Kitabı oku: «Drei Brüder»
Jörg H. Trauboth
Drei Brüder
Ein Deutschland-Thriller

Jörg H. Trauboth
Drei Brüder
Ein Deutschland-Thriller
Cover unter Verwendung des Fotos
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Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.
Alle Rechte vorbehalten!
1. Auflage 2015
2. aktualisierte Auflage (2018)
Impressum
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eISBN: 978-3-939829-77-5
eISBN: 978-3-96136-030-7 (engl.)
Print ISBN: 978-3-939829-64-5
PoD: 978-3-96136-031-4 (engl.)
Hörbuch: GESAFA-Verlag ISBN: 978-3-943273-05-2
published by

FÜR MARTINA
ICH WILL!
Die Handlung dieses Deutschland-Thrillers spielt vor dem Hintergrund der aktuellen Terror- und Gefährdungslage in Europa und in der Welt. Gleichwohl sind alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen frei erfunden, sofern sie nicht als reale Personen oder Institutionen genannt werden.
Eine Ähnlichkeit der erdachten Handlungen und Personen mit realen Bezügen wäre zufällig und nicht beabsichtigt.
Die Personen sind in einem Personenverzeichnis gelistet, Fachausdrücke in einem Glossar.
Man bereut nie, was man getan hat,
sondern immer, was man nicht getan hat.
Marc Aurel,
Römischer Kaiser (161 bis 180)
Inhaltsverzeichnis
DREI ELITESOLDATEN
1. Afghanistan
2. Berlin
Bundeskanzleramt
3. Hammelburg
4. Nordirak / Berlin
5. Berlin
DREI CONSULTANTS
6. Rheinland
Flugplatz Bonn Hangelar
Köln / Remagen
Köln
Hangelar
Köln
Flugplatz Koblenz-Winningen
7. Berlin
8. Palma de Mallorca / Rheinland
DSCHIHAD
9. Mossul / Eifel / Köln
10. Rheinland-Pfalz, Büchel – Taktisches Luftwaffengeschwader 33
11. Köln
12. Westliches Mittelmeer / Berlin / Algerien
13. Berlin – Auswärtiges Amt
14. Nordafrikanisches Festland
OPERATION RESCUE
15. Köln
16. Algerische Wüste
17. Köln
18. Algerische Wüste
19. Rakka
20. Köln
21. Algerische Wüste
22. Rheinland / Mittelmeer
23. Algerische Wüste
24. Mallorca / Köln
25. Köln
26. Mallorca
27. Algerische Wüste
28. Berlin
29. Algerische Wüste
30. Spanische Küste / Algerien, Felsenstrand
31. Rakka
32. Köln
DER FLUG DER KRANICHE
33. Remagen
34. Calw
35. Rheinland / Berlin
36. Epilog
PERSONENVERZEICHNIS
GLOSSAR
ANMERKUNGEN
DANKSAGUNGEN
LITERATURVERZEICHNIS/-EMPFEHLUNGEN
ABBILDUNGEN
Abbildung 1 – Operation Eagle
Abbildung 2 – Operation Rescue
DREI ELITESOLDATEN
1.
Afghanistan
Seit fünf Stunden schon zieht die Gruppe von sechs Männern durch die dunkle, karge Landschaft des Hindukuschs. Begleitet nur von dem entfernten Heulen eines einsamen Wolfes und einem kalten Wind, den die Männer aber nicht zu spüren scheinen.
Plötzlich bleibt einer stehen. Marc Anderson, ein Hauptmann aus dem deutschen KSK, dem Kommando Spezialkräfte, hebt die Hand zum Hals. Er flüstert leise, aber bestimmt in sein Kehlkopfmikrofon.
»George, da liegt sie. Das vordere Flugzeugteil in elf Uhr, das Heck in zwei Uhr.«
George, der kleine, drahtige Truppführer Navy Seal One aus Ohio, klappt das Nachtsichtglas vom Helm herunter.
Aus welchen Gründen auch immer war der Kampfjet nicht explodiert. Lediglich die Trümmer schwelten noch etwas.
»Roger, Jungs, ich informiere Bagram Air Base.«
»Charlie Force from Echo Force – Over.«
»Echo Team – Go ahead – Over.«
»Wir haben den Jet – Suchen die Crew – Over.«
»Roger Echo Team – Wir warten auf euren Abruf – Over.« So ungewöhnlich es war, die Navy Seals hatten darum gebeten, den deutschen Elitesoldaten Marc Anderson dabei zu haben. Er ist einer der wenigen, die das Gebiet im tiefen, hinteren Afghanistan aus früheren Einsätzen wie kein anderer kennt. Der groß gewachsene, schlanke Soldat aus Calw hatte schon jetzt, mit seinen 27 Jahren, einen geradezu legendären Ruf bei den amerikanischen und britischen Spezialeinheiten. Zusammen mit den Navy Seals hatte er einige Amerikaner hinter den Linien befreit und zurückgeholt, und sich als Leader und Teamplayer ohne jegliche Allüren einen überragenden Ruf erworben.
Aber Anderson wollte den Job keinesfalls allein erledigen: »Nur, wenn ich meine Kommandobrüder mitnehmen kann«, hatte er in der US Air Base Bagram gesagt, »nur mit Thomas und Tim!«
»Okay, Marc, akzeptiert!«
Die Seals wissen genau, was »Band of Brothers« bedeutet. Elitesoldaten in allen Spezialstreitkräften sind nicht einfach Kameraden, sie sind Brüder. Nun, auf der gemeinsamen Suche nach einem verschollenen US-Kampfjet und dessen Besatzung haben die Seals drei deutsche Brüder. Nationalitäten spielen keine Rolle, nur Professionalität und bedingungsloses Vertrauen. Marc sagte auch zu, weil er George in gemeinsamen Einsätzen schätzen lernte.
Die Echo Force, bestehend aus den US Seals One, Two, Three und den deutschen KSK-Soldaten Marc, Thomas und Tim, war in der Nacht mit Gleitfallschirmen gelandet. Sie hatten sich einen Landeplatz 10.400 Meter von der letzten bekannten Position der F-15E Strike ausgesucht, in der Hoffnung, nicht schon bei Ankunft von den Taliban empfangen zu werden. Es gab keine genauen Koordinaten vom Absturzort. Schlimmer noch, sie hatten bisher kein Ortungssignal der Crew empfangen können. Der Pilot hatte im Tiefflug »No engine – Mayday – Mayday – Bailing out!« gemeldet. Eine kurze Ausschussmeldung, nicht mehr. Offensichtlich war alles sehr schnell gegangen. Vermutlich musste die Besatzung sofort raus, keine Zeit mehr zum Reden. Nach der gelungenen Landung mussten sie über fünf Stunden das auf dreitausend Meter Höhe liegende, in Frage kommende Suchfeld von zwanzig mal zwanzig Kilometern systematisch erkunden.
Marc war in dem unübersichtlichen und gefährlichen Terrain eine Art Pfadfinder. Die Amerikaner vertrauten ihm vollkommen, und zu Recht, wie sich wieder einmal gezeigt hatte. Er hatte die abgestürzte F-15 in der kürzest möglichen Zeit gefunden, bei Nacht und unentdeckt im feindlichen Gebiet. Sie hatten sich voran gearbeitet, als hätten sie das immer zusammen getan: Marc voraus, Terrain prüfen, Zeichen geben, die anderen fünf folgen, Etappe für Etappe, geduckt, sichernd, leise. In der Stille der Nacht wäre jedes zu laute Wort, jeder Ausrutscher auf dem Geröll ein Geschenk für den Taliban.
Während George nun die Koordinaten an die wartende amerikanische Eingreiftruppe durchgibt, sucht Marc mit dem Fernglas weiter die Umgebung des Flugzeuges ab. Die F-15 wurde nicht abgeschossen, sondern stürzte wegen technischer Probleme ab. Das schien klar. Aber der Aufschlag musste bis weit in die Berge des Hindukuschs hinein zu hören gewesen sein. Gut möglich, dass die Taliban die Crew bereits gefangen genommen hatte und jetzt die Navy Seals erwarteten. So war das meistens.
»Thomas, Bericht!«
»Links sauber!«
»Tim?«
»Rechts sauber!«
Langsam, nach allen Seiten sichernd, bewegt sich das Aufklärungsteam in Richtung der Absturzstelle.
»Ich übernehme, Marc!«
»Okay, George, du hast übernommen!«
George führt nun den Trupp bis auf dreihundert Meter an das Wrack heran. Die Flugzeugnase samt Cockpit steckt wie ein monströser Pfeil im Boden. Krumm, aber erstaunlich intakt. Ausgerechnet dort, wo etwas Erde ist, denkt er.
»Kannst du jemanden im Cockpit erkennen?«, fragt Marc.
»Negativ, durch das Glas nicht einsehbar, obwohl das Kabinendach fehlt.«
»Thomas und Tim – beide zum Wrack und berichten, alle anderen warten hier«, flüstert George ins Kehlkopfmikrofon.
Die beiden Deutschen setzen sich in Bewegung. Wie Pat und Patachon, denkt Marc. Der große, kräftige, blonde Thomas, ein wandelnder Kleiderschrank, neben ihm der kleine, zähe, durchtrainierte Tim mit seinem geliebten, schwarzen Zauselbart, wie die Afghanen.
Langsam nähern sie sich von beiden Seiten dem vorderen Teil des Wracks. Gespannt verfolgt die Gruppe die Bewegungen der beiden Deutschen. Es ist absolut ruhig, bis auf diesen einen Wolf. Den kalten Wind, der an diesem Ort wohl immer bläst, spüren sie auch jetzt nicht, während sie am Boden liegen und beobachten. Die Nacht ist nicht einfach nur dunkel, sie ist schwarz. Pechschwarz. Kein Stern, kein Licht am Boden. Karge Felsen, etwas Gestrüpp, keine Bäume mehr in dieser Höhe. Sie sehen nur, was sie mit ihren Nachtsichtgeräten anvisieren. Das wenige Licht wird elektronisch so verstärkt, dass ein grünes Bild von der Umgebung entsteht. Sie haben sich an dieses künstliche Bild gewöhnt.
»Option eins:«, sagt George, »sie hängen in den Sitzen, dann wird’s eine Drecksarbeit. Option zwei: einer hängt drinnen, dann suchen wir den anderen. Option drei: beide haben es geschafft.«
»Frage ist nur, warum sie vollkommen stumm sind«, flüstert Marc hinüber.
George flüstert zurück. »Spricht für Option eins.«
Thomas und Tim haben die Flugzeugnase erreicht.
»Thomas an Seal One, keiner im Cockpit, Schleudersitze fehlen, Crew hat sich raus geschossen!«
»Verstanden, gute Nachricht, seht ihr Dokumente?«
Sie leuchten rein.
Aus der Ferne sehen die drei Navy Seals und Marc das Licht der beiden KSK-Soldaten in ihren Gläsern wie grelle Blitze.
»Karten und ein Kniebrett!«, meldet Tim.
»Okay, rausnehmen. Thomas, du bereitest eine Sprengladung vor!«
Hauptfeldwebel Thomas Heinrich, ein 1,85 m großes Muskelpaket und Sprengstoffspezialist, legt seinen 40 Kilogramm schweren Rucksack ab, mit dem er sonst verwachsen zu sein scheint. Die Kameraden kennen Thomas eigentlich nur mit Gepäck oder unter Hanteln. Und immer mit einem Kampfmesser unter dem Kopfkissen.
Während er den Sprengstoffsatz legt, sichert sein kleiner Freund Tim die unmittelbare Umgebung des Jets. Die beiden reden kein Wort miteinander. Müssen sie auch nicht. Sie kennen sich besser als jedes Ehepaar. Auch deswegen hat George sie zusammen an das Wrack geschickt.
In weniger als vier Minuten hat Thomas das Cockpit für eine Sprengung mit Fernzündung vorbereitet.
»Erledigt, George!«
»Okay, Männer, langsam zurück!«
Kurze Zeit später ist der Trupp wieder komplett. Sechs Männer, zwei Nationen, ein Team.
Sie liegen zwischen Felsbrocken und suchen durch die aufgesetzten Nachtsichtröhren nach weiteren Anhaltspunkten. Felsen, Bergrücken, Spalten. Wo könnten die Fallschirme sein, wo die Schleudersitze? Wenigstens die beiden Sitze müssten doch erkennbar sein, wenn sie hier irgendwo liegen. George winkt Marc zu sich.
»Was schlägst du vor?«
»Die F-15 flog laut Radar mit östlichem Kurs. Also müssen wir die Jungs Richtung Westen suchen. Der Waffensystem-Offizier schießt sich zuerst raus, also sollten wir ihn westlich des Wracks finden, den Piloten aber hier, in der Nähe des Wracks.«
George nickt bestätigend. Der hinten Sitzende betätigt den Schleudersitz immer zuerst, sonst liefe er Gefahr, von der Sitzrakete des Vordermanns getroffen zu werden.
Marc zeigt auf die digitale Karte im Maßstab 1:50.000. Berge, Flüsse, sonst nichts. Der raue, kalte Hindukusch hat für die Jungs aus dem Westen ein fremdes, karges Gesicht.
»Hier, ich schlage diesen Weg vor.«
»Okay, Pfadfinder, du übernimmst!«
»Habe übernommen.«
Es sind diese standardisierten Prozeduren, die Voraussetzung für das Funktionieren im Team sind. Einer gibt vor, die anderen bestätigen. Das ist im Cockpit so und ist nicht anders in der Echo Force, die Marc jetzt anführt.
Marc spricht leise zu der Gruppe.
»Seals One, Two, Three, ihr nehmt die linke Seite. Thomas, Tim und ich die rechte. Ich bin in der Mitte. Abstand zwischen euch maximal dreißig Meter. Jeder hat Kontakt zu seinem Nachbarn.«
Sie teilen sich auf.
»Position eingenommen«, bestätigt einer nach dem anderen. Sie stehen jetzt auf einer Linie von knapp einhundertfünfzig Metern. Jeder ist für sich allein. Aber sie können den Trooper an ihrer Seite sehen, den Bruder für den Notfall.
Marc schaut auf den Kompass, zweihundertsiebzig Grad. Sie setzen sich in Bewegung.
Nach dreißig Minuten erreichen sie einen langen, schmalen Höhenrücken.
»Runter«, gibt Marc leise durch. Sie pressen sich flach an den Boden. Langsam schiebt sich Marc an einen nackten Felsen. Er hebt den behelmten Kopf gerade so weit, dass er einen Überblick bekommt. Vor ihm liegt eine Landschaft mit riesigen, runden Felsbrocken und steil abfallenden, gigantischen Felswänden, unterbrochen von tiefen Spalten, die im fahlen Nachtlicht nur zu erahnen sind. Darüber das im Nachtsichtgerät leuchtende Weiß, der Schnee auf den Sechstausendern.
Marc sucht angestrengt die Gegend ab. Nichts. Kein Schleudersitz, kein Fallschirm. Nur dieses Felsenmeer und eine karge Vegetation. Eine erbärmliche Welt in der grünen, künstlichen Realität der Nachtsichtgeräte.
»Wir können nicht den geraden Weg nehmen, Gentlemen. In zweihundert Metern an der Spalte ist Feierabend.«
Die Gruppe bewegt sich, rundum sichernd, weiter nach Westen.
George bleibt plötzlich stehen.
»Hörst du das, Marc?«
Aus den Funkgeräten von George und Marc kommt ein leises, auf- und abschwellendes Heulen.
»Das Notsignal, George! Gentlemen, wir haben Kontakt!«
Der Trupp weiß, dass dieses Signal von den Piloten nach dem Ausschuss aktiviert und nur wenige Minuten pro Stunde gesendet wird.
»Es ist fünf Minuten nach der vollen Stunde, passt, ist gemäß Absprache! Das ist unser Mann, George!«
»Wie ist die Peilung, Marc?«
»Elf Uhr. Die Quelle ist verdammt leise. Er muss Lichtjahre weg sein.«
Bei den Männern der Echo Force steigt der Puls. Kontakt zu einem der Piloten! Doch sie halten die Suchformation bei und arbeiten sich weiter nach vorn. Noch haben sie nicht die Ortungsposition. Auf einmal geht es nicht mehr weiter. Wie ein unheimliches Maul tut sich eine mindestens acht Meter breite, dunkle Spalte vor ihnen auf.
Von einer Sekunde auf die andere wird der Heulton schrill. Erschrocken dreht George die Lautstärke herunter.
»Er muss hier sein, ganz in der Nähe!«
»Tim an Marc, ich sehe einen Fallschirm, in der Spalte, zwanzig Meter unten!«
»Alle Mann sammeln – zu Tim«, flüstert Marc ins Mikro.
»George, du übernimmst!«
»Habe übernommen!«
Sie robben sich zu ihm, dicht an die Spalte, und leuchten hinunter. Unten sehen sie etwas, was da nicht hingehört. Die Reste eines Fallschirms, er hat sich an zwei Felsvorsprüngen aufgehängt. Der Laser-Entfernungsmesser zeigt dreiundzwanzig Meter.
Und dann ist da noch etwas. George stockt der Atem, als er es im grünlichen Licht erkennt. Es ist nicht, dass jemand wie leblos an den Fallschirmfetzen hängt, sondern die endlose Tiefe darunter. George weiß, dass es eine Herausforderung sein wird, den Unglückskerl da herauszuholen, ohne dass der ganz abstürzt.
Aber was ist mit ihm?
Er richtet den Strahl der Lampe auf die Gestalt.
»Bist du okay, da unten?«
»Seid ihr Amerikaner?«, kommt es schwach aus der Tiefe.
George strahlt. Der Mann lebt!
»Ja, Darling, wir kommen direkt vom Himmel und holen dich jetzt raus!«
»Wird auch verdammt noch mal Zeit. Ich friere mir hier den Arsch ab!«
Er scheint in Ordnung zu sein, denkt George und ruft in die Tiefe: »Musstest du ausgerechnet diese Spalte nehmen?«
»Ich liebe Spalten, aber diese ist selbst für mich eine Nummer zu groß.«
George schaut stolz zu Marc hinüber.
»Da unten hängt ein cooler Typ, redet wie ein richtiger Texaner. Los, wir holen ihn raus!«
George blickt auf sein Team. Er braucht besser zwei Trooper da unten. Einen, der sofort sichert und den weiteren Absturz verhindert, und den anderen für das Bergen. Navy Seal One weiß, dass Tim und Thomas die meiste Erfahrung in derartigen Abseilsituationen haben, also müssen die deutschen Freunde wieder ran.
»Tim und Thomas, seilt euch ab!«
Kurze Zeit später lassen sich die Unzertrennlichen runter ins Dunkel der Spalte. Die Navy Seals sichern von oben. Marc und George leuchten tief in den dunklen Schlund hinein, um den beiden möglichst viel zusätzliche Orientierung zu geben. Doch das Licht verliert sich schnell. Sie müssen aufpassen, dass sie den Fallschirm und die Gurte nicht berühren. Trotzdem dauert der Abstieg keine sechzig Sekunden.
»Wir sind bei ihm!«, meldet Tim.
Der Texaner hängt frei. Völlig frei. Nichts ist da, wo er sich hätte abstützen können. Eine falsche Bewegung, und der Rest des Fallschirms würde mit ihm in den Abgrund rauschen.
Behutsam und Schlimmes ahnend hatte er zu seiner Taschenlampe gegriffen. Augenblicklich heftiger Schmerz oben rechts.
Was war da los? Er fasste mit der rechten Hand an die Schulter.
Entsetzlicher Schmerz.
Angst.
Nur keine falsche Bewegung!
Es dauerte, dann hatte er die Lampe endlich. Was er unter sich sah, schockte ihn.
Denn er sah – nichts.
Der Lichtstrahl konnte die Tiefe nicht annähernd erfassen. Unter ihm verbarg sich der Eingang ins Nirwana. 50 Meter, 1000 Meter? Er würde ein paar Mal an die Wände knallen und dann … Oh, my God …
Er leuchtete nach oben. Der Schirm hing einigermaßen gut eingehängt zwischen zwei Felskeilen.
Erst allmählich fasste er Vertrauen in die Verankerung über ihm. Er sprach mit seinem Schirm, ermahnte ihn in liebevollen Worten durchzuhalten. Mehrmals strich etwas an seinem Kopf vorbei.
Fledermäuse?
Was immer, keine unnötigen Bewegungen machen!
Diese verdammten Schmerzen. Diese Kälte.
Er hatte das Gefühl, sein Oberkörper würde unter dem Zug der Gurte absterben. Würden die Retter den Notcode überhaupt hören?
Als er wie durch ein kleines Fenster zum Himmel einige Sterne sah, fasste er Hoffnung. Die Rettung hinter den feindlichen Linien hatten sie mehrmals geübt. Er wusste, dass das CSAR-Team auf Weg sein musste.
Jetzt waren sie da! Thank God! Sie hatten ihn in dieser verdammten Spalte geortet.
»Nice to meet you!«, sagt Tim und greift nach dem Gurt des Texaners, um ihn bei sich einzuklinken. Doch der starrt nur auf Tim, dem ein verfilzter, schwarzer Zauselbart unter dem Kinnriemen des Helmes hervorquillt.
»Du bist kein Amerikaner, du bist ein Taliban!«
Tim lacht.
»Nein, ich bin Tim, dein Freund von der deutschen Bergwacht!«
Der Amerikaner guckt ungläubig in Tims Gesicht.
Thomas schaltet sich ein: »Und ich bin Thomas, alter Junge! Kannst heute ausnahmsweise Tom zu mir sagen. Du hast dir ja ein nettes Appartement ausgesucht!«
»Ich mache dich jetzt vom Fallschirm los«, sagt der vermeintliche Taliban, »und dann klinke ich dich an den Fahrstuhl nach oben ein. Halte dich bei mir fest! Bist du bereit?«
Der Amerikaner nickt.
Ein Ruck nach unten, ein kurzer Schrei, aber so laut, dass spätestens jetzt der Hindukusch aufgewacht ist.
»Verdammt, meine rechte Schulter ist im Eimer, Vorsicht!«
Mit schmerzverzerrtem Gesicht hängt der schwergewichtige Texaner am kleinen Tim.
»Thomas an George, Prellung oder Bruch der rechten Schulter. Kein Blut!«
Tim packt ihn um die Hüfte und stemmt sich mit den Füßen und dem Rücken von den Wänden ab.
»Auf geht’s, Cowboy, es geht jetzt hoch zu Mom!«
Wenig später sind die Drei oben. Während die Echo Force nach hinten sichert, empfangen George und Marc den Geretteten.
»Ich bin George, Navy Seals. Willkommen bei Freunden. Bist du der Pilot oder der Weapon Systems Operator?«
»Les Miller, WSO. Habt ihr meinen Piloten Buddy?«
»Negativ. Wie viel Zeit lag zwischen euren beiden Schleudersitzausschüssen?«
»Höchstens zwei Sekunden!«
George überlegt. Am Wrack war Buddy nicht, auf gerader Linie zu Les ebenfalls nicht.
»Dann muss dein Buddy hier in der Nähe sein! Wir müssen uns noch einmal umsehen.«
»Charlie Force from Echo Force. Wir haben Les.«
»Roger Echo Force – Sind abrufbereit in der Warteposition.«
»Kannst du laufen, Les?«
»Wenn dir sieben Stunden der Sack eingequetscht war, was glaubst du, wie schnell du laufen kannst?« Und mit Blick auf Tim: »Passt auf euren Taliban auf, traut dem nicht!«
Dann zieht er ein verklumptes Etwas aus der Tasche und gibt es seinem neuen Freund von der deutschen Bergwacht in die Hand.
»Was ist das?«
»Schokolade, Taliban!«
Tim lacht.
»Wie geht’s deiner Schulter, Les? Brauchst du eine Spritze?«, fragt er ihn.
»Hängt davon ab, was ihr jetzt mit mir vorhabt, am Boden robben kann ich nicht.«
Zu Buddy McAllen ist es nicht weit. Fast stolpern sie über den Schleudersitz des Piloten. Der Fallschirm bläht sich leicht im Wind auf, zieht am Körper des langen, schlanken Amerikaners und fällt dann wieder zusammen. Buddy zittert. Seine rechte Kopfhälfte ist unter den blonden, kurz geschnittenen Haaren blutverschmiert. Durch die olivfarbene Fliegerkombi sieht George unterhalb der rechten Hüfte einen großen dunklen Fleck, darunter eine breite Lache aus getrocknetem Blut am Boden.
»Sieht böse aus«, signalisiert George zu Marc, »er muss im Dunkeln voll an die Felskante geknallt sein.«
»Buddy, kannst du mich hören?« George rüttelt ihn. Thomas nimmt eine Flasche Wasser aus dem Rucksack und gießt sie ihm vorsichtig über den Nacken. Der Amerikaner gibt keinen Laut von sich. Marc klatscht leicht auf Buddys Wangen, spricht ihn an.
»Buddy, wir sind deine Freunde, kannst du mich hören, du bist fast zu Hause. Ich gucke mir jetzt deine Hüfte an!«
»Charlie Force from Echo Team. Wir haben Buddy – Brauchen einen Medic – Macht euch auf den Weg!«
George liest die Koordinaten von seinem mobilen GPS ab und lässt sie sich bestätigen.
»Unser Glückstag, Jungs, wir haben beide Männer, wir haben sichere Funkverbindung und die Charlie Force ist in fünfzehn Minuten da.«
Er schaut auf den schwer verletzten Buddy, dann rundherum und ergänzt: »Aber wir haben eine ganz schlechte Lage hier.«
Der Trupp ist von vorne bestens einsehbar. Keine natürlichen Hindernisse. Nach hinten ein Hügel mit Sicht von oben auf die Gruppe. Buddy sitzt wie auf einem Präsentierteller an einen Stein gelehnt. Ein Wunder, dass er bisher unentdeckt blieb.
Das Kommando liegt flach am Boden und sichert, während Thomas Buddy versorgt. Er begutachtet die tiefe Wunde an Buddys Oberschenkel, legt ihm einen Druckverband an und bedeckt ihn mit einer wärmenden Folie. Buddy hat viel Blut verloren, er droht zu kollabieren. Thomas ist Medic, aber Buddy braucht mehr, als Thomas im Gepäck dabei hat.
»Sein Kreislauf ist völlig im Keller, George.«
»Buddy, nicht einschlafen. Wie ist der Name deiner Frau?«, fragt George.
Buddys Augen öffnen sich langsam. Zum ersten Mal.
»… Linda … girlfriend …«
»Wo wohnt Linda, Buddy?«
»… New Jersey …«
George leuchtet über sein Gesicht. Buddy ist weiß, stöhnt und atmet schwer.
»… sag‘ ihr, dass ich sie liebe …«, flüstert er.
»Das wirst du ihr in Bagram gefälligst selber sagen, Buddy, hörst du! Was hältst du davon, Buddy? Buddy, sprich!«
Buddy schaut George aus leeren Augen an. Seine Lippen formen etwas. George legt das Ohr an seinen Mund.
»Les … is Les okay?«
George winkt den Backseater Les heran.
»Halt ihn wach, Les, mach‘ ihm Mut!«
Der dicke Les beugt sich über seinen Piloten.
»Buddy, alter Junge, nicht aufgeben, Linda braucht dich. Ich brauche dich in unserer fucking F-15. Du willst mich doch wohl in dieser alten Krähe nicht im Stich lassen? Wie willst du deinen Hamburger in Bagram, Buddy? Was hältst du von einem Texas-Burger mit Käse, Paprika, schönen Beilagen aus Mexico, mit Senf oder lieber mit Thomy Ketchup?«
Buddy hat die Augen wieder etwas geöffnet und reagiert mit einem leisen Lächeln. Schließlich hat Les, mit dem er hier seit sechs Monaten fliegt, gerade sein eigenes Lieblingsgericht beschrieben.
Dann fallen seine Augen wieder zu.
Thomas und Marc nicken sich zu. Zustand kritisch. Buddy muss in den nächsten dreißig Minuten an einen Tropf, sonst war’s das.
Tims grüne Gläser wandern über den Horizont von rechts nach links, links nach rechts.
»Wir liegen hier nicht gut, gar nicht gut …«
»Wir können nicht verlegen«, flüstert Marc, »die Charlie Force erwartet uns hier an diesen Koordinaten«, während er selbst die Gegend absucht, die in der Infrarotrestlichtverstärkung wirkt, wie die hässliche Landschaft eines anderen Sterns. Marc interessiert nicht das normale Grün. Er sucht das gleißende Grün, das Weiße von Kleidungsstücken und das Schwarze im Nachtsichtgerät. Menschen.
»Oh Mann, wir liegen hier überhaupt nicht gut, gar nicht gut, wie auf dem Präsentierteller«, wiederholt Tim.
Marc zuckt zusammen.
»Taliban in zehn Uhr!«
Im Fernglas wachsen die Umrisse mehrerer Männer heran. Fünf, sechs? Sie scheinen zu suchen, kommen langsam näher. Durch die diffuse Morgendämmerung erste Stimmen.
»Charlie Force – Tangos in area«, gibt George leise an die anfliegende Force durch.
»Roger – Five minutes to go – bleibt wo ihr seid!«
Die Echo Force liegt so flach am Boden wie möglich, nur wenig geschützt von kleinen Felsbrocken. Thomas zieht Buddy runter, der stöhnt laut. Jeden Augenblick kann es losgehen. Die Amerikaner mit individuell gestalteten Schnellfeuergewehren aus der geheimen Waffenkammer der Seals, die Deutschen mit G 36KA2. Feindkontakt ist tausendmal geübt. Und doch rast das Blut durch die Adern, der Puls geht hoch, das Adrenalin rauscht.
George sieht einen Afghanen den Arm hochreißen. Ein Zeichen? Jetzt lautes Rufen. Weitere Afghanen!
George überlegt kurz, wann der richtige Zeitpunkt ist.
»Feuer nur auf mein Kommando!«
Er mag den Kampf auf lange Entfernungen nicht. Die Männer auch nicht, nicken ihrem Leader zu.
»Zwei Tangos in drei, hinter dem Felsen, dreißig Meter«, gibt Seal Two durch.
»Okay, habe ich.«
»Vier Tangos in zehn …«, kommt von Seal Three.
Auf einmal kracht das Geschoss einer Panzerfaust ein, heftig und brutal. Sie verfehlt das Echo Team nur um wenige Meter.
George checkt die Lage. Das war knapp. Verdammt knapp! Im nächsten Moment springen die Taliban aus ihren Deckungen heraus und stürmen heran.
»Feuer frei!«
Gezielt nehmen sich die Elitesoldaten jeden Einzelnen vor. Treffer, Patsch!
Dunkle schwarze Flecken zwanzig Meter vor Marc im Nachtsichtglas.
Blut. Blut wird schwarz.
Zielen, patsch!
Tango drei Uhr! Absprache mit Handzeichen und Kopfbewegung.
Präzisionsschüsse.
Nur kurze Salven. Die Hülsen rasseln wie ein Rinnsal nach rechts raus.
Ziele von vorn, von der Seite, stehend, gebückt, im Sprung. Wie im Trainingsraum. Aber hier mit kurzen Schreien.
Das Team arbeitet präzise wie ein Uhrwerk.
Die Distanz zu den Angreifern wird kürzer. Es sind zu viele, viel zu viele …
»Gentlemen, sie wollen, dass wir uns leerschießen«, gibt Marc durch. Doch einen Marc wird man nicht leerschießen. Er zählt mit Tim und Thomas in Calw, am Heimatstandort der Spezialkräfte, zu den besten Scharfschützen. Und er vermeidet es, die Patronen aus dem Stangenmagazin im Dauerfeuer zu vergeuden. Selbst, wenn sie mit dreißig Mann auf ihn zustürmen. Danach wäre sein G 36 heiß und damit ungenau. Marc mag keine Ungenauigkeiten.
Einer der Taliban kniet seitlich an einem Felsen. Er sucht sein Ziel. Marc sieht durch den Nachtsichtaufsatz 80 nur den Sprengkopf der Panzerfaust. Eine hässliche, spitze, grüne Röhre. Entfernung hundert Meter.
Kurzer Feuerstoß aus dem Stangenmagazin. Direkt in den Kopf. Der Afghane wirbelt durch die Luft. Im grünen Glas schwarze Flecken. Kein Kopf mehr.
George nickt rüber. Er weiß, Menschen zu töten ist für die Germans ein verdammtes Rechtsproblem. Verdächtige totschießen gibt’s bei denen nicht. Das hier ist aber Kampf ums Überleben! Rules of Engagement, die genehmigten Einsatzregeln, erfüllt … und man ist unter sich …
Buddy stöhnt, versucht sich aufzurichten. Thomas drückt ihn runter.
»Er braucht dringend eine Infusion, sonst war’s das, George!«
»Sag ihm, in fünf Minuten ist er auf dem Weg nach Hause, zu Linda.«
Über ihnen pfeifen die Geschosse vorbei.
»Hast du gehört Buddy, wir sind gleich unterwegs, halte durch. Linda wartet auf dich.«
George und seine beiden Seals feuern nach vorn, die Deutschen nach hinten den Hügel hinauf.
Sie sind eingekreist. Jetzt wird es verdammt eng!
George spürt, wie erste Angst in ihm hochkriecht, dass sein Trupp es auf diesem verdammten Präsentierteller hier nicht schafft. Er hat keine Lösung. Die Hilfe muss sofort kommen.
»Charlie Force – Echo Team unter schwerem Beschuss!
»Roger Echo Team – wir sind …«
Der Spruch geht im Krach unter. Hubschrauberlärm! Der schönste Lärm, den Elitesoldaten sich in aussichtsloser Lage wünschen. Wie von Geisterhand stehen plötzlich zwei aus dem Tal kommende AH-64 Apache-Kampfhubschrauber vor ihnen in der Luft. Man hört sie mehr, als dass man sie sieht. Aus den Raketenbehältern rechts und links zischen Luft-Bodenraketen in die kleinen Gruppen der Taliban, gefolgt von Garben aus der dreißig Millimeter Bordkanone. George‘s aufgekommene Angst ist verflogen. Seine Feuer speienden Drachen sind da!
Spezialnachtvisier, Zielzuweisung, nicht hinschauen, sonst wirst du blind!
Neuer, tosender Lärm.
Die lange Silhouette eines Monsters taucht auf, kommt näher. Der Chinook-Transporthubschrauber hängt schwerfällig wenige Meter über dem Boden. Ratternde Salven aus dem Ungetüm. Fünfzig lebensrettende Meter vor den Elitesoldaten. Jeder Meter einer zu viel! Denn es sind noch zu viele Taliban. Die beiden Rotoren wirbeln Steine und Dreck durch die Luft.
Warum immer wieder dieses Monstergerät?, denkt Marc, hoffentlich geht das gut.
Das Monster bewegt sich auf den Boden zu, setzt erst hinten auf, dann vorne. Krach, Nachwippen, steht endlich auf dem leicht abfallenden, felsigen Boden. Sofort springen Charlie Force Fighter mit ihren bereits angelegten Nachtsichtgeräten aus dem Chinook.
Niederknien, zielen.
Die Apaches drehen sich wie computergesteuerte Wesen auf die Ziele zu, geben Feuerschutz für die Echo Force.
Marc wirft sich um die eigene Achse auf den Rücken, checkt die Lage für den Trupp. Jetzt kommt der gefährlichste Moment in diesem Hexenkessel. Für sie und die Hubschrauber, denn das ist eine perfekte Situation für einen grandiosen Feuerball mit nur einer einzigen Panzerfaust. Drei Seals schleppen unter dem Feuer der Apache-Hubschrauber Les und den mittlerweile bewusstlosen Buddy zum Hubschrauber.
Geschafft!
Der Medic nimmt Buddy in Empfang, er hat den Infusionsbehälter und die Sauerstoffmaske bereits in der Hand. Buddy hat jetzt eine Chance. Vielleicht.
Ein verkabelter Amerikaner an der Tür des Chinook winkt hektisch.
»Get in, get in!«
»Tim, Tango hinter dir!« Marc kann ihm nicht helfen, sein Bruder steht genau in der Schusslinie.
Der kleine Tim schnellt katzengleich herum, schießt aus der Hüfte. Der Taliban spreizt im Fallen die Arme. Seine Kalaschnikow wirbelt durch die Luft wie eine groteske Zirkusnummer.
»Danke, Marc.«
Tangos jetzt von allen Seiten. Die Echo Force rennt gebückt Richtung Hubschrauber.
Gucken, erkennen, Salve, neues Magazin, weiter!
Jeder sichert sechzig Grad.
Sechs mal sechzig. Kein Sektor darf offen bleiben. Einer für alle, alle für einen.
Noch zehn Meter bis zum Chinook!
Die Charlie Force und die Navy Seals One und Two sind drin, geben Feuerschutz für George und die drei Deutschen, unterstützt von den zwei Höllenmaschinen, die noch in der Luft warten.
Thomas kniet sich in der Deckung des Hubschraubers nieder und aktiviert die Fernzündung. In der Ferne gibt es eine gewaltige Explosion, die das Tal beben lässt. Das Echo will nicht aufhören. Es ist, als würde der Hindukusch zerbersten. Erledigt. Was geheim war, musste zerstört werden. Der US-Kampfjet dürfte nur noch aus kleinen Metallteilen bestehen.
»Hurry up, hurry up!«, kommt von dem Amerikaner in der Tür des Chinook. Er fuchtelt jetzt hektisch mit dem Arm herum. Das Monster ist in Gefahr. Es wäre nicht das erste Mal, dass Soldaten zurückbleiben müssen.
Tim und Thomas sind mit einem gewaltigen Sprung drin, hinter ihnen George, Seal One.
Marc ist der Letzte am Boden. Wie immer. Erst sein Trupp, dann er.
Das Monster hebt bereits ab. George winkt ihm hektisch zu. Marc wirft das Gewehr um die Schulter, dann ein Riesensatz zur Tür, George hält ihn fest, zieht ihn hinein. Halb hängend feuert Marc seine letzten Salven in Richtung der Mündungsfeuer am Boden.
Die drei Hubschrauber mit der Echo Force und der geretteten F-15-Crew tauchen ab in das dunstige Tal.
Seal One klopft seinem deutschen Freund von hinten anerkennend auf die Schulter.
Marc Anderson befindet sich auf dem Zenit seiner Karriere, nicht wissend, dass er seine eigentliche Prüfung noch vor sich und sein Glück als Elitesoldat heute für immer verbraucht hat.
2.
Berlin
Auch an diesem 17. Dezember röhrt der nicht ganz legale Auspuff der Harley Road King etwas zu laut bei der Einfahrt in die Garage des Auswärtigen Amtes in Berlin. Die Polizeiposten vom Amt wissen: Rudi fährt vor, Dr. Rudolf Kürten, der Mann für alle Fälle, wenn deutsche Staatsbürger irgendwo in der Welt ein gravierendes Problem haben.
»Guten Morgen, Herr Doktor Kürten!«
Rudi klappt das Helmvisier hoch: »Ich hab‘ doch gesagt, lasst endlich den Doktor weg!«
»Jawohl, Herr Doktor!«
Es ist in der Tat ein etwas untypischer Ministerialdirigent, mit Biker-Lederjacke, einem dezenten Ohrring, einem spitzen Kinnbärtchen und zum Zopf zusammengebundenen Haar, der da sein Reich betritt.
Sein Reich im Hochsicherheitstrakt unter Tage, eine 24-Stunden-Krisenmanagementmaschine, ist das Beste, was es in Deutschland gibt. Seine Leute sind Spezialisten vom Auswärtigen Amt, der Bundeswehr und aus den Nachrichtendiensten, Menschen, deren Vita er selbst nicht immer kennt. Doch Rudi muss sich vollkommen auf sie verlassen können. Jede falsche Koordinate, jede falsche Uhrzeit, jeder falsche Name, jede falsche Wetteranalyse oder jede falsche politische Einschätzung kann Leben gefährden. Rudis Job aber ist es, Leben zu retten. Am liebsten würde er das selbst tun.
Aber er ist nicht Frontsoldat, sondern am Schreibtisch so etwas wie der oberste Krisenmanager der Nation. Oft genug am finalen Hebel der Verantwortung, wenn die Leitung oder sogar die Regierungschefin nicht entscheiden will.
Rudolf betritt das Krisenreaktionszentrum durch die Tür aus Tresorstahl, einem Erbe aus früheren Tagen, als hier noch die Reichsbank untergebracht war. Der Ort war eine kluge Wahl. Die abhörsicheren, einhundertzwanzig Zentimeter dicken Stahlbetonwände und achtzig Zentimeter dicken Fensterläden aus Stahl leisten beste Dienste gegen das Abhören von außen. Da aber der Feind auch innen sitzen kann, legt jeder Teilnehmer einer Krisensitzung sein Handy vor der Tür in den kleinen Schrank mit den achtzehn verschließbaren Fächern ab, Minister eingeschlossen.
Rudolf schaut kurz in den Lombardraum hinein, in seine Schaltzentrale.
»Guten Morgen allerseits, irgendwelche besonderen Vorkommnisse?«
Alberne Nachfrage, denkt er, denn hier ist jede Nacht etwas los und wird routinemäßig von der Nachtschicht unter Leitung des Beamten vom Dienst abgearbeitet: Entführte werden zurückgeholt, Angehörige telefonisch beruhigt, Sanitäter und Seelsorger geordert, und es wird ständig nach verschollenen Deutschen gesucht. Oft tauchen die dann irgendwann von selbst wieder auf. Nichts Besonderes. Es gibt im Fachjargon die Unterscheidung zwischen Vorkommnissen und den Besonderen Vorkommnissen, den BV, bei denen ihn die Nachtwache der Nation aus dem Bett holen würde.
Vor dem Beamten vom Dienst stehen vier Telefone, eines mit der Aufschrift Vorsicht Abhörgefahr! An sich nicht notwendig, denkt Rudi, meine Leute sind von Haus aus verschwiegen. Sie reden auch über die verschlüsselten Geräte nur das absolut Notwendige. Am liebsten: Verstanden – Roger – Over – Out.
Die Welt draußen ist hier in einen einzigen Raum gepackt. Neun Normaluhren mit den Namen der Hauptstädte, austauschbar mit dem aktuellen Krisenort in der zugehörigen Zeitzone. An der Wand Karten und die Privat- und Handynummern der Minister und Staatssekretäre. Sensible Daten, die abgedeckt werden, wenn Fremde das Allerheiligste betreten. Rund um die Uhr gehen die Ticker-Meldungen der Agenturen über Bild und Text ein, ebenso die BND- und BKA-Berichte und die der zweihundertvierzig deutschen Botschaften, so genannte Drahtberichte, die immer noch so heißen, obwohl sie längst elektronisch sind. Überall flimmert es, zehn Bildschirme allein für die Nachrichtensender. Für fast jedes Land gibt es einen Länderordner. Es gibt kaum etwas, was hier planerisch nicht schon vorgedacht ist.
Jeden Morgen wundert sich Rudi darüber, dass es hier bei dem Rund-um-die-Uhr-Betrieb in drei Schichten nicht muffig riecht. Wenn es richtig heiß hergeht, hat er im Amt eine Reserve von über zweihundertfünfzig geschulten Beamten für den Telefondienst. Bei Rudi läuft alles zusammen. Er ist ein Kellerkind der besonderen Klasse.
Allerdings ist sein Dienstzimmer kein Kellerverließ, es ist wie alle Dienstzimmer der Ebene Abteilungsleiter/Ministerialdirigent/Besoldungsgruppe B 6 nach besonderen Standards ausgerichtet. Großer Mahagoni-Schreibtisch, schwerer Teppich, Besprechungsecke mit feinen, schwarzen Sesseln, das Bild des Außenministers in Öl.
Dieser, der Leiter des Amtes, Georg von Rüdesheim, hat ein nettes, freundliches Gesicht.
Minister kommen und gehen. Mit ihnen die Ölgemälde. Nur der kleine schwarze Nagel an der Wand bleibt. Jahrzehntelang. Er hat inzwischen quasi einen ministeriellen Status bekommen. Ein Nagel wie der ideale Beamte dieses Hauses. Unauffällig und leistungsstark.
Ein Schild in Rudis Zimmer wird jedoch nie bewegt:
Failure is not an option.
Rudi lebt konsequent nach diesem Prinzip. Es stammt von der NASA, und galt der zu rettenden Apollo 13-Crew im All. Katastrophen verhindern durch Vermeiden von Fehlern. Auf dem Motorrad wie auch im Krisenkeller. Da gibt es für Rudi keinen Spielraum.
Er mag seine achtunddreißig Frauen und Männer von der Abteilung 04 im geheimnisumwitterten Krisenkeller – und sie ihn. Denn Dr. Rudolf Kürten ist nicht der amtstypische, aalglatte Beamte, sondern stets locker, mit viel Herz, und dabei hoch kompetent. Er hat seine Krisenweihen als Botschafter in Kenia, und damit auch zuständig für Somalia und Burundi, bekommen. Niemand im Amt kennt das leidige Thema Piraterie so gut wie er. Mit zweiundfünfzig Jahren weiß er auch, dass ein lockeres Arbeitsklima die besten Erfolge garantiert.
Doch Fronterfahrung und kooperativer Führungsstil sind nur eine Sache. Rudi ist keineswegs naiv. Hier im Krisenmanagementzentrum der Republik ist analytischer und emotionsfreier Sachverstand gefragt. Ohne Wenn und Aber.
Für die Lösung komplexer Lagen hat Rudolf ein bestimmtes Konzept geradezu verinnerlicht.
Es war vor vier Jahren, bei einer Einweisung für Spitzen-Führungskräfte der Wirtschaft an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg Blankenese. Er sieht den Oberst noch vor sich: Linker Arm in einem Tragetuch, Narbe oberhalb des rechten Auges, ganz scharfer Blick. Ein Typ wie Graf von Stauffenberg, hingerichtet am 20. Juli 1944.
»Bevor Sie eine Entscheidung treffen, meine Damen und Herren, verfahren Sie nach diesen vier Schritten:
1. Situation Analysis:
Alle Faktoren der Situation, bitte ohne jegliche Bewertung. Wir Soldaten nennen das Eigene Lage und Feindlage. Bei Ihnen, meine Damen und Herren von der Wirtschaft, können das z.B. die Produktpalette und der Wettbewerb sein. Bei den Damen und Herren vom Auswärtigen Amt der eigene rechtliche Rahmen und die politische Situation im Problemland. Verstanden? Okay, weiter geht’s!
2. Assessment:
Bewerten Sie jetzt aus der Situation Analysis Ihre Lage und die des Gegners. Aber keine Emotionen, sachlich bitte! Sie fahren gut, wenn Sie nach Faktoren bewerten. Ich sehe, Sie schauen mich fragend an, was Faktoren sind. Sehr einfach. Zum Beispiel die Fähigkeit der eigenen und der gegnerischen Ressourcen, die Marktsituation, die politische Lage, je nachdem, wo immer Sie arbeiten. Bei uns Militärs kann zum Beispiel das Wetter der entscheidende Faktor sein. Je umfassender Sie bewerten, umso besser wird die Entscheidungsgrundlage. Ist das auch verstanden? Nun, dann komme ich zu:
3. Objectives:
Sie glauben, dass Sie jetzt entscheidungsreif sind? Falsch, meine Damen und Herren. An dieser Stelle werden leider zu oft zu frühe, und damit auch falsche Entscheidungen getroffen. Entschleunigen Sie einen Augenblick. Schauen Sie in sich und fragen Sie sich: Was ist die Zielsetzung meines Handelns in dieser Lage? Was will ich erreichen? Ihre Antwort wird den Kurs bestimmen. Wollen Sie vielleicht den ganz großen Krieg gewinnen oder in dieser Phase vielmehr nur die Medien beruhigen? Im letzteren Fall ist Ihr Handeln auf Krisenkommunikationsoptionen ausgerichtet. Sie sehen, wie schnell man sich hier verlaufen kann. Damit zum letzten Punkt.
4. Conclusions:
Jetzt dürfen Sie Ihre Entscheidung treffen. Vielleicht hatten Sie die schon in der Hosentasche. Gut, dann ist sie jetzt immerhin bestmöglich abgesichert. Vielleicht sind Sie aber nach dieser Analyse mit einer ganz anderen Entscheidung unterwegs. Aber Vorsicht meine Damen und Herren – meistens gibt es mehrere Optionen! Listen Sie diese auf und wählen Sie die Entscheidung aus, die Ihre Zielsetzungen, Ihre Objectives, am besten erfüllen. Machen Sie Gewichtungen. Aber behalten Sie immer Ihre Mittel und Möglichkeiten im Auge, bleiben Sie in der Realität.«
Der Oberst zeichnet vier Buchstaben.
»Wir nennen diesen Führungsprozess SAOC«, er zeigt dabei auf die Anfangsbuchstaben von Situation Analysis, Assessment, Objectives und Conclusions.
»Es ist das klassische Führungsinstrument von Streitkräften. Damit wurden Kriege gewonnen oder zumindest vermieden. Viele meiner Kameraden sind heute Kollegen von Ihnen in der Wirtschaft und fahren mit diesem System auch dort bestens. Trimmen Sie Ihren Stab auf diesen Prozess. Und wenn sich die Lage ändert, dann lassen Sie SAOC neu anlaufen.
Last but not least: Vergessen Sie nie die Kontrolle. Fragen? Ich danke Ihnen.«
Danach hätte Rudi eigentlich nach Hause fahren können. Das war doch mal etwas! Es gibt eben Klicks im Leben.
Und manches Mal braucht man dazu einen sympathischen und garantiert authentischen Uniformträger.
Seitdem nistet SAOC in Rudis Großhirn wie die Schaltungen vom ersten zum fünften Gang, wenn er aus dem Spreewald ins Amt fährt. Allerdings hat er es längst aufgegeben, SAOC seinem Leiter des Krisenreaktionszentrums, Ministerialrat Dr. Hartwig Bloedorn, beizubringen. Irgendwie kann er diesen Mann nicht erreichen oder die Chemie zwischen beiden stimmt einfach nicht.
Rudolf schaut auf die Wandtafel. Zwölf Entführungslagen mit verschiedenen, maßgeschneiderten Krisenstäben je nach Land des Geschehens. Er kennt jeden Fall. Jede Dramatik. Jede Person. Jede Familie.
Aber ein Fall ist anders. Ein Entführungsfall, der bereits über zwei Jahre läuft, ohne sichtbare Bewegung. Zwei Männer werden als Schutzschild gegen die permanente militärische Bedrohung missbraucht. Das Bundeskriminalamt hat inzwischen ein Team für die Betreuung der beiden Familien in Deutschland abgestellt. Doch eigentlich brauchen diese Familien vor allem psychologische Betreuung. Rudi hat dafür rund um die Uhr Zugriff auf eine Hotline, die ihm in fast jeder deutschen Stadt ein Kriseninterventionsteam garantiert.
Und seit acht Wochen ist man in Sorge um die beiden deutschen Mitarbeiter eines Unternehmens, Helmut Weier und Josef Fischer, die entgegen der Reisewarnung des Amtes im Nordirak tätig wurden. Immerhin hatten sich beide in ELEFAND, die kostenlose, elektronische Liste der Erfassung von Auslandsdeutschen, eingetragen. Der Bundesnachrichtendienst vermutet sie in den Händen des Islamischen Staates, der schnell wachsenden muslimisch-militanten Terrorgruppe, die längst al-Qaida weltweit den Rang abgelaufen hat. Bisher gab es überhaupt kein Signal von irgendeiner Seite. Der Krisenstab Weier/Fischer, mit dem hausinternen Kürzel WEFI, ist auf Erkenntnisse der Nachrichtendienste angewiesen. Und in der Tat gibt es einen ersten Hinweis von der CIA, dass zwei deutsche Geiseln vermutlich im Nordirak festgehalten werden. In diese Richtung laufen jetzt alle Bemühungen von WEFI.
Rudolf weiß, dass die vergleichsweise komfortablen Zeiten vorbei sind, als es bei Entführungen nur um Lösegeld ging. Seitdem Deutschland sich zunehmend im Kampf gegen den internationalen Terror engagiert, nehmen die politischen Erpressungen zu und die Chancen für die Geiseln dramatisch ab.
Während er auf dem Weg zum Lagezentrum ist, stürzt Dr. Bloedorn hektisch auf ihn zu.
»Herr Dr. Kürten, gut, dass Sie da sind! Wir haben gerade über YouTube eine Videodrohung vom Islamischen Staat mit Ultimatum bekommen. Die Geiseln Weier und Fischer sollen am 25. Dezember enthauptet werden, wenn Deutschland sich nicht aus den Unterstützungsaktivitäten im Kampf gegen den IS heraushält!«
Rudolf vergisst einen Moment, dass er diesen aalglatten Bloedorn nicht mag. Der Mann kann geschlagene zwanzig Minuten bedeutungsvoll reden, ohne etwas zu sagen. Hohe Diplomatenschule. Hier im Krisenkeller hat das Amt ihn eigentlich auch nur geparkt. In Krisensituationen hyperventiliert er geradezu in so einer Art Krisenorgasmus. Leider ausschließlich um des blinden Aktionismus willen, weniger aus echter Sorge um die betroffenen Menschen.
Und an die denkt Rudolf jetzt, als sein Blick die Computer, Faxgeräte und Chiffriermaschinen im Lagezentrum streift, und dann wie so oft an den neun, leise im Gleichtakt tickenden Bahnhofsuhren hängen bleibt. Im Nordirak ist es bereits zwei Stunden weiter.
Wann soll enthauptet werden? 25. Dezember, also in neun Tagen! Das gibt wenigstens etwas Luft. Jede Stunde ist jetzt wertvoll. Sie müssen auf Vollgas-Modus umschalten.
»Herr Bloedorn, Krisenstab WEFI für 16:00 Uhr lokal einberufen! Leitungsebene informieren!«
Rudi eilt in sein Büro, das unbarmherzige Ticken der Uhren noch im Ohr.
»Sandra, ruf‘ Silberlocke zu mir und bitte meinen Blazer!«
Seine Sekretärin Sandra weiß, wenn die Harley-Jacke gegen den Blazer getauscht wird, ist der Ernstfall eingetreten. Und sie weiß natürlich auch, dass BKA-Direktor Harry Busch, genannt Silberlocke, der beste Kenner der islamistischen Terrorszene ist und ein ausgebuffter Verhandlungsfuchs dazu.
»Ich wollte Ihnen noch sagen, dass die Ehefrauen von Herrn Weier und Herrn Fischer eben angerufen haben. Chef, die sind am Ende ihrer Kräfte!«
»Haben wir die Erreichbarkeit?«
»Haben wir!«
»Sagen Sie beiden, ich rufe sie nach der Sitzung an.«
Er weiß, wie entsetzlich es für die Familien ist, die Enthauptungsdrohungen in den Nachrichten und die Enthauptungen selbst später wohlmöglich im Internet zu sehen.
Dann vertieft er sich in den Lagevortrag. Was wissen wir? Wie wird die Bewertung sein?
Doch schon jetzt ist ihm klar, es könnte die erste Enthauptung von Deutschen in diesem Jahr sein. Irgendwie war die RAF kalkulierbarer, geht es ihm durch den Kopf, da kannte man seinen Feind …
»Ich denke, Sandra, wir bekommen heute noch hohen Besuch.«
»Meinen Sie wirklich? Sie war in den zwei Jahren doch bisher nur ein einziges Mal hier, und das war zu ihrem Antrittsbesuch.«
Bundeskanzleramt
Als Susanne Ehrlich, die Leiterin des Kanzlerbüros, am Telefon die seltsam belegte Stimme des Bundesaußenministers Georg von Rüdesheim hört, ist ihr klar, dass es jetzt brennt. Sie ahnt nichts Gutes für den Dienstplan ihrer Chefin.
»Ist die Bundeskanzlerin erreichbar, sie antwortet nicht auf Ihrem Krypto-Handy?«, fragt von Rüdesheim.
»Das kann sein, Herr Minister, wenn sie das andere Telefon benutzt.«
»Diese Krypto-Dinger sind extrem unpraktisch«, entgegnet er etwas unwirsch.
»Darf ich die Chefin in Berlin vermuten? Ich muss sie dringend sprechen.«
»Darf ich erfahren, worum es geht?«
»Sie dürfen«, antwortet Georg von Rüdesheim nun etwas spitz. Es nervt ihn, dass in allen Vorzimmern dieser Welt die Büroleiter die Macht haben, wie bei ihm selbst …
»Der IS hat offensichtlich die beiden deutschen Geiseln Weier und Fischer in seiner Gewalt. Es gibt die klare Drohung, sie zu enthaupten, wenn wir uns nicht zurückziehen.«
»Ich darf Sie durchstellen Herr Minister, haben Sie Ihr Krypto-Handy aktiviert?«
»Ich rufe selbstverständlich bereits damit an.«
Bundeskanzlerin Dr. Henriette Behrens ist auf dem Weg von ihrer Wohnung im Süden Berlins zum Bundeskanzleramt. Vor und hinter ihr je ein Wagen mit Personenschutz.
Henriette ist gern Kanzlerin. Sie kommt aus einer bekannten Diplomatenfamilie, wohnte lange in Rom, studierte politische Wissenschaften, Geschichte und Philosophie und promovierte über den römischen Kaiser Marc Aurel. Sie ist bei vielen Menschen im Land wegen ihrer menschlichen Art und sachlichen Politik beliebt. Ihre Politik wirkt durchschaubar, so wie sie selbst erscheint, transparent und authentisch. Sie kann knallhart sein, aber sie ist berechenbar. Die Bundeskanzlerin sagt, was sie will und hält es ein. Man kann sich auf sie verlassen, national wie international. Den Parteivorsitz hasst sie eigentlich, braucht ihn aber zum Erhalt ihrer Macht wie ein notwendiges Übel. Und sie muss diese Macht festigen, denn sie regiert seit kurzem in einer komplizierten Dreierkoalition umgeben von politischen Gegnern, die nur darauf lauern, dass die Kanzlerin einen Fehler macht. Gemäß dem Auftrag jeder Opposition: Sturz der Herrschenden.
Henriette hat sich heute für eine ihrer weißen Seidenblusen entschlossen, darüber trägt sie ein dunkelblaues Kostüm. Eine dezente Perlenkette, zwei kleine diamantene Ohrstecker. Noch mehr Schmuck mag sie nicht. An dem leichten YPSILON-Parfümgeruch konnte man die heute Neunundvierzigjährige bereits seit zwei Jahrzehnten leicht identifizieren. Inzwischen ist es schwer, das Parfüm noch auf dem Markt zu bekommen.
Die Kanzlerin wird von ihren Ministerinnen überwiegend kritisch gesehen, von den männlichen Kollegen hingegen geradezu verehrt, besonders von ihrem italienischen Amtskollegen. Nicht nur wegen ihrer Affinität zu Italien, sondern wohl auch, weil sie jung, Single und außerordentlich hübsch ist. Das Bild von Signora Henrietta steht in Rom auf seinem Schreibtisch, seitdem die eigene Frau ihn verlassen hatte.
Ihre in Stufen geschnittenen, halblangen, schwarzen Haare wurden im ganzen Land zur Henriette-Frisur. Handtaschen und Schuhe bekamen ihren Markennamen. Ihre Kleidung ist ständig Thema in der Boulevardpresse. Die Times schrieb in der Titelgeschichte Germany‘s best Brand über den überwältigenden Charme und Verstand einer »einzigartigen Ausnahmeerscheinung« unter den Regierungschefs in Europa.
Was um alles in der Welt trage ich heute beim Empfang des Emirs von Katar?, fährt ihr durch den Kopf. Von Rüdesheim hatte betont, dass das reiche Katar für Deutschland immer wichtiger werde, und es Zeit wäre, die politische Zusammenarbeit zu verstärken.
Sie schaut in den Spiegel, fährt mit dem Stift über ihre Lippen, presst sie zusammen und betrachtet dabei kritisch ihren Mund.
Bei dem Emir liefe sie wenigstens nicht Gefahr, umarmt zu werden.
Henriette hasst es, wenn Männer sie in aller Welt in den Arm nehmen. Es macht sich gut auf Bildern, die schöne erste Frau im mächtigsten Staat Europas zu umarmen. Fast jeder giert danach. Körperliche Umarmung heißt auch, politisch Macht dort zu demonstrieren, wo das Wort nicht reicht. Selbst kleine Männer scheuen nicht davor zurück, die 1,76 Meter große, schlanke Henriette an sich zu ziehen.
Es gibt bei öffentlichen Umarmungen alle Sorten von Männern. Souveräne Beschützertypen, andere sind einfach nur gockelhaft. Wenn sie aus Brüssel zurückkommt, hat sie ein Bombardement von Küsschen links, Küsschen rechts hinter sich. Sie hat inzwischen ihre eigenen Abwehrstrategien entwickelt, indem sie früh abblockt. Nicht immer gelingt es.
Am liebsten würde ich mich vor dem Mittagstermin mit dem Emir noch frisch machen und umziehen, denkt sie.
Wie ist der Plan? Jetzt gleich noch ein einstündiges Treffen mit Vertretern von Banken und ein zweistündiges mit Gewerkschaften und den Repräsentanten der Kirchen …
Sie schaut auf die Notizen, die sie neben sich auf dem Rücksitz des Wagens ausgebreitet hat. Henriette mag keine Gittermappen. Die Papiere müssen, wenn möglich, immer greifbar um sie herum sein, wie die Zutaten in der Küche, dann kann sie am besten kochen.
Sie zählt. Sechzehn wichtige Telefontermine am Nachmittag. Auch der Bundespräsident möchte mit ihr über eine schwierige Gesetzesvorlage sprechen.
Ein gemeinsamer, dringender Brief einer Frau Weier und Frau Fischer ist dabei. Die Ehefrauen der zwei verschleppten deutschen Geiseln flehen sie verzweifelt um Hilfe an.
Beide Ehemänner hatten sich nach langem Drängen ihrer Baufirma aus Hanau bereit erklärt, in den gefährlichen Irak zu fahren, um dort Geschäftschancen wahrzunehmen. Beide Frauen sind in Todesangst um ihre Lieben und verzweifelt, dass sie ihre Männer trotz aller Warnungen von Kollegen und auch des Auswärtigen Amtes nicht zurückgehalten haben. Der Brief ist anrührend geschrieben. Henriette spürt die große Not. Sie wird sich noch genauer informieren, bevor sie heute Abend nach zwanzig Uhr endlich die Füße hochlegen kann.
Henriette Behrens hat ein diskretes Treffen, und das kennt nur ihre Büroleiterin und langjährige Freundin Susanne Ehrlich.
Auf dem Krypto-Handy erscheint die Nummer vom Außenminister von Rüdesheim. Die Bundeskanzlerin ist ihm gegenüber mehr als vorsichtig. Der Koalitionspartner hatte ihn bei der Regierungsbildung gnadenlos durchgeboxt, und nun ist er traditionsgemäß in dieser Funktion leider auch Vizekanzler. Was hinter den Kulissen läuft, kann selbst sie nur ahnen. Gelegentlich bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihn zurückzupfeifen, was in der Presse sofort als Konflikt in der Außenpolitik zwischen ihr und dem Außenminister ausgelegt wird. Rüdesheim beobachtet sie argwöhnisch, auch in ihrem offensichtlich auffällig guten Verhältnis zum Verteidigungsminister.
»Herr von Rüdesheim, haben wir ein Problem?«
»In der Tat, Frau Bundeskanzlerin.«
Er berichtet von dem Erpressungsvideo.
»Das müssen Sie noch wissen: Die Drohung wird von einem sehr gut Deutsch sprechenden Terroristen vorgetragen. Sie, Frau Bundeskanzlerin, werden namentlich adressiert und massiv bedroht. Das Thema läuft bereits allen Medien mit den üblichen Spekulationen über unsere Reaktion. Ministerialdirigent Dr. Kürten bereitet für heute eine Sitzung des Krisenstabes WEFI bei uns im Lageraum vor.«
Henriette überlegt kurz.
Option eins, ich delegiere das Ganze wie so Vieles. Option zwei, ich mache den Fall zur Chefsache und greife aktiv in das Geschehen ein. In beiden Fällen: Ausgang offen. Option zwei kann ich zeitlich überhaupt nicht gebrauchen, und sie ist auch politisch gefährlicher …«
Sie weiß, dass sie in dieser brisanten Lage auf einem Feuerstuhl sitzt. Zwei deutsche Geiseln könnten erstmals von dieser Terrororganisation hingerichtet werden. Es ist nicht ihr Ding, heiße Themen auszusitzen. Sie wurde gewählt, um zu handeln. Sie handelt im Kabinett, in Brüssel, und sie muss jetzt auch einmal im Krisenkeller handeln! Henriette entschließt sich für die Option zwei.
»Um wie viel Uhr tagt der Krisenstab?«
»Um 16:00 Uhr.«
»Ich werde dazukommen. Bitten Sie auch Innenminister Dr. Bauer und Verteidigungsminister Voss dazu – und natürlich alle Ebenen, die wir für die Entscheidungsfindung benötigen.«
»Wird erledigt, Frau Bundeskanzlerin.«
So ein Blödmann, denkt Henriette. Wann begreift der endlich, dass ich kabinettsintern nur mit Namen angesprochen werden möchte?
Dann ruft sie ihr Leitungsbüro an, lässt die anstehenden Besprechungstermine mit Banken, Kirchen und Gewerkschaften kürzen. So wird sie noch einige Telefontermine schaffen. Das Umziehen kann ich vergessen, denkt sie und greift sich ein paar Akten.
»Zum AA Krisenreaktionszentrum!«
»Normal oder mit Blaulicht?«
»Normal, ich möchte vor Kriegsausbruch noch in Ruhe ein Nachmittagsschläfchen machen.«
Ihr Lieblingsfahrer gibt dem ersten Wagen die Einzelheiten durch und schmunzelt. Er ist stolz darauf, diese Chefin fahren zu dürfen. Sie sieht nicht nur verdammt gut aus, sondern hat es richtig drauf, und wie immer die Ruhe weg.
Im Lageraum sind alle versammelt. Noch ist der zentrale Bildschirm dunkel. Gespannte Ruhe. Zum ersten Mal wird die Chefin selbst bei einer Krise anwesend sein.
Seit 15:30 Uhr fahren gepanzerte Limousinen vor. Die Fahrer springen heraus und öffnen den Ministern die Türen. Raumschutz ist hier nachrangig, man ist im Innenhof bereits im gesicherten Bereich. Verteidigungsminister Paul Voss wird von einem Heeresgeneral begleitet, Innenminister Dr. Siegfried Bauer von einem hohen Beamten der GSG 9 Bundespolizei, der Hausherr, Außenminister Georg von Rüdesheim, kommt allein.
Dr. Rudolf Kürten begrüßt jeden Einzelnen seiner Gäste per Handschlag. Großes Kino heute. Doch in Krisen wie dieser wird Rudi ganz ruhig, noch ruhiger als sonst.
Die Herren werden höflich, aber bestimmt gebeten, ihre Handys vor Eintritt in den Lageraum abzugeben. Das dient nicht nur der Sicherheit, sondern folgt Rudis Prinzip. Das Prinzip heißt: Kopf vor Technik.
Rudi überblickt den Raum. Der ist so, wie er ihn immer haben wollte. Leere Tische, aneinandergereiht in einem langen ovalen Block, am Ende über Eck. Schreibblock, Stift, sonst nichts. Diese ungewöhnliche Logistik hatte ihm ebenfalls jener Oberst aus Blankenese empfohlen. Seitdem gibt es im Lageraum keine Informationsüberflutung mehr. Es wird konzentriert und kurz vorgetragen, zugehört und diskutiert. Krisenrelevante Informationen werden während der Sitzung aus den Fachbereichen außerhalb des Lageraumes abgerufen, aus allen Ressorts und den Geheimdienstquellen. Bei Bedarf wird alles, was wichtig ist, auf einen großen Schirm projiziert. Doch nur bei Bedarf.
Rudi ist zufrieden. Hier befindet er sich direkt auf der strategischen Ebene. Trotzdem ist er froh, dass heute die letzte Entscheidung nicht auf seinen Schultern ruht.
Um exakt 15:58 Uhr wird es plötzlich ruhig im Lageraum.
»Meine Damen und Herren, die Frau Bundeskanzlerin!«
Alles erhebt sich.
Strahlend betritt sie in ihrem dezenten, blauen Kostüm den nüchternen, unpersönlich großen Raum. Henriette gibt dem Hausherrn die Hand. Georg von Rüdesheim weiß, dass sie auf einen Handkuss keinen Wert legt.
»Guten Tag zusammen, ich freue mich, hier im Krisenkeller zu sein! Mein Handy hat man mir abgenommen. Wäre auch sinnlos gewesen, wenn ich die Wände hier sehe.«
Lachen im Raum. Vorschrift ist Vorschrift auch für die Nummer Eins.
»Frau Bundeskanzlerin, ich stelle vor, Ministerialdirigent Dr. Kürten, Ministerialrat Dr. Bloedorn, BKA-Direktor Busch und der Kommandeur KSK, Brigadegeneral Wolf.«
Es folgen Ressortleiter und eine Reihe von Mitarbeitern. Die Crème de la Crème im Krisenkeller.
Henriette legt Wert darauf, jedem Einzelnen die Hand zu schütteln. Wertschätzung durch persönliche Begrüßung, wann immer möglich, ist ihre Devise. Sie ist sich ihrer Premiere in diesem Kreise bewusst, und ihr Charme erfasst schnell den gesamten Lageraum.
»Ich möchte zuerst das Video sehen.«
»Selbstverständlich, Frau Bundeskanzler«, erwidert Bloedorn, grammatikalisch völlig korrekt.
»Ich bin bekanntlich eine Frau«, sagt sie gewinnend, »also können Sie ruhig Frau Bundeskanzlerin zu mir sagen, selbst, wenn das einem weißen Schimmel gleich kommt. Die Tautologie nehme ich zugunsten der Emanzipation gerne in Kauf!« Wieder Erheiterung. Sie hat schon jetzt den Schlüssel umgedreht, denkt Rudi. Señora Henrietta hat ein Gespür dafür, dass auch im Worst Case gelacht werden darf … die Spannung muss raus … denn gleich wird es ernst, verdammt ernst.
Das projizierte Video ist erschreckend. Eine Gruppe maskierter Terroristen. Aber irgendetwas ist anders als sonst, denkt Henriette. Die gesamte Inszenierung. Das ist wie Hollywood …
Der Mann im Vordergrund will gerade sprechen.
»Bitte Stopp!«, sagt die Kanzlerin.
Sie erträgt das nicht, denkt Bloedorn.
Stimmt nicht. Die Kanzlerin will sich das stehende Bild erst einmal genau ansehen, bevor die Sprache kommt. Für sie ist der Gesamteindruck, die Körpersprache mindestens so wichtig wie das gesprochene Wort. Und hier erst recht. Was ist Show, was ist echt?
Sie schaut sich die Figuren genau an. Beide Geiseln in der inzwischen typischen, orangefarbenen Häftlingskleidung, identisch mit der Kleidung im Gefangenenlager Guantanamo. Kleider als Unterdrückungssymbol. Ihr habt unsere Brüder, wir eure. Wir sind auf Augenhöhe – Gottlose!
Weier und Fischer knien gefesselt auf dem Wüstenboden mit einem Schild um den Hals:
Ich will nicht sterben, Frau Bundeskanzlerin. Bitte helfen Sie!
Eine Gruppe fünf maskierter Terroristen in schwarzer IS-Kampfkleidung, Maschinengewehre und Panzerabwehrraketen hochhaltend. Neben jedem Gefangenen steht ein Terrorist mit einem Messer in der Hand – am Hals der Geisel.
Jetzt steht die Bundeskanzlerin auf, geht näher an den Bildschirm heran, sie studiert die Augen hinter den Masken, alles junge Männer, nein, eindeutig eine Frau dabei! Die Uniformen sauber, perfekt. Geschnürte Kampfstiefel. Am Gürtel etliche Ausrüstungsteile. Bodyguards aus dem Vorhof der Hölle.
Im Hintergrund eine Fahne: Tod den Feinden der Gotteskrieger.
Die brauchen gar nicht mehr zu sprechen, denkt sie, die perfekte Inszenierung zum Angst machen.
Sie sagt kein Wort. Im Raum ist es mucksmäuschenstill, als sie sich wieder setzt. Ihr Gesicht ist ernst, aber nicht fassungslos.
»Bitte weiter!«
Der Krieger in der Frontreihe spricht frei, in tadellosem, fast akzentfreiem Deutsch:
»Wegen der Entscheidung der deutschen Bundesregierung, dem Islamischen Staat zu schaden, werden diese beiden deutschen Geiseln sterben. Wir werden Sie, Henriette Behrens, Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, wo immer Sie sind, jagen, finden und schänden. Von nun an sind Sie nicht mehr allein. Noch haben Sie Zeit zum Überlegen. Wenn Deutschland unsere Forderung nicht erfüllt, werden Weier und Fischer an eurem Weihnachtstag, dem 25. Dezember, zwölf Uhr, enthauptet. Ein weiteres Ultimatum wird es nicht geben. Allahu Akbar!«
Im Hintergrund wird geschossen. Die Geiseln sind vor Angst erstarrt.
Dann dreht sich der Sprecher herum. Offensichtlich ist die Vorführung vorbei.
Doch dem ist nicht so.
Auf seinem Rücken sehen die Menschen im Krisenkeller ein großflächiges Foto von der Bundeskanzlerin. Henriette Behrens – verzerrt zu einer hämischen Fratze.
Um Gottes Willen, denkt sie, auch das noch …
Das Bild ist unerträglich, und doch kann sie den Blick nicht abwenden. Was sind das plötzlich für dunkle Flecken, die jetzt auf dem Orange der Gefangenenhemden zu erkennen sind? Wasser …?
Dann sieht sie einen Strahl.
Mein Gott … nein … er uriniert sie an … er uriniert Weier und Fischer an … ins Gesicht … mit meinem Bild auf dem Rücken …
Auf dem Bildschirm flimmert es. Der Spuk ist vorbei.
Es ist jetzt sehr still im Raum. Nur die Normuhren ticken in der Stille, leise und erbarmungslos, erinnern daran, dass die Zeit drängt.
Henriette trinkt einen Schluck Wasser. Sie wirkt äußerlich wenig beeindruckt. Aber in ihr lodert urplötzlich eine unglaubliche Wut. Es fehlen ihr die Worte.
Ein offensichtlich deutscher Terrorist, der auf zwei dem Tode geweihte deutsche Staatsbürger uriniert, und die Bundeskanzlerin und damit Deutschland in übelster Weise beschmutzt!
Sie weiß, dass sie nur mittelbar gemeint ist. Es ist primär eine Botschaft der IS-Terrormiliz an die Welt. Aber es ist auch eine höchst persönliche Drohung. Sie könnte tatsächlich jetzt hoch gefährdet sein. Die Sicherheitsstufe muss wohl auf 1+ hochgefahren werden, denkt sie als Erstes, nachdem sie sich gefangen hat.
»Wie ist ihre Bewertung, meine Herren?«
»Ministerialdirigent Dr. Kürten wird Ihnen die Lagebeurteilung vortragen«, sagt der Außenminister.
»Zunächst, Frau Bundeskanzlerin, das Video wurde nach fünf Minuten aus dem Netz genommen.«
»Zu lange. Damit ist es im Netz unterwegs«, bemerkt von Rüdesheim.
Rudi wendet sich direkt an die Kanzlerin. Er nimmt in Kauf, dass sein Chef ihn dafür nur von der Seite sieht.
Der oberste Krisenmanager der Nation ist rhetorisch perfekt und heute in Höchstform. Er braucht keinen Beamer. Sein Beamer ist er selbst, seine sichere Gestik und das Spiel mit den Augen. Er schaut nach rechts und links, als lese er von einem Teleprompter. Dabei wirkt er völlig unprätentiös, ohne jede Eitelkeit oder Überheblichkeit. Sobald er Quellen erwähnt, spricht er die betroffenen Experten direkt an.
Rudi entführt die Zuhörer für eine Zeit in den Abgrund des Dschihad. Die Zuhörer merken nicht, dass hinter dieser perfekten Präsentation eine komplexe Strategie steht, durch die alle Leitungsebenen, und die Kanzlerin insbesondere, zu bestimmten Entscheidungsoptionen geführt werden sollen. Der ungewöhnliche Ministerialdirigent mit kleinem Zopf und Kinnbärtchen hätte Turnschuhe anhaben können, an seiner Klasse würde dieses nichts ändern. Und die zählt hier.
Die Kanzlerin hört aufmerksam zu. Zwischendurch macht sie Notizen.
»Wie viel Lösegeld fließt jährlich in die Hände der Terroristen, Herr Kürten?«
Sie hat über die Arbeit dieses Krisenmanagers bisher nur das Beste gehört.
»Allein im letzten Jahr hat al-Qaida fünfzig Millionen Euro Lösegeld einkassiert.«
Rudi lässt die Zahl für einen kurzen Moment im Raum stehen.
Millionen für Geiseln, Millionen für neue Waffen. Neue Entführungen, neue Millionen … neue Waffen. Der Kreislauf des Terrors …, denkt Henriette.
»Wer ist unser Gegner in dieser Lage?«, fragt sie.
»Keiner von uns kennt die Lage so gut wie Direktor Harry Busch, Frau Bundeskanzlerin.«
Harry erfüllt ganz und gar nicht das Klischee eines BKA-Beamten. Gewinnend, groß, schlank, stattlich mit vollem, silberfarbenem Haar. Seit vielen Jahren leitet er die Verhandlungen der Bundesregierung mit kriminellen Gruppen und Einzeltätern im Ausland. Wenn er nicht direkt vor Ort ist, gibt er wenigstens für jede Phase die Verhandlungsstrategie vor. Sobald die Forderung auf dem Tisch liegt und der Fall einigermaßen klar ist, empfiehlt er der Leitung, ob und wie viel geboten werden sollte.
Lösegeldzahlungen sind eine heikle Sache im Amt. Natürlich geschehen sie, aber man spricht nicht darüber. Das Agreement in der Verhandlung macht er erst, nachdem er alles über seine Gegner weiß. Man muss den Gegner kennen, bevor man ihn füttert.
»Schießen Sie los! Herr Busch! Ich bin gespannt auf Ihr Wissen!«
Harry Busch verbeugt sich kurz, ist äußerlich unbeeindruckt.
Was hat der, was ich nicht habe, fragt sich Bloedorn. Dass die Bundeskanzlerin seinen Ohrring-Chef offensichtlich kennt und mag, gefällt ihm gar nicht. Nun auch noch dieser Harry! Er überlegt, wie er die Aufmerksamkeit der Kanzlerin auf sich ziehen kann.
Doch Harry startet.
»Die Geiseln befinden sich im Nordirak in Kalak Chyah, wie Sie hier sehen, nordöstlich von Mossul, etwa achtzig Kilometer Luftlinie hinter der türkischen Grenze. Die Gegend wird überwiegend von Sunniten bewohnt und wurde von den Dschihadisten eingenommen. Für die entflohenen Bewohner sind nicht die ebenfalls sunnitischen IS-Kämpfer die Schuldigen, sondern der schiitische Ministerpräsident in Bagdad. Beide Geiseln wurden vor vier Tagen durch amerikanische Drohnen identifiziert. Danach haben wir gebeten, die Drohnenflüge einzustellen.«
Es folgen sechs Luftaufnahmen von einem einsam gelegenen Haus. Flachbau, zwei sitzende Männer an einem Tisch davor. Ein Bild zeigt in einiger Unschärfe, wie zwei Menschen gefesselt vor das Haus geführt werden.
»Sind wir denn sicher, dass das unsere Geiseln sind? Ich erkenne das nicht«, fragt Henriette.
»Die beiden Figuren auf dem Hof wurden mit den besten Methoden der Bildauswertung als unsere beiden gekidnappten Deutschen identifiziert, Frau Bundeskanzlerin. Der linke ist Helmut Weier, der rechte Josef Fischer. Wir sind da sehr sicher, denn einer unserer eigenen Leute«, er schaut zu Brigadegeneral Wolf hinüber, »operiert seit Einstellung der Drohnenflüge in dem Gebiet. Er ist zurück und meldete, dass die Geiseln leben, und vermutlich nur von zwei bis vier Kämpfern bewacht werden. Vorher waren mehr da, aber die sind in die umliegenden Kämpfe am Staudamm verwickelt. Das Gebiet ist komplett in der Hand des IS. Man fühlt sich augenscheinlich sicher.«
»Haben wir weitere Erkenntnisse über die Gruppe und deren wahre Motive?«
»Der Bundesnachrichtendienst hat zweifelsfrei den Deutsch sprechenden Terroristen auf dem Video identifiziert. Es ist ein Wilfried Peschtl aus Hannover, seit elf Monaten verschwunden. Er hat derzeit die Rolle eines Vorzeigeterroristen.«
»Was wissen wir über die Vita dieses Mannes?«
»Peschtl ist ein Deutsch-Ägypter. Er steht bei uns auf der Liste radikaler Islamisten, weil er in Indonesien Kontakt mit al-Qaida hatte, und das auch nicht verheimlichte. Er hat lange Jahre in Köln gelebt und ist mit seiner Familie in Richtung Türkei verschwunden. Peschtl heißt beim IS Djehad Ardeshir. Er hält es für seine Pflicht, Ungläubige umzubringen.“
Harry zeigt mehrere Fotos des Dschihadisten: Groß, blond, Bart und Nickelbrille.
»Der sieht eher wie ein Gelehrter aus und nicht wie ein Gewalttäter«, bemerkt der Außenminister.
»Er ist intelligent und hat in Ägypten Religionswissenschaften und Kommunikation studiert. Hinter diesem Gesicht steckt allerdings einer der brutalsten ausländischen Terroristen. Vermutlich war er schon im direkten Umfeld von Bin Laden an Terrorakten in Pakistan beteiligt und ist dann mit einer Gruppe Islamisten zum IS gekommen. Er liebt die Außendarstellung und brüstet sich damit, engen Kontakt zu Kalif Abdullah, dem politischen und religiösen Führer des IS zu haben.«
»Gehen wir davon aus, dass der IS hinter dieser Entführung steckt, oder ist das eine Splittergruppe?«, fragt der Außenminister mit Blick auf Busch.
»Mit Sicherheit kommt diese Aktion von ganz oben. Die Drohung ist an die Bundesregierung gerichtet, das macht auch keine Splittergruppe ohne Weisung. Und die Geiseln werden bei Mossul, also in der Nähe des Hauptquartiers des IS gefangen gehalten. Das ist der Stand heute, und der kann sich mit Veränderung der Lage im Irak sehr schnell ändern. Vor allem sollten wir nicht darauf hoffen, dass irakische Spezialkräfte die beiden deutschen Geiseln heil herausbringen. Das ist bereits bei anderen Geiselbefreiungen gründlich missglückt.«
»Gibt es politische Kontakte zu diesem selbst ernannten Kalifen?«, fragt der Außenminister.
»Ob man mit dem Kalifen überhaupt in Kontakt kommen kann, ist zu bezweifeln, Herr Minister, und der Versuch auch nicht zu empfehlen. Er ist aktuell der meistgesuchte Terrorist der Welt. Die Amerikaner haben auf ihn eine Prämie von zwanzig Millionen US-Dollar ausgesetzt. Abdullah war ein Straßengauner. Mehrere Jahre saß er im Camp Bucca, dem zeitweise größten Gefängnis der Amerikaner im Irak. Drei seiner Vorgänger wurden ermordet. Als selbst ernannter Nachfolger Mohammeds muss er Erfolge in der Expansion des Gottesstaates nachweisen und sich zudem in seinem Handeln strikt an die Scharia halten, wohl wissend, dass der Schura-Rat ihn daraufhin ständig prüft, wie er ihn auch jederzeit absetzen kann.«
»Was ist der Schura-Rat?«, will die Kanzlerin wissen.
»Ein wichtiges Gremium in der IS-Führungsriege, in dem neun Geistliche sitzen, die in islamischem Recht bewandert sind. Der Rat soll gewährleisten, dass die IS-Spitze sich an die fundamentalistische Auslegung der Scharia hält. Nach der Lehre des Korans kann er den Kalifen sogar absetzen – theoretisch.«
»Und praktisch?«, setzt die Kanzlerin nach.
»Eher nicht, das ginge zu weit. Der IS ist zwar in seinen Ansichten extrem altmodisch, aber in seiner Führung hochmodern. Ich darf das an dieser Grafik erläutern.
Kalif Abdullah hat zwei Stellvertreter, einen für Syrien, den anderen für den Irak. Beide sind Oberstleutnante aus der irakischen Armee und Kampf- und Gefängnisgefährten des Kalifen. Das Trio bildet die Führungsebene, genannt das Emirat, darunter sind neun Räte.«
»Können die Drei allein entscheiden?«, will die Bundeskanzlerin wissen.
»Soviel wir wissen, nein. Das Emirat wird von dem Schura-Rat und dem Führungsrat durchaus überwacht. Nachgeordnet sind weitere Räte – ähnlich wie Ministerien – zuständig für Recht, Sicherheit, Militär, Geheimdienste, Medien, Finanzen und die Kämpfer.«
»Sie sagen, sie werden von den Ministerien überwacht? Sind ja Zustände wie bei uns …«
Die Herren schmunzeln.
»Teils, teils, Frau Bundeskanzlerin. Der Schura-Rat prüft, ob sich die Führung an die fundamentalistische Auslegung der Scharia hält. Wenn also Kalif Abdullah mit Ihnen einer Verhandlungslösung zustimmen würde, und der Rat der Auffassung ist, die beiden Gottlosen müssen enthauptet werden, dann wird sich der Kalif dem beugen müssen. Und davon ist auszugehen.«
»Ich halte das auch für einen theoretischen Ansatz, Frau Bundeskanzlerin«, bemerkt von Rüdesheim, »unsere Verbündeten hätten kein Verständnis dafür, dass wir mit dem meistgesuchten Terroristen über die Auslösung zweier Geiseln verhandeln.«
»Sie erinnern sich an den letzten Fall«, ergänzt Rudi, »da konnten wir mit dem IS noch verhandeln. Die Geisel kam frei. Aber da waren wir militärisch noch nicht engagiert. Heute ist die Lage ganz anders.«
Henriette bemerkt das zustimmende Nicken in der Runde. Trotzdem, sie ist immer für Verhandlungen. Gerade bei Entführungen.
»Hinzu kommt«, fährt Rudi fort, »die Terroristen setzen sich mit dieser multimedialen Inszenierung im Namen Allahs selbst unter Zugzwang. Bisher wurde jede öffentliche Enthauptungsdrohung realisiert. Die Entscheidung der Terroristen ist somit präjudiziert. Das Ultimatum wird nach unserer Einschätzung nicht verlängert, will sagen, die Geiseln haben ohne Hilfe keine Chance.«
»Und was heißt das?«, fragt die Bundeskanzlerin.
»Wenn es unsere Zielsetzung ist, das Leben der Geiseln nicht zu gefährden, und ich denke, das ist unumstritten, dann müssen wir zeitnah handeln«, sagt ihr oberster Krisenbeauftragter Rudolf Kürten. Er ist jetzt bei den Objectives, doch das weiß nur er.
Was heißt das nun wieder?, denkt Bloedorn.
Rudi lässt die Katze noch im Sack und kommt mit dem Ausschlussverfahren.
»Da es keine Geldforderung gibt, sondern nur eine politische Erpressung, sehen wir keine Verhandlungslösung.«
»Und wenn wir eine Menge Geld anbieten? Werden die dann doch weich?«, will die Bundeskanzlerin wissen.
»Der Islamische Staat hat durch die erbeuteten Öl- und Gasvorkommen, durch unveränderte Zuwendungen befreundeter Staaten und durch Raub in den eroberten Gebieten trotz seiner massiven Gebietsverluste immer noch genug Geld. Wir sprechen über Milliarden.«
»Und selbst wenn er etwas bräuchte, wir zahlen ja bekanntlich nicht in Geisellagen«, ergänzt der Außenminister.
Das wollen wir hier mal nicht näher ausführen, denkt Henriette und erwidert: »Natürlich nicht … und in diesem Fall können wir dem IS ja kaum Entwicklungshilfe anbieten, wie beim letzten Mal.«
Die Herren senken die Köpfe. Nur drei unter ihnen kennen die Summe, die unter einem unspektakulären Titel über den Haushalt eines anderen Ministeriums gezahlt wurde. Der Bundesrechnungshof prüft auch das Auswärtige Amt regelmäßig.
»Also gut«, sagt sie, »wenn Lösegeld nicht funktioniert, und wir zum Schein auf die politische Erpressung eingehen?«
»Das wird uns niemand abnehmen«, interveniert der Außenminister, »und würde auch öffentlich unserem Grundsatz widersprechen, dass wir nicht erpressbar sind. Ich muss wirklich davor warnen, Frau Bundeskanzlerin. Es würde auch nur ein einziges Mal funktionieren, was ich im Übrigen bezweifle. Der internationale Schaden wäre in jedem Fall enorm.«
»Könnte ein hochrangiger Vermittler eines anderen Staates helfen?« Henriette denkt dabei an den Emir von Katar. Der war äußerst zugänglich.
»Eine interessante Option«, fährt Rudi fort, »die Erfahrungen aus den Hinrichtungen der bisher enthaupteten westlichen Geiseln zeigen jedoch, dass es den Dschihadisten überhaupt nicht um Verhandlungen geht. Es geht ihnen um den öffentlichen Showdown, in dem wir, die Regierungen, die tatsächlichen Opfer sein sollen. Die Geiseln sind denen völlig egal.«
Die Spannung im Raum erhöht sich. Hoffentlich sagt sie jetzt das Richtige, denkt Rudi.
Sie sagt es.
»Ich will, dass die Geiseln rauskommen. Also, welche machbaren Optionen haben wir?«
Zum ersten Mal meldet sich der Bundesminister der Verteidigung, Paul Voss, zu Wort. Man weiß, wann immer er sich meldet, und das ist selten, macht er eine Punktlandung. Und er scheint im Anflug zu sein.
Er schaut sie mit festem Blick an. »Ich sehe nur eine Lösung in dieser Lage, Frau Bundeskanzlerin. Wir holen sie SOFORT SELBST heraus!«, spricht er ruhig und bestimmt.
Der Satz schlägt ein wie eine Bombe. Man kennt den Einfluss von Voss bei der Kanzlerin. Sie selbst hat den Parteilosen in das Ressort geholt. Und sicherlich nicht, weil der Mitte fünfzigjährige blonde Riese der best aussehende und best angezogene Mann im Kabinett ist, sondern weil er ebenso unkonventionell Problemlösungen ansteuert wie sie selbst. Er gilt konkurrenzlos als der Vertraute in ihrem engsten Zirkel.
»Und wie stellen Sie sich das SOFORT RAUSHOLEN vor?«, will die Kanzlerin mit Blick auf Voss wissen.
»Wir machen das mit dem KSK, dem Kommando Spezialkräfte. Die Chancen stehen gut. Wir sind nicht weit von der türkischen Grenze entfernt und operieren somit aus dem NATO-Territorium heraus. Der Plan steht im Wesentlichen bereits. Wenn Sie möchten, wird Brigadegeneral Wolf, Kommandeur KSK, den Befreiungsplan vortragen.«
Die Kanzlerin runzelt die Stirn, ist offensichtlich etwas überrascht über diese Vorplanung innerhalb des Heeres.
»Hm, aber warum das KSK und nicht die GSG 9?«, wirft sie ein, »die waren doch schon 1977 in Mogadischu extrem erfolgreich, wenn ich mich recht erinnere.«
»Würden wir gern übernehmen«, sagt Innenminister Dr. Bauer, »aber in diesem konkreten Fall hat das KSK größere Erfahrung, sowohl durch das Personal wie auch im Gelände, das dem in Afghanistan nicht unähnlich ist.«
»Wir haben das Szenario seit den ersten Hinweisen bereits auf Machbarkeit geprüft. Männer und Ausrüstung stehen seitdem bei mir in Calw bereit«, ergänzt der Brigadegeneral.
Henriette sieht bereits den Protest im Bundestag. Wenn Militärs im vorauseilenden Gehorsam vorpreschen, müssen Politiker besonders aufpassen.
»Wie ist die rechtliche Situation zum Einsatz des KSK? Brauchen wir die Zustimmung des Iraks?«
»Wir haben und wollen aus Geheimhaltungsgründen nicht die Zustimmung des Iraks. Ein Einsatz des KSK in fremden Staaten ohne deren Einwilligung verstößt klar gegen das Völkerrecht«, erläutert Innenminister Dr. Bauer. Er blickt vielsagend über seine Lesebrille zur Kanzlerin und ergänzt, »das kann man später regeln.«
Der Bundesaußenminister wackelt sichtbar und bedeutungsvoll mit dem Kopf – aber er schweigt. Die Kanzlerin versteht das als Zustimmung.
»Angenommen, wir kommen unserer Schutzverpflichtung mit allen Konsequenzen nach: Spielt es rechtlich eine Rolle, dass die Geiseln sich freiwillig und entgegen aller Warnungen in das Kriegsgebiet begeben haben?«, fragt sie.
»Niemand darf gegen seinen Willen an einer derartigen Reise gehindert werden«, antwortet Dr. Bauer, »die Entscheidung für die Reise hebt die Schutzpflicht des Rechtsstaates nicht auf.«
Diese geldgierigen Firmen, denkt Henriette, das kann Menschenleben kosten und uns eine Menge politischen Ärger.
»Gut, weiter. Ist der mögliche Einsatz des KSK im Nordirak durch das Parlament zu genehmigen? Wenn ja, können wir das gleich vergessen.«
Sie blickt zum Bundesverteidigungsminister.
»Das KSK kann, wie auch die Bundeswehr an sich, grundsätzlich nicht ohne Zustimmung des Deutschen Bundestages an bewaffneten Einsätzen im Ausland teilnehmen. Wir kennen ja die ministerielle Bedeutung von grundsätzlich, soll heißen, Ausnahmen sind erlaubt. Und das wäre auch der Weg. Die einzige Ausnahme ist: Gefahr im Verzug für deutsche Staatsbürger. In diesem Fall ist das Parlament so schnell wie möglich nachträglich zu befragen.«
»Dann hätten wir das Thema ja vom Tisch. Hoffentlich! Gut, meine Herren, kommen wir zu den Fähigkeiten des KSK. Was darf das KSK vor Ort, was darf es nicht?«
Alles schaut gespannt auf den Brigadegeneral. Die meisten wissen, dass Frank Wolf stolz auf seine Truppe ist, aber auch, dass es für die deutschen Elitesoldaten klar definierte Grenzen im Einsatz gibt.
»Das KSK ist von der Ausrüstung und Ausbildung eine Eliteeinheit, auch wenn es offiziell nicht so heißt. Die Spezialkräfte haben keine besonderen rechtlichen Einsatzgrundlagen. Aus diesem Grund sind sie auch allen anderen Bundeswehreinheiten gleichgestellt.«
»Können Sie das bitte übersetzen, Herr General?«
»Es bedeutet, dass wir nicht die gleiche Handlungsfreiheit im Einsatz haben wie zum Beispiel amerikanische, englische oder israelische Spezialkräfte. Schießen ist nur bei Abwehr von Gefahren oder in Notwehrsituationen erlaubt. Gezielte Tötungen Verdächtiger im Sinne einer Liquidierung sind bei den Partnern üblich, bei uns sind sie strikt verboten. Verdachtspersonen muss man nach Ansprache festnehmen, im Zweifelsfalle laufen lassen. Wir dürfen Gefangene nicht an Länder übergeben, in denen die Todesstrafe droht. Der KSK-Soldat agiert also in vielen Situationen in rechtlich ungeklärtem Rahmen, und das kann schon mal Verwirrung schaffen.«
»Erläutern Sie das bitte genauer.«
»Die Verbündeten sind von der Einsatzbefähigung des KSK hoch beeindruckt. Wir trainieren Seite an Seite, auch in deren Hubschraubern. Im gemeinsamen heißen Einsatz allerdings sind wir nicht wirklich beliebt. Wenn die anderen kurzen Prozess machen, stehen wir aus rechtlichen Gründen im Zweifelsfall voll auf der Bremse.«
Man spürt im Raum, auf welch dünnem Eis sich der Kommandeur KSK bewegt. Steht er in Konflikt mit seinem rechtlichen Umfeld? Hat er ein Problem mit dem Primat der Politik? Es könnte sein letzter Auftritt sein, denkt Bloedorn zufrieden.
»Sind ja gute Aussichten, Herr General. Ich höre die Jungs im Irak schon rufen Sie sind vorläufig festgenommen! Warum schlagen Sie mir diese Unwägbarkeiten vor?«
Der drahtige, baumlange Wolf, der für Henriette eine gewisse Ähnlichkeit mit dem legendären Kommandeur GSG 9 im Mogadischu-Einsatz hat, fährt unbeirrt fort:
»Ich musste das grundsätzlich ausführen, damit das Ganze klar wird. Hier aber ist die konkrete Gefahrenlage anders. Wir haben ein kleines, überschaubares Handlungsfeld. Jeder Dschihadist, den wir im Umfeld der Geiseln antreffen, ist eine potenzielle Gefahr. Es wird natürlich keiner vorläufig festgenommen. Das heißt wie bei den anderen Spezialkräften: Überraschung, kompromissloser Angriff und Rückzug.«
»Können Sie das bitte mal übersetzen?«
»Keine Verwundeten, keine Gefangenen, Rückkehr mit zwei lebenden Geiseln.«
»Und wenn Zivilisten als Schutzschild im Einsatzgebiet sind?«
»Davon gehe ich nicht aus, und letztlich – ein Restrisiko bleibt.«
»Über welche Kräfte reden wir?«
»In der Befreiungsoperation sieben Elitesoldaten. Dazu zwei Hubschrauber, zwei weitere als Back-up, und eine 120 Mann starke Logistik- und Einsatzzentrale auf türkischer Seite unter meiner Führung. Die türkische Seite wird unser Vorhaben nach meiner Einschätzung auch genehmigen. Ich erinnere an den Einsatz meiner Soldaten an der türkisch-syrischen Grenze, die bei der erfolgreichen Befreiung von zwanzig türkischen Soldaten maßgeblich beteiligt waren. Wir haben bei unserem NATO-Partner Türkei noch etwas gut, und das hat man uns danach auch klar gesagt.«
»Na ja, dann hoffen wir das mal. Sind unsere Kräfte denn in dieser schwierigen Lage ausreichend?«
»Angesichts der sehr überschaubaren Lage denken wir – ja.«
»Haben wir Ausrüstungslücken?«
»Dieses Kommando hat das Beste, was auf dem Markt ist. Wir setzen den neuen Hubschrauber H145M für die Spezialkräfte ein. Gepanzert, bewaffnet, Nachtsichtfähigkeit. Ein Prototyp, extra für solche Aufgaben vorbereitet.«
»Ich sehe, da wurden schon vorsorglich einige Hausaufgaben gemacht. Wann haben Sie denn vor, die Operation zu starten?«
»Am ersten Weihnachtstag. Zeit über dem Ziel zwei Uhr nachts Irak-Zeit. Also Mitternacht unserer Zeit. Bis zum 23. Dezember hätten wir auf dem Flugplatz Diyarbakir in der Nähe der türkisch-irakischen Grenze alles fertig, wenn wir heute loslegen.«
Die Runde spürt, dass man angesichts des Ultimatums und des Vorbereitungsdrucks vor einer Go-No-Go-Entscheidung steht.
»Sind wir sicher, dass die Geiseln beim Zugriff vor Ort sind?«, fragt die Kanzlerin.
»Wir werden das vorher noch einmal verifizieren.«
Henriette analysiert die Situation: Die Geiseln in Lebensgefahr, Verhandeln nicht möglich, Lösegeldzahlung keine Option, militärische Spezialkräfte einsatzbereit, die Chancen für eine Rettungsaktion hoch, rechtlich vertretbar. Habe ich eine sinnvolle Alternative, die dem Ziel der Rettung gerecht wird? Nein.
»Sie haben doch immer Decknamen, Herr Wolf. Wie soll denn Ihre Operation heißen?
»Operation Eagle.«
»Warum Eagle?«
»Unsere Kräfte kommen wie ein Adler blitzartig aus der Luft, greifen sich die Geiseln und sind wieder weg. Wir rechnen mit drei bis fünf Minuten. Dann ist der Spuk vorbei und wir sind mit den beiden Geiseln wieder auf dem Heimflug.«
»Und das klappt wie bei der Navy Seals-Operation gegen Bin Laden in Pakistan?«
»Jede Situation ist anders, Frau Bundeskanzlerin, wir haben alle Optionen gedanklich durchgespielt. Meine Männer werden in der Lage eigenständig entscheiden. Selbst ich habe in der Phase des Zugriffs keine Einwirkungsmöglichkeiten mehr. Es wird alles rasend schnell gehen, keineswegs einfach, aber es ist machbar.«
Henriette denkt noch einmal nach. Worauf werde ich mich hier einlassen? Kann ich den Informationen vertrauen? Was sagt mein Bauch?
Der Brigadegeneral Spezialkräfte spürt die Zweifel der Kanzlerin. Er führt ein Kommando, das weltweit zu den besten dieser Art gehört, und ist völlig überzeugt, dass diese Geiselbefreiung eine klassische Aufgabe für seine Elitesoldaten ist. Mit hoher Aussicht auf Erfolg. Es gab schon gefährlichere Szenarien.
»Das Ziel meines Kommandos ist es, die beiden Deutschen, Helmut Weier und Josef Fischer, und unsere Männer in einer perfekt geplanten Überraschungssituation unbeschadet zurückzubringen. Unser Plan ist die einzige und letzte Chance für die Geiseln. Wir setzen modernste Technik und Aufklärung ein und gehen von der Vorbereitung bis zur Durchführung mit höchster Präzision vor. Wir sind sicher, dass wir das stemmen. Failure is not an option, Frau Bundeskanzlerin!«
Rudi grinst innerlich. Hier steht ein Apollo 13-Kollege. Die Lagebeurteilung ist durch die Dynamik der Kanzlerin zwar etwas anders gelaufen als geplant, aber sie war umfassend und folgerichtig. Bis zum fundierten Entschluss, und der steht kurz bevor. Der Brigadegeneral hat das Ding wirklich perfekt gedreht.
Henriette schaut sich um.
»Meine Herren, irgendwelche Kommentare oder Einwände?« Die drei anwesenden Minister nicken zustimmend. Keine Einwände.
»Die langfristige Wettervorhersage ist gut, Frau Bundeskanzlerin«, sagt Bloedorn.
»Ihr Wort in Gottes Gehörgang, Herr …«, sie schaut auf sein Namensschild, »Herr Bloedorn.«
Rudi grinst in seine Hand hinein.
»Frau Bundeskanzlerin«, sagt Harry Busch, »es gibt einen taktischen Vorschlag.«
»Welchen?«
»Anders als eben besprochen: Geben wir dem IS doch ein Signal, dass wir zu politischen Verhandlungen bereit sind, aber mehr Zeit brauchen. Bieten wir an, dass wir mit dem Irak und Syrien über eine Kontaktaufnahme mit dem IS reden wollen. Das könnte vor Ort die Lage für die Geiseln entschärfen. Natürlich ist das ein Scheinangebot. Und die Verbündeten werden soweit möglich vorab informiert.« Henriette schaut zu den Ministern. Man nickt zustimmend. Auch der Außenminister, der zuvor noch anderer Auffassung war.
»Einverstanden, fädeln Sie das ein.«
Henriette betritt wieder einmal Neuland in ihrem Amt. Aber diesmal lastet die Verantwortung schwer. Sie fühlt sich, als hätte sie nach dem festgestellten Eintritt des Verteidigungsfalles jetzt als oberster Dienstherr die Befehls- und Kommandogewalt inne. Und irgendwie ist es ja auch so in dieser Lage. Sie muss das Leben von zwei deutschen Geiseln schützen. Das geht nur militärisch.
Die Bundeskanzlerin holt tief Luft. Dann spricht sie langsam und bestimmt:
»Befehl für die Operation Eagle ist erteilt! Ich werde mir heute noch die politische Genehmigung aus der Türkei einholen. Sie, Herr General Wolf, sind mir für die Vorbereitung und Durchführung persönlich verantwortlich. Sollten sich inakzeptable Unsicherheiten ergeben, blasen wir ab! Wann ist dafür der letztmögliche Zeitpunkt?«
»Bis eine Minute vor der Landung am Objekt, also 25. Dezember, 01:59 Uhr. Bis dahin kann ich noch einen Rückzug befehlen.«
»Können wir die Operation über Video in das Lagezentrum übertragen?«
Die Teilnehmer der Lage sind verblüfft. Eine Videoübertragung von einem Einsatz deutscher Spezialkräfte auf dem Territorium eines anderen Staates, das ist Neuland im Krisenkeller.
»Das kriegen wir hin, auch nachts um zwei Uhr. Die Bilder werden grün sein, aber erkennbar«, bestätigt Wolf. Er hat das für sich bereits mehrmals praktiziert, warum soll es nicht auch mit Schaltung nach Berlin funktionieren. Seine Leute brauchen dafür nur einen sicheren Datenweg.
»… und wir werden dafür sorgen, dass die Bilder hier ankommen, Frau Bundeskanzlerin«, ergänzt geflissentlich Bloedorn.
»Gut, meine Herren, sofern nichts dazwischen kommt, sehen wir uns hier im kleinen Kreis am 24. Dezember, 23:30 Uhr, wieder. Ich weiß, was ich Ihnen hier zumute. Doch ich meine, dass wir unsere Elitesoldaten Heiligabend und über die Weihnachtstage nicht allein lassen sollten. Wenn jemand nicht hier sein kann, habe ich dafür volles Verständnis. Sprachregelung nach außen weiterhin: Die Bundesregierung ist in ihrer Politik nicht erpressbar. Ich danke Ihnen für die hervorragende Unterrichtung. Viel Glück bei der Vorbereitung!«
19:00 Uhr. Die Sitzung ist beendet. Rudi geht sofort in sein Zimmer, er hat eine schwierige seelsorgerische Mission vor sich. Er muss mit den Ehefrauen der Geiseln reden, so reden, dass nichts verraten wird, aber sie dennoch beruhigt sind. Die Quadratur des Kreises.
Bevor die Bundeskanzlerin abfährt, winkt sie den Verteidigungsminister zu sich.
»Wirst du das schaffen, Paul?«
»Wir kriegen das hin, Henriette. Es gibt bei diesen Aktionen keine Garantien. Du weißt das, aber wir sind zuversichtlich, dass wir die beiden Geiseln rausbekommen!«
»Ich hoffe das, sonst Gnade dir Gott. Dann bis nachher. Ich versuche 20:00 Uhr.«
»Bis nachher.«

Als der gepanzerte schwarze Audi A8 mit der Bundeskanzlerin auf dem Rücksitz auf das kleine Hexenhaus mit Walmdach und Butzenscheiben in Berlin-Dahlem zurollt, ist es längst dunkel. Die skandinavische Kaltfront hat Berlin erreicht. Der erste Schnee in diesem Jahr bleibt wie feine, zarte Watte auf den Ästen der Bäume liegen und verwandelt Stadt und Land in eine Märchenlandschaft funkelnder Weihnachtslichter.
Die vorausfahrenden Personenschützer geben über Funk das Okay an den Fahrer. Die Strecke ist »sauber«, die Lage ist ruhig, keine Besonderheiten. Noch haben die Personenschützer keine Weisung für die höchste Sicherheitsstufe 1+ erhalten. Henriette hatte die Termine des restlichen Tages so kurz wie möglich gehalten, sie möchte nach diesem Höllenarbeitstag endlich für sich sein – oder besser gesagt, bei ihm.
Dieser Mann war das Unglaublichste, was ihr nach drei Jahren Ehe und einer unkomplizierten Scheidung widerfahren war. Es war diese eine Besprechung in ihrem Kanzler-Büro, als er auf eine Frage nicht antwortete. Er sah sie einfach mit seinen stahlblauen Augen an. Seine rechte Augenbraue bewegte sich leicht nach oben, und bei ihr brannte sich sein jungenhaftes Lächeln geradezu ein. Der Kerl antwortet einfach nicht, was bildet der sich ein? Nach zehn Sekunden hatte sie ihre Frage vergessen. So etwas kam bei Henriette, der Klugen und Beherrschten, so gut wie nie vor. Sie wusste nicht genau, was passiert war. Aber das Ergebnis war eine innere Vibration verbunden mit großer Neugierde. Noch am selben Abend gingen sie zusammen essen und dann zu ihm.
Danach wollten beide diese Treffen nicht mehr missen, wissend, dass es ein Spiel mit ungewissem Ausgang war. Warum, denkt sie, fasziniert mich dieser Mann unverändert … mit Paul in seinem Hexenhaus zusammen zu sein, bedeutet sprechen, sich fallen lassen dürfen, in der absoluten Gewissheit, dass er sich als Minister keine Rechte herausnehmen wird … grenzenloses Vertrauen, etwas, was im politischen Berlin verloren gegangen ist … vielleicht nie da war …
Sie zieht ihr Blackberry aus der Tasche und sieht sich ein Foto von ihm an, lächelt über sein schütter werdendes, blondes Haar, seinen Bauchansatz und die heimliche Eitelkeit eines Mannes, der in die Jahre kommt. Du musst doch nichts verbergen … gerade du … du hast für einen Mann eine geradezu unglaubliche Empathie … kannst unterscheiden zwischen dem, was geht, und was nicht möglich ist … bei allem, was du machst, bleibst du derselbe … auch in der Kabinettsrunde … vielleicht passen wir deswegen so gut zusammen …
Sie betrachtet noch schnell ein aktuelles Bild ihres Kabinetts. Ein Abbild der Gesellschaft. Überwiegend Männer, große und kleine, dünne und dicke. Sieben Frauen, fünf unscheinbare und zwei attraktive. Sie studiert die Gesichter, deren persönliche Agenda sie geschickt verborgen halten, auch die aus den eigenen Reihen. Die Minister sind vorsichtig bei ihr. Sehr vorsichtig. Sie wissen, dass die Kanzlerin absolute Kabinettsdisziplin erwartet. Wer einmal öffentlich Illoyalität zeigt, ist gefährdet. Bei Henriette gibt es nur eine einzige Wiedergutmachungschance. Kabinettsdisziplin … die Hofschranzen habe ich gleich zu Anfang entfernt, doch die vielen Ja-Sager … unerträglich … Paul ist der beste Verteidigungsminister, den ich mir wünschen kann … er scheint überhaupt der Erste zu sein, der diesen unkontrollierbaren Apparat in den Griff bekommt … misslungene kostspielige Rüstungsprojekte der Vorgänger … zunehmende Auslandsverpflichtungen … desolate Einsatzbereitschaft … Generäle und Staatssekretäre, die nur darauf warten, dass er einen Fehler macht … wieso hat Paul trotzdem eine gute Presse, fragt sie sich, als sich das Auto langsam seinem Haus nähert. Ich werde ihn fragen, wie er das hinbekommt, in diesem Moloch mit Schleudersitz gut zu sein, und trotzdem diese unglaubliche Gelassenheit zu bewahren.
Sie biegen in seine Straße ein.
Das Amt, so spürt sie, war für ihn kein Karriereschritt, sondern ein Weg zu sich selbst. Vielleicht mag sie ihn deswegen. Und wohl auch weil er, wie sie, die philosophischen Schriften des Stoikers Marc Aurel liebt. Beide sind verantwortungsvolle Bewahrer, stets das Gemeinwohl im Auge, vor allem sind sie keine Spieler.
Sie schaltet ihr Handy aus. Die Nation muss heute ein paar Stunden ohne mich auskommen … ich brauche nach dieser Krisensitzung eine Tankstelle, und die heißt Paul …
Als sie sich vorstellt, wie es gleich laufen würde, lacht sie leise. Natürlich werden sie über den KSK-Einsatz sprechen. Aber ich möchte heute Abend nicht mehr eingeschnürt sein, einfach mal wieder Frau sein …
Sie freut sich diebisch darauf, damit auch zu spielen, wissend, dass ihre Beziehung sofort zu Ende ist, wenn sie ein Thema im politischen Berlin wird. Ihre prickelnde und längst nicht ausgelebte Beziehung war bisher geheim geblieben. Das musste so bleiben. Sie blickt auf die Personenschützer, die ersten in der Reihe möglicher Wissensträger, und weiß, dass die niemals auch nur ahnen dürfen, was sie mit dem Verteidigungsminister jenseits des Amtes wirklich verbindet.
Das Eingangstor öffnet sich. Paul steht dort und blickt auf ihr Auto. Er hat sein Jackett gegen einen schwarzen Kaschmirpullover über einem roten Polohemd getauscht.
»Seien Sie herzlich willkommen Frau Behrens, Henriette Behrens.«
»Was soll denn diese Begrüßung?«
»Schau dir doch mal dein Nummernschild an, James!«
Henriette dreht sich zum Fahrzeug und schüttelt den Kopf.
»Herrgott, haben die mir wieder eine 007 drauf geklemmt! Mit dem Ding war ich gerade noch in Brüssel, übrigens zur Freude der anderen Regierungschefs.«
Die schwere weiße Sicherheitstür gleitet ins Schloss. Er hilft ihr aus dem Mantel. Mit einem Schlag fallen der Dienst und der Stress der Krisensitzung von ihr ab.
Sie gehen die leicht knarrende Holztreppe mit dem wunderbar geschwungenen Treppenlauf hoch in seinen Wohnraum.
Ich liebe dieses Haus, keine Bunkeratmosphäre, kein Bauhausstil, keine sterilen Vorzeigemöbel, eben diese warmen Farben und der harzige Geruch des Brennholzes, denkt Henriette.
Sie lässt sich sofort auf den karminroten Ohrensessel der Werkstattmanufaktur fallen, streift die Schuhe herunter und legt die Füße auf die Fußbank und schließt die Augen.
Paul ist nebenan in der Küche, fragt nicht, lässt sie einfach sein.
Als sie die Augen wieder öffnet, sieht sie auf dem kleinen Kapitäns-Schreibtisch die Bilder seiner blassen blonden Frau, seiner beiden erwachsenen Söhne und seiner beiden Enkelkinder.
Paul war schon Witwer, bevor sie ihn ins Kabinett holte. Er hatte ihr nur wenig über den langsamen Leukämie-Tod seiner Frau erzählt. Es muss wohl eine gute Ehe gewesen sein. Paul meinte, danach hätte er sich verändert. Er sei etwas introvertierter geworden. Er käme mit Hilfe seiner Zugehfrau ganz gut allein zurecht. Was er nicht mag, sind die wiederholten Berichte in den Gazetten-Blättern, die ihn zum begehrtesten Single im politischen Berlin machen.
Ihr Blick streift weiter über die weißen, bis zur Decke führenden Regalbretter. Oben sind die vielen Bücher nur mit einer eingehängten Leiter zu erreichen. Sie stehen nicht wie die Zinnsoldaten, sondern liegen zwischendurch in angenehmer Unordnung. Das Regal lebt.
Zwischen den Büchern Erinnerungen von Reisen. Darunter eine kleine Elefantenherde, Erdmännchen, Giraffen und Zebras mit einem Bild, das ihn mit Safari-Hut vor der Hütte einer Himba-Frau zeigt. Sie muss über Pauls kleinen Zoo schmunzeln. Andere haben Papageien oder Singvögel im Käfig. Paul hat seine Erdmännchen.
Die Heizkörper sind mit weißen Gitterelementen verkleidet und bilden mit dem Bücherregal und den weißen Sprossen der Fenster eine dezente, harmonische Einheit. In jeder Ecke leuchtet eine Stehlampe, alle mit unterschiedlichen, warmen Farben. Vor dem Kamin sein geliebter Schaukelstuhl, zwei Leder-Sitzkissen und ein halbleeres Glas mit Rotwein. In einer Ecke ein Gitarrenkasten und ein Notenständer. Die anderen Zimmer kennt sie nicht, und sie fragt sich, wie schon öfter, wie wohl sein Schlafzimmer eingerichtet ist. Spartanisch oder in dem Ambiente dieser Wohlfühl-Oase?
Sie rutscht den Ohrensessel herunter, legt den Kopf zurück, streicht sich mit beiden Händen über die Schläfen und die Haare, legt die Arme auf die Lehnen, öffnet die Hände und schließt erneut die Augen.
Sie genießt es, hier zu sein und wieder diese wunderbar knisternde Grundspannung zu spüren, von der sie beide nicht wissen, wohin sie treibt. Heute ist ihr nach vielen, warmen Strahlen.
Paul schaut aus der Küche zu ihr hinüber.
Er kennt diesen Moment. Henriette tankt auf, auf ihre Weise.
Er versucht, so leise wie möglich zu sein, als er mit ihrem Lieblingsdessert kommt und es zu ihr auf den hölzernen Beistelltisch stellt: Schokoladeneis mit Schokoladensoße, Schokoladenstreuseln und Sahne. Ihre Augen sind noch geschlossen. Henriette entspannt total.
Sie fühlt, wie sich seine Hände auf ihren Kopf legen und die Fingerspitzen hinter ihren Ohren langsam zu ihrem Nacken wandern. Er sagt nichts, aber sie sieht seine liebevollen Lachfältchen auch so. Seine Strahlen durchziehen ihren Körper wie unendlich feine Wärmefäden, dringen über den Bauch bis zu den Zehen. Sie lässt es zu, spürt, dass sie es will. Sie atmet tief durch, hebt ihre Arme zu ihm, sucht seine Hände und legt sie auf ihre Brüste. Er fühlt ihren schnellen Herzschlag. Sie öffnet die Augen und will seinen Kopf zu sich ziehen.
Da fällt ihr Blick auf den Schreibtischstuhl. Sie zuckt jäh auf! Ein Aktenrücken mit roten Großbuchstaben schaut sie an wie eine hässliche Drohung: OPERATION EAGLE – TOP SECRET.
Flash! Dieses übergroße Geiselfoto von heute im Lagezentrum mit zwei angstverzerrten Gesichtern, die geschändet werden von einem, der ihr Bild auf dem Rücken trägt. Sie schüttelt sich, als wolle sie dadurch das verfluchte Bild loswerden.
Augenblicklich spürt Paul ihre Verkrampfung.
»Was passiert gerade bei dir?«, fragt er, als er von ihr lässt.
Sie richtet sich langsam im Sessel auf und zeigt auf den Aktenordner. Paul begreift.
Henriette ist wieder im Krisenkeller.
»Erzähl‘ mir von diesen Jungs. Können die das wirklich?«
»Ich habe keine Zweifel. Wolf hat die Besten zusammengeholt.«
»Was heißt das, Paul?«
Paul nimmt vorsichtig ihre Füße hoch, setzt sich vor ihr auf den Fußhocker des Ohrensessels, legt ihre Beine behutsam auf seine Oberschenkel und reicht ihr das Eis.
»Die eigentliche Befreiung machen wir mit drei kampferprobten Elitesoldaten. Sie kennen sich lange. Der Truppführer, Hauptmann Marc Anderson, noch keine dreißig, hat verschiedene Male Terroristen in Afghanistan, im Irak und in Algerien gestellt und einige Geiselbefreiungen hinter den Linien durchgezogen. Einmal war er vierzehn Tage verschollen und tauchte dann plötzlich wieder auf. Er ist so eine Art Mehrzweckwaffe, extrem schnell im Kopf und arbeitet am liebsten autark. Wir wollten ihn vor einigen Monaten aus der Einsatzkompanie herausnehmen und langfristig aufbauen. Er hat jedoch die Generalstabsausbildung und die Beförderung zum Major abgelehnt. Anderson will bei seinen Jungs bleiben.«
»Ich vermute, die anderen beiden sind seine Jungs?«
»Richtig, der nächste Mann an seiner Seite ist Hauptfeldwebel Thomas Heinrich, sechsundzwanzig Jahre, Experte für Sprengstoff und Nahkampf.
Er verehrt Marc.«
»Und Nummer Drei?«
»Feldwebel Tim Nader, dasselbe Alter, Deutsch-Libanese, Muslim. Übrigens der einzige Muslim im KSK. Ein hervorragender Einzelkämpfer und ein Sprachgenie. Kommt aus einer muslimischen Hamburger Tee-Dynastie. Ohne ihn könnten wir EAGLE gar nicht durchziehen. Alle drei haben sich irgendwann und irgendwo einmal gegenseitig das Leben gerettet. Sie kennen sich untereinander besser als manch lange verheiratetes Ehepaar. Sie vertrauen einander blind.«
»Jemand verheiratet?«
»Marc Anderson hat sich nach zwei Jahren Ehe scheiden lassen. Tim und Thomas haben es gar nicht erst versucht. In der Kompanie ist praktisch keiner mehr verheiratet. Das Band der Familie haben sie gegen das Band der KSK-Brüder eingetauscht. Wolf sagte mir, Marc, Thomas und Tim seien so etwas wie drei ganz besondere Brüder mit einer sehr starken emotionalen Bindung.«
»Warum zerbrechen diese Familien? Ist Calw etwa familienfeindlich?«
Paul greift zu der kleinen Karaffe auf dem Beistelltisch und gießt etwas Rumtopf auf ihr Eis.
»Danke, Paul, hm, der schmeckt ja irrsinnig gut. Wenn wir beide gefeuert werden, verkaufen wir deinen wunderbaren Rumtopf auf dem Gendarmenmarkt.«
Paul lacht lauthals, als er sich das vorstellt, wie er das Eis macht und sie verkauft. Sie, die Ex-Kanzlerin, würde selbst das bringen!
»Ach, Henriette, die sozialen Probleme in den Spezialkräften bei Heer und Marine sind ein Dauerthema. Du musst dir sie so vorstellen: Diese Ausnahmesoldaten dürfen ihren Familien nicht sagen, wohin sie gehen, was sie gemacht haben, und woher sie kommen. Da sie aber sprechen müssen, reden sie mit ihren Brüdern in der Kaserne, in ihrer Festung.«
»Warum machen diese Kerle das? Sind das infantile Rambos, die, wie sagt man das heute, es geil finden, jemanden wegzupusten?«
»Klar, dass sich diese Männer beweisen wollen. Sie gehen permanent an ihre physischen und psychischen Grenzen. Aber Rambos, nein Henriette, die wollen wir nicht. Die lässt Wolf erst gar nicht zu. Wir wollen schon Aggressionen, aber wir nehmen nur Männer, die ihre Aggressionen kontrollieren können. Und diese drei Ausnahme-Männer sind jetzt schon Patrioten. Alle drei wurden vom US-Präsidenten mit der Navy Presidential Unit Citation ausgezeichnet. Das ist ein ziemlich seltener Orden.«
»Wieso das?«
»Marc und sein Trupp segelten in Afghanistan mit Gleitfallschirmen dreißig Kilometer in feindliches Gebiet und retteten zusammen mit den Navy Seals amerikanische Soldaten. Seitdem heißt Marc bei denen respektvoll Marc Blitzkrieg. Durften sie natürlich auch nicht ihren Familien erzählen. Die Orden hat der Kommandeur ihnen auch gleich wieder abgenommen und in seinem Schrank verpackt.«
»Wieso Afghanistan, da hat Deutschland sich doch noch strikt rausgehalten, das durften die doch gar nicht!«
»Vergiss es, Henriette, war vor deiner Zeit. Doch seit wann interessierst du dich für Dienstgrade unterhalb der Generalsebene?«
Sofort bedauert er diese Frage, als er einen leichten, aber unübersehbar missbilligenden Zug in ihrem Gesicht sieht, und sie sich ruckartig im Sessel ganz hoch stemmt.
»Ich respektiere Menschen, die sich unter Hintanstellung ihres Lebens für dieses Land einsetzen. Der Dienstgrad ist für mich völlig uninteressant. Du wirst bitte dafür Sorge tragen, Herr Minister, dass das gesamte Team, einschließlich Hubschrauberbesatzungen und den Einsatz unterstützenden Kräften unbeschadet aus dieser Sache rauskommt.«
Sie sieht, dass er von ihrer förmlichen Reaktion irritiert ist, streicht ihm liebevoll über den Arm und lehnt sich an seine Schulter.
»Paul, ich habe Angst, dass ich einen Riesenfehler mache und das Leben dieser Jungs aufs Spiel setze. Wie ist deine Einschätzung, wirklich ehrlich, bitte?«
Paul steht auf, legt ihre Beine wieder auf den Hocker und geht zum Bücherregal.
»Das ist ganz einfach, Henriette.«
Er zieht zielsicher ein Buch aus dem Regal, blättert, schaut sie etwas verschmitzt an und zitiert: »Marc Aurel, Wege zu sich selbst, Viertes Buch, Nr. 18: Wie viel Unruhe erspart sich der, der nicht darauf schaut, was der Nächste gesagt oder getan oder gedacht hat, sondern allein, was er selber tut, damit eben dieses gerecht ist …«
Henriette zwinkert ihm zu, steht auf und geht mit der leeren Karaffe in seine Küche zum Rumtopf.
Klug gesagt, Marc Aurel, denkt sie, als sie den Rumtopf nachgießt und der süßliche, typische Geruch in ihre Nase steigt, aber wie stark muss man sein, dass einem das Gerede der anderen im Grunde egal ist … ja, die Fraktion traut mir zu, dass ich die Einsamkeit des Führens ertragen kann … heute Abend ist es schwer … verdammt schwer … ich kann diese Entscheidung nicht teilen … auch nicht mit Paul … sie bleibt bei mir, mit allen Konsequenzen … im besten Fall zwei lebende Geiseln, im schlechtesten zwei tote Geiseln und tote Soldaten.
Paul lacht, als sie zurückkommt und scheinbar gelassen das restliche Eis mit neuem Rumtopf begießt. Aber er spürt ihre Unsicherheit, vielleicht sogar die Angst vor den Konsequenzen ihrer Entscheidung. Er überlegt kurz, ob er ihr ihre Angst nehmen soll. Nein, denkt er, solange sie nichts sagt, macht es keinen Sinn, sie zu beschwichtigen … sie verarbeitet das immer auf ihre Weise … mit sich selbst … sie sucht Nähe, aber igelt sich in dieser Nähe gern ein … sie wird das stemmen … mit Verstand und Bauch … in Extremlagen ist Henriette Behrens unschlagbar …
Bevor sie den leeren Eisbecher in die Küche bringt, gibt sie ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Weißt du eigentlich, dass Marc Aurel kaum zum Schreiben kam, weil er dauernd Krieg gegen die Barbaren führen musste? Barbaren, die mindestens so schlimm waren wie heute dieser selbst ernannte Islamische Staat?«
»Richtig, aber dabei hat er seiner Frau Faustina auf dem Feldlager nicht nur vierzehn Kinder gemacht, sondern konnte mitten in der Rastlosigkeit der Regierungsgeschäfte seine Heiterkeit und seinen inneren Frieden bewahren.«
Sie kommt zu ihm zurück. Er sitzt inzwischen auf einem Kissen am Kamin.
»Vierzehn …?«
»Du hast richtig verstanden.«
»Die Heiterkeit zu bewahren ist für mich in Ordnung, so du mir in den Regierungsgeschäften beistehst, für das Erste ist es zu spät.«
Er lacht wieder lauthals. »Für die vierzehn Kinder oder das Feldlager?«
»Untersteh‘ dich, Paul! Wir haben eine Vereinbarung.«
Paul schaut sie an, wie damals im Büro, mit dieser hochgezogenen Augenbraue. Sie beschließt, diesen Moment auf keinen Fall zu wiederholen, zumal allmählich der Rumtopf wirkt.
»Ich habe eine Bitte an dich. Sage mir rechtzeitig, wenn ich in dieser Operation Eagle aus der Spur laufe.«
»Das sehe ich nicht, Henriette, du hast heute eine fantastische Lage gemacht, und bis zum Einsatzbefehl haben wir noch Zeit, mögliche Fehler zu erkennen und zu korrigieren. In der Zwischenzeit achte auf dich, wie ich auf Operation Eagle aufpassen werde.«
Sie nickt, schlüpft in ihre blau-weißen Pumps und zupft das Kostüm zurecht.
»Wie sehe ich aus?«
»Wie immer, perfekt, James.«
Sie nimmt seinen Kopf zwischen ihre Hände, küsst ihn flüchtig auf den Mund.
»Entschuldige, Paul, ich muss von dieser Sache erst wieder frei sein.«
Bevor er die Arme um sie legen kann zieht sie das Handy hervor und weist den Personenschutz an, vorzufahren.
Paul bringt sie zur Haustür und versucht, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Er hatte sich heute so gelassen wie möglich gezeigt, und war doch aufgeregt gewesen, wie vor dem ersten Date. Sie wären fast im Bett gelandet, endlich wieder, wie damals, aufregend und alles vergessend.
Was ist da verdammt noch mal schief gelaufen? Die WEFI-Akte kann es doch nicht allein gewesen sein! Was empfindet sie wirklich für ihn? Kann sie sich überhaupt zu einer Beziehung bekennen? Die schöne Henriette ist und bleibt so eine Art Touch-and-Go-Fall. Kurze Berührung, schon ist sie wieder weg. Vielleicht hat ihr Verhalten gar nichts mit dem Amt, sondern allein mit ihrer Bindungsfähigkeit zu tun? Eigentlich ist sie mit 49 Jahren längst ein eingefleischter Single. Wenn ich ehrlich bin, kenne ich sie besser im Kabinett als privat. Wer ist Henriette Behrens? Warum geht sie mir nicht aus dem Kopf? Was macht sie aufregend und sexy für mich? Macht ihre Macht mich an? Was wäre mit meinen Gefühlen, wenn sie nicht Bundeskanzlerin wäre? Nein, ihr Amt ist mir egal. Sie könnte auch eine Bibliothekarin in Trastevere in Rom sein. Doch was ist mit ihren Gefühlen? Machst du dir da nicht einfach gewaltig etwas vor, Paul Voss?
Die Rücklichter des Audi A8 verschwinden. Er würde zu gern wissen, was Henriette jetzt über ihre Beziehung zu ihm denkt. Egal. Weihnachten wird es nach der erfolgreichen Operation Eagle eine neue Chance geben. Mit einer ganz anderen, völlig entspannten Henriette. Glaubt er.
3.
Hammelburg
»Kommando Eagle, stillgestanden! Zur Meldung an den Kommandeur, die Augen links!«
»Herr General, ich melde Ihnen Einsatzkommando Eagle angetreten!«
»Danke, Hauptmann Anderson.«
Brigadegeneral Wolf steht noch unter dem Eindruck der gestrigen Besprechung im Auswärtigen Amt. Er hat die Vorbereitung hier in Hammelburg bewusst gewählt, es ist der perfekte Ort.
Sie sitzen im Briefing-Raum. Wolf schaut auf die Gesichter seiner Truppe. Keiner älter als dreißig. Sie sind durch alle Höllen der zweijährigen Ausbildung gegangen, körperlich und psychisch, bis an ihre Grenzen. Und als sie dachten, sie seien fertig, kam das Verhörtraining. Wer die tagelange Tortur in grellem Licht, unter lauter Rockmusik, in Eiseskälte, den Eimern mit kaltem Wasser über dem Kopf und den Schreien der Befragungsoffiziere nicht durchhielt, konnte einen Code sagen. Dreimal hintereinander, dann war er draußen. Und viele waren draußen.
Der Kommandeur spricht bewusst leise und undramatisch, wie es seine Art ist, wie sie ihn kennen.
»Sie sind hier, weil Sie zu den Besten der Besten gehören. Ihr Auftrag: Befreiung der zwei deutschen Geiseln Helmut Weier und Josef Fischer im Nordirak. Wir kennen das Gebäude, in dem sie sind, und die Bewachung. Sie werden mit An- und Abmarsch vier Stunden unterwegs sein. Ihr Einsatz wird allerdings nur wenige Minuten dauern. Alles, was Sie gelernt haben, wird von Ihnen abgefordert: Belastbarkeit, Schnelligkeit und Entscheidungsfähigkeit in einer Situation mit Feindberührung. Wir geben Ihnen das Beste an Ausrüstung mit. Der neue Hubschrauber ist perfekt für den Nachteinsatz vorbereitet, Premiere sozusagen. Unsere beiden Luftwaffen-Crews aus dem Hubschraubergeschwader 64 in Laupheim sind nicht nur Combat-Ready-Einsatzpiloten, sondern auch ehemalige KSK-Kämpfer. Ebenfalls Premiere. Ich begrüße die Hauptleute Walter Schmidt und Henry Kirch sowie die Oberleutnante Fritz Jung und Willi Fröhlich!«
Die versammelten Soldaten klatschen. Jung & Fröhlich ist im Kommando ein geflügeltes Wort für Spaß im Job.
»Das ist wirklich mal ’was Neues«, flüstert Thomas zu Tim rüber, »Kommandosoldaten als Hubschrauberpiloten.«
»Zwei tolle Typen«, flüstert Tim zurück, »ich mag sie, immer gut drauf, so schade, dass sie zur Luftwaffe gewechselt sind.«
Der General schaut zum Truppführer. »Wir werden unser mobiles Einsatzkommando in der Türkei haben. Hauptmann Anderson wird Sie jetzt einweisen.«
Über einen Beamer werden die Karten eingeblendet. Die Männer haben es sich inzwischen in den Sesseln bequem gemacht. Die lockere Atmosphäre ähnelt einem Briefing für Einsatzpiloten der Luftwaffe. Spezialisten wie diese dürfen so sein, auch beim deutschen Heer.
Der lange, schlanke, dunkelhaarige Marc hat den Einsatz gedanklich mehrmals durchgespielt. Wie man Geiseln befreit, muss er seinen Trupp-Kameraden nicht erzählen. Doch dieser Einsatz ist sehr speziell.
»Unsere Operation heißt EAGLE. Wir werden am 23. Dezember um 08.00 Uhr Zulu vom Taktischen Luftwaffengeschwader 33 Büchel in der Eifel mit zwei Airbus A400M und zwei Eurocoptern H145M verlegen. Ziel ist die Air Base Diyarbakir im Süden der Türkei, genauer gesagt in Südanatolien.«
»Da gibt’s gute Teppiche«, signalisieren sich Jung und Fröhlich.
»Die vier Kollegen in unseren fliegenden Teppichen kennt ihr aus alten Zeiten. Den Eurocopter Eagle Alpha fliegen Walter und Henry. Eagle Bravo Jung und Fröhlich. Die beiden Co-Piloten Henry und Willi sind Medics. Ihr wisst, was das heißt. Sie dürfen chirurgische Eingriffe durchführen, und sie sind für ihre Grobmotorik bekannt! Beim Abschneiden von Gliedmaßen mit der Zange aus der neuen Werkzeugkiste des Eurocopters sind sie überhaupt nicht zimperlich.«
Alles lacht.
»Nun zu uns. Ich bin Eagle One, Thomas Eagle Two, Tim Eagle Three. Tim verlässt uns bereits morgen. Er wird uns vor Ort die aktuelle Situation für unseren Einsatz liefern, bevor er dann am 23. in Diyarbakir wieder zu uns stößt. Eagle One, Two und Three sitzen im Eurocopter Eagle Alpha. Eagle Bravo planen wir als Back-up. Ihr wisst, was bei der Operation Geronimo im Hof von Osama bin Laden passierte: Ein Ghost Hawk-Hubschrauber machte Bruch. Gut, dass die Kollegen damals einen Chinook-Hubschrauber dabei hatten. Den brauchen wir hier nicht. Wir werden überraschend ins Zielgebiet eindringen und seilen uns blitzartig ab, so, wie wir das vom Fast Roping kennen. Die Hubschrauber werden sich so positionieren, dass sie uns mit ihren Bordwaffen Feuerschutz geben können und auch Licht.«
»Warum lassen wir euch nicht auf das Dach des Gebäudes ’runter?«, fragt der Hubschrauberpilot Fritz Jung.
»Danke, Fritz, für die Frage. War auch die erste Option. Drei Punkte sprechen allerdings dagegen. Erstens, das Gebäude ist zweistöckig. Die Geiseln sollen in der unteren Etage sein. Also müssten wir erst ’runter, entweder durch das Gebäude oder durch die Fenster. Da kann viel passieren. Zweitens, wir müssen die Wachen ausschalten, bevor sie aktiv werden. Das geht am schnellsten direkt und frontal. Drittens, ihr Helikopter-Crews seid Teil der kämpfenden Truppe. Wir brauchen euch an den Waffen. Deswegen wurde diese Strategie gewählt.«
»Klingt überzeugend«, kommentiert Willi.
»Wir sieben Eagles sind wie immer über Funk verbunden. Sollte ich ausfallen, übernimmt Thomas.«
Thomas weiß bereits um diese Funktion. Trotzdem hofft er, dass es nicht dazu kommt. Dieser Auftrag ist seinem Freund Marc wie auf den Leib geschnitten.
»Das Zusammenspiel werden wir jetzt durchsprechen und danach in zwei unterschiedlichen Lagen realitätsnah üben, solange, bis wir mit allen Eventualitäten vertraut sind.«
Marc zeigt die Fotos von den Geiseln und vom Objekt. Dann zeichnet er die Skizze des Zugriffs mit den Positionen für die Kampfhubschrauber und den Trupp.
»Wenn wir der Aufklärung glauben können, gibt es im Haus keine Feindberührung, also keine Tangos, sondern nur die zwei bewaffneten Milizen vor dem Haus. Sie werden alle acht Stunden abgelöst. Wir setzen auf Überraschung, rechnen aber mit Gegenwehr der beiden Wachen. Das heißt: Ausschalten, reinstürmen, rausholen!«
Die Männer nicken. Genau darum geht es.
»Thomas, du sicherst uns von hier, hinter diesem kleinen Wall, und hältst dich für Feuerschutz bereit. Bleib‘ am besten an dieser Position, das heißt außerhalb der Feuerlinie der Hubschrauber. Wenn im Haus unerwartet Tangos sind und wir festsitzen, übernimmst du auf meine Anweisung oder je nach Lage selbstständig. Okay, Tom?«
»Verstanden!«
»Die Hubschrauberbesatzungen bleiben mit laufendem Motor abflugbereit. Die beiden Geiseln werden in Eagle Alpha verbracht. Dort können wir sie auf dem Flug auch notversorgen, wenn nötig. Ich möchte nach spätestens vier Minuten und dreißig Sekunden mit allen sieben Eagles und den zwei Geiseln in der Luft sein. Irgendwelche Fragen?«
In den Köpfen der Männer läuft das Szenario ab: Abseilen in stockfinsterer Nacht, zwanzig Meter vor dem Gebäude, zwei aufgeschreckte Dschihadisten, die erledigt werden müssen, bevor sie losballern, zwei Geiseln, die jetzt in Panik sind, drei Eagles, die Feuerschutz brauchen, in unmittelbarer Nähe ein Dorf, von dem niemand Genaues weiß. Es muss also extrem schnell gehen!
»Okay, dann zu Plan B, soll heißen: Es kommt alles ganz anders.«
Marc spielt nun den Fall durch, dass es unerwarteten Feindkontakt gibt. Sie werden es gleich im Detail üben.
»Und nun etwas Neues. Ich werde so verkabelt sein, dass meine Videobilder direkt in das Krisenreaktionszentrum nach Berlin gehen.«
Tim hing bisher scheinbar abwesend im Sessel. Doch jetzt ist er blitzwach.
»Wer hat sich denn den Quatsch ausgedacht?«
»Die Bundeskanzlerin persönlich! Also nehmt eure Schminke aus dem Kosmetikkoffer mit und übt schon mal vor dem Spiegel«, und mit Blick zu Eagle Three, »Tim, du kannst entspannen, mit deinem Zauselbart glaubt die Chefin dir eh nicht, dass du zu uns gehörst. Einfach keine Chance als Germany‘s next KSK-Model.«
Die Truppe schmunzelt. Man weiß, jetzt bekommt Marc einen auf die Glocke.
»Mag sein, großer Meister«, kontert Tim etwas spitz und krault genüsslich seinen schwarzen Kinnbart, »wenn du allerdings diesmal wieder dein Ein-Euro-Deo-Spray vergisst, oder dein Deo mit deinem Gel verwechselst, sitzt du allein in Eagle Alpha!«
Die Truppe brüllt vor Lachen. Es wurde Zeit, dass der schöne Marc mal Einen abkriegt.
»Okay, Bruder, 1:1.«
Während Eagle One fortfährt, schaut Brigadegeneral Wolf auf Marc, Thomas und Tim, das Herz der Operation.
Wolf hatte nach langem Überlegen zugestimmt, dass der vierte Mann entfällt. Denn zur Not müssen neun Menschen plus Ausrüstung in einem der beiden leichten Hubschrauber mit einem maximalen Abfluggewicht von 3,5 Tonnen zurückfliegen. Und nach der deutschen Gesetzeslage auch die zwei festgenommenen Wachen. Doch darüber wollte er besser nicht weiter nachdenken.
Zusammen mit seinen Offizieren im Kommando und dem Truppenpsychologen, Oberstleutnant Gerrit Hinrich, hatte er sich in Calw die Drei aus dem 2. Zug der 3. Kommandokompanie noch einmal intensiv unter die Lupe genommen und die Ausbildung sowie alle Einsätze Revue passieren lassen.
»Meine Herren«, hatte er den Auswahlprozess eröffnet, »wir brauchen ein kleines Team für eine große Aufgabe! Was heißt das? Alle drei müssen sich intensiv kennen, schätzen und in den Grundfähigkeiten ersetzen können. Zwei müssen sich bedingungslos dem Leader anvertrauen. Wer könnte der Leader sein? Wir suchen einen Kämpfer mit hoher Einsatzerfahrung, einer, der führt und kämpfen kann, wie kein anderer.«
Er hätte gleich »Hauptmann Marc Anderson« sagen können. Die Entscheidung fiel sofort auf ihn. Mit seinen siebenundzwanzig Jahren und der strikten Ablehnung, truppendienstliche Karriere zu machen, hat er sich zu einer Art Vertrauensperson für viele entwickelt, die ein Problem haben, sei es mit dem Dienst, den Vorgesetzten oder den Frauen. Er zählt zu den wenigen Offizieren, die von den alten Hauptfeldwebel-Hasen als Truppführer hoch geschätzt werden.
»Marc«, sagte Hinrich, »ist der Inbegriff einer hochgezüchteten Rennmaschine. Zugegeben etwas eitel und sich seiner Fähigkeiten durchaus bewusst, aber nicht selbstgefällig. Sollte er einmal ausfallen, wird es mindestens fünf Jahre dauern, bis so ein Kaliber wieder verfügbar sein wird.«
»Okay, einverstanden. Wen brauchen wir als Zweiten? Ich nehme an einen Sprengstoffexperten und Scharfschützen. Ihr Vorschlag lautet: Hauptfeldwebel Thomas Heinrich. Warum gerade er?«, fragt er zum Psychologen schauend.
»Heinrich ist ein Allrounder, selbstbewusst und von Grund auf bescheiden. Er kommt aus einer frommen Freiburger Schlosserfamilie, war schon immer ein Fan von Waffen und Sprengstoff. Im Sportverein war er der beste Zehnkämpfer. Dann hörte er, dass die KSK-Leute immer die neuesten Waffen ausprobieren, bevor sie im Heer eingesetzt werden. Damit war sein Weg entschieden. Fachlich ist er spitze, und deswegen ist er auch bis zum Truppführer aufgestiegen. Eigentlich ein unauffälliger Typ, etwas introvertiert. Aber: was er anfasst, sitzt, als Mann im Team, aber auch als Führer.«
Die Offiziere nicken. Doch der General ist noch nicht zufrieden.
»Wenn er selbst Truppführer ist, wie verhält es sich mit seiner Fähigkeit, unter dem Eagle One Truppführer Anderson zu arbeiten?«
»Da ist tiefe Freundschaft und Respekt vor Marc. Mit ihm in den Einsatz zu gehen, ist für ihn, so abgedroschen das klingen mag, eine Frage der Ehre. Er kennt keinen Neid. Sein Verständnis von Freundschaft ist absolut ehrlich. Ich denke auch, in diesem kleinen Team ist er besonders wichtig. Es kann viel passieren, und Heinrich ist so etwas wie ein Fels in der Brandung. Wenn einer liegen bleibt, hebt er ihn auf und trägt ihn nach Hause. Er wird Marc gut ersetzen, wenn der ausfallen sollte.«
»Und seine Grenzen, wo sind die Grenzen dieses Felsens in der Brandung, wie Sie sagen?«
»Heinrich sucht Geborgenheit in einem System mit sehr festen hierarchischen und emotionalen Strukturen. Genau das bieten wir, mehr als jeder andere Truppenteil. Er ist sehr stark von Marc und Tim abhängig, kann beiden keinen Wunsch ausschlagen. Sein Bedürfnis nach Freundschaft ist ungewöhnlich tief. Er will nicht verlassen werden. Möglicherweise hat er homosexuelle Neigungen, weiß es aber nicht. Er ist wohl so etwas wie ein Kraftpaket mit Tiefen.«
Der Psychologe wusste nicht, wie Recht er mit seiner Analyse hatte. Thomas hatte an der Seite von Tim in Afghanistan eine Wohnung gesprengt, und anstelle von Terroristen einen durch den Sprengstoff schwer verletzten Hund vorgefunden. Der Hund kroch auf Thomas zu, leckte sein Sturmgewehr und starb dann winselnd in seinen Armen. Thomas war danach tagelang sehr ruhig. Zu ruhig. Tim erkannte, dass sich bei Thomas ein Problem entwickelte. Allmählich taute sein Freund etwas auf. Sie sprachen darüber, immer wieder. Es war eine Sache zwischen den beiden Männern.
Danach waren sie unzertrennlich, so unzertrennlich wie bei ihrem Rettungseinsatz der F-15-Piloten im Hindukusch.
Brigadegeneral Wolf hatte von der Sache mit dem Hund gehört. Er weiß, dass seine Elitesoldaten im besonderen Maße Trauma gefährdet sind. Dieses Mal mag es ein Hund sein, nächstes Mal eine Mutter mit Kinderwagen als Selbstmordattentäterin, die für Chaos in der Seele sorgt. Und er weiß: Freundschaften können oft schneller und effektiver therapieren als monatelange Supervisionen durch einen Psychiater eines Bundeswehr-Krankenhauses. Trotzdem sind seine »Rennpferde«, wie er sie gern nennt, oft nach zehn Jahren im Einsatz ausgebrannt.
Diese Männer aber sind noch lange nicht soweit. Sie brennen für den Einsatz im Nordirak, sie wollen unbedingt die beiden Geiseln herausholen. Auch wissend, dass sich eine derartige Aufgabe nicht oft bietet.
Während Hauptmann Anderson das Briefing hält, sieht Wolf sich den Dritten im Bunde an.
Sie suchten einen Häuserkampfspezialisten, der ein Objekt perfekt einnimmt, der stehend, aus der Drehung und im Sprung einhundertprozentig trifft, und dabei stets den Überblick bewahrt.
»Genau die Voraussetzungen, Herr General, die Feldwebel Tim Nader wie auf den Leib geschnitten sind!«, sagte der Psychologe.
Niemand würde in dem kleinen drahtigen Mann mit seinem Zauselbart und den ernsten Augen einen begnadeten Einzelkämpfer vermuten, der alle klassischen Disziplinen des KSK meisterhaft beherrscht. In der Graf-Zeppelin-Kaserne ist es Tim, der die alle zwölf Monate durchgeführten Stresstests seit Jahren traditionell als Bester besteht, ein guter Teamplayer aber kein Führungstyp.
»Wie kam er eigentlich zu uns?«, fragte Wolf den Psychologen.
»Marc Anderson und er kannten sich von der Schule in Hamburg und spielten gemeinsam in einer American-Football-Mannschaft. Marc brachte ihn nach Calw. Der sprachliche und der psychologische Dienst, mich eingeschlossen, überschlugen sich vor Begeisterung. Tim machte sich in der Kommandokompanie als Top-Mann rasant einen Namen. Marc, Tim und Thomas wurden schnell Freunde.« Doch Wolf war noch nicht zufrieden.
»Warum will der hochintelligente, sprachgewandte Kerl, der verschiedene arabische Dialekte, Englisch und Französisch spricht, nicht Karriere im Geschäft seines Vaters, der Hamburger Tee-Firma, machen und sich bei uns schinden?«
»Richtig, Nader hätte das nicht nötig. Er könnte in seiner reichen, muslimischen Familie leicht Karriere machen. Aber er sucht eine Anerkennung, die er im Geschäft offensichtlich nicht findet. Eine Anerkennung nicht durch andere, sondern bei sich selbst, und das mit großem Ehrgeiz, zum Teil mit Verbissenheit. Die Spezialkräfte sind für ihn das perfekte Betätigungsfeld. Hier kann er wachsen wie nirgendwo! Aber er ist trotzdem auf der Suche. Sein Freund Heinrich ist im KSK angekommen, und ihm ist das genug. Aber Naders weiteres Lebensziel dürfte langfristig außerhalb der Spezialkräfte liegen. Ich höre, er studiert parallel. Irgendwann wird er uns verlassen. Aber bis dahin können wir immens von seinen Fähigkeiten profitieren, einschließlich seiner Zugehörigkeit zum Islam und seinen Studien über eine Welt, die den meisten von uns fremd ist.«
»Gott sei Dank«, sagte Wolf, »denn er macht für den BND im arabischen Raum hervorragende Arbeit hinter den Linien. Er ist seine eigene Fernspähkompanie!«
Wolf ist stolz auf seinen Zögling. Tim Nader ist ein Juwel der besonderen Art beim KSK. Zunächst stand man bei der Eignungsüberprüfung dem Deutsch-Libanesen kritisch gegenüber. Ein Moslem im KSK war ein absolutes Novum. Die intensive Sicherheitsüberprüfung bei der Bewerbung ergab allerdings überhaupt keine Beanstandungen. Die Familie, das Umfeld, der Bewerber – alles völlig sauber.
Wolf hatte daraufhin einen genialen Einfall. Er erkannte schnell, dass Tim aufgrund seiner unschätzbaren, persönlichen Erfahrungen der arabischen Kultur, des Islams und des Korans ein idealer Späher sein könnte. In Absprache mit dem BND bekam Tim nach Beendigung seiner Ausbildung im KSK eine Spezialausbildung als verdeckter Ermittler hinter den Linien. Dafür brauchte er ein entsprechendes Aussehen. Er ließ sich in Abstimmung mit der Führung einen Backen- und Zauselbart wachsen. Zur Freude seiner KSK-Kameraden spielte Tim den Islamisten. Bald hieß er in der Kompanie nur noch »der Imam«. Tims Gebete auf dem Teppich wurden Alltag, und wenn er ein Gebet ausließ, zeigten seine Brüder schon einmal strafend auf die Uhr.
»Ich erbitte mir mehr Respekt, ihr Gottlosen!«
Anschließend tranken sie gemeinsam das Calwer Kult No. 1 Vollbier.
»Prost, Freunde!«, sagte Tim.
Ein Unding für einen Moslem.
Einmal, vor ein, zwei Jahren, nach dem Gebet, setzte sich Thomas zu seinem Freund Tim auf den Boden und fragte ihn: »Warum glaubst du eigentlich an Mohammed, Tim, und nicht an Gottes Sohn Jesus?«
»Jesus ist nicht Gottes Sohn. Er ist ein Prophet, wie Mohammed.«
»Das ist doch Blödsinn. Was glaubst du, wer an den Millionen Kreuzen in den Kirchen hängt? Jesus, Gottes Sohn, natürlich!«
»Gott braucht keinen Sohn«, fuhr Tim ihm dazwischen, »er schafft das allein! Ein Prophet hat lediglich den Job, die zentrale Dienstvorschrift unter das Volk zu bringen. Bei dir ist es die Bibel, bei mir der Koran. Mohammed und Jesus sind Kollegen auf Augenhöhe und dienen einem Gott, und der heißt Allah! Verstehst du das endlich, Trooper?«
»Das ist deine Auslegung von Gott, und sie ist verdammt intolerant!«
Doch Imam Tim ließ nicht locker. Es musste doch möglich sein, den Christen Thomas irgendwann einmal für den Islam zu gewinnen.
»Warst du schon mal in Istanbul?«, fragt er Thomas.
»Ja. Was kommt jetzt?«
»Auch in der Hagia Sophia?«
»Nein, die Besucherschlange davor war zu lang.«
»Geh‘ nächstes Mal rein! Da wirst du Jesus und Mohammed als Propheten an den Säulen dargestellt sehen, und das in der Krönungskirche der byzantinischen Kaiser!«
»Imam, vergiss es, du wirst mich nicht bekehren. Vorschlag: Ich lasse dir deinen Mohammed und du lässt mir meinen Jesus, sollen die beiden sich im Paradies einigen! Außerdem bin ich müde!«
Tim realisierte, dass Thomas den Kern des Islams überhaupt nicht verstanden hatte. Er gab Thomas eine intensive Einweisung in den Koran, über die diesem allerdings die Augen zufielen.
Als er das erkannte, deckte er seinen Bruder liebevoll mit seinem Gebetsteppich zu, und beide schliefen auf dem Zimmerboden nebeneinander ein.
Die Eagles verlassen den Briefing-Raum. Es ist Nacht, wie zum geplanten Angriffszeitpunkt. Ein Haus auf dem Infanterie-Übungsplatz ist so vorbereitet, dass es aussieht, wie das tatsächliche Objekt. Mit einer Temperatur von vier Grad und dem beißenden Wind ist es nicht gerade warm. Doch am Einsatzort in Kalak Chyah wird es nicht viel anders sein.
Marc schaut auf seine beiden Brüder. »Das Ganze wird jetzt geübt: Anflug, Abseilen, Befreiung der Geiseln und Abflug. Ich möchte, dass jeder sich praktisch blind im erwarteten Gelände auskennt. Wir werden alles mitnehmen: Pistolen, Maschinenpistolen, Sturmgewehre mit Granatwaffen und die bekannten Weihnachtsüberraschungen für böse Buben in unseren Westen. Die beiden Wachen müssen wir noch aus der Luft ausschalten. Sollten wir das nicht schaffen oder weitere Tangos antreffen, dann nehmen wir die Hand- und Blendgranaten.«
Um zwei Uhr nachts, bei sternenklarer Nacht, schweben die beiden Hubschrauber vor dem Objekt im Übungsgelände von Hammelburg ein. Zwei als Araber verkleidete Männer vor dem Gebäude eröffnen das Feuer und werden von Tim und Thomas noch aus der Luft mit gezielten Schüssen niedergestreckt. In Sekundenschnelle seilen sich drei Männer ohne jegliche Sicherung ab. Beide Hubschrauber stehen mit laufenden Rotoren an genau der richtigen Position in Feuerbereitschaft. Marc und Tim stürmen die untere Etage. Vor ihnen die beiden Schauspieler-Geiseln. Sie starren die Befreier angsterfüllt an.
»Auf den Boden! Seid ihr allein?«
Die beiden Geiseln nicken hektisch, kommen nicht vom Boden weg, sie sind an der Wand an einen Eisenring gekettet. Tim schießt mit einer gezielten Salve die Ketten auf. Draußen wissen die Eagles dank perfekter Kommunikation zu jeder Zeit, was innerhalb des Gebäudes passiert. Marc und Tim verlassen mit beiden Geiseln das Gebäude. Außerhalb ist alles ruhig. Die Gefangenen können kaum gehen, werden gestützt. Marc gibt das Okay-Zeichen. Aufbruch.
Um genau 02:04:33 Uhr sitzen die Geiseln im Eagle Alpha. Beide Hubschrauber erheben sich ohne jede Beleuchtung in das Dunkel der Nacht. Anschließend wird Plan B geübt: Eagle Alpha macht nach dem Abseilen Bruch bei der Landung. Die beiden Wachen eröffnen das Feuer. Acht Terror-Milizionäre tauchen auf. Feuergefecht unter Einsatz der Bordwaffen von Eagle Bravo. Die Geiseln werden wie zuvor befreit. Marc wird mit einem Streifschuss am Arm verletzt, Thomas übernimmt das Kommando. Eagle Alpha muss zurückgelassen und gesprengt werden. Abflug.
»Eagle Two für Eagle Commander. Zwei Geiseln und sieben Soldaten an Bord von Eagle BRAVO. Eagle One verletzt. EAGLE Alpha musste aufgegeben werden. Zwei Tangos EKIA.« Übung abgeschlossen.
»Roger, gut gemacht, zurück zur Basis!«
Ohne Enemy Killed In Action wird es diesmal nicht gehen. Alles andere wäre naiv, denkt Wolf. Dann überlegt er noch kurz, ob es tatsächlich klug war, die Videoschaltung zu erlauben. Jeder Schritt, jede Handlung würde im Krisenkeller von den Spitzen des Staates live mitverfolgt werden.
Vielleicht hätte er auf seinen Bauch hören sollen.
4.
Nordirak / Berlin
»Diyarbakir Tower, German Air Force 340 auf dem Anflug Runway 34.«
»Roger, der Wind ist ruhig, Landegenehmigung erteilt für Runway 34.«
Das Wetter im Landeanflug ist nicht gerade berauschend, und ein bodengestütztes Instrumentenlandesystem gibt es nicht. Doch die bordeigenen Navigationssysteme machen den Airbus A400M autark. Bei dreihundertfünfzig Fuß Wolkenuntergrenze durchstößt der neue militärische Supertransporter die Wolkendecke. Das Brummen der abbremsenden vier Motoren ist laut bis in die Stadt zu hören. Im Abenddunst des 22. Dezembers rollt der erste Airbus A400M mit den charakteristischen achtblättrigen Verstellpropellern auf der 3500 Meter langen Landebahn aus.
»Nehmen Sie den nächsten Exit links und melden Sie den Follow Me in Sicht.«
»Roger, Follow Me in Sicht.«
Dem Personal vom Tower ist dieser Flugzeugtyp als neuer Militärtransporter bekannt. Doch so sehr man durch die Ferngläser schaut, ein Hoheitsabzeichen ist auf dem grauen Rumpf nicht zu sehen.
Die Menschen sind hier Einiges gewöhnt, seitdem die politisch-militärische Situation im benachbarten Irak und Syrien eskaliert. Die Air Base ist voll mit F-16-Jets der türkischen Air Force, Truppentransportern aus den USA, amerikanischen F-15- und F-22-Kampfflugzeugen, sowie etlichen US Army Black-Hawk-Hubschraubern.
Zwei Tornado-Kampfflugzeuge sind eingetroffen. Am Leitwerk das Zeichen des Taktischen Luftwaffengeschwaders 33 in Büchel. Unter dem Rumpf ein dunkler Behälter, kein Treibstoff, keine Waffen. Offensichtlich ein geheimnisvoller Behälter mit Sensoren für taktische Aufklärung. Den Zweck kennt hier keiner. Aber das ist den örtlichen Teppichhändlern auch egal. Diyarbakir gilt bei NATO-Piloten als Mekka für schöne Teppiche, und davon passen einige in die Versorgungstanks der Jets. Die findigen Händler kennen bereits die Flugzeugtypen ihrer militärischen Besucher und packen die Teppiche so, dass sie perfekt in den Versorgungstank geschoben werden können. Sie werden es auch hier versuchen.
Doch die Tornado-Crew hat kein Interesse, über einen heimlichen Teppichtransport auch nur nachzudenken. Das Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam lotet auf Weisung von ganz oben die mögliche Zusammenarbeit mit der amerikanisch geführten Allianz gegen den Terror aus. Im Gespräch sind die hoch geschätzten Aufklärer- und Jagdbomber vom Typ Tornado für eine Stationierung in Incirlik, nahe der syrischen Grenze.
Die Air Base Diyarbakir gleicht in diesen Monaten einer Festung. Der nun stark eingeschränkte zivile Flugbetrieb findet abgeschottet vom militärischen Bereich statt, in dem auch zwei F-35A Kampfflugzeuge stehen, das künftige Rückgrat der türkischen Luftwaffe.
Nebenan, in der Eine-Million-Einwohner-Stadt über dem Tigris-Ufer, erwacht das abendliche Leben, als hätte es mit dem kriegerischen Treiben in dem fünf Kilometer entfernten Flugplatz nicht das Geringste zu schaffen.
Die Stadt Diyarbakir, im südöstlichen Anatolien, ist ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen und ethnischer Gruppen. Hier vermengen sich Türken, Kurden, Iraker, Syrer und Iraner. Der dunkle Basalt der umschließenden hohen Stadtmauer verleiht der Altstadt einen Hauch von Unnahbarkeit. Doch der Schein trügt. In den Basaren, Moscheen und Hinterhöfen der Stadt mischen sich längst Gestalten, die Geschäfte mit allen machen. Türkische Händler mit dem Islamischen Staat, PKK- Kämpfer mit dem Militär, verfeindete Sunniten und Schiiten, internationale Waffenhändler, Jugendliche aus aller Welt, die so schnell wie möglich eine schwarze IS-Uniform anhaben möchten, Mädchen, die einen Gotteskrieger suchen, Schleuser, Journalisten und korrupte Polizisten.
Innerhalb von vierzig Minuten sind die beiden leichten Mehrzweckhubschrauber des Typs H145M entladen. Es sind die ersten zwei der fünfzehn Maschinen, die Eurocopter an den Eliteverband in Calw auslieferte. Die frisch geschulten Piloten sind begeistert. Das Fluggerät ist leicht zu fliegen, ideal für autarke Einsätze und verfügt über volle Nachtsichtfähigkeit. Der Hubschrauber hat ein digitalisiertes Cockpit und einen Vier-Achsen-Autopiloten. Beides nimmt der Zwei-Mann-Crew eine Menge Arbeit ab. Operation Eagle ist der erste heiße Einsatz mit diesem neuen Fluggerät. Für die Männer des KSK ist es wie Weihnachten. Sie müssen nicht auf die amerikanischen Black Hawks zurückgreifen, sondern bleiben unter sich.
In zwei Stunden haben die Logistiker ein Zelt für Kommunikation, Material und Schlafplätze aufgebaut. Die Einsatzleitungen nach Deutschland stehen. Marc versammelt seine Männer.
»Uhrenvergleich: In fünfzehn Sekunden ist es 20:30 Uhr lokaler Zeit. Einsatzbriefing um 23:00 Uhr im Zelt!«
Der türkische Verbindungsoffizier sorgt dafür, dass die Deutschen unter sich bleiben. Sie wollen auch die Basis nicht verlassen. Die Stadt ist nichts für eine Mission, die unter strengster Geheimhaltung läuft. Der Eliteverband hat noch nicht einmal Zivilkleidung dabei. Nach der Operation soll es am nächsten Morgen direkt wieder zurückgehen. Hoffentlich mit den beiden deutschen Geiseln. Hoffentlich in ein schönes Weihnachtsfest.
Brigadegeneral Wolf nimmt Kontakt zum Tactical Air Command der United States Air Force am Platz auf.
Nur wenige Leute bei den Amerikanern wissen, dass die Deutschen in der nächsten Nacht eine Operation Eagle nördlich von Mossul planen. Nur wenige haben an der vorsorglich erbetenen Unterstützung aus der Luft mitgearbeitet: Zwei US Air Force Jets sollen sich für Operation Eagle abrufbereit halten.
Das Projekt wurde auf höchster Ebene zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Verteidigungsministerium und natürlich mit Billigung der jeweiligen politischen Führung koordiniert. Wolfs direkter Ansprechpartner ist ein USAF-General im Command und Control Center in Diyarbakir, der seine Weisung direkt von CENTCOM aus Florida erhält. Die Mission ist bestens vorbereitet, und es spielt für die Durchführung keine Rolle, dass der amerikanische Luftwaffengeneral heute Abend zur türkischen Air Base Incirlik beordert wurde. Die Amerikaner wollen diesen Flugplatz unbedingt als zentrale Basis für den Kampf aus der Luft gegen den IS ausbauen. Doch die Regierung der Türkei lehnte bisher ab. Sie hat Sorge, dass von dort als Nächstes auch eine Bodenoffensive gestartet werden könnte. Das würde die Kurden und deren Autonomiebestrebungen weiter stärken und liegt folglich nicht im politischen Interesse der Türkei, die sich außenpolitisch mit allen Nachbarn überworfen hat und inzwischen auch für die NATO ein Wackelkandidat ist.
Das streng geheime Briefing mit den beiden F-22-Piloten ist für 22:00 Uhr angesetzt. Wolf geht mit Marc in das US Air Force Operation Center. Dort führt der Intelligence Officer, Lieutenant Colonel David Maher, die zwei deutschen Gäste in den Briefing-Raum.
Maher ist ein schlanker Offizier mit Bürstenhaarschnitt und drei Reihen Orden an seinem tadellos gebügelten Khakihemd.
»Gentlemen, ich habe das Vergnügen, Ihnen unsere deutschen Kollegen vorzustellen. Auf unserer Seite die beiden F-22-Piloten Captain Jack Scott und Captain Buddy McAllen.«
Er hat es noch nicht ausgesprochen, da fallen sich Buddy und Marc in die Arme. General Wolf schaut leicht verwundert.
»Sie kennen sich bereits?«
»Yes, Sir«, sagt Buddy in gebrochenem Deutsch, »Marc ist mein Lebensretter, er hat Les Miller und mich aus dem Hindukusch herausgeholt, mit Thomas, und Tim, dem deutschen Taliban. Sind die auch wieder dabei?«
»Was denkst du, Buddy, ohne die beiden gehe ich keinen Schritt! Wie kommst du überhaupt auf dieses geile Flugzeug? Hast du inzwischen alle F-15 deines Geschwaders verschrottet?«
»Ich kam gar nicht dazu! Nachdem die mich wieder zusammengeflickt hatten, kam das Angebot, die F-22 zu fliegen, ich konnte einfach nicht widerstehen.«
»Und was sagt Linda dazu?«
Der lange, blonde Buddy, ebenfalls mit dem typischen USAF-Bürsten-Haarschnitt, zieht ein Foto heraus.
»Wir haben geheiratet. Das ist mein kleiner Sohn.«
Marc sieht genauer hin. Ein typisch amerikanisches, weißes Holzhaus in Leichtbauweise mit zwei Säulen und Vordach am Eingang, gepflegte Einfahrt, US-Flagge, Linda und ein kleiner Bengel mit einem Air-Force-Schiffchen auf dem Kopf und einem Spielflugzeug in der Hand.
»Kann es sein, dass da etwas Zweites im Anmarsch ist?«
Buddy nickt strahlend: »Wieder ein Junge! Strampelt wie der erste. Beide können nicht schnell genug zur Air Force kommen!«
Die anderen US-Offiziere hören belustigt der Unterhaltung zu, während General Wolf sich umschaut.
Faszinierend, denkt er, wie die Amis es auf der ganzen Welt immer wieder schaffen, diese ganz besondere typische US-militärische Atmosphäre in ihrer Infrastruktur hinzubekommen.
Zwei lange Neonlampen beleuchten den metallenen Tisch und die olivfarbenen, harten Stühle. Dahinter gedämpftes Licht, zwei abgewetzte, rissige Sessel, eine Kaffeemaschine mit kleinen, mittleren und großen Plastikbechern, eine Ice-Making-Maschine, ein Automat mit Getränken, ein weiterer mit amerikanischen Süßigkeiten, vier Schachteln Donuts und an der Wand ein aufregendes Pin-up-Girl. Darunter gedruckt: Join the Air Force. Irgendeiner hat ergänzt … and me.
Die Koalition der Amerikaner fliegt seit Monaten Abriegelungseinsätze gegen den IS aus den umliegenden verbündeten Ländern, und endlich auch von türkischen Basen. Luftbetankungseinsätze sind nicht mehr nötig. Sie zerstören Verkehrsknotenpunkte, Aufmarschgebiete und logistische Zentren. Die F-22 wird in diesem Krieg erstmalig im Luft-Boden-Kampf erprobt. Eigentlich werden die Stealth-Eigenschaften für diese Mission nicht benötigt, da der Islamische Staat über kein Radarsystem verfügt, um feindliche Flugzeuge zu erfassen und zu bekämpfen. Doch möchten die Amerikaner für Operation Eagle die F-22 gezielt in der Bekämpfung eines Bodenzieles aus niedriger Höhe einsetzen, aus welchen Gründen auch immer. General Wolf hatte dies begrüßt, denn die Jets wären, anders als die Hubschrauber, in Minutenschnelle vor Ort.
»Gentlemen, ich begrüße Sie zum Briefing«, beginnt David. »Zunächst zum Wetter. Wir erwarten BLUE PLUS, also bestes Fliegerwetter mit einer sternenklaren Nacht. In Ihrem Einsatzgebiet erwarten wir keine feindlichen Kräfte. Die IS-Milizen haben sich am Mossul-Staudamm konzentriert. Um ihr Einsatzgebiet Kalak Chyah haben wir in der Luft für unsere Flieger eine Sperrzone von 50 Meilen errichtet. Sie werden also dort ungestört operieren können. Unsere beiden F-22 werden in einer Warteschleife dreißig Meilen nordwestlich von Kalak Chyah zwischen Akre und Musa Laka auf Ihren Abruf warten. Die Formation heißt Helper, der Code für den Abruf aus der Warteschleife Coca Cola. Haben Sie bis dahin Fragen?«
Marc brennt sich Helper und Coca Cola ein. Zwei Wörter für eine Lebensversicherung.
»Jack ist der Mission Commander. Er wird Ihnen jetzt die Frequenzen und das taktische Briefing geben.«
Jack braucht nur eine Minute. Die Gruppe beugt sich danach über die Fotos, die von den Drohnen stammen. Marc schaut zu Jack und Buddy hinüber und zeigt ihnen ein Gebäude: »Das Objekt hier dürft ihr auf keinen Fall angreifen, da sind unsere beiden Geiseln drin!« Er kreist das letzte Gebäude unweit der Straße nach Chra ein.
»Wenn es ein Problem gibt, dann erwarten wir das hier, aus diesen umliegenden Häusern, etwa zweihundertsechzig Meter südlich des Objektes. Kriegt ihr das nachts so präzise hin?«
»Klar kriegen wir das hin! Was unsere Augen nicht schaffen, macht die Technik.«
»Und wie bekommt ihr das alles in Sekunden gebacken?« Buddy greift zu seinem Helm.
»Schau‘ dir dieses Helmvisier an. Es hat einen magnetischen Sensor im Cockpit, der meine Kopfbewegungen registrieren kann und mir alle taktischen Daten ins Visier hineinprojiziert. Ich brauche nur noch in das Ziel schauen, und schon ist der Suchkopf der Waffe darauf ausgerichtet. Einen Daumendruck und die Sache ist abgehakt! Der Helm ist so teuer wie mein schönes neues Haus! Da staunst du, was?«
Sie studieren die Hindernisse in der Umgebung des Objektes und den Warteraum der F-22. Die beiden Stealth-Kampfjets wären innerhalb von drei bis vier Minuten vor Ort.
General Wolf ist zufrieden.
»Danke Gentlemen, also seid am Himmel bereit für einen Abruf um 02:00 Uhr lokaler Zeit. Ich hoffe allerdings, wir brauchen euch nicht!«
»Okay, Sir, hier ist noch der Transponder-Code. Ihr seid damit auf unseren Radarschirmen als Freunde markiert. Good luck, Operation Eagle!«
Abb. 1 Operation Eagle
Buddy schüttelt Marc die Hand, der fragt:
»Wie geht es eigentlich Les, deinem Weapon Systems Operator von der F-15?«
»Er hat den Dienst quittiert, ist jetzt General Manager von vier Hamburger-Restaurants in Dallas!«
Marc lacht laut. Er denkt daran, wie sie das übergewichtige texanische Original aus der Spalte im Hindukusch gezogen haben. Buddy klopft seinem deutschen Lebensretter freundschaftlich auf die Schulter.
»Toll, Marc, toll dass ihr dabei seid. Ich stehe mit meiner F-22 bereit, um meinen drei deutschen Schutzengeln zu helfen.«
Während sie wieder zurück zum Kommandozelt gehen, spricht der General seinen Truppführer an.
»Marc, die vorsorgliche Einplanung der F-22 ist geheime Kommandosache, so geheim, dass nur Sie das hier im Kommando erfahren dürfen.«
Marc stutzt. So etwas gibt es doch nicht!
»Finde ich nicht gut, Herr General. Was ich weiß, muss mein Trupp wissen, wie immer.«
»Das ist mir klar, doch seitens der Amis ist das eine Bedingung für die Luftunterstützung mit den Jets. Außerdem ist die Anforderung hoffentlich nicht nötig.«
»Und was ist, wenn doch, oder wenn ich ausfalle?«
»Ich bin über die Videoschaltung live dabei und würde sofort handeln.«
Marc mag diese Geheimniskrämerei nicht, das ist nicht sein Stil, aber die Sache scheint entschieden.
Im deutschen Zelt warten die Eagles bereits auf die beiden. »Alles kurz zusammenkommen!«, ruft Wolf seinem Kommando zu.
»Take-off morgen mit den beiden Hubschraubern um 21:00 Uhr Lokalzeit. Zwischenlandung in Sirnak Serafettin Elçi Airport zum Auftanken. Der kleine Flugplatz liegt direkt am Dreiländereck Türkei/Syrien/Irak. Er ist in der Nacht geschlossen. Außer dem Tankwagen wird es also keine Zuschauer geben. Während des Tankens verbleiben Sie an Bord. Entfernung vom Zwischenziel zum Einsatzort etwa 70 Minuten Flugzeit. Sie werden die syrische Grenze umfliegen und unterhalb des Gebirgskammes zwischen den Ortschaften Dohuk und Alqosh direkt zum Objekt stoßen. Rettung und Evakuierung der Geiseln exakt 02:00 Uhr. Sobald Feldwebel Nader morgen zurück ist, wird Marc noch einmal alle Einzelheiten durchsprechen. Morgen haben Sie den ganzen Tag Zeit, sich zu akklimatisieren und mental auf den Einsatz vorzubereiten. Die Operation ist erst mit Ankunft in Calw beendet. Bis dahin keine Kommunikation mit Handys. Für heute, gute Nacht, schlafen Sie gut, Männer!«
»Gute Nacht, Herr General!«
Vor dem Einschlafen geht Marc den Einsatz noch einmal durch. Es wird ihm schwerfallen, Thomas und Tim von der möglichen Luftunterstützung nichts zu sagen. Aber Befehl ist Befehl. Außerdem wird man sie ohnehin nicht brauchen.
Marcs Gedanken gehen zu Tim, er müsste jetzt bereits auf dem Rückweg sein. Vor seinem Auge laufen die gemeinsamen Stationen ab, die unglaublichen Strapazen schon bei der Eignungsauswahl, die Schießausbildung im Simulator in Calw, wo Tim aus jeder Lage ins Schwarze traf, das Fallschirmspringen, Abseilen, der Nahkampf, die unvergessliche Ausbildung an Motorrädern, Sturmbooten und Faltkajaks, das Überleben in der Wüste im Süden der USA, im Dschungel, in der Arktis und die Ausbildung als Waffen- und Sprengspezialist.
Wenn sie schwitzend bei fünfzig Grad oder zitternd vor eisiger Kälte zusammengekauert lagen und nichts mehr spürten außer den Atem des Anderen, wenn das Schleppen der vierzig Kilogramm Lasten zur Tortur wurde, wenn Fragen nach dem Sinn des Ganzen aufkamen, dann kannten sie seine Antwort.
Ganz am Anfang hatten sie ihn gefragt, was er eigentlich unter dem Sinn des Ganzen verstand. Marc hatte geantwortet: »Ich mache das, weil wir etwas Besonderes sind, Elitesoldaten – mit Lust auf Leben und dabei ziemlich nah am Tod. Ich weiß selbst, wie schwer es fällt, nicht mit der Außenwelt sprechen zu dürfen. Aber so ist es nun einmal. Unsere Familie ist das Team, wir. Wir drei Brüder. Und es wird uns auch reichen müssen, draußen die stillen Helden genannt zu werden. Unsere Kraft liegt in uns selbst, nicht in der öffentlichen Bestätigung. Unser Band ist die Kameradschaft, nicht die verordnete Kameradschaft des §12 Soldatengesetz. Es ist viel, viel mehr, es ist die gelebte Kameradschaft in unserem Trupp. Meine Philosophie heißt: Einer für alle, alle für einen.«
Er hatte das danach nie wieder gesagt. Musste er auch nicht, denn er lebte sein ganz persönliches Verständnis von Kameradschaft vor.
Thomas liegt neben ihm. Er denkt ebenfalls an seinen Freund Tim und ob das gut geht. Wenn dem Imam da draußen etwas passiert, wäre er verdammt allein … niemand könnte ihm helfen. Warum musste der sich auch nur auf die Späher-Rolle für sein Vaterland einlassen …
Er weiß, wenn sie Tim entlarven und dann mit Sicherheit umlegen würden, wäre auch ein Teil von ihm gestorben. Als er sich aber vorstellt, wie Tim in seinem muslimischen Gewand, womöglich in Pluderhosen mit einem Kampfmesser darunter, im Land seines Propheten Arabisch sprechend auf Aufklärungsmission ist, kann er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Tim, du verkrachter Typ, du wirst es schaffen, dafür wird mein Prophet Jesus sorgen, denkt er, bevor er in einen Tiefschlaf fällt.
Jeder hat so seine Art zu beten.
Als Tim um sechs Uhr morgens eintrifft, will der nur noch schlafen. Drei Tage auf den Beinen, überwiegend per Kleinbus und zu Fuß unterwegs im feindlichen Hinterland waren genug. Er habe sich nur kurz in Kalak Chyah aufgehalten. Seit seinem letzten Aufenthalt habe sich das Leben unter den neuen Besatzern völlig geändert.
Marc sieht, wie todmüde der Mann ist.
»Gibt es irgendetwas, Tim, was unsere Planung umwirft?«
Tim gähnt, bekommt kaum den Mund zu.
»Negativ.«
»Dann penn‘ dich erst einmal aus. Briefing heute Mittag.«
Im Kommandozelt liest General Wolf inzwischen die Meldungen der Nachrichtenagenturen mit dem Schwerpunkt Mossul. Sie sind oft präziser als die Nachrichten aus dem militärischen Apparat, denn auch in den Kampfgebieten halten sich inzwischen etliche Journalisten auf. Wolf fokussiert sich auf die Kernbotschaften:
Die Kurden im Nordirak kämpften bisher bravourös mit Kalaschnikows und ein paar alten Panzerfäusten gegen einen atypischen Gegner … Seitdem sie westliche Ausbildungshilfe von der Bundeswehr und Material wie Feldküchen, Zelte, Funkgeräte, Minensonden, Nachtsichtgeräte, sowie zahlreiche Fahrzeuge vom Typ Dingo und Wolf plus Tanklastzüge erhalten haben, gelingt es mit Hilfe ebenfalls gelieferter G-36 Gewehren, Munition und der ersehnten Milan-Lenkflugkörpern mehr und mehr Gelände vom IS zurückzugewinnen … Gleichzeitig bekämpfen Teile der Peschmerga mit diesen deutschen Waffen Jesiden und lösen dadurch in der deutschen Politik größte Unruhe aus, vor allem, nachdem erbeutete deutsche Waffen bei dem IS gesichtet wurden …
Wolf grinst in sich hinein. Krieg ist eben ein schmutziges Geschäft, besonders dieser, in dem die Kriegsparteien ihre Seiten wechseln wie ein Chamäleon die Farbe.
Er blättert durch Spiegel-Online, dessen Redakteure offensichtlich besonders gut informiert sind:
Der IS ist durch die irakische und syrische Armee in der Zange … Die Luftangriffe der US-geführten Koalition zeigen endlich Wirkung, der Fall von Mossul und Rakka ist nur eine Frage der Zeit … Experten rechnen jedoch mit dem Tod tausender Zivilisten und warnen vor der Verminung zurückgelassener Städte und Orte … Sunniten und Kurden fühlen sich von Bagdad betrogen … Nach der Einnahme der Zentren durch Bagdad beginnt die irakische Vergeltung im Zeichen der Religion … Die Türkei befindet sich in einem politischen Spagat. Sie kämpft gegen die PKK im eigenen Land und versucht an ihren Grenzen das Entstehen eines autonomen Kurdenstaates zu verhindern … Aussichten dafür schlecht … Der Iran macht mit den Russen in Syrien gemeinsame Sache … Saudi-Arabien unterstützt den IS unverändert mit Geld und Waren, sucht Schulterschluss mit Russland und fliegt gleichzeitig in der US-geführten Allianz gegen den IS … Die USA unterstützen die irakische Armee hybrid mit nicht gekennzeichneten Spezialkräften und agieren dabei ähnlich wie Putins getarnte Soldaten beim Einnehmen der Krim … Die US-Spezialkräfte verdanken ihre Erfolge der irakischen Armee … Die Region ist ein einziger terroristischer Hexenkessel, der sich ständig neu erfindet … Eine ganze Generation ist bereits jetzt durch Flucht, Vergewaltigungen und Massaker traumatisiert … Die Annahme, der IS verschwindet mit dem Verlust seines Territoriums, ist falsch. Der IS wird weiterleben, auch wenn sein Territorium verloren ist und seine Führer ausgeschaltet sind.
Wir werden es in Europa erleben, denkt Wolf. Doch jetzt interessiert ihn nur sein Einsatzgebiet. Mossul befindet sich in Auflösung, zeigten die kristallklaren Bilder der deutschen Recce-Tornados. Die Stadt ist weitestgehend zerstört, Hunderttausende fliehen, wenn sie können. Einzelne IS-Kämpfer haben Geiseln als Faustpfand in der Hand und agieren autark.
Was bedeutet all das für die deutschen Geiseln Weier und Fischer? Eine stabile Lage wäre ihm verdammt lieber. Das einzig Gute ist, dass die Türkei den Einsatz vom türkischen Boden aus gestattet hat. Er war sich sicher, dass sie das hinbekommen würde. Diese Frau ist ein Geschenk für Deutschland, denkt er.
Jetzt muss er liefern.
Mittags sitzt das Kommando zusammen. Wolf ist gespannt auf den Bericht seines Agenten.
»Dann schießen Sie mal los, Tim!«
»Unser Einsatzgebiet ist ein Schlacht- und Minenfeld. Ich bin einmal fast in einen Luftangriff reingekommen. Von wegen IS-Terror. Geköpft wird auf beiden Seiten! Ich sah aus einem Bus, wie eine kurdische Kämpferin unter dem Gejohle der Menge einem gefangenen IS-Milizionär den Kopf abtrennte. Vorgestern kam ich dann nach Kalak Chyah. Eine Befragung im Dorf erschien mir zu riskant. Die Menschen haben Angst, das Dorf ist offensichtlich komplett in der Hand des IS, zumindest sah ich deren Fahnen an den Minaretten. Ich sah aber keine schwarz gekleideten Kämpfer. Sie sollen am Mossul-Damm zusammengezogen worden sein. Viele im Dorf haben diese dunkelgrünen Outdoor-Jacken, Sandalen und die knöchellangen Hosen der Radikalen.«
»Was gibt es vom Objekt zu berichten?«, fragt der General. »Ich konnte mich nur dreißig Minuten in der Nähe des Objektes aufhalten, und das war nachts bei beschränkter Sicht. Die unmittelbare Gegend ist hügelig und nach Norden hin ohne besondere Infrastruktur. Keine Hindernisse. Das Haus liegt am Ende einer Stichstraße zwischen der Landstraße und dem Fluss. Die etwa dreißig angrenzenden Häuser von Kalak Chyah sind 200 Meter entfernt. Vor dem zweistöckigen Haus steht ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Zwei Wachen dösen vor sich hin. Das Haus hat in beiden Etagen wahrscheinlich drei bis vier Räume. Im Gebäude unten brannte ein Licht. Ich habe dort die Bewegungen von zwei Personen gesehen. Mehr auch nicht, schon gar nicht habe ich die Geiseln erkannt. Ging leider nicht ohne Nachtsichtfernglas.«
Den Männern ist klar, dass Tim in dieser heiklen Späher-Operation ohne Ausrüstung unterwegs war.
»Hinter dem Haus gibt es in beiden Etagen drei Fenster. Es sieht so aus, als ob ein Graben um das Haus herumführt, bis zur Stichstraße. Falls man Deckung braucht. Das Abseilen kann direkt vor dem Objekt erfolgen. Die Hubschrauber sollten sich am besten seitlich vor unserem Objekt positionieren. Einer mit Blickrichtung zum Objekt, der andere feuerbereit zum Dorf nach Süden. Eigentlich ist alles so, wie wir das auf den Bildern der Drohnen gesehen haben. Sorry, mehr war nicht zu machen. Alles Andere hätte unseren Einsatz gefährdet.«
»Danke, Tim, gut gemacht. Wir haben allerdings erwartet, dass Sie die beiden Geiseln direkt mitbringen.«
»Wollte ich auch, Herr General, aber die haben mit den beiden Wachen so schön Doppelkopf gespielt!«
Die Männer grinsen. Der Imam ist schon ein Knaller. Macht mal kurz vor dem Einsatz noch einen lebensgefährlichen Ausflug.
Der General überlegt. Eine sichere Bestätigung, dass die Geiseln vor Ort sind, konnte Feldwebel Nader auch nicht liefern, aber zumindest einen Anhaltspunkt. Das sollte für die Freigabe des geheimen Einsatzes reichen. Sollte. Und wenn die Geiseln nicht angetroffen werden? Dann hätte man es wenigstens versucht. Wolf will jetzt diesen Einsatz. Der Rest ist Berufsrisiko.
Am 24. Dezember um exakt 21:45 Uhr starten die Rotoren der Helikopter. Die Männer sind angetreten. General Wolf mustert sie in ihren Tarnfleckanzügen, Teflon-Helmen mit Gesichtsvisier, Sprechfunk und Nachtsichtgerät, den hochgezogenen Brillen, Handfeuerwaffen, Sturmgewehren, Blend- und Handgranaten und den Kommunikationsmitteln. Der große Rucksack ist diesmal nicht dabei. Hier geht es um die bestmögliche Beweglichkeit.
Die sieben Eagles stehen aufgereiht. Wolf schaut jedem in die Augen. Niemand weicht seinem durchdringenden Blick aus. Kein Oben-Unten-Blick vom General zum Trooper, kein Kontrollblick. Ein Blick von Soldat zu Soldat, von Mensch zu Mensch. Sie wissen, dass der Boss alles für sie organisiert hat, was menschenmöglich ist. Es gibt nichts, was jetzt noch gesagt werden müsste.
»Herr General, ich melde Einsatzkommando Eagle startbereit!«
»Männer, ich möchte euch und die beiden Geiseln heute Nacht wohlbehalten hier sehen. Good luck! Hauptmann Anderson, übernehmen Sie!«
Während sich die beiden Eurocopter zielstrebig in den nächtlichen Himmel Richtung irakischer Grenze schrauben, geht General Wolf in das Zelt und lässt sich die Leitung zum Krisenkommunikationszentrum des Auswärtigen Amtes in Berlin freischalten.
Nichts spricht gegen einen perfekten Einsatz.
Zur selben Zeit im Auswärtigen Amt, Krisenreaktionszentrum. Bundeskanzlerin Dr. Henriette Behrens will für das Meeting im Krisenkeller nur einen kleinen Kreis haben. Der Leiter Krisenreaktionszentrum, Dr. Hartwig Bloedorn, hat die übliche Tischordnung geändert. Man sitzt heute in einem offenen Halbkreis vor der Videoleinwand. Rechts neben ihr Bundesverteidigungsminister Paul Voss, links Bundesaußenminister Georg von Rüdesheim, auf den Außenstühlen Innenminister Dr. Siegfried Bauer und Ministerialdirigent Dr. Rudolf Kürten mit BKA-Direktor Harry Busch.
Auf den Tischen im Krisenkeller erinnert der Adventskranz mit den vier brennenden Kerzen an die Welt draußen vor dem Krisenkeller. Das Weihnachtsgebäck kommt von Rudis Kellerkindern. Man unterhält sich zwanglos, die Stimmung ist vorsichtig optimistisch. Offensichtlich schlecht bewachte Geiseln, ein deutsches Top-Kommando, zwei Stunden in diesem Keller und dann nach Hause in die Weihnachtsstube. Niemand im Raum rechnet mit Nachrichten, die einen Stopp der Operation Eagle notwendig machen.
Links von der Leinwand hängt die Karte des Einsatzraumes mit Flugweg. Zwei kleine Punkte bewegen sich nach Süden.
»Was ist das?«, fragt die Kanzlerin zum Leiter des Krisenreaktionszentrums hinüber.
»Es sind unsere Hubschrauber. Sie haben soeben die Grenze zum Irak passiert.«
Auf dem Bildschirm flackert es. Brigadegeneral Wolf wird plötzlich sichtbar.
»Guten Abend, Frau Bundeskanzlerin, guten Abend, meine Herren. Schöne Weihnachten! Können Sie mich sehen und hören?«
»Hervorragend, guten Abend, Herr General nach Diyarbakir. Auch Ihnen schöne Weihnachten! Wir sind sehr gespannt.«
Im Folgenden berichtet der General von der problemlosen Anreise, den letzten Aufklärungsinformationen des Agenten, dem Flugweg der Hubschrauber, informiert über das Wetter im Einsatzgebiet, und die Absprachen mit den Amerikanern. Sodann vom geplanten Abseilen und dem Verhalten der Hubschrauberbesatzungen während der Befreiungsphase.
»Das Kommando befindet sich planmäßig auf dem Weg in das Zielgebiet. Wir werden diese Leitung kurz vor der Landung auf die Körperkamera des Truppführers Hauptmann Anderson umschalten. Stellen Sie sich bitte darauf ein, dass die Infrarotkamera auf Restlicht programmiert ist. Sobald eine Lichtquelle dazwischenkommt, werden Sie sehr grelle Bilder sehen. Es wird auch eine Tonübertragung geben. Bitte jedoch keine zu hohen Ansprüche an Bild und Ton. Das ist eine Premiere. Die Eagles sind untereinander mit Funk verbunden, so dass jeder vom anderen weiß. Der Truppführer ist auf gesonderten Kanälen zusätzlich mit mir hier in Diyarbakir und den beiden F-22 verbunden, die bereits auf dem Weg in den Bereitstellungsraum sind. Wir gehen aber nicht davon aus, dass wir sie benötigen. Haben Sie Fragen?«
Die Kanzlerin blickt sich um.
»Keine Fragen aus dieser Runde, Herr General!«
»Gut, dann schlage ich vor, dass wir diese Leitung jetzt trennen und in wenigen Minuten auf die Kamera des Truppführers Marc Anderson aufschalten.«
»Einverstanden, General Wolf!«
Henriette ist froh über diese Pause. Sie braucht die Zeit, um sich auf das Geschehen zu konzentrieren. Wie mag es Helmut Weier und Josef Fischer gehen? Wie werden sie sich verhalten, wenn gleich ein Donnergetöse um sie herum ist? Wie wird der Kampf mit den Wachen ausgehen? Was passiert, wenn plötzlich doch eine ganze Horde dieser fürchterlichen IS-Kämpfer auftaucht? Werden die Kampfjets in dieser Lage zwischen dem Befreiungskommando und den Dschihadisten unterscheiden können? Bloß keine Situation, wie wir sie bei der Tötung der vielen Zivilisten in Afghanistan hatten, denkt sie, aber wenn die Aktion gut läuft, dann wird das DIE Weihnachtsbotschaft. Und wenn sie scheitert …?
Paul merkt, dass sich Henriettes Gedanken überschlagen. Jetzt könnte sie die Operation noch stoppen. Nichts würde nach außen dringen. Er schaut auf ihre Hände und erkennt darin den Brief der Ehefrauen der Geiseln, in dem sie die Kanzlerin anflehen, ihre Männer zu retten.
Damit ist Pauls stille Frage beantwortet, ob Henriette den Einsatzbefehl aufheben wird. Er nickt ihr ermutigend zu.
Währenddessen sind die Soldaten bereits tief im Nordirak. Im Hubschrauber ist dieser typische Geruch von Öl und Treibstoff. Die Vibrationen im Eurocopter sind angenehm gering. Die Soldaten sind es anders, sind es laut, eng, alt gewöhnt. Das hier ist fast wie in einem fliegenden Wohnzimmer. Unter ihnen vereinzelte Lichter. Natürlich wird man sie hören. Auf die Pulsfrequenz der Drei hat das keinen Einfluss, aber die Spannung wächst. Endlich wieder ein heißer Einsatz. Endlich der Kanzlerin live zeigen, wofür man da ist, wie es abläuft. Der ultimative Höhepunkt für einen KSK-Soldaten. Marc versucht diese zusätzliche Belastung auszublenden. Hoffentlich werden wir nicht schon beim Abseilen abgeknallt, denkt er. Wir müssen sie vorher ausschalten.
Er schaut auf Thomas und Tim, signalisiert mit seiner Hand fünf Minuten bis zum Abseilen und winkt sie zu sich.
Die drei Brüder knien sich auf den Boden, fassen sich um die Schultern und schreien in den Hubschrauberlärm: »Einer für alle, alle für einen!«
Walter und Henry drehen sich kurz um und geben mit Daumen hoch ein Gut-Glück-Zeichen. Die Hubschrauber-Crews sind jetzt die Lebensversicherung der drei Soldaten.
Vier Minuten. Marc aktiviert die Videokamera.
Im Krisenkeller erscheint das Bild aus dem Hubschrauber. Man sieht zwei Soldaten, dann den Rücken der beiden Piloten. Leiser, verzerrter Motorenlärm, der Kameraton ist schlecht.
Das Objektiv wandert über die im Kunstlicht grünen, ernsten Gesichter von Thomas und Tim, weiter durch das Fenster in die nur von einem schmalen Mond etwas erhellte Nacht. Schemenhaft sieht man den anderen Hubschrauber. Sämtliche Außenlichter sind ausgeschaltet. Es sieht entspannt aus, wie bei einer Übung.
»Eagle One an Eagle Commander – Online – Over.«
»Roger Eagle One – Bild steht – Good luck – Out.«
Drei Minuten.
Paul beugt sich zur Kanzlerin hinüber und flüstert.
»Sie nutzen das Gelände und fliegen jetzt in niedriger Höhe, weil wir sicher sind, dass der IS nicht mit ihnen rechnet. Auch wenn er sie hören würde, er hat keine Boden-Luft-Raketen. Wir sind gleich da …«
Die Kanzlerin nickt, sie ist völlig gebannt. Fast ist es, als säße sie mit im Hubschrauber und könnte den Atem der Männer spüren.
Der Co-Pilot, Oberleutnant Henry Kirch, zeigt mit Daumen und Zeigefinger zwei Minuten an.
Die seitlichen Türen von Eagle Alpha werden geöffnet. Die Balken zum Abseilen ausgefahren.
Marc schaut angestrengt aus der geöffneten linken Tür und beugt sich weiter nach vorn. Die Straße zum Dorf!
Eine Minute.
Er sieht die Umgebung des Objektes bereits schemenhaft im Mondlicht.
Er vergleicht das Bild in seinem Kopf mit dem Haus da unten. Sie sind richtig.
Dreißig Sekunden bis zum Abseilen!
Eagle Alpha fliegt, einen Baum als Deckung nehmend, an. Eagle Bravo bleibt seitlich versetzt. Marc, Thomas und Tim, das G36K im Anschlag, haben das Objekt deutlich im Visier. Wo sind die Wachen? No contact!
Plötzlich kurze, grelle Feuerblitze vom Gebäude. Die drei Brüder schauen direkt ins Mündungsfeuer. Fast gleichzeitig ziehen sie durch. Unten erstirbt das Feuer. Prüfender Blick auf Öldruck, Leistung, Treibstoff. Intensives Riechen. Kein Brandgeruch. In den Cockpits alles normal. Situation im Griff. On Time. On Target.
Abseilen!
Marc, Thomas, Tim unten.
Sturmgewehre im Anschlag …
Ein Blick zum Gebäude, nichts Auffälliges …
Im fahlen Mondlicht erkennbar: der Tisch mit den Stühlen … zwei Männer blutüberströmt am Boden. Daneben zwei Kalaschnikows. Kurzer Check, Tim sichert, Marc beugt sich runter.
»Zwei Tangos vor dem Objekt ausgeschaltet. Im Dorf alles ruhig«, gibt Marc durch.
Hubschrauber im Rücken setzen sicher auf. Thomas bewegt sich zu seiner besprochenen Deckung. Marc will Bestätigung. »Eagle Alpha – Position bestätigen!«
»In Position!«
»Eagle Bravo?«
»In Position!«
»Eagle Two?«
»In Position!«
»Okay, es geht jetzt rein!«
Die Hubschrauber-Crews und Thomas sehen, wie Marc das taktische Zeichen gibt. Tim tritt ihm die Tür auf. Dann verlieren sie den Blickkontakt zu den beiden.
Marc stürmt voran in den Raum, Tim hinter ihm her, nach allen Seiten sichernd. Das Licht an den zwei Sturmgewehren streicht über den Boden, die Wände.
In Berlin fegen hastige, ruckartige Bilder über den Bildschirm.
»Raum eins leer – kein Kontakt.«
Sie rennen in den nächsten Raum.
Blick links, rechts … keine Möbel … das Fenster eingeschlagen … Fäkalien auf dem Boden. Marc versucht nur kurz zu atmen. Blickt zu Tim. Es stinkt grässlich.
»Raum zwei leer – kein Kontakt.«
Nächster Raum.
Tür mit dem Fuß auf … sichern … der größte Raum. Leer. Nur ein verschmutzter Teppich … bestialischer Gestank! Keine Geiseln, keine Tangos. Marc reagiert gewohnt ruhig.
»Raum drei leer – kein Kontakt.«
Marc weist mit dem Gewehr nach oben.
Beide stürmen die Treppe hoch. Oben stehen alle Türen offen. Doch die drei Räume sind leer.
Sie schauen sich kopfschüttelnd an. War es das?
In Berlin sehen sie das fragende Gesicht von Tim Nader und hören dann Marc: »Es gibt keine Geiseln, das Gebäude ist leer. Abbruch!«
Die Hektik auf dem Bildschirm ist vorbei. Dafür Hektik im Krisenkeller. Harry Busch ist aufgesprungen.
»Das ist doch nicht möglich! Was ist das denn? Das gibt es doch nicht!«
Niemand hat den BKA-Mann jemals so aufgelöst gesehen. Doch das fällt jetzt kaum auf. Alle reden durcheinander, schauen sich fragend bis hilflos an, blicken immer wieder auf den Schirm, sehen zu, wie Marc und Tim sich in den langen Flur der oberen Etage zurückziehen. Durch Marcs Kamera kann man nur die kahlen, verdreckten Wände erkennen, doch dann sehen sie, wie er Tim das Zeichen gibt, zu verharren.
Marc rührt sich nicht. Worauf wartet er? Nur der General spürt förmlich durch die Leitung, dass Eagle One eine Gefahr wittert.
Eagle One muss nichts sagen. Wie er innehält, sich bewegt, sagt dem General alles.
Aus dem Funkgerät kommt nur leises Knacken, von draußen der gedämpfte Lärm der Rotoren.
Drei Minuten sind um.
Im Krisenkeller fühlen sie sich an wie zehn. Soll es das wirklich gewesen sein?
Dann spricht Marc leise ins Mikro, aber laut genug, dass es in allen sechs Eagle-Kopfhörern, in Diyarbakir und im Krisenkeller in Berlin zu hören ist:
»Hier stinkt was ganz gewaltig! Zwei Tangos bewachen kein leeres Gebäude. Das ist für uns inszeniert!«
Was meint er damit, fragt sich der Innenminister, dass die Dschihadisten mit den Geiseln über alle Berge sind? Und wenn auch, dann haben wir es jedenfalls versucht. Das hätte seine GSG 9 auch gestemmt. Doch er behält seine Gedanken für sich.
Die beiden Soldaten drehen sich noch einmal wie in Zeitlupe herum, einhundertachtzig Grad nach links, nach rechts. Sie wollen sicher sein, dass nichts übersehen wurde. Aber hier ist nichts, gar nichts! Ein verdammtes, verlassenes, stinkendes, unbewohntes, teilzerstörtes Objekt, abseits vom nächsten Dorf, mit den zwei getöteten Wachen davor. Noch nicht einmal der kleinste Hinweis auf festgehaltene Geiseln.
In Berlin sitzt die Gruppe nun wie ermattet. Henriette ist irgendwie erleichtert, dass nichts passiert ist.
Vielleicht finden sie die Geiseln ja noch draußen, denkt sie.
Plötzlich sieht sie, wie der Lichtstrahl von Marcs Gewehr am Ende des langen Flurs etwas erfasst. Was war das? Mit jedem Schritt von Marc wird dieses Etwas größer. Dann steht es übergroß auf dem Bildschirm.
Henriette erstarrt.
Es ist jenes Foto der lächelnden Bundeskanzlerin aus dem Video der Terroristen.
Darauf mit dicken, roten Buchstaben:
Das Leben von deutschen Geiseln ist mir nichts wert!
Marc reagiert augenblicklich. Ruhig, kurz, knapp.
»Eagle Force, raus hier! Rückzug!«
Henriette legt entsetzt die Hände vor das Gesicht, als wolle sie das Bild, ihr Konterfei in diesem Gespensterhaus, nicht zulassen. Sie spricht, für die anderen nicht hörbar, wie in einem leisen Gebet: »Mein Gott … was passiert jetzt? Die Männer sollen sofort zurückfliegen!«
In diesem Augenblick bricht vor dem Haus ein infernalischer Krach los.
»Schweres Feuer aus dem Dorf«, schreit Thomas aus seiner Stellung, »Eagle Bravo – Feuer frei!«
Die Bordwaffen des Hubschraubers von Fritz Jung und Willi Fröhlich hämmern sofort los. Fast gleichzeitig kracht eine Granate vor dem Gebäude ein.
Thomas versucht aus seiner Deckung hinter dem Wall die Lage zu erfassen: Marc und Tim im Gebäude, Eagle Bravo feuernd aus allen Rohren, in direkter Schusslinie zum Dorf. Eagle Alpha steht leicht versteckt.
Dann sieht er den Abschuss. Aus dem Dorf rast das Geschoss einer Panzerfaust zielsicher auf den feuernden Hubschrauber zu.
»Eagle Bravo – raus, raus, raus!«
Doch es ist zu spät. Das Geschoss kracht in den Eurocopter von Fritz und Willi, verwandelt den Rumpf in einen explodierenden Feuerball. Der tote Rest des Hubschraubers bäumt sich wie wild auf, der drehende Rotor fliegt nach hinten weg, unter ihm explodiert der Rumpf, einmal, zweimal, dann ein riesiger Knall.
Die bisher dunkle, gespenstische Szenerie ist schlagartig hell erleuchtet, explodierende Munition, Metallteile fliegen herum, krachen in das Gebäude, zischen an Thomas vorbei. Marc weiß nicht, was genau sich draußen abspielt, aber hier kommt die Eagle Force ohne Hilfe nicht mehr raus. Er zögert keine weitere Sekunde:
»Eagle One For Helper – Coca Cola – Coca Cola!«
Tim versteht nicht, warum Marc Coca Cola schreit, was das bedeutet.
»Luftunterstützung«, ruft Marc seinem Freund zu, der ihn mit aufgerissenen Augen anstarrt.
Geschosse krachen in der unteren Etage ein.
Das Haus scheint zu beben.
Der kleine Tim reißt Marc zum rückwärtigen Fenster.
Beide hechten mit einem einzigen Sprung aus dem zweiten Stock in das Dunkel der Nacht und knallen hart auf den Boden. Ein tiefer Schmerz im Knöchel lässt Marc aufstöhnen. Auch das noch! Tim lotst Marc zielsicher in einen Graben und presst seinen verletzten Bruder an die Erde.
Jetzt sehen sie das Wrack von Eagle Bravo in Flammen, unterbrochen von heftigen, kleineren Explosionen.
Marc fühlt, wie sich Eiseskälte vom Rücken in seinen Nacken zieht.
Sie sitzen in der Falle.
Was ist das hier für eine gottverdammte Scheiße! Seine Gedanken überschlagen sich. An den brennenden Helikopter zu kommen geht nicht … zu viele Geschosse … wäre Selbstmord … vielleicht haben die Jungs es ja doch noch geschafft, da rauszukommen …
Er schreit durch den Krach in das Mikro:
»Eagle Bravo – melden!«
Keine Antwort.
»Eagle Bravo – melden!«
Tim schüttelt den Kopf, zeigt Marc mit einem Daumen-runter-Handzeichen, was der nicht glauben will: Junge, da ist nichts mehr zu machen.
Marc keucht vor Schmerz, zwingt sich zur Ruhe.
Eagle Alpha steht unbeschadet etwas entfernt, mit laufendem Rotor, von den Häusern nicht einzusehen. Marc denkt einen Moment daran, die Videoleitung zum Krisenreaktionszentrum abzuschalten.
Nein, das werde ich nicht machen, entscheidet er. Sollen die verdammt noch einmal sehen, in was für einer Lage wir sind!
»Eagle Alpha, Status!«
Sofort die laute, fast schreiende Antwort:
»Wir sind okay. Sollen wir rüber zu Eagle Bravo?«
»Negativ, bleibt wo ihr seid!«
Walter und Henry im Hubschrauber wissen, dass Fritz und Willi keine Chance hatten. Sie wollen trotzdem rüber. Sich vergewissern.
»Was machen wir, Walter?«
»Wir machen, was Marc sagt! Nimm du die linke Tür und sichere nach hinten, ich sichere die Kameraden!«
Die Einschläge aus den Waffen der Dschihadisten krachen direkt vor Tim und Marc ins Gebäude, Maschinengewehrfeuer zersägt die Wände. Selbst ihr Graben hinter dem Haus ist jetzt nicht mehr sicher. Marc sieht, wie Eagle Alpha aus allen Rohren schießt. Sie müssen hier weg, rüber zu Thomas! »Tim, ich zuerst! Gib mir Feuerschutz! Dann kommst du auf meinen Befehl nach, wir geben dir Feuerschutz!«
Tim nickt bestätigend und gibt durch: »Achtung, Marc kommt rüber zu Thomas!«
Eagle Alpha stoppt sofort das Feuer.
Einen Moment lang ist Ruhe. Nur der Lärm der rotierenden Rotorblätter durchdringt die Nacht. Es ist, als hätte jemand plötzlich eine weihnachtliche Waffenruhe befohlen.
Marc vergisst den schmerzenden Knöchel, steigt hoch und hechtet in Richtung der geschützten Position von Thomas.
Im selben Augenblick fetzen aus den Häusern erneut die Garben aus den Maschinengewehren, doch jetzt durchsetzt mit Leuchtmunition. Die Dschihadisten schießen sich ein! Marc feuert im Laufen, Tim und Thomas geben Feuerschutz. Hälfte der Strecke … heftiger Schlag … brutal in der linken Wade … zu stark! Marc lässt sich zu Boden fallen, genau in der Feuerlinie der aus den Häusern ratternden Maschinengewehre. Von dort rennt jetzt mit Geschrei eine Horde wild schießender Dschihadisten auf ihn zu. Deren Ziel ist klar: Ein Hubschrauber erledigt, ein Gottloser am Boden, den Rest erledigen.
Im Krisenkeller Berlin überschlagen sich die hektischen Bilder des brennenden Hubschraubers und der Eagle-Männer, die jetzt verzweifelt um ihr Überleben kämpfen. Die Bilder fliegen in alle Richtungen, übertragen die hastigen Bewegungen des Truppführers in aussichtsloser Lage. Der Verteidigungsminister ist aufgesprungen, streckt die Hände nach vorn, als wolle er Marc hoch helfen. Der ruft:
»Marc an alle, schießt über mich weg, rein in den Sauhaufen!« Augenblicklich bricht eine Serie von Salven los. Die ersten Angreifer fallen. Dann kracht unweit neben Marc eine Panzerfaust ein. Die Erde spritzt ihm ins Gesicht, die Druckwelle reißt ihm den Kopf regelrecht zur Seite. Auf einmal sind alle Geräusche wie weggefiltert. Vor seinen Augen ein Schleier, in seinem Ohr ein Pfeifen.
Bin ich jetzt tot? Was ist los? Es ist so ruhig? Nein, mein Bein schmerzt, also lebe ich …
Schwach hört er in seinem Kopfhörer, wie Thomas ruft: »Ich hole dich, Marc! Hörst du, ich hole dich!«
Er schüttelt sich.
»Negativ, bleib wo du bist!« Es reicht, wenn ich hier im Kugelhagel verrecke, denkt er bei sich, Thomas wird ohnehin übernehmen …
Langsam tastet er mit seiner Hand ans linke Bein, drückt fest zu. Es reagiert nicht mehr. Das Bein ist wie weg, aber es ist noch da. Marc robbt sich mit seinem Gewehr Zentimeter für Zentimeter nach vorn.
Über ihm der pfeifende Kugelhagel. Er zwingt sich ganz flach am Boden zu bleiben.
Drei Meter vor ihm erkennt er eine deutliche Erhebung.
Muss ich erreichen, dahinter etwas Deckung … ich will … verdammt, ich will dahin!
»Tango von links«, schreit Thomas und feuert.
Marc wirft sich herum und feuert noch in der Drehbewegung aus seinem Sturmgewehr auf den ihn anspringenden Angreifer. Der getroffene Dschihadist fällt direkt auf Marcs Gewehr, begräbt ihn halb unter sich.
Marc nimmt den Gestank des Mannes nicht wahr, er sieht in der Faust des Mannes einen Gegenstand. Handgranate! Marc zieht mit der linken Hand sein Messer und sticht sofort zu, direkt in die Halsschlagader.
Über sich ein kurzes, fast explosionsartiges Gurgeln. Das Blut des Dschihadisten schießt in einem Schwall aus seinem Hals und spritzt Marc direkt ins Gesicht.
Er wischt sich die Augen frei, schiebt ihn zur Seite, schnappt sich die noch gesicherte Handgranate, dann dessen Kalaschnikow, robbt mit beiden Gewehren weiter, flach am Boden, arbeitet sich mit beiden Armen und dem rechten funktionierenden Bein vorwärts. Hinter ihm und seitlich schlagen krachend die Geschosse ein.
In Berlin sehen sie jetzt nur noch verschwommene Bilder und flackernde Blitze. Deutlich ist das Stöhnen von Marc Anderson zu hören. Sein blutverschmiertes Gesicht sehen sie nicht.
Noch ein Meter. Ein Meter, der über Leben und Tod entscheidet. Es muss blitzschnell gehen.
Marc vergisst jeglichen Schmerz, atmet tief durch, springt ab und landet mit einem gewaltigen Satz bei Thomas hinter der kleinen schützenden Erhebung.
»Bist du okay, Marc? … Scheiße, wie siehst du denn aus … wie aus dem Schlachthof … lass‘ mal sehen … dein Gesicht ist okay … dein Bein sieht nicht gut aus … alter Schwede … ich binde es ab.«
Das geht mit wenigen Handgriffen.
Marc lässt es zu … Sauerstoff … zur Ruhe kommen … was jetzt?
Der Verteidigungsminister sitzt wieder, atmet tief durch. Gott sei Dank, Anderson ist drüben, fährt es ihm durch den Kopf.
Marc schaut zu den Häusern. Sein Nachtsichtglas ist nicht mehr über den Augen. Aber Schatten von IS-Kämpfern sind überall.
»Tom, wenn die Kerle auch von hinten kommen, dann sitzen wir in der perfekten Falle!«
Im brennenden Hubschrauberwrack explodiert in kurzen Abständen immer noch Munition mit lautem Getöse und gefährdet Eagle Alpha jetzt durch Querschläger. Jeden Moment kann die nächste Panzerfaust abgefeuert werden. Doch eine Flucht mit dem Hubschrauber ist im Moment völlig ausgeschlossen.
Marc blickt zum Gebäude, hinter dem Tim im Graben liegt. Dort krachen vermehrt Einschläge ein. Auch Tim ist jetzt in akuter Gefahr.
Wo verdammt bleiben die Jets?
»EAGLE ONE FOR HELPER – I REPEAT – COCA COLA IMMEDIATELY!«
»Roger Eagle One – On the way!«
Thomas stutzt, versteht die Kommunikation nicht, blickt Marc an, doch der schreit gegen den Krach ins Mikro: »Tim, rüber zu uns, wir geben dir Feuerschutz!«
Keine Antwort.
»Eagle Three«, befiehlt Marc noch einmal, »rüber zu uns!« Die beiden Männer hinter der Erhebung warten auf eine Antwort.
»Mach du«, sagt Marc, »mein Funk ist vielleicht defekt.« Thomas ruft Tim.
»Tim, rüber zu uns!«
Nichts.
Sie schauen sich ungläubig an, befürchten das Schlimmste. Nicht auch noch Tim!
Aus dem Dorf kommt jetzt die zweite Welle von Angreifern auf sie zugestürmt. Marc erkennt durch sein Nachtsichtgerät nach schneller Schätzung etwa zwanzig Kämpfer.
In Berlin werden die grünen Gestalten sichtbar – und das Geschrei hörbar. »Allahu Akbar!«
Die Kämpfer sind noch knapp einhundert Meter von Marc und Thomas entfernt.
Es gibt keine Chance zu schießen, ohne selbst draufzugehen, es sind zu viele.
»Das riecht nach Nahkampf, Bruder«, sagt Marc leise. Und dann in sein Mikro: »Eagle Alpha – nehmt sie aufs Korn!« Der Hubschrauberpilot Walter und sein Co Henry zielen ganze Salven in die Gruppe hinein. Einige fallen, aber längst nicht alle.
Thomas und Marc feuern jetzt ebenfalls über ihre Deckung.
Doch die Kämpfer kommen näher.
»Verschossen! Kein Magazin mehr!«, schreit Thomas.
»Nimm meines!«
Marc greift sich die erbeutete Kalaschnikow. Bereit, danach die Pistole zu nehmen.
Das Wunder geschieht. Die IS-Männer verlangsamen und ziehen sich zurück. Der Angriff scheint vorerst gestoppt. Doch die Kerle werden jeden Augenblick in einer dritten Welle kommen. Und Tim fehlt!
Wo verdammt ist Tim?
»Tim, zu uns!«
Keine Antwort.
»Tom, du musst zu ihm, ich pack‘ das nicht mehr.«
Thomas bestätigt, will gerade los, da kommt die nächste Welle von Angreifern.
Jetzt sind es mindestens fünfzig Dschihadisten.
Marc drückt Thomas runter. »Hier bleiben, Thomas!«
»Eagle One an Eagle Alpha, wir sind leergeschossen. Nur noch Pistolen!«
Doch auch Eagle Alpha muss jetzt das Feuern einstellen. Marc und Thomas liegen genau in der Feuerlinie zu den Angreifern, die fast auf dreißig Meter herangekommen sind. An Marc und Thomas pfeifen deren Salven vorbei.
Sie schauen sich an, kurz und intensiv, wissen, was das jetzt bedeutet. Zwei Männer mit Handfeuerwaffen gegen eine Horde schwerbewaffneter Wahnsinniger.
Die beiden Brüder wissen, dass das ihre letzte Kampfhandlung sein wird.
Zeitenwende.
Das Ende aller Pläne.
Situation annehmen.
Aber nicht kampflos sterben.
Nach der Pistole kommt das Messer.
Und die verbliebene Handgranate.
Nichts muss mehr gesagt werden.
Zwei Brüder in ihrem letzten, gemeinsamen Kampf.
»Eagle Alpha von Eagle One, Heimweg sofort, ohne uns!«
Im Hubschrauber blicken sich Henry und Walter an. Beide schütteln verneinend mit dem Kopf. Henry drückt den Sendeknopf: »Einer für alle, alle für einen – Eagle Alpha out!«
Marc wird wütend, will gerade den Befehl wiederholen.
In diesem Augenblick kommen die Jets.
Thomas schaut fassungslos auf Marc, wie auf einen Erlöser.
Der erste F-22-Raptor, mit dem Piloten Jack Scott, fegt über die Dschihadisten und die erste Häuserreihe. Kaum haben die präzisionsgesteuerten GBU-32 JDAM-Bomben ihre verheerende Wirkung entfaltet, da rast Buddy McAllen in der zweiten F-22 heran.
»Ich werde wahnsinnig!«, schreit Walter in Eagle Alpha, »ihr seid Engel!«
In Berlin hören sie den Krach der Jets, sehen sie die brennende Häuserzeile …
»Rückzug! Rückzug! Eagle Bravo Piloten bergen!«, schreit Marc.
Plötzlich sieht er, wie Tim geschmeidig um sich feuernd aus dem Graben springt und in Richtung des ausbrennenden Hubschraubers rennt.
Marc schüttelt seine Angst um den Bruder weg.
Erleichterung! Gott sei Dank, Tim lebt!
»Helper Flight – Second pass«, ertönt es in Marcs Ohr.
»Eagle Force, Achtung, die Jets kommen noch einmal. Tim Deckung!«
Die Männer hören den ersten Kampfjet in hundert Metern Höhe mit ohrenbetäubendem Lärm zum zweiten Mal auf sich zurasen. Sie sehen die Bomben fallen. Explosionen und Schreie aus dem Dorf.
Jack Scott steigt mit infernalischem Krach steil in den schwarzen Himmel. Der Nachbrenner leuchtet wie eine rasende Fackel und erlischt plötzlich.
Dann Buddy im Anflug.
Als er die Männer passiert, zischt aus dem Dorf eine Rakete direkt auf ihn zu. Buddy reißt die F-22 hoch und hart zur Seite. Zu spät. Sekunden später detoniert der Kampfjet.
»Scheiße«, schreit Marc, »Buddy ist getroffen!«
Jack Scott – hoch über Eagle Force – sieht aus dem Augenwinkel die explodierende Maschine seines Freundes. Er zieht seinen Jet hoch auf fünftausend Meter. Verdammt, das gibt’s doch nicht! Womit haben diese Drecksäcke auf Buddy gefeuert? Er zwingt sich zur Ruhe.
Unter sich sieht er den Feuerball vom Aufschlag der F-22. Jack fliegt eine 90-Grad-Steilkurve und versucht in der Dunkelheit einen Fallschirm auszumachen.
Nichts!
Er checkt das Radar.
Leer.
Sein Flügelmann Buddy McAllen fehlt.
»Helper Two from Helper One – Over!«
Funkstille auf der Frequenz.
»Helper Two from Helper One – Over!«
Jack muss nicht noch einmal rufen. Es ist eindeutig. Buddy wurde abgeschossen.
Er alarmiert sein Tactical Command Center und gibt den Code für ein abgeschossenes Flugzeug, die Koordinaten und die Zeit durch.
Im Command Center wollen sie es nicht glauben, sind von der Fähigkeit des IS, Luftziele abzuschießen, völlig überrascht. Bis eben gehörte der Himmel noch den eigenen Flugzeugen. Sie fürchten jetzt um die Sicherheit von Jack Scott und ordern ihn mit dem RTB-Befehl zurück.
»Zurück zur Basis sofort – Ich wiederhole – Sofort zurück zur Basis.«
Gleichzeitig werden in Diyarbakir die Combat Search And Rescue Spezialkräfte zur Rettung eines abgeschossenen Piloten alarmiert. Die erfolgreichste Rettungskette der Welt für abgestürzte Piloten im Feindesland läuft an. Der Kampf um die Zeit beginnt.
Wer wird zuerst bei Buddy sein? Die Retter oder der IS?
Jack weiß, was Buddy droht, wenn der IS ihn hat. Er will es sich nicht vorstellen, und doch sieht er das Bild vor sich, wie sein Rottenflieger Buddy vor laufender Kamera gequält und verbrannt wird. Er kippt seine F-22 auf die Seite und schaut noch einmal auf das Inferno unter sich. Die Nacht am Boden ist zum Tag geworden.
Nichts, was ich jetzt noch tun könnte, denkt er und beruhigt sich … hoffentlich hängt Buddy sicher am Schirm und verkriecht sich … Buddy hat praktische Erfahrungen, wie das hinter den eigenen Linien ist … in Afghanistan hat er es auch geschafft … alle meine guten Strahlen zu dir da unten … Er zieht das Flugzeug steil auf 10.000 Meter Höhe und beschleunigt auf Überschallgeschwindigkeit in Richtung Diyarbakir. Hoffentlich konnten wir wenigstens den Germans da unten helfen … what a Christmas …
Der ausbrennende Eurocopter steht etwa dreißig Meter von Eagle Alpha. Aus dem Dorf wird nicht mehr geschossen. Marc gibt durch:
»Eagle Alpha fertig machen zum Abflug. Wir bergen die Kameraden!«
Als die drei Brüder am Wrack eintreffen, bietet sich ihnen ein entsetzlicher Anblick. Die Piloten hängen verkohlt in den Sitzen. Der Copilot, Willi Fröhlich, klebt geradezu festgeschweißt an der Waffe.
»Wie sieht es aus?«, fragt Walter aus Eagle Alpha mit leiser Stimme, als wüsste er die Antwort.
»Beide tot.«
Kurzes Schweigen.
»So eine verfluchte, verdammte Scheiße! Beeilt euch! Es kann jederzeit wieder losgehen!«
Im Krisenraum Berlin sind alle aufgesprungen. Sie können die flackernden, unheilvollen Bilder nicht mehr ertragen. Zum Schluss war der Übertragungston ausgefallen. Die Videosequenzen wurden zu einer gespenstisch stummen Apokalypse.
Marcs Kamera zeigt nun unbarmherzig die beiden Leichen, die aufgerissenen Augen von Thomas, und das von Dreck und Splittern gezeichnete Gesicht von Tim. Sie sehen, wie Thomas dem toten Fritz Jung den Kopfhörer abnimmt, mit seinem Messer die Sicherheitsgurte durchschneidet, während der Kameramann Marc mit dem Feuerlöscher kleine Brände im Wrack bekämpft.
»Beeilung, Beeilung, es kann jederzeit wieder knallen!«, ruft Eagle Alpha erneut.
Die Drei arbeiten methodisch, trotz des Schocks.
Jung und Fröhlich tot … nicht denken … Gefühle wegstecken … Wut wegstecken … nicht ausrasten … Profi bleiben … mechanisch handeln. Du bist Elitesoldat. Du bist KSK!
Doch Marcs Hände zittern.
Der Krisenstab sieht das nicht, sieht aber voller Grauen, wie Thomas und Tim die beiden verkohlten Leichen aus den Sitzen zerren.
Dann fährt die Kamera über die verstreuten toten Körper auf dem Gelände. Das Grauen will kein Ende nehmen. Sie sehen, wie die verbrannten Leichen in den Hubschrauber gezerrt werden, den hastigen Start und Marcs letzten Kamerablick auf das Inferno.
Henriette hat den anderen längst den Rücken zugewandt. Sie atmet schwer, ringt nach Luft.
In Diyarbakir steht der General starr am Monitor. Mehrmals war er kurz davor, reinzurufen. Aber es gab nichts zu sagen. Marc Anderson hatte in aussichtsloser Situation alles richtig gemacht. Der General musste zulassen, was geschah. Er konnte nichts ändern an dem entsetzlichen Ausgang der Operation Eagle.
»Helper One from Eagle One«, ruft Marc. Er will sich kurz bedanken und nach der zweiten F-22 mit dem Piloten Buddy fragen. Doch Jack Scott meldet sich nicht mehr.
Der Äther über dem Nordirak ist leer, als wäre nie etwas gewesen.
Marc schaltet auf die Frequenz von Brigadegeneral Wolf.
»Eagle One für Eagle Commander. Lagebericht. Geiseln nicht angetroffen. Eagle Bravo mit Besatzung durch Feindbeschuss verloren. Oberleutnante Jung und Fröhlich tot bei uns in Eagle Alpha. Helper Two wurde abgeschossen. Gebiet ist voller Tangos. Keine Chance nach dem Piloten zu suchen. Eagle One verletzt. Sind auf dem Rückflug. Over.«
»Roger Eagle One, wir haben euch auf dem Radar. Kamera abschalten. Kommt sicher zurück, Männer! Over and Out.«
In Berlin wird der Bildschirm dunkel. Der Ton erlischt. Man schaut sich an. Es ist, als sei einfach nur ein schlimmer Film zu Ende gegangen. Jeder im Raum weiß, Deutschland hat jetzt ein Problem. Besonders die Bundeskanzlerin.
Während Eagle Alpha unbeleuchtet und die wenigen Ortschaften vermeidend Richtung Diyarbakir fliegt, schneidet Thomas Marcs Hose auf und legt das Bein jetzt ganz frei. Es blutet kräftig. Thomas überlegt einen Augenblick, ob er Marc eine Infusion geben soll. Er schaut genauer.
»Du hast mehr Glück als Verstand, Marc Blitzkrieg, ein netter Streifschuss, zwei Zentimeter am Ischias-Nerv vorbei.« Und während er seinen Freund verarztet: »Was war denn das für eine Scheiße?«
»Du sagst es … lasst uns die Auswertung zu Hause machen. Nur Eines vorab«, er wendet sich an Tim, »hör‘ mal Kleiner, warum hast du meinen Befehl, aus dem Graben zu springen, nicht sofort befolgt?«
»Ich sah die Flugzeuge kommen, eine bessere Deckung als den Graben gab es in dem Augenblick nicht!«
Marc nickt.
»Verstehe, hatte mir das schon gedacht, aber eine Meldung wäre hilfreich gewesen, Tim. Thomas wollte dich im Kugelhagel gerade holen.«
»Mein Fehler, Marc. Sorry, ich war unter Beschuss und habe dann einfach gebannt auf die Weihnachtsüberraschung geschaut. Ich konnte es nicht glauben, was da angerast kam!« »Habt ihr gesehen, ob sich Buddy rausgeschossen hat?«
»Marc, du meinst nicht etwa unseren Buddy, den aus Afghanistan?«, fragt Tim verblüfft.
»Genau den«, bestätigt Marc.
»Das sind ja einige Neuigkeiten in dieser Operation«, reagiert Tim etwas eisig, »so etwas kennen wir hier eigentlich nicht.« »Es gibt Gründe für diese Geheimhaltung im Trupp, ich musste es auch schlucken, erzähle ich euch später. Also habt ihr den Ausschuss von Buddy gesehen?«
Thomas und Tim schütteln verneinend mit dem Kopf. Sie fühlen sich trotz der rettenden Jets verschaukelt. Der Bruder wird diese Frage noch beantworten müssen.
Der Hubschrauber fliegt in sicherer Höhe. Schnell, ruhig, als wäre alles normal, wie auf dem Hinflug.
Doch nichts ist normal.
Die Piloten Walter und Henry schauen starr nach vorn.
Konzentrieren sich auf die Instrumente, blicken nicht nach rechts raus. Denn draußen blinkt nicht mehr das vertraute Licht von Jung und Fröhlich. Sie fliegen einen Leichenwagen.
Marc blickt auf die beiden verkohlten Körper und wieder auf die stumpfen, müden, verschmutzten Gesichter seiner beiden Brüder.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.