Kitabı oku: «Cape to Cape»


JONAS DEICHMANN
PHILIPP HYMPENDAHL
TIM FARIN
CAPE
TO
CAPE
IN REKORDZEIT MIT DEM
FAHRRAD VOM NORDKAP BIS
NACH SÜDAFRIKA


INHALT
VORWORT
PROLOG
SKANDINAVIEN (NORWEGEN & FINNLAND) ENDLICH GEHT’S LOS
RUSSLAND UND DER KAUKASUS (GEORGIEN & ASERBAIDSCHAN) IM RIESENREICH DER ANGST
IRAN IN DER WÜSTE DER HERZLICHKEIT
SAHARA (ÄGYPTEN UND SUDAN) DAS EWIGE MEER AUS SAND
INTERVIEW MIT PHILIPP HYMPENDAHL »WEITERMACHEN WÄRE WAHNSINN GEWESEN«
OSTAFRIKA (ÄTHIOPIEN, KENIA UND TANSANIA) STEINE FLIEGEN, STRASSEN BRENNEN
AFRIKAS SÜDEN (SAMBIA, BOTSWANA, SÜDAFRIKA) SCHLAFLOS INS ZIEL
EPILOG
INTERVIEW MIT JONAS DEICHMANN »ICH HATTE MIT EINER SPAZIERFAHRT GERECHNET«
STATISTIK
AUSRÜSTUNG PACKLISTE
FAQS
WIR SAGEN DANKE!
VORWORT
Die Lust auf Abenteuer hat den Stoff für dieses Buch geliefert, und die Erinnerung an dieses außergewöhnliche Erlebnis ist noch sehr präsent. Nach der epischen Fahrt durch alle Klimazonen, durch die sogenannte Erste Welt, Schwellen- und Entwicklungsländer, haben wir einen anderen Blick auf die Welt gewonnen. Und dann kam eine globale Pandemie, die dieses Abenteuer vom Nordkap nach Südafrika zwischenzeitlich wie von einem anderen Planeten wirken ließ.
Ein Großteil der Arbeit an diesem Text und an der Bildauswahl geschah unter ungewohnten Bedingungen: In den Monaten der Corona-Maßnahmen haben wir der Lust aufs Außergewöhnliche nachgespürt, während unsere Reisen und sozialen Kontakte auf ein Minimum sanken, während wir uns auch eingesperrt fühlten. Im Home-Office, auf der Couch des väterlichen Wohnhauses, unter dem Eindruck einer unbekannten Enge haben wir uns gefreut, die Rekordfahrt von Nord nach Süd noch einmal zu durchleben, Material zu sichten, per Skype über Afrika zu sprechen und Begegnungen mit unbekannten Menschen aufleben zu lassen.
Wie auch immer die Pandemie die Welt verändern wird: Die persönliche Passion für die Ferne, das Erreichen fremder Ziele aus eigener Kraft, wird gewiss nicht nur für uns noch bedeutsamer. Dieses Buch möchte einen Beitrag leisten, um Menschen bei ihrer Suche nach dem Abenteuer zu inspirieren.
| | |
| Jonas Deichmann | Tim Farin | Philipp Hympendahl |

Erschöpft, aber überglücklich: Jonas Deichmann nach der Zieleinfahrt in Kapstadt.
PROLOG
Jonas steckte noch mitten in seinem größten Abenteuer, als schon der Plan zur großen Rekordfahrt vom Nordkap zum Kap der Guten Hoffnung in ihm reifte. Es muss weitergehen, immer höher und schwerer sein, und so nahm er noch im Herbst 2018 das nächste große Ziel ins Visier, während er auf dem Rad Tag für Tag südwärts auf der Panamerika-Strecke von Alaska nach Feuerland strampelte. Jonas, der zu diesem Zeitpunkt den Eurasien-Rekord als Radler ohne Support bereits geknackt hatte und auf dem besten Weg war, auch hier die Bestmarke zu erreichen, wollte mehr. Und er brauchte mehr. Einer wie er will immer weiter.
So war schon nach seiner Ankunft am »Ende der Welt« in Ushuaia im südlichen Argentinien klar, dass die Feierlichkeiten kurz und die nächsten Vorbereitungen lang und konzentriert verlaufen würden. Eine Fahrt durch drei Kontinente, von Nordeuropa in den tiefsten Süden Afrikas, durch alle Klimazonen, durch ökonomisch und politisch oft kritische Länder: All das würde ihm schon in der Vorbereitung einiges abverlangen. Um die körperliche Seite einer solchen Tour, 18.000 Kilometer, machte er sich keine Sorgen, gestählt durch die Erfahrung von mehr als 23.000 Kilometern und fast 200.000 Höhenmetern auf Amerikas Routen. Das würde kein Kinderspiel werden, aber es wäre machbar. Die Organisation des Abenteuers allerdings bereitete ihm mehr Kopfzerbrechen, denn die Nachrichten von Aufständen, Bürgerkriegen und gesellschaftlichem Aufruhr an vielen Orten entlang der Route häuften sich. Die Fahrt durch den Irak, durch Syrien, durch den Libanon war aufgrund der aktuellen Situation nicht möglich. Also musste Jonas anders planen und abschätzen, welche Probleme an welchem Grenzübergang drohen würden. Aber auch, welche Straßen gut passierbar wären, wo der Wind normalerweise in welche Richtung weht, wo es Ärger auf der Strecke geben könnte. Eine gewaltige Recherche.
Als Startdatum war der Frühherbst 2019 günstig, da Jonas die arktische Kälte im Winter möglichst umgehen, aber den Wechsel von Wetter und Licht jenseits des Äquators erleben wollte und die Vorteile, die das für seine tägliche Reisezeit bringen würde. Er hatte vor, all diese Aufgaben allein zu meistern, doch dann meldete sich am 2. Mai ein Düsseldorfer Fotograf bei ihm: Philipp Hympendahl. Der steckte selbst gerade mitten in der Vorbereitung auf ein Langstreckenradrennen von Wien nach Barcelona. »Was hältst du davon, wenn ich dich begleite und Fotos mache?«, schrieb Philipp an Jonas, nachdem er sich in dessen Pläne eingelesen hatte. »Wir könnten versuchen, anschließend ein Buch zu machen.«
Vier Monate später stehen die beiden dann gemeinsam auf dem Nordkapfelsen, bereit, dieses Abenteuer und den Rekordversuch zusammen anzugehen. Hinter ihnen liegen viele gemeinsame Abstimmungsrunden, Termine beim Radausstatter, bei den Sponsoren der Technik, auf der weltgrößten Fahrradmesse Eurobike und mit Medien, die das außergewöhnliche Vorhaben der beiden begleiten wollen. Vor ihnen liegt ein Abenteuer, das ihr Leben verändern wird. Der Berufsabenteurer Anfang 30 und der Fotograf und Weltenbummler Anfang 50, bislang miteinander kaum vertraut, aber nun auf einer gemeinsamen Mission: den Rekord vom Nordkap nach Kapstadt aus eigener Kraft zu schaffen. Rauszugehen und ein neues Ziel zu erreichen.
Dieses Buch erzählt von ihrer fantastischen Reise und den Abenteuern jenseits der bekannten Grenzen.

Einsamer Abenteurer: Afrikas Weite erlebte Jonas auf eigene Faust.
SKANDINAVIEN (NORWEGEN & FINNLAND) ENDLICH GEHT’S LOS

Felsiger Startpunkt: Am Nordkapfelsen begibt sich das Duo auf die Rekordfahrt.
»UND DANN STANDEN WIR PLÖTZLICH AUF DIESEM FELSEN«
Es ist Sonntag, der 8. September 2019. Das Abenteuer des Langstreckenspezialisten Jonas Deichmann und des Fotografen Philipp Hympendahl beginnt auf einem riesigen Felsen 300 Meter über der tosenden Barentssee am Nordkap. Sie sind so weit nach Norden gefahren, wie es in Europa nur geht. Jetzt stehen sie auf einem Schotterplatz, durchsetzt von großen Felsstücken, und blicken auf den stählernen Globus mit sechs Beinen, ein Erkennungszeichen für die Menschheit. Es ist 9 Uhr morgens, der Wind hier am nördlichsten Punkt Europas weht aus südlicher Richtung, kein gutes Zeichen, doch im Moment ist kein Platz für Zweifel. Im Moment herrscht Aufbruchstimmung. Die Sonne scheint, es ist 5 Grad warm. Zumindest ist es wärmer als befürchtet.
Seit dem gestrigen Abend um kurz vor elf sind die beiden hier oben in Norwegens kargem Küstengebiet, auf der Nordkapinsel Magerøya. Hinter ihnen liegen eine letzte Hotelübernachtung vor dem Start zur langen Fahrt in den Süden, ein beschwerlicher Anreisetag und eine kräftezehrende Vorbereitung, die Jonas und Philipp während der vergangenen Monate vollständig gefordert hat. Noch in Düsseldorf, wo sich Jonas und Philipp für die Abreise getroffen haben, hatten sie Stunden verloren. Jonas hatte lediglich einen neuen Aero-Aufsatz auf sein Rad montieren wollen. Am Ende verbrachte er vier Stunden in einer Werkstatt seines Sponsors. Der etwas höhere Aufsatz hatte nicht mehr auf den Lenker gepasst, also ließ Jonas auch den Lenker wechseln. Doch dafür mussten auch die Züge neu verlegt werden. Währenddessen wurde Philipp nervös, der 51-Jährige ist eher der Unruhige der beiden. Er machte sich Sorgen, ob sie noch alles schaffen würden, was sie vor dem Abflug vorhatten. »Wie kann es sein, dass man so kurz vor dem Start noch an sein Material geht?«, fragte sich Philipp. Doch er weiß es selbst: Irgendwas ist immer noch zu tun, egal ob Kirmesrennen oder Weltrekordversuch.
ZEHN STUNDEN SITZEN – EIN ALBTRAUM
Um die Bestmarke vom Nordkap in Norwegen nach Kapstadt in Südafrika zu erreichen, reisen die beiden mit dem Flugzeug so nah an das Kap wie möglich. Dafür müssen sie einmal umsteigen. Sie fliegen von Düsseldorf nach Stockholm, wo sie beim Umladen zur nächsten Verbindung schockiert ihr Sondergepäck in Empfang nehmen. Draußen regnet es – und die vollgepackten Pappkartons mit Rädern, Taschen und Proviant müssen in diesem Regen gestanden haben. Einer ist kurz vor dem Zerreißen. Fällt alles vor dem nächsten Einchecken auseinander, fehlt ihnen das Transportmaterial und sie können nicht mehr in den Anschlussflieger. Ein Schockmoment – aber die beiden können alles noch mit Folie sichern, ehe es weitergeht mit der nächsten Maschine nach Luleå. Dort ist das Gepäck zum Glück noch in Ordnung, und es geht per Auto weiter. Der norwegische Fotograf Paul holt die beiden ab, er ist ihr Kontaktmann für den nördlichsten Teil der Reise, hat im Polarkreis die letzten Vorbereitungen für den Start getroffen. Zehn Stunden Fahrt sind es bis auf die Nordkapinsel. Zehn Stunden im Auto sitzen, der Albtraum eines Radsportlers. Aber das ist ein kleiner Aufwand im Vergleich zum Gesamtprojekt.
Jetzt stehen sie also hier, die Kameras des Filmteams auf sie gerichtet. Die Sonne steht bereits am Himmel. Sie sind später eingetroffen als geplant. Lieber wären sie schon vor ein, zwei Stunden hier gewesen. Aber auch Philipp hatte noch Materialprobleme, ein Ventil war verklebt – so kurz vor dem Start eine Situation zum Verzweifeln. Gleich geht diese Reise los – und Philipp kriegt ein kleines Metallteil nicht gedreht. Er weiß schon jetzt, auf dem Nordkapfelsen, dass ihm das in den kommenden Wochen Ärger machen wird. »Das Glück war von Anfang an sehr unterschiedlich auf uns verteilt«, wird Philipp später feststellen. Jonas kommentiert so etwas nur mit einem Lächeln, auch wenn er aussieht, als liege ihm etwas auf der Zunge. In seinem Weltbild hat vor allem Pech immer auch etwas damit zu tun, dass man die Zügel nicht richtig in der Hand hält.

Surreale Landschaft: Am Polarkreis ist es wellig, felsig und grün.

Berühmte Wegmarke: Der Globus am Nordkap lockt Touristen aus aller Welt.
Endlich sind genug Aufnahmen im Kasten für Film, Buch und Social-Media-Accounts. Endlich kann es losgehen. Dass auf diesem windigen Eiland ein Rekordversuch startet, der zahlreiche Menschen elektrisieren wird, lässt sich an der Kulisse und an den Umstehenden nicht ablesen. Ein paar Angestellte des Hotels von gestern Nacht sind da. Ansonsten ist kaum ein Mensch zu sehen, als Deichmann-Hympendahl die 18.000-Kilometer-Strecke in Angriff nehmen. »Das hätte ich mir irgendwie spektakulärer vorgestellt«, erinnert sich Philipp.
Im nächsten Moment durchzieht die beiden aber ein tiefes Glücksgefühl. »Es ist so verdammt cool, jetzt hier zu sein und loszulegen«, entfährt es Philipp. Jonas kennt dieses Gefühl. »Das Schwierigste ist immer, an die Startlinie zu kommen. Vorher kannst du immer noch abspringen, aber wenn du unterwegs bist, ist alles abgehakt, ist erst einmal kein Platz mehr für Zweifel.« So rollen die beiden auf die E69 in Richtung Festland. Jonas ahnt an diesem sonnigen Sonntagmorgen noch nicht, dass ein Geheimnis mitfährt.
»Das Schwierigste ist immer, an die Startlinie zu kommen. Vorher kannst du immer noch abspringen, aber wenn du unterwegs bist, ist alles abgehakt, ist erst einmal kein Platz mehr für Zweifel.«
DIE RENTIERE SIND ÜBERALL
Sie sind froh, in die Pedalen zu treten. Die Landschaft raubt ihnen für einige Zeit sogar die Sprache, auf dem Rad erlebt man sie besonders intensiv. Ganz oben im Norden Europas gibt es keine Bäume mehr, sondern eine felsige, grüne und vor allem enorm hügelige Landschaft mit einer gut gepflegten Straße und klarem Licht, das strahlende Farben hervorbringt. »Das ist ein Naturspektakel«, staunt Jonas, der ja schon einiges gesehen hat. »Wenn man sich die Vegetation anschaut, lässt sich erahnen, dass wir mit den Bedingungen sehr viel Glück haben«, sagt Philipp. Es passiert durchaus, dass es hier oben im arktischen Kreis nicht nur stürmt, sondern auch schneit, im September ist das durchaus möglich. Deswegen ist das windig-helle Wetter für die beiden ein Glücksfall. Verkehr gibt es kaum, zumindest keinen Straßenverkehr. Allerdings wimmelt es nur so von Rentieren, sie sind überall in der Landschaft, auf den felsigen Grasflächen und auch auf dem Asphalt.
Nach etwa 45 Kilometern wird es zum ersten Mal ungemütlich. Es geht etwa drei Kilometer schnurgerade unter die Erde, in einen Tunnel, der 212 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Der Tunnel verbindet die Nordkapinsel mit dem Festland. Und er bietet einen brutalen Vorgeschmack auf das, was kommen wird in den nächsten Tagen. Von ganz unten müssen Jonas und Philipp wieder fast drei Kilometer nach oben klettern. Mit vollem Gepäck an ihren Rahmen ist die Steigung von gut neun Prozent eine ordentliche erste Probe.
Weiter geht es entlang des Porsangerfjords, eines weiten und beeindruckenden Gewässers, an dessen westlichem Ufer die beiden nach Süden radeln. Sie sehen sanftes grünes Land, aber auch Geröllfelder an einem der längsten Fjorde Norwegens und überall die Kulisse der majestätischen Berge. Der Wind bläst genau in die für Philipp und Jonas falsche Richtung, genau in ihr Gesicht. Er macht dem Duo zu schaffen und hinterlässt auch Spuren in ihrem Kopf. Jonas rechnet schon. Zu spät sind sie vom Nordkap losgefahren, eigentlich, und die angepeilten täglichen zehn Stunden plus schaffen sie schon am ersten Tag nur mit Mühe. Vor allem kommen sie bei Weitem nicht auf das Distanzziel. Nicht einmal 200 Kilometer radeln sie an diesem Sonntag zusammen. Es wird hart in Skandinavien, das ist ihnen jetzt klar, und Philipp hat noch etwas, das die beiden belasten wird. Er hat es nur noch nicht verraten.
BIWAK HINTER DER TANKSTELLE
In Lakselv, ganz am südlichen Ende des Fjords, entschließen sich die beiden, für die Nacht Rast zu machen. Der Ort selbst ist unspektakulär, aber mit gut 2.000 Einwohnern für nordskandinavische Verhältnisse beinahe eine Metropole. Im Westen liegt der Stabbursdalen-Nationalpark, doch Jonas und Philipp denken nicht an Sightseeing. Sie suchen zweierlei: ein Restaurant und einen soliden Schlafplatz. Da es in Skandinavien meist zu teuer ist, ins Hotel zu gehen, werden sie ein Biwak im Freien machen. Hinter einer Tankstelle finden sie eine Holzveranda vor einem Verwaltungsgebäude, die sogar überdacht ist. So brauchen sie kein Zelt aufzuschlagen. Das hat Jonas zwar dabei – sie werden es aber in den kommenden Wochen nicht ein einziges Mal zusammen nutzen.
Beim Abendessen ist die Stimmung gelöst. Mit Jonas und Philipp sitzt auch ihr norwegischer Kameramann Paul am Tisch, der sich noch immer über den ausgewählten Schlafplatz wundert. Es gibt Burger, dann geht es ins Quartier. Auch wenn die Kilometerzahl nicht beeindruckend war, sie haben den ersten Tag geschafft, den Anfang ohne Wintereinbruch. Jonas liegt in seinem Schlafsack und sagt: »Ich muss noch Social Media machen«, das gehört für ihn zu jeder längeren Pause – Kontakt pflegen und die Community über die Erlebnisse auf dem Laufenden halten. Philipp überlegt sich derweil, wie er die Kälte der ersten Nacht auskontern soll. Er legt sich in seinen Schlafsack und wickelt eine Isolierfolie außen herum, um die Kälte und Feuchtigkeit rauszuhalten.
Die Gefühle der beiden unterscheiden sich stark in diesem Moment, reden tun sie jedoch nicht darüber. Jonas ist im Abenteurer-Macher-Modus, ist froh. »Ich habe da gelegen und fand es einfach nur total geil, hier hinter dieser Tankstelle in Lakselv zu liegen«, erinnert er sich später. Er schläft gut in dieser Nacht. Philipp dagegen hat Probleme mit dem Einschlafen. Die niedrigen Temperaturen in Skandinavien vermitteln ihm körperlich, was auf ihn zukommt. Er spürt den Druck. »Mir gingen 1.000 Dinge durch den Kopf«, sagt Philipp hinterher. Besonders aber plagte ihn jenes Gefühl, über das er mit Jonas bislang noch gar nicht gesprochen hat. Denn es könnte alles ins Wanken bringen.
DER HINTERN MACHT PROBLEME
Philipp hat schon von Kindesbeinen an ungewöhnliche, bedrohliche und skurrile Erfahrungen gesammelt. Mit seinem Vater, dem Autor und Expeditionssegler Klaus Hympendahl, ist er mit Windkraft um die Welt gereist, war in der Südsee unterwegs. Philipp hat auf dem Fahrrad enorme Prüfungen bestanden, etwa Paris–Brest–Paris. Oder, gerade erst vor zwei Monaten, das Three Peaks, ein Rennen ohne Support von Wien nach Barcelona. Er hatte sich im Mai an Jonas gewandt, weil er den Extremsportler aus Schwaben gern als Fotograf auf dessen nächstem Wahnsinnsritt begleiten wollte. Und wenn er schon einmal dabei war, warum sollte er nicht gleich vorschlagen, dass die beiden den Rekord als Duo angehen. Als er jetzt in der kalten Nacht von Lakselv liegt, als Jonas neben ihm schläft, ist der Plan Realität geworden. Es ist Philipps größtes Abenteuer, und er hat Angst zu versagen.
Die Angst hat eine körperliche Ursache. Vor zwei Wochen war Philipp mit seinem neuen Titanrad zu einer Hochzeit in Koblenz gefahren. Was er dabei nicht bemerkt hatte, war das dezente Abrutschen seiner Sattelstütze während der Fahrt. »Ich habe erst später bemerkt, dass ich in eine völlig falsche Sitzposition gerutscht bin«, erinnert sich Philipp. Das fiel ihm erst auf, als er bereits Schmerzen in den Knien hatte – und wieder in Düsseldorf war. Als er einige gymnastische Übungen machte, merkte er: Mit dem Knie stimmt etwas nicht. Eine Woche später war er dann mit Jonas zur Promotion-Tour auf der Fahrradmesse Eurobike in Friedrichshafen. Philipp unterzog sich dem Trubel mit Schmerzen. Jonas merkte nichts davon. Die beiden hetzten von Termin zu Termin. »Da konnte ich kaum noch laufen«, sagt Philipp Monate später, »aber das durfte natürlich niemand wissen, vor allem Jonas nicht.«
Die Schmerzen sind immer noch mit dabei, und das macht Philipp in dieser Nacht in Lakselv am meisten Druck. Er hat Angst, Jonas einzuweihen in sein Problem. Er hat Sorge, abbrechen zu müssen. Er will nicht dastehen wie einer, der riesig tönt und dann jeden Nachweis der eigenen Leistungsfähigkeit schuldig bleibt. Der körperliche Schmerz wird in dieser Nacht und am nächsten Morgen überblendet von den seelischen Qualen.

Skandinavische Einsamkeit: In den weiten Wäldern Finnlands verlieren sich die Dimensionen.


Erste Grenze: Von Norwegen nach Finnland geht es noch mit einem Lächeln – bei Jonas.

Katalog-Skandinavien: Seen, Holzhäuser, klares Licht – die Idylle des Nordens motiviert das Duo.


RENNEN GEGEN DEN EIGENEN ANSPRUCH
Doch als es am nächsten Morgen weitergeht, bleibt Philipps Mund verschlossen. Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker, zum Frühstück gibt es Trockenessen in Wasser aufgelöst, ein Rindfleischtopf mit Graupen aus der Tüte, den Jonas mit Wasser präpariert. Philipp erlebt, wie Jonas schon im Rekordmodus aufs Rad steigt. »Er fährt morgens einfach los, als wäre nichts gewesen«, wundert sich der ältere Mitfahrer. Jonas pusht. Er erklärt das ganz rational, wahrscheinlich ist über Nacht die Erkenntnis vom ersten Tag zu seinen Berechnungen im Vorfeld gekommen: »Der harte Teil kommt erst noch, und der wird noch lang werden. Wir dürfen jetzt nichts verlieren, denn unser Spielraum ist enorm klein.« Einen halben Tag kann man unterwegs schnell gegenüber dem Plan einbüßen, einholen lässt sich dieser Rückstand dann nur mit Mühe und über Wochen. Es ist vom ersten Augenblick an ein Rennen mit einem Gegner, den Jonas selbst in die Welt gesetzt hat: dem Anspruch, den Rekord um mehr als einen Monat zu unterbieten. Es ist zugleich reine Fiktion und doch jederzeit spürbare Last. Das Vorhaben ist so groß, dass es sich kaum fassen lässt.
Getüftelt hat Jonas an diesem Vorhaben bereits, als er im vergangenen Herbst südwärts durch die Anden fuhr, während seiner Rekordfahrt von Alaska nach Ushuaia am Kap Hoorn, tief im Süden Argentiniens. Jonas hatte während dieser Reise längst einen zotteligen Bart im Gesicht stehen, seine Leistung zog die Aufmerksamkeit vieler Medien auf sich, doch er dachte schon an das Danach. »Ich brauche immer etwas, was als Nächstes kommt, sonst würde ich in ein Loch fallen«, erklärt er diese enorme Lust auf Wagnisse. Anfang 2019 begann er dann, die Details der Route nach Kapstadt zu studieren. Er bemaß die mögliche Rekordzeit anhand des Studiums der Strecke. Er wollte mindestens zehn Stunden pro Tag fahren und berechnete, basierend auf den Höhenmetern und den Windwerten der Regionen, einen Schnitt von 25 Stundenkilometern. So einfach kann ein Plan sein.
DROHT DAS FRÜHE ENDE?
Doch schon vor der finnischen Grenze bei der Ortschaft Karigasniemi, die Jonas und Philipp an diesem Morgen des 9. September anpeilen, zeigt sich ein Fehler in der Vorbereitung. Skandinaviens Geografie hat ihre Tücken. Jonas kannte zwar die Summe der Höhenmeter, aber die Anforderungen der einzelnen Anstiege konnte er nicht erahnen. »Das sind ja richtige Rampen, das habe ich unterschätzt«, sagt er selbstkritisch. Man muss solche Stiche bergan mit dem schweren Bikepacking-Gerät erst einmal meistern. An der finnischen Grenze hält er für ein Foto an, Philipp fährt derweil weiter, er ist angeschlagen, er hat brutale Schmerzen im Knie. Jetzt geht es wieder einen solch steilen Berg hinauf, drum herum dichter Wald aus Birken und Fichten. Er kann nur noch ein Bein belasten. Er quält sich unter Schmerzen die Landstraße hinauf. »Ich habe gedacht, dass ich jetzt aussteigen muss.« Philipp hat Tränen in den Augen. Er hat Angst vor dem Urteil seines Begleiters und vor dem Urteil aller anderen.
Oben angekommen, rückt Philipp raus mit der Sprache. »Und ich bin erleichtert«, sagt er, »denn Jonas hat wirklich super reagiert.« Jonas ist ein Meister darin, das Positive aus der negativen Botschaft herauszuschälen und die Mühen in seiner großen Geschichte umzudeuten. In einem Moment wie diesem macht er von dieser Einstellung, die er seit Jahren pflegt, Gebrauch. »Das wird schon wieder«, sagt er zu Philipp. »Du musst eben eine Weile in meinen Windschatten, dann geht es auch bald wieder.« Jonas hat dafür eine einfache Formel. Probleme wie dieses gehören zu Mammutprojekten dazu. In neun von zehn Fällen erledigen sie sich von selbst, wenn man sich nur darauf einlässt. Philipp bekommt in seiner großen Krise am zweiten Tag ein Live-Coaching vom erfahrenen Bühnenredner. »Ich wollte ihn auf positive Gedanken bringen und nicht, dass er von einem Problem zum nächsten fährt.« Kaum etwas ist unüberwindbar, wenn man es in kleine Portionen verwandelt und die Techniken anwendet, um die kleinen Herausforderungen immer ein Stück weit zu meistern.
Es ist ein früher Moment, doch es ist ein entscheidender für die kommenden Aufgaben. Die Knieschmerzen sind durch gutes Zureden nicht verschwunden, aber Philipp kann mit ihnen umgehen. Jonas lenkt den Fokus auf die einfachen, kontrollierbaren Dinge. Jeden Tag zehn bis elf Stunden im Sattel. Schnell aus der »kritischen Zone«, wie er sagt. Ganz oben im Norden Finnlands kann auch jetzt noch jederzeit der Winter einbrechen. Drei, vielleicht vier Tage muss das Duo mit dieser Gefahr klarkommen, ihr im Geiste entkommen. Philipp geht in Schonhaltung, in den Windschatten. Er dreht und dreht die Kurbel hinter dem erfahrenen Mann mit dem braunen Bart, der so klar weiß und sagt, was er will. Eine Last ist Philipp los, jetzt kann er sich auf das Kämpfen konzentrieren.
»Das wird schon wieder«, sagt er zu Philipp. »Du musst eben eine Weile in meinen Windschatten, dann geht es auch bald wieder.« Jonas hat dafür eine einfache Formel. Probleme wie dieses gehören zu Mammutprojekten dazu.

Radler-Romantik: Am Lagerfeuer und auf der Straße wächst das Duo zusammen.
DURCHHALTEN IN ERHABENER NATUR
Skandinavien hat seinen Reiz und seine Tücken. Man kann die fast unberührte Natur in den Blick nehmen, eine Landschaft wie für Postkarten gemacht. Aber man muss sich eben durch diese Landschaft bewegen. Der Wind bläst den beiden immer noch ins Gesicht, Jonas bekommt die Hauptlast ab. Es wird kühler, gegen null Grad zwischendrin. Sie durchqueren die Seelandschaft im Norden Lapplands. Es fängt an zu regnen. »Wir müssen uns jeden Kilometer erkämpfen«, sagt Philipp, als sie am dritten Tag unterwegs sind ins finnische Städtchen Sodankylä. Am Abend vorher haben sie ein Lagerfeuer an einem Fluss gemacht. Sie sind im Survival-Modus. Es gibt keine Hotels. Philipps Knie tut weiter weh – und ihm ist kalt. Er leidet, aber das Leiden fühlt sich jetzt anders an. »Es ist, als würden die Schmerzen durch den Körper wandern, immer weiter, bis sie wieder da sind, wo sie am Anfang waren. Das scheint zu solch einer Fahrt dazuzugehören«, sagt er. Er sieht es als Teil der Herausforderung.
Die erhabene Natur fordert Durchhaltevermögen. Man sieht kaum einmal Menschen. Die wenigen, die sie treffen, etwa in Tankstellen oder Supermärkten, reden nicht. Es wirkt, als wäre da eine Scheibe zwischen ihnen. Hier ist Einsamkeit verankert. Die Straßen sind schnurgerade, und wenn der Blick nach vorn wandert, um sich an irgendetwas festzuklammern, ist das nur wieder eine dieser ekeligen Rampen vor den beiden. Immer wieder geht es steil hinauf. Oben geht es schnurgerade weiter. Die Wege sind weit bis zum nächsten Kaffee, zum nächsten Snickers, dem nächsten Motivationsschub. Aber es geht eben nicht nur um Genuss, sondern um blanke Biophysik. Die beiden brauchen Kalorien zum Verbrennen. In der menschenleeren Gegend gibt es keine kulinarischen Reize mehr. Wenn sie Glück haben, sind sie schneller an einer Tankstelle oder einem Supermarkt, als der Hunger in ihnen aufsteigt. Jede Raststätte nehmen sie mit, nicht zum Ausruhen, sondern zum Auftanken.
In Philipps Körper wachsen neue Schmerzen heran, die fürs Knie schonende Haltung auf dem Sattel drückt in den Schritt, am Gesäß tut es nicht nur weh, er hat schon eine offene Stelle. Jedes Mal, wenn er sich nach einer Pause in einem kühlen Supermarktfoyer wieder auf sein Rad setzt, durchziehen ihn gewaltige Schmerzen. Aber es geht weiter.
STOPP IN DER KLINIK
Währenddessen geht Jonas’ fröhliche Erzählung weiter, als wäre nichts gewesen. Im Kontrast mit Philipp fällt das besonders auf. Abends füllt er Instagram und seine Notizen mit positiven Gedanken. »Du musst hier jeden Tag genießen«, sagt er, »ich weiß, was in Russland auf uns zukommt. Lass uns hier mentale Kraft tanken.« Dann schläft er friedlich in seinem feuchten Schlafsack. Es gibt wichtige mentale Haken hinter den Etappen. In Rovaniemi verlassen sie schon am dritten Tag den Polarkreis. Sie lassen ihre Winterkleidung dort zurück. Das spart Gewicht.
Kurz vor Kilometer 1.000 auf ihrer Reise kommen sie abends um halb zehn hungrig in Puolanka an. Den Ort am See mit etwa 2.000 Einwohnern haben sie sich auf der Landkarte ausgesucht, weil sie hier Restaurants und Schlafplätze erwartet haben. Doch alles ist geschlossen. Sie haben Hunger und nichts mehr zu essen. Alle Gels und andere Nahrungsmittel haben sie unterwegs vertilgt. Sich ohne Essen hinzulegen ist eine schlechte Idee, das würde sie am nächsten Tag Kraft kosten. Philipp entdeckt eine Krankenstation und überredet Jonas, dass sie dort klingeln. Jetzt ist Philipp der Macher. Eine freundliche Krankenschwester öffnet die Tür. Sie hört sich die Story der beiden an und handelt sofort. Aus der Personalkantine der Station holt sie, was sie finden kann, und die beiden Radler aus Deutschland setzen sich dahin, wo sonst das Medizinpersonal isst. Man plaudert ein wenig. Es ist in diesen Tagen der erste Austausch mit einem Menschen, der nichts mit dem Rekord zu tun hat. Jetzt sieht Philipp auch die Gelegenheit, seine Leiden anzusprechen. Vor der Krankenschwester lässt er die Hose runter – er zeigt eine nicht nur wunde Stelle, sondern eine inzwischen golfballgroße Verhärtung am Hintern. »That’s not looking good«, sagt die Frau. Sie empfiehlt, die Stelle am nächsten Tag von einem Arzt kontrollieren zu lassen.

Straßen-Partner: Philipp verrät endlich sein Geheimnis – und es rollt sich dann besser weiter.
Doch als der Arzt am nächsten Morgen in die Station kommt, sind Philipp und Jonas längst wieder unterwegs. Sie haben auf der Veranda vor der Krankenstation übernachtet, wieder im Schlafsack. Sie haben beschlossen, die Sorge wegzustrampeln, mit der Dämmerung hat der Wecker geklingelt, eine halbe Stunde später waren sie auf der Straße. »Das ist ja keine Tour-de-France-Ärztin«, konstatiert Jonas. Jeder Pfleger, jede Schwester, jeder Arzt ohne Bezug zum Radfahren und zu ihrem Projekt würde dasselbe sagen. Aber hier müssen andere Maßstäbe her. Sicher, so eine Stelle sieht nicht gut aus. Aber darum geht es ja nicht. Es geht ums Weiterkommen. Philipp schmiert Creme auf die wunde Stelle und fährt weiter. Auf Kilometer 1.000 zu, der schon früh am Morgen geschafft ist.
Heute wollen sie die nächste Grenze passieren, den Schritt machen in ein ganz anderes Kapitel: hinüber nach Russland, jenes Land, vor dem Jonas nicht nur Respekt hat, sondern tatsächlich Angst. Aber erst einmal genießt er noch das Hochgefühl, denn der Wind dreht sich am Nachmittag.
DER WEG NACH SANKT PETERSBURG
Jonas ist gut aufgelegt. Okay, sie sind ein bisschen hinter Plan. Mit dem starken Gegenwind, der seit Tagen konstant weht, war nicht zu rechnen. »Aber es wird auch wieder Rückenwind kommen, das weiß ich, das wird sich ausgleichen«, sagt er. Philipp spürt jetzt, dass der Schmerz in seinem Knie nachlässt. Er geht immer öfter für lange Zeit in die Führung. »Ich habe das Gefühl, dass er jetzt stärker wird. Philipp hat jetzt angefangen mit zu pushen.«
Wie jeden Abend schauen sich die beiden auch nach fünf Tagen auf dem Smartphone an, wie weit sie schon gekommen sind. Es ist erstaunlich. Auch wenn sie objektiv noch ganz am Anfang dieser Reise sind, die blaue Linie von Nord nach Süd ist schon gut zu erkennen, sie haben schon richtig Strecke gemacht. Für Jonas steht fest: Alles ist gut, alles wird gut, auch wenn sicher noch einiges auf uns zukommt. Das Wetter war bisher nicht extrem. Mit dem Verkehr hatten sie, bis auf einen sehr nah überholenden Holztransporter, Glück. Auch Pannen sind bislang ausgeblieben.
Je näher sie der russischen Grenze kommen, desto besser läuft es für die beiden. Was sie vielleicht nicht geschafft haben, spielt jetzt keine Rolle mehr. Eigentlich hätten sie am Abend des sechsten Tages in Sankt Petersburg sein wollen, mit einem Sponsor von Jonas war dort ein kleiner Empfang vereinbart. Doch so sind sie noch im Süden Finnlands unterwegs. »Ich habe dennoch ein gutes Gefühl, weil ich merke, dass wir in Schwung sind«, sagt Jonas. Das kann man wohl sagen.
Am sechsten Tag stehen sie in Juuka auf. Sie hatten direkt am idyllischen Pielinen, einem der größten Seen Finnlands, ihr Lager für die Nacht aufgeschlagen und ein Feuer angezündet – ein letztes skandinavisches Bild wie aus dem Katalog. Morgens um 6 Uhr rollen sie los, es regnet bereits. Heute wollen sie die nächste Grenze passieren, den Schritt machen in ein ganz anderes Kapitel: hinüber nach Russland, jenes Land, vor dem Jonas nicht nur Respekt hat, sondern tatsächlich Angst. Aber erst einmal genießt er noch das Hochgefühl, denn der Wind dreht sich am Nachmittag. Jonas und Philipp durchqueren die Seenlandschaft an der russischen Grenze, und jetzt weht der Wind von hinten. Sie beschleunigen. Heute werden sie das erste Kapitel schließen, ein fantastisches Gefühl. 298 Kilometer legen sie an diesem Tag zurück. Es ist ihr bislang stärkster Tag.
Um etwa 22 Uhr erreichen Jonas und Philipp die Grenze zwischen Finnland und Russland. Ein Tag zum Feiern liegt hinter ihnen. Der Anfang ist gemacht. Der Weg hierher war mühsam, aber im Rückblick sieht all das Leiden, der Gegenwind, die Probleme mit Knie und Gesäß, nicht mehr so wild aus. Jetzt geht es über die Grenze, durch die Visumkontrolle, hinüber in das riesige Reich im Osten Europas. Es geht hinein in ein neues Kapitel, vor dem Jonas zu Recht Angst hat.
RUSSLAND UND DER KAUKASUS (GEORGIEN & ASERBAIDSCHAN) IM RIESENREICH DER ANGST

Bergiger Ausweg: Der Kaukasus ist der ersehnte Höhepunkt nach den gefährlichen russischen Straßen.
Eben Optimismus, jetzt Shithole. Es ist Freitagabend, die erste Woche im Sattel ist bald geschafft, die erste wichtige Grenze auf ihrem Abenteuer liegt jetzt nur einige Schritte vor ihnen. Jonas und Philipp haben eben noch das Gefühl genossen, dass sie dem Ziel ihres großen Abenteuers nähergekommen sind. Sie haben aufgeatmet, sie hatten Rückenwind, der leckere Kartoffelauflauf in Parikkala ist verdaut. Jetzt betreten sie ein Land, das für sie epische Qualen bereithalten wird.
Was sie als Erstes sehen, bedrückt sie. »Was ist das hier für ein Shithole!«, entfährt es Philipp. Im waldigen Nordwesten Russlands bleibt wenig von der landschaftlichen skandinavischen Idylle. Denn Swetogorsk, der 20.000-Einwohner-Ort direkt hinter der Grenze, ist eine heruntergekommene Industriestadt. Erschöpft von ihrem bislang kilometerreichsten Reisetag mit 298 Kilometern schauen sich die beiden um. Es ist erdrückend. »Hier sieht es aus wie in einem der schlimmsten Stadtteile, die man sich in einem deutschen Ort vorstellen kann«, findet Philipp, und als Düsseldorfer kennt er die tristen Ecken des Ruhrgebiets nur zu gut. Eine Stadt der Einöde, der Plattenbauten, dreckige Straßen, überall Industrieanlagen. Swetogorsk hat eine lange Geschichte als Forst- und Papierindustriestandort, eine der größten Zellstofffabriken Russlands liegt hier. Für die Wirtschaft ist Swetogorsk bedeutsam, für die Stimmung der beiden ein erster Test. Noch lachen sie. Noch denken sie, dass es vielleicht nicht so schlimm wird. Sie gönnen sich die erste Hotelübernachtung ihrer Reise, in einem ordentlichen Business-Hotel freut sich Jonas sogar über einen kleinen Flirt mit der Rezeptionistin. Seit Tagen haben sie kaum Menschen gesehen. »Nur dein Hinterteil, Philipp, und Rentiere«, sagt Jonas. Da werde man doch auch mal mit einer netten Frau schäkern dürfen. »Stell dir mal vor, du heiratest jetzt Svetlana und bekommst Kinder hier, wie wäre das?«, scherzt Philipp. Beide lachen. Philipp freut sich über eine erste heiße Dusche seit Tagen. Sie sind müde, erschöpft. Es wird schon alles nicht so schlimm werden, denken sie. Dabei sind sie in einem viel größeren Shithole, als sie es ahnen.
QUÄLENDER START
Und sie wissen es ja eigentlich besser. Am ersten Morgen in Russland sind sie so müde vom Vortag, dass sie erst gegen halb acht auf dem Rad sitzen. »Lass uns das Hotelfrühstück noch mitnehmen«, hat Philipp gesagt, und der Rekordmensch Jonas hat nicht eine Sekunde gezögert. Draußen scheint sogar schon die Sonne, es ist trocken. Sie könnten also guter Stimmung sein, als die beiden ihre Räder beim Pförtner wieder aus dem Häuschen holen. Aber gleich hinter der Ortsausfahrt aus Swetogorsk deutet sich an, dass es jetzt hart wird, härter, als sie es sich bislang vorstellen konnten.
Noch befinden sich Jonas und Philipp erst im Vorspiel der Qualen im Riesenreich der Angst. Noch sind sie nicht bei Kilometer 5 auf ihren beinahe 3.000 Kilometern durch Russland. Doch schon beginnen die Widrigkeiten. »Was ist das denn für eine Scheiße?«, entfährt es Philipp, als sie vor sich eine Baustelle sehen, die auf Sicht nicht endet. Die Straße ist nicht nur teilweise aufgerissen, sie ist auch voll mit Schwerverkehr, sie ist hügelig. Philipps Hintern tut weiter weh, und die Luft ist kalt. Überall stehen Baustellenmitarbeiter, überall ist Schmutz. So geht es über die ersten 40 Kilometer nach Süden in Richtung Sankt Petersburg. Als sie das überstanden haben, sind sie wieder optimistisch: Der Asphalt ist gut, die Sonne scheint, inzwischen sind es sogar 15 Grad. »Wird schon«, sagt Jonas, »jetzt sind wir unterwegs!«

Kalt, nass, weit: Das riesige Russland bietet tagelang eine unwirtliche Einöde und zehrt an den Kräften von Jonas und Philipp.


Materialproben: Die russischen Straßen verlangen Robustheit.

Seelenqualen: Wer in Russland radelt, braucht gute Nerven.


Georgisches Glück: Nach Tagen der Angst kommt endlich wieder ein Lächeln.
»Ob da jetzt 800 steht oder 700, was macht das schon für einen Unterschied? Ich habe das Gefühl, dass wir hier gegen etwas anfahren, das fast unendlich groß ist«, konstatiert Philipp.
Man muss wissen, was Jonas nicht erst heute, sondern seit Monaten durch den Kopf geht: Jonas hat Angst vor Russland. Es gab vor zwei Jahren ein Erlebnis, das er nicht einfach abhaken kann. Noch kann Jonas die Gedanken daran verdrängen, und er weiß: Wer diesen Rekord haben will, kann nicht anders, er muss durch dieses Land mit all seinen mentalen Proben.
Dieser Samstag ist abwechslungsreich, trügerisch, er bietet Höhepunkte und schreitet kurzweilig voran. Sie nähern sich Sankt Petersburg, der Verkehr läuft geordnet, die Millionenstadt bietet eine gute Fahrradinfrastruktur. Problemlos steuern sie durch die Metropole, in der sie bereits freudig erwartet werden. Die Hoffmann-Gruppe, Jonas’ Werkzeugsponsor, feiert für die Durchreisenden aus Deutschland ein kleines Fest. 20 applaudierende Menschen sind zusammengekommen, sogar das örtliche Fernsehen hat ein Kamerateam geschickt. Es gibt Pizza.
FROM DUSK TILL DAWN
Ein paar Stunden später ist Philipp ein kleines bisschen angeheitert, bei Jonas weiß man das nicht so genau. Die beiden sind von Sankt Petersburg noch weitergefahren, denn auch ein nettes Beisammensein darf wegen des Rekords nicht ausufern. Sie haben noch gut 50 Kilometer über eine kleinere Landstraße geschafft in Richtung Südosten nach Moskau. Das Wetter war gut. In Tosno checken sie in einem Hotel ein. Es wirkt, als wäre außer ihnen niemand da. Doch als sie zum Abendessen ins Restaurant gehen und die Tür hinter der Lobby öffnen, wummert ihnen das Leben entgegen: stampfende Tanzmusik, dazu laute, fröhliche Rufe in russischer Sprache. Es sind gerade einmal zwölf Menschen beisammen, aber sie haben sehr viel zu essen und noch mehr Wodka. Ein älterer Mann winkt die beiden zu sich heran. Was er sagt, verstehen Jonas und Philipp nicht, aber er knallt eine Flasche auf den Tisch, dazu zwei Gläser. Sie sollen mittrinken. Die Tochter des älteren Mannes spricht ein bisschen Englisch, und so verstehen die beiden, dass hier eine Familie einen Geburtstag begeht. »Das ist wie bei From Dusk Till Dawn«, ruft Philipp. Die Gläser, so groß wie Wassergläser in deutschen Restaurants, sind schnell randvoll mit dem klaren Schnaps. Es gibt kein Zurück. »Die Russen wissen wirklich, wie man feiert«, findet Jonas. Sie wirken bereits ordentlich angetrunken, und die Gastfreundschaft schlägt beinahe um in Zudringlichkeit. Vor allem, als Jonas und Philipp wieder in ihr Zimmer wollen. Der ältere Mann redet und redet auf Philipp ein. Ein zweites Mal füllt sich das Glas, ein zweites Mal kippt Philipp den Wodka. Die Musik donnert, Disco-Beats, fröhliche Rufe. Dann begegnet er Jonas’ strengem Blick. Der Russe will erneut nachschenken, der Schwabe will gehen. »Jetzt wäre ich doch beinahe schwach geworden«, sagt Philipp, aber die beiden schaffen es in einem Kraftakt, die Feier wieder zu verlassen. Um kurz nach elf sind sie in ihrem Zimmer. Noch ein bisschen mehr Alkohol, und am nächsten Tag könnte alles noch schlimmer werden, als es sowieso kommen wird. So bleibt ein surrealer Eindruck, von dem sie noch Tage zehren werden.
DIE ENTLEERENDE MONOTONIE
Am nächsten Morgen beginnt dann eine Tour durch die »Hölle«, die Jonas schon seit Monaten vorausgeahnt hat. Russland ist nicht nur riesig, auch die Abstände zwischen den Wegmarken sind enorm. Sankt Petersburg, ein Motivationspunkt, liegt hinter ihnen. Bis Moskau sind es noch beinahe 700 Kilometer. 700 Kilometer, auf denen sich der Verkehr mehr und mehr verdichten wird, da am Ende eine der gewaltigsten Städte der Welt liegt. 700 Kilometer Autobahn oder Schnellstraße, bei deren Planung und Bau niemand an Fahrradfahrer gedacht hat. Anschließend folgt immer noch mehr und mehr Russland, ein Gedanke, der selbst einen mental austrainierten Menschen an die Grenzen bringen kann. Jonas quält seine eigene russische Erfahrung, Philipp der Blick auf die Distanzangaben auf den Schildern. »Ob da jetzt 800 steht oder 700, was macht das schon für einen Unterschied? Ich habe das Gefühl, dass wir hier gegen etwas anfahren, das fast unendlich groß ist«, konstatiert Philipp. »Das macht mich fertig.« Zum Glück kann Jonas helfen, immer und immer wieder sagt er sein Mantra auf, wonach man die große Aufgabe in kleine Schritte teilen und nur den nächsten Schritt betrachten sollte.
Optimismus kann man üben, aber selbst für Jonas wird es manchmal eng. Wenn es anfängt zu regnen und nicht mehr aufhört, wenn die Temperaturwerte in diesem Frühherbst, der ja eben noch Sommer war, weiter absinken als befürchtet, wenn es vielleicht noch 5, 6 Grad hat, dann fällt Optimismus schwer. Philipp und Jonas haben sich für die ehemalige Autobahn entschieden, die fast parallel zur neuen Maut-Autobahn führt, weil sie hier weniger Verkehr erwartet haben. Aber Laster um Laster dröhnt über die lange Straße, die fast schnurgerade durch die flache Landschaft gezogen wurde. Man kann erkennen, dass es in manchen Orten am Streckenrand früher einmal Leben gab, Geschäft und Geld. Jetzt sehen die beiden ein tristes Holzhaus nach dem nächsten, viel grauen Asphalt und Einöde. Hin und wieder bleiben die Blicke der beiden an älteren Menschen am Straßenrand hängen, die mit Auto und Klapptisch in der Landschaft stehen. Sie bieten eingelegtes Gemüse in Gläsern an, während der Verkehr vorbeirauscht. Kunden sehen sie nicht. Die Landschaft ist erdrückend monoton. Aus dem bedeckten Himmel fallen Regentropfen auf Wiesen, auf flaches Land, Wald und alte Baracken und auf zwei deutsche Radfahrer.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.