Kitabı oku: «Die Magdeburger Bluthochzeit. Geschichten des Dreißigjährigen Krieges. Band 4»
Jörg Olbrich
Die Magdeburger Bluthochzeit
Geschichten des Dreißigjährigen Krieges
Band 4
Roman

Olbrich, Jörg : Die Magdeburger Bluthochzeit. Geschichten des Dreißigjährigen Krieges 4. Hamburg, acabus Verlag 2020
Originalausgabe
PDF-eBook: ISBN 978-3-86282-787-9
ePub-eBook: ISBN 978-3-86282-786-2
Print: ISBN: 978-3-86282-785-5
Lektorat: Laura Künstler, acabus Verlag
Satz: Laura Künstler, acabus Verlag
Cover: © Annelie Lamers, acabus Verlag
Covermotiv: Soldat: © tin soldier crusader isolated on white, vitaly tiagunov, adobe-stock.com; Leinentuch: © https://pixabay.com/de/weiß-stoff-vorhang-transparenz-2130332/
Karte: © Annelie Lamers
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Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, 06. August 1626
Hanna ließ vor Schreck fast den Weidenkorb fallen, den sie gerade mit Kirschen gefüllt hatte, und drehte sich um. Noch nie in ihrem siebzehnjährigen Leben hatte sie so einen lauten Ton gehört. Drei weitere Donnerschläge erklangen und hallten in der Luft nach. Sie waren so dicht aufeinander gefolgt, dass sie sich in Hannas Ohren beinah wie ein einziger, schrecklicher Knall angehört hatten.
Kurz darauf waren Schreie von dem etwa fünfhundert Meter entfernten Hof zu vernehmen. Sie klangen, als würden sie in allergrößter Not ausgestoßen. Jetzt ließ Hanna den Weidenkorb doch fallen und rannte los.
Auf die kurzen Strohhalme, die ihr in die nackten Füße stachen, als sie über das frisch abgemähte Feld rannte, achtete Hanna nicht. Sie wollte so schnell wie möglich zurück zum Hof ihres Herren. Dort musste etwas Furchtbares geschehen sein.
Bei jedem weiteren Donnerschlag zuckte sie zusammen. Dann sah sie eine Gruppe von Männern auf Pferden, die zwischen dem Wohnhaus, dem Stall und der Scheune standen. Es waren mehr als fünf. Weiter konnte die Magd nicht zählen und das war in ihrem bisherigen Leben auch nie notwendig gewesen. Tief in ihrem Innern spürte sie, dass sich heute für sie alles ändern würde.
Die Magd hörte einen erneuten Schrei von der Rückseite des Wohnhauses und änderte abrupt ihre Richtung, um zu sehen, was dort passierte. Außerdem wollte sie den Männern nicht unbedingt in die Arme laufen, deren Rufe sie neben der Scheune hörte. Sie machten auf Hanna nicht den Eindruck, als wären sie als Freunde gekommen. Sie bog um die Ecke und erstarrte.
Direkt vor Hanna lag die Bäuerin bäuchlings im Dreck und wimmerte vor Schmerzen. In diesem Augenblick wusste die Magd nicht, was sie mehr schockierte: Die Tatsache, dass ihre Herrin völlig unbekleidet war, oder die klaffende Wunde am Rücken, aus der unaufhörlich Blut floss und langsam im Boden versickerte.
Hanna wollte schreien, brachte aber nicht einen Ton über ihre Lippen. Plötzlich spürte sie, wie sie von hinten am Arm gepackt und herumgerissen wurde. Sie blickte in das bärtige Gesicht eines ihr unbekannten Mannes. Sein Atem schlug ihr entgegen. Noch nie hatte sie etwas derart Widerliches gerochen.
Sie wehrte sich gegen den Griff, wurde aber von dem Kerl mit dem Rücken gegen die Wand gestoßen. Zum ersten Mal in ihrem Leben verspürte sie Angst.
»Wo willst du denn so eilig hin?«, fragte der Fremde und hieb Hanna den Handballen so fest gegen den Brustkorb, dass sie kaum Luft bekam. »Du wirst schön hierbleiben und genau das tun, was ich dir sage. Sonst werde ich dich töten.«
Hanna erstarrte und brachte keinen Ton heraus. Sie spürte, wie ihre Verzweiflung sich in nackte Todesangst wandelte. Was wollte der Mann von ihr? Sie schaute zur Bäuerin, die noch immer auf dem Boden lag und sich nun nicht mehr rührte. Wo waren der Bauer und die Knechte? Warum unternahmen sie nichts?
Der Fremde griff nach Hannas Hemd und riss es mit einem kräftigen Ruck auseinander. Trotz der Hitze des Tages begann die Magd zu frösteln.
»Du bist von Gott reich beschenkt worden«, sagte der Mann und starrte auf Hannas Brust.
Die Magd verstand nicht, was der Fremde meinte und sah ihn hilflos an. Der Mann griff mit beiden Händen nach ihren Brüsten und drückte sie so fest zusammen, dass sie vor Schmerz aufschrie. Der Fremde zerriss nun auch ihren Rock. Als sie sich abermals gegen ihn zu wehren versuchte, schlug er ihr mit der Faust in den Magen.
Der Schmerz durchfuhr ihren Körper und sie nahm ihre Umgebung nur noch verschwommen wahr. Plötzlich zuckte der Fremde zusammen und stieß einen röchelnden Laut aus. Dann strömte Blut aus seinem Mund und verteilte sich auf Hannas unbekleidetem Körper.
»Flieh in den Wald«, sagte der Bauer und zog die Mistgabel aus dem Hals des Fremden, während der langsam zu Boden fiel. »Wir wurden von Tillys Soldaten überfallen. Hier wird bald kein Stein mehr auf dem anderen stehen.«
»Ich verstehe dich nicht«, sagte Hanna verzweifelt. Warum sollten die Männer ihnen etwas antun wollen? Sie wusste, dass die beiden Söhne ihres Herrn ebenfalls Soldaten waren. Beide waren gottesfürchtige Männer, die nichts Böses im Schilde führten. Warum waren die Soldaten, die zu ihrem Hof gekommen waren, anders?
»Wenn dir dein Leben lieb ist, lauf so schnell du kannst in den Wald und komm nie wieder hierher zurück«, sagte ihr Herr und drehte sich zu seinem Weib um. Im gleichen Moment gab es einen furchtbaren Knall, und der Kopf des Bauern zerplatzte wie ein fauliger Apfel, den man gegen eine Wand geworfen hatte.
Gleich drei Soldaten erschienen nun vor Hanna und kamen langsam auf sie zu. Auf den ersten Blick sahen die Männer gleich aus. Sie trugen dunkelblaue Jacken, braune Hosen und hatten seltsame Stöcke in der Hand, aus deren Spitzen Rauch aufstieg.
»Das Weibsbild ist hübsch«, sagte einer der Männer und nestelte an seiner Hose herum. »So einen Anblick hätte ich in dieser Einöde nicht erwartet.«
»Sie gehört mir«, sagte der Zweite mit scharfer Stimme. »Wir werden sie mitnehmen.«
Voller Furcht beobachtete Hanna die Soldaten, unfähig sich zu rühren. Der in der Mitte schien der Herr der beiden anderen zu sein. Zumindest hörten sie auf dessen Worte und rührten die Magd nicht an.
»Holt die Pferde«, befahl der Anführer und musterte Hanna nach diesen Worten von oben bis unten.
Die Magd erschauderte. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie noch immer unbekleidet war. Bisher hatte sie nur der älteste Sohn des Bauern so gesehen, wenn er ihr heimlich zugeschaut hatte, als sie sich wusch. Hanna hatte immer gewusst, dass Karl sie beobachtete und seine begehrenden Blicke genossen. Bei den drei Fremden war das anders.
Der dritte Soldat kehrte mit drei Pferden zurück und reichte seinem Anführer ein Seil. Der nahm es und ging damit auf die Magd zu. »Zieh dich an. Dann werde ich dir die Hände zusammenbinden. Wenn du dich wehrst, bringe ich dich um.«
Trotz ihrer Angst war Hanna froh, dass sie von den Fremden zumindest nicht unbekleidet fortgeführt wurde. Rock und Hemd waren zerrissen, und sie musste die Stücke an den Enden zusammenbinden, um ihre Blöße zumindest notdürftig zu bedecken. Als sie damit fertig war, packte der Soldat ihre Hände und band sie mit einem Ende des Seils zusammen.
»Wo bringt ihr mich hin?«
»Das braucht dich nicht interessieren«, antwortete der Soldat, der sie gefesselt hatte. »Ab jetzt gehörst du mir und wirst mir gehorchen. Wenn du folgsam bist, lasse ich dich vielleicht am Leben.«
Die Soldaten stiegen auf ihre Pferde und ritten langsam los. Das Seil straffte sich und Hanna musste sich beeilen, wenn sie nicht stürzen wollte. Im Geiste sagte die Magd unzählige Male das Vaterunser auf; das einzige Gebet, das sie kannte. Sie flehte Gott an, sie vor dem Zorn der Soldaten zu schützen. Etwa eine Stunde, nachdem man sie vom Hof ihres Herrn heruntergeführt hatte, war sie bereits weiter davon entfernt als jemals zuvor.
***
In den folgenden Stunden fiel es Hanna immer schwerer, mit dem Schritttempo der Pferde mitzuhalten. Einige Male hatte sie einen Sturz nur knapp verhindern können. Ihre Füße schmerzten und auch an Waden und Schienbeinen hatte ihr das teilweise hohe Gras bereits einige kleinere Schnittwunden zugefügt.
Zu der körperlichen Pein kam die Angst, die stetig wuchs, umso weiter sie sich von ihrem Zuhause entfernte. Unterwegs waren sie an einem Dorf vorbeigekommen, dessen Häuser bis auf die Grundmauern heruntergebrannt waren. Vereinzelt stiegen noch Rauchschwaden in den Himmel, und der Gestank war unerträglich. Den Soldaten auf den Pferden schien es nichts auszumachen, an dem zerstörten Ort vorbeizureiten. Sie hatten nicht einmal einen Blick dafür übrig.
Hanna hätte nur zu gerne gewusst, wohin sie gebracht wurde. Sie traute sich nicht, die Männer nochmals danach zu fragen. Die nahmen kaum noch Notiz von ihr und unterhielten sich über Dinge, die Hanna nicht verstand.
Nur kurz kam ihr der Gedanke an eine Flucht. Selbst wenn es ihr gelänge, die Fesseln abzustreifen, wohin sollte sie rennen? Zurück nach Hause konnte sie nicht. Dort gab es nichts mehr. Der Bauer und sein Weib waren tot und für die Knechte galt sicherlich das Gleiche.
Die Soldaten führten ihre Gefangene einen kahlen Hügel hinauf. Daher konnte Hanna vor sich außer Gras und Steinen nichts erkennen. Von den Erzählungen des Bauern wusste sie, dass sie irgendwann in eine Stadt kommen würden, in der ihr Herr seine Waren auf dem Markt verkauft hatte. Wie weit es allerdings bis dorthin war, wusste sie nicht. Der Bauer war immer mehrere Tage unterwegs gewesen, wenn er in die Stadt gezogen war.
Hannas Spannung wuchs, als sie sich endlich der Kuppe des Hügels näherten. Der Anblick, der sie dort erwartete, übertraf alles, was sie sich bis dahin hatte vorstellen können. Vor ihr standen unzählige kleine Häuser, deren Wände und Dächer aus Stoff zu bestehen schienen. Dazwischen lief eine Vielzahl von Menschen umher.
Hinter den merkwürdigen Häusern standen so viele Pferde auf einer Wiese, dass es Hanna so vorkam, als hätte man alle, die es auf der Welt gab, an diesem Ort zusammengeführt. In der Ferne war nichts anderes zu sehen als Wiesen und Felder.
Der Anblick überwältigte Hanna so sehr, dass sie für einen Moment vergaß, dass sie hinter einem Pferd hergezogen wurde. Sie blieb stehen und wurde Sekunden später an dem Seil nach vorne gezogen. Dieses Mal konnte die Magd den Sturz nicht vermeiden und fiel auf den staubigen Boden.
»Steh auf, du dämliche Gans«, fuhr sie der Soldat an und wartete, bis die Magd seinen Befehl ausgeführt hatte. Danach zog er sie weiter.
Als sie zwischen den kleinen Häusern vorbeizogen, erkannte Hanna, dass jedes von ihnen Platz für vier Männer bot. Frauen sah sie nicht. Sicher arbeiteten diese noch auf den Feldern und würden erst bei Einbruch der Dämmerung zurückkehren. Die meisten Soldaten trugen die gleiche Kleidung wie die drei Kerle, die sie hierhergebracht hatten. Einige saßen aber auch mit entblößten Oberkörpern an Feuerstellen und unterhielten sich lautstark.
Hanna spürte die Blicke der fremden Männer auf ihrem Körper. Als einer näher kam und sie anfassen wollte, wich sie vor dem Kerl zurück. Der gab aber erst auf, als er von dem Soldaten, der die Magd hinter sich herzog, dazu aufgefordert wurde.
»Versorgt die Pferde und sorgt dafür, dass ich im Zelt nicht gestört werde«, sagte der Anführer zu seinen beiden Begleitern, saß ab und zog Hannah in eines der Häuser. Dort befreite er sie von ihren Fesseln. Hannas Hoffnung, dass man ihr nun einen Becher Wasser und ein Stück Brot geben würde, erfüllte sich nicht. Stattdessen riss ihr der Soldat das Hemd vom Leib und zerstörte es damit endgültig.
»Ziehst du den Rock freiwillig aus, oder muss ich mein Schwert zur Hilfe nehmen?«
Hanna antwortete nicht, beeilte sich aber, sich auch von ihrer Unterbekleidung zu befreien. Nackt stand sie vor dem Fremden.
»Dein Körper ist tatsächlich makellos. Es ist fast eine Schande, dass du die nächsten Wochen nicht überleben wirst.«
Hanna kam nicht dazu den Mann zu fragen, wie das gemeint war. Sie erhielt einen Schlag gegen die Brust und fiel nach hinten auf eines der Lager, wo sie ergeben liegen blieb. Der Soldat brauchte nur wenige Sekunden, um sich ebenfalls von seiner Bekleidung zu befreien. Während er auf die Magd zukam, konnte die erkennen, wie sein Penis immer größer und fester wurde.
Der Soldat kniete sich vor Hanna auf das Lager und drückte ihr die Beine auseinander. Als sie sich dagegen wehrte, schlug er ihr so fest ins Gesicht, dass sie für einen Moment nur noch Sterne sah. Als sich ihr Blick wieder geklärt hatte, war das Gesicht des Soldaten direkt vor ihr.
»Jetzt bist du fällig.«
Hanna schrie auf, als sie einen heftigen Schmerz zwischen ihren Beinen spürte. Dann bewegte sich der Soldat auf und nieder. Hanna schloss die Augen und wartete darauf, bis es vorbei war. Nach einer gefühlten Ewigkeit brach er endlich stöhnend auf ihr zusammen. Hanna fühlte eine warme Flüssigkeit an den Oberschenkeln, wagte aber nicht, mit der Hand danach zu greifen. Endlich kroch der Soldat von ihrem Körper herunter und stand auf. Dann begann er langsam damit, seine Kleidung anzulegen.
»Wenn du das nächste Mal wieder nur wie ein Brett daliegst, schneide ich dir die Kehle durch.«
Braunfels, 12. August 1626
»Ich gebe euch dreckigen Bauern drei Tage Zeit, mir diesen feigen Mörder zu liefern«, sagte Hauptmann Johann von Tiras und spuckte verächtlich auf den Boden.
»Was macht Euch so sicher, dass jemand aus dem Dorf den Mann umgebracht hat?«, fragte Heinrich Wagner und versuchte, dem Blick des Kommandanten der spanischen Besatzer in Braunfels standzuhalten, der ihn vom Rücken seines Pferdes aus finster ansah. Gemeinsam mit seinem Schwager Norbert Hellund war er vom Hauptmann und sechs seiner Soldaten aus Laufdorf abgeführt und zu einem Wäldchen zwischen dem Ort und Braunfels gebracht worden. Nun standen die beiden Männer vor der Leiche eines spanischen Soldaten, in dessen Brust noch immer die Mistgabel steckte, mit der er getötet worden war.
»Das ist ganz sicher nicht die Waffe eines Soldaten«, antwortete von Tiras spöttisch. »Außerdem gibt es einen Zeugen. Der Tote war mit einem Kameraden auf einem Streifzug. Der Mann berichtet, dass sie von einer Horde Bauern angegriffen worden sind. Die Mistgabel reicht mir als Beweis für seine Worte. Ihr habt drei Tage. Nutzt die Zeit gut.«
»Wartet einen Augenblick«, bat Heinrich, der seinen ganzen Mut aufbringen musste, um den spanischen Hauptmann aufzuhalten, der den Platz gerade verlassen wollte.
»Was willst du? Soll ich dich gleich an Ort und Stelle von meinen Männern erschlagen lassen?«
»So, wie die Mistgabel in der Brust des Mannes steckt, kann sie unmöglich von unten geführt worden sein«, sagte Heinrich. Tatsächlich waren die Zinken so gebogen, dass der Stiel über den Kopf des Toten hinausragte. »Die Waffe muss also von oben geführt worden sein. Andernfalls hätte die Mistgabel zu den Füßen des Soldaten zeigen müssen.«
»Willst du Bastard mich etwa einen Lügner nennen?«, schrie einer der Spanier, zog sein Schwert und richtete es mit der Spitze gegen Heinrichs Brust.
»Das habe ich nicht gesagt«, sagte Heinrich selbstbewusster als er sich fühlte.
»Das würde ich dir auch nicht raten. Ich habe die Bauern mit eigenen Augen gesehen, die uns überfallen haben.«
Heinrich glaubte dem Soldaten kein Wort, sah aber ein, dass er im Moment in der schwächeren Position war. Etwas an der Sache war faul. Nun war es die Aufgabe von ihm und seinem Schwager herauszufinden, was das war.
Nach dem Tod von Norberts Vater im Winter zählten der Bauer und Heinrich zu den wohlhabendsten Männern in Laufdorf. Die Bürger hörten auf ihre Worte. Einen Bürgermeister gab es in dem Ort nicht mehr und der evangelische Pfarrer war aus der Gegend vertrieben worden. Genau wie die Geistlichen in den anderen Dörfern. Seit dem Sommer durften nur noch katholische Gottesdienste abgehalten werden.
In den letzten Jahren waren viele Bürger in der Umgebung gestorben. Einige waren von den spanischen Besatzern getötet worden, die immer wieder Raubzüge in die Dörfer nahe Braunfels unternommen hatten. Die meisten hatte aber die Pest dahingerafft. Unter anderem Heinrichs Eltern.
»Bringt mir die Verantwortlichen«, sagte von Tiras und hob drohend den Zeigefinger. »Ich werde euch nicht noch einmal warnen.«
Der Hauptmann befahl seinen Männern, ihren toten Kameraden auf ein Pferd zu legen und mit in die Stadt zu nehmen. Dann verschwanden die Spanier ohne ein weiteres Wort in Richtung Braunfels.
Heinrich und Norbert warteten, bis die Reiter verschwunden waren und machten sich dann auf den Rückweg in ihr Dorf.
»Du glaubst nicht, dass es Leute aus dem Dorf waren, die den Kerl ermordet haben?«, fragte Norbert, nachdem sie eine Weile schweigend und mit trübseligen Gedanken nebeneinander gegangen waren.
Keiner der beiden Männer zweifelte daran, dass Hauptmann von Tiras seine Drohung, Laufdorf niederzubrennen, wahrmachen würde. Auf Hilfe hoffen konnten sie nicht. Wetzlar, die nächstgelegene Stadt, war genauso von spanischen Truppen besetzt wie Braunfels. Alleine waren sie zu schwach, um sich gegen den Hauptmann und seine Truppen zu wehren. Aus den benachbarten Dörfern würde auch niemand kommen. Die Menschen dort hatten selbst viel zu große Angst, sich den Zorn des spanischen Kommandanten zuzuziehen.
»Nein«, antwortete Heinrich bestimmt. »Das glaube ich nicht.«
»Was macht dich so sicher, dass der Mörder nicht aus Laufdorf kommt?«
»Etwas an der Geschichte des anderen Soldaten stimmt nicht«, sagte Heinrich. »So wie die Gabel in den Körper des Mannes gefahren ist …«
»Selbst wenn du recht hast, beweist das noch gar nichts.«
»Nein, Norbert. Mir ist aber noch etwas aufgefallen. Hast du die Würgemale am Hals des Toten gesehen?«
»Nein.«
»Ich bin mir sicher, dass der Mann bereits auf dem Boden lag, als er mit der Gabel erstochen wurde. Vielleicht war er da sogar schon tot.«
»Wie soll das vonstattengegangen sein?«
»Das weiß ich nicht«, gab Heinrich zu. »Vielleicht sind die Soldaten untereinander in Streit geraten.«
»Das würde der andere niemals zugeben.«
»Glaube ich auch nicht.«
»Was tun wir jetzt?«, fragte Norbert. Sie würden Laufdorf in wenigen Minuten erreichen und mussten eine Entscheidung treffen, wie sie weiter vorgehen sollten.
»Wir müssen die Leute im Dorf warnen und sie auch befragen. Ich glaube nicht, dass jemand den Mord gestehen wird. Vielleicht hat aber einer etwas gesehen.«
»Und wenn nicht?«
»Dann müssen wir überlegen, ob wir Laufdorf verlassen.«
»Ist das dein Ernst?«
»Ja, Norbert. Ich bleibe sicher nicht hier und lasse mich von den Spaniern abschlachten. Du wirst mit meiner Schwester ebenfalls fliehen.«
»Karin erwartet ein Kind«, sagte Norbert leise. »Die Spanier werden ihr nichts tun.«
»Doch. Das werden sie. Wenn es uns nicht gelingt, den Mörder zu fassen, werden wir fliehen.«
***
Zwei Stunden später standen Heinrich und Norbert vor dem Altar in der Laufdorfer Dorfkirche. Sie hatten Boten durch die Straßen des Ortes geschickt und alle Bürger zusammengerufen. Abgesehen von den hinteren drei Bankreihen war der untere Teil der Kirche voll besetzt. Einige saßen auf den Plätzen auf einem Gang oberhalb des eigentlichen Kirchenschiffs.
Es waren nicht alle Laufdorfer in die Kirche gekommen, aber Heinrich vermutete, dass die meisten anwesend waren. Vor dem Kriegsausbruch hätten nicht alle Bürger des Dorfes in dem Gebäude Platz gefunden. Mittlerweile waren aber mehr als ein Drittel der Menschen aus dem Dorf gestorben oder geflüchtet.
Abwechselnd berichteten Heinrich und Norbert nun, was sich im Wald in Richtung Braunfels ereignet hatte. Als sie auf das Ultimatum des Hauptmannes zu sprechen kamen, wurde es unruhig.
»Die Mörder können genauso gut aus Bonbaden oder Schwalbach kommen«, rief einer der Männer. »Warum sollen wir dafür büßen?«
»Hauptmann von Tiras wird an uns ein Exempel statuieren«, sagte Heinrich mit fester Stimme. »Wenn die Frist, die er uns gegeben hat, verstrichen ist, wird Laufdorf brennen. Wir müssen die wahren Schuldigen finden, wenn wir nicht alles verlieren wollen.«
In dem darauffolgenden Tumult schimpften die Menschen auf die Spanier und ihren in der Gegend verhassten Hauptmann. Von Tiras hatte sich durch seine Gewalttaten in den vergangenen Jahren einen Namen in der Region gemacht. Selbst Kinder hielten ihre Hände vors Gesicht, wenn jemand vom Kommandanten der Stadt Braunfels sprach.
Bereits seit über fünf Jahren litten die Menschen unter der Plage, die die Spanier über das Land brachten. Heinrich war damals kurz vor dem Eintreffen der feindlichen Einheiten aus Laufdorf aufgebrochen und hatte sich auf die Walz begeben, auf der er seine Kenntnisse im Handwerk des Zimmermanns vertieft hatte.
In dieser Zeit hatte er gemeinsam mit seinem Freund August Demmer aus Wetzlar den Schrecken des Krieges hautnah miterlebt und war in Heidelberg bei der Verteidigung der Stadt sogar schwer verwundet worden.
Nach seiner Rückkehr in die Heimat hatte er mit ansehen müssen, wie sein Freund in Wetzlar gehängt worden war, nachdem er einen Mord begangen hatte. Gegen den Rat des Zimmermanns hatte August unbedingt in die Stadt zurückkehren wollen, aus der er einige Jahre vorher unter unglücklichen Umständen hatte fliehen müssen.
Heinrich war dann nach Laufdorf gegangen und hatte feststellen müssen, dass seine Eltern an der Pest gestorben waren. Er hatte den Zimmermannsbetrieb seines Vaters übernommen und arbeitete seitdem in der Umgebung. Insgesamt hatte sich für ihn schließlich alles zum Guten gewendet, und er hätte zufrieden sein können. Wären da nicht die Spanier …
»Hat jemand von euch etwas beobachtet oder über den Vorfall gehört?«, fragte Heinrich, nachdem sich die Menschen im Raum wieder den beiden Männern vor dem Altar zugewandt hatten. Erneut begannen die Männer und Frauen durcheinander zu reden. Einen brauchbaren Hinweis konnten sie aber nicht liefern.
»Ihr wisst, was für jeden Einzelnen von uns auf dem Spiel steht«, rief Norbert und fuhr sich nervös durch das blonde, gelockte Haar. »Wenn euch noch etwas einfällt, müsst ihr unbedingt zu Heinrich oder zu mir kommen. Auch wenn ihr von jemandem etwas hört, der heute hier nicht anwesend war.«
»Was unternehmt ihr, um die Schuldigen zu finden?«, rief eine Frau aus der Menge.
»Ich werde morgen früh nach Braunfels gehen«, antwortete Heinrich. »Ich habe dort einen Auftrag und kann mich unter den spanischen Söldnern umhören.«
»Du willst wieder an deine Arbeit gehen, als wäre nichts gewesen?«, fragte Sven Scheidt, einer der jungen Burschen des Ortes, scharf.
»Ich bin davon überzeugt, dass der Mörder nicht aus Laufdorf stammt«, antwortete Heinrich. »Im Gegenteil könnte ich mir sogar vorstellen, dass es einer seiner eigenen Kameraden war.«
»Warum sollten sich die Söldner gegenseitig umbringen?« Wieder war es Sven Scheidt, der die Frage aussprach, die sich sicher einige in der Kirche stellten.
»Das weiß ich auch nicht«, sagte Heinrich. Als er sah, dass die Menschen erneut damit anfingen, wild durcheinanderzusprechen, hob er beschwichtigend beide Hände. »Vertraut mir, irgendetwas stimmt hier nicht. Ich habe die Leiche gesehen. So sieht kein Mann aus, den man mit einer Mistgabel vom Pferd geholt hat. Wenn aber, aus welchen Gründen auch immer, wirklich einer seiner eigenen Kameraden hinter dem Mord steckt, werden wir hier in Laufdorf nichts darüber erfahren. Deshalb werde ich morgen nach Braunfels gehen und dort zunächst mit meiner Arbeit beginnen.«
Nach dieser recht langen Ansprache holte Heinrich tief Luft. Mittlerweile war sein Hals völlig ausgetrocknet, und er sehnte sich nach einem kalten Bier. Damit musste er sich allerdings noch ein wenig gedulden.
Die Menschen setzten das Gespräch in der Laufdorfer Kirche noch fast eine Stunde fort, ohne dabei zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Während Norbert sich mit seiner Frau auf den Heimweg machte, folgte Heinrich den anderen Männern in die Dorfschänke, wo sie noch bis spät in die Nacht weiter debattierten.
***
Als Heinrich am nächsten Morgen sein Haus verließ, um nach Braunfels zu reiten, warteten zwei zehnjährige Jungen vor seiner Tür. Dem Zimmermann brummte der Schädel, als hätte er ein ganzes Bierfass alleine ausgetrunken. Aus diesem Grund hätte er die Knaben am liebsten gleich fortgeschickt, als er sie vor sich sah. Der Ausdruck in ihren Gesichtern überzeugte ihn aber davon, sich anzuhören, was die beiden von ihm wollten. Sie wirkten ängstlich und niedergeschlagen und schienen ihren ganzen Mut aufgebracht zu haben, um mit dem Zimmermann zu sprechen.
»Wir haben gesehen, was passiert ist«, sagte Egon Lanz und scharrte nervös mit dem Fuß über den lehmigen Boden vor Heinrichs Haus.
»Ihr habt was?«, rief der Zimmermann überrascht. Er kannte den Jungen. Vor einigen Monaten hatte er das Scheunendach auf dem Hof seines Vaters repariert. Den zweiten Knaben hatte er ebenfalls schon gesehen, kannte aber seinen Namen nicht.
»Wir wissen, wer den spanischen Soldaten getötet hat«, antwortete Egon.
»Dann erzählt es mir«, forderte Heinrich den Jungen gespannt auf.
»Ihr müsst versprechen, dass Ihr niemandem verratet, dass wir es erzählt haben. Wir dürfen nicht alleine in den Wald und bekommen großen Ärger, wenn das herauskommt.«
»Ich verspreche es.« Heinrich wollte gar nicht wissen, was die Knaben so weit vom Dorf entfernt gemacht hatten. Es war nicht seine Aufgabe, auf die Kinder aus dem Ort aufzupassen. Wenn sie aber wirklich etwas gesehen hatten, was mit dem Mord an dem spanischen Söldner zu tun hatte, musste er das wissen.
»Harald und ich sind Richtung Braunfels gelaufen, weil wir das Schloss aus der Nähe sehen wollten«, erklärte Egon.
»Das war dumm von euch«, sagte Heinrich. »Für zwei kleine Jungen ist es viel zu gefährlich, alleine durch den Wald zu laufen.«
»Deswegen dürft Ihr das ja auch niemandem erzählen«, sagte Harald mit verschwörerischem Unterton.
»Das werde ich nicht. Sprich weiter.«
»Plötzlich hörten wir die Stimmen von zwei Männern vor uns. Wir haben es gerade noch geschafft, uns in den Büschen zu verstecken. Dann kamen sie direkt vor uns in den Wald geritten.«
»Was haben die Männer dann gemacht?« Heinrich wusste, dass es besser gewesen wäre, die Knaben einfach erzählen zu lassen. Er war aber so aufgeregt, dass er sich nicht beherrschen konnte und Egon immer wieder ins Wort fiel.
»Sie haben gestritten. Worüber weiß ich nicht.«
»Einmal ist der Name Verena gefallen«, ergänzte Harald Egons Worte.
»Was ist dann passiert?«
»Der eine Soldat ist neben den anderen geritten und hat ihn geschlagen. Dann hat er ihn vom Pferd gestoßen ist auf ihn gesprungen und hat ihm die Luft abgedrückt.« Egon griff Harald mit beiden Händen an die Kehle, um Heinrich zu zeigen, was er gesehen hatte.
»Lass deinen Freund in Ruhe«, sagte Heinrich schnell. »Ich habe verstanden, was du meinst.«
»Als sich der Soldat nicht mehr bewegt hat, hat ihm der andere eine Mistgabel in die Brust gestoßen«, beendete Egon seinen Bericht.
Heinrich zweifelte nicht daran, dass die beiden Jungen die Wahrheit sprachen. Ihre Erzählungen deckten sich mit dem, was er bereits vermutet hatte. »Ich glaube euch«, sagte er deshalb und gab Egon und Harald je einen Taler. »Es war richtig, zu mir zu kommen. Ich werde niemandem etwas erzählen, und ihr solltet das ab jetzt auch für euch behalten. Wenn der Mörder herausfindet, dass ihr ihn gesehen habt, wird er euch jagen.«
Egon und Harald wichen erschrocken einen Schritt zurück. »Wir werden nichts sagen«, versprachen sie wie aus einem Mund.
»Eine Frage habe ich aber noch«, sagte Heinrich. »Woher hatte der Soldat die Mistgabel? Die stehen ja nicht im Wald herum.«
»Aus der Scheune meines Vaters«, antwortete Egon. »Wir haben sie mitgenommen, um uns gegen Wildschweine wehren zu können.«
Wäre die Sache nicht so ernst gewesen, hätte Heinrich laut losgelacht. Er konnte sich kaum vorstellen, wie die beiden sich gegen eine Sau wehren wollten, wenn die auf sie zugerannt kam. Die Tatsache, dass die Waffe von dem Hof von Bauer Lanz stammte, war allerdings ernst. Sehr ernst sogar. Wenn das herauskam, würden alle Egons Vater für den Mörder halten.
»Ich werde mich um alles kümmern«, versprach Heinrich den beiden Jungen zum Abschied. »Ihr geht jetzt nach Hause und tut etwas Nützliches. Und denkt gar nicht erst daran, noch einmal alleine in den Wald zu gehen.«
Lutter am Barenberge, 13. August 1626
Nachdem sich der Soldat, von dem Hanna inzwischen wusste, dass sein Name Gottlieb Feist war, zum ersten Mal an ihr vergangen hatte, war die Magd auf dem Lager liegen geblieben und hatte so lange geweint, bis sie schließlich eingeschlafen war. Einige Stunden später war sie dann von Gottlieb grob geweckt worden.
Der Geruch aus dem Rachen des Mannes war anders gewesen, als noch Stunden zuvor, und er hatte leicht geschwankt. Das hatte ihn allerdings nicht daran gehindert, erneut über seine Gefangene herzufallen. Dieses Mal hatte der Akt noch deutlich länger gedauert. Aus Angst, Gottlieb würde ihr tatsächlich die Kehle durchschneiden, hatte sie versucht, sich seinen Bewegungen anzupassen. Schließlich war Gottlieb halb auf ihr liegend eingeschlafen, und sie hatte es bis zum Morgen nicht gewagt, sich unter dem schnarchenden Mann zu bewegen.
Auch in den folgenden Nächten hatte sie ihm zu Willen sein müssen und hätte sich fast daran gewöhnt, wäre sie nicht ständig von ihm geschlagen worden. Besonders schlimm war es immer dann, wenn er sich vorher mit seinen Kameraden betrunken hatte.
Die anderen Männer im Zelt hatten akzeptiert, dass die blonde Schönheit ihrem Anführer gehörte und die Magd in Ruhe gelassen. In den ersten Tagen hatte Hanna im Zelt bleiben müssen und nicht viel von dem mitbekommen, was im Lager geschah. Später durfte sie dann zumindest zu den anderen Frauen, um sich zu waschen. Gottlieb hatte ihr geschworen, dass er sie töten würde, sollte sie so dumm sein, einen Fluchtversuch zu wagen.
Die anderen Frauen schienen mit ihrem Leben an der Seite der Soldaten zufrieden zu sein und manche hatten sogar Kinder. Sie brachten Hanna alles bei, was notwendig war, um im Heerlager zu überleben. So hatte Hanna erfahren, dass sie sich inmitten des Heeres von Graf Johann von Tilly befand. Sie lernte schnell und es kam der Moment, an dem sie beschloss, sich nicht mehr jede Nacht von Gottlieb verprügeln zu lassen.
Als der Soldat an diesem Tag schwankend das Zelt betrat, und Hanna in sein zornerfülltes Gesicht sah, wusste sie, dass er sie wieder schlagen würde. Es würde keine Rolle spielen, wie fügsam sie sich gab. Gottlieb genoss es, sie zu quälen. Ganz besonders, wenn er betrunken war.
»Was schaust du mich so dumm an?«, fuhr der Soldat Hanna an und spuckte vor sich auf den Boden. »Zieh dich aus und leg dich auf den Rücken!«
Die Magd beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen. Eine der älteren Frauen im Lager hatte ihr ein abgetragenes Kleid geschenkt. Es stammte von einer Toten und keiner hatte es haben wollen. Dennoch war es allemal besser, als sich eine Pferdedecke um den Körper zu wickeln, wie sie es in den ersten Tagen hatte tun müssen. Dieses Kleid, so schäbig es auch war, musste Hanna beschützen. Es war ihr einziger Besitz. Sie wollte nicht, dass Gottlieb es in seinem Rausch zerriss.
»Du hältst dich wohl für besonders schlau«, schnaubte Gottlieb, als Hanna unbekleidet und mit gespreizten Beinen vor ihm lag und ihn dabei verächtlich ansah. »Es wird Zeit, dass ich dir eine Lektion erteile.« Er zog den Gürtel aus seiner Hose, legte den Riemen doppelt und ließ das Ende in seine Handfläche klatschen.
»Nein«, schrie Hanna entsetzt. »Nicht mit dem Gürtel!«
Doch es war bereits zu spät.
Gottlieb holte aus und schlug der Magd mit voller Wucht auf den Oberschenkel. Hanna konnte einen Schmerzensschrei nicht unterdrücken und wurde dafür mit einem weiteren Hieb bestraft.
»Helft mir«, flehte Hanna, als zwei Soldaten alarmiert von ihrem Schrei ins Zelt stürzten. Ein Blick in Gottliebs Gesicht reichte den Männern aus, um wieder zu verschwinden. Niemand würde sich darum kümmern, was der Betrunkene mit ihr anstellte.
»Ich werde dir schon noch Gehorsam beibringen«, sagte Gottlieb zornig. Um den Speichel, der dabei aus seinem Mund lief, kümmerte er sich nicht. Er zog seine Hose aus, ging einen Schritt auf Hanna zu und schlug ihr den Gürtel auf die Brust.
Obwohl sich ihr Körper unter den Schmerzen aufbäumte, schaffte sie es dieses Mal, den Schrei zu unterdrücken. Eine innere Stimme sagte ihr, dass sie jetzt etwas unternehmen musste. Gottlieb würde sie sonst totschlagen.
Als er sich gerade zu Hanna herunterbeugen wollte, trat sie ihm mit aller Kraft den Fußrücken zwischen die Beine. Er stieß einen wütenden Schrei aus und krümmte sich vor Schmerzen. Bevor er sich von dem Treffer erholen konnte, winkelte Hanna die Beine an, und rammte ihm beide Füße in den Bauch. Der Soldat schwankte nach hinten. Es gelang ihm nicht, das Gleichgewicht zu halten, und er krachte mit dem Rücken gegen die Zeltplane, die unter seinem Gewicht nachgab.
Hanna unterdrückte ihre Schmerzen, sprang auf und rannte ins Freie. Dort hatte der bereits seit drei Tagen anhaltende Regen den Boden aufgeweicht, und die Magd rutschte auf dem matschigen Untergrund aus. Bevor sie wieder auf die Beine kam, stürzten Gottliebs Kameraden auf sie zu und hielten sie fest. Der wütende Schrei aus dem Zelt kündigte an, dass sie jetzt mit mehr als nur ein paar Schlägen rechnen musste.
»Lasst mich gehen«, flehte Hanna. »Gottlieb ist völlig von Sinnen. Er wird mich umbringen.«
»Das hättest du dir früher überlegen müssen«, entgegnete einer der Männer ungerührt, griff dann aber mit beiden Händen nach ihren Brüsten. »Ich gebe aber zu, dass es Verschwendung ist, einen solchen Körper zu verstümmeln.«
»Geht mir aus dem Weg«, brüllte Gottlieb in das Lachen der Männer. Keiner wagte es, seinem Befehl zu widersprechen.
Hanna zitterte vor Angst. Sie wollte Gottlieb anflehen, sie noch einmal mit dem Leben davonkommen zu lassen. Bevor sie aber etwas sagen konnte, traf seine Faust ihr rechtes Auge und sie fiel nach hinten in den Dreck. Wütend begann der Soldat nun damit, auf sie einzutreten. Sie versuchte, die Beine anzuwinkeln und ihr Gesicht mit den Händen zu schützen, konnte aber nicht verhindern, dass sie an mehreren Stellen getroffen wurde.
In diesem Moment schloss Hanna mit dem Leben ab. Genau genommen war sie bereits gestorben, als die Soldaten auf ihren Hof gekommen waren. »Wenigstens hat das Leid jetzt ein Ende«, dachte sie, als sie von einem von Gottliebs Tritten gegen die Stirn getroffen wurde.
»Was in Gottes Namen ist hier los?«, brüllte eine schneidende Stimme über den Platz.
Hanna spürte, wie Gottlieb von ihr abließ, konnte aber durch das Blut, das ihr in die Augen gelaufen war, ihren Retter nicht erkennen.
»Das Weib gehorcht mir nicht«, sagte Gottlieb noch immer voller Zorn. »Ich werde ihr beibringen, wie sie sich mir gegenüber zu verhalten hat.«
»Das werde ich nicht zulassen«, entgegnete der Fremde scharf. »Wenn du Feigling es noch einmal wagst, die Hand gegen dieses Weib zu erheben, werde ich dich hängen lassen.«
In der Zwischenzeit hatte es Hanna geschafft, das Blut so weit aus ihren Augen zu wischen, dass sie ihren Retter erkennen konnte. Bart und Haare des Mannes waren fast weiß. Hanna hatte noch nie einen älteren Menschen gesehen. Dennoch strahlte er Entschlossenheit und Macht aus. Die Magd wusste nicht, wen sie da vor sich hatte. Sie war sich aber sicher, dass er zu den hochrangigen Offizieren im Lager gehören musste.
»Geh in dein Zelt und schlaf deinen Rausch aus«, sagte der Offizier. »Morgen wirst du dich bei deinem Hauptmann freiwillig melden und dabei helfen, Gräben auszuheben.«
»Wie Ihr befehlt, Herr General.«
Hanna sah, wie Gottlieb mit hängenden Schultern zurück in sein Zelt ging. Bisher hatte sie ihn nur als überheblichen und brutalen Schläger kennengelernt. Jetzt sah sie, wie viel von seinem Mut übrigblieb, wenn er es mit einem Vorgesetzten zu tun hatte.
Die Magd versuchte, sich aufzusetzen und spürte im gleichen Moment den Schwindel in ihrem Kopf. Alles um sie herum drehte sich. Sie war am Ende ihrer Kräfte. Die Schmerzen hielten ihren ganzen Körper gefangen und ließen es nicht zu, dass sie ohne Hilfe auf die Beine kam.
»Bringt sie zu den Jesuiten«, sprach der unbekannte Offizier Gottliebs Kameraden an. »Sie sollen sie waschen und ihr Kleidung und etwas zu essen geben. Wenn sie wieder bei Kräften ist, lasst sie in mein Zelt schaffen.«
Hanna wollte den Offizier anflehen, er möge sie nicht mit den Soldaten alleine lassen, brachte aber keinen Ton heraus. Der Grauhaarige verließ den Platz und verschwand zwischen den Zelten. Ihre Befürchtung, nun die Rache der Männer ertragen zu müssen, erfüllte sich nicht. Zwei von ihnen packten Hanna unter den Schultern und zogen sie mit sich. Dann wurde alles um sie herum schwarz.
***
Als Hanna erwachte, konnte sie sich zunächst nicht daran erinnern, was passiert war. Sie versuchte, die Augen zu öffnen, spürte aber einen Widerstand. Als sie mit der Hand nach ihrem rechten Auge tastete, schoss der Schmerz durch ihren gesamten Kopf. Auch der Versuch, sich aufzusetzen, schlug fehl. Der plötzliche Schwindel ließ sie sofort wieder auf das Lager zurücksinken.
»Bleib ruhig liegen, mein Kind«, sagte eine sanfte, Hanna unbekannte Stimme. »Man hat dir übel mitgespielt. Es gibt kaum eine Stelle an deinem Körper, die der Schläger ausgelassen hat. Dennoch hattest du großes Glück, dass er dir keine Knochen gebrochen hat.«
»Was ist passiert?«, fragte Hanna stöhnend. Sie wusste nur noch, dass Gottlieb wieder betrunken zu ihr gekommen war und sie geschlagen hatte.
»Darüber werden wir später sprechen. Zunächst musst du wieder zu Kräften kommen. Du bist hier in Sicherheit.«
»Wer bist du?«
»Du kannst mich Pater Justus nennen.«
»Ich kann nichts sehen.«
»Mach dir keine Sorgen, mein Kind. Wir haben dir ein Tuch um die Augen gebunden. Das Rechte ist zugeschwollen. In ein paar Tagen wirst du nichts mehr davon merken. Ich werde dir jetzt eine warme Suppe holen.«
»Ich habe Durst.« Hanna erkannte ihre eigene Stimme nicht wieder. Ihr Hals war völlig ausgetrocknet, und das Sprechen fiel ihr schwer. Sie spürte, wie ihr ein Becher an die Lippen gehalten wurde und die angenehm kühle Flüssigkeit langsam in ihren Mund lief. Als sie ein paar wenige Schlucke getrunken hatte, nahm Pater Justus den Becher wieder weg.
»Das muss zunächst reichen. Ich hole jetzt die Suppe.«
Hanna widersprach nicht und lauschte auf die Geräusche, die der Priester verursachte. Er entfernte sich mit schlurfenden Schritten von ihr. Dann wurde eine Tür geschlossen.
Hanna rang die Schmerzen nieder, die sofort stärker wurden, als sie ihre rechte Hand bewegte, und tastete das Lager, auf dem sie lag, ab. Die Unterlage war weich und ihr Körper wurde von einer dünnen Decke bedeckt. Darunter war sie unbekleidet. Was war passiert, nachdem Gottlieb zu ihr in das Zelt gekommen war?
Obwohl sich Pater Justus bis jetzt sehr fürsorglich um sie gekümmert hatte, konnte sich Hanna nicht gegen das aufkommende Misstrauen gegen den Mann wehren. Er war der erste Geistliche, den sie kennenlernte, hatte aber gehört, dass die Priester den fleischlichen Gelüsten entsagt hatten. Wenn das stimmte, würde Justus sie nicht anrühren. Was aber, wenn er sie angelogen hatte und gar kein Pater war? Was, wenn er sie lediglich in Sicherheit wiegen wollte, um danach umso gnadenloser zuzuschlagen?
Ein Knarren an der Tür riss Hanna aus ihren Gedanken. Der Priester kehrte zurück. Sie konnte hören, wie er näher kam und sich neben sie setzte. Dann spürte sie, wie ihr Kopf angehoben und eine Art Kissen darunter geschoben wurde.
»Pass auf, die Suppe ist sehr heiß.«
»Ich habe keinen Hunger«, sagte Hanna, als der Pater ihr den Löffel an den Mund hielt.
»Wenn du wieder zu Kräften kommen willst, musst du etwas essen. Wenigstens ein bisschen.«
»Und wenn ich lieber sterben will?«
»Versündige dich nicht, mein Kind. Gott hat über dein Leben gewacht und dich davor bewahrt, von dem brutalen Schläger umgebracht zu werden. Er hat dir den Grafen von Tilly persönlich geschickt, damit er dich rettet. Danke ihm dies nicht, indem du dein Leben wegwirfst.«
Hanna erinnerte sich an den grauhaarigen Alten, der verhindert hatte, dass Gottlieb weiter auf sie einschlug. Konnte es stimmen, dass es sich bei ihm tatsächlich um den mächtigen Feldherrn gehandelt hatte?
»Was geschieht jetzt mit mir?«, fragte Hanna, nachdem sie ein paar Löffel der Suppe gegessen hatte.
»Ich werde mich um dich kümmern, bis es dir besser geht. Danach wirst du zu Graf Johann von Tilly gebracht. Er wird entscheiden, was weiterhin mit dir geschehen soll.«
Hanna erschrak. »Und wenn er mich zu Gottlieb zurückschickt?« Sie wollte lieber sterben, als auch nur noch eine Minute das Lager mit dem brutalen Trunkenbold teilen zu müssen.
»Das wird nicht geschehen. Sei unbesorgt. Der Graf ist ein gerechter Mann. Er wird nicht zulassen, dass dir weiteres Unheil geschieht.«
Hanna hatte noch viele Fragen, spürte aber, wie die Müdigkeit sie zu übermannen drohte. Sie aß noch ein paar Löffel Suppe und presste schließlich die Lippen zusammen, um dem Pater zu zeigen, dass es jetzt wirklich genug war.
»Schlaf noch ein paar Stunden«, sagte Justus. »Ich werde später wiederkommen und nach dir sehen.«
***
Etwa zwei Wochen später brachte Justus die junge Magd persönlich zum Zelt des Feldherrn Graf Johann von Tilly. Der Pater hatte sich fürsorglich um Hanna gekümmert, und sie hatte schnell Vertrauen zu dem leicht dicklichen Mann in der alten, braunen Robe gefasst. Es gab kaum etwas, das ihn aus der Ruhe brachte. Das gütige Lächeln schien genauso zu seinem rundlichen Gesicht zu gehören wie sein haarloses Haupt. Pater Justus war der einzige Freund, den sie nach dem Überfall auf ihren Hof hatte.
So geborgen sie sich in den letzten Tagen bei dem Priester gefühlt hatte, so viel Angst hatte sie vor dem mächtigen Feldherrn. Warum wollte Graf von Tilly, dass man sie in sein Zelt brachte? Würde er sie am Ende genauso brutal behandeln, wie es Gottlieb getan hatte?
Es gab nur noch wenige Stellen an Hannas Körper, die ihr leichte Schmerzen bereiteten. Die Schwellungen waren zurückgegangen und auch die vielen blauen Flecken waren inzwischen verblasst. Justus hatte dafür gesorgt, dass sie sich waschen konnte und ihr ein neues Wollkleid beschafft. Außerdem hatte sie Schuhe aus braunem Leder bekommen. Über dieses Geschenk des Priesters hatte sie sich am meisten gefreut. Nie zuvor hatte sie etwas so Kostbares besessen.
»Denk daran, was ich dir beigebracht habe«, sagte Justus, als sie das Zelt des Feldherrn erreichten. »Graf von Tilly ist ein mächtiger Mann. Gehorche ihm und sei nicht vorlaut. Sprich nur, wenn du eine Frage gestellt bekommst und vergiss niemals, deinen Herrn korrekt anzusprechen.«
»Ich werde mir Mühe geben«, versprach Hanna und sah Justus dankbar an.
»Dann geh jetzt.«
Am liebsten wäre Hanna dem Pater zum Abschied um den Hals gefallen. Sie wusste aber, dass dies dem Mann unangenehm gewesen wäre. Sie waren nicht alleine und daher wollte sie ihn nicht in Verlegenheit bringen. Die Soldaten, die sich in der Nähe des Zeltes aufhielten, sahen Hanna neugierig an, blieben aber auf Abstand. Offensichtlich hatte es sich herumgesprochen, dass sie unter von Tillys Schutz stand.
Hanna nahm ihren ganzen Mut zusammen und betrat das Zelt. Als sie aus der Morgensonne in das Halbdunkel trat, mussten sich ihre Augen zunächst an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnen. Graf Johann von Tilly stand an einem Tisch und drehte sich überrascht um, als er die Magd hörte.
»Was in Gottes Namen tust du hier?« Die schneidende Stimme des Feldherrn wirkte auf Hanna wie ein Peitschenhieb. Sie zuckte zusammen und ging einen Schritt zurück.
»Man hat mich zu Euch geschickt.«
Der Feldherr kam langsam auf Hanna zu und blieb etwa zwei Meter vor ihr stehen. Hanna schaute direkt in das Gesicht des hageren Mannes, der sie vor zwei Wochen aus den Fängen Gottliebs gerettet hatte. Seine Augen wirkten klar und scharf und standen damit im Gegensatz zu den buschigen Augenbrauen, die zu groß für sein schmales Gesicht wirkten.
Die Gesichtszüge des Feldherrn änderten sich und sein Blick wurde gütig. »Jetzt erkenne ich dich. Du bist das Weibsbild, das von dem betrunkenen Söldner geschlagen worden ist.«
»Ja, mein Herr.«
»Wie ist dein Name?«
»Hanna.«
»Und weiter?«
»Nichts weiter. Nur Hanna. Ich war Magd auf einem Bauernhof. Die Soldaten kamen, haben alles zerstört und nahmen mich mit in Euer Lager.«
»Wie ist es dir in den letzten Tagen ergangen?«
»Pater Justus hat sich um mich gekümmert. Es geht mir gut. Ich bin bereit, Euch zu dienen.«
Hanna griff nach ihrem Hals und öffnete die Kordel, die ihr Kleid verschloss. Dann ließ sie den Stoff nach unten rutschen.
»Was soll das?«, fragte von Tilly. Für einen kurzen Moment wirkte er überrascht. Danach gelang es ihm schnell, seine Fassung zurückzuerlangen. »Deswegen habe ich dich nicht zu mir kommen lassen. Zieh dich wieder an«
»Weswegen dann?« Hanna hätte sich am liebsten selbst auf den Mund geschlagen, konnte ihre Frage aber nicht mehr ungeschehen machen. Innerhalb weniger Augenblicke hatte sie alles vergessen, was sie von Justus gelernt hatte und sich wie das Bauernmädchen verhalten, das sie noch immer war. Hastig zog sie das Kleid hoch und band es wieder fest.
»Das ist in der Tat eine berechtigte Frage.« Graf von Tilly kratzte sich mit den Fingern an seinem Spitzbart. »Kannst du lesen und schreiben?«
»Nein.«
»Dann wirst du bis auf weiteres dafür Sorge tragen, dass in diesem Zelt Ordnung herrscht. Du bist keine Gefangene und wirst für deine Arbeit entlohnt werden.«
Hanna schaute den Feldherrn dankbar, aber auch überrascht an. Bisher hatte sie nie für irgendetwas Geld bekommen und in ihrem bisherigen Leben noch nicht eine Münze besessen. Sie nahm sich fest vor, ihren Herrn nicht zu enttäuschen.
In diesem Moment betraten zwei Männer das Zelt und baten darum, mit dem Grafen sprechen zu dürfen.
»Setz dich in eine Ecke und verhalte dich ruhig«, sagte von Tilly so leise, dass nur Hanna ihn hören konnte.
Schnell erkannte sie, dass es sich bei den Besuchern um hochrangige Offiziere handelte, die mit dem Heerführer über die weiteren Schritte beraten wollten. Die drei Männer gingen zum Tisch und betrachteten die darauf liegenden Karten. Hanna verstand nichts von den Dingen, über die die drei Männer sprachen. Dennoch hörte sie gespannt zu. Aus Angst, die Offiziere zu stören, wagte sie es nicht, sich zu bewegen und blieb stocksteif auf ihrem Platz sitzen.
»Die Späher berichten, dass der Feind über annähernd die gleiche Anzahl an Soldaten verfügt wie wir«, sagte einer der Offiziere und deutete auf die Karte. »Der Großteil der fast zwanzigtausend Mann liegt derzeit nahe Hahausen. Das Heer befindet sich kurz vor dem Aufbruch. Allem Anschein nach bereitet der König von Dänemark einen Rückzug vor.«
»Christian der IV. wird versuchen, sich nach Wolfenbüttel durchzuschlagen«, vermutete Graf von Tilly. »Dies gilt es um jeden Preis zu verhindern. Sind unsere Männer bereit?«
»Wir können in zwei Stunden angreifen«, antwortete der zweite Offizier.
»Dann werden wir das tun. Zwischen Hahausen und Lutter liegt eine Ebene. Dort werden wir in die Schlacht ziehen.«
Nach dieser Entscheidung des Feldherrn war es mit der Ruhe im Zelt vorbei. Die Offiziere eilten nach draußen und kamen kurz darauf mit drei weiteren Hauptmännern zurück. Johann von Tilly gab seine Befehle mit entschlossener Miene. Hanna bewunderte den Heerführer für die Ruhe, die er dabei ausstrahlte. Er schien keinen Zweifel daran zu haben, dass sie das Heer des dänischen Königs bezwingen und als Sieger vom Feld gehen würden.
»Du wirst hier auf mich warten«, sagte Graf von Tilly, als er etwa eine halbe Stunde später das Zelt mit seinen Offizieren verließ. »Wenn wir die Protestanten besiegt haben, kehre ich zurück.«
***
Die nächsten Stunden verbrachte Hanna alleine in von Tillys Zelt. Gerne hätte sie Justus besucht und ihm erzählt, was sie am Vormittag erlebt hatte. Aus Angst, der Feldherr könnte in ihrer Abwesenheit zurückkehren, wagte sie es aber nicht, zu dem Pater zu gehen. Je länger sie an ihrem Platz verharrte, umso mehr wuchsen ihre Sorgen. Würde der Graf zurückkehren? Konnten seine Truppen den Feind tatsächlich besiegen? Was würde geschehen, wenn die Soldaten des dänischen Königs stärker waren und in das Lager der Kaiserlichen einfielen?
Hanna sehnte sich zurück auf den Hof, auf dem sie ihr bisheriges Leben verbracht hatte. Es kam ihr vor, als sei eine Ewigkeit vergangen, seitdem man sie von dort verschleppt hatte, dabei war es erst wenige Wochen her. Vor von Tilly hatte sie keine Angst, umso größere aber vor den vielen Männern im Lager. Was würde geschehen, wenn der Graf ihrer überdrüssig wurde? Würde er sie dann den Soldaten überlassen?
Plötzlich hörte sie die Schläge der Kanonen auf dem Schlachtfeld. Die Schreie der Männer hörte sie nicht. Dafür war das Lager zu weit vom Kampfgeschehen entfernt. Für einen Moment dachte Hanna daran, einfach wegzulaufen. Die Gelegenheit für eine Flucht war so günstig wie nie. Wohin aber sollte sie gehen?
Von Justus hatte sie erfahren, dass viele Dörfer in der Umgebung niedergebrannt worden waren. Überall streunten Soldaten und Plünderer umher. Wenn sie den Räubern in die Hände fiel, würden die sie sicher nicht besser behandeln als Gottlieb. Nein. Im Moment war sie nirgendwo auf der Welt sicherer als im Zelt des Feldherrn. Ihr altes Leben war vorbei. Nie wieder würde sie als Magd ein sorgloses Leben führen.
Als Johann von Tilly am Abend in das Zelt zurückkehrte, erkannte Hanna ihn fast nicht wieder. Sein Gesicht war schwarz von Ruß und Blut klebte an seiner Kleidung. Seine graue Haarfarbe war nicht mehr zu erkennen. Er ging leicht gebeugt und schaute Hanna aus müden Augen an.
»Bring mir Wasser und ein Tuch, damit ich mich säubern kann.«
Hanna beeilte sich, ihrem Herrn das Geforderte zu bringen und schaute zu, wie seine Gesichtsfarbe langsam zurückkehrte, als er sich mit dem nassen Tuch über die Haut fuhr.
»Habt ihr den Feind besiegt?«
»Das haben wir, mein Kind. Teile der Truppen sind in die Burg Lutter geflohen. Sie werden bereits von meinen Männern belagert und sitzen in der Falle.«
»Ist der Krieg dann zu Ende?«
»Der Krieg?« Graf von Tilly stieß ein verächtliches Lachen aus. »Was weißt du schon vom Krieg?«
»Nicht viel. Nur, dass die Menschen darunter leiden.«
»Es kann noch Jahre dauern, bis wieder Friede im Land ist. Die Schlacht bei Lutter am Barenberge ist zu Ende. Mehr aber auch nicht. Morgen früh werde ich die Verfolgung der Protestanten aufnehmen. Ich werde sie so lange jagen, bis ich Christian IV. von Dänemark in meiner Gewalt habe.«
»Was wird dann aus mir?«
»Du bleibst hier im Lager.«
Hanna erschrak. Der Gedanke, mehrere Tage lang alleine im Zelt zu bleiben, behagte ihr nicht. Wenn der Feldherr nicht im Lager war, würden sich die zurückgebliebenen Männer nicht davon abhalten lassen, sie aus dessen Zelt zu holen. Sie hatte große Angst davor, Gottlieb am Ende doch noch in die Hände zu fallen.
»Es wird dir nichts geschehen, wenn ich fort bin«, sagte der Graf, als hätte er Hannas Gedanken erraten. »Dafür werde ich sorgen.«
»Warum helft Ihr mir?«
Johann von Tilly sah Hanna einen Moment lang schweigend an. Sie hatte den Eindruck, dass seine Augen feucht schimmerten, was aber auch an dem Wasser liegen konnte, mit dem er sich gewaschen hatte. »Ich kannte einmal eine junge Frau, die dir sehr ähnlich sah. Vielleicht ist das der Grund.«
Hanna sah ihren Herrn dankbar an. Der legte sich auf sein Lager und atmete tief durch. Weil sie nicht wusste, wie sie sich verhalten sollte, blieb sie einfach schweigend inmitten des Zeltes stehen.
»Komm zu mir.«
»Soll ich das Kleid ausziehen?« Hanna hatte nun keine Angst mehr davor, dass ihr der Feldherr weh tun würde. Wenn er wollte, dass sie ihm zu Willen war, würde sie sich nicht wehren.
»Nein. Leg dich einfach nur neben mich und sei still.«
***
Am nächsten Morgen brachte Johann von Tilly Hanna zu einem Feldkoch, der die Verwundeten mit Essen versorgte, und befahl ihr, dem Mann zu helfen, bis er wieder zurück im Lager war.
Schon auf den ersten Blick mochte Hanna Kasper Scheld nicht. Alleine die Art, wie er sie anschaute, ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen. Erst als er Hanna sein Weib Margarethe vorstellte, beruhigte sie sich. Solange die Frau in der Nähe war, würde der Koch die Magd nicht anrühren. Das Ehepaar sah aus, als wären sie selbst die besten Abnehmer ihres Essens. Beide waren sehr kräftig. Kasper sogar deutlich dicker als Pater Justus.
Bereits am ersten Abend stellte sich die Hoffnung auf eine sorglose Zeit als Irrtum heraus. Hanna stand gebückt vor einer Wanne mit Wasser und wusch eine Schüssel aus. Plötzlich spürte sie zwei Hände auf ihrem Hintern.
»Machst Du deine Arbeit auch ordentlich?«
Hanna brauchte sich nicht erst umzudrehen, um zu wissen, dass Kasper hinter ihr stand. »Ich bin gleich fertig«, sagte sie und versuchte dabei, die Angst in ihrer Stimme zu unterdrücken.
»Du kannst deine Arbeit später fertigmachen. Steh auf und dreh dich um.«
Sie sah in das Gesicht des Kochs und wusste sofort, was er von ihr wollte. Seine Augen starrten auf ihre Brust und es dauerte nur wenige Sekunden, bis seine Hände dem Blick folgten. »Zeig sie mir«, forderte Kasper und griff nach der Kordel, die das Kleid zusammenhielt.
»Ich mache das selbst«, sagte Hanna und schlug die Hand des Kochs weg. Der sah sie zornig an, tat aber nichts, als sie ihr Versprechen erfüllte. Die Magd hatte gelernt, dass sie ihrem Schicksal nicht entgehen konnte. Ihre einzige Hoffnung lag darin, dass Kasper sie vielleicht nicht schlug, wenn sie freiwillig tat, was er wollte.
»Dreh dich um«, befahl der Koch, nachdem Hannas Kleid zu Boden gefallen war.
Sekunden später spürte Hanna, wie der Kerl in sie eindrang. Dabei grunzte der Mann wie ein Schwein. Die Magd schaltete ihre Gedanken aus. In den Nächten mit Gottlieb hatte sie gelernt, dass die Sache schneller vorbei ging, wenn sie nicht darüber nachdachte. Sehr viel früher, als Hanna erwartet hatte, ließ Kasper von ihr ab.
»Ein Wort zu meinem Weib und ich bringe dich um.«
Als sie am nächsten Morgen erwachte, stand Margarethe vor Hannas Lager und blickte sie zornig an. Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt und seitlich gegen ihren Oberkörper gestemmt.
»Wenn du Kasper nicht in Ruhe lässt, werde ich dir die Hölle auf Erden bereiten«, sagte die Köchin mit scharfer Stimme.
Spätestens jetzt war Hanna hellwach. Sie schaute der Alten direkt in das Gesicht und musste sich zwingen, den Blick von den Haaren an ihrem Kinn abzuwenden. So etwas hatte sie bei noch keiner anderen Frau gesehen. Der leichte Bartwuchs machte Margarethe noch hässlicher, als sie ohnehin schon war.
»Hast du mich verstanden?«
»Ich verstehe nicht, wovon du sprichst«, antwortete Hanna. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dem Koch etwas getan zu haben.
»Tu nicht so unschuldig. Ich weiß, was ihr beide heute Nacht getrieben habt. Wenn du nicht aufhörst, Kasper schöne Augen zu machen, wirst du es bereuen.«
»Das tue ich doch gar nicht.«
»Belüge mich nicht. Ich weiß genau, was du vorhast.« Margarethe sah die Magd finster an und hob drohend die Faust. »Behalte deine Finger bei dir«, sagte sie und ging.
Den restlichen Tag versuchte Hanna, dem Paar so gut es ging aus dem Weg zu gehen. Nachdem sie mit der ihr aufgetragenen Arbeit fertig war, entschloss sie sich, Justus aufzusuchen und ihn um Rat zu fragen. Als sie die Stelle erreichte, an der der Wagen des Jesuiten gestanden hatte, fand sie diese leer vor. Von ein paar Waschfrauen erfuhr sie schließlich, dass sich die Mönche auf den Weg nach Salzgitter gemacht hatten.
Damit hatte Hanna niemanden mehr, dem sie im Lager vertrauen konnte. Dafür gab es aber mindestens zwei Menschen, die sie am liebsten tot gesehen hätten. Niedergeschlagen machte sich die Magd auf den Rückweg zum Wagen der Schelds. Kasper war nicht dort, und Margarethe würdigte sie keines Blickes. Hanna war dies nur recht. Sie zog sich auf ihr Lager zurück und betete zu Gott, dass er sie vor Kasper und seinem Weib beschützen mochte.
In den nächsten Tagen gelang es der Magd, jede Gelegenheit zu vermeiden, bei der sie mit Kasper alleine gewesen wäre. Margarethe beäugte die junge Frau stets voller Misstrauen, aber das störte Hanna nicht. Ewig konnte es nicht mehr dauern, bis Graf von Tilly zum Lager zurückkehrte. Dann würde sie ihn um eine andere Unterkunft bitten.
In der vierten Nacht, in der sie bei den Schelds untergekommen war, geschah es dann doch. Hanna hatte sich bereits zum Schlafen hingelegt, als sie plötzlich Geräusche neben ihrem Lager hörte. Es war nicht schwer zu erraten, um wen es sich bei dem Besucher handelte.
»Sei leise«, hörte sie die Stimme des Kochs und spürte, wie er ihr ein Messer an die Kehle hielt.
»Das brauchst du nicht. Ich werde mich nicht wehren.«
Kasper riss Hanna die Decke weg und schob ihr Kleid nach oben. Er selbst hatte sich bereits seiner Hose entledigt, und bevor die Magd irgendetwas tun konnte, lag er bereits auf ihr. Wie auch schon beim ersten Mal, als der Koch Hanna genommen hatte, wurden seine Bewegungen durch laute Grunzlaute begleitet. Die Magd fürchtete, dass er das ganze Lager aufweckte, wenn er nicht leiser wurde.
»Jetzt habe ich euch«, schrie Margarethe, als ihr Gemahl gerade zum Abschluss gekommen war. »Ich habe gewusst, dass man dem Luder nicht trauen darf.«
Der Koch sprang auf und starrte seine Frau voller Entsetzen an. Die holte mit einem Stück Holz aus und schlug es ihm, begleitet von einem zornigen Schrei, auf den Kopf.
»Ich habe nichts getan«, sagte Hanna leise und bereitete sich innerlich darauf vor, dass sie es war, die den nächsten Hieb des rasenden Weibs einstecken musste.
»Das glaube ich dir nicht«, schrie die Köchin, griff nach Hannas Arm und zog die Magd vom Lager herunter. »Du bist eine Hexe und hast meinem Kasper die sündigen Gedanken eingepflanzt. Ich wusste schon, dass dich der Teufel geschickt hat, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe!«
»Das ist nicht wahr.«
»Du lügst.« Margarethe wartete die Antwort ihrer Gehilfin nicht ab und zog sie aus dem Wagen heraus ins Freie. Dort ließ sie Hanna einfach zu Boden fallen und trat ihr vor Wut gegen den Kopf.
»Schafft die Hure dorthin, wo sie hingehört«, sagte Margarethe zu zwei Männern, die plötzlich aus dem Schatten des Mondlichts auftauchten. »Und sagt Rosa, dass sie nicht vergessen soll, dass sie mir etwas schuldig ist.«
Keiner der Männer sagte etwas. Sie gingen auf Hanna zu, zogen sie auf die Beine und führten sie weg.
»Wo bringt ihr mich hin?«, fragte Hanna schwach, als sie außer Hörweite des Wagens der Schelds waren.
»Das wirst du noch früh genug erfahren.«
Die Fremden führten Hanna durch das Lager an den Schmieden und Zimmerleuten vorbei. Ihr Ziel musste in einem Bereich liegen, den die Magd bisher nicht kannte. Trotz ihrer Angst wehrte sie sich nicht gegen den Griff der beiden Männer. Schlimmer als bei Kasper und seinem Weib konnte es kaum noch werden. Hanna wusste aber auch, dass sie sich immer weiter von von Tillys Zelt entfernte. Selbst wenn der Feldherr bald zurückkehrte, würde er sie kaum finden, falls er sie überhaupt suchen sollte.
»Wir sollten uns selbst mit der Kleinen vergnügen, bevor wir sie zu Rosa bringen«, sagte einer der Männer. »Sie sieht aus, als wüsste sie, wie man einen Kerl glücklich macht.«
»Daran solltest du nicht einmal denken«, entgegnete der Zweite. »Rosa wird es merken, wenn wir uns unseren Spaß mit der Hure gönnen, und du weißt sehr gut, wie zornig sie werden kann.«
Auch wenn Hanna jedes Wort der Männer verstand, wurde sie dadurch nicht schlauer. Es beruhigte sie aber, dass ihr zumindest von den beiden keine Gefahr drohte. Jetzt war sie gespannt, wer diese Rosa war und was sie von Hanna wollte.
Ihr Ziel lag am Ende des Lagers. Hier standen nur sehr wenige Zelte, dafür aber mehrere geschlossene Holzwagen. Rund um sie herum erklangen lustvolle Schreie. An einer Feuerstelle saßen mehrere Männer mit Bierkrügen. Von Hanna und ihren Begleitern nahmen sie keinerlei Notiz.
Die beiden Fremden blieben vor einem Wagen stehen, der deutlich größer war als die anderen. Kurz nachdem einer der beiden gegen die Wand klopfte, öffnete sich die Tür. Hanna riss vor Staunen die Augen auf, als sie den Koloss vor sich erblickte. Noch nie hatte sie einen derartig dicken Menschen gesehen.
»Komm näher heran, damit ich dich betrachten kann«, befahl Rosa mit einer hohen Stimme, die nicht zu ihrer Körperfülle passte.
Die Männer, die sie hergebracht hatten, stießen Hanna auf den Wagen zu. Die beiden ungleichen Frauen standen nun nur noch zwei Schritte voneinander entfernt und musterten sich gegenseitig. Rosa trug ein rotes Kleid. Ihre Haare hatte sie unter einem schwarzen Tuch versteckt. Dennoch schauten ein paar graue Strähnen hervor. Ihr Gesicht war voller Falten und wirkte alt und verbraucht.
»Du bist hübsch und hast die Pfunde an den richtigen Stellen«, sagte Rosa nach einer Weile. »Meine Kunden werden sehr zufrieden mit dir sein. Wenn du tust, was ich von dir verlange, werden wir gut miteinander auskommen.«
Braunfels, 14. August 1626
Mit jeder Stunde, die Heinrich in Braunfels verbrachte, ohne etwas über den Mord an dem spanischen Soldaten in Erfahrung zu bringen, wuchs seine Verzweiflung. In den letzten beiden Tagen hatte er mit einigen Bürgern der Stadt gesprochen. Deren Angst vor den spanischen Besatzern war aber so groß, dass sie es nicht wagten, etwas zu erzählen.
Die Söldner, die er nach dem Toten befragen wollte, waren ihm aus dem Weg gegangen, oder hatten ihn mit spöttischen Bemerkungen fortgeschickt. Von ihnen hatte er aber zumindest erfahren, dass der Tote Diego Armonis geheißen hatte und der Name seines Begleiters Jose Sanches war. Den hatte er zweimal gesehen, sich aber nicht getraut, ihn anzusprechen. In den Reihen seiner Kameraden wäre es ihm ein Leichtes gewesen, den Zimmermann aus dem Weg zu schaffen.
Zu Hauptmann Johann von Tiras konnte Heinrich auch nicht gehen. Er würde ihm niemals glauben und die Aussage der zwei Jungen kaum als Beweis gelten lassen. Die wollte Heinrich ohnehin nicht unnötig in Gefahr bringen, solange er nichts gegen Jose Sanches in der Hand hatte.
Auf eine Verena, an deren Namen sich Harald erinnert hatte, hatte Heinrich keinen Hinweis gefunden. Wer auch immer die Frau war, der Zimmermann wusste noch nicht einmal, ob sie überhaupt in Braunfels lebte.
Heinrich war sich darüber bewusst, dass ihm und den Menschen in Laufdorf die Zeit davonlief. Am nächsten Morgen würde der Kommandant den Ort niederbrennen. Gemeinsam mit Norbert hatte er die Bürger davon überzeugt, dass sie am heutigen Abend die Flucht ergreifen sollten. So würden sie zwar ihr Hab und Gut, aber zumindest nicht ihr Leben verlieren. Der Zimmermann dachte fieberhaft darüber nach, wie er diesen letzten Ausweg vermeiden konnte.
An diesem Tag war Heinrich damit beauftragt worden, die Wehrgänge auf der Mauer um das Schloss instand zu setzen und gerade dabei, ein paar morsche Bretter auszutauschen. Von seinem Platz aus hatte er einen guten Blick auf die Unterkünfte der spanischen Soldaten. Plötzlich sah er, wie Jose Sanches aus einer der Baracken kam und sich umsah.
Heinrich ging hinter dem Holz des Wehrganges in die Hocke und verhielt sich ruhig. Vielleicht konnte er Sanches unbemerkt verfolgen, wenn der den Bereich des Schlosses verließ. Noch blieb der Spanier vor seiner Unterkunft stehen und schaute den Weg entlang, als würde er auf jemanden warten. Kurz darauf erschien eine der Mägde aus dem Schloss.
»Da bist du ja endlich«, fuhr Sanches die schwarzhaarige Frau an. »Wo hast du die ganze Zeit gesteckt?«
»Der Koch hat mich nicht weggelassen«, antwortete die Magd. »Ich konnte nicht eher hier sein.«
»Ich habe das Gefühl, du gehst mir aus dem Weg, seitdem Diego tot ist«, sagte Sanches ärgerlich.
»Warum sollte ich das tun?«
»Tu nicht so scheinheilig. Ich weiß genau, dass du das Lager mit dem Kerl geteilt hast.«
»Na und?«, gab die Magd zurück. »Dachtest du, ich gehöre alleine dir?«
»Allerdings«, antwortete der Söldner, ging auf die Frau zu und gab ihr eine Ohrfeige. »Wage es nie wieder, so mit mir zu reden.«
So läuft das also, dachte Heinrich. Der Zimmermann spürte, wie sein rechtes Bein in der unbequemen Haltung langsam taub wurde. Er wollte es zur Seite hin wegstrecken und stieß dabei gegen seinen Hammer. Im letzten Moment gelang es ihm, das Werkzeug zu greifen, bevor es über die Kante nach unten fiel und die beiden auf ihn aufmerksam machte.
Sanches schien trotzdem etwas gehört zu haben. »Wer ist da?«, rief der Spanier und schaute misstrauisch nach oben. Heinrich hielt die Luft an. Wenn der Soldat der Ursache des Geräusches auf den Grund ging, würde er ihn entdecken. Das geschah gottlob nicht. Sanches schaute noch einen kurzen Moment zum Wehrgang und wandte sich dann wieder der Magd zu.
»Ich muss gleich meinen Wachdienst antreten.« Sanches gab der jungen Frau einen Stoß. »Verschwinde jetzt. Morgen kommst du zur verabredeten Zeit. Ansonsten werde ich dich für deinen Ungehorsam bestrafen.«
Heinrich beobachtete, wie der Spanier zurück in die Unterkunft ging und die Magd langsam vom Platz schlich. Er wartete noch einige Sekunden und nahm dann die Verfolgung der jungen Frau auf.
***
»Warte bitte einen Moment«, rief Heinrich der Magd nach, bevor sie durch das Tor in den inneren Schlosshof verschwinden konnte und somit für ihn unerreichbar war.
»Was willst du?«
»Nur kurz mit dir sprechen.«
»Ich kenne dich nicht.« Die Frau sah Heinrich geringschätzig an und wollte nun endgültig durch das Tor verschwinden.
»Es geht um Diego Armonis.«
Die Magd blieb für einen Moment wie versteinert stehen. Dann drehte sie sich zu Heinrich um und sah ihn verärgert, gleichzeitig aber auch neugierig an.
»Er ist tot.«
»Ich weiß, wer ihn ermordet hat.« Ursprünglich hatte Heinrich nicht mit der Tür ins Haus fallen wollen. Weil er aber befürchtete, dass die Magd ihn doch noch stehen ließ und verschwand, wollte er ohne Umschweife zum Grund kommen, warum er sie aufgehalten hatte.
»Soweit ich weiß, waren es ein paar Bauern aus einem Dorf. Gehörst du etwa zu ihnen?«
»So war es nicht«, antwortete Heinrich. »Können wir kurz darüber sprechen?«
»Meinetwegen«, sagte die Magd, schaute Heinrich aber weiterhin misstrauisch an. »Erzähl mir aber keine Lügen. Diegos Tod ist auch so schon schlimm genug.«
»Kanntest du ihn gut?«
»Das geht dich nichts an. Erzähle mir erst, was du weißt.«
»Mein Name ist Heinrich Wagner. Ich bin Zimmermann aus Laufdorf …«
»Also doch«, rief die Magd dazwischen. »Wenn du mir jetzt erzählen willst, dass es keine Absicht war, oder Diego selbst schuld gewesen ist, kannst du gleich wieder gehen.«
»Das hast du falsch verstanden«, sagte Heinrich schnell. »Zwei Jungen aus dem Dorf haben den Mord beobachtet. Es war der Soldat, der Diego Armonis auf dem Streifzug begleitetet hat.«
»Jose Sanches?«
»Genau der.«
Die Magd stieß einen wütenden Schrei aus, schüttelte wild den Kopf und wollte losrennen. »Ich werde das Schwein umbringen!«
Im letzten Moment konnte Heinrich die Frau am Arm festhalten. Damit sie nicht die ganze Stadt auf sie aufmerksam machte, hielt er ihr den Mund zu.
Die Magd wehrte sich gegen Heinrichs Griff und biss ihm in die Hand. »Lass mich los«, fauchte sie den Zimmermann an. »Ich bringe Jose um. Er hat es nicht besser verdient!«
»Hör mir doch erst einmal zu«, versuchte Heinrich, die Frau zu beruhigen. »Alleine kannst du gegen den Kerl wenig ausrichten. Wenn wir es aber geschickt anfangen, wird von Tiras ihn aufhängen.«
Die Magd versuchte noch einmal, sich loszureißen. Dieses Mal wendete sie aber weniger Kraft auf und gab schließlich nach. »Erzähl mir, was du vorhast.«
»Später. Sag mir erst, wie du zu Diego standest.«
»Ich war seine Geliebte«, gab die Magd zu. »Jose wusste das, wollte mich aber für sich. Ich habe ihm einmal nachgegeben und seither behandelt er mich wie sein Eigentum.«
»Dann ist das der Grund für den Mord.«
»Vermutlich. Ich hätte nie gedacht, dass er so weit gehen würde. Und jetzt sag mir, was du vorhast.«
Als Heinrich die Magd mit Jose Sanches gesehen hatte, war ihm ein Gedanken gekommen, der mittlerweile zu einem Plan gereift war. Mit knappen Worten erklärte er der jungen Frau, die sich ihm als Verena Uhl vorgestellt hatte, wie er den Söldner an den Kommandanten ausliefern wollte. Als er ihren Namen gehört hatte, hatte für Heinrich alles einen Sinn ergeben: Sanches hatte seinen Kameraden aus Eifersucht ermordet.
»Und du bist dir sicher, dass wir das Schwein so drankriegen?«, fragte Verena schließlich.
»Sicher nicht. Aber es ist unsere letzte Möglichkeit.«
»Wieso? Was hast du eigentlich mit Diego und Jose zu schaffen?«
»Gar nichts. Von Tiras hat gedroht, dass er unser Dorf niederbrennen wird, wenn wir ihm nicht bis morgen Diegos Mörder ausliefern.«
»Warum sollte ich dir helfen?«
»Du kannst ein ganzes Dorf vor dem Untergang bewahren.«
»Ich kenne keinen von den Bauern.« Verena sah Heinrich herausfordernd an. »Du musst mir schon etwas anbieten.«
»Willst du etwa Geld? Eben wolltest du Jose noch töten. Ich gebe dir die Möglichkeit, dich an dem Schwein zu rächen, ohne dass du selbst dabei in Gefahr gerätst.«
»Da hast du allerdings recht. Ich bin einverstanden. Wir haben aber nicht mehr viel Zeit. Wenn Jose seine Wache antritt, kommen wir nicht mehr an ihn heran.«
»Wann ist das?«
»In etwa einer halben Stunde.«
***
Jose Sanches trat aus den Unterkünften und blieb stehen, als hätte ihn der Blitz getroffen. »Was hast du denn noch hier zu suchen?«, herrschte er Verena an. »Willst du, dass jeder sieht, wie du vor den Baracken herumlungerst?«
»Das hat dich bisher nie gestört«, entgegnete Verena trotzig. Sie stand mit geballten Fäusten etwa fünfzehn Schritte von dem Söldner entfernt.
»Verschwinde. Ich habe jetzt keine Zeit für dich.«
»Du hast Diego getötet«, schrie Verena und zeigte mit dem Finger auf den Spanier.
»Was soll der Unsinn? Weswegen bist du hier? Etwa nur wegen dieser dummen Anschuldigung?«
»Ich will, dass du mir die Wahrheit sagst.«
»Hör auf, hier so herumzuschreien. Was meinst du wohl, was die anderen Soldaten denken, wenn sie diesen Unfug hören?!«
»Das ist mir egal. Sag mir, ob du es gewesen bist!«
»Was, wenn es so wäre?« Jose sprach jetzt leiser, aber mit scharfer Stimme und ging zwei Schritte auf Verena zu.
»Dann werde ich nie wieder auch nur ein Wort mit dir reden.«
»Was bildest du dir eigentlich ein, du verfluchte Hure? Es gibt genug andere Weiber in der Stadt, die mir für ein paar Münzen gefällig sind. Ich brauche dich nicht.«
»Warum hast du dann Diego getötet? Ich habe ihn geliebt.« Verenas Schrei ging in ein Schluchzen über und sie hatte sichtlich Mühe, sich zu beherrschen.
»Zu so etwas bist du doch gar nicht fähig«, sagte Jose spöttisch. »Du hast Diego genauso betrogen wie mich.«
»Sag mir jetzt die Wahrheit, oder ich schreie die ganze Stadt zusammen.«
»Wenn du es unbedingt wissen willst, ja«, zischte Jose und ging zwei weitere Schritte auf Verena zu. »Ich habe den Verräter bestraft und wenn du jetzt nicht dein Maul hälst, bist du die Nächste.«
»Ergreift ihn«, befahl Hauptmann von Tiras den vier Soldaten, die neben ihm und Heinrich hinter einer Hausecke standen und jedes Wort mitgehört hatten. »Nehmt ihm seine Waffen ab und werft ihn in den Kerker. Danach bereitet den Galgen vor.«
Die Wachen rannten auf Jose Sanches zu und überwältigten ihn, bevor er richtig begriff, was überhaupt los war. Als ihm die Hände auf den Rücken gedreht wurden, traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag in den Nacken.
»Du dreckiges Miststück hast mich verraten«, schrie er und spuckte in Verenas Richtung.
»Das habe ich. Und ich werde mit Freuden zusehen, wenn du für den feigen Mord bezahlst und aufgeknüpft wirst.« Verena drehte sich von den Soldaten weg und ging auf Heinrich und von Tiras zu, die noch immer neben der Hausecke standen.
»Das könnt ihr nicht tun«, schrie Jose aus Leibeskräften. »Ich bin einer von euch.«
»Jetzt nicht mehr«, entgegnete der Kommandant. Dann wandte er sich Heinrich zu. »Ich bin dir dankbar dafür, dass du mir den wahren Schuldigen gezeigt hast und werde dein Dorf verschonen.«
Für von Tiras schien die Angelegenheit damit erledigt zu sein. Er warf Verena noch einen undefinierbaren Blick zu und folgte seinen Männern dann in Richtung Schloss.
Heinrich atmete erleichtert auf, als er schließlich mit Verena alleine vor den Barracken stand. Von den anderen Söldnern war nichts zu sehen. Der Zimmermann vermutete, dass sie sich bewusst in ihren Unterkünften versteckt hielten. Die Schmach, die Jose Sanches über die Einheit gebracht hatte, würde sicher auch sie treffen.
Es war für Heinrich ein großes Risiko gewesen, sich direkt an Hauptmann von Tiras zu wenden. Nach dem Gespräch mit Verena war er ins Schloss gestürmt und hatte verlangt, den Kommandanten sofort sprechen zu dürfen. Zu seiner Überraschung war der tatsächlich gekommen. Zunächst hatte von Tiras Heinrich nicht geglaubt. Als der Zimmermann aber versprach, persönlich die Verantwortung für den Tod von Diego Armonis zu übernehmen, sollte er sich irren, hatte er dem Plan zugestimmt, Jose mit Verenas Hilfe aus der Reserve zu locken.
»Was willst du jetzt machen?«, riss Verena den Zimmermann aus seinen Gedanken.
»Ich muss sofort zurück und den Laufdorfern die frohe Botschaft überbringen.«
»Werden wir uns wiedersehen?«
»Ganz sicher. Ich habe noch einige Aufträge hier im Schloss.« Heinrich drehte sich ein letztes Mal zu Verena um. »Ich bin dir sehr dankbar. Du hast heute einigen Menschen das Leben gerettet.«
Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, 07. September 1626
Erschöpft legte sich Hanna auf ihr Lager und atmete tief durch. Die Abenddämmerung hatte noch nicht begonnen und sie war gerade von ihrem dritten Kunden für diesen Tag verlassen worden.
Etwa zwei Wochen war es jetzt her, seitdem man Hanna zu Rosa gebracht hatte. Ihre anfängliche Angst war schnell verschwunden. Sie bekam gut zu essen und hatte einen eigenen Wagen für sich. Von Rosa hatte sie erfahren, dass die Frau, die ihn vorher bewohnt hatte, verstorben war. Sie hatte sich aber nicht getraut zu fragen, woran. Daran, dass jeden Tag mindestens zwei Männer zu ihr kamen, hatte sie sich schnell gewöhnt.
Nach allem, was sie in den letzten Wochen erlebt hatte, war Hanna mit den Umständen, in denen sie jetzt lebte, nicht unzufrieden. Es hatte deutlich schlechtere Tage gegeben. Rosa hatte mehrere junge Frauen in Wagen untergebracht und verdiente sicher eine Menge Geld mit ihnen. Auf der anderen Seite sorgte sie aber auch dafür, dass Hanna und die anderen in Sicherheit waren. Es waren immer mindestens vier Männer in der Nähe, die aufpassten, dass die Kunden die Frauen nicht misshandelten. Bisher hatte Hanna mit keinem der Männer Probleme gehabt. Einige von ihnen stanken fürchterlich, aber keiner hatte die Hand gegen sie erhoben. Es gab sogar zwei Männer, die sie in der kurzen Zeit, in der sie jetzt in dem Wagen lebte, bereits dreimal besucht hatten. Hanna hatte mitbekommen, dass die anderen Frauen mit weniger Kunden das Lager teilen mussten, aber das störte sie nicht. Irgendwann würde sie die Nachricht bekommen, dass Johann von Tilly zurück war. Dann würde sie Rosa verlassen und zurück in das Zelt des Feldherrn gehen.
Ein Klopfen an der Tür riss Hanna aus ihren Gedanken. Sie stieß einen müden Seufzer aus. Warum schickte Rosa schon wieder einen Mann zu ihr? Der Letzte war doch eben erst gegangen.
Zu ihrer Erleichterung war es aber kein neuer Kunde, der ihren Wagen aufsuchte, sondern Rosa höchstpersönlich.
»Wie ich sehe, bist du alleine«, sagte Rosa und schloss die Tür hinter sich. »Das trifft sich gut. Ich habe etwas mit dir zu besprechen.«
Hanna wurde mulmig. Hatte sie etwas falsch gemacht? War Rosa gekommen, um sie fortzuschicken? Würde sie zum wiederholten Mal den einzigen Freund verlieren, den sie im Heerlager hatte? Nach dem ersten Eindruck, den sie von der Frau gewonnen hatte, war sie eher erschrocken gewesen. In den zwei Wochen, seitdem sie die ungewöhnliche Frau nun kannte, hatte sie jedoch eine hohe Meinung über Rosa gewonnen. Die Frau hatte ein großes Herz und kümmerte sich um ihre Schützlinge. Hanna vertraute ihr zwar bei Weitem nicht so wie Pater Justus; ihre Angst vor Rosa war aber schon lange verschwunden.
»Hat sich jemand über mich beschwert?«, fragte Hanna und schaute Rosa voller Sorge an.
»Nein. Es ist alles in bester Ordnung. Ich habe etwas für dich. Öffne deine Hand.«
Hanna folgte Rosas Aufforderung und die überreichte ihr eine größere Menge Silbermünzen. Sie zählte sie in Gedanken durch und kam auf zwei Mal fünf.
»Warum gibst du mir Geld?«, fragte Hanna überrascht. Wollte Rosa etwa doch, dass sie ihren Wagen verließ?
»Du hast es dir redlich verdient.«
»Was soll ich damit machen?«
Rosa stieß ein schallendes Gelächter aus. »Wenn du das Geld nicht haben willst, gib es mir zurück.«
Hanna dachte kurz darüber nach und kam zu dem Ergebnis, dass es nicht schaden konnte, wenn sie ein paar Münzen hatte. »Ich behalte es.«
Wieder begann Rosa zu lachen. »Versteck die Münzen gut. Am besten nähst du sie in dein Kleid ein. Wenn du weiterhin so viele Kunden hast, werden noch sehr viele dazukommen.«
Hanna schaute Rosa zweifelnd an. Sie wusste nicht, wofür sie das Geld brauchen sollte. Damals auf dem Hof hatte sie nie welches benötigt und jetzt auch nicht. Weder bei Johann von Tilly noch in Rosas Wagen.
»Vielleicht brauchst du irgendwann ein neues Kleid«, sagte Rosa, die Hannas Gedanken zu erraten schien. »Die anderen Frauen wären glücklich, wenn sie so viel verdienen würden.«
»Haben sie denn weniger Kunden als ich?«
»Deutlich weniger.«
»Warum?«
»Kindchen, du hast wirklich keine Ahnung, welche Wirkung du auf die Männer hast, oder? Wann hattest du deine letzte Blutung?«
»Wie meinst du das?«
»Muss ich dir das wirklich erklären?« Rosa schaute ihren Schützling aus großen Augen an. Als Hanna nicht antwortete, schüttelte sie den Kopf. »Du weißt wirklich nicht, was ich meine.«
»Nein.«
Rosa schien einen Moment zu überlegen, ob Hanna sie auf den Arm nehmen wollte, erklärte ihr aber schließlich doch, wovon sie sprach.
»So etwas hatte ich noch nie.« Hanna fand die Vorstellung entsetzlich, dass sie das, was ihr Rosa gerade erklärt hatte, tatsächlich einmal erleben musste.
»Bist du eine Hexe?«
»Nein.«
»Dann hat dich Gott noch mehr gesegnet, als ich bisher angenommen hatte. Du wirst allerdings nie in deinem Leben Kinder bekommen.«
Hanna sah erschrocken zu der Älteren auf. »Darüber habe ich niemals nachgedacht.«
»Das musst du auch nicht.« Wieder schüttelte Rosa den Kopf und stand dann auf, um den Wagen zu verlassen.
Nachdem ihre Herrin gegangen war, tat Hanna aber genau das. Bisher war es ihr nie in den Sinn gekommen, einen Mann und Kinder zu haben. So, wie sie jetzt lebte, wollte sie das auch nicht. Sie hatte gehört, dass vor wenigen Tagen eine Frau im Lager während der Niederkunft gestorben war. Auch das Kind hatte nicht überlebt. Auf einem Hof wäre es vielleicht anders gewesen. Im Heerlager war es aber sicher leichter, wenn sie sich neben ihren eigenen Sorgen nicht auch noch um ein kleines Kind kümmern musste.
Als es das nächste Mal an der Tür klopfte, war es wieder ein Kunde, der die junge Schönheit besuchen wollte. Als Hanna den Mann erkannte, erstarrte sie.
»Na, das nenne ich mal eine Überraschung«, sagte Georg, einer der Soldaten, die sich mit Gottlieb das Zelt geteilt hatten, und kam langsam auf Hanna zu. »Ich habe gehört, dass Rosa ein neues Pferd im Stall hat. Mit dir habe ich allerdings nicht gerechnet. Hatte der Alte so schnell genug von dir?«
»Er hat mich nicht angerührt«, sagte Hanna. Sie spürte, wie sie am ganzen Körper zitterte. Warum musste Rosa den Kerl ausgerechnet zu ihr schicken?
»Das glaube ich dir nicht«, sagte Georg. »Es spielt aber auch keine Rolle. Ich kenne jemanden, der sich sehr dafür interessieren wird, wo du bist.«
»Bitte«, flehte Hanna den Soldaten an. »Verrate das Gottlieb nicht. Ich tue alles, was du von mir verlangst.«
»Das wirst du ohnehin tun«, entgegnete der Soldat und lachte dreckig. »Schließlich habe ich dafür bezahlt.«
Hanna wurde blass. Wenn Gottlieb wirklich erfuhr, wo sie war, würden ihr auch Rosa und ihre Männer nicht mehr helfen können. Fieberhaft dachte sie darüber nach, wie sie Georg davon überzeugen konnte, den Mund zu halten. »Und wenn ich dir Geld gebe?«
»Wie viel hast du denn?«
Hanna zeigte dem Soldaten die Münzen, die sie eben von Rosa bekommen hatte. Der riss sie ihr gierig aus der Hand und ließ sie in seiner Tasche verschwinden. »Und jetzt wirst du ganz besonders nett zu mir sein. Zieh dich aus.«
»Nein«, sagte Hanna. Auch wenn Georg stank und sie den Mann alleine dafür hasste, dass er tatenlos zugesehen hatte, wie Gottlieb sie Nacht für Nacht schlug. Sie würde ihm einen unvergessenen Moment bereiten und ihn vielleicht so davon überzeugen, den Mund zu halten. »Zieh du dich zuerst aus und leg dich hin.«
Georg sah Hanna kurz zornig an, folgte ihrer Aufforderung dann aber doch. Hanna wartete, bis der Soldat bereit war. Dann ließ sie ihr Kleid zu Boden fallen und setzte sich auf ihn. Der Soldat stieß ein lustvolles Stöhnen aus und griff mit beiden Händen nach Hannas Brüsten, während die sich langsam auf ihm auf und ab bewegte.
»Du scheinst einiges dazugelernt zu haben«, sagte Georg, als er zehn Minuten später wieder angezogen vor der Lagerdirne stand. »Gottlieb wird seine Freude an dir haben.«
»Nein«, sagte Hanna entsetzt. »Du hast es mir versprochen.«
»Ich habe gar nichts«, entgegnete Georg und spuckte verächtlich auf den Boden.
»Aber du hast mein Geld genommen!«
»Das wirst du sowieso nicht mehr brauchen, wenn Gottlieb mit dir fertig ist.«
Lachend verließ Georg den Wagen und ließ Hanna am Boden zerstört darin zurück. Jetzt würde ihr niemand mehr helfen können.
Die Tränen strömten Hanna aus den Augen, als sich die Tür geschlossen hatte. Was konnte sie jetzt noch tun? Sie wünschte sich, dass Johann von Tilly oder Pater Justus ins Lager zurückkehrten, wusste aber selbst, wie klein diese Hoffnung war. Je länger sie auf ihrem Lager lag und über ihre Zukunft nachdachte, umso klarer wurde Hanna, dass es nur noch einen Ausweg gab. Sie musste fliehen.
Voller Panik zog sie ihre Lederschuhe an, die sie im Wagen nie getragen hatte, und verschloss ihr Kleid. Etwas anderes besaß die junge Frau nicht. Es war ein großer Fehler gewesen, Georg ihre Münzen zu überlassen. Sie hätte kein Wort darüber verlieren sollen. Ändern konnte sie das jetzt aber nicht mehr. Genauso wenig konnte sie zu Rosa gehen, um sie um weitere Taler zu bitten. Die Alte würde sie niemals gehen lassen.
Hanna öffnete die Tür und schaute ins Freie. Inzwischen war es fast dunkel. Dennoch waren mehrere Männer zu sehen. Sie konnte das Lager nicht unbemerkt verlassen. Dafür war es noch zu früh.
Die Angst beherrschte Hannas Gedanken. Sie griff nach ihrem Messer und setzte sich auf ihr Lager. Dabei konnte sie nur hoffen, dass Rosa jetzt keinen Kunden zu ihr schickte. Vor allem durfte Gottlieb nicht kommen. Wie lange würde es dauern, bis er von Georg erfuhr, wo sie war? War er vielleicht schon auf dem Weg zu ihr?
Die Zeit schien stillzustehen. Hanna saß auf ihrem Lager und wartete darauf, dass es draußen ruhig wurde. Bei jedem Geräusch in der Nähe ihres Wagens zuckte sie zusammen und griff das Messer fester. Sie würde nicht zögern, es Gottlieb in den Leib zu stoßen, sollte er tatsächlich im Wagen auftauchen.
Stunden später wurde es endlich still. Hanna vermutete, dass es bis zur Morgendämmerung nur noch wenige Stunden dauerte. Bis dahin musste sie weit genug vom Lager entfernt sein, um nicht gefunden zu werden.
Vorsichtig öffnete sie die Tür und trat ins Freie. Zwischen den Wagen war keine Menschenseele zu sehen. Dennoch atmete sie noch nicht auf. Sie war noch lange nicht in Sicherheit. Hanna lief geduckt auf das Ende des Lagers zu und hörte plötzlich eine Stimme hinter sich, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.
»Jetzt habe ich dich endlich«, sagte Gottlieb voller Zorn und Verachtung. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie lange ich auf diesen Moment gewartet habe.«
Der Soldat war wie aus dem Nichts zwischen den Wagen aufgetaucht und hielt seinen Gürtel schlagbereit in der Hand.
»Du wirst mich nicht bekommen.« Hanna spuckte dem Soldaten vor die Füße, drehte sich um und rannte los. An seiner Haltung hatte sie erkannt, dass Gottlieb wieder betrunken war. Sie vertraute darauf, schneller laufen zu können als er und stürmte auf das Ende des Lagers zu.
Hanna hörte den Trunkenbold hinter sich fluchen, stellte aber erleichtert fest, dass sich der Abstand zu ihm vergrößerte. Sie wollte schon aufatmen, als sich ihr Fuß plötzlich in einer Wurzel verfing. Sie stürzte der Länge nach auf den Boden. Hanna schaffte es gerade noch, sich auf den Rücken zu drehen, da war Gottlieb bereits über ihr und ließ sich mit den Knien auf ihren Bauch fallen. Der Schmerz raubte ihr den Atem und ihr wurde für den Bruchteil einer Sekunde schwarz vor Augen.
»Hast du wirklich geglaubt, du könntest mir entkommen?«
Gottlieb hatte sich keuchend über Hanna gebeugt. Fauliger Atem schlug ihr entgegen, dem Söldner lief Speichel aus dem Mund, sammelte sich an seinem Kinn und tropfte auf Hannas Brust. Als Gottlieb ihre Hände packen wollte, bäumte sie sich auf. Mit aller Kraft griff sie ihr Messer fester und stieß es dem Soldaten in die Kehle.
Gottlieb Augen verdrehten sich, und er griff mit beiden Händen an seinen Hals. Zwischen seinen Fingern spritzte das Blut in Hannas Gesicht und auf ihren Oberkörper. Dann brach der Soldat über ihr zusammen. Im ersten Moment wagte sie es nicht, sich zu bewegen. Erst als sie merkte, dass kein Leben mehr in Gottliebs Körper war, kämpfte sie sich mühsam unter ihm hervor.
Hanna schaute im Mondlicht zurück zum Lager. Dort schien alles ruhig zu sein. Wenn die anderen Männer Gottlieb fanden, würde man die Mörderin jagen. Keiner würde ihr glauben, dass sie sich nur gewehrt hatte. Sie musste hier weg.
Weil sie nicht wusste, wo sie sich befand, lief sie einfach geradeaus weiter. Ein Ziel hatte sie nicht. Sie dachte daran, nach Salzgitter zu gehen, um Pater Justus zu suchen, wusste aber nicht, ob der überhaupt noch dort war. Auch wusste sie nicht, in welcher Richtung die Stadt lag. Sie wusste nichts und ging mit leeren Gedanken immer weiter in die Dunkelheit.
***
Mit der aufgehenden Sonne erreichte Hanna einen See. Der Durst trieb sie an das Ufer heran. Als sie sich bückte, um etwas zu trinken, sah sie ihr Spiegelbild im Wasser und erschrak. Ihr Gesicht war über und über mit Blut beschmiert. Ohne zu zögernd zog sie ihr Kleid aus und stieg in den See. Sie tauchte unter und schrubbte sich den Dreck vom Körper. So sehr sie sich aber bemühte, aus dem grünen Kleid bekam sie die dunklen Flecken nicht heraus.
Hanna ging zurück zur Wiese am Ufer, hängte ihr Kleid über den Ast einer Eiche und setzte sich auf den Boden. Es würde nicht lange dauern, bis die Sonnenstrahlen den Stoff getrocknet hatten. So lange wollte sie ausruhen.
Plötzlich hörte Hanna die Rufe von mehreren Männern aus der Ferne. Sie suchen nach mir. In ihrer Panik wusste sie keinen anderen Ausweg, als sich im See zu verstecken. Sie sprang auf, rannte zum Ufer, tauchte ins Wasser ein und schützte ihr Gesicht hinter dem hohen Schilf. So wartete sie ab und betete. Keine Sekunde zu früh, kamen die Wellen des Sees zur Ruhe. Es waren vier Soldaten, die mit ihren Pferden genau an der Stelle Halt machten, an der sie gerade noch gesessen hatte. Voller Schrecken erkannte sie Georg unter den Männern.
»Sie muss hier gewesen sein«, sagte Georg und deutete auf Hannas Kleid. »Das hat sie getragen, als ich gestern Abend bei ihr gewesen bin.«
»Wohin kann sie verschwunden sein?«, fragte einer seiner Kameraden.
»Ich bin mir sicher, dass sie noch ganz in der Nähe ist«, antwortete Georg. »Durchsucht das Gelände.«
Hanna bebte vor Angst. Sie machte sich hinter den Halmen so klein wie möglich und betete innerlich, dass keiner der Männer sie entdeckte. Einer von ihnen stand am Ufer und schaute auf den See. Das Schwert in seiner Hand ließ ihren Atem stocken. Die Soldaten würden sie nicht zurück ins Lager bringen. Sie würden sie an Ort und Stelle töten, nachdem sich alle an ihr vergangen hatten.
»Sie ist nicht mehr hier«, hörte Hanna Georgs Stimme von der Eiche aus. »Vielleicht ist sie in den Wald gelaufen.«
»Ohne ihr Kleid?«, fragte einer der Männer.
»Irgendetwas muss hier geschehen sein«, sagte ein Zweiter. »Vielleicht hat jemand die Hure verschleppt?«
»Wir werden uns das hinterhältige Miststück schnappen.« Jetzt war es wieder eindeutig Georg, der sprach.
Hanna hörte, wie sich die Reiter langsam von der Eiche entfernten. Sie selbst zitterte nicht nur vor Kälte. Dennoch traute sie sich nicht, den See zu verlassen. Georg und seine Kumpane konnten jeden Moment zurückkommen.
Sie wusste nicht, wie lange sie im Wasser gewartet hatte. Irgendwann hielt sie es vor Kälte einfach nicht mehr aus und stieg durchgefroren ans Ufer. Ihre Hoffnung, die Soldaten hätten das Kleid am Ast hängen lassen, erfüllte sich nicht. Nun besaß sie nichts mehr außer ihrer Schuhe, mit denen sie in den See geflüchtet war.
Hanna hatte nicht die leiseste Ahnung, was sie jetzt tun sollte. Sie wusste nur, dass sie nicht am See bleiben konnte und lief völlig unbekleidet los.
***
Hannas Körper war noch immer steif vor Kälte, als sie am nächsten Morgen aufwachte.
Die Sonne, die zwischen den Balken der alten Scheune hindurchschien, zeigte ihr, dass der Tag bereits angebrochen war. Es wurde Zeit, diesen Ort zu verlassen.
Nachdem die Soldaten ihr im wahrsten Sinne des Wortes das letzte Hemd genommen hatten, war Hanna so lange weitergelaufen, bis sie ein zerstörtes Gehöft erreicht hatte. Das Wohnhaus und die Stallungen waren heruntergebrannt, aber Teile der Scheune standen noch. Dort hatte sie sich in einem Haufen muffig riechenden Strohs verkrochen und war sofort eingeschlafen.
An diesem Morgen wurde die junge Frau von Kopfschmerzen geplagt. Dennoch verspürte sie Hunger und vor allem Durst. Sie musste weiterziehen. Hier würde sie nichts Brauchbares mehr finden.
Hanna wusste, dass sie noch lange nicht weit genug vom Heerlager entfernt war, um sicher zu sein. Sie zwang sich aufzustehen und ging ins Freie. Um sie herum war alles ruhig. Lediglich ein paar Vögel zwitscherten in den Bäumen des nahegelegenen Waldes. Die Sonnenstrahlen, die auf ihren nackten Körper fielen, waren eine Wohltat, schafften es aber nur langsam, die Kälte aus ihren Gliedern zu vertreiben.
In welche Richtung sie sich wenden sollte, wusste Hanna nicht und entschloss sich, weiter am Waldrand entlang zu gehen. So war sie gestern auch an diesen Ort gelangt. Sie hatte keine große Hoffnung, ein Gehöft zu finden, das noch bewohnt war. Sicher hatten die Soldaten bereits alles geraubt, was noch irgendwie brauchbar war. Die nicht abgeernteten Felder ließen vermuten, dass sich keine Bauern mehr in der Gegend aufhielten.
Hunger und Durst trieben Hanna voran. Auch musste sie unbedingt an Kleidung herankommen. Selbst ihre Schuhe, auf die sie noch vor wenigen Wochen so stolz gewesen war, wiesen bereits erste Löcher auf. Auch wenn sie jetzt die warmen Sonnenstrahlen genoss, in der Nacht würde sie sich den Tod holen.
Es war bereits Mittag, als Hanna endlich an einen Bach kam und ihren Durst stillen konnte. Sie gönnte sich eine kurze Pause und lief dann weiter. Auch am Nachmittag traf sie auf keine anderen Menschen. Am Abend sah sie dann aber plötzlich eine schmale Rauchsäule in der Ferne. Aus Angst, dass sie dort auf von Tillys Soldaten treffen könnte, wollte sie zunächst umkehren, entschloss sich dann aber zu erkunden, wer sich an der Feuerstelle befand.
Ihr erster Eindruck hatte Hanna getäuscht. Sie war noch deutlich weiter von dem Feuer entfernt, als es die Rauchsäule hatte erahnen lassen. Es dämmerte, als sie vor sich die ersten Stimmen hörte.
Hanna ging in die Hocke und kroch durch das hohe Gras weiter. Die Feuerstelle musste in einer Senke liegen. Noch konnte sie nicht erkennen, wer sich dort aufhielt, die Anzahl der verschiedenen Stimmen verriet ihr aber, dass es mindestens drei Personen sein mussten.
Vorsichtig näherte sie sich und konnte endlich einen Blick in die Senke werfen. Dort war zwischen zwei Wagen eine Feuerstelle errichtet. An der saßen vier Männer in ähnlicher Kleidung, wie sie Pater Justus getragen hatte. An einem Baum waren drei Ochsen angebunden, die von einem Knaben bewacht wurden.
Einer der Männer stand auf und kam in Hannas Richtung. Blitzschnell duckte sie sich und legte sich flach auf den Boden. War sie entdeckt worden? Hanna wagte es nicht zu atmen und beobachtete, wie der Mönch die Richtung wechselte, zu einem Baum ging und sich dort erleichterte.
Hanna schickte ein kurzes Dankgebet in den Himmel. Sie hatte beschlossen, sich den Männern nicht zu zeigen und abzuwarten, bis sie schliefen. Dann wollte sie sich ins Lager schleichen und nachsehen, ob sie etwas Essbares und Kleidung fand. Plötzlich spürte sie, wie sich etwas Spitzes in ihre Schulter bohrte.
»Dreh dich um«, befahl eine Knabenstimme. »Aber mach langsam.«
Hanna zitterte vor Kälte und Angst und drehte ganz langsam den Kopf. Vor ihr stand der Junge, den sie eben noch bei den Ochsen gesehen hatte.
»Wer bist du?«
Der Knabe schien von der nackten Frau vor sich genauso überrascht zu sein wie Hanna über sein plötzliches Auftauchen. »Ich heiße Hanna. Ich wurde von Soldaten überfallen. Sie haben mir alles genommen.«
»Ich bin Rudolf«, sagte der Knabe und sah die Frau vor sich neugierig und gleichzeitig ratlos an.
»Hast du etwas zu essen?«
»Nein. Aber die Brüder können dir etwas abgeben. Ich bringe dich hin.«
»Lieber nicht«, entgegnete Hanna unsicher.
»Du brauchst keine Angst zu haben. Sie werden dir nichts tun.«
Nach kurzem Zögern entschloss sich Hanna, Rudolf zu den Mönchen zu begleiten. Sie brauchte Hilfe. Wem sollte sie trauen, wenn sie es nicht einmal wagte, zu den Geistlichen zu gehen?
Die Männer staunten nicht schlecht, als der Knabe plötzlich mit einer nackten Frau vor ihnen auftauchte. Einer von ihnen sprang auf und reichte ihr einen Mantel, noch bevor sie ein Wort gesprochen hatte.
»Woher kommst du, mein Kind?«
»Im Sommer war ich noch die Magd eines Bauern irgendwo in der Umgebung. Ich weiß nicht mehr genau, wo der Hof liegt. Die Soldaten kamen und haben mich verschleppt.«
Die Mönche sahen Hanna überrascht an und schienen zu überlegen, ob sie ihr trauen konnten. Schließlich stand einer von ihnen auf und ging einen Schritt auf sie zu. »Ich bin Bruder Patrick«, stellte er sich mit warmer, gütiger Stimme vor. »Setz dich zu uns. Rudolf holt dir eine Schale mit Suppe. Wenn du gegessen hast, wirst du uns alles ausführlich berichten.«
Hanna war erleichtert, dass die Mönche sie nicht wieder fortschickten. Sie leerte die Schale bis auf den letzten Tropfen, und als auch kein Krümel mehr von dem Brot übrig war, das man ihr dazu gereicht hatte, berichtete sie, was ihr in den letzten Wochen widerfahren war.
Die Mönche hörten der jungen Frau aufmerksam zu. Der Ausdruck in ihren Gesichtern wechselte von Neugierde über Mitgefühl zu blankem Entsetzen.
»Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll«, beendete Hanna ihren Bericht. »Ich besitze nichts und kenne auch niemanden, der mir helfen kann.«
»Zunächst wirst du bei uns bleiben«, sagte Bruder Patrick bestimmt. »Wir sind auf dem Weg in den Harz. Du kannst uns so lange begleiten, wie du möchtest.«
***
In den folgenden Tagen zog Hanna mit den vier Mönchen und Rudolf in Richtung Harz. Ihre anfängliche Scheu vor den Männern war schnell verschwunden. Keiner von ihnen kam ihr zu nahe. Im Gegenteil behandelten sie die Frau höflich und zuvorkommend. Hanna bekam von Bruder Patrick eine alte Kutte geschenkt und sah nun selbst aus wie einer der Brüder, wenn sie die Kapuze über den Kopf zog.
Obwohl es ihr bei den Mönchen gut ging, wusste Hanna, dass sie nicht ewig bei ihnen bleiben konnte. In ihren langen Gesprächen mit Patrick hatte sie erfahren, dass die Männer ein Kloster im Harz besuchen wollten. Später würden sie auf dem gleichen Weg zurückkehren. Damit würde Hanna wieder in die Nähe von von Tillys Soldaten kommen.
Patrick hatte Hanna vorgeschlagen, dass sie in einem Dorf bleiben sollte, um dort eine Anstellung als Magd oder Haushälterin zu übernehmen. Bisher allerdings waren alle Orte und Gehöfte, an denen sie vorbeigekommen waren, bereits von den Soldaten zerstört worden.
Einmal war die kleine Gruppe von einer berittenen Kompanie der Kaiserlichen aufgehalten worden. Hanna hatte sich in einem der Wagen verkrochen und war nicht von den Männern entdeckt worden. Der Vorfall zeigte aber, dass sie alles andere als sicher war.
Am zweiten Oktobertag erreichten sie schließlich ein Gehöft, das noch nicht zerstört worden war. Hanna wunderte sich, dass trotzdem nicht alle Felder bearbeitet worden waren. Aus dem Kamin kam Rauch. Es musste also noch jemand auf dem Hof leben.
»Wir werden fragen, ob wir die Nacht in der Scheune verbringen dürfen«, entschied Bruder Patrick und führte die Gruppe zum Gehöft. Sie hatten es fast erreicht, als ihnen eine Frau entgegenkam. Sie lächelte den Geistlichen freundlich zu und blieb vor ihnen stehen.
»Wohin des Weges, Pater?«
»Ich bin kein Pater«, antwortete Patrick. »Lediglich ein armer Mönch. Wir sind auf dem Weg in den Harz. Gewährt Ihr uns Unterkunft für eine Nacht?«
»Ihr könnt in der Scheune schlafen, wenn Euch das recht ist.«
»Das ist es. Habt Dank!«
Hanna brannten viele Fragen auf der Zunge. Sie traute sich aber nicht, sie der Fremden zu stellen. Es war ungewöhnlich, dass sie nicht vom Bauern begrüßt worden waren. Auch sah Hanna keine Knechte. Bei der Größe des Hofes mussten eigentlich mehrere Personen hier arbeiten.
Kurz vor Einbruch der Dämmerung hatten die Mönche sich in der Scheune, die mehr als genug Platz bot, eingerichtet. Rudolf kümmerte sich wie immer um die Tiere. Die Bäuerin hatte sie zu einer Suppe eingeladen. Hannas Angebot, ihr zu helfen, hatte sie abgelehnt.
Endlich wurden die Mönche, Rudolf und Hanna in das Haus gerufen und in eine große Stube geführt. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch, der groß genug war, dass sie alle Platz fanden. Außer der Bäuerin, die sich ihnen als Siegried Handsam vorstellte, waren nur noch deren beiden Töchter da. Berta war gerade sechzehn geworden, Gertrud war ein Jahr jünger.
Patrick sprach ein Gebet, und Siegried verteilte eine Gemüsesuppe und Brot. Während der Mahlzeit sprach keiner. Hanna beobachtete, wie die Mädchen den Mönchen neugierige Blicke zuwarfen. Sicher hatten die beiden genauso viele Fragen wie sie selbst.
Endlich beendete Patrick das Schweigen und wandte sich an Siegried. »Lebt Ihr hier alleine? Es gibt sicher mehr Arbeit auf diesem Hof, als drei Frauen bewältigen können.«
Die Bäuerin sah den Mönch für eine Sekunde zornig an. Hätte Hanna die Frau nicht genau beobachtet, wäre ihr dieser sehr kurze Stimmungswandel entgangen. Mit der gleichen freundlichen Stimme, mit der sie die Gruppe begrüßt hatte, beantwortete sie dann Patricks Frage.
»Mein Gemahl ist vor einem Jahr gestorben. Mein Sohn ist mit unseren drei Knechten in den Krieg gezogen. Wir haben genug zum Leben, können aber nicht mehr alle Felder bestellen. Da habt Ihr wohl Recht.«
»Es tut mir leid, das zu hören.« Patrick wechselte nun das Thema und berichtete den drei Frauen von ihren Reisen. Gerade Berta und Gertrud hörten dem Mönch angespannt zu und lachten auf, wenn er etwas Lustiges erzählte. Auch Siegried schmunzelte hin und wieder, schien aber nicht ganz bei der Sache zu sein.
Etwa eine Stunde später verabschiedeten sich Hanna und die Mönche und gingen zur Scheune. Hanna lag die ganze Nacht wach. Noch bevor die Sonne aufging, fasste sie einen Entschluss und ging zur Bäuerin, die gerade auf den Hof trat.
»Kann ich Euch kurz sprechen?«
»Was willst du?«, gab Siegried weit weniger freundlich zurück, als sie es tags zuvor gewesen war.
»Ich gehöre nicht zu Patrick und den anderen Mönchen.«
»Warum erzählst du mir das?«
»Weil ich Euch darum bitten wollte, hierbleiben zu dürfen.«
»Aus welchem Grund?« Siegried schaute Hanna skeptisch an. Die spürte die Ablehnung, die von der Bäuerin ausging.
»Ich habe mein ganzes Leben als Magd auf einem Hof gelebt. Etwas anderes habe ich nie gelernt. Als die Soldaten kamen, haben sie alles zerstört und mich verschleppt. Außer den Mönchen kenne ich niemanden und ich kann nicht bei ihnen bleiben.«
»Du bist also keine Lagerdirne, die ihrem Herrn weggelaufen ist?«
»Gott bewahre«, log Hanna. Im Grunde hatte Siegried mit dieser Vermutung genau ins Schwarze getroffen. Dennoch hatte auch sie die Wahrheit gesagt, als sie von ihrer Vergangenheit berichtet hatte. Nur eben nicht die vollständige.
Siegried dachte einen Moment nach. Dann wurde ihre Stimme wieder freundlicher. »Ich kann dir nicht mehr bieten als essen und einen Platz zum Schlafen.«
»Mehr hatte ich in meinem ganzen Leben nicht.«
»Dann bist du uns herzlich willkommen.«
Hanna bedankte sich und lief freudig zu Bruder Patrick, um ihm die Neuigkeit mitzuteilen. Der Abschied von den Mönchen fiel ihr unerwartet schwer. Dennoch war sie tief in sich davon überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Schaffhausen, 24. März 1627
Als Peter Hagendorf erwachte, fielen ihm neben den entsetzlichen Kopfschmerzen zwei Dinge auf. Zum einen war ihm erbärmlich kalt und er hatte das Gefühl, seine löchrige Kleidung würde an seinem Körper festfrieren. Zum Zweiten stank es bestialisch.
Beim Versuch aufzustehen hatte er das Gefühl, eine Gruppe Landsknechte würde in seinem Kopf toben und eine weitere in seinem Bauch. Er konnte den Würgereiz nicht unterdrücken, drehte den Kopf zur Seite und übergab sich. Mit einem galligen Geschmack im Mund sah er, wie die rote Flüssigkeit aus seinem Magen langsam in dem Haufen alten Strohs verschwand, auf dem er noch immer halb lag.
Das war gestern zu viel Wein, gestand er sich ein und unternahm einen zweiten Versuch, sich endlich aus dem Dreck zu erheben. In der eisigen Morgendämmerung erkannte er, dass er die Nacht direkt neben einem stinkenden Misthaufen verbracht hatte. Daneben begann eine Koppel, die allerdings leer war. Auf der anderen Seite sah er ein Bauernhaus mit einer Scheune.
Nur langsam gelang es ihm, sich in der Umgebung zu orientieren, und er wusste nun auch wieder, wie er hierhergekommen war. Der Wein war schuld an seiner misslichen Lage. Peter musste allerdings zugeben, dass er ihm hervorragend gemundet hatte. Jetzt war von dem lieblichen Geschmack freilich nicht mehr viel übrig. Stattdessen hatte er das Gefühl, ein vermodertes Stück Käse im Mund zu haben.
Nach zwei Jahren, in denen er sich in Italien als Söldner verdingt hatte, wollte Peter ins Heilige Römische Reich Deutscher Nation zurückkehren. Dort tobte seit Jahren der erbitterte Krieg zwischen den kaiserlichen Truppen und den Protestanten. Auf beiden Seiten wurden gute Soldaten gesucht, und Peter erhoffte sich, seine leere Börse auffüllen zu können.
Von Italien aus war er zunächst in die Schweiz gekommen. Der Schnee, der ihm und seinem Kamerad Christian Kresse auf dem weiten Weg schwer zugesetzt hatte, war endlich verschwunden. In einem Unwetter waren die beiden getrennt worden, und Peter hatte seither nichts mehr von seinem Freund gehört.
In Schaffhausen hatte er sich genug Geld zusammengebettelt, um sich ein paar neue Schuhe leisten zu können. Die alten waren abgetragen und voller Löcher. In einem Wirtshaus hatte er sich einen Becher Wein gönnen wollen. Der war von so vorzüglicher Qualität gewesen, dass er nicht mehr an die Schuhe gedacht und das ganze Geld versoffen hatte.
Nachdem der Schankraum geschlossen wurde, hatte er sich einen Platz zum Schlafen gesucht. Hier stand er nun. Ohne Geld und mit kaputten Schuhen. Er band sie mit ein paar Weidensträngen zusammen und hoffte, dass sie so noch ein paar Tage halten würden. Dann marschierte er los.
Auf dem Weg in den Ort gelangte Peter zu einem Brunnen. Aus einem Rohr lief eisiges Wasser in ein Steinbecken. Er legte die Hände zusammen, fing die Flüssigkeit auf und trank gierig in großen Schlucken. Der widerliche Geschmack aus seinem Mund verschwand und das eisige Wasser tat Peters Kehle gut. Dem Magen dagegen nicht. Es dauerte nur wenige Augenblicke und er erbrach sich erneut.
Peter wusch sich fahrig das Gesicht. Mit den Händen streifte er das Wasser aus seinem vollen Bart und sah sich danach einigermaßen erfrischt um.
Mit dem festen Entschluss, niemals im Leben auch nur noch einen Becher Wein anzurühren, ging Peter weiter. Es war Markttag, und die Händler sahen den verwahrlosten Söldner skeptisch an, wenn er sich ihren Ständen näherte. Ein Bauer, der Eier, Milch und Getreide verkaufte, hatte schließlich Mitleid mit ihm und gab Peter ein Stück Brot. Später half er dem Mann dabei, seinen Wagen zu beladen und fuhr mit ihm auf dessen Hof. Dort erlaubte der Bauer Peter in der Scheune zu schlafen, sagte ihm aber auch, dass er nicht länger bei ihm bleiben konnte.
Als der Söldner am nächsten Morgen seinen Weg fortsetzte, schien die Sonne und er war zufrieden. Er hatte nicht mehr als die Kleidung, die er am Leibe trug und die war in einem miserablen Zustand. Dennoch war er sich sicher, bald wieder bessere Zeiten zu erleben. So war es in seinem Leben bisher immer gewesen.
***
Nach drei Tagen erreichte Peter die ersten Ausläufer der Stadt Ulm an der Donau. Er war das ganze Stück gelaufen und hatte bis auf eine Nacht, in der er in einer Scheune untergekommen war, im Freien geschlafen. Er trug nicht eine kleine Münze in den Taschen und seine Schuhe waren nun endgültig kurz davor auseinanderzufallen.
In den letzten Tagen war es wieder etwas kälter geworden. Deshalb wollte Peter sich in Ulm Arbeit suchen und ein paar Wochen dortbleiben. Als er die ersten Häuser passierte, hörte er einen Trommler, der etwas schrie, war aber noch zu weit entfernt, um die Worte zu verstehen.
Plötzlich hatte es Peter eilig. Falls ihm das Glück hold war und in Ulm gerade Soldaten angeworben wurden, wollte er nicht zu spät sein. Er erreichte den Marktplatz und sah dort eine Schlange aus rund einem Dutzend Männer vor einem Schreiber, der an einem Tisch saß. Dahinter standen zwei Landsknechte. Einer davon trug ein Banner, das Peter bekannt vorkam. Er konnte aber nicht sagen, wo er es schon einmal gesehen hatte.
Die Männer warfen dem Landstreicher geringschätzige Blicke zu, als er sich zu ihnen gesellte. Davon ließ der sich jedoch nicht beeindrucken. Die meisten waren junge Burschen und konnten noch nicht viel erlebt haben. Er selbst kannte das Soldatenleben nur zu gut. Der Feldschreiber würde vermutlich alle Männer in der Schlange zum Musterplatz schicken. Peter hoffte, dass sich der nicht zu weit von Ulm entfernt befand.
»Wie ist dein Name und wo kommst du her?«, fragte der Schreiber, als Peter endlich an der Reihe war, ohne von seinem Blatt aufzusehen.
»Peter Hagendorf. Ich bin gerade aus Italien zurück. Dort habe ich für die Venezianer und in Parma gekämpft. Ich bewerbe mich für den Rang eines Gefreiten.«
Jetzt sah der Schreiber auf und musterte Peter neugierig. »Du siehst tatsächlich aus, als hättest du schon einiges hinter dir«, gab der Mann zu. »Allerdings auch wie ein Landstreicher.«
»Ich bin es gewohnt, weite Märsche zu gehen und kann kämpfen«, sagte Peter selbstbewusst. Er hatte beobachtet, wie einer der Burschen nach dem anderen sein Laufgeld erhalten hatte, und war sich sicher, von dem Schreiber nicht abgewiesen zu werden. Offensichtlich brauchten die Kaiserlichen jeden Mann. Mindestens zwei der Burschen waren so schmächtig, dass ihnen vermutlich vom Rückstoß einer Muskete alle Knochen brachen und sie zu Boden geworfen wurden.
»Kannst du lesen und schreiben?«
»Ja. In Deutsch und Latein.«
Der Mann musterte Peter nun genauer und nickte schließlich. »Also gut. Du erhältst ein Laufgeld und wirst dich zum Musterplatz nach Rheinbischofsheim begeben. Ab sofort gehörst du zu den Truppen von General Gottfried Heinrich Graf zu Pappenheim.«
Für den Bruchteil einer Sekunde war Peter überrascht, schaffte es aber, dies vor dem Schreiber zu verbergen. Graf zu Pappenheim hatte in Italien zu seinen Feinden gehört. Das brauchte der Werber aber nicht unbedingt wissen. Jetzt wusste er selbst aber, wo er das Banner schon einmal gesehen hatte.
Peter nahm vier Taler entgegen und nickte dem Mann dankend zu. Dann gesellte er sich zu den Burschen, mit denen er bald in der gleichen Kompanie kämpfen würde.
Am nächsten Morgen trafen sich die frisch angeworbenen Söldner am Ufer der Donau, um gemeinsam nach Rheinbischofsheim in Baden zu marschieren, wo die eigentliche Musterung erfolgen sollte. Peter sah sich die jungen Männer belustigt an. Aufgeregt redeten sie durcheinander und schwärmten von Ruhm und Reichtum, den sie sich in der Fremde erhofften. Die Wenigsten von ihnen waren bisher mehr als eine Tagesreise von Ulm entfernt gewesen.
Peter ignorierte die leichten Kopfschmerzen, die das Ergebnis einer weiteren durchzechten Nacht waren. Dieses Mal hatte er aber einen Teil seines Geldes für neue Schuhe und Kleidung ausgegeben, bevor er sich in einem Wirtshaus ein paar Becher Wein gegönnt hatte.
Als endlich alle Männer anwesend waren, gab Peter den Befehl zum Abmarsch. Die Burschen sahen ihn zunächst skeptisch an, akzeptierten dann aber seinen höheren Rang, den er als Gefreiter innehatte. Es hätte ihm auch nichts ausgemacht, den Weg nach Baden alleine zurückzulegen. Seine Stellung in der Kompanie würde jedoch von Anfang an gefestigter sein, wenn er eine Gruppe von jungen Söldnern zum Musterplatz führte.
Die frische Luft tat Peter gut und seine Kopfschmerzen verschwanden schließlich. Auch wenn er den Burschen gegenüber so tat, als sei es nichts Besonderes in den Krieg zu ziehen, war er sehr gespannt auf das Regiment des Grafen zu Pappenheim. In Italien hatte er am eigenen Leib erfahren, wie gut der General das Kriegshandwerk verstand.
Braunfels, 08. April 1627
»Hast du jemals daran gedacht, die Gegend zu verlassen?«
Verena saß neben Heinrich vor dem Eingangsportal zum Schloss. Die Magd hatte dem Zimmermann ein gebratenes Stück Fleisch und etwas Brot gebracht und der genoss die kurze Pause. Nachdem das Land an den Ostertagen noch schneebedeckt gewesen war, lagen jetzt nur noch einige kleine Reste auf dem Boden, obwohl gerade einmal drei Tage vergangen waren. Es war angenehm warm und beide genossen die Sonnenstrahlen, die sie den Winter über vermisst hatten, auf ihrer Haut.
»Ich war schon einmal für vier Jahre weg«, antwortete Heinrich.
»Warum bist du zurückgekommen?«
»Weil das hier meine Heimat ist.«
»Aber was willst du hier? Mit deinen Fähigkeiten könntest du in jeder größeren Stadt Arbeit finden und ein Leben im Wohlstand führen.« Verena strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelte den Zimmermann an.
»Es geht mir gut in Laufdorf. Nach dem Tod meiner Eltern will ich Karin nicht alleine lassen.«
»Sie hat doch Norbert und ihren Sohn.« Verena stieß Heinrich mit der Faust leicht in die Seite. »Ich weiß, wie das Volk in der Gegend leidet. Es war ein schwerer Winter, und die Spanier nehmen euch mehr, als ihr entbehren könnt.«
»Das ist alles richtig«, gab Heinrich zu. Tatsächlich litt das Volk in der Umgebung sehr unter den Besatzern, die gerade im Winter immer wieder Raubzüge in der Region unternommen hatten. So wild es die Spanier aber auch trieben, sie ließen den Dörflern zumindest so viel, wie die zum Überleben brauchten. Solange sich die Menschen fügten, mussten sie wenigstens nicht um ihre Leben fürchten. Als die Spanier vor Jahren nach Braunfels gekommen waren, war dies noch anderes gewesen. Der Widerstand der Bauern hatte vielen den Tod gebracht.
»Ich habe aber während meiner Wanderschaft nicht nur gute Erfahrungen gemacht«, erklärte Heinrich. »Der Krieg hinterlässt seine Spuren überall, und es ist auch in den größeren Städten nicht sicher. Die Bürger leben in der ständigen Angst einer Belagerung. Uns geht es nicht unbedingt schlechter als den Menschen in den Städten.«
»Warum hast du bisher nicht geheiratet?«
»Es hat sich noch nicht ergeben.« Heinrich wunderte sich darüber, wie gesprächig Verena an diesem Tag war. Nachdem Jose Sanches für den Mord an Diego Armonis hingerichtet worden war, hatte er die Magd oft getroffen, wenn er in Braunfels gearbeitet hatte. Mehr als eine kurze Unterhaltung hatte es dabei zwischen ihnen nie gegeben. Heute war sie zum ersten Mal zu ihm gekommen, um dem Zimmermann Essen zu bringen. Heinrich war Verena dankbar dafür, vermutete aber, dass sie dies nicht aus purer Freundlichkeit getan hatte.
Über den wahren Grund, warum er sich bisher kein Weib genommen hatte, wollte Heinrich nicht sprechen. Vor fast drei Jahren hatte er in Heidelberg seine große Liebe verlassen, weil die einem anderen versprochen gewesen war. Diese bittere Enttäuschung hatte er noch immer nicht überwunden. Es gab in Laufdorf einige junge Frauen, die sicher nichts dagegen hätten, wenn der Zimmermann sie umwarb. Durch seine Arbeit im Auftrag der spanischen Besatzer verdiente er gutes Geld und konnte sich daher mehr leisten als die meisten anderen Menschen im Dorf. Er fühlte sich aber innerlich noch nicht bereit zu einer Ehe.
»Lebst du schon immer in Braunfels?«, fragte Heinrich, um das Thema zu wechseln.
»Nein. Ich komme aus Cleeberg. Meine Eltern sind gestorben, als ich zwölf Jahre alt war. Weil ich nicht in ein Kloster wollte, bin ich nach Braunfels gekommen und habe als Magd im Schloss gearbeitet. Das war ein Jahr, bevor die Spanier gekommen sind.«
»Warum bist du geblieben?«
»Wo soll ich sonst hin? Es geht mir gut, und die Soldaten haben mir schon einige Münzen zugesteckt. Wenn ich genug zusammen habe, werde ich in eine andere Stadt gehen.«
Heinrich wollte gar nicht wissen, aus welchem Grund Verena von den Soldaten Geld bekam. Er erinnerte sich an den Streit, den es zwischen Jose und Diego gegeben haben musste. Der Zimmermann vermutete, dass sich die Magd auf weitere Söldner eingelassen hatte. Damit wollte er nichts zu tun haben.
In den letzten Minuten hatte er angenommen, dass Verena zu ihm gekommen war, weil sie darauf hoffte, dass er sie zum Weib nehmen würde. So schön die junge Frau aber war, sie würde Heinrich nichts als Ärger einbringen. Darauf konnte er gerne verzichten.
»Ich hatte gehofft, dass du mit mir fortgehen würdest«, sagte Verena, die anscheinend einen Teil von Heinrichs Gedanken erraten hatte.
»Ich habe dir gesagt, dass ich meine Heimat nicht verlassen will.«
»Noch magst du das vielleicht nicht wollen«, sagte Verena und lächelte Heinrich verschlagen an. »Irgendwann wirst du deine Meinung aber ändern. Wenn es soweit ist, sag mir Bescheid.«
»Das werde ich«, versprach Heinrich. Er zweifelte daran, dass er das jemals tun würde. Weil er sich aber selbst eingestehen musste, dass er Verenas Gesellschaft genoss, wollte er sie nicht verärgern.
»Ich muss wieder zurück ins Schloss«, sagte Verena, nachdem Heinrich sein Mahl beendet hatte. »Sicher sucht der Koch mich schon. Bist du morgen wieder in der Stadt?«
»Nein. Aber in zwei Tagen werde ich wieder hier zu tun haben.«
Verena lächelte Heinrich zum Abschied zu und ging dann zum Eingang des Schlosses. Während er seine Arbeit aufnahm, dachte der Zimmermann über die Magd nach. Er konnte nicht bestreiten, dass sie einen großen Reiz auf ihn ausübte. Sie war aber auch eine sehr gefährliche Person. Zur Feindin wollte Heinrich die Schönheit nicht haben. Er traute Verena alles zu, wenn es um ihren eigenen Vorteil ging. Auch einen Mord!
***
»Was ist heute in der Stadt los?«, fragte Heinrich, als er Verena zwei Tage später im Schlosshof traf. »Die Tore zur Stadt werden von doppelt so vielen Soldaten bewacht, wie es sonst der Fall ist.«
»Heute Morgen ist ein Abgeordneter vom Kaiserhof angekommen. Die Männer, die ihn begleitet haben, versaufen gerade in der Schänke ihren Sold.«
»Ist etwas Besonderes geschehen?«
»Ich weiß nur, dass sich von Tiras mit dem Abgesandten beraten will und der morgen weiterreist.«
»Ich wüsste zu gerne, was die beiden zu bereden haben.« Heinrich wusste, dass es in anderen Regionen derzeit übler zuging, als hier in der Gegend. Was das genaue Kriegsgeschehen anging, bekamen die Menschen in Laufdorf allerdings wenig mit. Es kamen nur selten Händler vorbei und auch Flugblätter erreichten den Ort kaum.
»Willst du es hören?«, fragte Verena und lächelte Heinrich verschwörerisch an.
»Wie soll das gehen?«
»Folge mir.«
Was hat sie nun wieder vor?, dachte Heinrich und folgte Verena, der es gelang, ihn immer wieder zu überraschen. Als sie den Nebeneingang des Schlosses erreichten, der nur von den Wachen und den Bediensteten benutzt wurde, blieb der Zimmermann stehen.
»Was ist los? Komm weiter.«
»Was, wenn uns jemand sieht?«
»Wenn du noch länger da stehen bleibst, wird das ganz sicher geschehen. Komm jetzt.«
Heinrich hatte das Gefühl, einen Fehler zu machen, beeilte sich aber nun, Verenas Aufforderung zu folgen. Im Gebäude gingen sie eine spiralförmige Treppe nach oben. Er vermutete, dass sie dort zu den Gemächern kamen, in denen der Kommandant residierte. Grund genug, sofort wieder umzukehren. Verena öffnete eine Tür, die der Zimmermann zunächst nicht gesehen hatte, und trieb ihn mit einer Handbewegung zur Eile an.
»Ab jetzt müssen wir sehr leise sein.«
Sie betraten einen Gang, in den lediglich ein gedämpftes Licht fiel, nachdem die Magd die Tür wieder geschlossen hatte. Staunend lief Heinrich hinter Verena her. Der Weg war zu schmal, um nebeneinander gehen zu können.
»Das ist der Dienstbotengang«, erklärte Verena flüsternd. »Gleich sind wir direkt neben dem Raum, in dem von Tiras seine Gäste empfängt.«
»Was, wenn uns jemand hört?« Heinrichs Herz schien ihm bis in den Hals zu schlagen.
»Das wird nicht passieren, wenn wir leise sind. Ich bin diesen Weg schon sehr oft gegangen.«
Sie erreichten eine Tür, durch deren Spalt am Boden etwas Licht in den Gang fiel. Bisher hatte Heinrich nichts gehört. Als sie aber einen Moment an der Stelle stehen blieben, erklangen plötzlich Stimmen.
»Er kommt«, sagte Verena überflüssigerweise. »Jetzt darfst du keinen Mucks mehr von dir geben.«
»Ihr habt es Euch hier sehr schön eingerichtet«, sagte eine Stimme, die Heinrich nicht kannte. Er vermutete, dass sie dem Gesandten vom Kaiserhof gehörte.
»Die Sachen stammen noch von Graf Johann Albrecht«, erklärte von Tiras bescheiden. »Es fehlt uns hier an vielem. Vor allem an Geld und Waffen. Ich hoffe, Ihr seid gekommen, um diesen Zustand zu verändern.«
»Da muss ich Euch leider enttäuschen, Hauptmann von Tiras«, sagte der Abgesandte mit emotionsloser Stimme. »Die kaiserlichen Schatzkammern sind leer. Ihr werdet Euch das, was Ihr braucht, aus den umliegenden Dörfern beschaffen müssen. Wenn es nicht anders geht, müsst Ihr die Abgaben erhöhen, die von diesem Pöbel zu leisten sind.«
Heinrich erschrak und hielt sich vor Schreck die Hand vor den Mund, damit er sich nicht durch einen unkontrollierten Aufschrei verriet. Er schaute in das Gesicht von Verena, die im Gegensatz zu ihm gelassen blieb. Er war der Magd dankbar, dass sie ihn hierhergebracht hatte und er das Gespräch der beiden Männer belauschen konnte. So konnte er die Menschen in der Umgebung warnen, falls von Tiras weitere Raubzüge plante.
»Da gibt es nicht mehr viel zu holen«, erklärte der Kommandant zu Heinrichs Erleichterung. »Wir müssen den Bauern so viel lassen, dass sie leben und ihre Felder bestellen können. Tun wir das nicht, werden wir die Stadt spätestens im nächsten Winter aufgeben müssen.«
»Das darf nicht geschehen. Noch ist der Feind nicht besiegt. Wir brauchen jeden Stützpunkt.«
»Und womit sollen wir kämpfen?«, fragte von Tiras spöttisch. »Ich habe schon daran gedacht, den Bauern die Glocken aus den Kirchen zu rauben und sie einschmelzen zu lassen.«
»Das kann ich nicht erlauben«, sagte der Abgesandte entschieden. »Der Kaiser will die Menschen im Reich rekatholisieren. Kirchen, die fest in unserer Hand sind, dürfen nicht geschändet werden!«
Hätte Heinrich den Mann aus Wien vor wenigen Augenblicken noch am liebsten zum Teufel gejagt, als er vorgeschlagen hatte, die Abgaben zu erhöhen, war er ihm jetzt dankbar. Er wusste, dass die Glocke in der Laufdorfer Kirche aus Bronze war. Sie durfte den Spaniern nicht in die Hände fallen.
In den nächsten Minuten berichtete der Abgesandte vom Kaiserhof über die politische Lage im Reich. So erfuhren Heinrich und Verena, dass Gottfried Heinrich Graf zu Pappenheim in Oberösterreich einen Aufstand der Bauern niedergeschlagen hatte. Kaiser Ferdinand II. hatte mit Bethlen Gábor einen Friedensvertrag geschlossen. Somit richtete sich die Hauptstreitmacht der kaiserlichen Truppen unter Albrecht von Wallenstein und Johann von Tilly nun gegen das Heer des dänischen Königs Christian IV. Unterdessen war es Gustav Adolf von Schweden gelungen, einen entscheidenden Sieg gegen Polen zu erringen. Im Reich befürchtete man nun, dass sich der König dazu entschließen würde, seine Glaubensgenossen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zu unterstützen.
Der Abgesandte berichtete weiter, dass beide Lager den Winter dazu genutzt hatten, ihre Kräfte zu sammeln und neue Truppen zu werben. Wie es Heinrich bereits vermutet hatte, litt die Bevölkerung überall im Reich unter den Einquartierungen. Hunger und Krankheiten breiteten sich aus und es kam immer wieder zu verzweifelten Angriffen der Bauern gegen die verhassten Soldaten.
Heinrich hatte genug gehört. Es drängte ihn, den schmalen Gang verlassen zu können, in dem die Luft immer schlechter zu werden schien. Er signalisierte Verena einen entsprechenden Vorschlag, doch die hob den Zeigefinger vor die Lippen und schüttelte den Kopf. So blieben die beiden an Ort und Stelle und warteten darauf, dass das Gespräch der beiden Männer, welches sich nun um Belanglosigkeiten drehte, ein Ende fand. Als sie endlich hörten, wie sich von Tiras von dem Gesandten aus Wien verabschiedete, glaubte Heinrich, seine Glieder nicht mehr rühren zu können. Sie warteten ab, bis es im Raum nebenan endgültig still wurde. Dann führte Verena den Zimmermann aus dem Gang.
»Habe ich dir zu viel versprochen?«, fragte Verena, nachdem sie ins Freie getreten waren und ein paar gierige Atemzüge hinter sich hatten, und sah Heinrich triumphierend an.
»Nein«, gab der Zimmermann zu. »Es war tatsächlich sehr interessant, dieses Gespräch zu belauschen. Wenn es einen Ort gibt, an dem die Wände Ohren haben, dann ist es sicherlich hier.«
»Die meisten alten Schlösser haben solche Gänge«, sagte Verena. »Dieser wird allerdings kaum noch genutzt. Ich habe ihn auch eher zufällig entdeckt.«
»Bist du öfters dort?«, fragte Heinrich neugierig. Wenn Verena den Kommandanten regelmäßig belauschte, musste sie viel mehr wissen, als sie zugab. Obwohl er der Magd einiges zutraute, musste der Zimmermann einsehen, dass er sie immer noch unterschätzte.
»Wenn ich weiß, dass von Tiras einen wichtigen Besucher empfängt, dann ja.«
»Das ist sehr gefährlich«, sagte Heinrich warnend. »Wenn sie dich erwischen, werden sie dich hängen.«
»Keine Sorge. Ich kann sehr gut auf mich aufpassen.« Verena lächelte den Zimmermann an und hielt ihm dann die offene Hand entgegen. »Jetzt bekomme ich zwei Taler von dir.«
»Du willst Geld?«, fragte Heinrich überrascht.
»Du hast doch gerade selbst gesagt, wie gefährlich es ist, sich in diesem Gang aufzuhalten. Du hast viel erfahren. Das muss dir doch ein paar Münzen wert sein.«
Das unschuldige Lächeln, das Verena Heinrich nach diesen Worten zuwarf, täuschte den Zimmermann nicht über ihre Verschlagenheit hinweg. Er musste allerdings auch zugeben, dass ihm die Magd in Zukunft noch eine große Hilfe sein konnte. Leider wusste sie das auch.
»Das ist Wucher«, sagte Heinrich gespielt beleidigt und übergab der Schönheit die Münzen.
Baden, 18. April 1627
Peter war froh, als er mit seinen Kameraden nach fast einer Woche Marsch endlich in der Obermarkgrafschaft Baden ankam. Die Burschen waren inzwischen längst nicht mehr so vorlaut wie zu Beginn der Reise, und hatten erkennen müssen, wie anstrengend das Söldnerleben sein konnte. Und das lange bevor sie auch nur in die Nähe einer Schlacht gekommen waren.
In den ersten Tagen hatte es sich die kleine Gruppe noch leisten können, in Wirtshäusern unterzukommen. Das Laufgeld war aber schneller aufgebraucht gewesen, als sie es erwartet hatten. Die Nächte waren kalt, und die Männer drängten sich an die Lagerfeuer, auf denen sie Wild zubereiteten, das sie unterwegs erlegt hatten.
Jetzt, als sie ihr Ziel erreicht hatten, wurde die Stimmung unter den jungen Männern wieder besser. Alle waren gespannt auf die Musterung und das Leben in der Kompanie. Sie waren sich einig darüber, dass sie nun das Schlimmste überstanden hatten, und übertrafen sich gegenseitig in ihren Vorstellungen von Reichtum und Ruhm. Peter hielt sich aus diesen Gesprächen heraus. Er wusste es besser.
In der Stadt führte der Gefreite seine Gruppe direkt auf den Musterplatz. Dort standen die Söldner, die gemustert und in das Regiment von Graf zu Pappenheim aufgenommen werden sollten, in Reihen hintereinander. Die meisten trugen Lanzen, die sie vor ihrem Körper hielten.
Die wartenden Männer ließen einen Durchgang frei, durch den die zu musternden Söldner gehen mussten. Wieder führte Peter die Gruppe an. Am Ende des Weges steckten zwei Hellebarden über Kreuz im Boden. Darüber war ein Langspieß gelegt worden. Voller Stolz durchschritt Peter dieses Joch, das symbolisch den Eingang in die Söldnergemeinschaft darstellte.
»Bist du bereit, in die Dienste des Obristen Gottfried Heinrich zu Pappenheim zu treten, ihm die Treue zu schwören, die kaiserliche Gerichtsordnung zu befolgen und den Ehrenkodex der Soldaten zu wahren?«, fragte ein Offizier, der Peter auf der anderen Seite des Jochs erwartete.
»Das bin ich.«
Die Burschen wurden mit derselben Frage begrüßt, die jeder von ihnen bejahte. Danach las der Hauptmann den Artikelbrief des Obristen Graf zu Pappenheim vor. Dieser legte die Regeln fest, nach denen die Söldner im Heer zu leben hatten. Für Peter war dies nicht neu. Die Burschen dagegen sogen jedes Wort des Offiziers in sich auf, als seien sie die Luft, die sie zum Atmen brauchten.
In den einzelnen Punkten war geregelt, dass der Soldat uneingeschränkten Gehorsam gegenüber seinen Vorgesetzten zu erbringen hatte. Gott und die Kirche waren zu ehren. Gewalt gegenüber Schutzbefohlenen galt es zu unterlassen und war unter hohe Strafen gestellt.
Gemeinsam schworen sie einen Eid, dass sie den Artikelbrief ehren und achten würden. Danach bekamen die Männer ihren ersten Sold. Peter spürte die neidischen Blicke der Burschen, als er doppelt so viele Münzen ausbezahlt bekam wie sie selbst und schwor sich, ihnen Respekt zu lehren, sollten sie es wagen, sich gegen ihn zu stellen.
Endlich wurden die Söldner zum Heerlager geschickt. Dort wurde bereits ein Mastschwein auf einem Feuer gebraten. Man hatte es auf einen Spieß gesteckt, der auf den Seiten auf schweren Holzkreuzen lag und von zwei Männern langsam gedreht wurde. Neben einem Küchenwagen schenkte eine junge Magd aus einem Fass Bier an die Männer aus.
Peter setzte sich mit seinen Burschen auf die Wiese in der Nähe des Feuers. Er spürte das Knurren in seinem Magen, als er das Schwein sah, das bereits eine goldbraune Kruste hatte. Nach den Entbehrungen der letzten Tage wurde es Zeit, dass die Männer mal wieder ordentlich ihre Mägen füllten.
Satt und volltrunken stand Peter einige Stunden später auf, um sich hinter einer Hecke zu erleichtern. Die meisten seiner Männer schliefen ihren Rausch aus und auch die anderen Soldaten im Heerlager hatten sich zur Ruhe gelegt. Das gleichmäßige Schnarchen der Söldner schien jeden Winkel des Lagers zu erreichen und diejenigen, die einen leichten Schlaf hatten, drehten sich unruhig hin und her oder hielten sich die Ohren zu.
Mit vernebelten Gedanken stellte sich Peter an die Hecke und spürte die Erleichterung, als er endlich seine Blase entleeren konnte. Er war gerade fertig, als er einen spitzen Schrei hörte. Im ersten Moment wollte er den Laut ignorieren, und es zog ihn zurück auf seinen Schlafplatz. Dann siegte die Neugierde.
So leise, wie es ihm in seinem angetrunkenen Zustand möglich war, schlich Peter um die Hecke und sah dort zwei junge Söldner, die sich über eine Frau gebeugt hatten, die auf dem Boden lag und sich verzweifelt gegen die Griffe ihrer Peiniger wehrte.
»Was ist hier los?«, fragte Peter zischend und schlug einem der Burschen mit der Faust in den Rücken.
Der fuhr herum, wollte auf den Gefreiten losgehen und hielt dann doch inne.
»Überleg dir gut, was du jetzt tust«, warnte Peter den Söldner mit scharfer Stimme. »Erhebe die Hand gegen mich und ich sorge dafür, dass du am nächsten Baum aufgeknüpft wirst, bevor die Morgendämmerung anbricht.«
Der junge Söldner nickte nur. Dann ergriff er den Arm seines Kumpans und rannte mit ihm um die Hecke herum ins Lager. Peter verfolgte die beiden Männer nicht. Sie würden es nicht wagen, auch nur ein Wort über den Vorfall zu verlieren.
Peter reichte der Frau die Hand und erkannte erst jetzt, dass es sich um die Magd handelte, die ihnen das Bier ausgeschenkt hatte. Die Burschen waren offensichtlich der Meinung gewesen, weitere Dienste von ihr einfordern zu dürfen.
»Es ist gefährlich, wenn du nachts alleine durch das Lager schleichst«, sagte Peter, um eine möglichst deutliche Aussprache bemüht, was ihm nach dem genossenen Bier noch immer schwerfiel.
»Sie haben mich an meinem Wagen überfallen und mir den Mund zugehalten, damit ich nicht schreie«, entgegnete die Magd zornig. »Erst haben sie mir Geld geboten, als ich ihnen aber sagte, dass ich nicht so ein Weib bin, wollte sie sich mit Gewalt holen, was ich ihnen nicht geben wollte.«
Trotz seines Rausches verstand Peter sofort, was die Magd meinte. Er beobachtete sie, wie sie sich eine Träne aus dem Gesicht wischte, und erkannte selbst in der Dunkelheit, wie hübsch sie war.
»Wie ist dein Name?«
»Anna Stadtler.«
Nachdem auch Peter sich vorgestellt hatte, überkam ihn ein plötzlicher Gedanke, der ihm im ersten Moment verrückt, aber dann immer reizvoller erschien. Die Nachwirkung des genossenen Alkohols ließen ihn übermütiger vorgehen, als es sonst der Fall gewesen wäre. »Wir sollten heiraten«, sagte er, als sich Anna gerade umgedreht hatte, um zu ihrem Wagen zurückzukehren.
»Was?«
»Werde meine Frau.«
»Hast du mich vor den Halunken gerettet, damit du dich selbst mit mir vergnügen kannst?«, erwiderte die Magd ärgerlich und schlug Peters Hand weg, als er nach ihr griff.
»Nein. Ich meine es ernst.« Zu seiner eigenen Überraschung stellte Peter fest, dass dies tatsächlich stimmte. In seinem bisherigen Söldnerleben hatte er nie das Bedürfnis verspürt, sich an ein Weib zu binden und seine Freiheit genossen. Diese Anna Stadtler hatte allerdings etwas Besonderes an sich, das ihn wie magisch anzog.
Außerdem konnte eine Heirat vorteilhaft sein. Oft hatte er in der Vergangenheit die Kameraden beobachtet, deren Weiber den Tross begleiteten. Zu zweit war es wesentlich leichter, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Dabei ging es Peter noch nicht einmal um die körperlichen Freuden, die mit einer Ehe verbunden waren. Wenn er die haben wollte, konnte er sie überall bekommen.
»Aber warum? Du kennst mich nicht.« Anna schien den Gefreiten für verrückt oder einfach nur sehr betrunken zu halten und sah ihn skeptisch an.
»Ich kann dich beschützen«, sagte Peter ernst. »Keiner der anderen Söldner wird es wagen, dich anzurühren, wenn du mit einem ihrer Kameraden verheiratet bist.«
»Schlaf deinen Rausch aus«, sagte Anna jetzt wieder um einiges freundlicher. »Wir werden sehen, ob du mich morgen überhaupt noch erkennst. Vielleicht bin ich dann auch bereit, noch einmal mit dir zu sprechen. Immerhin hast du mir geholfen. Ich bezweifle aber, dass wir beide jemals heiraten werden.«
Nach diesen Worten wandte sich die Magd endgültig ab und ließ Peter hinter der Hecke stehen. Der wartete noch eine Weile, ob die beiden Burschen noch einmal auftauchten, um sich an ihm zu rächen und ging dann zurück zu seinem Schlafplatz. Er lag noch lange wach und schaffte es nicht, die Gedanken an die junge Anna Stadtler aus dem Kopf zu bekommen. Er konnte sich gut vorstellen, mit ihr zusammenzuleben, obwohl er sie heute zum ersten Mal gesehen hatte.
***
Anna und Peter heirateten acht Tage nach Pfingsten in einer kleinen Kirche. Nach der Zeremonie gab es ein großes Gelage im Heerlager. Zur Feier des Tages wurde ein Ochse gebraten, und die Söldner schafften es, ganze sieben Fässer Bier bis auf den letzten Tropfen zu leeren. In der Nacht war Peter so betrunken, dass er sofort einschlief, als er sich mit seinem Weib in das Zelt legte, das er für seine zukünftige Familie gekauft hatte.
Peter hatte lange um Anna Stadtler werben müssen, bis sich die Magd endlich hatte überzeugen lassen. Das Regiment lag noch immer in Baden und wartete auf den Marschbefehl. Peter hatte jede Gelegenheit genutzt, Anna zu treffen, und sie mit kleinen Geschenken überrascht.
Anfangs war die Magd sehr zurückweisend gewesen. Außerdem hatte der Feldkoch, dem sie zur Hand ging, ein wachsames Auge auf sie. Peters Hartnäckigkeit wurde aber schließlich belohnt, und Anna hatte sich auf einen Abendspaziergang eingelassen, nachdem er sie zwei Wochen lang jeden Tag darum gebeten hatte. Der Gefreite hatte sich von seiner besten Seite gezeigt und seine Angebetete beim Abschied zu einem kleinen Kuss überredet. Ihre Treffen wurden häufiger und Peter genoss es, in ihrer Nähe zu sein. Auch Anna entwickelte langsam eine steigende Zuneigung zu ihrem Verehrer und ließ keine Gelegenheit verstreichen, ihn zu sehen.
Nach der Hochzeit kamen sich die beiden noch schneller näher. Während Peter an den Wehrübungen teilnahm, arbeitete Anna weiter beim Feldkoch und kümmerte sich ansonsten um das Zelt.
Sie waren glücklich miteinander, und Peter war froh, jemanden an seiner Seite zu haben. Die anderen Söldner, die ihren Kameraden zunächst mit neidischen Blicken versahen, akzeptierten, dass die schöne Magd nun zu dem Gefreiten gehörte, und ließen Anna in Ruhe. Wie ihr Gemahl prophezeit hatte, wurde das Lagerleben für die junge Frau nach der Hochzeit deutlich leichter als vorher. Er selbst war zufrieden, endlich jemanden zu haben, der sich um seine Kleidung und das Essen kümmerte.
Zwei Wochen nach der Hochzeit erhielt das Regiment den Marschbefehl. Mitsamt dem Tross marschierten sie zum Ufer des Rheins in Rheinbischofsheim, wo sie bereits von rund einem Dutzend Booten unterschiedlicher Größen erwartet wurden.
»Ich bin noch nie mit einem Schiff gefahren«, sagte Anna und drückte sich eng an ihren Gemahl. »Wäre es nicht sicherer nach Oppenheim zu marschieren?«
»Wir kommen so deutlich schneller vorwärts«, antwortete Peter. Er betrachtete die alten Kähne skeptisch und hoffte, dass sie die Fahrt überstanden. Auf das offene Meer hätte er sich mit diesen Wracks nicht gewagt. Von diesen Gedanken sagte er seinem Weib nichts. Sie war schon aufgeregt genug. »Mach dir keine Sorgen. Die Fahrt über den Fluss wird dir gefallen.«
»Warst du denn schon einmal auf einem Schiff?«, fragte Anna.
»Bisher nicht.«
»Wie kannst du dann sagen, dass es sicher ist?«
»Es wird schon nichts passieren«, sagte Peter, um Anna und auch sich selbst zu beruhigen. »Und selbst wenn, ist das Ufer nicht weit entfernt.«
»Ich kann nicht schwimmen.«
»Aber ich. Glaub mir. Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas passiert.« Peter gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Dann gingen sie gemeinsam zu einem der Boote.
Zunächst verlief die Fahrt über den Rhein ruhig. Anna schien es tatsächlich zu gefallen, wie der Sommerwind durch ihre langen Haare blies. Peter dagegen spürte ein ständiges Grummeln im Magen und hoffte, dass sie ihr Ziel schnell erreichten. Auf keinen Fall wollte er wie zwei der Burschen an der Reling stehen und sich die Seele aus dem Leib kotzen, während sein Weib ihm dabei zusah.
Plötzlich hörten die beiden aufgeregtes Geschrei von einem der Boote, das sich vor ihnen befanden.
»Was ist da los?«, fragte Anna erschrocken. »Werden wir angegriffen?«
»Das glaube ich nicht«, antwortete Peter und schaute besorgt in die Richtung, aus der die Schreie kamen. Erkennen konnte er nichts. »Ich werde nachsehen. Du bleibst hier und rührst dich nicht von der Stelle.«
Hastig lief Peter zur Vorderseite des Schiffes, wo bereits zwei Dutzend seiner Kameraden an der Reling standen. Um besser sehen zu können, drängte er sich zwischen die Männer.
Etwa einhundert Schritte vor ihnen war eines der größeren Boote auf Grund gelaufen. Die Strömung riss an dem alten Holz, das dieser Gewalt nicht standhalten konnte. Entsetzt schauten die Söldner zu, wie ihre Kameraden von dem Wrack heruntersprangen und vom schnell fließenden Wasser mitgerissen wurden.
Um nicht das gleiche Schicksal zu erleiden, lenkte der Kapitän ihr Boot in die Mitte des Flusses. Die Söldner warfen ihren Kameraden Seile zu, aber nur wenige schafften es, ein Ende zu packen. Immer wieder wurden die Männer unter Wasser gedrückt.
Sie waren viel zu schnell an ihnen vorbei, um wirklich helfen zu können. Als sie die kritische Stelle passiert hatten und das Wasser wieder ruhiger wurde, stoppte der Kapitän das Boot. Auch die anderen warteten und mit vereinten Kräften zogen sie die Männer aus dem Wasser, die bis hierhin durchgehalten hatten.
Es schafften bei Weitem nicht alle Söldner, sich in Sicherheit zu bringen. Viele ertranken oder wurden durch die Wucht der Strömung gegen Felsen geschlagen. Als sie die Fahrt fortsetzten, verspürte Peter einen Kloß im Hals. Er entschloss sich, zurück zu Anna zu gehen. Die saß genau dort, wo er sie zurückgelassen hatte auf den Schiffsplanken und weinte um die Männer, die in der Strömung ihren Tod gefunden hatten.
Köln, 24. August 1627
»Ich habe Angst, Pater.«
Friedrich Spee runzelte überrascht die Stirn. Es kam nicht oft vor, dass die Beichte einer Person, die vorher nie bei ihm gewesen war, mit einer derartigen Aussage begann. Die Stimme der unbekannten Frau klang voller Sorge. Der Jesuitenpater versteifte sich auf seinem Stuhl. »Was ist der Grund?«, fragte er, nachdem er festgestellt hatte, dass die Unbekannte nicht von alleine weitersprechen würde.
»In Köln werden immer mehr Ketzer auf den Scheiterhaufen geführt«, sagte die Frau langsam und so leise, dass Spee sie fast nicht verstehen konnte.
»Du hast also Angst vor Hexen?«
»Das ist es nicht.«
»Wovor fürchtest du dich dann?«
»Davor, selbst als Hexe besagt zu werden.«
»Hast du denn etwas mit diesen Teufelsanbetern zu schaffen?« Spee fiel es in diesem Moment schwer, ruhig auf seinem Stuhl sitzen zu bleiben. Wollte ihm die Fremde etwa gestehen, sich der Hexerei schuldig gemacht zu haben? Warum kam sie dann zur Beichte in ein Gotteshaus?
»Natürlich nicht«, sagte die Frau bestimmt. »Ich bin keine Hexe und kenne auch keine!«
»Dann verstehe ich den Grund für deine Sorge nicht.«
»Ich habe Angst, dass man mich beschuldigt, eine Hexe zu sein.«
»Wenn du reinen Gewissens bist, wird Gott eine schützende Hand über dich halten«, versicherte Spee. Der Jesuit wurde nicht so recht schlau aus den Worten der Unbekannten. Was wollte sie ihm sagen? Wenn sie nichts mit Zauberern und dem Teufel zu schaffen hatte, warum hatte sie dann solche Angst?
»Ich bin Hebamme«, gestand die Frau, als wäre das alleine schon Grund genug, sie auf den Scheiterhaufen zu zerren.
»Das macht dich nicht zur Hexe«, entgegnete Spee. Der Pater musste sich zwingen, mit ruhiger Stimme zu sprechen. Neben ihm saß eine junge Frau, die offensichtlich nichts Böses getan hatte, aber dennoch um ihr Leben fürchtete. Auch wenn er sie erst seit wenigen Minuten kannte und sie nicht einmal gesehen hatte, begann er sich Sorgen um die Hebamme zu machen.
»Aber es erhöht die Gefahr, dass die Menschen genau das von mir denken.«
»Was ist geschehen?« Mehr und mehr gewann Spee den Eindruck, dass sie noch nicht zum Kern des Problems vorgedrungen waren. Die Frau schien ihm etwas sagen zu wollen, aber nicht so recht zu wissen, wie sie beginnen sollte. Der Jesuit hörte, wie die Hebamme in der Kammer neben ihm durchatmete. »Du kannst offen zu mir sprechen«, sagte er aufmunternd. »Keines deiner Worte wird diese Mauern verlassen.«
»Ich wurde zu einem reichen Kaufmann gerufen«, begann die Frau zögerlich mit ihrem Bericht. »Dessen Gehilfin war kurz vor der Niederkunft. Das Kind lag falsch herum im Leib, aber es ist mir gelungen, es lebend auf die Welt zu bekommen. Auch die junge Mutter hat die Geburt gut überstanden.« Nachdem die ersten Worte heraus waren, sprach die Hebamme nun mit flüssiger Stimme weiter. »Es war ein Junge. Noch bevor ich die Nabelschnur durchschnitt, begannen der Kaufmann und dessen Weib aufgeregt zu schreien und redeten davon, dass Mutter und Kind verflucht seien. Zunächst verstand ich nicht, was sie damit meinten. Dann sah ich die kleinen Füße des Jungen. Sie hatten jeweils nur vier Zehen.«
»Ich verstehe«, sagte Spee leise. Offensichtlich hatten die Kaufleute den kleinen Makel des Kindes als Indiz dafür angesehen, dass dunkle Mächte am Werk waren. Leider gab es immer wieder Menschen, die alles, was sie nicht erklären konnten, dem Satan zuschrieben. »Ich versichere dir, dass Gott auch dieses Kind lieben wird«, sagte der Pater mit fester Stimme.
»Vielleicht«, sagte die Hebamme. »Das war aber noch nicht alles.«
»Sprich weiter.«
»Das Kind hat keinen Vater.«
»Was?«
»Ich meine, die Mutter hat keinen Gemahl.«
Spee stieß einen tiefen Seufzer aus. »Du musst dich etwas klarer ausdrücken, mein Kind.«
»Die Mutter wollte mir zunächst nicht sagen, wer der Vater des Jungen war. Sie schien große Angst vor den Kaufleuten zu haben. Weil ich bei einem Neugeborenen eine Eintragung ins kirchliche Melderegister der Stadt vornehmen muss, in der auch die Eltern angegeben werden, bin ich so lange bei der Mutter geblieben, bis ich mit ihr alleine war. Dann hat sie mir erzählt, dass der Kaufmann sich an ihr vergangen hat und dabei das Kind gezeugt wurde.«
Spee stieß einen überraschten Pfiff aus. Er wusste, dass es immer wieder einmal vorkam, dass sich reiche Männer an ihren Bediensteten vergriffen. Mehrere Frauen hatten ihm dieses bereits gebeichtet. Von zwei jungen Mädchen wusste er, dass sie geflohen waren, nachdem sie gemerkt hatten, dass sie ein Kind empfangen hatten.
»Hast du danach mit dem Vater des Jungen gesprochen?«
»Nein. Ich habe lediglich den Pater informiert, der für das Melderegister verantwortlich ist.«
»Und jetzt hast du Angst vor dem Kaufmann.« Spee fiel es schwer, seine Gedanken zu sortieren. So ungewöhnlich die Geschichte bis zu diesem Punkt auch war; was hatte das alles damit zu tun, dass man die Hebamme der Hexerei bezichtigen könnte?
»Ja. Und vor der Mutter des Jungen.«
»Hätte die denn die Niederkunft ohne deine Hilfe überlebt?«
»Nein. Eine Woche nach der Geburt wurde der Junge getauft. Noch am gleichen Tag ist er in seiner Wiege erstickt. Daraufhin wurde die Mutter der Hexerei bezichtigt. Man wirft ihr vor, sich mit dem Teufel eingelassen zu haben.«
»Das ist an den Haaren herbeigezogen«, stellte Spee erschrocken fest. Er konnte sich nicht vorstellen, dass eine Mutter ihr eigenes Kind umbringen würde. Wenn der Knabe nicht auf natürliche Weise gestorben war, musste jemand anderes sein Mörder sein. Der Pater schloss dagegen nicht aus, dass der Kaufmann selbst für den Tod seines Sohnes verantwortlich war, wollte der Hebamme gegenüber diesen Verdacht aber nicht aussprechen.
»Das sehen die Hexenkommissare anders. Sie behaupten sogar, dass das Kind nur gestorben sei, weil das Dämonische in ihm die Taufe nicht überstanden habe.«
»Um Gottes Willen«, entfuhr es dem Jesuiten. »Wer glaubt denn an so einen Unfug?« Friedrich Spee verstand nun die Angst der Hebamme. Sie befürchtete, dass man nun ihr die Schuld am Tod des Kindes geben könnte und sie ebenfalls der Hexerei bezichtigte. Diese Sorge teilte er allerdings nicht. Die Frau hatte nur ihre Arbeit getan. Dafür würde sie kein Mensch verurteilen können. »Du bist ohne Schuld«, erklärte der Pater bestimmt. »Bleibe in deinem Glauben standhaft und vertraue auf Gott.«
»Ich habe schon daran gedacht, Köln zu verlassen.«
»Das wird nicht nötig sein. Wie ist dein Name?«
Die Hebamme zögerte einen Moment und antwortete erst, als Spee ihr versicherte, dass er sie nicht anzeigen würde, sie aber auch nicht beschützen konnte, wenn er nicht wusste, wer sie war.
»Karina Brandl.«
»Gut. Komm ab jetzt jeden Mittwoch um diese Zeit zu mir. Ich werde versuchen, etwas über die Mutter des toten Jungen zu erfahren. Vielleicht lässt sich ja alles erklären.«
»Das glaube ich nicht. Der Name der Mutter ist Sonja Koch. Wohin man sie gebracht hat, kann ich Euch leider nicht sagen.«
»Das werde ich herausfinden.«
Nachdem Karina den Beichtstuhl verlassen hatte, blieb der Jesuit noch einen Moment darin sitzen und dachte über das Gehörte nach. Er nahm sich vor, der Hebamme zu helfen. Sollten die Kommissare tatsächlich eine Unschuldige in den Kerkern der Stadt gefangen halten, musste er etwas dagegen tun.
Als er vor den Altar der Kirche trat, sah er eine junge Frau, die ihn zu erwarten schien. Es bestand kein Zweifel, dass es Karina Brandl war. Spee betrachtete die Hebamme genauer, als sie zu ihm kam. Mit ihren dunklen Augen, der faltenfreien Gesichtshaut und den langen, schwarzen Haaren würde man sie im Volksmund sicher als schön bezeichnen. Der Pater hatte dafür keinen Blick. Für die Traurigkeit, die Karina ins Gesicht geschrieben stand, allerdings schon.
»Ich wollte mich nur noch bei Euch bedanken«, sagte Karina und reichte dem Jesuiten schüchtern die Hand. »Außerdem bitte ich Euch, mir Euren Namen zu nennen.«
»Friedrich Spee. Du findest mich am Tricoronatum im Kloster der Gesellschaft Jesu. Du kannst jederzeit zu mir kommen.«
***
Spee trat ins Freie und beschirmte seine Augen mit der Hand. Die Kirche war lediglich von einem schwachen Schein erhellt worden, der durch die Fenster fiel. Jetzt schien ihm die Sonne direkt in sein Gesicht. Er brauchte einen Moment, um sich an die veränderten Lichtverhältnisse zu gewöhnen.
Auf dem Weg von der Jesuitenkirche St. Peter ins Tricoronatum ließ Spee sich Zeit. Er genoss die kleinen Spaziergänge durch das sommerliche Köln und schaute den Menschen zu, die ihr Tagwerk verrichteten. Weil er noch einen Vortrag fertigstellen musste, den er am nächsten Tag vor seinen Schülern halten wollte, fehlte ihm die Zeit, seinen Lieblingsplatz am Rheinufer aufzusuchen, wo er gerne seinen Gedanken nachhing.
Friedrich Spee war zufrieden. Wieder einmal hatte ihm das Schicksal einen neuen Weg bereitet und ihn zu Aufgaben geführt, die er voller Freude und Stolz annahm. Der Dienst am Menschen im Namen Gottes füllte sein Leben aus.
Nachdem er in Speyer sein Tertiat absolviert und nach diesem dritten Probejahr in den Orden eingegliedert worden war, hatte man ihn ans Tricoronatum in Köln berufen, wo er die Vertretung eines erkrankten Philosophieprofessors übernommen hatte.
Für Spee, der als junger Mann selbst an diesem Gymnasium Schüler gewesen war, schloss sich damit ein Kreis. Zu Beginn seiner akademischen Laufbahn war er in Trier in die Gesellschaft Jesu eingetreten. Sein erstes Ordensgelübde hatte er dann in Fulda abgelegt und war von dort aus zum Philosophiestudium nach Würzburg gegangen.
Während seiner darauffolgenden Lehrtätigkeit in Speyer und Worms hatte er beim Generaloberen einen Antrag gestellt, als Missionar nach Indien gehen zu dürfen. Dieser Lebenstraum des jungen Paters hatte sich nicht erfüllt. Mit der Begründung, dass es für einen Gelehrten aus der Gesellschaft Jesu im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, in dem die Protestanten eine immer stärker werdende Stellung einnahmen, genug und wichtigere Aufgaben gäbe, war sein Antrag abgelehnt worden.
In Mainz, wo er sein Theologiestudium abgeschlossen hatte, war Spee vor fünf Jahren zum Priester geweiht worden. Man erteilte ihm einen Lehrauftrag an der Universität Paderborn. Dort wurde er Zeuge des entsetzlichen Leides, das der Krieg über die Menschen brachte. Mit Schrecken dachte er an die Zeit zurück, in der Herzog Christian von Braunschweig Wolfenbüttel in die Stadt eingefallen war.
Obwohl er vom Generaloberen die Erlaubnis bekommen hatte, nach Mailand zu gehen, wo er seine Sprachkenntnisse vertiefen wollte, schickte ihn sein Provinzial zur Lehrtätigkeit nach Speyer. Damit war ihm zum zweiten Mal ein Herzenswunsch verwehrt worden. Auch zum letzten Ordensgelübde, das ihn endgültig zum vollen Mitglied der Gesellschaft Jesu gemacht hätte, war Spee bisher nicht zugelassen worden.
An den unterschiedlichen Stationen seines Lebens war Spee immer wieder mit der Hexenverfolgung in Verbindung gekommen. Er hatte den Todgeweihten die Beichte abgenommen und sie auf ihrem letzten Weg begleitet. Es war seine grenzenlose Liebe zu Gott gewesen, die ihm immer wieder die Kraft gegeben hatte, den Anblick des unfassbaren Leids der Schuldigen zu ertragen.
Spee verrichtete seine Arbeit mit großer Hingabe. Neben seiner Lehrtätigkeit war es vor allem das Erdichten von Kirchenliedern, in denen er seine Liebe zu Gott zum Ausdruck brachte. Schon während seiner Studienzeit war er dieser Leidenschaft nachgegangen. Anfangs wurden seine Texte vom Provinzial als unreif abgewiesen. Mittlerweile waren aber mehrere Lieder aus seiner Feder in die kirchlichen Gesangbücher aufgenommen worden.
Vor dem Eingang zum Tricoronatum traf Spee auf Goswin Nickel, den Leiter des Jesuitenkollegs in Köln, der vor dem Tor auf ihn wartete und dem Pater zunickte.
»Wie ich sehe, habt Ihr einen kleinen Spaziergang unternommen«, sagte Nickel freundlich.
»Ich war in der Kirche St. Peter.«
»Ihr seid mir keine Rechenschaft schuldig«, antwortete der hochrangige Jesuit. »Solange Ihr Eure Aufgaben nicht vernachlässigt, könnt Ihr tun und lassen, was Euch beliebt.«
Spee sah Nickel einen kurzen Moment irritiert an. Plötzlich glaubte er nicht mehr, dass sie sich zufällig hier getroffen hatten. Hatte er sich, ohne es selbst zu wissen, eines Vergehens schuldig gemacht?
»Ich sehe aufkommende Furcht in Euren Augen und kann Euch versichern, dass diese völlig unbegründet ist.« Nickel sah den Pater gütig an und legte ihm freundschaftlich den Arm um die Schulter. »Wollt Ihr mir dennoch berichten, wie es Euch in den letzten Tagen am Tricoronatum ergangen ist? Habt Ihr Euch schon ein wenig einleben können?«
»Die Schüler arbeiten fleißig mit und es gibt keinen Grund zur Klage«, antwortete Spee wahrheitsgemäß. »Auch das Lehrerkollegium versucht, mich bei meinem Einstieg zu unterstützen. Ich fühle mich sehr wohl hier in Köln.«
»Das freut mich zu hören.«
Spee musterte seinen Vorgesetzten aufmerksam. Keine seiner Gesichtsregungen ließ vermuten, dass er etwas gegen ihn im Schilde führte. Seine nächsten Worte zeigten aber endgültig, dass es kein Zufall gewesen war, dass die beiden sich getroffen hatten.
»Ich habe vielleicht eine Aufgabe für Euch.«
»Es ist mir eine Freude, wenn ich Euch unterstützen kann. Was soll ich tun?« Spee sah Goswin Nickel neugierig an. Der Pater hatte bereits jetzt einen gefüllten Tag, und wenn nun weitere Aufgaben hinzukämen, würde ihm weniger Zeit für seine Gedichte bleiben. Dennoch wollte er alle Erwartungen erfüllen, die der Leiter des Kollegs in ihn setze.
»Ida Schnabel hat mich heute besucht und um einen Gefallen gebeten.«
»Die Leiterin der Gesellschaft St. Ursula?«
»Ihr kennt sie?« Jetzt war es Nickel, der den Pater überrascht ansah.
»Noch aus meiner Zeit, in der ich selbst Schüler im Tricoronatum gewesen war. Sie ist eine gottesfürchtige Frau, und ich bewundere ihren Einsatz im Namen des Herrn.«
»Daran tut Ihr wohl recht«, sagte Nickel. »Ida Schnabel hat mich um Hilfe gebeten, und ich denke, dass Ihr der Richtige für diese Aufgabe seid.«
Die Frauen in der Gesellschaft St. Ursula führten ein tief religiöses Leben und hatten sich der Verbreitung des Glaubens und der Unterweisung der jungen Menschen verschrieben. Außerdem kümmerten sie sich um Arme und Kranke. Dennoch war die Gesellschaft St. Ursula kein Frauenorden. Sie legten kein Gelübde ab und lebten auch nicht im Kloster zusammen, sondern bei ihren Familien. Spee stellte Nickel die Frage, wie ausgerechnet er den Frauen helfen konnte.
»Ida Schnabel bittet darum, dass wir ihr wöchentlich ein Blatt für das Gebet und die geistliche Besinnung zur Verfügung stellen. Sie war der festen Überzeugung, dass Ihr genau die richtige Person seid, diese zu verfassen.«
Friedrich Spee war überrascht und erfreut zugleich. Diese Aufgabe wollte er nur allzu gerne übernehmen. Sofort hatte er erste Ideen, wie er die göttlichen Tugenden in den Blättern aufbereiten konnte. »Ich fühle mich geehrt, dass Frau Schnabel so viel Vertrauen in mich setzt, und nehme die Aufgabe gerne an.«
»Ich hatte gehofft, dass Ihr so antworten würdet«, antwortete Nickel lächelnd. »Jetzt möchte ich Euch nicht weiter aufhalten«
***
»Ich bin keine Hexe.«
»Das habe ich auch nicht gesagt«, entgegnete Friedrich Spee mit sanfter Stimme. »Ich bin nicht gekommen, um dich zu verhören. Ich bin gekommen, um dir die Möglichkeit zur Beichte zu geben.«
»Ist das nicht das Gleiche?« Sonja Koch, die nur mit einem dünnen Leinenhemd bekleidet auf einem Haufen alten Strohs in ihrer Zelle lag, sah den Jesuiten aus verquollenen Augen an. »Ihr wollt doch nur, dass ich gestehe, mich der Hexerei schuldig gemacht zu haben, damit Ihr zu den Kommissaren rennen und mich verraten könnt.«
»Denkst du das wirklich von mir?«
»Warum solltet Ihr sonst zu mir gekommen sein?« Im Blick der jungen Frau erkannte Spee die pure Verachtung, die sie ihm gegenüber verspüren musste. Was auch immer man ihr angetan hatte, sie schien den Glauben an das Gute verloren zu haben. Er schaute auf den Daumen ihrer rechten Hand, der in ungewöhnlichem Winkel nach oben von den anderen Fingern abstand. Sie musste furchtbare Schmerzen haben.
»Das habe ich dir eben gesagt.« Spee sah der jungen Frau in die Augen und hielt deren Blick stand. Wenn er ihr Vertrauen gewinnen wollte, durfte er jetzt nicht wegsehen. Die Frau war in einem furchtbaren Zustand. Von Karina wusste er, dass sie erst wenige Tage im Kerker war. Dennoch hatte die Zeit sie gezeichnet. Ihre Haare waren verklebt und ihr ganzer Körper war von Schmutz bedeckt. In der Zelle stank es nach Urin, Kot und Erbrochenem. Es fiel nur ein schwaches Licht in die Zelle. Der Pater ertappte sich dabei, dass er erleichtert darüber war. So blieben seine Augen von dem umfassenden Elend, in dem man die Frau gefangen hielt, verschont.
Von Arnold Meshov, dem Pfarrer in der Jesuitenkirche St. Peter, in dessen Bezirk Sonja wohnte, hatte Spee erfahren, dass man die Frau in den Frankenturm gebracht hatte. So war er zwei Tage, nachdem er von Karina erfahren hatte, dass man die Magd denunziert hatte, vom Dom aus die Trankgasse entlang gegangen, an deren Ende sich das Gefängnis befand.
Zunächst hatte der Wärter Spee nicht zu der Gefangenen lassen wollen. Erst, als er sich als der Beichtvater von Sonja Koch ausgab, hatte man ihn in die Zelle geführt. Den Wärter interessierte es nicht, was der Pater mit der Frau zu besprechen hatte. Daher war er zurück in die Wachstube gegangen, nachdem er Spee das Verlies gezeigt hatte.
»Willst du mir nicht erzählen, was dir widerfahren ist und warum man dich hierhergebracht hat?«
»Ich bin unschuldig«, sagte Sonja leise, aber bestimmt. »Alfred Berger ist der Vater des Kindes. Ich bin überzeugt, dass sein Weib meinen Sohn nach der Taufe getötet hat. Danach wollte sie auch mich loswerden und hat mich der Hexerei beschuldigt. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.«
»Das sind schwere Anschuldigungen«, sagte Spee.
»Sind die Vorwürfe, die man mir macht, etwa weniger schlimm?«
»Nein. Das sind sie nicht.«
»Ich sage die Wahrheit. Wenn Ihr mir nicht glaubt, ist das Eure Sache. Ich weiß, dass man mich für schuldig hält und ich die nächsten Wochen nicht überleben werde. Daran werdet auch Ihr nichts ändern können.«
»Warum sollten Alfred Berger und sein Weib das Kind töten und dich zu Unrecht beschuldigen?«, fragte Spee.
»Weil sie ansonsten für den Jungen hätten aufkommen müssen«, antwortete Sonja, ohne zu zögern.
Spee kratzte sich nachdenklich am Vollbart unter seinem Kinn. Es fiel ihm schwer zu entscheiden, ob er der jungen Frau glauben sollte. Entweder sagte sie oder das Kaufmannsehepaar Berger die Wahrheit. Fest stand lediglich, dass der Junge gestorben war.
»Ich werde der Sache auf den Grund gehen«, sagte Spee schließlich.
»Ihr glaubt mir also auch nicht.«
»Das habe ich nicht gesagt.« Spee stand auf und nickte Sonja aufmunternd zu. »Ich werde mich darum bemühen, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Wenn du wirklich unschuldig bist, werden die Kommissare das auch erkennen.«
»Verzeiht mir, wenn ich darauf keine großen Hoffnungen setze«, sagte Sonja, bevor Spee die Zelle verließ.
Der Jesuit rief nach dem Wärter, damit der die Gefangene wieder einsperren konnte. Dann ging er aus dem Frankenturm und machte sich auf den Weg zu Dr. jur. Peter Ostermann, der mitverantwortlich für die Hexenprozesse in Köln war. Er war fest entschlossen, den Juristen davon zu überzeugen, dass eine Unschuldige in seinem Gefängnis saß. Sonjas Verdacht, dass das Kaufmannsehepaar ihren Sohn ermordet hatte, war nicht von der Hand zu weisen. Dies würde auch der Hexenkommissar erkennen.
***
»Warum seid Ihr so sehr von der Unschuld von Sonja Koch überzeugt?«, fragte Ostermann und schaute Spee argwöhnisch an. »Hat sie Euch etwa auch verhext?«
»Das ist Unfug«, sagte der Jesuit aufgebracht. »Ich habe die Frau in ihrer Zelle besucht, um ihr die Möglichkeit zur Beichte zu geben. Sie kommt mir nicht wie eine Hexe vor.«
»Die Satansbrut versteht es sehr gut, sich unter den Menschen zu verbergen«, sagte Ostermann und erhob den Zeigefinger. »Ich rate Euch dringend, den Ketzern nicht jedes Wort zu glauben. Sie erzählen alles, um ihrer gerechten Strafe zu entgehen und freigelassen zu werden.«
»Dann haltet Ihr es für unmöglich, dass jemand unschuldig im Gefängnis gelandet ist?«
»Bisher ist das noch niemals passiert. Unsere Kommissare prüfen sehr genau, wen sie in das Gefängnis sperren und wen nicht. Glaubt mir. Diejenigen, die in den Verliesen sitzen, gehören auf den Scheiterhaufen. Alle. Ich kann verstehen, dass es Euch schwerfallen mag zu glauben, wie erbarmungslos Satan seine Schergen um sich schart. Ich weiß aber sicher, dass alle, die in Köln jemals wegen Ketzerei angeklagt worden sind, auch schuldig waren.«
Ostermann stand vor dem Fenster in seinem Amtszimmer im ersten Stock des Kölner Rathauses und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Für ihn schien nicht der geringste Zweifel zu bestehen, dass er mit seiner Aussage recht hatte.
»Woher wisst Ihr, dass alle schuldig waren?«
»Weil sie gestanden haben. Jeder Einzelne von ihnen.«
»Unter der Folter, nehme ich an.«
»Das spielt keine Rolle«, sagte Ostermann mit erhobener Stimme. »Wenn die Folter der Wahrheitsfindung dient, ist sie das rechte Mittel, um die Ketzer zu enttarnen.«
»Es haben also bisher alle unter der Folter ihre Schuld zugegeben?« Spee konnte nicht glauben, dass wirklich jeder, den man in der Vergangenheit der Hexerei besagt hatte, auch tatsächlich schuldig war.
»Nicht alle«, antwortete Ostermann. »Katharina Hernot, die ehemalige Postmeisterin von Köln, hat auch unter der Folter nicht gestanden, dass sie der Hexerei schuldig ist. Und das, obwohl wir sie der Tortur fünf Mal ausgesetzt haben.«
»Was ist mit ihr geschehen?«
»Sie wurde erdrosselt und dann verbrannt.«
»Ohne Schuldeingeständnis?«
»Mein lieber Pater Spee«, sagte Ostermann bemüht beherrscht. »Ich kann Euch versichern, dass hier alles mit rechten Dingen zugeht. Katharina Hernot war eine Hexe. Eine sehr mächtige sogar. Ansonsten hätte sie es nie geschafft, die Tortur so oft zu überstehen. Der Teufel persönlich muss ihr die Kraft dazu gegeben haben.«
»Es ist also gar unmöglich dem Scheiterhaufen zu entkommen, wenn man einmal in ein Hexengefängnis gebracht worden ist.« Spee schaffte es nicht, das Entsetzen in seiner Stimme zu verbergen.
»Nein. Und das ist ja wohl auch nicht notwendig«, sagte Ostermann ärgerlich. »Die Justiz irrt nicht. Niemand kommt unschuldig in das Gefängnis. Das ist völlig ausgeschlossen. Und jetzt muss ich Euch bitten zu gehen. Es gibt noch andere Dinge, um die ich mich kümmern muss.«
Auf dem Weg zurück ins Tricoronatum dachte Spee über das Gespräch mit Ostermann nach. Die Worte des Juristen hatten den Pater verwirrt. Wenn es stimmte, was der Mann sagte, war das Leben von Sonja Koch verwirkt. Es spielte keine Rolle mehr, ob sie tatsächlich schuldig war oder nicht. Zumindest nicht für die Kommissare, die für das Verfahren gegen die Frau verantwortlich waren. Sonja Koch würde brennen.
Spee war sich in diesem Moment selbst nicht mehr sicher, was er glauben sollte. War es wirklich denkbar, dass sich Sonja Koch ihm gegenüber so verstellt hatte? Waren alle ihre Worte tatsächlich eine Lüge gewesen? Oder gab es am Ende doch einen Fehler in der Vorgehensweise bei der Hexenverfolgung? Der Pater wusste die Antwort nicht. Sein Bauchgefühl sagte ihm aber, dass hier dringender Handlungsbedarf bestand. Und das nicht nur im Fall Sonja Koch.
Wolfenbüttel, 28. August 1627
»Es wird auch Zeit, dass wir endlich eine ehrenvolle Aufgabe bekommen«, sagte Hannes Waller, einer der Söldner aus Fulda, die zu Peter Hagendorfs Einheit gehörten.
»Freu dich nicht zu früh«, entgegnete der Gefreite. »Es gibt nicht viel Ehrenvolles daran, Laufgräben auszuheben und Schanzen zu bauen. Du wirst dich noch nach der ruhigen Zeit zurücksehnen, die wir das letzte halbe Jahr über verbracht haben.«
»Ich habe meine Heimat nicht verlassen, um hunderte Kilometer durch das Land zu ziehen«, erklärte Hannes bestimmt. »Wir werden Wolfenbüttel erobern und reiche Beute machen. Dafür bin ich in den Krieg gezogen!«
»Ich habe schon einige Burschen getroffen, die genauso geredet haben wie du«, warnte Peter.
»Was ist aus ihnen geworden?«
»Die meisten von ihnen sind tot.«
Hannes lachte spöttisch auf. »Das glaube ich dir nicht. Du willst mir nur Angst einjagen.«
»Sie wollten immer in den vordersten Reihen stehen, wenn eine Stadt angegriffen wurde. Mindestens die Hälfte von ihnen ist dabei zerhauen worden.«
Hannes Waller wurde bleich. »Wir haben ein Recht darauf, Beute zu machen«, sagte er schließlich.
»Das mag sein«, gab Peter zu. »Manchmal hat aber der Feind etwas dagegen. Ich gebe dir einen guten Rat. Dränge dich nicht nach vorne, wenn es darum geht, eine Stadt zu stürmen. Wenn sie eingenommen ist, ist immer noch Zeit genug, sich seinen Teil der Beute zu sichern.«
Hannes sah seinen Gefreiten nachdenklich an und nickte dann. »Vielleicht hast du recht.«
»Zumindest bin ich noch am Leben.«
Auch wenn er selbst der Meinung war, dass man seinen Sold als Söldner nicht einfacher verdienen konnte, als ohne Kampfeinsatz durch das Land zu ziehen, konnte er den Burschen verstehen. Zwei Monate lang waren sie insgesamt etwa 250 Kilometer weit marschiert und standen jetzt kurz vor Wolfenbüttel.
Unterwegs war es zum Zusammenschluss der Kompanien mit dem Regiment von Gottfried Heinrich zu Pappenheim gekommen. Peter war von der Disziplin im Heer des Obristen beeindruckt. Die Männer schienen stolz zu sein, mit ihrem Feldherrn in die Schlacht ziehen zu dürfen. Zu Pappenheim selbst hatte der Gefreite nur einmal kurz gesehen, als er auf seinem weißen Schlachtross an ihm vorbeigeritten war.
Während der Oberst selbst seine Zelte in einem kleinen Dorf namens Stöckheim aufschlug, zog das Regiment direkt vor die Stadt Wolfenbüttel, die bereits von den Kaiserlichen belagert wurde.
Es wurden Zelte aufgeschlagen, die Wagen befestigt und es dauerte nicht lange, bis die ersten Lagerfeuer entfacht waren. Peter hatte selten erlebt, dass sich aus dem scheinbar heillosen Durcheinander so schnell ein gut organisiertes Heerlager entwickelte, in dem jeder seinen Platz hatte. In Italien hatten die Söldner unter deutlich schlechteren Umständen gehaust.
Gemeinsam mit seinem Weib hatte Peter ebenfalls das Zelt aufgebaut. Wie immer fand es in der Nähe des Küchenwagens seinen Platz. Während er selbst die komplette Strecke hatte laufen müssen, war Anna gemeinsam mit dem Koch gefahren, der ein kräftiges Pferd vor seinen Wagen gespannt hatte.
Wolfenbüttel galt als uneinnehmbare Stadt. Peter glaubte nicht daran, dass es ihnen gelingen konnte, sie zu stürmen. Dafür waren die dänischen Verteidigungsanlagen zu massiv und die feindlichen Geschütze zu zahlreich. Auf der anderen Seite war es dem Feind aber auch kaum möglich, einen Ausfall zu machen. Der Ring, den die rund zehntausend Söldner der Kaiserlichen gezogen hatten, war dafür zu dicht.
Zu Pappenheim würde die Stadt so lange belagern, bis sich deren Bürger freiwillig ergaben, weil sie in Wolfenbüttel nichts mehr zu essen fanden. Das konnte noch einige Monate dauern. Vielleicht würden sie sogar vor den Mauern der Stadt überwintern. Peter sollte das recht sein. Solange sie genug zu essen hatten, brauchte sich seiner Auffassung nach nichts an der derzeitigen Lage ändern.
***
»Runter!«, schrie Peter am nächsten Tage, kurz vor der Abenddämmerung, warf sich zu Boden und riss dabei einen seiner Männer mit. Keine Sekunde später schlug eine Kanonenkugel am Rand des Laufgrabens ein. Dreck und kleinere Steine spritzen zur Seite und trafen die Männer, die auf dem Bauch lagen und die Arme über dem Kopf verschränkt hatten.
»Das war knapp«, sagte Peter und schaute vorsichtig über den Rand des Laufgrabens nach Wolfenbüttel. Von dort aus feuerten die Geschütze eine weitere Salve auf die Belagerer ab, richteten aber keinen Schaden an. »Los weiter«, befahl der Gefreite. »Wir sollten aus diesem Loch verschwinden, bevor die Dänen das Zielen gelernt haben.«
»Danke«, stotterte Josef Renz, dem Peter soeben das Leben gerettet hatte. Der Mann zitterte am ganzen Körper und kroch erst weiter, als der Gefreite ihn nach vorne stieß.
Die Söldner waren froh, den Graben nach einem langen Tag darin endlich verlassen zu dürfen. Er war eine Verbindung zur Schanze, die gerade rund hundert Meter vor der Stadtmauer ausgehoben wurde. Zu Pappenheim und die anderen Offiziere wollten einen weiteren Kreis um Wolfenbüttel ziehen, um die dänische Besatzung an einem Angriff auf den äußeren Ring der Kaiserlichen zu hindern.
Der Laufgraben teilte sich vor der Schanze in beide Richtungen. Die Aufgabe von Peter und seinen Männern war es gewesen, weitere Erde auszuheben und aufzuwerfen. Eine Kompanie der Kaiserlichen stand zum Schutz ihrer Kameraden parat und war bereit, sofort eine Musketensalve abzuschießen, sollten sich feindliche Angreifer nähern. Gegen die Kugeln aus den Kanonen waren die Soldaten allerdings machtlos. Bisher hatten sie an diesem Tag nicht weniger als ein Dutzend Männer verloren.
Die unerträgliche Mittagshitze hatte den Söldnern ihre Aufgabe nicht leichter gemacht. Jetzt freute sich Peter darauf, sich den Staub des Grabens mit einem Krug Bier aus der Kehle zu spülen. Als er sich dem Wagen des Kochs näherte, der gerade einen Eintopf für die Männer zubereitete, spürte er, dass etwas nicht stimmte. Wo war sein Weib?
Normalerweise wurde Peter immer von Anna erwartet, wenn er am Abend zu ihr kam. Meistens lief sie ihm sogar freudig entgegen. Heute konnte er sie nicht sehen und auch sonst war es im Lager deutlich ruhiger, als er es gewohnt war. Hier stimmte etwas nicht.
Peter ließ die Schaufel fallen und rannte zu seinem Zelt. Schon bevor er die Plane zur Seite schob, hörte er das leise Stöhnen. Anna war also hier. Als er eintrat, sah er sie mit angezogenen Beinen auf der Seite liegen. Eine Hand hatte sie auf den Bauch gepresst, die andere lag auf ihrer verschwitzten Stirn.
Der Gefreite ging neben ihr in die Hocke und streichelte ihr zärtlich über die Wange. »Was ist mir dir?«
»Mein Magen verkrampft sich«, antwortete Anna stockend. »Und mir ist entsetzlich heiß.«
»Ich werde dir einen Becher Wasser holen.«
»Nein. Bleib hier«, entgegnete Anna gepresst, als sich Peter von ihr wegdrehte. »Ich kann nichts trinken.«
»Aber du musst. Ich bin gleich wieder da.«
Als Peter mit dem Wasser zurückkehrte, hatte sich an Annas Lage nichts geändert. Besorgt schaute er auf die Schweißperlen auf ihrer Stirn. Er wünschte sich, ihr helfen zu können, wusste aber nicht, was er tun sollte. Mit Mühen schaffte sie es, einen kleinen Schluck Wasser zu trinken. Peter nahm den Becher von ihrem Mund und stellte ihn neben sich auf den Boden.
Er blieb neben Anna sitzen und wischte ihr den Schweiß von der Stirn, sobald dort neue Tropfen erschienen. Seine Sorge wuchs immer mehr. Sie glühte am ganzen Körper und alles, was er tun konnte, war bei ihr zu sein.
Als Anna endlich einschlief, stand Peter auf, verließ das Zelt und ging zu einem der Feldscher. Auch wenn die sich eher mit Knochenbrüchen und Verwundungen durch Musketenkugeln auskannten, hoffte er, dass der Mann ihm helfen konnte. Von ihm erfuhr der Gefreite, dass mehrere Menschen im Lager erkrankt waren. Alle litten unter Magenkrämpfen und Fieber.
»Gibt es denn nichts, was ich tun kann?«, fragte Peter verzweifelt.
»Nichts außer beten«, antwortete der Bader. »Bisher ist keiner an der Krankheit gestorben. Wir können nur hoffen, dass dies auch so bleibt.«
***
Als Anna am nächsten Morgen erwachte, ging es ihr etwas besser und sie war zumindest in der Lage, einige Schlucke Wasser zu trinken. Zwar glühte sie noch immer am ganzen Körper, aber zumindest die Magenkrämpfe hatten nachgelassen. Voller Sorge hatte Peter die ganze Nacht wach bei Anna gelegen. Er wünschte so sehr, er könne mehr für sie tun.
»Du musst sofort zum Hauptmann kommen«, hörte Peter plötzlich die Stimme am Eingang seines kleinen Zeltes. Er hatte nicht gehört, wie Hannes hereingekommen war, und fuhr daher erschrocken hoch.
»Was ist los?«
»Das weiß ich nicht. Alle Unteroffiziere sind beim Hauptmann.«
Müde stand Peter auf. Wenn Hans Heinrich Kelman seine Offiziere versammelte, hatte er etwas Wichtiges mitzuteilen und der Gefreite musste dem Befehl folgen. Auch wenn er sich ganz unten in der Befehlskette befand, durfte er diese Position nicht aufs Spiel setzen. Sollte man ihn zum einfachen Söldner degradieren, würde er nur noch die Hälfte seines Soldes bekommen. Gerade jetzt, wo Anna krank war, brauchten sie aber jeden Taler.
Peter war der Letzte, der zu der Versammlung dazustieß, und fing sich dafür einen tadelnden Blick des Hauptmannes ein.
»Es befinden sich etwa zweitausend dänische Soldaten in Wolfenbüttel«, begann Kelman seinen Bericht. »Damit sind wir dem Feind fünf zu eins überlegen. Dennoch gilt die Stadt als uneinnehmbar. Die Befestigungen sind zu stark, als dass wir sie mit unserem Heer erstürmen könnten.«
Die Anwesenden sahen ihren Offizier neugierig an. Bisher hatte er ihnen nur berichtet, was sie bereits wussten. Wenn Kelman, der ansonsten als wortkarg galt, aber so weit ausholte, musste es um wichtige Entscheidungen zu Pappenheims gehen, die der Hauptmann seinen Männern mitteilen wollte. Peter betete innerlich, dass der Obrist die Belagerung nicht abbrechen würde. In ihrem jetzigen Zustand würde Anna einen weiteren Marsch nicht überstehen.
»Wir werden einen Damm errichten und die Stadt fluten«, erklärte Kelman. Der Hauptmann wartete einen Moment, bevor er weitersprach und schien zu beobachten, wie seine Worte auf die Offiziere wirkten. Einige von ihnen stießen überraschte Rufe aus, andere sahen Kelman mit weit aufgerissenen Augen an. Bevor das leise Getuschel unter den Männern ausufern konnte, sprach der Hauptmann weiter.
»Der Damm soll unterhalb der Stadt auf einer Länge von mindestens dreihundert Metern zwischen Groß Stöckheim und Leiferde errichtet werden und die Oker so lange aufstauen, bis Wolfenbüttel überschwemmt wird. Dann wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis die dänischen Ratten die Stadt verlassen.«
Jetzt konnte Kelman nicht mehr verhindern, dass die Offiziere wild durcheinander sprachen. Es war vor allem die Frage, wer diesen Damm errichten sollte, der die Rufe der Männer bestimmte. Der Hauptmann hob die Hand, um anzuzeigen, dass er mit seiner Ansprache noch nicht fertig war.
»Oberst zu Pappenheim wollte den Damm von Bauern und Zimmerleuten aus Braunschweig bauen lassen, doch die Stadt weigert sich, der Bitte nach Hilfe nachzukommen. Daher wurden Boten nach Goslar geschickt. Von dort aus werden eintausend Männer hierherkommen und die Arbeit aufnehmen. Das Bauholz wird aus dem Harz geliefert.«
Peter hörte den Worten des Hauptmannes gespannt zu. Das geplante Unterfangen würde sehr viel Zeit kosten. Die Belagerung von Wolfenbüttel würde also noch lange andauern. Er hoffte, dass sich Anna von ihrer Krankheit erholen konnte, bevor die Verteidiger der Stadt besiegt waren und das kaiserliche Heer ins Winterquartier zog.
»Bis zum Beginn der Arbeiten am Damm wird es keine größeren Angriffe auf Wolfenbüttel geben«, erklärte Kelman. »Die Stadt wird aber weiter beschossen, um den Feind von unserem Vorhaben abzulenken. Unsere Aufgabe wird es sein, die Bauern, die am Damm arbeiten, zu schützen.«
Der Hauptmann forderte nun die ihm direkt untergeordneten Offiziere auf, ihn in sein Zelt zu begleiten, um weitere Befehle entgegenzunehmen. Die Anderen durften sich entfernen. Peter hatte es eilig, zurück zu seinem Weib zu kommen. Voller Sorge stürmte er in das Zelt und wurde dort von Anna mit einem müden Lächeln begrüßt.
Als er sah, dass sich ihr Zustand zumindest nicht verschlechtert hatte, spürte Peter eine Welle der Erleichterung in seinem Körper. Er erzählte ihr vom Plan des Kommandanten. Genau wie er selbst, war Anna gespannt darauf, was in den nächsten Wochen passieren würde. Wenn es tatsächlich gelang, Wolfenbüttel zu überfluten, könnten die feindlichen Soldaten so aus ihrem Bau getrieben werden. Es war aber mehr als fraglich, ob es für die Kaiserlichen noch etwas zu plündern gäbe, wenn die Stadt längere Zeit unter Wasser stand.
Köln, 07. September 1627
Spee saß in der Kirche St. Peter und wartete auf Karina Brandl. Es war bereits über eine Viertelstunde her, dass die Glocken zur dritten Mittagsstunde geschlagen hatten, zu der er sich mit der Hebamme zur Beichte verabredet hatte. Der Pater war unschlüssig. In der letzten Woche war Karina schon kurz vor der vereinbarten Zeit in der Kirche erschienen. Es passte nicht zu ihr, dass sie sich verspätete.
Natürlich konnte Karina gute Gründe haben, warum sie an diesem Tag nicht pünktlich zur Beichte kam. Gerade als Hebamme war es ihr sicher nicht immer möglich, jede Verabredung einzuhalten. Mit jeder Minute, die verging, wuchs aber die Sorge in Spee. Bisher hatte er sich immer auf sein Bauchgefühl verlassen können. Dieses sagte ihm heute nichts Gutes.
Er wartete noch eine halbe Stunde und ging dann zu Pater Arnold Meshow, der ihm sicher sagen konnte, wo Karina Brandl lebte. Wenn die Hebamme nicht dort war, würde sie sich vermutlich bei einer Niederkunft befinden. Dann wollte Spee ins Tricoronatum zurückkehren.
»Wenn Ihr direkt vor der Kirche die Straße entlanggeht, und bei der ersten Möglichkeit links abbiegt, seht Ihr ein kleines Haus am Ende des Weges. Dort wohnt Karina mit ihrer Mutter.«
»Ich danke Euch.«
Er brauchte keine zwei Minuten, um sein Ziel zu erreichen und merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Haustür stand einen Spaltbreit offen. Obwohl die Sonne hoch am Himmel stand und auf die Stadt herunterstrahlte, schien eine dunkle Wolke über dem Ort zu liegen. Der Jesuit wusste, dass er sich dies nur einbildete, dennoch wuchs seine Angst um Karina weiter an.
Zunächst zögerte Spee, das Haus zu betreten. Irgendetwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu. Was würde er finden, wenn er die Räume durchsuchte? Durfte er dies überhaupt tun? Es stand ihm nicht zu, das Heim dieser Menschen ohne deren Erlaubnis zu betreten. Was aber, wenn sie seine Hilfe brauchten? Er glaubte nicht, dass Karina oder ihre Mutter die Tür absichtlich offengelassen hatten.
Plötzlich hörte Spee ein leises Wimmern aus dem Innern des Hauses. Es war also jemand da. Jetzt gab er seine zögerliche Haltung auf und betrat das Haus. Sein Weg führte ihn durch einen Wohnraum in eine kleine Küche. Dort sah er eine alte Frau auf einem Stuhl sitzen. Sie hatte die Arme auf den Tisch gelegt und den Kopf darin vergraben. Wieder stieß sie ein leises Wimmern aus.
»Frau Brandl«, sprach Spee die Unbekannte an. Für ihn stand fest, dass es sich um Karinas Mutter handeln musste. Wo aber war die Hebamme?
»Was wollt Ihr denn noch?«, fragte die Alte mit leiser Stimme, nachdem Spee sie ein zweites Mal angesprochen hatte.
»Ich muss mit Eurer Tochter sprechen.«
Die Antwort des Paters schien Karinas Mutter zu überraschen. Endlich hob sie den Kopf und sah den Besucher aus verheulten Augen an. »Ihr habt sie doch heute erst von hier weggeholt.«
»Was ist geschehen?« Spee spürte, wie ihm ein eisiger Schauer über den Rücken lief. Was wollte die Alte damit sagen? Ein furchtbarer Verdacht keimte in seinen Gedanken auf. Der Pater betete, dass sich dieser nicht bestätigen würde.
»Es sind drei Männer gekommen«, sagte Frau Brandl stockend. »Einer hat Karina angeschrien und etwas von Hexerei gesagt. Dann haben die anderen beiden mein Mädchen gepackt und aus dem Haus gezerrt.«
In Spees Kopf überschlugen sich nun die Gedanken. Karina eine Hexe? Das konnte und durfte nicht stimmen! Er dachte an die Angst, welche die Hebamme schon bei ihrer ersten Beichte geäußert hatte. Der Jesuit war sich sicher gewesen, dass diese unbegründet gewesen war. Jetzt wurde er eines Besseren belehrt. Die Worte Ostermanns kamen ihm in den Sinn. Für den Kommissar würde Karina bereits jetzt als schuldig gelten. Es spielte keine Rolle mehr, was sie aussagen würde. Gab es überhaupt noch eine Möglichkeit, die Hebamme zu retten?
Es tat Spee leid, Karinas Mutter alleine lassen zu müssen. Jetzt war ihre Tochter aber wichtiger. Er beschloss, Arnold Meshov zu bitten, sich um die Alte zu kümmern. Die Frau brauchte Hilfe. Wenn sich herumsprach, dass man ihre Tochter wegen Hexerei verhaftet hatte, würden sich die Nachbarn von ihr abwenden. Der Priester würde wissen, was zu tun war. Spees erstes Ziel aber war der Frankenturm. Er musste mit der Hebamme sprechen. Sofort!
***
»Ihr kommt zu spät«, sagte der Wärter und sah Spee gelangweilt an. »Die Hexe ist schon lange in den Kunibertsturm gebracht worden.«
»Ihr sprecht von Sonja Koch?«
»Wenn das ihr Name ist. Eine andere Hexe war nicht hier.«
»Was ist mit Karina Brandl?« Spee fiel es schwer, sich zu beherrschen. Am liebsten hätte er den Wärter am Kragen gepackt und ihn so lange geschüttelt, bis er endlich mit der Sprache herausrückte. Alleine die Tatsache, dass er die Frauen als Hexen bezeichnete, obwohl ihre Schuld noch nicht erwiesen war, machte den Pater rasend. Wenn er aber weitere Informationen von dem Wärter erhalten wollte, durfte er jetzt nicht mit ihm streiten.
»Die kenne ich nicht.«
»Wie viele Frauen sind derzeit im Frankenturm gefangen?«
»Keine. Die letzte Hexe war diese Koch.«
»Wer sagt, dass sie eine Hexe ist?«, fragte Spee, der sich jetzt doch nicht mehr beherrschen konnte, ärgerlich.
»Sie selbst hat es gestanden.«
Spee sah den Wärter entsetzt an. Er dachte an das Gespräch, das er mit Sonja Koch geführt hatte. Er war sich sicher gewesen, dass sie zu Unrecht in das Gefängnis gebracht worden war. Nun hatte sie ihre Schuld zugegeben. Wieso hatte sie das getan? Er musste unbedingt noch einmal mit der Frau sprechen.
Der Jesuit sah ein, dass der Wärter ihm nicht mehr weiterhelfen konnte. Er musste zum Kunibertsturm. Vielleicht fand er dort auch Karina Brandl. Er verabschiedete sich von dem Wärter, der ihm eine unverständliche Antwort zugrunzte, und eilte aus dem Kerker.
Als er sein Ziel erreichte, sah Spee Peter Ostermann, der den Turm gerade betreten wollte, aber stehen blieb, als er den Jesuiten näher kommen sah.
»Was habt Ihr denn hier zu schaffen?«, sagte der Hexenkommissar unfreundlich. Die Stirn des Mannes zog sich bis auf den haarlosen Kopf in Falten, als er den Jesuiten abfällig ansah. Seine Augen sagten deutlich, dass der Mann nicht mit Spee sprechen wollte. Weder jetzt noch zu einem späteren Zeitpunkt.
»Ich möchte zu Karina Brandl.«
»Ich fürchte, dass dies nicht möglich sein wird.«
»Was soll das heißen?« Spee war fest entschlossen, sich nicht so ohne Weiteres abwimmeln zu lassen. Er brauchte Antworten.
»Wir wollen das Weib heute der peinlichen Befragung unterziehen.«
»Ihr wollt sie foltern«, entgegnete Spee verächtlich.
»Ein sehr probates Mittel, wenn es um die Wahrheitsfindung geht«, sagte Ostermann selbstsicher.
»Was wirft man ihr vor?«
»Sonja Koch hat angegeben, dass die Brandl ihr Kind verhext hat.«
»Das ist völlig absurd«, antwortete Spee ärgerlich. »Das gleiche Verbrechen habt Ihr Sonja Koch selbst vorgeworfen. Es kann nicht sein, dass der Knabe von zwei Frauen verzaubert worden ist.«
»Unter der Folter sagen selbst Hexer und Ketzer die Wahrheit. Es ist nicht meine Aufgabe, die Beweggründe des Satans zu verstehen. Mein Ziel ist es, dieses Übel auszumerzen.«
Die oberlehrerhafte Art, mit der Ostermann diese Worte sprach, machte Spee noch zorniger. »Jedem Angeklagten steht es zu, von einem Anwalt vertreten zu werden«, sagte er, um Fassung bemüht. »Ich werde diese Aufgabe übernehmen. Für Karina Brandl und für Sonja Koch.«
»Die Hexerei ist ein Ausnahmeverbrechen.«
»Was soll das nun wieder bedeuten?«
»Die besondere Schwere der praktizierten Hexerei erfordert besondere Maßnahmen. Wer sich dieses Verbrechens schuldig macht, hat das Recht auf einen Anwalt verwirkt.«
Der Jesuit glaubte, sich verhört zu haben. Am liebsten hätte er laut losgeschrien und wäre auf den Juristen losgegangen. Ostermann musste ein intelligenter Mensch sein. Sonst hätte er es niemals geschafft, in eine solche Position zu kommen. Wie konnte es sein, dass er nun solch einen Unfug redete und auch noch daran glaubte?
»Wie sollen sich diese Menschen dann verteidigen?« Spee sprach mit ruhiger Stimme, die in absolutem Gegensatz dazu stand, wie es in seinem Innern aussah. Er war sehr gespannt, welche Antwort ihm der Hexenkommissar nun geben würde, doch der wich der Frage aus.
»Ihr solltet Euch aus diesen Dingen heraushalten und das Gericht seine Arbeit tun lassen«, sagte Ostermann entschieden. »Geht zurück ins Tricoronatum. Dort werdet Ihr dringender gebraucht als hier.«
»Ich möchte mit Karina Brandl sprechen«, beharrte Spee auf seiner Forderung.
»Ich habe Euch bereits gesagt, dass dies nicht möglich ist.«
»Was ist mit Sonja Koch?«
»Die wird noch in dieser Woche auf den Scheiterhaufen geführt.«
»Lasst mich ihr die Beichte abnehmen.«
»Es ist Sache des Provinzials zu entscheiden, wer diese Aufgabe übernimmt. Ihr dürft gerne bei ihm vorsprechen und ihn darum bitten.«
Ostermann sah den Jesuiten geringschätzig an und öffnete die Tür zum Kunibertsturm. »Ich habe zu tun«, sagte er zum Abschied. »Und auch für Euch gibt es sicher noch andere Aufgaben.«
Fassungslos blieb Spee alleine vor dem Turm zurück. Er ärgerte sich maßlos über die Art und Weise, wie er von dem Hexenkommissar zurückgewiesen worden war. Ostermann war so davon überzeugt, im Recht zu sein, dass die Argumente des Jesuiten an ihm abprallten wie ein geworfener Stein an einem Baumstamm.
Trotz allem musste Spee einsehen, dass er an diesem Tag nicht mehr zu einer der beiden Frauen vorgelassen werden würde. Deshalb machte er sich auf den Weg zum Tricoronatum. Mit einem hatte Ostermann recht: Der Pater musste sich tatsächlich um seine Schüler kümmern.
***
»Ihr dürft Euch das Schicksal dieser Frauen nicht so sehr zu Herzen nehmen«, sagte Goswin Nickel streng, der Spee am nächsten Morgen noch vor dem ersten Unterricht zu einem Gespräch in sein Amtszimmer geordert hatte. »Sie haben sich eines schweren Vergehens schuldig gemacht und müssen dafür bestraft werden.«
»War Peter Ostermann bei Euch?«
»Er hat sich über Euch beschwert und mich darauf hingewiesen, dass Ihr selbst gefährdet seid, wenn Ihr Euch weiter auf die Seite der Hexen stellt.«
»Ich glaube nicht an die Schuld dieser Frauen«, sagte Spee bestimmt.
»Es ist aber nicht Eure Aufgabe, darüber zu befinden.«
Goswin Nickel schaute Spee verärgert an. Der wollte sich aber nicht schon wieder so leicht von seinem Vorhaben abbringen lassen und schüttelte ärgerlich den Kopf.
»Soll ich denn untätig zusehen, wie Menschen gefoltert werden, damit sie Dinge gestehen, die sie nicht getan haben?«
»Genau das solltet Ihr tun«, schrie Nickel und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Seid Ihr so verblendet, dass Ihr nicht sehen wollt, welche schrecklichen Dinge die Frauen getan haben? Diese Sonja Koch hat gestanden.«
»Nachdem man sie auf das Grausamste gefoltert hat«, rief Spee verzweifelt.
»Die peinliche Befragung ist eben manchmal ein notwendiges Werkzeug.«
»Genau das hat Ostermann auch gesagt.«
»Weil er recht hat.«
Spee rang um Fassung. Sah denn niemand, welch schreckliches Unrecht hier geschah? »Er hat selbst zugegeben, dass bisher noch nie eine der besagten Frauen für unschuldig erklärt wurde. Selbst wenn sie die Folter durchstehen, werden sie auf den Scheiterhaufen geführt, weil die Kommissare behaupten, der Teufel hätte ihnen geholfen, die Tortur zu überleben. Aus diesem Kreislauf kann niemand entkommen.«
Spee sah in das zornesrote Gesicht von Nickel und erkannte, dass es ihm nicht gelingen konnte, den Superior zu überzeugen. Er atmete tief durch und zwang sich zur Ruhe. »Ich bitte Euch nur um einen Gefallen«, sagte er schließlich. »Lasst mich zu Sonja Koch gehen und ihr die letzte Beichte abnehmen.«
»Ihr gebt wohl nie Ruhe«, sagte Nickel und sah den Pater nun fast traurig an.
»Das kann ich nicht.«
»Wenn Ihr mir versprecht, Peter Ostermann danach in Frieden zu lassen, schicke ich Euch zu Sonja Koch. Danach will ich aber nichts mehr von unschuldig inhaftierten Frauen hören!«
Spee nickte nur. Er konnte Nickel das geforderte Versprechen nicht geben. Er wusste, dass er dies niemals würde halten können. Der Superior bestand zu seiner Erleichterung nicht darauf, dass er seine Zustimmung auch aussprach, und wechselte stattdessen das Thema.
»Ich hatte eine weitere Besucherin«, berichtete Nickel ruhig. »Ida Schnabel war hier und hat nach dem nächsten Andachtsblatt gefragt.«
»Sie wird es noch heute bekommen«, sagte Spee, obwohl er das Blatt noch nicht fertiggestellt hatte. Für diesen Tag hatte er sein gutes Verhältnis zum Superior schon genug belastet. Er wollte ihn nicht weiter verärgern.
»Bei allem Verständnis dafür, dass Ihr den verwirrten Seelen das letzte Geleit geben wollt, bitte ich Euch, Eure anderen Aufgaben nicht zu vernachlässigen. Geht jetzt zu Euren Schülern. Sie werden sicher bereits auf ihren Lehrer warten.«
***
Entsetzt schaute Spee auf den halbnackten Körper von Sonja Koch, die seitlich in ihrem eigenen Erbrochenen lag. Ihre Haare waren geschoren und an der Kopfhaut waren mehrere kleinere Wunden zu sehen. Der Körper war mit blauen Flecken übersät. Ihr linker Fuß war unterhalb des Knöchels zur Seite gebogen.
Sonja Kochs Anblick brannte sich fest in die Erinnerungen des Jesuiten ein. Niemals würde er dieses menschenverachtende Bild vergessen. Er beugte sich zu ihr herunter und berührte sie sanft an der Schulter. Die Frau zuckte zusammen, zog die Beine bis zu ihrem Bauch an und umklammerte sie mit dem linken Arm.
Als Spee sie erneut berührte, stieß sie einen spitzen Schrei aus.
»Geht weg!« Sonja Kochs Stimme überschlug sich fast und sie hieb mit ihrer Linken nach hinten aus. »Ich habe Euch alles gesagt. Lasst mich endlich in Ruhe sterben.«
»Ich bin es, Pater Spee. Ich möchte nur mit dir sprechen.«
Der Jesuit wusste nicht, ob die Frau ihn erkannte, oder ob es an seiner sanften Stimme lag, dass sie sich tatsächlich zu ihm umdrehte und die Augen öffnete. Als er ihr Gesicht sah, bekreuzigte sich Spee. Die Lippen waren an mehreren Stellen aufgeplatzt. Die Nase saß schief und war dick geschwollen. In ihren blutunterlaufenen Augen steckte kaum noch Leben.
»Ihr kommt zu spät«, sagte sie so leise, dass Spee sich herunterbeugen musste, um sie zu verstehen. »Jetzt könnt Ihr mir nicht mehr helfen.«
»Ich will dir eine letzte Beichte abnehmen und werde dir danach die Absolution erteilen.«
»Wozu?«
»Damit du dem Herrn mit reiner Seele gegenübertreten kannst.«
»Das spielt jetzt auch keine Rolle mehr.«
»Versündige dich nicht, mein Kind«, sagte Spee. Besorgt schaute er auf Sonja Koch hinab. Offensichtlich hatten die Folterknechte nicht nur ihren Körper gebrochen, sondern auch ihren Geist.
»Schlimmer als das, was ich hier unten erlebt habe, kann auch die Hölle nicht sein.«
»Sag so etwas nicht. Gott wird dir deine Sünden verzeihen. Du darfst dich nicht von ihm abwenden.«
»Welche Sünden? Ich habe nichts getan.«
Sonja Kochs Stimme klang monoton und war kaum zu verstehen. Sie hatte jegliche Kraft verloren. Spee schaute in ihre leeren Augen und spürte, dass seine Worte die Frau nicht mehr erreichen würden. Was auch immer er nun zu ihr sagen mochte, sie hatte kein Vertrauen mehr in ihn oder in Gott. Der Jesuit hatte einen Menschen vor sich, der längst mit dem Leben abgeschlossen hatte.
»Warum hast du gegen Karina Brandl ausgesagt?«, stellte Spee die Frage, die ihn ein zweites Mal zu Sonja Koch geführt hatte.
»Habe ich das?«
»Die Hexenkommissare haben sie verhaftet.«
»Ich weiß es nicht. Ich wollte nur, dass die entsetzlichen Schmerzen aufhören. Da habe ich den Männern gesagt, was sie hören wollten. Und jetzt lasst mich alleine.«
»Du musst deine Aussage gegen Karina Brandl zurücknehmen.«
»Nein!«, ächzte Sonja Koch und versuchte vergeblich, Spees Hand wegzuschlagen. »Wenn ich das tue, werden sie mich erneut foltern.«
»Karina Brandl ist genauso unschuldig wie du«, sagte Spee. »Nur du kannst ihr Leben jetzt noch retten.«
»Das könnt Ihr nicht von mir verlangen. Ich weiß, dass ich sterben muss. Davor habe ich aber jetzt keine Angst mehr.«
Spee wollte widersprechen. Er wollte der Frau sagen, dass sie das Leben einer Unschuldigen retten musste. Aber er schwieg. Sie würde vor ihm keine Aussage mehr machen. Lieber schwieg sie und besiegelte damit das Schicksal der Hebamme, als dass sie sich selbst einer weiteren Tortur aussetzen ließ.
Schweren Herzens legte der Jesuit Sonja die Hand auf die Stirn. »Deine Sünden sind dir verziehen. Möge Gott deiner Seele gnädig sein.«
Spee stand auf und rief nach dem Wärter, damit der ihn aus der Zelle herausließ. Er ging aus dem Turm und lief, ohne sich noch einmal umzusehen, die Straße entlang. Dabei wurden seine Schritte immer schneller. Schließlich rannte er, als wäre der Leibhaftige persönlich hinter ihm her. Er erreichte den Park vor dem Tricoronatum und schaffte es gerade noch, hinter einer Hecke auf die Knie zu gehen, bevor sein Magen rebellierte und er alles aus sich heraus brach.
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