Kitabı oku: «Tanz auf dem Vulkan»
Ein Krimi aus Lippe
TANZ AUF DEM VULKAN
Jörg Armin Kranzhoff
Dann schreibt sich einer Schwielen in seine Kritikerseele, um rauszukriegen, was der Name Wehrwolf bedeutet. Daß das weiter nichts bedeutet, als daß Harm Wulf sich wehrt; da kommt kein Mensch drauf. Faseln sie da alles mögliche zusammen (Hermann Löns)
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Copyright 2020 by Lippe Verlag
Dr. Hans Jacobs, Hellweg 72, 32791 Lage
ISBN 978-3-89918-820-2
Insel der Glückseligen
Ich war auf dem Weg in den Urlaub. Es war früh am Morgen. Es herrschte schmuddeliges Februarwetter: Der Himmel war regenverhangen und es nieselte leise vor sich hin. Um diese Jahreszeit ist das Wetter in Lippe nun mal so, sagte ich mir. Auf den Kanaren erwartet mich strahlender Sonnenschein!
Das Taxi erschien verspätet. Der Fahrer wirkte genervt. Meine Anschrift war ihm kein Begriff. Sein Navi hatte ihn in die Irre geführt.
„Flughafen Paderborn?“, versicherte er sich.
„Ja bitte!“, sagte ich reichlich verschlafen. Dann lehnte ich mich zurück und schloss die Augen. Ich hatte keine Lust auf Gespräche.
Der Fahrer schlängelte sich durch die Dörfer Mosebeck, Vahlhausen und Fissenknick, kurvte bei Bad Meinberg zum Kamm der Egge hoch, folgte der Strothe bis in die Talmulde von Kohlstädt und nahm Kurs auf den Flughafen.
Als das Taxi vor dem Terminal hielt, spannte ich den Regenschirm auf, lud mein Gepäck aus, verstaute es auf einem Transportwagen und begab mich zum Einchecken. Ich wartete am Counter, bis ich an der Reihe war. Mein Hund kauerte zitternd vor Erregung zu meinen Füßen. Faida war Menschenansammlungen nicht gewöhnt.
Sie war mir ans Herz gewachsen. Ohne sie würde ich nie verreisen. Sie war eine „Podenca“, ein windhundähnlicher Laufhund, der auf den Kanaren bei der Jagd eingesetzt wird. Sie stammte aus einem Tierheim auf Teneriffa. Es ging zum ersten Mal in ihre alte Heimat zurück.
„Alles in Ordnung!“, beruhigte ich sie und gab ihr einen Schluck Wasser. Sie verstand nicht recht, warum sie in eine Transportkiste gezwängt wurde. Sie warf einen letzten Blick auf mich, dann hievte man die Kiste auf einen Wagen und schaffte sie fort. Faida tat mir leid, aber mir ging es nicht viel besser: Ich litt seit jeher unter Flugangst.
Während ich noch in der Warteschlange stand, studierte ich die Warnhinweise für das Handgepäck. Mein Gott, dachte ich, was kann nicht alles eine Waffe sein! Feuerzeuge waren gottlob erlaubt. Ich war Raucher. Ohne Anzünder fehlte mir etwas, auch wenn an Bord nicht geraucht werden durfte!
Als ich in meiner Handtasche nach meinen Papieren kramte, fiel mir ein Feuerzeug ins Auge. Ich wusste, dass ich es auf keinen Fall bei mir tragen sollte, denn der Besitzer war ein steckbrieflich gesuchter Mörder und es sollte dazu beitragen, ihn zu überführen. Ich konnte das Beweisstück deshalb keinesfalls an Ort und Stelle entsorgen.
All das hatte damit zu tun, dass ich in Dalborn ein altes Bauernhaus erworben hatte. Der heruntergekommene Bau machte einen gespenstischen Eindruck. Das würde sich rasch ändern, sagte ich mir, wenn ich ihn wieder in Schuss gebracht hätte. Ich hatte gehofft, in Dalborn Ruhe und Frieden zu finden, aber ich ahnte nicht, was sich dort an grauenhaften Dingen getan hatte! Zunächst wurde mein Nachbar Cord Drake tot aufgefunden. Am Ende fand man die im Kellerboden meines Hauses verscharrte Leiche des Mannes, der Drakes Hof erben sollte. Ich hatte alles noch vor Augen, als wäre es erst gestern passiert
Kommissar Dunkelmann sollte die Vorgänge aufklären. Er war ein skurriler Typ, nicht mehr der Jüngste und noch von der alten Schule. Von modernen Ermittlungsmethoden hielt er nicht allzu viel, aber er war erfahren. Er kannte seine „Pappenheimer“. „Es kommt immer auf den richtigen Riecher an!“, pflegte er zu sagen.
Dunkelmann fand schließlich heraus, dass es sich bei den Tätern um John Houseman, einen vermeintlichen Landprediger aus den Staaten, und seinen Komplizen Wolf Tötemeier, den Boss einer rechtsradikalen Bande, handelte. Houseman wollte sich das Erbe an Drakes Hof erschleichen, indem er den Erblasser und den Erben Philipp Drake von Tötemeier beseitigen ließ, sich der Papiere Philipp Drakes bemächtigte und sich anschließend fälschlich als Erbe ausgab.
Inzwischen stand die Sicherheitskontrolle an: Handgepäck aufs Rollband, Jacke ausziehen, Hosengürtel abnehmen, Taschen leeren, auf Kommando durch ein Tor mit Metalldetektoren schreiten, warten, ob es piepst, wenn ja, Abtasten des Körpers. Ich kannte das. Nicht meckern, schärfte ich mir ein. Das muss sein! Aber insgeheim fragte ich mich, warum ich mir die Strapazen einer Flugreise angetan hatte und ob es nicht besser gewesen wäre, mit dem Auto an die Ostsee zu fahren.
Ich war froh, als ich endlich meinen Platz an Bord eingenommen hatte. In der Kabine war alles blitzsauber, roch aber durchdringend nach Reinigungsmitteln. Aus den Lautsprechern ertönte die Durchsage des Kapitäns: „Willkommen an Bord auf unserem Flug nach Teneriffa!“
Er machte Angaben zur Flugnummer, zum Flugzeugtyp, zur Wetterlage und zur voraussichtlichen Flugzeit. Man spürte, dass die Durchsage eine lästige Routine war, und das Kratzen im Lautsprecher war störend, aber eine persönliche Ansprache macht sich immer gut! Auf den Mann ist Verlass, das merkt man schon an seiner Stimme, mochten die Passagiere denken. Aber als das Bordpersonal die Außentür verriegelt hatte und ich mich anschnallen musste, fühlte mich eingesperrt. Ab jetzt war ich auf Gedeih und Verderb allen Eventualitäten ausgeliefert!
Ich warf einen Blick auf meinen Sitznachbarn. Er schaltete ein elektronisches Gerät ein. War das reine Routine? Wollte er sich die neuesten Meldungen herunterladen oder eine Mail verschicken? Doch ebenso gut konnte in dem Gerät der Zünder für einen Sprengsatz versteckt sein! Das passiert nur auf großen, internationalen Flughäfen, aber hier doch nicht, versuchte ich mich zu beruhigen.
Wir rollten zur Startbahn: ruhiges Schaukeln, leise Musik aus den Deckenlautsprechern, Erläuterung der Sicherheitseinrichtungen, dann endlich Einschwenken auf die Startbahn, kurzer Halt bis zur Freigabe, Aufheulen der Turbinen, Bremsen los, Anlauf, gespanntes Warten auf das Abheben.
Ich schaute aus dem Fenster. Der Blick lohnte nicht! Alles war grau in grau und rasch hüllten uns die Wolken ein. Das gleichmäßige Geräusch der Triebwerke wirkte einschläfernd. Ich lehnte mich zurück und schloss die Augen. Bald darauf war es jedoch mit der Ruhe vorbei: Der Bordimbiss stand an. Es gab labbrige, in der Mikrowelle aufgewärmte Brötchen, wahlweise mit Käse oder Schinken. Ich hatte „Ente mit Rotkraut“ vorbestellt. Als mir die Flugbegleiterin das Tablett reichte, äugten die Sitznachbarn zu mir herüber: Da hat einer eine Extrawurst bekommen! Sie schienen verstohlen zu verfolgen, wie ich mich in dem engen Sitz mit dem Verspeisen abquälte.
Anschließend stand Unterhaltung per Bildschirm auf dem Programm. Wie üblich war es eine turbulente Beziehungsgeschichte made in Hollywood. Ich dachte an Hilde. Wenn solche Liebesschmonzetten über den Schirm flimmerten, fieberte sie immer mit. Dass es am Ende gut ausging, ließ sich schon im Vorfeld erahnen.
Das mit Hilde war ein Kapitel für sich. Ich hatte es nicht leicht mit ihr, aber ich musste ihr zugutehalten, was sie mit Siegfried Schnieders durchgemacht hatte. Ihre Ehe mit dem renommierten Fachanwalt für Erbrecht galt als „gute Partie“, doch ich hatte volles Verständnis dafür, dass sie nicht länger mit einem Menschen zusammenleben wollte, der nebenbei „eine andere hatte“ und zudem von der Staatsanwaltschaft verdächtigt wurde, mit Raubkunst zu handeln und verschwörerische Kontakte zu rechtsradikalen Kreisen zu unterhalten.
Ich mochte seine herrische Art nicht und noch weniger seine stramm-patriotische Gesinnung. Er faselte ständig von „nationaler Identität“ und „deutschem Wesen“ und forderte einen „neuen Kurs in der Deutschlandpolitik“. Hilde störte das weniger. Sie interessierte sich nicht sonderlich für Politik, machte sich allerdings Sorgen um ihren Sohn, der beim Vater geblieben war, und befürchtete, dass Schnieders einen schlechten Einfluss auf ihn ausübte.
Ich hatte gehofft, dass die Trennung von Schnieders ein Befreiungsschlag war, musste indes feststellen, dass auch Hilde ihre Tücken hatte. Sie war mit Leib und Seele Lehrerin. Sie ging völlig in ihrem Beruf auf. Disziplin war für sie das oberste Gebot. Das betraf auch mich: Sie bestimmte, wo es lang ging. Sie verplante unsere gemeinsame Zeit. Sie kontrollierte, wofür Geld ausgegeben wurde. Ein zweites Kind kam nicht infrage: „Beruf und zugleich Mutterschaft, das geht einfach nicht!“
Im Grunde war ich ihr Kind. Aber auch für mich blieb nie Zeit. Das galt auch für meine Bedürfnisse als Mann. „Männer sind immer nur auf das eine aus!“, bekam ich zu hören. „Ich bin doch keine Sexmaschine!“
Zwischen uns lagen Welten. Wir waren menschlich von einem anderen Schlag. Man hätte meinen können, dass wir nicht zueinander passten. Doch es gab durchaus Dinge, die uns innerlich verbanden. Ich schätzte, dass sie eine starke Frau war. Sie war intelligent, gebildet und selbstbewusst. Sie machte mir nie etwas vor. Wenn sie anderer Meinung war, rückte sie offen damit heraus. Ich war für sie einfach gestrickt, aber zuverlässig. Sie wusste, dass ich ihr nie in den Rücken fallen würde.
Ich nahm sie, wie sie war, aber ich war mir nicht sicher, ob sie mich wirklich liebte. Fand sie mich attraktiv? Was hatte ich ihr zu bieten? Ich hielt Nabelschau: Was hat mich zu dem gemacht, was ich bin? Ich stammte aus Dörentrup. Mein Vater war Fuhrunternehmer. Er war ein biederer und redlicher Mensch. Wenn er sein Tagewerk hinter sich gebracht hatte, war für ihn die Welt in Ordnung. Alles sollte so bleiben wie gewohnt. Dass er in der Familie den Ton angab, war selbstverständlich. Das galt auch für meine Taufe: Ich sollte Friedrich heißen wie er und damit basta!
Ich galt als ein braves und folgsames Kind, aber als ich in die Pubertät kam, gab es erstmals Probleme. Unter anderem stellte sich die Frage, wie bei den Menschen der Nachwuchs entsteht. Wie das bei Tieren abläuft, konnte ich bei den Pferden meines Vaters beobachten, aber bei den Menschen lief das vermeintlich ganz anders.
„Frag Vater!“, sagte meine Mutter, wenn es um Sex ging. Mein Vater beschränkte sich auf die Bemerkung, ich dürfe auf keinen Fall „irgendwelche Dummheiten machen“. Was das bedeuten sollte, war mir nicht klar.
In der Tanzschule lernte ich ein Mädchen kennen. Ich glaubte, ich hätte mich verliebt, aber es war beim Händchenhalten geblieben.
„So gehört sich das!“, lobte mein Vater und dann machte er mir klar, dass es vorerst um Wichtigeres ging. „Junge, lern“, schärfte er mir ein, „damit du es einmal zu etwas bringst!“
Ich war ein aufgewecktes Kerlchen, aber zum Helden war ich nicht geboren! Als mich mein Vater in den Keller schickte, um Bier zu holen, hatte mir das finstere Gemäuer einen großen Schrecken eingejagt. „Gut gemacht!“, hatte mein Vater gelobt, als ich die Bierflasche brachte. „So wird ein Mann aus dir!“
In der Schule machte ich vielversprechende Fortschritte, aber ein Abitur kam nicht infrage. Mein Vater sorgte dafür, dass ich bei der Lippischen Landes-Zeitung als Volontär unterkam. „Frag nicht viel!“, riet er mir. „Tu, was dein Chef dir sagt!“
Ich fand, dass ich es inzwischen zu etwas gebracht hatte. Mit Hilde konnte ich mich allerdings in keiner Weise messen. Für sie blieb ich der kleine „Zeitungsfritze!“ Bei Licht betrachtet, hatte sie durchaus Recht! Mein Job als Lokalreporter hatte es in sich: Mein Chef saß mir ständig im Nacken, ich war immer auf Tour, es waren immer die gleichen Geschichten. Das war auf Dauer eintönig! Zuweilen ging es auch um Einbrüche, Überfälle und Morde. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich auch über Mord und Totschlag in Dalborn berichten müsste!
Ich hatte mir Mühe gegeben. Ich war immer für Hilde da. Doch am Ende war der Faden gerissen. Sie brauchte angeblich eine „Auszeit“. Ich konnte es kaum fassen: Sie konnte mir im Grunde nichts vorwerfen. Ich hatte zumindest nie ein anderes Verhältnis.
Nach der Trennung von Hilde wollte ich in Dalborn einen Neuanfang wagen. In den heruntergekommenen Kotten wäre sie nie eingezogen! Im Grunde war ihr ganz Lippe ein Gräuel: „Das ist eine hinterwäldlerische Provinz, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen!“ Sie konnte nicht ahnen, dass es in Dalborn zu Mord und Totschlag kommen würde!
Faida war alles, was mir geblieben war. Wir brauchten uns gegenseitig. Ich sorgte dafür, dass sie es guthatte. Sie lenkte mich von meinen Sorgen ab. Ich fand, dass sie mich tausendmal besser verstand als Hilde. Ich brauchte ihr nur in die Augen zu blicken, um zu wissen, was los war. Zuweilen hatte ich nicht bemerkt, dass der Postbote vor der Haustür auf mich wartete, oder das Telefon überhört. Meist jedoch gab sie mir zu verstehen, dass ich vergessen hatte, ihr vor dem Einschlafen das heißersehnte Leckerchen zu reichen.
Mitunter schien sie mich warnen zu wollen. Ich gab in der Regel nicht viel darauf, denn ich wusste, dass sie ein ängstliches Wesen hatte. Das mochte daran liegen, dass ihr vormaliger Halter sie schlecht behandelt hatte. Wenn ich einen Stock oder einen Besen in die Hand nahm, stob sie verschreckt davon. Gewitter, Feuerwerkskörper, das Schleudern der Waschmaschine und selbst das Ploppen beim Öffnen einer Bierflasche konnten sie in helle Aufregung versetzen. Aber wenn es darauf ankam, konnte ich mich auf ihren Riecher verlassen. Waren das Urängste oder spürte sie besser als ich, wenn Gefahr drohte? Nachdem ihr vormaliges Herrchen sie ausgesetzt hatte, war sie völlig auf sich gestellt. Sie hatte nicht unter Wölfen gelebt, dennoch schien in ihren Adern Wolfsblut zu fließen und mir war, als hätte ich mich in einem Wolfsbau verkrochen und sie gehörte zu meinem Rudel.
Hilde mochte keine Tiere. Das galt auch für meinen Hund. Wenn er sich ihr näherte, wich sie angeekelt zurück, und wenn sich Faida eng an mich kuschelte oder schnuppernd um meine Beine strich und mich aus ihren Bernsteinaugen erwartungsvoll ansah, wurde Hilde sofort eifersüchtig.
„Die ideale Zweitfrau!“, stichelte sie. „Den Köter musst du nehmen!“, hieß es, als wir uns getrennt hatten. Inzwischen hatten wir uns leidlich wieder versöhnt, aber ich wusste nicht, ob das auf Dauer gutgehen würde.
Ich wollte den Kopf wieder freibekommen und in Teneriffa die Seele baumeln lassen. „Hören Sie zu Wiesekopsieker!“, meinte mein Chef. „Ruhen Sie sich zunächst mal aus, aber verbinden Sie das Angenehme mit dem Nützlichen!“
Und sogleich war ihm Passendes eingefallen. Er schlug eine neue Artikelserie unter der Rubrik „Unbekannte Winkel und Wanderrouten“ vor. Motto: „Sanfter Tourismus. Geheimtipps für Naturfreunde und Individualtouristen“. Das sollte die Leser zum Reisen animieren und zugleich das Anzeigengeschäft beleben. Die Anzeigen waren eine wichtige Einnahmequelle!
Ich kramte eine Landkarte aus meiner Tasche, auf der ich voraussichtliche Zielgebiete markiert hatte. Einige lagen in der Nähe meines Urlaubsortes, die interessantesten Ecken aber befanden weiter im Landesinneren. Man hatte mich gewarnt: Du musst dich auf lange Märsche in entlegene Regionen und riskante Klettertouren einstellen, du kannst dich leicht verlaufen und solltest immer eine Wasserflasche bei dir haben!
Mit Räubern und Dieben musste ich weniger rechnen. Die gingen eher in den Touristenzentren auf Beute. Wie das abläuft, ließ sich einem Schmöker entnehmen, dessen Handlung in dem Badeort Puerto de la Cruz spielte. Bislang hatte ich nur den Anfang überflogen, aber es zeichnete sich bereits im Vorfeld ab, dass es ein grauenhaftes Ende nehmen würde. Hoffentlich war das kein böses Omen! Mach dich nicht verrückt, sagte ich mir. Das sind Krimiphantasien!
Während ich noch meinen Gedanken nachhing, wurde ich vom Kabinenlautsprecher abrupt wieder in die Gegenwart katapultiert. Die Flugbegleiterin kündigte mit lieblich säuselnder Stimme an, dass man jetzt mit dem Bordshop anrückte. Die diversen Parfüms und Alkoholika lieferten einen Vorgeschmack auf die Wellnesszeit im Urlaub. Zugleich flimmerte über den Monitor an der Kabinendecke, was man auf Teneriffa alles erleben konnte: Relaxen, baden, durch die Stadt bummeln, schoppen, Ausflüge machen, alles unter dem Motto: „Ständig betreut, all inclusive!“
So kann man die wahre Schönheit der Insel nicht erleben, dachte ich. Was ist das eigentliche Teneriffa? Worin liegt, jenseits der Blumenpracht in den Hotelgärten, der Zauber der Inselflora? Wie sieht das Leben der Einheimischen aus? Was ist noch von der wechselvollen Geschichte der Insel zu spüren?
Ich hatte mich schlau gemacht: Ursprünglich wurde der Archipel von dem weithin unbekannten Urvolk der Guanchen bewohnt. Die spanischen Eroberer hatten gründlich mit ihnen aufgeräumt. Und auch nachfolgend gab es nur Hauen und Stechen, denn die Briten wollten den Spaniern die Insel wieder abluchsen. Als der Freibeuter Lord Nelson dort aufkreuzte, schoss ihm die Kanone „El Tigre“ den rechten Arm ab. Wer will, kann die Monsterwaffe in den Ausstellungsräumen an der Plaza de Espana in Santa Cruz bewundern.
Bis heute ist der Archipel Teil des spanischen Königreichs, was aber nichts daran ändert, dass die „Leute von der Peninsula“, wie man die Festlandsspanier nennt, unbeliebt sind. Das Trauma der Fremdherrschaft ist nicht überwunden. Man munkelt von Scharfmachern, die sich von Madrid lossagen wollen. „Godos fuera“, Spanier raus, pinseln sie auf die Hauswände.
Das Franco-Regime ist in besonders schlechter Erinnerung. Der Caudillo ist inzwischen Geschichte. Der König ist noch da, aber die Pesete ist abgeschafft. Man ist Teil der Europäischen Union. Die Grenzkontrollen entfallen. Die Touristen strömen in Scharen auf die Insel. Auch die Briten machen dort Urlaub, nur Gibraltar wollen sie nach wie vor nicht hergeben.
„Islas afortunadas“, Inseln der Glückseligen, nannte man vormals den Archipel. Aber so rosig sah es inzwischen nicht mehr aus: Der Tourismus florierte, das Baugewerbe boomte, doch das könnte zur „Blase“ werden. Dann drohten Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit. Der Klimawandel hinterließ erste Spuren: Im Winter fiel zu wenig Regen. Im Sommer wurden die Wasservorräte knapp. Infolge der anhaltenden Trockenheit gingen die Wälder in Flammen auf. Hurrikane knickten Strommasten um und verwüsteten die Plantagen. Monsterwellen brandeten gegen die Küste, rissen Teile der Klippen ins Meer und setzten ufernahe Ortschaften unter Wasser.
Schädlinge breiteten sich aus. Die „weiße Fliege“ fiel über die Palmen her. Die Zitruspflanzen litten unter der „Kräuselkrankheit“. Die Insel erstickte im Müll. Die Küstengewässer waren leergefischt und mancherorts verschmutzt. Vor den Küsten vermutete man Öl unter dem Meeresboden. Die Probebohrungen galten als eine Gefahr für die Meeresbewohner. Die Wale wurden von Schaulustigen an ihren Stammplätzen aufgestört und von den Signalen der U-Boote irritiert. In Marokko sollte ein Atomkraftwerk entstehen. Auf der Insel El Hierro plante die Nato eine Raketenabschussbasis. Das klingt nicht gerade aufmunternd, dachte ich, aber die Inselvulkane würden vermutlich nicht während meines Aufenthaltes ausbrechen und der nächste Hurrikan würde auf sich warten lassen.
Hilde brauchte ich nicht viel zu erzählen. Sie kannte sich auf der Insel bestens aus. Sie war mehrmals dort, vor allem im Frühjahr, wenn das Wetter daheim noch kühl und ungemütlich war. Sie hatte von der reinen Luft geschwärmt, von der Blütenpracht und nicht zuletzt von der urwüchsigen Landschaft. „Großartig!“, meinte sie, „wie zum Malen!“
Sie hatte historische Klöster und Kirchen besichtigt und sich in Museen umgesehen. Folkloristisches hatte es ihr besonders angetan. Sie war dabei, als die Einheimischen auf einer Fiesta traditionelle Lieder und Volkstänze zum Besten gaben. Sie war begeistert: „Das ist doch was ganz anderes als das blöde Gehampel in den Discos!“
Andererseits kamen ihr die Einheimischen „kulturlos“ vor: „Das sind arme Schlucker, sie sind ungebildet, sie sprechen kein korrektes Spanisch. Aber sie wollen den Anschluss nicht verpassen, was heißt, ein Auto muss her, eine schicke Wohnung und der neueste Fernseher, natürlich alles auf Kredit!“
Ihr Fotoalbum war angefüllt mit erinnerungswürdigen Schnappschüssen: Gruppenfotos vom Ausflug in die Berge oder ans Meer, in der Regel mit Bus und Reiseleitung, sowie Selfies vor beeindruckender Kulisse, mal auf einer hoch aufragenden Klippe, mal am Steilhang eines Barrancos, einmal sogar auf dem Rücken eines Esels und im schwankenden Sitz eines Kamels.
Einmal war sie während einer Wandertour mit Rucksack und zünftigem Wanderoutfit abgelichtet. Der ungewohnt lange Marsch war angeblich höllisch anstrengend. Ich wusste, dass sie körperliche Anstrengungen hasste. „Sport ist Mord!“ war ihre Devise. Selbst das Wort „Schwitzen“ war tabu. Hilde sprach stattdessen von „Perspirieren“. Sie hielt ständig den Deospray griffbereit.
Mittags hatte man in einem Landgasthof gespeist und abends beim Umtrunk in einer Bodega gesessen. „Alles war perfekt organisiert“, schwärmte sie. „Das bekommt man allein gar nicht zu sehen!“
Mich wunderte das, denn eigentlich hatte sie die Nase vom Massentourismus voll: „Wenn man in den wohlverdienten Urlaub fährt, will man nicht, dass dort Horden von Urlaubern herumlaufen!“
Gottlob hatte sie, wie immer, „nette Leute“ kennengelernt. Meist waren es deutsche Rentner, viele davon pensionierte Lehrer. Manche waren als Touristen gekommen. „Wir sind schon immer gern gereist“, hieß es, „aber so bezaubernd wie in Teneriffa war es nirgends!“ Andere waren für immer geblieben: „Die Rente ist auf der Insel das Doppelte wert und hinzukommt, dass alles viel billiger ist als daheim.“
Man hatte einen Café Solo am Strand getrunken und sich ausgetauscht. Die einen sprachen davon, wohin es im nächsten Jahr gehen sollte, die anderen davon, was man demnächst am Haus neu herrichten wollte. Zum Schluss versprach man, in Kontakt zu bleiben. Hilde vergaß nie, die Leute einzuladen: „Wenn Sie mal in meiner Gegend sind, schauen Sie doch mal bei mir rein!“
Für mehr Wirbel hatte ein junger Campesino gesorgt. Carlos sah angeblich „blendend“ aus. Ich kannte Hildes Vorliebe: Er war ein smarter Typ, großgewachsen, sportlich, markante Züge, drei-Tage-Bart, schwarze Lockenmähne und funkelnde Augen.
Sie gab sich neckisch: „Nicht, was du wieder denkst! Das war eine harmlose Urlaubsbekanntschaft!“
Ich ahnte nicht, unter welch fragwürdigen Umständen ich ihm begegnen würde, und schon gar nicht, dass das mit einem spektakulären Mordfall zu tun hatte, der an meinem Urlaubsort zurzeit für Aufsehen sorgte.
Ich hatte davon von Juan erfahren, dem Sohn des Bauern, auf dessen Finca ich mich einquartieren wollte. Juan hatte Faida aufgegriffen und in ein Tierheim gebracht. Juan wirkte auffällig betroffen. War seine Familie in den Mordfall verwickelt? Das darf doch wohl nicht wahr sein, dachte ich. Geht das schon wieder los? Bin ich vom Regen in die Traufe gekommen?
Es war, als kündigte sich auch an Bord Bedrohliches an. Ich spürte, dass das Flugzeug leicht erzitterte. Aus dem Lautsprecher ertönte die Anweisung, sich wieder anzuschnallen. Von einer anrückenden Schlechtwetterzone war aus dem Bordfenster nichts auszumachen, aber bekanntlich kommt es auch bei klarem Himmel gelegentlich zu Luftverwirbelungen. Die Stöße nahmen an Stärke zu. Als das Flugzeug wiederholt durchsackte, hatte ich ein beklemmendes Gefühl in der Magengegend und mir schien, dass mein Nebenmann den Atem anhielt. Dann endete der Spuk so schnell, wie er begonnen hatte.
Die Maschine ging in den Sinkflug über und näherte sich der Insel. Wir durchstießen soeben die über dem Meer lagernde Wolkendecke. An meinem Fenster rasten gespenstische Wolkenschwaden vorüber. Mein Gott, dachte ich, dass der Kapitän unter diesen Umständen Kurs halten kann, ist erstaunlich!
Als ich wieder freie Sicht hatte, wurden in der Ferne die Nordküste der Insel und die Umrisse des Teidegipfels sichtbar. Ich war froh, dass sich der Flug endlich seinem Ende zuneigte. Der Kapitän verabschiedete sich aus der Kanzel und gab die voraussichtliche Ankunftszeit und die aktuelle Wetterlage durch: „Um die zwanzig Grad, leichte Bewölkung, frischer Wind.“
Die Passagiere lehnten sich entspannt in den Sitz zurück. Dann kann das Relaxen bald losgehen, mochten sie denken. Die daheim sitzen noch im kalten Nieselregen!
„Bitte wieder anschnallen und alle elektronischen Geräte ausstellen!“, lautete die Anweisung aus dem Lautsprecher. Es herrschte gespannte Stille. Wir schienen rapide an Höhe zu verlieren. Was ist los?, dachte ich. Gibt es technische Probleme? Ich stellte mir vor, dass umgehend die Notanweisungen an die Passagiere erfolgten, doch dann hörte sich alles wieder normal an.
Der Boden kam zunehmend näher. Ich lauschte auf die Geräusche beim Ausfahren des Fahrwerks und der Landeklappen. Der Kapitän drosselte die Turbinen und richtete die Maschine vor dem Aufsetzen leicht auf. Sie schwebte für einen Augenblick nahezu lautlos auf die Piste zu. Als die Räder des Fahrwerks aufsetzten, spürte ich einen heftigen Stoß und als der Kapitän abrupt abbremste, wurde mein Körper ruckartig gegen den Bauchgurt gedrückt. Zugleich schaltete der Kapitän die Turbinen auf Umkehrschub. Sie machten einen höllischen Lärm. Alles in der Kabine begann zu vibrieren. Mein Sitznachbar wurde kreidebleich.
Noch immer rasten wir mit rasantem Tempo über die Landebahn, doch die Bremsen zeigten zunehmend Wirkung. Die Passagiere wirkten erleichtert. Manche klatschten anerkennend. „Wir bedanken uns, dass Sie mit uns geflogen sind, und wünschen Ihnen einen angenehmen Urlaub“, verabschiedete sich die Chefstewardess in säuselndem Ton.
Wir rollten über ein endloses Gewirr von Betonpisten, bis das Flugzeug an der Haltebucht zum Stehen kam. Die Passagiere schnallten umgehend die Gurte los und kramten eiligst das Handgepäck aus den Gefachen. Alle wollten möglichst schnell raus, aber das Andocken und das Öffnen der Kabinentüren nahmen eine geraume Zeit in Anspruch. Endlich wieder frische Luft in der Nase, dachte ich, als ich den Ausgang erreichte. Es roch allerdings allenthalben nach Kerosin und Abgasen!
In der Ankunftshalle wartete ich auf mein Gepäck. Ich richtete meine Blicke auf die Stelle, an der mein Koffer aus dem Untergeschoss nach oben befördert würde. Sie war ein ganzes Stück von meiner augenblicklichen Position entfernt. Dennoch fiel mir auf, dass einer seinen Koffer blitzartig vom Band zog, dann aber innehielt. Mir schien, dass er mich beobachtete. Als ich genauer hinschauen wollte, verschwand er in der Menge.
Du hast Hirngespinste, sagte ich mir. Warum sollte mich hier jemand beäugen? Der Mann hat vermutlich nach etwas anderem Ausschau gehalten. Dass man sich hier unsicher fühlt, liegt daran, dass man in einem solchen Menschengewimmel immer um seine Sicherheit besorgt ist.
Ich hatte den Eindruck, dass mich der Mann erkannt hatte. Aber wie sollte er das? Während der Anreise hatte ich niemanden ausgemacht, der mich kennen mochte.
Das könnte Kluckhan sein, dachte ich. Hatte ich ihn übersehen? Der Dalborner Landwirt war eine zwielichtige Erscheinung. Er war ein sogenannter „Reichsbürger“, für den das Dritte Reich nie aufgehört hatte zu existieren. Er hatte sich wiederholt den Anordnungen der Behörden widersetzt und war ständig auf der Suche nach Relikten aus der Nazizeit. Er war überzeugt, dass die Wehrmacht auf den Kanaren militärische Anlagen errichtet und gegen Kriegende die neuesten Superwaffen sowie Devisen- und Goldreserven aus dem Bestand der Reichsbank eingelagert hatte. Er hatte sich bereits auf Fuerteventura umgesehen, aber nur Reste von deutschen Uniformen entdecken können. Doch als man dort jüngst einen Film drehte und am Strand eine Fliegerbombe der Alliierten fand, flammten die Spekulationen erneut auf.
Vielleicht will Kluckhan jetzt auf Teneriffa auf Suche gehen, dachte ich. Mit mir hat das nichts zu tun! Aber warum ist er zur gleichen Zeit wie ich unterwegs und wie hat er von meiner Reise erfahren?
Doch dann schoss mir durch den Kopf, dass der Unbekannte Houseman sein könnte. Hatte er sich auf meine Fersen gesetzt, um das Feuerzeug wieder in seine Hand zu bekommen? Das wäre reichlich spekulativ, sagte ich mir. Er wurde steckbrieflich gesucht und hätte sich kaum dem Risiko ausgesetzt, bei der Passkontrolle erwischt zu werden!
Ich kam nicht dazu, mir einen Reim auf die Sache zu machen, aber ich nahm mir fest vor, das Feuerzeug in meinem Urlaubsquartier an einem sicheren Ort zu verstecken. Dass ich das unterließ, sollte böse Folgen haben!
„Gut angekommen! Halte dich auf dem Laufenden“, ließ ich Hilde wissen.
„Beneidenswert!“, funkte sie zurück. „Ich wünschte, ich hätte es auch so gut!“
„Du hast gut reden!“, sagte ich. „Es sieht so aus, als hätte mich jemand ausspioniert.“
„Ich verstehe, dass du den Eindruck hast, dass man hinter dir her ist“, meinte sie lapidar. „Mich würde nicht wundern, wenn das Houseman wäre! Er hat mit dir vermutlich noch ein Hühnchen zu rupfen. Hoffentlich sind das nur Hirngespinste! Das kommt davon, dass du zu viel Krimis liest! Wie auch immer, pass gut auf dich auf und lass dich nicht wieder in etwas hineinziehen!“
Die Leiche im Barranco
Am Flughafen erwartete mich Juan. Er wollte mich zu der elterlichen Finca bringen. Faida schien ihn wiederzuerkennen und wedelte freudig mit der Rute. Wir machten uns auf den Weg zum Parkplatz, wo Juan den Wagen seines Vaters geparkt hatte. Der klapprige Landrover kam mir nicht gerade vertrauenerweckend vor, für Faida jedoch war er genau das Richtige. Die Taxifahrer machten immer einen Aufstand, wenn ich einen Hund bei mir hatte!
Juan steuerte die Halteschranke an, warf das Ticket in den Automaten und fädelte sich in die Fahrspur zur Autopista ein. Im selben Augenblick zwängte sich ein stückweit hinter uns ein Taxi rüde in die Autoschlange. Es gab nur einen Fahrgast. Das ist der Mann, der dich im Terminal ausspioniert hat, dachte ich. Aber da er auf dem Rücksitz saß und vom Fahrer verdeckt wurde, konnte ich ihn nicht erkennen.
Ich hielt das Taxi im Auge. Als uns der Fahrer weiterhin folgte, wurde ich unruhig. „Das will nichts heißen!“, beruhigte Juan. „Hier wimmelt es von Taxis.“
Ich überlegte, was ich tun sollte: Ich hätte Juan bitten können, anzuhalten. Doch ich wollte kein großes Aufheben machen. Vielleicht wäre das Taxi auf Nimmerwiedersehen an uns vorbeigezogen, vielleicht aber auch nur zum Schein, um mir später erneut zu folgen. Irgendwann konnte ich das Taxi nicht mehr ausmachen. Na also, dachte ich, damit ist die Sache erledigt!
Zugleich ging mir durch den Kopf, was es mit dem Mord im Barranco Ruiz auf sich hatte. Das sei eine furchtbare Sache, meinte Juan, als ich ihn darauf ansprach, und da sich der Mord in unmittelbarer Nähe seines Elternhauses abgespielt habe, sei man sehr besorgt. Ich hatte den Eindruck, dass er mehr wusste, hielt es jedoch für unangebracht, ihn während der Fahrt mit Fragen zu überhäufen.
Bei den Touristenzentren Playa de las Americas und Los Christianos endete die Autopista. Von da an folgten wir der Carretera zweiundachtzig, die sich oberhalb der Westküste in nördlicher Richtung durch eine karge Gegend hochschraubte. Zur Linken tauchte am Horizont die Küste von La Gomera auf. Zur Rechten ragte das schroffe Lavagestein der Vulkanhügel zum Himmel auf.
Hinter Santiago del Teide kurvten wir zum Erjos-Pass hoch, einer auf einer Höhe von tauseneinhundertsiebzehn Metern gelegenen Wetter- und Wasserscheide zwischen dem nördlichen und südlichen Teil der Insel. Von dort hatte ich einen freien Ausblick auf den Teide. Auf dem Gipfel des Vulkans lag noch Schnee. In den Fincas ringsum hatte die Mandelblüte begonnen. Ein bezaubernder Anblick! Anschließend ging es in endlosen Serpentinen zur Nordküste hinunter. Ich wurde zunehmend schläfrig und war froh, als wir endlich am Ziel waren.
Die Finca lag oberhalb der Steilküste in der Nähe des Küstenstädtchens Icod de los Vinos. Sie nannte sich „Tierra, Mar y Viento“, Erde, Meer und Wind. Ich fand, dass das zu meinem Hund passte. Das will erklärt werden: Nach einer Legende trug der Wind einen Pfeil durch die Lüfte. Der Pfeil verliebte sich in den Wind. Aus dieser Liebe entstand eine Hündin namens Faida. Sie war so schnell, dass niemand sie erjagen konnte. Sie war frei und trug die Liebe in jeden Winkel der Erde.
Juan half mir beim Ausladen des Gepäcks und führte mich zu der Kate, in der ich mich einquartieren wollte. Das Häuschen war leicht heruntergekommen und die Einrichtung bescheiden, aber das war genau das Richtige für mich und Faida.
Hilde bezog stets im Hotel „Monopol“ Quartier. Das im Kolonialstil erbaute Haus in Puerto de la Cruz liegt in der Calle Quintana gegenüber dem Kirchplatz. Für Kenner ist es eine der besten Adressen in der Stadt. Die Stufen am Eingang werden jeden Morgen mit frischen Blumen geschmückt. Von dem Innenhof, in dem mächtige Kübelpalmen bis zur Glaskuppel aufragen, führen ausladende Treppen mit kunstvoll verzierten Geländern zu den Holzbalkonen im Obergeschoss. Für mich war das Nobelhotel zu teuer und außerdem war für Faida kein Platz.
Juan bat mich, an einem Tisch neben dem Eingang Platz zu nehmen. Er war offensichtlich bemüht, mir einen freundlichen Empfang zu bereiten, und hatte für Mineralwasser, etwas Käse und Brot gesorgt.
Wir kamen ins Gespräch. Er wollte wissen, was ich auf der Insel vorhatte, und bot seine Hilfe an, falls ich irgendetwas benötigte. Er hoffe, dass ich einen ungestörten Urlaub auf der Finca verbringen würde, meinte er. Ich könne unbesorgt sein, hier komme niemand ungesehen auf den Hof. Ich war irritiert: Warum glaubte er, mich beruhigen zu müssen?
Als ich meine Blicke schweifen ließ, hatte ich den Eindruck, als würde mich hinter der Hecke, hinter der das elterliche Wohnhaus lag, jemand beobachten. Warum kam er nicht zu uns herüber? War er zu scheu oder gab es einen anderen Grund, warum er nicht gesehen werden wollte? War das der Unbekannte, der mich im Terminal ausspioniert hatte? Juan schien bemerkt zu haben, dass ich nicht ganz bei der Sache war, ich wollte ihn aber nicht auf den Verdacht ansprechen.
Ich hätte erwartet, dass mich seine Eltern begrüßt hätten, aber von ihnen war nichts zu sehen. Gab es Unstimmigkeiten? War es ihnen nicht recht, dass ich aufgekreuzt war?
Sie seien alte Leute, meinte Juan, die Arbeit falle ihnen zunehmend schwerer, sie hofften, dass ihre Söhne sie bei der Arbeit unterstützten, aber wie das so sei, nicht immer würden die Kinder den Ansprüchen der Eltern gerecht.
Ich wusste bislang so gut wie nichts über Juans Eltern. Als ich seinen Vater erstmals zu Gesicht bekam, hatte ich kein gutes Gefühl. Er war, wie viele Canarios, klein und gedrungen. Sein Gesicht war sonnenverbrannt und faltig. Er hatte Lücken im Gebiss und Schwielen an den Händen. Die Kleidung war derb und eher eine Nummer zu groß. Der Strohhut durfte nie fehlen und auch nicht die Zigarre. Er hatte den Stumpen auch bei der Arbeit im Mund. Es war eine einheimische Sorte. Das war harter Tobak!
Er grüßte nie, schien ständig zu lauern, ob sich Unbekannte bei ihm herumtrieben, und hatte einen Stock griffbereit, um fremde Hunde und Katzen zu verscheuchen. Wenn ihm etwas wider den Strich ging, verzog er missmutig seine Miene und ließ seine Zähne blecken. Den Besen allerdings nahm er grundsätzlich nie zur Hand. Das war Frauensache! Wenn es mit seiner Frau wieder einmal Ärger gegeben hatte, stieg er in seinen Landrover und fuhr in die Dorfbar. Er hatte immer Vorfahrt, nicht nur, wenn er einen über den Durst getrunken hatte. Der Führerschein war nur „un papel“ und lesen konnte er ohnehin nicht. Irgendwann hatte man ihm die Fahrerlaubnis entzogen. Er saß jedoch weiter hinter dem Steuer. Die örtliche Polizei drückte ein Auge zu. Einen Padron am Autofahren zu hindern, wäre einer Entmündigung gleichgekommen!
Ignazio Jesús Lugo de Rodrigo lautete der Name des Alten. Das mochte an Alonso Fernández de Lugo, den Eroberer Teneriffas, erinnern. Er war im Jahr vierzehnzweiundneunzig auf der Insel gelandet. Doch bevor er sie unter seine Kontrolle bringen konnte, erlitt er im Barranco von Acentejo eine schwere Niederlage. Es schien, als sollte man sich besser von der Insel fernhalten: Als zeitgleich Kolumbus auf seiner Reise in die Neue Welt an Teneriffa vorbei segelte, brach der Teide aus und versetzte die Mannschaft in Panik.
Lugo machte seinem Namensvetter alle Ehre. Er wirkte herrisch und gab in jeder Hinsicht die Richtung vor.
„Herr Lugo“ war als Anrede undenkbar. Der Alte war mit allen auf „du“. Das war auf dem Lande so üblich und sollte zum Ausdruck bringen, dass man miteinander gut Freund war. Wenn Lugo die anderen duzte, hieß das eher, dass sie ihm nicht gewachsen waren. In meinem Fall wurde aus Friedrich „Federico“. Das klang zumindest besser als „Fritze“, wie man mich in Lippe nannte!
Inzwischen hatte ich das eine oder andere über Lugos Vergangenheit erfahren. Er hatte als Helfer in einer Bananenplantage begonnen. Das war schlecht bezahlte Knochenarbeit. Wie viele der Inselbewohner hatte auch ihn die Armut in die Fremde getrieben. Die lippischen Bauern hatte es nach Nordamerika gezogen. Lugo war nach Venezuela gegangen. Südamerika war für ihn das wahre Amerika. Er verachtete die „Gringos“ aus dem Norden des Kontinents.
Er mochte auch die Festlandspanier nicht und stimmte bei den Wahlen für die kanarische Regionalpartei. Wenn die staatliche „Guardia Civil“ auftauchte, pflegte er lauthals zu fluchen und machte einen großen Bogen um die ungeliebten Ordnungshüter.
Lugo mochte überhaupt keine Fremden. Das galt sowohl für die Touristen als auch für die auf der Insel ansässig gewordenen Residenten: „Sie spielen sich als die neuen Herren auf, aber aus ihnen werden nie Canarios! Ihre Prachtvillen stehen an der Küste in erster Reihe. Die Canarios wohnen in öden Wohnblöcken im Hinterland und müssen ihre Kröten zählen.“
Die größten Vorbehalte hatte Lugo gegenüber den Flüchtlingen, die neuerdings aus Afrika auf die Insel strömten: „Sie haben hier nichts zu suchen. Sie treiben sich als fliegende Händler herum, verkaufen gefälschte Waren als Markenprodukte, handeln mit Drogen, stehlen und vergreifen sich an den einheimischen Mädchen.“
Lugo verglich sie mit Heuschrecken. Die Plagegeister waren gelegentlich auf seiner Finca aufgetaucht. „Hogpeerdken“ nennt man sie in Lippe. Die heimische Art ist klein und ungefährlich, aber in Afrika fressen die Tiere ganze Landstriche kahl. Obwohl sie wegen der Spiegelung ungern über Wasser fliegen, verdriftet es sie bei entsprechenden Windverhältnissen bis zu den Kanaren, was bislang jedoch als lokales Problem ohne Langzeitwirkung galt, denn die Tiere haben, aufgrund der ungünstigen Witterungsverhältnisse, keine Überlebenschancen.
Mit Juan kam ich auf Anhieb klar. Er war fleißig und willig, aber von Statur schmächtig, was nicht gerade die beste Voraussetzung für die harte Arbeit auf der Finca war. Er litt augenscheinlich unter der herrischen Art seines Vaters. Da half auch nicht, dass die Mutter wild zu keifen begann, wenn er seinen Sohn grundlos zurechtstutzte. Das Geschrei war bis zu meiner Kate zu hören. Ich wollte schlichten. Juan wehrte ab: „Der Alte lässt sich von niemandem etwas sagen!“
Juan ging seinem Vater aus dem Wege. Nach Feierabend verkroch er sich in eine Laube hinter dem Haus und nahm die Timple zur Hand. Die Canarios sind stolz auf das zierliche, lautenähnliche Saiteninstrument, aber viel Staat kann man mit dem Winzling nicht machen, denn in der Regel kommt er nur im Rudel mit Artgenossen zum Einsatz.
Die Laube war von blühender Bougainvilla umrankt. Es war ein prächtiger Anblick, aber die Töne, die Juan der Timple entlockte, klangen traurig. Er hielt sie liebevoll im Arm, als wäre sie sein Mädel. Ich hatte keine Ahnung, ob er eine Freundin hatte, aber wie es ausschaute, wirkte er eher wie ein Mauerblümchen. Offensichtlich gab es niemanden, der ihm Zuneigung schenkte.
Ihm blieben nur die Tiere. Für die Tauben hatte er eine Voliere gebaut. Wenn er sie freiließ, zogen sie im Schwarm über das Fincagelände, bis sie sich am Ende freiwillig wieder einfanden. Die Katzen hatten ihren Futter- und Wassernapf neben dem Kücheneingang. Ansonsten kamen sie allein zurecht.
Die Hunde hatte Juan besonders in sein Herz geschlossen. Sie hatten ihre Behausung auf dem Flachdach des Wohnhauses. Dort konnten sie frei laufen und im Sommer schützte sie eine Hütte vor der gleißenden Sonne. Wenn sich ein Fremder näherte, begann ein ohrenbetäubendes Gekläffe und man musste befürchten, dass sie jederzeit über die Brüstung sprangen. Wenn Juan ihnen das Futter brachte, rief er sie einzeln beim Namen. Während des Fressens hockte er sich neben sie und sprach mit ihnen. Nach dem Füttern tollte er mit ihnen noch eine Weile herum.
Für Lugo waren die Tiere unverzichtbare Helfer. Wenn am Sonntag die Jagd anstand, packte er sie in den Landrover. Faida wollte nur zu gern mit. Ich hätte es ihr von Herzen gegönnt. Lugo hatte abgewinkt. Sie gehörte nicht zum Rudel!
Wenn er mit der Meute aufbrach, stand Juan verstohlen hinter dem Eingangstor der Finca und wartete, bis der Vater außer Sichtweite war. Dann ging er auf Fischfang. Es sah atemberaubend aus, wenn er auf den Klippen hockte und die Angel auswarf. Vor ihm gähnte der Abgrund und tief unten schlugen die Wellen haushoch gegen die schroffen Felswände. Nach seiner Rückkehr griff sich seine Mutter wortlos den Fang. Lugo gönnte ihm keinen Blick und meinte verächtlich: „Lohnt die Mühe nicht! Wenn du auf der Finca gearbeitet hättest, wäre mehr dabei herausgesprungen!“
Lugos Jagdrevier lag in den Bergen oberhalb der Fincas, wo der Bereich der Baumheide beginnt. Dort ließ Lugo die Hunde frei. Sie schwärmten kläffend aus, suchten bald hier bald dort nach einer Spur und wenn sie einen Kaninchenbau ausmachten, steigerten sie ihr Gebell und wedelten wild mit der Rute. Graben ließ es sich in dem felsigen Untergrund kaum, aber das Gebell versetzte die Kaninchen in Panik. Wenn sie in ihrer Not aus dem Bau stürzten und ihr Heil in der Flucht suchten, hetzte die Meute hinterher und packte zu. Anschließend mussten die Hunde die Beute bei Lugo abliefern. Der tötete das Tier mit einem gezielten Schlag in den Nacken und knüpfte es an seinen Gürtel. Die Hunde erhielten eine Belohnung aus der mitgeführten Jagdtasche.
Wenn ich bei den Jägern in Dalborn diese Jagdmethode zur Sprache brachte, staunten sie: „Duiwel auch! Ganz ohne Pulver und Blei?“
Ich hatte einen einschlägigen Artikel verfasst. Das Echo fiel unterschiedlich aus. „Uralte Jagdmethode und artgerechte Haltung!“, fanden manche. „Das Wild ist eine unverfälschte Nahrung und gesünder als die Billigware aus der Massenzucht!“, lobten die Ernährungsbewussten. Nur die Vegetarier hatten wieder einmal grundsätzlich gemault.
Hilde war aufgebracht: „Das Hetzen der Beute ist eine grausame Methode! Sie ist inzwischen weltweit verboten.“
„Darauf ist die Rasse gezüchtet“, wandte ich ein. „Wenn man diese Art zu jagen verbietet, stirbt ein angestammtes Erbgut am Ende aus.“
„Und wenn schon“, meinte sie. „Es gibt auch unter den Zweibeinigen genug gnadenlose Jäger. Das kann man täglich in deiner Zeitung nachlesen!“
„Das stimmt!“, musste ich einräumen.
„Na also“, triumphierte sie. „Habe ich doch wieder mal Recht!“
Juans Bruder Carlos war aus einem anderen Holz geschnitzt als Juan. Er war großgewachsen und eine sportliche Erscheinung. Er hatte markante Züge und eine dunkle Lockenmähne. Hilde hatte einen solchen Typ in Teneriffa kennengelernt. Ich hatte mir seinen Namen nicht gemerkt, aber mir war, als hätte ich ihn jetzt vor mir!
Für mich hatte sein Aussehen etwas Bedrohliches. Er war am ganzen Körper stark behaart. Sein Gebiss war ausgeprägt und wenn er seinen Mund öffnete, schien es, als fletschte ein Wolf seine Zähne. Ich wurde die Furcht nicht los, dass mir von ihm Gefahr drohte.
Mein Eindruck hatte mich nicht getäuscht: Carlos war das schwarze Schaf in der Familie. Er zeigte keinerlei Interesse an der Landwirtschaft und ging keiner geregelten Arbeit nach. Niemand wusste, wovon er eigentlich lebte. Mir war aufgefallen, dass er häufig außer Haus war. Meist war er erst spät am Abend zurück. Juan meinte, er helfe bei einer Baufirma aus. Ich hörte heraus, dass mit der Firma etwas nicht stimmte. Auf Nachfrage wollte er nicht ausschließen, dass sie Geschäfte mit der Drogenmaffia machte.
Carlos ließ keine Gelegenheit aus, um Juan zu demütigen. Er nannte ihn einen „perdedor“, was soviel wie „Versager“ bedeutet, oder auch „nulidad“, was so viel wie „Niete“ heißt. Er verschonte auch die Tiere nicht. Er demolierte Juans Taubenvoliere und verprügelte die Katzen und Hunde. Er hatte es auch auf Faida abgesehen. Er musste sie auf derbe Weise verscheucht haben. Als sie nach stundenlangem Warten wieder aufkreuzte, wirkte sie völlig verstört. Carlos grinste mich höhnisch an. Faida knurrte böse zurück.
Unlängst hatte es erneut Streit zwischen Carlos und seinem Bruder gegeben. Carlos war ungehalten, weil er ihm angeblich nachspionierte.
„Wenn du ausplauderst, bist du dran“, fauchte er ihn an.
„Lass mich in Ruhe!“, beschwichtigte Juan. „Ich verpfeife keinen aus der Familie.“
„Das will ich dir auch raten!“, drohte Carlos. Dann gab er ihm mit der Faust einen derben Schubs vor die Brust. Juan torkelte und fiel zu Boden. Er wagte nicht, zu seinem Bruder aufzublicken. Carlos gab sich auch mir gegenüber ausgesprochen feindselig. Nahm er mir übel, dass ich mich auf Juans Seite schlug, wenn ich wieder einmal Zeuge wurde, wie er seinen Bruder demütigte, oder fürchtete er, dass ich etwas über seine Machenschaften herausbekommen könnte?
Carlos galt bei manchen Frauen als toller Bursche, aber seine Liebschaften hatten nie lang gehalten. Ich fragte mich warum. Hatte er kein wirkliches Interesse an Frauen? Munkelte man zu Recht, dass er schwul war? Warum war er dann mit Lucia Bencomo liiert? Was versprach er sich von ihr? Ging es ihm um Ansehen und Wohlstand?
Dafür sprach einiges: Lucias Vater war Geschäftsführer eines renommierten Restaurants in Puerto de la Cruz und sie dessen Sekretärin. Sie war sich ihrer Stellung bewusst und gewohnt, hofiert zu werden. Entsprechend mondän war ihr Aufzug. Sie hatte ein aufwändiges Make-up, trug luftige, mit Stickereien durchsetzte Kleider, die ihre Körperformen unverhohlen betonten, und dazu hochhackige, zierliche Stöckelschuhe. Besonders kess wirkte ein ausladender Hut, an dem eine knallrote Hibiskus-Blüte befestigt war. Sie erinnerte mich an die sogenannte „Feuerblume“, die sich die Mädchen ansteckten, wenn sie sich mit den jungen Burschen zum Tanz einfanden. Lucia war nicht nur ein kapriziöser Typ, sie hatte auch ein ausgefallenes Hobby. Wie Carlos war auch sie Mitglied im örtlichen Klub der Paraglider. Wenn sich die beiden von den Steilhängen in die Lüfte schwangen, wetteiferten sie, wer von ihnen länger in der Luft blieb. Meist war er besser. Sie konnte das nur schwer ertragen.
„Glaub bloß nicht, wir Frauen könnten nicht mithalten!“, ereiferte sie sich. „Warte nur, beim nächsten Mal bin ich besser!“
„Sieh lieber zu, dass du heil runterkommst!“, gab er spöttisch zurück. Sie konnte nicht ahnen, auf welche Weise sich das später bewahrheiten sollte!
Es war offensichtlich, dass sich die beiden nicht verstanden. Ich hatte mitbekommen, dass sie sich heftig stritten. Ich hörte, wie er sie auf die übelste Weise beschimpfte. Sie gab keineswegs klein bei und fauchte ihn an, er sei kein richtiger Mann und sie habe endgültig die Nase voll.
Auf Lugos Finca kreuzte sie nur gelegentlich auf. Man sah ihr an, dass sie sich dort nicht wohlfühlte. Wenn Lugo ihr begegnete, warf er ihr einen verächtlichen Blick zu und ging danach wortlos seines Weges.
„Das Mädchen sitzt auf dem hohen Ross!“, hatte er gewettert. „Für sie sind wir arme Schlucker! Aber ich bin der Vater und habe ein Wort mitzureden, wenn es um die angehende Frau meines Sohnes geht! Die jedenfalls kommt überhaupt nicht infrage!“ In seinen Augen war sie vom gleichen Schlag wie die biblische Eva, die Adam zum Frevel verführt hatte, und Carlos ein vom Satan besessener Sünder.
Ich traute Carlos nicht über den Weg: Ich fragte mich, ob er mich im Terminal ausgespäht und anschließend im Taxi verfolgt hatte. Der Unbekannte hatte einen Koffer vom Band gezogen, aber das musste nicht heißen, dass er zu den Passagieren gehörte. Carlos konnte problemlos in die Abfertigungshalle gelangen. Sie gehörte nicht zum Sicherheitsbereich.
Zudem beschlich mich der Verdacht, dass er in den Mord im Barranco Ruiz verwickelt sein könnte. Bislang war mir nur bekannt, was das „Wochenblatt“ zu dem Fall hatte verlauten lassen. Die Zeitung informierte deutsche Urlauber über das aktuelle Geschehen, machte sie mit dem Leben auf Teneriffa vertraut und gab einschlägige Tipps über Hotels und Ausflugsziele. Mein Chef hatte mir dringend ans Herz gelegt, Kontakt mit dem Herausgeber aufzunehmen.
Die Suche nach dem Täter sei noch in vollem Gange, hieß es in dem Blatt, und auch über die Identität des Toten lägen noch keine Erkenntnisse vor, da er keine Papiere bei sich getragen habe. Um einen Raubmord könne es sich indes nicht handeln: Alle Wertsachen seien noch vorhanden gewesen.
Wanderer hatten die Leiche in einem Gebüsch entdeckt. Der Anblick war grauenhaft: Der Tote hatte in einer Blutlache gelegen. Seine Augen waren weit aufgerissen, als habe er den Mörder noch immer vor sich, und seine Hände verkrampft, als ob er sich noch immer gegen den Angreifer wehren wollte. Die Leiche war grässlich verstümmelt. Am Schädel und im Nackenbereich wies sie tiefe Stichwunden auf, die von einer Machete zu stammen schienen. Demnach musste es sich bei dem Täter um einen Einheimischen handeln.
Man hatte die Machete in der Nähe des Tatortes gefunden. Dass der Täter sie aus Achtlosigkeit liegengelassen hatte, war auszuschließen, musste er doch befürchten, dass sie ihn verraten würde. Wurde er überrascht, war sie ihm auf der Flucht aus der Hand geglitten? Dann aber hätte er sie schleunigst wieder an sich bringen müssen! Wollte er, dass man sie findet, und warum?
Das Opfer verkehrte angeblich in einem Gayclub in Puerto de la Cruz. Der Club befand sich in der Avenida Betancourt y Molina. Die Straße lag unweit der Strandpromenade und war das Zentrum der Schwulenszene. Man munkelte, dass dort auch mit Drogen gehandelt wurde.
Zeugen wollten bemerkt haben, dass Carlos am Eingang des Clubs mit jemandem in Streit geraten war. Es war zu diesem Zeitpunkt bereits dunkel und der Ort des Geschehens so gut wie unbeleuchtet, sodass es sich nicht sagen ließ, wer der andere war.
Die Ermittler gingen davon aus, dass es sich um die gleiche Person handelte, die im Barranco Ruiz tot aufgefunden wurde. War das ein mit Carlos befreundeter Schwuler? Wusste er von seinen Machenschaften? Wollte er Carlos erpressen? Hatte Carlos ihn deshalb beseitigt?
Lugo schwor heilige Eide, dass Carlos mit dem Mord nichts zu tun habe, denn sein Sohn sei zum Zeitpunkt der Tat nachweislich zu Hause gewesen.
Was sollte ich sagen? War das ein stichhaltiges Alibi? Wenn es um die Ehre der Familie ging, mochte Lugo jedes Mittel recht sein!
Dann aber fand man an der Tatwaffe auch Spuren von Lucia. Als man sie ins Verhör nahm, wies sie jeden Verdacht weit von sich. Zur Tatzeit war sie angeblich oberhalb des Playa Socorro mit ihrem Gleitschirm aufgestiegen. Außer einem Sportkameraden, der sie begleitet hatte, gab es allerdings keine Zeugen. Dass es an der Machete Spuren von ihr gab, war angeblich nicht verwunderlich. Sie hatte die Machete gelegentlich in der Hand gehabt, was jedoch nicht heißen wollte, dass sie den Mord begangen hatte.
Nachträglich hatte man in der Nähe des Tatortes auch ein Etui mit Schminkutensilien gefunden. Carlos benutzte nachweislich keine Schminke. Als man auf dem Etui Spuren von Lucia fand, räumte sie ein, dass es ihr gehörte. Sie trug es angeblich immer bei sich. Vermutlich war es ihr bei einem Flug mit dem Paraglider abhandengekommen.
Ich fragte mich, warum Lucia den Mord begangen haben sollte. War es eine Eifersuchtstat? Aber warum hatte sie nicht Carlos, sondern dessen Liebhaber umgebracht? Wollte sie Carlos verschonen? Liebte sie ihn doch? Hoffte sie, ihn zurückgewinnen zu können?
Zum anderen fragte ich mich, ob eine Frau überhaupt in der Lage war, mit einer Machete umzugehen. Lucia war ein sportlicher Typ, aber es bedurfte doch einer merklichen Kraftanstrengung, um einen Menschen damit zu töten! Warum hatte sie nicht zu Gift gegriffen?
Ich sprach Juan an. „Glaubst du, dass dein Bruder den Mord begangen hat?“
Er nickte.
„Wie kommst du darauf!“
„Ich habe gesehen, dass sich Carlos zur fraglichen Zeit auf den Weg zum Barranco Ruiz gemacht hat!“
Ich war mir nicht sicher, ob er wirklich von der Schuld seines Bruders überzeugt war. Wollte er ihn hinter Gitter bringen, um ihn endlich loszuwerden? Das wollte ich ihm eher nicht unterstellen. Das war ganz und gar nicht seine Art!
„Bist du bereit, das vor Gericht zu bestätigen?“
Er winkte ab: „Ich verpfeife meinen Bruder nicht!“
Ich wunderte mich, dass Juan bei seiner Vernehmung dann doch aussagte, was er beobachtet hatte. Hatte Lucia ihn unter Druck gesetzt? Ich wollte das nicht ausschließen, aber womit sollte sie Juan in der Hand haben?
Die Ermittler wussten nicht, wem sie Glauben schenken sollten. Unter diesen Umständen musste man Lucia und Carlos, wenn auch unter strengen Auflagen, vorläufig wieder auf freien Fuß setzen. Lucia triumphierte. Carlos schäumte vor Wut: „Dass Juan mich zur Tatzeit im Ruiz gesehen haben will, ist erlogen! Das ist die Rache eines Schwächlings! Dem werde ich es noch zeigen!“
Ich fragte mich, ob ich mich hätte einmischen sollen. Ich hätte den Ermittlern mitteilen können, was ich über Carlos und Lucia wusste, aber auch ich war mir nicht sicher, wer von den beiden den Mord begangen haben könnte. Im Grunde geht dich das nichts an, sagte ich mir. Was Sache ist, müssen die Ermittler herausfinden!
Carlos ließ sich kaum blicken. Lugo wollte wissen, was Sache war. Er hatte sich zur Schlafkammer seines Sohnes aufgemacht. Carlos lag im Bett und rührte sich nicht. Lugo rüttelte ihn wach. Sein Sohn blickte ihn mit glasigen Augen an.
„Steh endlich auf!“, herrschte Lugo ihn an.
Carlos rührte sich noch immer nicht. Lugo zog die Bettdecke weg. Carlos raffte sich mühsam auf und torkelte schwankend auf seinen Vater zu.
„Hast du wieder das Zeug genommen?“, fauchte Lugo ihn an.
Carlos stierte ihn böswillig an, stieß einen wilden Fluch aus und es hatte den Anschein, als wollte er sich auf Lugo stürzen.
Auch Juan hatte Verdächtiges festgestellt: Er führte mich zu einem verwilderten, von Kakteen und Wolfsmilchgewächsen überwucherten Bereich der Finca. Dort tat sich ein Hohlraum auf, der sich vor Urzeiten in den glühenden Lavamassen gebildet hatte. Ich war sowohl von den Ausmaßen als auch vom Aussehen der Kaverne beeindruckt. Das ineinander verkeilte Deckengestein wirkte wie die Kuppel einer Kathedrale und die aus den Wanddurchbrüchen strömenden Sonnenstrahlen versetzten den Raum in ein sanftes Dämmerlicht.
Auf dem Boden waren Felsbrocken zu einer Feuerstelle aufgeschichtet. Verkohltes Holz deutete darauf hin, dass man vor nicht allzu langer Zeit ein Feuer entzündet hatte. Am hinteren Ende mündete die Kaverne in einen Gang, der sich angeblich bis weit in das Innere des Berges erstreckte und an einer Meeresbucht unterhalb von Lugos Finca mündete. Nachdem sich vor Jahren zwei Kinder in dem Höhlensystem verirrt hatten und danach nicht mehr aufzufinden waren, hatte man den Zugang zu der Kaverne mit einem schweren, eisernen Tor verschlossen, aber unlängst war Juan aufgefallen, dass man es aufgebrochen hatte.
Er war auf Lauer gegangen und hatte beobachtet, dass Carlos durch das Gelände schlich.
„Hast du eine Ahnung, was er dort vorhatte?“, wollte ich wissen.
„Nein, aber mit Sicherheit nichts Gutes!“
„War er allein?“
„Da war noch eine andere Person dabei.“
„Hast du sie erkannt?“
„Nein! Dafür war es bereits zu dunkel. Zunächst dachte ich, es sei Lucia, aber von der Stimme her, muss es ein Mann gewesen sein.“
War das ein Kumpan? Wollten sie Geld oder Drogen in der Höhle verstecken oder handelte es sich um Houseman oder Tötemeier?
„Du erinnerst dich, dass uns am Flughafen ein Taxi gefolgt ist!“, pirschte ich mich vorsichtig vor.
„Ach was, das will nichts heißen!“
„Vielleicht doch! Es gibt Leute, die hinter mir her sein könnten. Kann sein, dass sie sich in meiner Nähe aufhalten. Hast du bemerkt, dass sich Fremde in der Gegend herumtreiben?“
„Nicht dass ich wüsste! Die Hunde melden sofort, wenn ein Fremder auftaucht!“
Tags darauf hatte ich Hilde im Hörer. „Ich muss dir unbedingt mitteilen, was sich vor deiner Abreise getan hat!“, sagte sie. „Vielleicht hat das mit deiner Vermutung zu tun, dass jemand hinter dir her ist. Ich hätte dir das früher mitteilen können, aber seinerzeit konnte ich das noch nicht wissen.“
Sie war im Kurpark von Bad Salzuflen. Sie brauchte Entspannung. Sie musste mal raus und auf andere Gedanken kommen. Sie war durch die Anlagen gebummelt, hatte sich an der Pracht der Blumenbeete und der alten Baumbestände erfreut, hatte die Teiche, Wasserfälle und Springbrunnen bestaunt, hatte in der Wandelhalle das Heilwasser getrunken und anschließend unter dem Kupferdach der Rotunde Platz genommen und dem Gesang der Vögel gelauscht.
„Alles wirkte so friedlich“, meinte sie, „aber dann klingelte mein Handy. Ich dachte, du wärst es, doch es meldete sich ein Unbekannter. Er gab sich als Mitarbeiter der Detmolder Polizei aus. Dass er seinen Namen nicht nannte, machte mich auf Anhieb misstrauisch. Er habe eine wichtige Mitteilung für dich, sagte er. Die Sache sei vertraulich. Doch er habe dich weder in Dalborn noch an deiner Arbeitsstelle angetroffen. Als er wissen wollte, wo du dich zurzeit aufhältst, hatte ich den Eindruck, dass er mich aushorchen wollte, und gab zu verstehen, dass ich nicht gewillt war, Auskunft zu erteilen.“
„Gut zu wissen“, sagte ich. „Du solltest Dunkelmann verständigen!“
„Mach du das!“, sagte sie.
Ich ließ es bei ihm läuten. Er roch umgehend Lunte: „Der Anrufer war nicht von der Polizei. Dort weiß man, wo Sie sich zurzeit aufhalten. Es war richtig, dass sich Ihre Frau bedeckt gehalten hat!“
Unkenrufe
Auf dem Gipfel des Teide lag noch Schnee, aber hier unten grünte und blühte es allenthalben. In Lippe herrschte noch tiefster Winter. Es würde noch eine Weile dauern, bis man die vom Frost gebeutelten Beete abräumen und sich in den Gartenmärkten mit Primeln und anderen hartgesottenen Frühsorten eindecken würde. Hier wurde bereits geerntet. In wenigen Monaten würde die nächste Pflanzperiode beginnen.
Die Bauern in Dalborn hätten gestaunt: „Drei Ernten im Jahr? Wie ist das möglich?“
Aber von allein wachse auch auf der Insel nichts, hätte ich sagen können. Die Campesinos müssten noch zu Hacke und Schaufel greifen, denn moderne Landmaschinen kenne man kaum.
Das Wichtigste war die Wasserversorgung. Die schmalen, wegen der Hanglage terrassenförmig angelegten Beete waren mit ausgeklügelten Bewässerungssystemen ausgerüstet. Früher floss das Wasser durch gemauerte Kanäle. Inzwischen strömte es aus Plastikrohren. Im Sommer wurde das Wasser knapp. Wenn der im Winter in der Balse gespeicherte Vorrat nicht reichte, musste für teures Geld nachgekauft werden. Lugo hatte die Leitungen der Nachbarn angezapft. Er war ein gottesfürchtiger Mensch, aber für ihn gehörte das zu den lässlichen Sünden, die der Herr den Seinen verzeiht.
Der aus der Vulkanasche entstandene Boden war äußerst fruchtbar, aber mit dem Feuerberg im Herzen der Insel war nicht zu spaßen. Tief im Inneren des Teide hauste für Lugo der Satan und in den Höhlen „Cuevas del Viento“ geisterten angeblich Hexen und Gespenster herum. Ich hielt nichts von Geistern und Gespenstern, aber wenn sich der Vulkan am Abend in dunkle Wolken hüllte und die Strahlen der untergehenden Sonne sie glutrot färbten, hatte ich zuweilen ein mulmiges Gefühl. Das Böse lauerte auf seiner Finca. Es kam aus der Luft oder kroch aus dem Boden. Man konnte es an den Schädlingen sehen, die über die Pflanzen herfielen, und an dem Unkraut, das sich überall breitmachte. Beides wurde von Lugo mit der Giftspritze bekämpft.
Ab und an ließ der Herr dem Satan freien Lauf. Wenn dann der Vulkan Glut und Asche spuckte, konnte nur noch die Gottesmutter helfen. Die „Virgen de los desamparados“ ließ ihre Kinder nie im Stich, auch nicht, wenn das Geld ausging oder wenn man von Krankheit geplagt wurde, was Lugo aber nicht daran hinderte, sich zusätzliche Hilfen zu verschaffen. Man wollte ihn wiederholt beim Wunderheiler gesehen haben, der angeblich auch weissagen konnte.
Lugos Finca war nicht allzu groß und warf kaum mehr ab, als man selbst verbrauchte. Man baute Paprika, Mais, Zucchinis und Melonen an, aber auch in Lippe heimische Sorten wie Kartoffeln, Tomaten, Möhren, Kohl, Spinat, Zwiebeln und Salat. Alles wuchs üppiger als daheim und schmeckte würziger, wirkte aber beim Verzehr um einiges härter.
Bei den Obstsorten überwogen südländische Gewächse wie Orangen, Zitronen, Bananen, Papayas, Mangos, Feigen, Mandeln, Avocados und Guayabas. Die meisten dieser Südfrüchte kannte man früher in Lippe nicht, sie werden aber heute in jedem Supermarkt angeboten.
Für Hilde hatte jede Frucht ihr eigenes Geheimnis. Mal enthielt sie seltene Vitamine, mal andere Stoffe, die in den heimischen Sorten nicht vorkamen. Die lippische Kost war ihr ein Gräuel: „Viel zu fettig und kalorienreich! Das macht auf Dauer krank!“
Ich musste ihr Recht geben, fand jedoch, dass so manches althergebrachte Hausrezept nicht zu verachten war.
„Pickert mit Leberwurst und Pflaumenmus gilt als eine besondere Spezialität“, hatte ich geschwärmt. „Das muss man probiert haben!“
Hilde hatte abgewinkt: „Das kannst du vergessen! In dem Gericht steckt nichts Frisches!
Ich hatte geschwiegen. Ich war froh, dass es keine lange Diskussion gab!
Im Weingarten gab es nur zwei Rebsorten: „Listan Negro“ und „Listan Blanco“. Der Rote war kräftig, hatte aber eine bittere Note. Der Weiße war süffig und ging, gut gekühlt, rasch in die Krone. Der Rebsaft wurde ohne viel Aufwand verarbeitet und jung getrunken. Für den Eigenbedarf reichte die Qualität.
Für Hilde musste Hochwertigeres, in Eichenfässern Gelagertes her. Sie achtete streng auf Rebsorte, Herkunft und Jahrgang. Das Einschenken war Kult: Sie öffnete die Flasche, schnüffelte am Korken und prüfte, ob ein Korkfehler vorlag. Dann goss sie zunächst eine geringe Menge ein. Das Glas musste „stilvoll“ sein, was bedeutete, dass es langstielig und dünnwandig sein und eine möglichst kleine Öffnung aufweisen sollte, damit sich die „Blume“ besser fing. Sie goss den Wein wieder aus, weil Fremdgerüche, die von Spülmitteln stammen, den Geschmack verfälschen können, und befüllte das Glas erneut, aber nur bis zu einem Drittel, fasste es dabei nur am Stiel, damit der Inhalt vor der Körperwärme abgeschirmt war, und schwenkte es, bis die Innenwand rundum benetzt war. Vor dem ersten Schluck nahm sie das Aroma zunächst intensiv mit der Nase auf, ließ anschließend den Wein den gesamten Mundbereich umspülen und „kaute“ ihn, hielt inne, um die Geschmacksstoffe wirken zu lassen, und signalisierte, bei Gefallen, dass alles in Ordnung war, selbstverständlich mit fachmännischem Kommentar.
„Man erfährt viel über den Charakter der Einheimischen, wenn man sieht, was bei ihnen auf den Tisch kommt!“, hatte Hilde laut getönt. Ihre Erfahrungen beschränkten sich allerdings auf die Hotelküche. Dort richtete man sich nach dem neuesten Trend, was hieß, dass das Gemüse leicht gedünstet oder kurz angeschmort und somit noch leicht bissig war. So hatte Hilde es auch den Frauenzeitschriften entnommen. Die gaben stets die besten Ratschläge, womit man die Männer verwöhnen kann! Einmal hatte es Hilde in einen Landgasthof verschlagen. Auf der Speisekarte stand „Conejo Salmorecho“, ein landestypischer Kaninchen-Eintopf mit Knoblauch, Zwiebeln und Tomaten. Als Beilage wurden kleine, ungeschälte und in Salzlake gekochte Kartoffeln gereicht. Die „papas arrugadas“ sind ein „Muss“ für alle Touristen! Hilde hatte dem Braten von Anfang an nicht getraut. Der Koch hatte das Fleisch wahllos in Stücke gehackt. Als Hilde die Knochensplitter mühsam aus der Soße fischen musste, hatte sie endgültig die Nase voll.
Ich hatte mir vorgenommen, die nähere Umgebung zu erkunden. Ich folgte zunächst einem Küstenpfad, der meerseits vor der Finca verlief und von der Mündung des Barranco Ruiz bis zu dem kleinen Fischerort Las Aguas reichte. Der Weg war schmal und holprig und es ging ständig bergauf und bergab. Landeinwärts, hinter aus Lavagestein aufgeschichteten Mauern, lagen die Fincas der Campesinos. Die Felder wurden nur noch von alten Leuten bewirtschaftet. Sie waren zum Teil bereits verwildert und die verrosteten Seilaufzüge zur Straße weiter oberhalb schon lange außer Betrieb.
Zum Meer hin gähnte der Abgrund. Zuweilen führte der Pfad über überhängende Felsnasen, die aussahen, als könnten sie jeden Augenblick wegbrechen. An einigen Stellen war das Erdreich den Hang hinuntergerutscht. Faida scherte sich nicht um die Gefahren. Sie schnüffelte nach allen Seiten, ob ihr ein anderer Hund eine Botschaft hinterlassen hatte. Ich hielt sie an der Leine, denn sie hatte es auf die Kaninchen abgesehen, die sich in dem umliegenden Gelände tummelten, und ich fürchtete, sie könnte beim Hetzen der Tiere in die Tiefe stürzen oder am Ende den Weg nicht zurückfinden.
Lugo hatte mich ausgelacht: „Ein Hund geht nicht an der Leine! Das ist Tierquälerei! Dein Hund findet sich tausendmal besser zurecht als du!“
Das hieß jedoch nicht, dass ich Faida auf seiner Finca frei laufen lassen konnte, denn dort könnte sie seine Kaninchen jagen!
Ich genoss die laue Luft und den Sonnenschein, hatte den würzigen Duft des wilden Lavendels und des Fenchels in der Nase, ließ meinen Blick über die ringsum wuchernden Wolfsmichgewächse schweifen, schaute zu den bizarren Blütenständen einer Agave hoch, pflückte von einem Kaktus eine knallrot leuchtende Frucht und von einem Rizinus eine der kugelförmigen, stachelbewehrten Fruchtkapseln. Besonders angetan hatten es mir die allenthalben in den Steinmauern wurzelnden Gänsedisteln. Die buttergelben Blüten des löwenzahnähnlichen Gewächses erreichten eine erstaunliche Größe!
Nach einer Weile lag eine alte Bauernkate am Weg. Im Erdgeschoss gab es zwei winzige Räume. In dem vorkragenden, mit grünen Sprossenfenstern versehenen Obergeschoss mochte sich der Schlafraum befinden. Vor dem Eingang lehnte ein klappriges Motorrad. Damit musste der Campesino alles herbeikarren, was er nicht selbst auf der Finca erzeugte.
Im Garten hinter dem Haus stolzierte der Hahn stolz um seine Hennen herum und ließ sich von Faidas Gebell nicht beirren. Faida hatte es ohnehin mehr auf die Katzen abgesehen. Sie war wild darauf, sie aufzuscheuchen, aber die listigen Schleicher hatten sie längst bemerkt und sich verkrochen.
An der Haustür standen diverse Näpfe mit Futter und Wasser herum. Die Hunde konnten sich nach Belieben bedienen. Ihre Hinterlassenschaften waren allseits auf dem Weg verstreut. Den Campesino schien das nicht zu stören. Warum sollte er sie aufheben? Nach kurzer Zeit würden sie vertrocknet sein und sich in Luft auflösen!
Als ich auftauchte, stürmten die Hunde kläffend aus dem Haus. Dann ging die wilde Jagd los. Sie wuselten um mich herum und wenn Faida ihnen nachsetzen wollte, verfing sie sich prompt in der Leine.
Selber schuld, mochte der Alte denken, wenn man seinen Hund nicht frei laufen lässt!
Zwischen der Haustür und dem Rand der Klippen war gerade mal Platz für den Pfad. Ich sah Faida im Geiste bereits den Abgrund hinabstürzen. Der Alte schaute gelassen zu. Er hatte fünf Hunde! Einer weniger wollte nichts heißen!
Faida war das Toben nach einer Weile leid. Benehmt euch gefälligst, schien sie zu signalisieren. Ich bin jetzt bei vornehmen Leuten. Mein neues Herrchen spricht anders als die Leute hier, aber inzwischen verstehe ich, was er zu mir sagt. Er bringt mir allerhand bei. Wenn ich Sitz mache, bekomme ich immer etwas Leckeres. Was das Fressen betrifft, habe ich es besser als zuvor. Das Futter ist vom Feinsten! Früher haben mir die anderen Hunde alles weggefressen. Jetzt habe ich meinen Napf ganz für mich allein. Aber wenn ich in der Küche etwas stibitzen will, schimpft mich mein Herrchen aus.
Er will auch nicht, dass ich Kaninchen jage. Ich muss mich mit Mäusen zufriedengeben. Doch ich habe inzwischen raus, wie man sie kriegt. Manchmal erwische ich mehrere hintereinander! Ich darf auch keine Katzen scheuchen oder Vögeln auflauern.
Ich weiß auch nicht, warum ich mein Geschäft nicht mehr vor der Haustür machen darf. Das ist doch wichtig, denn damit mache ich anderen Hunden klar, dass hier mein Revier liegt! Am schlimmsten ist, dass ich an einer Leine gehen muss. Das mag ich überhaupt nicht! Daran muss ich mich erst gewöhnen.
Leider hält mein Herrchen keine anderen Hunde! Aber wir sind doch gesellige Wesen! Wir brauchen das Rudel. Freut euch, dass ihr es besser habt! Vor wilden Hunden muss ich mich angeblich hüten. Man erkennt sie daran, dass sie grau sind und ganz große Zähne haben. Sie riechen auch anders. Manchmal höre ich sie in der Ferne heulen. Aber wenn man ihnen begegnet, soll es gefährlich werden.
Ob die anderen Hunde verstanden hatten, ließ sich nicht sagen. Ich hingegen kam mit dem Campesino ins Gespräch. Als ich ihn beiläufig wissen ließ, wo ich Quartier bezogen hatte, zog er die Augenbrauen hoch.
„Lugo ist ein tüchtiger Bauer“, meinte er, „aber ein kauziger Typ. „Dass er Fremde bei sich aufnimmt, wundert mich.“
Mehr wollte er offensichtlich nicht preisgeben, aber ich hatte den Eindruck, dass er mich warnen wollte.
Der Weg mündete wenig später in einen kleinen Weiler. Rosario war ein verschlafenes Nest und noch winziger als Dalborn. Die Häuser beiderseits der engen Dorfgasse schmiegten sich hangaufwärts in das Felsgestein. Meerseits krallten sie sich in die steil abfallenden Klippen. Aus den Küchen strömten die Gerüche von Gebratenem, aus den Hinterhöfen schallte der Lärm der Kinder.
Am Ende der Gasse lag ein Haus, aus dessen Fenster stets eine alte Frau schaute, wenn ich vorbeikam. Ihr Mann war verstorben und die Kinder waren in die Stadt gezogen. Sie musste allein zurechtkommen. An der Haustür hing ein Jutebeutel. Morgens kam jemand vorbei und füllte frisches Brot ein.
Die Alte blickte mich misstrauisch an. Meinen Gruß erwiderte sie nicht mit dem üblichen „Hola!“, sondern mit einem drögen „Adios“, was soviel wie „Gott befohlen“ bedeutet, aber auf der Insel ohne das Schluss-s ausgesprochen wird. Meist brummelte sie etwas Mürrisches vor sich hin, das offensichtlich Faida galt und heißen sollte, dass mein Hund ihre alte, kranke Katze in Ruhe lassen sollte, die ihren Stammplatz neben der Haustür hatte.
Der Alten entging nichts. Sie wusste genau, wer und wann vorbeikam. Sie kannte auch Lugos Familie. Sie deutete an, dass er ein schwieriger Mensch sei und es in der Familie ständig Streit gebe, hielt sich aber ansonsten bedeckt und meinte, das gehe sie nichts an.
Der Küstenpfad verlief anschließend leicht bergab und führte nach einer Linkskurve an einer Treppe vorbei, über die man zum Meer hinabsteigen konnte. Oberhalb der Klippen lag ein altes, ringsum von hohen Mauern umgebenes ehemaliges Herrenhaus. Wegen des gelblichen Anstrichs des Mauerwerks sprachen die Einheimischen vom „Mansion amarillo“.
Das Gebäude war mittlerweile ziemlich heruntergekommen. Das Holzwerk hatte lange keinen Anstrich mehr gesehen. Der Außenputz war verblichen und bröckelig. Von den hölzernen Balkonen ragten nur noch die tragenden Balken aus der Außenwand. Die umliegenden, terrassenförmig angelegten Feldstücke und Beete waren verwildert und die Stützmauern teilweise zusammengestürzt. In dem zum Meer ausgerichteten Gartenbereich hatten die Fluten große Löcher in den Hang gerissen.
Dennoch wirkte das Gebäude noch immer herrschaftlich: Das Fundament, die Außenkanten der Mauern und die Einfassungen der Fenster bestanden aus säuberlich geschnittenem Gestein. Die Läden der hohen Sprossenfenster und die vorgesetzten, schmiedeeisernen Gitter waren kunstvoll verziert. Das Dach krönte ein Türmchen, in dessen Öffnung vormals eine Glocke gehangen hatte.
Auf Nachfrage hatte man sich auffällig zurückhaltend gegeben. Nur so viel fand ich heraus: Der Padron war bei einem Sturz ums Leben gekommen. Seine Frau hatte den Schicksalsschlag nicht verwinden können. Sie war ausgezogen und nie mehr zurückgekehrt. Anschließend hatte das Haus für längere Zeit leer gestanden. Wiederholt hatten sich Käufer gemeldet, sie aber hatte stets abgewehrt. Doch nachdem sie unlängst verstorben war, hatten die Erben das Haus rasch zu Geld gemacht. Niemand konnte sagen, wer der neue Eigentümer war. Auffällig erschien indes, dass er kein Interesse an einer Renovierung zu haben schien und man ihn nie zu Gesicht bekam.
Bevor ich zur Finca zurückkehrte, wollte ich eine Weile verschnaufen. Ich setzte mich auf eine steinerne Bank neben dem Eingangstor. Inzwischen war es dunkel geworden. Der Mond war aufgegangen und tauchte das Umfeld in ein gespenstisches Licht. Vom Meeresufer her vernahm ich die gleichförmigen Geräusche der Brandung. Ansonsten war alles still.
Plötzlich schlug im Hof ein Hund an. Ich hatte Mühe, Faida davon abzuhalten, lautstark mit ihrem Artgenossen Kontakt aufzunehmen. Ich fragte mich, ob sich auch der Halter im Haus aufhielt. Es war gängige Praxis, die Wachhunde ihrem Schicksal zu überlassen, wenn man zeitweilig abwesend war. Im Haus brannte nirgendwo Licht. Demnach war niemand vor Ort. Doch dann glaubte ich, von drinnen Stimmen zu hören. Hatten sich Unbefugte heimlich in das Haus eingeschlichen? Handelte es sich möglicherweise um meine Verfolger?
Jetzt aber Schluss mit solchen Spekulationen, sagte ich mir. Im selben Augenblick huschte ein schwarzer Schatten über mich hinweg. Ich vernahm jammernd-quäkende Rufe, die in einem sonoren „Aua-aua“ endeten. Das ist ein Gelbschnabelsturmtaucher, vermutete ich. Tagsüber geht er über dem Meer auf Jagd. Nur in der Dämmerung nähert er sich dem Land. Faida ging immer in Deckung, wenn er über Lugos Finca auftauchte. Ich muss gestehen, dass auch mir nie recht wohl dabei war! Ich fragte mich, warum der Vogel aufgetaucht war. Brabbelte er nur vor sich hin oder war er in Nöten? Gab er Hilfeschreie von sich oder waren es möglicherweise Warnrufe? Galten sie mir?
Ich hatte stets ein mulmiges Gefühl, wenn ich in dieser Gegend unterwegs war, und hütete mich, mich nach Einbruch der Dämmerung dort aufzuhalten. Umso gespannter war ich, was mich erwartete, wenn ich dem Küstenpfad in der Gegenrichtung folgte.
Als Erstes kam ich an einem größeren Anwesen vorbei, das vormals zu einer weitläufigen Hazienda gehörte. Dort war es vor Zeiten hoch hergegangen: Man hatte Feste gefeiert, hatte Freunde zu Gast, hatte gespeist, geplaudert, gelacht, getanzt und gelegentlich Ausflüge in die Stadt und in die Berge unternommen.
Später war es mit der Hazienda wirtschaftlich bergab gegangen. Am Ende hatte der Padron sie verkauft und war ausgewandert. Die Besitzer hatten anschließend wiederholt gewechselt. Ihnen fehlten vermutlich die Mittel, um das Anwesen instand zu halten. Dann hatte es Hildes Exmann billig aufgekauft. Schnieders hatte es aufwändig wieder herausgeputzt und mit allem modernen Schnickschnack versehen: Whirlpool, Sauna, Satellitenantenne, Solaranlage, Alarmsysteme, eigene Strom- und Wasserversorgung.
Hilde gab sich noch immer begeistert: „Das hätte etwas fürs Alter sein können!“
Sie hatte reichlich Fotos von dem Nobelanwesen aufbewahrt: Umgeben von Palmen, Blumenbeeten und exotischen Ziergewächsen lag ein Komplex von diversen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, der von einem burgartigen Bau überragt wurde, in dem sich ein Salon und eine Reihe sonstiger, repräsentativer Räumlichkeiten befanden. Eine versenkbare Glaswand trennte den Salon von einer ausladenden, überdachten Terrasse mit Außenkamin und Grillanlage. Von dem pompösen Esstisch, den Clubsesseln und Liegen hatte man einen freien Blick auf das Meer. Unterhalb der Terrasse lud ein überdimensionaler Pool zum Baden ein.
Alles in allem wirkte das Anwesen wie das Angebot der Spitzenmakler auf Seite eins. Ich verfasste einen Artikel unter dem Motto: „Wiederbelebung des ländlichen Raums. Alte Häuserpracht neu herausgeputzt“. Ich war mir nicht sicher, ob das bei allen Lesern gut ankam. Bei manchen mochte das die Abneigung gegenüber den „Superreichen“ schüren.
Schnieders hatte das Haus wieder veräußert, angeblich mit beträchtlichem Gewinn. Doch der Nachfolger hatte den vereinbarten Preis nicht zahlen können. Die gerichtlichen Auseinandersetzungen waren noch im Gange. Das Personal war abgezogen. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, hatten die Gläubiger abtransportieren lassen. Anschließend hatte das Anwesen erneut über Jahre leer gestanden und war entsprechend heruntergekommen. Die Stürme hatten etliche Ziegel vom Dach gerissen. Der Außenanstrich blätterte ab. Der Gartenbereich war verwahrlost. Die Zierpflanzen waren verdorrt. Unkraut hatte sich allenthalben breitgemacht. Im Pool wuchsen Algen.
Irgendwie schien ein Fluch über dem Anwesen zu liegen. Das mochten auch die Filmemacher empfunden haben, die auf ihm einen Krimi gedreht hatten. „Teneriffa-Tag der Rache“ nannte sich der Zweiteiler. Das machte sich gut, wenn man sich daheim in sicheren vier Wänden wähnte, wirkte aber ganz anders, wenn man vor Ort war und den Eindruck hatte, dass man seines Lebens nicht mehr sicher war!
Inzwischen hatten sich sogenannte „Hausbesetzer“ auf dem Anwesen eingenistet. Mir waren die Leute suspekt. Waren das verspätete Hippies oder verkappte Anarchisten? Ich fragte mich, wovon sie lebten und was sie den lieben langen Tag machten. Es sah so aus, als feierten sie ständig Partys. Zuweilen war mächtig was los. Man hatte gezecht und bis in die Nacht hinein getanzt. Die Musik hatte laut gedröhnt. Das Kreischen der Mädchen war bis zu Lugos Haus zu hören.
Ich hatte versucht, einen Blick auf das Anwesen zu erhaschen. Offensichtlich hatte man mich bemerkt. Ein vierschrötiger, feister Mann mit speckigem, schütterem Haar kam auf mich zu.
„Hola!“, sagte ich und wollte ein paar nette Worte hinzufügen, aber er schnitt mir unwirsch das Wort ab.
„Hau ab!“, schnauzte er mich an. „So einen feinen Pinkel wie dich können wir hier nicht gebrauchen!“
Ich befürchtete, er würde handgreiflich werden.
„Schon gut!“, beruhigte ich. „Ich will nicht stören. Vielleicht sehen wir uns ein anderes Mal.“
Der Mann drehte sich wortlos um und zog wieder ab. Ich konnte nicht ahnen, unter welchen Umständen ich ihm später wieder begegnen würde!
Am Abend saß ich vor Lugos Kate und wollte den Tag mit einem Glas Rotwein ausklingen lassen. Faida hatte es sich neben mir auf dem Boden bequem gemacht. Doch dann wurde sie zunehmend unruhig. Ich konnte im Dunkel der Nacht nichts ausmachen, glaubte jedoch, auf der Hazienda Stimmen zu vernehmen.
Ich nahm Faida an die Leine, pirschte mich vorsichtig vor und ging in der Nähe des Eingangstors auf Lauer. Während ich noch angestrengt lauschte, machte ich vor dem Tor zwei Gestalten aus. Genaues konnte ich nicht erkennen, aber mir schien, dass einer von ihnen dem anderen etwas zusteckte. „Bueno!“, hörte ich einen der beiden sagen. Ich hatte zwangsläufig den Verdacht, es könnte sich um Drogen handeln.
Ich wartete ab, bis sich die Männer trennten. Einer von ihnen kam ganz nahe an mir vorbei. Faida zog ungestüm an der Leine. Ich hatte Mühe, sie zurückzuhalten. Als sich der Mann in Richtung der Finca davonschlich, wurde ich den Verdacht nicht los, dass es sich um Carlos handelte.
Ich fragte bei Juan nach. Er stutzte für einen Augenblick. Dann meinte er ausweichend, er traue den Leuten auf der Hazienda nicht über den Weg.
Ich ließ ihn nicht so einfach davonkommen und wollte wissen, ob sich auch Carlos dort herumtreibe.
„Kann sein!“, sagte er.
Ich sprach ihn auf das gelbe Mansion an: „Kennst du den neuen Besitzer?“
„Nein! Wie kommst du darauf?“
„Nur so!“, beschwichtigte ich.
Ich stellte Lugo die gleiche Frage.
„Das geht mich nichts an!“, murmelte er sich den Bart.
Ich hatte den Eindruck, dass er mehr wusste.
Am folgenden Tag wollte ich den Barranco Ruiz erkunden. Die Schlucht war nur auf einem halsbrecherischen Ziegenpfad zu erreichen. Auf halbem Wege lag, hinter dichtem Gebüsch versteckt, eine verlassene Hütte, an die ein winziger Stall grenzte. Inzwischen waren die Gebäude reichlich verfallen. Dach, Mauerwerk, Fenster und Türen waren in einem desolaten Zustand.
Auf dem Boden entdeckte ich leere Getränkedosen und Zigarettenkippen. Faida schnüffelte aufmerksam an ihnen herum. Demnach musste sich noch unlängst jemand hier aufgehalten haben. Ich warf einen genaueren Blick auf die Kippen. Sie schienen nicht von handelsüblichen Zigaretten zu stammen. Hatten sich die Bewohner der Hazienda hier herumgetrieben? Hatte man hier einen Joint geraucht?
Von der Hütte führte eine steile, verwinkelte Treppe zur Schlucht des Barranco Ruiz hinab. Die Stufen waren ausgetreten, wacklig und teilweise vom Erdreich verschüttet. Unten angekommen, bahnte ich mir einen Weg durch das Bett des Barrancos. Es war mit riesigen Felsbrocken übersät, die die Fluten ineinander verkeilt und im Laufe der Zeit glatt geschliffen hatten. Zurzeit war der Barranco trocken gefallen, aber nach starken Regenfällen verwandelten ihn die Wassermassen in ein Inferno.
Plötzlich gab Faida Laut. Ich spürte, dass sie auf Höchste erregt war. Ihre Nasenlöcher waren aufgebläht, ihr Nackenfell war gesträubt, sie wedelte wild mit der Rute. Sie zog energisch an der Leine. Ich folgte ihr vorsichtig. Ich war auf alles gefasst.
Während ich noch abwartete, was sich tun würde, hatte es den Anschein, als huschte ein Schatten an mir vorüber. War das ein streunender Hund? Faida blickte mich mit großen Augen an, als ob sie wissen wollte, ob sie ihm nachsetzen sollte.
„Bleib!“, signalisierte ich ihr. „Lass ihn laufen! Mit dem ist vermutlich nicht gut Kirschen essen.“
Doch wo ein Hund war, mochte sich auch sein Halter aufhalten. War Carlos mit dem Hund unterwegs? Hielt er sich irgendwo in meiner Nähe versteckt?
Ich war bereits auf dem Rückweg, als ich einen Paraglider ausmachte, der hoch über mir über dem Barranco schwebte. Merkwürdig, dachte ich, denn bislang waren im Umfeld von Lugos Finca keine Paraglider aufgetaucht.
Der Pilot schien sich bestens in dem Gelände auszukennen. Zuweilen glitt er gekonnt, aber gefährlich nahe an den Felsvorsprüngen der Steilwand vorbei, ein anderes Mal senkte er sich so tief, dass ich fürchtete, er könnte anschließend nicht mehr genügend Höhe gewinnen.
Ich nahm an, dass der Pilot alsbald abdrehen würde, doch er schien gezielt Kurs auf die Stelle zu nehmen, an der ich mich befand. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er in dem zerklüfteten Barranco aufsetzen wollte. Ich sollte Recht behalten: Nach einem kurzen Schwenk zog er unvermittelt in eine andere Richtung und verschwand aus meinem Blickfeld.
Ich fragte mich, warum er so auffällig lange über mir gekreist hatte. Wollte er mich ausspähen? Handelte es sich bei dem Piloten um Carlos oder Lucia?
Ich fühlte mich bedroht und wollte der Insel am liebsten den Rücken kehren. Im Grunde geht dich die Sache nichts an, sagte ich mir. Du handelst dir nur unnötig Ärger ein! Aber ich fühlte mich verpflichtet, mich um Juan zu kümmern. Ich merkte, dass er mich als väterlichen Freund betrachtete und mich zunehmend ins Vertrauen zog. Er braucht mich, dachte ich. Ich kann ihn jetzt nicht im Stich lassen!
Im Nebelwald
Mein erster Artikel sollte sich mit der Anaga-Gebirgskette im Nordosten der Insel befassen. Ich machte mich frühmorgens auf den Weg. Ich hatte Karte, Kamera, Stift und Notizblock griffbereit, die Marschverpflegung im Rucksack und Faida an meiner Seite. Bevor ich aufbrach, hielt ich Ausschau, was sich auf der Finca tat. Lugo und Juan waren bereits bei der Arbeit. Von Carlos war nichts zu sehen.
Kilometermäßig war die Tour keine große Sache, aber bis zur Carretera, die weiter oberhalb an der Küste entlangführte, musste ich zunächst durch eine Reihe von Dörfern kurven. Auf der Carretera war viel Verkehr. Überholen war meist verboten oder zu riskant. Zeitweilig bummelte ein mit Bananenstauden beladener Kleinlaster vor mir her. Aus seinem Auspuffrohr fuselte eine schwarze Abgasfahne. Mir wurde übel, als ich den ekelhaften Geruch in der Nase hatte. Mehrmals führte die Straße durch einen Tunnel. In der engen Röhre löste der ohrenbetäubende Schall der Motoren bei Faida jedes Mal einen Schock aus. Ich schaute in den Rückspiegel. Seit mir das Taxi nach meiner Ankunft so auffällig gefolgt war, fürchtete ich ständig, dass sich jemand auf meine Fersen setzen könnte.
Nachdem ich die Autopista erreicht hatte, ging es zügiger voran, schneller als hundertzwanzig durfte aber nicht gefahren werden. Ab Puerto de la Cruz ging es laufend bergauf. Das kostete Zeit, zumal der Verkehr zunehmend dichter wurde. In Höhe des Flughafens Los Rodeos bog ich von der Autopista ab. Zuvor vergewisserte ich mich, dass mir keiner meiner Hintermänner folgte.
Ich hielt mich in Richtung La Laguna, umfuhr die Altstadt und durchquerte eine Reihe von Vororten. Anschließend wurde die Gegend rasch wieder ländlicher. Ich legte eine Pause ein und sah den Campesinos bei der Arbeit zu. Sie gruben auf den Feldern den Boden um, düngten, legten Furchen und pflanzten neu an. Andere rodeten Unkraut oder bekämpften Schädlinge.
Eine Frau pflückte Früchte einer Kaktusfeige. Das Fruchtfleisch ist saftig und schmeckt süß-säuerlich. Es wird frisch gegessen oder zu Marmelade verarbeitet. Vormals hat man die Pflanze angebaut, um einen roten Farbstoff zu gewinnen. Er stammte von Läusen, die sich auf ihr ansiedeln. Das lohnt sich längst nicht mehr. Heutzutage werden Farben chemisch produziert. „Echter Purpur“ stammt von Schnecken. Dafür muss man um die zweitausend Euro pro Gramm hinlegen!
Ich durfte probieren. Als die Frau sah, dass ich beim Entfernen der Schale von den feinen Stacheln gestochen wurde, schaute sie mich an, als ob sie sagen wollte: So ist das nun mal, wenn man an süße Sachen herankommen will!
Sie wollte wissen, ob es mir geschmeckt hatte.
„Bueno!“, sagte ich. Sie lächelte dankbar.
Wir kamen ins Gespräch. Mein Spanisch war alles andere als perfekt, aber als sie merkte, dass ich mir Mühe gab, spielte das keine Rolle.
Ich durfte ins Haus kommen und mich umsehen. Sie wohnte in einer alten, aus schwarzem Lavagestein errichteten Kate. Es war eng und dunkel im Inneren. Als ich den Wohnraum betrat, musste ich den Kopf einziehen. Ein Obergeschoss gab es nicht. Als ich hochschaute, konnte ich die Tonpfannen der Dacheindeckung ausmachen.
Ich machte mir Notizen und schoss einige Fotos. Ich wollte der Frau eins überlassen. Heutzutage hätte ich das am PC erledigt: Mail-Anschrift eingeben, Bild anhängen und abschicken. Das ging seinerzeit noch nicht und musste per Post ablaufen.
Ich nahm Kurs auf die Straße, die zum Anaga-Gebirge hinaufführte. Am Weg lag eine größere Dorfschaft. Die Leute waren dabei, die Fiesta vorzubereiten. Ich hatte erlebt, wie eine Fiesta abläuft: Schon am Morgen hatten Böllerschüsse das Ereignis angekündigt. Dann läuteten alle Glocken. Die Menschen strömten zur Kirche. Neben dem Altar war die Statue des Ortspatrons aufgebaut. In seiner Predigt verwies der Geistliche auf die Wunder, die der Heilige gewirkt haben soll, und spendete am Ende einen speziellen Segen. Nach dem Gottesdienst zogen sie trommelnd und pfeifend durch die Straßen. Am Abend versammelten sie sich auf dem Kirchplatz. Es herrschte Jubel, Trubel, Heiterkeit: Tanzvorführungen der Trachtengruppe, heimatliche Gesänge mit Timple-Begleitung, danach laute Samba-Klänge. Alle tanzten und auch die alten Herren nahmen ihre Frauen liebevoll in den Arm. Die Kinder tummelten sich nach Belieben herum. Erst am dritten Tag war Schluss mit dem Feiern.
Ich hielt an und setzte mich auf eine Bank auf dem Kirchplatz. Eine Gruppe von Männern hängte bunte Girlanden auf. Die Frauen schmückten das Portal der Kirche mit Blumen. Die Alten saßen vor der Dorfbar und schauten zu.
Im Vorfeld der Fiesta gab es eine Hundeschau. Das wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen, schon Faida zuliebe. Sie gab sich stets begeistert, wenn sie anderen Hunden begegnete.
Am Rand des Kirchplatzes parkten die Pickups mit den Käfigen. Die Campesinos hatten ihre besten Stücke an der Leine, langbeinige und leichtfüßige Podencos wie Faida, aber auch Galgos, beide waren nur von Kennern zu unterscheiden, und bullige Presa Canarios, eine Doggenart mit imposantem Kopf, kurzer Schnauze, langen Lefzen, hängenden Ohren und massigem Körper. Die bis zu fünfundsechzig Kilo schweren Tiere sind ein zuverlässiger Wächter und bei der Jagd ein ausdauernder Treiber. Sie gelten als Kampfhunde und wenn sie ihren Rachen aufsperren, können sie einen das Fürchten lehren! Auf mich wirkten sie wie der mythische Höllenhund Guayota, der im Schlund des Teidekraters gehaust haben soll!
Die Züchter führten ihre Hunde vor. Die Tiere bellten wild vor Begeisterung und wollten miteinander herumtollen. Ihre Besitzer ließen nichts durchgehen. Ihre Kommandos klangen streng. Notfalls nahmen sie den Stock zu Hilfe. Bei Lugo war das nicht anders.
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