Kitabı oku: «Unverglüht»
Jona Mondlicht
Unverglüht
Ein erotischer Roman

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Jona Mondlicht
Jona Mondlicht wurde im März 1969 in Erfurt geboren, wuchs dort auf und wohnt nach einigen beruflich bedingten Umzügen wieder im regionalen Umfeld der Stadt.
Geschrieben hat er, seitdem er einen Stift in der Hand halten konnte. Anfangs krakelig, mittlerweile eher verschnörkelt. Sein erstes Manuskript verfasste er im Alter von sieben Jahren. »Der Gärtner, das Blümchen und der Papagei« wurde jedoch nie veröffentlicht. Es lag wohl daran, dass er erst auf der letzten Seite bemerkte, den Papagei in der Handlung vergessen zu haben.
Da sich davon also nicht leben ließ, erlernte er einen handfesten Beruf, studierte anschließend in der Fachrichtung Informatik und schloss 1998 ein Studium als Diplombetriebswirt ab.
Auch literarisch hat er dazugelernt. Im Jahr 2001 gründete er die Plattform „Schattenzeilen“ und beteiligt sich dort auch heute noch aktiv schreibend und betreibend. 2008 steuerte er zwei seiner Kurzgeschichten für das Buch »kopfkino« bei.
Aktuelle Infos: http://www.jonamondlicht.de
JONA MONDLICHT
Unverglüht

EIN EROTISCHER ROMAN

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WWW.ELYSION-BOOKS.COM ELYSION-BOOKS TASCHENBUCH BAND 4053
1. Auflage: Mai 2014
VOLLSTÄNDIGE TASCHENBUCHAUSGABE
ORIGINALAUSGABE
© 2014 BY ELYSION BOOKS, LEIPZIG
ALL RIGHTS RESERVED
Sämtliche Namen, Orte, Charaktere und Handlungen sind frei
erfunden und reine Fiction der Autoren/innen. Alle Ähnlichkeiten
mit Personen, lebend oder tot, sind Zufall.
UMSCHLAGGESTALTUNG: Ulrike Kleinert
www.dreamaddiction.de Foto: Lelisanth/Fotolia LAYOUT & WERKSATZ: Hanspeter Ludwig www.imaginary-world.de
PRINTED BY OPOLGRAF
ISBN ebook: 978-3-945163-05-4
Printed in Poland
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Inhalt
Kapitel Eins
Kapitel Zwei
Kapitel Drei
Kapitel Vier
Kapitel Fünf
Kapitel Sechs
Kapitel Sieben
Kapitel Acht
Kapitel Neun
Kapitel Zehn
Kapitel Elf
Kapitel Zwölf
Neujahr

Kapitel Eins
Es ist ein dunkler und nasser Vormittag im Dezember, an dem diese Geschichte ihren Anfang nimmt. Einem milchgrauen, gelangweilten Himmel entfallen nasse und schwere Schneeflocken, die auf dem Boden sofort zu einer schlierigen Masse tauen. Die kleinen Geschäfte am Straßenrand spenden aus ihren Schaufenstern heraus ein wenig Licht, gerade ein paar Meter weit, bis es von der nächsten grauen Fassade wieder verschluckt wird. Lange Mäntel und aufgespannte Regenschirme schieben sich die Straße entlang, verhüllen Menschen und ihre Gedanken. Über ein Flickwerk aus zerbrochenen Steinplatten, mit Kies provisorisch gefüllten Löchern und kalten Pfützen. Wege zur Arbeit oder nach Hause, die letzten Einkäufe vor dem Wochenende und Besorgungen für das Weihnachtsfest begegnen sich, ohne einander zu kennen. Ein unangenehmer, scheinbar unbedeutender Tag.
Und doch nimmt etwas seinen Anfang.
Inmitten des zähen Stroms mit sich selbst beschäftigter Menschen treibt Sarah. Die Hände in den Taschen einer grauen, gefütterten Jacke vergraben. Den Kopf unter der Kapuze gesenkt. Mit knöchelhohen Stiefeletten aus nassem Wildleder an den Füßen. Sie ist nicht auf dem Weg zur Arbeit und trägt auch keine Einkäufe bei sich. Sie lässt sich vorbeischieben an den Schaufenstern, Kerzen, Lichterketten, Süßigkeiten. Das alles interessiert sie nicht. Schon zum dritten Mal geht sie die Straße scheinbar ziellos auf und ab. Jedes Mal mit zunehmenden Herzklopfen, wenn sie sich einer unscheinbaren, kleinen Toreinfahrt nähert. Gleich gegenüber dem alten Turm, der zu jeder vollen Stunde dunkles Glockenläuten über den Stadtteil schickt. Dort, wo ein von Rost ergriffenes Metallschild in der Größe eines Buchrückens befestigt ist. Schwarze Buchstaben auf braunem Grund.
Lederwaren Manufaktur, Inhaber C. B. Conrad.
Einen verstohlenen Blick wirft sie darauf, und noch einer folgt dem gepflasterten Weg in den dunklen Hinterhof. In dem nicht viel mehr zu sehen ist als ein Stück einer verfallenen Mauer, ein gegen sie gelehntes altes Fahrrad und mehrere Mülltonnen. Dieser Moment raubt ihr den Atem, ihr Schritt wird unsicher, beinahe biegt sie ab. Und dann lässt sie sich doch jedes Mal weiter schieben. Mit den Menschen, Mänteln, Regenschirmen. Um am Ende der Straße umzukehren und einen neuen Versuch zu unternehmen.
Natürlich weiß Sarah, dass die Mauer und das Fahrrad hinter der Toreinfahrt nicht das Ende der Welt ausmachen. Sie weiß, dass sich der schmutzige Hinterhof um das Haus herum fortsetzt und, wenn man sich weiter hineinwagt, zu einer kleinen Holztür führt. Das weiß sie. Denn sie war gestern bereits dort.
Genau genommen hat die Geschichte daher schon gestern begonnen. Sarah erinnert sich daran, wie sie das Metallschild entdeckte. Im Vorübergehen, denn eigentlich war sie auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk. In noch keinem Jahr hat sie es gemocht, Geschenke zu Anlässen zu finden. Sie findet lieber die Anlässe zum Schenken. Spontane Überraschungen und kleine Aufmerksamkeiten, ganz so, wie es ihr in den Sinn kommt. So suchten ihre Augen nach einer Idee, nach einer Inspiration für das, was sie später in Geschenkpapier hüllen könnte. Und ihr Blick begegnete diesem rostigen Schild. Sarah konnte nicht einmal sagen, ob es schon immer dort befestigt war, denn sie hatte es noch nie zuvor wahrgenommen.
Lederwaren Manufaktur, Inhaber C. B. Conrad.
Einen Moment blieb sie verwundert stehen, sah durch die Toreinfahrt, neugierig den Kopf gereckt. Sah Mauer, Fahrrad, Mülltonnen. Ihr fiel ein, dass sie sich einen Gürtel zu Weihnachten schenken könnte, ein immerhin besseres Geschenk als Socken. Nicht wesentlich kreativer, aber etwas, das sie wirklich gebrauchen konnte. Kurz entschlossen wagte sie sich in den schmalen Gang hinein, durchquerte die Einfahrt. Sie fand einen Hinterhof, eingequetscht von einer grauen Hauswand, an der alte Kabel herunterhingen, und einer unansehnlichen, hohen und nassen Mauer. An einer Seite des Innenhofes entdeckte sie eine Holztür, und wenn es dort eine Manufaktur geben sollte, musste das deren Eingang sein.
Vorsichtig legte Sarah die Hand auf die kalte Metallklinke. Schwarz, geschwungen und abgegriffen. Sie hatte damit gerechnet, dass die Tür verschlossen sein könnte oder lediglich in ein Treppenhaus führen würde. Wer weiß, vielleicht gab es diese Manufaktur gar nicht mehr oder längst an einem ganz anderen Ort. Wahrscheinlich war dieser Gedanke der Grund, aus dem sie die Klinke schließlich doch mutig und kräftig nach unten drückte.
Die Tür sprang regelrecht nach vorn. Sarah war überrascht. Wärme strömte ihr entgegen wie eine Blase, hüllte sie ein und zog sie in den Raum. Aber nicht nur das. Mit der Wärme ergriff sie auch ein Geruch, der ihr durch die Nase direkt unter die Haut kroch. Leder. Ein würziger, fettiger Duft geschnittenen Leders. Mit einem Hauch Cognac. Sie sog die Luft ein. Es gab diese Manufaktur. Hier. Unüberriechbar.
Sarah trat leise in den Raum. Obwohl sie vorsichtig die Tür hinter sich zuzog, gab diese ein seufzendes, quietschendes Geräusch von sich. Wem immer dieser Laden gehörte, er brauchte keine Glöckchen, die über der Tür befestigt auf Kunden aufmerksam machen. Sarah stand am Anfang eines schwach beleuchteten Flures, dessen Wände von oben bis unten mit Gürteln, Riemen und Schnüren verhängt waren. Es schien, als seien die obersten Haken direkt an der Decke befestigt, was den Raum kleiner und drückender erscheinen ließ. Von der anderen Seite des Flures legte sich ein sanftes, gelbes Licht über den grauen, abgeschliffenen Parkettfußboden. Viel zu dunkel, als dass man dort hätte arbeiten können. Als sich Sarah von der Tür löste, berührte sie einen der Ledergürtel, der gleich neben ihr hing. Festes, schwarzes Leder. An den Seiten sorgfältig mit einem roten Faden genäht. Zweireihig gestanzte Lochreihen. Sie legte ihn über ihre Handinnenfläche, zog ihn ein wenig hin und her. Sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie zum ersten Mal bemerkt hatte, wie aufregend Leder auf sie wirkte.
Das war im letzten Sommer. Nicht lange her. Sarah und ihr damaliger Freund waren in den Urlaub gefahren, sehr spontan, sehr individuell. Eine ihrer Übernachtungen hatte sie auf einen alten Bauernhof geführt, spartanisch eingerichtet, aber gastfreundlich. Sarah hatte an einem Haken im Stall Gurte und Zaumzeug entdeckt und über die Länge der Lederriemen gescherzt. »Die kannst du dreimal um mich wickeln«, hatte sie gesagt, und ihr Freund hatte sie beim Wort genommen. Noch am gleichen Abend. Als sie mit gebundenen Händen vor ihm lag und dabei nicht nur seine Lust bemerkte, war etwas geschehen in ihr. Das Leder hatte nicht nur auf ihrer Haut Spuren hinterlassen.
»Hallo?« Eine tiefe Stimme knarzte durch den Flur.
Sarah hatte in Gedanken den Ledergürtel um ein Handgelenk gelegt und erschrak. Am Ende des Flures war ein weißhaariger, älterer Mann aufgetaucht, dem sie höchstens bis zu den Schultern reichte. Eine kleine, runde Brille saß auf einer recht dicken Nase und ließ den Mann ein wenig verkniffen aussehen. Vielleicht war er es auch.
»Kann ich dir helfen?«
Sarah ließ den Gürtel aus ihrer Hand gleiten. »Danke, ich schaue nur mal.« Sie versuchte ein Lächeln, zog kurz den Kopf zwischen die Schultern.
»Nach was?«, rief der Mann von der anderen Seite des Flures interessiert und schob seine Brille ein wenig nach oben.
Sarah räusperte sich. »Nach einem Gürtel.« Sie sah die lederbehangenen Wände auf und ab, als sei das der Beweis. Ihre Antwort konnte keine unerwartete sein. Nichts anderes konnte man hier suchen. Unerwartet, dachte Sarah, war daher eher die Frage des Mannes.
»Für die Hand, Kindchen?« Der Mann schien nicht nachgeben zu wollen.
Sarah sah ihn irritiert an. Kindchen? Sie war knapp über dreißig, sah ganz sicher nicht wie ein Kindchen aus und wenn dieses Wort gerechtfertigt war, dann nur, wenn der Mann noch älter war, als er aussah. »Bitte? Für die Hand?«
»Für die Hand«, wiederholte der Mann von der anderen Seite des Flures. »Du hast eben einen Gürtel um dein Handgelenk gewickelt.« Der Mann räusperte sich. »Trägt man das jetzt so?«
Für einen Moment fühlte sich Sarah ihrer Gedanken beraubt, ertappt, dann fing sie sich wieder. Atmete tief aus. »Entschuldigen Sie. Ich wollte nicht stören.« Sie zog sich die Handtasche zurecht.
Draußen schlug die Turmuhr. Sechs Mal würde die Glocke dunkel läuten, das wusste Sarah. Es war Feierabend.
»Nein«, beeilte sich der Mann auf der anderen Seite des Flures zu sagen, »du störst nicht, Kindchen. Überhaupt nicht. Ich wollte gerade den Laden schließen, weißt du, und da hätte ich ohnehin aufstehen müssen.« Der Mann ließ die runde Brille wieder auf die Nase sinken und setzte sich in Bewegung. Langsam schritt er durch den Flur, griff mal rechts, mal links nach einem Riemen. »Wie soll der Gürtel denn aussehen, den du suchst?« Er sah zu Sarah. »Für dich?«
Sarah hatte den Eindruck, dass er sie von oben nach unten musterte.
»Breit? Schwarz?« Ohne eine Antwort abzuwarten, suchte der Mann in dem von der Wand hängenden Leder und zog einen Gürtel hervor. »Schau, dieser hier.«
Sarah trat keinen Schritt auf den Mann zu, aber das war auch gar nicht nötig, denn er war schnell bei ihr.
»Echtes Leder, Kindchen. Fühle mal.« Er hielt ihr den Gürtel entgegen und sah ihr dabei von oben herab in die Augen, als sei seine Feststellung eine zweideutige. Oder als wolle er etwas ergründen.
Sarah fürchtete, dass er ihr nicht glaubte. Vielleicht hielt er sie für eine Diebin, die sich durch die knarrende Tür verraten hatte. Sie entschied sich, besser die Flucht nach vorn zu ergreifen. »Ich würde mich wirklich gern später entscheiden. Sie wollten den Laden doch gerade schließen …«
»Natürlich«, sagte der Mann und ließ seine Hand sinken. »Selbstverständlich.« Sein Blick bohrte weiter in Sarahs Augen.
Mit einem verlegenen Lächeln griff Sarah hinter sich, tastete nach der Türklinke. Sie wollte sich nicht einfach wegdrehen. Dieser Flur war ihr beinahe unheimlich. Das trübe Licht, welches von der anderen Seite her leuchtete. Die vielen Riemen. Der Geruch. Und dann dieser Mann.
»Eine Frage noch, bevor du gehst.«
Sarah drückte bereits die Türklinke nach unten, zögerte aber. »Ja?«
»Was gefällt dir an einem Ledergürtel am besten?« Der Mann drehte den Riemen in seiner Hand zu einer Schlaufe und legte den Kopf schräg. Hinter seiner Brille forschten blaugraue Augen.
»Der Geruch«, antwortete Sarah und erschrak sogleich über ihre Antwort. Zu spontan. Zu ehrlich.
»Der Geruch. Verstehe.« Der Mann nickte langsam, als würde er darüber nachdenken und dann feststellen, dass die Antwort eine mögliche gewesen sei. »Wir sehen uns morgen, Kindchen. Ich glaube, ich habe da etwas für dich.« Lächelnd entließ er Sarah auf den Hinterhof. Während sie durchatmete und die kalte Luft einsog, hörte sie das Schloss der Holztür hinter sich zweimal schnappen.
Der Geruch. Sarah schüttelte den Kopf und wunderte sich über ihre Antwort. Der Schnitt, die Länge, die Farbe, die Prägung, die Schließe, das Material. Nachvollziehbare Eigenschaften, die man bewundern kann. Aber doch nicht den Geruch. Sarah musste sich eingestehen, dass diese Antwort aus dem Tiefsten ihrer Seele gerutscht war. Aufgewühlt kehrte sie durch die Toreinfahrt auf die Straße zurück, vereinigte sich mit den Mänteln und Regenschirmen und suchte das Weite.

Lederwaren Manufaktur, Inhaber C. B. Conrad.
Heute nähert sich Sarah ein viertes Mal diesem Blechschild. Sie weiß nicht, was mehr Reiz auf sie ausübt: Der Gedanke, dass Überwindung ihr eigenes Geschenk veredeln würde. Oder das seltsame Gefühl, dass in diesem halbdunklen Flur etwas auf sie wartet. Beides kämpft gegen das Unbehagen, sich wieder den seltsamen Fragen und Blicken dieses Mannes auszusetzen, dem sie gestern zwischen den vielen Gürteln begegnet war. Sarah wird sich bewusst, dass sie wohl noch stundenlang die Straße auf und ab gehen wird, solange sie nicht endlich die Toreinfahrt passiert. Dabei ist ihr jetzt schon kalt. Ihre Füße fühlen sich taub an, die Hände hat sie in den Taschen zu Fäusten geschlossen.
Die letzten Meter bis zu dem Schild spürt sie, als würde sie gegen den Strom laufen. Sie vermutet, dass niemand Notiz von ihr nehmen wird, wenn sie die Straße verlässt und auf den Hinterhof zusteuert. Und doch fühlt es sich an, als könnten in genau diesem Moment alle Passanten auf der Stelle verharren und ihr nachsehen. Als wäre es etwas Verruchtes, den Buchstaben eines braunen Blechschildes zu folgen und eine Ledermanufaktur aufzusuchen.
Die Glocke des alten Turms schlägt. Zehn Mal wird sie es tun. Ruhig, mit dunklem Ton.
Sarah hält die Luft an und biegt ab.
Sie durchquert die Toreinfahrt, lässt Mülltonnen und Fahrrad hinter sich. Dann bleibt sie vor der Holztür stehen. Nichts ist passiert. Sie lauscht kurz, aber niemand folgt ihr. Warum auch. Es ist ein dunkler und nasser Vormittag im Dezember, an dem diese Geschichte ihren Anfang nimmt. Mehr nicht.

Kapitel Zwei
Sarah zieht frierend die Holztür hinter sich zu und gibt sich keine Mühe, das Quietschen und Knarren zu vermeiden. Sie will gehört werden.
»Hallo?« Sie ruft halblaut in den Flur hinein. Nichts hat sich verändert. An beiden Seiten des Raumes hängen Gürtel und Riemen in einem halbdunklen Licht. Einen Moment fühlt sie sich wieder vom Geruch nach Leder und Cognac überwältigt, aber sie konzentriert sich. Sie will diesem Mann keine Chance geben, sie wie ein Kindchen zu behandeln. So wie am Vortag. Dieses Mal will sie souverän wirken.
»Komm näher«, tönt die dunkle Stimme von der anderen Seite des Flures. »Komm nur!«
Langsam durchquert Sarah den Flur, der ihr mit jedem Schritt länger erscheint. Er wirkt wie ein Tunnel in eine andere Welt. Als ließe sie gerade die Kälte, die Anonymität und alles, was bis eben um sie war, weit hinter sich. Ihre Schritte klingen leise auf dem alten Parkett, die behangenen Wände des Flures dämpfen jedes Geräusch. Sarah fühlt sich einen Moment eingeengt.
»Wo bleibst du, Kindchen?«
Als Sarah die andere Seite des Flures erreicht, öffnet sich vor ihr ein Raum in der Größe zweier Wohnzimmer. An den Wänden stapeln sich offene Regalfächer bis unter die Decke und in ihnen schwarze Rollen, Päckchen und Kisten. An einer Seite entdeckt Sarah eine Werkbank, die einem alten Holztisch ähnelt, die Arbeitsplatte mit Kimmen überzogen, stehend auf viel zu kräftigen Füßen. Ein kleiner Schraubstock klammert sich an seiner Seite fest, andere Geräte liegen verstreut auf ihm. Maßbänder und Lineale hängen in Griffweite an der Wand. Und es riecht nach Leder.
»Ich dachte schon, du kommst nicht, Kindchen. Setze dich zu mir!«
In der Mitte des Raumes steht ein kleines, schäbiges Sofa, über dessen rote Lehne zur Hälfte eine Decke gehängt ist. Auf der Sitzfläche sind zwei schwarze Kissen mit Fransen drapiert. Ein niedriger Holztisch vor dem Sofa trägt eine schmale Kerze, der nur eine handbreit Zeit bis zum Erlöschen bleiben wird.
»Komm!«
Sarah entdeckt den Mann mit dem weißen Haar in einem Sessel, der auf der anderen Seite des Tisches steht. Groß und wuchtig gepolstert, mit schwarzem Leder bezogen, weder zum Sofa noch zum Tisch passend. Mit einer Lehne, die bis über den Kopf reicht und an deren Seiten das Leder mit einer endlosen Reihe Nieten befestigt ist. Wie ein Thron, denkt Sarah.
»Guten Tag«, sagt sie. »Ich möchte keine Umstände machen. Ich bin nur wegen des Gürtels hier.« Sarah weiß, dass das nicht stimmt. Wenn dem so wäre, hätte sie nicht vier Anläufe benötigt, bis sie in den Hinterhof abbiegen konnte. Irgendetwas anderes hat sie hierher gezogen.
»Natürlich«, sagt der Mann. »Selbstverständlich.«
Sarah erinnert sich, dass er das auch gestern gesagt hat. Als sie den Laden schnell wieder verlassen wollte. Er hatte sie nicht daran gehindert.
Der Mann erhebt sich aus seinem Sessel, stützt sich mit den Armen auf den Lehnen ab. Ein wenig schwerfällig sieht es aus, denkt Sarah. Vielleicht ist er doch viel älter als angenommen? Er zieht sich seine schwarze, seidig glänzende Weste glatt, die er über einem weißen Hemd mit hohem Kragen trägt.
»Du frierst, oder?« Der Mann tritt auf Sarah zu und legt seine rechte Hand an ihren Arm. Sieht an ihr herab. »Und deine Schuhe, um Himmels willen, das Leder ist ganz durchnässt.« Die Vibrationen der tiefen Stimme spürt Sarah sogar über die Hand des Mannes an ihrem Arm.
Sarah bemerkt, dass sie instinktiv einen Schritt zurücktreten will, als der Mann ihr so nahe kommt, aber stattdessen steht sie wie angewurzelt. Sie ist nicht in der Lage, wieder Distanz herzustellen. »Geht schon«, quetscht sie heraus und lächelt verlegen, aber überzeugend klingt es nicht.
»Nein, das geht nicht.« Der Mann spricht langsam und erzeugt die Eindringlichkeit seiner Worte so ganz nebenbei, dass es Sarah schauert. »Weißt du, ich mache uns schnell einen heißen Tee. So viel Zeit hast du.«
»Das ist nett von Ihnen, aber …« Sarah stockt. Es gibt kein Aber. Jedenfalls kein ehrliches. Sie friert tatsächlich, sie hat noch genug Zeit, und wenn sie ehrlich ist, wäre sie über ein heißes Getränk nicht undankbar. Ganz abgesehen davon wollte sie den Laden noch gar nicht verlassen.
»Siehst du«, sagt der Mann, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Kein Aber. Zieh deine Jacke aus und setze dich.« Er nimmt seine Hand von ihrem Arm, lächelt und schiebt sich an ihr vorbei. »Einen kleinen Moment wird es wohl dauern, bis das Wasser kocht.«
Sarah sieht dem Mann hinterher, bis er durch einen kleinen, schwarzen Vorhang zwischen den Regalen aus dem Raum verschwindet. Seine Schritte sind noch kurz zu hören, dann wird es still. Keine tickende Uhr, keine Straßengeräusche, nichts. Fast wie in einem schalldichten Raum, denkt Sarah.
»Na gut«, sagt sie leise und eher zu sich selbst. Sie fühlt sich zwar ein wenig dirigiert, aber sie tröstet sich damit, dass sie jederzeit den Laden verlassen kann. Sie kennt den Weg durch den langen Flur bis zur Holztür. Er ist nicht versperrt. Bedrohlich wirkt nichts in diesem Raum. Sie hat keine Angst. Und sie will doch gar nicht gehen.
Sarah knöpft ihre Jacke auf, streift sie von den Schultern, faltet sie einmal und legt sie sich über den Arm. Sie sinkt in den großen Thronsessel, da sie aus ihm heraus den Vorhang im Blick behalten kann, durch den der Mann verschwunden ist. Auf dem Sofa hätte sie den verhängten Eingang zwischen den Regalen im Rücken gehabt. Sie betrachtet die Lampe, die über dem Holztisch mit der Kerze hängt. Altertümlich geschwungen, der Schirm aus längst nicht mehr weißem Milchglas. Keine dieser modernen Beleuchtungen, sondern tatsächlich noch ein brennender Glühwendel.
Hinter dem Vorhang klappert es metallisch, Wasser fließt. Sarah horcht auf. Schritte des Mannes sind zu hören, ein wenig schlurfend. Tatsächlich, er setzt Wasser auf.
Sarah atmet tief durch und knetet sich die Hände über der gefalteten Jacke, die sie auf ihren Schoß gelegt hat. Die warme Luft in dem Raum tut ihr gut. Der Geruch macht ihn sogar gemütlich, obwohl die Einrichtung eher einem gefüllten Lager gleicht. Sarah überlegt, aus welchem Grund sie neben dem fettigen Geruch des Leders immer wieder einen leichten Cognacduft wahrnimmt. Er stört nicht, im Gegenteil, er verleiht dem Raum eine besondere Note. Ob der Mann sie hinter dem Vorhang hören wird, wenn sie ihn danach fragt?
Der schwarze, hängende Stoff bewegt sich, eine Hand mit Tasse schiebt sich an seiner Seite vorbei und schließlich betritt der Mann den Raum. Er zögert kurz, als er Sarah sieht, und Sarah hat das Gefühl, dass er überrascht oder irritiert ist. Sie richtet aufmerksam den Oberkörper auf. »Kann ich helfen?«
Der Mann kommt zum Tisch, stellt wortlos zwei Tassen ab, schiebt eine an der Kerze vorbei auf die Seite des Sofas, die andere auf die Seite des Sessels. Aus einer Tasche seiner Weste zieht er zwei Teelöffel, platziert sie sehr genau neben den Tassen. Dann richtet er sich auf, mustert Sarah wenige Sekunden und verharrt, als würde er auf etwas warten.
Sarah schaut ihn fragend an. »Danke«, sagt sie schließlich aus ihrer Not heraus, auch wenn die Tassen noch leer sind und sie das Wasser hinter dem Vorhang gerade brodeln hört.
»Danke?«, wiederholt der Mann. Mit einem forschenden Blick sticht er in Sarahs Gedanken. »Danke für was?« Dann weist er mit dem Zeigefinger auf Sarah. »Das da, Kindchen, ist mein Platz.« Er kneift die Augen zusammen. »Nicht deiner.« Unvermittelt wendet er sich ab und verschwindet wieder aus dem Raum.
Sarah ist für einen Augenblick wie versteinert. Sein Platz? Sie erinnert sich, dass der Mann hier gesessen hat, als sie die Werkstatt betrat. Wie auf einem Thron, dachte sie. Tatsächlich. Sie hat sich auf seinem Thron niedergelassen. Woher aber konnte sie ahnen, dass er den Sessel für sich beansprucht? Sarah findet es zunächst unfreundlich, einem Gast seinen Platz streitig zu machen. Nie wäre ihr das in den Sinn gekommen. Erst recht nicht in einem so strengen und fordernden Tonfall. Und schließlich fühlt sie sich neben ihrer Eigenschaft als Gast noch immer als Kundin. Sie beabsichtigt, einen Gürtel zu kaufen. Vielleicht sollte sie doch einfach gehen? Kurz lacht sie empört auf, beißt sich aber schnell auf die Lippen. Dann fällt ihr Blick auf die Teetassen, die sich auf dem dunklen, glatten Holz des Tisches ein wenig spiegeln. Ganz so unfreundlich ist es jedenfalls nicht, einen heißen Tee anzubieten.
Wieder betritt der Mann den Raum, stellt eine Zuckerdose auf den Tisch. Sieht kurz und eindringlich zu Sarah. Verschwindet wieder. Ohne Worte. Hinter dem Vorhang beendet das Wasser sein Brodeln.
Sarah überlegt nicht lange. Der Blick des Mannes hatte sie getroffen. Nicht heftig, nicht schmerzend, aber in ihrer Seele. Genauso hätte er sagen können: »Steh sofort auf und mache meinen Platz frei. Steh sofort auf und begib dich auf den Platz, den ich dir zugewiesen habe.« Sie erhebt sich zügig, wechselt die Seite des Tisches. Bemüht sich, kein Geräusch dabei zu machen und mit der gefalteten Jacke nicht die Tassen und nicht die Zuckerdose zu touchieren. Dann lässt sie sich auf dem alten, roten Sofa nieder. Sinkt in ein Polster, dessen vergangene Jahre man nicht nur sehen, sondern auch fühlen kann. Setzt sich schräg, damit die Knie nicht nach vorn zeigen und die Tischkante berühren. Ihre Jacke legt sie schließlich über eine der Lehnen. Kaum hat sie sich positioniert, hört sie hinter sich Schritte.
Der Mann stellt eine Kanne auf den Tisch, klein, rundbäuchig und mit blassem Blumenmuster. Ohne den Platzwechsel von Sarah zu kommentieren, lässt er sich in seinen Thron fallen und atmet aus, als hätte er Schwerstarbeit verrichtet. Er nimmt die kleine Brille von der Nase und reibt sie an seinem Hemdsärmel. »Oh«, sagt er und sieht zu Sarah herüber. »Wie unhöflich, wir haben uns noch gar nicht vorgestellt.« Dann legt er beide Arme auf die Lehnen und sieht entspannt aus. »Mein Name ist Carl. Carl Conrad. Mir gehört diese Ledermanufaktur.« Mit dem Kopf nickt er seitwärts und meint damit den Raum um sich, der unschwer als solche zu erkennen ist. »Aber das hast du dir sicherlich schon denken können. Und wer bist du, Kindchen?«
Sarah bemerkt einen Hauch Teegeruch. Schwarzer Tee. Nein, Rooibos, glaubt sie. »Sarah«, hört sie sich sagen, noch bevor sie sich Gedanken darüber gemacht hat, ob sie ihren Vornamen oder doch besser nur den Nachnamen nennen soll. Sie bemerkt, dass sie zum zweiten Mal handelt, ohne richtig darüber nachgedacht zu haben. Sie muss sich mehr konzentrieren, nimmt sie sich vor.
»Zieh deine Schuhe aus, Sarah.«
Sie sieht kurz nach unten auf die braunen Stiefeletten, dann wieder zu dem Mann. Fassungslos. Ihr steht der Mund offen. Die Schuhe ausziehen?
»Sie sind nass. Vollgesogen mit Wasser. Du hast kalte Füße.« Ruhig liegen die Arme des Mannes auf den Lehnen, seine Hände sind leicht geöffnet. Keine Regung. »Wenn du also keine Erkältung haben möchtest zu Weihachten …« Der Mann legt den Kopf schräg, schaut eindringlich über den Tisch.
Sarah fühlt ein »Wird es bald?«, obwohl der Mann weder in diesem Tonfall spricht noch in anderer Weise bedrohlich auf sie wirkt. Es ist einfach nur ein Gefühl. Sie beugt sich nach unten, ohne ihn aus den Augen zu lassen, tastet mit den Fingern nach den flachen Absätzen der Stiefeletten, zieht ein wenig an ihnen. Erst rechts, dann links. Während sie das tut, fliegen Blicke über den Tisch. Von ihr zu ihm, von ihm zu ihr. Sarah meint, ein kurzes Aufleuchten zu erkennen, vielleicht Genugtuung, aber es kann ebenso ein Flackern der Kerze auf dem Tisch gewesen sein. Sie schlüpft aus den nassen Schuhen.
»Stell sie drüben auf die Werkbank, dort trocknen sie am besten. Aber nicht zu nah an den Heizkörper.«
Sarah ist sprachlos. Sie hatte erwartet, dass er sich darum bemühen würde, sich erhebt, ihr die Schuhe abnimmt. Stattdessen sitzt er auf seinem Thron und bewegt sich nicht. Sarah findet, dass die Bezeichnung Thron durchaus seine Berechtigung hat. Dass sie viel besser passt als einfach nur »Ledersessel«. Sarah senkt den Blick, betrachtet ihre Socken, die an den Spitzen dunkel verfärbt sind. Tatsächlich nass. So soll sie durch die Werkstatt laufen? In Strümpfen? Sie schaut über den Boden hinweg zu der Werkbank. Das Parkett ist sauber, wenn auch ergraut und stumpf.
»Im Regal daneben liegt Zeitung, stopfe die Schuhe damit aus, bevor du sie zum Trocknen stellst.« Der Mann beugt sich ein wenig vor, als wolle er ein Geheimnis verraten. »Dann geht es schneller, Sarah.«
Sie nickt, erhebt sich, trägt die Stiefeletten hinüber zu der Werkbank. Sarah ist sicher, in ihrem Rücken ein Lächeln zu spüren. Amüsiert? Oder zufrieden? Sie weiß es nicht. Sie weiß nicht einmal, warum sie das überhaupt tut. Ein wenig wütend ist sie. Auf sich selbst. Dass sie sich von ihm belehren lässt, als wüsste sie nicht selbst, wie man Schuhe trocknet. Und dass er ihr so seelenruhig dabei zusieht. Das macht sie sauer.
»Mit Zucker, Kindchen?«
Sarah dreht sich kurz zu ihm. Zucker? Sie sieht, wie er die Kanne in der Hand hält und ihr einschenkt. Eine Hand hält den kleinen runden Deckel, damit er nicht stürzt. »Ich nehme mir schon selbst, danke«, sagt sie knurrig, während sie weiter Zeitungspapier knüllt und es in die Schuhe stopft. Bis hierhin durfte sie auch alles selbst machen, denkt sie, also braucht sie seine Hilfsbereitschaft für den Zucker nun auch nicht mehr.
»Also ohne«, hört sie ihn in ihrem Rücken sagen. Als wäre er enttäuscht. Kurz hält sie mit einem Knäuel Zeitungspapier in der Hand inne. Überlegt, ob er sie nicht richtig verstanden hat. Als sie Schritte hört, sich umdreht und ihn mit der Zuckerdose und der leeren Kanne hinter dem Vorhang verschwinden sieht, weiß sie, dass es nicht so ist. Sie beschließt, es nicht zu hinterfragen.
»Sie haben nicht viele Kunden, oder?«, ruft sie ihm hinterher, schiebt das letzte Knäuel Zeitung in einen Schuh, platziert das Paar auf der Werkbank und begibt sich mit großen Schritten zurück auf das Sofa. Sie greift nach der Tasse an ihrer Tischseite, macht es sich bequem, nimmt die Beine nach oben, schlürft einen ersten Schluck. Rooibos, genau so, wie der Tee von Anfang an gerochen hat. Sarah schließt kurz die Augen und stellt fest, dass sie sich jedenfalls nicht unwohl fühlt. Wann hat sie das je erlebt – eine Duftmischung aus Rooibostee, Cognac und Lederwerkstatt. Fantastisch, denkt sie.
»Nein«, tönt die tiefe Stimme hinter dem Vorhang, »habe ich nicht. Viel zu wenige, wenn man es genau nimmt. Die Geschäfte laufen nicht gut. Heutzutage brauchen die Menschen keine Manufakturen mehr. Sie kaufen lieber billig.« Der Mann kehrt zum Tisch zurück. »Da muss man schon etwas Besonderes herstellen, um noch ausreichend Zulauf zu haben.« Während er sich setzt, sieht er auf die Tasse in Sarahs Hand. »Oh, du hast schon begonnen, Kindchen? Wartet man da nicht?« Er zieht die Augenbrauen nach oben.
Pah, denkt Sarah entrüstet, und beinahe hätte sie es laut gesagt. Wenn hier jemand auf höfliche Umgangsformen hinweisen müsste, dann wäre das ganz klar ihr Part. Wer hatte sie denn in Strümpfen durch die Werkstatt geschickt? »Mir war kalt«, rechtfertigt sie sich, und schon mit dem letzten Wort ärgert sie sich, auf ein deutliches Kontra verzichtet zu haben.
»Weißt du, dass du in dieser Woche bislang die Einzige bist, die sich in meine Werkstatt verirrt hat?«
Sarah lässt ihren Blick durch den Raum schweifen. Sieht das an den Wänden gestapelte Material. Überwiegend schwarz, was einen Teil der dunklen Atmosphäre der Werkstatt verantwortet. Aber in wenigen Fächern der Regale lagern auch weiße, rote und sogar blaue Rollen. »Etwas Besonderes?« Ihr fällt nichts ein, was in dem langen Flur zwischen Tür und Werkstatt ihre Aufmerksamkeit erreicht hätte. Riemen und Gürtel. Kurze, lange. Mit vielen Löchern, mit wenigen. Mal genietet, mal gestanzt. Nichts Außergewöhnliches für eine Ledermanufaktur, findet sie. Abgesehen von dem wundervollen Duft und dem Gefühl der Berührung. Das einzig Besondere an dieser Manufaktur scheint ihr Besitzer zu sein.
»Wie viel Zeit hast du mitgebracht, Sarah?« Der Mann greift zu seiner Teetasse, lehnt sich wieder zurück in seinen Thron.
Sarah überlegt. Es ist noch Vormittag. Sie hat sich nichts mehr vorgenommen heute, müsste sich aber noch etwas zu essen besorgen und sollte nicht zu spät ins Bett gehen. Sie wird den Tag allerdings auf keinen Fall vollständig in einer düsteren Lederwerkstatt verbringen. »Bis die Schuhe trocken sind«, sagt sie diplomatisch.
»Gut«, sagt Herr Conrad. »Dann will ich dir etwas erzählen, Kindchen.« Er umgreift die Tasse mit beiden Händen und lehnt sich zurück. Es scheint, als wolle er es sich für längere Zeit gemütlich machen. »Dafür hast du doch Zeit, oder?«
Sarah nickt. Sie zieht die Füße noch ein wenig zu sich und lehnt sich in die Sofaecke. Hier drinnen ist es allemal bequemer als draußen. Nässe, Kälte, Mäntel und Regenschirme gegen Rooibostee, Cognacduft und Ledergeruch. Ein guter Tausch, findet sie. Jedenfalls für den Moment. Warum also keine Geschichte, bis die Schuhe trocken sind.

Kapitel Drei
»Stell dir einen Tag wie diesen vor«, sagt Herr Conrad zu Sarah, und Sarah nickt.
Kalt war es und so unfreundlich, wie es im Dezember nur sein kann. Es war bereits Abend und draußen fiel Schnee in Strichen durch die Lichtkegel der Straßenlaternen. Auf dem Fußweg eilten die Menschen von der Arbeit nach Hause oder standen frierend an Haltestellen, um auf den nächsten Bus zu warten.
Herr Conrad beugt sich leicht nach vorn und greift zu dem Teelöffel, der vor ihm auf dem Tisch liegt. »Lia«, sagt er und schaut zu Sarah, »ich nenne das Mädchen in meiner Geschichte Lia, ist das in Ordnung?«
Sarah nickt wieder. Sie umgreift mit beiden Händen ihre Tasse und spürt deren Wärme. Als wolle sie sich vor dem kalten Dezembertag schützen.
»Gut. Lia also.«
Lia sah aus einem großen Fenster auf die Straße herab. Sie sah die Striche unter den Laternen, die eilenden Menschen, eine Bushaltestelle. Sie hatte beide Handinnenflächen gegen das Glas des bis zum Boden reichenden Panoramafensters gelegt und fühlte sich, als würde sie über der Stadt schweben. Ihr war angenehm warm. Die Heizung des Hotelzimmers blies kaum hörbar Luft in den Raum, manchmal spürte man sogar einen sanften Hauch auf der Haut.
Herr Conrad senkt den Löffel in die Tasse und rührt.
»Auf der Haut?« Sarah legt den Kopf schräg und lächelt ein wenig. »Durch die Kleidung hindurch?«
»Kindchen«, sagt Herr Conrad beinahe streng, während er den Löffel durch den Tee schwenkt. »Kindchen, halte dich bitte zurück. Wenn du mich ständig unterbrichst, geht der Zauber der Geschichte verloren. Und wenn ich immer wieder neu ansetzen muss, entgleitet mir irgendwann der rote Faden. Lass mich also erzählen.«
»Verzeihung«, sagt Sarah. Kaum hat sie es ausgesprochen, bemerkt sie wieder dieses Funkeln in den Augen des Mannes. Nur ganz kurz. Sie schlürft schnell einen Schluck Rooibostee und schaut dann auf ihre Tasse. Als fühle sie sich tatsächlich schuldig.
Lia lehnte also gegen das große Fenster. Ihre Stirn berührte das Glas. Sie beobachtete das Treiben auf der Straße, entspannt und ruhig. Atmete tief ein und aus. Seit vielen Wochen hatte sie auf diesen Moment gewartet. Hatte ihren Alltag so organisiert, dass er sich ihr nicht entgegen stellen konnte an diesem Abend. Bevor sie hierher kam, hatte sie ein duftendes Bad in Lavendel genommen, sich eingestimmt und vorbereitet auf das, was sie erwartete. Und als sie sich schließlich auf den Weg gemacht hatte, fühlte sie sich bereits in einer sanften und friedlichen Stimmung. Bemerkte tief in sich ein Glühen und wusste, dass es sie an diesem Abend noch vollständig ergreifen würde.
Lia ließ ihr Gesicht weich am Fensterglas entlang gleiten. Die Stirn, die Nase, die Lippen. Als sie das Kinn erreichte, schlug der kleine Ring ihres schmalen Halsbandes mit einem leisen Klacken gegen das Glas.
Sarah hebt ruckartig den Kopf. Als sie zu dem Mann sieht, der ihr gegenüber im Thronsessel sitzt, begegnet sie seinem lauernden Blick. Sie ist unsicher, ob Herr Conrad auf ihre Reaktion gewartet hat. Oder ob er nur testen will, dass sie tatsächlich schweigt und ihn nicht wieder unterbricht. Ein Ring? An einem Halsband? Um den Hals von Lia? Sarah legt all ihre Ungläubigkeit in ihren Blick, transportiert Fragesätze, aber schweigt. Es dauert einige lange Sekunden, bis das Duell endet. Herr Conrad erzählt weiter, als wäre nichts gewesen. Die Fragen fallen zwischen ihnen zu Boden.
»Bist du bereit?«
Lia schloss die Augen. Natürlich war sie bereit. Zu keinem Zeitpunkt in den letzten Wochen war sie mehr bereit gewesen als jetzt. »Ja«, sagte sie leise gegen das Glas.
Hinter Lia erhob sich ein Mann aus einem Stuhl. Von dort aus hatte er seit Minuten zu ihr herübergesehen. Wie sie gegen das Fenster lehnte. Wie ihr Körper einen wundervollen Kontrast zwischen heller Haut und dunklem Himmel hinter der Glasfront zeichnete. Er hatte genussvoll beobachtet, dass sie still wurde, in sich versank, auf ihn wartete. Minutenlang. Jetzt war sie tatsächlich bereit.
Er griff neben sich und hob ein schwarzes Korsett aus Leder an. Schwer fühlte es sich an, so gerollt und mit Schnüren umwickelt, wie er es in der Hand hielt. Und auch kühl. Der Mann lächelte. Es war nach ihren Maßen angefertigt, nur für sie. Kein Korsett von der Stange, sondern in Handarbeit geschnitten und genäht. Etwas Besonderes. Langsam durchquerte er den Raum, erreichte Lia. Stellte sich vorsichtig hinter sie. Ganz dicht. Hörte ihren gegen das Fenster gehauchten Atem. Sah ihr über die Schulter hinweg in die Tiefe. Dort unten waren eilende Menschen, Schneefall und eine Bushaltestelle. Wie in einem anderen Universum. Niemand sah nach oben. Niemand bemerkte die gegen das Fenster gelehnte Frau, die bis auf ein Halsband gänzlich unbekleidet war. Wenn doch, wäre sie unerreichbar gewesen.
Der Mann trat leise einen halben Schritt zurück. Mit ruhiger Hand rollte er das Korsett aus. Löste langsam die Schnüre. Weich fühlte sich das Leder an, aber er wusste, dass es bald nicht mehr so sein würde, wenn er die Schnüre erst wieder angezogen haben würde. Wie eine zweite Haut würde es sich um Lias Körper legen, erst sanft, dann einengend, später Besitzergreifend, sie formend, zunehmend fordernd, ihr die Luft nehmend. In dieser Reihenfolge. Er würde sie schließlich so eingeschnürt haben, dass sie alles geben musste, um zu bestehen. Wie lange sie das schaffen würde, für ihn, wussten sie beide nicht. Aber sie würden es sehen. Dazu waren sie hier.
Als er Lia das Korsett um die Taille legte, sog sie laut und schnell den Atem ein. Als wäre sie erschrocken. Als hätte sie nicht damit gerechnet. Tatsächlich war es aber nicht so. Die erste Berührung. Der Moment, auf den sie so lange gewartet hatte. Ab dem es keine Umkehr mehr gab. Viele Wochen hatte sie sich diesem Augenblick entgegen gesehnt.
»Alles in Ordnung?«
Sarah sieht erschrocken von ihrer Tasse nach oben. »Ja, sicher …« Sie bemerkt, dass sie bereits jetzt völlig von der Erzählung ergriffen ist.
Herr Conrad hebt überrascht die Augenbrauen. Mehr nicht. Dann setzt er fort.
»Alles in Ordnung?«
»Ja«, sagte Lia leise.
Der Mann nickte, als fühle er sich bestätigt. »So schweigst du ab jetzt.« Eindringlich klang es. »Bis zum Schluss.« Er zog das Korsett an ihr zurecht. Ein wenig nach oben, so dass sich die untere Kante auf die Hüften legte. Ein wenig zur Seite, damit die Hakenleiste eine Linie von Lias Bauchnabel bis unter die Mitte ihrer Brüste zog. Langsam, gewissenhaft. Genießend. »Bis ganz zum Schluss.«
»Ja«, wiederholte Lia. Noch leiser.
Der Mann entfernte sich nicht mehr als einen Schritt von Lias Körper. Betrachtete sie, wie sie da stand. Still und unfertig wartend. Ein ungeschliffener Diamant. Eine ungeschnürte Schönheit. Er legte seine Hände sanft auf ihre Schultern, ließ sie einen Moment dort schwer ruhen. Spürte, wie Lia langsam atmete.
Unten auf der Straße fuhr ein Schneepflug. Seine orangefarbenen Rundumleuchten zeichneten kurzlebige Bilder an umliegende Hauswände und das Glas der Bushaltestelle. Langsam bewegte er sich, als wolle er sich am Bürgersteig entlang tasten. Was er beiseite schob, blieb hinter ihm wulstig wie eine kleine Narbe längs der Straße liegen.
Der Mann ließ seine Hände von den Schultern an Lias Seiten herabgleiten. Fühlte dabei über das Leder des Korsetts. Nahm sie einen Moment in den Arm. Es würde nicht leicht werden für sie.
Er griff die beiden Enden der Schnüre und begann sein Werk. Zog aus der Mitte heraus, was sich locker ziehen ließ. Nicht viel, aber so weit, dass die Schnüre nicht mehr lose lagen. Dann begann er, langsam und gleichmäßig Schlaufen zu ziehen. Von oben her. Von unten her. Zentimeter um Zentimeter raubte er Schnur, entführte sie aus der Mitte der Ösen, begann wieder von vorn.
Lia stand still. Atmete noch immer gleichmäßig. Ließ es geschehen. Sie hatte die Augen geschlossen und war längst in sich versunken, nicht mehr in dieser Welt, in der man sie hätte am Fenster stehen sehen können. Sie erwartete das, was sie geben wollte, und sie war vorbereitet darauf, dass es schwer fallen könnte. Denn sie hatte dieses Korsett noch nie so getragen. Nicht für ihn, nicht geschnürt.
Der Mann hielt inne, behielt aber die Enden der Schnüre in der Hand. Hielt sie auf Zug. Es gab keinen Weg zurück. Er trat näher an Lia, schmiegte sich von hinten an sie. Wartete einen Moment. Lauschte. Verinnerlichte, dass Lia noch ebenso sanft vor ihm stand, wie sie es bislang getan hatte.
Der Schneepflug war verschwunden. An der Haltestelle sammelten sich mehr und mehr Menschen. Hände in den Taschen vergraben, dann und wann einen Schritt vor und wieder zurück tretend. Wartend.
Der Mann hauchte liebevoll einen Kuss auf die Schließe des Halsbandes in Lias Nacken. Er liebte diese Stelle auf ihrer Haut, denn er empfand sie als ihre verwundbarste. Dort, wo er sie immer wieder gefangen nahm. Gefangenen nehmen durfte.
Lia atmete aus. Langsam und gleichmäßig. Ihr Atem war jetzt die einzige hörbare Verbindung zwischen ihr und ihm.
Dann entließ der Mann sie aus seinem Körperkontakt. Er begann von Neuem. Zog kleine Schlaufen, immer wieder, zwängte sie zur Mitte hin, raubte sie dort heraus. Das Leder schloss sich immer enger um Lias Körper, umgriff ihre Taille, forderte Form. Er bemerkte, dass Lia zunehmend ihr Körpergewicht gegen das Fenster lehnen musste, um dem Zug an den Schnüren in ihrem Rücken zu begegnen. Sie stand nicht mehr unbeweglich, denn er bewegte sie mit jedem Zentimeter Schnur, den er den Ösen abzwängte. Jede gezogene Schlaufe zog auch ihren Körper, und immer wieder sank Lia nach einem solchen Ruck wieder nach vorne. Erneut beraubt um einen Teil Umfang. Dafür bereichert um ein Stück Stolz, noch immer hier zu stehen.
Als Lia wieder die Stirn gegen das Fensterglas drückte, hielt er erneut inne. Griff mit einer Faust die Schnüre direkt an den Ösen, damit sie sich nicht zurückziehen konnten. Seitwärts trat er neben Lia, sah in ihr Gesicht.
Lia hatte die Augen geschlossen. Ihre Zähne bissen auf die Unterlippe. Leicht war es längst nicht mehr. Aber sie atmete noch immer gleichmäßig. Leise sog sie durch die Nase Luft ein, soweit es die Enge um sie erlaubte, langsam strömte die Atemluft wieder aus. Der Mann beobachtete es eine Weile, ließ sie nicht aus den Augen. Mit dem Zeigefinger strich er ihr über die Wange, um die Haut warm und trocken zu fühlen.
Lia nickte. So leicht, dass dabei die Haut ihrer Stirn am Glas haften blieb. Dass sich ihr Kopf nur Millimeter bewegte. Er aber sah es.
Er trat wieder hinter sie. Langsam. Wartete noch einen Moment. Und dann zog er richtig. Hakte die Finger in die wenigen Zentimeter Schnur zwischen den Kanten des Korsetts. Drehte die Hand, zog dabei die Schnur über den Zeigefinger, so stark, dass sie sich in seine Haut biss. Ließ keinem Zentimeter eine Chance, durch die Ösen wieder zurückzugleiten. Legte seinen Unterarm auf Lias Rücken, um sie von sich wegzudrücken, während er das Korsett Millimeter für Millimeter schloss.
Lia rutschte mit den Handinnenflächen auf dem Fensterglas ein wenig nach unten, um stabiler stehen zu können. Denn sie wurde Spielball des kräftigen Ziehens und Drückens in ihrem Rücken. Hatte ihren Körper nicht mehr unter Kontrolle. Gleichzeitig mühte sie sich, zu atmen. Immer dann, wenn der Zug kurz nachließ, wenn der Mann in ihrem Rücken die Finger zwischen die Schnüre legte, um dort nachzuziehen. Ihr Atemrhythmus lief im Gleichklang mit Ziehen und Nachfassen. Und doch wurde es mit jedem Zug schwerer.
Der Mann hinter ihr wartete. Lauschte. Nach ihr. »Atme kräftig aus«, sagte er schließlich, und Lia bemerkte, dass seine Stimme belegt war. Lust. Sie ahnte, welchen Anblick ihr geschnürter Körper für ihn bieten musste. Sie wusste aber auch, dass schon der Weg dorthin für ihn erregend war. Beides wollte sie ihm schenken. Sie öffnete daher den Mund und atmete aus, bis sie meinte, keine Luft mehr in den Lungen zu haben. Und sie ballte die Hände zu Fäusten, denn sie wusste, was nun kam.
Mit einem kräftigen Ruck zerrte er an den Schnüren in der Mitte, zog sie so fest an, dass sich das Korsett um ihren Körper legte wie ein fester Panzer. Hörte nicht auf, zog weiter, drückte sein Knie gegen ihren Hintern. Fasste kurz nach und forderte noch mehr. Lia hatte große Mühe, sich auf den Beinen zu halten, aber er hatte sie zwischen sich und dem großen Fenster eingeklemmt.
Ihr verlangte nach Luft und sie öffnete weit den Mund, drehte den Kopf zur Seite, versuchte zu atmen. Aber ihr Körper war fest umschlossen und eingeengt von Leder. Nur einen Hauch sog sie ein, mehr war nicht möglich. Sie riss die Augen auf. Mühte sich, keine Panik zu bekommen, schließlich hatte sie doch gewusst, dass es nicht leicht werden würde. Ihr musste genügen, was sie bekommen konnte, und so versuchte sie es Hauch um Hauch. Beschränkte sich. Für ihn.
Der Mann hielt die Schnüre in ihrem Rücken unnachgiebig. Aber er war wieder an ihrer Seite, beobachtete sie. Verfolgte den schnellen Rhythmus ihres flachen Atems. Entdeckte Schweiß auf ihrer Stirn. Fühlte, dass ihre Wangen nicht mehr ganz so warm waren wie vorhin. Sah ihr in die Augen. Bemerkte, dass sie ihn ebenso ansah. Nicht durch ihn hindurch, sondern mit festem Blick. Das war wichtig.
Lia wusste, dass er nicht aufhören würde, solange er die Schnüre in seiner Hand hielt. Es war noch nicht vorbei. Als sie glaubte, ihre flache Atmung im Griff zu haben, wollte sie ihm auch noch den Rest von ihr schenken. Sie nickte.
Der Mann nickte zurück. Er trat hinter sie, schob sein Knie an ihren Hintern, nahm die Schnüre wieder in beide Hände.
Lia sah, dass unten auf der Straße ein Bus hielt und die an der Haltestelle wartenden Menschen einsammelte. Eine Frau in einem grauen Mantel sah vor dem Einsteigen zu ihr nach oben. Da schloss Lia die Augen und lehnte die Stirn wieder gegen das Glas.
»Atme aus.«
Lia atmete aus.
Es war ein Ruck, der ihrem Körper die letzten Millimeter abzwängte. Die Schnüre im Rücken knarrten, das Knie des Mannes zwängte sie gegen die Glasscheibe und sie hatte das Gefühl, auf jeder Stelle ihrer Haut eine tonnenschwere Last zu ertragen. Sie stöhnte laut auf, nicht vor Schmerz, sondern weil das Korsett ihr die letzte verbleibende Luft aus den Lungen gedrückt hatte.
Lia spürte, wie der Mann hinter ihr die Schnüre verknotete. Endstation. Mehr ging nicht. Mehr wollte er nicht. Kräftige Hände griffen an ihre ledergepanzerte Hüfte, drehten sie herum. Lia lehnte sich kraftlos mit dem Rücken gegen das Fenster. Versuchte, zu atmen. Es gelang ihr kaum. Sie sah ihn an, lächelte. Wusste, wie er sie gerade wahrnahm. Genoss es, so vor ihm zu stehen. Für ihn. Sie spürte das geschlossene Leder um sich, wusste um den festen Knoten in ihrem Rücken und auch, dass sie dieser Enge nicht ohne ihn entkommen konnte. Solange er wollte.
»Du siehst fantastisch aus«, flüsterte er. Wie ein Hauch kam es bei ihr an. »Es passt wie angegossen.«
Sie wollte erst etwas sagen, sich mit ihm freuen, aber es war ihr nicht möglich, genug Luft einzuatmen. Und trotzdem genoss sie dieses Gefühl. Das war es, was auch sie erregte. Sie wusste, dass sie es nicht lang genießen würde können. Zu wenig ließ ihr der Griff um ihren Körper. Aber dieses Mal wollte sie es bis zum letzten Moment durchhalten. Es auskosten. Für ihn. Und auch für sich.
Er trat zu ihr, umarmte sie. Fühlte mit den Händen über ihren Rücken, ihre Taille. Über die Seiten. »Du hast die perfekte Figur dafür, weißt du das?«
Natürlich wusste sie es. Wie oft hatte sie sich früher selbst zu schnüren versucht. Nie war es annähernd so, wie er es jetzt getan hatte. Sie atmete flach. Es wurde immer schwieriger.
»Kannst du noch?«
Lia nickte leicht. Aber es war gelogen. Das wusste sie. Nur noch einen Moment. Dieses Gefühl. Atemberaubend.
Dann wurde es schwarz um sie und sie rutschte in seine Arme und auf den Boden. Fiel wie ein welkes Blatt, aber beschützt. Sie wusste, dass er sie befreien konnte. Und dass er es tun würde. Sie hatte Vertrauen zu ihm. Sonst wäre sie niemals hergekommen.
»Atme wieder«, sagt Herr Conrad leise.
Es ist still in der Werkstatt. Die Kerze auf dem Tisch knistert kurz, als wolle sie darauf aufmerksam machen, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. Sarah hält noch immer ihre Tasse mit beiden Händen. Kalt ist ihr aber nicht mehr. Sie sieht vor sich Lia stehen, ihre Silhouette wie eine Sanduhr, in der Mitte bezwungen. Immer wieder sieht sie Lia sanft zu Boden gleiten, als die Erregung alle Luft aufgebraucht hat.
»Atme wieder.«
Sarah schrickt auf. Schaut zu dem Mann auf der anderen Seite des Tisches, der zurückgelehnt in seinem Thron sitzt und sie mit zusammengekniffenen Augen mustert.
»Ist alles in Ordnung, Kindchen?«
Sarah räuspert sich. Nimmt einen Schluck Rooibostee, um Zeit zu gewinnen, und schiebt dann ihre Tasse langsam auf die Tischkante. Ist es in Ordnung, dass sie es sich in Strümpfen auf einem alten Sofa in einer Werkstatt bequem gemacht hat, die sie erst gestern entdeckte? Ist es in Ordnung, dass sie sich von einem alten, fremden Mann mit Nickelbrille einen Tee und eine Geschichte servieren lässt? Dass sie derart beeindruckt beinahe die Welt um sich vergisst? Sarah weiß nicht, ob man das als in Ordnung bezeichnen kann. Plötzlich ist ihr die Geschichte unangenehm, zu intensiv, zu nah. Aufdringlich. Es fühlt sich an, als hätte Herr Conrad sie bewusst gewählt. Erzählt man sich solche Handlungen, wenn man sich nicht näher kennt?
Sarah schwingt ihre Füße auf den Boden und stützt sich mit den Händen am alten Polster des Sofas ab. Das Sofa knarrt dabei ein wenig.
»Oh nein«, meint Herr Conrad und schüttelt langsam den Kopf. »Deine Schuhe sind ganz sicher noch nicht trocken.«
»Vielleicht doch?«, sagt Sarah und erhebt sich. Sie weiß, dass Herr Conrad keine Bemühungen zeigen wird, für sie nachzusehen. Warum auch immer. Sie holt kurz tief Luft, denn beim Aufstehen ist ihr ein wenig schwindlig geworden. Zu schnell, zu hastig. Lia, denkt sie. So muss es sich angefühlt haben, als ihr die Luft ausging. Als das Korsett ein Einatmen verweigerte und plötzlich nichts mehr nachgab. Sarah legt in Gedanken ihre Hände in die Taille. Lässt ihre Handflächen von dort auf die Bauchdecke gleiten, übt ein wenig Druck aus und atmet dagegen an. Plötzlich wird ihr bewusst, was sie tut. Sie schaut erschrocken zu Herrn Conrad. Der lehnt im Polster des Sessels und beobachtet sie mit einem genussvollen Lächeln auf seinem Gesicht. Unverfänglich lächelt Sarah zurück und tut so, als habe sie sich nur recken wollen.
»Schau schon nach«, sagt der alte Mann zufrieden. Mit dem Kopf nickt er in die Richtung der Werkbank. Dort, wo die Stiefeletten stehen.
Sarah geht vorsichtig über das ergraute Parkett. Tritt nur leicht mit dem vorderen Teil des Fußes auf, bis sie an der Werkbank ist. Sie greift sich einen ihrer Schuhe, zieht das geknüllte Zeitungspapier ein wenig heraus. Es ist feucht. Das Wildleder aber auch. Sarah überlegt. Sie könnte behaupten, die Stiefeletten seien innen bereits trocken. Wenn sie gleich hier die Füße in die Schuhe schieben würde, könnte er es kaum prüfen. Würde er das überhaupt? Sie ist nicht sicher.
»Nimm das Papier ganz heraus und knülle neues. Es ist genug da.«
Sarah dreht sich um. Lehnt sich gegen die Werkbank. Ihr ist noch immer ein wenig schwindlig vom schnellen Aufstehen. Sie fühlt sich einen Moment wie Lia, die gegen dieses Gefühl ankämpft. Spinnt den Gedanken weiter, wie sich das Wissen anfühlen muss, dass es noch nicht das Ende ist. Bis zum Schluss, hatte ihr der Mann ins Ohr geflüstert, bis zum Schluss hatte Lia dagegen gekämpft. Und dann?
»Was geschah dann?«, fragt Sarah.
Mit einer langsamen Bewegung dreht sich Herr Conrad in seinem Sessel zu ihr. Sein Hemd und seine Weste verrutschen dabei und werfen eine große Falte, aber das stört ihn nicht. »Dann? Was meinst du, Kindchen?«
»Was geschah, als Lia fiel?« Sarah verschränkt die Arme vor ihrem Körper wie ein trotziges Kind, das nach einem erzählten Märchen auf den Sieg des Guten pocht. »Hat er ihr geholfen?«
Herr Conrad sieht Sarah an, als sei er überrascht. Oder enttäuscht. »Diese Frage habe ich nicht erwartet«, sagt er mit seufzender Stimme. »Überhaupt nicht.« Mit einer Hand greift er in seine linke Seitentasche, wühlt darin gemächlich wie in einer Schatztruhe und zieht aus ihr schließlich einen kleinen Beutel aus braunem Leder sowie eine handgroße, geschwungene Tabakpfeife. Sorgsam legt er die Pfeife auf den Tisch vor sich und öffnet vorsichtig den Beutel.
»Keine Antwort?«, hakt Sarah nach. Sie bemerkt, dass es fordernd klingt, überlegt kurz, ob es vielleicht unangemessen ist, findet es aber nicht beunruhigend.
Herr Conrad entnimmt dem Beutel eine Kugel aus geschnittenem Tabak und prüft sie zwischen Daumen und Zeigefinger auf Feuchtigkeit. Dann schließt er den kleinen Beutel wieder schiebt ihn behutsam in seine Westentasche zurück. »Natürlich, Kindchen. Selbstverständlich hat er ihr geholfen.«
Sarah glaubt, dass es nur eine Redewendung ist. Diese Antwort hört sie von Herrn Conrad nicht zum ersten Mal. »Selbstverständlich?« Sie legt den Kopf schräg. »Wie konnte Lia wissen, dass er das tut?«
Herr Conrad ergreift die auf dem Tisch liegende Pfeife und beginnt, sie zu stopfen. Vorsichtig schiebt er die unterschiedlich lang geschnittenen Tabakfasern in den Pfeifenkopf und drückt sie leicht an. »Vertrauen«, sagt er, während er mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand nachstopft. Dabei nickt er bedächtig mit dem Kopf. »Blindes Vertrauen, Kindchen.«
Sarah bläst hörbar Luft aus, als sei ihr die Erklärung zu banal. Sie weiß nicht, wem sie selbst ein so großes Vertrauen entgegen bringen würde. Jedenfalls nicht ohne Unwohlsein.
»Wenn deine Schuhe noch nicht trocken sind«, sagt Herr Conrad, »wüsste ich eine Geschichte dazu.« Er betrachtet ausgiebig den Pfeifenkopf, als wäre es ihm völlig gleich, ob Sarah sofort, im Laufe des Tages oder überhaupt in diesem Jahrhundert antwortet. Dann nimmt er das Mundstück zwischen die Lippen und prüft, ob er richtig gestopft hat.
Sarah überlegt, ob es eine Niederlage ist, wenn sie eingesteht, dass ihre Schuhe nicht trocken sind. Dass sich das Wildleder noch nass und seifig anfühlt. Und dass sie tatsächlich Interesse an einer weiteren Geschichte hat. »Gut«, sagt sie nach einer Weile, stützt sich mit den Händen auf der Werkbank ab und schiebt ihren Hintern auf den Rand der Arbeitsplatte. Ihre Füße schweben wenige Zentimeter über dem Parkett. »Dann noch eine Geschichte.«

Kapitel Vier
»Zieh sie an«, sagte der Mann zu Lia und deutete auf ein paar Schuhe, die sorgfältig vor ihm standen. »Jetzt gleich.«
Lia erschrak. Mit den Augen erfasste sie das, was sie immer als Herausforderung betrachtet hatte: Heels mit einer gefühlten Absatzhöhe deutlich über zehn Zentimetern. Schwarz, sich vorn spitz verjüngend, mit einem breiten Knöchelriemen.
»Und trocken«, ergänzt Sarah süffisant. Mit einem Blick zur Seite erfasst sie ihre Stiefeletten aus Wildleder. Der nasse Streifen zeichnet sich noch deutlich genug ab, eine Grenze, die etwa auf der Hälfte der Höhe zwischen Sohle und Schaft verläuft.
»Ich hatte gesagt, dass du still sein sollst, wenn ich erzähle!« Herr Conrad klingt tatsächlich verärgert. Seine Stimme ist nicht nur tief, sondern auch scharf. »Hast du das schon vergessen?«
Sarah dreht sich überrascht wieder nach vorn. Sie hat es nicht vergessen, nein, sie erinnert sich daran. Aber sie hat es auch nicht ernst genommen. »Entschuldigung«, stammelt sie, erschrocken über die schroffe Reaktion des Mannes im Thronsessel.
Der alte Mann greift in seine Westentasche und hebt aus ihr einen kleinen Stopfer, der mit seinem flachen Holzgriff wie ein Taschenmesser aussieht. »Hole mir Streichhölzer. Sie liegen dort drüben im Regal neben dem Vorhang.« Herr Conrad weist unwirsch mit dem Pfeifenkopf die Richtung.
»Aber ich sollte dafür Schuhe anhaben«, meint Sarah und streckt die Füße nach vorn, während sie mit dem Hintern noch ein wenig zurück auf die Tischplatte rutscht. Außerdem, denkt sie, ist es für den Mann im Sessel lediglich die halbe Entfernung. Sie selbst würde den kompletten Raum durchqueren müssen. In Strümpfen.
»Du hättest auch still sein sollen«, entgegnet Herr Conrad scharf und sieht Sarah mit einem Blick an, der wie Nadeln sticht. Kurz duellieren sie sich. Ja gegen Nein, Unnachgiebigkeit gegen Trotz, Folgen gegen Verweigern. Auf dem Tisch knistert die Kerze, deren Docht den Kampf mit dem brennenden Paraffin bald verlieren wird. Langsam hebt Herr Conrad seine Hand, ohne den Blick zu lösen. Zentimeter um Zentimeter. Beugt sich nach vorn, als wolle er Sarah noch genauer beobachten. Dann zeigt er wieder mit der abgegriffenen Pfeife auf die andere Seite des Raumes und verharrt. »Jetzt!«
Sarah rutscht langsam von der Tischplatte. Spürt zuerst an den Zehenspitzen den Parkettboden, tritt dann mit dem vorderen Teil des Fußes auf. Verlagert ihr Gewicht. Schließlich senkt sie den Blick. Sie weiß nicht, warum sie sich geschlagen gibt. Vielleicht, weil sie sonst auf den Fortlauf der Geschichte verzichten muss. Möglicherweise aber auch, weil Herr Conrad recht hat. Er hat sie gebeten, zu schweigen. Und sie ist ihm ins Wort gefallen. Es gibt keine Rechtfertigung. Aber Sarah ist unsicher, ob es da nicht noch andere Gründe gibt. Sie durchquert auf Zehenspitzen den Raum, so, wie sie vorhin zum Tisch gegangen ist. Währenddessen vermeidet sie den Blickkontakt mit dem Mann im Sessel. Sie weiß auch so, dass er sie beobachtet. In Augenhöhe findet sie im Regal eine kleine Packung Streichhölzer, abgegriffen, die Reibeflächen mit roten Streifen überzogen. Die Schachtel liegt vor einem Kasten, der bis an den Rand mit Metallteilen gefüllt ist. Ösen könnten es sein, denkt Sarah, und sie erinnert sich an die Schnur im Rücken von Lia. An die Kraft, die diese Frau gehabt haben muss, um die Schnürung zu ertragen. In Kauf zu nehmen. Durchzuhalten. Sich nichts anmerken zu lassen. Bewundernswert, denkt Sarah und beschließt, nicht weniger entschlossen als Lia die Streichhölzer zu dem Mann im Sessel zu tragen. Sie greift die Schachtel und dreht sich auf der Stelle um.
Herr Conrad hält noch immer die Hand erhoben. Als hätte er sich nicht bewegt, während Sarah vom Arbeitstisch zum Regal auf der anderen Seite des Raumes gegangen ist. Der Pfeifenkopf zeigt direkt auf Sarah.
Sie geht zügig, aber nicht eilend auf ihn zu. Als sie die Schachtel in der Hand bewegt, spürt sie am leichten Klappern, dass nur noch wenige Streichhölzer in ihr wohnen. Seitlich neben dem großen Thronsessel bleibt sie stehen, streckt die geöffnete Hand mit der Schachtel aus und hält dem Blick von Herrn Conrad stand. Wartet. Wie in einem Patt begegnen sie sich.
Der Mann im Sessel senkt schließlich die Hand. »Na gut«, sagt er. »Lassen wir das so gelten.«
Sarah lächelt. Selbstbewusst, triumphierend. So schnell lässt sie sich nicht beeindrucken. Warme Finger spürt sie kurz auf ihrer Hand, als Herr Conrad die kleine Schachtel greift. Es ist die erste bewusste Berührung zwischen ihnen, registriert sie. Denn mit Handschlag begrüßt hat er sie nicht, weder gestern, noch heute. Sie dreht sich um und lässt sich von ihren Zehenspitzen auf das Sofa tragen.
»Das sieht gut aus«, hört sie hinter sich eine tiefe Stimme. »So, wie du läufst.«
»Danke«, antwortet Sarah kokett, während sie es sich bequem macht und eines der alten Kissen heranzieht.
Herr Conrad schiebt die Schachtel auf. Seine Finger haben ein wenig Mühe, dem kleinen Päckchen ein einzelnes Streichholz zu entnehmen.
Vielleicht hätte ich ihm helfen sollen, denkt Sarah. Sie stellt sich vor, wie das ausgesehen hätte – sie, die aus dem Regal Streichhölzer holt, neben ihm eines entzündet und es ihm reicht. Fast wie ein Hausmädchen. Nur ein Knicks hätte noch gefehlt. Ein seltsames Gefühl.
»So, wie du läufst, erinnert es mich an die Geschichte, die ich dir erzählen wollte.« Herr Conrad nimmt das Mundstück der Pfeife erneut zwischen seine Lippen, streift ein Holz bis zum Entflammen. Es zischelt kurz, dann schwenkt er die Flamme vorsichtig und langsam über dem Pfeifenkopf. Während er Luft einsaugt und sich auf seinen Backen Kuhlen bilden, bewegt sich seine kleine Brille auf der Nase auf und ab. Schmatzend zieht er noch mehrmals Luft durch das Mundstück, dann steigt feiner Rauch auf. »Kommen wir nun weiter oder redest du wieder dazwischen?«
Sarah lächelt. »Ich höre zu.« Maßregeln lassen will sie sich nicht.
Herr Conrad wedelt mit einer beiläufigen Bewegung dem brennenden Streichholz das Leben aus. Dann platziert er es gemeinsam mit der kleinen Schachtel vor sich auf dem Tisch. Gleich neben der Teetasse. Korrekt nebeneinander ausgerichtet. Beinahe pedantisch.
Sarah beobachtet den alten Mann. In sich versunken nimmt er den Stopfer und drückt den Tabak an, der sich im Pfeifenkopf unter der Hitze des Feuers ein wenig aufgerichtet hat. Seine ruhigen und entspannten Bewegungen erwecken den Eindruck, dass er das Rauchen zelebriert. Sie geduldet sich. Mag ihn nicht noch einmal stören.
Schließlich lehnt sich Herr Conrad zurück. Fährt sich mit der Zunge durch den Mund und schluckt genießerisch. Es riecht nach Cognac.
Lia ließ sich langsam auf den Boden sinken, ohne dabei den Blick des Mannes zu verlassen. Sie achtete darauf, dass ihre Knie nach außen zeigten, während sie saß, so weit es ihr möglich war. Das verlangte er immer so. Er hatte es ihr beigebracht, bis es ihr in Fleisch und Blut übergegangen war. Es geschah sogar, dass sie sich so bewegte, wenn er nicht zugegen war. Und wenn sie nicht nackt war.
Nackt? Sarah sieht ruckartig zu Herrn Conrad. Der lächelt verschmitzt und lehnt sich gemütlich in seinen Sessel zurück. Zieht an seiner Pfeife. Als würde er den Moment genießen. Er ist sicher, dass Sarah nichts sagen wird. Sie sich auch.
Dann griff sie den ersten Schuh, schob ihn über ihren Fuß. Schlüpfte mit der Ferse hinein, bemerkte sofort, wie ihr Fußgelenk gestreckt wurde. Der Mann sah auf sie herab, nickte. Lia löste ihren Blick, bemühte sich darum, auch den anderen Schuh zügig anzuziehen. Mit beiden Händen schloss sie die Riemchen um die Knöchel und gab darauf acht, nicht zu schwanken. Als sie fertig war, verharrte sie in dieser Position.
»Steh wieder auf.«
Lia wartete nur eine einzige Sekunde, da sie erfahren wollte, ob er ihr eine Hand entgegen strecken würde. Er tat es nicht. So mühte sie sich, nach oben zu kommen, ohne dass es ungelenk aussah vor ihm. Sie konnte trotzdem nicht verhindern, ein wenig zu schwanken.
Er beobachtete sie, blieb an ihrer Seite, bis sie ruhig stand. Schließlich trat er hinter sie, legte ihr die Hände auf die Schultern. »Vertraust du mir?«
»Ja«, antwortete Lia. Sofort. Wenn sie kein Vertrauen in ihn hätte, wäre sie nicht hier. So, wie er sie sah, durfte kein anderer Mann sie sehen. Würde sie sich keinem anderen Mann zeigen. Ihr vertrautes Miteinander war eine abgeschlossene Welt, in der sie sich gemeinsam, aber völlig allein befanden. Die er regierte. Nur er.
»Dann beweise es mir.«
Lia fühlte seine Hände an den Seiten ihres Kopfes, sie legten ihre Haare nach hinten, bändigten schwarze, lange Locken über die Schultern. Als er sie aufforderte, die Augen zu schließen, folgte sie sofort. Sie ahnte, was er ihr abverlangen würde. Ein ledernes Band legte sich um ihren Kopf und über die Augen. Ein wenig zog es, als sich Dorn und Öse am Hinterkopf vereinigten.
»Zu fest? Drückt es auf die Augen?«
»Nein.« Lia wusste, dass er unverzügliche Antworten erwartete. Keine langen Sätze, kein Geplapper. Einfach nur eine deutliche, treffende Antwort. Auch das hatte sie vor einiger Zeit erst lernen müssen.
»Hände hinter den Kopf.«
Lia folgte. Berührte mit den Handinnenflächen den Nacken. Verschränkte die Finger ineinander. Instinktiv streckte sie ihren Körper. Sie wusste, welches Bild sie für ihn bot.
»Horch zu, Lia. Es gibt für dich ab jetzt nur zwei Worte für dich. Wenn ich dich darum bitte, zu laufen, wirst du laufen. Ruhig, gleichmäßig. Ohne zu zögern. Wenn ich dir sage, dass du stehen bleiben sollst, wirst du sofort stehen bleiben.«
An seiner Stimme bemerkte Lia, dass er um sie herum schritt. Mal war er rechts, mal links. Sie hielt den Kopf aufrecht und nach vorn gerichtet.
»Hast du das verstanden?«
Lia resümierte. Zwei Kommandos. Laufen, stehen bleiben. Das war nicht schwer zu begreifen. »Ja, das habe ich.« Kurz rief sie sich den Grundriss des Raumes in Erinnerung, in dem sie sich befanden. Beinahe quadratisch, mit Fliesenboden. So groß, dass Geräusche leicht in Schall verfielen. Auf einer Seite standen eine Couch und ein weicher Hocker. Etwas entfernt ein Esstisch mit Stühlen. Eine Anrichte. Ein Schrank. So, wie sie vor ihm stand, hatte sie das alles im Rücken.
Sie spürte zwei Hände an ihrer Hüfte und folgte deren sanftem Druck. Er drehte sie ein wenig. Lia setzte die Füße zweimal nach und hatte Mühe, auf den hohen Schuhen die Balance zu halten. Es fiel ihr schwer, mit den Händen im Nacken den Schwung des eigenen Körpers abzufangen, und es fiel ihr noch schwerer, das mehr als zehn Zentimeter über dem Boden zu tun. Als stünde sie auf einem unsichtbaren Seil.
»Habe Vertrauen«, flüsterte es neben ihr. Ruhig und sanft.
Lia unterließ es, zu nicken oder zu antworten. Es war keine gestellte Frage. Stattdessen konzentrierte sie sich. Couch und Hocker zur linken Hand, Esstisch weiter entfernt rechts. Anrichte voraus. Wenn sie sich richtig orientierte.
»Lauf.« Der Befehl erreichte sie von einem Punkt vor ihr. Höchstens ein Meter, schätzte Lia. Zögernd setzte sie einen Fuß nach vorn. Vorsichtig. Sie wollte nicht an ihn stoßen. Mit einem lauten Pochen stieß der Absatz auf die Fliesen.
»Halt!« Seine Stimme war laut, streng und hallte durch den Raum. »Lia!«
Sie erschrak. Sie war doch nur einen Schritt nach vorn gegangen. Ganz so, wie er es gewollt hatte. Nichts daran konnte falsch gewesen sein. Sie schob die Hände enger zusammen, richtete sich instinktiv mehr auf. Vielleicht gefiel sie ihm nicht?
Die Stimme schlug wieder direkt neben ihrem Ohr ein. Lia erschrak kurz. Biss sich auf die Lippen.
»Kein Vertrauen?«
»Doch, ich habe Vertrauen«, antwortete sie. Wartete. Hielt weiter das Kinn oben, den Kopf nach vorn gerichtet.
»Warum zögerst du dann, wenn ich dich anweise, zu laufen?«
Lia überlegte, ob sie eingestehen sollte, dass sie Sorgen hatte, an ihn zu stoßen. Dass sie nicht sicher war, ob der Weg tatsächlich frei war. Sie stand immerhin auf Schuhen, die sie stürzen ließen, wenn sie nichts sehend auf etwas trat, umknickte oder stolperte.
»Antwort?« Er wurde ungeduldig. Direkt neben ihrem Ohr.
»Entschuldigung«, sagte sie zügig und laut. Blieb bewegungslos stehen. Sie ahnte, dass er abwog, es ihr durchgehen zu lassen oder nicht. Sie hatte an seiner Entscheidung keine Anteile. Darum wartete sie. Er regierte ihre Welt.
»Lauf.« Es war nur ein Flüstern.
Lia holte Luft, mühte sich, einen normalen Schritt zu gehen. Er war zu groß für die Höhe ihrer Absätze, beinahe wäre sie ins Straucheln gekommen. Ihr nächster Schritt war darum kleiner. Couch und Hocker zur linken, Esstisch nicht mehr weit entfernt zur rechten. Anrichte voraus. Vielleicht. Noch einen Schritt. Das Auftreffen der Absätze auf den Fliesen hallte von allen Seiten zurück. Lia klammerte sich an den Gedanken, dass er in der Nähe war. Genauso konnte er aber auch stehen geblieben sein. Couch und Hocker links hinter ihr, Esstisch zur rechten. Anrichte nah. Wo blieb sein Kommando? Ihr nächster Schritt wurde noch kleiner. Lia wusste, dass sie gleich mit der Spitze eines Schuhs in die untermauerte Anrichte einschlagen würde, wenn sie so weiterlief. Es konnte kaum noch ein Meter sein, der sie von diesem Schmerz trennte. Und von einem Sturz. Kein Kommando. Sie wurde unsicher. Ihre Angst zwang sie, die Körperachse ein wenig nach hinten zu verlagern. Ihr nächster Schritt war noch kleiner als alle zuvor. Und langsamer. Gerade, als sie nach ihm rufen wollte, spürte sie zwei Arme, die sich von vorn um ihren Körper legen und sie abfingen.
»Halt.«
Sie tarierte ihr Ungleichgewicht aus, lehnte sich gegen ihn. Spürte seine Wärme auf ihrer nackten Haut. Lia wunderte sich darüber, dass er noch Platz hatte, vor ihr zu stehen. Hatte sie sich so sehr verschätzt?
»Lia.« Er sprach leise, aber langsam und eindringlich. »Du sollst Vertrauen haben.« Seine Hände wanderten zu ihren Schultern, dann hob ein Finger ihr Kinn. Als könne sie ihm in die Augen sehen. »Warum bist du so zögerlich gelaufen?«
Sie musste ihre Antwort nicht lange überlegen. Die Wahrheit war offensichtlich. Er kannte sie auch.»Ich dachte, gegen die Anrichte zu stoßen.« Alles andere hätte er ihr nicht abgekauft.
»Die Anrichte?« Er lachte leise. Nicht hämisch, aber amüsiert. »Die ist hier nicht.«
Lia fühlte sich verführt zu einem Lächeln. Sie hatte sich verschätzt, wie es schien. Oder er hatte sie an der Nase herumgeführt.
»Lia!« Plötzlich klang er streng. »Du sollst nichts überlegen! Leere deinen Kopf! Ich bin derjenige, der jetzt für dich denkt. Ich bin derjenige, der für dich sieht. Ich gebe dir ganz klare Anweisungen. Und ich erwarte, dass du sie befolgst. Nichts weiter. Du bist mein.«
Der Zeigefinger unter ihrem Kinn zwang den Kopf noch ein Stück nach oben. Lia spürte warme Atemluft an ihrer Nasenspitze. Sehr nah musste er sein. Sie schluckte.
»Hast du das jetzt verstanden?«
»Ja, habe ich. Entschuldige bitte.« Lia spürte, wie er sie erreichte. Seine Stimme vibrierte in ihrer Bauchgegend. Sie mühte sich um einen flachen Atem, vermutete sein Gesicht direkt vor ihrem.
Sarah atmet mit. Bemerkt, dass der Cognacgeruch zugenommen hat. Sie schielt zu Herrn Conrad, will ihn weder unterbrechen noch verärgern. Er sitzt zurückgelehnt im Sessel, hat den Kopf angehoben, fixiert einen Punkt irgendwo an der Decke. In seiner Hand hält er die Pfeife, aus der ganz dünner Rauch aufsteigt.
»Meinst du, ich würde dich vor eine Wand laufen lassen?«
»Nein, das würdest du nicht.« Er hatte sie am Haken. Dessen war sich Lia bewusst. Seine Konsequenz, seine Strenge, die ganze Situation. All das ergriff sie.
»Es gibt hier keine Wände mehr für dich«, flüsterte er. Plötzlich wieder sanft. Seine Hände legten sich zurück auf ihre Schultern. Ruhten einen Augenblick schwer und warm, drängten ihr dann eine Bewegung auf. Vielleicht eine Vierteldrehung, jedenfalls keine halbe. »Du bist auf einer weiten Fläche, Lia, auf meinem Grund und Boden, und ich werde bestimmen, wie weit du gehen kannst. Du wirst dich auf mich verlassen müssen, denn es gibt nichts zu bewerten für dich. Ich habe dich in der Hand. Alles, was dir passiert, lenke ich. Was glaubst du, Lia, kannst du mir soweit vertrauen?«
»Ja. Ich vertraue dir.«
»Völlig?«
»Ja, völlig.«
Er wartete eine Sekunde. Als denke er darüber nach. Dann nahm er seine Hände von ihr. »Lauf.«
Lia atmete tief durch. So, wie er sie gedreht hatte, würde sie nicht den gleichen Weg zurück in den Raum laufen. Dessen war sie sich bewusst. Drei, vier Schritte und sie würde die Wand erreichen. Er hatte versprochen, sie zu dirigieren. Er würde es tun. Lia versuchte sichere Schritte, so gut es die hohen Absätze zuließen. Die Fliesen verkündeten jedes Auftreten laut hörbar, von allen Seiten des Raumes wurde es quittiert. Das, was ihr die Schuhe an Konzentration abverlangten, fehlte ihr bei der Orientierung. Tisch irgendwo links. Oder? Noch einen Schritt ging sie. Anrichte vor ihr? Lia wehrte sich gegen das Gefühl, den nächsten Schritt kürzer zu setzen. Gegen die Angst, mit dem Kopf gegen die Wand zu stoßen. Krallte ihre Finger in die unter ihnen liegenden Handrücken, um sich mit dem Schmerz abzulenken.
»Halt!« Neben ihr. Laut. Schallend.
Lia hielt sofort an. Knickte mit dem Fuß um, strauchelte. Im gleichen Augenblick waren zwei Arme um sie, stützten sie, richteten sie wieder auf. Er war tatsächlich bei ihr. Und sie bemerkte stolz, dass sie nicht einmal die Hände aus dem Nacken genommen hatte. Das war Vertrauen, oder? Das war es, was er sehen wollte.
»Du denkst noch immer«, lautete die ernüchternde Bemerkung von ihm. »Du hast noch immer nicht verstanden.«
Lia war enttäuscht. Sie hatte auf ein Lob gehofft.
»Was meinst du, wo du gerade bist?«
Sie überlegte. Vorhin hatte sie geglaubt, nahe der Anrichte zu sein. Er hatte sie dann gedreht, sie war quer durch das Zimmer gegangen. Soweit es ihre Wahrnehmung zu deuten versuchte. Dann müsste sie jetzt kurz vor einer Wand stehen. »Kurz vor der Wand neben dem Hocker.«
»Lia!« Er klang verärgert, unzufrieden, tadelnd. »Falsch! Wo bist du?« Er schob ihr die verschränkten Hände ein wenig nach oben, griff ihr fest in den Nacken. Sie wusste, dass er das auf diese Weise nur tat, wenn er sie ernsthaft ermahnen musste. »Du sollst nicht denken, sagte ich! Wo also bist du?«
Lia erinnerte sich. »Auf einer großen Fläche.« Sie versuchte, dem zwingenden Griff im Nacken ein wenig zu entkommen, indem sie den Kopf leicht nach vorn beugte. »Keine Wände.«
Er griff sofort nach.
»Du siehst für mich.«
»Na endlich«, sagte er. Seine Hand entließ ihren Hals.
Einen Moment war Stille. Lia spürte, dass ihr der Schweiß auf dem Rücken lief. Es fiel ihr zunehmend schwer, auf den hohen Absätzen zu stehen. Aber sie wollte ihn nicht noch mehr enttäuschen.
»Lauf.« Sein Kommando erreichte sie von einem Ort sehr nah neben ihr. Leise, aber nicht überhörbar. In jedem Fall konsequent.
Lia war sicher, dass vor ihr die Wand sein musste. Nur wenige Zentimeter. Er hatte sie eben kurz vor der Mauer zum Stehen gebracht. Gedreht hatte er sie anschließend nicht. Hatte er das vergessen? War das ein Test? Baute er darauf, dass sie ihm nicht vertraute? Was, wenn sie es ausgerechnet jetzt doch tun würde und blind mit dem Kopf vor die Wand schlug?
»Lauf!« Noch deutlicher.
Sie glaubte, die Wand fühlen zu können. Ganz sicher. Eine Abstrahlung gleich welcher Art. Weder vor noch in ihrem Kopf war der Weg frei. Ihr erster Schritt würde sie gegen die Wand führen. Lia versuchte, sich zu überwinden. Unsicher auf Absätzen stehend, die Hände im Nacken mit ungeschütztem Gesicht.
»Lia?« Wartend. Ungeduldig.
Lia kämpfte. Würde sie den ersten Schritt gehen, ohne dabei zu zögern, konnte er sie niemals so schnell anhalten, wie ihr Körper gegen die Wand schlagen würde. Würde sie sich dagegen mit einem vorsichtigen Schritt nach vorn tasten, wäre es nicht das, was er von ihr verlangt hatte. Es war gleich, was sie tat, dachte sie. Sie unternahm noch einen Versuch, doch mehr als eine leichte Bewegung nach vorn gelang ihr nicht. Lia scheiterte. Langsam schüttelte sie den Kopf. Tränen schossen ihr in die Augen und sie war dankbar, dass er sie hinter der Augenmaske nicht sehen konnte. Sie wollte ihm gefallen heute, nicht nur äußerlich, sondern auch in ihren Handlungen. Hatte sich hübsch gemacht, viel vorgenommen, sich gefreut. Und nun stand sie hier und versagte bei einer so billigen, einfachen Aufgabe. Weil sie sich nicht überwinden konnte, einen Schritt zu gehen. Gerade wollte sie in die Hocke sinken, ihm signalisieren, dass sie nicht weiter konnte, als sich seine Hände von vorn unter ihre Arme schoben und sie davon abhielten.
»Lia, nicht so schnell.«
Sie registrierte, dass er vor ihr stand. Er. Keine Mauer. Ihr erster Schritt hätte sie in seine Arme geführt.
»Ich lasse dich niemals gegen ein Hindernis laufen. Hatte ich dir das versprochen?«
»Ja«, quetschte Lia heraus, weil sie ihre Stimme nicht im Griff hatte.
»Habe ich mich daran gehalten?«
»Ja, hast du.« Er hatte Recht. Lia holte tief Luft. Sie musste sich eingestehen, dass er nicht mehr und nicht weniger als einen Schritt zu sich, in seine Arme erwartet hatte.
»Glaubst du, ich würde mich – aus welchen Gründen auch immer – nicht daran halten?«
Lia richtete sich auf. Stand gerade. Nahm den Kopf wieder nach oben. »Nein, das denke ich nicht.« Sie spürte, wie seine Hände zärtlich über ihren nassen Rücken strichen. Sie fühlte sich töricht, dass sie hier so stand, da sie ihm nicht geglaubt hatte. Vertrauen. Nur Vertrauen. Das war es, was er verlangt hatte. Das war es auch, was sie ihm immer entgegen gebracht hatte. Warum also nicht jetzt und hier? Nur, weil ihr Kopf sich nicht von Raumkoordinaten befreien wollte? »Ich möchte weitermachen«, sagte sie, und sie war stolz darauf, dass ihre Stimme dabei fest und überzeugt klang. Sie wiederholte es noch einmal laut. »Ich möchte jetzt bitte weitermachen.« Überhaupt war sie stolz auf sich. Sie würde sich umdrehen lassen und alle Wege gehen, die er ihr vorgab. Den Fliesenboden unter sich zum Dröhnen bringen. Laufen, wenn er es anwies, und zwar so lange, bis er sie anhielt. Keine Sekunde vorher. Er war um sie. Immer.
»Nein«, sagte er mir ruhiger Stimme. »Nicht mehr heute. Ich denke, du hast deine Lektion bereits gelernt.« Er zog eine Hand unter ihren Armen hervor und hob vorsichtig die Augenmaske nach oben.
Lia sah ihm direkt in die Augen. Und keine zehn Zentimeter hinter ihm die Wand.
Herr Conrad saugt noch einmal genüsslich an seiner Pfeife, leise schmatzend. Dann schweigt er. Sarah tut es auch. Die große Turmuhr beginnt zu schlagen, einmal, zweimal. Sarah zählt mit. Nach dem zwölften Schlag verstummt auch die Glocke.
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