Kitabı oku: «Die große Hitze»

Yazı tipi:


Jörg Mauthe

DIE GROSSE HITZE

oder die Errettung Österreichs

durch den Legationsrat Dr. Tuzzi

Roman


4. Auflage

© Edition Atelier, Wien 2013

www.editionatelier.at

Lektorat: David Axmann

Covergestaltung: Jorghi Poll

Prime Rate Kft., Budapest

ISBN 978-3-900-3791-00

Das Buch ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten, insbesondere für Übersetzungen, Nachdrucke, Vorträge sowie jegliche mediale Nutzung (Funk, Fernsehen, Internet). Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags und des Autors reproduziert oder weiterverwendet werden.

Die Orthografie entspricht der Originalausgabe.

Mit freundlicher Unterstützung des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur.


INHALT

ALS ANFANG

DAS ERSTE HAUPTKAPITEL

EIN ERSTES ZWISCHENKAPITEL

ZWEITES HAUPTKAPITEL

ZWEITES ZWISCHENKAPITEL

BEGINN DES DRITTEN HAUPTKAPITELS

IM DRITTEN ZWISCHENKAPITEL

FORTSETZUNG DES DRITTEN HAUPTKAPITELS

VIERTES HAUPTKAPITEL

FÜNFTES HAUPTKAPITEL

EINE LISTE TEILWEISE INTERESSANTER PERSÖNLICHKEITEN

VIERTES ZWISCHENKAPITEL

SECHSTES HAUPTKAPITEL

SIEBENTES HAUPTKAPITEL

IN DER FORTSETZUNG DES SIEBENTEN HAUPTKAPITELS

ACHTES KAPITEL

NEUNTES KAPITEL

EINE WICHTIGE ZWISCHENBEMERKUNG

WEITERE FORTSETZUNG UND ENDE DES NEUNTEN KAPITELS

DAS ZEHNTE UND FAST LETZTE KAPITEL

NACHTRÄGE

WIENER LITERATUREN

ALS ANFANG
EINE VATERLÄNDISCHE RUHM- UND
EHRENTAFEL, ZUGLEICH WIDMUNG
AN MEINE FREUNDE

Der Anfang ist das Wichtigste an einem Buch, sagen meine Freunde, die sich auf das Schreiben von Büchern verstehen. Sorge dafür, sagen sie, daß der Anfang Vergnügen bereitet, und du wirst es leichter mit deinem Leser haben. Williger wird er dir in das schwierige Gestrüpp der nachfolgenden Exposition folgen, in der du ihm zu sagen versuchen wirst, was du ihm eigentlich sagen willst. Von einem gelungenen Anfang gerührt, erheitert und ein wenig neugierig gemacht auf das Kommende, wird er dir späterhin die eine oder andere Lücke oder Schwäche verzeihen, vor allem dann, wenn er aus dem guten Anfang auch auf ein ebensolches Ende hoffen darf.

Da ich diesen Rat hervorragend fand, dachte ich lange über einen wirklich guten Anfang nach und begann endlich dieses Buch mit den Worten: »Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Bewohner der Bundeshauptstadt Wien, sich vor neun Uhr morgens mies zu fühlen. Aber der Legationsrat Tuzzi fühlte sich an diesem Morgen besonders mies.« – Dieser Satz schien mir geeignet, den Leser in leicht faßlicher Weise vom Allgemeinen ins Besondere zu führen und vielleicht sogar durch den diskreten Hinweis auf bevorstehend Unbehagliches in Spannung zu versetzen. Auch zeichnet er sich für jeden, der Wien kennt, durch große Wahrhaftigkeit aus.

Alsbald wich jedoch meine Selbstgefälligkeit dem Zweifel, ob dieser Anfang auf den unvoreingenommenen Leser wirklich wichtig genug wirken würde. Zwar ist der österreichische Legationsrat, der da soeben über den staubigen Heldenplatz hinweg sich seinem Büro und einigen sehr merkwürdigen Ereignissen nähert, gewiß kein gewöhnlicher Mensch – so etwas kann wirklich nur jemand vermuten, der noch nie einem österreichischen Legationsrat Erster Klasse begegnet ist –, aber wichtiger als er werden die Dinge sein, mit denen er sich zu befassen haben wird. Und darauf weist der eben zitierte Anfangssatz leider nicht hin.

So dachte ich denn, mit etwas noch Allgemeinerem und Gewichtigerem anzufangen, und schrieb: »Seit nunmehr 32 Monaten waren keine Niederschläge zu verzeichnen gewesen«, doch strich ich nach kurzer Überlegung auch diese Worte, denn mit dem schönen Satz: »Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum, es wanderte ostwärts …« beginnt bekanntlich der Roman des hl. Robert Musil, und wenn ich auch nicht daran denke, meine oder des Legationsrates Tuzzi Beziehungen zu jenem zu leugnen, scheint es mir doch nicht gerade günstig, den Leser schon mit dem ersten Satz auf diese Relation aufmerksam zu machen; das könnte ihn zu falschen und mir doch ein wenig abträglichen Schlüssen verleiten.

Mit leiser Verzweiflung immer noch den Anfang suchend, der meinen Lesern wichtig genug erscheinen würde, um sie zu fortgesetzter Lektüre zu bewegen, geriet ich schließlich an die Frage, wer denn eigentlich die Leser seien, die ich mir und diesem Buche wünschte oder von denen ich mir vorstellen könnte, daß sie es mit einigem Genuß läsen. Und da entdeckte ich, daß ich mir ja doch nur meine Freunde und einige aus diesem oder jenem Grunde sonst verehrte Personen als Leser denken konnte, ja, daß ich diese verwickelte Biographie des Legationsrates Tuzzi eigentlich nur aufgezeichnet habe, um eben ihnen Vergnügen zu bereiten. Und da mir meine Freunde äußerst wichtig sind, gehören sie und nichts anderes an den Beginn dieses Buches.

Seinen Anfang bildet also eine Liste all derer, denen ich es widme:

Ich widme es dem bald nach dem Kriege verhungerten Journalisten Dr. Emil Mika, dem einzigen Soldaten der Deutschen Wehrmacht, der es je gewagt haben dürfte, zur Uniform einen Regenschirm zu tragen; ihm habe ich es zu verdanken, daß das Schreiben mein Beruf wurde.

Ich widme dieses Buch dem Andenken der Salzburger Malerin Agnes Muthspiel in Dankbarkeit für den Blumenstrauß, den sie als Trauzeugin meiner Hochzeit vor Jahrzehnten im morgengrauen Mirabellgarten gestohlen hat. Sie war die bedeutendste Frau, die mir in meinem Leben begegnet ist, und jeder, der die Ehre gehabt hat, Agnes Muthspiel zu kennen, wird mir beipflichten.

Ich nenne die Namen, wie sie mir so einfallen, jedoch muß ich eiligst den langsam in den Zustand der Verehrungswürdigkeit eintretenden Hans Weigel nennen, dem ich einmal versprochen habe, ein Buch zu schreiben; er möge mir nicht böse sein, daß er es erst 20 Jahre später kriegt.

Dem großen Paul Flora gilt die nächste Widmung, denn durch seine Lehre, daß Unernst das einzige ist, was man wirklich ernst nehmen muß, ist er zu einem wesentlichen Schrittmacher auf dem Wege zur totalen Austrifizierung der Welt geworden.

Mit bewegtem Herzen gedenke ich nun eines Unberühmten, des Hausmeisters Alfons Bierdimpfl nämlich (er hieß wirklich so), der schlichten und mürrischen Gemütes sein Amt versah, bitterlich weinte, als im März 1938 SA-Buben die jüdischen Mietparteien drangsalierten, und in den Apriltagen 1945 von russischen Marodeuren erschossen wurde, weil er die Frauen in seinem Haus vor Vergewaltigungen schützen wollte.

Ein anderer Toter kommt mir in den Sinn, Dr. Friedrich Funder, Herausgeber der »Furche«, einer der letzten Großen der österreichischen Journalistik, dem ich, weil er es so wünschte und weil die älteren Redakteure vor diesem Auftrag zurückschreckten, den Bürstenabzug seines bereits gesetzten Nachrufs ans Sterbebett brachte; nie werde ich vergessen, wie er mit einem Bleistiftstümmelchen etliche Satzzeichen in seinem Nekrolog verbesserte und sodann, erleichtert und seine letzte Pflicht erledigt habend, den Kopf in die Polster zurücklegte und die Augen schloß.

Genug Tote, obwohl ich gerne noch des Judostaatsmeisters und Masseurs Prosper Bouchelle gedenken würde, der mir allwöchentlich, während er verrutschte Wirbel krachend ins Rückgrat zurückspringen ließ, unglaubliche, von Haß, Liebe und Leidenschaft erfüllte Geschichten aus den dunklen Peripherieslums erzählte, denen er entstammte; dieser Mann war einer von den 36 Gerechten, die, ohne es zu wissen, die Existenz der Menschheit vor dem Angesichte Gottes rechtfertigen.

Oder soll ich noch meinen Mitschüler Otto Müller erwähnen, der 1942 den unabänderlichen Entschluß faßte, spätestens 1970 österreichischer Bundeskanzler zu werden? Wenn sie diesen intelligenten und entschlossenen Burschen nicht bei der »Organisation Todt« zu Tode geschunden hätten (er war Halbjude und deshalb »wehrunwürdig«), hieße der österreichische Bundeskanzler heute vielleicht Otto Müller.

Zu viele Tote, genug der Toten.

Ich erlaube mir, dieses Buch Wolfgang Pfaundler zu widmen, der allein durch seine Existenz unwiderleglich beweist, daß Österreich nicht nur ein geographischer Begriff, sondern auch eine Wahrheit und ein Traum ist. Ferner Gerd Bacher, der zur Zeit dieser Niederschrift Generalintendant des ORF ist, am Tage ihres Erscheinens aber vielleicht nicht mehr sein wird, denn zu viele Hunde sind hinter diesem Hasen von Format her. Aber der, der ihn am Ende an der Kehle faßt, wird nicht viel Ehre davon haben.

Ich widme dieses Buch – ach, es gibt so viele, die ich noch zu nennen hätte, daß ich wohl noch ein anderes schreiben werde müssen, um alle Namen, derer ich in Freundschaft, Dankbarkeit und Verehrung zu gedenken habe, in gebührender Weise zu verzeichnen. Für diesmal muß es genügen, denn eben erreicht der Legationsrat Dr. Tuzzi die Mitte des Heldenplatzes und zieht unsere Aufmerksamkeit endgültig auf sich.

Mögen die in dieser Vaterländischen Ruhm- und Ehrentafel (denn dazu hat sich die Widmung nun ohnehin schon ausgewachsen) Erwähnten ihre Freude mit vorliegendem Werke haben; ebenso einige andere, die ich hier nicht genannt habe, weil sie im weiteren Verlaufe ohnehin deutlich in Erscheinung treten werden.

Mögen mir ferner alle jene, die sich mit geringerer Freundlichkeit und manchmal vielleicht auch mit Bosheit geschildert sehen, nicht allzu böse sein und Trost in dem Gedanken finden, daß auch sie unentbehrlich sind im unendlichen Kunterbunt des austriakischen Mikrokosmos.

Womit denn die Geschichte endlich dort beginnen kann, wo sie anfänglich wirklich begonnen hat.

DAS ERSTE
HAUPTKAPITEL
BEGINNT AN STELLE EINER EXPOSITION
MIT EINER INDISPOSITION

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Bewohner der Bundeshauptstadt Wien, sich vor neun Uhr morgens ausgesprochen mies zu fühlen. Aber der dem Interministeriellen Komitee für Sonderfragen zugeteilte Legationsrat Dr. Tuzzi fühlte sich an diesem Aprilmorgen ganz besonders mies.

Das hatte zweierlei Gründe: Einesteils mußte er heute einen Stoß Akten übernehmen, den der tags zuvor von einem Kreislaufkollaps heimgesuchte Kollege Twaroch hinterlassen hatte – Akten, über deren Inhalt der Legationsrat überhaupt nichts wußte, denn der Kollege Twaroch, ein auch sonst nicht gerade redseliger Mann, hatte über die Materie, die er in letzter Zeit bearbeitete, nicht einmal andeutungsweise etwas verlauten lassen; das bedeutete, daß sie vermutlich besonders heikel war und die Vertiefung in sie viel zusätzliche Arbeit kosten würde.

Und andererseits stand Tuzzi ein abendliches Rendezvous bevor, das zwar zur Routine seiner Dienstage gehörte, aber in Anbetracht dessen, daß er sich durchaus nicht auf der Höhe seiner Leistungskraft fühlte, als voraussichtlich problematisches Fortsetzungskapitel in einer seit Jahren andauernden Liebschaft einzuschätzen war.

Mühsal war also da wie dort zu erwarten. Und das bei dieser Hitze!

Seit nunmehr 32 Monaten hatte man in Österreich keinerlei Niederschläge mehr und nur in Höhen über 1500 Meter Temperaturen unter dem Nullpunkt registriert. Selbst in den Wintern zeigten die Thermometer selten weniger als 15°. Unabhängig von der Jahreszeit war es warm bis heiß, die Luftfeuchtigkeit minimal, der Luftdruck tief unter dem hundertjährigen Durchschnitt, der Himmel meistens von Dunstschleiern bedeckt, der Unterschied zwischen Morgen- und Tagestemperaturen so unwesentlich, daß auch die taulosen Nächte schon lange keine Abkühlung mehr brachten.

Dieses abnorme Wetter suchte nicht nur unser Land heim, sondern zog, in freilich abgeschwächter Form, ganz Mitteleuropa in Mitleidenschaft. Jedoch lagen Österreich und die Grenzgebiete seiner Nachbarländer im Zentrum dieser sogenannten Großen Hitze und hatten daher unter ihr am meisten zu leiden.

Die Meteorologen boten zahlreiche Erklärungen dieses Phänomens an, die im großen und ganzen darauf hinausliefen, daß vielerlei mehr oder minder zufällig zusammentreffende Faktoren eine Pattsituation zwischen verschiedenen russischen, atlantischen und mittelmeerischen Tiefs oder Hochs bewirkt hatten, eine Verstrickung atmosphärischer Bewegungen und Rhythmen, die sich aus ihrer verhängnisvollen Etablierung nicht mehr lösen konnten. Diese Erklärungen mochten stimmen, wurden aber begreiflicherweise ebensowenig als befriedigend empfunden wie der Hinweis, daß ähnlich langdauernde Trockenzeiten in früheren Jahrhunderten nicht ungewöhnlich gewesen wären.

Als andere Ursachen der Großen Hitze wurden also von verschiedenen Seiten angeführt:

Ursachen kosmischer Natur: eine allmähliche Verschiebung der Erdachse; eine Erwärmung der Erde von innen her; eine Zunahme oder Abschwächung solarer Energien; das Herannahen einer neuen Eiszeit; und andere.

Ursachen, die im Verschulden der Menschheit selbst lägen: zum Beispiel eine zunehmende Erhitzung der Erde durch Überbevölkerung und die damit zusammenhängende Zerstörung des ökologischen etc. Gleichgewichts; oder die Verschmutzung der Erdatmosphäre durch Atombomben, Überschallflugzeuge und ähnliches.

Ursachen theologischer Art: die zunehmende Sündhaftigkeit größerer Bevölkerungsteile oder der Menschheit überhaupt.

Aber welche Erklärung man auch immer, je nach Wissen, Temperament und Weltanschauung, bevorzugte: heiß war’s jedenfalls. Und heiß blieb es.

Über dem Heldenplatz lag dort, wo eigentlich der Himmel zu sein hatte, eine bläulichgraue Dunstplatte, die von einer unsichtbaren Sonne erbarmungslos aufgeheizt wurde. Gelegentlich fegten kleine Windstöße über den Platz, zu schwach, um den Dunst hinwegzufegen, genug stark, um Staub in entzündete Augen zu treiben, und so warm, daß es einem den Atem verschlug. Die Hitze hatte die Kastanien und den Flieder, soweit sie nicht ohnehin schon verdorrt waren, austreiben lassen und vorzeitig zu kümmerlicher Blüte gebracht; es war abzusehen, daß sie auch heuer wieder schon im Juni ihre Blätter verlieren würden.

Der Riesenkulisse der Hofburg freilich tat das fahle Licht gut. Es verwischte weich die Schatten in den Fensterlaibungen und zwischen den mächtigen Säulen, es überzog das imposante Halbrund mit flimmernden Schleiern, dunkelblauen an den Sockeln und Stiegen, hellblauen im Mittelgeschoß, fast weißen an den Attiken, auf denen Siegesgöttinnen den Lorbeer einer undeutlich werdenden, jedoch majestätisch gebliebenen Vergangenheit hochhielten. Die Hofburg schien in diesen Tagen größer und weiter geworden denn je und ihre ohnehin schon übertriebenen Perspektiven ins Unendliche auszudehnen.

In den Nischen des mächtigen Architekturtunnels zwischen Neuer und Alter Hofburg haben sich muschel- oder seeigelartig allerlei kleine Geschäfte eingenistet, unter dem Wasserspiegel der Geschichte sozusagen; in der dortigen Tabaktrafik kaufte der Legationsrat seine tägliche Zigarettenration ein, zwanzig Memphis und zwanzig Gitanes, die er abwechselnd rauchte, zwischen der faden Milde eines leidlich sauberen Orienttabaks und afrikanischer Schärfe hin- und herwechselnd, was jedem Zigarettenraucher einen Einblick in die keineswegs spannungsfreie Seele dieses Mannes gestattet. Wie immer warf er auch einen Blick auf die Schlagzeilen der Morgenzeitungen und entnahm ihnen, daß die Welt seit gestern nicht untergegangen war und das wohl auch heute noch nicht tun würde.

Beim Verlassen der Trafik und angesichts der gegenüberliegenden Telephonzelle erlitt Tuzzi die erste – und nicht die letzte – Anfechtung dieses Tages. Die Klimaanlage in seinem Büro fiel ihm ein, die nicht eingeschaltet werden durfte, denn auch die höheren Beamten waren »in Anbetracht der allgemeinen Wasserknappheit zu sparsamem Umgange mit öffentlichem Kraftstrom verhalten« (Wortlaut des betreffenden Internen Erlasses). Ferner dachte der Legationsrat an die leichte Migräne, die gegen Mittag mit Sicherheit zu erwarten war. Wenn er das linke Auge fest zuzwickte – er tat es probeweise –, dann konnte er jetzt schon hinter der Schläfe das fatale Pochen wahrnehmen.

Tuzzi war drauf und dran, das Telephon zu benützen und sich krank zu melden. Ein auch moralisches Recht darauf stand ihm dank vieler Überstunden und seines sonstigen Pflichteifers ohne weiteres zu; jeder andere würde es ohne Umstände in Anspruch nehmen und kein Kollege es ihm verübeln, wie die Dinge nun einmal lagen. Natürlich wäre es ein recht schulbubenhafter Einfall, Unannehmlichkeiten auf solche Weise hinauszuschieben, obwohl man ihnen ja doch nicht entgehen konnte. Wenn man aber hinwiederum bedachte, daß man sich mit einer so glaubhaften Ausrede wenigstens für heute die Twarochschen Akten und die zusätzliche Wärme von Ulrikes Bett ersparen könnte …

Zweifelnd blickte der Legationsrat durch den Torbogen des Durchgangs hinein in den Inneren Burghof, und in sein Blickfeld trat die Figur eines, dessen Stehen am Scheidewege sprichwörtlich geworden ist.

Warum, dachte Tuzzi, haben die Bürokraten des österreichischen Barocks eigentlich eine solche Vorliebe ausgerechnet für den braven, aber doch in gar keiner Hinsicht scharfsinnigen Herkules gehabt, daß sie ihn in oder vor nahezu jedes größere Amtsgebäude gestellt haben? Weil er sich von jedem beliebigen die mühsamsten Arbeiten aufhalsen ließ? Da hätten sie gleich Sisyphus zur Symbolfigur machen können, der zweifellos geeigneter gewesen wäre als Herkules, das Wesen loyalen Beamtentums zu symbolisieren, obgleich er ein gewaltiger Trottel gewesen sein muß, denn irgendwann einmal hätte doch auch er begreifen müssen, daß – Fluch der Götter hin oder her – der bekannte Stein einfach nicht zu bewältigen war. Und mit diesem Begreifen wäre der Fluch ja wohl erloschen. Also, was tu’ ich: Geh’ ich heim? Oder ins Amt?

In diese Scheideweg-Überlegungen hinein tönte eine Stimme, die viel zu unbeschwert klang für diese noch frühe Stunde: »Servus, Tuzzi!«

Die Stimme gehörte dem Legationssekretär Trotta, der dem Legationsrat teils vom Außenministerium, teils vom Schicksal als Untergebener, Freund und Schützling zugewiesen worden und eine Quelle ständiger Komplikationen und Sorgen, aber auch der Erheiterung und Zuneigung, im ganzen also so etwas wie eine unentbehrliche Last war.

»Servus, Trotta.«

»Du denkst nach, Tuzzi. Worüber?«

»Ich denke drüber nach, welche Gefühle Sisyphus bei seiner Arbeit wohl gehabt haben mag.«

»Eine interessante Frage«, sagte Trotta, »aber nicht für mich, für sowas bin ich um achte in der Früh zu blöd.«

»Macht nichts, Trotta. – Wie geht’s sonst?«

»Unter uns gesagt: miserabel. Ich sollt’ mich eigentlich einmal untersuchen lassen.«

»Das kann nie schaden.«

»Dann hättest du also nichts dagegen, wenn ich gleich jetzt zum Arzt geh’?«

»Du legst mich schon wieder herein, Trotta.«

»Wenn du natürlich darauf bestehst, daß ich in diesem Zustand ins Amt gehe …«

»Ich bestehe nicht darauf. Zieh hin mit Gott. Servus, Trotta.«

»Servus, Tuzzi. Du bist ein Schatz, wirklich.«

Und damit war die Entscheidung gefallen. Beschwingt entschwand Trotta in die Weite des Heldenplatzes, verdrossen beschritt der Legationsrat den Weg des Sisyphus.

Im Burghof hielt der gute Kaiser Franz seine schützende Hand über untreu gewordene Völker und verrichtete Herkules in vierfacher Ausführung ebenso viele Taten; aber das graue Licht, das den Bauten des Heldenplatzes so malerische Valeurs verlieh, bewirkte hier, im engeren Raum, das Gegenteil: Fade und häßlich wie Staub lag es über der schattenlosen Fassade der Reichskanzlei. Der Wachmann vor der Adlerstiege wischte das Schweißband seiner Kappe trocken. Tuzzi blickte zur Uhr im Türmchen des Amalientraktes auf: Erst Viertel nach acht.

Viertel neun an einem Aprilmorgen, und so heiß! Wenn dieses Wetter anhielt, kam es schon im Mai, spätestens im Juni, zu einer Katastrophe mit Endgültigkeitscharakter.

Er überquerte den Ballhausplatz und erinnerte sich, daß gestern im Bundeskanzleramt der Ministerrat getagt hatte und die Überarbeitung des Kabinettsitzungsprotokolls sein Arbeitspensum beträchtlich vergrößern würde. Also beschleunigte er seine Schritte, nicht allzu heftig natürlich, sondern nur so, daß er einen kleinen Schweißausbruch eben noch vermied; solche Vorsicht war in diesen kreislaufgestörten Zeiten allgemeine Verhaltensweise geworden, auch vielfach ärztlich empfohlen. Doch nahm er sich auch heute die Zeit, ein paar Schritte von der schweigsamen Front des Haus-, Hof- und Staatsarchivs abzuweichen und einen kleinen Umweg durch die Spitzbogengalerie der Minoritenkirche zu machen. Dort nämlich, an der Südmauer dieser seit vielen Jahrhunderten von der italienischen Kolonie Wiens bevorzugten Kirche, sind Grabsteine aus einem aufgelassenen Friedhof angebracht, deren verwitterte Inschriften Tuzzi seit je in eigener Weise berührten:

THOMAE PVCCIO NOBILI FIORENTINO, der, als die Christen die Burg Gran angriffen, nach heftigem Kampf mit den Feinden die Seele Gott zurückgab, 40 Jahre alt im Jahre 1595 seit der Geburt des Herrn … MARCO ANTONIO RECASOLO, der sehr vornehme Florentiner, der aus einzigartiger Frömmigkeit für die Sache der Christenheit in das Kaiserliche Lager und wider die Türken zog … 21 Jahre, 10 Monate alt, starb er in Komorn am 1. November 1597 … AENEAE PICCOLOMINI, Herr von Sticciano in der Toskana, wurde im böhmischen Kriege im Lager des Kaisers getroffen im 33. Jahre seines Lebens am 16. August im Jahre des Heils 1619 … Seiner Gattin SUSANNA APOSSA ließ trauernd Johannus Paulus Fossatus aus Mailand dies Grabmal errichten im Jahre 1589 …

Die Tuzzis waren schon seit vier oder fünf Generationen keine Italiener mehr und hatten sich wahrscheinlich ungeachtet ihres Namens, ihrer Sprache und Herkunft schon vorher niemals als solche betrachtet, sondern als Österreicher, als Leute des Kaisers, wenn man es genauer sagen will, oder, um es abstrakter und noch genauer zu sagen, als Menschen, die sich einem höheren Prinzip zu- und untergeordnet fühlten, wie es sich in der Idee des Kaisertums ausgeprägt hatte. Auch an Tuzzi selbst erinnerte außer der Dunkelheit seines Haares und einer gewissen sehnigen Schlankheit nichts an die italienische Herkunft. Und doch bestätigten ihm diese Grabsteine stets irgendwie die eigene Existenz, und wenn er diese Namen las, fühlte er sich getröstet, falls er dessen gerade bedurfte, oder aufgeheitert, wenn kein Bedürfnis nach Trost vorlag. Heute fühlte er sich nicht aufgeheitert, wohl aber ein wenig getröstet.

Dann schritt der Legationsrat hinüber zum Eingang in die Büros des Interministeriellen Komitees, ergeben sich in sein Pflichtbewußtsein fügend, damit dem Prinzip Genüge leistend, dem schon seine Vorfahren gedient hatten. Er wußte nicht, daß er mit dieser Haltung in eine Folge von Ereignissen eintrat, die zuerst sein eigenes und dann das Schicksal der ganzen Republik entscheidend verändern sollten.

An diesem Punkte jedoch geraten wir – der Autor nämlich – mit unserem eigenen Gewissen in Konflikt. Einerseits nämlich sollten wir, die wir uns von Beginn an entschlossen haben, unseren Lesern anständig und mit einer Freundlichkeit zu begegnen, die sie aus der neuen deutschsprachigen Literatur nicht mehr gewohnt sind, kurzerhand weitererzählen und nicht so taktlos sein, sie in einer Neugier verharren zu lassen, die zu erzeugen uns (hoffentlich) bereits geglückt ist. Andererseits erheischen dieselben Gründe und übrigens eine derzeit herrschende Literaturideologie vom Autor, daß er dem Leser die sozialen und ideologischen Beweg- und Hintergründe seiner Figuren möglichst umgehend darlege und schön transparent mache.

Was also tun? Wie diesen Konflikt lösen?

Wofür sich entscheiden?

Wir entscheiden uns als guter Österreicher für einen Kompromiß, indem wir es, während der Legationsrat eben die Straße neben der Minoritenkirche kreuzt, dem Leser überlassen, das folgende Zwischenkapitel zu lesen oder zu überschlagen, um auf Seite 33 vor dem Eingang zum Interministeriellen Komitee Tuzzi wieder zu treffen.

Mehr können wir leider auch nicht tun.

EIN ERSTES
ZWISCHENKAPITEL
ENTHÄLT MATERIALIEN ZUR
PERSÖNLICHKEITSBILDUNG EINES
ÖSTERREICHISCHEN LEGATIONSRATS

In den letzten Jahren der Ersten Republik – also vor 1938 – trafen einander täglich gegen 17.30 Uhr im »Café Ministerium« am Postsparkassenplatz drei hohe Offiziere aus dem nahen Kriegsministerium, um nach Dienstschluß eine Runde Preference zu spielen, ein Kartenspiel zu dritt, das sich besonders gut zur Entspannung eignet, weil es so langweilig ist. Die drei Herren kannten einander seit langer Zeit, zwei von ihnen waren sogar am selben Tage als Leutnants ausgemustert worden. Es verband sie eine innige und vielfach bewährte Freundschaft, an der jeder vor allem den Umstand schätzte, daß sie schweigsam war, weil man einander im Laufe der Zeit alles gesagt hatte, was zu sagen wichtig und notwendig gewesen war. So beschränkte sich denn das täglichen Gespräch auf knappe Fragen nach dem Befinden, die meist mit einem ebenso knappen »No ja« beantwortet wurden. Erst, wenn um Punkt dreiviertel sieben der Kellner an den Tisch trat und vom Generalmajor der Kavallerie S. und vom Feldmarschalleutnant L. die Kosten von je zwei Vierteln G’spritzten samt Trinkgeld in Empfang nahm, kam es zu einem kurzen, jedoch stets gleichbleibenden Dialog, den der General der Infanterie T. mit den Worten: »Warum gehts denn schon?« eröffnete, worauf der Generalmajor sagte: »Wir essen um halb acht, weißt?« und der Feldmarschalleutnant »Schließlich hat die Familie auch ein Recht, weißt?« hinzufügte. »Ehstandskrüppeln«, sagte daraufhin verachtungsvoll der General. Wenn er besonders gut aufgelegt war, setzte er hinzu: »Hätt’ ich mir nie denkt, daß solche Pantoffelhelden aus euch werden täten! Herr Ober – mir noch einen G’spritzten!« – »Du hast es halt g’scheiter gemacht«, sagte melancholisch der Generalmajor. »Servus.« Und gemeinsam mit dem Feldmarschalleutnant spazierte er nach Hause, zurück unter das Joch des Ehestands, während der General T. noch ein Viertelstündchen sitzen blieb.

So ging das fünfzehn Jahre lang Tag um Tag, wenn nicht gerade ein Bürgerkrieg oder ein Putschversuch die Preference verhinderte.

Im sechzehnten Jahr erschien der General T. drei Tage hintereinander nicht zur Preference. Am vierten Tag erhielten seine beiden Freunde auf dem Dienstweg die Mitteilung, daß er an einem Herzstillstand gestorben sei.

Das Begräbnis erfolgte mit allen militärischen Ehren. Und ungeachtet ihrer ehrlichen Trauer waren der Feldmarschalleutnant und der Generalmajor voll des Zornes, denn auf der anderen Seite des Grabes standen eine gebrochene Witwe und ein reizendes vierjähriges Buberl.

Das Buberl war der spätere Legationsrat Dr. Tuzzi.

Die Generalswitwe, Tuzzis Mutter also, hatte ihren viel älteren Mann tief und treu geliebt (er sie übrigens auch). Nach seinem Tode fand sie am Leben keine Freude mehr, wurde eigensinnig und machte sich auf die Suche nach dem eigenen Tod. Sie begann damit, indem sie – es war nun 1938 und aus Österreich eine deutsche Provinz geworden – den Blockwart ihres Hauses ohrfeigte, weil sie ihn für schuldig hielt an der Austreibung einer jüdischen Familie. Der Blockwart hatte jedoch an diesem Geschehnis keinerlei Anteil gehabt, war aber gerade darum über die Ohrfeige der Generalin so empört, daß er im Gefühl gekränkter Unschuld unverzüglich dem Ortsgruppenleiter Meldung erstattete. Dieser Mann, ein sogenannter alter Illegaler, wollte die Sache gütlich beilegen (der verstorbene General war immerhin Maria-Theresien-Ritter gewesen und hatte überdies im Laufe der Piave-Schlacht das Eiserne Kreuz erhalten), suchte also mit einem Blumenstrauß in der Hand die Witwe auf, empfing jedoch bereits an der Wohnungstür zwei kräftige Watschen und trat den Rückzug an. Vielleicht hätte er die Sache auf sich beruhen lassen, wenn er nicht in voller Parteiuniform gewesen wäre und Nachbarn den geräuschvollen Vorgang beobachtet hätten; aber so war natürlich nicht nur seine Ehre, sondern auch die der NSDAP befleckt worden, weshalb er es für seine unabänderliche Pflicht hielt, die Geschichte dem Kreisleiter zu erzählen.

Im weiteren Verlauf der Ereignisse ohrfeigte die Generalin diesen Kreisleiter, dann einen Gestapo-Beamten, einen Obersturmbannführer in Zivil sowie dessen Sekretärin und schließlich den Gauleiter, einen gewissen Buerckel.

Als fromme Frau stiftete sie dem heiligen Antonius in der Alserkirche für jede geglückte Ohrfeige eine Kerze.

Und nachher pflegte sie sich an das Klavier zu setzen und bei weit geöffneten Fenstern laut und mit schöner Altstimme die verbotene Bundeshymne der Ersten Republik zu singen.

Tuzzi, klein und verwirrt, begriff von alledem nicht sehr viel. Aber er bewunderte seine Mutter maßlos, wenn er neben dem Klavier auf dem Teppich saß und zu ihr emporblickte, während sie die feierlich-langsame Haydn-Melodie anschlug und dazu etwas über eine wunderholde Heimaterde sang, die ohne Ende gesegnet sei. Er verstand wenig von diesem Text; aber die Wortfügung »… freundlich schmücket dein Gelände Tannengrün und Ährengold« überwältigte ihn; er konnte sich nichts Schöneres vorstellen als das, ja diese Worte wurden für ihn zu Synonymen des Schönen, Ergreifenden und Erhabenen überhaupt. Und sein Leben lang sollte Tuzzis Seele unausweichlich vom Duft, der Farbe und dem Klang von Tannengrün und Ährengold erfüllt sein, wenn er gerührt oder ergriffen war.

Die Generalin hätte sich mit ihren Ohrfeigen möglicherweise bis zum Führer und Reichskanzler hinaufgearbeitet, wäre sie nicht endlich im Stiegenhaus des Gestapo-Quartiers am Morzinplatz nach einer Vernehmung gestrauchelt und solcherart zu ihrem Tode gekommen.

Des Vaters älterer Bruder übernahm die Vormundschaft. Da dieser Onkel Tuzzi allein lebte – seine Ehe war kurz nach dem Krieg im gegenseitigen Einverständnis geschieden worden –, schickte er seinen Neffen in ein Schweizer Internat. Fünf oder sechs Jahre gingen an dem durch die Ereignisse betäubten Knaben vorbei wie ein unbegreiflicher Traum; immerhin lernte er leicht und willig ein perfektes Französisch und die schwere Kunst, auf sich selbst aufzupassen.

Nach 1945 trat der Onkel wieder in den diplomatischen Dienst, aus dem ihn die Deutschen hinausgeworfen hatten, holte alsbald seinen Neffen in der Schweiz ab und verpflanzte ihn in das wiedereröffnete Jesuitengymnasium in Kalksburg, wo man ihm, wie schon vielen anderen vor ihm, ausgezeichnetes Benehmen, ordentliches Denken und eine gründliche Abneigung gegen jede Art von Frömmigkeit anerzog.

Die Sommer- und Weihnachtsferien verbrachte der heranreifende Tuzzi in den oft wechselnden Auslandsresidenzen seines Onkels, der als Attaché, Botschaftsrat und in ähnlichen Funktionen einen nicht unbeträchtlichen Beitrag zu jener globalen Verösterreicherung leistete, von der noch ausführlich die Rede sein wird.

Der allmählich zum Jüngling sich Gestaltende lernte solchermaßen einige bedeutsame Ausschnitte der Welt und etwas von den vielfachen Mechanismen ihrer Verwaltung kennen. Der Onkel war nach anfänglicher Scheuheit zu einem liebe- und verständnisvollen Freund geworden; da er schon seit langer Zeit nicht mehr jung war, behandelte er den Jüngeren wie einen reifen Mann und erzog ihn damit ohne eigentliche Absicht zu jener Desinvolture, die Tuzzi später bei Kollegen wie bei Frauen so angenehm machte.

Was letztere betrifft, so lernte der Neffe auch an den je nach dem Amtssitz wechselnden Freundinnen des diplomatischen Onkels manches Wichtige und Nützliche.

»Vor allem merke dir«, pflegte der Onkel zu sagen, nachdem er dem Neffen eine neue Michelle, Michiko oder Micaela vorgestellt hatte, »wenn du, wie ich hoffe, ein guter Diplomat werden willst, daß man niemals zu tief in das Wesen der Dinge eindringen darf. Nimm die Dinge, mein Lieber, wie sie sind, und versuche nicht, sie zu verstehen. Ihre Ursachen sind stets verwirrend, unklar und manchmal gefährlich für den, der sie zu begreifen sucht. Das Geheimnis des wahren Diplomaten ist, daß er darauf verzichtet, irgend etwas wirklich verstehen zu wollen. Und dieser Satz, mein junger Freund, gilt auch für die Frauen. Liebe sie, denn sie verdienen es. Ehre sie, denn sie verdienen es, bete sie von mir aus an, denn manchmal verdienen sie sogar das, und jedenfalls werden sie dich dafür lieben. Aber unternimm nie den Versuch – nie! –, sie auch verstehen zu wollen, denn wenn sie das merken, werden sie unerträglich. Ich bin am näherrückenden Ende eines ziemlich langen Lebens zu der festen Überzeugung gelangt, daß alles Malheur dieser Welt nur aus dem Haß kommt, den sie uns entgegensetzt, wenn wir sie begreifen wollen. – Und nun, mein lieber Neffe, würde ich proponieren: Ein Besuch in diesem neuen türkischen Bad im Viertel Shinzasa wäre vielleicht ein hübscher Abschluß des heutigen Abends – stimmst du zu?«

Das war übrigens das letzte Mal, daß Tuzzi von seinem Onkel solche Worte hörte, denn nach seiner Botschaftszeit in Tokio ging der Onkel in Pension. Und wie so viele ehemalige Kalksburger vor ihm rekonvertierte er auf seine alten Tage zur Religion seiner Jugend, tat sich wieder mit seiner Frau zusammen – sie war einst eine gefeierte Schönheit der Wiener Salons gewesen, hatte nach ihrer Scheidung wieder geheiratet und war nun eine würdige Witwe – und unternahm mit ihr eine Wallfahrt zum heiligen Jakobus von Compostela, wo ihn der Schlag traf.

Möglicherweise hatte er einen verspäteten Versuch unternommen, die Dinge doch noch begreifen zu wollen.

Es wird aus den bisherigen Angaben verständlich, warum die Beziehungen unseres Helden zur Welt – soweit sie nicht vom Prinzip des Dienstes an der Legitimität geprägt sind – vornehmlich erotischer Natur sein müssen und sich in den Kategorien der Hingabe, des Wartens auf Erfüllung, der Rücksichtnahme, des Taktes, der Liebe und der Treue bewegen. Infolgedessen scheint es uns, da wir noch ein wenig Zeit haben (denn noch hat Tuzzi, wie wir mit einem schnellen Seitenblick feststellen, die Gehsteigkante auf der anderen Seite des Minoritenplatzes nicht erreicht), sinnvoll, die Biographie des Legationsrates durch eine Liste seiner bisherigen Liebesbeziehungen zu erweitern und zu vervollständigen.

Wir schicken voraus, daß diese Liste nichts Sensationelles enthält, für einen Beamten aber doch recht beachtlich ist.

Mit 3 bis 6 Jahren bewundert Tuzzi seine Mutter. Wenn sie, nach verabreichter Ohrfeige, neben ihm vor dem Bildnis des hl. Antonius kniet oder am Klavier von Tannengrün und Ährengold singt, erscheint sie ihm im Licht der Opferkerzen oder des weit offenen Fensters überirdisch schön wie die Pallas Athene vor dem Parlament.

Mit 8 Jahren liebt Tuzzi ein kleines schwarzhaariges Mädchen, das manchmal in den Zweigen eines Kirschbaumes hinter der Mauer des Internatsgartens sitzt und so lange ernsthaft auf den Turnplatz der reichen Kinder blickt, bis es von einem Lehrer vertrieben wird. Tuzzi träumt, daß er über die Mauer klettern und das Mädchen suchen wird. Dann wird er mit ihm in den Wald laufen; es gibt in der Schweiz so große Wälder, daß man sich leicht in ihnen wird verstecken können. Aus Steinen und Moos werden sie sich ein kleines Haus bauen und am Feuer Pilze und Fische braten. Der Lehrer hat erzählt, daß man zur Not auch von Wurzeln leben kann. Tuzzi sammelt Schnüre und Spagatreste und wird daraus ein Seil flechten. Denn das braucht man in den Bergen. – Eines Tages wird der Kirschbaum gefällt, und das Mädchen läßt sich nie mehr sehen.

Mit 14 Jahren verliebt sich Tuzzi in einen Internisten, der etwas jünger ist als er. Da der Geliebte eine andere Klasse besucht und in einem anderen Flügel des Konvikts untergebracht ist, sieht Tuzzi ihn nur selten und meist nur von weitem, doch fühlt er sich von diesem Anblick jedesmal zu Tränen gerührt. Noch nie hat er etwas so wunderbar Vollkommenes gesehen wie die eleganten Bewegungen, das engelhafte Gesicht und die schmalen Hände jenes Knaben, gegen den er sich selbst häßlich und unsauber vorkommt. Einmal steht Tuzzi vor dem Tor und kramt in seinen Taschen, ob er genug Geld bei sich hat, um sich unten im Ort ein Gefrorenes leisten zu können. Da sagt hinter ihm eine Stimme: »Du hast was verloren …!« Tuzzi fährt herum. Vor ihm steht der andere und hält ihm lächelnd ein Schillingstück hin. Tuzzi glaubt, in der nächsten Sekunde sterben zu müssen. Er wagt nicht, das Geldstück zu nehmen, er fürchtet den entsetzlichen Augenblick, in dem er die Hand und die Haut des anderen berühren wird. Der aber lacht unbetroffen, vielleicht auch verstehend, drückt Tuzzi die Münze in die schwitzende Hand und läuft davon. Tuzzi geht langsam in einen dunklen Winkel des Parks, wird plötzlich von einem hemmungslosen, ihn fast erstickenden Weinkrampf befallen und ist erstaunt, daß er nicht stirbt. Später bringt er den Mut auf, den Vorfall in der Beichte zu verschweigen, und ist von diesem Augenblick an Agnostiker. Erst nach vielen Jahren begreift Tuzzi, daß es nicht Liebe war, was ihn damals so erschüttert hat, sondern der plötzliche, unvorbereitete Anblick der Schönheit. – Im übrigen endete oder verlief sich diese Episode recht prosaisch: Während der Ferien raubte die Pubertät dem anderen durch einen Wachstumsschub und viele Pickel jede Anmut. Und Tuzzi verliebte sich in ein Mädchen.

15 Jahre: Das Mädchen heißt Sylvia, und Tuzzi lernt es im Eisgeschäft des Ortes kennen. Gemeinsam wandern sie nun täglich den Weg zum Eissalon hin und her. Mehr als eine gelegentliche flüchtige Berührung der Hände oder Ellbogen ereignet sich nicht. Dennoch ist es eine große und tiefe Liebe. Noch einmal erlebt Tuzzi, doch diesmal ohne Schmerz, die Erfahrung dessen, was schön ist: Schön ist der sanfte Schimmer ihres dicken, braunroten Haares, schön ist die bräunliche Haut ihres Gesichtes, schön sind die kleinen goldenen Härchen darauf, alles ist schön, alles.

Im Alter von 15½ Jahren verbringt Tuzzi eine Ferienwoche im Landhaus eines Schulfreundes. In der Nacht von Pfingstsonntag auf Pfingstmontag betritt dessen Mutter das Zimmer, in dem Tuzzi untergebracht ist, setzt sich an sein Bett, sagt: »Du bist ein hübscher Bub, weißt du das?« und verführt ihn ohne weitere Umstände. Tuzzi lernt nach dem Schrecken und dem Zauber der Liebe auch ihre Erfüllung kennen. Es bleibt übrigens bei dieser einzigen Begegnung, doch gedenkt Tuzzi bis ins reife Mannesalter hinein jener Dame mit Rührung und Dankbarkeit. (O widerführe doch jedem heranwachsenden Jüngling ähnliches!)

Mit 16 Jahren liebt Tuzzi weiterhin die rotbraune Sylvia, vermeidet jedoch unter dem Eindruck des Pfingstnachtereignisses jede weitere Begegnung – nicht so sehr aus schlechtem Gewissen, sondern weil er in intensives Nachdenken über die Vereinbarkeit von Liebe, Bewunderung und Sexus verfällt und die daraus resultierende Verwirrung ihm jede vernünftige Beziehung zu dem Mädchen unmöglich macht. Ein solches Maß an Skrupeln spricht für Tuzzis Charakter, die Tatsache jedoch, daß er den Fronleichnamstag dazu benützt, um an der Mutter eines anderen Schulfreundes seinerseits einen erfolgreichen Verführungsversuch vorzunehmen, für sein Talent, erworbenes Wissen zu praktischer Anwendung zu bringen.

Mit 17 Jahren unterbinden gewisse Schwierigkeiten in den Unterrichtsfächern Mathematik, Chemie und Physik die Verfolgung anderweitiger Interessen. Jedoch wird Tuzzi für diese Abstinenz durch einen Sommeraufenthalt bei seinem Onkel, der gerade sein letztes Diplomatenjahr in Tokio hinter sich bringt, glanzvoll entschädigt. Der liberale Onkel läßt es sich angelegen sein, den Neffen mit den Bequemlichkeiten fernöstlicher Liebeskunst bekannt zu machen1, wobei Tuzzi den angstlosen Eros kennenlernt.

Mit 18 Jahren wird Tuzzi von einem verspäteten und darum umso heftigeren Rilke-Infekt befallen und vermeidet infolgedessen auch weiterhin jede Begegnung mit der immer noch geliebten Sylvia, weil er nun wiederum seine Tokioter Erlebnisse nicht in Kongruenz mit ihr zu bringen vermag. – Dann jedoch wird es Mai, und die Matura wird bestanden, und im Festsaal des Konvikts findet der Abschlußball statt. Und plötzlich, unerwartet, aber heimlich ja doch immer herbeigesehnt, steht in weißem Kleid und hochgesteckten rotbraunen Haares das Mädchen Sylvia da, und es geschieht das, was sonst nur in Jünglingsträumen geschieht: Sie geht geradeaus auf Tuzzi zu und macht einen kleinen Knicks vor ihm, und die kleine Musikergruppe hebt zu spielen an, und wenn sie auch keine Sarabande spielen, sondern den Blacksmith-Boogie und Tuzzi kein besonders guter Tänzer ist – an diesem Abend hat er Flügel und schwebt wie auf Wolken dahin. Im Park unten küßt er sie dann. Und sie hat überraschenderweise ganz kühle Lippen.

19-22jährig: Tuzzi und Sylvia besuchen gemeinsam die juridische Fakultät der Universität Wien. Es vergehen drei Jahre einer ebenso totalen wie verwirrten Glückseligkeit, in der die Begriffe der Rechtswissenschaft und die Worte der Liebe ganz und gar durcheinandergeraten; Bett und Hörsaal, Rigorosum und Liebkosung, Kelsen und van de Velde, die Paragraphen des ABGB und des Kamasutra, römisches Recht und Eros purzeln bunt und leidenschaftlich durcheinander. Tuzzi ist schwindlig vor Glück.

Als er 22½ Jahre alt ist, teilt ihm Sylvia mit, daß sie einen von Tuzzi bisher nur als wesenlosen Schatten im Hintergrund seines Glücks wahrgenommenen Tierarzt aus Kaltenleutgeben heiraten wird. – Tuzzi macht die Erfahrung, daß die alte Redewendung vom Herzen, das zu zerbrechen droht, eine Realität beschreibt. Sein Herz tut ihm tatsächlich zum Zerreißen weh. Die Welt wird von einem Tag zum anderen ein Hades, in dem sich Schatten stumm von ihm abwenden. Zwei volle Jahre lang leidet er sehr, umso mehr, als er nach dem Tode seines Onkels keinen Menschen hat, dem er sich mitteilen könnte, denn natürlich hat er in den Tagen der Verliebtheit keine Freunde gesucht. Diese Einsamkeit kommt jedoch dem Studium zugute, mit dem er sich zu betäuben sucht.

Mit 25 Jahren steht Tuzzi schon vor der Promotion. Er findet Freunde, unter anderen auch den jungen, seinem Studium mit geringerem Erfolg, aber nobler Lässigkeit obliegenden Trotta, und wird mit ihm lange verbunden bleiben. Der Anblick hübscher Kolleginnen schmerzt ihn allmählich nicht mehr, und endlich bemerkt er sogar, daß zwischen diesen Kolleginnen ein eifriger und mit viel Bosheit geführter Wettstreit um seine Gunst im Gange ist – durchaus verständlich, denn Tuzzi sieht nicht nur gut aus, sondern kann sich als Erbe eines wenn auch nicht übermäßigen Vermögens Maßanzüge und sogar ein Auto leisten. Da ihn seine bitteren Erfahrungen zu einem interimistischen Zyniker gemacht haben, wählt er aus diesem Angebot schließlich eine gewisse Elise, ein ausgekochtes, aber recht attraktives Luder, die vermöge ihres Esprits zu anderer Zeit als Mätresse eines großen Herrn ganz gut Karriere gemacht hätte. Das Verhältnis mit ihr ist libertinös und lustig, und es stört Tuzzi nicht einmal, daß sie im weiteren Verlaufe einen bekannten Staatsanwalt heiratet, von dessen hoffnungsloser Leidenschaft sie sehr amüsante Geschichtchen erzählen kann. Diese Beziehung löst sich erst, als Elise sich von einem dritten, einem Jazz-Klarinettisten, schwängern läßt und ihrem glückseligen Staatsanwalt einen Sohn schenkt. Sie würde ihr Verhältnis zu Tuzzi trotzdem ohne weiteres aufrechterhalten, aber der findet die Sache nun doch etwas unappetitlich und verzichtet höflich.

Mit 26 Jahren macht Tuzzi seinen Doktor und beginnt seine Laufbahn im Außendienst der Republik, wie es seinem Namen, seiner Neigung und seiner Erziehung entspricht. Von nun an bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr hat er mehrere Liebschaften, Amouren und Verhältnisse, von denen sich jedoch keine als besonders dauerhaft erweist, sehr zu seinem Leidwesen, denn Tuzzi ist ein Mensch mit einer starken, wahrscheinlich durch seine einsame Kindheit bedingten Neigung zu dauerhaften und soliden Beziehungen. Aber er ist auch vorsichtig geworden und stellt unabsichtlich mehr Ansprüche, als die meisten Frauen zu erfüllen bereit oder imstande sind. Die häufigen Auslandsaufenthalte, die der Dienst erfordert, sind dauerhaften Relationen auch nicht gerade günstig; mehr als einmal findet sich der künftige Legationsrat, wenn er von einem Außendienstposten nach Wien zurückkehrt, betrogen oder schon verlassen.

Als 40-Jähriger, kurz vor dem Beginn dieser Aufzeichnungen, ist Tuzzi Legationsrat Erster Klasse und ein noch junger Mann, den seine Freunde und Kollegen hochschätzen, ein Mensch, der zwar etliche Neider, aber keine Feinde besitzt. Wir haben bereits bemerkt, daß er einem Prinzip, dem der Legitimität und der Kontinuität nämlich, treu und der Welt in einer gewissen erotisch gefärbten Weise zugetan ist, woran keine Erfahrung mehr etwas ändern kann. Die mentalen Zwänge seiner großbürgerlich-elitären Herkunft sowie die Repressionen des herrschenden kapitalistisch-bourgeoisen Klassengeistes hat Tuzzi in einem Ausmaß verinnerlicht, das vielleicht nicht den Beifall jener unserer Leser wecken wird, die sich auf der Höhe des augenblicklichen Zeitgeistes befinden, das wir aber sehr hochachten müssen, denn eben dies wird den Legationsrat Tuzzi in die Lage versetzen, eine für sein Land und also auch uns äußerst bedeutsame, wenn nicht sogar lebenswichtige Leistung zu erbringen.

Es bleibt nachzutragen, daß Tuzzi seit mehr als zwei Jahren in ein zum erstenmal wieder dauerhaftes Liebesverhältnis zu einer jungen Dame namens Ulrike hineingeraten ist.

Aber davon später. Wir müssen schleunigst auf den Minoritenplatz zurück, denn länger können wir den Schritt unmöglich verzögern, mit dem der Legationsrat das alte Palais betritt, in dem die Arbeit eines heißen Tages auf ihn wartet.

1 Dem Verfasser dieser Biographie bleibt der verehrungswürdige Diplomat gleichfalls unvergeßlich – oder wenigstens seine in schönster Ballhausplatz-Nasalität vorgebrachte Mitteilung: »… mir is meine Frau davong’laufen, wissen S’!« Pause. »Ich leb’ schon lang als Junggeselle, wissen S’!« Längere Pause. »Aber, wissen Sie: In Tokio g’spürt man das net so stark …«

ZWEITES
HAUPTKAPITEL
IN WELCHEM DR. TUZZI MITHILFE BEI DER
VERFERTIGUNG VON GESCHICHTE LEISTET

Meine Ergebenheit, Herr Legationsrat«, sagte der Portier Karneval und legte grüßend die Hand an die Kappe mit dem breiten Silberband, das ihn als einen den höheren Türsteherrängen der Republik angehörenden Beamten auswies. Herr Karneval war ein Ernster Bibelforscher und vertrat als solcher sehr entschieden die Meinung, daß die herrschende Große Hitze in unmittelbarem Zusammenhang mit der Schlechtigkeit und dem verworfenen Treiben der Menschen im allgemeinen, insonderheit aber der Politiker, hoher Beamter, Journalisten und überhaupt in irgendeiner Weise vorgesetzter Personen stehe; daß die Große Hitze ein nahes Armageddon ankündigte, lag für Herrn Karneval, der täglich die Aussagen des Wetterberichtes mit denen der Apokalypse verglich, auf der Hand, und der Gedanke, daß alle Herrschenden dieser Welt, Legationsräte eingeschlossen, zum Höllenpfuhl verdammt waren, er selbst aber als Gerechter ins Paradies aufsteigen würde, erfüllte ihn mit stiller Zufriedenheit. Aber auch unter dem Entsetzensschall der Gerichtsposaunen würde Herr Karneval Tuzzi nicht anders als in »Ergebenheit« grüßen, und wenn die göttliche Gerechtigkeit ihn dazu verpflichtete, die Glut unter dem Kessel eines zu ewiger Pein verdammten Tuzzi kräftiger anzuheizen – was durchaus in seinem Vorstellungsbereich lag –, würde er auch das nicht ohne ein submisses »Gestatten ergebenst« tun, denn das ist nun einmal die Anrede, die ein Portier einem Legationsrat Erster Klasse schuldig ist.

Der Mensch kann sich offenbar auch die Hölle nicht ganz ohne Regeln und Regulation vorstellen – vom Paradiese ganz zu schweigen. Und solcherart bietet der Portier Karneval einen schönen Beweis dafür, daß das in uns tief verwurzelte Ordnungsbedürfnis bis zu den Letzten Dingen hinein und hinüber reicht.

»Kompliment, Herr Doktor«, sagte hingegen der Ministerialrat Haberditzl, der stets als erster im Amte war, die Morgenpost bereits gelesen hatte und sich nun, die amtliche »Wiener Zeitung mit dem Amtsblatt« in der Hand, auf dem Wege zur Toilette befand. Er war im Range dem Legationsrat gleichgestellt und überdies der Ältere, hätte also ohne weiteres den Gruß Tuzzis abwarten und sich dann mit einem freundlichen »Grüß’ Sie Gott, Herr Kollege« revanchieren können; daß er dies nicht tat, sondern als erster und noch dazu mit einer verhältnismäßig subalternen Formel grüßte, hatte seine Ursache darin, daß er Tuzzi erstens mochte und ihm zweitens im Hinblick auf dessen höheren Intellekt und akademischen Grad freiwillig eine gewisse Überlegenheit einräumte. Der Legationsrat, der seinerseits den Ministerialrat Haberditzl sehr schätzte, bedankte sich infolgedessen, wie allmorgendlich, mit einem solennen »Respekt, Herr Ministerialrat!«, obwohl an sich ein »Kompliment meinerseits!« auch genügt hätte.

»Ich habe die Ehre!« sagte sodann der Amtsgehilfe Brauneis, beflissen die Tür zu Tuzzis Büroräumen offen haltend, wo er eben die interne Morgenpost abgelegt hatte.

»Morgen, Herr Brauneis!« antwortete Tuzzi und trat ein. Und obwohl er dicht an Brauneis vorüberschritt, bewegte er sich dabei doch in einem Abstand von geradezu interstellarer Dimension an ihm vorbei, denn jenes »Habe die Ehre!« und dieser schmucklose »Morgen!« markierten die äußersten Positionen der bis ans Unendliche heranreichenden Stufenleiter bürokratisch-hierarchischen Denkens2.

»Die Akten vom Herrn Ministerialrat bring’ ich dann herüber, wenn’s recht ist«, sagte Brauneis.

»Ist schon recht«, sagte Tuzzi, der es mit der Vertiefung in die Twarochschen Agenden wirklich nicht eilig hatte.

Um Punkt halb neun also betrat der Legationsrat das kleine Vorzimmer seines Amtsraumes, stellte enttäuscht fest, daß seine Bürodame auch heute nicht erschienen war (weil sie sich einen Urlaubstag oder Ausgleichsfreizeit genommen hatte oder weil sie an einer der vielen derzeit grassierenden Hitzemaladien litt oder aus irgendeinem anderen zutreffenden oder schwer widerlegbaren Grund; die Arbeitsmoral des Büropersonals ließ in letzter Zeit erschreckend nach), öffnete sodann die gepolsterten Türen zum Arbeitszimmer und sah auf seinem Schreibtisch tatsächlich schon das gelbe, zweifach versiegelte und mit den roten »Vertraulich!«- und »Persönlich!«-Klebemarken versehene Kuvert, in dem zweifellos die stenographische Mitschrift der gestrigen Ministerratssitzung steckte.

Tuzzis Stimmung pendelte sich, besänftigt von den ruhigen Gesetzmäßigkeiten des Hauses und beruhigt durch das vertraute Ambiente seines Zimmers, rasch auf das Normalmaß der bedächtigen Selbstverständlichkeit ein. Der moralische Schwächeanfall, den er vorhin im Hofburgdurchgang gehabt hatte, erschien ihm jetzt unbegreiflich, und der Gedanke daran beschämte ihn so sehr, daß er beschloß, eine kleine Buße dafür auf sich zu nehmen und sein Tagwerk nicht wie sonst mit der ersten Zigarette, sondern mit der sofortigen Übertragung des Ministerratsprotokolls zu beginnen.

Diese Arbeit gehörte zu den wichtigsten Pflichten, die der Legationsrat im Rahmen des Interministeriellen Komitees für Sonderfragen übernommen hatte, denn natürlich war hier nicht einfach eine stenographische Niederschrift in allgemein lesbare Schreibmaschinzeilen zu transponieren, sondern in der Tat eine wahre Übersetzung vorzunehmen, indem man das Protokoll von allen Zufälligkeiten, Subjektivitäten und Aktualitätsbezügen aufs gründlichste reinigte und das Übrigbleibende so lange einem veredelnden Abstraktionsprozeß unterzog, daß es am Ende, von allen menschlichen Schlacken gereinigt, unbesorgt veröffentlicht beziehungsweise im Haus-, Hof- und Staatsarchiv zum Nutzen späterer Geschichtsschreibung abgelegt werden konnte.

Eine schwierige und außerordentlich verantwortungsvolle Aufgabe also, die jedoch dem mit ihr Befaßten den Respekt seiner Kollegen und selbst Vorgesetzten sicherte.

Tuzzi spannte einen Bogen ein und schrieb in großen Lettern »PROTOKOLL DER MINISTERRATSSITZUNG« als Titel an den oberen Rand, setzte das Datum des Tages hinzu und machte sich an die Entzifferung der Kürzel des (ihm übrigens unbekannten) Bundeskanzleramtsstenographen.

»Begrüße Sie, Damen und Herren«, sagte der Kanzler munter. Er führte wie üblich den Vorsitz und war das einzige Regierungsmitglied, dem die Hitze offenbar bisher nichts anhaben konnte; gegen seine schon leicht verwelkten Minister wirkte er wie eine frische, wenn auch bereits bis zum Platzen angeschwollene Rosenknospe. »Ist wieder eine Mordshitz’ heut’. Alsdern, Herrschaften – was gibt’s schlechts Neues?«

Der Legationsrat übersetzte routiniert: Der Herr Bundeskanzler begrüßte die vollzählig erschienenen Mitgliederdes Kabinetts und gab sodann einen kurzen Überblick über die Lage aus seiner Sicht. Hierauf ersuchte er die Ressortchefs, sich zu anstehenden Problemen zu äußern.

»Alsdern, Herr Außenminister – wie war’s denn in Brüssel?«

»Kühl und regnerisch«, sagte der Außenminister. »Ausgesprochen erholsam.«

Die anderen Minister blickten genauso neidisch, wie der Außenminister es sich erhofft hatte. Er war Karrierediplomat, katholisch bis in die Knochen und verachtete seine sozialistischen Ministerkollegen zutiefst.

»Und was tut sich in der Ewege?« fragte der Kanzler.

»Das Übliche«, sagte der Außenminister, »die Franzosen mögen die Deutschen nicht und die Engländer schon gar nicht. Die Engländer mögen die Franzosen nicht und die Deutschen auch nicht. Die Italiener kümmern sich um gar nichts, mögen aber weder die Deutschen noch alle anderen.«

»Und die Holländer und die Belgier?«

»Weiter nichts, außer daß sie die Deutschen nicht mögen.«

»Hm, hm«, sagte der Kanzler. »Und die Deutschen?«

»Sind unglücklich, weil sie nicht und nicht dahinterkommen, warum keiner sie mag.«

»Hm, hm«, sagte der Kanzler. »Und wir?«

»Gott«, sagte der Außenminister, »was interessieren uns die Franzosen oder die Engländer? Wir lieben halt alle und damit habeat.«

»Auch die Deutschen?« fragte der Kanzler.

»Da gibt es in den gegenseitigen Beziehungen keinerlei Probleme«, sagte der Außenminister, der wirklich ein Diplomat von hohem Range war.

»Möcht’ wissen, warum wir damals in diese Ewege-G’schicht’ überhaupt hineingetreten sind!« sagte der Bundeskanzler grübelnd. »Wir hätten denen einen aktiv-neutralen Präsidenten anbieten sollen oder sowas, das hätt’ vielleicht auch genügt. Warum sind wir wirklich nach Brüssel gegangen?«

»Wegen der Mehrwertsteuer«, erinnerte der Finanzminister so kühl, als es ihm unter den gegebenen Wetterbedingungen eben möglich war; kühl zu antworten gehörte ja zu seinem Image. »… Anpassung an europäische Maßstäbe und so.«

»Die Steuer hätten wir anderswie auch zusammengebracht«, knurrte der Kanzler, »wegen dem …?!«

»Ich darf daran erinnern«, schaltete sich der Außenminister verbindlich ein, »daß du, verehrter Herr Kanzler, dazumals auf der Ewege-Assoziierung hauptsächlich deswegen bestanden hast, weil die Russen gar so dagegen waren.«

»Ach ja, richtig«, sagte der Kanzler versöhnt. »Mein Gott, die Zeit vergeht. Na ja, man konnt’ sich von denen auch nicht alles bieten lassen, nicht wahr? Man hat ja eine Würde, schließlich, eine nationale, mein’ ich.«

Die führende Schweizer Zeitung hat schon recht gehabt, dachte der Legationsrat Tuzzi, als sie den Kanzler den »Doyen der europäischen Realpolitik« nannte. Diese scharfe, ja geradezu dynamische Erfassung der Wirklichkeit! Diese bewunderungswerte Souveränität! Wie lautete doch die Antwort auf die populäre Scherzfrage, was wohl geschehen würde, wenn man diesen Kanzler in die Wüste schickte? – »Eine Weile g’schehert gar nix. Und dann würdert der Sand teurer!« In der Tat, das Volk hatte ein gutes Gefühl für die Größe dieses Mannes! Schade, daß man solche Dinge nicht wenigstens als illustrative Anmerkung ins Protokoll nehmen konnte; aber vom Standpunkt ernsthafter Historienschreibung aus waren sie natürlich belanglos. Und also schrieb er: Der Herr Außenminister gab einen kurzen, fundierten Bericht über die internationale Lage unter besonderer Berücksichtigung der Stellung Österreichs im Rahmen der europäischen Gemeinschaften. Der Bericht wurde vom Ministerrat zur Kenntnis genommen.

»Frau Wissenschaftsminister«, sagte der Kanzler, »darf ich dich um die Liebenswürdigkeit bitten, die Situation in deinem Ressort …«

»Mich laß in Ruh«, sagte die Ministerin, »ich hab’ Kopfweh. Ich vertrag’ diese Hitz’ nicht. Ich hab’ seit Tagen nicht geschlafen. Und nächste Woche fahr’ ich nach Schweden.«

»Zu was?« wollte der Unterrichtsminister wissen, der ressortbedingt auf die Aktivitäten des Wissenschaftsministeriums etwas eifersüchtig war.

»Um die kulturellen Beziehungen zu vertiefen«, sagte die Wissenschaftsministerin. »Vielleicht schaut ein Kulturaustauschabkommen dabei heraus oder so.«

»Seit wann haben wir denn mit denen kulturelle Beziehungen?« erkundigte sich der Bautenminister interessiert, obwohl ihn das gar nichts anging.

»Mindestens seit dem Dreißigjährigen Krieg«, sagte die Ministerin belehrend. »In der Wachau singen sie heute noch ›Bet, Kinderl, bet, morgen kommt der Schwed’, morgen kommt der Oxenstern, wird das Kinderl beten lehr’n.‹ Mit Oxenstern ist natürlich Graf Oxenstjerna gemeint; der Kanzler Gustav Adolfs war bekanntlich …«

»Komisch«, sagte der Unterrichtsminister, »bei uns im Burgenland singt man das anders. So: ›. . . san die Türken kumma, ham die Fenster zerschoss’n, ham Blei draus goss’n … ‹«

»Interessant. Die Frau Wissenschaftsminister sollte das erforschen lassen«, sagte der Kanzler, der den Unterrichtsminister nicht leiden konnte, weil er in ihm einen Konkurrenten witterte – fälschlicherweise, denn der Unterrichtsminister wollte gar nicht Kanzler werden, sondern so bald wie möglich wieder hinaus aus den pompösen Räumen am Minoritenplatz und zurück in die rauchigen Wirtshäuser des Burgenlandes und ihre vom Rotwein erhitzten Streitereien, die so schnell vom Deutschen ins Ungarische oder Kroatische oder einen der unergründlichen sonstigen Dialekte dieses Landes wechselten. Nur der erhebende Gedanke, daß durch seine Person endlich auch einmal das so lange vernachlässigte östlichste Bundesland über gesamtösterreichische Kulturbelange entscheidend mitreden konnte, hielt den tüchtigen und redlichen Mann vorderhand noch in Wien fest.

»Liebe Frau Minister«, sagte der Kanzler, »… das ist ja sehr interessant, diese Schwedengeschicht’, aber ich möcht’ dich doch höflich bitten: Verschieb deine Reise, gelt ja? Wir müssen dem Volk schließlich Vorbild sein, du verstehst – wenn wir alle Dienstreisen in kühlere Gegenden machen täten, während unsere Arbeiter und Angestellten in der Hitz’ daheimbleiben müssen …«

Dr. Tuzzi: Mit Befriedigung nahm das Kabinett den vom Wissenschaftsministerium vorgelegten Bericht über die Vertiefung der kulturellen Beziehungen zwischen Österreich und dem skandinavischen wie südosteuropäischen Raum zur Kenntnis.

Wieder einmal unergiebig, dieser Ministerrat, dachte er, man wundert sich manchmal, daß das Staatswerkel überhaupt weiterrennt; aber vermutlich ist es meistens ziemlich Wurscht, was die Regierenden machen, solange in allen Sektionen Leute wie ich sitzen, die geduldig dafür sorgen, daß der alltägliche Kleinkram durch bürokratische Abstraktion emporgeläutert wird zur Haus-, Hof- und Staatsarchivgültigkeit, bis er sich vor den gestrengen Augen der Geschichte sehen lassen kann oder diesen wenigstens nicht auffällt.

Jedoch irrte der Legationsrat mit diesen am Rande des geradezu Aufsässigen hinschwebenden Gedanken, denn das Ministerratsprotokoll begann sich plötzlich in unerwarteten Zickzackwendungen zum Bedeutenden, ja geradezu Dramatischen hin zu entwickeln.

Zunächst brachte der Unterrichtsminister die letzten Wetterberichte zur Kenntnis (aus unerforschlichen Gründen untersteht nämlich die bundeseigene Meteorologische Zentralanstalt dem Unterrichtsministerium, das diese wichtige Schlüsselposition natürlich eifersüchtig gegen Kompetenzübergriffe aus anderen Ressorts hütet). Der Minister ließ die erfreuliche Nachricht verlauten, daß es seinen Wetterwissenschaftlern gelungen sei, die ohnehin schon hohe Erfolgsrate ihrer Prognosen – sie hatte bis vor dem Eintritt der Großen Hitze immerhin bei 50 Prozent gelegen! – entscheidend zu steigern. Nach Auskunft der Bundesmeteorologen sei mit nunmehr 9o(!)prozentiger Sicherheit zu erwarten, daß das heiße Wetter weiterhin anhalten werde.

Diese Mitteilung rief leider nicht den verdienten Beifall hervor, sondern Empörung. Die hitzebleichen Gesichter der Kabinettsmitglieder liefen zornrot an, der Schweiß begann heftiger zu quellen, und die ohnehin schon gereizte Stimmung entlud sich grollend. Die Wissenschaftsministerin schien geneigt, die Wettervorhersage ihres Kollegen als persönlichen Affront zu betrachten, und ließ ein micky-mausartiges Quieken hören. Ihre Kollegin vom Gesundheits- und Umweltschutzministerium – eine Frau, die nicht nur in der Ministerrunde, sondern auch in der Bevölkerung hohe Popularität genoß, weil sie im unpassendsten Augenblick verläßlich etwas Falsches zu äußern pflegte – fragte schrill, was man wohl glaube, daß sie den mächtigen Initiatoren der »Bürgerinitiative zur Erhaltung des Donauwassers« sagen solle. Und die Staatssekretärin für Familienfragen sah endlich die Chance, auch einmal den Mund aufmachen zu können, und rief, sie pfeife auf eine solche Prognosenverbesserung, und früher wäre das ja doch besser eingerichtet gewesen, und da hätte man doch, wenn die Meteorologen für den nächsten Tag Sonne voraussagten, wenigstens zu fünfzig Prozent Regen und Kälte erwarten dürfen, und das Volk wäre ganz zufrieden gewesen, zu wissen, daß das Erscheinen des Doktor Kletter in der abendlichen Fernseh-Wettervorhersage stets Regen bedeutete und der Auftritt des Doktor Reutter immer Schönwetter, unabhängig von allen Tiefs über Südrußland und allen Hochs über dem Atlantik. Und das Kabinett möge gefälligst begreifen, daß der Geburtenrückgang ein beängstigender sei, weil die Hitze auf die Zeugungsbereitschaft vor allem der männlichen Bevölkerung außerordentlich nachhaltig einwirke (»Hört, hört!« rief die Gesundheitsministerin, während die Frau Wissenschaftsminister höhnisch lächelte), und wenn das nicht aufhöre, würde nicht nur sie selbst, sondern auch der Herr Unterrichtsminister bald in Pension gehen können. Aber anstatt endlich Wasser herbeizuschaffen, denn ohne Wasser sei ein ordentliches und geregeltes Liebes- und Eheleben wie auch eine anständige Kinderaufzucht nicht möglich, anstatt dessen verschärfe man die ohnehin schon unerträglichen Wasserrationalisierungsvorschriften noch mehr, und zum Schluß bezeichne man das ganze Hitzemalheur womöglich noch als großen Erfolg der Regierung, und ob die Anwesenden wirklich glaubten, daß die Wähler so blöd sein würden, das auch noch zu fressen?

Diese in gellendem Ton vorgetragene Philippika eines Regierungsmitgliedes, das im Kabinett noch niemals zuvor auch nur ein Wort geäußert hatte, erzielte umso nachhaltigeren Eindruck, als die mitgeteilten Tatbestände ihrem Wesen nach ziemlich richtig getroffen waren. Die anhaltende Wasserknappheit mit allen ihren Folgen – mangelnde Sauberkeit, austrocknende Landschaften, sinkende Industrieproduktion undsoweiter – versetzte, wie die Minister sehr wohl wußten, das Volk allmählich wirklich in Erregung; daß diese Erregung nicht bereits in Demonstrationen oder gar Tätlichkeiten umschlug, war eigentlich wiederum nur der Hitze zu verdanken, die auch ihre Ursache war.

»… wer is denn fürs Wasser eigentlich zuständig?« fragte der Kanzler, der als routinierter Taktiker den Zeitpunkt gekommen sah, Verantwortungen zu delegieren beziehungsweise einen Sündenbock zu finden.

Es entstand Unsicherheit. Einige Augenpaare wanderten zum Bauten-, andere zum Handelsminister, und auch die Gesundheitsministerin, der die Umweltschutzagenden zustanden, wurde von diesen und jenen nachdenklich gemustert. Doch vermochten diese drei Ressortleiter, indem sie gemeinsam ihre Blicke fest auf das langsam fahl werdende Antlitz des Landwirtschaftsministers richteten, die allgemeine Aufmerksamkeit auf diesen unglücklichen Mann umzulenken. Der Verteidigungsminister, froh, einmal nicht als das schwarze Schaf des Kabinetts dazustehen3, sagte schließlich laut in die verhängnisvolle Stille hinein: »Schlußendlich ist ja wohl der Kollege von der Landwirtschaft zuständig. Wasser, net wahr – es fließt ja doch durch die Landschaft, im allgemeinen.«

Der Landwirtschaftsminister, nicht eben ein überaus schneller Denker (langsam senkt sich der Keim in die Erde, in Ruhe reift die Frucht, ehe Ernte gehalten wird!), suchte krampfhaft nach einer passenden Antwort, doch schnitt ihm der Kanzler das Wort sozusagen schon im Munde ab:

»Natürlich. Also, Herr Kollege, sei so gut und tu was, ja?«

»Aber was?« fragte hilflos der Minister. »Bitte, was?«

»Zum Kuckuck«, sagte der Kanzler, »bin ich Landwirtschaftsminister? Oder bist du es?«

»Aber ich … ich kann’s doch net regnen lassen, Himmelherrgott noch amal!«

Die Wissenschaftsministerin gackerte höhnisch, und der Verteidigungsminister sah aus wie ein Frankenstein-Monster, das sich ausnahmsweise wohlfühlt. Dann trat eine Pause ein.

»Erstens«, sagte nach dieser Pause der Kanzler, »wollen wir, bitte schön, die Formen wahren. Wir sind ja hier schließlich nicht im Kuhstall.«

Die Minister zogen die Köpfe ein, denn jetzt setzte der Kanzler, ein Meister des psychologischen Kleinkriegs, seine berühmte und gefürchtete Terrorwelle in Bewegung. Hilflos und leichenblaß starrte der Landwirtschaftsminister auf das Bild des jungen Kaisers Franz Joseph, der ihn über den Kanzler hinweg mit großer Güte anblickte.

»Zweitens ersuche ich dich höflich, lieber Freund«, fuhr der Kanzler fort, »uns spätestens am übernächsten Montag über die von dir getroffenen beziehungsweise in Kürze zu treffenden Maßnahmen Bericht zu erstatten.«

Tiefe Stille herrschte nach diesen Worten.

Noch einmal versuchte der Mann der Landwirtschaft schwachen Widerstand.

»Aber was … ja, bitte schön: Was soll ich denn eigentlich tun?«

»Etwas Zweckdienliches«, sagte in kalter Wut der Kanzler. »Zu was sitzt du denn schließlich da?«

An dieser Stelle brach das Stenogramm ab. Offenbar hatte der Stenograph bis dahin halb schlafend mitgeschrieben und erst jetzt bemerkt, daß sich hier Emotionen entluden, die wahrhaft die Grundfesten des Staates zu erschüttern drohten, Emotionen, die nicht einmal in Einheitskurzschrift hätten verzeichnet werden dürfen.

Tuzzi schüttelte nervös den Kopf und strich sorgfältig mit schwarzem Filzstift die letzten Zeilen durch. Zwar würde er das stenographische Protokoll ohnehin gleich selber in den Akten-Reißwolf hineingeben, aber allergrößte Diskretion war hier ernstlich geboten.

Diese verdammte Hitze, dachte der Legationsrat – sie wirkt demoralisierend bis ins Innerste des Staates.

Tuzzis Übersetzung in die geschichtswürdige Abstraktion: »Abschließend beauftragte der Ministerrat den Herrn Landwirtschaftsminister, umgehend Maßnahmen zur Erleichterung der klimatischen Situation zu ergreifen.«

Nun, da er seine Morgensünde abgebüßt hatte, nahm Tuzzi endlich seinen normalen Arbeitsrhythmus auf. Er entzündete den Spirituskocher hinter dem Tisch seiner Sekretärin – der Strommangel hatte solch altmodische Geräte wieder zu Ehren gebracht –, füllte die kleine Espressomaschine mit Mineralwasser aus einer Zweiliterflasche sowie Kaffee und setzte sie auf. Mit dem restlichen Preblauer Heilquellenwasser befeuchtete er, jeden Tropfen achtend, seine Zimmerpflanzen. Er besaß deren eine ganze Menge, nicht nur die ordinären Philodendren und Monsterae, wie sie üblicherweise in der trockenen Wüstenvegetation zentralgeheizter Büroräume dahinvegetieren, sondern auch Anspruchsvolleres: Campanulae, Farne und zierliche Judenbärte, und als Rarität sogar eine Stanhopea, eine Orchidee, die den eindrucksvollen indianischen Spezifikationsnamen »Coazonte coxoahitl bednar.« trug und wenn sie blühte, was sie freilich schon lange nicht getan hatte, nach Zimt, Schokolade, Vanille und Blume an sich duftete. Tuzzi war fest entschlossen, sie über die Große Hitze hinwegzuretten, obwohl das bei den schnell steigenden Preisen für Mineralwasser ziemlich teuer sein würde. (Im Hause selbst durfte nur ein einziger Wasserhahn und auch dieser nur zur Trinkwasserentnahme benutzt werden.) Dann goß er den brodelnden Kaffee in eine Tasse, setzte sich an den Schreibtisch, brannte die in ihrem Genußwert beträchtlich erhöhte erste Zigarette an, lehnte sich in seinen Biedermeierarmstuhl zurück, streckte die Füße unter dem Schreibtisch aus und holte Atem für die Bewältigung des Kommenden.

Er hatte jenen Rang der Ministerialbürokratie erreicht, in dem der Beamte nicht mehr mit nüchternen Zweckgeräten, sondern bereits mit Möbeln aus dem ehemals kaiserlichen Hofmobiliendepot umgeben wird, mit rötlich gemasertem Kirschholz zum Beispiel und graziös geschwungenen Sesselbeinen, noblen und soliden Dingen also, die in aller Bescheidenheit Legitimität und Kontinuität bezeugen. Ein glücklicher Zufall hatte überdies bewirkt, daß die Tapeten und die Bezüge der Sitzgarnitur in Tuzzis Lieblingsfarben Goldgelb und Dunkelgrün beziehungsweise Tannengrün und Ährengold gehalten waren, was insgesamt ein Inventar ergab, das sehr wohl geeignet war, einen Menschen von Geschmack positiv zu stimmen.

Der Legationsrat entzündete seine zweite Zigarette, straffte den Rücken und nahm endlich Einblick in die Schriftstücke, die der Amtsgehilfe Brauneis kurz zuvor auf seinem Schreibtisch deponiert hatte.

Es war sehr ruhig im ganzen Haus. Die letzten Spuren morgendlicher Mißstimmung entschwebten in den stillen Büroräumen des Interministeriellen Komitees für Sonderfragen wie der Rauch der Zigaretten. Ohne Hast wanderten die Gedanken höherer Beamtengehirne auf verschlungenen Aktenpfaden den geheimen Punkten zu, an denen der tägliche Gang der Dinge mit dem Ablauf des Weltganzen zu annähernder Deckungsgleichheit gelangt. Nur manchmal ratterte gedämpft eine Schreibmaschine los wie das Maschinengewehr eines weit entfernten Vorpostens, der sich verzweifelt gegen den Einfall chaotischer Kräfte zur Wehr setzt.

Und natürlich konnte der Legationsrat auch jetzt noch nicht einmal ahnen, daß in der Ministerratssitzung, deren Protokoll er eben säuberlich faltete und kuvertierte, ein neues Glied an jene Kette von Ursachen und Wirkungen geflochten worden war, die sich wenig später schon würgend um seinen Hals schlingen würde.

2 Soviel an dieser Stelle über die domestizierende und ordnende Macht des Grüßens. Man erfährt mehr darüber auf Seite 53.

3 Der Kanzler selbst erzählte einmal in einer gemütlichen Fernsehsendung, man erzähle sich im Volke, daß ihm, dem Kanzler also, einmal fälschlich der Selbstmord dieses erfolglosen Ministers gemeldet worden sei; er, der Kanzler, habe jedoch nur aufgeblickt und gütig gemeint: »No ja …, wenn er sich’s verbessern kann …?«

ZWEITES
ZWISCHENKAPITEL
DARSTELLEND DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES
INTERMINISTERIELLEN KOMITEES FÜR SONDERFRAGEN
SOWIE SEINE FUNKTIONEN

Wir müssen spätestens an dieser Stelle kurz auf die Entstehungsgeschichte jener Institution zu sprechen kommen, in deren Rahmen der Legationsrat Tuzzi seiner wichtigen Tätigkeit obliegt. Solche Rückblicke in die Vergangenheit sind natürlich ärgerlich, weil sie den glatten Lauf der Erzählung hemmen – und außerdem widersprechen sie aufs lästigste den Forderungen, die man an einen zeitgenössischen Roman mit Recht stellen darf. Aber wie soll man etwas Österreichisches beschreiben, und sei es etwas noch so Gegenwärtiges, ohne dauernd auf die besonderen Ursachen zu verweisen, die es hervorgebracht haben? Dies ist ein Ding der Unmöglichkeit, denn in allem Österreichischen ist der Anteil der Vergangenheit mindestens ebenso groß wie der der Gegenwart. Man kann ihr nicht aus dem Wege gehen.

Wann das Interministerielle Komitee für Sonderfragen eigentlich gegründet wurde, weiß man nicht. Eine große Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß es überhaupt nie gegründet wurde, sondern einfach entstanden ist. Man könnte sich vorstellen, daß irgendwann einmal, vielleicht schon vor Jahrhunderten, Beamte zweier Ministerien zusammengetroffen sind, um ein beide Ressorts berührendes Problem zu besprechen. Vielleicht ist im Verlaufe dieser Besprechung ein drittes Ministerium involviert worden, das dann ebenfalls einen für die betreffende Sachfrage zuständigen Beamten entsandte. Nach der Lösung des Problems (oder dem Entschluß, es als unlösbar zu betrachten) mag einer der drei Räte ausgeschieden sein, während die anderen unter Hinzuziehung eines anderen Ministerialen ein neu auftauchendes (oder aus dem alten herausgewachsenes) Problem in Angriff nahmen.

So ungefähr muß man sich die Entstehung des Interministeriellen Sonderkomitees denken. Obwohl es niemals wirklich institutionalisiert wurde, ist es in den Dämmerzonen zwischen den ministeriellen Kompetenzbereichen prächtig und durchaus organisch zu seinem heutigen Umfang herangewachsen, zu einer im Sinne Musils vorläufig definitiv provisorischen oder provisorisch definitiven Einrichtung, die sich in gewissem Sinne selbst als eigentlich nicht existent empfindet – insofern nämlich, als seine zahlreichen Beamten auch nach langer Tätigkeit nach wie vor dem Personalstande jener Ministerien angehören, von denen sie in das Sonderkomitee delegiert worden sind.

Die Arbeit zwischen den Ressortgrenzen und in den Kompetenzlücken verlangt natürlich besondere Fähigkeiten, etwa eine ausgeprägte Kombinationsgabe und einen sicheren Instinkt für das eben noch Mögliche; auch sind hochentwickeltes Taktgefühl, vielseitige Bildung und unbegrenzte Diskretion geradezu Voraussetzung, weshalb es sich denn fast von selbst versteht, daß die Ministerien nur hervorragende Beamte dem Komitee zuweisen.

Ihm, dem eigentlich nicht existenten und in keinem Amtskalender ausgewiesenen, anzugehören ist somit für jeden Zugeteilten eine besondere Ehre, denn er darf sich initiiert in den höchsten Grad der österreichischen Bürokratie und als ein Eingeweihter fühlen.

Außerdem hat er’s dort viel bequemer als in seinem Ministerium. Nicht weil er nun weniger Arbeit hätte – das Komitee leistet, wie wir noch sehen werden, vorzügliche Arbeit –, sondern weil das »Interministerielle« kaum von bürokratischen Zwängen geplagt wird: es gibt in ihm keine autorisierten Vorgesetzten und, vom Büropersonal abgesehen, also auch keine Untergebenen, denn kein Ministerium ließe zu, daß andere Ressorts eine führende Rolle beanspruchten. Somit sind die dem Komitee Zugeteilten auf die Kollegialität als Grundlage ihrer Zusammenarbeit angewiesen. Die Minister respektieren diese Arbeitsform, verzichten ihrerseits auf Anweisungen oder Direktiven und sind zufrieden, sich von ihren Zugeteilten gelegentlich Bericht erstatten zu lassen. Lediglich der Bundeskanzler gestattet es sich manchmal, jedoch nur in Übereinstimmung mit dem Ministerrat, dem Komitee Aufträge zu erteilen, die freilich auch er in die Form von höflichen Anregungen kleidet.

Die fundierte Arbeit, die in dem alten Palais im Schatten der Minoritenkirche geleistet wird, bleibt niemals ohne Folgen. Zwar setzt sie sich selten in unmittelbare oder gar spektakuläre Wirkungen um, aber man kann guten Gewissens behaupten, daß die österreichische Politik in zunehmendem Maße von den Überlegungen, Folgerungen, Hinweisen, Empfehlungen und Erkenntnissen des Interministeriellen Komitees für Sonderfragen durchsickert wird.

BEGINN DES DRITTEN HAUPTKAPITELS
IN DEM SICH DAS INTERMINISTERIELLE KOMITEE MIT EINER INTERESSANTEN AUFGABE BESCHÄFTIGT

Tuzzi hatte die grünen Jalousien heruntergelassen, nicht so sehr der ohnehin kaum sichtbaren Sonne wegen, sondern weil das solcherart gefilterte Licht die Illusion der Kühle erweckte; die Post war erledigt, teils mit Notizen für ein späteres Diktat versehen (hoffentlich tauchte die Schreibdame auf, ehe der Briefstoß zu groß wurde), teils in den Papierkorb gewandert.

Eben als der Legationsrat auf die Uhr sehen wollte, klopfte es diskret an der Tür. Herein trat der Amtsgehilfe Brauneis und legte ein Aktenpaket, das fast so hoch wie lang war, auf Tuzzis Schreibtisch.

»Die Akten von Herrn Ministerialrat Twaroch, bitte schön.«

»Na dank’ schön«, murmelte Tuzzi und blickte erschrocken auf diesen Berg Twarochschen Arbeitseifers, der noch umfangreicher war, als er ohnehin befürchtet hatte.

»Der Herr Legationsrat müssen in die Kleine Sitzung«, sagte Brauneis mit sanfter Mahnung. »Es ist halber elfe.«

Tuzzi erhob sich. In der sogenannten Kleinen Sitzung – »klein« deshalb, weil an ihr ausschließlich die Spitzenbeamten des Interministeriellen Komitees teilnahmen – kulminierte der Tagesablauf. Ihr beizuwohnen war unumgänglich und somit ein hinreichender Grund, die Twarochschen Akten bis auf weiteres liegenzulassen.

»Wenn’s dem Herrn Legationsrat recht ist«, sagte der Amtsgehilfe Brauneis, »räum’ ich derweil dem Herrn Legationsrat sein Zimmer ein bißl auf. Die Bedienerin ist nämlich schon wieder im Krankenstand.«

Tuzzi, der seine Mitmenschen im allgemeinen eher hochals geringschätzte, mochte den untersetzten älteren Mann nicht besonders, ja verspürte sogar einen leichten Widerwillen gegen ihn, obwohl er nicht recht hätte sagen können, was an Brauneis ihm eigentlich so unangenehm war – die überaus hellen Augen vielleicht und ihr etwas starrer Blick oder diese etwas übertriebene, für einen Beamten so niederen Ranges fast schon unnatürliche Beflissenheit. Aber obwohl er sogar den leisen Verdacht hatte, daß Brauneis gelegentlich in den Akten herumstöberte, deren Inhalt ihn nichts anging, genierte sich der Legationsrat doch auch wieder wegen seiner Abneigung, weshalb er dem Amtsgehilfen Brauneis für die gezeigte Bereitwilligkeit herzlich dankte, ehe er seinen Schreibtisch verließ.

Im sogenannten Kleinen Sitzungssaal – einen größeren gab es übrigens im Hause nicht – waren zwischen josephinischen Möbeln, rosa Seidentapeten und unter dem Ölbild einer leicht irrsinnig wirkenden Kaiserin Elisabeth (von Anton Romako) bereits versammelt: der Ministerialrat Haberditzl, dem Komitee zugeteilt vom Innenministerium; der Ministerialsekretär Skalnitzky (Unterrichtsministerium); der Sektionsrat Tuppy (Sozialministerium); der Ministerialkommissär Dr. Benkö (Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung); und der Ministerialoberkommissär Goldemund (Verkehrsministerium).

Der Legationsrat Erster Klasse Dr. Tuzzi (zugeteilt vom Bundesministerium für Auswärtige Angelegenheiten) begrüßte die anwesenden Herren, bedauerte die durch Krankheit verursachte Abwesenheit des Ministerialrats Twaroch (Ministerium für Gesundheit und Umweltschutz), was mitfühlendes Kopfnicken hervorrief, sowie die durch die gleiche Ursache verschuldete Absenz des Legationssekretärs Trotta, was allgemeines Lächeln bewirkte.

Sodann erklärte Dr. Tuzzi die heutige Sitzung des Interministeriellen Komitees für Sonderfragen für eröffnet.

IM DRITTEN
ZWISCHENKAPITEL
WERDEN DIE VERANTWORTLICHKEITEN
INNERHALB DES KOMITEES AM BEISPIEL
DER DORT VERWENDETEN GRUSSFORMELN
ERLÄUTERT.
ÖSTERREICHISCHE LESER KÖNNEN DIESES
ZWISCHENKAPITEL ÜBERBLÄTTERN, WEIL
SIE AUS IHM NICHTS WESENTLICH NEUES
ERFAHREN WERDEN; NICHTÖSTERREICHISCHE
LESER SOLLTEN DIE LEKTÜRE ZWAR WAGEN,
ABER NICHT HOFFEN, SIE AUCH ZU BEGREIFEN.

Selbstverständlich darf das, was wir vorher über Struktur und Arbeitsweise des Interministeriellen Komitees für Sonderfragen ausführten, nicht so verstanden werden, als ob in ihm ein anarchisches Durcheinander herrsche und jeder der zugeteilten Herren für sich allein arbeitend (oder nicht arbeitend) das täte, was ihm gerade ein- oder zufiele. Dem ist nicht so. Beamte haben es dort mit Beamten zu tun und infolgedessen Dienstränge mit Diensträngen, Arbeitsbereiche mit Arbeitsbereichen – und da stellen sich denn sehr bald die entsprechenden Ein-, Zu- und Unterordnungen ein, ohne die ordentliche Beamtenarbeit schwerlich geleistet werden kann.

Freilich handelt es sich hier um eine Ordnung der Nuancen und scheinbaren Unwägbarkeiten, in der, anders als in den meisten Ämtern, auch Persönlichkeit eine unklare, aber bedeutende Rolle spielt.

Ihren Ausdruck und ihre dauernde Bestätigung findet diese Ordnung in der Art und Weise, wie die Beamten einander grüßen.

In Österreich (und in dessen Ämtern ganz besonders) ist nämlich im Laufe der Jahrhunderte das Grüßen und Grußerwidern zu einer Methode entwickelt worden, deren äußerst verfeinerte Anwendung es zwei einander begegnenden Individuen erlaubt, die gesellschaftliche, ökonomische, soziale und private Position des einen in bezug auf den jeweils anderen genauestens festzulegen. So gleicht jede Begegnung zweier Persönlichkeiten dem Anfang eines Florettgefechts, in dem die Gegner einander mit ein paar schnellen Attacken, Finten und Paraden auf ihre Stärke und Wertigkeit hin prüfen. Wie auf jedem anderen Gebiet tummeln sich auch auf diesem Pfuscher, solide Handwerker und wahre Könner. Und da es im Interministeriellen Komitee hauptsächlich Könner gibt, kann man dessen innere Struktur in der Tat an den Begrüßungen, die zum Beispiel eben jetzt am Beginn der Kleinen Sitzung zahlreich geäußert wurden, mit geradezu kristallischer Klarheit ablesen.

Die Tendenz, den Legationsrat Tuzzi zu begrüßen, ehe man von ihm begrüßt wurde, war allgemein vorherrschend (vgl. auch die bereits stattgehabten Begrüßungen durch den Portier Karneval, den Ministerialrat Haberditzl und den Amtsgehilfen Brauneis).

Der Ministerialsekretär Skalnitzky zum Beispiel grüßte Tuzzi mit »Meine Reverenz, Herr Legationsrat«, einer etwas ausgefallenen, aber sehr ausgewogenen Formel, die der persönlichen Manieriertheit sowie dem Arbeitsbereich Skalnitzkys (»Die österreichische Literatur und ihr Einfluß auf das Seiende«) jedoch durchaus angepaßt war. Dr. Tuzzi würdigte diese Anrede mit einem korrekten »Guten Morgen, Dr. Skalnitzky, wie geht es Ihnen?« und wandte sich dann dem Sektionsrat Tuppy mit einem »Grüß dich Gott, Herr Sektionsrat« zu, ehe noch Tuppy sein übliches »Respekt, Herr Legationsrat, du schaust ja blendend ausheute!« anbringen konnte; diese beiden Anreden hielten ebenfalls maximale Balance, denn privat waren die beiden Herren ziemlich befreundet, dienstlich aber rangierte der Sektionsrat eine Stufe tiefer als der allerdings etwas jüngere Legationsrat. Tuzzi schätzte ihn unter allen Kollegen am meisten, wiewohl Tuppy leider aus jener Denkschule der österreichischen Sozialdemokratie stammte, die sich die Abschaffung des Schicksals durch administrative Maßnahmen zum Ziel gesetzt hatte, also einer Richtung angehörte, die Tuzzi zutiefst zuwider war. Doch wurde diese grundsätzliche Gegnerschaft zum Weltbild Tuppys durch kollegiales Mitleid überlagert, denn Tuppy war durch den Kanzlerwunsch nach Anfertigung einer Studie über »Die Glücksbefindlichkeit der österreichischen Bevölkerung« in eine Situation geraten, in der selbst Sisyphus verzweifelt wäre. Überdies hatte der arme, weil sensible Mensch sehr unter dem Ministerialkommissär Dr. Benkö zu leiden, einem allzu karrieresüchtigen jungen Menschen, der eine verdächtige Neigung zeigte, sich mit seiner Arbeit über »Psychische Koordinationssysteme des österreichischen Staatsbürgers« in alle übrigen Arbeitsbereiche hineinzudrängen. Dr. Benkös übertriebenes »Meine besondere Verehrung, Herr Legationsrat, spezielle Hochachtung allerseits!« wurde denn auch von Tuzzi mit einem kühlen »Guten Morgen, Doktor Benkö«, von Tuppy mit einem geradezu beleidigenden »Morgen!«, von allen anderen aber mit einem bloßen verächtlichen »Grüß Sie Gott« oder »Grüße Sie!« beantwortet, je nachdem, ob der Grußerwidernde eher der konservativen oder der sozialistischen Partei nahestand. Der Ministerialoberkommissär Goldemund schließlich, Neuling in diesem Kreise und schwer unter dem Makel leidend, aus einem »jungen« Ministerium, nämlich dem für Verkehr, zu kommen, sorgte heute für eine kleine Sensation insofern, als er sich zum ersten Mal nicht mit allseitigen stummen und ziemlich angemessenen Verbeugungen begnügte, sondern Tuzzi mit einem überraschenden »Meine Verehrung, Herr Doktor!« begrüßte. Hier deutete sich durch die Weglassung des amtlichen Titels der Versuch an, persönliche Beziehungen aufnehmen zu wollen. Tuzzi erstickte diese Absicht im Keime, indem er »Begrüße Sie, begrüße Sie, Herr Kollege« murmelte; das »Begrüße Sie« enthielt Herablassung, während das »Kollege« angesichts des Umstandes, daß ein Ministerialoberkommissär mindestens zwei Rangstufen unter dem Legationsrat steht, an blanken Hohn grenzte. Die Verdoppelung des eigentlichen Grußes deutete Zerstreutheit und flüchtiges Desinteresse an. Der Ministerialoberkommissär sah in den nächsten Stunden recht verstört drein.

Wir könnten nun natürlich auch die übrigen Grüße aufzählen, die zwischen den einzelnen Herren – Tuppy, Haberditzl, Benkö etc. – ausgetauscht wurden (insgesamt weitere 36, wenn wir richtig gezählt haben), um die Rangordnung innerhalb des Komitees einigermaßen vollständig darzustellen, verzichten aber im Interesse des Lesers auf solch übertriebene Genauigkeit; die bisher angeführten Begrüßungen haben ja wohl genug deutlich gemacht, daß der Legationsrat Dr. Tuzzi in diesem Beamtenrudel eine unangefochtene Leitposition innehatte.

FORTSETZUNG DES DRITTEN HAUPTKAPITELS
UND ENDLICHE ERWÄHNUNG DES
INTERESSANTEN AUFTRAGS, MIT DEM SICH DAS
INTERMINISTERIELLE KOMITEE BESCHÄFTIGT

Diese führende und unangefochtene Stellung des Legationsrates war auf seine Persönlichkeit, seinen im vornehmen Außenministerium erworbenen Dienstrang, vor allem aber auf den Umstand zurückzuführen, daß er den in der langen Geschichte des Interministeriellen Komitees bisher wichtigsten Bearbeitungsauftrag eingebracht hatte, einen absolut vorrangigen Auftrag, der alle in diesem Kreise sonst behandelten Themen und Aufgaben überlagerte oder sogar einschloß.

»Servus, Tuzzi«, hatte der Außenminister vor mehr als zwei Jahren gesagt. »Bin direkt entzückt, daß du einmal bei mir vorbeischaust!« (Das war eine mehr als blumige Umschreibung der Tatsache gewesen, daß er den Legationsrat ausdrücklich zu diesem Besuch aufgefordert, um nicht zu sagen: kommandiert hatte.) »Wie geht’s denn allerweil? Gut, ja? Hast recht – so schön wie damals in Kalksburg wird’s Leben nimmer. Rauchst? Fein, da sind echte Ägyptische. Aus der Kurierpost. Einen Türkischen kriegst gleich. Heiß ist es, was? Ein Gewitter müßt endlich herunterdonnern, ist ja abnorm, dieses Wetter.« (Man hatte damals natürlich noch nicht im geringsten vermuten können, daß die Große Hitze erst an ihrem Beginn stand.)

»Also, paß auf, mein Lieber: Der Ministerrat hat mich da ersucht – unter uns: Natürlich war’s eigentlich der Herr Bundeskanzler selbst, der Mann hört und hört ja nicht auf mit seinen interessanten Ideen, aber diese Idee ist wirklich nicht schlecht, viel besser sogar, als er wahrscheinlich selber weiß –, also wie gesagt, ich möcht’ oder vielmehr ich soll da an dein Interministerielles eine Art Anregung herantragen.«

»Wir stehen dir selbstverständlich ganz zur Verfügung, verehrter Herr Minister«, hatte Tuzzi geantwortet, sofort begreifend, daß der Minister an seinen Korpsgeist (sowohl den aus Kalksburg wie auch den des diplomatischen Dienstes) appellierte und offenbar eine noch in der Luft schwebende Angelegenheit in die Kompetenz des Außenministeriums einzubeziehen gedachte.

»Fein. Ich weiß ja, daß man sich auf euch verlassen kann. Komm, kost den Türkischen – dank Ihnen schön, Frau Steiner – du wirst sehen, er ist wirklich gut, na ja, in unserem Haus herrscht halt noch Tradition. Du weißt ja – daß ich auf den springenden Punkt komm’ – bitt’ dich, bedien dich doch, das sind noch Zigaretten aus echtem Orienttabak, ohne diesen grauslichen chemischen Sirup á l’americaine – also: Du erinnerst dich, was Seine Heiligkeit da vor einiger Zeit g’sagt hat?«

»Ja und nein«, hatte Tuzzi unsicher geantwortet. »Der Papst4 red’t ja zu jeder Gelegenheit. Und meistens ziemlich viel … Der Kaffee ist wirklich ein Genuß.«

»Gelt ja? – Hast natürlich recht. Man kommt kaum nach, seine Aussprüche zu registrieren, geschweige denn, sie ernst zu nehmen. Aber du brauchst keine Angst haben, daß du oder daß ihr vielleicht die ganzen Enzykliken undsoweiter nachlesen müßts, das täten wir euch gewiß nicht zumuten, wozu denn auch, für sowas haben wir ja ein paar ganz gute Leute in Rom sitzen, die streichen mir schon alles rot an, was ich lesen muß. Ich bemerke, daß du erleichtert aus dem Auge blickst. Ich kann’s verstehen. Nein, nein, es geht nur um ganze sechs Wörter, die er, ist übrigens schon eine ganze Weile her, daß er sie ausgesprochen hat, aber manchmal braucht’s halt seine Zeit, bis man draufkommt, wie wichtig sowas sein kann, und der Ministerrat – beziehungsweise der Herr Bundeskanzler und ich selbst – also, wir bitten dich oder halt das Interministerielle, diese sechs Wörter einmal so richtig auf ihren Gehalt hin abzuklopfen und sozusagen unter dem Gesichtspunkt einer etwaigen theoretischen Verwendbarkeit zu prüfen. Es könnt’ was herausschauen dabei, ich denk’ da, noch ganz entfernt natürlich, aber immerhin, fast an sowas wie eine Staatsdoktrin. Nicht daß wir nicht schon einen ganzen Haufen von Doktrinen hätten, aber die meisten, weißt eh, sind ja, wie das in Österreich so ist, kaum zu formulieren und eigentlich unaussprechbar – hier hingegen, es sind nur ganze sechs Wörter, aber es liegt entschieden was drin, mit dem sich innen- wie außenpolitisch arbeiten ließe. Er hat schon ein Köpferl, der Herr Bundeskanzler, und eine Nasen, da kann man sagen, was man will, also ganz unter uns: Wenn den heut einer umbrächt’, wär’ er ab morgen ein gar nicht abzuschätzender Segen für Österreich gewesen. – Tja, also, dadrum tät’ ich dich bitten, daß ihr euch dadranmachen möchterts. Willst noch ein Schluckerl? Tu dir nichts an, der Türkische ist bekanntlich viel gesünder als ein Espresso, unten in Belgrad haben wir bis zu zwanzig Tasserln im Tag getrunken und nicht einmal Herzflattern danach g’habt.«

»Danke schön, gern.« Tuzzi war zu diesem Zeitpunkt bereits von schlimmen Vermutungen geplagt. »Und um welche sechs Wörter handelt es sich denn, wenn ich ergebenst fragen darf?«

»Es handelt sich um folgende Wörter«, hatte der Minister langsam geantwortet:

»ÖSTERREICH IST EINE INSEL DER GLÜCKLICHEN!«

Daraufhin war eine lange Pause entstanden, und dann hatte Tuzzi geflüstert:

»Jesusmaria!«

Der Minister hatte mitfühlend genickt und gemurmelt: »Ja, ja. Da schaust, gelt?«

»Aber das ist ja Irrsinn! Du verzeihst, ergebenst, Herr Minister, aber das ist Irrsinn!«

»Ich hoff, du meinst nicht Seine Heiligkeit oder so, nicht wahr?«

»Natürlich nicht, sondern …, Österreich ist eine Insel der Glücklichen’, das ist doch … wie soll man denn so was verifizieren? Das ist doch eine Gleichung mit mindestens drei Unbekannten!«

»Ich weiß, lieber Tuzzi, ich weiß.«

»… wer ist zum Beispiel schon ein Glücklicher? Erste Unbekannte, noch dazu eine Relative. Insel – in dem Zusammenhang ditto ein völlig ungeklärter Begriff, weil eine Metapher, von der man erst feststellen muß, auf was sie sich eigentlich bezieht. Und Österreich – das ist ja überhaupt was Unerfaßbares, weil ebenfalls nur in bezug auf irgendwas anderes und häufig, weißt ja, Herr Minister, nur ex negativo zu definieren. – Na dank’ schön!«

»Ich weiß«, hatte der Minister mitfühlend, jedoch mit dem Unterton des Endgültiggesagthabens erwidert. »Ich weiß. Aber ich bin überzeugt davon – und der Herr Bundeskanzler respektive der Ministerrat ist es mit mir –, daß du und deine geschätzten Kollegen das Maximum aus dieser Geschichte herausholen werdets. – Schau nicht so unglücklich drein, Tuzzi, das ist ja das reinste Desavouement der Worte Seiner Heiligkeit. Übrigens müßts ihr das zwar vorrangig behandeln, versteht sich, absolute Priorität gegenüber allen anderen Vorgängen in eurem Komitee, denn schließlich geht’s um eine Staatsdoktrin; aber ihr könnts euch beliebig Zeit lassen, es steht ja da immerhin Dezenniales, wenn nicht sogar Säkulares auf dem Spiel. Du verstehst. Lieb von dir, daß du mich besucht hast, laß alle Kalksburger schön von mir grüßen, wenn du welche triffst. Und schau wieder vorbei bei mir, wann immer es dich freut. Servus, Servus und viele Handküsse – ah so, richtig, du bist ja immer noch Junggeselle. Servus, mein Lieber!«

Die Stunden nach diesem Gespräch hatte Tuzzi mit dem Versuch verbracht, sich zu betrinken – ein albernes Unternehmen, denn einem Menschen wie dem Legationsrat wird auch nach hoher Alkoholzufuhr kein gnädiger Rausch, sondern nur ein heftiges Erbrechen bei vollem Bewußtsein zuteil. Aber das alles war nun schon länger als zwei Jahre her und die Untersuchung der Frage, ob Österreich eine Insel der Glücklichen sei bzw. sich diese Formulierung zur Grundlage einer (neuen) Staatsdoktrin eigne, inzwischen zur täglichen Routineplackerei geworden – mit der für Tuzzi nicht unerfreulichen Konsequenz, seither als unbestrittener Primus inter pares zu gelten, weil er ja den bis dahin bedeutungsvollsten Auftrag in die Kleine Sitzung eingebracht hatte. Freilich war er klug genug, aus dieser Position nicht mehr an Autorität herauszuholen, als für die zügige Erledigung der Aufgabe notwendig war. Das entsprach der am Ballhausplatz sorglich gepflegten Metternichschen Maxime, nicht Macht, sondern Einfluß habe das Mittel (und zugleich Ziel) einer wohlverstandenen und vernünftig gehandhabten Politik zu sein.

Und es ist recht bezeichnend für die Vorsicht, mit der Tuzzi von seiner Autorität Gebrauch machte, daß er nach der Eröffnung der Kleinen Sitzung das Wort sofort an den Kollegen Haberditzl als den Älteren mit der Bitte abgab, die Ergebnisse der bisher angestellten Überlegungen kurz zusammenzufassen und vorzutragen.

»Danke schön«, sagte der MinR Haberditzl, »ich werd’ mein Möglichstes tun. Ich erinnere die Herren Kollegen an unsere Annahme, daß der Satz Österreich ist eine Insel der Glücklichen drei Unbekannte enthält, nämlich die Begriffe Österreich, Insel und das Wort glücklich. Die Wörter ist, eine sowie der haben wir als unerheblich von der Untersuchung ausgenommen.«

»Ich bitte höflichst«, unterbrach MinSekr Skalnitzky, der ein Pedant war, »noch einmal darauf hinweisen zu dürfen, daß das Wörtchen ist in diesem Kontext gar nicht so unwesentlich ist.«

»Bitte Sie, Kollege«, versuchte Tuzzi zu unterbrechen, denn die in diesem Punkt mehrmals bewiesene Hartnäckigkeit Skalnitzkys drohte die Sitzung denn doch in einem sehr frühen Stadium schon langweilig zu machen, »wir haben diesbezüglich bereits ausführlich …«

»Ich möchte es trotzdem neuerlich bemerken!« insistierte Skalnitzky. »Man muß, ich betone das, beachten, daß es der Papst war, der diesen gewissen Satz ausgesprochen hat. Und infolgedessen muß man, bitte sehr, in Rechnung stellen, daß alles, was dieser Papst, nämlich Paul VI., je gesagt hat, auch immer etwas ausgesprochen Mahnendes war. Aber wenn er schon immer mahnt, dann liegt doch der Verdacht zumindest nahe, daß er auch in diesem Fall etwas Mahnendes hat sagen wollen. Und in solcher Beleuchtung, bitte schön, hat dieses ist gewissermaßen etwas Schillerndes an sich, und man muß sich da doch ernstlich fragen, ob es nicht vielleicht einen imperativen Unterton besitzt und eigentlich als sei verstanden werden sollte – analog zu einer Behauptung wie Die christliche Jungfrau ist keusch, was ja auch weniger als Feststellung eines Faktums denn als Aufforderung oder eben Mahnung zu verstehen ist. In diesem Fall müßte also der Satz Österreich ist eine Insel der Glücklichen eher im Sinne von Österreich sei eine Insel etcetera begriffen werden. Wir sollten aber auch die weitere Möglichkeit nicht ganz ausschließen, dieses ist als eine Art von aus politischen Gründen oder aus Taktgefühl unterdrücktem Konjunktiv zu hören, was wiederum dem Satz die Bedeutung von Österreich wäre oder Österreich könnte sein verliehe. Wenn die Herren wünschen, bin ich gern bereit, diese Möglichkeit mit hinreichenden Beispielen aus der Literatur zu belegen …«

Auf den Gesichtern der Anwesenden zeigte sich Erschrecken. Man wußte in diesem Kreise, was es bedeutete, wenn Skalnitzky zu zitieren begann. Tuzzi griff also autoritärer ein als sonst:

»Hochinteressant, Kollege. Bedarf sicherlich – ich hab’ das, glaube ich, übrigens schon gesagt – zu einem späteren Zeitpunkt noch genauerer Überlegung. Bis dahin haben wir uns an den vorliegenden Text zu halten, und in dem steht nun einmal ein klares ist. Kollege Haberditzl, ich darf bitten.«

Skalnitzky zog einen beleidigten Schmollmund und gab durch betontes Schweigen kund, daß man ihn sowohl gekränkt als auch mißverstanden habe. Dieses nahmen alle anderen Anwesenden mit Gelassenheit zur Kenntnis.

MinR Haberditzl: Von den drei genannten Unbekannten habe man sich zunächst, weil es der einfachste schien, den Begriff Insel zur Bearbeitung vorgenommen. Das wäre, wie man nun guten Gewissens feststellen könne, die rechte Wahl gewesen, denn dank der kollegialen Zusammenarbeit aller Herren des Interministeriellen Komitees für Sonderfragen sei es in der Tat gelungen (Haberditzl, ein seiner Natur nach verbindlicher Mensch, brachte es fertig, diesen Dank an die Kollegen durch eine aus seiner an sich dazu ungeeigneten Sitzposition heraus mustergültig ausgeführte dreidimensionale – nämlich sowohl vertikal durch Senkung des Kopfes als auch horizontal-zirkulär durch eine graziöse Schwenkung des Oberkörpers in der Hüfte durchgeführte – Verneigung abzustatten), den Insel-Begriff ungeachtet der Schwierigkeit, die ein auf allen Seiten von Erdreich umgebenes Territorium einer solchen Bezeichnung entgegensetze, nicht nur seines unter anderem ja auch als metaphorisch zu verstehenden oder mißzuverstehenden Charakters zu entkleiden, sondern – ein eigentlich nicht ohneweiters zu erhoffendes Resultat – auch in wenn schon nicht geographischer, so doch wenigstens geopsychischer Hinsicht zu verifizieren.

MinKmsr Dr. Benkö (um den Nachweis der Notwendigkeit seiner Existenz besorgt): Das sei in der Tat ein nicht zu erwartendes Ergebnis.

MinR Haberditzl (nach einem vernichtenden Blick auf MinKmsr Dr. Benkö): Er bitte, in seinen Ausführungen fortfahren zu dürfen.

LegR Dr. Tuzzi: Er bitte ebenfalls darum, doch würde, da die Fakten im großen und ganzen ja bekannt seien, ein grober Umriß im Augenblick genügen.

MinR Haberditzl: Gewiß. Eine Insel, so habe man sich gefragt, bestimme sich vor allem durch was? Durch ihre Isolierung und Abgegrenztheit natürlich. Diese Kennzeichen oder Eigenschaften seien entscheidend; der mehrfach vorgebrachte Einwand, daß eine Insel in der Regel als von Wasser umgeben gedacht werden müsse, sei insofern unerheblich, als das Wasser ja nur das Medium sei, durch das jene Abgegrenztheit und Isolierung zustande komme, und in dieser Funktion durch andere Gegebenheiten ersetzt werden könne, wovon alsbald zu sprechen sein werde. Im übrigen dürfe ja auch dem Papst bekannt sein, daß Österreich nicht mitten im Ozean liege.

SektR Tuppy stellte die etwas melancholisch getönte Zwischenfrage, ob man da ganz sicher sei?

Der listige MinKmsr Dr. Benkö, maliziös: Ob da nicht wieder einer »Austria« mit »Australia« verwechselt habe?

MinR Haberditzl negierte Dr. Benkö und wandte sich zu SektR Tuppy: Man könne doch wohl sicher sein, daß der Heilige Vater seine Worte mit reiflicher Überlegung und sicherlich nicht ohne vorhergegangene Abstimmung mit dem österreichischen Botschafter beim Heiligen Stuhl gewählt habe.

(Hoppla! dachte Tuzzi, das ist ein mir neuer Aspekt! Da hat ja der gute Haberditzl in aller Unschuld ein goldenes Körndl gefunden! Sowas ließe ja die hochinteressante Vermutung zu, daß mein AM wieder einmal eine Sache auf mehreren Ebenen gleichzeitig laufen läßt! Stammt am Ende diese Glückliche-Insel-Formel wirklich nicht aus dem Vatikan selbst, sondern ist sie dem Papst nur zugespielt worden, damit er ihr kraft seines Amtes globale Legitimation verleiht? Irgendsowas wird’s schon sein, dachte Tuzzi, ganz entzückt, hier plötzlich seinem von ihm so bewunderten Ministerium möglicherweise auf feine Schliche gekommen zu sein. Aber wenn dem so ist, schloß er weiter, was spielen diese unsere Untersuchungen für eine Rolle? Da steckt dann wohl ein bisserl mehr dahinter als die Suche nach einer neuen oder zusätzlichen Staatsdoktrin? Der Minister, dieser geriebene alte Fuchs, muß mich ja für einen rechten Trottel von der Nützlichen-Idioten-Gattung halten! Na warte …! Tuzzi riß sich aus diesen ihn übrigens durchaus erheiternden Gedankengängen und wandte sich mit neuem Interesse dem laufenden Vortrag zu, hatte aber bereits einige wichtige Ausführungen versäumt.)

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