Kitabı oku: «Einigkeit und Recht und Freiheit»

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Der Autor


Dr. Jörg Koch, geb. 1968, ist promovierter Historiker, Oberstudienrat in Frankenthal/Pfalz und Stadtrat in Worms. Er hat zahlreiche Beiträge zur Wormser Stadtgeschichte vorgelegt, ebenso überregionale Titel, zuletzt »Staatliche Gedenk- und Feiertage in Deutschland von 1871 bis heute« (2019) oder »Die Pfalz. 55 Highlights aus der Geschichte« (2020).

Jörg Koch

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Umschlagbild: Faksimile der Handschrift des Lieds der Deutschen. Foto nach Wikimedia Commons. Original: Staatsbibliothek Berlin, Nachl. Hoffmann von Fallersleben, Mp. 51, Nr. 70.

1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-040184-6

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pdf: ISBN 978-3-17-040185-3

epub: ISBN 978-3-17-040186-0

kf8: ISBN 978-3-17-040187-7

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Inhaltsverzeichnis

1  1 Einleitung

2  2 Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

3  3 »Das Lied der Deutschen« – Inhalt und Bedeutung

4  4 Exkurs: »Heil dir im Siegerkranz«

5  5 Das »Lied der Deutschen« im Kaiserreich

6  6 August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

7  7 Die Melodie des »Deutschlandliedes«

8  8 Die Proklamation des »Deutschlandliedes« zur Nationalhymne 1922

9  9 »Deutschland, Deutschland über alles« – die Nationalhymne im Nationalsozialismus

10  10 Exkurs: Die Fahne hoch – das »Horst-Wessel-Lied«

11  11 Die Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland

12  12 »Auferstanden aus Ruinen« – die Nationalhymne der DDR

13  13 »Einigkeit und Recht und Freiheit« – die Nationalhymne des wiedervereinigten Deutschlands

14  14 Schlussbetrachtung

15  15 Personenregister

16  16 Abbildungsverzeichnis

1
Einleitung

Der Nationalfeiertag der Bundesrepublik, der »Tag der Deutschen Einheit« am 3. Oktober, blickt auf eine kurze Geschichte zurück; er wird seit 1990 gefeiert, proklamiert anlässlich der »Wiedervereinigung Deutschlands«, d. h. des Beitritts der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik nach Artikel 23 GG. Eine weitaus längere Tradition weisen die staatlichen Gedenk- und Feiertage Volkstrauertag und 1. Mai auf: Bereits im März 1922 fand im Reichstag eine erste offizielle Gedenkstunde zu Ehren der Gefallenen des Ersten Weltkrieges statt und der 1. Mai wurde als »Feiertag der nationalen Arbeit« reichsweit erstmals 1933 zum arbeitsfreien Tag erklärt; als Protesttag der Arbeiter ist er wesentlich älter. Die geschichtlichen Wurzeln unserer Bundesfarben Schwarz-Rot-Gold und damit unserer Bundesflagge liegen gar im frühen 19. Jahrhundert. Auch andere Staatssymbole können von einer langen und ebenso wechselvollen Geschichte erzählen, etwa die »Neue Wache« in Berlin. Die von Karl Friedrich Schinkel errichtete und 1818 eingeweihte »Neue Wache« dient seit dem Volkstrauertag 1993 als zentrale Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in Deutschland. Wie kaum ein anderer Ort vereint dieses Gebäude die so ambivalente Geschichte Deutschlands: einst preußische Königswache, dann Gedächtnisstätte der Weimarer Republik, nationalsozialistisches Ehrenmal, schließlich Mahnmal der DDR und nun Gedenkstätte der Bundesrepublik.

Als nationales Symbol zwar jünger, dennoch gleichfalls voll wechselvoller Geschichte und voller Geschichten ist unsere Nationalhymne. Ihr liegt das 1841 von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben gedichtete »Deutschlandlied« zugrunde. So bekannt dieses Lied den Deutschen ist, so wenig ist ihnen seine facettenreiche Geschichte vertraut. Sie steckt voller Widersprüche und Überraschungen. Im August 1922 wurde das aus drei Strophen bestehende »Lied der Deutschen« von Reichspräsident Friedrich Ebert zur Nationalhymne der Weimarer Republik erklärt, Adolf Hitler ließ ab 1933 nur die erste Strophe (»Deutschland, Deutschland über alles«) singen. Trotz aller, zumeist berechtigter Brüche »nach 1945« knüpfte die Bundesrepublik an das Lied mit seiner von Joseph Haydn stammenden eingängigen Melodie an; dies rief Zustimmung und Irritationen hervor. 1991, im inzwischen wiedervereinigten Deutschland, präzisierten Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Bundeskanzler Helmut Kohl den Umfang der Hymne, die seitdem nur aus der dritten Strophe besteht: »Einigkeit und Recht und Freiheit.« Dieser Dreiklang, quasi das Motto unserer Republik, verdrängte die inhaltlich und melodisch ebenso gehaltvolle Nationalhymne der DDR »Auferstanden aus Ruinen«.

Anhand dieser Darstellung zeigt sich, wie sehr gerade die deutsche Nationalhymne und ihre Vorgänger-Hymnen als musikalischer Ausdruck des National- bzw. Staatsgefühls den unterschiedlichen Herrschaftssystemen und damit dem Zeitgeist ausgesetzt waren, wie sie als nationales Symbol verwendet und missbraucht wurden. Nationalhymnen, also feierliche Gesänge, mit denen sich ein Staat zu besonderen Anlässen präsentiert, entstanden vorwiegend im 19. Jahrhundert mit der Bildung der Nationalstaaten. Diese besonderen Lieder sind, wie auch Sprache, Religion oder Geschichte, ein Merkmal der Gemeinschaft, der Zugehörigkeit. Vergleichsweise spät kam Deutschland zu einer Nationalhymne. Längst gab es da »Nationalbank«, »Nationaldenkmal«, »Nationalfarben«, Nationalliteratur« oder »Nationaltheater«. Viel früher existierten auch die »Marseillaise«, als Revolutionslied entstanden und seit 1795 französische Nationalhymne, oder »God Save the King« bzw. (»God Save the Queen«), das seit Anfang des 19. Jahrhunderts als Huldigungshymne in Großbritannien erklingt.

Der vorliegende Band bietet einen quellenreichen Überblick zur deutschen Nationalhymne, eingebettet in rund 200 Jahre deutsche Geschichte. Er blickt auf die Vor- und Entstehungsgeschichte des »Deutschlandliedes« und zeigt, wie dieses sich ab Ende des 19. Jahrhunderts gegenüber anderen »Deutschlandliedern« als allseits akzeptierte Hymne durchsetzte und welches Schicksal ihm seit seiner Proklamation zur Nationalhymne im Jahr 1922 beschieden ist. Neben der mehr als 180-jährigen bemerkenswerten »Erfolgsgeschichte« dieses Liedes widmet sich die Darstellung ebenso gebührend seinem Verfasser August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der zu Lebzeiten mehr Ächtung als Achtung erfuhr, sowie mit kurzen Beiträgen dem Komponisten der Melodie, Joseph Haydn, und der Nationalhymne der DDR, die gleichfalls einen Teil der wechselvollen Geschichte der deutschen Nationalhymne bildet.

Für Anregungen und Hinweise danke ich Dr. Bernd Braun, Maria Reichsgräfin von Plettenberg, Theodor Cronewitz sowie Dr. Peter Kritzinger und Dr. Julius Alves vom Kohlhammer Verlag für die konstruktive Zusammenarbeit.

2
Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Deutschland als Nationalstaat, wie wir ihn heute kennen, gibt es erst seit 1871. Zuvor waren die einzelnen deutschen Länder jahrhundertelang vereint im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, das nach rund 900-jähriger Existenz 1806 zugrunde ging. Nach dem politisch-militärischen Ende der Herrschaft Napoleons (1769–1821) gründeten die Staatsmänner jener Zeit auf dem Wiener Kongress 1815 den Deutschen Bund. Ein einheitliches Deutschland gab es auch weiterhin nicht; dieser Bund bestand bei Gründung aus 35 souveränen Staaten und den vier Freien Städten (Hamburg, Bremen, Lübeck und Frankfurt). Hinsichtlich Größe, Bevölkerung und Wirtschaftskraft waren die Länder sehr heterogen. Preußen mit rund zehn Millionen Einwohnern verfügte über eine Fläche von 316.000 Quadratkilometern, das Fürstentum Schaumburg-Lippe mit der Hauptstadt Bückeburg dagegen war nur 340 Quadratkilometer groß und hatte Anfang des 19. Jahrhunderts noch nicht einmal 10.000 Einwohner. Auch das Kaiserreich Österreich gehörte dem Deutschen Bund mit einem Teilgebiet an. Dieser Bund, also das damalige Deutschland, war eine völkerrechtliche Gemeinschaft ohne eine gemeinsame Hauptstadt, ohne einheitliche Flagge oder Hymne – im Gegensatz zu Großbritannien oder Frankreich. Gemeinsame Beschlüsse, etwa in der Kriegs-, bald auch der Wirtschaftspolitik, wurden von Delegierten der einzelnen Landesregierungen auf der Bundesversammlung, dem einzigen Bundesorgan, in Frankfurt beschlossen. Die Bewohner des Bundes verstanden sich zunächst als Bayern, Hessen, Westfalen, Badener etc., noch nicht als Deutsche. Ihr Vaterland war der jeweilige Kleinstaat, doch war den Menschen bewusst, dass sie aufgrund der gemeinsamen Sprache und Kultur eine Nation bildeten. Die Übereinstimmung von Staat und Nation entwickelte sich erst allmählich. Beflügelt wurde die »nationale Idee« in den Befreiungskriegen 1813/15, als Preußen mit verbündeten Armeen über Napoleons Truppen siegte; infolge der Vielvölkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 musste Napoleon Deutschland räumen. Vier Jahre später riefen Studenten in ihren Reden auf dem Wartburgfest (Oktober 1817) zur Einheit und Freiheit Deutschlands auf. Vor wesentlich größerem Publikum wiederholten die Redner des Hambacher Festes (Mai 1832) solche Forderungen. Die Kleinstaaterei sollte endlich überwunden werden, ein freies und geeintes Deutschland mit Bürgerrechten, die uns heute selbstverständlich sind, wie Presse- oder Versammlungsfreiheit, sollte geschaffen werden.

In dieser nationalen und liberalen Stimmung im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts entstanden patriotische Lieder, die den Geist der Zeit widerspiegelten. Eines der bekanntesten und häufig zitierten Lieder jener Jahre ist Ernst Moritz Arndts »Des Deutschen Vaterland« (1813). Zunächst über Flugblätter verbreitet, wurde es erstmals anlässlich des Sieges über Napoleon und des Einmarschs preußischer Truppen unter General Gebhard Leberecht von Blücher (1742–1819) in Paris öffentlich 1814 in Berlin dargeboten. Der Autor forderte einen großdeutschen Nationalstaat, dem alle deutschsprachigen Länder angehören sollten. Aus damaliger Sicht selbstverständlich unter Einbeziehung Österreichs und der Deutschschweiz, d. h. Arndt orientierte sich hier im Wesentlichen an dem 1806 untergegangenen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation:

Was ist des Deutschen Vaterland?

Ist’s Preußenland, ist’s Schwabenland?

Ist’s, wo am Rhein die Rebe blüht?

Ist’s, wo am Belt die Möwe zieht?

O nein! nein! nein!

Sein Vaterland muss größer sein!

Was ist des Deutschen Vaterland?

Ist’s Bayerland, ist’s Steierland?

Ist’s, wo des Marsen Rind sich streckt?

Ist’s, wo der Märker Eisen reckt?

O nein! nein! nein!

Sein Vaterland muss größer sein!

Was ist des Deutschen Vaterland?

Ist’s Pommerland, Westfalenland?

Ist’s, wo der Sand der Dünen weht?

Ist’s, wo die Donau brausend geht?

O nein! nein! nein!

Sein Vaterland muss größer sein!

Was ist des Deutschen Vaterland?

So nenne mir das große Land.

Ist’s Land der Schweizer, ist’s Tirol?

Das Land und Volk gefiel mir wohl

doch nein! nein! nein!

Sein Vaterland muss größer sein!

Was ist des Deutschen Vaterland?

So nenne mir das große Land.

Gewiss, es ist das Österreich

an Ehren und an Siegen reich?

O nein! nein! nein!

Sein Vaterland muss größer sein!

Was ist des Deutschen Vaterland?

So nenne endlich mir das Land!

So weit die deutsche Zunge klingt

und Gott im Himmel Lieder singt,

das soll es sein!

das, wackrer Deutscher, nenne dein!

das nenne dein!

Das ist des Deutschen Vaterland

wo Eide schwört der Druck der Hand,

wo Treue hell vom Auge blitzt

und Liebe warm im Herzen sitzt.

das soll es sein!

das, wackrer Deutscher, nenne dein!

das nenne dein!

Was ist des Deutschen Vaterland

wo Zorn vertilgt den welschen Tand

wo jeder Frevler heißet Feind

wo jeder Edle heißet Freund

Das soll es sein, das soll es sein

das ganze Deutschland soll es sein

Das ganze Deutschland soll es sein!

O Gott vom Himmel, sieh darein!

Und gib uns rechten deutschen Mut

dass wir es lieben treu und gut!

Das soll es sein!

Das soll es sein!

Das ganze Deutschland soll es sein!

1769 auf Rügen geboren und 1860 in Bonn verstorben, war Arndt Professor für Geschichte in Greifswald und Bonn, 1848 war er zudem Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung. Im 19. Jahrhundert

Abb. 1: Ernst Moritz Arndt (1769–1860), Verfasser des Lieds »Des Deutschen Vaterland«, Postkarte um 1935.

war der Freiheitskämpfer deutschlandweit so bekannt wie Johann Wolfgang Goethe (1749–1832) und Friedrich Schiller (1759–1805). Mit seinen Gedichten und Schriften wandte er sich gegen die Besetzung Deutschlands durch Napoleon. Einst als Patriot verehrt, verurteilen ihn heute einige Kritiker als Nationalisten. Jahrelange Debatten führten in Greifswald sogar dazu, dass die Ernst-Moritz-Arndt-Universität ihren traditionsreichen Namen 2018 in Universität Greifswald änderte. Immerhin tragen noch immer rund 330 Straßen in Deutschland Arndts Namen (2021). Seinen neun Strophen wurden mehrere Melodien unterlegt, durchgesetzt hat sich die 1826 erstmals veröffentlichte Komposition von Gustav Reichardt (1797–1884), jahrzehntelang waren Gesangsrunden oder Konzerte von Burschenschaftlern und Männergesangsvereinen undenkbar ohne dieses »Vaterlandslied«.

Ebenso populär wurde das Lied »Ich hab’ mich ergeben« von Hans Ferdinand Maßmann. Wie auch Arndt war der 1797 in Berlin geborene und 1874 in Muskau verstorbene Maßmann Germanistik-Professor an der Münchener Universität, geprägt vom Kampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft. Als Student hatte er am Wartburgfest 1817 teilgenommen. Sein bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein bekanntes Lied verfasste er 1820. Die Melodie stammt von August Daniel von Binzer (1793–1868), Urburschenschaftler und ebenfalls einer der rund 500 Teilnehmer des Wartburgfestes. Die Melodie hatte Binzer zunächst seinem 1819 getexteten Burschenschaftslied »Wir hatten gebauet ein stattliches Haus« (1819) unterlegt. In späteren Zeiten wurde, außerhalb evangelischer Studentenverbindungen, die dritte Strophe wegen des konfessionellen Bekenntnisses zu Martin Luther (1483–1546) ausgelassen:

Ich hab’ mich ergeben

mit Herz und mit Hand

dir, Land voll Lieb’ und Leben,

mein deutsches Vaterland.

Mein Herz ist entglommen,

dir treu zugewandt,

du Land der Frei’n und Frommen,

du herrlich Hermannsland!

Du Land, reich an Ruhme,

wo Luther erstand,

für deines Volkes Tume

reich ich mein Herz und Hand.

Will halten und glauben

an Gott fromm und frei,

will, Vaterland, dir bleiben

auf ewig fest und treu.

Ach Gott, tu erheben

mein jung Herzensblut

zu frischem freud’gen Leben,

zu freiem frommen Mut.

Lass Kraft mich erwerben

in Herz und in Hand,

zu leben und zu sterben

fürs heil’ge Vaterland!

Frankreichs Ziel, mit dem Rhein eine natürliche Staatsgrenze im Osten zu haben, war infolge des Pfälzischen Erbfolgekriegs (1688–1697) unter Ludwig XIV. (1638–1715) nur bedingt und unter Napoleon um 1800 nur vorübergehend erreicht worden; zumindest was den Rheinverlauf ab Karlsruhe rheinabwärts anbelangt, hatte der Wiener Kongress diesem Ansinnen ein Ende bereitet. Doch 1840 gab es erneut in Frankreich unter der Regierung von Adolphe Thiers (1797–1877) Bestrebungen, das Territorium bis an den Rhein auszuweiten, den französischen Einfluss Richtung Osten, aber auch im Mittelmeer zu verstärken.

Als Reaktion auf die als »Rheinkrise« bezeichneten deutsch-französischen Spannungen entstanden deutscherseits nationalistisch-patriotische Lieder wie das »Rheinlied« (»Sie sollen ihn nicht haben, den freien, deutschen Rhein, bis seine Flut begraben des letzten Manns Gebein«) von Nikolaus Becker (1809–1845) und »Die Wacht am Rhein«, 1840 von Max Schneckenburger (1819–1849) getextet:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,

Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:

Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!

Wer will des Stromes Hüter sein?

Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein!

Durch Hunderttausend zuckt es schnell,

Und Aller Augen blitzen hell,

Der deutsche Jüngling, fromm und stark

Beschirmt die heilge Landesmark.

Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein!

Er blickt hinauf in Himmelsaun,

Wo Heldengeister niederschaun,

Und schwört mit stolzer Kampfeslust:

»Du Rhein bleibst deutsch wie meine Brust.«

Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein!

»Und ob mein Herz im Tode bricht,

Wirst du doch drum ein Welscher nicht;

Reich wie an Wasser deine Flut

Ist Deutschland ja an Heldenblut.«

Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein!

»So lang ein Tropfen Blut noch glüht,

Noch eine Faust den Degen zieht,

Und noch ein Arm die Büchse spannt,

Betritt kein Feind hier deinen Strand.«

Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein!

Der Schwur erschallt, die Woge rinnt,

Die Fahnen flattern hoch im Wind:

Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!

Wir Alle wollen Hüter sein!

Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein!

Dieser Text provozierte Erwiderungen: 1840 dichtete Alfred de Musset (1810–1857) »Le Rhin allemand«:

Wir haben ihn gehabt, den deutschen Rhein.

In unserm Glas sahn wir ihn funkeln.

[…]

Lasst friedlich fließen euern deutschen Rhein.

Es spiegele sich geruhsam wider

Der Dome gotisches Gestein.

Doch hütet euch, durch trunkne Lieder

Von ihrem blutgen Schlaf die Toten zu befrein.

Versöhnlicher klang das Ende seines Gedichts »Marsaillaise de la paix«, das Alphonse de Lamartine (1790–1869) 1841 vorlegte (»Fließe frei und erhaben zwischen deinen weiten Ufern, Rhein, du Nil des Westens und Trinkschale der Nationen! Und nimm mit dir fort Trotz und Ehrgeiz der Völker, die an deinen Ufern lagern und aus deinen lebendigen Wassern schöpfen.«).

Die Haltung Victor Hugos (1802–1885) dagegen war zwiespältiger. Der heutzutage auch in Deutschland vielzitierte und verehrte französische Dichter war ein Fürsprecher der politischen Forderung. Seine Feststellung lautete lapidar: »Wir befinden uns auf dem linken Rheinufer, d. h. in Frankreich, so wie man auf dem rechten Ufer in Deutschland ist.« Und im Schlussteil seiner 1842 erschienenen Rheinreise, steht:1

»Die Lösung besteht darin, jeden Anlass für Hass zwischen den beiden Völkern abzuschaffen, die Wunde zu schließen, die uns 1815 an unserer Flanke zugefügt wurde, die Spuren einer heftigen Reaktion auszulöschen, Frankreich zurückzugeben, was Gott ihm geschenkt hat: das linke Rheinufer.«

Erst mit der schwungvollen, marschähnlichen Melodie von Carl Wilhelm (1815–1873), Dirigent der Krefelder Liedertafel, und damit erst nach dem Tode des Dichters, erhielt »Die Wacht« eine größere Aufmerksamkeit. Die Komposition entstand 1854 anlässlich der Silberhochzeit von Prinz Wilhelm von Preußen (1797–1888), dem späteren Kaiser Wilhelm I., und Prinzessin Augusta (1811–1890). Im Kaiserreich häufig bei offiziellen Anlässen gespielt, war die »Wacht am Rhein« gleichsam eine Hymne, die in Konkurrenz zu »Heil dir im Siegerkranz« stand. Doch so populär ihre Zeilen waren, so fehlte in ihnen jeglicher Hinweis auf die Hohenzollern, als offizielle Nationalhymne konnte sie daher nicht in Betracht kommen. Der Liedtitel entspricht einem Programm und einem symbolträchtigen Motto in der militärischen Auseinandersetzung mit Frankreich, er kündet von Deutschlands Macht und Stärke. Fünf der sechs Strophen dieses martialischen Vaterlandliedes finden sich auf einem Relief auf der Südseite des 1883 eingeweihten Niederwalddenkmals (Germania) bei Rüdesheim. So wundert es nicht, wenn in den folgenden Jahren rechts des Rheins Reiseandenken, später auch Postkarten oder Löffel vermarktet wurden, auf denen zu lesen war: »Der Rhein – Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze.«


Abb. 2: »Die Wacht am Rhein«, Relief am Niederwald-Denkmal (Germania), Postkarte um 1900.

Nur wenige Monate nach der Reichseinigung wurde dem Komponisten Carl Wilhelm am Ende seines Lebens eine besondere Ehre zuteil. Aufgrund der Bitte bzw. eines Appells des Deutschen Sängerbundes an den Reichskanzler Otto von Bismarck (1815–1898) vom 26. Mai 1871 sollte der Verfasser der »Wacht am Rhein« eine »Ehrenschuld des Gesamtvaterlandes« erhalten (»Das Vaterland darf aber den Tonsetzer eines eminent-nationalen Gesanges, der ganz Deutschland zu der großartigsten Erhebung, zu den herrlichsten Siegen mitentflammt, nicht darben, nicht in Sorgen den kurzen Lebensabend verkümmern lassen.«). Einen Monat später erhielt der Komponist ein Schreiben Bismarcks:2

»Sie haben durch die Komposition von Max Schneckenburgers Gedicht ›Die Wacht am Rhein‹ dem deutschen Volke ein Lied gegeben, welches mit der Geschichte des eben beendeten, großen Krieges untrennbar verwachsen ist. Entstanden zu einer Zeit, wo die deutschen Rheinlande in ähnlicher Weise wie vor einem Jahre von Frankreich bedroht schienen, hat ›Die Wacht am Rhein‹ ein Menschenalter später, als die Drohung sich verwirklichte, in der begeisterten Entschlossenheit, mit welcher unser Volk den ihm aufgedrungenen Kampf aufgenommen und bestanden hat, ihren vollen Anklang gefunden. Ihr Verdienst, Herr Musikdirektor, ist es, unserer letzten großen Erhebung die Volksweise gefunden zu haben, welche daheim, wie im Felde dem nationalen Gemeingefühle zum Ausdruck gedient hat. Ich folge mit Vergnügen einer mir von dem Geschäftsführenden Ausschuss des Deutschen Sängerbundes gewordenen Anregung, indem ich der Anerkennung, welche Ihnen von allen Seiten zu Teil geworden ist, auch dadurch Ausdruck gebe, dass ich Sie bitte, die Summe von Eintausend Talern aus dem Dispositionsfonds des Reichskanzleramtes anzunehmen. Ich hoffe, dass es mir möglich sein wird, Ihnen alljährlich den gleichen Betrag anbieten zu können. Die Reichshauptkasse ist angewiesen, Ihnen die für das laufende Jahr bestimmte Summe alsbald gegen Quittung auszuzahlen.

Der Reichskanzler – Bismarck«

Den geschichtlichen Hintergrund – die »Rheinkrise« von 1840 zwischen Frankreich und dem Deutschen Bund, hier nur kurz angerissen – muss man kennen, um die Bedeutung dieser Lieder zu verstehen. In demselben Kontext nämlich entstand das »Lied der Deutschen« von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874).

Verbreitung fanden diese nationalistisch-patriotischen Lieder zunächst vor allem über Kommersliederbücher der Burschen-, Studenten- und Turnerschaften, schon bald gehörten sie zum Repertoire von Männerchören. Nicht immer war der Originaltext abgedruckt, die Bearbeiter und Komponisten erlaubten sich gelegentlich Variationen. »Die Wacht am Rhein« war Gegenstand des Musik- und Deutschunterrichts, an altsprachlichen Gymnasien wurde sie sogar ins Lateinische, Altgriechische und Hebräische übersetzt.3 Das Lied war allgegenwärtig, im häuslichen Umfeld und in Kneipen und bei vielen anderen Anlässen wurde es gesungen, es erklang aus Spieldosen und Musikautomaten und bei Volksfesten aus der Drehorgel. Sogar Wirtshäuser und Hotels gaben sich diesen Namen. Das Lied wurde so oft geträllert und geleiert, dass es manchmal schon nicht mehr zu hören war. Der Widerwille gegenüber der Omnipräsenz äußerte sich auch in parodistischen Umdichtungen, z. B.:4

Die Wacht am Rhein,

das ist der Titel des Liedes,

das im Schwange geht.

Es ist ein ganz probates Mittel

für einen, der sonst nichts versteht.

Darum, bei Mond und Sonnenschein

sing ich nur stets die Wacht am Rhein,

die Wi-Wa-Wacht am Rhein, die Wacht am Rhein.

Eine weitere Neuschöpfung in drei Strophen erschien unter dem Titel »Die Freiheitswacht«:5

Es geht durchs Land ein Schrei der Not:

Des Volkes Freiheit ist bedroht.

Viel dunkle Raben fliegen schon

und krächzen laut: Reaktion!

D’rum deutsches Volk, sei auf der Hut,

schirm’ fest und treu dein höchstes Gut,

d’rum deutsches Volk, mein Volk, sei auf der Hut,

schirm’ fest und treu, ja treu dein höchstes Gut …

Lieder dienen der Identifikation, der Verständigung, der Gemeinschaftsbildung, mit ihnen grenzt man sich von anderen ab. Diese Funktion übernahmen im Ersten Weltkrieg das »Lied der Deutschen«, ebenso die »Wacht am Rhein«, wie folgende Aussagen belegen. Danach allerdings, mit dem Ende des Kaiserreichs, hatte die »Wacht« weitgehend ausgedient.

Aus dem Vorwort zum Liederbuch »Unsere Feldgrauen. Marsch- und Lagerlieder«, 1914:6

»Mit dem ersten Tag der Mobilmachung war ›Die Wacht am Rhein‹ wieder mit einem Male in aller Munde. Unter ihren trotzigen, siegesgewissen Klängen sind unsere Krieger blumengeschmückt aus der Heimat ins Feld gezogen; in dröhnendem Takte sind sie mit diesem stolzen Sang in die feindlichen Städte eingezogen […]. Wie sich unsere Feldgrauen da draußen mit einem munteren Sang über die harten Anstrengungen der Märsche hinweghalfen, sich die kurzen Stunden der Rast am Lagerfeuer verschönern, so wollen auch wir daheim nicht stumm bleiben und in den Gesang unserer Lieben im Felde froh und zuversichtlich miteinstimmen.«

Auch Adolf Hitler (1889–1945) erinnerte sich rückblickend an die »Wacht am Rhein«, als er im Herbst 1914 mit dem Truppenzug auf dem Weg zum »beginnenden Heldenkampf« an der Westfront durch Bingen kam und die »Germania« erblickte:7

»Und so kam endlich der Tag, an dem wir München verließen, um anzutreten zur Erfüllung unserer Pflicht. Zum ersten Male sah ich so den Rhein, als wir an seinen stillen Wellen entlang dem Westen entgegenfuhren, um ihn, den deutschen Strom der Ströme zu schirmen vor der Habgier des alten Feindes. Als durch den zarten Schleier des Frühnebels die milden Strahlen der ersten Sonne das Niederwalddenkmal auf uns herabschimmern ließen, da brauste aus dem endlos langen Transportzuge die alte Wacht am Rhein in den Morgenhimmel hinaus, und mir wollte die Brust zu eng werden.«

Rund 25 Jahre später, zu Beginn des Westfeldzugs (Mai 1940), leitete der Großdeutsche Rundfunk die Sondermeldungen über die militärischen Erfolge der Wehrmacht in Frankreich mit der charakteristischen »Frankreichfanfare« ein; die ersten acht Töne entsprachen der »Wacht am Rhein«. Ein Jahr später trat an ihre Stelle die »Russlandfanfare«. Doch ganz ausgedient hatte der bekannte Titel nicht; im Dezember 1944 verwendete die Wehrmacht die vier eingängigen Wörter als Decknamen für die Ardennenoffensive.

Sogar in dem US-amerikanischen Filmklassiker »Casablanca« (1942) mit Humphrey Bogart (1899–1957) und Ingrid Bergman (1915–1982) ist das Lied zu hören: Nachdem die deutschen Offiziere in »Ricks Bar« die »Wacht am Rhein« angestimmt haben, animiert der Protagonist die Kapelle dazu, die Marseillaise zu spielen. Die anderen Gäste stimmen ein und übertönen die »Wacht am Rhein« voller Enthusiasmus. Bei dieser direkten Gegenüberstellung merkt man, wie sich beide marschartigen Melodien ähneln. Auch in anderen Literaturverfilmungen, die im Kaiserreich angesiedelt sind, ist das Lied auszugsweise zu vernehmen, etwa in »Im Westen nichts Neues« (1930, 1979) nach dem Roman von Erich Maria Remarque (1898–1970) oder in der Serie »Berlin Alexanderplatz« (1980) von Rainer Werner Fassbinder (1945–1982). Ferner gehört es zur bemerkenswerten musikalischen Untermalung der Schlussszene des Films »Der Untertan« (DDR, 1951): Bei Enthüllung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals im Sturm und Gewitterregen erklingen Melodiefetzen der »Wacht am Rhein«, des »Horst-Wessel-Liedes« und der Sondermeldungsfanfare des Großdeutschen Rundfunks; damit blickt die Szenerie – im Gegensatz zur Romanvorlage von Heinrich Mann (1871–1950) – auch auf den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg.

Im Rückblick von 150 Jahren interpretierte der Autor Jörg von Uthmann (geb. 1936) die »Wacht am Rhein« auf seine Art:8

»Wie sich die Zeiten ändern! Wenn heute vom Rhein die Rede ist, denkt jeder sofort an Chlorbenzol und tote Fische. Vor hundertfünfzig Jahren sang das deutsche Volk mit dem Bonner Geschichtsschreiber Nikolaus Becker ›Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein!‹ Sie – das war nicht die chemische Industrie, das waren die Franzosen. Auf dem Wiener Kongress hatte Frankreich seine linksrheinischen Eroberungen herausgeben müssen. Wirklich abgefunden mit dem Verlust hatte es sich jedoch nicht. 1840, nach einer schweren diplomatischen Schlappe im Nahen Osten, suchte Premierminister Thiers die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit abzulenken. Er verlangte die Rheingrenze und war bereit, dafür in den Krieg zu ziehen. Zwar blitzte er bei seinem friedfertigen König Louis Philippe ab und musste zurücktreten. Aber das Unglück war geschehen: Die alte Wunde begann wieder zu bluten.

Während die Pariser Presse in schrillen Tönen nach einer Revision des schmachvollen Friedens schrie, machten sich in Deutschland die Dichter ans Werk. Eine unvorstellbare Massenproduktion vaterländischer Lyrik setzte ein. Beckers Rheinlied war nur das bekannteste; es wurde nicht weniger als hundertmal in Musik gesetzt. Der Germanistik-Professor Hoffmann von Fallersleben unterlegte der alten Kaiserhymne einen neuen Text – das Deutschlandlied. Derweil beschloss man in Köln, am Dom – dem Symbol der unvollendeten deutschen Einheit – die im Mittelalter unterbrochenen Bauarbeiten wiederaufzunehmen. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. legte den Grundstein und hielt dabei eine antifranzösische Rede.

In diesem überhitzten Klima wollte auch der schwäbische Hütteningenieur Max Schneckenburger nicht zurückstehen. In einer Eisengießerei im fernen Bern küsste ihn die patriotische Muse. Er griff zur Feder und brachte ›Die Wacht am Rhein‹ zu Papier […].

Im Krieg 1870/71 stieg ›Die Wacht am Rhein‹ zur inoffiziellen deutschen Nationalhymne auf und blieb es bis zum Ende des Kaiserreichs. Sie zur offiziellen deutschen Nationalhymne zu erheben, zögerte der Berliner Hof, da – wie ›Meyers Großes Konversationslexikon‹ von 1908 feinsinnig anmerkt – ›dieselbe wegen ihrer antifranzösischen Spitze nicht bedingungslos für die internationale Repräsentation geeignet‹ schien. Mit dem amtlichen Liedgut hatten die Deutschen, wie man sieht, schon damals ihre Not […]«.

1 S. Victor Hugo: Rheinreise, Frankfurt/M. 1982, S. 301 f. (Nachwort von Friedrich Wolfzettel). Heutige, gekürzte Ausgaben der »Rheinreise« verzichten i. d. R. auf die Veröffentlichung derartiger Äußerungen Hugos.

2 Zit. nach Franz Josef Ewens (Hg.): Das Deutsche Sängerbuch. Wesen und Wirken des Deutschen Sängerbundes in Vergangenheit und Gegenwart, Dortmund 1930, S. 28 f.

3 S. Georg Scherer/Franz Lipperheide (Hg.): Die Wacht am Rhein. Das deutsche Volks- und Soldatenlied des Jahres 1870, Berlin 1871.

4 Abgedruckt in: Max Kegel (Hg.): Sozialdemokratisches Liederbuch, 5. Auflage, Stuttgart 1896, S. 41.

5 Kommission des Demokratischen Vereins in München (Hg.): Demokratisches Liederbuch zum Gebrauch der Volksvereine, Stuttgart 1898, S. 15.

6 Unsere Feldgrauen. Marsch- und Lagerlieder, Leipzig 1914, (Geleitwort) o. S.

7 Adolf Hitler: Mein Kampf, München 1933, S. 180.

8 Jörg von Uthmann: Poetische Frucht einer Nahostkrise in: Marcel Reich-Ranicki (Hg.): 1000 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen, Frankfurt 1994, Bd. 4, S. 381 f.

3
Das Lied der Deutschen« – Inhalt und Bedeutung

Deutschland, Deutschland über alles,

Über alles in der Welt,

Wenn es stets zu Schutz und Trutze

Brüderlich zusammenhält;

Von der Maas bis an die Memel,

Von der Etsch bis an den Belt:

Deutschland, Deutschland über alles,

Über alles in der Welt!

Deutsche Frauen, deutsche Treue,

Deutscher Wein und deutscher Sang

Sollen in der Welt behalten

Ihren alten schönen Klang,

Uns zu edler Tat begeistern

Unser ganzes Leben lang:

Deutsche Frauen, deutsche Treue,

Deutscher Wein und deutscher Sang!

Einigkeit und Recht und Freiheit

Für das deutsche Vaterland!

Danach lasst uns alle streben

Brüderlich mit Herz und Hand!

Einigkeit und Recht und Freiheit

Sind des Glückes Unterpfand;

Blüh im Glanze dieses Glückes,

Blühe, deutsches Vaterland!

Die beiden ersten Zeilen des »Deutschlandliedes« gehören zu den bekanntesten Versen überhaupt. Oft zitiert, gesungen, gegrölt, inhaltlich missbraucht und missverstanden, sind sie nicht im Sinne eines chauvinistischen Herrschaftsanspruchs anderen Staaten gegenüber zu verstehen. Auch sie spiegeln den Geist der Zeit, insbesondere die Gesinnung ihres Verfassers wider. August Heinrich Hoffmann fordert als verbindende Klammer ein Deutschland über viele deutsche Länder hinweg, also die Einheit und das Ende der Partikularstaaten. Denn nur ein geeintes, mächtiges Deutschland könne die Gebietsansprüche Frankreichs zurückweisen. Im Gegensatz zu anderen Rheinliedern jedoch erwähnt der Verfasser in seinem Lied weder den Rhein noch Frankreich. Vielmehr nennt er in seiner ersten Strophe vier Flüsse, die die Grenzen dieses neuen Deutschlands markieren. Alle vier Gewässer liegen außerhalb der deutschen Grenzen von 1937, doch damals entsprachen sie im Wesentlichen den allseits akzeptierten Grenzen des Deutschen Bundes:

Die rund 875 Kilometer lange Maas, die in Frankreich entspringt, Belgien und die Niederlande durchfließt, bevor sie in das Rhein-Maas-Delta mündet, bildet die Grenze zwischen den Provinzen Belgisch-Limburg und Niederländisch-Limburg. Aufgrund einer neuen Gebietsregelung im Jahr 1839 (»Londoner Protokoll«) fiel der niederländische Teil von Limburg an den Deutschen Bund, damit war die Maas die westliche Grenzmarkierung des Staatenbundes. Daran hat sich bis heute kaum etwas verändert; die Maas nähert sich in ihrem Lauf der deutschen Grenze bei Kaldenkirchen (Nordrhein-Westfalen) auf rund fünf Kilometer.

Die rund 940 Kilometer lange Memel entspringt in Weißrussland und zieht sich durch Litauen, wo sie ins Kurische Haff (Ostsee) mündet. Die Hafenstadt Memel (Klaipeda) war bis 1920 die nördlichste Stadt Deutschlands. Zwar gehörte Ostpreußen nicht dem Deutschen Bund an, doch weil im Memelgebiet Deutsche lebten, bzw. Kaschuben, Polen und Masuren, die als Preußen geführt wurden, vielerorts dort auch deutsch gesprochen wurde und überdies das preußische Königspaar Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) und Luise (1776–1810) während der napoleonischen Herrschaft hier Zuflucht gefunden hatte, galt den Zeitgenossen diese Gegend als deutsch. Die Memel als östlicher Grenzfluss war zwar problematisch, doch ganz abwegig war diese Markierung nicht.

Mit Nennung der Etsch als südlicher Grenze ist der Oberlauf des 415 Kilometer langen Flusses in Südtirol gemeint und Südtirol mit seiner Hauptstadt Bozen gehörte zu Österreich und damit staatsrechtlich betrachtet zum Deutschen Bund.

Als letzte Markierung wird der Belt genannt, damit verweist der Textdichter auf die Wasserstraße zwischen den Inseln Fehmarn und Lolland, auf den Fehmarnbelt. Fehmarn gehörte zum Herzogtum Holstein und war damit Teil des Deutschen Bundes.

Auch wenn die erste Liedstrophe einen gewissen Nationalstolz verkörpert, liegt es entstehungsgeschichtlich gesehen fern, diese Verse als Ausdruck nationalistischer Überheblichkeit des deutschen Volkes interpretieren zu wollen. Mit »Schutz und Trutz« ist Verteidigung gemeint, nicht Angriff.

Hoffmann von Fallersleben, der sich mit dem mittelalterlichen Minnesang auskannte, nahm sich Walter von der Vogelweides (um 1170–um 1230) Dichtung »Ir sult sprechen willekomen« (um 1200) zum Vorbild, darin schon nennt der Lyriker zwei Flüsse: »Von der Elbe unz an den Rhin« (also »von der Elbe bis an den Rhein«).

Die zweite Strophe erinnert eher an ein Weinlied, auch an einen Minnesang. Verehrt werden die Frauen, die die Sänger, Männer, zu einer »edlen Tat« motivieren sollen, was immer Hoffmann darunter auch verstanden haben mag. Dazu erklingen ein paar Lieder (»deutscher Sang«) und selbstverständlich gibt es ein paar Gläser Rheinwein (»deutscher Wein«) zu trinken. Diese inhaltlich weniger anspruchsvollen Zeilen wirken wie ein Sittengemälde der damaligen Zeit. Doch auch in diesen Versen steckt mehr, wie der Autor einen Tag nach Fertigung des Liedes in einem Brief vom 27. August 1841 an seine Jugendliebe Henriette von Schwachenberg (1792–1845) mitteilte. Es ist ein Liebesgedicht: »Dass ich, als ich ›Deutsche Frauen‹ schrieb, in erster Linie Ihrer gedachte, ist kaum der Erwähnung wert. Wie mein Erstlingswerk widme ich nach genau 20 Jahren auch mein Deutschland-Lied Ihnen.«9

Die dritte Strophe spiegelt allgemeine Wesensmerkmale des demokratischen Rechtsstaats wider. Einigkeit und Recht und Freiheit – diese drei Schlagwörter, uns heute eine Selbstverständlichkeit, waren 1841 als erstrebenswerte Ziele definiert. Noch bestand kein einheitliches Deutschland, noch galten die 1819 auf Initiative des österreichischen Staatskanzlers Clemens Fürst Metternich (1773–1859) von der Bundesversammlung verabschiedeten autoritären »Karlsbader Beschlüsse« (u. a. Pressezensur, Berufsverbot für national und liberal gesinnte Professoren), noch waren bürgerliche Rechte nicht verwirklicht. Die beschworenen Werte befinden sich heute auch auf dem Rand der deutschen 2-Euro-Münzen (früher standen sie auf den 2- und 5-DM-Münzen). Einigkeit und Recht und Freiheit sind Garanten (»Unterpfand«) für das Glück, zugleich sind sie als Mahnung und Programm für den Zusammenhalt eines Volkes zu verstehen, man könnte die drei vielzitierten Begriffe als Motto der Bundesrepublik interpretieren. Auch bei dieser Strophe bzw. dem Dreiklang »Einigkeit und Recht und Freiheit« mag Hoffmann inspiriert worden sein von ihm bekannter Literatur, nämlich von Schillers »Wilhelm Tell« (1804), jenem Drama, das den Freiheitskampf der Eidgenossen darstellt; so spricht der sterbende Bannerherr Werner von Attinghausen in der zweiten Szene des vierten Akts: »Dass sich der Bund zum Bunde rasch versammle – seid einig – einig – einig.«

Dieser Gedanke fand zunächst Eingang in Hoffmanns Gedicht »Eins und Alles«, das als »Vorbild« des »Deutschlandliedes« gesehen werden kann und später als Teil seiner »Unpolitischen Lieder« veröffentlicht wurde. Im Juni 1841 getextet, nimmt es die Einheit Deutschlands vorweg:

Deutschland erst in sich vereint!

Auf! Wir wollen uns verbinden,

und wir können jeden Feind

treuverbunden überwinden.

Deutschland erst in sich vereint!

Lasset alles, alles schwinden,

was ihr wünschet, hofft und meint!

Alles andere wird sich finden.

Deutschland erst in sich vereint!

Danach strebet, danach ringet!

Dass der schöne Tag erscheint,

der uns Einheit wiederbringet.

Deutschland erst in sich vereint!

Wenn uns das einmal gelinget,

hat die Welt noch einen Feind,

der uns wiederum bezwinget?

Nur zwei Monate später, im August 1841, entstand auf Helgoland das »Lied der Deutschen«. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität zu Breslau, befand sich in jenem Sommer drei Wochen lang im Urlaub auf der damals zu England gehörenden Hochseeinsel. Dort hatte er wiederholt gehört, wie zu Ehren der britischen und französischen Gäste die Hymnen »God Save the Queen« bzw. die


Abb. 3: »Villa Hoffmann« auf Helgoland, Aufenthaltsort Hoffmann von Fallersleben1840 und 1841, Postkarte von 1910.

»Marseillaise« gespielt wurden. Nach einem Spaziergang verfasste er die drei uns bekannten Strophen in seinem Quartier in der Feldstraße. In seiner 1868 erschienenen Autobiografie »Mein Leben« heißt es dazu:10

»Am 23. August kehrten die meisten Hannoveraner heim […]. Den ersten Augenblick schien mir Helgoland wie ausgestorben, ich fühlte mich sehr verwaist. Und doch tat mir bald die Einsamkeit recht wohl: ich freute mich, dass ich nach den unruhigen Tagen wieder einmal auch mir gehören durfte. Wenn ich dann so einsam wandelte auf der Klippe, nichts als Meer und Himmel um mich sah, da ward mir so eigen zumute, ich musste dichten und wenn ich es auch nicht gewollt hätte. So entstand am 26. August das Lied: ›Deutschland, Deutschland über alles!‹, den 28.: ›Wir haben’s geschworen‹, und bald nachher […] ›Es saust der Wind, es braust das Meer‹.«

Hoffmann, als Germanist vertraut mit der deutsch-europäischen Literaturgeschichte, mag auf Helgoland ferner an den Titel einer Schrift des österreichischen Nationalökonomen Philip Wilhelm von Hornick (1640–1714) gedacht haben, die lautete: »Österreich über alles« (1684). Doch in dieser Hinsicht war Hoffmann nicht der einzige; bereits 1800 hatte Philipp von Gemmingen (1771–1831) seiner Zeitschrift den Titel »Teutschland über alles« gegeben und wenige Jahre später orientierte sich daran auch der österreichische Dichter Heinrich Joseph von Collin (1771–1811), der 1809 ein Soldatenlied dichtete, dessen erste Strophe lautete: »Wenn es nur will, ist immer Österreich über Alles! Wehrmänner ruft nun frohen Schalles: Es will, es will! Hoch Österreich!«

In der Stimmung der Abgeschiedenheit und Einsamkeit, der Unzufriedenheit über die politischen Zustände im Deutschen Bund, andererseits der Selbstzufriedenheit, des persönlichen Wohlergehens in Urlaubstagen, fern ab den deutschen Landen, brachte Hoffmann das »Lied der Deutschen« zu Papier. Letztlich war es eines von annähernd 3.000 Liedern, Gedichten, Trinkliedern und vaterländischen Texten. Bewusst schrieb er keine Ode, keine Huldigung an einen Herrscher, sondern eine spontane »Liebeserklärung« an seine Heimat: »Ich will ein Lied schreiben, das die Deutschen eint. Keine Huldigung an die Fürsten, sondern ein Lied der Sehnsucht nach der Einheit der Nation.«11

Hoffmann von Fallersleben hatte der dritten Strophe zunächst eine Variante gegeben; in der Urschrift des vollständigen Liedes steht:

Einigkeit und Recht und Freiheit

Sind des Glückes Unterpfand.

Stoßet an und ruft einstimmig:

Hoch das deutsche Vaterland!

Als Melodie hatte der Dichter von Anfang an Joseph Haydns (1732–1809) allseits bekannte Komposition zur österreichischen Kaiserhymne vorgesehen. Er fand sie wunderschön, nur ihr Text missfiel ihm als liberalem Demokraten. Hoffmann hatte als Germanist Wert auf einprägsame Stilmittel gelegt. Jedes Kind konnte sich die einfachen, ein- und zweisilbigen Flussnamen merken, eingängig ist die Alliteration »Maas« und »Memel«, ebenso die Wiederholung »Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang« in der zweite Strophe sowie die Aufzählung (»Einigkeit und Recht und Freiheit«) in der dritten Strophe. Das heißt, wie bei den meisten Kirchenliedern lagen mit diesem »Lied der Deutschen« eine einfache Textstruktur und eine ebenso eingängige Melodie vor, ideale Voraussetzungen für eine schnelle Verbreitung. Hoffmann war sich bewusst, dass man sich gereimte Texte viel leichter merken kann und dass die Musik den Verstand und das Gefühl berührt, dass sie Erinnerungen sowie Empfindungen wie Trauer, Empörung, Sehnsucht und Freude hervorrufen kann und zwar in der Gemeinschaft und bei jedem Einzelnen.

Am 28. August 1841 erhielt der Professor und Volkslieddichter Besuch von Julius Campe (1792–1867), einem der bekanntesten Verleger Hamburgs, mit dem er zuvor schon mehrfach zusammengearbeitet hatte. Campe erschien nun in Begleitung des Stuttgarter Buchhändlers Paul Neff (1804–1855), um Hoffmann das erste Exemplar des zweiten Teils der »Unpolitischen Lieder« zu überreichen. Während eines Strandspaziergangs berichtete Hoffmann seinem Gast von seiner aktuellen Schöpfung. Auch diese Begegnung ist überliefert:12

»Am 29. August spazierte ich mit Campe am Strande. ›Ich habe ein Gedicht gemacht, das kostet aber vier Louisdor.‹ Wir gehen in das Erholungszimmer. Ich lese ihm: ›Deutschland, Deutschland über alles‹ und noch ehe ich damit zu Ende bin, legt er mir die 4 Louisdor auf meine Brieftasche. Wir beratschlagen, in welcher Art das Lied am besten zu veröffentlichen. Campe schmunzelt: ›Wenn es einschlägt, so kann es ein Rheinlied werden. Erhalten Sie drei Becher, muss mir einer zukommen.‹ Ich schreibe es unter dem Lärm der jämmerlichen Tanzmusik ab, Campe steckt es ein, und wir scheiden. Am 4. September bringt mir Campe das Lied der Deutschen mit der Haydnschen Melodie in Noten, zugleich mein Bildnis, gezeichnet von C.A. Lill. An letzterem nichts gut als der gute Wille. Hoffentlich werden meine Freunde ein besseres Bild von mir in der Erinnerung behalten haben.«


Abb. 4: »Das Lied der Deutschen« vom 1. September 1841, Arrangement für Singstimme, Klavier und Gitarre.

Campe musste sich des Erfolgs des Liedes sicher gewesen sein, denn er ließ es wenige Tage später als Flugblatt in einer Auflage von mehr als 400 Exemplaren drucken. Der Titel des Hamburger Erstdrucks vom 1. September 1841 lautete:

»Das Lied der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben, Melodie nach Joseph Haydn’s: Gott erhalte Franz den Kaiser, Unsern guten Kaiser Franz! Arrangiert für die Singstimme mit Begleitung des Pianoforte und der Guitarre (Text Eigentum der Verleger). 1. September 1841, Hamburg, bei Hoffmann und Campe, Stuttgart, bei Paul Neff. 4 bill. gr. 8º. Satz und Stereotypie von Fabricius (Preis 2 g. Groschen).«

Genauso erstaunlich ist, dass die öffentliche Uraufführung des Liedes nur einen Monat später stattfand. Die Hamburger Liedertafel unter Leitung ihres Gründers Albert Methfessel (1785–1869) sang es am 5. Oktober 1841 anlässlich eines Fackelzuges zu Ehren von Carl Theodor Welcker (1790–1869), Professor für Rechtswissenschaften an der Universität Freiburg. Über dieses Ereignis, bei dem Hoffmann von Fallersleben anwesend war, berichteten die »Hamburger Nachrichten« am 8. Oktober:13

»Nach einem sehr unfreundlichen […] Tage war das Wetter ein paar Stunden nach Sonnenuntergang nach und nach ruhiger geworden, die Wolken hatten aufgehört, ihre nassen Gaben zu spenden, sie verteilten sich und der Mond zog hell herauf, um mit seinem milden Licht das Schauspiel, die öffentliche Würdigung eines Biedermannes, von anderen gleichgesinnten Ehrenmännern, das hier an den Ufern des schönen Alstersees vor den Augen von Tausenden stattfand, zu beleuchten. Kopf an Kopf standen nicht nur an der Straße vor dem Hause, sondern auch auf dem daran stoßenden Gänsemarkte und in den beiden Alleen des alten und neuen Jungfernstiegs die Massen der Teilnehmer, die zugleich Mitwirkende und Zuschauer waren.

Zuerst ward von dem ausgezeichneten Hornisten-Corps unseres Bürger-Jäger-Bataillons ein Marsch gespielt, dann beim Licht rot brennender Fackeln Hoffmann v. Fallerslebens ›Lied der Deutschen‹ nach der Melodie ›Gott erhalte Franz den Kaiser‹ gesungen, worauf Herr Dr. Wille den Herrn Hofrat Welcker im Namen Hamburgs begrüßte und ihm ein dreimaliges Hoch! brachte. Nachdem die Fackeln ihr Licht in Weiß geändert, ward von dem Herrn Professor Wurm eine kurze Anrede gehalten, in welcher er sich über die deutschen Verhältnisse überhaupt in kräftigen Worten aussprach. Hierauf dankte unser werter Gast mit gerührter Stimme aus dem offenen Fenster herab für die freundliche Aufnahme, die er in Hamburg, der freisten Stadt und dem ersten Handelsplatze Deutschlands, gefunden […] und brachte zum Schluss seiner Rede ein Hoch! auf das freie und einige Deutschland aus. Während nun von den Mitgliedern der Liedertafel Hoffmann von Fallerslebens ›Rückkehr aus Frankreich‹ gesungen ward, begab sich eine Deputation zu dem Geehrten hinauf und überreichte ihm ein in die deutschen Farben gebundenes Prachtexemplar des bei dieser Gelegenheit gesungenen ›Liedes der Deutschen‹, welches von dem Herrn Doktor Wille übergeben ward.«

Welcker, ein führender Repräsentant des badischen Liberalismus, war Redakteur der Zeitung »Der Freisinnige« und Mitherausgeber des »Rotteck-Welckerschen Staatslexikons«, eines deutschlandweit beachteten Standardwerkes zum politischen Wissen seiner Zeit. Welckers politische Haltung, die ihm mehrfach Pressezensur und Berufsverbot einbrachte, entsprach der seines Kollegen Hoffmann von Fallersleben. Welcker war 1848/49 Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung, der auch überregional bekannte Gelehrte, Dichter und Publizisten wie Ernst Moritz Arndt, Friedrich Christoph Dahlmann (1785–1860), Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852), Heinrich von Gagern (1799–1880), Jacob Grimm (1785–1863) oder Ludwig Uhland (1787–1862) angehörten. In der »48er Revolution«, deren Teilnehmer voller Begeisterung das »Deutschlandlied« aufnahmen und verbreiteten, sollten sich kurzzeitig die politischen Forderungen des Wartburgfestes und des Hambacher Festes erfüllen. Auch wurden Schwarz-Rot-Gold, die Farben der liberalen Bewegung, zum Symbol der Revolution und der Nationalversammlung. Die dazu passenden patriotischen Lieder wurden vor allem in den konstitutionellen Staaten Süd- und Mitteldeutschlands über die wachsenden Männergesangsvereine kultiviert. Mitte des 19. Jahrhunderts existierten rund 1.100 dieser Vereine mit ca. 100.000 Mitgliedern. Die Sängerbewegung bildete die an Mitgliederzahl größte und auch territorial am weitesten verbreitete Organisation mit eindeutig nationalpolitischem Anspruch.14 Zum festen Repertoire dieser Gesangsvereine gehörten die Lieder »Lützows wilde Jagd« von Theodor Körner (1791–1813), »Rheinlied« von Nikolaus Becker, Max Schneckenburgers »Die Wacht am Rhein«, Ernst Moritz Arndts »Was ist des Deutschen Vaterland« oder Max von Schenkendorfs »Freiheit, die ich meine« sowie »Das freie Wort« von Georg Herwegh (1817–1875) – und August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens »Lied der Deutschen«. Die rasche Popularität des »Deutschlandliedes« ist auch dem renommierten und geschäftstüchtigen Verleger zu verdanken, der bereits mehrere Werke von Hoffmann verlegt hatte. Julius Campe, der zu den »geistigen Zentren des deutschen Vormärz« zählte,15 hatte zuvor schon Heinrich Heine (1797–1856), Ludwig Börne (1786–1837) und Friedrich Hebbel (1813–1863) unter Vertrag. Zwar hieß es im Erstdruck »Text Eigentum des Verlegers«, doch wie damals vielfach üblich, wurde das »Lied der Deutschen« unautorisiert nachgedruckt. Hoffmann selbst nahm es 1842 in seinen Band »Deutsche Lieder aus der Schweiz« auf.

Während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 standen die Fürsten- und Landeshymnen sowie Heimatlieder der einzelnen Bundesstaaten im Vordergrund, etwa »Schleswig-Holstein meerumschlungen«, »Ich bin ein Preuße«, »Gott mit dir, du Land der Bayern«, »Heil dir mein Badnerland« oder »Heil dir, du schönes Siegerland« und das »Westfalenlied«. Mit der Reichsgründung am 18. Januar 1871 hatten die Deutschen endlich einen Nationalstaat, mit Berlin eine Hauptstadt und mit Wilhelm I., dem Deutschen Kaiser, auch ein Staatsoberhaupt. Die Reichsflagge wehte in den Farben Schwarz-Weiß-Rot, doch eine gemeinsame Nationalhymne existierte nicht. Bei offiziellen Anlässen erklang die seit 1795 übliche preußische Volkshymne »Heil dir im Siegerkranz«.

9 Zit. nach Fritz Andrée: Hoffmann von Fallersleben, 1972, Höxter, S. 49.

10 Hans Benzmann (Hg.): August Heinrich Hoffmann von Fallersleben: Ausgewählte Werke in vier Bänden, Leipzig 1905, Bd. 3 (»Mein Leben«), S. 196.

11 Zit. nach Hamburger Abendblatt, 23.09.1991.

12 Hoffmann von Fallersleben: Mein Leben, Bd. 3, S. 197.

13 Zit. nach Zeitschrift für Musik, Monatsschrift für eine Geistige Erneuerung der deutschen Musik, hg. von Gustav Bosse, Heft 5/1936, Regensburg 1936, S. 523.

14 S. Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2, München 1987, S. 402

15 Ebd., S. 537.

4
Exkurs: »Heil dir im Siegerkranz«

Vorbild der preußischen Hymne war das »Lied für den dänischen Untertan, an seines Königs Geburtstags zu singen in der Melodie des englischen Volksliedes »God save George the King«, eine Dichtung des 1762 in Flensburg geborenen und 1802 in Brügge verstorbenen Heinrich Harries. In seiner Geburtsstadt, die zum Herzogtum Schleswig und damit zum Königreich Dänemark gehörte, wirkte Harries als Schriftsteller und Pfarrer. Mit Begeisterung hatte er die Französische Revolution im Juli 1789 aufgenommen, war sich aber sicher, einen solchen Umbruch brauche sein Land nicht, da hier Forderungen wie Pressefreiheit oder Aufhebung der Leibeigenschaft bereits verwirklicht waren. Seinem Landesherrn fühlte er sich dankbar verbunden, so dass er sein Lied am 27. Januar 1790, zwei Tage vor dem 41. Geburtstag König Christians VII. (1749–1808) im »Flensburger Wochenblatt für Jedermann« veröffentlichte. Es begann mit den Worten »Heil dir, dem liebenden Herrscher des Vaterlands! Heil, Christian, dir!«.

In Dänemark wurde dieses Lied nicht populär, auch wäre die Entstehungsgeschichte verloren gegangen, hätte nicht der in Kiel geborene Jurist Balthasar Gerhard Schumacher (1755–1802) Kenntnis von diesem Lied erlangt und dieses umgedichtet. Seit 1793 lebte er in Berlin, er verkürzte Harries’ Fassung auf fünf Strophen und veröffentlichte sie als »Berliner Volksgesang« zu Ehren des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. (1744–1797) am 17. Dezember 1793 in der »Spenerschen Zeitung«. Ein Verweis auf die Urfassung unterblieb – erst Jahrzehnte später stellte sich heraus, dass Schumacher ein Plagiat vorgelegt hatte – doch die Melodie, also die britische Königshymne war angegeben. »Heil dir im Siegerkranz« erklang erstmals im Königlichen Nationaltheater Berlin am 25. September 1795 in Gegenwart Friedrich Wilhelms II. zu Ehren seines 51. Geburtstags. Schnell wurde es im ganzen Land bekannt und beliebt und galt seitdem als preußische Herrscherhymne, die an den Geburtstagen des Landesherrn, Thronjubiläen und anderen offiziellen Feiern gespielt und gesungen wurde. In den kommenden Jahren, nach Gründung des Deutschen Bundes 1815, nahmen sich die Königreiche Bayern, Hannover und Württemberg, die Großherzogtümer Hessen und Baden sowie die Fürstentümer Anhalt und Schaumburg-Lippe ein Vorbild an der Preußenhymne und ehrten mit entsprechender Abweichung bei Beibehaltung der englischen Melodie ihren jeweiligen Landesherrn, in Bayern etwa mit »Heil, unserm König, Heil!«. Die Melodie wird dem englischen Dichter und Komponisten Henry Carey (1687–1743) zugeschrieben.

Mit Gründung des Deutschen Kaiserreichs und der Ausrufung des preußischen Königs Wilhelm zum Deutschen Kaiser Wilhelm am 18. Januar 1871 wurde aus der Preußenhymne die Kaiserhymne. Als solche wurde sie erstmals am Tag der Proklamation im Spiegelsaal des Versailler Schlosses gespielt und gesungen, wie der

Abb. 5: Flagge des Deutschen Kaiserreichs mit der Aufschrift »Heil Dir im Siegerkranz«, Postkarte von 1914.

Historiker und Verleger Theodor Toeche-Mittler (1837–1907), ein Teilnehmer der Festversammlung, rückblickend schilderte:16

»Die Stille in der Versammlung hielt nach dieser Verkündigung noch einen Augenblick an. Da verneigte sich der Großherzog von Baden gegen den Kaiser und bat um die Erlaubnis, an die Versammlung sich zu wenden. In dem er mit freudig lauter, klangvoller Stimme rief: ›Seine Kaiserliche und Königliche Majestät, Kaiser Wilhelm, lebe hoch! hoch! hoch!‹, entzündete er die allgemeine Begeisterung. Aber wie könnte man den Jubel schildern, der jetzt den Saal durchbrauste! Was aller Herzen erfüllte und überschwellte, brach sich in einem Hoch und Hurra Bahn, das dem Glücksgefühl dieses Augenblickes, der Liebe zum greisen Herrscher und dem Treueschwur für ihn Ausdruck gab. Die Helme wurden hoch geschwenkt, alle Augen leuchteten dem geliebten Herrn zu; sie füllten sich mit Tränen der Rührung und der Freude, die Fahnen senkten sich ihm zu Häupten; ›Heil Dir im Siegerkranz‹, erscholl es von den Musikkorps. Und wahrlich, die tiefe Bewegung des hohen Herrn selbst entfachte immer neue Zurufe.«


Abb. 6: Kaiserproklamation zu Versailles, 18. Januar 1871, Postkarte um 1900.

Mit diesem epochemachenden Ereignis hatte »Die Wacht am Rhein« als patriotisch-vaterländisches Lied weitgehend ausgedient, es wurde abgelöst von der »Kaiserhymne«. Bei den zahlreichen Feiern, so dem Reichsgründungstag, den Geburtstagen der Kaiser, dem Sedantag, der an die kriegsentscheidende Schlacht im Deutsch-Französischen Krieg und die Gefangennahme Kaiser Napoleons III. (1808–1873) am 2. September 1870 erinnerte, erklang stets »Heil dir im Siegerkranz«. Ebenso ertönte der Jubelgesang bei den vielen Denkmalseinweihungen zu Ehren Wilhelms, Bismarcks sowie der Teilnehmer und Gefallenen des Krieges von 1870/71:

Heil dir im Siegerkranz,

Herrscher des Vaterlands!

Heil, Kaiser, dir!

Fühl in des Thrones Glanz

die hohe Wonne ganz,

Liebling des Volks zu sein!

Heil, Kaiser, dir!

Nicht Ross und Reisige

sichern die steile Höh,

wo Fürsten stehn:

Liebe des Vaterlands,

Liebe des freien Manns

gründet den Herrscherthron

wie Fels im Meer.

Heilige Flamme, glüh,

glüh und erlösche nie

fürs Vaterland!

Wir alle stehen dann

mutig für einen Mann,

kämpfen und bluten gern

für Thron und Reich!

Handlung und Wissenschaft

hebe mit Mut und Kraft

ihr Haupt empor!

Krieger- und Heldentat

finde ihr Lorbeerblatt

treu aufgehoben dort

an deinem Thron!

Sei, Kaiser Wilhelm, hier

lang deines Volkes Zier,

der Menschheit Stolz!

Fühl in des Thrones Glanz

die hohe Wonne ganz,

Liebling des Volks zu sein!

Heil, Kaiser, dir!

Veröffentlicht war die Hymne in Kommersbüchern, eine größere Verbreitung fand sie jedoch in den unzähligen Liederbüchern, die zumindest in jedem bürgerlichen Haushalt vorhanden waren. So findet sich in »Erk’s Deutschem Liederschatz« (1879) unter der Rubrik »Vaterlandslieder« »Heil dir im Siegerkranz« neben den bereits zitierten Liedern »Die Wacht am Rhein«, »Des Deutschen Vaterland«, »Deutschland über alles« oder »Freiheit, die ich meine«. In dem prachtvoll ausgestatteten, illustrierten Band »Klänge aus aller Herren Länder« (1904) ist es gar an erster Stelle abgedruckt und wird als »Deutsche National-Hymne« bezeichnet. Als »Kaiserlied« steht es in einem ab 1890 in vielen Auflagen herausgegebenen Bändchen »100 der schönsten Volkslieder«. Aber auch die Choralliteratur und Posaunenbücher, die sich ab Ende des 19. Jahrhunderts an eine stetig wachsende Leserschaft wandten und die zwischen »Geistlichen Werken« und »Weltlichen Werken« differenzierten, enthielten »Heil dir im Siegerkranz« wie auch andere Vaterlandslieder.

In den süddeutschen Ländern, die per se eine gewisse Distanz und Vorbehalte gegenüber dem im Reich dominierenden Preußen hatten, war das Lied nicht ganz so beliebt, hier erklangen häufiger patriotische Gesänge wie »Die Wacht am Rhein« oder das »Lied der Deutschen«. Im Gegensatz zu diesen Liedern verloren die Herrscherhymnen mit dem Untergang der Monarchie in Deutschland 1918 ihre Bedeutung.

Abb. 7: Auguste Viktoria von Preußen (1858–1921) und Wilhelm II. von Preußen (1859–1941) mit der »Kaiser-Hymne« von H. Hunold-Liek, Postkarte von 1914.

16 Zit. nach Ernst Deuerlein (Hg.): Die Gründung des Deutschen Reiches 1870/71 in Augenzeugenberichten, München 1977, S. 299.

5
Das »Lied der Deutschen« im Kaiserreich

Bereits vor der Reichsgründung hatte die erste Strophe des »Deutschlandliedes« in Frankreich für Irritationen gesorgt, wie Hoffmann von Fallersleben überlieferte:

»In der Militärdebatte im Dezember 1867 zitierte der Deputierte Liégeard mein Lied und behauptete, eine Nation, die ein solches Lied singen könne, zeige ›einen Mangel an Bescheidenheit‹.17«

Wenige Tage nach Beginn des Deutsch-Französischen Krieges meinte Hoffmann in einem Brief an den Hamburger Kaufmann Theodor Ebeling (1825–1889) vom 12. August 1870:18

»Erfreulich wäre mir dagegen, wenn jetzt endlich einmal mein Lied ›Deutschland, Deutschland über alles‹ zu allgemeiner Geltung gelangte, also das würde, was es jetzt endlich sein kann, ein Lied für ganz Deutschland […].

Die Haydnsche Melodie ist nicht übertroffen worden, und das ist mir lieb: es muss eine Melodie von einem Ende Deutschlands bis zum anderen gesungen werden, nämlich vom Volke. In den Singvereinen mögen derlei Kompositionen ihre Berechtigung finden. Man wird nun zwar nicht leicht mein Lied totkomponieren, wie weiland das Beckersche ›Sie sollen ihn nicht haben‹, aber es kann doch nur durch eine allgemein bekannte und beliebte Melodie am besten seinen Zweck erreichen.«

Nach dem Krieg und der Reichsgründung nahm Hoffmann wohl wahr, dass sein Lied zur Kenntnis genommen wurde. Bereits 1844 hatte es der Schriftsteller und Bibliothekar Ludwig Bechstein (1801–1860) in sein »Deutsches Dichterbuch« aufgenommen, seitdem war es immer wieder publiziert worden. Auch hatte es mittlerweile mehr als 50 Vertonungen des Gedichts gegeben. Doch Hoffmann erlebte nicht mehr, wie sehr es im ganzen Volk bekannt wurde und flächendeckend Eingang fand in den »Liederschatz« der Deutschen. Dagegen hatte sich noch zu seinen Lebzeiten die Verwirklichung seines Traumes, nämlich die Schaffung eines vereinten Deutschlands, erfüllt, auch wenn er enttäuscht war von der »kleindeutschen Lösung« und dem konservativ-autoritären Obrigkeitsstaat, der nun unter Kaiser Wilhelm und Reichskanzler Otto von Bismarck entstanden war. Seine Ideale, geprägt vom Liberalismus und der Aufbruchsstimmung der 1830/40er Jahre, waren dahin, im Juni 1871 dichtete er:

Deutschland, Deutschland über alles.

O wie sang ich es so oft!

Niemals sollt’ Erfüllung werden,

was ich lang und heiß erhofft …

Doch mein Deutschland über alles

Kam und ward – Makulatur.

Vor allem außerhalb Preußens avancierte das »Lied der Deutschen« zu einer inoffiziellen Hymne und war in der Regel fester Bestandteil bei feierlichen Anlässen wie Denkmalseinweihungen. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg wurden reichsweit Kriegerdenkmäler errichtet. Initiiert von den Krieger-, Soldaten- und Militärvereinen, ehrte jedes noch so kleine Dorf seine gefallenen und überlebenden Teilnehmer des Krieges mit einem mehr oder weniger prachtvollen Denkmal, je nach den finanziellen Möglichkeiten der Vereine. Bei der Einweihung eines Kriegerdenkmals in Worms im Mai 1874 und damit vier Monate nach dem Tode Hoffmann von Fallerslebens, galt folgendes Programm:19

Choral von der Militärmusik.

Gesang der vereinigten Gesangvereine: »Am Grabe der Gefallenen.«

Festrede, gesprochen von Herrn Dr. Marx.

Enthüllung des Denkmals und Übergabe desselben an die Stadt.

Gesang der vereinigten Gesangvereine: »Deutschland über Alles!«

Übernahme des Denkmals durch einen Vertreter des Stadtvorstandes.

Schlussgesang: »Großer Gott, dich loben wir«, gesungen von allen Anwesenden unter Musikbegleitung.

24 Jahre später, hundert Jahre nach Hoffmanns Geburt, wurde in der rheinhessischen Gemeinde Rheindürkheim ebenfalls ein Siegesdenkmal in Form einer Germania enthüllt. Hier hatte es jahrzehntelang gedauert, bis der örtliche Krieger- und Soldatenverein genügend Geld für ein solches Bauwerk hatte aufbringen können. Auch bei diesem Festakt am 2. Juli 1898 erklang das »Deutschlandlied«: Die Feier begann mit Böllerschüssen und Läuten der Glocken vom Rathausturm und bot für 30 Pfennig Eintrittsgeld auf dem Festplatz einen abwechslungsreichen Abend mit viel Musik und zahlreichen Reden. Toasts wurden ausgesprochen »auf den Kaiser«, »auf das Vaterland«, »auf die Armee«, »auf Fürst Bismarck«


Abb. 8: »Deutschland, Deutschland über Alles«, Zeichnung von Curt Stoeving (1863–1939), 1896.

sowie »auf die Frauen und Jungfrauen«. Dazwischen erklangen klassische Stücke wie »Gebet und Schlachtenhymne« aus der Oper »Rienzi« von Richard Wagner (1813–1883) und »allgemeiner Gesang« (»Heil Dir im Siegerkranz«, »Deutschland, Deutschland über alles«, »Die Wacht am Rhein« und »Ich hab’ mich ergeben«), bei dem das Volk mitwirken durfte.20

Bis Ende des Jahrhunderts waren Text und Melodie des Liedes jedermann bekannt, vor allem in Studentenkreisen, dort auch war es 1883 bei Enthüllung des Burschenschaftsdenkmals in Jena gesungen worden. Intoniert wurde es ferner bei den Einweihungsfeiern der Otto von Bismarck gewidmeten Denkmäler und Türme. Wie die Denkmäler hatten auch die Gesänge schichtübergreifend eine integrative Funktion, sie waren aber weitgehend Teil einer Männerkultur. Reichsweit groß gefeiert wurde des Reichskanzlers 80. Geburtstag am 1. April 1895. Aus diesem Anlass hatte etwa der Wormser Oberbürgermeister ins städtische Theater eingeladen. Das Programm, eine Abfolge von Ansprachen, szenischen Darstellungen und Musikbeiträgen ortsansässiger Kapellen und Vereine unter Einbeziehung des Publikums, hatte folgenden Ablauf:21

1. Festmarsch

2. Toast auf Kaiser und Großherzog

3. »Heil dir im Siegerkranz« (allgemeiner Gesang)

4. »Lebende Bilder« (Präsentation vom Turnverein)

5. »Des Kanzlers Wort« (Vortrag des Soldatenvereins)

6. Toast auf Fürst Bismarck

7. »Das deutsche Wort« (allgemeiner Gesang)

8. »Bismarck-Hymne«

9. Ouvertüre zur Oper »Die Felsenmühle«

10. »Das deutsche Lied«

11. Toast aufs Vaterland

12. »Deutschland, Deutschland über alles« (allgemeiner Gesang)

13. »An mein Vaterland«

14. »Fantasie« aus der Oper »Faust«

15. »Gott segne dich, mein Vaterland«

16. Toast aufs Heer

17. »Bismarck-Lied« (allgemeiner Gesang)

18. »Germanengesang«

19. »Das deutsche Lied«

20. »Bismarck-Lied« (allgemeiner Gesang)

21. »Fürst-Bismarck-Marsch«

Ähnlich sah es auch in anderen Städten aus; in Heidelberg beispielsweise endete am 1. April 1897 die Enthüllungsfeier der Bismarckbüste am Bismarckplatz mit dem gemeinsam gesungenen Lied »Deutschland, Deutschland über alles«.22

Hatten bislang beide Hymnen (»Heil dir im Siegerkranz« und das »Deutschlandlied«) gleichberechtigt auf dem Programm derartiger Feiern gestanden, erfolgte die Aufwertung des Hoffmann’schen Liedes zur Jahrhundertwende. Mit Deutschland konnten sich mehr Menschen identifizieren als mit Wilhelm II. (1859–1941), seit 1888 »Herrscher des Vaterlandes«. Bei der Einweihung des Bismarckturms bei Darmstadt im November 1908 verzichtete die Festversammlung auf die »Kaiserhymne«, das »Lied der Deutschen« dagegen wurde inzwischen als Nationalhymne deklariert:23

»Am 6. November wurde der von der Darmstädter Studentenschaft errichtete Bismarck-Turm auf dem Dommerberg feierlich eingeweiht. Gegen ¾ 8 Uhr langte der Fackelzug unter den Klängen der Musik auf dem Dommerberge an, wo sich schon eine große Anzahl von Zuschauern eingefunden hatte. Das Professorenkollegium […] war fast vollzählig vertreten.

Zu den Seiten des Turmeingangs nahmen die Chargierten mit ihren Fahnen Aufstellung, worauf der 1. Vorsitzende des Bismarck-Ausschusses […] in kurzen kernigen Worten das Gelübde der Nacheiferung erneuerte und mit einem begeistert aufgenommenen Hurra auf Kaiser und Großherzog schloss. Nachdem die Nationalhymne [gemeint ist ›Das Lied der Deutschen‹, J.K.] verhallt war, wurden unter den Klängen des ewig jungen ›Gaudeamus‹ die Fackeln zusammengeworfen. Damit war die eigentliche Feier beendet.«

Die Gleichsetzung »Deutschlandlied« mit Nationalhymne ist sicher auch einem Ereignis geschuldet, das im August 1890 stattgefunden hatte: Gemäß dem »Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und dem Vereinigten Königreich über die Kolonien und Helgoland« vom 1. Juli desselben Jahres, ging die bislang zu Großbritannien gehörende Insel Helgoland in den Besitz des Deutschen Reiches über. Mit dieser auch »Helgoland-Sansibar-Vertrag« genannten Vereinbarung verzichtete das Reich auf einen Gebietsanspruch an dem bislang freien Sultanat Sansibar. Deutsche Kolonie war die Insel vor der Küste Tansanias – im Gegensatz zu diesem Land (Teil Deutsch-Ostafrikas) – nie. Im Zuge dieses Abkommens gelangte Sansibar an das britische Kolonialreich. Helgoland wurde deutsch und bei der offiziellen Übernahmefeier auf der Nordseeinsel erklang am Freitag, dem 8. August 1890 das »Deutschlandlied«, das hier 49 Jahre zuvor getextet worden war:24

»Nicht in der Geschichte der kleinen Insel Helgoland allein, auch in der Geschichte Deutschlands, zu dem die Insel nun wieder gehört, wird der vorgestrige Tag, der Tag der Übergabe Helgolands, ein historisch denkwürdiger bleiben. Der feierliche Akt der Übergabe Helgolands an den Vertreter Seiner Majestät des Kaisers, den Staatssekretär v. Boetticher, schloss sich eng dem dafür aufgestellten Programm an […]. Eine Abteilung Marine-Infanterie bildete Spalier. Der Staatssekretär begab sich mit dem englischen Gouverneur über die geschmückte Landungstreppe und die nach dem Oberland führende Treppe in den Garten des Gouverneursgebäudes, wo die feierliche Übergabe der Insel stattfand […]. Staatssekretär v. Boetticher übernahm, indem er sich auf die Konvention berief, die Verwaltung Helgolands für Deutschland auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers. Darauf wurde ein englischer Posten an den Mast kommandiert, an welchem zur englischen die deutsche Flagge hochging, während die aufgestellte Abteilung Soldaten präsentierten und die draußen harrende Menge dreimal ›Hurra‹ rief, und dann ›Deutschland, Deutschland über Alles‹ sang. Die an der Feier Teilnehmenden entblößten die Häupter und Staatssekretär v. Boetticher brachte darauf ein Hoch auf die Königin von England aus, welches dreimal erscholl, während das Hoch des englischen Gouverneurs Barkly auf den Kaiser Wilhelm viermal wiederholt wurde. Die Soldaten rückten darauf ab und die Feier war zu Ende.«


Abb. 9: »Große Treppe« auf Helgoland, die vom Hafen zum Plateau der Insel (Oberland) führt, Postkarte um 1900.

An diesem Tag, beim Hissen der deutschen Flagge, erklang das Lied erstmals bei einer offiziellen Veranstaltung. Am nächsten Tag besuchte Wilhelm II. Helgoland, er nahm an einem Festgottesdienst vor dem Leuchtturm und an einer Parade teil. In seiner Ansprache versicherte der Kaiser, »er sei des festen Willens, für Helgoland zu sorgen«; auch sollten die Zoll- und Steuerverhältnisse der Helgoländer vorläufig unverändert bleiben.

Wenige Jahre später, am 16. Juni 1901, erklang bei einem weiteren offiziellen Akt erneut das »Deutschlandlied«, diesmal anlässlich der Enthüllung des Bismarck-Nationaldenkmals vor dem Reichstagsgebäude. An dem »wirklich nationalen Festtage« hatten sich Tausende Schaulustige versammelt, unter ihnen die »obersten Würdenträger des Reiches und der Bundesstaaten«, zu den Ehrengästen zählten auch der Kaiser und seine Frau Auguste Viktoria (1858–1921). Nach der Festrede des Reichskanzlers Bernhard von Bülow (1849–1929) und unmittelbar vor der Enthüllung des Denkmals durch den Vorsitzenden des Denkmal-Komitees, Albert von Levetzow (1827–1903), erklang das Lied, das inzwischen allgemein als Nationalhymne bezeichnet wurde:25

»Die Nationalhymne erklingt, Herr von Levetzow bittet um die Erlaubnis, das Denkmal enthüllen zu dürfen, der Kaiser winkt und langsam senkt sich die Hülle.

Ein Moment wirklicher, allseitiger Ergriffenheit. Oben auf den Galerien senken sich die Fahnen der studentischen Jugend und alle Häupter entblößen sich vor dem hochragenden Bilde des hochragenden Mannes […]. Schweigend schritt der Kaiser zu dem Denkmal, hinter ihm ein Geheimrat mit einem Kranze, den der Kaiser vor dem Denkmal niederlegt. ›Des großen Kaisers großer Diener‹ lautet die Inschrift auf diesem Kranze.«

Ende des 19. Jahrhunderts war das Deutsche Reich die führende Industrienation Europas, inzwischen sogar Kolonialmacht. Doch internationale Krisen, teils durch unbedachte Äußerungen und Entscheidungen des Kaisers hervorgerufen, hatten das Land in die politische Isolation getrieben. Nach dem Tode seiner Großmutter Queen Victoria (1819–1901), also noch vor Beginn des Ersten Weltkrieges (August 1914), verfolgte Wilhelm II. eine feindselige Politik gegenüber Großbritannien. Als verlässlicher Bündnispartner war nur noch das Kaiserreich Österreich-Ungarn geblieben. In dieser Stimmung wurde vielen Deutschen bewusst, dass sie ihre »Kaiserhymne« auf eine englische Melodie sangen. Was lag näher, als fortan auf dieses Lied zu verzichten zugunsten des »Deutschlandliedes«! Daher wurden die drei Strophen von Hoffmann von Fallersleben als Nationalhymne bezeichnet, obwohl das Kaiserreich offiziell noch immer keine Hymne besaß. Ins kollektive Bewusstsein rückte das Lied spätestens mit dem Ersten Weltkrieg. Gemäß der offiziellen Militärberichte über die »Ereignisse an der Westfront« heißt es unter dem 11. November 1914 über die Gefechte des Vortages:26

»Am Yper-Abschnitt machten wir gute Fortschritte. Dixmuiden wurde erstürmt. Mehr als 500 Gefangene und neun Maschinengewehre fielen in unsere Hände. Weiter südlich drangen unsere Truppen über den Kanal vor. Westlich von Langhemarcq drangen junge Regimenter unter dem Gesang ›Deutschland, Deutschland über alles‹ gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nahmen sie […].«

Verschwiegen wurde in dem Bericht, den alle deutschen Zeitungen verbreiteten, dass Tausende junger deutscher Kriegsfreiwilliger unter dem Gesang des Liedes zu Tode kamen. Infolge dieser unkritischen Überlieferung wurde das »Deutschlandlied« zum nationalistisch-militaristischen Kampfgesang erklärt – und das sollte es auch während der folgenden Kriegsjahre bleiben. So hieß es anlässlich einer Feier zu Bismarcks 100. Geburtstag am 1. April 1915 aus Worms:27

»Während draußen im Feindesland unsere Heerscharen im todesmutigen Ringen wider Deutschlands Feinde stehen, vereinigten wir uns daheim zu einer deutschen Feier, um den größten Sohn unseres Volkes zu ehren. Da steigen die Klänge aus deutscher Kunstwelt empor, da jubelt der Gesang ein Bekenntnis zu deutscher Art; da klingt das Wort wie ein Schwur auf Tod und Leben, und da braust das Lied ›Deutschland über alles‹ wie ein Sturm, der den Sieg erzwingt […].«

Das »Deutschlandlied« war während des Krieges sogar Thema einer Predigt. Konrad Velte (1856–1939), Stadtpfarrer in Darmstadt, hielt am 23. August 1916 »zum Gedächtnis des vor 75 Jahren gedichteten Liedes: Deutschland, Deutschland über alles« eine Rede, in der er das Lied in Bezug setzte zu Psalm 137 (»Vergesse ich dein, Jerusalem, so schrumpfe meine Rechte ein. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich Jerusalem nicht meine höchste Freude sein lasse!«) und auf seine eigenwillige Weise interpretierte:28

»Wir denken unwillkürlich bei diesem Psalm an unsere deutschen Gefangenen in den fremden Landen. Sie mögen in mancher Stunde in tiefster Seele nachempfunden, was unser Psalm ausspricht: dieses brennende Heimweh, diese glühende Vaterlandsliebe. Heute habe ich jedoch die alten Worte aus einem anderen Grunde angeführt. ›Jerusalem, meine höchste Freude.‹ Übersetzt das in unsere Sprache und es lautet so: ›Deutschland, Deutschland über alles‹. Die Erinnerung an das Lied wird uns in dieser Woche ja besonders nahegelegt. Hoffmann von Fallersleben dichtete es am 26. August 1841, also vor 75 Jahren […]. Es ist ein vaterländisches Lied von rein weltlichem Charakter. Aber wer darf heute Vaterlandsliebe und Religion voneinander trennen? Empfinden wir heute nicht die inneren Zusammenhänge zwischen den beiden Lebensmächten tiefer denn sonst? Das Lied der Deutschen ist in diesen Kriegsjahren zur religiösen Weihe erhoben worden, und umgekehrt hat es uns die größten Stunden, die wir erlebt, festlich geweiht und verklärt.

Kein geistlich Lied, aber doch ein deutscher Psalm, ein vaterländischer Hochgesang, der, so oft wir ihn anstimmen, uns in ein heilig Land ruft, heilige Stimmungen und Empfindungen in uns weckt. Wie mag das Lied in so mancher gehobenen Stunde die Herzen unserer Soldaten draußen in den fremden Ländern mit wundersamer Gewalt ergriffen, wie ihnen Heimat, Dorf und Stadt, Familie, Kindheit und Jugend, eine Stadt voll Heimatbilder und Heimatklänge lebendig und fühlbar nahe gebracht haben! Wenn es deutsche Jünglinge in ihrer Todesstunde sangen, dort beim Sturmangriff in Flandern und dort auf hoher See – in welch einer Seelensprache wird es zu ihnen geredet haben! Ein letzter, ergreifender Gruß an das eure Vaterland, dem sie alles verdanken, und dem sie nun alles opferten; ein Gruß, in dem ihr innerstes Empfinden, ihre ganze Seele lag! Solch ein Singen im Angesicht des Todes – gewiss es war ein Beten, Glauben, Ringen und Überwinden, das die Seele zu Gott hinauftrug. Ja, welch eine heilige Geschichte mag es in diesem Kriege erlebt haben – das Weihelied deutscher Vaterlandsliebe!«

Im Vordergrund des »Deutschlandliedes« stand über einen Zeitraum von rund 100 Jahren stets die erste Strophe, später von den Nationalsozialisten vereinnahmt, noch später gerne in rechtsradikalen Kreisen gesungen. Doch die zweite Strophe ist die unbekannteste, daran hat sich bis heute nichts geändert; sie wirkt inhaltlich anspruchslos, eher wie ein Rheinweinlied. Selbst im »Dritten Reich«, das die Frau als Mutter ehrte – man denke nur an den Muttertag und das »Mutterkreuz« –, spielte diese Strophe gar keine Rolle. Umso bemerkenswerter ist deren Auslegung durch Pfarrer Velte:29

»Ich erkläre das Lied nicht im Einzelnen […]. Aber zwei Worte möchte ich doch noch besonders hervorheben: ›Deutsche Frauen, deutsche Treue!‹ Bildet die waffenfähige Männerwelt draußen eine lebendige Schutzmauer, gegen die eine tobende Völkerwelt anrennt – deutsche Frauen, ihr seid berufen, eine deutsche Wehr zu bilden für die inneren Heiligtümer des Vaterlandes! In eure Hand ist nicht das Schwert von Eisen gelegt, wohl aber das Schwert des Heiligen Geistes, um abzuwehren das Hässliche, das Gemeine, das Schmutzige – jene Feinde, die das Volk in seinem innersten Kern und Wesen verderben, die ihm sein Lebensmark vergifteten. Deutsche Frauen, ihr müsst das Vaterland von innen aus bauen, das Feuer auf dem häuslichen Herde und erst recht das ewige Gottesfeuer in den Herzen von Jung und Alt schüren – Hüterinnen alles dessen, was in der deutschen Volksseele lebt von stillen, heiligen Kräften, von Reinheit und Güte, von Opfersinn, Edelmut, Frömmigkeit und Glauben! Mit welcher Ehrfurcht haben schon die mittelalterlichen Sänger, ein Walter von der Vogelweide, eure innere Hoheit und Würde besungen; wie leuchtet durch unsere Geschichte euer Bild hindurch! Ob es eine Königin Luise ist, deren Gedächtnis im Herzen des großen Sohnes bis an sein Ende ein gottgeweihtes Heiligtum dankbarer Liebe und Verehrung blieb, oder eine schlichte Dorffrau, von der der Sohn jene stillen, tiefwurzelnden Kräfte empfangen hat, die ihn jetzt im Schützengraben stärken und aufrichten – die deutsche Frau ist uns ein Bild von innerer Reinheit, Herzensbildung und Gemütsreichtum. Deutsche Frauen, die Not der Zeit ruft euch heute allenthalben auf Arbeitsfelder von höchster vaterländischer Bedeutung, sie legt euch die schwersten Lasten, Leiden und Sorgen auf, sie fordert von euch die Kraft der Hingebung, der dienenden Liebe, der Entsagung in außergewöhnlichem Maße, doch das Größte, das sie von euch erwartet, liegt in dem einen: Bringt wieder zu Ehren den vollen hoheitsvollen Seelenklang: ›Deutsche Frauen!‹ Wenn die Zukunft neue Lieder singt – sie sollen künden: draußen ein Heldengeschlecht von Männern und Jünglingen, daheim ein Frauengeschlecht, das mit innerer Würde trug und litt, mit tapferem Herzen und hohem Verantwortlichkeitsgefühl an seine Pflichten und Aufgaben sich hingab – sie haben miteinander das Vaterland durch alle Drangsale gerettet, beide über sich selbst hinausgewachsen in der großen Gesinnung: ›Deutschland über alles!‹«

Der Frau wurde klar mitgeteilt, welche Rolle sie an der »Heimatfront« zu spielen habe, natürlich nur, solange die Männer in den Schützengräben liegen. »Einigkeit und Recht und Freiheit«, die dritte Strophe des »Deutschlandliedes«, wurde übrigens in der Predigt mit keiner Silbe gewürdigt. Im Vorsatz seiner gedruckten Rede schreibt der Verfasser:30

»Die von vielen Zuhörern dringend gewünschte Drucklegung dieser Rede findet ihre Rechtfertigung in der Eigenart der Feierstunde, in der sie gehalten wurde. Es war die übliche Kriegsbetstunde, die jedoch einen freieren Charakter annahm. Am Schlusse konnte die eben eingelaufene Nachricht von der glücklichen Heimkehr des Handels-Unterseebootes ›Deutschland‹ der Gemeinde von der Kanzel mitgeteilt werden. Dann geschah das Ungewöhnliche, dass ›das Lied der Deutschen‹ in der Kirche unter Orgelklang und – man darf wohl sagen – in betender Stimmung gesungen wurde.«

Die Worte »Deutschland über alles« sollten auch auf manchem Denkmal prangen. Kaum zu glauben, aber Tatsache: Bereits ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn lagen erste Entwürfe für Gefallenendenkmäler vor:31

»Schon heute, da der große Krieg noch mit unverminderter Wucht durch die ganze Welt bebt, regt sich allenthalben der Wunsch, den Opfern, die für Volk und Vaterland gefallen sind, würdige Denkmäler zu errichten, die ihr Andenken in aller Zukunft bewahren sollen.«

Vorgesehen waren »Gedächtnis-Haine« inmitten großzügiger Anlagen »anstelle der herkömmlichen Denkmäler auf Straßen und Plätzen«, die auch Großveranstaltungen und als Begegnungsstätte der Generationen dienen sollten. 1916 richtete das Reichsinnenministerium eine »Zentrale Beratungsstelle für Kriegerehrungen« in Berlin ein, bei der auch Vorschläge für »Kriegererinnerungsstätten« eingereicht werden konnten. Verwirklicht wurden diese Pläne ebenso wenig wie das Anliegen eines vergleichbaren Aufrufs vom Frühjahr 1917, der von prominenten Künstlern, Schriftstellern, Wissenschaftlern, Politikern und Theologen unterzeichnet worden war. Beabsichtigt war ein »neues Vaterlandslied«, das das Lied »Heil dir im Siegerkranz« ablösen sollte:32

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