Kitabı oku: «Omega»
Jörg H. Trauboth
OMEGA
Thriller

Jörg H. Trauboth
OMEGA
Thriller
Cover von Jörg H. Trauboth und Franz König
unter Verwendung des Fotos von canstockphoto 44529350
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.
Alle Rechte vorbehalten!
© 2020
Impressum
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Fax: (0 22 46) 94 92 24
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eISBN 978-3-96136-068-0
Print-ISBN 978-3-96136-067-3
published by

All denen gewidmet, die anderen Menschen ehrenamtlich helfen, und ohne die unser Land nicht wäre, was es ist.
Jörg H. Trauboth im Februar 2020
Der Polit-Thriller OMEGA ist der dritte und wiederum in sich abgeschlossene Roman mit Marc Anderson aus dem Deutschland Thriller DREI BRÜDER, erschienen bei ratio-books, ISBN 978-3-93982964-5, (englisch THREE BROTHERS, ISBN 978-3-96136-031-4), sowie OPERATION JERUSALEM, ISBN 978-3-96136-052-9.
Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen, Organisationen und Personen sind frei erfunden, sofern sie nicht als reale Personen oder Institutionen genannt werden. Eine Ähnlichkeit von erdachten Handlungen mit realen Personen wäre zufällig und ist unbeabsichtigt.
OMEGA
Dies ist nicht das Ende. Es ist nicht einmal der Anfang vom Ende. Aber es ist vielleicht das Ende des Anfangs.
Sir Winston Churchill

Karte Naher Osten (Stand 2020)
INHALT

PROLOG – WAS BISHER GESCHAH
CHARAKTERE DER WICHTIGSTEN PERSONEN
KAPITEL 1: SCHREI
KAPITEL 2: TRAUMA
KAPITEL 3: SUCHE
KAPITEL 4: KAMPF
KAPITEL 5: OMEGA
EPILOG
WARUM DIESES BUCH …
Abbildung: Karte Naher Osten
PROLOG – WAS BISHER GESCHAH

Die in sich geschlossenen Thriller »Drei Brüder« und »Operation Jerusalem« sind zusammen mit »Omega« eine Trilogie um Marc Anderson.
Was bisher geschah:
DREI BRÜDER
Marc und seine beiden Kommandobrüder Thomas und Tim sind Elitesoldaten des legendären deutschen Kommandos Spezialkräfte (KSK). Zusammen mit den amerikanischen Navy SEALs – weltweit bekannt geworden durch die Tötung Osama Bin Ladens – retten sie im Hindukusch die abgestürzte US-Crew eines Kampfflugzeuges. Richtig brenzlig wird es für die drei bei einer Rettungsaktion von zwei deutschen Geiseln, die im Nordirak vom Islamischen Staat (IS) entführt wurden. Die perfekt geplante KSK-Operation Eagle wird verraten. Bundeskanzlerin Dr. Henriette Behrens und ihr Krisenstab in Berlin werden in einer Video-Live-Schaltung Zeuge der Katastrophe, in der zwei Soldaten sterben und Marc, Thomas und Tim nur knapp dem Tod entkommen. Die Jagd des Bundeskriminalamtes nach dem Verräter der Aktion beginnt.
Die drei Kommandobrüder kündigen traumatisiert ihren Dienst bei der Armee und werden Bodyguards bei einer Kölner Drogerie-Kette. Aber der IS-Terror lässt sie auch hier nicht los: Als der Unternehmersohn Johannes Ericson und seine Lebensgefährtin Karina Marie vom IS entführt und die deutsche Regierung erpresst werden, plant Marc eine dramatische Rettungsaktion im eigenen Flugzeug, die über Mallorca bis an die nordafrikanische Küste führt, während die Geiseln in der Wüste Algeriens um ihr Überleben kämpfen. Der Showdown endet für die drei Brüder mit der Erkenntnis, wer der Verräter der Operation Eagle im Irak war. Die Bundeskanzlerin Dr. Henriette Behrens und ihr Verteidigungsminister bieten Marc an, wieder in das KSK einzutreten und dort Karriere zu machen. Aber er lehnt ab. Er hat sich in Karina Marie verliebt und sie sich in ihn.
OPERATION JERUSALEM
Die beiden heiraten und Marc gründet in Hamburg die Maritime Security Services. Zusammen mit Tom und Hermy aus dem KSK und Ale, Thunder und Mike, den ehemaligen Kampfschwimmern vom Marinestützpunkt Eckernförde, baut er sich eine hochgeachtete Expertengruppe auf, die international Schiffe vor Piraterie sichert. In dieser Zeit ist George F. Summerhill der erste Präsident in der Geschichte der USA, der auf außenpolitische Machtpolitik verzichtet und dafür das Land durch eine weltoffene Handelspolitik grundlegend erneuert. Der Frieden in den USA wird jedoch durch Terroranschläge jäh gebrochen. Die USA geraten in einen erpresserischen Konflikt zwischen den Nuklearmächten Iran und Israel. Der Iran will, dass der Staat Israel von der Landkarte verschwindet, Israel hingegen will ein araberfreies Land. Doch der Präsident lässt sich von keiner Seite erpressen. Bis der Iraner Ali Naz, Brigadegeneral und Führer der berüchtigten Revolutionsgarden, die einzige offene Flanke des Präsidenten erkennt – die Liebe von George F. Summerhill zu seiner Tochter Jane und den beiden Enkelkindern William und Florence. Ali Naz entführt hinter den Kapverden die Luxusyacht SUNDOWNER, auf der sich die Kinder des Präsidenten und Gäste befinden, und verlangt unter anderem die Freilassung von eigenen Kämpfern und die Aberkennung des Staates Israel. Während der Präsident verzweifelt um das Leben seiner Familie verhandelt, macht sich Marc Anderson mit seinem Team auf den Weg in den Nordatlantik. Er hat einen ganz persönlichen Grund. Auf dem Schiff arbeitet seine Frau Karina Marie als Hoteldirektorin. Das Team entert in einer gewagten Operation das Schiff, und es gelingt zusammen mit den Navy SEALs alle Geiseln und damit auch Karina Marie zu retten. Das Team wird in den Medien groß gefeiert und im Weißen Haus ausgezeichnet. Die USA haben Ali Naz geortet. Bei der jährlichen großen Militärparade im iranischen Ahvaz werden Ali Naz und seine Schergen durch einen amerikanischen Luftangriff angeblich getötet. In Hamburg taucht jedoch ein Mann mit dem Namen Ali Naz auf. Er hat noch eine Mission zu erledigen.
CHARAKTERE

FAMILIE ANDERSON
KARINA MARIE ANDERSON: Ehefrau von Marc Anderson
PIA ANDERSON: Kind von Karina Marie und Marc Anderson
ERICH HANSEN: Vater von Karina Marie
PAULA HANSEN: Mutter von Karina Marie
MARITIME SECURITY SERVICES (MSS)
(Ex-Elitesoldaten)
MARC ANDERSON: Team-Leader / Ehemann von Karina Marie
THOMAS (TOM)
HERMANN (HERMY)
ALE
THUNDER
MIKE
NOTFALLSEELSORGE HAMBURG
JELKE LORBERG: Notfallseelsorgerin und Erzieherin (Kita)
POLIZEIPRÄSIDIUM HAMBURG
HENDRIK MANN: Polizeipräsident
JOE WEBER: Kriminaloberrat, Leiter Landeskriminalamt
GANTER HOLMS: Kriminalhauptkommissar
MIRIAM: Sekretärin von Ganter Holms
ANITA VOLPERT: Polizeipsychologin
DANIELA BECKER-DUBOIS Psychotherapeutin (freie Mitarbeiterin im LKA)
INSTITUT FÜR RECHTSMEDIZIN HAMBURG
PROFESSOR KLAUS BUSCHMANN: Leiter des Instituts
DORIS BUSCHMANN: Seine Ehefrau
DR. FAYSAL MAHMOUDI: Gerichtsmediziner
KERSTIN LABS: Sekretärin
REGIERUNG BERLIN
DR. HENRIETTE BEHRENS: Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland
REGIERUNG WASHINGTON
GEORGE F. SUMMERHILL: Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika
JOHN F. MARTIN: Stabschef im Weißen Haus
ISLAMISCHE REPUBLIK IRAN
HASSAN SCHIRAZI: Präsident und Regierungschef
ALI NAZ: Ex-Führer der iranischen Revolutionsgarden, Terrorist.
BAHRAM: Vernehmungsoffizier, Oberstleutnant der Revolutionsgarden
SONSTIGE
PORTER: Ex-SEALs Team Leader (USA)
NOUR MAJED METZBAH: Generalmajor der Hamas
KAI KRÜGER: Flugdienstleiter am Flugplatz Hungriger Wolf (Itzehoe)
DR. ULRIKE FELDHOFEN: Notärztin
KAPITEL 1
SCHREI

Karina Marie verließ mit Pia im Kinderwagen die Bank. Sie war in großer Eile, denn sie erwartete ihren Mann Marc vom Einsatz zurück. Vielleicht würden sie sich hinter dem kleinen Park sogar noch auf der Straße treffen. Er würde natürlich stoppen, herausspringen und als erstes die kleine Pia aus dem Kinderwagen heben, ihren wunderbaren Babygeruch einatmen und sie zärtlich und sanft beschmusen. Pia würde ihren Vater anstrahlen und an seine US-Fliegerbrille grapschen. Sie war sein Sonnenschein. Dann würde er – Pia haltend – seine Frau in die Arme nehmen und ihr etwas ins Ohr flüstern.
Sie schmunzelte in sich hinein, denn es wäre ein Code gewesen, den nur sie kannte. So würde es sein. Sie wollte gerade den Park verlassen und in ihre Straße einbiegen.
Plötzlich legte sich von hinten ein Arm um ihre Schultern und hielt sie fest. Sie erstarrte in panischer Angst, nahm das Messer im Augenwinkel nicht wahr und schon gar nicht den Schnitt. Ihr Kopf knallte auf den Kiesweg, und ihre langen, schwarzen Haare verfärbten sich im Blut, das in einem ersten Stoß wie eine Fontäne aus ihrem Hals schoss und sich als hässliche dunkelrote Lache langsam unter dem Kinderwagen ausbreitete. Ihre Augen waren seltsam geöffnet, fast staunend. Pia sah interessiert auf die Mutter herunter und winkte ihr ungelenk mit beiden Ärmchen zu.

Jelkes Handy meldete sich mit dem schlimmsten aller Alarmtöne. Fünfmal kreischend laut, jeweils kurz unterbrochen und so durchdringend, dass die Musik ihrer Lieblingssängerin Maria Dolores Pradera in ihrem Kopfhörer sofort zur Nebensache wurde. Augenblicklich saß sie kerzengerade und las:
LEITSTELLE NOTFALLSEELSORGE ANRUFEN!
Die Nachricht war ungewöhnlich, denn üblicherweise bekam sie direkt den eigentlichen Einsatzauftrag übermittelt, wie: Plötzlicher Tod, Suizid, Verkehrsunfall und zeitsparend auch immer direkt die Adresse vom Ort des Geschehens. Auf dem Wege würde sie von der Leitstelle ein erstes Briefing bekommen, sofern es überhaupt Informationen gab.
»Einsatz, Jelke! Bist du abmarschbereit?«, fragte die freundliche Männerstimme von der Zentrale. Die Frage war überflüssig. Jelke, die beliebte Erzieherin im Kindergarten der benachbarten evangelischen Kirche, war heute an ihrem freien Tag im Dienstplan der Notfallseelsorge eingetragen und musste sicherstellen, innerhalb von dreißig Minuten am Einsatzort zu sein.
»Wir haben dir einen Streifenwagen geschickt, der bringt dich ins Polizeipräsidium, dort erwartet dich Kriminalhauptkommissar Ganter Holms.«
»Was ist passiert?«, fragte sie.
»Mord in Blankenese. Überbringen einer Todesnachricht. Holms wird dich vorbereiten.«
»Mit Jacke oder ohne?«
»Mit! Stell’ dich auf einen Riesenrummel ein!«
Eigentlich musste sie dringend zur Toilette, doch dafür blieb wohl noch Zeit im Präsidium.
Sie griff ihre lilafarbene Einsatzjacke und den Einsatzkoffer, knallte die Tür hinter sich zu und eilte das Treppenhaus hinunter, während von oben eine Frauenstimme aus der offenen Tür der Nachbarwohnung fragend rief, wer denn wohl gestorben sei.
Obwohl Jelke schon über einhundert Mal auf diese Art alarmiert worden war, klopfte ihr Herz bis zum Hals. Sie konnte diese Erstaufregung nicht unterdrücken, doch die würde sich, wenn sie vor jener Schicksalstür stehen würde, in der die Welt noch in Ordnung war, in gespannte Ruhe verwandeln. Hoffentlich.
Wie gut, dass Ganter Holms dabei war. Sie kannte ihn von einigen Einsätzen, schätzte seine besonnene, ruhige Art. Er würde an einer unbekannten Tür klingeln, sich vergewissern, dass die richtige Ansprechperson vor ihnen stand und sich als Kriminalhauptkommissar der Hamburger Polizei sowie Jelke Lorberg als Notfallseelsorgerin vorstellen. Mit dem Öffnen der Tür würde augenblicklich eine bis dahin geordnete Welt in der Wohnung ins Chaos stürzen. Die Ansprechperson würde angesichts der Aussage, man sei von der Polizei und der Notfallseelsorge, erstarren, schreien oder vielleicht sogar kollabieren.
Vielleicht würden beide auch einfach nur ruhig hineingebeten.
In der Wohnung würden sie nur eine Person oder auch ganz viele antreffen, vielleicht Kinder, vielleicht Kranke. Möglicherweise ständen sie in einer ordentlichen oder gänzlich verschmutzten, übel riechenden Wohnung. Oder sie würde ein multikulturelles Szenario mit sehr vielen schreienden Menschen erwarten. Wie auch immer. Sie müssten sich auf jede Situation einstellen.
Holms würde behutsam aber schnörkellos die Todesnachricht überbringen. Er würde nicht von Leiche, sondern der verstorbenen Person sprechen, so wie er es gelernt hatte. Aber – wie viele seiner Kollegen – schätzte auch er diese hochoffizielle Pflicht nicht, denn er litt regelmäßig mit, insbesondere, wenn Kinder vom Leid betroffen waren.
Einmal hatten die beiden erlebt, wie der alkoholisierte Bruder des Toten den Polizeibeamten Ganter Holms in der Überbringungsphase der Todesnachricht heftig am Hals würgte und schrie, er solle nicht so einen Unsinn reden. Holms gelang es kaum, ihn abzuwehren. Seine Hand glitt schließlich zur Waffe. Jelke half damals erfolgreich zu deeskalieren. Sie sagte nur einen Satz: »Ich weiß, wie sehr du deinen Bruder liebst.«
Der Mann hing anschließend weinend in ihren Armen. Holms beließ es dabei.
Doch meistens lief es ruhig ab. Holms würde nach der ersten Schockphase erläutern, dass der Leichnam in die Rechtsmedizin käme und in einigen Tagen mit der Freigabe des Toten zu rechnen sei. Beide würden in leere Augen blicken, die nur das eine signalisierten: »Das ist nicht wahr! Bitte, lieber Gott, lass’ es nicht wahr sein!«
Erfahrungsgemäß würde Ganter Holms bereits in der ersten halben Stunde an Jelke übergeben, seine Kontaktdaten hinterlassen und sich mit seinem aufrichtigen Beileid von den Hinterbliebenen verabschieden. Er würde sich in der Haustür noch einmal prüfend umsehen, ob seiner Kollegin irgendeine Gefahr drohen könnte.
Nun wäre sie allein auf sich gestellt und würde mit ihrer seelsorgerischen, feinfühligen Arbeit beginnen. Jelkes Seelsorge hätte gar nichts mit Kirche oder irgendeiner Religion zu tun, sondern nur mit ihrer Sorge, einer aus dem Takt geratenen Seele zu helfen. Ihr Auftrag wäre erfüllt, wenn es gelänge, das seelische Gleichgewicht ihres Gegenübers wenigstens etwas wiederherzustellen und in das Leben zurückzuführen.
Sie hatte sich oft gefragt, ob der therapeutische Ansatz, eine fremde, vollkommen erschütterte Person in wenigen Stunden zu stabilisieren, nicht vermessen sei. Doch mit einer einfühlsamen Fragetechnik nach dem SAFER-Modell gelang es ihr meistens. Sie würde im ersten Schritt Stabilisieren, im zweiten helfen, die Situation zu Akzeptieren, sodann im dritten die Erkenntnis Fördern, dass extreme Verhaltensweisen normal seien. Sie würde im vierten Schritt daran arbeiten, Bewältigungsstrategien zu Entwickeln mit dem Ziel, fünftens verlorene Selbstständigkeit Rückzugewinnen.
Doch es gab Einsätze, in denen SAFER gar nicht gelingen wollte. Jelke traute sich dann, die bewährte Methodik mutig über Bord zu werfen, um mit ihrer ganz persönlichen empathischen Art und Lebenserfahrung Ruhe ins seelische Chaos zu bringen und alles zu tun, um ein posttraumatisches Belastungssyndrom zu verhindern.
Zuweilen, wenn die Erschütterung gar nicht so groß war, fungierte sie lediglich als Expertin für die notwendigen organisatorischen Folgemaßnahmen. Auch das gab es: Sozialarbeit ohne Seelsorge.
Nach zwei oder drei Stunden würde sie die Wohnung mit all ihren nagenden Zweifeln verlassen, ob sie hinter der Tür eine wirkliche Hilfe gewesen war. Vielleicht würde man sich nicht einmal an ihren Namen erinnern. Doch wenn sie beim Verabschieden ein gutes Gefühl hatte oder sogar später eine positive Rückmeldung bei der Notfallseelsorge eintraf, wäre es wieder da, das Gefühl der Dankbarkeit, dass man Menschen am empfundenen eigenen Abgrund helfen konnte und auch das der Demut, jeden geschenkten guten Tag ohne Leid genießen zu dürfen.
Wenn die Krisenintervention jedoch die eigene Psyche überfordern würde, könnte Jelke eine Supervision in Anspruch nehmen. Das war bisher nicht nötig gewesen.
Doch dieses Mal würde es ganz anders kommen. Schlimmer, als Jelke es sich je hätte vorstellen können.

Sie rasten mit Blaulicht zum Präsidium Richtung City Nord nach Winterhude. Der Beamte auf dem Beifahrersitz sprach mit der Leitstelle. Er drehte sich kurz zu Jelke und meinte:
»So geht das schon den ganzen Tag. Aber dieser Mord an einer jungen Frau und Mutter im Park schlägt alles. Hier läuft gerade eine Großfahndung. Hoffentlich erfolgreich!«
Dabei deutete er in den Himmel auf einen Polizeihubschrauber vom Typ Eurocopter 135.
»Es gibt offensichtlich erste Hinweise. Sonst wäre der nicht in der Luft. Mit unseren Libellen erreichen wir in sieben Minuten jeden Punkt innerhalb Hamburgs.«
Jelke verzichtete darauf, Fragen zu stellen. Sie fragte sich selbst, wie viele Menschen wohl notfallseelsorgerisch in dieser Mordangelegenheit betroffen sein könnten, als die Meldung durchkam:
»Informieren Sie bitte die Notfallseelsorgerin Frau Jelke Lorberg. Wir versuchen, weitere Unterstützung zu bekommen!«
Der Wachhabende im Eingang des Präsidiums winkte Jelke kurz zu, man kannte sich, sie wurde erwartet. Die Türen öffneten sich, und Jelke eilte zum Büro von Kriminalhauptkommissar Ganter Holms.
Der große, graubärtige, gepflegte Mann begrüßte sie – sichtbar erleichtert über ihr schnelles Eintreffen.
Er mochte diese mittelgroße Frau mit dem blonden, gelockten und halblangen Haar über ihrer lilafarbenen Einsatzjacke und ihrer ruhigen und bestimmten professionellen Art. Sie ging ihm gerade bis zur Schulter, und trotzdem waren sie beide auf Augenhöhe bei ihrer gemeinsamen Arbeit.
Holms, Anfang fünfzig, war seit einigen Jahren Witwer und Jelke mit ihren gut dreißig Jahren immer noch Single. Er hatte einmal kurz überlegt, ob er sie nicht einmal privat zum Essen einladen sollte. Aber gleichzeitig fürchtete er, dass damit ihre Beziehung belastet werden könnte. Sie galten im Präsidium als psychosoziales Dream-Team für schwierige Fälle. Doch Jelke faszinierte ihn. Er war mit dem Thema noch nicht durch.
»Hallo Jelke, du hast es vielleicht schon gehört, in Blankenese wurde vor etwa einer Stunde eine junge Frau in der Nähe ihres Hauses bestialisch ermordet.«
Dabei zeigte er auf ein Foto auf seinem Schreibtisch.
»In ihrem Kinderwagen fehlt das Kind. Wir wissen, wer die Frau ist, und wir haben eine Videoaufzeichnung vom möglichen Attentäter. Bisher haben wir es nicht geschafft, den Ehemann zu erreichen. Deswegen fahren wir jetzt direkt zum Wohnhaus, bevor er es durch die Medien erfährt.«
Holms wollte sich gerade seine Schirmmütze greifen, als Jelke sich das Polizeifoto genauer ansah. Sie nahm es in die Hand, erschrak, schnappte nach Luft, wollte reden. Doch aus ihrem Hals kam nur ein leises Stöhnen.
Holms sah sie besorgt an und dann auf den blutdurchtränkten Kopf der Toten.
»Das solltest du dir besser nicht antun.«
Jelke wankte. Sie war jetzt kreidebleich. Holms sah, dass sie Gefahr lief, zusammenzubrechen. Er drückte sie sanft aber bestimmt auf den Stuhl.
Jelke versuchte wiederum, etwas zu sagen. Aber sie stammelte nur: »Ich kenne sie, sie ist, mein Gott, sie ist …«
Holms sah sich um.
Der nächste Wasserhahn befand sich am Ende des Flures. Er öffnete seine geliebte, etwas speckige Ledertasche, in der er wie immer eine Thermoskanne mit Tee in den Dienst brachte, und führte einen gefüllten Becher an ihren Mund.
»Beruhig’ dich, Jelke. Was meinst du? Du kennst sie?«
Jelke schaute zu ihm hoch. Ihre Augen waren voller Tränen. »Ja, Ganter. Es ist meine Freundin Karina Marie. Das Baby ist mein Patenkind.«
»Heiliger Strohsack! Auch das noch! Dann bist du draußen, Jelke! Sieht so aus, als bräuchtest du selbst Beistand.«
Er überlegte, wen er schnell heranrufen könnte, doch zunächst unterbrach er diese Gedanken.
»Wie heißt das Kind?«
Jelke riss sich zusammen.
»Pia, sie heißt Pia, mein Gott …«
»Pia Anderson, richtig?«
»Ja, die Tochter von Karina Marie und Marc.«
»Wie alt ist dein Patenkind Pia?«
»Acht Monate«, stammelte sie, »wisst ihr, wo das Kind ist?« »Nein, Jelke, das wissen wir nicht. Hast du ein Bild von Pia?« Sie wischte sich durch ihre nassen Augen, scrollte durch ihre Bildergalerie, während Ganter ihr über die Schulter schaute. Jelke, so schlecht es ihr gerade auch ging, war in dieser Phase ein unerwartetes Geschenk für die Ermittler.
Er zeigte auf ihr Handy: »Die beiden Bilder, Jelke, schick’ sie mir bitte auf mein Smartphone!«
Er eilte zu seinem Computer. Wenig später waren die Fotos von Pia Anderson im Netz des Polizeipräsidiums.
Jelke hatte das Gefühl, hilfreich sein zu können. Es tat ihr in diesen schrecklichen Minuten gut.
Er kam wieder zu ihr herüber. Sie schien etwas gefasster zu sein.
Behutsam legte er seine Hand auf ihre Schulter.
»Geht es etwas besser?«
»Danke, Ganter, ich muss das wohl durchstehen. Es ist eben einfach nur entsetzlich und unbegreiflich.«
»Hast du eventuell die Handynummer vom Vater des Kindes? Sein Büro ist nicht besetzt, seine mobile Nummer wird gerade aufgeklärt, aber so ginge es schneller.«
»Ist mir klar, Ganter«, sagte sie leise, immer noch unter dem Eindruck des katastrophalen Ereignisses, »es gibt nur ganz wenige Menschen, die seine Nummer kennen. Seit seinem Coup vor einem Jahr ist er auf Tauchstation.«
»Ich erinnere mich vage«, meinte Holms.
Durch die Tür eilte ein Kollege herein: »Unterlagen zu eurem Fall!«
Holms blätterte kurz durch und strich zufrieden durch seinen Bart.
»Ich denke, Jelke, das ist er … schau’ hier.«
Jelke sah das Foto auf einem Personendatenblatt und nickte. »Ja, das ist Marc. Mein Gott, wir müssen sofort zu ihm!«
»Meinst du wirklich, dass du das schaffst? Notfallseelsorgerin für den Mann deiner ermordeten Freundin?«
Er hoffte insgeheim, dass sie sich das zutraute, zumal es schwierig sein dürfte, auf die Schnelle einen geeigneten Ersatz für sie zu bekommen. Da wäre noch Daniela Becker-Dubois, eine Psychotherapeutin, die eng mit dem Landeskriminalamt zusammenarbeitete. Aber die war für heute abgemeldet.
Jelke schloss einen kurzen Augenblick die Augen. Sie hatte gelernt, sich durch Atmung und Konzentration herunterzubringen. Was für eine Tragödie! Ihre Freundin ermordet, das Kind verschwunden, der Vater vermutlich unvorbereitet. Welche Krisenintervention würde für ihn die beste sein? Eine fremde Person, die ihn bei der Überbringung der Todesnachricht psychologisch auffängt? Oder eine vertraute Person, die die Familie durch und durch kennt?
Wahrscheinlich die letztere Option. Falls er damit einverstanden wäre, müsste sie sich zusammenreißen, um die seelsorgerische Professionalität nicht mit der privaten Beziehung zu vermengen. Sie fragte sich, ob sie das schaffen würde, nicht nur in den ersten Stunden, sondern auch in der Folgezeit.
Sie schaute Holms fest und bestimmt an. »Ich werde Marc Anderson zur Seite stehen, wenn er das möchte. Ich bin bereit!«

Marc war auf dem Weg vom Marinestützpunkt Eckernförde zurück nach Hamburg. Es waren anstrengende zwei Tage bei den Kampfschwimmern der Marine gewesen. Wochenlang war an dem Szenario gefeilt worden, und dann war alles schiefgegangen. Er hatte mit seinem Team, der Maritime Security Services (MSS), seinen Auftrag nicht erfüllt. Allerdings hatten sich die Kampfschwimmer aus Eckernförde etwas einfallen lassen, womit nun wirklich nicht zu rechnen gewesen war.
Marcs Männer waren – so das Übungsszenario – im Rahmen der Feinddarstellung in die Rolle von Piraten geschlüpft. Mit modernster Waffentechnik ausgestattet, hatten sie ein Schiff geentert und dessen Besatzung in ihre Gewalt genommen. Nun liefen die Lösegeldverhandlungen mit der Reederei. Die Aufgabe der Piraten war es, das Schiff gegen Befreier zu verteidigen, wobei nicht klar war, ob die Angreifer wasserseitig oder aus der Luft kommen würden.
Marc hatte mit Tom, Hermy, Ale, Thunder und Mike, alles ehemalige Elitesoldaten, jede denkbare Option durchgespielt. Sie rechneten mit einer Annäherung von Hubschraubern und einem Abseilen aus der Luft, mit einer Annäherung über oder unter Wasser, vielleicht sogar mit einem Unterwasser-Scooter abgesetzt aus einem U-Boot.
Die Marine hatte sich viel vorgenommen, denn der Respekt vor den zivilen Kollegen war enorm. Schließlich hatte Marcs Team in einer waghalsigen Aktion die Passagiere der Luxusyacht SUNDOWNER befreit, auf der seine schwangere Frau, die Hotelmanagerin Karina Marie, und die Familie des US-Präsidenten George F. Summerhill von Terroristen gefangen gehalten wurden. Die Kaperung wurde nicht zuletzt durch das Eingreifen von Navy SEALs ein voller Erfolg. Das deutsche Team wurde vom US-Präsidenten im Weißen Haus ausgezeichnet, und obwohl Marc jeden Pressekontakt ausgeschlagen hatte, konnte nicht verhindert werden, dass über ihn und Karina Marie über Wochen berichtet wurde.
Bei einem großen Streaming-Dienst wurde überlegt, über den inzwischen legendären Marc Anderson eine Serie zu drehen. Zwei Staffeln waren praktisch gewährleistet, denn vor dem spektakulären Entern der SUNDOWNER hatte er Karina Marie, damals Lebensgefährtin eines deutschen Unternehmers, bereits ebenfalls einmal befreit und dabei lieben gelernt. Action, Liebe und Politik könnte man gut vermarkten, einschließlich der Geburt des Babys Pia, so die Einschätzung der Manager. Doch Marc hatte abgelehnt. Sein Erfolg lag auch in der professionellen Diskretion seines Sicherheitsunternehmens begründet.
Der Tag auf dem Übungsschiff in der Rolle der Piraten verging, ohne dass etwas geschah. Offensichtlich spielte die Gegenseite mit der Zeit. Also Sichern nach allen Seiten, Wasseroberfläche prüfen, auf Geräusche achten. Es blieb still.
Eine stockfinstere Nacht bei bewegter See brach ein. Kein Problem mit den Nachtsichtgeräten, nur anstrengender, vor allem nach fünfzehn Stunden Wache ohne Pause. Marc stand auf der Brücke, hinter ihm der Übungsleiter mit dem Clipboard in der Hand, als die Meldung von Tom kam: »Taucher Backboard, Entfernung fünfzig!«
Marc sah die Köpfe unter ihren Tauchermasken in den Wellen hoch- und hinunterschaukeln. Er schaute genauer, es waren mindestens vier.
Wie vorher eingeübt, feuerten Marc, Ale und Thunder, das ALPHA 1-Team, gezielt über das elektronische Erfassungssystem auf die wippenden Köpfe. ALPHA 2 – Mike, Hermy und Tom – teilten sich auf und sicherten die anderen Seiten des Schiffes. Doch merkwürdigerweise zeigte die elektronische Zielerfassung nicht einen einzigen Treffer. Ale setzte das Fadenkreuz noch einmal genau auf einen Kopf in den Wellen. Schuss!
Keine Trefferbestätigung.
Inzwischen waren die Angreifer fast am Schiff.
Plötzlich erkannte Marc, was hier geschah. Unter den Taucher-Köpfen war überhaupt kein Körper. Aber eine Leine, und die wurde von je einem kleinen Scooter zum Schiff dirigiert. Er wollte gerade an sein Team den Befehl zur Neupositionierung durchgeben, als sehr lebendige und martialisch aussehende Kampfschwimmer in die Brücke eindrangen, zusammen mit dem überwältigten ALPHA 2-Team, während unten an Backboard die Dummys dümpelten und an Bord gezogen wurden.
Marc nahm resignierend die Hände hoch.
»Übungsende!«, befahl der Leitungsoffizier und griente Marc an. Marc lachte anerkennend zurück. Die Männer der Maritime Security Services waren mit einem einfachen Trick reingelegt worden.
Er war so alt wie die Militärtaktik schlechthin: Tarnen, Täuschen, überraschender Angriff an unerwarteter Stelle. Die Kampfschwimmer der Marine waren mit zwanzig Mann auf der Steuerbordseite und am Heck aufgeentert. Das Überwältigen der drei verteilten Piraten war geradezu ein Kinderspiel.
Trotzdem war die Übung von großem Wert. MSS hatte wieder viel über die neuesten Waffen und Techniken gelernt, und man musste auch einmal verlieren können.
»Besser im Training als live«, tröstete Ale seinen Berliner Kumpel Thunder.
Am Montag wartete bereits ein neuer Auftrag auf das Team. Das Schiff einer Hamburger Reederei sollte in Indonesien Marcs Security an Bord haben. Bis dahin wollte sich Marc intensiv seiner Familie widmen.
Marc bog in die Elbchaussee ein. Noch zweimal abbiegen, dann würde er bei seinen beiden Mädels sein und das Wochenende einläuten.
Er wunderte sich, dass so viel Polizei unterwegs war. Seine Verwunderung nahm spürbar zu, als er durch das offene Schiebedach über Blankenese einen kreisenden Polizeihubschrauber erblickte. Nach Verkehrsstau sah das nicht aus, eher nach einer großangelegten Polizeiaktion. Zu Hause würde er aus den News erfahren, was hier gerade passierte.
Im NDR lief Take It Easy von den Eagles. Marc liebte diesen Song, durch den er eine unglaublich positive Energie verspürte. Er kannte den Text, sang ihn laut mit und wippte, so gut das beim Fahren möglich war, im Rhythmus des Songs mit den Händen mit.
Klar, die Übung war nicht so gelaufen, wie er es für MSS gehofft hatte, aber … take it easy. Er hatte so viel Glück in seinem Leben am Limit erfahren dürfen, dass einige sehr schmerzhafte Erfahrungen, besonders in den Einsätzen beim Kommando Spezialkräfte, längst in den Hintergrund getreten waren. »Glück«, dachte er, »ist eigentlich etwas Momentanes, bei mir offensichtlich nicht.«
Er war glücklich, seitdem er, Karina Marie und Pia eine Familie waren. Dieses Lebensglück sollte noch größer werden, denn Karina Marie war zum zweiten Mal schwanger. Sie wollten mindestens zwei Kinder haben. Mit Anfang dreißig und finanziell bestens ausgestattet, blickten beide hoffnungsvoll nach vorne in eine Zukunft auf der Sonnenseite des Lebens.
Er stutzte. Auf der Höhe seines Hauses ein einziges Blaulichtgewitter. Streifenwagen, Feuerwehr, Notarzt, Absperrung. Davor ein Medienübertragungswagen. Ein kalter, grässlicher Schauer kroch wie in Zeitlupe von seinem Kopf über den Nacken direkt in sein Herz hinein. Er wollte es nicht wahrhaben. Es ging nicht um irgendein Haus, es ging um sein Haus, das aber dort stand wie immer. Nicht abgebrannt oder in Trümmern, nur von vielen Menschen in Uniformen und Einsatzjacken umgeben.
»Bitte umkehren!«, sagte der Beamte freundlich durch die offene Scheibe. »Die Straße ist gesperrt.«
»Ich wohne in dem Haus! Was ist passiert?«
Der Beamte wollte ihn gerade zurechtweisen, dann schaute er ihn prüfend an.
»Wie ist Ihr Name?«
»Marc Anderson, und dort wohne ich mit meiner Familie!« Der Beamte sprach kurz mit der Einsatzleitung. Er beugte sich mit einem Gesicht, das Schlimmes ahnen ließ, zu Marc. Aber er sagte nichts, und Marc fragte nicht. Solange es nicht ausgesprochen ist, ist es nicht wahr. Eine schlimme Wahrheit muss man nicht suchen. Sie kommt, wann und wie sie will. Kalt, herzlos und mit gnadenloser Brutalität ohne jegliche Rücksicht auf den Betroffenen.
»Sie können durchfahren, Herr Anderson, Sie werden erwartet.« Beinahe hätte er noch ein »mein herzliches Beileid« und »ich wünsche Ihnen viel Kraft« nachgeschoben, aber im selben Augenblick eilten zwei Menschen auf den Wagen zu, ein Reporter mit Kameramann.
»Sie sind doch Marc Anderson! Was sagen Sie zu …«
Der Polizist drängte sie energisch weg und Marc fuhr mit versteinertem Gesicht zu seinem Haus, während die Einsatzkräfte zur Seite wichen, um ihm Platz zu machen.
Am Türeingang erkannte er einen Polizeibeamten und die Freundin der Familie, Jelke Lorberg, in der lilafarbenen Einsatzjacke der Notfallseelsorge.
Die Katastrophe bekam zunehmend ihr grausiges Gesicht.
Bitte lass’ es nicht wahr sein … Bitte nicht meine Familie …
Er öffnete ruckartig die Wagentür und sprang heraus. Jelke und der Polizist standen bereits bei ihm.
»Was ist passiert? Wo ist Marie?«
»Herr Anderson, ich bin Hauptkommissar Holms. Bitte lassen Sie uns ins Haus gehen.«
Marc wollte nicht akzeptieren. Die Wahrheit jetzt! Aber der liebevoll weisende Blick von Jelke, dann die Menschen in der Nähe wie auch seine eigene verinnerlichte Professionalität sagten ihm, dass er jetzt ohne weitere Fragen ins Haus gehen sollte.
Sie standen vor der Eingangstür. Er wollte wie immer klingeln, bis ihm an den Blicken der beiden klar wurde, dass niemand im Haus war. Einen kurzen Augenblick war er erleichtert. Wenigstens kein Überfall im Haus …
Er öffnete mit dem Code die Tür, deaktivierte dadurch das Einbruchmeldesystem, das, in Verbindung mit Videokameras und Strahlern, das Haus wie einen Hochsicherheitstrakt schützte. Dieser Rundumschutz war ihm nach all den Erfahrungen immer wichtig gewesen.
»Bitte kommen Sie herein.«
Er schloss die Tür hinter den beiden.
Im Haus war es still.
Totenstill.
Er führte sie zur Sitzgarnitur. Doch er setzte sich an Maries kleinen Schreibtisch so, als solle die entsetzliche Realität nicht zu ihm kommen.
»Jelke, was ist passiert? Sag’ es mir ohne Umschweife. Ist etwas mit Marie?«
Holms überlegte kurz, ob er, wie in der Dienstvorschrift klar geregelt, die schreckliche Nachricht amtlich überbringen sollte oder sie ausnahmsweise durch Jelke auszuführen sei. Er entschied sich für die Beibehaltung der Rollen und damit für den formalen, offiziellen Weg.
»Herr Anderson, wir haben eine sehr schlimme Nachricht für Sie. Ihre Frau ist tot.«
Er saß an ihrem Lieblingsplatz, Augen geschlossen, Arme auf der Lehne, fahles Gesicht. Um ihn herum drehte sich alles. Kurze, heftige Atemstöße, viel zu viele mit der Gefahr der akuten Hyperventilation.
Jelke erkannte das, aber wartete ab. Holms wollte fortfahren, doch Jelke schüttelte fast unbemerkt mit dem Kopf. »Noch nicht«, signalisierte sie.
Von der Elbe drang ein Sirenenton herauf. Die Abendsonne warf ein warmes Licht durch die Sprossenfenster auf den gedeckten Esstisch. Nebenan schlug eine Glasenuhr viermal an.
Marc presste die Lippen und seine Hände zusammen, er stoppte die Atmung für lange zehn Sekunden und atmete dann tief langsam ein und aus. Sein Blick streifte den Blumenstrauß auf ihrem Schreibtisch und erfasste unter seinem Foto einen Zettel:
Falls du schon da bist, bin mit Pia noch schnell zum Einkaufen und zur Bank. Ich liebe dich von hier bis ins Universum. Marie
.
Der Raum begann sich wieder zu drehen. Er ließ es nicht zu. Handeln!
»Jetzt bitte die ganze Wahrheit …«
»Ihre Frau wurde vor etwa zwei Stunden unten im Park mit einem Schnitt durch den Hals tödlich verletzt. Passanten haben sie aufgefunden. Der Kinderwagen war leer.«
Marc blickte den Beamten mit weit aufgerissenen, ausdruckslosen Augen an.
»Marie … mit einem Schnitt durch den Hals …«
»Es tut mir so leid«, sagte Holms.
»Wo ist mein Kind?«
»Wir wissen es nicht, Herr Anderson, die Großfahndung läuft. Wir haben von der Bank eine sehr kurze Videosequenz, die den mutmaßlichen Täter zeigt, wie er in den Park geht. Von dem Attentat selbst gibt es kein Bildmaterial. Im Kinderwagen lag dann noch ein Zettel.«
»Was steht da drauf?«
Holms versuchte, es schonend zu sagen:
»Allahu Akbar! Ali Naz!«
Der Name war kaum gefallen, da sprang Marc auf. Ein einziger markerschütternder Schrei erscholl durch das Haus:
N E I N … !!!
All die im Auto aufgestaute Angst, die Angst vor dem Undenkbaren, brach heraus.
Er weinte hemmungslos. Sein Herz raste, sein Körper zitterte. Kalter Schweiß.
Anzeichen einer schweren Kreislaufstörung mit Schock.
Jelke hoffte, dass es nur eine vagotone Schockphase war, aus der er wieder herauskommen würde. Ganter sah sie besorgt an. Sie dachten beide kurz daran, den Rettungswagen anzufordern. Doch Jelke wollte noch abwarten. Vor ihr stand ein Elitesoldat, der seinen besten Freund im Kampf verloren hatte und damals handeln musste, um nicht selbst getötet zu werden. Sie hoffte auf seine bewährte Stressbewältigungstechnik. Immer war er für alle ein Fels in der Brandung. Aber jetzt war er so stark am Boden zerstört, dass seine Erschütterung auch sie erfasste, so sehr, dass sie für einen kurzen Augenblick Gefahr lief, ihre Beherrschung zu verlieren. Sie hätte so gern mit ihm geweint, aber es war genau der falsche Moment, Entsetzen und Trauer zu teilen. Denn hier bei diesem Einsatz ging es allein um sein Entsetzen. Trotzdem war sie jetzt gerade alles andere als eine stabile Notfallseelsorgerin.
Holms erkannte Jelkes Wanken und sagte:
»Herr Anderson, es tut mir unendlich leid. Ich fühle von Herzen mit Ihnen. Sagt Ihnen der Name Ali Naz etwas?«
Marc blickte Holms fassungslos an und ließ sich auf das Sofa fallen. Seine Worte kamen leise und stockend:
»Ali Naz? Sie kennen den nicht? Das ist der iranische Terrorist, der die SUNDOWNER gekapert hatte … Ich verstehe das nicht … Den gibt es doch nicht mehr … Er wurde doch bei einem Vergeltungsschlag der Amerikaner im Iran getötet …«
Und dann brach es weinend aus ihm heraus:
»Aber er ist nicht tot! Er ist überhaupt nicht tot! Er hat Rache an mir genommen. Es ist meine Schuld!«
Jelke hockte sich vor ihn.
»Warum ist es deine Schuld, Marc?«
»Ein paar Minuten früher, und ich hätte ihren Tod verhindert! Nur ein paar verdammte Minuten früher!«
Holms wollte das entkräften, aber Jelke winkte ab.
Marc starrte sie an: »Jelke, sag’ mir, dass es nicht stimmt. Karina Marie darf nicht tot sein …«

Polizeipräsident Hendrik Mann hatte nach Kenntnis des Bekennerschreibens von Ali Naz sofort die Brisanz des Falles für seine Behörde erkannt. Die Befreiungsaktion der Geiseln durch Marc Anderson aus den Händen der von Ali Naz gekauften Terrorgruppe berührte auch Hamburg, spätestens als der Bürgermeister der Hansestadt das gesamte Befreiungsteam ins Rathaus gebeten hatte. Hendrik Mann bewunderte insgeheim Anderson, obwohl der, wie er dem Bürgermeister zugesteckt hatte, »mehr Glück als Verstand bei seiner Befreiungsaktion hatte.«
»Helden ohne Glück gibt es nur selten,« hatte der Bürgermeister wiederum kommentiert und »diese Stadt liebt ihre Helden, vor allem, wenn sie nach hanseatischer Manier so unprätentiös auftreten wie dieser junge Mann.«
Der Polizeipräsident sah durch die Runde der fünfzehn schnell aber sorgfältig ausgesuchten Beamtinnen und Beamten aus den Abteilungen LKA 1 bis 7. Die Stelle des Leiters des Landeskriminalamtes war vakant, so übernahm der Polizeipräsident die Einführung selbst.
»Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie in der SoKo KILO MIKE. Warum gerade KILO MIKE? Die Bezeichnung steht nach dem internationalen Buchstabieralphabet für Karina Marie, den Vornamen der getöteten Frau Anderson.
Dieses Tötungsdelikt zeichnet sich durch zweierlei aus. Erstens durch einen möglicherweise internationalen Hintergrund und zweitens durch ein enormes Medieninteresse. Joe Weber, Leiter des LKA 4 aus der Abteilung Kapitaldelikte, wird Sie jetzt über den Stand der Erkenntnisse informieren.«
Kriminaloberrat Weber, ein äußerst erfahrener, aber in den eigenen Reihen wegen seiner knallharten Art nicht immer geschätzter Kriminalbeamter, trat nach vorne. Er hatte nur sechzig Minuten Zeit gehabt, sich einzuarbeiten und die SoKo zusammenzustellen. Und ständig trafen neue Meldungen ein.
Auf dem Bildschirm erschienen eine Karte von Blankenese und diverse Fotos.
»Karina Marie Anderson wurde gegen 16.00 Uhr an dieser Stelle umgebracht. Wir können davon ausgehen, dass sich in dem Kinderwagen zuvor ein kleines Kind, Name Pia Anderson, Tochter von Karina Marie und Marc Anderson, befunden hat. Das Opfer wurde mit einem Schnitt durch den Hals getötet. Der Hals wurde vorderseitig durchtrennt und der Kopf im Wesentlichen nur noch durch die Wirbelsäule und die umliegenden Muskeln gehalten. Das erinnert stark an Tötungsrituale islamistischer Terroristen. Im Kinderwagen das Bekennerschreiben mit dem Text, den Sie hier sehen. Glücklicherweise liegt uns das Video der Bank am Rande des Parks vor, die die mutmaßliche Täterperson aufgezeichnet hat.«
Das Video zeigte, wie Karina Marie mit dem Kinderwagen den Vorraum der Bank betrat, Geld abhob und die Bank über den kleinen angrenzenden Park in Richtung Wohnhaus verließ.
»Wie Sie sehen, ist die verdächtige, vermummte Person nur ganz kurz und so ungünstig aufgezeichnet worden, dass wir kaum Anhaltspunkte haben. Wir nehmen an, dass diese Person das Opfer durch den Park verfolgt und die Tat am Ende des Parks begangen hat. Wir wissen nicht, wie die Person den Tatort verlassen hat. Es gibt derzeit keine Zeugen.«
»Gehen wir denn davon aus, dass dieser Ali Naz der Täter sein könnte? Und überhaupt, der soll doch tot sein«, wollte jemand wissen.
»Das Erstere wissen wir nicht«, sagte Weber, »die Fahndung hat bisher keine greifbaren Ergebnisse gebracht. Doch zunächst zu Ali Naz. Wer es noch nicht weiß, er stand als Kommandeur den iranischen Revolutionsgarden vor und – soweit uns bekannt ist – hat er in einem Terrorakt zusammen mit seinen Kommandeuren seinen obersten Religionsführer Mohammed Husseini ermordet. Er hat Terroranschläge gegen die USA mit Mittelsmännern der Hisbollah aus dem Libanon geführt und versucht, den US-Präsidenten politisch zu erpressen. Als Faustpfand nahm er sich bekanntlich die Hamburger Luxusyacht SUNDOWNER, auf der sich Sohn und Tochter des Präsidenten, die Enkelkinder und ein Gästeehepaar befanden sowie Karina Marie Anderson als Hotelmanagerin. Den Rest darf ich als hinlänglich bekannt voraussetzen. Sehen Sie hier.« Er zeigte Bilder von etlichen Pressemeldungen und einen TV-Ausschnitt aus einem Bericht des Norddeutschen Rundfunks.
»Nun zu dem zweiten Teil Ihrer Frage. Die Amerikaner flogen einen Vergeltungsangriff auf Ali Naz und seine versammelten Kommandeure bei der jährlichen großen Militärparade im iranischen Ahvaz. Angeblich wurden alle getötet, auch Ali Naz. Zumindest lassen das zuverlässige US-Quellen verlauten.«
»Dann gibt es doch nur diese Möglichkeiten«, antwortete ein Mann aus Webers LKA 4, »entweder der Mann ist tot, dann agiert hier einer seiner Getreuen in seinem Namen, oder der General hat tatsächlich überlebt und nimmt jetzt Rache.«
»Oder …«, ergänzte jemand aus der Runde, »er musste gar nicht überleben, weil er von dem Angriff wusste, und auf der Tribüne saß ein Doppelgänger. Jetzt taucht das Original auf, und Ali Naz macht öffentlich, dass er wieder im Spiel ist.«
Der Leiter LKA nickte bestätigend.
»Interessanter Aspekt. Danke, weitere erste Einschätzungen?«
»Vielleicht setzen wir zu hoch an«, meinte jemand, »und es handelt sich um einen, der mit dem Geschehen überhaupt nichts zu tun hat und hier einfach aufspringt.«
»Auch möglich« meinte Weber, »aber eher unwahrscheinlich. Dagegen spricht die Entführung des Kindes. Natürlich wollen wir brennend gern wissen, ob Ali Naz lebt. Eine Anfrage zur Klärung geht in diesem Augenblick über den Staatsschutz an unsere amerikanischen Freunde, die über das Attentat bereits informiert sind. Aber wir hier in Hamburg haben einen anderen Job. Wir müssen unbedingt den Zusammenhang zum Täterbekenntnis Ali Naz aufklären. Noch suchen wir ein Phantom.«
Allgemeines Nicken in der Runde.
»Unabhängig von der Beantwortung dieser wichtigen Frage deuten die bisherigen Erkenntnisse klar darauf hin, dass es sich um ein Tötungsdelikt mit terroristischem Hintergrund handelt, egal durch wen ausgeführt. Sei es durch Ali Naz, einer Auftragsperson oder einen sogenannten Einsamen Wolf. In allen Optionen scheint es eine Beziehungstat mit Zielrichtung Marc Anderson zu sein.«
»Oder«, sagte der junge Beamte mit Schulterholster und der Sonnenbrille im Haar aus dem Bereich LKA 2-Einsatz, »das ist erst der Anfang einer Attentat-Serie.«
»Ich verstehe, was Sie meinen«, sagte Weber nachdenklich, »sehr gut erkannt. Auf dem Radar des oder der Täter könnten in der Tat theoretisch alle Beteiligten stehen, die etwas mit dem Scheitern der terroristischen Aktion gegen das Schiff zu tun haben.«
»Richtig, und zwar alle Deutschen, zum Beispiel die Leute von der Maritime Security Services, das Personal der Reederei und auch US-Amerikaner«, sagte der junge Mann.
»Die Frage ist«, meinte jemand aus Webers Abteilung, »warum nimmt sich der Täter nicht gleich Marc Anderson vor, sondern seine Frau?«
»Ist doch klar, Kollege« erwiderte eine Kommissarin, ebenfalls aus der Abteilung Einsatz, »er trifft Anderson dort, wo er am verletzbarsten ist. Die Täterseite weiß natürlich aus den Medien, dass Anderson diese Frau zweimal gerettet hat und macht sich jetzt zum Zerstörer seines Lebens. Aber sie lässt ihn leben, noch. Hier kommt das acht Monate alte Kind ins Spiel. Der oder die Täter haben noch etwas vor. Keine Entführung ohne Forderung.«
»Vielleicht wird es nie eine Forderung geben«, sagte jemand von ganz hinten, »vielleicht wurde das Kind verschleppt, oder es ist bereits tot.«
»Das glaube ich nicht«, meinte die Kommissarin, »das Baby musste überleben. Der oder die Täter haben einen Plan.«
»Okay«, sagte Weber, »Sie sehen, das wird hier ganz großes Kino. Mord, Kindesentführung, islamistischer Hintergrund, internationale Verflechtungen. Es gibt also viel zu tun. Aber fangen wir ganz unten an, so wie wir es gelernt haben. Ein Kleinkind unbemerkt zu versorgen, das geschieht nicht einfach mal so. Also Spurenauswertung, ermitteln in alle Richtungen, auf Täterkontakt bei Anderson einstellen, präventive Gespräche mit allen Betroffenen und bitte alles, was wir über Ali Naz und seine Komplizen in unserer Stadt herausfinden können. Hat noch jemand eine Frage?«
»Wenn nicht, dann Herr Mann – Sie noch zum Abschluss?« »Gerne. Wir werden zusätzlich den Generalbundesanwalt informieren. Noch aber ist das eine Sache unserer Behörde. Ich setze absolute Verschwiegenheit voraus. Medienarbeit ist Chefsache. Ich werde diese SoKo bis auf Weiteres eng begleiten. Joe Weber hat die volle Unterstützung des Hauses. Wir sehen uns morgen früh um acht Uhr wieder. Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren!«

Jelke hatte Marcs Schuldvorwurf nicht kommentiert, wissend, dass sie niemandem Schuldgefühle nehmen konnte. Im Gegenteil, so konnte Marc die Illusion aufrechterhalten, dass in Zukunft so etwas nicht mehr passieren kann, wenn er besser aufpassen würde. Hauptsache er redete, sprach sich aus. Das Relativieren der starken, bohrenden Schuldgefühle, so hatte sie erfahren, würde ohnehin später von selbst eintreten, wenn alles wieder normal liefe. Wenn.
Marc hatte sich etwas gefangen. Er war sogar in die Küche gegangen und hatte gefragt, ob jemand einen Kaffee haben möchte. Er selbst wollte einen Tee trinken, doch die Hand zitterte so stark, dass Jelke dazu kam und ihm die Zubereitung abnahm.
»Wo ist meine Frau jetzt, Herr Holms?«
»Sie wurde in die Rechtsmedizin gebracht und wird dort obduziert.«
»Wann?«
»Ich weiß es nicht.«
»Wie sieht sie aus?«
»Ich weiß es auch nicht, Herr Anderson. Aber was ich vermittelt bekommen habe ist, dass alles sehr schnell ging und sie nicht gelitten hat.«
»Sagen Sie das, um mich zu beruhigen?«
»Nein, das ist Fakt.«
»Ich möchte sie auf jeden Fall noch vor der Obduktion sehen.«
»Das werde ich durchgeben.«
»Und wirklich keine Hinweise zu Pia?«
»Leider nein, Herr Anderson. Die Kollegen arbeiten intensiv. Sobald wir etwas wissen, sind Sie der Erste, der es erfährt.« »Danke, Herr Holms, ich brauche jetzt eine Pause.«
»Natürlich, Herr Anderson, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut. Ich fühle mit Ihnen. Ich wünsche Ihnen alle Kraft und Gottes Segen.«
Marc sah ihn verbittert an und sprach leise: »Den brauche ich jetzt wirklich nicht, der hat mir gerade meine Familie genommen.«
Er schwankte leicht, doch es gelang ihm, den Polizeibeamten zur Tür zu bringen. »Danke, Herr Holms, für Ihren Einsatz.«
Marc hockte zusammengesunken auf der Couch. Das Zittern seines Körpers verstärkte sich. Jelke eilte in die Küche, kam mit einem Glas Wasser zu ihm und legte sanft ihre Hand auf seine Schulter, so, als wolle sie das Zittern abmildern. Als Nächstes würde sie ihn bitten, sich auf die Couch zu legen, die Beine anzuwinkeln, und sie würde ihn zudecken. Doch das schien nicht nötig. Noch nicht. Sie reichte ihm das Wasser. Er blickte sie kurz wie aus weiter Ferne an, schien zu verstehen, trank.
Schüttelfrost. Sie legte eine Decke über ihn.
Jelke sagte nichts. Kein Wort der Beruhigung, kein Wort des Trostes, kein Wort über das verschwundene Kind, kein Wort über die tief empfundene Schuld.
SCHULD.
Schuld hatte ihn in Sekundenbruchteilen mit einem galaktischen Sog in das schwärzeste aller Löcher des Universums gezogen. Marc war nicht mehr in seiner alten Haut. Schuld hatte die Regie übernommen.
Niemand sagte etwas.
Die Notfallseelsorgerin war einfach nur da. Sie gab keine Ratschläge, Analysen oder Deutungen. Ihre völlige Zurückhaltung war nicht feige oder Ausdruck der Unsicherheit, ganz im Gegenteil. Sie wartete. Irgendetwas würde passieren. Aber nicht proaktiv von ihrer Seite, sie wartete auf eine Aktion von Marc.
Hier geschah, was Jelke in der Ausbildung als für sie schwerste psychosoziale Intervention überhaupt gelernt hatte: qualifiziertes Schweigen. Wenn notwendig über lange Zeit. Es war sogar möglich, dass überhaupt nicht geredet wurde. Darauf stellte sie sich jetzt ein.
Er legte sich auf die Seite – von ihr abgewandt.
»Bleib’ bitte hier«, sagte er unvermittelt.
»Ich bleibe, solange du möchtest.«
»Marie ist deine beste Freundin, Pia ist dein Patenkind.«
»Ja, Marc.«
Ihr Herz schlug bis zum Halse. Er hatte logischerweise die persönliche Beziehungsebene hergestellt.
»Wie wirst du damit fertig?«
»Schlecht, Marc, miserabel. Doch jetzt geht es um dich.«
Er warf die Decke zur Seite und sprang auf.
»Ich muss sehen, wo es passiert ist!«
Jelke war kurz entsetzt aber realisierte auch, dass er so versuchte, die Situation anzunehmen und war doch noch vollkommen instabil.
»Okay, dann machen wir das.«
Sie wusste nicht, was am Tatort wenige hundert Meter weiter geschehen würde und fragte sich, ob das wirklich eine gute Idee sei. Doch Marc war nicht aufzuhalten. Sie ging voraus zur Tür, öffnete sie und warf sie sofort wieder ins Schloss.
Draußen standen Journalisten und Fotografen.
Einer rief: »Können Sie uns sagen, wo das Baby ist?«
Marc drängte Jelke – völlig die Beherrschung verlierend – zur Seite, riss die Tür auf und schrie in die Kameras:
»Ihr Bastarde, lasst uns in Ruhe!«
Jelke zog ihn energisch zurück, schloss die Tür und führte ihn zur Couch.
Er kippte in die Kissen. Ein erneuter Schüttelfrost überkam ihn. »Entschuldige, Jelke. Es ist zu viel. Ich weiß nicht, wie ich das klar kriegen soll.«
»Soll ich dir etwas zu essen machen?«
»Danke, nein. Wir gehen nachher zum Tatort, wenn die Meute weg ist.«
»Ich mach’ dir trotzdem ein Brot. Du entscheidest, ob du es möchtest. Darf ich an den Kühlschrank gehen?«
Er antwortete nicht. Es war ihm vollkommen gleichgültig.
Sie saßen sich gegenüber. Er bekam keinen Bissen herunter, vergrub seinen Kopf in den Händen, versuchte sich zu konzentrieren. Es war nicht möglich. Sein Gehirn war wie abgestellt. Dann rasten die Gedanken wieder wie wild, überschlugen sich.
Er rannte zur Toilette. Jelke hörte, wie er sich erbrach.
Er kam zurück, sah sie verweint an. »Jelke, sag’, dass es nicht wahr ist. Das ist alles ein furchtbarer Irrtum. Marie ist mit Pia bei ihren Eltern. Sie ist bei den Eltern, ganz bestimmt.«
Sie kam zu ihm, schaute ihn so fest und eindringlich an, wie es ihr möglich war.
»Nein, Marc, Karina Marie ist tot. Ich bete, dass Pia lebt und ihr nichts geschieht.«
Er beugte sich zu ihr herunter. Sie ließ ihn an ihrer Schulter weinen.
Nach einer Weile sagte er fast flüsternd: »Wir müssen ihre Eltern benachrichtigen.«
Marc hatte selbst die Jokerfrage in der Erstberatung initiiert. Benachrichtigung von Angehörigen oder Freunden bedeutete Handeln. Wer benachrichtigte, war gleichgültig, Hauptsache, die Notwendigkeit war bewusst geworden. Es war der erste kleine Schritt zurück in die Welt da draußen.
»Ein Kollege ist bereits bei ihnen«, erwiderte sie.
»Das ist gut, danke, Jelke, danke, ich könnte das jetzt nicht. Mein Gott, ihre Mutter ist dement und der Mann schwer herzkrank.«
»Das ist ein wichtiger Hinweis, Marc. Ich werde das durchgeben. Ist sonst noch jemand zu informieren? Das muss nicht jetzt sein.«
»Sie hat sonst niemanden mehr. Ich auch nicht.«
Es klingelte an der Haustür.
Jelke war darauf eingestellt, Medien abzuweisen. Sie schaute durch das seitliche Fenster.
Draußen standen Tom, Ale, Thunder, Hermy und Mike.
»Marc, dein Team möchte dich besuchen, ist das okay für dich?«
Er nickte.
Marc stand auf und blickte seine Brüder so abwesend an, wie sie ihn noch nie erlebt hatten. Weder im Kampf, noch im Training, weder im Gespräch noch in vertrauter Runde. Dieser Mann hatte ganz offensichtlich seinen Kompass verloren.
Einer nach dem anderen kam zu ihm, fast wie aufgereiht. Der Hüne Tom, Marcs Weggefährte von Anfang an, legte die Hand auf Marcs Schultern. Sie sahen sich an. Es gab nichts zu sagen.
Der Berliner Ale heulte. »Mann Alter, so ’ne Scheiße.« Beinahe wäre ihm sein Standardspruch über die Lippen gegangen: »Det kriegen wir hin.«
Thunder stieß ihm rechtzeitig in die Seite und legte seinerseits den Kopf an Marcs Stirn. Dann heulte auch er.
Hermy nahm Marc in den Arm. Er streichelte ihn liebevoll.
Mike konnte mit der Situation am wenigsten umgehen. Er ging durch das Zimmer … auf und ab. Dann wollte er Marc einen Faustcheck geben, er war völlig durch den Wind. Marc blickte hinter ihm her. Jelke glaubte für einen winzigen Moment, in Marcs Augen ein sanftes Lächeln gesehen zu haben. Aber es war wohl ein Irrtum.
»Entschuldigt mich, ich muss unter die Dusche«, sagte Marc, »in der Küche steht Bier.«
Die fünf hockten mit der Notfallseelsorgerin um den Couchtisch herum. Sie hatte Tom angerufen, der sofort die anderen alarmiert hatte. Alle machten umgehend auf dem Weg vom Stützpunkt nach Hause kehrt. Sie wollten nur eines, Marc zur Seite stehen, wussten jetzt aber nicht, wie man das macht. Sie hatten bei ihm alles gelernt, um siegreich zu überleben, aber nicht, wie man mit der Trauer eines Marc Anderson umgeht.
Jelke wies sie in die Geschehnisse ein. Als sie den Namen »Ali Naz« aussprach, war es vollkommen still im Raum. Keiner brauchte weiter zu fragen. Sie wussten, das ging sie alle an. »Was machen wir jetzt?«, fragte Thunder.
»Ich denke«, meinte Jelke, »er möchte nachher für sich sein, wir sollten ihn fragen.«
Marc kam herunter. Er war barfuß, seine Haare waren nass, sein Gesicht wie zerstört. Er trug eine Trainingshose und ein T-Shirt, das er im Schrank zufällig zu fassen bekommen hatte. Es war mit einem großen griechischen »O« bedruckt.
Weder er noch seine fünf Brüder dachten sich etwas dabei, außer Jelke, die die christliche Bedeutung von Alpha und Omega kannte. Sie sagte nichts dazu.
Sie rückten für ihn zur Seite, aber er hockte sich abseits auf den Fußboden an die Wand.
»Möchtest du auch ein Bier?«, fragte Ale. Er verneinte.
Seit der Überbringung der Todesnachricht waren keine drei Stunden vergangen, aber es kam Marc vor wie eine Ewigkeit.
Tom war an die Bücherwand gegangen, direkt auf das Porträtfoto von Karina Marie zu. Jelke sah das. Tom wollte Abschied nehmen. Sie fragte vorsichtig zu Marc herüber: »Ist das okay, wenn wir sie in unsere Mitte nehmen?«
Marc nickte.
Sie stand da als Schwarz-Weiß-Foto, lachend mit Pia auf dem Arm, als sie gerade vier Wochen alt war.
»Ich habe eine Kerze dabei, auch okay?«, fragte sie.
Marc überlegte, dann nickte er wieder.
Jelke hatte ein Ritual begonnen. Sie fragte aber nicht weiter, zum Beispiel, ob man gemeinsam beten wolle. Im Gegensatz zu Karina Marie war Marc nicht gläubig. Die Kirche war ihm so fremd, wie die Vorstellung an einen Gott.
Die Männer schwiegen. Tom hätte gern laut ein Gebet gesprochen, aber er traute sich nicht. So saßen sie vor der Kerze und blieben jeder für sich.
Sie hatten den Lebensweg der beiden in entscheidenden Phasen miterlebt. Am längsten Tom, der mit Marc zusammen Karina Marie an der Küste Algeriens aus den Händen des damaligen Islamischen Staates befreit hatte. Alle waren bei der Hochzeit der beiden in der weißgeschmückten evangelischen Kirche in Blankenese dabei gewesen, wo Karina Marie bereits getauft worden war. Sie hatten Spalier gestanden. Sie waren auch in derselben Kirche zur Taufe von Pia erschienen.
Mike erinnerte sich, wie sie sich vor Karina Maries Befreiung von der SUNDOWNER im Wasser in den Arm genommen und skandiert hatten: »Einer für alle, alle für eine, für Karina Marie!« Mike musste innerlich schmunzeln. Er hatte bei dem Wort alle damals einen Schwall Meerwasser geschluckt.
Sie waren so oft mit dem Tod konfrontiert. Aber es betraf immer die anderen.
Marcs Kopf sank herunter. Nach einer Weile raffte er sich auf, ging zur Kerze und drückte sie aus. Wohl, weil er das Treffen beenden wollte. Aber es war vielleicht mehr. Nur Jelke wusste um die wichtige Bedeutung, wenn ein Trauernder das Licht auslöscht.
»Ich muss in die Falle. Es wäre schön, wenn ihr mir die Medien draußen vom Halse haltet. Und Jelke, könntest du heute im Haus bleiben? Das Bett im Gästezimmer hat Marie bezogen.«
Er hatte kaum den Namen ausgesprochen, da drohte er wieder wegzusacken. Tom sprang auf ihn zu und führte ihn die Treppe hoch. Marc nahm es dankbar an.
ALPHA 1 sicherte in dieser ersten Nachthälfte das Gebäude, dann übernahm ALPHA 2. Am nächsten Morgen würden sie sich bei Jelke kurz abmelden. Jelke meldete ihrerseits den Einsatz bei der Notfallseelsorge als beendet, holte ihr Nachtzeug aus ihrer Wohnung und kam nur wenig später zurück. Sie sah, dass die Tatortreiniger die Straße wieder gesäubert hatten, nur die Reste einer Kreidestrichzeichnung waren noch zu sehen. Es war gut, dass Marc das nicht mehr wahrnehmen musste.
Jelke saß allein im Wohnzimmer und schaute sich um. Alles, was sie in diesem Haus sah, zeigte die Handschrift ihrer besten Freundin. Die leichten skandinavischen Möbel und Lampen, die weiße, schlichte Bücherwand mit umfangreicher Reiseliteratur und Bildbänden von Schiffen. Die Glaskunst an den Sprossenfenstern, deren zarte weiße Gardinen, der kleine Kapitänsschreibtisch, das Geschenk ihres Vaters und Pias Wiege, deren Kleidungsstücke und Spielsachen, die so herumlagen, als würde sie gleich hereinlaufen.
Wo war Pia wohl? War sie verschleppt worden? Wie würde sie behandelt werden, und worum ging es hier?
Sie hatte das Gefühl, dass sie jetzt einen Schluck Alkohol gebrauchen könnte und fand auf einem Beistelltisch eine angebrochene Flasche Eierlikör. Sie wusste, dass Karina Marie ihn selbst gemacht hatte. Er schmeckte wunderbar.
Jelke war tief gläubig. Was immer geschah, vom Anfang bis zum Ende, ergab für sie einen Sinn. Sie zürnte nicht mit ihrem Gott, dass er dieses entsetzliche Unglück zugelassen hatte, sie nahm es an. Schon deshalb, weil sie in ihrem Leben einen Gott sah, der sie frei agieren ließ, und sie stets, so glaubte sie, wieder aufhob, wenn sie gefallen war. Glaube und Vertrauen waren ihr Fundament, nicht ihre Zweifel, sonst hätte sie gar keine seelsorgerische Tankstelle für andere Menschen sein können.
Am Telefon sah sie, dass der Anrufbeantworter blinkte. Sie würde es Marc gleich morgen früh sagen. Morgen würde er vermutlich Karina Marie sehen wollen. Wie sie wohl ausschauen würde? Würde er das aushalten können?
Und sie selbst? Was alles würde danach noch passieren?
Sie wusste nicht annähernd, wie tief sie noch fallen würde.

KAPITEL 2
TRAUMA

Er stierte an die Decke. Schlafen konnte er ohnehin nicht. Immer wieder drehte sich der Raum.
Bring’ dich ‘runter!
Er stellte sich vor, wie sie angegriffen wurde.
Hatte sie ihn gesehen? … Das Messer … Es muss ein langes gewesen sein … Sie war auf so etwas nie vorbereitet worden … kannte keine Abwehrtechniken …
Bei dem Gedanken schloss er wieder die Augen. Lebensbilder zogen vorbei. Ihr gemeinsamer Flug, ihr ehrliches Entsetzen, als er ihr bei der Landung das Flugzeug überließ. Palma de Mallorca, die Bar Abaco, Blumen, Musik, der Moment, in dem er sicher war, dass er diese Frau, die mit Johannes Ericson in ein neues Leben segelte, liebte.
To be with you – to be free.
Er öffnete die Augen.
Bring’ dich ‘runter, Marc. Kontrolle … nein, ich will mich nicht mehr kontrollieren … alles macht keinen Sinn mehr … Wildgänse über dem Flugplatz Schönhagen … ihre SMS: Ich will dich …
Der Weinkrampf übermannte ihn. Die Musik dröhnte in seinem Kopf:
Can you hear me, can you hear me,
through the dark night, far away …
Er wollte nicht mehr, schrie:
M a r i e, bitte lass’ mich nicht allein! Komm zurück!
Er wälzte sich auf die leere Seite des Bettes. Das Kopfkissen roch nach ihr und Pia. Er umschloss es, sog den Geruch des Babys ein.
Das Weinen ging in ein haltloses Schluchzen über. Er wünschte sich den Tod.
Jelke hatte das Weinen gehört, war aus dem Bett gesprungen, hatte einen Bademantel gegriffen und leise die Tür geöffnet. Marc stand draußen auf dem kleinen Balkon über der Veranda. Sie wusste, dass das ihrer beider Lieblingsplatz gewesen war. Einen Augenblick fürchtete sie, dass Marc in den Abgrund springen würde.
Sie ging zu ihm und sagte: »Marc, du musst dich um Pia kümmern.«
Er drehte sich nicht einmal herum. Sie hatte recht. Er war in der Wirklichkeit angekommen. Fast.
»Möchtest du sprechen?«
Er nickte und folgte ihr ins Wohnzimmer. Sie holte eine Flasche Wasser und überlegte, ob sie ihm auf dem ärztlichen Weg ein angstlösendes und beruhigendes Mittel organisieren sollte. Aber sie ließ es sein. Beruhigungstabletten verhindern nur die zeitnahe Auseinandersetzung mit dem Leid, aber sie stoppen es nicht. Und Marc war gerade dabei, sich auseinanderzusetzen.
»Du bist Kindergärtnerin, Jelke. Was braucht ein acht Monate altes Kind, um zu überleben?«
»Natürlich eine Person, die sich mit der Zuwendung, Verpflegung und der hygienischen Betreuung auskennt, Kleidung ist weniger das Problem.«
»Wie lange geht das gut, von dem seelischen Leid des Kindes einmal abgesehen?«
»Es ist gar nicht gesagt, Marc, dass ein Kind in der Trennungssituation von den leiblichen Eltern leiden muss. Entscheidend ist, dass es gut behandelt wird. Im ersten Lebensjahr erziehen Eltern übrigens intuitiv richtig in allen Kulturen«, ergänzte sie, »das Kind hört zwar nicht mehr die vertrauten Stimmen und sieht andere Gesichter, aber das muss überhaupt nicht schädlich sein.«
»Was könnte schädlich für Pia sein?«
»Wenn man sich nicht genügend mit ihr beschäftigt und sich nicht um sie kümmert. Ich kenne Pia als ein Baby, das gerade in der Krabbel-, Sitz- und Steherfahrung ist. Ist das so?«
Er bejahte.
»Sie müsste allerdings beaufsichtigt werden, wenn sie einmal nicht im Laufstall ist.«
Könnten wir ja Ali Naz schreiben, dachte er verbittert.
»Es muss also für diese notwendige Betreuung und Logistik irgendwen geben«, sprach er leise, »hier oder irgendwo, vielleicht in Hamburg, vielleicht ist sie schon auf einem Schiff in Richtung Naher Osten. Vielleicht wird sie von irgendeiner Person aufgezogen, um später mit einem Islamisten verheiratet zu werden … vielleicht ist sie auch tot …«
»Denk’ erst einmal positiv und an das Naheliegende, Marc. Du bist Krisenmanager wie kein anderer. Was könnte als Nächstes bei einem Kindesraub geschehen?«
»Ich hoffe, dass eine Forderung kommt, egal was für eine. Hauptsache, es gibt ein Zeichen … ein Lebenszeichen«, flüsterte er.
»Es wird geschehen, Marc, glaube fest daran!«
Sein Weinen kam wieder.
»Wie soll ich jetzt noch an etwas glauben?«
Jelke ließ es so stehen. Er war viel weiter, als sie zu hoffen gewagt hatte. Doch sie wusste, dass der vollkommene Absturz drohte, wenn Pia tot aufgefunden werden würde. Das hielt sie angesichts der Fahndung und dem polizeilichen Druck auf den oder die Täter für durchaus möglich.

»Holms hat sich angemeldet, bist du bereit, mit uns zur Rechtsmedizin zu fahren?«
Jelke hatte bewusst nicht das Wort Leichenhaus gewählt. Marc wusste ohnehin, dass damit das Institut für Rechtsmedizin im Blutenfeld gemeint war. Jeder tote Hamburger kam dorthin, bei dessen Tod Fragen auftraten. Ebenso wer eingeäschert werden sollte.
»Wann soll sie seziert werden?«
»Das weiß ich nicht. Da ist übrigens eine Nachricht auf eurem Anrufbeantworter.«
Marc sah den Anruf von gestern Abend, unbekannte Nummer, drückte auf Abspielen und hörte nach wenigen Sekunden ein hässliches langes, sich wiederholendes Lachen.
HAH, HAH, HAH, HAAAAAAHHHH …
Es war so laut, dass auch Jelke zurückschreckte.
»Was war das, Marc?«
»Ich weiß es nicht. Vermutlich ein Irrer. Und ich verstehe es nicht, denn unsere Nummer ist draußen eigentlich nicht bekannt.«
Es beunruhigte ihn, aber er verdrängte es erst einmal, doch löschte er den Anruf nicht.
In der Nacht hatte er sich immer wieder vorgestellt, wie Marie wohl aussehen würde. Würden ihre Augen geöffnet sein? Würden sie Sorge tragen, dass der Mund nicht grässlich offenstand, da doch das Kiefergelenk schon nach zwei bis drei Stunden von der Leichenstarre betroffen war. Er wollte sie nicht tot sehen und musste es doch.
Unentwegt hatte er darüber nachgedacht, wie sie beim Abschied vor der Übung auseinandergegangen waren. Es war etwas spät geworden und sein Tschüss war lieb – aber eher oberflächlich geblieben. Anders als sonst hatte er sich von Pia nicht intensiv verabschiedet.
Warum hatte er sich nicht mehr Zeit dafür genommen? Warum? Und immer wieder die Frage, warum er so spät gekommen war. Es wäre so leicht gewesen, mit beiden einkaufen zu gehen.
Im Sektionssaal der Rechtsmedizin hatten sie eine Nachtschicht eingelegt. Der Staatsanwalt hatte derart Druck gemacht, dass normalerweise der Direktor des Institutes für Rechtsmedizin im Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE), Professor Dr. Klaus Buschmann, die Obduktion selbst vorgenommen hätte. Aber er befand sich im Urlaub, und so obduzierte der erfahrene und angesehene Gerichtsmediziner Dr. Faysal Mahmoudi, der hier seit zwei Jahren im Austausch mit einem Krankenhaus in Damaskus arbeitete. Keiner kannte sich nach vielen Jahren Krieg in Syrien mit der medizinischen Aufklärung von Tötungsdelikten so gut aus wie er. Während hier in Hamburg jeder Dreißigste eines nicht natürlichen Todes starb, war es in Damaskus im Schnitt jeder Zweite.
Zusammen mit einer jungen Ärztin und einem Sektionsgehilfen sowie in Anwesenheit einer Staatsanwältin und zweier Beamter aus der SoKo KILO MIKE obduzierten sie in dieser Nacht nach der üblichen Ablaufvorgabe, obwohl es schon jetzt offensichtlich war, dass die junge Frau am Vortag gegen 16.00 Uhr auf offener Straße mit einem Schnitt durch die Kehle umgebracht worden war. Gerichtsmediziner interessiert das zunächst nur sekundär. Sie lassen die Toten sprechen.
Sie begannen sofort nach Einlieferung von Frau Anderson mit der äußeren Leichenschau, suchten außerhalb des geöffneten Halsbereiches andere Verletzungen und prüften, ob alle Körperöffnungen intakt waren. Dann machte Mahmoudi einen T-Schnitt über den Oberkörper, von Schulter zu Schulter und in gerader Linie nach unten bis zum Schambein. Er untersuchte Kopf, Brust und Bauchhöhle, Gewebeschichten auf Verletzungen, studierte den Aufprall auf den Boden und suchte Leichenflecken, um sie in Zusammenhang mit der Todeszeit zu bringen.
Er diktierte jeden einzelnen Schritt und ließ Fotos anfertigen, insbesondere vom Schnitt durch den gesamten vorderen Halsbereich, der alle Halsweichteile durchtrennt hatte, was zum schnellen Tod durch Verbluten geführt hatte. Eine andere Gewalteinwirkung konnte trotz intensiver Suche nicht festgestellt werden und wurde daher auch ausgeschlossen.
Der Schnitt durch den Hals war durch eine Klinge von etwa zehn Zentimetern Länge erfolgt. Es war Aufgabe der ermittelnden Beamten, möglichst das Tatwerkzeug zu finden, während sich die Forensische Abteilung mit den Fasern an Karina Maries Kleidung sowie am Kinderwagen auseinanderzusetzen hatte. Frische Spuren am Untersuchungsobjekt und am Tatort dürfte es genug geben.
Bis zum Morgen war die Leiche wieder zusammengenäht und so hergerichtet worden, dass ein würdiger Abschied möglich sein sollte.
Dr. Mahmoudi kannte die Abschiedsszenen von so vielen Begegnungen, dass er die Gefühle der Angehörigen gut einschätzen konnte. Das war auch der Augenblick, in dem er selbst im Anblick des Leides Gefühle entwickelte und nicht mehr den gerade sezierten Menschen als Objekt sah, sondern als einen Menschen mit einer Seele.
Er hatte Karina Marie nicht im Sektionsaal belassen, der kalt durchgekachelt war und in dem grüne Plastiktücher und diverse Operationsinstrumente die Umgebung bestimmten, sondern eigens in einen schlichten weißen Abschiedsbereich verlegen lassen, der mit einem Kreuz an der Wand und einer brennenden Kerze ausgestattet war.
Marc wusste, dass man ihren Körper bereits in der Nacht aufgemacht hatte. Er hielt am Eingang inne und versuchte, das unwirkliche Bild zu verstehen. Er verstand es nicht. Sie gehörte dort nicht hin.
Sie war mit einem weißen Tuch zugedeckt. Er sah nur ihren Kopf und die Arme. Der Mund leicht geschlossen. Beide Hände waren friedlich auf dem Bauch übereinandergelegt.
Sie wird sich jetzt zur Seite wenden, lachend aufstehen und sagen, das hier ist alles ein Irrtum …
Behutsam ging er auf sie zu. Ganter und Jelke blieben an der Tür stehen.
Erst jetzt nahm er den großen, kräftigen Arzt wahr. Ein warmes, sympathisches Gesicht, das sein Beileid ausdrückte, aber dessen Name er gar nicht aufnahm.
Mit jedem Zentimeter, den er sich zu ihr wagte, wurde sie schöner. Ja, sie war blass und ihre Augen waren geschlossen, aber um ihren Mund schien sie zu lächeln. Er legte seine Hand über ihren Kopf, schaute zum Arzt, der nickte, und beugte sich über sie, küsste ihre Stirn.
Ihr langes schwarzes Haar war um ihre Schultern gelegt. Ihm war klar, dass er nur ihren Kopf und ihre Hände berühren durfte, alles andere war tabu. Er kannte diesen gewaltvollen, grausamen und todbringenden Schnitt durch die Kehle aus Kriegszeiten. Doch der Krieg war etwas anders, hier stand er am Totenbett seiner Ehefrau.
Er wollte stark bleiben, es ging nicht mehr. »Marie, ich war zu spät, es ist meine Schuld …«
Es folgte ein so starker Zitteranfall, dass er sich an der Bahre festklammern musste.
Dr. Mahmoudi schob ihm einen Stuhl zu.
Marc legt seine Hand auf ihre Hände und spürte ihre kalte Haut. Er war versucht, seine Wärme an sie zurückzugeben, doch sie blieb kalt. Sie lag einfach nur da und lächelte. Sie war es. Und sie war es nicht.
Er versuchte, sich die letzten Tage vorzustellen. Es ging nicht. Er fand keinen klaren Gedanken. Die ganze Nacht hatte er auf diesen Augenblick gewartet. Sie war so nah und unendlich fern. Er fand keinen Zugang.
Nach einigen Minuten erhob er sich.
Dr. Mahmoudi kam zu ihm und überreichte ihm eine Plastiktüte.
»Darin sind die Uhr Ihrer Gattin, die Halskette mit einem Medaillon, zwei Ohrstecker und der Ehering.«
»Danke. Sagen Sie mir, musste sie leiden, Doktor, bitte ehrlich, hat sie gelitten?«
»Nein, Herr Anderson. Das ging so schnell, da war eine Schrecksekunde, und dann war es auch schon vorbei. Ich versichere Ihnen, sie hat nicht gelitten.«
Marc versuchte es zu verstehen und hoffte, dass es so gewesen war.
»Was wird jetzt weiter mit ihr geschehen?«
»Das wird Ihnen nun Herr Holms erläutern, und die Notfallseelsorge wird Ihnen sicherlich durch die nächsten Tage helfen.«
Dabei schaute er Jelke durchdringend an, als wolle er ihr bezüglich Marc etwas signalisieren.
Marc verharrte. Irgendetwas war noch.
»Darf ich noch einen Augenblick mit ihr allein im Raum sein?«
»Natürlich, Herr Anderson, solange sie wollen.«
Die Tür schloss sich hinter ihnen. Er war allein.
Er beugte sich über sie, küsste ihren kalten, bläulichen Mund.
»Ich liebe dich, Marie, ich liebe dich so sehr.«
Er studierte ihre Lippen, die nichts sagten, aber dennoch hörte er ihre Worte:
»Ich liebe dich auch, Marc. Sei nicht traurig. Ich bin bei dir, in deinem Herzen, für ewig. Nichts kann uns trennen.«
Seine Tränen flossen über ihre Lider.
»Bitte, Marie, sag’ mir, was ist mit Pia geschehen? Wo ist unsere Tochter?«
Er streichelte ihre Lippen. Sie blieben stumm. Er nahm ihren Ehering aus der Plastiktüte und zog ihn über seinen kleinen Finger.
Dann beugte er sich zurück, erfasste ihr vertrautes Gesicht, das ihm in seiner Leblosigkeit und Kälte unerbittlich zeigte, dass er nicht Karina Marie küsste, sondern ihre Hülle.

»Danke, dass Sie zu uns gekommen sind, Herr Anderson, ich bin Joe Weber, LKA 4. Mein tief empfundenes Beileid. Wir können nur ahnen, was Sie derzeit durchmachen.«
Er schüttelte ihm die Hand und bat ihn, Platz zu nehmen. »Mögen Sie einen Kaffee trinken?«, fragte Ganter Holms. Marc nickte.
Die Tür zum Nachbarraum, einem Besprechungszimmer, war geöffnet.
Marc sah dort an der Wand eine Tafel mit der Bezeichnung: SoKo KILO MIKE, etliche Namen mit Funktionen, die Besetzung der Sonderkommission und verschiedene Fotos, darunter eines von Karina Marie, Pia und mehrere von Ali Naz in verschiedenen Ausführungen.
»Gibt es Ermittlungserkenntnisse?«, wollte Marc wissen.
Weber schüttelte verneinend den Kopf.
»Es ist wie verhext! Wir haben lediglich eine Silhouette von einer Person auf dem Video, wie sie in den Park hineingeht, und auch nur von hinten, mit Kapuze, also nicht den eigentlichen Tathergang. Wir sind noch nicht einmal sicher, ob diese Person der Mörder ist.«
Weber zeigte ihm das Bild.
»Sagt Ihnen das etwas?«
Marc schaute es sich genau an.
»Nein, mit Kapuze laufen bei Nieselregen wahrscheinlich Tausende durch Hamburg.«
»Es gibt auch keine Zeugen. Der kurze Weg durch den Park und sogar der Eintritt in ihre Wohnstraße war zur Tatzeit offensichtlich menschenleer.«
»Aber es muss doch Spuren geben. Irgendetwas hinterlässt doch jeder Täter!«
»Wir haben eine Vielzahl von Hinweisen, die derzeit forensisch ausgewertet werden«, sagte Holms, »Fußspuren, die Kleidungsstücke Ihrer Frau, der Kinderwagen, die Umgebung, aber bisher keinen Treffer.«
»Ist ja auch schwer vorstellbar, dass Ali Naz in eurer Datei ist«, meinte Marc verbittert.
Weber trat zum Fenster und schaute auf die Flotte der geparkten Streifenwagen.
»Wir ermitteln in alle Richtungen, Herr Anderson. Ein Zettel mit Allahu Akbar und Ali Naz heißt nicht zwangsläufig, dass er auch der Täter ist, zumal wir noch keine Bestätigung haben, dass er überhaupt lebt.«
»Sie wollen damit sagen, dass es jemand sein könnte, der mit islamistischem Motiv als Trittbrettfahrer aufgesprungen ist?« »Wie gesagt, alles ist vorstellbar. Wir haben in Hamburg eine salafistische Szene. Das ist auch ein Grund, warum wir Sie hergebeten haben.«
Marc schaute ihn eher desinteressiert an. Er wollte Informationen über Pia haben und keine theoretischen Ausführungen über irgendwelche islamistischen Zirkel in Hamburg. Auf dem Täterzettel stand Ali Naz, und es gab für den ein klares Motiv. Was also sollte diese Unterredung?
Holms schien seine Gedanken zu lesen.
»Wir können nicht ausschließen, dass Sie selbst Ziel eines weiteren Anschlages sind, deswegen wurde hier im Haus entschieden, Ihnen Personenschutz rund um die Uhr anzubieten.«
Marc musste nicht lange überlegen. »Sehr freundlich, Herr Weber, danke, aber ich brauche das wirklich nicht, ich bin selbst Personenschützer – auch in eigener Sache.«
»Ja, aber mit einem Gefährdungspotential, das Sie vielleicht trotz aller Professionalität nicht beherrschen könnten, Herr Anderson.«
Marc war jemand, der von Grund auf gelernt hatte, Verfolgungen zu erkennen und zu handeln. Jetzt, nach der Ermordung seiner Frau, war er natürlich sensibilisiert, eigentlich schon hypersensibilisiert. Er scannte alles um sich herum wie ein Radar, das nicht abschalten konnte.
»Ich danke Ihnen wirklich, das ist sehr freundlich, aber den Schutz möchte ich nicht.«
Weber schaute Holms an, als wolle er signalisieren, dass Anderson selbst erkennen müsse, welche Chancen er gerade ausschlug. Der Polizeipräsident höchstpersönlich hatte diesen Personenschutz vorgeschlagen. Eine derart personalintensive Maßnahme gab es nicht jeden Tag als Angebot.
»Ich verstehe«, sagte Weber, »wenn Sie sich anders entscheiden, lassen Sie es uns wissen, einverstanden?«
»Einverstanden, Herr Weber.«
»Gut, dann wollen wir über Pia sprechen. Das Ziel der SoKo geht in zwei Richtungen. Wir wollen den Mord an Ihrer Frau aufklären und die Spuren zu Ihrer Tochter finden. Wir behandeln Pias Verschwinden als Entführung. Also gehen wir auch davon aus, dass die Täterseite mit Ihnen in Kontakt treten will.«
Die Polizei sprach aus, was Marc hoffte. Er hatte sich längst auf einen Kontakt eingestellt, am Telefon, am Auto, eigentlich überall.
»Sie wollen meine Erlaubnis, das Telefon abzuhören und die Post einzusehen, richtig?«
»Richtig«, sagte Holms, »und zwar schon heute. Und gern hätten wir auch einen Beamten in Ihrem Haus, der Ihnen für den Fall der Kontaktaufnahme zur Seite steht.«
Marc wusste, dass seine Chancen, den Weg zu Pia ohne Polizei zu finden, schlecht waren. Er war auch viel zu fertig, um einen eigenen Plan anzugehen. Und selbst wenn er einen Alleingang machen würde: Die Polizei musste in dem Offizialdelikt weiterermitteln. Dazu war sie gesetzlich verpflichtet. Also würde er mit ihr maximal zusammenarbeiten, und zwar solange, wie er davon überzeugt war, dass sie ihre Sache gut machte. Aktuell hatte er von Weber und Holms einen guten Eindruck.
Weber hatte die Formblätter bereits in der Hand. Marc erkannte sie sofort.
Mein Gott, wie oft habe ich das mit meinen Kunden durchgesprochen, und jetzt bin ich selbst betroffen …
Eine Einverständniserklärung für die Nutzung seines Fahrzeuges, einschließlich technischer Veränderungen, die Überwachung, das Mithören, die Aufzeichnung und die inhaltliche Verwertung der Telefonate und eine Postvollmacht für die uneingeschränkte Postkontrolle. Die Behörde hatte ihrerseits auch eine Kostenübernahmeerklärung für die Nutzung seines Fahrzeuges und aller Telefone inklusive einer Kostenerstattung vorbereitet. Marc wusste auch, dass die Polizei bei einer Lösegeldübergabe von jeglicher Haftung freigestellt sein wollte. Doch das war hier kein Thema, konnte aber eines werden, sollte es tatsächlich ein Geldmotiv sein, was er hoffte, aber nicht glaubte.
Allein mit diesen polizeilichen Maßnahmen wäre er bereits rund um die Uhr transparent. Zu zweit, mit ihr, hätte er das abgelehnt. Doch jetzt war es ihm egal. Fast egal.
Als er die unterschriebenen Blätter mit einigen Streichungen zurückgab, sagte er:
»Ihr könnt das Haus verwanzen, alles okay. Aber es kommt niemand ins Haus, mein Handy und mein Auto bleiben auch sauber. Ich pass’ da schon auf.«
Weber sah ihn eindringlich an. »Es ist uns bewusst, dass diese Maßnahmen ein gravierender Eingriff in Ihre Persönlichkeitsrechte sind. Aber wir halten sie für zwingend notwendig. Wollen Sie diese Chance wirklich auslassen, Herr Anderson? Unsere operativen Maßnahmen könnten der Schlüssel zur Freiheit Ihrer Tochter sein.«
Marc dachte an das durchdringend hämische Lachen am Telefon, aber maß dem unverändert keine Bedeutung bei. Die Dinge würden sich entwickeln und sein persönliches Reaktionspotential, so glaubte er, sei am Ende größer als das der Polizei. Sein Gefühl sagte ihm ohnehin, dass er Pia im Ausland suchen müsste. Seine Intuition hatte ihn nur selten getäuscht.
Weber registrierte verärgert das negative Kopfschütteln, zeigte dies aber nicht. Er wusste, dass Anderson immer eigenständig gehandelt hatte, das war praktisch ein Gen von ihm. Hier schuf ihm Anderson allerdings ein Riesenproblem für die Ermittlungsarbeit.
»Okay, Ihre Entscheidung, Herr Anderson. Umso mehr müssen wir jetzt über ihre Waffen reden. Sie haben als Chef der Maritime Security Services ein eingetragenes Bewachungsunternehmen, und Sie sind Jäger. Lassen Sie uns Ihre Waffen im Einzelnen durchgehen. Das ist dann unsere letzte Frage. Danach bringen wir Sie nach Hause.«
Marc nickte.
»Da wäre noch etwas, Herr Anderson«, sagte Weber im Hinausgehen.
»Wir haben, wie Sie wissen, bei Ihrer Frau auch ihr Handy gefunden. Es ist im Sperrzustand. Können Sie uns den Entsperrungscode geben?«
Marc überlegte kurz. Er hatte ihnen die Genehmigung zur Telefonüberwachung gegeben. In Maries Handy würden sie all die liebevollen Dialoge finden, natürlich auch die Kontakte und Fotos.
Weber sah Marcs Zweifel.
»Sie bekommen das Gerät unbeschädigt und mit unverändertem Inhalt zurück. Für die Spurensuche ist das Handy immens wichtig.«
Im Grunde konnte Marc die Polizei verstehen. Sie brauchten jede erdenkliche Quelle für die Spurensuche. Er rief seinen Password-Organizer auf und gab dem Kriminalbeamten den Code zur Entsperrung des Gerätes und die PIN für die SIM-Karte.
Marc hatte Jelke gebeten, die Beerdigung zusammen mit dem Bestatter vorzubereiten. Er wünschte sich die Trauerfeier im kleinsten Familien- und Freundeskreis, zumal der Mord und die Kindesentführung unverändert bundesweit Schlagzeilen machten. Er brauchte Ruhe. Doch Jelke hatte ihn überzeugt, dass der Tod von Karina Marie viele Menschen zutiefst betroffen gemacht hatte, die auch ein letztes Mal bei ihr sein wollten. Marc fragte sich, was Marie, die evangelisch und gläubig gewesen war, sich wünschen würde. Sie hatten sich auf eine kirchliche Trauerfeier für die Öffentlichkeit geeinigt. Die Urnenbeisetzung sollte im kleinsten Kreise stattfinden.
Er hatte Marie einmal gesagt, dass er im Todesfall zu Asche werden wolle und sie die Asche zu sich nehmen möge, wenn sie das möchte. Sie hatte das für sich ebenso gewünscht. Mit dem Bestatter konnte er sich entgegen dessen Vorschriften darauf einigen, dass ein kleiner Teil ihrer Asche bei ihm bleiben durfte.
Die Tage und Nächte bis zur Beerdigung waren die schlimmsten seines Lebens. Er saß meistens bis tief in die Nacht auf dem Balkon, starrte auf die Elbe und wartete auf einen Telefonanruf oder eine schriftliche Nachricht. Doch es blieb still. Er aß zu wenig, wälzte sich im Bett und starrte an die Decke.
Manches Mal hörte er ihre Stimme so klar, dass er aufschreckte. Oder hörte ihre Schritte. Einmal glaubte er, sie an der Tür vorbeihuschen zu sehen.
Jelke kam jeden Abend. »Ich höre Stimmen, Jelke. Ich werde wahnsinnig.«
»Du wirst wahnsinnig, wenn du weiterhin so viel trinkst«, meinte sie, auf die leeren Bierflaschen zeigend, »aber was du erlebst, ist nicht ungewöhnlich.«
»Warum habe ich das Gefühl, Marie ständig um mich zu haben?«
Jelke wusste inzwischen, was Marc gerne aß und hatte zwei halbe Hähnchen mit Sauerkraut mitgebracht, zum Nachtisch ein Schokoladeneis.
»Möchtest du etwas über diese Wahrnehmungen wissen, Marc?«
»Danke für das Essen, Jelke, ja, bitte.«
»Gut, dann sage ich es einmal allgemein. Wenn ein Mensch, den wir lieben, verstirbt, bricht unsere Welt in sich zusammen. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Wir sehen Finsternis, um uns ist Leere und Schmerz. Noch schlimmer, dieser von uns gegangene Mensch scheint ein Stück von uns mitzunehmen. Der Verlassene lebt in einem Vakuum voller Schmerz und Verzweiflung. Er vegetiert eigentlich mehr und versucht irgendwie, weiter zu existieren.«
»Ziemlich genauso sieht es bei mir auch aus«, meinte Marc.
»Glaubst du eigentlich an die Seele eines Menschen, Marc?«
»Ich weiß nicht, ich glaube eher, was ich sehe, fühle und rieche.«
»Und kannst du Karina Marie fühlen?«
»Ja.«
»Berührt sie dich?«
»Ja, verdammt noch mal, ja«, antwortete er, wieder schluchzend.
Jelke wartete, bis er sich beruhigt hatte.
»Und du hörst sie, riechst sie und träumst von ihr. Wie kann das sein, wenn sie doch tot ist?«
»Weil ich anfange zu spinnen!«
»Nein, Marc, du gehörst zu den wenigen Menschen, die in einer energetischen Verbindung mit dem verstorbenen Menschen stehen können. Du hast Kontakt mit ihrer Seele. Seelen sind Energie.«
Marc stand auf und kreiste durch das Zimmer.
»Ich sehne mich nach diesen Kontakten und möchte aber auch, dass es vorbeigeht. Ich werde sonst noch verrückt.«
»Und wenn du dir vorstellst, dass es ihre Seele ist, die bei dir sein will? Sei mit ihr auf Augenhöhe! Freue dich über den Kontakt! Hab’ keine Angst. Das ist nicht neurotisch, sondern durchaus normal für eine intensive Beziehung.«
Er sah sie ungläubig an.
»Ist das für einen Elitesoldaten so schwer zu akzeptieren?« »Ziemlich«, sagte er. »Wird es vorbeigehen?«
»Das kann ich dir nicht sagen. Aber die Erfahrung sagt, dass es mit abklingender Trauer weniger wird. Es gibt auch Menschen, die hören eine Stimme ein Leben lang. Die Seele ist unsterblich.«
»Warum höre ich nicht Pia, Jelke?«
»Vielleicht weil sie lebt, Marc. Ihre Seele ist noch nicht unterwegs.«
Marc nahm sie in den Arm. »Danke, Jelke, danke.«
An diesem Abend fuhr Marc zu Karina Maries Eltern, Paula und Erich Hansen. Erich Hansen hatte Marc angerufen, er wolle ihm etwas mitteilen.
Paula begrüßte ihn mit einem freundlichen Lachen. Ihre fortschreitende Demenz ließ kein ernsthaftes Gespräch zu. Es war nicht klar, ob sie überhaupt noch etwas Zusammenhängendes aufnehmen würde, wahrscheinlich nicht. Trotzdem ging Erich mit seinem Schwiegersohn vorsorglich in den Nachbarraum.
Marc drückte seinen Schwiegervater, der dabei steif blieb wie eine Stange. Er konnte keine Gefühle zeigen, schon gar nicht zulassen. Zum Leid von Karina Marie, die ihn oft hatte kitzeln müssen, damit er aus sich herauskam.
»Wie kommt ihr beiden mit dem Verlust zurecht, Erich?«
Sein Schwiegervater, früher Ingenieur, ließ sich schwer in den Sessel fallen. Seine Herzschwäche erlaubte es ihm kaum, sich zu bewegen.
»Marc, ich stehe unter starken Medikamenten. Ich kann nicht lange sprechen. Aber ich muss dir etwas Wichtiges sagen.« Marc sah ihn fragend an.
»Du musst wissen, dass ich mit Karina Marie mein zweites Kind verloren habe, meine zweite Tochter.«
»Eine zweite Tochter? Marie hat mir nie von einer Schwester erzählt.«
»Sie ist auch nicht ihre Schwester, sondern eine Halbschwester. Ich hatte vor Karina Maries Geburt ein Verhältnis mit einer Frau im Irak, während eines Aufenthaltes dort als Leiter einer Baustelle. Aus dieser Begegnung ist eine Tochter hervorgegangen. Der Irak war im Krieg, meine Firma zog mich ab. Ich habe mich mit der Mutter geeinigt, dass ich das Kind mit nach Deutschland nehme. Sie ist bei uns aufgewachsen und war leider Gottes nur schwierig. Sie hatte große Probleme in der Schule, obwohl sie hochintelligent war. Von Paula wurde sie nie wirklich akzeptiert. Der Liebling in diesem Haus war nun einmal Karina Marie. Das war damals das zentrale Problem.«
»Wie heißt sie, wo ist sie jetzt?«
»Sie heißt Sarah, Sarah Hansen. Sie hat uns mit sechzehn Jahren verlassen. Ich vermute, mit fremder Hilfe. Unhöflicherweise hat sie dabei Geld und Schmuck mitgenommen. Ja, sie ist einfach verschwunden und hat uns vorher noch bestohlen. Das gab meiner Frau den Rest!«
Erich hustete, hatte Mühe, die Sätze auszusprechen.
»Weißt du, wohin sie gegangen ist?«
»Es gab einen Zettel. Offensichtlich zurück zu ihrer leiblichen Mutter. Ich habe nachgeforscht, aber wir fanden keine erkennbaren Spuren. Ich weiß noch nicht einmal, ob sie überhaupt noch lebt. Du kennst die Situation in diesen Kriegsgebieten.«
Marc wartete Erichs Hustenanfall ab.
»Und warum sagst du mir das erst jetzt, Erich?«
»Manches Mal, Marc, spielt das Leben verrückt. Wenn einer geht, erscheint vielleicht jemand, mit dem man nicht gerechnet hat. Der Tod von Karina Marie ist Thema in der Weltpresse. Vielleicht nimmt meine zweite Tochter Sarah jetzt Kontakt mit uns oder mit dir auf. Deswegen wollte ich dir das sagen.«
Marc ging zum Fenster. Er überlegte, ob er das, was ihm auf den Lippen lag, seinem Schwiegervater zumuten konnte. Er drehte sich zu ihm um.
»Ich habe auch noch einen weiteren Menschen verloren.« Sein Schwiegervater sah ihn fragend an.
»Karina Marie war im zweiten Monat schwanger.«
Der alte Mann sackte in sich zusammen und schwieg. Dann erhob er sich langsam und legte seine Hand schwer auf Marcs Schulter. Mehr war ihm aufgrund seiner psychischen Konstitution nicht möglich.
Zu Hause setzte sich Marc an Maries Schreibtisch. Er zögerte etwas, die kleinen Schubladen aufzumachen. Er überlegte, ob Marie einverstanden wäre und konzentrierte sich darauf, mit ihr in Verbindung zu treten. Doch da kam nichts.
Er fand eine mit Blumen bemalte Kiste in einer Schublade, öffnete sie und sah Fotos und seine Briefe aus den Einsätzen. Dazwischen ein Brief, der nicht von ihm stammte. Es war Maries Schrift.
An meine verlorene Schwester
Mein geliebtes Schwesterherz,
heute jährt sich wieder einmal der Tag, an dem Du plötzlich verschwunden bist. Damals konnte ich es nicht begreifen, warum Du gingst. Doch heute, nach so vielen Jahren und mittlerweile selbst Mutter, weiß ich, wie sehr Du unter der Ablehnung meiner Mutter – Deiner Ersatzmutter – gelitten haben musst. Ich wünschte, ich könnte Dir die Liebe zurückgeben, die Dir vorenthalten wurde. Wo bist Du? Wer bist Du geworden? Ich wünsche mir so sehr, dass Du mit mir Kontakt aufnehmen würdest und erleben könntest, wie sehr Dich meine Familie umarmen würde. Ich habe Dich immer geliebt und bete für Dich. Deine Schwester Karina Marie.
Marc legte den Brief nachdenklich zurück.
Welche Gründe mochte Marie für ihr Schweigen gehabt haben, da sie beide doch immer über alles geredet hatten? Vielleicht sollte er irgendwann einmal nach dieser Sarah Hansen im Irak suchen. Irgendwann.

Hassan Schirazi, der Präsident und Regierungschef des Irans bekam von seinem Sekretär die telefonische Nachricht:
»Der Präsident der USA möchte Sie gern sprechen und lässt anfragen, ob das so kurzfristig möglich sei.«
»Geben Sie durch, ich freue mich!«
Dass beide Präsidenten inzwischen fast freundschaftlich sprachen, war seit dem aufgeklärten Verrat des ehemaligen obersten Kommandeurs der Revolutionsgarden, Ali Naz, möglich geworden. Schirazi hatte nach dem Attentat auf die SUNDOWNER dem amerikanischen Präsidenten Summerhill einen versteckten Hinweis gegeben, und der Iran hatte den anschließenden Vergeltungsschlag in Ahvaz billigend in Kauf genommen.
Danach brach eine neue Ära in der Beziehung beider Länder an. Der parteilose Präsident George F. Summerhill hatte sämtliche Sanktionen gegen den Iran aufgehoben, obwohl der längst über atomar bewaffnete Topol-M-Interkontinentalraketen verfügte. Aber die USA hielten sich mit Summerhill konsequent aus den aktuellen Konfliktherden der Welt heraus. Dafür waren sie für die Selbstverteidigung zu Land, Wasser, Luft und im All so gut geschützt wie kein anderes Land in der Welt.
Summerhill bevorzugte es, mit der einstigen Achse des Bösen, zu der auch der Iran gezählt hatte, zu kommunizieren und die Zusammenarbeit kulturell und wirtschaftlich zu fördern.
Diese positive, bilaterale Entwicklung hatte auch Schirazi den Rücken gestärkt. Nie hatte ein iranischer Regierungschef unter dem neuen Staatsoberhaupt und zugleich obersten Religionsführer der Islamischen Republik so viel Handlungsfreiheit wie er. Und auch die Macht des regulären Militärs war nach dem Verrat von Ali Naz gestiegen, wie die der Revolutionsgarden gleichzeitig gesunken war. Der fanatische Ali Naz wollte Israel vernichten und den Iran stärken. Das Erstere hatte er nicht erreicht, das Letztere wohl. Doch nur, weil Menschen besonnen gehandelt hatten, insbesondere der US-Präsident, der sich nicht hatte erpressen lassen, weder von Ali Naz noch von Israel und auch nicht von den Falken in seinem eigenen Lager, die den Vernichtungskrieg gegen den Iran wollten.
Trotzdem wusste Schirazi, war Summerhill alles andere als naiv. Sein Geheimdienst CIA war so stark wie nie zuvor.
»Guten Tag, Präsident Schirazi, schön, dass Sie Zeit für mich haben.«
Seitlich am Schreibtisch im Oval Office saß John F. Martin, Summerhills langjähriger Stabschef und Vertrauter. Der hatte ihm gerade einen CIA-Bericht über das Attentat in Hamburg gegen die Ehefrau des Marc Anderson vorgelegt.
Summerhill kannte beide persönlich von der Ordensverleihung im Weißen Haus. Wenn er einem Menschen zutiefst zu Dank verpflichtet war, dann diesem sympathischen Deutschen, der in einer spektakulären Unterwasseroperation mit seinem Team zur SUNDOWNER getaucht war, um seine Frau Karina Marie zu retten und damit auch die Familie des Präsidenten. Und nun war diese junge Frau bestialisch ermordet worden, vermutlich ein Racheakt. Summerhills Familie, insbesondere seine Tochter und damalige Schiffsgeisel Jane, war vollkommen entsetzt. Jane hatte die Schiffs-Hotelmanagerin Karina Marie als schwangere Frau kennen- und schätzen gelernt. Besonders sie konnte diesen sinnlosen Tod nicht begreifen und schon gar nicht den Raub des Kindes.
»Es ist mir immer wieder eine Freude und Ehre, Mr. President«, antwortete Schirazi.
»Wie geht es dem Iran? Ich höre, die Wirtschaft läuft gut und die Menschen sind zufrieden wie nie. Verraten Sie mir Ihr Zaubermittel!«
»Das muss ich wahrlich nicht, Mr. President. Das haben wir von Ihnen gelernt. Seit Sie Ihrem Land voranstehen, hat sich die Welt zum Guten verändert. Ihre positive intensive Strahlkraft zieht unaufhörlich über den ganzen Globus.«
»Wir haben nur den einen«, sagte Summerhill, »vergessen wir nicht, wir sind eine Menschenfamilie unter einem Schöpfer.«
Der Stabschef fand es interessant, dass dieser kurze Dialog, in dem Summerhill natürlich den Gott der Juden meinte, und Schirazi seinen Gott Allah, überhaupt nicht zu einem Disput führte, sondern religiöse Toleranz auch hier das Miteinander prägte.
Genau diese Toleranz und Weitsicht liebten die Amerikaner an ihrem parteilosen Präsidenten. Summerhill hatte die wirklichen Werte der amerikanischen Verfassung wiederbelebt. Er forcierte in seiner Politik das Prinzip der Humanität gegenüber allen Menschen wie kein anderer US-Präsident zuvor. Rassismus und Ausgrenzungen lehnte er strikt ab. Mit zunehmendem Wohlstand verflachte auch in den beiden politischen Lagern der vormalige gegenseitige Hass. Die Bürger sorgten sich schon jetzt um die Zeit nach dem Ausscheiden dieses Ausnahmepräsidenten.
Denn noch spürten sie die Nachwirkungen jenes korrupten und hochgradig narzisstischen Präsidenten, der als Geschäftsmann die USA heruntergewirtschaftet und die Außenbeziehungen im vermeintlich nationalen Interesse verspielt hatte. Heute empfand es die Mehrheit im Land als ein nationales Glück, dass jener Präsident in seiner zweiten Amtszeit nach der wiederholten sexuellen Belästigung von Frauen im Oval Office sowie nach hysterischen Ausbrüchen im Internet und vor allem nach der öffentlichen Androhung eines Dritten Weltkrieges aus dem Amt entfernt und die Amtsunfähigkeit mit Durchsetzung des 25-sten Verfassungszusatzes als dauerhaft erklärt wurde. Ein Vorgang, der in der Geschichte der USA niemals zuvor zur Anwendung kam.
»Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen, Präsident Schirazi. Was halten Sie davon, wenn wir gemeinsam ein Manöver zum Schutz der Straße von Hormus durchführen und zwar zusammen mit den Anrainerstaaten? Das dürfte ein starkes Signal sein. Was denken Sie?«
»Natürlich bin ich darüber sehr erfreut, Mr. President, außerordentlich erfreut! Es wäre neben unserer hervorragenden Zusammenarbeit in den Vereinten Nationen wieder ein neuer Meilenstein in unserer guten Beziehung. Selbstverständlich muss ich den Vorschlag, den ich schon jetzt historisch nennen möchte, intern absprechen.«
Das war dem US-Präsidenten vollkommen klar, zumal mit den Anrainerstaaten Saudi-Arabien, Kuweit, Bahrain, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und der Oman gemeint waren. Und darum ging es vor allem. Weniger um die Sicherung des wichtigen Versorgungsweges durch das dreißig Seemeilen enge Nadelöhr, sondern eben um die Befriedung festgefahrener Rivalitäten in der Region rund um den Persischen Golf und den Golf von Oman.
Summerhill schuf umgehend Fakten: »Falls der Iran dem zustimmen könnte, würde ich zeitnah eine Besprechung unserer Generalstabschefs vorschlagen, vorzugsweise in Katar auf der Al Udeid Air Base, aber auch an einem Ort Ihrer Wahl. Ich rege auch an, dass wir beide uns im Zuge dieses Projektes einmal persönlich kennenlernen, um das Vorhaben öffentlich bekanntzugeben. Was halten Sie davon?«
»Nichts wäre mir lieber, Mr. President. Ich halte das für einen wirklich großartigen Vorschlag. Sie werden alsbald von uns hören.«
»Da wäre noch etwas, Präsident Schirazi. Ich nehme an, Sie haben von dem Anschlag in Hamburg gehört, bei dem es ein Bekennerschreiben von Ali Naz geben soll. Lebt dieser Mann tatsächlich noch? Wir haben unsere sehr gut auswertbare Nachaufklärung noch einmal geprüft und sehen dort, wo die Führungsriege gesessen hat, eindeutig nur Schutt und Asche. Können Sie mir vielleicht dazu etwas sagen, Herr Präsident?«
»Natürlich, Mr. President, haben wir von Hamburg gehört und können nicht glauben, dass Ali Naz tatsächlich Ihren Luftangriff überlebt haben soll. Alle Körper, soweit sie überhaupt noch vorhanden waren, wurden in ein Massengrab gelegt. Wir sind wahrlich nicht stolz auf diesen General, der mit seiner verräterischen Clique unser Oberhaupt tötete, um dann Ihr Land und Ihre Familie anzugreifen. Solche Leute wurden bei uns früher öffentlich gehenkt und zur Schau gestellt. Doch nach dem verheerenden Luftangriff war da nichts mehr. Von Ali Naz wurde lediglich seine Uniformjacke mit einem abgerissenen Arm gesichtet. Für uns ist sein Tod eindeutig. Trotzdem wird als Konsequenz des Attentates in Hamburg derzeit das Grab noch einmal geöffnet. Wir versuchen eine DNA-Analyse durchzuführen. Natürlich wollen wir wissen, ob der Mann tatsächlich noch sein Unwesen treibt.«
»Wenn Sie möchten, Präsident Schirazi, stellen wir Ihnen unsere Erkenntnisse zur Verfügung, wie ich auch die Zusammenarbeit unserer Geheimdienste in dieser Sache anbiete.«
»Da wäre ich Ihnen sehr verbunden, Mr. President, wenn das auch einschließt, dass Sie in Teheran von Ihrer Botschaft aus die Abhörung meines Hauses einstellen.«
George F. Summerhill war einen Augenblick lang fassungslos. Er schaute kurz auf ein Papier, das ihm John herüberschob und erwiderte: »Das sollte wirklich nicht sein, Präsident Schirazi. Ich werde hören, was dort los ist. Gleichzeitig bitte ich Sie höflichst, Ihrem Botschafter bei uns in Washington zu sagen, er möge aufhören, Regierungsbeamte abzuwerben. Wir wissen, dass er zur Auslandsaufklärung Ihres Geheimdienstes VEVAK gehört. Ich denke, unsere beiden Länder sollten hier einen Gang zurückfahren.«
Nunmehr blieb Schirazi für einen Moment stumm.
»Dem kann ich nur zustimmen, Mr. President. Vielleicht haben wir beide gemeinsam, dass wir zuweilen selbst von der Kreativität unserer Dienste überrascht werden.«
»Sie haben leider recht, Präsident Schirazi. Aber wir beide sollten uns davon nicht irritieren lassen. Lassen Sie uns bitte wissen, wenn es Neuigkeiten bezüglich Ali Naz gibt. Mir liegt die Aufklärung des Falles sehr am Herzen.«
»Das ist verstanden, Mr. President. Es war wie immer ein großes Vergnügen, mit Ihnen zu reden. Ich danke Ihnen sehr für Ihre Offenheit.«
»Und ich für die Ihre. Auf Wiederhören, Präsident Schirazi!« »Auf Wiederhören, Mr. President!«
»Das war’s, John«, sagte der Präsident zu seinem Stabschef, »er hätte mich beinahe kalt erwischt, aber nur beinahe. Danke für den Zettel! Setzen Sie die CIA erstens auf die Suche nach der kleinen Pia an, und beten wir zu Gott, dass sie noch lebt. Und zweitens, ich will alles über den Terroristen Ali Naz wissen, auch, wer für den Mord in Hamburg verantwortlich ist. Ich nehme an, dafür wird man den deutschen Bundesnachrichtendienst benötigen. Ach, das bringt mich auf die Idee, mit der deutschen Kanzlerin zu sprechen. Schon lange überfällig …«
»Jetzt gleich oder später, Mr. President?«
»Ich gehe erst einmal nach oben in mein Arbeitszimmer und schreibe einen Kondolenzbrief an Marc Anderson.«
»Sollen wir das nicht für Sie machen, Sir? Sie haben doch Wichtigeres zu tun.«
»Manche Angelegenheiten muss man selbst erledigen, besonders, wenn sie von Herzen kommen.«
Der Stabschef wurde etwas verlegen. Er hätte seinen Präsidenten kennen müssen.

»Präsident Summerhill für Sie«, sprach Susanne Ehrlich in die Direktleitung zu ihrer Chefin.
Bundeskanzlerin Dr. Henriette Behrens stand noch unter dem Eindruck des täglichen BND-Lagebildes, konnte aber nicht ahnen, dass genau wegen dieses Falles der US-Präsident selbst anrief.
»Hello, Henriette!«
»Hi, George, schön dich zu hören!«
»Können wir auf Live-Video schalten?«
»Das können wir, Augenblick, ich bin gleich bereit.«
Henriette setzte sich vor den Monitor. Sie war in der nunmehr dritten Legislaturperiode tatsächlich so etwas wie eine vertraute Freundin des US-Präsidenten geworden. Er hatte unterstützt, dass Deutschland im neuen europäischen Verteidigungsbündnis zusammen mit Frankreich und England eine führende Rolle spielte. Vor allem lief die Wirtschaft zwischen beiden Staaten, wie auch zwischen den USA und Europa hervorragend. Summerhill hatte alle Handelsbeschränkungen seines Vor-Vorgängers rigoros abgeschafft und setzte konsequent auf freien Handel.
Die deutsche Bundeskanzlerin war sein Star in Europa. Sie war gebildet, politisch versiert, und galt mit ihren halblangen, schwarzen Haaren, den dunkelgrünen Augen und ihrer Topfigur in den USA als Germanys best brand. Vor allem war sie berechenbar. Die Kanzlerin hatte sich im letzten Jahr bei dem Terroranschlag gegen seine Familie wieder einmal als äußerst verlässliche Partnerin erwiesen.
»Ich bin bereit, George!«
»Mein Gott, wie schaffst du es, immer so verdammt gut auszusehen, Henriette?«
»Ich gebe das Kompliment gern zurück, Mr. Robert Redford.« »Du beschämst mich mit so viel Lorbeeren. Kommen wir zum Grund meines Anrufes. Du hast sicherlich von dem Mord bei euch in Hamburg gehört?«
»Natürlich, George, wir sind mittendrin. Ich bin zutiefst betroffen. Marc Anderson kenne ich persönlich. Er war für eine Karriere bei unseren Spezialkräften vorgesehen, hat sich dann aber für ein mehr privates Leben mit seiner Karina Marie entschieden.«
»Ich kenne beide. Sie war eine großartige Frau und wurde auf dem Schiff die Freundin meiner Tochter Jane.«
»Das Ganze ist entsetzlich, George. Wir versuchen herauszufinden, wer dahintersteckt. Im Augenblick haben wir noch keinen Beweis für einen terroristischen Hintergrund, auch, wenn es auf den ersten Blick so scheinen mag.«
»Schau’ dir einmal diese Bilder an, Henriette!«
Sie sah Aufnahmen von einer Militärparade mit iranischen Offizieren auf einer Tribüne.
»Das ist vor unserem Angriff auf diesen Ali Naz. Dort, wo der Kreis ist, das ist er.«
»Okay, erkannt«, sagte sie.
»Und das ist nach dem Angriff.«
Nichts von dem, was auf dem ersten Bild dargestellt wurde, war wiederzuerkennen. Trümmer, Schutt und Nahaufnahmen von zerfetzten Leichen.
»Kannst du dir vorstellen, dass hier auch nur einer überlebt hat?«
»Kaum, George, ich nehme an, du hast mit dem Iran darüber gesprochen. Was sagt Schirazi dazu?«
»Habe ich. Er ist derselben Auffassung wie ich. Sie begeben sich nun doch noch einmal an die Untersuchung der Leichenteile. Schirazi sprach auch davon, dass sie damals die Uniformjacke von Brigadegeneral Ali Naz mit einem abgerissenen Arm gefunden hätten.«
»Das bestätigt unseren Eindruck, dass die Person hier am Tatort in Hamburg den Namen Ali Naz nur vorgeschoben hat. Vielleicht ein Trittbrettfahrer oder ein Einsamer Wolf.« »Ihr solltet da nicht so sicher sein, Henriette. Wir haben Informationen, dass im Libanon seit Monaten eine neue Guerillaorganisation im Untergrund aufgebaut wird, die mit der Hamas zusammenarbeitet und die völlige Zerstörung Israels will. Sie sind inzwischen mit Raketen aus dem Iran, China und Russland bewaffnet. Die Organisation wird wie die Revolutionsgarden trainiert und geführt. Und jetzt halte dich fest, der Kommandeur ist ein einarmiger, leicht humpelnder Mann, den sie Talimaan nennen, das ist angeblich der Name eines Helden.«
»Das klingt nicht gut, George!«
»Sollte sich bewahrheiten, dass Talimaan jener Ali Naz ist, dann wäre es kaum vorstellbar, dass sich dieser verkrüppelte Mann nach Hamburg begeben hat, um dort persönlich einen Racheakt zu vollziehen. Dann hätte er eher Hintermänner gehabt, sagt die CIA.«
»Und wir hätten in Hamburg tatsächlich eine Zelle,« erwiderte sie, »die womöglich noch mehr vorhat, als bereits geschehen.«
»Offen gestanden, Henriette, wir glauben, dass dies ein persönlich motivierter Racheakt gegen unseren Marc Anderson war, nicht mehr und nicht weniger, so grausam es ist. Ali Naz nimmt sich offensichtlich immer die Familie und nicht den eigentlichen Feind vor. Das ist seine Masche. So war es bei mir, als er meine Familie auf dem Schiff in seine Hände bekam.«
»Du musst Schreckliches durchgemacht haben, George. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich an diese Situation denke.«
»Wem sagst du das … und noch etwas. Ali Naz ist offensichtlich nie selbst am Tatort. So ließ er das Attentat auf dem Schiff durch gekaufte Leute durchführen. Deswegen glauben wir bislang, dass er auch in Hamburg Auftraggeber und nicht Ausführender gewesen war.«
»Ich werde das dem BND sagen. Den wichtigen Aspekt wussten wir noch nicht. Danke!«
»Soweit zu seiner persönlichen Agenda, Henriette. Seine politische Zielsetzung, die USA zu bekämpfen, dürfte allerdings unverändert dieselbe sein. Die USA haben also ein vitales nationales Interesse daran, dass alle amerikanischen Einrichtungen in Deutschland effektiv geschützt werden, besonders das Generalkonsulat in Hamburg.«
»Das ist verstanden, George. Ich werde das veranlassen, und ich werde dafür sorgen, dass der Staatsschutz eingeschaltet wird.«
»Danke, Henriette. Ali Naz, wenn er denn lebt, gehört zu den gefährlichsten Terroristen in der Welt. Wir stufen trotz noch abzuschließender Beweislage die Gefahrensituation so hoch ein, dass ich auch meine Tochter Jane davon abgehalten habe, zur Beerdigung von Karina Marie Anderson nach Hamburg zu fliegen. Sie wollte unbedingt kommen, aber folgt Gott sei Dank meinen Bedenken. Die Familie hat heute an Marc Anderson geschrieben. Unser Generalkonsul wird das Schreiben überreichen.«
»Danke, George, auch wir werden angemessen reagieren. Haben wir beide noch etwas?«
»Das wär’s für heute. Es ist gut, dich in Deutschland als Chefin zu haben.«
»Das sehen nicht alle so«, lachte sie, »grüße bitte deine Frau Marion herzlich von mir.«
»Das will ich gern tun. Ich bin gewiss, dass ihr alles unternehmen werdet, Marcs Baby lebend zu finden. Ich möchte wirklich nicht in seiner Haut stecken. Take care, Henriette!« »Take care, George!«

Die evangelisch lutherische Kirche in Blankenese war ein Traum in Weiß, wenn der Anlass nicht ein Albtraum für Marc gewesen wäre. Jelke hatte sich in ihre Freundin hineinversetzt und war sicher, dass sie all das wunderbar finden würde. Der schlichte Altarbereich, getragen von den drei hohen schmalen Glasfenstern, war ein weißes Blumenmeer aus Rosen, das auch für eine Hochzeit nicht hätte schöner sein können. Einzig die weiße Urne mit Karina Maries großem Porträt und zwei brennenden Kerzen zeigten das Unfassbare. Und anders als der weiße Trauerschmuck war die Urne von bunten Blumen umgeben.
Die Kirche war einschließlich der beiden seitlichen Emporen bis auf den letzten Platz besetzt. Lediglich für die Angehörigen und Marcs Team waren die ersten Reihen rechts und links freigehalten worden.
Auf dem von der Polizei abgesperrten Vorplatz standen Hunderte von Menschen, die sich wie alle anderen einer Personenkontrolle hatten unterziehen müssen. Man hatte davon abgesehen, die Sicherheitsstufe 1 zu aktivieren, da die Tochter des US-Präsidenten und auch der deutsche Verteidigungsminister kurzfristig abgesagt hatten, angeblich wegen der Sicherheitslage.
Dennoch kamen die Medien auf ihre Kosten, als sie einige der anfahrenden Gäste erkannten:
Der Amerikanische Generalkonsul sowie der Bürgermeister der Stadt; Hamburgs Polizeipräsident Hendrik Mann zusammen mit zwei Beamten der SoKo KILO MIKE, Joe Weber und Ganter Holms.
Der KSK-Kommandeur Brigadegeneral Wolf. Er hatte Karina Marie nach ihrer Befreiung durch Marc und Tom an der Küste Algeriens in Empfang genommen.
Der Truppenpsychologe Gerrit Hinrich, der Marc nach dem tragischen Verlust seines Freundes betreut hatte.
Uniformierte Elitesoldaten aus Marcs alter Einheit in Calw sowie vom Marinestützpunkt Eckernförde.
Karina Maries ehemaliger Lebensgefährte, Johannes Ericson, begleitet von seinen Eltern Georgia und Gustaf.
Der Kapitän der SUNDOWNER, Gert Raimunds, samt Crew sowie der Reeder.
Der Leiter des Institutes für Rechtsmedizin, Professor Klaus Buschmann, zusammen mit seinem Kollegen, Dr. Faysal Mahmoudi, der Karina Marie obduziert hatte.
Ziemlich weit hinten saß ein kräftiger Mann mit Bürstenhaarschnitt. Es war kein Sicherheitsbeamter, von denen sicherlich einige hier verstreut herumstanden, sondern Porter, der die SEALs zur SUNDOWNER geführt hatte und inzwischen den Dienst quittiert hatte. Er hatte seit der ersten Begegnung eine Affinität zu den Männern der Maritime Security Services gehabt.
Viele andere waren ebenfalls in der Kirche, die einen persönlichen Bezug zur Familie Anderson hatten. Die Trauergäste hatten Platz genommen und ließen die Stille auf sich wirken. Sie sahen, wie durch das Kirchenfenster das Sonnenlicht auf das Bild einer strahlenden jungen Frau fiel. Nicht einmal ein Husten oder ein Bewegungsgeräusch störte die Ruhe.
Dann erhoben sich die Trauergäste, beginnend mit der letzten Reihe. Marc führte Karina Maries Eltern zum Altar. Die kranke Mutter Paula wusste das alles nicht wirklich zu deuten und lächelte freundlich grüßend zu den Gästen. Der Vater war durch sein versteinertes Gesicht gezeichnet wie auch Marc. Als sie sich vor der Urne verbeugten, löste sich Paula spontan von Erich, ging zu dem Bild und streichelte es stumm. Ihre Augen waren erschrocken aufgerissen. Sie schien für den Moment das Unfassbare zu begreifen.
Ein stilles Raunen ging durch die Kirche, als Jelke kam. Sie führte langsam Karina Maries Kinderwagen zur Urne.
Sie hatte Marc um dieses Ritual gebeten. Marie sollte bei ihrer Verabschiedung mit der ganzen Familie vereint sein. Zugleich war es für alle das sichtbare Symbol einer Tragödie und der Hoffnung zugleich, denn im leeren Kinderwagen stand das Foto einer strahlenden Tochter, von der allerdings niemand wusste, ob sie noch lebte.
Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass das Bild vom Kinderwagen vor der Urne das UNICEF-Pressefoto des Jahres werden würde.
Hinter Jelke folgte Marcs Team. Thomas, Ale, Thunder, Hermy und Mike. Alle in Tarnfleckhosen und schwarzem T-Shirt. Marc wollte deren öffentlichen Auftritt zunächst nicht, denn seine Brüder hatten bis zur letzten Rettungsaktion im Atlantik kein Gesicht gehabt. Nach dem Empfang im Rathaus war das inzwischen egal. Das Gesicht jedes Einzelnen war jetzt bekannt. Er wusste nicht einmal, ob er seine Firma überhaupt weiterführen würde.
Die Trauergemeinde setzte sich, und der Pfarrer, der bereits Karina Marie getauft und konfirmiert hatte, begann seinen bewegenden Gottesdienst.
Er sprach von ihr, nein mit ihr, als wäre sie unter den Gästen und erklärte, warum die Kirche weiß und nicht dunkel geschmückt sei. Weiß sei die Farbe von Karina Marie, Weiß als Symbol, dass Trauer wichtig sei, aber das Leben weiterginge in strahlender Erinnerung an sie. So hätte er sie erlebt.
Der Leiter des Gospelchors, in dem Karina Marie mitgewirkt hatte, erzählte von seinen Begegnungen. Sein Chor sang in einer bewegenden Intonation das Halleluja:
I heard there was a secret chord …
Danach Stille. Der Pfarrer nickte zur ersten Reihe.
Der Hüne Tom stand auf. Er, der Karina Marie am längsten kannte, hatte eine kleine Rede vorbereitet. Doch als er auf den Zettel blickte, konnte er die Zeilen nicht mehr lesen. Er weinte, blickte verlegen in die Menge, verließ das Stehpult und ging zu ihrem Bild, den Rücken zur Gemeinde.
Dann brach es förmlich heraus.
»Karina Marie, wir sind alle deinetwegen hier. Doch das ist der falsche Ort. Wir wollen nicht, dass du tot bist … Du gehörst da oben nicht hin … Ich meine, noch nicht … Wir haben dich zweimal aus schlimmster Gefahr befreit … Und ich sage dir, wir haben das verdammt gern gemacht … für dich, für unseren Bruder Marc … für uns … und dann kommt einer und schneidet dir auf der Straße, hier mitten in Hamburg, einfach den Hals durch … und nimmt dein Baby … Du hattest keine Chance … Dein Glück war wohl verbraucht … Ich weiß, nicht mehr, ob es einen Gott gibt … aber ich weiß, dass du jetzt bei uns bist … und siehst, wie wir um dich weinen … Gute Reise, Karina Marie … Du wirst für immer in unseren Herzen bleiben.«
Er wartete, bis er sich gefasst hatte, wandte sich vom Bild ab, trat zu Marc und wollte ihn spontan umarmen. So wie immer, wenn sie unter sich und sich alle nahe waren. Er erschrak über diese Idee hier in der Öffentlichkeit und so blieb er vor Marc stehen. Sein Brustkorb hob und senkte sich. Er wollte ihm etwas sagen. Es ging nicht. So nahm er Haltung an und grüßte militärisch zu seinem Freund. Der nickte ihm liebevoll zu.
»Mein Gott«, flüsterte Polizeipräsident Hendrik Mann zum Bürgermeister, »was für ein Mann, was für ein Freund, mehr geht nicht.«
Der Pfarrer berichtete fast fröhlich von den Stationen Karina Maries, und der Gospelchor sang Sailing.
Can you hear me, can you hear me Through the dark night, far away I am dying, forever crying To be with you, who can say …
Marc saß bis dahin mit unbewegter Miene. Doch nun durchbebte wieder dieses starke Zittern seinen Körper. Das Lied, zugleich der Beginn ihrer Liebe, war zu viel. Er krampfte seine Fingerknöchel zusammen, bis sie weiß wurden. Jelke legt ihre Hand behutsam auf seine. »Geht schon wieder, danke Jelke.«
Die Gemeinde sang und ein junger Tenor aus Hamburg trug das Gedicht von Dietrich Bonhoeffer »Von guten Mächten wunderbar geborgen« vor.
Es war kein Lied für Marc. Er war nicht bereit, das anzunehmen, was dort vorgetragen wurde:
Und reichst du uns den schweren Kelch, den bitteren des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.
Aber das war ihr Lieblingsgedicht gewesen. Und deswegen war es gut so.
Der Pfarrer war bereit, die Gemeinde mit einem Segen zu verabschieden, als etwas nicht Abgesprochenes geschah.
Karina Maries Vater, Erich Hansen, ging schleppend nach vorne. Er blickte in die Trauergemeinde und begann:
»Ich bin ihr Vater. Fassungslos, entsetzt, traurig, und ich schäme mich nicht zu sagen, ich bin wütend. Sehr wütend. Man hat uns das Liebste genommen, was wir besaßen. In einer einzigen Sekunde. Sie liebte, sie wurde geliebt, und … sie war schwanger.
Sie hat verzweifelte Eltern hinterlassen, einen verzweifelten Ehemann.
Ich gehöre, anders als meine Tochter, keiner Religion an, aber ich stehe hinter einer Sure des Korans, die Teil meiner Lebensphilosophie ist:
Wenn jemand einen Menschen tötet, so ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet.
Für uns beiden Alten fühlt es sich an, als wäre mit dem bestialischen Mord an unserem Kind die ganze Menschheit getötet worden. Was soll nun noch lebenswert sein? Was kann noch lebenswert sein, wenn das Kind vor den Eltern geht? Doch der Text der Sure geht weiter:
… und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, so ist es, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten …
Deswegen habe ich nur einen einzigen Wunsch, dass man unser Enkelkind Pia finden möge, damit unsere geliebte Karina Marie in ihr weiterleben kann. Damit wir alle, die Familie und ihre Halbschwester, in ihr weiterleben können.«
Während Erich Hansen sprach, zeigte ein Trauergast am Eingang starke Gefühle, senkte den Kopf und stützte sich an der Mauer ab. Offensichtlich war das der geradezu überbordenden Emotion geschuldet, die hier inzwischen viele erfasst hatte. Einige mussten raus an die frische Luft gehen. So auch diese Person.
Draußen schaute sich diese Person um, ob sie unbemerkt war, zog ein Smartphone hervor und sendete über einen schweizerischen Messengerdienst mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselungsprotokoll:
Alles nach Plan. Fotos aller Zielpersonen folgen. Paket versorgt.
Die Antwort kam augenblicklich.
Perfekt. Phase zwei wird vorbereitet. Allah umarmt dich.

Er hockte vor ihrem Grab zwischen den Bäumen auf dem Waldfriedhof. Die Vögel zwitscherten. Weiter weg lief ein Hase über die Lichtung. Über dem Friedhof zog ein Flugzeug Kondensstreifen. Nichts davon nahm er wahr. Erich, Paula und Jelke waren die Einzigen, die er beim letzten Gang bei sich haben wollte und ertragen konnte. Der Bestatter war mit der Urne an diesen Ort vorausgefahren, wo Karina Maries Pfarrer die kleine Gruppe erwartete.
Seine kurze Rede endete mit dem Segen für Karina Marie und die Familie: »Gehet hin in Frieden.«
Aber Marc wollte nicht und blieb als Einziger am Grab zurück. Er hing seinen Gedanken nach, die immer wieder um den einen Punkt kreisten:
Warum musste das geschehen, warum war ich nicht bei ihr?
Er hatte sich vor ihr Grab gehockt, sein Kopf in seinem Arm vergraben, eine Hand zu ihr gestreckt. Alle seine Sensoren, die, wie er einmal gesagt hatte, Teil seiner Gene seien, waren vollkommen ausgeschaltet. Vor seinen Beinen stand ein kleiner verschraubter Metallbehälter, darin ein Teil der Asche, die ihm überlassen worden war.
Die Person hinter einem der Bäume beobachtete die Szene. Sie stellte befriedigt fest, dass niemand in der Nähe war, auch keine Personenschützer, mit denen sie angesichts der Lage eigentlich gerechnet hatte. Denn der Pressesprecher des Polizeipräsidiums hatte getwittert, dass ein terroristischer Hintergrund nicht ausgeschlossen werden könne. Man würde in alle Richtungen ermitteln.
Dieser Waldfriedhof war das ideale Gelände für die Abrechnung. Die Hand griff langsam in die seitliche Jackentasche und fühlte das Messer. Zwischen den beiden lag eine kurze Grasfläche, die lautlose Annäherung wäre kein Problem. Das Opfer war ein menschliches Wrack, weit weg von einem Elitesoldaten.

Die SoKo KILO MIKE stand auf. Es passierte nicht jeden Tag, dass der Polizeipräsident Hendrik Mann vorbeikam. »Guten Morgen, meine Damen und Herren! Danke, dass Sie alle so intensiv arbeiten, um einen Fall zu lösen, der die Republik bewegt. Lassen Sie uns gleich zur Sache kommen. Wie ist der Sachstand, Joe?«
Joe Weber, der Leiter der SoKo übernahm.
»Ich begrüße zunächst die Kollegen vom Bundeskriminalamt. Wir haben über einhundert Hinweise aus der Bevölkerung bekommen. Die meisten zu dem veröffentlichten Fahndungsfoto und zum verlustigen Teddybären.«
Auf dem Bildschirm Fotos von dem in der Öffentlichkeit bereits titulierten Kapuzenmann und dem Teddybären. Jelke hatte von diesem Bärchen glücklicherweise ein privates Foto zur Verfügung stellen können.
»Bisher leider kein einziger Hinweis, der zu einer brauchbaren Spur führen könnte. Im Kinderwagen fanden wir Blut. Es ist aber gesichert, dass dieses nicht das Blut von Pia ist, sondern das der Mutter. Der oder die Täterin hatte offensichtlich Blut an der Hand, vermutlich am Handschuh, als das Kind aus dem Kinderwagen genommen wurde. Das Baby war mit einer Decke geschützt, die ebenso fehlt.«
»Wie könnte sich die Täterperson mit dem Baby entfernt haben, Joe?«
»Vermutlich nicht zurück durch den kleinen Park, dann hätten wir ein Kamerabild, sondern eher direkt zur Straße in ein bereitstehendes Auto. Da ein Bezug zu Ali Naz vorliegt, haben wir uns auch auf Fluchtmöglichkeiten ins Ausland konzentriert. Es gibt weder einen Hinweis für eine Flucht auf dem Wasser- noch über den Luftweg. Wir halten es für wahrscheinlicher, dass die Täterperson sich im regionalen Umfeld befindet oder sich über die Straße ins benachbarte Ausland abgesetzt hat.«
»Danke, Joe. Herr Anderson hatte durch seine Arbeit vielfältige Berührungspunkte zur islamistischen Szene. Wie sind hier die Ergebnisse?«
»Das BKA hat uns eine aktuelle Liste über alle bekannten Rückkehrer des sogenannten Islamischen Staates gegeben. Die Datenauswertung ist noch nicht abgeschlossen. Vier Tage vor der Tat wurde diese irakische Frau nach der vollständigen Verbüßung einer vierjährigen Haftstrafe aus der JVA entlassen. Sie gilt als nicht resozialisiert, bereut nichts und wird als Gefährderin eingestuft. Auch hier kein Treffer mit den Spuren am Tatort. Außerdem hat die Frau ein hieb-und stichfestes Alibi.«
Während Joe Weber vortrug, wurde ihm von einem BKA-Beamten ein Zettel gereicht. Er atmete erleichtert durch.
»Offensichtlich gibt es einen ersten konkreten Hinweis. Von einem ausländischen Nachrichtendienst wurde eine Nachricht mit dem Text abgefangen. Ich lese vor: »Perfekt. Phase zwei wird vorbereitet. Allah umarmt dich.«
Die Nachricht wurde aus dem Libanon an einen unbekannten Empfänger abgesendet.«
Er las Datum und Uhrzeit vor.
»Moment mal!«, sagte Ganter Holms. Er sah in seinen Kalender: »Das war doch zum Zeitpunkt der Trauerfeier in der Kirche!«
»Na prima«, meinte Joe Weber, »dann nehmen wir uns doch einmal alle Besucher der Trauerfeier vor. Haben wir davon Bildmaterial?«
»Ja«, meinte eine Beamtin, »ich hatte den Auftrag, alle Personen nach Beendigung des Gottesdienstes zu filmen. Das Material ist noch nicht ausgewertet.«
»Dann aber bitte mit Vollgas!«, sagte Joe Weber, »und außerdem eine Überprüfung aller Personen, die im unmittelbaren persönlichen Umfeld zu Marc Anderson stehen, also auch sein Team.«

Marc strich liebevoll über das Urnengrab, nahm etwas Erde in die Hand und lies sie langsam durch die Finger gleiten. Wieder und wieder rieselte die Erde durch seine Finger. Er versuchte, zu ihr dort in dem Grab eine Beziehung aufzubauen. Doch wie er sich auch anstrengte, anders als in der Leichenhalle gelang es nicht. Sie war nicht in diesem Grab, sie war in der kleinen Metalldose vor seinen Beinen. Trotzdem konnte er sich von dem Erdhaufen mit dem schlichten Holzkreuz, auf dem ihr Name eingebrannt war, nicht lösen. Er fixierte das Kreuz.
So wie die ihn beobachtende Person ihn fixierte.
Marc nahm die Dose in die Hände.
Ich werde mit dir überall dort hinfahren, wo wir waren … überall werde ich etwas Asche verstreuen und …
Seine Gedanken verloren sich und sein Kopf sackte erneut nach unten. Er stammelte »Marie«, wollte weinen, aber es kamen keine Tränen mehr.
Hinter den Bäumen trat die Person langsam vor, das Messer fest in der Hand, die Augen wie ein Laserstrahl auf den Hinterkopf des Opfers gerichtet.
Doch langsam löste sich die Hand vom Messer.
… Du bist noch nicht dran, Marc Anderson … leider … Aber auf dich wartet die Hölle auf Erden … Dein Tod wird schlimmer sein, als du es dir je vorstellen könntest … Bis dahin werden wir dein ständiger Begleiter sein …

»Hat euch mein Bild vom Teddybären weitergebracht?«, fragte Jelke. Ganter schüttelte verneinend den Kopf. Er blieb schweigsam, denn mit der Weisung seines Vorgesetzten musste jeder aus dem persönlichen Umfeld von Marc Anderson überprüft werden. Dazu gehörte, und Holms fand den Schluss geradezu entsetzlich, auch Jelke, Karina Maries beste Freundin und Patentante von Pia. Er hasste Ermittlungsarbeit, wenn es mehr um Aktivismus als um Sinnhaftigkeit ging. Es würde wieder eine reine Formsache sein, dann war Jelke abgehakt, so wie auch Marcs Leute, da war er sicher.
»Wie schätzt du seine psychische Situation ein?«, fragte er. »Ich bin mir nicht sicher, Ganter«, antwortete sie und nahm einen Schluck Cappuccino.
Ganter, in seinem gelben Kaschmirpullover, schwarzen Jeans und legerem Schal, sah man hier im gut besuchten Elbterrassen-Café nicht an, dass er ein ermittelnder Kriminalbeamter war. Vielleicht hatte er sich aber auch nur für Jelke so herausgeputzt, die in ihrem blauen Blazer mit einem weiß-blauen Halstuch und den kleinen diamantenen Ohrringen unter ihrer als Zopf gebundenen, blonden Haarpracht bezaubernd aussah.
»Bisher ist das gezeigte Verhalten noch nachvollziehbar«, sagte sie, »aber wenn man Marc so kennt wie ich, dann macht das doch große Sorgen. Er ist komplett anders, vollkommen aus der Bahn geworfen. Alles, was ihn ausmachte, scheint fort zu sein.«
»Meinst du, dass er traumatisiert ist?«
»Natürlich ist er das. Frage ist nur, wie stark und wie lange das anhält. Wir haben in der Krisenintervention üblicherweise mit dem Typ I – Monotrauma zu tun, das heißt, wir behandeln die Folgen einer kurzzeitigen und einmaligen Einwirkung und hoffen, dass durch unser Wirken Symptome wie Angst, Traurigkeit, wiederkehrende Bilder und Schlafstörungen, vorbeigehen.«
»Nun ‘mal langsam, Jelke. Es sind gerade zehn Tage vergangen. Er kommt schon wieder.«
»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Normalerweise halten die Symptome in einer akuten Belastungssituation etwa ein bis zu drei Wochen an und klingen dann allmählich ab. Wenn das sechs Wochen oder länger dauert und sich die Symptome immer noch nicht reduzieren, ist das eine gravierende Trauma-Folgestörung im Sinne einer Erkrankung. Das muss man ernst nehmen, Ganter. Verschleppte und nicht behandelte Symptome könnten ihn grundlegend verändern.«
»Gibt es denn dafür Anzeichen?«, fragte Holms.
»Mir fällt auf, dass er nicht mehr weint. Aber er weint unaufhörlich nach innen. Kennst du so etwas, wenn einer leidet, sich abkapselt und unendlich traurig ist? Marc ist von Grund auf lebensfroh und kommunikativ. Deswegen mache ich mir Sorgen über den weiteren Verlauf.«
»Du meinst, das könnte auf eine posttraumatische Belastungsstörung hinauslaufen?«
»Ich fürchte ja. Eine PTBS ist nicht auszuschließen. Damit wäre er ein Typ II-Trauma-Fall, aus dem man ohne professionelle Hilfe nicht herauskommt. Aber ich bin keine Psychotherapeutin, ich kann das nicht beurteilen. Vielleicht höre ich unnötige Alarmglocken. Ich weiß nur, dass Marc mir unendlich leid tut, und ich merke, dass ich emotional doch stärker im Fall bin, als ich dachte. Die Organisation der Beerdigung hat mich abgelenkt, aber jetzt geht es mir auch nicht gut.«
Ganter hatte das kommen sehen. Es konnte einfach nicht funktionieren, schon gar nicht bei Jelke.
»Wirst du ihn weiter als Notfallseelsorgerin begleiten? Das wirst du nicht, oder doch?«
»Nein Ganter, erstens ist das nicht unser Job, wir sind nur für die Erstintervention da, außerdem habe ich mich entschieden, ihm privat zur Seite zu stehen, damit er die Kurve bekommt. Ich bin das meiner Freundin schuldig. Das lässt sich mit einem weiteren Notfallseelsorgeeinsatz nicht vereinbaren. Geht gar nicht, will ich auch nicht. Ich würde unverzeihliche Fehler in der Beratung machen.«
Die Terrasse war inzwischen bis auf den letzten Platz besetzt. Ganter drehte sich aus alter Gewohnheit um. Er sah im Augenwinkel etwas weiter entfernt einen Mann mit einer Kamera.
»Lass’ uns zahlen, Jelke. Es kann sein, dass wir die Medien am Hals haben. Die Meute ist auf der Jagd nach einer Story.« Sie nickte, blickte sich nach einer Weile dorthin um, wohin Ganter geschaut hatte. Da war nichts zu sehen.
Ganter zahlte und registrierte ebenfalls, dass die Person verschwunden war.
»Vielleicht galt es nicht mir. Pass’ du bitte auch gut auf, Jelke. Du bist seit der Sache mit dem Kinderwagen in der Kirche stadtbekannt.«
»Ich weiß«, sagte sie. »Das ist auch ein weiterer Grund, warum ich mir keinen Notfallseelsorge-Einsatz mehr bei Marc leisten kann. Wir arbeiten still und gehen am liebsten anonym aus dem Einsatz heraus.«
»Gute Entscheidung, Jelke. Zurück zu Marc Anderson. Vielleicht kann man ihm etwas Gutes tun. Wir kooperieren mit einer Psychotherapeutin aus Norderstedt. Nicht mit irgendeiner, sie ist besonders. Sie fliegt, schießt und ist sportlich. Wir haben sie über ein Schießtraining kennengelernt und sie hat sich in Abwehrtechniken ausbilden lassen.«
»Etwas ungewöhnlich für eine Psychologin«, meinte Jelke.
»Wohl wahr. Erst später haben wir erfahren, was sie beruflich macht und ihr eine Zusammenarbeit angeboten. Wir haben sie mehrmals beim Täter-Profiling dazu geholt, soll heißen, sie steht bei uns auf der Notfallliste für akute Einsätze. Diese Frau weiß also, wie Menschen in Ausnahmesituationen ticken.«
»Aber ihr habt doch eure eigene Psychologin bei der Polizei.« »Haben wir: Kollegin Anita Volpert. Sie ist gerade mit der Ausbildung fertig und froh, dass es Daniela gibt. Sie hat ihr einige Fälle übergeben. Alle von der Psychotherapeutin betreuten Kollegen sind wieder im Dienst.«
»Das scheint ja eine Wunderwaffe zu sein. Weißt du, wie sie arbeitet?«
»Sie therapiert systemisch, schaut also primär auf das Jetzt, soll heißen: auf das akute Problem. Und sie arbeitet wohl auch mit Hypnose.«
»Das klingt spannend. Könnte zu Marc passen. Schickst du mir bitte ihre Adresse?«
»Nicht nötig.«
Er kramte in seinem Portemonnaie und gab ihr eine Visitenkarte.
»Danke, Ganter, ich hoffe, wir sehen uns bald wieder?«
»Mit Sicherheit, liebe Jelke.« Er gab ihr einen Wangenkuss und sprang in den Wagen. Sie blickte ihm überrascht nach. Das hatte er noch nie getan. Es war ihr überhaupt nicht unangenehm.
Als sie ihre Wagentür aufmachte, sah sie auf der anderen Straßenseite eine Person mit einer Kamera auf sie gerichtet.

Das Tunnelversteck der Feinde Israels in der Bekaa-Ebene inmitten des Dreiländerecks Libanon, Syrien und Israel hätte nicht besser sein können. Gesichert als militärisches Sperrgebiet der Hisbollah, nach oben getarnt und durch die berühmten Tempelanlagen geschützt, die seit 1984 als Weltkulturerbe der UNESCO gelten. Denn sie enthielten mit dem Jupiterheiligtum, dem bis auf das Dach fast vollständig erhaltenen Bacchustempel und dem Rundtempel mit seiner einmaligen Formgebung einige der größten und am besten erhaltenen Bauten der römischen Kaiserzeit. Niemand würde es wagen, das Hauptquartier von Talimaan zu bombardieren, sollte es jemals entdeckt werden. Diese Möglichkeit gäbe es nur durch Verrat.
Die von den zweitausend Jahre alten Steinen tief beeindruckten Touristen hatten keine Ahnung, dass sie über eine High-Tech-Kommandozentrale liefen.
Talimaan war an einem wichtigen Meilenstein seiner neuen Karriere angelangt. Er erwartete den Hamas-Kommandanten Generalmajor Nour Majed Metzbah aus dem Gazastreifen mit einer Delegation von vier hochrangigen Offizieren zu einem strategischen Gespräch. Wenn es erfolgreich verlaufen würde, wäre der Traum, den Erzfeind Israel zu vernichten, in greifbare Nähe gerückt.
Metzbah war mit seinen Männern vom wiederhergestellten internationalen Flughafen Jassir Arafat gekommen, der vom Golfstaat Katar errichtet worden war, nachdem sich die Fatah und Hamas endlich darüber geeinigt hatten. Doch sie waren nicht nach Beirut geflogen, sondern auf einen Privatflughafen nach Jordanien, in die Nähe der syrischen Grenze. Dafür hatten sie Kommunikationskanäle benutzt, die nach dem Verbot der Hamas durch Jordanien nie versiegt waren. Vielleicht auch, weil Jordanien dieses Verbot nachträglich als Fehler erkannt hatte.
Am Flughafen, der aus nicht mehr als einer eintausendsechshundert Meter langen Piste, einem eher provisorischen militärischen Tower und einer heruntergekommenen Baracke bestand, warteten zwei Toyota-Hi-Lux-Pick-Ups, unter deren Hardtops genügend Waffen verborgen waren, um sich notfalls den Weg freizuschießen. Doch das sollte sich als unnötig erweisen. Unter Umgehung der Fernstraße M5 waren sie über Umwege und ohne Probleme in einer Tagesfahrt zur Bekaa-Ebene gelangt.
Die Hamas hatte den Transit präzise vorbereitet. So passierte die Delegation die syrischen Kontrollposten ohne Probleme. An der Grenze zum Libanon wurde sie von Hisbollah-Soldaten oberflächlich geprüft. Diese Soldaten gehörten bereits der neuen Untergrundbewegung an. Die Delegation wechselte die Fahrzeuge und fuhr mit Armeefahrzeugen, nun unter dem Schutz von Talimaan, in die Nähe von Baalbek.
Sie hatten im militärischen Sperrgebiet zwei Sicherheitsringe passieren müssen. Der letzte war ein durch Bäume getarnter Tunneleingang, an dem sechs vermummte Soldaten standen, die ihnen bedeuteten, alle Waffen abzulegen. Das geschah höflich und war auch von der Delegation im Grunde so erwartet worden.
In dem etwa acht Meter hohen Tunnel, der breit genug war, dass ihn Fahrzeuge durchqueren konnten, fuhren sie ohne jegliche Begleitung auf einer Schiene mit einem E-Transporter etwa zwei Kilometer in ein spärlich beleuchtetes unterirdisches Tunnelsystem hinein, das eine Selbstorientierung vollkommen ausschloss.
Wären nicht die Falltüren gewesen, die sich gespenstisch nach oben bewegten, sobald der Transporter in die Nähe kam, hätte man glauben können, sie wären in einem verlassenen, verstaubten Bergwerk, zumal ab und zu Ratten vorbeihuschten, die anscheinend von diesem Teil der Anlage Besitz ergriffen hatten.
Vor der letzten Tür standen zwei Wachen, die außer Salutieren und dem Öffnen einer großen metallenen Flügeltür scheinbar keine Funktion hatten. Die Tür zierte ein abgewandeltes Emblem der Hisbollah mit den goldenen Initialen »A.N.«
Sie stiegen aus, gingen durch die Tür, und das Team stand unvermittelt in einer Kommandozentrale, ausgestattet mit einem riesigen Lagetisch, an dem Soldaten an Computern und in den Tisch eingelassenen Touch-Screen-Monitoren arbeiteten und sie kaum beachteten. Ein Bildschirm zeigte ihr fahrendes Fahrzeug in einer Aufzeichnung. Auf anderen Screens Bilder von strategischen Orten in Beirut, der Grenze nach Israel und Syrien, von Flug- und Seehäfen und von einem militärischen Ausbildungslager. Auf einem Vier-Quadranten-Monitor wechselten Bilder von Technikern, die an einer Rakete arbeiteten.
Metzbah versuchte sich ein Bild über die Zielsetzung der Informationen zu machen, doch die war nicht zu erkennen. Oberflächlich sah es wie die Vorbereitung eines Angriffes auf kritische Infrastrukturen im Libanon aus.
Er war von der Technik dieses hochmodernen Einsatz- und Führungszentrums verblüfft, das dem Situation Room, dem Lagezentrum im Weißen Haus, alle Ehre gemacht hätte.
Sie hatten das Lagezentrum fast durchschritten, als er noch kurz CNN-Bilder vom US-Präsidenten Summerhill im Oval Office zusammen mit Tochter und Enkelkindern registrierte. Metzbah kannte die Gesichter seit der versuchten Entführung auf dem Atlantik. Klar, wen er gleich treffen würde.
Die Gruppe wurde von einem Offizier übernommen, der sich als persönlicher Assistent von Talimaan vorstellte. Sie verließen die Führungszentrale und gelangten in einen neuen Raum.
Talimaan, der den gesamten Weg der Delegation auf Monitoren verfolgt hatte, erhob sich hinter seinem Schreibtisch. Er trug eine dünne schwarze Aba, ein Übergewand, das vom Hals bis zu den Füßen reichte und ihm eine religiöse Aura verlieh. Hinter ihm ragten zwei riesige Standfahnen in den Raum.
Generalmajor Metzbah war einen Augenblick versucht, seinen Blick abzuwenden, aber das wäre unhöflich gewesen. So sah er fest in das vermutlich entstellte Gesicht eines Mannes, das einseitig durch ein Tuch verhüllt war, dessen Mund nur durch einen Schlitz zu sehen war und der majestätisch mit einer Hand vor dem Herzen vor ihm stand. Einen Augenblick musterten sich beide regungslos.
»Sei gegrüßt, Bruder. Ich hoffe, ihr hattet eine unbeschwerte Anreise.«
Metzbahs Gesicht durchzog ein leises, befreites Lächeln. Die Mission in die Höhle des Löwen war brandgefährlich. Aber er hatte nicht ernsthaft damit gerechnet, in eine Falle zu geraten. Dafür waren die gemeinsame Interessenslage und die intensive Vorbereitung dieses Treffens zu groß.
Von diesem Talimaan ging tatsächlich eine Strahlkraft aus, die bis in den Gazastreifen vorgedrungen war. Metzbah konnte diese Aura noch nicht deuten. War es die vermutete Verkrüppelung, das schlichte Gewand ohne jeglichen Uniformbezug oder die fast geräuschlose Arbeitsatmosphäre in dieser hochmodernen unterirdischen Festungsanlage?
Die Delegation nahm an einem reichlich mit Essen gedeckten Tisch Platz. Soldaten servierten diskret aus dem Hintergrund. Man startete mit den üblichen Floskeln, bis Metzbahs Miene ernst wurde.
»Ich sehe, du hast dich gut eingerichtet, Talimaan. Wir wollen keine langen Vorreden. Meine Führung hat mich autorisiert, mit dir, deinem Wunsche entsprechend, über die Möglichkeiten einer sehr intensiven Zusammenarbeit zwischen Hamas und Hisbollah zu sprechen. Zunächst bitten wir dich, uns einen umfassenden Bericht über deine Stärke und Pläne zu geben.«
Talimaan, der bis dahin keine drei Sätze gesprochen hatte, schwieg auch jetzt. Er drückte auf einen Handsender. Ein Offizier kam aus dem Lagezentrum, verbeugte sich kurz, ein Vorhang vor einem riesigen Monitor öffnete sich und der Offizier zeigte ein komplettes Truppen-Lagebild. Aufnahmen von iranischen und russischen Panzern, von iranischen Raad-3 Raketen mit Reichweiten bis zu 400 Kilometern sowie Batterien mit sowjetischen Mehrfachraketenwerfern im Einsatz. Talimaan sah das Erstaunen in den Gesichtern der Hamas-Delegation und ergriff jetzt direkt das Wort:
»Seit dem Kurswechsel im Iran haben sich bereits über sechzig Prozent der Hisbollah vom Iran losgelöst, der für unsere Brüder und Schwestern längst keine Islamische Republik mehr ist, sondern ein dekadenter westlicher Ableger der Feinde Allahs. Wir sind inzwischen über dreißigtausend Kämpfer, haben politische und militärische Schlüsselpositionen in Beirut und Damaskus besetzt und werden hier im Dreiländereck eine neue Islamische Republik gründen.«
Das saß. Die Besucher hatten davon gehört, aber jetzt war es im O-Ton.
»Doch ich möchte euch noch ein paar Daten mit auf den Weg geben. Wie ihr wisst, zählte die Hisbollah schon vor meinem Erscheinen zu den am besten ausgerüsteten Armeen in der Welt. Wenn die gesamte Hisbollah gänzlich zu uns übergelaufen ist, und das sehe ich kurzfristig, besitzen wir ein Arsenal von über 140.000 Raketen und Flugkörpern, darunter über eintausend C-802 Marschflugkörper, die alle wichtigen Objekte in Israel vernichten werden. Sie fliegen unter Schallgeschwindigkeit, können nicht gestört werden und haben eine Treffergenauigkeit von 98 Prozent. Doch das ist nicht alles. Seht hier!«
Es folgten Bilder von einer Fabrik mit chemischen Kampfstoffen, ein Ausbildungslager mit Soldaten in ABC-Schutzausrüstung sowie ein Feldflugplatz mit Kampfhubschraubern.
Metzbah war beeindruckt. »Und habt ihr wirklich die Fähigkeit zur Herstellung von nicht-konventionellen Waffen? Das wäre allerdings eine Sensation.«
»Biologisch nein, zu kompliziert in der Herstellung und Lagerung, aber wir arbeiten daran. Chemische Waffen, ja. Wir verfügen dank Syrien über ein ausgefeiltes Arsenal chemischer Kampfstoffe. Atomar ebenfalls ja. Wir können die Raad 3-Raketen wahlweise mit chemischen Kampfstoffen und atomaren Einsatzmitteln bestücken …«, er machte eine bedeutungsvolle Pause, »und auch diese hier.«
General Metzbah richtete sich plötzlich auf. Er konnte es kaum glauben. Auf dem Bildschirm erschien eine Batterie mit iranischen Shahab 3-Raketen, ganz offensichtlich im Besitz von Talimaans Milizen. Jetzt konnte er auch die TRG-Fahnen auf den Bildern deuten, wie die hier im Raum. Talimaans Revolutionäre Garden. Er hatte offensichtlich vor, die Hisbollah-Kämpfer auf seine Person einzuschwören.
Metzbahs Gedanken rasten. War Talimaan klug oder größenwahnsinnig? Oder beides? Der Mann hielt sich zweifelsfrei für unsterblich. Nun gut, das war seine Sache. Am Ende würde ihrer aller Sieg zählen. Metzbah war hier, um herauszufinden, ob man auf den starken Talimaan setzen konnte.
»Liebe Brüder«, erklärte Talimaan pathetisch, »ihr seht die Shahab-Raketen mit Atomsprengköpfen ausgerüstet. Flugzeit direkt in das Herz von Israel in weniger als zehn Minuten. Diese Hisbollah-Raketen sind der Grund, warum die USA und Israel so nervös sind und massiv in ihre Luftverteidigung mit Arrow 3-Raketen investieren. Aber ich sage euch, sie hinken längst hinterher!«
»Warum bist du dir so sicher, Talimaan? Dieses Gebiet ist voller israelischer Spione. Sollte Israel auch nur den Hauch einer existentiellen Gefahr spüren, werden sie euch mit einem Erstschlag vernichten.«
»Das wird nicht geschehen, Bruder. Sie trauen der Hisbollah keinen Erstschlag zu. Wir ihr wisst, hatte die Hisbollah trotz der enormen Stärke nie den politischen Willen, vernichtend zuzuschlagen, weder proaktiv noch reaktiv. Die Israelis wissen das, und so schießt man ein bisschen hin und zurück. Reine Drohgebärden, keine Strategie!
Ich aber werde meine neue Stärke nutzen und wie ein Blitz aus dem Dunklen kommen. Mein militärisches Konzept ist an russischen Plänen zur Besetzung des Baltikums angelehnt. Nur mit dem Unterschied, dass wir Israel in wenigen Stunden in Schutt und Asche legen. Der Feind wird das Heulen unserer Raketen hören, und bevor er reagieren kann, ist er neutralisiert! Denkt an Hiroshima! Wer durch die Detonation nicht umkam, starb durch die Druckwelle, das Feuer und die radioaktive Verstrahlung. Alles Leben wird auf einen Schlag ausgelöscht, und das Land weit über unser aller Leben hinaus unbewohnbar sein!«
General Metzbah hielt diese Strategie für selbstmörderisch. Hier würde es noch erheblichen Klärungsbedarf geben, aber zunächst beließ er es bei der Frage: »Was denkst du, werden die Amerikaner danach anstellen, Talimaan?«
»Die USA und besonders der friedliebende Präsident Summerhill werden keinen Zweitschlag von ihren Flugzeugträgern und U-Booten riskieren, denn sie kennen die nuklearen Fähigkeiten der Hisbollah. Nach unserem Sieg kennen sie auch mich. Die Amerikaner werden einfach verschwinden. Allahu Akbar!«
Metzbah kannte die Stärke der Hisbollah, aber jetzt war er doch überrascht, wie weit Talimaan die Waffen in seine Garden integriert hatte, und wie weit er vorgedacht hatte. Talimaan personifizierte eine religiös motivierte Mission gegen den Erzfeind Israel mit der Präzision eines Generalstabschefs. Das hatte es so noch nie gegeben. Nie zuvor erschien General Metzbah der Sieg über das verhasste Israel so nah.
Er war mit seiner Voraufklärung zufrieden. Die Informationen erschienen glaubhaft und überzeugend. Wenn Talimaan ein kritisches Problem hatte, dann war es der Zeitfaktor. Er musste handeln, bevor die Israelis das Ausmaß der Gefahr erkannten.
»Ich sehe, wie stark du bist, aber warum brauchst du uns, die Hamas, Bruder?«
Talimaan ließ zunächst einen weiteren Gang Essen und Getränke servieren.
Sie kamen nun zum Kern des Treffens.
»Ich finde, dass ihr schon zu lange Jahre im Gazastreifen isoliert seid. Eure Kriege waren trotz eurer heroischen Taten erfolglos. Ihr werdet wirtschaftlich von Israel kleingehalten, könnt euch nicht bewegen und schießt Pfeile, deren Spitzen stumpf sind.«
»So kann man es sagen«, bestätigte General Metzbah.
»Wir möchten euch helfen, und ihr könnt uns helfen, denn wir haben dasselbe Ziel«, setzte Talimaan fort, »ihr könnt endlich euer freies Palästina haben, indem wir uns erst militärisch und dann politisch verbünden, zu einer neuen Islamischen Republik.«
»Trotzdem habe ich nicht verstanden, warum du die Hamas militärisch benötigst.«
»Sehr einfach. Wenn du gestattest, möchte ich dir das in drei Punkten erläutern. Erstens, eure Teilnahme erlaubt mir einen Zwei-Fronten Angriff. Ihr habt ein ausgefeiltes Tunnelsystem, aus dem ihr eure Raketenwerfer herausholen könnt und zur vereinbarten Zeit zuschlagt. Dadurch werden die Israelis abgelenkt. Sie werden denken, es sei wie immer. Kurz darauf kommen wir aus der Luft und rücken mit Panzern nach. Zeitgleich schlagen eure großartigen Quassãm-Brigaden zu.«
Eine Karte zeigte in groben Linien den Aufmarschplan auf einer Zeitachse von maximal zwölf Stunden. Talimaan sah zufrieden die begeisterte Reaktion bei seinen Gästen.
»Zu Punkt zwei. Ich sehe mit Freude, dass ihr euch mit der Fatah ausgesöhnt habt, die wiederum über die kampfstarken Al-Aksa-Brigaden verfügt. Sie werden uns militärisch sehr nützen und zugleich auch ein starkes politisches Signal nach außen in unserem gemeinsamen Kampf gegen Israel senden. Brüder, ich sage euch: Israel wird im Verbund von Hisbollah, Hamas und Fatah erdrückt! Der Albtraum unseres Feindes wird wahr!«
Die Delegation hing jetzt an den Lippen Talimaans. Was für ein Konzept! Was für eine militärische Macht! Was für ein Führer!
»Punkt drei, und der ist politischer Natur: Ihr werdet finanziell diskret aber stark von Katar unterstützt, eine Verbindung, die auch wir uns für unser Vorhaben wünschen. Der Emir ist weltpolitisch so wichtig, dass er sogar von den USA hofiert wird. Aber er ist klug, und er weiß deswegen, wer die wahren Freunde sind. Eine neue, länderübergreifende Islamische Republik dürfte auch in seinem Interesse liegen. Unser Sieg wird die zerstrittene Allianz der arabischen Liga vollkommen verändern. Syrien, Jordanien und der Libanon werden angstvoll stillhalten, wie auch Ägypten. Dann werden sie sich uns zuwenden. Selbst der Iran wird nicht gegen seine ehemaligen Kämpfer vorgehen. Alte Streitigkeiten im Nahen und Mittleren Osten werden erledigt sein. Die Landkarte vor unserer Haustür wird so schnell verändert werden, dass die Staaten keine andere Chance haben, als einzuschwenken.«
General Metzbah schien von der Realisierung einer so großen neuen Islamischen Republik noch nicht überzeugt, wie er auch die Rolle Talimaans nicht einschätzen konnte, der offensichtlich die Position des geistigen Führers dieser Islamischen Republik anstrebte. Diese war nicht das Ziel der Hamas. Der ging es um ein freies Palästina.
»Was ist an deinem Konzept anders als bei dem des Islamischen Staates?«
Talimaan hatte diese Frage erwartet.
»Wir sind kein menschenverachtender Scharia-Staat. Wir wollen eine Islamische Republik, in der es keine unterdrückten Palästinenser und Araber geben wird, gleich welcher Herkunft. Wir wollen am Ende Versöhnung, doch das wird nur über die völlige Vernichtung Israels gelingen.«
General Metzbah verschränkte die Arme und schloss die Augen. Er stand vor einer Weichenstellung, denn er hatte seiner Führung in Katar eine Empfehlung von historischer Bedeutung zu überbringen, sofern die Voraussetzungen dafür gegeben waren. Das schien bis auf zwei Punkte der Fall zu sein.
»Du weißt, Talimaan, dass du mit deinem großen Vorhaben, das Allah unterstützen möge, ein hohes Risiko fährst und wir alle mit dir untergehen könnten, wenn es misslingt?«
»Ich sehe deine Zweifel und darf unterstellen, dass die Hamas nicht zu mir kommt, um einfach Ja zu sagen. Das ist legitim, und ich würde ebenso vorsichtig sein. Es steht in der Tat viel auf dem Spiel. Was erwartest du von mir außer meinem Wort, dass ich ein freies Palästina garantiere?«
»Wir erwarten erstens, dass du die Finger von deinen Atomraketen lässt, denn sie würden auch uns und die Fatah für alle Zeiten ausradieren.«
»Völlig klar, mein lieber General Metzbah. Die Raketen sind in erster Linie als Abschreckung gedacht und sodann Zweitschlagraketen für den Fall, dass wir selbst durch einen Erstschlag vernichtet werden sollen.«
»Nun, das klang in deinem Vortrag schon etwas anders. Können wir uns darauf verlassen, dass ein Krieg gegen Israel ausschließlich konventionell geführt wird?«
»Das ist bei Allah zugesagt, General Metzbah! Wie auch alle Mitspieler in meiner Zentrale sitzen und mitentscheiden werden.«
»Gut, dann klingt das Konzept überzeugend. Unsere gemeinsame konventionelle Kampfkraft ist völlig ausreichend.«
»Und unser Kampfwille ist stark wie nie«, ergänzte Talimaan.
Metzbah sah Talimaan prüfend an. Jetzt ging es um den Erfolg oder Misserfolg des Besuches.
»Zweitens erwarten wir von dir eine kleine Geste, Talimaan. Wir wollen sicher sein, dass wir uns auf dich verlassen können. Wie du weißt, wird die Hamas neben Israel auch von etlichen anderen Staaten als terroristische Vereinigung eingestuft, neuerdings auch von Deutschland. Unsere Kämpfer sind nach einigen Anschlägen in deutschen Gefängnissen. Deutschland gehört zu den Ländern, die nach den USA die meisten Waffen nach Israel liefern. Die Deutschen liefern U-Boote und bauen Drohnen mit unserem Erzfeind, die wiederum gegen uns eingesetzt werden. Das gefällt uns schon lange nicht mehr! Wir wollen Deutschland davon abhalten, Israel künftig mit Rüstungsgütern zu unterstützen.«
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