Kitabı oku: «Die Stadt mit dem großen Herzen»

Yazı tipi:

Jør­gen Gunne­rud

1

Kommissar Moen saß in der Vermisstenabteilung der Osloer Polizei. Die Abteilungschefin legte ihm einen Ordner auf den Tisch.

»Wir möchten, dass Sie sich das mal ansehen«, sagte sie und ging hinaus.

Er öffnete den Ordner und las: »Linn Fostervoll. 37 Jahre. 1,67 Meter groß. Schlank. Kurzes und fülliges, mittelblondes Haar. Kleidung: enge Jeans, geblümte Tunika, kurze dunkle Lederjacke. Flache braune, halbhohe Stiefel.«

Moen studierte eine Reihe von Familienfotos, die eine schlanke, fast magere Frau zeigten, wobei er sie in Gedanken als sportlich, athletisch und eigentlich etwas jungenhaft charakterisierte.

Er konzentrierte sich auf die grundlegenden Tatbestände. Ihre zwölfjährige Tochter war die Letzte, die Linn Fostervoll gesehen hatte. Die Mutter hatte sie am Dienstag, dem 28. Mai um 8.45 Uhr an der Ruseløkka Schule abgesetzt. Nach Aussage Linns engster Angehöriger hatte sie die Angewohnheit, sich jeden Monat einen Tag freizunehmen, gern einen Dienstag, um Lebensmittel im Nachbarland einzukaufen. Sie war sparsam.

Am 30. Mai hatte ein älteres Ehepaar den Lensmann in Bjørkelangen angerufen und einen roten Opel Corsa gemeldet, der seit drei Tagen auf einem Parkplatz an der Landstraße 21 stand, gleich neben seinem Ferienhaus. Der Lensmann hatte angekündigt, sich bei nächster Gelegenheit um die Sache kümmern zu wollen, doch hatten seine Alarmglocken geläutet, als er hörte, dass der Wagen nicht abgeschlossen war und eine Damenhandtasche auf dem Vordersitz lag.

Als die Polizei zum Fundort gekommen war, hatte es so ausgesehen, als hätte die Autobesitzerin nur mal eben den Wagen verlassen. Die Autoschlüssel hatten gefehlt, doch die Handtasche war da gewesen, und im Portemonnaie hatte alles noch dringesteckt: Geld, Karten und Quittungen vom Olaf-Thon-Shoppingcenter in Charlottenberg, Schweden. Im Kofferraum hatten die Einkäufe gelegen. Moen warf einen Blick auf die Liste. Zu den Artikeln gehörten unter anderem vier Kartons Billigwein, weiß, eine halbe Flasche Gin und eine Flasche trockener Martini, zwei Stangen Marlboro light, außerdem Hühnerfilet, Entenbrust, Hamburger, Maiskonserven und Süßigkeiten.

Moen sah von den Unterlagen auf. Er wusste, dass dies praktisch alles war, was die gründlichen, von den Medien aufmerksam verfolgten Ermittlungen ergeben hatten. Die Hinterlassenschaften einer gewöhnlichen norwegischen, alleinerziehenden Mutter auf einer Einkaufstour in Schweden. Niemand hatte sie in der Gegend gesehen. Sie war schlicht und einfach verschwunden. Am Ende hatte die Osloer Polizei das einzig Vernünftige getan und die Ermittlungen eingestellt, womit die Sache nun Teil des umfangreichen kriminalpolizeilichen Archivs über vermisste Personen war – über Personen also, die selten oder nie wieder auftauchten.

Unter normalen Umständen würde sich die Öffentlichkeit früher oder später mit dem Aufgeben der Polizei abgefunden haben, doch dieser Fall hatte eine zusätzliche Dimension: Linn Fostervoll war Journalistin und arbeitete beim Fernsehen. Sie war Redaktionsmitarbeiterin der Sendung Brennpunkt im NRK. Jetzt, da die Sache anscheinend eingestellt war, musste man kein Meteorologe sein, um den Mediensturm schon aufziehen zu sehen.

Knut Moen war beauftragt, sich dieser Sache anzunehmen. Plötzlich betrachtete er seinen neuen Aufgabenbereich aus einer anderen Perspektive und mochte nicht, was er da sah. Er fragte sich, wieso ausgerechnet er hier in der Abteilung für vermisste Personen saß, mit Linn Fostervolls Akte vor sich auf dem Tisch. War er nun derjenige, der alles ausbaden sollte?

2

Es gab einen Grund, weshalb er so dachte. Zwei Tage zuvor war er zu seinem Abteilungsleiter gegangen und hatte um einen Aufgabenbereich gebeten, der nicht so viele Reisen erforderte. Moens Verhältnis zum Abteilungsleiter war nicht besonders gut, und da seine Aversion allgemein bekannt war, hätte er die Reaktion, die darauf gefolgt war, vielleicht vorhersehen müssen.

Jetzt saß er hier, leicht verwirrt und in eine andere Abteilung versetzt, und fragte sich, ob er eine Dummheit begangen hatte, schob den Gedanken aber zur Seite. Mit einem etwas vagen Auftrag hatte man ihn weggeschickt: Er sollte die durchgeführte Ermittlung in der Fostervoll-Sache evaluieren. Im Zuge dessen war die Rede von Qualitätssicherung gewesen und, dass er der richtige Mann für diese Aufgabe sei. Moen dachte einen Augenblick an seinen alten Job, resignierte jedoch und machte sich über den Papierberg her.

Der erste Schritt der Ermittler hatte darin bestanden, einen Zeitpunkt einzukreisen. Wann hatte sie den Wagen verlassen? Offenbar hatte sie sich nicht die Zeit genommen, in ein Café zu gehen. Es gab keine Quittungen, die das belegt hätten. Ging man also davon aus, dass sie ihre Einkäufe erledigt hatte und gleich wieder gefahren war, dann war sie wohl irgendwann gegen vierzehn Uhr auf dem Parkplatz angekommen. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt, so die Annahme, hatte sie angehalten und war aus dem Auto gestiegen, eine halbe Stunde Zeitpuffer für beide Wege mit eingerechnet. Das aufmerksame ältere Ehepaar hatte den Wagen zum ersten Mal am 28. Mai um achtzehn Uhr gesehen. Das Mobiltelefon in der Handtasche hatte für den Zeitraum, in dem sie sich in Schweden befunden hatte, keine Gespräche verzeichnet, und die unbeantworteten Anrufe aus der Liste gaben keine Anhaltspunkte und stammten von der Familie oder der Arbeitsstelle. Die kriminaltechnische Untersuchung hatte ansonsten nur einen Haufen vager Spuren ergeben.

Die Ermittlungen waren eine gut organisierte Zusammenarbeit des Lensmanns in Bjørkelangen und der Kripo in Oslo gewesen. Es war nicht zu leugnen, dass man in erster Linie an Selbstmord gedacht hatte. Jahr für Jahr gab es überaus raffinierte Inszenierungen, in denen sich die Verschwundenen zuerst in Luft auflösten, um dann an einem Baum oder in einem See aufgefunden zu werden. In Oslo konzentrierte man sich daher auf Verwandte, Freunde, Kollegen und medizinisches Personal.

Rasch las Moen das Vernehmungsprotokoll aus Oslo und konnte ebenso schnell zwei Dinge konstatieren: Erstens deutete bei Linn Fostervoll nichts auf eine Störung des psychischen Gleichgewichts hin. Weder ihre Verwandten noch ihr Hausarzt konnten diese Hypothese stützen. Der Gedanke, sie habe suizidale Tendenzen gehabt, wurde kategorisch abgewiesen. Einer ihrer Kollegen hatte es so ausgedrückt: »Dazu war sie viel zu glücklich mit sich selbst und ihrem Leben.« Moen betrachtete das Urteil ihrer Umgebung selbstverständlich mit einer gehörigen Portion Zweifel; manche Menschen waren komplizierter, als es den Anschein hatte.

Auf der anderen Seite hatte sie allerdings ebenso wenig einen Spaziergang durch den Wald gemacht, um über irgendetwas nachzudenken. Sie hatte gesagt, wo sie hinwollte, und getan, was sie tun wollte, doch die Ermittlungen waren durchgehend von einem bestimmten Ansatz geprägt: Die Vernehmungen hatten sich im Großen und Ganzen um Linn Fostervolls Psyche gedreht. Die Polizei hatte es nicht in Erwägung gezogen, dass sie Opfer einer kriminellen Handlung gewesen sein könnte. Aufgrund der Tatsache, dass ihre Sachen unberührt im offenen Wagen gelegen hatten, wurde die Möglichkeit osteuropäischer Straßenräuber ausgeschlossen.

Ansonsten hatten sich die Vernehmungen auf den Exmann, Sverre Midtsem jr., konzentriert. Es war nun einmal so, dass ein geschiedener Mann als möglicher Verdächtiger auf der Liste der Polizei hoch oben stand, und es gab statistische Belege, die diesen routinemäßigen Reflex erklärten. Dieser Exmann hatte allerdings ein hieb- und stichfestes Alibi. Während des relevanten Zeitraums war er mit einem Arbeitskollegen in Oslo gesehen worden. Da die Vernehmungen keinerlei sichere Anhaltspunkte ergeben hatten, stand die Suchaktion natürlich im Mittelpunkt. Es wurde gemutmaßt, sie hätte sich nach draußen begeben, einen Unfall erlitten, sich verletzt oder wäre im schlimmsten Fall überfallen worden. Der Lensmann in Bjørkelangen hatte mit Unterstützung von Experten der Kripo die Suche geleitet, an der eine große Mannschaft aus Angestellten der Kommune sowie freiwillige Organisationen und Hundestaffeln beteiligt gewesen waren. Gewässer wurden durchsucht, Felsspalten durchkämmt, jeder Stein wurde umgedreht. Auf Schritt und Tritt wurde alles genauestens von Linn Fostervolls Kollegen aus den Medien verfolgt. Ohne Ergebnis. Man fand keinen Schuh, kein einziges Kleidungsstück. Nichts. Nur aufgrund des Mediendrucks wurde eine Woche länger gesucht, als eigentlich zweckdienlich gewesen wäre, doch dann war Schluss. Auf einer Pressekonferenz Ende Juni hatte der Lensmann in Bjørkelangen das Handtuch geworfen.

Moen sah auf die Uhr. Er legte sein Kinn in die Hände und stellte fest, wie die Arbeit ihn wieder einmal völlig vereinnahmte. Verwundert blickte er sich um. Der Archivraum, in dem er saß, hatte keine Fenster, und die einzigen Geräusche, die er hörte, rührten von der Klimaanlage her.

Moen erhob sich, legte die Lesebrille auf den Tisch und steuerte auf die Kantine zu, wurde im Korridor jedoch von Astrid Bredeveien, seiner neuen Chefin, aufgehalten. Sie wies auf eine CD-Hülle in ihren Händen.

»Ich habe da etwas, das Sie sich ansehen müssen. Kommen Sie doch mit in mein Büro.«

Astrid Bredeveien deutete auf einen Stuhl, trat ans Fenster und sperrte den schönen Spätsommertag aus. Dann setzte sie sich und schob die CD in ihren Computer.

»Konnten Sie sich schon ein Bild von der Sache machen, so wie sie uns jetzt vorliegt?«

»Ja«, erwiderte Moen, worauf sie fortfuhr:

»Das hier ist eine Sendung, die heute Abend im NRK ausgestrahlt werden soll. Faktor. Ich hab sie vor ein paar Tagen bekommen und wurde gebeten, mich dazu zu äußern. Ich möchte, dass Sie sich das ansehen.«

Sie spielte die CD ab, die mit einem kurzen Überblick bis zum Abschluss der Suchaktion in Bjørkelangen begann. Danach folgte ein kurzes, peinliches Interview mit der Osloer Polizei über die Art und Weise der Ermittlung. Das Ganze wurde von einem der zahlreichen NRK-Redakteure mit Grabesstimme kommentiert, wobei der Erzählstil eine Art dramatischer oder unheilvoller Stimmung hervorrief, die dem Stoff nicht unmittelbar innewohnte. Moen ärgerte sich bereits über die Dramaturgie.

Dann folgte eine Auswahl sommerlicher Bilder von Reihenhäusern entlang dem Leangkollen in Asker, vom Jachthafen in der Leangbukta sowie den Räumlichkeiten des Bærumer Polizeireviers. Der begleitende Kommentar lautete folgendermaßen: »In der Nacht zu Sonntag, dem 2. Juni, nur wenige Tage nach Linn Fostervolls Verschwinden, rief Frau Klara Midtsem ihren Sohn Sverre jr. an und berichtete, ihr Mann sei am Abend nicht vom Ausflug zu seinem Segelboot in der Leangbukta zurückgekommen. Sie bat den Sohn, dort hinzufahren und nachzusehen, da sie selbst schlecht laufen könne. Sverre Midtsem jr. fuhr zum Jachthafen und fand seinen Vater mit einer Schusswunde in der Schläfe und einer Pistole in der Hand. Der Fall wurde vom Polizeirevier Asker und Bærum untersucht, dessen Ermittlung ergab, dass Sverre Midtsem sr. sich das Leben genommen hatte. Es gab keinerlei Anhaltspunkte für den Aufenthalt einer anderen Person am Tatort. Das Einzige, worüber die Polizei noch Aufschluss bieten konnte, war die Entdeckung eines weiteren Projektils im Sitzpolster der Bootskajüte. Die Polizei geht hierbei von einem Probeschuss aus, der abgegeben wurde, bevor der tödliche Schuss fiel.«

Um die Tatsache zu verschleiern, dass es sich bei der Reportage bis hierher um Radio mit Bildern handelte, gab es nun eine Einblendung mit der Erkennungsmelodie des Senders, um das Drama gleichsam ins Bewusstsein der Zuschauer einsinken zu lassen. Die Vermutung lag nahe, dass die Faktor-Redaktion beabsichtigte, das Verschwinden Linn Fostervolls mit dem Selbstmord ihres ehemaligen Schwiegervaters in Verbindung zu bringen, doch der folgende Beitrag brachte Interviews mit der Polizei in Asker und Oslo, die die Geschehnisse keineswegs miteinander verknüpften. Sie wurden separat untersucht. Der Selbstmord war zu den Akten gelegt worden.

Dann folgte natürlich, wozu die Polizei sich nicht äußern wollte. Sverre Midtsem sr. hatte noch nie eine Waffe besessen, und für die Verwandten war es ein Rätsel, wie er an diese gekommen war. Zweitens war die Waffe aus der Wohnung eines bekannten, doch »medienscheuen Finanzmannes« gestohlen worden. Es handelte sich um eine kleinkalibrige Pistole, die vom Besitzer kurz nach Ostern als gestohlen gemeldet worden war, sich also bereits zwei Monate vor dem Selbstmord auf Abwegen befunden hatte.

Der Redaktion von Faktor war außerdem gelungen, den Brennpunkt-Redakteur, also Linn Fostervolls ehemaligen Chef, zu interviewen. Der Redaktionsleiter berichtete, Linn habe ihm gegenüber angedeutet, Zugang zu einem bestimmten Kreis von der Aker Brygge erlangt zu haben, der für seine ausagierenden Festivitäten bekannt war, und dass sie auf eigene Faust Nachforschungen betrieb, um vielleicht einen Beitrag über die »Grauzone« in der Osloer Finanzwelt zu machen.

Bei näherer Untersuchung hatte sich genau die Wohnung, aus der man die Pistole gestohlen hatte, als eine der Feststätten dieses Kreises erwiesen. Dann wurde zu einer Blondine und einer Brünetten mit vernebeltem Gesichtsausdruck übergeleitet, die mit verzerrten Stimmen von Drogen und Sex sprachen und so den Eindruck erweckten, Faktor hätte bereits mit der Arbeit an diesem Beitrag begonnen.

Als sich die Faktor-Redaktion an den medienscheuen Finanzmann wandte, wurde sie mit einer schriftlichen Erklärung seines Anwalts abgespeist, in der es hieß, der Besitzer wohne mit seiner Familie auf Bygdøy. Die Wohnung werde an Freunde und Geschäftspartner vermietet, und es sei viele Jahre her, dass der Besitzer sie selbst benutzt habe.

Das Ende der Sendung lautete folgendermaßen: »Linn Fostervolls Exmann möchte in dieser Sendung natürlich nicht auftreten, berichtet jedoch, der im Auftrag des Finanzmanns operierende Anwalt habe sich mehrmals an seinen Vater gewandt, um das Familienhotel im Parkveien aufzukaufen, und dass sein Vater sich unter Druck gesetzt fühlte. Auf dem Konto seiner Exfrau befinde sich ein größerer Betrag, den sich niemand erklären könne. Er hat sich entschieden, die Polizei auf diesen Umstand aufmerksam zu machen, und räumt ein, diese Tatsache bisher aus Rücksicht auf das gemeinsame Kind verschwiegen zu haben.«

Der Moderator der Sendung kam salbungsvoll zum Schluss. Es sei nicht Absicht der Redaktion, Behauptungen aufzustellen. Sie sei weder imstande noch wünsche sie, die Arbeit der Polizei zu übernehmen. Sie stelle lediglich die Frage, aus welchem Grund die Polizei die erwähnten Tatbestände nicht näher untersucht habe.

»Kennen Sie Bjørn Hansen?«, fragte Moen.

»Meinen Sie den vom NRK?«

»Nein. Den Sicherheitsberater; ein ehemaliger Polizist.«

»Den kenne ich nicht«, sagte Astrid Bredeveien. »Aber ich habe von ihm gehört. Es heißt, er wacht dort im Hintergrund, wo reiche Leute Probleme haben.«

»Er hat mich gebeten, mir diese Sendung heute Abend anzusehen.«

Astrid Bredeveien blickte Moen über ihre Brille hinweg an.

»Woher kennen Sie ihn?«

»Bei unserer ersten Mordermittlung haben wir zusammengearbeitet. In den letzten Jahren hat er mir verschiedentlich Jobs angeboten.«

»Jetzt auch?«

Moen lächelte.

»Es wird doch sicher einen reichen Mann geben, der in Schwierigkeiten steckt.«

»Interessant, aber kehren wir mal zurück zum Thema. Was sagen Sie zu den Ausführungen in der Sendung?«

Moen zuckte mit den Schultern. »Wir beide wissen, dass man im Leben eines Menschen nicht allzu lange herumgraben muss, um auf ein Mordmotiv zu stoßen, und noch nie hat es Ermittlungen in einem Mordfall gegeben, in dem es keine Leiche gab.«

Frau Bredeveien lächelte.

»Nüchtern wie immer. Ich habe das starke Gefühl, die Kleine ist in irgendwas hineingeraten. Ich spüre es sozusagen in den Knochen, und ich will diese Sache wieder auf der Tagesordnung haben. Allerdings möchte ich nicht öffentlich machen, dass wir einen der profiliertesten Ermittler des Landes auf die Sache ansetzen. Wir befinden uns hier in der Vermisstenabteilung. Ich habe eine äußerst tüchtige Mitarbeiterin, die sich um die Betreffenden und alle anderen kümmern wird. Wir reagieren ganz offiziell, und sie wird uns nach außen vertreten.«

»Worin besteht meine Aufgabe?«

»Ich möchte, dass Sie die Tatbestände um den Tod des Schwiegervaters und das Verschwinden der Schwiegertochter so betrachten, als handelte es sich um verdächtige Todesfälle.«

»Nun ja«, erwiderte Moen. »Sie haben aber doch wohl auch in Erwägung gezogen, dass sie mit einem großen Drink in Monaco oder Dubai sitzen könnte? Mit neuem Namen und neuer Kreditkarte.«

»Selbstverständlich. Bilder von ihr sind an alle möglichen Orte in der Welt unterwegs.«

3

Am nächsten Tag fuhr Moen auf der E 18 aus der Stadt. Stadteinwärts drängten sich die Autos dicht an dicht. Auch stadtauswärts herrschte viel Verkehr, doch die Fahrt ging schnell, und es dauerte nicht lange, bis er sich durch ein Wirrwarr aus Brückenträgern und Kreisverkehren in Sandvika schlängelte, dem Hauptquartier der bürgerlichen Schlafkommune. Vor dem Polizeirevier von Asker und Bærum fand er einen Parkplatz und meldete sich am Empfang, von wo er zu einem Kommissar in den Dreißigern geführt wurde. Der Mann stand auf, lächelte und begrüßte Moen per Handschlag.

»Lange her«, sagte er und registrierte Moens Verwunderung.

»Sie erinnern sich vielleicht nicht an mich, dafür erinnere ich mich aber gut an Sie. An meinem ersten Tag hier auf dem Revier war ich an der Suche nach einer Mordwaffe beteiligt, in Hosle.« Er deutete auf den zweiten Stuhl im Raum. Moen setzte sich. »Es ging um einen Zuwanderer, dem in den Rücken geschossen wurde. Gestern hab ich den Täter im Einkaufszentrum von Sandvika gesehen. Nach acht Jahren ist er nun freigekommen.«

Moen nickte und lächelte. In der Zwischenzeit hatte es viele Mordfälle gegeben, und da er nicht sonderlich nostalgisch veranlagt war, kam er gleich zur Sache. »Haben Sie die Akte hier?«

Der Polizist zeigte auf eine Mappe auf dem Tisch. »Hier haben Sie eine Kopie. Wollen Sie sie durchsehen?«

Moen blätterte die Akte schnell durch. Karten von der Leangbukta und dem Jachthafen lagen darin – und Fotos. Er hatte daran gedacht, weiterzufahren und sich alles mit eigenen Augen anzusehen, aber das schien kaum notwendig. Moen wandte sich an den jungen Polizisten und sagte:

»Sehr schön. Vielen Dank.«

»Haben Sie Fragen dazu?«

»Sie haben doch schon eine Weile mit Gewaltverbrechen zu tun, oder?«

»Fünf Jahre.«

»Und ist Ihnen sonst schon ein Selbstmord mit Schusswaffengebrauch untergekommen?«

»Eigentlich nur ein Mal, aber da ging’s um eine Schrotflinte. Das sah dann etwas schlimmer aus.«

»Sie waren von Beginn an den Ermittlungen beteiligt, stimmt’s?«

»Wir sind zu zweit losgefahren, einer von der Spurensicherung und ich. Der Einzige, der sich vor uns auf dem Boot aufhielt, war der Sohn. Er hatte Alarm geschlagen. Das Sanitäterteam konnte nur noch den Tod feststellen. Wir haben die Situation, wie wir sie damals vorfanden, durch die Kajütentür fotografiert.« Er kramte ein Bild hervor und reichte es Moen.

Der Verstorbene, Sverre Midtsem sr., geboren 1931, lag mit dem Rücken auf den Sitzkissen einer engen Kabine. Es war ein zweiundzwanzig Fuß langes Segelboot. Er lag rechts, das Gesicht nach oben, der rechte Arm abgespreizt. Auf dem Boden unterhalb der ausgestreckten Hand lag eine Pistole. Das nächste Bild zeigte den Kopf von der Seite. Ein winziges Loch in der Schläfe und ein kleines Rinnsal Blut.

»Kaliber .22. Die Kugel hat sich im Gehirn gedreht und ist auf der anderen Seite nicht wieder rausgekommen. Saubere Sache, könnte man sagen. Am Eintrittspunkt und an der rechten Hand fanden sich Schmauchspuren. Es wurden zwei Schüsse abgefeuert. Das andere Projektil fanden wir in der Polsterung der Bank auf der linken Seite. Es ist wohl anzunehmen, dass es sich dabei um einen Probeschuss handelte.«

»Was ist mit Fingerabdrücken?«

»Nur seine und die des Sohnes. Nach Aussage der Ehefrau hat er allein das Boot benutzt. Sie sagte auch, dass die Kajüte immer unverschlossen war. Als wir die Kajüte weiter durchsucht haben, sind wir mehr oder weniger nur auf leere Flaschen gestoßen. Billiger Whisky und ein paar leere Pillengläser. Adumbran. Ein leichtes Beruhigungsmittel. Ansonsten haben wir noch schmutzige Wäsche, eine abgewetzte Aktentasche und einen Füllfederhalter gefunden. Mit Goldfeder.

»Handy?«

»Das lag zu Hause. Die Angehörigen meinten, er sei aufs Boot gegangen, um zu trinken, und wollte in Ruhe gelassen werden. Hatte übrigens ordentlich was im Blut, fast zwei Promille.«

»Zeitpunkt?«

»Die Rechtsmediziner meinen zwischen eins und vier in der Nacht.«

Dunkle Absichten gehören in die Dunkelheit, dachte Moen.

»Wo lag das Boot?«

»Fast ganz außen am schwimmenden Kai in der Nähe von Hvalstrand. Ein Wachunternehmen patrouilliert da mehrmals in der Nacht und überprüft das Tor. Keine Beobachtungen in der betreffenden Nacht. Niemand hat einen Schuss gehört.«

»Welchen Eindruck haben Sie von den Angehörigen?«

Der Polizist überlegte einen Moment, bevor er antwortete.

»Wir haben nur mit dem Sohn und seiner Mutter gesprochen. Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll. Sie wirkten eigentlich nicht überrascht, waren aber anscheinend erstaunt über die Art und Weise, wie es passierte. Er hat nie eine Waffe besessen.« Der Polizeibeamte zog eine Grimasse. »Haben Sie gestern Faktor gesehen?«

Moen nickte, enthielt sich aber eines Kommentars. »Mal abgesehen von der Waffe, was meinen Sie damit, dass sie nicht überrascht wirkten?«

»Es kam mir so vor, als ob Mutter und Sohn in einem schwierigen Verhältnis zu dem Verstorbenen standen. Er hatte einen hohen Alkoholkonsum, nachdem er den Betrieb des Hotels seinem Sohn überließ, und als die Schwiegertochter verschwand, ist er mehr oder weniger ganz auf das Boot gezogen. Er war nur noch zu Hause, um zwischendurch mal zu duschen.«

»Gibt es irgendwelche Hinweise darauf, wie das Verhältnis des Verstorbenen zu seiner ehemaligen Schwiegertochter war?«

»Der Sohn sagte, dass sein Vater sehr an ihr gehangen hat, meinte aber, das habe am Enkelkind gelegen. Seine Mutter schnaubte bloß und tat das als neuen Vorwand ab, sich um den Verstand zu saufen. Sie hält sich ansonsten eher bedeckt.«

»Gibt es sonst noch etwas über die Hinterbliebenen?«

»Auf mich wirkten sie ganz vertrauenswürdig. Der Sohn war wie gelähmt, es ließ sich aber leicht mit ihm reden. Er bemühte sich, alles zu erzählen, was er wusste. Es gibt da nichts Zweideutiges an seinen Ausführungen. Sie stimmen mit den Funden am Tatort völlig überein. Vor seiner Mutter hatte ich ein bisschen Respekt, sie ist eine ziemlich direkte Frau. Ganz nüchtern hat sie vom Alkoholproblem ihres Mannes berichtet. Wir wissen ja beide, was für eine zerstörerische Wirkung Alkohol manchmal haben kann. Eine Familientragödie.«

»Irgendwas Merkwürdiges?«

»Ich wüsste nicht, was.«

»Abgesehen von der Waffe.«

»Ja, abgesehen davon.«

»Sie war gestohlen, aber man braucht ja wohl ein paar Kontakte, um so etwas in die Finger zu kriegen?«

»Ja, aber da sind wir nicht weitergekommen.«

»Weil Sie im tiefsten Innern davon überzeugt waren, dass er sich umgebracht hat?«

»Ja, wo Sie das jetzt so sagen. Alle waren wir in diesem Punkt sicher, da hatte die Waffe keine so hohe Priorität. Sie wissen ja, wie das ist.«

4

Moen genoss die neue Hauptstraße 2 von Ullensaker nach Vormsund, doch die Herrlichkeit währte nicht lange. Als er sich Kongsvinger näherte, verdichtete sich der Verkehr. Nach fünf, sechs oder sieben Kreisverkehren fuhr er die letzten Kilometer in Richtung Magnor, Morokulien und Eda-Glasfabrik in einem Schwarm aus Lastwagen und Einkaufstouristen. Unterwegs grübelte Moen, wieso Linn Fostervoll sich ausgerechnet diese Strecke nach Schweden ausgesucht hatte. Viele schworen auf Nordby und Strømstad, und streng genommen war der Weg über Ørje kürzer, doch alle, die Linn Fostervoll kannten, waren einer Meinung. Sie hatte ihre Routine und wich niemals davon ab. Sie hatte die Hauptstraße 2 über Kongsvinger nach Charlottenberg genommen. Auf dem Rückweg war sie bei Skotterud abgefahren und über die Landstraße 21 gefahren, wo der Wagen gefunden worden war. Hätte sie ihren Plan eingehalten, wäre sie am Settensee vorbeigekommen und hätte die 170 durch Bjørkelangen nach Fetsund genommen. Schlechtere Straße, aber kürzere Distanz.

Moen war mindestens zehn Jahre nicht mehr in Charlottenberg gewesen. Im Zuge einer Ermittlung hatte er zwei Tage im Motel Gränsrasta gewohnt. Das Zimmer war ein unvergessliches Raucherzimmer gewesen, mit Aussicht auf einen Parkplatz voller Müllcontainer und ein Straßenschild, an dem er ablesen konnte, dass er an der Ecke Stationsgata und Industriväg wohnte, doch das war damals. Moen sperrte die Augen auf, als er sich der Ausfahrt näherte. Ein zweispuriger Kreisverkehr löste den nächsten ab, und bereits im ersten wurde er fast von einem alten Volvo torpediert, als er versuchte, sich einen Überblick von dem enormen Gebäude zu verschaffen, das im Moor außerhalb des Zentrums errichtet worden war. Er fuhr an den Mietskasernen, dem Rathaus und der Bibliothek vorbei, parkte vor dem Charlotta-Grill und schlenderte hinunter zur Storgata.

Dort sah es aus wie an einem Sonntag zur Kirchgangzeit. Es war fast menschenleer. An der nächsten Ecke grinsten ihn die leeren Schaufenster eines großen Geschäfts an. Der Laden des staatlichen Alkoholmonopols war geschlossen und mit Stahlgittern verbarrikadiert. Die Bäckerei etwas weiter hatte geöffnet, doch der kurze Spaziergang über die Straße ließ eindeutig erkennen: Das Zentrum Charlottenbergs war unter die Räder der Geschichte geraten. Ein älteres Ehepaar aus Kongsvinger legte ihm kurz die Katastrophe dar, die die kleine Gemeinde heimgesucht hatte. Als der Laden des Alkoholmonopols hier geschlossen hatte und ins Olaf-Thon-Einkaufszentrum außerhalb der Stadt umgezogen war, hatte das letzte Stündlein geschlagen. Das Paar kaufte aus purer Solidarität zwar im Konsum-Laden ganz am Ende der Straße ein, überlegte aber, seine Einkäufe zukünftig in Torsby zu tätigen. Die beiden hätten Moen gern das ganze Ausmaß der Katastrophe erläutert, doch er bedankte sich für die bereits erhaltenen Ausführungen und ging zurück zum Wagen.

Zehn Minuten später stand er auf dem Parkplatz vor der gigantischen Halle, die sich auch Charlottenberg Shoppingcenter nennt. Er studierte die Namen der Geschäfte, die hier Handel betrieben. Dieselben Ketten wie überall, auch auf der anderen Seite der Grenze. Einzig das Loch in einer Wand mit McDonald’s-Logo durchbrach die Monotonie der riesigen Fassade. Moen blickte auf ein Meer geparkter Autos.

Er brauchte weitere zehn Minuten, um die beiden ovalen Gänge mit Geschäften an beiden Seiten zu durchqueren. Die Deckenhöhe war beträchtlich, die Beleuchtung spärlich. Von einem Geschäft ging er zum nächsten. Es hingen viele Plakate aus, die »70 Prozent Nachlass« verkündeten, doch es gab nur wenige Kunden. Ein großes Café, das als eine Art Sammelpunkt des Komplexes fungieren sollte, war momentan menschenleer. Erst am Ende des Rundgangs wurde es hell und lebendig. Er war im Zentrum des Geschehens angelangt – beim Tabakgeschäft, dem Laden des Alkoholmonopols und dem MaxiMat-Lebensmittelmarkt.

Moen blieb vor dem Monopolladen stehen und betrachtete seine Landsleute durch das Fenster. Seine Gedanken kreisten um den unangenehmen Wortwechsel, der sich am Morgen zwischen ihm und seiner Lebensgefährtin Gudny Leirvaag ereignet hatte. Er war so unvorsichtig gewesen, seine Aufgabe zu erwähnen, und hatte gleich den Auftrag bekommen, neun Drei-Liter-Kartons Rotwein zu kaufen, um ihr eigenes Café zu unterstützen, das auf wackligen Beinen stand. Ohne bindende Zusage hatte er sich aus dieser Konfrontation gewunden, und ihm grauste bereits vor der Heimkehr.

Er ging weiter in den MaxiMat, begutachtete den Warenüberfluss und kam mit einer Art Plan wieder heraus. Dieser bestand darin, nicht nach Charlottenberg zu fahren. Kaufte er nämlich nichts, nicht einmal Zigaretten, obwohl alles nur die Hälfte kostete, dann hatte er sich schließlich gar nicht auf Einkaufstour in Schweden befunden. Wenn er schon ein solches Opfer brachte, wäre dann nicht auch eine kleine Notlüge vertretbar? Eigentlich hatte Moen Hunger, doch der Plan erforderte, dass er im Heimatland aß.

Er kehrte zurück zum Auto, blieb gedankenverloren stehen: Wozu fuhr eine Frau aus dem Osloer Westen hierher? Um ein paar Hunderter zu sparen? Sicher, es gab schon viele Leute, die knickerig und geizig waren – oder war es ihr als geschiedener und alleinerziehender Mutter so schlecht ergangen, dass sie sparen musste? Als Moen sich schließlich hinters Steuer setzte, war er unzufrieden. Er war Linn Fostervoll keinen Schritt näher gekommen. Die Spur war kalt.

*

Moen passierte die Grenzkontrolle und war beinahe enttäuscht, dass er nicht angehalten wurde. Es war doch für den Zoll wohl nicht alltäglich, ein norwegisches Auto auf der Rückreise von Schweden leer vorzufinden. Nach ein paar Kilometern kam er zur Abzweigung nach Skotterud, raste über die Landstraße 21 und brachte Vestmarka und die Provinz Hedmark hinter sich. In der Provinz Akershus, Kommune Aurskog/Høland, drosselte Moen das Tempo. Einmal hielt er an einem See rechts der Straße an, studierte die Karte von Bjørkelangen und stellte fest, dass es wohl der nächste See sein musste. Da er langsam weiterfuhr und dabei die Gegend und die Besiedlung im Auge behielt, klebte natürlich gleich ein hitzköpfiger Audi-Fahrer an seiner Stoßstange. Moen fuhr die nächste Parkbucht an, hielt und stieg aus. Er legte die Karte aufs Autodach und betrachtete den See rechter Hand der Straße. Auf der anderen Seeseite lag ein dunkles, verlassenes Haus. Er drehte sich um und suchte das zweite Haus auf der Karte. An einer hohen Böschung auf der anderen Straßenseite stand ein Gebäude. Nur der Dachfirst ragte über eine hohe Hecke aus Nadelbäumen. Zwei Männer waren damit beschäftigt, das Dach zu erneuern. Moen rief zu ihnen hinauf:

»Wie heißt dieser See hier?«

»Gulltjern!«

Moen winkte zum Dank. Ein Hund kläffte, und durch die Hecke konnte er eine Frau ausmachen, die vor dem Haus auf und ab lief.

Moen nickte nachdenklich. Dies war der Ort, an dem Linn Fostervolls verlassener Wagen gefunden worden war. Moen wusste auch, dass die Frau hinter der Hecke hier aufgewachsen war, doch nun mit ihrem Mann in Oslo lebte, der wahrscheinlich einer der beiden auf dem Dach war. Sie setzten das Elternhaus der Frau instand, um es als Ferienhaus zu nutzen. Es war der Ehemann, der den Lensmann in Bjørkelangen über den verlassenen Wagen informiert hatte. Zusammen mit einem Freund hatte er aus Oslo Baumaterial hierhergebracht. Zwei Tage lang hatten sie den Wagen auf dem Parkplatz beobachtet. Am dritten Tag war der Ehemann zum Auto gegangen. Seine Entdeckung hatte ihn veranlasst, Alarm zu schlagen. Weder er noch der Freund hatten in der Zeit, in der sie den Wagen im Auge behielten, Linn Fostervoll oder andere Personen in der Nähe gesehen. Einige Leute, die diese Strecke täglich entlangfuhren, hatten sich auf Aufforderung gemeldet, und viele hatten das verlassene Auto bemerkt, besonders am dritten Tag. Sie hatten gedacht, jemand aus der Gegend habe den Platz zum Parken benutzt, einer hatte sich sogar darüber geärgert, doch dem Lensmann zufolge hatte keiner der Vorbeifahrenden irgendwelche Personen beobachtet. Zwei heruntergekommene Häuser, eins an jedem Ende des Sees, waren von den Besitzern verlassen worden. Die nähere Umgegend war von Suchmannschaften mit Hunden durchkämmt, der See abgesucht, die Häuser waren geöffnet und durchforstet worden. Bemerkenswert war, dass die Suchhunde bereits zehn Meter hinter dem Parkplatz ihren Dienst versagt hatten.

Moen legte die Arme auf das Dach des Volvos. Seinem Auftrag lag die Hypothese zugrunde, Linn Fostervoll sei Opfer eines Verbrechens geworden. Angesichts der vorliegenden Tatbestände konnte berechtigterweise angenommen werden, dass ein anderer Wagen sie aufgelesen und weggefahren hatte, freiwillig oder unfreiwillig, verletzt oder unverletzt. Hatte sie angehalten, um eine Zigarette zu rauchen? Des Kindes wegen rauchte sie niemals im Wagen. Die Spurensicherung konnte bestätigen, dass der Aschenbecher sauber und leer gewesen war, und es waren auch keine Zigarettenkippen ihrer Marke rund um das Auto gefunden worden.

Die denkbare Alternative lautete, jemand hatte auf dem Parkplatz gestanden und sie zu sich gewunken. Osteuropäer hatten sich auf diese Art von Wegelagerei spezialisiert. Mann und Frau taten so, als ob sie eine Autopanne hätten, und raubten die hilfsbereiten Fahrer dann aus. Meistens tappten Männer in diese Falle, doch ihr Wagen war unberührt, ja sogar unverschlossen.

Hätte hingegen ein Bekannter dort gestanden, wäre sie natürlich stehen geblieben, doch Moens Fantasie reichte nicht aus, um erklären zu können, unter welchem Vorwand sie dann von ihrem Wagen und ihren Sachen hätte weggelockt werden können, wo sie doch freiwillig ging. Oder sie war außerhalb des Wagens, der sie mitgenommen hatte, überfallen worden, oder auch im Wagen, falls sie sich reingesetzt hatte, um mit dem Fahrer zu sprechen. Viele würden wohl davon ausgehen, dass ein derartiger Handlungsverlauf im Rahmen des Möglichen lag. Opfer und Täter kannten einander in mehr oder weniger allen norwegischen Mordfällen.

Angesichts seiner Erfahrung versuchte Moen, sich diesen Ablauf vorzustellen. Die meisten hätten wohl arge Probleme gehabt, einer nüchternen Frau am helllichten Tag den Schädel einzuschlagen, ganz zu schweigen davon, dass die wenigsten es geschafft hätten, eine bewusstlose erwachsene Frau vom Boden aufzuheben und in einen Wagen zu hieven, allein, wohlgemerkt. Es gab sicher Ausnahmen, doch diese Herausforderung schloss wohl die Mehrzahl oder alle aus Linn Fostervolls Familie und näherem Bekanntenkreis aus.

Moens Synthese aller ihm bekannten Mordtatorte war von folgenden Dingen geprägt: starker Affekt, ausgelöst durch Rausch oder Angst, Brotmesser oder Schlagwaffe, Blut und Verwüstung. Amateure im Koma. Selbst so durchdachte und überlegte Verbrechen wie die Morde auf dem Orderud-Hof hatten hinterher einen Anblick wie auf einem Schlachtplatz geboten. Er hatte Probleme, sich solch eine Szene in einem Wagen auf der Landstraße vorzustellen, an einem hellen Sommertag. Moen bedachte auch diejenigen mit einem freundlichen Gedanken, die da glaubten, man könne sich mal eben auf dem Fahrersitz umdrehen und die Ehefrau so ohne weiteres erwürgen. Der Exmann hatte den Tag mit seiner Tochter und seiner neuen Frau verbracht. Das war also völlig indiskutabel.

Dann hörte er Astrid Bredeveien wieder: »Ich habe das starke Gefühl, die Kleine ist in irgendwas hineingeraten. Ich spüre es sozusagen in den Knochen.« Faktor und die Aker Brygge. Moen schloss die Augen und sah zwei attraktive, gut gekleidete Männer vor sich, die vor ihrem großen teuren Wagen mit Allradantrieb warten und Linn Fostervoll auf den Parkplatz am Gulltjern winken. Geschäftsmänner. Vertrauenerweckend für eine Frau wie sie. Vielleicht kannte sie sie irgendwoher. Moen hatte sich auf zwei festgelegt, denn das war Voraussetzung für Diskretion und Effektivität. Für zwei Schläger wäre es ein Leichtes gewesen, Frau Fostervoll aus dem Verkehr zu ziehen und mit ihr wegzufahren. Der nächste Schritt wäre gewesen, irgendwo an der Straße eine Stelle zu finden, wo sie die Sache zu Ende bringen und sich des Opfers entledigen konnten – eine Stelle, die für Suchaktionen weit genug entfernt war, doch in nicht zu weiter Entfernung lag. Eine lange Tour hätte das Risiko erhöht, entdeckt zu werden. Moen nahm einfach an, dass sie sich hier nicht auskannten, ganz wie er selbst.

Um Verwirrung zu stiften, hätten sie natürlich auch umdrehen und zurück zur schwedischen Grenze fahren können, doch Moen war überzeugt, dass sie weiter bis zum Setten, dem großen See, gefahren waren, wo sich die Straße teilte. Die Landstraße 21 bog nach links in östliche Richtung und führte über Ørje in Østfold zurück nach Schweden. Rechts verlief die 170 durch das Zentrum von Bjørkelangen über Fetsund nach Oslo. Moen dachte, die möglichen Täter hatten wahrscheinlich nach kurzer Überlegung die nach Oslo führende Straße genommen und sich irgendwo hinter Bjørkelangen eine passende Stelle gesucht. Demnach müsste er die Straße zwischen Settensee und Bjørkelangen absuchen.

Moens Überlegung offenbarte sichtliche Schwächen. Verstrickt man sich an der Aker Brygge in das eine oder andere, geht es in der Regel um Warnungen oder Drohungen, die dazu dienen, Gepflogenheiten oder ungeschriebene Gesetze illegaler Geschäftstätigkeit aufrechtzuerhalten oder sich womöglich das Schweigen gewisser Leute zu erkaufen. Moen konnte sich nur mit Mühe vorstellen, was Linn Fostervoll getan oder gewusst haben mochte, dass jemand das wahnwitzige Risiko einging, eine norwegische Journalistin vom Erdboden verschwinden zu lassen. Er hatte schlichtweg nur wenig Vertrauen in seine eigene Hypothese. Die einzige Stärke an seinem Gedankengang lag in dem Punkt, dass zwei skrupellose Männer die Tat begangen haben konnten, so wie er sie sich vorstellte.

Moen sah auf die Uhr. Fast eine Dreiviertelstunde hatte er jetzt dort gestanden. Er zündete sich eine Zigarette an und spazierte am Gulltjern entlang, bis er zum nächsten Haus gelangte. Es war verlassen und heruntergekommen. Dann ging er zurück zum Wagen, lief aber weiter bis zu einem Haus ganz am anderen Ende des Sees, das von einer Baumgruppe verdeckt wurde. Dieses war ebenfalls verlassen. Auf dem Rückweg zum Auto fuhr ein Streifenwagen mit uniformierten Polizisten an ihm vorüber. Sie verlangsamten das Tempo und schauten neugierig in seine Richtung, und als Moen am Parkplatz ankam, standen sie bereits dort und erwarteten ihn. Der Beamte auf dem Beifahrersitz sprach ins Funkgerät.

Die beiden Männer auf dem Dach oben folgten dem Auftritt neugierig, und Moen konnte ein Gesicht in der Hecke vor dem Haus erahnen. Er setzte ein schiefes Grinsen auf und ging auf den Streifenwagen zu. Der Fahrer kurbelte das Fenster herunter, während Moen seinen Ausweis hervorholte. Das Gesicht des jungen Beamten hinter dem Steuer verwandelte sich in ein breites Grinsen.

»Tut mir leid. Die Nachbarn da vorne sind etwas verängstigt. Sie wissen ja vielleicht, was hier passiert ist.« Er blickte Moen fragend an. »Sind Sie etwa deswegen hier?« Der Beamte öffnete die Tür und stieg aus. »Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment«, sagte er an Moen gewandt, ging dann zügig über die Straße und wechselte ein paar Worte mit dem in der Hecke versteckten Gesicht.

Moen ging zu seinem Wagen und holte eine digitale Spiegelreflexkamera hervor, während der Fahrer des Streifenwagens schräg über die Straße zurücklief. Moen hob die Kamera und lächelte.

»Haben Sie ein bisschen Zeit? Könnten Sie mir vielleicht helfen?«

*

Sie fuhren vom Gulltjern nach Bjørkelangen und denselben Weg wieder zurück; unterwegs hielten sie mehrmals an. Moen hatte dem jungen Polizisten erklärt, was er dachte. Die ursprüngliche Suchaktion hatte am Settensee geendet. Von dort aus schlängelte sich die 170 über einen unbebauten Hügelkamm zwischen Åmot am Settensee und dem Zentrum von Bjørkelangen. Drei kleinere Seen waren von der Straße erkennbar. Der erste verfügte über einen öffentlichen Badestrand und einen Rastplatz mit Parkmöglichkeit, den Moen gleich von der Liste strich. Der zweite See, der auf der Karte vielversprechend aussah, war nicht mit dem Auto zugänglich. Der dritte See lag näher an der Straße, als es auf der Karte erkennbar war, doch war der ganze Abschnitt, wie er schon vermutet hatte, mit einer Leitplanke versehen. Allerdings entdeckte er im Vorbeifahren aus dem rechten Augenwinkel eine Öffnung und eine Abzweigung.

Moen sagte nichts. In Bjørkelangen kaufte er zwei Brötchen und eine Flasche Wasser, bevor sie denselben Weg zurückfuhren. Die Abzweigung war aus Richtung Bjørkelangen besser zu erkennen. Aus irgendeinem Grund bat er die Polizisten nicht, anzuhalten, als sie ihn zurück zu seinem Wagen brachten.

Eine gute Viertelstunde später fuhr er beim Søndre Holtjern in die Abzweigung, parkte zwei Meter vom Ufer entfernt und aß seine Brötchen. Der See war grau und still, und der Wald wuchs, so weit das Auge reichte, bis hinunter ans Ufer. Es war windstill und nieselte, nirgendwo ein Lebenszeichen. In den letzten zehn Minuten war nicht ein einziger Wagen vorbeigekommen. Links neben seinem Auto führte eine Art Waldweg ein paar Meter in das Dickicht hinein, das wie eine Wand vor ihm stand. Moen stieg aus, nahm die Kamera und tauchte ab in das Gestrüpp.

5

Am nächsten Tag saß Moen mit Kamera und Laptop in einem Konferenzraum der Kripo. Astrid Bredeveien kam mit der »äußerst tüchtigen Mitarbeiterin« herein. Sie war hübsch, blond und ziemlich groß. Lächelnd ergriff sie seine Hand. Fast schien es, als wollte sie einen Knicks machen.

»Marit Gaasland, mein Name.«

Sie setzte sich und stellte ihre Handtasche auf den Tisch. Moen musterte sie. Hellgraues Kostüm, Bluse und Perlenkette – eine Zierde für jedes Vorzimmer in der freien Wirtschaft. Moen lächelte und kratzte sich verlegen an der Wange. Fragend blickte er zu Astrid Bredeveien, die nickte, woraufhin er begann.

Moen resümierte die Ergebnisse des gestrigen Tages. Nachdem er seine Hypothese noch einmal durchgegangen war, kristallisierte sich der wichtigste Punkt heraus – man hatte sie ganz sicher vom Tatort weggebracht. Da der Wagen unverschlossen war, musste man davon ausgehen, dass dies unfreiwillig geschehen war und man sie außerhalb der Reichweite von Suchtrupps gebracht hatte. Falls die betreffende Person oder die Personen sich am Tatort nicht sonderlich gut auskannten, hatten sie sie anschließend irgendwo auf der Straße wieder aus dem Wagen geworfen. Vielleicht an einer Stelle, die sie sich vorher ausgesucht hatten, vielleicht aber auch nicht, doch sehr wahrscheinlich an der Straße Richtung Oslo, am ehesten vor dem Zentrum von Bjørkelangen, irgendwo bevor das unbebaute Land endete.

Moen bat um Stellungnahmen zu seiner Hypothese bis hierher. Es gab keine Einwände.

»Sie haben mich gebeten, sie als Opfer eines Verbrechens zu betrachten. Andere Möglichkeiten habe ich außer Acht gelassen.«

»Fahren Sie fort«, erwiderte Astrid Bredeveien.

»Falls sie weggebracht wurde und sich zur Wehr gesetzt hat, denke ich, dass es mindestens zwei Täter beziehungsweise ein Täter und eine Täterin waren. Muss ich das näher begründen?«

Beide schüttelten den Kopf.

»Zunächst stellte ich mir vor, wie sie wahrscheinlich angehalten hätte, wenn da ein teurer Wagen und zwei attraktive Norweger gewartet hätten. Der Fernsehbeitrag deutet schließlich an, dass es da etwas gab, was die Aufmerksamkeit irgendwelcher Schläger erregte, doch deren Modus Operandi besteht ja für gewöhnlich aus Einschüchterungs- und Bestrafungsaktionen. So etwas kann selbstverständlich auch schiefgehen, aber ich verstehe nicht, wieso sie sich dann in Ytre Enfold auf die Lauer gelegt haben oder woher sie ihre Gewohnheiten so gut kannten. Wenn es also ein geplanter Überfall war, so muss jemand dahinterstecken, der ihr nahegestanden hat, nicht wahr?«

Die beiden Frauen nickten, und Moen fuhr fort:

»Die Alternative besteht in einem spontanen Überfall, und da es ganz klar nicht um Geld oder Wertsachen ging, ist es vielleicht am wahrscheinlichsten, dass wir es mit einem Sexualverbrechen zu tun haben. So denke ich mir das mittlerweile.« Moen lächelte. »Selbst auf die Gefahr hin, vorurteilsvoll zu klingen, ist unser Land dennoch voller alleinstehender Männer aus fremden Ländern. Handwerker aus Osteuropa, Asylsuchende aus dem Mittleren Osten, einige mit kriminellem Lebenslauf, andere mit Gewalt und Überfällen durchaus vertraut. Normalerweise haben sie wenig Geld. Einige schmuggeln Waren aus Schweden ein, die man dort für den halben Preis bekommt. Sie sehen eine Frau alleine auf einem Parkplatz stehen und halten an. Wahrscheinlich sozial eingestellt und kontaktfreudig, hat sie wie die meisten Journalisten keine Vorurteile oder Einwände gegen unsere neuen Landsleute.«

Moen ließ seine Darlegungen ausklingen und setzte ein schiefes Lächeln auf. Er hielt dieses Szenario für durchaus realistisch, dachte aber unmittelbar daran, was wohl geschähe, wenn er sich in der Öffentlichkeit derart äußerte. Astrid Bredeveien lächelte ebenfalls und schüttelte den Kopf.

»Ich bin froh, dass wir hier unter uns sind. Das Schlimmste ist allerdings, dass Sie womöglich recht haben.«

Marit Gaasland sagte nichts, doch das Lächeln lag hinter ihren hellblauen Augen versteckt.

Astrid Bredeveien sah die beiden bekümmert an. »Sie meinen also, dass nach ihrem Verschwinden gewissermaßen an der falschen Stelle gesucht wurde?«

Moen zuckte mit den Schultern.

»Diese Suchaktion ist ja Grundlage meiner Spekulationen. Wenn man etwas weiterdenken würde, müsste man die Suche vielleicht ausweiten, aber das Rennen ist wohl gelaufen, wenn mich nicht alles täuscht.«

»Auf dieser Grundlage kommt es überhaupt nicht infrage, den ganzen Apparat wieder in Gang zu setzen. Das ist ja wohl einleuchtend.« Astrid Bredeveien blickte ihn unsicher an. »Haben Sie eine Idee?«

Moen zögerte etwas, sagte dann:

»An der Landstraße 170 zwischen Setten und Bjørkelangen habe ich ein paar Untersuchungen durchgeführt. Ich erkläre Ihnen mal, was ich denke.«

Moen schaltete das Laptop ein und zeigte einige Bilder.

»Dieser Weg oder besser gesagt dieser Pfad führt ein paar hundert Meter vom Parkplatz entfernt in nördlicher Richtung an diesem See entlang. In einer kleinen Bucht, die man vom Weg aus nicht sieht, gibt es an einer Lichtung im Wald eine Art Angel- oder Feuerplatz. Dieser Platz liegt ganz ungestört und ist von keiner Stelle aus richtig einsehbar. Im Notfall, denke ich, könnte man einen guten Wagen, zumindest einen Wagen mit Allradantrieb, von der Straßenabzweigung aus dorthin manövrieren. Sogar die Abzweigung ist von der Straße aus leicht zu übersehen. Es gibt wahrscheinlich viele solcher Stellen, aber diese habe ich auf Anhieb gefunden, ohne mich in der Gegend gut auszukennen.« Moen blickte verstohlen zu Astrid Bredeveien hinüber und schnitt eine Grimasse. Dann lächelte er entwaffnend. »Ein Schuss ins Blaue. Ich weiß, aber ...«

»Aber was?«, fragte seine Chefin.

»Wahrscheinlich habe ich diesen alten Film über den See der Toten zu oft gesehen, wie auch immer. Auf alle Fälle hätte ich Lust, mir das Ganze mal näher anzuschauen.«

»Alleine?«

»Ich hab eine Verabredung mit dem Lensmann in Bjørkelangen und würde das mit ihm gerne durchsprechen.«

»Wann?«

»Um eins. In der Mittagspause muss ich los.«

Astrid Bredeveien sah auf die Uhr. Es war halb elf. Sie wandte sich an Marit Gaasland.

»Was haben Sie herausgefunden?«

»Fürs Erste würde ich es gerne mit einer kleinen Übersicht versuchen. Ich bin von Linn Fostervolls kleiner Welt ausgegangen, um es mal so auszudrücken. Ganz am Ende des Parkveien liegt das kleine Familienhotel der Midtsems, das Sverre jr. die letzten zehn Jahre im Auftrag seiner Eltern geführt hat. Nachdem der Vater sich umgebracht hat, lebt die Mutter heute als Witwe mit dem Nachlass. Sie hat die Wohnung an der Leangbukta verkauft und wohnt jetzt in einem kleinen Apartment im Hotel. Sie ist nicht bereit, über die Geschehnisse zu sprechen. Ihr Mann hat sich das Leben genommen, und ihr Sohn ist über jeden Verdacht erhaben. Das hat ihr die Polizei versichert.«

»Und sein Alibi?«, fragte Bredeveien.

»Darauf komme ich noch zurück«, erwiderte Gaasland. »Die Mutter streitet die Behauptung der Fernsehsendung Faktor über den geplanten Kauf ebenfalls ab. Ohne ihre Einwilligung hätte ihr Mann seine Aktien nicht verkaufen können. Ursprünglich waren sie und ihre Familie Eigentümer des Hotels, ihr Sohn sollte das Erbe weiterführen. Übrigens hat sich der Familienanwalt um diese Dinge gekümmert. Seinen Namen habe ich.

Dann möchte ich gerne zu Monica Midtsem kommen, der neuen Frau des Sohns. Ich habe die starke Vermutung, dass sie diejenige ist, die das Hotel führt. Sie hat eine Ausbildung im Hotelfach und wirkt sehr ehrgeizig. Sverre Midtsem jr. hat vor einigen Jahren seinen Master in Kunstgeschichte gemacht und betreibt ein Antiquitätengeschäft, zusammen mit seinem alten Freund und Nachbarn John Glad. Er arbeitet zwar auch ein paar Schichten im Hotel, doch es hat den Anschein, als hielte seine Frau das Ruder fest in der Hand. Die Tochter wohnt jetzt mit dem Vater und der Stiefmutter in einer Wohnung im Parkveien, gleich gegenüber dem Hotel. Monica Midtsem ist die Eigentümerin der Wohnung.

Der erwähnte John Glad und seine Schwester Merete sind die Erben eines recht bekannten Mannes aus Oslo, der in den sechziger und siebziger Jahren als Bauunternehmer tätig war. Das Erbe besteht aus einem großen Eckhaus im Bauhaus-Stil neben dem Hotel. Die Wohnungen sind vermietet, und die beiden beziehen daraus wohl ihr Einkommen. Sverre Midtsem kennt sie seit der Kindheit. Merete Glad und Linn Fostervoll befreundeten sich auf der Oberschule, und so lernten sich Sverre und Linn kennen. Als sie sich trennten, arbeitete Monica Midtsem bereits im Hotel. Linn behielt die Wohnung des Paares im Eckhaus sowie das gemeinsame Kind. Ihre Wohnung hatten sie also von ihren Freunden gemietet, dem Geschwisterpaar. Sverre Midtsem zog schließlich zu seiner neuen Frau Monica.« Marit Gaasland blickte unsicher zu Astrid Bredeveien. »Bin ich zu ausführlich? Ich versuche nur zu zeigen, wie diese Menschen alle miteinander verbunden sind. Alle, mit denen ich gesprochen habe, sagen außerdem, dass Merete Glad die einzige Freundin war, zu der Linn Fostervoll eine längerfristige Beziehung unterhielt.«

»Was ist mit Sverre Midtsems Alibi?«, fragte Moen. »Ich interessiere mich natürlich sehr für ihn und seinen Kumpel.«

»Zum Zeitpunkt von Linns Verschwinden haben Sverre Midtsem und John Glad einen Nachlass abtransportiert. Das war im Gimleveien in Frogner. Der Auftraggeber und sein Sohn haben sie auf Bildern wiedererkannt, und für den Zeitpunkt des Abtransports haben wir mit der Rechnung einen schriftlichen Beleg. Midtsems Tochter war am selben Tag während ihrer großen Pause im Hotel und hat mit Oma und Stiefmutter gesprochen. Alle waren also an Ort und Stelle in der Stadt, weshalb ich der Meinung bin, wir müssen uns woanders umsehen. Dazu würde ich auch gerne noch etwas sagen.«

»Sollte Moen also recht haben?«, murmelte Astrid Bredeveien. Sie sah mutlos aus, doch dann lächelte sie. »Endlose Wälder und Sümpfe auf der einen Seite und hieb- und stichfeste Alibis auf der anderen. Vielleicht haben wir uns zu viel zugemutet? Aber entschuldigen Sie, Marit. Was wollten Sie sagen?«

»Linn Fostervoll hatte ja auch noch eine eigene Familie. Die Eltern haben vor einigen Jahren ihre Wohnung in Skillebekk verkauft und sind nach Spanien gezogen. Ich werde später noch mit ihnen telefonieren. Wenn sie nach Norwegen kommen, wohnen sie bei ihrem Sohn, der ein großes Haus auf Nesøy hat. Er ist Anwalt und verwaltet die Hinterlassenschaften seiner Schwester treuhänderisch für deren Tochter.« Marit Gaasland blickte von ihren Unterlagen auf. »Und hier möchte ich gerne ein bisschen mehr erfahren. Ich bin dem Vater des Kindes, Sverre Midtsem, etwas auf den Pelz gerückt, was die Million auf Linns Konto betrifft. Das hat er ja in der Fernsehsendung behauptet. Dabei habe ich erfahren, dass der Onkel des Mädchens, also Linns Bruder, der Nachlassverwalter ist. Das Mädchen hatte ihn sagen hören, die Mutter habe ihr eine größere Geldsumme vermacht, und das hat sie dann gleich ihrem Vater erzählt. Sie glaubte, es sei eine Million. Ich habe Linns Bruder angerufen, aber er war nicht bereit, darüber zu sprechen. Ich brauche wohl noch etwas Zeit, um der Sache auf den Grund zu kommen. Ich habe auch ein Treffen mit den Leuten von der Brennpunkt-Redaktion im NRK vereinbart, aber das findet nicht vor Montag statt.«

»Welchen Eindruck hatten Sie von den Leuten, mit denen Sie gesprochen haben, mal abgesehen davon, dass sie sich alle nahestanden?« Astrid Bredeveien blickte wieder auf die Uhr, und Marit Gaasland verstand den Wink. Sie fasste sich kurz:

»Der Exmann war sehr nett. Mit ihm konnte ich ganz gut reden. Mit seinem Kompagnon John Glad war es allerdings ein wenig unangenehm. Diese Antiquitätenhändler sind ja ohnehin meist etwas schlampig, doch Glad war für den vornehmen Osloer Westen erst recht ein bisschen zu ungepflegt. Monica Midtsem ist Hotelfrau durch und durch, glatt wie Teflon. Von ihr kriegt man nichts umsonst. Merete Glad wirkt sportlich und durchtrainiert. Etwas zynisch.«

Astrid Bredeveien stand auf.

»Dann treffen wir uns hier am Dienstagmorgen wieder und entscheiden dann, wie weit wir diesen Fall noch weiter verfolgen. Und Ihnen beiden wünsche ich ein schönes Wochenende.«

6

Moen spazierte durch den Ortskern von Bjørkelangen. Auf der Einkaufsstraße war kaum jemand unterwegs. Die Trostlosigkeit wurde von Bjørkelangen Buch & Papier unterstrichen, dessen geschlossene Geschäftsräume mit eingeschlagener Tür hinterlassen worden waren. Das Büro des Lensmanns lag hinter dem Rimi-Supermarkt gleich neben dem Romerike Medienhaus und teilte sich die Räume mit einer Zahnarztpraxis.

Der Lensmann begrüßte ihn am Empfang. Sie stellten einander vor, während der Lensmann ihn in sein Büro führte. Ein leicht mürrischer Zug lag auf dem Gesicht des Lensmanns, als er sich setzte und eine Akte öffnete.

»Zwei meiner Beamten haben mir erklärt, worauf Sie hinauswollen. Anfang der Woche haben die beiden Sie ja schon herumgefahren.« Er faltete eine Landkarte auseinander und nahm sie in Augenschein. »Es wäre wohl passender gewesen, wenn Sie sich direkt an mich gewandt hätten.«

Moen fühlte sich unwohl. Um weiterzukommen, war er auf die hiesige Dienststelle des Lensmanns angewiesen. Er erklärte die Umstände, die zu der Fahrt geführt hatten. Als Entschuldigung benutzte er den Ausdruck: »Mitgerissen werden«. Das Gesicht des Lensmanns von Bjørkelangen verdeutlichte, was er von Leuten hielt, die sich mitreißen ließen und den Dienstweg vernachlässigten.

Moen schwieg einen Augenblick und begriff schließlich, seine Initiative könnte als Kritik an der von der lokalen Polizei durchgeführten Suchaktion und als listiges Manöver verstanden werden, ihr hinter ihrem Rücken in die Karten zu schauen. Er versuchte es erneut.

»Ich weiß sehr genau, dass die Suche nach Linn Fostervoll nach allen Regeln der Kunst und nach aktuellem Kenntnisstand durchgeführt wurde, aber ich bin nun einmal abgestellt worden, um die ganze Sache noch mal zu durchdenken. Als Ihre Beamten auftauchten, war ich eigentlich schon auf dem Sprung zu Ihnen, aber dann konnte ich der Versuchung nicht widerstehen.« Moen hörte selbst, wie lahm das klang, und breitete die Arme aus.

»Zum ersten Mal in meiner Karriere wurde ich gebeten, ein Gedankenspiel durchzuführen. Möglicherweise ist es mir schwergefallen, die Aufgabe ernst zu nehmen. Das ist der eigentliche Grund für die nicht ganz korrekte Vorgehensweise. Ich habe gespielt, und ich bedaure es zutiefst, wenn Sie denken, ich würde ...«, Moen hielt einen Augenblick inne, »wenn Sie denken, dass ich Ihnen hinter Ihrem Rücken in die Karten schaue.« Abermals breitete er die Arme aus. »So, jetzt ist es gesagt.«

Der Lensmann lehnte sich zurück.

»Wir haben schon eine Menge Arbeit in diesen Fall investiert und sind auch nicht sonderlich darauf erpicht, alles noch mal durchzugehen, aber es wäre schon besser gewesen, wenn man uns von Anbeginn an dem ganzen Prozess beteiligt hätte.«

»Das verstehe ich gut, aber der ganze Auftrag war sozusagen inoffiziell.«

»Heute sind Sie hier, weil Sie um Unterstützung bitten möchten, nicht wahr? Es ist aber nicht so einfach, die Verwendung öffentlicher Mittel zu rechtfertigen, wenn der ganze Auftrag inoffiziell ist. Haben Sie Rückendeckung von der Kripo?«

Moen überlegte. Hatte er das? Er beschloss, Ja zu sagen.

Der Lensmann nickte und deutete auf die Karte.

»Ich kenne Ihre Überlegungen. Wir sind da oben schon gewesen und haben uns die Gegend angesehen. Hört sich wirklich nach einem Schuss ins Blaue an. Es kann schon so vonstattengegangen sein, wie Sie mutmaßen, aber bedenken Sie, dass es in der Kommune viele Kilometer einsamer Waldwege gibt. Meilenweit erstrecken sich vom Fundort des Wagens Sümpfe und Seen in alle Himmelsrichtungen. Wir suchen nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Daher muss ich auch fragen, wieso Sie nun ausgerechnet auf diesen Ort gekommen sind?« Moen zuckte mit den Schultern.

»Das ist nicht so leicht zu erklären. Es ist nur einfach dahin gekommen, dass ich jetzt wissen muss, ob sich Linn Fostervoll dort befindet oder nicht. Wenn Sie mir nicht helfen können oder wollen, muss ich mir andere Wege suchen.«

Der Lensmann setzte ein schiefes Grinsen auf.

»Das erinnert mich jetzt doch sehr an TV Norge. Haben Sie hellseherische Fähigkeiten?«

»Nein, aber manchmal setzen sich die Dinge einfach fest und verlangen nach Antwort.«

Der Lensmann nickte.

»Ich will mal nicht so ein Querkopf sein. Für Mittwoch und Donnerstag nächster Woche kann ich Mannschaften bekommen, auch Hunde.«

»Und was ist mit dem See?«

»Wir sind hier in einer kleinen Kommune. Die Feuerwehr arbeitet nur Teilzeit, Taucher haben wir auch keine. Aber wir arbeiten mit den Leuten in Nedre Romerike zusammen. Ich werd mich mal umhören.«

*

Moen saß mit einem halb aufgegessenen Brötchen und einer Tasse Kaffe in der örtlichen Bäckerei und wurde sich mit einem Mal darüber klar, dass sein Verhältnis zu anderen Menschen nicht mehr wie früher war. Noch vor zwei Jahren wäre er dem Lensmann gegenüber nicht so derart ungeschickt aufgetreten. Er dachte an Astrid Bredeveien, die ihm wohlgesinnt war, sich aber offenbar Sorgen machte, wie er sich innerhalb der Behörde verhielt. Er wusste nicht einmal mehr den Namen seiner neuen Kollegin in der Vermisstenabteilung. Moen erinnerte sich indessen deutlich an den Widerwillen, den er angesichts des Informationsflusses der jungen Frau verspürt hatte, Informationen, die wahrscheinlich nur wenig oder keine Relevanz für die Klärung der Sache hatten, Informationen, die sie mit Neugier, Eifer und der inneren Überzeugung, der Sache auf den Grund zu kommen, gesammelt hatte. Woran stieß er sich bloß? In Gedanken versetzte er sich auf den Stuhl beim Lensmann in Bjørkelangen zurück. Worin lag das Unbehagen? Die Antwort war ziemlich einleuchtend: Er hätte den Job am liebsten ganz allein gemacht. Er war es schlichtweg verdammt leid, jeden Schritt und jede Entscheidung zu erklären, begründen, dokumentieren, rechtfertigen, beantragen zu müssen, als dringend anerkannt zu bekommen oder einzufordern, obendrein meist Leuten gegenüber, die ganz andere und nicht selten auch geheime Absichten verfolgten. Abrupt stand er auf und verließ das Lokal. Er klemmte sich wieder hinter das Steuer des Volvos und blieb dort sitzen wie ein leerer Sack, bis sein Handy klingelte.

»Wo bist du?«, fragte seine Lebensgefährtin Gudny Leirvaag.

»Auf einem Parkplatz in Bjørkelangen«, erwiderte er.

»Denkst du auch daran, was ich dir aufgetragen habe?«

»Ja, und die Antwort ist Nein. Du solltest es doch besser wissen, als mich um so was zu bitten.«

Gudny Leirvaag fauchte ins Telefon.

»Ich hab dir doch erklärt, wie du es machen sollst. Du darfst siebenundzwanzig Liter Wein importieren. Neun Drei-Liter-Kartons. Wenn Zöllner an der Grenze stehen, was so gut wie nie der Fall ist, dann verzollst du ihn eben.«

Moen antwortete nicht.

»Bist du noch da?«

»Ja.« Er zögerte. »Du weißt, dass ich keine Lust habe, so was zu machen.«

»Weißt du was, Knut? Langsam nehm ich das persönlich. Es scheint fast, als ob dir unser Verhältnis nichts wert ist. Wie oft bitte ich dich schon mal um so was? Überleg’s dir«, sagte sie und legte auf.

*

Moen kam ihrer Bitte nach. Er überlegte es sich. Das abgekühlte Verhältnis zu seiner Lebensgefährtin war eine Tatsache. Moen hatte die ganze Zeit beabsichtigt, Ordnung in diese Beziehung zu bringen, jetzt wo er mehr zu Hause war. Doch tatsächlich war das Gegenteil passiert, und er wälzte die Schuld auf dieses trostlose Café in der Toftes Gate ab. Gudny Leirvaag wurde immer verzweifelter und nahm nun ihn unter Beschuss, anstatt zu begreifen, dass ihr Café keine Zukunft hatte. Was er nun erlebte, war außerdem ein deutliches Anzeichen dafür, dass seine Lebensgefährtin sich von jeglicher Rationalität und Vernunft verabschiedet hatte. So dachte er zumindest.

Auf der anderen Seite hatte er nicht viel getan, um sie zu unterstützen. Die Wahrheit war wohl eher in seiner Weigerung zu sehen, sich nicht für etwas engagieren zu wollen, das in seinen Augen vor dem Abgrund stand. Moen legte den Kopf auf das Lenkrad, bekam jedoch eine plötzliche Eingebung, richtete sich auf, drehte den Zündschlüssel um und fuhr los.

Als er sich auf der Straße nach Kongsvinger in der Nähe von Skotterud befand, fegte auf einem langen geraden, doch schmalen Abschnitt ein großer schwarzer Range Rover mit getönten Scheiben an ihm vorbei und wich mit knapper Not einem Traktor aus, der auf der linken Seite auf die Landstraße einbog. Dies brachte Moen vollends zurück zu seiner Ermittlung. Auf dem ganzen Weg bis nach Morukulien kreisten seine Gedanken um die Arbeit, bis sich die Bedenken – oder Skrupel – wieder meldeten. Noch immer hatte er einen Job zu erledigen, und die leicht unbesonnene Stimmung aus Bjørkelangen hatte sich etwas gelegt. Immerhin sah es so aus, als hätten sich die Zollbeamten beider Länder schon zur Ruhe begeben, und er raste weiter bis zum Charlottenberg Shoppingcenter.

Es war Freitagnachmittag, viele Leute waren da. Er mühte sich verzweifelt ab, eine schwedische Münze für den Einkaufswagen zu ergattern, doch eine ältere Norwegerin erbarmte sich seiner. Gegen eine norwegische Zehnkronenmünze bekam er ihren Wagen. Für sie war das ganz klar ein Geschäft. Sie grinste über das ganze Gesicht. Moen manövrierte sich durch den Menschenstrom im Laden des Alkoholmonopols, bis er Rotwein in Kartons fand, die selbstverständlich ganz hinten im Laden standen. Vor einem Wein, der für seine Begriffe extrem billig war, blieb er stehen und nahm drei Neun-Liter-Kartons aus dem Regal. Das war ein Kompromiss. Fünf Minuten später war er auf dem Weg zurück zum Auto und blickte sich verstohlen um. Augenscheinlich waren alle um ihn herum mit sich selbst beschäftigt. Als er die Heckklappe des Volvos öffnete, stand er vor seinem ersten Dilemma. Sollte er die Kartons in das Fach unterhalb des Kofferraumbodens legen? Nein. Er würde sie verzollen. Die Einkaufstüten sollten offen sichtbar sein. Frustriert schüttelte er den Kopf und spürte, wie er unter den Armen und auf der Stirn schwitzte.

Nach einer Minute befand er sich wieder auf der Hauptstraße mit den beiden Kreisverkehren und fuhr zurück in Richtung Norwegen. Im Rückspiegel entdeckte er wieder den schwarzen Range Rover, drei Autos hinter ihm. Eine Minute später hatte er unmittelbar hinter ihm aufgeschlossen. Sie rasten an einem Schild vorbei, das rechts in den dunklen Wald deutete und »Shabby Chic 700 m« verkündete, bis sie schließlich zum letzten Straßenabschnitt vor dem Grenzübergang kamen. Dort vollzog der Range Rover ein weiteres gefährliches Überholmanöver. Dieses Mal war es ein norwegisches Rentnerpaar, das mit dem Schrecken davonkam, und Moen notierte sich das Kennzeichen, bevor der Range Rover in der Ferne verschwand und die Grenze sich näherte. Moen fuhr rechts über die rot markierte Spur, hielt an und stieg aus.

Auf beiden Seiten der Grenze gab es kein Lebenszeichen. Am unbesetzten Abfertigungsschalter des norwegischen Zolls waren die Fenster dunkel. Die Situation auf der schwedischen Seite war die gleiche. Nach einer Zigarette und einem Moment des Zögerns resignierte er. Seine Landsleute rasten mit vollgepackten Autos über die Grenze und schauten neugierig zu dem Mann hinüber, der dort stand. Knut Moen resümierte, dass er zwar versucht hatte, seine Waren zu verzollen, ihm das aber nicht gelungen war. Zwischen zwei Autos zwängte er sich auf die Straße zurück und fuhr mit fünfzig Stundenkilometern in einer endlos langen Schlange von Norwegern zurück in die Heimat und dem Wochenende entgegen.

Plötzlich wurde scharf gebremst. Die beiden Autos vor ihm fuhren an die Seite, dann tauchte ein Zöllner mit Stoppschild auf und winkte ihn an den Straßenrand. Den beiden Autos hinter ihm widerfuhr dasselbe Schicksal. Jetzt standen alle an der Abzweigung zum ersten Café auf norwegischer Seite. Bevor er wusste, wie ihm geschah, traten Zollbeamte rechts und links neben die fünf Wagen und spähten zum Fenster herein. Die anderen Autos durften weiterfahren, doch Moen wurde weiter in die Weggabelung hineindirigiert und hievte sich mit weichen Knien aus dem Wagen.

7

Zwei junge Zollbeamte, ein Mann und eine Frau, fragten höflich, was sich in den Tüten hinten im Auto befinde. Er öffnete die Heckklappe, und die junge Frau nahm die Tüten mit dem Wein aus dem Kofferraum, stellte sie auf den Boden und zählte die Kartons. Sie gab das Ergebnis an ihren Kollegen weiter – neun Liter – und bemerkte, dass er die Quote überschritten habe. Moen erklärte, er habe die Absicht gehabt, die Waren zu verzollen, die Zollstation sei jedoch unbedient gewesen. Verstohlen blickten sich die beiden Zollbeamten an, und die Beamtin sagte:

»Dürfen wir uns den Wagen mal etwas genauer ansehen?«

Moen konnte es nicht verweigern, hatte auch keinen Grund dazu, und zuckte mit den Schultern:

»Aber gern.«

Sie öffnete das große Ablagefach im Boden von Moens Kombi, wandte sich an ihn und sagte, er habe nicht nur die Quote überschritten, sondern es handele sich nun um ein ernstes Vergehen. Ihr Oberkörper hob sich, so dass Moen sehen konnte, worum es ging. Im Bodenfach lagen sechs Kartons Rotwein, was die Gesamtzahl auf neun erhöhte.

Moen konnte seinen eigenen Augen kaum trauen. Wo um alles in der Welt kam das her? Hilflos sah er die Zollbeamten an.

»Sie werden sicher nicht glauben, wenn ich Ihnen sage, dass ich nicht wusste, was da im Fach lag. Tatsächlich habe ich nur drei gekauft, und meine Quittung hier beweist das.«

Er langte in seine Jackentasche und zeigte ihnen die Quittung. Sie schüttelten nur den Kopf. Der Mann fragte, welche Absicht mit dem Schmuggel verbunden sei. Moen überraschte sich selbst und sagte: »Es geht nur um eine kleine Betriebsfeier.« Er dachte, das hörte sich vertrauenswürdig an, und die beiden Beamten zogen sich ein Stück zurück und konferierten.

Ergebnis: Beschlagnahme der Ware und eine gebührenpflichtige Verwarnung, die drakonische Ausmaße hatte und an Ort und Stelle akzeptiert werden musste. Moen fiel es nicht schwer, die Verwarnung zu akzeptieren, zumal er schon eine rechtliche Verfolgung und einen Riesenskandal befürchtet hatte. Er unterschrieb, nahm den Zahlschein entgegen und blickte sich in Erwartung von Zuschauern um, die womöglich Zeugen der Misere geworden waren, bemerkte jedoch lediglich den dunklen Range Rover, der jetzt draußen vor dem Grenzcafé parkte. Er verspürte den Impuls, Wagen und Fahrer genauer zu beobachten, doch die beiden Zollbeamten betrachteten ihn mit verschränkten Armen, als wären sie gespannt zu sehen, was er nun vorhatte.

*

Eine halbe Stunde später folgte die Reaktion. Er hielt an der Abzweigung zum Gulltjern an und blickte auf seine zitternde rechte Hand. Noch war die Gefühlsaufwallung gut versteckt irgendwo im Körper, drohte jedoch jeden Augenblick hervorzubrechen. Er stieg aus dem Wagen, atmete ein paarmal durch, taumelte einige Schritte zum See hinunter und übergab sich. Er ging in die Hocke und gewann nach und nach die Fassung zurück; er wusch sich das Gesicht im See, trank aus der hohlen Hand und zündete sich anschließend eine Zigarette an.

Eine weitere Stunde später parkte Moen den Wagen in der Hesselbergs Gate in Grünerløkka. Er ging zu Lillemors Café, wo seine Lebensgefährtin Gudny Leirvaag auf den Schmuggelwein wartete. Er versuchte, sich auf die Konfrontation einzustellen, die seiner dort drinnen harrte. An der Tür zum Café blieb er stehen. Das Lokal war dunkel, Moen sah auf die Uhr. An der Tür hing ein Zettel. »Bis auf Weiteres geschlossen.« Moen rief seine Lebensgefährtin auf dem Handy an. Sie war zu Hause und wartete auf ihn.

Einige Minuten später betrat er die Wohnung. Gudny Leirvaag saß in einem Sessel im Wohnzimmer und hielt ein Glas in der Hand.

»Hallo, Knut.« Leicht schwankend erhob sie sich. »Die letzte Truppe hält die Bastion. Ich hol dir auch ein Glas.«

Ohne seine Jacke auszuziehen, setzte Moen sich aufs Sofa und beobachtete, wie sie sein Glas mit Whisky füllte. Sie sah ihn fragend an.

»Du siehst furchtbar aus. Was ist denn passiert?«

Moen legte die gebührenpflichtige Verwarnung vor sie auf den Tisch.

»Das ist passiert. Gehe ich recht in der Annahme, dass du den Wein gar nicht gebraucht hast?«

Sie antwortete nicht sofort, starrte vor sich hin und hatte eine Miene aufgesetzt, in der er ein Lächeln um den Mund auszumachen glaubte.

»Es tut mir leid, dass ich dich in so eine Situation gebracht habe. Erst nachdem ich vorhin mit dir gesprochen hatte, wurde mir klar, dass das Rennen gelaufen ist.« Sie nippte an ihrem Drink. »Andererseits, lieber Knut, können wir nicht so weitermachen wie im letzten Jahr. Jetzt müssen wir beide von vorne anfangen. Vielleicht ist es das Beste für uns.«

»Was soll das heißen, von vorne anfangen? Meine Karriere ist fast zu Ende.«

»Was für ein Blödsinn. Eigentlich tue ich dir doch einen Gefallen.«

»Wovon redest du? Du tust mir einen Gefallen? Ich hab die besten Jahre meines Lebens für den Beruf geopfert, und nun soll es auf diese Weise enden? Was glaubst du denn, wie mir jetzt zumute ist?«

Gudny Leirvaags Augen wurden schmal.

»Glaubst du etwa, ich weiß nicht, was du getan hast? Bjørn Hansen hat mir erzählt, dass du einen Job abgelehnt hast, bei dem du zwei- oder vielleicht dreimal so viel Geld wie jetzt verdienen könntest. Ich würde dann nicht einmal arbeiten müssen, und uns würde es besser gehen.«

»Hat er dir auch erzählt, um was für einen Job es sich handelte?« Moen biss die Zähne zusammen.

»Er hat dir einen guten Job angeboten. Hast du nicht schon genug für die Gesellschaft getan?«

Moen schüttelte den Kopf.

»Ein verwöhnter Reicher, der wegen unbewiesener Unterstellungen im Fernsehen glaubt, er würde von jemandem verfolgt? Nein, vielen Dank.«

»Du redest von deinen Gefühlen? Und was ist mit mir? Ich hab hier mit dem Café alleine gesessen, während du drei Viertel des Jahres irgendwo im Hotel gewohnt hast. Was glaubst du, wie mir zumute war, wenn wir Bjørn Hansen besucht haben? Eine eigene Firma, in der Frau und Kinder arbeiten. Villa in Nordstrand, Ferienhütte in Nakholmen und Kvitfjell und ein dickes Boot auf dem Fjord. Was hast du denn nach über zwanzig Jahren bei der Kripo vorzuweisen? Es darf doch wohl noch erlaubt sein, mal etwas an sich selbst zu denken und zu überlegen, wie unser Leben aussehen könnte, wenn wir unsere Karten anders ausspielten. Es ist noch nicht zu spät, weder für dich noch für mich.«

Augenblicklich resignierte Moen. Niemals würde er diese Diskussion gewinnen. Immer war er davon ausgegangen, ein Dach über dem Kopf und zwei gute Jobs für sie und ihn reichten aus, doch schon damit hatte er sich wohl getäuscht. Und jetzt hatten sie zwar noch ein Dach über dem Kopf, aber keine zwei guten Jobs mehr. Er nahm einen großen Schluck aus dem Glas.

»Okay. Ich nehme einen Tag nach dem anderen. Mir bleibt keine Wahl, aber was hast du jetzt vor?«

»Bjørn hat mich mit einem Anwalt bekanntgemacht, der mir dabei helfen soll, den Betrieb abzuwickeln. Danach werde ich mich wohl nach einem Job umsehen. Warten wir’s ab.« Gudny Leirvaag lächelte. »Weißt du was? Ich hab fast ein bisschen gute Laune. Meinst du nicht, das könnte ganz spannend werden?«

Moen blieb ihr die Antwort schuldig. Er zog seine Jacke aus, leerte das Glas und legte sich mit dem Rücken aufs Sofa.

8

Das Wochenende verbrachte er auf dem Vår-Frelser-Friedhof. Stundenlang saß er in seiner Lieblingsecke, dort wo die Bethanienschwestern begraben lagen, und dachte über die Geschehnisse nach. Am Montag durchsuchte er alle Zeitungen, und mindestens drei Mal war er auf dem Weg zu Astrid Bredeveien, um die Karten auf den Tisch zu legen, doch jedes Mal machte er wieder kehrt und ging zurück in sein Büro. Als der Arbeitstag vorüber war, entschied er sich endgültig für die Vogel-Strauß-Politik und hoffte, seine Missetat würde in den Archiven des Zollwesens begraben werden.

Am Dienstagmorgen saß er erschöpft und kummervoll im Büro und hatte seine Hände über die Augen gelegt. Die Zeitungen hatte er bereits durchforstet.

»Zehn Øre für Ihre Gedanken!«

Moen nahm die Hände von den Augen und schreckte auf. Astrid Bredeveien beugte sich über den Schreibtisch.

»Vor zehn Minuten hat unsere Besprechung begonnen.«

Marit Gaasland grinste Moen breit an und blickte auf ihre Unterlagen.

»Am Sonntag haben Linn Fostervolls Eltern angerufen. Sie waren in Oslo. Sie hatten sich in ein Flugzeug gesetzt, um ihre Enkelin zu sehen, bevor der Winter richtig einsetzt. Wir haben uns gestern getroffen und lange unterhalten. Über zwei Stunden, um genau zu sein. Herr Fostervoll war sehr redselig.« Marit Gaaslands Lachfältchen kamen erneut zum Vorschein. »Ein Charmeur der alten Schule. Wir haben uns gut verstanden. Linns Mutter hat indessen nicht so viel geredet. Sie wirkte müde und etwas unglücklich. Das Verschwinden ihrer Tochter geht ihr wohl näher als ihrem Mann. Überraschend fand ich, dass sie, zwei Tage bevor sie zu ihrem Sohn Thomas nach Nesøy zogen, im Hotel ihres früheren Schwiegersohns, Sverre Midtsem jr., gewohnt haben.«

Marit Gaasland blätterte ein wenig in ihren Papieren. »Ich weiß nicht so recht, welche Relevanz das für Linns Verschwinden hat. Ihr Vater hat sich sehr für ihr Verhältnis zu ihrem ehemaligen Schwiegervater, Sverre Midtsem sr., interessiert. Er hat auch viel über die Beziehung zwischen Vater und Sohn Midtsem gesprochen.«

»Wie lautet die Kurzversion?«, fragte Astrid Bredeveien.

»Er zeichnet kein besonders rosiges Bild vom Schwiegervater seiner Tochter, einem Mann, der seinen Sohn vor allen möglichen Leuten gedemütigt hat. Linn hingegen war sein Augenstern. Ob das jetzt Teil des demütigenden Verhaltens oder ob Sverre sr. wirklich so begeistert von seiner Schwiegertochter war, ist nicht so wichtig. Herr Fostervoll hat seinen Schwiegersohn wie folgt beschrieben: ein kultivierter, angenehmer Mann und seinem Kind ein guter Vater, aber mit Linns Familie sind sie nie richtig warm geworden. Die ausführliche Fassung hab ich hier.« Marit Gaasland hob ihren Papierstapel an.

Astrid Bredeveien entgegnete:

»Lassen Sie Knut eine Kopie zum Lesen zukommen. Ich hab in einer Viertelstunde noch einen Termin. Wie sieht’s in Bjørkelangen aus?«

»Morgen geht’s los«, sagte Moen. Er skizzierte kurz seine Planungen mit dem Lensmann in Bjørkelangen, ließ jedoch die Unstimmigkeiten unter den Tisch fallen, die während der Unterredung aufgekommen waren.

Astrid Bredeveien nickte kurz und sagte dann:

»Könnten Sie bitte einen Moment rausgehen, Marit? Ich muss mit Knut kurz unter vier Augen reden, bevor ich gehe.«

Marit Gaasland erhob sich.

»Dann gehe ich in der Zwischenzeit Kaffee holen. Soll ich Ihnen auch was mitbringen, Knut?«

»Ja, danke«, erwiderte er, und sie verschwand.

Astrid Bredeveien nahm ihre Brille ab und ließ sie am Seniorenband herabhängen. Sie war eine Frau in den Fünfzigern, konservativ gekleidet und mit hochgestecktem Haar. Bei der Kripo hatte man ihr den Spitznamen Frau Vermisste Personen verpasst. Sie blickte ihn ernst an.

»Ich habe Sie hier noch nicht mal richtig willkommen geheißen«, sagte sie. Moen wartete auf die Fortsetzung und wusste selbst nicht, was auf ihn zukam.

»Ist irgendwas nicht in Ordnung? Sie sehen furchtbar erschöpft aus. Geht es Ihnen nicht gut?«

»Ich hab nur ein paar Probleme an der Heimatfront«, entfuhr es ihm.

»Ernsthaft?«

»Ich weiß nicht. Wir werden sehen.«

»Ist es so schlimm, dass Sie deswegen möglichst wenig Verantwortung übernehmen möchten? Ich weiß ja nicht, wieso Sie hierher versetzt wurden.«

»Ich habe um einen Dienst ohne Reisen gebeten, um zu sehen, ob sich die Situation zu Hause verbessert.«

Astrid Bredeveien zog eine Grimasse. »Wissen Sie, momentan wächst mir der Verwaltungskram etwas über den Kopf. Ich hätte große Lust, Ihnen die Verantwortung für diesen Fall zu überlassen. Um es geradeheraus zu sagen: Wir stehen in dieser Fostervoll-Sache unter Druck. Präsidium und Ministerium rufen fast täglich an. Als ich das hier auf den Tisch bekam, habe ich meinen Augen und Ohren nicht getraut.« Sie blickte zur Tür, wo Marit Gaasland gesessen hatte. »Ich habe wirklich fleißige Leute hier in der Abteilung, aber alle, die weder eifersüchtig noch neidisch sind, wissen, dass Sie der beste Spürhund in Norwegen sind. ›Der Beste auf der Piste.‹ Haben Sie das nicht immer selbst gesagt?« Frau Bredeveien sah ihn flehend an. »Marit ist eine richtig tüchtige junge Frau, ich habe großes Vertrauen zu ihr. Ich hätte mir die Zeit nehmen müssen, ihre Unterlagen durchzulesen und ihr ein Feedback zu geben, aber zurzeit kriege ich keine Ruhe. Könnten Sie das übernehmen, oder wächst Ihnen das Leben gerade über den Kopf?«

»Ich werde mein Bestes tun.«

»Vielen Dank, da bin ich sehr beruhigt.«

*

Marit Gaasland verzog das Gesicht.

»Ich komme mir wie ein Trottel vor. Quatsche da über Linn Fostervolls Vater. Ich bin gar nicht zu den einzelnen Punkten gekommen, doch Astrid wirkt so ...« Sie zögerte. »Beinahe uninteressiert, auf jeden Fall ziemlich gestresst. Möchten Sie sich das jetzt durchlesen?«

Moen lächelte ihr aufmunternd zu. »Erzählen Sie mir erst mal von den einzelnen Punkten.«

»Der wichtigste Punkt von Herrn Fostervoll war, dass das Leben von Sverre Midtsem jr. nach dem Tod seines Vaters und dem Verschwinden seiner Exfrau so viel angenehmer wurde, dass das an sich schon beunruhigend war.«

Moen fragte, womit Linns Vater solch eine Ansicht begründete, und bekam zur Antwort:

»Linn Fostervoll hatte unmittelbar nach der Scheidung versucht, Sverre Midtsem jr. vor Gericht auf eine Million Schadensersatz zu verklagen. Ihre Begründung war, dass sie nun mit leeren Händen auf dem Immobilienmarkt dastünde, denn aufgrund der Tatsache, dass sie bei seinen Freunden, dem Geschwisterpaar Glad, zur Miete gewohnt hätten, hätten sie in der Ehe kein Wohnkapital erarbeitet. Linns Vater meinte, sein Sohn Thomas, also Linns Bruder, der als Anwalt für Immobilienangelegenheiten arbeitet, habe sie leider auch zu dieser Klage ermuntert. Sie hatte dann einen den ›Dachs‹ genannten Anwalt angeheuert, der dafür bekannt ist, zuzuschnappen und nicht eher lockerzulassen, bis die Knochen durchgebissen sind. Die Sache war natürlich hoffnungslos. Fostervoll war früher selbst Anwalt und hatte seiner Tochter von einer Klage abgeraten, doch ohne Erfolg. Das Gericht hat die ganze Sache abgewiesen, und Linn musste dem ›Dachs‹ ein ordentliches Honorar zahlen.

Sie hatten selbst auch ein paar Probleme mit Linn. Als sie das Haus in Norwegen verkauften und nach Spanien zogen, hatte Linn um einen Vorschuss auf das Erbe gebeten. Die Eltern hingegen meinten, dass sie in einer guten Gegend billig zur Miete wohnte, und erwähnten ihre Unterstützung bei der Renovierung von Küche und Bad. Der Vater hatte gemeint, sie möge doch warten, bis die Zeit für das Erbe ›reif sei‹, wie er sich ausdrückte.« Marit Gaasland entwarf also über den Vater das wenig schmeichelhafte Bild einer Frau, die mit ihren Verwandten nicht zimperlich umging, um sich deren Geld anzueignen.

An dieser Stelle der Darlegungen von Linn Fostervolls Vater fiel der Verdacht auf den Schwiegersohn. Sverre Midtsem sr. hatte jahrelang lauthals verkündet, er würde gern das ganze Hotel über den Kopf seines Sohnes hinweg verkaufen, sofern ihm dies freistünde, um dann das Geld so zu verteilen, dass Linn und sein Enkelkind ihren Unterhalt dadurch gut bestreiten könnten. Allein wegen seiner Frau, Sverres Mutter, stand es ihm nicht frei, da sie die Hälfte der Aktien kontrollierte, die gemäß den Bestimmungen der Gesellschaft nicht ohne Einwilligung des anderen Aktieninhabers verkauft werden durften. Linns Vater war der Ansicht, das Verhältnis seiner Tochter zu ihrem Schwiegervater sei fast schon unnatürlich gewesen, so dass Sverre Midtsem jr. die Situation als bedrohlich auffassen musste. Was schließlich würde geschehen, wenn die Mutter von Sverre jr. starb und der Vater mit dem Gesamtvermögen dasaß? So dachte Linn Fostervolls Vater. Er stellte seinem Schwiegersohn demnach ein gutes Zeugnis als Mensch aus, war jedoch der Ansicht, Sverre Midtsem jr. hätte gute Gründe gehabt, sich seiner Exfrau Linn zu entledigen.

Moen lächelte. Ihm war zwar durchaus bekannt, dass viele Menschen beim Tod anderer Erleichterung verspürten und auch nicht schlecht daran verdienten, doch wusste er ebenfalls, dass es nicht nur tabu war, Derartiges zu sagen, sondern auch, so zu denken oder zu fühlen. Daher überraschte ihn nicht, dass Fostervoll das »Glück« seines Schwiegersohns in Verbindung mit dem Tod seines Vaters und seiner Exfrau mit Misstrauen betrachtete, denn Moen zweifelte keine Sekunde daran, dass Linn Fostervoll in die Geschichte eingegangen war. Er glaubte nicht an ihr plötzliches Auftauchen in Dubai, doch ihr Exmann hatte ein hieb- und stichfestes Alibi. Daran gab es nichts zu rütteln. Knut Moen war allerdings an der Geldsumme interessiert, die in den Hinterlassenschaften von Linn Fostervoll gefunden worden war.

»Haben Sie Thomas Fostervoll vernommen?«

»Der war nicht so leicht zu bezirzen«, erwiderte Marit Gaasland und ließ ihre Lachfältchen wieder aufscheinen. »Im Gegensatz zum Vater. Ich habe ihn in seinem Büro am Fridtjof Nansens Plass aufgesucht. Da hat er die Karten erstmals auf den Tisch gelegt. Thomas Fostervoll hat ein Konto in der Schweiz entdeckt, das auf den Namen seiner Schwester läuft und nicht nur eine, sondern fast zwei Millionen norwegische Kronen führt. Da hat er zunächst überlegt, wie er die Summe aus dem offiziellen Nachlass heraushalten kann. Alle warten ja auf eine Änderung der Erbschaftssteuer in nächster Zeit. Deswegen sitzt auch Sverre Juniors Mutter bis heute mit den Aktien im Hotel.« Marit Gaasland zuckte mit den Schultern. »Der einzige Grund für diese Aufrichtigkeit ist die Tatsache, dass das Geld in der Fernsehsendung erwähnt wurde. Die Tochter hatte ihrem Vater schließlich erzählt, dass der Onkel das Geld in der Hinterlassenschaft gefunden hatte. Darüber hinaus hatte Thomas Fostervoll kaum etwas über seine Schwester und deren Vorhaben zu berichten. Als ich versuchte, ihn über das Geld und die Geschäfte seiner Schwester auszufragen, wurde er zum arroganten Anwalt. Er wisse nicht mehr als das, was er in den Hinterlassenschaften gefunden habe, und in fünf Minuten sei bereits der nächste Termin. Das war alles.«

Moen trommelte auf die Tischplatte.

»Falls er etwas gewusst hat, das mit dem Verschwinden seiner Schwester in Zusammenhang stehen könnte, dann hätte er doch wohl mit uns zusammengearbeitet, oder was glauben Sie?«

Marit Gaasland blickte zu Moen auf und verzog den Mund.

»Ich hab ja nicht Ihre Erfahrung, aber nachdem er alle Fakten über das Konto in der Schweiz offengelegt hat, schien er mir immer noch sehr auf der Hut zu sein. Er hat es ja erst verschwiegen, und obwohl er deswegen nicht gerügt wurde und die Sache aus der Welt war, konnte ich keine Erleichterung bei ihm verspüren.«

»Das behalte ich mal im Hinterkopf. Was hat sich beim NRK ergeben?«

»Im Prinzip nichts Neues, aber alles etwas genauer dokumentiert. Die Freundin aus der Redaktion war in der Tat mit dabei auf dem Fest in der Wohnung an der Aker Brygge, die auch tatsächlich dem sogenannten medienscheuen Finanzmann gehört. Aus dieser Wohnung wurde ja auch die Waffe gestohlen, mit der Sverre Midtsem sr. sich umgebracht hat. Außerdem hat sie Linn Fostervoll im Gespräch mit ebenjenem Mann beobachtet, irgendwo in einem Lokal in Oslo-West, wo sich die Prominenten treffen. Das wurde dann mit Sverre Midtsems Aussage in Verbindung gebracht, dass der ›Medienscheue‹ ein Angebot zum Kauf des Hotels vorgelegt habe. Eine Wahrheit mit Abweichungen, wie sich zeigte.« Marit Gaasland blätterte in ihren Papiere und las:

»Sverre Midtsem jr. fand in den hinterlassenen Papieren seines Vaters wirklich ein Angebot zum Kauf des Hotels, doch war das von Fred Morgan Henriksen unterschrieben, einem bekannten Wirtschaftsanwalt.«

»Wie heißt denn dieser sogenannte Finanztycoon?«

»Halvdan Hohle Krokfoss.«

Moen hob den Kopf. Der Name weckte seine Neugier, und er fragte, wie dieser Krokfoss mit dem Angebot in Verbindung gebracht werden könnte.

»Fred Morgan Henriksen kümmert sich um viele seiner Angelegenheiten, den Untersuchungen der Faktor-Redaktion nach zu urteilen. Interessant ist auch, dass weder Sverre Midtsem jr., noch seine Mutter, noch der Familienanwalt etwas von dieser Anfrage wussten.«

»Wer behauptet das?«, fragte Moen und bemerkte gleich seinen krassen Tonfall. »Die haben doch wohl nicht mit der Mutter oder dem Familienanwalt gesprochen, soweit ich mich erinnere?«

Marit Gaasland errötete. »Sie erinnern sich wohl nicht, dass ich das mit seiner Mutter geklärt hatte. Mittlerweile habe ich auch mit dem Anwalt der Familie geredet, der Juniors Darstellung ebenfalls bestätigt.« Marit Gaasland sah Moen beschämt an. »Ich versuche nur, die tatsächlichen Erkenntnisse oder einen Mangel an solchen aufzuzeigen, die den Spekulationen von Faktor zugrunde liegen.«

Moen hob abwehrend die Hände. »Wenn ich ungehalten klinge, dann bezieht sich das auf den NRK. Tut mir leid.«

Marit Gaasland war noch nicht völlig überzeugt. »Ich habe Angst, dass Sie glauben, ich beschäftige mich hier mit Dingen, die keine Relevanz für den Fall haben. Dass Sie denken, ich laufe hier in eine Sackgasse.«

Moen breitete die Hände aus. »Liebe Marit. Folgen Sie einfach Ihrem Instinkt. Niemand weiß derzeit, was relevant ist und was nicht.«

Marit Gaasland wirkte nicht besonders glücklich, als sie auseinandergingen.

9

Es war sechs Uhr am Morgen. Knut Moen saß über eine Tasse Kaffee gebeugt am Küchentisch. Draußen war es dunkel, und im Fenster konnte er nur sein eigenes weißes Gesicht erkennen. Normalerweise hätte er, wie jeder andere Norweger, der sich in wollene Unterwäsche, eine wind- und wasserdichte Außenhülle und hohe Schaftstiefel kleidete und mit einem Rucksack voller Essen, Wasser und Kaffee ausstattete, kurz gesagt also jemand, der sich auf einen Tag draußen im Wald und in der freien Natur vorbereitete, ein gewisses Wohlbehagen, ja sogar eine Spitzenkompetenz verspürt – zumindest aus europäischer Sicht –, wenn es darum ging, sich draußen in der ungastlichen Natur Bequemlichkeit zu verschaffen oder zumindest darin zu überleben. Ein Norweger wäre freudig erregt, bereitete er sich auf solch eine Herausforderung vor.

Moen hatte registriert, wie böse Zungen behaupteten, die Kompetenz eines norwegischen Mannes liege in erster Linie in der Begegnung mit den Kräften der Natur. Eine Frau aus dem Ausland hatte diese Gedanken vor ein paar Tagen auf witzige Weise in der Zeitung formuliert. War sie nicht der Ansicht gewesen, ein Norweger könne den Unterschied zwischen Naturphänomenen, wie beispielsweise einem Sonnenuntergang, und anderen Menschen, beispielsweise einer Frau, nicht erkennen? Oder hatte er, der Norweger, vielleicht recht? War der Mensch nicht selbst ein Naturphänomen? Hatte er nicht selbst, wie schon viele andere, erlebt, dass Menschen genauso destruktiv und unvorhersehbar sein konnten wie ein Erdrutsch?

Diese Gedanken beschäftigten Moen, als er sich ins Auto setzte und auf der breiten, heruntergekommenen E 6 in nördliche Richtung aus der Stadt hinausfuhr. Auf der anderen Seite der Leitplanke, in entgegengesetzter Richtung: drei dichte Reihen mit Frontscheinwerfern in der herbstlichen Dunkelheit – Tausende von Arbeitnehmern auf dem Weg zur Arbeit in die Hauptstadt. Unter normalen Umständen wäre er begeistert gewesen, sich mit einem Auftrag wie diesem hinauszubegeben, doch da Moen Lutheraner war, konnte ihm kein anderer Mensch seine Sünden vergeben, und so kämpfte er mit seinem eigenen Gewissen.

Er dachte daran, was er in Bjørkelangen in Gang gesetzt hatte. Aber war das nicht Astrid Bredeveiens Schuld? Auf der breiten, ausgebauten Straße, die sich von Fetsund hinauf nach Aurskog-Høland schlängelt, ereilte ihn genau in dem Moment, als die Sonne am Horizont auftauchte, eine Vision von all den anderen Männern, die sich wie er gekleidet hatten und auf dem Weg in die kalte feuchte Dunkelheit befanden, um nach der Nadel im Heuhaufen zu suchen. Und das nur, weil Astrid Bredeveien ihn gebeten hatte, ein Gedankenspiel durchzuführen. »Stellen Sie sich vor, Linn Fostervoll ist einem Verbrechen zum Opfer gefallen.« Und er selbst: »Ich glaube, dass es so passiert sein könnte.« Er wurde sich der beträchtlichen Fallhöhe bewusst und schüttelte sich.

*

»Wissen Sie was?«, sagte der Lensmann in Bjørkelangen. »Ich glaube sogar ein wenig an Ihre Hypothese. Ich bin sehr gespannt.«

An der Abzweigung zum See saßen sie in Moens Auto. Fünfzehn Männer standen um den Wagen herum. Ein paar von ihnen in der Uniform der Reservisten, zwei Männer in Polizeiuniform, einige Zivilisten, und sie hatten sogar einen Leichenspürhund.

»Der Vorsitzende des Jagd- und Angelvereins und ich haben uns am Wochenende das Terrain und die Karte angesehen, und wir schlagen vor, dass wir in dieser Gegend suchen.« Der Lensmann reichte Moen die Karte. Ein Gebiet war mit dünnen Bleistiftstrichen schraffiert. »Haben Sie Einwände?«

»Sie sind hier zu Hause«, erwiderte Moen und gab ihm die Karte zurück, »ich bin einverstanden.« Er blickte den Lensmann unsicher an. »Konnten Sie einen Taucher auftreiben?« Der Lensmann nickte und setzte ein leicht sardonisches Lächeln auf.

»Glauben Sie, dass wir sie im Wasser finden?«

Moen zuckte mit den Schultern und trommelte leicht verärgert auf das Lenkrad.

»Zu einer ordentlichen Suche gehören nun mal Taucher, oder nicht?«

Der Lensmann nickte. »Wohl wahr. In einer Stunde kommt eine Mannschaft mit drei Leuten. Deren Logistik ist etwas komplizierter als meine. Taucher und Unterwasserkamera inklusive.«

Moen wandte sich seinem Kollegen zu.

»Ich gehe davon aus, dass Sie die Suche koordinieren. Wo wollen Sie mich haben? Im Wald?«

Der Lensmann schüttelte den Kopf.

»Ich dachte mir, ich bleibe auf festem Grund. Die Leute hier nehme ich jetzt gleich alle mit, dann könnten Sie vielleicht hier warten und das Taucherteam instruieren und beaufsichtigen.«

So machten sie es. Eine Minute später war die lange Reihe der mehr oder weniger uniformierten Männer vom feuchten Laubwald verschluckt, denn am Ende des Forstwegs, den sie jetzt entlanggingen, lag die kleine Bucht, in der Knut Moens Hypothese gemäß Linn Fostervoll von ihrem Schicksal ereilt worden war. Moen blickte zurück zur Straße. Auf der anderen Seite standen Fahrzeuge so dicht am Straßengraben aufgereiht wie eben möglich. Als Moen zum See der Toten hinübersah, konnte er keine Anzeichen menschlicher Aktivität in der Umgebung ausmachen. Es war völlig windstill, nur ein leichter, feiner Nieselregen durchbrach die Wasseroberfläche. Er betrachtete das gegenüberliegende Seeufer. Auf seiner Seite war es Herbst. Der Geruch von feuchten, vermodernden Blättern stieg ihm in die Nase, und zwei schwächliche Birken, an denen noch ein paar gelbe Blätter hingen, unterstrichen den jahreszeitlichen Eindruck. Auf der anderen Seite des Sees stand die Zeit still. Dichter, dunkel-düsterer Nadelwald so weit das Auge reichte. Tief liegende Nebelschwaden hingen wie Schleier über den Baumkronen. Die Farben: Grau und Dunkelgrün. Kein Strand. Der Nadelwald wuchs auf Felsen, die steil zum Wasser abfielen. Die ganze andere Seite war für Männer in Autos unzugänglich. Ebenfalls nicht mit Autos zu erreichen waren, wegen der Leitplanke, die an seinem Standort endete, die Ostseite des Sees und der ganze Straßenabschnitt im Süden. Die Antwort lag im Nordwesten.

Eine Stunde später sah er wieder auf die Uhr. Von den Mannschaften des Lensmanns hatte er noch nichts gehört. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie es ihnen erging. Feuchte, glatte Steine, mit Moos bewachsen. Zweige, die einem ins Gesicht peitschten. Blätter und Nadeln, die ihre Feuchtigkeit auf alle herabrieseln ließen, die vorbeikamen. Kalte Finger und feuchte Knie. Ein paarmal hatte er so etwas schon selbst mitgemacht und war tief im Innern froh, diesmal davongekommen zu sein. Er stellte die Thermoskanne auf das Autodach und wollte gerade seinen Proviant aus dem Wagen holen, als ein Toyota Landcruiser mit Bootsanhänger von der Straße abbog, dessen Räder sich in den Kies gruben. Der Fahrer ließ den Wagen im Leerlauf stehen und sprang heraus. Er nickte Moen zu und sah sich um. Aufmerksam untersuchte er die zwei oder drei Meter Grasstreifen zwischen Kiesweg und See.

»Perfekt«, sagte er grinsend. »Sauberer Stapellauf.«

Er kletterte wieder in den Wagen, fuhr den Hänger vorsichtig rückwärts auf die Straße, rollte ein paar Meter vorwärts und manövrierte den Hänger dann wieder rückwärts so weit wie möglich ans Wasser heran. Zwei Männer hüpften heraus und bugsierten ein mittelgroßes Gummiboot mit festem Boden und Scheinwerferbügel auf das Wasser. Moen erklärte den Männern, wonach er suchte und wie die Suche ablaufen sollte. Taucher und Bootsführer fuhren mit dem Boot hinaus, während der Fahrer die Suche über Funk und auf einem Bildschirm im Wagen verfolgte.

Zwei Stunden später stand Moen in der westlichen Bucht, wo die Suche noch nicht beendet war. Er teilte sich eine Tasse Kaffee mit dem Lensmann. Die Suchtrupps lösten sich langsam aus ihren Reihen. Sie ließen die Köpfe hängen und blickten verstohlen zu Moen und dem Lensmann herüber, als wäre es ihre Schuld, dass die Suche bislang erfolglos geblieben war. Der Hund war noch draußen, wovon sich der Lensmann einiges versprach, doch sein Optimismus verschwand ein paar Minuten darauf, als der Leichenspürhund an seinem Fuß schnüffelte.

Draußen auf dem Wasser hatte das Gummiboot bereits dreihundert Grad eines festgelegten Kreises abgesucht. Es dümpelte ganz nahe in der Bucht, an deren Strand sie standen, und die restlichen sechzig Grad lagen vor dem Abschnitt mit Buschwerk, das den Wirtschaftsweg bis zurück zum Auto und zur Hauptstraße verdeckte.

»Was meinen Sie? Wollen wir sie noch eine Runde drehen lassen oder den Radius ausweiten?« Der Lensmann sah Moen etwas unschlüssig an.

Im tiefsten Innern hatte Moen kapituliert. Die Männer im Boot hatten den einen oder anderen überflüssigen Zivilisationsgegenstand gefunden. Darunter befand sich seltsamerweise auch ein kleiner Kühlschrank, den jemand hier in die Wildnis gebracht und mit Steinen gefüllt hatte, bevor er im Wasser gelandet war, aber das war auch alles. Moen nahm sich für die Antwort etwas Zeit und überließ dem Lensmann schließlich die Verantwortung, bevor er etwas enttäuscht und kleinlaut durch das Gebüsch zurück zum Begleitwagen des Taucherteams wanderte. Dort wollte er warten, bis das Gummiboot zum Ausgangspunkt zurückkam.

Moen stand da und beobachtete, wie das Boot den restlichen Abschnitt absuchte. Der Fahrer des Taucherteams klebte vor dem Bildschirm, während Moen sah, wie die Männer der Suchmannschaft einzeln oder in kleinen Grüppchen aus dem Gebüsch kamen. Offenbar hatten sie ihre Abschlussbesprechung schon hinter sich, denn sie gingen über die Straße direkt zu ihren Wagen. Der Lensmann kam zuletzt und stellte sich neben Moen, während das Gummiboot nun genau vor der Stelle dümpelte, an der sie es zu Wasser gelassen hatten.

»Geht mal weiter raus. Zehn Meter und lasst die Kamera runter«, sagte der Fahrer ins Funkgerät. »Ich glaub, ich hab da unten was gesehen.«

Das Boot drehte die Nase nach vorn und bewegte sich ein paar Meter weiter hinaus. Aufmerksam verfolgte der Fahrer im Wagen die Bilder der Kamera. Moen setzte sich neben ihn.

»Zwanzig Grad rechts.« Das Funkgerät knackte, als die Antwort kam.

»Arntzen hat was im Sucher. Er glaubt, es ist ein Auto.«

»Da haben wir’s ja.« Die Kamera zeigte etwas, das wie das Heck eines Sportwagens aussah, mit offenem Verdeck. »Was glaubt ihr, wie tief ist es?«, fragte der Fahrer über Funk.

»An der Grenze, aber Arntzen geht runter.«

»Okay. Over.«

Der Taucher ließ sich rückwärts über Bord gleiten. Moen lieh sich das Fernglas des Fahrers aus und beobachtete die aufsteigenden Luftblasen. Der Lensmann stand draußen und rauchte. Moen stieg aus.

»Darf ich mir eine von Ihnen schnorren?«

Ohne den Blick vom Gummiboot abzuwenden, reichte der Lensmann ihm die Schachtel.

»Feuer?«

Der Lensmann fasste in die Tasche und reichte Moen sein Feuerzeug. Als er sich die Zigarette anzündete, hörten sie den Fahrer:

»Hol mich der Teufel. Ich glaub, da ist was in dem verfluchten Wagen.«

Der Lensmann steckte den Kopf zum offenen Seitenfenster des Fahrzeugs hinein und blickte auf den Bildschirm. Dann drehte er sich wieder Moen zu.

»Vielleicht. Wollen mal hören, was der Taucher sagt.«

Die nächsten Minuten sagte niemand etwas. Moen saß auf einem Stein und zog an der Zigarette, bis der Froschmann den Kopf aus dem Wasser reckte und über das Dollbord ins Taucherboot krabbelte. Moen stand auf und ging zum Fahrer hinüber. Das Funkgerät knisterte.

»Arntzen sagt, dass da Menschen im Auto sind.«

»Wie viele?«, fragte Moen so laut, dass der Funker im Boot ihn hören konnte.

»Mindestens einer.«

10

Als das Bergungsfahrzeug ans Ufer vorrückte, standen eine Einsatzmannschaft der Kripo und eine Ambulanz am Tatort bereit. Die Beamten des Lensmanns waren am Straßenrand postiert, um den Verkehr und die Schaulustigen im Auge zu behalten. Der Fahrer des Bergungswagens reichte den Haken an den Froschmann im Boot weiter, das dann langsam zurücktuckerte, während der Bergungsmann die Seilwinde abrollen ließ. Mit einem Platschen ließ der Taucher sich rückwärts ins Wasser fallen. Die Ringe breiteten sich im schwindenden Abendlicht über das Wasser aus. Als sie die Wasserlilien am Ufer erreichten, war die Atmosphäre fast märchenhaft, und niemand sagte ein Wort, bis der Taucher wieder oben war und den Daumen in die Luft reckte. Der Bergungsmann gab sich mit dem Daumen nicht zufrieden. Er wollte wissen, wo am Auto der Taucher das Drahtseil befestigt hatte, und bekam schließlich Bescheid, es sitze an der Hinterachse. Er nickte und hievte das Auto langsam und stückweise nach oben, während der Froschmann mit seiner Tauchermaske auf der Wasseroberfläche lag und die Aktion verfolgte. Plötzlich gab es einen Ruck, das Drahtseil gab ein klagendes Geräusch von sich, und der Bergungsmann hielt die Seilwinde an. Der Taucher schwamm ans Ufer und stieg aus dem Wasser.

»Drei, vier Meter weiter draußen ist eine Felskante, der Wagen hängt jetzt ungefähr in einem rechten Winkel am Seil. Wenn du ein Stückchen weiter einziehst, knallen die Hinterräder über die Kante. Das wird wohl nicht gutgehen, aber ich glaube kaum, dass der Besitzer protestiert.«

Der Mann an der Seilwinde kratzte sich am Kopf, setzte sich in sein Fahrzeug und manövrierte es so nah wie möglich ans Ufer, wodurch er die Strecke verkürzte. Dann schickte er alle weg, für den Fall, dass das Seil riss. Der Bergungsmann schloss einen Moment die Augen, als schickte er ein Gebet gen Himmel, und ließ es darauf ankommen.

Der Wagen durchbrach die Wasseroberfläche und rollte das letzte Stück ans Ufer. Moen fiel es nicht schwer, den Wagen als einen feuchten Traum aus der Jugendzeit zu identifizieren. Es war ein Jaguar E-Type Roadster aus den sechziger Jahren.

»Komische Farbe«, hörte er den Lensmann hinter sich sagen und wandte den Kopf um: »Wieso?«

»Das ist eine Cadillac-Farbe. Türkis.«

Augenblicklich zog Moen sein Notizbuch hervor und schrieb das Kennzeichen auf. Es begann mit KE. Der Wagen war also im Regierungsbezirk Buskerud registriert. Die Leute von der Spurensicherung in ihren weißen Schutzanzügen kamen hinzu und leuchteten ins Wageninnere. Moen schaute auf der Fahrerseite hinein. Der Wagen hatte das Lenkrad auf der linken Seite, und einer der Männer vom Einsatzteam der Kripo lief um den Wagen herum.

»Wir öffnen die Tür auf dieser Seite, dann bekommen wir das Wasser raus.«

Moen trat ein paar Schritte zurück, und der Kollege öffnete die Tür. Das Wasser strömte heraus, und Moen näherte sich vorsichtig. Der Beamte setzte sich an der Tür in die Hocke und leuchtete wieder in den Wagen, während Moen sich vorbeugte und ihm über die Schulter sah. Gegen die Tür auf der anderen Seite gepresst saß eine Frau – der Kopf ruhte auf dem Armaturenbrett, das Gesicht von den Haaren verdeckt. Moen richtete sich auf und ging zu seinem Wagen, um die Kamera zu holen. Als er zurückkam, sprachen die Männer des Einsatzteams miteinander und wandten sich dann an Moen.

»Soweit wir es beurteilen können, hat sie eine Weile im Wasser gelegen«, sagte der eine.

»Eine Frau?«, fragte Moen.

»Soviel immerhin steht fest«, gab der andere zurück. »Die Straßenwacht überführt den Wagen samt Leiche direkt in die Rechtsmedizin. Da können wir das Ganze viel einfacher hantieren. Einer von uns begleitet den Fahrer.«

»Kann ich ein paar Bilder machen, bevor Sie fahren?«

»Natürlich. Wir müssen auch noch ein paar Aufnahmen machen.«

Die Tür stand offen. Moen hatte freie Sicht und richtete seine Taschenlampe auf die Leiche. Noch einmal ging er durch, woran er sich erinnerte: enge Jeans, geblümte Tunika? Kurze dunkle Lederjacke. Flache braune, halbhohe Stiefel. Er richtete sich auf, schüttelte den Kopf und grinste von einem Ohr zum anderen, ohne einen Gedanken an die Situation. Dann bemerkte er den Lensmann, der ihn mit hochgezogenen Augenbrauen und zerfurchter Stirn von der Seite begutachtete.

»Was hat das Lächeln zu bedeuten?«, fragte der Lensmann.

»Sie wollen doch nicht sagen, dass es die ist, nach der wir suchen?«

»Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber es besteht durchaus die Möglichkeit. Ich bin einfach nur ein bisschen überrascht.«

Moen machte eine Serie von Bildern. Als er fertig war, fotografierte das Einsatzteam die Tote, den Wagen und die Umgebung, danach wurde das Autowrack auf das Bergungsfahrzeug gehievt. Der Lensmann nahm seine Mütze ab, als die mutmaßliche Linn Fostervoll mit Einsatzwagen und Ambulanz im Schlepptau ihre letzte Reise antrat.

Seine Mitarbeiter folgten dem Beispiel ihres Chefs. Moen trug keine Mütze, hielt jedoch eine Hand in der anderen, wie Kirchgänger es für gewöhnlich taten.

*

Knut Moen saß in der Kantine des Polizeireviers von Asker und Bærum und kaute auf einem Schinkenbrötchen. Der Lensmann saß in seinem Büro und war mit der Kfz-Meldestelle beschäftigt. Nach dem langen Tag war Moen durchgefroren. Als er jetzt aufzutauen begann und wieder etwas Wärme in den Körper bekam, nickte er kurz ein. Moen erwachte, als der Lensmann sich an die andere Seite des Esstischs setzte.

»Ein bisschen seltsam, das Ganze«, sagte er. »Der Wagen ist auf jemanden registriert, der vor zwei Jahren verstorben ist.«

Moen schüttelte vorsichtig den Kopf. »Wissen Sie mehr über ihn?«

»In der Tat. Eine ganze Reihe von Oldtimern war auf ihn zugelassen, über zehn. Zwei der Fahrzeuge waren nicht alt genug, um dem Fiskus zu entgehen, und sollten aus dem Verkehr gezogen werden, weil die Steuer nicht bezahlt wurde. Keines der Autos, auch nicht der Jaguar, war als gestohlen gemeldet.«

»Wo wohnte der Halter?«

»In Ringerike. Ich hab den Namen des Besitzers im Telefonbuch gefunden und ihn angerufen.« Der Lensmann lächelte.

»Seine Witwe hat abgenommen. Der Anschluss läuft immer noch auf den Namen des Ehemanns. Alle Autos stehen in einem Gebäude, das der Verstorbene extra errichten ließ, um seine Autosammlung unterzubringen. Seitdem der Mann tot ist, hat die Witwe dort keinen Fuß mehr reingesetzt. Sie beabsichtigt, den Sohn alles regeln zu lassen, wenn ihr Nachlass eines Tages auf ihn übergeht. Soweit sie wusste, hatte sich der Sohn niemals sonderlich für das Hobby seines Vaters interessiert, aber wenn wir irgendwas in Verbindung mit den Autos wissen wollten, sollten wir ihn fragen.«

»Haben Sie alle Namen?«, fragte Moen vornübergebeugt.

Der Lensmann schob einen Zettel über den Tisch.

Moen nahm ihn und prüfte die Namen. Die Autos waren auf Erling Krokfoss zugelassen. Er verzog keine Miene, obwohl die Erkenntnisse aufsehenerregend waren.

Der Lensmann bemerkte nichts und fuhr fort:

»Ich hab das andere Nummernschild überprüft, wie Sie mich gebeten haben. Range Rover. Schwarz. Neuestes Modell. Der ist auf einen Mann namens Geir Ove Frisk angemeldet. Adresse ist Munkedamsveien in Oslo. Drei Punkte wegen zu hoher Geschwindigkeit. Achtunddreißig Jahre alt. Der Führerschein wurde seinerzeit in Hammerfest ausgestellt.«

Dieser Name sagte Moen nichts. Er notierte sich die Auskünfte und trank einen Schluck Kaffee. Dann sah er auf die Uhr und griff nach seinem Handy, das im selben Moment klingelte.

»Hier ist Astrid. Ich hab was läuten hören und warte auf Ihren Bericht. Warum rufen Sie nicht an?«

»Ich habe auf ein paar Auskünfte gewartet, die eben reingekommen sind. Ich wollte gerade mit Ihnen telefonieren«, sagte Moen.

Am anderen Ende der Leitung war es für einen Augenblick still.

»Ist es möglich, dass es sich um Linn Fostervoll handelt?«

»Lässt sich nicht ausschließen. Es ist eine Frau, und die Kleidung deutet zumindest darauf hin, aber zum momentanen Zeitpunkt weiß ich noch nicht so viel. Der Wagen ist mit der Leiche auf dem Weg in die Rechtsmedizin.«

»Das ist ja wirklich unfassbar. Der Chef wird einen Purzelbaum schlagen, wenn sie es ist.«

Moen massierte sich die Stirn und sah zum Lensmann hinüber, der dem Gespräch aufmerksam folgte. Astrid Bredeveien sprach so laut, dass Moen den Hörer ein wenig vom Ohr weghalten musste.

»Sie wissen, wie belastend diese Sache für uns hier gewesen ist. Die Presse, oder die Öffentlichkeit, wie sie sich gerne bezeichnet, verfolgt uns seit ihrem Verschwinden auf Schritt und Tritt. Die sind ja völlig hemmungslos, wenn es um ihre eigenen Leute geht. Sollten Sie sie tatsächlich gefunden haben, werde ich Ihnen höchstpersönlich einen Orden anheften. Wissen Sie schon irgendwas über den Wagen?«

Der Lensmann lächelte. Er hatte jedes Wort verstanden. Moen machte eine kleine Kunstpause, bevor er sich äußerte.

»Er ist unter dem Namen Erling Krokfoss registriert. Ein Oldtimer, soweit wir es beurteilen können, und der Besitzer ist tot. Seine Witwe Lillemor ist jetzt formal gesehen die Eigentümerin.«

»Sagten Sie Krokfoss? Gibt es da irgendeine Verbindung zu Halvdan Krokfoss?«

»Erling war sein Vater, die Witwe ist seine Mutter.«

»Sind Sie ganz sicher?« Frau Bredeveien war im ganzen Raum zu hören.

Moen runzelte die Stirn und sah den Lensmann fragend an, der zweimal nachdrücklich nickte.

»Mein Kollege ist sich ganz sicher. Er hat mit der Witwe gesprochen, die ihn an den Sohn weiterverwiesen hat. Halvdan Hohle Krokfoss.«

»Du meine Güte, jetzt muss ich überlegen. Morgen früh fliege ich nach Genf. Eine weitere EU-Konvention. Ich rufe Sie in einer halben Stunde wieder an. Verhalten Sie sich solange ruhig.«

Eine Stunde verging, und der Abend war gekommen.

»Ich habe Marit Gaasland instruiert«, sagte Astrid Bredeveien am Telefon. »Sie treffen Sie morgen früh um neun in der Rechtsmedizin, dann bekommen Sie das weitere Briefing. Schicken Sie mir eine SMS, wenn die Identifikation positiv ist.«

Mehr hatte sie nicht zu sagen. Moen stand auf, dankte dem Lensmann für die Zusammenarbeit und ging zu seinem Wagen. Von dort aus rief er seine Lebensgefährtin an. Sie nahm sofort ab, und Moen hörte Stimmen und Fernsehgeräusche im Hintergrund.

»Warte mal«, sagte sie und zog sich offenbar vor dem Lärmpegel zurück.

»Ich bin bei Grete in Lillestrøm. Ich bleib bis morgen hier. Wie geht’s dir?«

Moen erklärte, wie sich die Sache entwickelt hatte.

»Alles beim Alten, ich verstehe. Knut Moen macht das, was er am besten kann.« Sie schwieg einen Augenblick und fuhr dann fort: »Wie sieht’s denn morgen aus? Soll ich mit dem Essen auf dich warten?«

»Ich fürchte, es wird sehr spät«, erwiderte Moen.

Sie lachte.

»Wieder mal die alte Leier. Du kannst dich selbst um dein Essen kümmern. Das Haus ist leer. Wiederhören.«

Moen stieg aus dem Auto und blickte sich um. Er zündete sich eine Zigarette an und machte sich auf in Richtung Rimi-Supermarkt in Bjørkelangen.

11

Am nächsten Morgen parkte Moen seinen Wagen zwischen den Blocks A1 und A2 des Rikshospitals und stieg in die schneidende Morgenluft hinaus. Es war dicht bewölkt, und der Morgensonne gelang es nicht, sich Geltung zu verschaffen. Neben einem Wagen vom Bestattungsunternehmen Jolstad standen zwei Männer in Jackett und rauchten. Eine der italienischen Straßenbahnen kam auf dem Weg in die Stadt polternd auf ihn zugefahren. Erschöpft starrten drei Nachtschwestern aus einem der Fenster zu ihm herüber. Moen blieb stehen, holte eine Zigarette hervor und steckte sie an. Er versuchte, seinen Kopf von Gedanken und Gefühlen zu befreien, bevor er auf den Eingang an der Ecke zulief und die Zigarette austrat; die Glastüren öffneten sich, er befand sich in der Vorhalle des Rechtsmedizinischen Instituts.

Über eine Laufbrücke gelangte er zu einer weißen Doppeltür. Er drückte auf einen Knopf der Gegensprechanlage, wies sich aus und erklärte seine Absicht. Die Türen öffneten sich, und er wandte sich zur Rezeption, wo ihm gesagt wurde, seine Kollegin sei bereits eingetroffen und habe sich um die Formalitäten gekümmert. Er könne gleich nach unten gehen.

Auf der Treppe zum Untergeschoss dachte Moen über Marit Gaasland nach. Wie sich die Kollegin wohl zu Obduktionen stellte? Moens eigene Haltung war glasklar. Er vermied sie, um jeden Preis. Er betrat die Herrengarderobe, ging zum Pinkeln auf die Toilette und zog sich um. Der Kleiderständer war belegt. Moen hatte nur einen Haken zur Verfügung, schaffte es jedoch irgendwie, seine Sachen aufzuhängen. Er trat vor das Regal mit Wegwerfkleidung, zog sich ein gelbes Oberteil und eine grüne Hose über und wusch sich in einem der beiden Waschbecken sorgfältig die Hände. Seine Wahl fiel auf ein Paar Holzschuhe, und schließlich versorgte er sich mit Handschuhen, Kopfbedeckung und Mundschutz. Dann betrat er den großen Obduktionsraum, in dem einige Stahltische in Reih und Glied standen. Keiner der Tische wurde für ihren Vorgang benutzt.

Auf dem Fußboden vor ihm kniete ein Kollege und brachte Ordnung in die Kleider der Frau aus Bjørkelangen. Sie lagen auf dem Fußboden, bis dicht an die Wand. Zwei Türen führten vom großen Saal in zwei Nebenräume. Die erste öffnete Moen und betrat den sogenannten Polizeiraum, der spartanisch mit einem Bücherregal und einem Schreibtisch eingerichtet war. Marit Gaasland stand mit dem Rücken zu Moen und schaute durch die Tür in den angrenzenden Raum. Er ging zu seiner Kollegin und blickte ihr über die Schulter.

Sie sah in einen kleinen Raum mit einem einzigen Stahltisch, auf dem die Obduktion und Identifizierung stattfinden sollte. Mit einer Kamera in den Händen stand ein Beamter auf einer Trittleiter. Ein Blitz erhellte den Raum. Moen trat einen Schritt zur Seite und betrachtete den nackten Frauenkörper, der mit einer Nackenstütze unter dem Kopf auf dem Stahltisch lag. Soweit Moen es beurteilen konnte, war sie nach beinahe drei Monaten im Wasser in erstaunlich gutem Zustand. An der Leiche war nicht herumgenagt worden, doch war sie dermaßen aufgeschwollen und ledrig, dass Linn Fostervoll kaum wiederzuerkennen war, sollte es sich denn um sie handeln.

»Oh, hallo. Ziemlich spannend, das Ganze. Ich hab so was vorher noch nie mitgemacht.«

Marit Gaasland schien offenbar dem sportlichen Typus anzugehören. Moen blickte auf den Schreibtisch, während Marit Gaasland kommentierte:

»Da liegt alles zusammen, einschließlich Zahnarztbefund. Die diensthabende Zahnärztin vom Erkennungsdienst kommt in Kürze hierher. Auf dem Zettel da stehen Name und Telefonnummer eines Beamten aus Ringerike. Er hat versprochen, das Auto im Lauf des Tages genauer zu untersuchen.« Marit Gaasland zog ihren Mundschutz ein Stückchen herunter und blickte Moen mit flehenden Augen an. »Glauben Sie, Sie können sich um diese Dinge kümmern? Ich würde zu gerne verfolgen, was hier passiert. Sie haben das sicher schon öfter erlebt.«

»Sicher, sicher«, erwiderte Moen, »aber halten Sie sich im Hintergrund und kommen Sie dem Rechtsmediziner nicht in die Quere. Er ist hier der Chef.«

Moen saß am Schreibtisch des Polizeiraums und folgte mit einem Ohr den Ausführungen des Rechtsmediziners, während die inneren Organe der Verstorbenen nach und nach ans Tageslicht kamen. Irgendwann stand er auf, ging auf den Flur hinaus und rief die Telefonnummer in Ringerike an. Sie waren noch beschäftigt, erhielt er zur Antwort, man notierte Moens Nummer und versprach anzurufen, sobald der Auftrag durchgeführt war.

Als Moen zurückkam, war die Verstorbene bis zum Hals zugedeckt. Der Rechtsmediziner winkte Moen mit dem Finger zu sich. Marit Gaasland stand neben ihm. Der Arzt hob an der linken Schläfe der Leiche vorsichtig das Haar an und zeigte auf ein kleines Loch im spröden Knochen nahe ihrem Ohr.

»Sie ist nicht ertrunken. Sie war tot, bevor sie im Wasser landete. Da liegt vielleicht die Lösung.« Der Arzt sah sich ärgerlich um. »Ich mach jetzt Pause. Bevor die Zahnärztin ihre Bilder nicht gemacht hat, kümmere ich mich erst mal nicht um den Kopf. Wo bleibt die bloß?«

»Sie ist in der Garderobe«, sagte Marit Gaasland.

»Dann komme ich in einer halben Stunde zurück«, erwiderte der Arzt und ging.

Marit Gaasland verdrehte die Augen und murmelte irgendetwas über Ärzte und Arroganz. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen das Stehpult, an dem die Rechtsmediziner für gewöhnlich ihre Notizen machten, als eine weitere Mumie den Raum betrat, die sich als die Zahnärztin erwies. Sie stellten einander vor. Moen zeigte ihr den Zahnarztbefund, den sie mit einem vielsagenden Nicken bedachte.

»Das sollte nicht allzu schwierig sein. Diese Linn Fostervoll hat eine ganz charakteristische Krone auf einem Vorderzahn. Ich mache mal ein paar Fotos.«

Sie rollte ein Stativ mit einer Röntgenkamera herein. Die freundliche Dame begriff schnell, dass Marit Gaasland Interesse an der Prozedur zeigte, daher kommentierte sie fortwährend jeden Schritt des Vorgangs. Die Fachausdrücke wurden schnell und präzise erklärt.

»Können Sie mir etwas assistieren?«, fragte die Ärztin Marit Gaasland. »Wir müssen ihren Mund öffnen, um den Film anzubringen, doch dabei müssen wir vorsichtig sein. Die Zähne von Wasserleichen neigen dazu, sich zu lösen.«

Moen stand in der Türöffnung und beobachtete die beiden Frauen bei ihrer Arbeit mit der Toten. Sie erweckten den Anschein, nie etwas anderes gemacht zu haben. Ohne Zwischenfall konnten die Bilder gemacht werden, wobei die Zahnärztin jedes Mal, wenn eine Aufnahme gemacht wurde, alle aus dem Raum schickte. Zum Schluss wollte sie eine zusätzliche Frontalaufnahme der Vorderzähne machen, was ihr ebenfalls gelang. Sie blickte zu Moen auf.

»Ist sie ertrunken?«

»Das wissen wir noch nicht genau.«

»Die Zähne von Leuten, die ertrinken, werden aus irgendwelchen Gründen oft rot. Das ist hier nicht der Fall.«

Die Zahnärztin räumte ihre Sachen zusammen und sagte schließlich:

»Dann fahr ich mal ins Büro und entwickle die Bilder.«

»Wie?«, sagte Marit Gaasland. »Können Sie das nicht hier machen?«

»Nein, den Rest der Arbeit muss ich in meinem Büro erledigen.«

Marit Gaasland blickte zu Moen hinüber.

»Astrid Bredeveien meinte, wir hätten den ganzen Vorgang persönlich zu überwachen. Einer von uns sollte wohl mitfahren und abwarten, ob es sich um Linn Fostervoll handelt. Wollen Sie oder soll ich?«

»Sie möchten doch sicher hierbleiben«, erwiderte Moen. »Ich denke, Sie sind ganz gespannt auf die Todesursache?«

»Für Astrid ist die Identifizierung das Wichtigste, da sollten Sie wohl besser fahren«, sagte seine Kollegin diplomatisch.

»Abgemacht«, sagte Moen. »Haben Sie einen Wagen?«

Die Zahnärztin nickte. »Ich fahre.«

»Können Sie mir sagen, wo es hingeht?«

*

Moen stand auf der Rückseite der amerikanischen Botschaft und rauchte eine Zigarette. Hinter der Sicherheitsabsperrung, neben einem Container, stand ein Wachtposten mit Maschinenpistole und blickte argwöhnisch zu ihm herüber. Moen erwiderte seinen Blick. Er sah die Zahnärztin auf der anderen Seite des Løkkeveien über die Hansteens Gate kommen und ging ihr entgegen. Sie klingelte, der Türöffner summte, und sie zog die Tür auf und ließ Moen mit einem Lächeln den Vortritt.

Ein paar Minuten später saßen sie in einem engen Verschlag, der als Personalraum diente. Die Zahnärztin machte zwei Tassen Kaffee, während ein Assistent die Bilder entwickelte.

»Dauert das lange?«

Die Zahnärztin stand auf und zog sich ihren weißen Kittel über.

»Normalerweise nicht, aber es hängt ein bisschen von der Form des Gebisses ab. Wenn es perfekt ist, habe ich mehr Arbeit.«

Moen lächelte schwach. Er bemerkte den leichten Anflug eines Akzents aus Oppland oder Hedmark und folgte ihr durch die engen Räume in ihr Büro. Ein Assistent reichte ihr die fertigen Bilder. Sie nahm ihre Lesebrille, legte sie nach einer kurzen Begutachtung wieder weg und öffnete die Mappe mit Linn Fostervolls Zahnarztbefund. Draußen auf der Straße stellte eine Politesse der Osloer Kommune ein Knöllchen aus und befestigte es an der Windschutzscheibe eines heruntergekommenen japanischen Lieferwagens. Im selben Moment tauchten zwei Männer in weißen, verdreckten Maureranzügen auf. Die Politesse wollte gerade weitergehen, als einer der beiden sie an der Schulter fasste. Sie drehte sich ruckartig um und trat einen Schritt zurück.

Moen folgte dem Drama dort draußen. Einer der beiden Handwerker war anscheinend nicht bereit, sich dem Schicksal zu ergeben. Es schloss sich ein kurzer, heftiger Wortwechsel an, doch da es ihm offenbar an passenden Worten mangelte – zweifellos war er Pole –, hob er die Faust. Moen klopfte mit dem Knöchel heftig ans Fenster und hielt seinen Dienstausweis hoch. Die beiden Polen erstarrten, und die Situation löste sich auf. Der Erfüllung ihrer Quote einen Schritt näher, zog die Politesse ihres Wegs. Der wütende Handwerker riss das Strafmandat von der Scheibe, zerfetzte es in zwei Teile und warf es auf den Boden. Er zeigte Moen einen Finger, setzte sich dann hinters Steuer und fuhr weg.

Moen holte tief Luft. Er hatte einen stillen Hass gegen diese spezielle amerikanische Unart entwickelt, die sich wie Unkraut vermehrte. Eine schmutzige Geste, die von der beleidigten Person immer aus sicherem Abstand ausgeführt wurde.

»Was war denn?« Die Zahnärztin sah ihn über ihre Brille hinweg an.

Moen schüttelte den Kopf. Die aufgekommene Wut hatte ihn gänzlich von seinem Fall hier vor Ort abgelenkt – nicht gerade ein gesundes Zeichen. Er atmete aus.

»Tut mir leid. Es gab da bloß so ein Durcheinander auf der Straße. Wie weit sind Sie denn?«

»Ich habe mir die Ante-mortem-Bilder von Linn Fostervolls Zähnen angesehen. Sie hat eine Porzellankrone auf einem Vorderzahn. Etwas ungewöhnlich bei einer jüngeren Frau. Laut Bericht war ein Sportunfall die Ursache. Handball, um genau zu sein. Schauen Sie mal.« Sie zeigte ihm die Aufnahme. »Hier ist die Aufnahme post mortem aus dem Rechtsmedizinischen Institut.« Ärztin hielt beide Aufnahmen an den Leuchtkasten.

Sogar Moen konnte die Übereinstimmung erkennen.

»Was ist Ihre Schlussfolgerung?«

»Es handelt sich hier in der Tat um eine sichere Identifikation. Die Verstorbene ist Linn Fostervoll. Ausgeschlossen, dass sich irgendwo ein so identisches Merkmal noch einmal findet. Der Form halber werde ich ein paar weitere Dinge untersuchen, bevor ich den Bericht abschicke.«

»Dauert das lange?«

Sie lächelte. »Geben Sie mir zwei Minuten.«

12

Zehn Minuten später saß Moen draußen vor einem zwischen zwei Häusern eingeklemmten Café hundert Meter weiter die Hansteens Gate hinunter. In der linken Hand hielt er eine Kaffeetasse und in der rechten eine Zigarette. Soeben war ihm klar geworden, dass er Linn Fostervoll tatsächlich gefunden hatte. Was sich noch tags zuvor wie eine fixe Idee angehört hatte, die sich letztendlich genauso gut gegen ihn selbst hätte richten können, hatte sich als Triumph entpuppt.

Moen fischte sein Handy aus der Jackentasche, fand Marit Gaaslands Nummer, rief sie an und kam gleich zur Sache:

»Wo sind Sie jetzt?«

»Ich bin oben im Institut und erledige die Formalitäten. Wie sieht’s bei Ihnen aus?«

»Es ist Linn Fostervoll.«

Am anderen Ende der Leitung schnappte Marit Gaasland nach Luft.

»Das ist ja fantastisch. Ist sich die Zahnärztin ganz sicher?«

Zwei Frauen aus dem Osloer Westen setzten sich an seinen Tisch und sahen zu ihm herüber. Beide hatten dunkle Ringe um die Augen und waren etwas nachlässig geschminkt. Moen stand auf und lief ein Stück die Straße runter.

»Selbstverständlich«, sagte er etwas heftiger als beabsichtigt, »sonst hätte ich mich anders ausgedrückt.«

»Tut mir leid, es ist nur so unfassbar, dass sie es ist. Ihr wurde in die Schläfe geschossen, aus kurzer Distanz. Der Arzt hat die Kugel in ihrem Gehirn entdeckt.«

»Haben Sie die Kugel gesehen?«

»Ich bin keine Expertin. Sie war klein. Deshalb ist sie auch drinnen geblieben, hat der Arzt gesagt.«

»Wissen Sie, ob eine Waffe im Wagen gefunden wurde?«

»Nein, die Leute, die ihn untersucht haben, sagen, er war leer. Was machen wir denn jetzt? Ich habe versucht, Astrid anzurufen, aber ihr Handy war ausgeschaltet. Wahrscheinlich sitzt sie noch im Flugzeug.«

»Wir fahren ins Präsidium und erstatten Bericht. Haben Sie ein Auto, oder soll ich Sie abholen?«

»Ich bin mit der Straßenbahn gekommen, kann aber auch ein Taxi nehmen«, sagte Marit Gaasland. Sie hörte sich etwas abwesend an.

»Ich hol Sie in einer Viertelstunde ab. Rufen Sie den Oberboss an und fragen nach, was Sie jetzt tun sollen.«

»Ist es nicht besser, wenn Sie das machen?«

»Jetzt hören Sie aber auf«, gab Moen zurück. »Ich schmeiß mich jetzt ins Auto«, fügte er hinzu und hastete die Cort Adelers Gate hinauf zum KNA-Hotel, wo der Wagen stand.

Es war zwei Uhr, als Moen am Rechtsmedizinischen Institut vorfuhr. Marit Gaasland stand vor dem Eingang und trippelte in einer halblangen Kamelhaarjacke auf der Stelle herum. Sie hatte sich die Hände in die Achselhöhlen geschoben. Als Moen hielt, stieg sie ins Auto und setzte sich neben ihn.

»Sie sind wirklich der Held des Tages. Der Chef war völlig aus dem Häuschen. Er erwartet uns. Wenn wir zurück sind, sollen wir gleich raufkommen. Ich hab auch mit Astrid Bredeveien gesprochen, sie ist bereit, Ihnen einen Orden anzuheften, sobald sie zurück ist.«

Moen bremste für einen Audi, der sich im Kreisverkehr am Ullevål-Stadion vordrängelte, und kassierte den zweiten schlimmen Finger des Tages. Resigniert schüttelte er den Kopf.

»Im Handschuhfach liegt eine Dose Kautabak. Sind Sie mal so nett und geben mir eine Portion?«

Marit Gaasland reichte ihm ein Tütchen, das er sich mit einem tiefen Seufzer in den Mund schob.

»Ich hab mit den Leuten gesprochen, die sich um die Sache mit dem Wagen kümmern sollten.«

»Gibt’s da was Neues?«, fragte Marit Gaasland, zog sich die Handschuhe aus und legte sie auf das Armaturenbrett.

»Eigentlich nicht, aber es hat sich im Großen und Ganzen bestätigt, was die alte Dame am Telefon gesagt hat.«

»Ich war nicht dabei. Können Sie mir eine Zusammenfassung geben?«

»Es wurden vier Personen vernommen. Die Mutter des ›medienscheuen Finanzmanns‹ benutzt zwar einen Rollator, ist aber meinem Informanten nach im Oberstübchen noch ziemlich helle. Der Sohn kommt einmal in der Woche vorbei, sofern er nicht verreist ist, was bestimmt öfter mal vorkommt. Ihrer Aussage nach hat sich der Sohn nie besonders für die Autos seines Vaters interessiert. Eine extra für die Fahrzeuge gebaute Halle befindet sich außer Sichtweite der Wohnung, am Ende eines Privatwegs. Sie war mit einem großen, altmodischen Vorhängeschloss versehen. Der Schlüssel hängt normalerweise an einem Brett in der Küche und hing da auch, als meine Leute dort hinkamen. Ein philippinisches Ehepaar, sie ist Krankenschwester und er Hausmeister und Chauffeur, hat ebenfalls Zugang zum Schlüssel. So wie sie sagte, sind sie niemals dort drinnen gewesen, und er fährt die alte Dame in einem Mercedes Kombi durch die Gegend.«

Marit Gaasland unterbrach ihn:

»Ist das nicht eigenartig? Wenn er der Hausmeister ist? Man sollte doch annehmen, dass er für den ganzen Besitz zuständig ist.«

»Das Auto wäre gestohlen gemeldet worden, wenn er alles im Blick gehabt hätte. Unter diesen Umständen ist das Ganze ziemlich logisch.«

Marit Gaasland zeigte sich mit der Schlussfolgerung nicht ganz einverstanden.

»Das hört sich in meinen Ohren nicht sehr glaubwürdig an. Die decken den Sohn doch bestimmt.«

Moen sah zu ihr hinüber. Sie standen in einer Schlange vor dem Carl Berners Plass in Sinsen, und er erklärte geduldig, dass es einen weiteren Zeugen gab. Einen pensionierten Automechaniker, der dort wohnte, wo der Weg von der Hauptstraße zum Autoschuppen hin abgeht. Dieser Automechaniker war zu Lebzeiten des Besitzers für die Pflege der Autosammlung zuständig. Der Sohn hat ihn einen Tag vor der Beerdigung seines Vaters entlassen. Seine Aussage bestätigt die Erklärungen der Mutter. Der pensionierte Automechaniker wusste seit langem, dass die Autosammlung, zu der er ja mal ein ziemlich persönliches Verhältnis hatte, nun vor sich hin rostete und von Motten zerfressen wurde. Er war aufrichtig entrüstet und verärgert darüber, wie mit der Sammlung umgegangen wurde. Es lag ja nicht am mangelnden Geld. Der Mechaniker wohnte außerdem genau an der Abzweigung und verbrachte viel Zeit damit, aus dem Fenster zu gucken. In den letzten zwei Jahren hatte er nicht ein einziges der geliebten Fahrzeuge auf dem Privatweg bemerkt.«

»Aber das schließt doch nicht aus, dass der Sohn den Wagen rausgefahren hat, ohne von jemandem bemerkt worden zu sein«, kommentierte Marit Gaasland.

»Das stimmt«, erwiderte Moen, »doch das trifft auch auf jeden anderen zu, der es auf den Wagen abgesehen hat. Das Schloss kann jeder x-Beliebige geknackt haben, und die Wagenschlüssel hingen in einem unverschlossenen Schlüsselschränkchen. Die Hausangestellten haben jedes Jahr von Ostern bis Mai frei, um ihre Familie auf den Philippinen zu besuchen, während die Dame des Hauses sich in einem Privatsanatorium in den Bergen aufhält. Der Ort war also für längere Zeit unbewohnt. Wir reden hier von fünf oder sechs Wochen vor dem Verschwinden von Linn Fostervoll.«

Vor ihnen lag der Grenseveien, und der Verkehr lief fließend. Moen wurde ungeduldig.

»Wir haben die Fingerabdrücke aus dem Autoschuppen. Falls sich die Abdrücke des Sohnes dort finden, ist das eine andere Geschichte. Lassen Sie uns das erst mal abwarten, bevor wir hier weiterdiskutieren«, sagte er, als Brynseng und die Kripo-Zentrale in Sicht kamen.

Sie hielten sich an die Übereinkunft. Es wurde kein weiteres Wort gewechselt, bevor sie ins Gebäude kamen. Am Empfang erhielten sie Bescheid, gleich zum Polizeipräsidenten hinaufzugehen. Mit einem Lächeln, das von einem Ohr zum anderen reichte, erwartete er sie, stand auf, begrüßte sie per Handschlag und ließ die beiden Platz nehmen, bevor er sich wieder hinter seinen Schreibtisch setzte.

»Ja, ja, Moen. Wie ich höre, haben Sie es wieder einmal geschafft. Sie ahnen ja nicht, welche Erleichterung das für die Behörde ist. Die Osloer Polizei hat mächtig unter Druck gestanden. Jetzt liegt die Sache hier bei uns, und wir können uns damit schmücken. Die Presse wird uns aus der Hand fressen. Wenn ich richtig verstanden habe, dann haben wir also Linn Fostervoll, ehemalige Journalistin beim NRK, in einem Auto gefunden, das Halvdan Hohle Krokfoss gehört. Das ist besser als nichts. Haben Sie dem noch etwas hinzuzufügen?« Der Oberkommandierende wandte sich an Moen, der zu Marit Gaasland hinüberblickte. Sie schlug die Augen nieder.

Moen lehnte sich vor und antwortete:

»Formal betrachtet gehört der Wagen seiner Mutter. Vorläufig haben wir noch nichts, was Krokfoss mit dem Auto in Verbindung bringt. Nur dass das klar ist.«

»Aber es gibt doch eine Verbindung, oder nicht?«

Moen zuckte mit den Schultern.

»Auf der Basis unseres jetzigen Kenntnisstands möchte ich ihm lieber nicht auf die Füße treten. In seinen Kreisen sitzt das Geld für Anwälte locker.«

»Immerhin waren viele Leute anwesend, als der Wagen aus dem Wasser gezogen wurde«, sagte Marit Gaasland. »Irgendwer hat sich bestimmt die Autonummer aufgeschrieben und sie an die Presse weitergeleitet. Da kommt es ohnehin ans Tageslicht.«

Der Polizeipräsident unterbrach:

»Damit müssen wir uns im Augenblick nicht näher befassen. Ich habe mich mit Astrid Bredeveien besprochen. Sie meint, wir sollten im Hinblick auf eine mögliche Mordermittlung vorläufig erst mal den Ball flach halten. Unser Vorschlag lautet folgendermaßen: Morgen um neun Uhr setzen Sie beide sich mit einem erfahrenen Staatsanwalt hier aus dem Hause beim Lensmann in Bjørkelangen zusammen und entscheiden, was wir verlautbaren lassen. Der Lensmann leitet die Pressekonferenz um zwölf Uhr. Er hat dann, was die Ermittlung betrifft, die Kripo ganz offiziell um Unterstützung gebeten. Der Lensmann, unser Polizeirat und Frau Gaasland sitzen dann am Tisch, und Sie, Moen, Sie haben die Veranstaltung dann schon wieder verlassen.«

»Aber wird sein Name denn nicht sowieso erwähnt werden? Viele haben ihn doch vor Ort gesehen«, warf Marit Gaasland ein.

»Das werden wir so gut wie möglich verkaufen«, sagte der Polizeipräsident, »unser Polizeirat wird sich schon darum kümmern.«

»Gibt es einen Grund, wieso ich da überhaupt auftauchen muss?«, fragte Moen hoffnungsvoll.

»Wie oft haben Sie sich in diesem Stadium einer Ermittlung schon um die Presse gekümmert? Ich möchte, dass Sie morgen um neun da sind, damit Sie an den Vorbereitungen teilnehmen. Ich will keine Amateure bei dieser Sache haben. Die Angehörigen müssen heute Abend informiert werden, und darum kümmern Sie sich, Marit. Geht das in Ordnung?«

Marit Gaasland nickte zustimmend, sah auf die Uhr und stand auf.

»Dann ziehe ich am besten gleich los. Gibt es sonst noch was?«

»Um den Rest kümmere ich mich. Sie können einfach loslegen.«

Moen stand ebenfalls auf, doch der Chef bat ihn, sitzen zu bleiben.

»Mit Ihnen muss ich noch unter vier Augen sprechen.«

Er wartete, bis Marit Gaasland den Raum verlassen hatte, und schloss die Tür.

»Ich bin wirklich froh, Sie wieder in der Manege zu sehen, Knut. Für den Fall, dass Sie glauben, wir haben Sie vergessen, möchte ich Ihnen nur sagen, dass Sie für die Königliche Verdienstmedaille vorgeschlagen sind.«

Der Polizeipräsident setzte ein schiefes Lächeln auf. »Für solche wie Sie und mich hat so was ja noch eine gewisse Bedeutung, nehme ich mal an.«

»Aber ja«, sagte Moen, »das ist wohl wahr.«

»Aber was ich eigentlich sagen wollte, ist, dass ich Sie für diese Ermittlung wieder mit von der Partie haben will.«

»Ich werde da so ein Gefühl nicht los, dass ich in meinem alten Job eigentlich nicht mehr erwünscht bin.« Moen legte die Beine übereinander und schüttelte sich.

Sein Vorgesetzter stand auf und lächelte grimmig. Er drehte Moen den Rücken zu, blickte aus dem Fenster und sagte:

»Das ist mir klar. Wenn Sie Ambitionen gehabt hätten, dann könnten Sie jetzt in seiner Stellung sein. Wieso haben Sie sich nie darum beworben?«

Ohne nachzudenken sagte Moen:

»Die Grenzen meiner Kompetenz kenne ich sehr gut. Ich möchte lieber ein Amt bekleiden, dem ich mich gewachsen fühle.«

Der Chef wandte sich für einen Moment um und lächelte, dann drehte er sich wieder weg.

»Ich werde diese Diskussion erst mal nicht weiterverfolgen. Was ich sagen möchte, klingt vielleicht etwas seltsam, aber so denke ich.« Einen Augenblick hielt er inne. »Für mich sind Sie ein Glückspilz. Bei allen Fällen, in die Sie involviert waren, haben wir ein Ergebnis bekommen, und Sie waren jedes Mal der Schlüssel zu unserem Erfolg. Ich glaube, dass es auch diesmal so sein wird.«

Moen erwiderte nichts. Der Chef drehte sich um und sah ihm in die Augen.

»Sehen Sie sich nur an, was innerhalb der letzten zwei Tage passiert ist, nachdem Sie bei diesem Fall eingestiegen sind. Mir ist vollkommen gleich, was es da für Reibereien zwischen Ihnen und Ihrem Abteilungsleiter gegeben hat. Ich will Sie in irgendeiner Form wieder an Bord haben, und wenn ich Ihnen beiden eine entsprechende Anweisung erteile«, sagte er mit Nachdruck, »dann sollten Sie sich so verhalten, wie erfahrene Beamte das tun.« Der Chef ließ seine Schulter sinken und legte die militärische Haltung ab. »So, jetzt ist es gesagt. Denken Sie erst einmal ein paar Tage darüber nach. Wenn Sie in Bjørkelangen fertig sind, können Sie Ihr wohlverdientes freies Wochenende antreten.«

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