie dieses Gesicht zum ersten Mal sah. Weniger Falten hatte es, aber die Augen erkennt sie sofort wieder. Lia, denkt sie. Du also bist Lia. Wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet. Wie viel weiß ich über dich. Und doch kennst du mich nicht. Sie möchte die Frau umarmen für all das, was sie gemeinsam erlebt haben, aber sie kann es nicht. Denn Lia ahnt nichts davon. »Guten Morgen«, sagt sie schließlich und bemerkt, dass ihre Stimme aufgeregt klingt. Sie räuspert sich kurz. »Ich hoffe, ich störe nicht«

»Ich kaufe nichts«, sagt die Frau hinter der Tür. Ihre sanfte Stimme passt nur beschwerlich zu der harschen Auskunft. »Ich will keiner Religion angehören, der nächste Weltuntergang ist mir egal, Zeitschriften lese ich nicht. Und eigentlich wollte ich heute ausschlafen.« Der Türspalt wird kleiner.

»Nein«, wehrt sich Sarah. »Warten Sie. Ich will Ihnen nichts verkaufen. Aber ich habe etwas, das ich Ihnen unbedingt geben muss …« Sie legt ihre Hand auf die kleine Tasche, die ihr über der Schulter hängt.

»Ich möchte es aber nicht«, erwidert Lia und schaut bereits über Sarahs Schulter hinweg. »Und nun gehen Sie.« Die Tür schließt mit einem massiven und schweren Klacken.

Sarah starrt auf das helle Eichenholz. Fassungslos. In den vergangenen Tagen hat sie sich vorgestellt, wie es sein wird, einem vertrauten Menschen zum ersten Mal zu begegnen. Alles erschien ihr möglich von einem bedauerlich kurzen Wortwechsel bis zu einem freundlichen Gespräch. An der Tür abweisen ließ sie sich jedoch nie. Das sieht ihr Plan nicht vor. Sie will nicht länger Dinge besitzen, die ihr nicht gehören. Und sie möchte dem schwarz-weißen Foto Farben schenken. Wenigstens einmal. Um es einzupassen in alle Erinnerungen. Also hebt sie entschlossen den Finger und drückt erneut auf den Klingelknopf. Tief und fest. Als sich nach dem ruhigen Gong hinter der Tür nichts regt, versucht sie es noch einmal. Und wieder. So lange, bis sich der Spalt erneut öffnet.

»Ich habe doch gesagt …«

»Lia!«, unterbricht Sarah, bevor sie weitersprechen kann. »Sie sind Lia, stimmt das?«

Der Lockenkopf bleibt regungslos. Die Gesichtszüge erstarren, als sei vorübergehend die Zeit angehalten. Ihr begonnener Satz findet kein Ende mehr.

»Bitte schließen Sie nicht wieder die Tür«, fleht Sarah und legt ihre Handflächen aufeinander. »Ich möchte mich nur mit Ihnen unterhalten, jetzt oder wann immer Sie Zeit haben. Bitte!«

Lias rechte Hand gleitet langsam am Eichenholz herab. »Lia?«, wiederholt sie leise, aber deutlich. Ungläubig. Der Lockenkopf neigt sich ein wenig. »Sie haben Lia gesagt? Wieso …« Sie zögert. »Von wem kennen Sie diesen Namen?«

»Von Herrn Conrad«, antwortet Sarah hastig. Aus Angst, dass sich die Eichenholztür endgültig schließt. Als sie einen zweifelnden Blick in den grünbraunen Augen erkennt, fügt sie aufgeregt hinzu: »Bruno. Von Bruno. Carl Bruno Conrad.«

»Bruno …«, wiederholt Lia gedankenverloren. Nicht mehr fragend, sondern eine Treppe hinabsteigend, die tief in ihre Erinnerungen führt. An deren Ende keine Schatztruhe, sondern eine Grabkammer verborgen liegt. Sie nickt langsam. »Kommen Sie herein«, sagt sie nachdenklich und gibt die Tür frei.

Vor Sarah öffnet sich ein kleiner Raum, der nach wenigen Metern direkt in ein Wohnzimmer mündet. Sie muss an den langen Flur denken, der in die Lederwerkstatt von Herrn Conrad führte und bis unter die Decke mit Gürteln und Riemen behangen war. An den seltsamen, würzigen Geruch nach Leder und Vanilletabak.

»Entschuldigen Sie bitte meinen Aufzug«, sagt Lia bedauernd und hält mit einer Hand das Revers ihres weißen Morgenmantels geschlossen. »Ich habe nicht damit gerechnet, so früh schon besucht zu werden.« Sie gibt sich Mühe, im Schatten der Haustür zu bleiben und schließt diese sofort, als Sarah im Flur steht. »Schon gar nicht mit jemandem, der …«

Ein Blick gleitet wie der Lichtkegel eines Leuchtturms über Sarah. Sie fühlt sich gemustert. Überlegt, was Lia über sie und ihr Verhältnis zu Herrn Conrad denkt. Doch bevor sie zu einem Ergebnis kommt, spricht ihr Gegenüber weiter.

»Schon gar nicht mit jemandem, der Bruno kennt.« Sie streckt langsam die Hand aus. »Julia«, sagt sie. »Ich heiße Julia. Den Kurznamen habe ich nie wieder verwendet seit …« Sie zögert. »Seit einer sehr langen Zeit. Und Sie sind?«

»Sarah.« Sie erwidert den Händedruck, aber es ist ein vorsichtiger, verhaltener. »Ich weiß, Sie kennen mich nicht. Aber Herr Conrad hat mir viel über Sie erzählt. Er hat Sie immer nur Lia genannt.«

Julia lächelt unsicher. »Ich weiß …«. Dann weist sie mit dem Kopf in Richtung des nächsten Raumes. »Wir gehen besser in das Wohnzimmer und setzen uns, oder?«

Sarah nickt dankbar. Sie betritt einen lichtdurchfluteten, übersichtlichen Raum mit großem Panoramafenster. In der Mitte stehen ein kleiner Holztisch mit polierter Oberfläche und neben ihm zwei Stühle. Kurz hinter der Schwelle stoppt Sarah, als sie den hellen Teppich bemerkt, der einen Teil des Parketts bedeckt. Sie erinnert sich, dass sie stets ihre Stiefeletten ausgezogen hat, wenn sie sich dem weißen Teppich bei Herrn Conrad näherte. Direkt an der Kante. Sie hätte es in seiner Gegenwart nie gewagt, sich anders zu verhalten. Selbst wenn es nicht um den Teppich, sondern nur um den Willen von Herrn Conrad gegangen wäre. Vielleicht war es genau so gewesen.

»Oh, lassen Sie Ihre Schuhe nur an«, sagt Julia, die das Zögern bemerkt. »Und nehmen Sie Platz.« Sie weist auf einen der geschwungenen Holzstühle mit hohem Polster. »Keine Angst, die sind nicht ganz so antik, wie sie aussehen.«

Sarah ist nicht sicher, ob das stimmt. Das gesamte Wohnzimmer ist stilvoll eingerichtet mit Möbeln aus der Gründerzeit. Dunkles, glänzendes Holz. Schnitzereien an den Frontseiten der Türen. Messingbeschläge. Eine Einrichtung, die man pflegt und liebt, denkt Sarah. Sessel und Sofa wie bei Herrn Conrad findet sie dagegen nicht. Als sie sich auf einen der Stühle setzt, knarrt dessen Rahmen leise und angenehm. Sie stellt die kleine Lederhandtasche, die sie bislang über der Schulter getragen hat, auf ihren Schoß.

Julia achtet darauf, dass ihr Morgenmantel über den Knien geschlossen bleibt, während sie sich niederlässt. Dann lehnt sie sich zurück und schaut Sarah in die Augen. Forschend. Musternd. Taktierend.

Sarah akzeptiert es und weicht nicht aus. Es fühlt sich an wie die gespannte Stille vor einem aufziehenden Sturm. Sie hat so viele Fragen, die sie stellen möchte. Auch Julia wird sie haben. Und doch sitzen sie sich beide gegenüber und schweigen. Noch.

Julia räuspert sich und zieht den Morgenmantel enger. Als würde sie frieren. Dabei hält der Raum noch immer die Wärme des Vortags, bis er sie in ein paar Stunden gegen neue Mittagshitze austauschen wird. »Sie kennen also Bruno, sagten Sie.« Keine Frage. Eine Feststellung.

Sarah nickt. Sie glaubt, Lias Anspannung über den Tisch hinweg zu spüren. Sieht, wie sie ihren Kopf schräg legt und langsam auf ihrer Unterlippe kaut.

»Und wie gut kennen Sie ihn?«

»Sehr gut«, antwortet Sarah. Dabei stimmt es nur bedingt. Eigentlich kennt sie nur wenige Seiten seines Lebens. Die aber um so tiefer. Doch genau die sind gemeint.

Julia hält inne. Eine Idee huscht über ihr Gesicht und hinterlässt überrascht spitze Augenwinkel. »Sind Sie etwa … ich meine …« Julia wägt ab. Ihre Worte trauen sich weniger als ihre Gedanken. Nach einer Weile tippt sie mit ihrem Zeigefinger vorsichtig gegen die Vorderseite ihres Halses. Direkt unter den Kehlkopf. Zeichnet einen kleinen Kreis wie einen Ring.

Sarah versteht sofort. Sie erinnert sich an das Halsband, welches über dem Bilderrahmen in der Ledermanufaktur von Herrn Conrad hing. An den kleinen Metallring, der an ihm befestigt war. Und an das eingebrannte »L«, welches sie viel zu spät erkannt hat. Lia hat das Halsband getragen. Ganz sicher. Jene Frau, die nun vor ihr sitzt und sie fragend ansieht.

»Haben Sie sich ihm …« Julia beugt sich leicht nach vorn, als käme sie so der Antwort räumlich näher.

»Nein«, sagt Sarah und bemerkt, dass sie es bedauert. Wie stolz hätte es sich wohl angefühlt, eine andere Antwort geben zu können. So etwas wie: Ja, ich habe mich ihm unterworfen und er hat mich angenommen. Ja, ich habe ein Halsband von ihm getragen. Ja, ich war diejenige, die einst Sie für ihn waren. Sarah spürt, wie sich die feinen Härchen auf der Haut ihrer Unterarme aufrichten. Dabei hatte Herr Conrad ihr eine klare Abfuhr erteilt. Damals, in der Werkstatt, als sie sich vor ihn knien wollte und er sie zur Seite schob.

Julia streicht sich mit einer Hand die schwarzen, langen Locken nach hinten. Lehnt sich zurück. Fixiert ihr Gegenüber mit zweifelnden Blicken.

Vorsichtig öffnet Sarah den Reißverschluss ihrer Handtasche. Sie muss nicht lange suchen, bis ihre Finger den länglichen, weichen Gegenstand ertasten. Er ist einer der Gründe, aus denen sie hier ist. Sie zieht das Halsband heraus, hält es noch einmal kurz in der Hand, wiegt es, fühlt mit dem Daumen über den kleinen Ring. Es ist nicht ihres. Es sind nicht ihre Schweißtropfen und nicht ihre Erlebnisse, mit denen es getränkt ist. Trotzdem fühlt sie eine Bindung zu ihm. Auch deswegen, weil sie es in den letzten Monaten so oft in der Hand hatte. Nur, um seine Macht zu spüren.

Schließlich legt sie es vorsichtig auf dem glänzenden Holz des Tisches ab. Mittig. Genauso weit entfernt von ihr wie zu Lia.

»Deins«, flüstert Sarah tief berührt. Sie kann sich nicht vorstellen, dass es Herr Conrad anders gesagt hätte, wenn er es zu Ende gebracht hätte. Nun tut sie es für ihn und es fällt ihr nicht weniger leicht. Nur ungern löst sie ihre Hand. Die Schließe klackt leise, als sie die Tischplatte berührt.

Julia presst die Hand auf ihren Mund. Ihre braungrünen Augen werden riesig und starren auf das Halsband. Auf den Ring. Auf das »L«. Auf die große Schließe, die so oft schwer in ihrem Nacken lag. Sie hat nie vergessen, wie es sich anfühlte. Wie es sie in Besitz nahm, wie es sie auslieferte und doch gleichzeitig beschützte. Und wie unglaublich stolz sie war, es tragen zu dürfen. Für Bruno. So viele Jahre ist das her, denkt sie. Und nun liegt es wieder vor ihr. Ein Relikt aus der tiefsten Zeit ihres Lebens.

»Deins«, wiederholt Sarah. Als wollte sie das Halsband mit Worten über den Tisch schieben. Sie nickt ihr zu. »Ich weiß, was das Halsband bedeutet. Darum musste ich es hierher bringen.«

Julia ringt um Fassung. Sie kann sich nicht überwinden, das Halsband zu ergreifen. Denn sie fürchtet, dass mit der ersten Berührung eine gewaltige Brandung aufwühlender Bilder auf sie trifft. Unwillkürlich muss sie an den Tag denken, an dem sie im Sand saß und das Meer rauschen hörte. Dort war ihr Bruno zum ersten Mal begegnet. Noch am gleichen Abend hatte er ihr heißes Wachs über die Finger gegossen und sie hatte sich gewünscht, er würde noch fester zugreifen. Wenige Stunden später hatten sie sich auf einen Seiltanz eingelassen, bei dem er sie an den nackten Brustwarzen auf seine geheimnisvolle Seite zog. Ab diesem Zeitpunkt hatte sie gewusst, wie er sie packt.

Julia lässt ihre Hand sinken und bemerkt, wie sie zittert. »Meins«, sagt sie aufgewühlt. »Es ist tatsächlich meins. Bruno hat es für mich gemacht. Von Hand gearbeitet. Nach seinen Vorstellungen.« Sie rutscht auf dem Stuhl nach hinten, drückt unter dem Morgenmantel die Knie zusammen und beugt ihren Körper leicht nach vorn. Dann stützt sie ihre Ellenbogen auf den Oberschenkeln ab und legt ihr Kinn in die Handflächen. »Er kann mit Leder umgehen.« Dann schweigt sie einen Moment und senkt den Blick auf den Boden.

Wehmütig sieht sie aus, denkt Sarah. Sie weiß nicht, aus welchem Grund Julia nicht zu Herrn Conrad zurückgekehrt ist, aber es kann kein unbedeutender gewesen sein.

»Nicht nur mit Leder«, sagt sie leise. Nur, um die Stille vorsichtig zu unterbrechen und den Faden nicht zu verlieren.

Julia holt Luft und sieht ihr direkt in die Augen. Entschlossen.

»Sarah«, sagt sie, »das Halsband bedeutet mir sehr viel. Es ist mir ein unschätzbarer Wert. Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst.«

»Ich kann es, glaube mir«, unterbricht Sarah. Sie verzichtet auf die förmliche Anrede. Ihr Gegenüber tut es auch. Und sie spürt, dass sie sich verstehen werden. Sie befinden sich, wie ihr scheint, in recht ähnlichen Situationen.

»Bist du dir sicher?« Julia zieht ihre Augenbrauen nach oben. Zweifelnd. »Hast du schon einmal ein Halsband getragen? Für jemanden?«

Sarah spürt einen kurzen, prüfenden Blick auf ihren Hals. Aber dort ist nichts. Noch nie trug sie ein Zeichen. Sie weiß nicht, wie es sich anfühlt, auf diese Weise in Besitz genommen zu werden. Dabei wünscht sie sich nichts sehnlicher, als es zu erleben. Wie stolz wäre sie, würde man ihr diese Erfahrung schenken.

»Nein«, sagt sie bedauernd. »Habe ich nicht.«

»Aber du würdest es tun?«

Ausweichend wiegt Sarah ihren Kopf. Bestimmt würde sie es tun. Aber nicht für jeden. Es müsste ein Mann sein, zu dem sie aufschauen kann. Der ihr trotz seiner Macht das Gefühl gibt, in seiner starken Hand sicher zu sein. Dem sich ihr Körper und ihre Seele aus einem Instinkt heraus unterordnen würden. Selbstständig. Im vollen Bewusstsein, nicht den Hauch einer Chance zu haben, sich zu widersetzen. Dann würde sie es tun. Würde jemand sie so zu beherrschen verstehen, wäre sie sein Eigentum.

»Du weißt aber«, fügt Julia an, »was das bedeutet?« Ihr Blick bohrt nach wie ein Fragebogen.

»Ja.« Sarah knetet ihre Hände über der Handtasche. »Ich weiß es.« Ihr wird bewusst, dass sie sich offenbart. Zum ersten Mal in ihrem Leben gewährt sie Einblick in Fantasien, die in dunkler Tiefe verborgen waren. Herr Conrad hatte sie ausgelotet und zielsicher freigespült. Nachdem das Wasser wieder aufgeklart ist, liegen sie um so deutlicher dort und leuchten auffordernd herauf.

»Und woher weißt du das?« Julia lehnt sich skeptisch zurück.

Sarah überwindet sich. Öffnet von innen eine erste Tür zu ihrer Seele.

Ich bin wie du.« Sie bemerkt den erstaunten Blick der Frau gegenüber. Aber nun gibt es kein Zurück mehr. »Ich fühle mich hingezogen zu Männern, die mich nicht einfach nur in den Arm nehmen und neben mir sein wollen. Das ist mir zu wenig. Ich suche jemanden, der mich unter sich sehen will und weiß, wie er mich konsequent dort hält. Der Macht über mich hat, mich ganz nach seinem Willen beherrscht. Dem ich ausgeliefert bin. Der mich aufleben lässt, weil er es so will. Der mir gut tut.« Sarah holt tief Luft, denn so intensiv hat sie sich noch nie zuvor geäußert. Sie kämpft gegen ein elektrisierendes Gefühl auf ihrer Haut. »Ich möchte unterworfen werden.« Ihre Stimme zittert. »Und ich würde mir ein Halsband umlegen lassen von dem Mann, dem das gelingt.«

Vor dem Panoramafenster bewegen sich Blumen und Gräser. Ein leichter Wind streicht kurz durch ihre sattgrünen Linien. Julia sieht nach draußen und nickt. Sie versteht, dass ihre Besucherin nicht anders fühlt als sie selbst.

»Es ist nicht immer einfach, es zu tragen«, sagt sie schließlich und wagt einen Blick auf das Halsband, welches zwischen ihnen auf dem polierten Holz der Tischplatte liegt. »Und es wird erst im Laufe der Zeit zu dem, was es einem wirklich bedeutet. Als ich ihm das erste Mal begegnete, hatte ich völlig andere Vorstellungen.«

Sarah schließt den Reißverschluss ihrer Handtasche und stellt sie vorsichtig neben sich auf dem Parkettboden ab.

»Schau dir das Halsband an. Wie würdest du es beschreiben?«

»Schlicht«, sagt sie, ohne lange zu überlegen. »Einfach. Zweckmäßig.« Es ist das, was ihr sofort aufgefallen war, als sie es zum ersten Mal gesehen hatte. So oft hielt sie es später in der Hand mit einem quälenden Gedanken daran, dass es nicht ihres ist. Sie kennt jeden Zentimeter. Sogar den glänzenden Abdruck der Schließe hinter dem letzten Loch. »Und trotzdem ist es sehr schön.«

»Nun«, meint Julia, »mein erster Eindruck war ein anderer.« Sie lehnt sich wieder zurück und erinnert sich an die Zeit, als sie Lia war. Für Bruno.

»Welcher?«, erkundigt sich Sarah neugierig. Sie kann sich kaum vorstellen, dass das Halsband Lia nicht gefallen haben könnte.

»Möchtest du wirklich, dass ich dir das erzähle?«

Sarah nickt. »Bitte.« Von Herrn Conrad hat sie so viele Geschichten erfahren über Lia, aber das Halsband spielte selten eine Rolle. »Ich bin wie du«, bekräftigt sie und bemerkt, dass es ihr plötzlich viel leichter fällt, das zu sagen.

»Vielleicht«, antwortet Julia diplomatisch. Sie weiß, dass sie Fantasien hat, die sie Sarah möglicherweise nie erzählen würde. Dinge, die diesen Keil zwischen Bruno und sie getrieben haben und die sie niemals wieder angerührt hat seitdem. Sie lehnt sich zurück und versucht sich loszureißen von ihren Gedanken an ein altes Schloss, in ihren Körper geschobene Weinbeeren und den berauschend herben Geruch nach Gewalt.

»Damals hat das Halsband genau hier gelegen, auf diesem Tisch.«

»War er …« Sarah fühlt mit der Hand über die Seite des Stuhles, auf dem sie sitzt. »War er etwa hier?«

Julia nickt bedächtig. »Ja«, sagt sie. »Bruno war häufig hier.« Dann schaut sie lange und aufmerksam zu ihrer Besucherin. Sie überlegt, ob es der Wahrheit entspricht, dass es zwischen Sarah und Bruno keine tiefere Verbindung gibt. Vielleicht, denkt sie, hat er doch vergessen können. Einer anderen Frau den Platz gegeben, den er für immer Lia versprochen hatte. Wenn es so wäre, würde es ihre Vorstellung, die Eine gewesen zu sein, wie sprödes Glas zerbrechen. Vielleicht war es aber endlich ein Weg, sich zu befreien. Loszulassen. Sie spürt Sarahs Aufregung am tiefen Einatmen. Verräterisch, denkt sie. Und so ergänzt sie laut und deutlich: »Du sitzt auf seinem Stuhl.«

Unwillkürlich zieht Sarah die Beine an und beugt den Oberkörper vor, um sich zu erheben. Sein Stuhl. Sein Thron. Dort hat sie nichts zu suchen. Es gehört sich nicht. Aber dann besinnt sie sich. Legt ihre Ellenbogen auf den Rand des Tisches und überspielt den Reflex mit einem unsicheren Lächeln.

Julia nickt. Sie hat die kurze, aber deutliche Reaktion bemerkt. Das war kein Zufall. Sie stellt sich Sarah neben Bruno vor. Er hat also doch, glaubt sie. Trotz des Altersunterschiedes. Bevor sie jedoch Gelegenheit findet, eine dunkle Vermutung auszuleuchten, wird sie von Sarah unterbrochen.

»Erzähle bitte. Ich werde still sein.«

Stille, denkt Julia. Das war es, was Bruno ihr stets zu gleichen Teilen abverlangt und gewährt hat. Sie konnten sich stundenlang gegenübersitzen, ohne ein Wort zu sprechen. Und doch war es niemals ein Schweigen. Stattdessen waren es die intensivsten Zwiegespräche, die sie geführt hatte und aus denen sie stets neue Lehren gezogen hatte. Über sich, ihr Verhalten und ihre Seele. Über Bruno. Ganz wortlos. Auch an jenem Tag hatte er sie still knien lassen.


Kapitel Zwei

»Ich habe etwas für dich.« Bruno durchquerte langsam den Raum. Seine Sohlen klopften auf dem Parkett und die Beine seiner schwarzen Anzughose rieben beim Gehen leise aneinander. Er griff einen der um den Holztisch platzierten Stühle an der Lehne und zog ihn nach hinten. »Was glaubst du, was es sein könnte?« Bruno lächelte und sah zu mir, während ich vor dem großen Panoramafenster auf dem Boden kniete. Nackt. Meine Handgelenke wurden hinter dem Rücken festgehalten von zwei breiten, miteinander verbundenen Lederfesseln. Die Schenkel hielt ich gespreizt. Ungeschützt. Offen. So verlangte es Bruno.

Sarah reibt sich unbewusst die Oberarme. Ihre Handflächen streichen über Gänsehaut. Sie hat das Gefühl, in einen Strudel zu geraten, von einem kräftigen Sog in einen Tunnel gezerrt zu werden. Vorbei an Wänden, die mit Lederriemen und Gürteln behangen sind. Und schließlich ist es, als säße sie wieder in der düsteren Manufaktur. Hohe Regale mit Lederballen um sich. Während Herr Conrad Pfeife rauchend Geschichten webt, in denen sie sich verfangen wird. Die Faszination ist zurück. Beinahe kann sie diese aufregende Mischung aus dem öligen Duft des Leders und der leichten Vanillenote des Tabaks riechen. Sarah hängt an den Lippen von Julia.

Er wendete den Stuhl mit der Sitzfläche zu mir und ließ sich langsam auf dem hohen Polster nieder. Der Rahmen des Stuhles knarrte leise unter seinem Gewicht. Mit einem Lächeln platzierte Bruno eine Schachtel aus grauer Pappe auf der Oberfläche des Holztisches. »Was meinst du, was es sein könnte«, wiederholte er seine Frage und blickte mich eindringlich an, während ich auf dem Boden vor dem Panoramafenster kniete und zu ihm herauf sah. »Du darfst wieder sprechen, ich erlaube es dir.«

Mein Hals fühlte sich trocken an. Ich räusperte mich, aber mein »Danke« klang trotzdem rau. Ich hatte seit Stunden nicht gesprochen. Mit einem kurzen Blick auf den Karton versuchte ich, dessen Inhalt abzuschätzen. Nicht mehr als ein dickes Buch hätte in ihn gepasst. Ich nahm an, dass es etwas Kleines sein musste, mit dem Bruno sich oder gar mir eine Freude bereiten wollte. Hatten wir in den letzten Tagen oder Wochen Dinge besprochen, die er plante? Hatte er etwas geäußert, hatte ich etwas überhört, das mir jetzt zum Verhängnis werden konnte?

Bruno strich mit seinem Zeigefinger langsam über die Seite seines Halses. Entlang des weißen Hemdkragens. Als würde er nachdenken. Dabei wollte er nur, dass ich es tat.

Ich kannte diese Geste, die ein Halsband symbolisierte. Bald, hatte er versprochen, würde er mir ein besonderes anlegen. Eines, das es nur für mich geben und für immer meines sein sollte. Mit dem er mich in Besitz nehmen wollte. Nicht nur optisch, sondern auch fühlbar. Ich sollte es an mir spüren, als habe er seine Hand in meinem Nacken. Ich wusste, wie viel ihm das bedeutet, und auch deswegen war ich bereit, eines zu tragen. Für ihn. Mehr noch, ich wünschte mir nichts sehnlicher, als ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Es hinzunehmen, ein Halsband angelegt zu bekommen. Abschätzend sah ich noch einmal auf den Karton. Lag in ihm tatsächlich …?

»Es ist wirklich für mich?«

»Natürlich«, antwortete Bruno verärgert. »Selbstverständlich. Ich sagte, ich habe es dir mitgebracht.« Er legte seine Hand wieder auf den Karton und schob ihn ein wenig hin und her. »Ich mag es nicht, wenn du Fragen mit Gegenfragen beantwortest.« Dann sah er mich eindringlich an. »Das gilt insbesondere dann, wenn du dich nach Dingen erkundigst, die ich dir bereits erklärt habe.«

Beschämt senkte ich den Kopf. Atmete aus. Ärgerte mich. Bruno hatte recht.

»Bekomme ich noch eine Antwort? Fällt dir nicht ein, was es sein könnte?« Er klang ungeduldig. Trommelte mit den Fingern auf die Holzplatte des Tisches und es klang wie der Galopp eines Pferdes. »Du weißt es doch schon, Lia.« Mit einem scharfen Blick musterte er mich. Seine Finger hielten wieder still. »Du wirst es künftig für mich tragen, wenn ich es verlange.«

Mein Körper reagierte schneller als meine Gedanken. Allein die unmissverständliche Ankündigung und der Umstand, dass er ungefragt über mich verfügte, erzeugten einen aufregenden Unterdruck in der Magengegend. Und tiefer.

Ein Halsband! So oft hatte ich mir vorgestellt, wie es an mir aussehen würde. Hatte Bilder betrachtet und überlegt, was mich am besten kleiden würde. Grün oder braun sollte es sein, entschied ich, weil es zur Farbe meiner Augen passte. Gepolstert, sehr schmal und elegant, mit einer filigranen Schließe und vielleicht kleinen Ziersteinen an der Seite. Bruno hatte Geschmack und ich war mir sicher, dass er ein ganz besonderes Halsband gewählt hatte. So besonders, wie ich für ihn war.

»Eine Münze für deine Gedanken«, brummte Bruno, doch es klang nicht so, als wolle er sie wirklich wissen. »Komm jetzt her.« Er griff den Karton und zog ihn über den Tisch zu sich.

Ich schob mich Stück für Stück auf den Knien über den Parkettboden und versuchte, mein Gewicht mit den auf dem Rücken gefesselten Händen auszutarieren. Plump sah es sicherlich aus, aber das störte mich nicht. Bruno wollte mich so sehen. Nichts anderes zählte. Kurz vor seinen Füßen stoppte ich. So, dass er meinen Kopf auf seinen Schoß hätte ziehen können, ohne seine Position ändern zu müssen. Das hatte er mir beigebracht. Er mochte es nicht, mich zu korrigieren. Ich hatte mich stets zu bemühen, ihm keine Umstände zu bereiten. Tat ich es nicht, hatte ich mit den Konsequenzen zu leben. Im erträglichsten Fall wies er mich sofort auf den Fehler hin. Schwieriger wurde es dann, wenn er es nicht tat.

»Es ist ein besonders schönes Halsband, Lia.« Bruno hob den Deckel des Kartons an und griff hinein. »Schau mich an.«

Ich fixierte ihn mit den Augen und mühte mich um einen klaren Blick. Nichts anderes als etwas Besonderes hatte ich erwartet. Meine Beziehung zu Bruno entsprach dieser Eigenschaft in nahezu jeder Hinsicht. Sie ließ sich nicht vergleichen mit Freundschaft oder Liebe. Beide Worte fassten nicht die Ernsthaftigkeit und Tiefe, mit der wir uns aufeinander eingelassen hatten. Befreundet oder verliebt wäre all das, was wir taten, nur ein Spiel gewesen.

»Lia?«

In den Augenwinkeln sah ich, dass Bruno einen länglichen Gegenstand aus dem Karton hob. Leder. Grünbraun. Ich wiederkäute meine Wünsche. Verziert, sehr schmal und angenehm gepolstert. Ein Halsband wie ein Schmuckstück. So attraktiv, dass ich es für ihn auch tragen würde, wenn wir gemeinsam ausgingen.

»Sieh es dir an.« Bruno hielt beide Hände auf seinem Schoß und öffnete die Handflächen.

Als ich meinen Blick senkte, stockte mir der Atem. Weiteten sich meine Augen. Was sich auf den Händen von Bruno befand, war weder grünbraun noch verziert. Sondern ein kantiger, schlichter Lederstreifen. Nicht schmal, wie ich es mir vorgestellt hatte, stattdessen breit wie eine Streichholzschachtel. Mit einer Schließe, deren Gewicht sich allein durch ihre Größe erahnen ließ. Das war kein Schmuckstück. Das war ein grober Riemen, konstatierte ich schockiert.

»Sieh nur, es ist etwas Einmaliges«, erklärte Bruno und drehte das Halsband langsam in den Händen. Zum Vorschein kam ein kleiner, silberner Ring, der mittig angebracht war. Und ein tief in das Leder geprägter Buchstabe. Ein L.

Ich schluckte. Das sollte ich um den Hals tragen? Einen schmucklosen Riemen mit einer riesigen Schließe im Nacken? Braunes, ungepolstertes und grobes Leder? Mit einem Buchstaben, der mich wie billiges Eigentum aussehen ließ? Fassungslos hob ich den Blick.

Bruno kniff die Augen zusammen. Ihm war meine Reaktion nicht entgangen. Er musste beobachtet haben, wie sich meine Körperhaltung von Stolz zu Enttäuschung wandelte, als meine Schulterblätter sanken und sich mein Oberkörper leicht nach vorn beugte. »In deinen Pupillen ist das Glänzen matt geworden. Was ist mit dir?«

Ich senkte den Kopf, denn ich wusste nicht, wohin ich schauen sollte. Bruno wollte ich nicht in die Augen sehen. Wenn er es ernst meinte mit diesem groben Riemen, erwartete er Dankbarkeit und ich würde ihn enttäuschen. Aber das Halsband in seinen Händen wollte ich ebenso nicht sehen. Meine Blicke flüchteten hastig, aber fanden kein Ziel. »Es ist nichts«, log ich. Schneller, als ich darüber nachdenken konnte, welche Konsequenzen diese Lüge nach sich ziehen würde.

»Erkläre es mir!« Bruno sah weiter auf mich. »Erkläre mir dieses Nichts!« Seine Stimme hatte sich verändert. Fordernd klang sie, streng und keinen Kompromiss duldend. Er setzte einen Fuß nach außen und beugte sich vor. »Jetzt sofort!«

Ich wusste, dass ich nicht umhin kommen würde, ihm die Wahrheit zu sagen. Er roch es, wenn ich log. Ganz gleich, welche Ausflüchte ich nutzen würde, er würde sie alle wittern und einfangen. Ich zwang mich, das Halsband zu betrachten und suchte eine Formulierung, mit der ich meine Entrüstung in vorsichtige Worte kleiden konnte. Aber nichts Bedachtes konnte ausdrücken, wie wenig der Lederriemen meinen Vorstellungen entsprach. Dass mir die Farbe nicht gefällt, hätte ich nicht begründen können. Dass kein Polster die Innenseite auskleidet, hätte Bruno höchstens amüsiert. Kritik an der Breite des Halsbandes würde dazu führen, dass er es erst recht mögen würde. Ich kannte ihn gut genug. Wenn ich meinte, dass etwas unmöglich sei, spornte es ihn an, mir das Gegenteil zu beweisen. Und es gelang ihm immer.

Bruno schnellte unvermittelt nach vorn und griff mir knapp über dem Nacken in die Haare. »Das reicht!« Mit einer einzigen kräftigen Bewegung drängte er meinen Kopf auf den Boden, zwängte mich zur Seite und presste meine Wange fest auf das Parkett.

Ich schrie überrascht auf. Winkelte meine an den Handgelenken gefesselten Arme auf dem Rücken an, um die Position erträglicher zu halten. Das Halsband fiel und schlug mit der Schließe voran nur eine Handbreit vor meinem Gesicht auf. Ich schloss die Augen.

»Sieh hin«, wies Bruno mich an. Seine Hand umspannte fest meinen Nacken und übte unnachgiebig Druck aus. »Das ist dein Halsband, Lia. Deins!«

Als ich meine Lider hob, kam ich nicht umhin, auf den Lederriemen zu sehen. Ich glaubte, ihn riechen zu können, so nah lag er vor mir.

»Was stört dich daran?« Bruno klang verärgert. Er beugte sich immer weiter über mich, als wolle er mich noch fester packen.

Alles, dachte ich. Die auffällige Breite. Die riesige Schließe. Das fehlende Innenpolster. Die Farbe. Schmucklosigkeit. Die Makel wiederholten sich in meinen Gedanken, aber keinen von ihnen wagte ich vorzutragen.

»Gefällt es dir nicht?«

Ich war dankbar über die angebotene Brücke. So fiel es leichter. Ich versuchte zu nicken, auch wenn Bruno meinen Hals mit seiner Hand fixierte. Meine Wange rieb auf dem Parkettboden. Er bemerkte es.

»Aha«, knurrte er daraufhin, ließ mich aber nicht los. »Wie hätte es denn aussehen sollen, damit es meiner hübschen Lia gefällt?« Es klang spöttisch.

Ich biss mir auf die Lippen. Diese Frage hatte ich vermeiden wollen. Es behagte mir nicht, all das aufzuzählen, was ich mir vorgestellt hatte. Vor allem nicht in meiner Position. Also schüttelte ich den Kopf, so gut es ging.

»Gut«, meinte Bruno und zog das Wort lang in einem Tonfall, den ich kannte. Nichts war gut. Stattdessen war es die Feststellung, dass er mir das nicht durchgehen lassen würde. Dass er seinen Willen auch auf andere Weise erreichen konnte.

Ich spürte, dass Bruno seinen Griff in meinem Nacken lockerte. Doch bevor ich aufatmen konnte, setzte er seinen Fuß unsanft zwischen meine Schulterblätter. Die Schuhsohle fühlte sich kühl und kantig an auf der Haut. Vor meinen Augen tauchte seine Hand auf, griff nach dem Lederriemen und zog ihn unter meinem Hals hindurch. Meine Haare wurden nach oben geschoben und ich wusste, was geschah, als ich die Schließe hinter meinem Kopf metallisch klimpern hörte. Bruno legte mir das Halsband an. Den schlichten, groben Riemen. Zum ersten Mal.

Ich hatte mir diesen Moment anders vorgestellt. Feierlich. Aufwühlend. Stolz, aber ergeben hätte ich vor ihm knien wollen. Den Kopf gesenkt und mit einem Gefühl, als verspreche er mir für immer den Schutz unter seiner Hand. Während er mir ein Schmuckstück anlegt.

Unsanft zog sich das Leder um meine Haut. Bruno zog unerbittlich, bis es den Hals eng umschloss. Als er den Dorn einhakte, musste ich überrascht röcheln. Die Ledermanschetten an meinen Handgelenken hinderten mich daran, mir aus einem Reflex heraus an den Hals zu greifen.

»Erhebe dich, meine hübsche Lia«, knurrte Bruno und nahm seinen Fuß von meinem Rücken. Gleichzeitig zwängte er aber zwei Finger unter das Halsband, sodass ich Atemnot bekam. Ich bemühte mich daher, dem Zug seiner Hand schnell zu folgen. Kam mühselig auf die Knie, zog ein Bein nach vorn und stemmte mich in die Höhe. Die Fesselung meiner Arme raubte mir das Gleichgewicht und ich fiel gegen Bruno.

Der fing den Schwung ab und drängte meinen Körper gegen den Rand des Tisches. Mit einer ausholenden Armbewegung fegte er den Pappkarton über die glänzende Tischplatte, bis dieser auf der anderen Seite polternd zu Boden stürzte. Dann griff er meine Hände und zog sie nur ein kleines Stück nach oben.

Ich ahnte, was Bruno beabsichtigte. Und ich wusste, dass ich mich nicht dagegen wehren konnte. Je höher er meine Hände hob, um so mehr musste ich meinen Oberkörper nach vorn beugen. Es gab keinen Spielraum. Der Schmerz in meinen Schultergelenken signalisierte das anatomische Limit. Ich suchte daher zügig einen sicheren Stand und senkte meinen Oberkörper freiwillig bis auf die Tischplatte. Meine nackten Brüste berührten das kühle, polierte Holz zuerst. Stirn und Nasenspitze folgten. Als ich mich zurechtgerückt hatte, spürte ich, dass Bruno meine Hände freigab.

Er ging langsam um den Tisch herum und strich mir dabei mit einem Finger sanft über den Rücken. Zwischen den Armen entlang über die Schulterblätter bis hinauf in meinen Nacken. Als er schließlich vor mir stand, griff er erneut unter das Halsband.

Ich winkelte den Kopf an. Das Leder um meinen Hals war eng geschlossen. Während Bruno daran zog, drückte es gegen meinen Kehlkopf. Mit den Füßen stemmte ich meinen Oberkörper noch ein kleines Stück weiter auf den Tisch. Mehr Luft verschaffte es mir nicht.

Bruno blieb unbeeindruckt. »Nun gut«, meinte er und nahm sich Zeit, als wolle er einen längeren Vortrag halten. »Lass uns über dein Halsband reden, Lia. Ich finde ganz sicher heraus, was dir nicht gefällt an ihm. Und auch, ob deine Enttäuschung gerechtfertigt ist.«


Kapitel Drei

»Ich brauche erst einmal einen Kaffee.« Julia erhebt sich und zieht ihren Morgenmantel kräftig zusammen. Ihre Hände umklammern das Revers, als müsse sie sich daran festhalten. Dann wendet sie sich ab.

Sarah fühlt sich aus ihren Gedanken gerissen. Eben lag Lia noch vor ihr auf dem Tisch. Mit auf dem Rücken gefesselten Händen. Dort, wo Sarah jetzt sitzt, muss ihr Hintern gewesen sein. Sie schaut Julia hinterher und ihr Blick gleitet unwillkürlich ihren Rücken entlang nach unten. Schlank ist sie noch immer. Der über den Hüften eng um die Taille gezogene Morgenmantel lässt sie wie eine sich schlängelnde Sanduhr aussehen, wenn sie läuft. Sarah muss daran denken, wie Lia mit dem Oberkörper gegen ein Fenster lehnte, während ihr ein Korsett im Rücken geschnürt wurde. Herr Conrad hat das erzählt. Seine Geschichten wirken plötzlich viel greifbarer. Lebendiger. Wie nachkolorierte Bilder.

»Tut mir leid«, ergänzt Julia mit rauer Stimme und verschwindet im Flur, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Sarah lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück. Atmet tief ein und aus. Sie hat damit gerechnet, dass dieses Halsband eine Tür aufstoßen könnte zu alten Erinnerungen. Sie hat sogar darauf gehofft. Aber sie hat nicht geglaubt, dass es hinter der Tür noch derart lebendig zugehen würde. Das hatte sie ausgeschlossen, als sie nach dem Tod von Herrn Conrad die alten Fotos und das Halsband von der Wand genommen hatte. Wie welke Erinnerungen hingen sie dort und sahen so aus, als würden sie nach ihrem Verbleichen auch bald vergessen sein. Aber Julia hat nicht vergessen. Und Sarah beginnt, etwas Ungeheuerliches zu fürchten. Dass, während Herr Conrad bis an sein Lebensende in seiner kleinen Werkstatt gewartet hat, Lia nicht weit entfernt ebenso wartete. Er auf sie. Sie auf ihn. Ob aus Unkenntnis oder Stolz. Beides wäre schlimm. Besonders für Julia, wenn sie davon erfährt.

Sarah beißt sich auf die Unterlippe. Sie fühlt sich unwohl. Es ist, als halte sie zwei Fäden in der Hand. Auf der einen Seite die Geschichte von Herrn Conrad, auf der anderen jene von Lia. Sie fühlt sich als Bindeglied zwischen beiden. Und sie ist nicht sicher, ob sie die Enden wirklich verknoten soll.

In der Küche klappert Geschirr, dann pocht eine Schranktür gegen ihren Rahmen und schließlich klirrt es. Sarah zieht den Kopf ein.

»Mist«, hört sie Julia fluchen. »Verdammter Mist!«

Sarah erhebt sich und folgt dem Geräusch. Sie überlegt, ob es richtig war, unangekündigt hierher zu kommen. In Julias Reich einzudringen. Ihr ohne Vorbereitung nicht nur räumlich, sondern auch seelisch derart nahezukommen. Sie hat Julia überrumpelt. Vielleicht sollte sie besser gehen, bevor noch mehr zu Bruch geht.

Als sie vor der Tür zur Küche steht und ihren Kopf vorsichtig um die Ecke schiebt, sieht sie Julia zwischen den Scherben einer Porzellantasse knien. Der Saum des weißen Morgenmantels faltet sich auf dem Boden und Julia drückt ihren Daumen in die ausgestreckte Innenfläche der anderen Hand. Hilflos sieht sie aus, denkt Sarah. Überfordert. Aus dem Konzept gebracht.

»Ist etwas passiert?«, fragt sie vorsichtig, obwohl es doch offensichtlich ist. »Kann ich dir helfen?«

Julia betrachtet ihre Hand. »Nein, ich habe nur …«

Sarah müht sich, nicht auf die weißen Scherben zu treten und steht nach drei Schritten neben ihr. Sieht unschlüssig auf sie herab. Als Julia den Kopf ein wenig senkt, um die Hand zu betrachten, durchfährt sie ein Schauer. Denn sie blickt direkt auf den Nacken. Dort, wo die große Schließe des Halsbandes immer gelegen haben muss. Damals.

»Ich habe mich geschnitten«, stellt Julia sachlich und nüchtern fest, dreht ihren Kopf und schaut nach oben. Für den Bruchteil einer Sekunde erstarrt sie. Erinnert an tausend Momente, in denen sie zu einem anderen Menschen aufsah. Obwohl das schon eine so lange Zeit her ist.

Sarah bemerkt es. Ihr ist sofort bewusst, dass sie beide an denselben Menschen denken. An das gleiche Machtverhältnis. An dieses besondere Gefühl, unterworfen zu sein. Sie hält dem Blick von Julia stand, der erneut fragt, was zwischen ihr und Herrn Conrad geschehen ist.

»Ich bin kurz im Bad«, sagt Julia schließlich mit gepresster Stimme und es fühlt sich an wie eine Flucht. Während sie sich mühsam erhebt, bewegt sie sich nach vorn, um sich nicht unmittelbar neben Sarah aufzurichten. »Das hier räume ich gleich weg.«

Sarah nickt. Es ist ihr unangenehm. »Soll ich besser gehen?«, fragt sie unsicher. »Wir könnten uns für einen anderen Tag verabreden, oder …« Oder gar nicht, denkt sie. Auch das wäre möglich.

»Nein«, antwortet Julia. »Du gehst nicht.« Sie lächelt nur leicht, aber es wirkt ehrlich. Vorsichtig schreitet sie über die Porzellansplitter hinweg und verlässt ihre Hand haltend den Raum. »Ich habe noch Fragen an dich«, ruft sie von irgendwoher und Sarah nimmt an, dass es das Badezimmer ist.

Sie blickt sich um und entdeckt in der Ecke hinter der Tür einen kleinen, runden Mülleimer. Kehrschaufel und Besen sind gegen ihn gelehnt.

»Fragen?«, ruft sie zurück, während sie zugreift. »Welche?« Sarah überlegt, welche Antworten sie an Julias Stelle suchen würde. Vielleicht, wie sie Herrn Conrad kennengelernt hat. In welchem Verhältnis sie zueinander standen. Und schließlich die unausweichliche Kardinalfrage. Aus welchem Grund sie das Halsband besessen hat. Spätestens diese Antwort würde die beiden Fäden ganz nah aneinander bringen.

»Woher kennst du Bruno?« Im Badezimmer ist kurz ein kräftiger Wasserstrahl zu hören, der hart im Waschbecken aufprallt.

Sarah nickt. Sie hat mit der Frage gerechnet. Mit Kehrschaufel und Besen geht sie in die Hocke und schiebt die ersten Scherben zusammen.

»Ich wollte einen Gürtel kaufen«, ruft sie zurück. »Letztes Jahr zu Weihnachten. Deswegen fand ich in seine Lederwerkstatt.« Eigentlich war es umgekehrt, korrigiert sie sich. Sie entdeckte zuerst dieses rostige Schild unter einer Toreinfahrt: »Lederwarenmanufaktur, Inhaber C.B. Conrad«. Und anschließend wurde der Gürtel zum Vorwand, den Laden aufzusuchen. Wie gut es dort roch.

»Aha«, sagt Julia im Bad. Es klingt, als würde ihr die Antwort nicht genügen.

»Meine Schuhe waren nass«, ergänzt Sarah. »Darum bot er mir an, einen Moment zu bleiben.« Aus dem Moment war einer der aufwühlendsten Tage ihres bisherigen Lebens geworden.

»Verstehe«, antwortet Julia. »Manchmal lernt man sich an außergewöhnlichen Orten kennen. Das ging mir früher auch so.« Eine Schranktür klappt im Badezimmer, dann rauscht wieder kurz das Wasser.

Sarah ahnt, an was Julia denkt. An den Strand, an dem sie saß, als Bruno sie gefunden hat. An das Teelicht zwischen ihnen. An die kleinen Steine. Damals, als Bruno noch nicht die Werkstatt besaß und quer durch das Land zu seiner Kundschaft gefahren ist. Er konnte die besten Korsetts auf Maß fertigen, hat man ihr gesagt.

»Was machst du beruflich?« Julias Gedanken scheinen den gleichen Weg genommen zu haben.

Mit dem Besen widmet sich Sarah auch den kleinen Scherben, die sich in die Fugen der weißen Fliesen verirrt haben. Sorgfältig schiebt sie die letzten kleinen Splitter auf die Schaufel und erhebt sich.

»Ich bin Tänzerin.« Sie sieht sich noch einmal um, ob sie einen Splitter übersehen hat, findet aber nichts. »Ballett. Ich habe eine Stelle an der Oper.« Sie erinnert sich, dass sie für Herrn Conrad auf Zehenspitzen gelaufen ist. Er hat es so verlangt. Als hätte er es geahnt.

»Beeindruckend«, ruft Julia aus dem Badezimmer. »Das ist der Traum aller Mädchen, oder?«

Sarah will nicht erklären, dass viel mehr dahinter steckt, als kleine Mädchen sich das je vorstellen. Es würde wie eine Rechtfertigung klingen, die nicht notwendig ist.

»Als Kind träumt man von vielem«, sagt sie beiläufig und balanciert die Kehrschaufel vorsichtig über den Mülleimer. Gerade hebt sie den Deckel, als sie Julia antworten hört.

»Auch davon, sich einem Mann zu unterwerfen?«

Die Scherben rutschen wie eine Porzellanlawine tosend in den Mülleimer. Sarah ist so erschrocken, dass ihr der Deckel aus der Hand gleitet und mit einem lauten Knall schließt. Sie stellt die Kehrschaufel ab und reibt sich eher aus Verlegenheit die Hände. Dann lehnt sie sich gegen die Wand und überlegt. Es gab keinen konkreten Zeitpunkt, an dem sie festgestellt hat, diese Leidenschaft in sich zu tragen. Sie erinnert sich, als Kind stets jene Märchen gemocht zu haben, in denen Prinzessinnen entführt und gefangen gehalten wurden, in denen arme Stieftöchter dienen mussten und mitunter auch grob behandelt wurden. Deren Geduld, Leid und Tapferkeit bewunderte sie. In ihren Gedanken wurden daraus oftmals Gehorsam, Unterordnung und Hingabe. Vor allem aber Größe. Die Geschichten verloren daher an Faszination ab dem Kapitel, in dem die Prinzessinnen und Stieftöchter befreit wurden. Umgekehrtes Happy End. Als sie älter wurde, wuchs ihre unbeschwerte Faszination zu einem deutlichen Kribbeln im Unterleib. Aus Märchenbüchern wurden erotische Romane. Sie las nicht mehr auf dem Boden sitzend, sondern kniete. Und wünschte sich einen Mann, dem sie sich unterwerfen konnte, der von ihr Gehorsam, Unterordnung und Hingabe forderte. Für den sie Stieftochter und Prinzessin zugleich sein würde. Gefunden hat sie ihn nie. Dass es ihn überhaupt geben könnte, glaubt sie erst seit den Erzählungen von Herrn Conrad über Bruno und Lia.

»Ist alles in Ordnung?« Julia schaut vorsichtig durch den Türrahmen in die Küche. Der weiße Morgenmantel ist verschwunden. Über einer schwarzen Hose aus Stoff trägt sie eine dunkelgrüne Bluse. Ihre Füße stecken in flachen Pantoletten.

»Ja, es ist alles in Ordnung«, versichert Sarah schnell und befreit sich von ihren Gedanken. »Ich weiß nicht, wann ich das alles bemerkt habe. Es fühlt sich an, als sei es immer da gewesen.«

Mit beiden Händen schiebt sich Julia die schwarzen Locken nach hinten. »Angeboren«, sagt sie und nickt, während sie sich die Haare hinter dem Kopf aufschüttelt. »Betrachte das als Geschenk. Manche entwickeln ihre Neigung vielleicht aus bestimmten Ereignissen im Leben. Mag sein. Manchen liegt es aber auch in den Genen.« Sie zwinkert. »Das sind die Echten.«

Sarah verschränkt die Arme vor ihrem Körper. »Wie war es bei dir?« Quid pro quo. Auch sie hat Fragen.

Julia läuft vorsichtig zur gegenüberliegenden Küchenzeile und schaut dabei auf den Boden. »Danke, dass du die Scherben weggeräumt hast.« Dann öffnet sie den Schrank und zieht eine runde Metalldose nach vorn. »Möchtest du auch einen Kaffee?«

Sarah nickt. Ein Tee wäre ihr lieber gewesen. Rooibos. Den hat sie bei Herrn Conrad immer getrunken. Aber sie will keine Umstände machen.

Julia füllt einen Wasserkocher, schaltet ihn ein und schiebt auf der Anrichte zwei Tassen nebeneinander. Sie blickt kurz über die Schulter zu Sarah. »Ich erinnere mich, als Kind breite Gürtel gemocht zu haben.« Sie spreizt Daumen und Zeigefinger ihrer Hände auseinander und fährt sich nach beiden Seiten über die Taille. An ihrem linken Mittelfinger klebt ein frisches Pflaster. »So, weißt du? Ich habe mich damit eingeschnürt, bis ich kaum noch atmen konnte.« Julia lächelt verschämt, als erzähle sie eine peinliche Begebenheit. »Das ist über vierzig Jahre her«, ergänzt sie entschuldigend.

Sarah lächelt zurück. Denn schon wieder sieht sie Lias geschnürten Rücken vor dem Panoramafenster des Hotels. Und Bruno, der ihr den Atem raubt. Sie wird es irgendwann erzählen müssen, dass ihr diese Begebenheit bekannt ist.

Mit einem kleinen Löffel schaufelt Julia Kaffeepulver in die Glaskanne. Sorgfältig, um nichts zu verschütten. »Da war ich höchstens vierzehn Jahre alt. Und habe mir vorgestellt, all das für jemanden zu tun. Oder es tun zu müssen.« Sie räuspert sich. »Sowohl das Einschnüren als auch der Gedanke, währenddessen jemandem zu Willen zu sein, haben mich erregt. Bevor ich überhaupt ahnen konnte, was Erregung tatsächlich bedeutet. Als ich später Bilder von Frauen in Korsetts sah, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als eine von ihnen zu sein.« Das Wasser im Kocher beginnt zu rauschen und Julia legt abwartend ihre Hand an den Griff. »Ich habe nie geglaubt, dass ich das tatsächlich einmal erleben werde. Bis Bruno kam.«

Bis er dir ein Korsett anlegte, denkt Sarah. Und auch einen Riemen um den Hals, der nun erlebnisgetränkt im Wohnzimmer auf dem Tisch liegt. Auch wenn du ihn erst gar nicht mochtest. Sie holt tief Luft. »Wie hat er dich von dem Halsband überzeugt?«

Julia gießt das heiße Wasser in die Kanne und setzt bedächtig einen Deckel auf, an dem ein Filter befestigt ist. Dann dreht sie sich um. »Möchtest du das wirklich wissen? Es ist nicht ganz harmlos …« Sie wiegt den Kopf hin und her. »Ich bin nicht sicher, ob ich dir das erzählen soll.«

»Es würde mir helfen«, antwortet Sarah schnell. »Ich würde gern erfahren, was es mit dem Halsband auf sich hat.« So lang hat sie es bei sich aufbewahrt, so oft hat sie es in der Hand gehalten. Sie möchte seine ganze Geschichte erfahren. »Wenn es dir nicht zu intim ist.« Dann senkt sie den Blick. »Ich möchte selbst eines tragen. Irgendwann.« Suche, hatte Herr Conrad geschrieben. Suche nach dem, der zu dir passt.

»Reden wir offen«, sagt Julia entschlossen, dreht sich um und lehnt sich gegen den Schrank. »Ich habe mich Bruno unterworfen und er hat mich angenommen. Das ist dir nun bekannt. Du solltest aber noch wissen, dass es eine sehr tiefe Beziehung war, die wir über Jahre miteinander führten. Er hat mich nicht einfach nur erreicht. Er griff mich viel tiefer …« Ihre Stimme klingt belegt. »Direkt an meiner nackten Seele, verstehst du?« Sie nickt, als wolle sie es sich selbst bestätigen. »Bruno behauptete stets, so etwas geschehe ebenso endgültig wie einmalig.« Mit einem eindringlichen und festen Blick sieht sie zu Sarah. »Wie ist das bei dir? Du bist zwar viel jünger als ich, aber …« Ihre Augen werden schmal, sie konzentriert sich. »Wolltest du bei ihm zu meiner Nachfolgerin werden?« Es ist ihr anzusehen, dass die Frage Kraft kostet und schmerzt.

Sarah nimmt erschrocken die Handflächen nach vorn. »Nein«, wehrt sie entschlossen ab, »wir haben uns wirklich nur unterhalten!« Vielleicht ist das ein wenig untertrieben, gesteht sie sich ein. Denn sie sieht sich vor Herrn Conrad knien, während er im Sessel saß. Aber gleichzeitig erinnert sie sich auch, wie deutlich er sie von sich gewiesen hat. Denn er hat auf die Rückkehr von Lia gewartet. Bis an sein Lebensende. Sarah fühlt sich unwohl bei dem Gedanken, dass Julia das nicht ahnt. Es wird schwer werden, es ihr mitzuteilen. Vielleicht sollte sie es besser für sich behalten. »Um ehrlich zu sein, bin ich bislang keinem Mann begegnet, dem ich mich unterwerfen würde.« Und nach einer kurzen Pause fügt sie an: »Auch deswegen höre ich dir gern zu, wenn du über das Halsband erzählst.«

Julia schweigt einen Moment. »Du bist noch jung. Du hast alles vor dir.« Dann greift sie die Kanne und löst sich vom Schrank. »Lass uns ins Wohnzimmer gehen. Und bring die Tassen mit.«


Kapitel Vier

Mit einem metallischen Klicken löste sich die Verbindung zwischen den Handfesseln und ich bemerkte, dass meine Arme auf dem Rücken frei waren. Mein Oberkörper lag auf der polierten Tischplatte, während Bruno neben ihr stand.

»Leg deine Hände neben den Kopf«, wies mich Bruno an. »Mach schon.« Er klang ungeduldig und verärgert. Wie ein Lehrer, der zeitraubend eine Sache erklären muss, die er als bekannt voraussetzt.

Meine Stirn und Nase berührten das kühle Holz. Ich öffnete meine Handflächen weit und positionierte sie in Halshöhe. Die Metallringe an den Ledermanschetten klackten laut auf der Tischplatte.

»Nun also. Was genau gefällt meiner hübschen Lia an ihrem Halsband nicht?« Bruno betonte es noch spöttischer als zuvor.

Dass er das Halsband als »meines« bezeichnete, wurmte mich. Ich trug es zum ersten Mal und nur, weil er es wollte. Ich bemerkte, dass sich Bruno um den Tisch bewegt hatte und hinter mir befand. Seine Hand strich warm, aber fest über die Haut meines Hinterns. Sofort schob ich die Füße weiter nach außen. Mindestens eine Schulterbreite hatten sie auseinander zu stehen. Zugänglich sein oder sich zugänglich machen, auch darauf legte Bruno wert. Es war unerheblich, ob er davon Gebrauch machen wollte oder nicht. Darüber hatte nicht ich zu entscheiden.

»Ist es dir etwa nicht schick genug?« Er winkelte seine Finger zu Krallen und zog eine brennende Spur über meine Haut. Ich erschauerte. »Schick«, wiederholte er langsam.

Ich schloss die Augen und biss mir auf die Lippen. Denn ich spürte, dass es meinen Körper nicht scherte, in welcher Klemme ich mich befand. Ich konnte gerade noch verhindern, mich instinktiv gegen seine Hand und die kleinen Flammen zu drücken. Alles andere geriet außer Kontrolle. Verflüssigte sich.

»Rede!« Brunos Finger schürften weitere Bahnen über meine Haut. Langsam, fest und unerbittlich.

Ich versuchte, mich zu konzentrieren. Verglich meine Erwartungen mit dem, was ich um meinen Hals spürte. Offensichtlich hatte Bruno ganz andere Vorstellungen davon, was mich kleiden würde. Und ich wusste nicht, ob ich es ihm erklären konnte, ohne ihn zu enttäuschen. Vielleicht sollte ich besser schweigen.

Ein gewaltiger Hieb traf meinen Hintern und stieß meine Oberschenkel gegen die Tischkante. Ich schrie überrascht auf und öffnete weit die Augen. Dass ich mich leicht aufgerichtet hatte, nahm ich erst wahr, als Brunos Hand mich zwischen den Schulterblättern kräftig wieder nach unten drückte. Ich suchte erschrocken nach einer Erklärung für den Schmerz, der mich breit und kühl getroffen hatte. Das war nicht Brunos Handfläche. Es fühlte sich an wie ein Brett.

»Schick! So gefällt es mir«, meinte Bruno hinter mir süffisant. »Und dir, Lia? Gefällt dir das auch? Besser als dein Halsband?«

Ein zweiter Hieb traf mich nicht weniger heftig als der vorherige. Was immer Bruno in der Hand hielt, es war hart. Ich unterdrückte einen erneuten Schrei und atmete tief ein. Schob mich mühevoll wenige Zentimeter weiter auf den Tisch. Nein, es gefiel mir nicht. Denn ich wusste noch immer nicht, wie ich meine Enttäuschung über das Halsband nicht zu seiner werden lassen sollte. Und Bruno würde nicht auf eine Erklärung verzichten. Ich konnte nicht ewig schweigen.

Der nächste Schlag traf mich so kräftig, dass ich instinktiv auszuweichen versuchte und meinen Körper zur Seite drückte. Sofort wurde ich korrigiert. Bruno zog mich unmissverständlich zurück auf meine Position.

Mit einer Hand griff er gezielt zwischen meine Schenkel. Ich zuckte ebenso schnell zusammen, wie ich aufkeuchte. Seine Finger öffneten mich zügig, tauchten widerstandslos in die Tiefe. Erkundeten den Pegelstand meiner Empfindungen. Berührten dort den Quellpunkt meiner empfindlichsten Wärme. Und glitten dann auf meiner Nässe wieder hinaus. Wie sehr ich es liebte, das über mich ergehen lassen zu müssen.

»Es gefällt dir also«, kommentierte Bruno mit rauer Stimme und wischte seine Hand auf meinem Rücken ab. Welche Demütigung. Und welcher Genuss. »Siehst du«, fuhr er fort, »wir finden unsere Antworten auch dann, wenn du nicht mit mir sprechen willst.«

Ich verzog den Mund. Ärgerte mich über die eigenständige Ehrlichkeit meiner Körperreaktion. Es gab Momente, in denen ich meine Leidenschaft als Verhängnis empfand. Kämpfe mit Bruno waren ihretwegen stets unfair. Denn er hatte den Vorteil, Empfindungen ablesen zu können. Nicht nur in meinen Augen und aus meinem Geruch. Sondern auch zwischen meinen Schenkeln. Es blieb ihm nichts verborgen. Taktieren war ausgeschlossen.

Der nächste Schlag war heftiger als alle zuvor. Breitflächig biss er zu, schlug flammend in die Haut und hinterließ einen Großbrand. Brunos anschließend aufgelegte Hand konnte ihn nicht niedrig halten. Im Gegenteil.

Ich atmete schnell ein und aus. Versuchte, meine Schmerzen auszuhecheln. Ich wusste, dass Bruno sich nun die Gründe holen würde, aus denen mir das Halsband nicht gefiel. Sicher. Aber er sollte wissen, wie sehr ich darum gerungen hatte. Wie ausdauernd ich sie gehütet hatte. Wie lange ich ihn vor einer Enttäuschung bewahren wollte. Ich schob meine Hände nach vorn, ertastete die Tischkante und krallte mich an ihr fest. Er konnte ruhig sehen, dass ich auf den nächsten Hieb wartete. Bereit war für einen Kampf, obgleich ich ihn sicher verlieren würde.

»Nun gut«, hörte ich Bruno hinter mir sagen und spürte, dass er seine Hand von meiner Haut nahm. »Meine hübsche Lia will also kämpfen.«

Nein, dachte ich. Sie will, dass du kämpfst. Ich zog das Kinn auf die Brust, biss mir auf die Lippen, schloss die Augen. Und lächelte.

Bruno setzte einen Schlag nach dem anderen. Gleichmäßig wie ein Uhrwerk. Jede Breitseite ließ meinen Körper auf der Tischplatte nach vorn schnellen, und noch bevor ich mich wieder zurückgeschoben hatte, schlug eine weitere ein. Ich versuchte, gleichmäßig zu atmen und mich abzulenken, aber es gelang mir stets nur wenige Sekunden. Schnell wurde der beißende Schmerz auf dem Hintern so groß, dass seine züngelnden Flammen meine Konzentration versengten. Ich drückte meine Finger von unten gegen die Tischkante, immer fester, aber ich tat es, ohne darüber nachzudenken. Ich dachte überhaupt nicht mehr nach. Stellte mich den Bissen der Glut auf meinem Hintern, suchte keine Flucht mehr und auch keine Möglichkeit, es zu beenden. Schlag für Schlag nahm ich, hörte mein Blut in den Ohren tosen wie eine rasende Feuersbrunst und schnappte nur dann nach Luft, wenn mein Unterbewusstsein schrie, es würde ersticken.

Es war wie ein Rausch. Der Schmerz verschwand nicht, aber er wechselte die Farbe. Wurde erst verführerisch. Machte dann süchtig. Ich schob mich ihm schließlich verlangend entgegen, gierte nach mehr. Härter sollte er mich treffen, andauernder, unaufhörlich. Ich wollte unter ihm explodieren.

»Stopp«, rief Bruno plötzlich hinter mir, als ich zu stöhnen begann. Aber es flog an mir vorbei und kehrte erst zurück, als ich gewahr wurde, dass die Schläge aufgehört hatten. Ich atmete flach und schnell. Bewegte meinen Körper noch immer im Takt, schob mich leicht nach vorn, drängte nach hinten. Mein erster Gedanke war der Wunsch, dass Bruno mich nehmen würde. So, wie ich war. Jetzt sofort. Ungestüm, den Takt fortsetzend und neue Brandspuren legend. War er etwa nicht erregt? Es wäre doch sein gutes Recht, über seine Beute herzufallen und sie gewaltsam in Besitz zu nehmen. Es gab kein willigeres Opfer als mich. Ich hob den glühenden Hintern und drückte meinen Rücken nach unten. Das musste ihm doch gefallen …

Aber es geschah nichts. Ich ballte die Hände zu Fäusten. Es fiel mir leichter, den wieder ins Bewusstsein zurückkehrenden Schmerz zu beherrschen als dessen plötzliches Ende. Ich bemerkte, dass Bruno um den Tisch ging. Als ich seinen schweren Atem hörte, lächelte ich gequält, obwohl ich Tränen in den Augen hatte. Also doch. Ich hatte unerwartet gewonnen, glaubte ich. Hatte mein Schweigen besser im Griff gehalten als er seine Lust. Ich war stolz. Triumphierte.

»Was ist das, Lia?« Brunos Stimme klang wie nach einer Nacht mit zu viel Cognac. Vibrierend. »Schau her.«

Neben mir schlug dumpf polternd ein Gegenstand auf die Tischplatte und blieb liegen. Als ich meinen Kopf anhob, lag vor mir der große Weltatlas, den ich in einem Antiquariat aufgespürt und seit vielen Jahren im Bücherregal stehen hatte. Eine Ausgabe mit schwerem, stark beschädigtem Leineneinband. Schön sah das Buch nicht mehr aus. Aber mir gefiel es, weil es wunderbare alte Karten enthielt und das vergilbte Papier nach Abenteuern roch. Das also war es, was breitflächig auf meinem Hintern eingeschlagen war und mich noch immer atemlos machte. Bruno hatte nur neben sich in den Bücherschrank gegriffen. Darauf hätte ich kommen können.

»Was siehst du?« Bruno stützte sich auf dem Tisch ab und beobachtete mich.

»Meinen Atlas«, antwortete ich keuchend und wusste nicht recht, was er meinte. Ich sah noch einmal auf das Buch und vergewisserte mich.

»Natürlich«, quittierte er. »Aber an was wirst du ab heute denken, wenn du ihn siehst?« Bruno strich zärtlich mit der Hand über den Einband, als sei er noch warm.

Ich verstand und war überrascht darüber. Geglaubt hatte ich, keines klaren Gedankens fähig zu sein. Doch ich dachte an die Schläge auf meinen Hintern und daran, dass dieses Erlebnis fortan mit dem Atlas verknüpft sein würde. Ganz gleich, wann und zu welchem Zweck ich das Buch künftig aus dem Regal ziehen würde. Nicht mehr nur nach vergilbtem Papier würde es riechen. Ich nickte.

Bruno genügte das als Antwort. Er griff mir in den Nacken und öffnete die Schließe des Halsbandes so ruckartig, dass ich kurz würgte. Dann zog er es einfach so von meinem Hals und legte es auf dem kupferfarbenen Einband des Buches ab.

»Und was siehst du hier?« Bruno wies mit dem Zeigefinger auf den Riemen.

»Mein Halsband«, sagte ich wahrheitsgemäß und bemerkte erst im Anschluss, dass ich es »mein« genannt hatte. Denn ich hatte es getragen, während ich mich den Schlägen entgegengestellt und für Bruno gelitten hatte. Und ich war stolz darauf, bestanden zu haben. All das, während es um meinen Hals lag.

»An was denkst du ab heute, wenn du es siehst?« Bruno fuhr mit der Fingerspitze auf der Kante des Leders entlang. »Weißt du, Lia, es kommt nicht immer darauf an, wie eine Sache aussieht. Entscheidend ist, welche Erinnerungen und Gefühle in ihr wohnen. Diesen schlichten Lederriemen finde ich unvergleichbar schön, wenn er den Schweiß aufgesaugt hat, den ich dir abgerungen habe. Wenn er dich gehalten hat, während du für mich gelitten oder stolz vor mir gesessen hast. Ich finde das viel wunderbarer und wichtiger als es diese kitschigen und gefühlsabweisenden Halsbänder sein können, die du vielleicht erwartet hast.« Bruno erreichte mit der Fingerspitze die Schließe und klappte den Dorn vor und zurück. »Wenn du das trägst, Lia, bist du meins. Weil nur ich es um dich schließen werde. Und weil nur ich dich daraus wieder befreien kann. Während jeder Minute, die es um deinen Hals liegt, wirst du auch dem kleinsten Zug meiner Hand folgen. Und spüren, warum das so ist.« Er sah mich sehr ernsthaft an. »Wenn du möchtest, wirst du es bequem tragen können. Aber wenn es notwendig sein sollte, werde ich es eng ziehen. Nun sage mir, welche Rolle die Farbe dabei spielt?«

Ich fühlte einen Kloß im Hals und wagte nicht, meinen Blick zu heben. Bruno hatte mich durchschaut. Er musste meine Vorstellungen von einem Halsband geahnt haben. Vielleicht hatte er sogar meine Enttäuschung erwartet.

Ich betrachtete den Riemen, der noch immer auf dem Einband lag, und spürte, wie nackt sich mein Hals anfühlte. Die schwere Schließe hatte eben noch auf meinem Nacken gelegen und mich sanft nach unten gedrückt, während ich mich Bruno zur Verfügung gestellt hatte. Nicht ein einziges Mal hatte ich währenddessen geglaubt, ein Halsband zu tragen, das mir nicht gefällt.

Ich legte meine Stirn zurück auf die Tischplatte und schloss die Augen. Bruno wollte mich nicht schmücken mit einem Halsband. Ihm ging es um die Macht, die er um mich legte und schloss. Darum, dass ich wusste, welchen Status ich innehatte, wenn ich es trug.

Ich befeuchtete meine Lippen und formulierte eine Frage, die ich noch vor wenigen Minuten strikt abgelehnt hätte.

»Darf ich es wieder tragen? Bitte?«

»Natürlich«, brummte Bruno und griff zum Halsband. »Selbstverständlich darfst du das. Es ist deins.«


Kapitel Fünf

Julia legt ihre Hand auf das Halsband, das zwischen ihr und Sarah auf dem Tisch wartet. Mit dem Daumen streicht sie langsam über das Leder und ertastet das eingeprägte »L«. Es ist ihres.

Sarah schweigt. Sie ahnt, dass es sich anfühlen muss wie ein aufgeschlagenes Album mit Bildern, auf denen lieb gewonnene Momente erstarrt und zugleich lebendig fortbestehen.

»Ich frage mich, Sarah …« Julia zieht das Halsband langsam über die glänzende Tischplatte hinweg zu sich. Sie führt die Enden des Riemens zueinander und berührt vorsichtig mit der Spitze der Lasche die Schließe. »Ich frage mich, aus welchem Grund er dir das Halsband gegeben hat. Wieso dir? Und warum solltest du es mir bringen?«

Sarah atmet tief ein. Julia, fürchtet sie, zweifelt noch immer. Daran, dass es zwischen ihr und Herrn Conrad lediglich Geschichten gab. Jetzt wird sie ihr erzählen müssen, dass er stattdessen nur auf sie gewartet hat. Und dass sie das Halsband einfach mitgenommen hat, damit es nicht verloren geht.

»Weißt du«, setzt Julia fort, »diese Beziehung zwischen Bruno und mir ist nie tatsächlich zerbrochen. Ich denke, wir kamen lediglich mit einem unschönen Riss nicht zurecht. Plötzlich klang es nicht mehr vertraut und fühlte sich gebraucht an.« Julia betrachtet nachdenklich das Halsband. Dann nickt sie. »Schuld daran tragen wir beide. Sein Fehler war, dass er für mich etwas tat, was er selbst nicht gut hieß. Anstatt es mir und ebenso sich zu verbieten. Aber mein Fehler war viel größer. Ich habe ihn dazu gedrängt. Und nicht zu schätzen gewusst, was er für mich war.« Julia schüttelt den Kopf und blickt einen Moment mit schmalen, zusammengekniffenen Lippen an die Decke. Als schwebten dort ihre Einsichten wie überreife Früchte, die nun endlich gepflückt werden müssten. »Ich wusste, dass er meinen Wunsch nicht ablehnen konnte. Er hat alles für mich getan. Denn er hatte Angst, mich zu verlieren. Die hatte er immer. Auch an diesem Abend, als es geschah. Und ich habe es ausgenutzt. Ich habe ihn ausgenutzt. Das war tatsächlich ein unverzeihlicher Fehler.«

»Die Veranstaltung auf dem Schloss?« Sarah knetet unter dem Tisch ihre Finger in den Handinnenflächen. Sie erinnert sich an die Erzählung von Herrn Conrad und daran, dass Julia dort beinahe missbraucht worden wäre.

»Du weißt davon?« Julia wendet ihr ruckartig den Kopf zu und schiebt sich die Locken aus dem Gesicht. Ungläubig bohrt sich ihr Blick in Sarahs Augen. »Bruno hat dir davon erzählt?«

Sarah fühlt sich unwohl. Sie kennt viel mehr Intimes, als es ihr im Moment lieb ist. »Ja, das hat er.« Leise sagt sie es, als trage sie die Verantwortung dafür. Dabei war sie nur Zuhörerin. Aber interessiert. Sie bemerkt Julias fassungslosen Gesichtsausdruck und überlegt, wie sie die Situation retten kann. »Er hat dir keine Schuld gegeben«, sagt sie ehrlich.

Julia ist wie erstarrt. »Was genau hat er dir erzählt?« Ihre Stimme schimmert plötzlich so kalkig wie die Farbe ihrer Gesichtshaut.

»Ihr habt ein Schloss besucht«, formuliert Sarah und vermeidet, es klingen zu lassen, als wäre Lia die Initiatorin gewesen. »Du solltest dich dort anderen Männern …« Sie stockt. Zu intim. Als es Herr Conrad erzählte, war Lia Teil einer Geschichte. Jetzt sitzt sie direkt vor ihr. Das ist ein fühlbarer Unterschied.

»Zur Verfügung stellen«, ergänzt Julia trocken. »Erzähle weiter.«

Sarah nickt. »Bruno wollte es kurz zuvor noch verhindern, aber er gab dir schließlich nach und begleitete dich auf die Veranstaltung. Es handelte sich um eine Feier oder etwas Vergleichbares. Du wärst die Hauptattraktion gewesen.«

»Die war ich«, unterbricht Julia. Aber es klingt nicht stolz. »Das war eine der Fantasien, die mich damals fasziniert haben.«

Sarah wartet einen Moment ab, aber als Julia schweigt, ergreift sie wieder das Wort. »Du musstest nackt über einen riesigen Tisch kriechen, während alle Anwesenden deinen Körper berühren durften. Man hat dir Weinbeeren in …« Sie weiß nicht, wie sie es ausdrücken soll. Herr Conrad hatte erzählt, dass Lias Unterleib mit Beeren vollgestopft war. »Man hat dich dort grob behandelt.«

»Noch ein Grund, aus dem ich dort war«, wirft Julia ein, ohne Sarahs diplomatische Umschreibung zu konkretisieren. »Hat dir Bruno das auch gesagt?«

»Er sprach davon, dass du dunkle Fantasien ausleben wolltest. Und dass du dabei deine eigenen Grenzen aus den Augen verloren hast.«

»Das ist nicht wahr!« Julia greift energisch ihre Kaffeetasse und erhebt sich. Mit vor dem Körper gewinkelten Armen geht sie zum Fenster und blickt nach draußen. Die Sonne wirft gleißende Rechtecke auf den Parkettboden um Julias Pantoletten herum. »Ich habe meine Grenzen nicht aus den Augen verloren. Nicht an diesem Abend.«

Sarah erinnert sich an die Erzählung von Herrn Conrad. An den Streit zwischen Bruno und Lia, nachdem er sie gegen ihren Willen aus dem Schloss geführt hatte. Lia hatte anschließend behauptet, er habe ihr den Abend verdorben. Ebenso aufgebracht, wie sie jetzt vor dem Panoramafenster steht. Sarah schaut verlegen in ihre Tasse und trinkt anschließend einen Rest Kaffee. Dann stellt sie das Gefäß vorsichtig ab. Als der Tassenboden auf das Holz klopft, dreht sich Julia um.

»Ich hatte eine Grenze erreicht, das ist wahr. Aber es stimmt nicht, dass ich sie nicht bemerkt hätte.« Sie kaut auf der Unterlippe und überlegt einen Moment. »Ich wollte sie durchbrechen. Wollte noch tiefer. Dort, wo ich war, befand sich nicht der Grund. Lediglich die nächste Schicht Wasser. Deutlich kälteres.«

Sarah ist überrascht. Herr Conrad hat es anders erzählt. Und Bruno hat es anders wahrgenommen. In seiner Geschichte war Lia nicht mehr in der Lage gewesen, die Sache zu beenden. Wurde von der Strömung fortgerissen.

»Warum«, fragt sie, »hast du es dann nicht abgebrochen?« Spätestens, als sich Lia mit schmerzendem Fuß kaum noch auf der Tischkante halten konnte und die Weinbeeren vor den Augen aller Männer aus sich pressen sollte, wäre der richtige Zeitpunkt gewesen. Bruno hatte ihren verzweifelten Blick sogar gesehen.

Julia kommt zurück an den Tisch. »Hör zu«, sagt sie, stellt resolut die Tasse neben dem Halsband ab und nimmt wieder Platz. »Dieses Schloss stand mitten im Marianengraben. In der tiefsten Rinne meiner Fantasien. Direkt am dunkelsten gemeinsamen Punkt von Macht und Demütigung, den ich mir vorstellen konnte. Schwarz, beklemmend und geheimnisvoll. Es hat mich erregt, auch nur daran zu denken. Und ich wollte es wenigstens einmal erleben. Nicht als Spiel, sondern ganz ohne Sicherungsseil und mit unbekanntem Ausgang. Ich wollte ausgeliefert sein, erniedrigt und benutzt. Einfach so. Hast du denn keinen Marianengraben?«

Sarah schluckt.

»Es war diese sexuelle Fantasie, die mich erregt hat«, setzt Julia fort und schiebt die Tasse an ihrem Henkel auf der Tischplatte hin und her. »Es mag sein, dass es besser für immer eine geblieben wäre. Aber es war bereits zu spät, als die Gesichter der Männer zu Fratzen wurden. Verzerrt von Lust auf rohe Gewalt. In meinen Träumen hatte ich mir immer vorgestellt, was ich in diesem Moment fühlen werde, wie man mich behandeln wird. Es ging immer um mich, verstehst du? Auf all den Bildern, die mich lockten, war nur ich zu sehen. Dort aber war alles anders. Ich fühlte plötzlich nichts mehr. Es ging nicht mehr um mich. Es gab keine nach mir greifende und in mich dringende Macht, sondern nur losgelöste, ungebremste und auf mich prallende Gewalt. Keine Demütigung, sondern Missachtung. Ich bemerkte recht schnell, dass ich in meiner Fantasie niemals so alleine sein wollte.«

»Bruno war doch bei dir?« Sarah reibt sich den Oberarm. Ihr ist kühl, obwohl die Sonne den Raum aufheizt. Sie braucht nicht ihre Haut betrachten, um zu wissen, dass tausend feine Härchen aufgerichtet sind.

»Er stand nicht weit entfernt. Er hatte mich vor genau der Situation bewahren wollen, in der ich mich plötzlich fand.«

Sarah stößt kurz Luft aus und ist entsetzt. »Und trotzdem hast du nicht abgebrochen? Du hast riskiert, dort abzustürzen!«

Julia winkt ab. »Ich war Bruno böse, als er die Sache beendete.« Sie senkt den Kopf.

»Aber warum?« Sarah verschränkt die Arme. Ihr ist noch immer kalt.

Julia setzt einen Ellenbogen am Rand der Tischplatte auf und stützt ihren Kopf. Mit den Fingern wühlt sie in ihren Haaren. »Ich wollte nicht seinen Schutz. Seine Sorge. Seine Gutmütigkeit. Immerzu umgab er mich damit. Wie ein klebriges Netz. Manchmal war es mir einfach zu eng. Ich hatte das Gefühl, nie tatsächlich bis unten fallen zu können, wenn er stets noch seine Hand zwischen mich und den Boden hielt. Auf dem Schloss hatte ich zum ersten Mal die Chance, den Grund zu berühren. Wenigstens dieses eine Mal. Auch wenn es schief gegangen wäre. Aber noch bevor ich eine Erfahrung machen konnte, hat Bruno wieder sein Netz geworfen.«

»Du konntest dich auf ihn verlassen …«

»Ja«, antwortet Julia und es klingt sehr ehrlich, »das konnte ich. Zu hundert Prozent. In jeder Situation. Ich habe mich in meinem ganzen Leben auf niemanden so verlassen können wie auf ihn. Er war eine absolute Lebensversicherung. Das aber hat mein Risiko auf null reduziert. Manchmal war das …« Julia sucht nach Worten. »Manchmal fühlte sich das einfach zu sicher an, verstehst du?«

Sarah nickt, auch wenn sie zweifelt. Was, überlegt sie, ist das packendere Abenteuer? Eines mit absolut sicherem Ausgang oder eines, bei dem man verlieren kann? Wer rettet spannender? Der unerwartet in letzter Minute auftauchende Prinz? Oder der Ritter, der stets treu an der Seite bleibt und Probleme auf eine Lanze spießt, bevor sie einem überhaupt nahekommen? Wie viele Situationen im Leben werden nur deswegen zu einer aufregenden Erinnerung, weil sie genauso gut hätten schief gehen können? Sarah mustert ihr Gegenüber. Ihr begegnet der Gedanke, dass Lia viel mehr Risiko suchte, als Bruno ihr zu gewähren bereit war. Aber sie schiebt schnell alles beiseite, was das bedeuten würde.

Julia seufzt. »An diesem Abend wollte ich keinen Schutz. Ein einziges Mal. Doch Bruno war trotzdem da. Ich musste feststellen, dass ich niemals bis auf den Grund des Marianengrabens gelangen konnte, solange Bruno meine Tauchgänge begleitet. Eine meiner erregendsten Fantasien war an diesem Abend unerreichbar geworden. In dem Moment, als Bruno das Arrangement vorzeitig beendete.«

Sarah schweigt. Sie kennt nun beide Seiten. Die Geschichte von Herrn Conrad und die Erzählung von Julia. Zwei Fäden hält sie in der Hand. Aber sie passen noch nicht zueinander. Warum hat Bruno weiterhin und bis an sein Lebensende auf Lia gewartet, wenn sie nicht zueinanderpassten?

»An diesem Tag habe ich erfahren, dass mein Marianengraben weiter in den Abgrund führt, als ich dachte. Vielleicht so tief, dass ich den Grund nicht erreichen konnte. Aber ganz sicher zu tief für Bruno.« Sie hält einen Moment inne. »Dass selbst ich scheitern würde, habe ich erst viel später begriffen. Weil das Wasser dort unten so kalt ist, dass auch ich es nicht mehr aushalten kann. Nicht ungeschützt. Doch das konnte ich nur ohne Bruno herausfinden.«

Sarah schweigt betreten. Der letzte Schluck Kaffee entwickelt plötzlich einen bitteren Nachgeschmack. Herr Conrad hatte offen gelassen, ob es nach der Begebenheit im Schloss noch weitere Treffen zwischen ihm und Lia gegeben hatte. Die Antwort darauf füllt nun den ganzen Raum. Nein.

Julia erhebt sich. »Lass uns nach draußen gehen. Wenn du magst, können wir uns auf die Terrasse setzen. Mir wird es hier zu eng.« Sie geht einen Schritt auf die Glasfront zu, dann verharrt sie mitten in der Bewegung. Dreht sich um, als habe sie etwas vergessen oder sei gerufen worden. Sie schaut zum Tisch, zögert und greift schließlich langsam nach dem Halsband. Sie will es nicht liegen lassen. Der Metallring schleift über das Holz, dann hebt sie es an. Umschließt es fest mit der rechten Hand. Sie will es nie wieder hergeben.

Sarah ist überrascht und beeindruckt zugleich. Sie starrt noch auf die leere Tischplatte, während Julia bereits das Panoramafenster zur Seite schiebt und die schmale Terrasse betritt. Erst, als warme Vormittagsluft und Vogelgezwitscher in den Raum strömen, kann sie sich lösen. Sie schließt kurz die Augen, atmet tief. Julia hat recht, denkt sie. Das Wohnzimmer ist zu klein. Zu eng. Zu dunkel. Im Moment. Sie muss an den Marianengraben denken. War Julia später noch einmal dort?

»Komm schon«, ruft Julia von draußen und rückt einen zweiten Liegestuhl herbei. Sie klopft mit der freien Hand flach auf die Stoffbahn. »Hier hat lange niemand mehr gesessen«, kommentiert sie entschuldigend eine kleine Staubwolke. Dann lässt sie sich vorsichtig nieder. Den Lederriemen legt sie auf ihren Schoß und hält ihn mit beiden Händen.

Sarah schaut sich um. Direkt an die drei Plattenreihen der Terrasse grenzt eine große Wiese aus hohen Gräsern und wild gewachsenen Blumen. Sie scheint sich unendlich auszudehnen und wenn man über sie hinwegsieht, erkennt man lediglich sanfte Hügel am Horizont. Für einen Moment fühlt sich Sarah an etwas erinnert, als sie die weite Landschaft betrachtet, aber ihr fällt nicht ein, was es ist. Sie kehrt mit ihren Gedanken zurück und betrachtet die kleine Eiche, die sich unweit von ihr aus der Wiese erhebt. Ihre um sich greifenden Äste sehen aus wie Schattententakeln. Als wollten sie die vielen Schmetterlinge und kleinen Insekten einfangen, die aufgeregt über dem Meer aus Halmen schwirren. Wie ein Feenland, denkt Sarah und fühlt sich wohl.

»Oh«, sagt Julia, die ihre Reaktion bemerkt hat. »Verzeih, ich mähe keinen Rasen. Hier lasse ich alles zu, was die Natur jedes Jahr anrichtet. Ich kümmere mich lediglich um die Blumenrabatte vor dem Haus, sie genügt mir und meinem Rücken. Eine nicht ganz freiwillige Hommage an all die gepflegten Vorgärten der Nachbarn. Hinter dem Haus dagegen sieht es ja niemand. Wenn man es genau nimmt, zeigt mein Haus zwei Seiten. Eine helle für die Öffentlichkeit. Und hier hinten«, flüstert sie und tut bedrohlich, »eine dunkle und ganz wilde.«

Sarah lächelt über das Gleichnis. Was sich hinter einer Fassade verbirgt, kann man am wenigsten am Vorgarten ablesen, denkt sie. Auch sie selbst hielt ihre dunkle Seite stets gut verborgen. Sie sieht zu der kleinen Eiche und stellt sich den Baum nachts vor, wenn die krakeligen Äste in der Dunkelheit zu langen Armen werden. Nicht weniger furchteinflößend als die Fantasien im Marianengraben. Aber gleichwohl auch faszinierend.

»Mein Lieblingsbaum«, kommentiert Julia, als sie dem Blick folgt. »Bruno hat ihn gepflanzt und mir damit einen Wunsch erfüllt.« Sie hebt den Lederriemen, hält ihn vorsichtig vor ihren Hals. Berührt ihn aber nicht. »Er hat mir so viele Wünsche erfüllt.« Sie nickt gedankenverloren. Erinnert sich daran, wie er ihr mit dem Spaten in der Hand sagte, dass er sie irgendwann an die Äste der Eiche binden werde. Wohl wissend, dass sie dann schon alt sein werden. Gelacht haben sie darüber, damals, und sich umarmt. Sich über das gegenseitige Versprechen gefreut. Nun steht nur noch die Eiche hier. »So überdauert wohl alles die Zeit«, sagt Julia schließlich leise. »Irgendwie.« Ihre Stimme klingt belegt.

Nein, denkt Sarah. Es gibt Dinge, die nicht die Zeit überdauern. Selbst solche Dinge, die in einmaliger Weise nach Ewigkeit riechen, unbemüht zueinander passen und deren Abstand zueinander nie so groß werden kann wie die Sehnsucht. Sarah sieht Bruno in seinem Sessel in der Lederwerkstatt sitzen, als würde es gerade eben geschehen. Seine Pfeife rauchend, gedankenverloren in den Raum blickend. Bilder von früher einfangend. Wartend. Während Julia sich hier im Liegestuhl an ihr Halsband klammert. Ebenso wartend.

Aber es ist zu spät. Herr Conrad ist tot.

»Ja«, setzt Julia plötzlich ihren Gedanken fort, während sie den schlichten Lederriemen betrachtet, »er hat mir wirklich viele Wünsche erfüllt.«

Sarah schiebt sich den Liegestuhl zurecht. »Du ihm sicher auch«, sagt sie bedrückt und lässt sich langsam nieder.

Julia schaut zu ihr herüber. Lächelnd. Beinahe mitleidig. »Sarah … Er brauchte sich nichts wünschen. Er konnte nehmen, was immer er wollte. Zu jeder Zeit. Ich war sein Geschenk. Alles an mir.«

»Tatsächlich zu jeder Zeit?« Die Stoffbahn des Liegestuhls knarrt.

»Ja.« Julia nickt entschieden und lässt keine Zweifel. »Das war Teil unserer Beziehung zueinander. Und …« Sie zögert einen Moment. »Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst. Aber es erregte mich. Genau das. Immer zur Verfügung zu stehen. Wenn Bruno nehmen mochte, musste ich ihm geben. Ich liebte dieses Müssen, denn als Wollen hätte es mir nicht gefallen. Vielleicht denkst du, dass es erniedrigend ist, sich derart beherrschen zu lassen. Ja, das ist es. Ich empfand es als ein fortwährendes, kompromissloses Unterwerfen. Jederzeit. Es fiel nicht immer leicht, aber das sollte es auch gar nicht sein.«

Sarah legt ihre Hände auf die rauen Holzstützen des Liegestuhls. Sie versucht sich vorzustellen, welche Tragweite eine solche Vereinbarung haben muss. Ob sie selbst bereit wäre, sich derart in die Hände eines Anderen auszuliefern. Geben zu müssen, was erwartet wird, unter dauerhaftem Verzicht auf Widerrede. Die Vorstellung reizt sie. Beinahe so sehr, dass sie bereit ist, Unwägbarkeiten als Anreiz zu kaschieren. »Jederzeit«, wiederholt sie flüsternd.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺332,61

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
247 s. 12 illüstrasyon
ISBN:
9783945163542
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:
Serideki İkinci kitap "Unverglüht"
Serinin tüm kitapları

Benzer kitaplar