Kitabı oku: «Hatz»
Jørgen Gunnerud
1
Knut Moen richtete sich mit einem Ruck in seiner Schlafkoje auf. Es kribbelte in den Fingerspitzen. Er versuchte, den Körper unter Kontrolle zu bekommen, doch die Angst saß überall, vom Haaransatz bis in die Zehen. Es war derselbe Albtraum. Im Traum kam ein Mann mit erhobenem Messer auf ihn zu, und wie immer wachte Moen starr vor Schreck auf, kurz bevor das Messer eindrang. Er langte nach den Streichhölzern und entzündete den Kerzenstumpf auf dem Nachttisch. Der Wecker zeigte halb vier. Es war kalt im Raum, doch sein wollenes Unterhemd war schweißdurchtränkt. Er stand auf und machte Feuer in dem alten Holzofen.
Als es halb sechs geworden war, saß er am offenen Fenster und schaute über die Almwiese. Der Vollmond hing über dem Waldrand und beleuchtete ein Reh mit zwei halbgroßen Kitzen. Er griff nach seinem Gewehr, legte gegen den Fensterrahmen gestützt an und bekam die Ricke ins Fadenkreuz. Lange saß er so da, bevor er abdrückte. Es machte klick. Das Reh hob den Kopf und nahm Witterung auf. Im nächsten Augenblick waren die drei Tiere verschwunden. Er lächelte. Es war der erste Tag der Herbstjagd, und er war bereit.
Im Haupthaus der Alm wurde das Licht angemacht. Dort oben saß der Lensmann, ein alter Freund von der Polizeihochschule, der die Jagdrechte im Grenzwald zwischen Romerike und Toten innehatte. Moen zwängte sich in die grüne Militärjacke und ging hinaus. Es war jetzt endgültig Herbst geworden. Moens Atem ähnelte weißen Dunstschwaden, die aus seinem Mund strömten, während er über die Almwiese und hinein in die Küche lief. Der Lensmann war schon mit dem Frühstück beschäftigt. Moen setzte sich und sah seinen Freund dankbar an, als er ihm die erste Tasse Kaffee des Tages einschenkte. Auf dem Fußboden der Küche lief der Elchhund im Kreis herum. Er war bereit, er auch, doch sein Besitzer hatte es nicht eilig.
»Bloß keinen Stress heute! Du hast doch gestern schon gearbeitet«, sagte Asbjørn Gihle und setzte sich ebenfalls. »Da draußen steht ein Elch und wartet auf uns, so oder so.«
Moen nickte und studierte seinen Freund. Der dunkle Schopf Gihles war seit ihrer letzten Begegnung grauer geworden, registrierte er, doch die Haare waren dicht und fest wie zuvor. Der Lensmann sah Moen prüfend an.
»Du bist wohl in Kristiansand gewesen, schätze ich mal«, sagte der Mann aus Toten vorsichtig.
Moen nickte. Die Rede war von einem ungewöhnlich komplizierten Kindermordfall, der sowohl die Polizeibeamten als auch die Öffentlichkeit stark beschäftigt hatte.
»Ich sehe schon, darüber reden wir besser an einem anderen Tag.« Gihle streckte die Hand aus. »Gibst du mir eine Zigarette?«
»Hast du nicht aufgehört?«
»Doch, sicher, aber jetzt sind Ferien.«
Moen stand auf und ging zu seiner Feldjacke, die neben der Küchentür an der Wand hing. Sie hörten das Geräusch eines Autos, das schnell auf den Hof gefahren kam. Auf den letzten Metern knirschte es im Kies und die Bremsen stotterten. Moen und Gihle blickten sich an.
»Gib mir die Zigarette«, sagte Gihle und zündete sie an, als draußen die Autotür zuknallte. Ein großer blonder Kerl stürmte in die Küche und rannte Moen fast über den Haufen. Der Elchhund spürte die Aufregung und sprang auf. Der Mann blieb abrupt stehen, als Gihle knurrte:
»Das ist hoffentlich wichtig, Sørli.«
»Anne, meine Cousine, ist ermordet worden«, sagte der Mann und schlug die Hände vors Gesicht. Dann ließ er die Arme herabsinken und atmete langsam aus. »Tut mir leid, Chef. Ich soll Sie abholen. Die anderen sind schon am Tatort.«
»Und wo?«
»Sie war Nachtwache in Lundby.«
»Sie sollten sich einen Moment hinsetzen.« Gihle deutete auf einen Stuhl. »Das ist mein Mitarbeiter, Odd Sørli«, sagte er zu Moen gewandt.
»Ich hab keine Ruhe, Asbjørn. Ich muss zurück. Kommen Sie?«
»Fahren Sie, ich komme nach.«
Sørli verschwand auf demselben Weg wieder nach draußen. Moen setzte sich und schaute zu Asbjørn Gihle hinüber, während draußen auf dem Hof die Wagenräder im Kies durchdrehten. Der Lensmann zerdrückte seine Zigarette.
»Das ist doch wirklich ausgemachte Scheiße. Ich hab das Handy abgestellt, aber vergessen, mich zu verstecken.« Der Lensmann stand auf und schwieg einen Moment. Er starrte auf seine Hände, öffnete und schloss ein paarmal die Faust.
»Ich nehme an, ich kann dich nicht bitten, mitzukommen.« Moen brachte ein vages Lächeln zustande. Er sah einen Mann, der etwas anderes meinte, als er sagte, und er dachte an die Lebensweisheit der Vorfahren: Man soll seinem Freund ein Freund sein.
»Die Abteilung weiß, wo ich bin. Sie haben ohnehin kaum Leute in Bereitschaft. Ich werde auf die Sache angesetzt, egal wie du es auch drehst und wendest. Ich ruf an und melde mich gleich.«
Asbjørn Gihle murmelte ein Dankeschön. Sein Blick war niedergeschlagen. Er nahm die Jacke vom Haken und öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Dann schüttelte er den Kopf und hielt Knut Moen die Küchentür auf.
2
Nach zwanzig Minuten Fahrt lichtete sich der Wald, und eine der schönsten Kulturlandschaften Norwegens lag vor ihnen. Umgepflügte Äcker und gelbe Stoppelfelder badeten in der tief stehenden Morgensonne. Breite Hügel erstreckten sich wellenförmig über den ländlichen Bezirk Toten. Gihle hielt in einer Kurve an.
»Gibst du mir noch was zu rauchen?«
Sie zündeten ihre Zigaretten an, und Moen ließ den Blick über die Landschaft schweifen, vom hoch oben gelegenen Vestre Toten über Lena in Østre Toten bis hinunter nach Skreia und den Höfen bei Balke. Auf den Höhenzügen lagen gut sichtbar die größten Höfe mit den kurzen, uralten Namen und intakten Grabstätten der Vorfahren. Ein paar weiß angemalte Kirchen waren ebenfalls gut erkennbar und zeugten von der legendären Gottesfürchtigkeit der Totener. Moen gehörte dem Nachbarvolk an. Er stammte aus Hadeland und lächelte in sich hinein bei dem Gedanken, den er eben formuliert hatte: Die legendäre Gottesfürchtigkeit der Totener. Sein Freund, der gottesfürchtige Totener, unterbrach die Gedankenfolge.
»Dort liegt Lundby, oder Store Lundby, um genau zu sein.« Asbjørn Gihle deutete auf die nächstgelegene Anhöhe. »Siehst du das lange, zweistöckige Gebäude mit dem Walmdach?«
Moen nickte und studierte die Anlage; ein enormes, rot gestrichenes Wirtschaftsgebäude mit Glockenturm, ein breites, gelbes Vorratshaus, Gesindestuben und Holzschuppen.
»Sieh mal nach rechts, dort, vor den Grabhügeln.«
Moen lenkte den Blick auf eine Häusergruppe. Siedlungshäuser aus den 70er-Jahren. Er nickte.
»Internat und Personalwohnungen.« Gihle legte den Gang ein und fuhr weiter.
»Eine Anstalt?«
»Aus der Bahn geworfene Jugendliche.«
»Jugendhilfe oder Psychiatrie?«
»Um ehrlich zu sein, ich bin nicht ganz sicher.«
Und dann, als er den Wagen nach rechts lenkte und die lange Ulmenallee nach Store Lundby hinauffuhr, murmelte Gihle: »Mein Bruder betreibt den Nachbarhof, Lille Lundby. Meine Schwägerin leitet diese Einrichtung.« Er drehte sich zu Moen: »Ich hoffe, ich gelte deswegen nicht als befangen.«
»Das klären wir dann später.«
Als sie angekommen waren, gingen sie vom Auto zum Haus, in dem das Verbrechen stattgefunden hatte, eine dunkel gebeizte, großzügige Siedlungsvilla aus den 70er-Jahren mit Souterrain. Auf der Treppe saß Gihles Kollege, Odd Sørli. Ein rundlicher Typ Mitte vierzig, in T-Shirt und Flanellhemd gekleidet, saß daneben und hatte den Arm um die Schultern des weinenden Riesen gelegt.
»Das ist mein Bruder Harald«, sagte der Lensmann und hob den Arm zur Begrüßung. Harald Gihle stand auf und fühlte sich deutlich unbehaglich.
»Ich vertrete Sissel. Sie ist vollkommen zusammengeklappt, als sie von dieser Geschichte hier erfahren hat. Du weißt ja, wie das ist«, sagte er zu seinem Bruder. »Tut mir wirklich leid.« Lensmann Gihle schnitt eine Grimasse und ergriff die Türklinke.
»Dann schauen wir mal, was passiert ist.«
Die Tür war verschlossen.
»Ist jemand hier?«, fragte er Sørli.
»Ein Junge und ein Sozialtherapeut. Die anderen sind auf einem Ausflug. Gehen Sie von der anderen Seite rein. Jenny hält Wache und der Arzt ist noch da.«
Vor dem Souterrain lag eine große Thermopenscheibe. Sie war aus dem Fensterrahmen herausgeschraubt worden und lag ordentlich auf dem Rasen. In der Fensteröffnung stand eine Polizeibeamtin in dunklem Overall. Sie hatte eine gedrungene Nase und helles Haar. Ihr war sichtlich unwohl, und Asbjørn Gihle legte die Hand auf ihre Schulter und drückte sie vorsichtig. Dann drehte er sich zu Moen:
»Das ist Jenny Kammerstuen.« Ihr erklärte er, wer Knut Moen war. Moen nickte und blickte sich um.
»Wollen wir reingehen?«
Die Polizeibeamtin reichte ihnen vier Überzüge. Die streiften sie sich über ihre Schuhe, und Moen warf einen Blick auf die Uhr. Die zeigte fast 08:00. Er kletterte durch die Fensteröffnung in den kahlen Kellerraum. Der Boden war mit Couronnesteinen übersät. Das Brett lag in einer Ecke zusammen mit dem Tisch, auf dem es gelegen hatte. Die Tür zum Kellerzimmer stand offen, und Moen schaute hinein. Er brauchte einen Moment, um zu begreifen, was er da sah. In gerader Linie von seinem Standort über das verschlissene Vinyl und weiter bis zur nächsten Tür zog sich eine etwa einen halben Meter breite Blutspur. Sie endete bei zwei Turnschuhen. Moen atmete tief durch. Er blickte zum Lensmann und ging vorsichtig weiter zur anderen Tür. Er hatte den Kellerflur erreicht. Dort lag eine Frau, die er auf Ende zwanzig tippte. Ihr Kopf ruhte auf der untersten Treppenstufe. Das viele Blut war durch ihre auf den Bauch gepressten Finger herausgelaufen, und Moen konnte sehen, dass sie arge Schmerzen gehabt hatte. Er beugte sich über sie, warf einen kurzen Blick auf die Wunde, richtete sich wieder auf und musterte die Frau aus geringer Entfernung.
Dunkles, kurz geschnittenes Haar. Sonnengebräunt. Die Brüste spannten das enge T-Shirt. Motorradhosen aus Leder. Als Moen die schreckliche Verletzung für einen Augenblick außer Acht ließ, die Augen zusammenkniff und den Menschen betrachtete, der da lag, musste er feststellen, dass es eine ziemlich attraktive Frau war. Es gab etwas Raubtier- oder Katzenähnliches an ihrer ganzen Erscheinung.
Er ging zurück in den Kellerraum, wo Asbjørn Gihle stand und verloren aussah. Moen ließ den Blick ein weiteres Mal prüfend durch den Raum gleiten. Ein schmutziges Viereck an der Holzverkleidung über dem verschlissenen Hüttensofa zeugte davon, dass etwas verschwunden war. Der Fernsehhocker in der Sofaecke stand einsam und verlassen da. Am Anfang des blutigen Streifens, den Anne Sørli hinterlassen hatte, sah er einen halben Fußabdruck. Asbjørn Gihle räusperte sich und zeigte auf etwas.
»Da liegt ein Handy unter dem Sofa. Ob es wohl ihr gehört?«
»Lass es liegen. Ist dir noch was anderes aufgefallen?«
»Das hast du bestimmt schon gesehen. Ihr Schlüsselbund hängt am Gürtel.«
Moen legte die Hand auf Gihles Schulter und sagte:
»Wollen wir nach oben gehen und nachsehen, was wir dort finden?«
Sie stiegen vorsichtig über Anne Sørlis Kopf hinweg und kamen hinauf in einen Gang innerhalb des Eingangsbereichs. Zur Linken führte eine offen stehende Tür in einen großen Aufenthaltsraum, auf der rechten Seite gab es eine Küche. Am Küchentisch saß ein Mann mit gebeugtem Kopf, die Hände vors Gesicht geschlagen. Beim Anblick der Polizisten zuckte er zusammen und erhob sich. Dann entdeckte er den Lensmann. »Gott sei Dank«, sagte er und ergriff Gihles Hand.
»Ich heiße Reidar Olsby. Ich habe sie gefunden.«
»Gihle«, antworte der Lensmann. »Das ist Knut Moen, Kommissar von der Kripo-Zentrale. Sind noch andere hier?«
»Einer der Bewohner, Per Erik Henriksen. Er saß auf der Treppe bei Anne und war voller Blut. Aus einer Verletzung an der Hand floss das Blut wie in Strömen.«
»War er alleine mit ihr?« Gihle stand auf. »Wo zum Teufel ist der Junge jetzt?«
»Er ist im Wachraum, zusammen mit dem Arzt. Er hat was zur Beruhigung bekommen.«
Gihle ging zum Eingang, schloss die Tür auf und schrie Odd Sørli an, er solle seinen Hintern in Bewegung setzen. Sørli stolperte fast in den Flur hinein und erhielt den Befehl, auf den Arzt aufzupassen. Sørli und Gihle verschwanden in dem Zimmer, das Olsby als Wachraum bezeichnet hatte. Die Hälfte der Tür war aus Verbundglas, mit einem sternförmigen Sprung in der Mitte.
Moen setzte sich an den Küchentisch, zündete sich eine Zigarette an und wurde gleich darauf hingewiesen, dass es eigentlich nicht erlaubt sei, innerhalb des Internats zu rauchen.
»Vielleicht könnten Sie uns etwas Kaffee machen?«, erwiderte Moen freundlich. Reidar Olsby lächelte zum ersten Mal. Er stand auf und machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen, während Moen ihn betrachtete. Er war ein gut aussehender, dunkelhaariger Typ, etwas älter als Moen zunächst gedacht hatte. Er hatte einen hellblauen Jeansanzug mit weißem T-Shirt an, à la James Dean, und trug Holzschuhe, etwas, das Moen seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte. Die glatte Olivenhaut wurde nur durch eine hässliche Narbe am Kinn verunstaltet.
»Ich muss Sie etwas fragen: Was ist das hier eigentlich? Ist es ein Jugendheim?«
Reidar Olsby schraubte am Kaffeefilter herum und lehnte sich rücklings gegen die Arbeitsplatte.
»Nein, wir sind hier in der Jugendpsychiatrie, oder besser gesagt, einer psychiatrischen Einrichtung für Jugendliche. Zwölf bis achtzehn. Ein Jugendheim ist Teil der Jugendhilfe. Wir gehören zum Gesundheitswesen.« Olsby grinste schwach. »So steht es auf alle Fälle in den Papieren.«
Moen fragte nicht, was er damit meinte, und rauchte weiter.
»Wollen Sie mich nicht fragen, was passiert ist?«
»Wenn Gihle hier ist. Schenken Sie ihm auch was ein.«
Moen hatte dies in breitestem Oppland-Dialekt von sich gegeben, sodass Olsby ihn erstaunt ansah und fragte, ob er aus Toten komme. Moen erwiderte wahrheitsgemäß, dass er aus Hadeland stamme. Daraufhin lächelte Reidar Olsby schwach und sagte:
»Die Prügelei verschieben wir dann wohl auf später.«
»Es war sieben, als ich zur Arbeit kam. Wir fangen um acht Uhr an, aber ich bin gerne rechtzeitig hier.« Reidar Olsby blickte auf seine Hand, in der er die Tasse hielt. Sie zitterte, und mit einem Klappern stellte er die Tasse ab. »Können Sie nicht einfach nur Fragen stellen? Ich bin etwas aufgeregt.«
»Nehmen Sie sich Zeit«, gab Gihle zurück.
»Also, ich habe gleich bemerkt, dass irgendwas nicht stimmte. Jemand hatte versucht, das Verbundglas der Tür zum Wachraum einzuschlagen. Die Tür war verschlossen, ich habe einen Schlüssel, aber Anne war nicht da drin. Ich hab eine Weile hier oben gesucht, und dann fand ich sie im Keller.« Er seufzte schwer, und seine Stimme klang ein wenig gebrochen.
»Per Erik saß mitten auf der Treppe. Er war blutüberströmt.
Ich weiß nicht, ob es sein Blut war oder das von Anne, denn er hatte sich ziemlich übel die Hand verletzt.«
Moen unterbrach: »Wie hat er sich benommen?«
»Er wiegte sich hin und her und war völlig in seinen eigenen Gedanken versunken.« Reidar Olsby zuckte leicht mit den Schultern.
»Er hat ja große Probleme. Das Einzige, was er mir gesagt hat, war, dass er es getan hat.«
Das war erst mal eine Erleichterung, dachte Moen und sah zu Gihle, der mit Olsby beschäftigt war.
»Was haben Sie dann gemacht?«, fragte der Lensmann. »Sie hatten alleine Wachdienst, nicht wahr?«
»Per Erik saß ruhig auf der Treppe, während ich einen Rettungswagen rief. Danach telefonierte ich mit der Dienststelle des Lensmanns und wurde zu Sørli durchgestellt. Er sagte, Sie seien auf Jagd und Ihr Telefon sei abgestellt. Er meinte, dass man Sie holen müsse, und er fragte mich, ob ich solange die Stellung halten könne. Er werde so schnell wie möglich eine andere Kollegin herschicken, sagte er, und die kam dann gleichzeitig mit dem Arzt.«
»Hatten Sie keine Angst, dass der Junge eine Waffe bei sich haben könnte?«
»Ich hab’s überprüft und alles durchsucht. Nichts gefunden.«
»Aber war das nicht riskant? Ihre Kollegin wurde umgebracht.«
»So hab ich’s immer gemacht. Wenn Sie Zeit haben, können Sie ja mal unsere Messersammlung begutachten.«
Moen überhörte die Einladung.
»Hatten Sie denn bemerkt, dass in den Keller eingebrochen wurde?«
Reidar Olsby sah Moen erstaunt an. »Wir sind gleich nach oben in die Abteilung gegangen.«
Während Moen die Auskünfte auf sich wirken ließ, fragte Gihle: »Wo sind die anderen Jugendlichen?«
»Die sind auf einem Ausflug in Schweden, zusammen mit dem restlichen Personal. Per Erik durfte nicht mitfahren. Ich kümmere mich in einer Doppelschicht um ihn, und Anne hat die Nachtwachen übernommen.«
»Weshalb durfte er nicht mitfahren?«
»Das ist eine lange Geschichte. Wollen Sie sie jetzt hören?«
»Wie lautet die Kurzfassung?«, warf Moen ein.
Reidar Olsby überlegte einen Moment.
»Er hat eine Praktikantin angegriffen.« Er zuckte mit den Schultern. »Das klingt nicht besonders toll, ich weiß, aber die Geschichte ist nicht so einfach. Soll ich was darüber erzählen?« Moen schüttelte den Kopf.
»Das kann warten. Alle werden ihre Aussage machen können, aber verraten Sie mir eins: Wie alt ist der Junge?«
»Er ist fünfzehn.«
»Was ist mit den Erziehungsberechtigten? Wir würden ihn gerne vernehmen.«
»Die Mutter ist mit dem Stiefvater und zwei neuen Kindern irgendwo im Süden im Urlaub. Der Vater wohnt in Nordnorwegen, und ich weiß auch nicht, ob er uns überhaupt helfen kann.«
»Ist es möglich, den Vater zu kontaktieren, sodass er jemandem eine Vollmacht erteilen kann?«
»Das müssen Sie mit der Leitung klären. Da habe ich nicht genügend Einblick.« Reidar Olsby blickte verstohlen zu Asbjørn Gihle. »Aber das ist vielleicht leichter gesagt als getan, mehr will ich dazu nicht sagen.«
Ohne eine Miene zu verziehen, sagte Asbjørn Gihle: »Sagen Sie, was Sie auf dem Herzen haben, Olsby. Sie werden mich sowieso nicht schockieren können.«
»In einer solchen Situation sollte die Leiterin der Einrichtung hier sein und nicht zu Hause liegen. Das ist kein Zufall, um es so auszudrücken.«
Moen sah auf die Uhr.
»Gibt es jemand anderen, der sich um diese Angelegenheit kümmern kann?«
»Das wäre dann der Abteilungsleiter hier, Kjell Mannsåker, aber der hat eine Besprechung in der Stadt.« Nach einer Pause fügte Olsby hinzu: »Also Oslo meine ich, nicht Gjøvik.«
»Haben Sie seine Telefonnummer?«
Reidar Olsby bejahte, und Moen bat ihn, Gihle die Nummer zu geben. »Schaff ihn so schnell wie möglich her.«
Gihle ging hinaus in den Aufenthaltsraum. Moen und Olsby blieben zurück und sahen einander an, bis Olsby einwarf:
»Niemand hier in der Abteilung kann Per Erik in seine Obhut nehmen, wenn Sie das glauben.«
»Warum denn nicht?«
»Das ist eine lange Geschichte.«
Moen lächelte: »Okay. Gibt es jemanden in Per Eriks Nähe, der diesen Job machen kann? Jemand, der nicht hier arbeitet und nicht erst um die halbe Welt fliegen muss?«
»Wir haben hier eine Schule, und er hat ein ziemlich gutes Verhältnis zu seinen Lehrern, besonders zu einem.« Reidar Olsby sank in sich zusammen.
»Kann ich bald gehen? Ich fühle mich nicht gut.«
»Nein, Sie müssen noch bleiben und uns helfen.«
3
Sie kontaktierten die Schule. Asbjørn Gihle und Reidar Olsby gingen in den Keller hinunter, um zu überprüfen, ob etwas gestohlen worden war. Die Polizeidirektion von Vestoppland war mit einer Einsatztruppe unterwegs. Ebenso die Kripo-Zentrale. Reidar Olsbys Abteilungsleiter hatte sein Handy abgestellt, was ganz natürlich war, da er mit aller Wahrscheinlichkeit in einer Besprechung saß. Moen ging hinaus in den Gang und betrat den Wachraum. Odd Sørli, groß und finster, stand gleich an der Tür. Der Junge saß zusammengesunken auf einem Sofa, die verbundene Hand im Schoß. Er schaute nicht einmal auf, als Moen in der Türöffnung erschien. Der Arzt war dabei, seine Sachen zusammenzupacken. Moen winkte ihn mit dem Finger heraus. Sie begrüßten sich per Handschlag und Moen zog ihn außer Hörweite.
»Haben Sie Erfahrung mit Stichwunden?«
Der Arzt antwortete kurz angebunden: »Durch die Ambulanz in Oslo.«
»Irgendeinen Kommentar?«
»Ein Stich. Direkt in den Bauchbereich. Die Wunde war tief und breit. Muss ein großes Messer gewesen sein. Ein samisches oder irgend so ein verdammtes Ding.« Sein Gesicht war abgewandt, und er schaute Moen nicht an. »Gibt’s noch was? Ich muss weiter.«
Moen schüttelte den Kopf und ging hinein zu dem Festgenommenen, denn als solchen betrachtete er ihn. Ein Sonnenstrahl drang durch einen Schlitz in den Gardinen. Der Raum roch nach einer Mischung aus kaltem Rauch, Körperausdünstungen und billigem Waschmittel. Der Eindruck wurde durch die keineswegs neu erscheinenden Möbel verstärkt. Man hatte sie sicher auch nicht für sonderlich vornehm gehalten, als sie gekauft wurden. Das einzig Moderne war ein Notebook, das Moen ziemlich elegant vorkam. Dann fiel sein Blick auf eine Damenhandtasche, und ihm wurde klar, dass sich die Nachtwache hier aufgehalten hatte. Er scheuchte alle hinaus in die Küche.
»Per Erik Henriksen, nicht wahr?«
Es kam keine Antwort. Der Junge schaute auf und sah Moen unter zusammengewachsenen Augenbrauen einige Sekunden lang an. Er nickte knapp und senkte den Blick. Moen erklärte, dass sie auf seinen Lehrer warteten, und fragte, ob er ihn als stellvertretenden Vormund akzeptiere.
»Du bist nicht mündig. Wir versuchen, deinen Vater zu erreichen, damit er eine Vollmacht geben kann.«
Der Junge antwortete nicht.
»Bist du einverstanden, eine Erklärung darüber abzugeben, was du hier letzte Nacht erlebt hast?«
Der Junge wiegte sich mit dem Oberkörper hin und her und presste schließlich ein Ja hervor.
»Akzeptierst du diesen Lehrer als stellvertretenden Vormund?«, wiederholte Moen. Der Junge rieb sich mit der bandagierten Hand die Wange.
»Ja, in Ordnung.«
Das ist ja schon mal was, dachte Moen. Er bat den Polizeibeamten Sørli, sich nach dem Verbleib des Lehrers zu erkundigen, und fragte ganz unschuldig, warum der Junge nicht mit allen anderen Jugendlichen zusammen in Schweden sei. Der Junge sagte, dass sie ihn aus der Einrichtung werfen wollten und dass er deshalb nicht hatte mitfahren dürfen. Moen fragte, welchen Grund dies habe, wenngleich ihm klar war, dass er sich hier, rechtlich gesehen, auf dünnem Eis bewegte. Der Junge gab zur Antwort, er habe sich mit einer Praktikumskraft geschlagen. Er führte nicht weiter aus, welches Geschlecht die Kraft hatte, und Moen fragte nicht weiter nach.
Sørli steckte den Kopf zur Tür hinein, er glaubte, der Lehrer sei gekommen.
»Holen Sie ihn her.«
Moen sah Per Erik Henriksen unverwunden an.
»Steht das, was du mir erzählt hast, in irgendeinem Zusammenhang mit den Geschehnissen von heute Nacht?«
»Vielleicht«, gab der Junge zurück.
Sørli musste den Mann mit dem kurz geschnittenen grauen Haar und der Brille beinahe in den Raum hineinschieben. Er sah sich mit seinen betrübten grauen Augen etwas unsicher um. Seine Lippen waren angespannt und die Mundwinkel hingen herab.
»Bitte setzen Sie sich«, sagte Moen. Er deutete mit einer schnellen Geste auf einen Hocker.
Moen fragte, ob der Lehrer über die Situation informiert worden war. Ja, Lensmann Gihle habe ihm eine kurze Übersicht verschafft, und er stehe zur Verfügung, sofern Per Erik dies wünsche. Sein Name sei Stein Hovelsrud.
Moen setzte sich neben den Jungen aufs Bett, der daraufhin etwas zur Seite rutschte.
»Kannst du mir erzählen, was hier heute Nacht passiert ist?«
»Wie jetzt? Wollen Sie mir keine Fragen stellen? Ich kann mich nicht so gut erinnern.«
Moen bat ihn, mit eigenen Worten zu erzählen, woran er sich erinnerte, doch der Junge wollte wissen, wo er anfangen solle. Moen schlug die Ruhezeit vor, und der Junge überlegte eine Weile. Der Sozialtherapeut Reidar Olsby hatte ihn um elf Uhr ins Bett geschickt und die Tür abgeschlossen. Eine Weile später hatte er Anne Sørlis Stimme gehört. Es war oft so, dass das Abendpersonal der Nachtwache einen Bericht erstattete. Irgendjemand – er nahm an, dass es Reidar war – hatte die Tür später wieder aufgeschlossen, da es nicht erlaubt war, die Jugendlichen ohne Grund einzuschließen. Aber niemand hatte die Tür geöffnet, um nach ihm zu sehen. Als er glaubte, dass Reidar gegangen war und Anne schlief, denn das tat sie immer, ging er hinaus in die Abteilung. Er nahm einen Schraubenzieher mit, den er versteckt hatte, und ging durch die Eingangstür nach draußen. Dann war der Junge um das Haus herum bis zum Kellerraum gelaufen. Dort hatte er das große Fenster herausgeschraubt und den neuen Flachbildschirm und einen nicht mehr ganz so neuen DVD-Spieler herausgetragen. Die hatte er dann draußen unter ein paar Büschen versteckt. Als er zurückkam, stand Anne Sørli in der Fensteröffnung, zerrte an ihm herum und zog ihn in den Kelleraum hinein. »Da hab ich sie mit dem Messer erstochen.«
Es wurde still im Raum. Knut Moen sah zu Odd Sørli und Stein Hovelsrud herüber, die ihrerseits Per Erik anstarrten.
Moen fragte, welches Motiv er für die Plünderung der Einrichtung hatte. War es wegen des Geldes? Er bekam zu hören, dass es aus Rache geschehen sei, da sie ihn aus der Einrichtung werfen wollten. Moen nickte mitfühlend angesichts der verbrecherischen Logik der Aussage.
»Können wir noch mal zu dem Punkt zurückgehen, wo die Nachtwache im Fenster steht und du auf sie zugehst? Habt ihr miteinander gesprochen?«
»Sie sagte, dass sie endlich Gelegenheit hätte, mir die Hammelbeine langzuziehen, nach dem, was mit Cathrine passiert war.«
»Wer ist Cathrine?«
»Die Praktikantin, von der ich erzählt habe. Anne sagte, wenn sie mir jetzt kein Benehmen beibringen könnte, würden sie mich rauswerfen.« Er blickte die Männer im Raum hilfesuchend an, bekam aber keine Unterstützung. Er blickte wieder zu Boden, und Moen fragte, ob noch mehr Worte gefallen waren.
»Ich fragte sie, ob sie in Cathrine verliebt sei, wo sie sich doch so schrecklich um sie kümmerte. Da ist Anne völlig ausgeflippt und hat mich angegriffen.«
Moen sah den Jungen ganz ruhig an. »Was hast du dann gemacht?«
Der Junge sprang vom Bett auf. Die Augen leuchteten, als er die Hände über den Kopf hob und aus vollem Halse schrie:
»Come on, bitch!«
Odd Sørli trat einen Schritt vor und hob die Arme, doch Moen winkte ihn zurück. Der Junge blieb auf einem Bein stehen wie ein hilfloses Vögelchen, mit einem idiotischen, steifen Grinsen im Gesicht.
Nun äußerte sich Stein Hovelsrud zum ersten Mal.
»Hör mit diesem Unsinn auf, Per Erik. Das hier ist eine ernste Sache.«
Der Junge setzte sich, doch seine Grimasse saß wie angenagelt. Sie verschwand nicht, und plötzlich verstand Moen auch, dass der Junge ernstlich gestört war.
Hovelsrud fuhr fort: »Ich habe Informationen, die Licht auf das werfen, was er sagt, wenn Sie erlauben?«
Moen wollte ihn am liebsten bitten, die Klappe zu halten, war aber nach dem Ausbruch des Jungen nicht ganz auf Draht.
»Diese Konfrontation, die Per Erik hier beschreibt, geschah in Wirklichkeit in der Nacht zu Freitag letzter Woche. Er hat sich im Dunkeln im Keller herumgetrieben, und Anne, die Nachtwache, hat ihn erwischt. Über diesen Vorfall wurden wir Freitagmorgen in der Schule informiert, er wurde vermerkt, abgesehen von den persönlichen Beleidigungen, aber so hat Per Erik es mir an jenem Freitag erzählt.«
»Ich möchte gerne Per Erik zu Ende anhören, dann können Sie Ihre Einwände später Vorbringen.«
Stein Hovelsrud bekam starke rote Flecken an den Wangenknochen.
»Ich weiß wirklich nicht, ob ich das verantworten kann. Ich kann hier nicht sitzen und zuhören, wie er sich selbst einen Mord andichtet. Die Nachtwache war eine resolute Dame, die Motorrad fuhr und Kampfsport betrieb, auf hohem Niveau. Unter normalen Umständen hätte sie Per Erik mit einer Hand zusammengefaltet.«
Moen unterließ es, die Bemerkung unter normalen Umständen zu kommentieren, und versuchte es erneut: »Das hier ist kein Prozess. Hier fällt kein Urteil. Falls Per Eriks Aussage falsch ist, so ist es die Aufgabe der Polizei, auch das herauszufinden. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass wir das Ganze hier so durchführen, dass es die Rechte des Jungen nicht verletzt. Tut es das etwa?«
Stein Hovelsrud schluckte zweimal und zuckte mit den Schultern. Seine Mundwinkel fielen herab. Moen wandte sich wieder dem Jungen zu. Es wirkte so, als ob er nach seinem Ausbruch in ein Koma gefallen wäre.
»Nun, Karate Kid. Was ist passiert?«
»Anne hat mir den Daumen verdreht, bis ich auf den Knien lag«, erwiderte der Junge tonlos. »Ich dachte, sie wollte ihn mir brechen, da hab ich zugestochen.«
»Womit denn? Mit dem Schraubenzieher?«, fragte Moen mit unschuldigster Miene.
»Mit dem Messer.« Die Augen leuchteten wieder.
»Messer? Welches Messer?«
Der Junge grinste höhnisch und schwieg. Moen sah ihn eine Weile an.
»Kannst du was über das Messer erzählen?«
»Ich hatte ein Messer, das ich in der Küche gestohlen habe. Es war in meinem Zimmer.«
»Kannst du das Messer beschreiben?«
»Ein kleines Küchenmesser mit schwarzem Griff.«
»Wo ist es jetzt?«
»In den Büschen, unten am Gartenzaun.«
4
Knut Moen saß am Esstisch im Aufenthaltsraum des Internats. Der Lehrer bestand darauf, mit ihm allein zu sprechen. Moen konnte ihn schlecht abweisen, denn wenn Stein Hovelsrud nicht einbezogen würde, dürften sie den Jungen nicht vernehmen. Moen stand auf.
»Ich werde noch auf Ihre Aussage zurückkommen. Alle werden vor Abschluss der Untersuchung angehört werden.«
Asbjørn Gihle kam zusammen mit dem Sozialtherapeuten Olsby herein.
»Hovelsrud kommt mit mir und dem Jungen am besten kurz nach draußen. Ich bin mit Reidar Olsby ein bisschen herumgeschlichen. Wir brauchen Antworten auf ein paar einfache Fragen bezüglich des Einbruchs. Wenn er sie nicht beantworten kann, gerät sein Geständnis womöglich ins Wanken. Sind Sie interessiert?«
Ohne zu zögern stand Stein Hovelsrud auf, und Asbjørn Gihle ging los, um den Verdächtigen sowie Odd Sørli zu holen.
Eine gute halbe Stunde später war Moens Hoffnung auf eine schnelle Klärung etwas dahingeschmolzen. Er saß auf einem Stein am Gartenzaun und beobachtete Stein Hovelsrud und seinen Schüler, die mit Reidar Olsby den Weg durch den Garten hinauf den Schulgebäuden entgegengingen. Moen meinte den Lehrer lächeln zu sehen, wenngleich er ihm den Rücken zugewandt hatte. Mit beiden Händen massierte er kräftig sein Gesicht.
»Na, was meinst du?«, fragte Lensmann Gihle vorsichtig.
Moen antwortete nicht, denn er hatte nichts zu sagen. Vom ersten Moment an hatte der Junge Antworten gegeben, die darauf hindeuteten, dass der Einbruch in seiner Fantasie stattgefunden hatte.
Gihle fasste Moens Schweigen als Widerstand auf. Er macht eine ausladende Geste mit den Armen. »Als wir ihm unten auf der Treppe die Handkurbel der Wanduhr zeigten, wusste er nicht einmal, was das war. Er wusste nicht, dass die Uhr gestohlen war. Er hat uns gesagt, wo er den Fernseher versteckt und wo er das Messer hingeworfen hat, aber wir finden nichts. Seine Erklärungen waren von Anfang an falsch. Er sagte, dass er durch die Eingangstür hinausging. Als ich mit Reidar Olsby darüber gesprochen habe, sagte der, dass die Tür verschlossen war, als er zum Tatort kam. Er war sich bombensicher.«
Moen antwortete auch diesmal nicht. Er dachte an die ersten beiden Fragen, die er dem Jungen gestellt hatte. Wo ist der Schraubenzieher, mit dem du das Fenster losgeschraubt hast? Wo sind die Schrauben? Dem Jungen hatte es die Sprache verschlagen. Fragte man einen Mörder nach so etwas?
Der Lensmann unterbrach seine Gedanken. »Warum sollte er irgendwas verstecken, wenn er zusammen mit dem Opfer auf der Treppe sitzen bleibt?«
»Ab einem gewissen Punkt werden die Menschen von Schuldgefühlen überwältigt. Ich erlebe so etwas zum ersten Mal.«
Gihle war in Fahrt gekommen und unterstrich jeden Punkt mit einer kräftigen Handbewegung. »Ist es so merkwürdig, dass er sitzen blieb? Ein menschenleeres Haus und draußen dunkle Nacht. Das Telefon ist im Wachraum eingeschlossen. Sein Handy war auch da drin, eingeschlossen. Die Jugendlichen bekommen es nur, wenn sie sich außerhalb der Einrichtung befinden. Vielleicht hat er genau deswegen versucht, das Verbundglas zum Wachraum einzuschlagen? Um zu telefonieren?«
Moen stand auf und fasste seinen Freund am Arm. »Wir müssen jetzt einen kühlen Kopf bewahren. Du vergisst, dass die Nachtwache ihre Schlüssel am Gürtel hängen hatte. Der Junge hätte aufschließen können.«
Gihle schüttelte den Kopf. »Bei so einer Sache bin ich ein ziemlicher Amateur, aber ich kann nicht glauben, dass er es getan hat. Ich verstehe nicht, wieso du so sicher sein kannst.«
»Vielleicht ist es Wunschdenken, aber wir haben ein Geständnis. Erinnerst du dich nicht an die Zeit auf der Polizeihochschule? Andenæs: ›Das Geständnis ist die Königin der Beweise.‹« Moen ließ seinen Arm los.
»Die Nachtwache wurde umgebracht. Das ist nicht irgendwas, das der Junge erfunden hat. Jetzt müssen wir vielleicht auch da draußen suchen.« Moen zeigte auf die Ortschaft, die in der Herbstsonne badete.
»Das kann eine schwierige Arbeit werden. Wenn du einverstanden bist, nehme ich deine Polizisten mit und schnüffle etwas herum. Du übernimmst die Mannschaft aus Gjøvik. Ihr müsst Haus und Hof auf den Kopf stellen.«
5
Moen lief hinter Odd Sørli und der Polizeibeamtin Jenny Kammerstuen her. Er blieb stehen, die Sonne im Rücken, saugte die Wärme in sich ein und ließ den Blick auf der Kirche von Kolbu ruhen, die auf dem nächsten Hügel thronte. Im Augenwinkel sah er, dass Sørli sich hinunterbeugte und auf etwas zeigte. Jenny beugte sich ebenfalls hinunter. Moen steckte die Hände in die Taschen der Feldjacke und schlenderte zum Steinzaun hinüber, der den Garten des Internats vom Besitz dahinter trennte. Die Polizeibeamtin wies auf eine Vertiefung im Boden unterhalb des Zauns. Es war der Abdruck eines Cowboystiefels. Jenny hatte gleich in der Nähe das Untergestell eines Fernsehgeräts gefunden. Moen kletterte über den Zaun und blickte auf den Acker hinaus, atmete die raue Oktoberluft ein und machte ein paar Grimassen, um die Gesichtsmuskeln zu entspannen.
Die Strohrollen warfen lange Schatten in der Morgensonne. Der Boden war nach einem warmen, regenarmen September hart und trocken, und Moen konnte in keiner Richtung Spuren entdecken.
Sørli räusperte sich: »Die Hauptstraße geht da vorne entlang, am Pächterschuppen. Vielleicht haben sie sich in diese Richtung bewegt.«
Moen nahm sich Zeit, den ganzen Horizont abzusuchen, bevor er schließlich nickte.
»Ist das Haus bewohnt?«
»Aus dem Kamin kommt Rauch«, hörte er Jenny sagen.
Moen wandte sich um und belohnte Jenny mit einem keineswegs sparsamen Lächeln.
»Das muss zu Store Lundby gehören. Vielleicht haben die Bewohner ja etwas gehört oder gesehen?«
Sørli blickte fragend zu Moen, der nur einfach losging. Sie liefen eine Weile weiter, mit ein paar Metern Abstand zwischen sich, den Blick auf den Boden geheftet, bis Sørli stehen blieb. Sie waren ungefähr hundert Meter vom Haus entfernt. Die rote Bemalung an den Wänden war fast verblichen, das Blechdach rostig. Der einzige Schmuck bestand aus einer alten Hagebuttenhecke. Sørli schnupperte prüfend in die Luft.
»Merken Sie das? Es riecht nach verbrannter Wolle.«
Moen ging weiter auf das Haus zu und stoppte an der Treppe. Er wandte sich zu Sørli um. »Sie wissen also nicht, wer hier wohnt? Es sieht nicht nach einem Personalgebäude aus.«
»Hab nicht die leiseste Ahnung.« Sørli antwortete zögernd.
»Manchmal vermietet die Kommune ja schlecht verkäufliche Häuser an irgendwelches Gesindel, aber ich weiß nicht.«
Jenny unterbrach ihn. »Vielleicht wohnen ja die Praktikanten hier oder so etwas.«
Moen überließ Sørli den Vortritt. Von seinem Standort aus hatte er einen Ausblick auf den Garten der Einrichtung. Der Polizeibeamte klopfte ein paarmal an die Tür und die Fensterscheibe nebenan, dann drückte er vorsichtig die Türklinke herunter, und die Tür öffnete sich nach innen. Sørli rief ein paarmal Hallo, ohne eine Antwort zu bekommen, dann kam er wieder heraus. Er schüttelte den Kopf. »Verdammter Dreck, da drinnen riecht’s wie im Schweinestall.«
Moen setzte sich auf die Steintreppe und zündete sich eine Zigarette an. Sørli fragte, was sie jetzt tun sollten. Moen wollte gerade sagen: Nichts, doch bat stattdessen um Bedenkzeit. Eine Zeit lang hatte er sich solch einen Ort gewünscht, und er verschwand in einem kleinen Tagtraum, während Sørli vor dem kleinen roten Häuschen hin und her stolzierte und Tatendrang verkörperte. Dieser führte Sørli schließlich zu einer angelehnten Kellertür. Sørli konnte gerade noch mitteilen, dass ein geschlachtetes Reh da drinnen hing, als ein Toyota Pick-up von der Hauptstraße einbog und so scharf bremste, dass sich das Heck des Wagens anhob und die Vorderräder eine tiefe Spur in den Kies gruben. Moen sprang auf und sah flüchtig, wie Sørli sich umdrehte und sich zwei Schritte nach vorn bewegte.
Aus dem Auto stieg ein Mann mit roten Haaren und Pferdeschwanz. Sein Bart war bis zu den Augen hinaufgewachsen. Er blieb einen Moment stehen, wie um das Gleichgewicht zu finden, und als er hinter dem Auto hervorkam, sah Moen sofort, dass er unter Drogen stand. Moen nahm Blickkontakt zu Sørli auf. Der Polizeibeamte nahm sein Funkgerät und rief Gihle. Er gab durch, dass sich eine Situation ergeben habe, und bat um Unterstützung. Jetzt stolperte der Mann in seinen abgetragenen Cowboystiefeln auf sie zu. Er trug einen orangefarbenen Overall, der mit Firmenabzeichen eines amerikanischen Motorradherstellers dekoriert war.
Dann zeigte sich, dass der Mann auch sprechen konnte. Es klang wie ein Erdrutsch in einer Kiesgrube. Ein merkwürdig grobes Gebrumm, das Moen nicht einordnen konnte. Sørli ging einen Schritt auf die Erscheinung zu und bat ihn, stehen zu bleiben. Moen war überrascht, dass der Mann gehorchte, doch sein derbes Gedröhne verwandelte sich in Gewaltandrohungen für den Fall, dass sie nicht schnurstracks von seinem Eigentum verschwinden würden. Moen warf einen Blick auf das schwere Messerfutteral, das mit einem Lederriemen am Schenkel befestigt war. Es war leer. Moen zeigte seinen Dienstausweis und blickte dem Mann direkt in die Augen. Diese Augen waren schmale, runzelige Öffnungen, und Moen sah einen Funken Überraschung darin. Der Mann hatte geglaubt, sie seien Jäger. Nur Jenny war in Uniform, doch die hatte er noch nicht zur Kenntnis genommen. Er versuchte, in einem Bogen um Moen herumzugehen, der zwischen ihm und der Kellertür stand.
Moen wich zurück und sagte: »Bleiben Sie stehen. Wir haben ein paar Fragen an Sie.«
Der Mann murmelte, dass sie das auch drinnen besprechen könnten, und setzte seine Kreisbewegung in Richtung Kellertür fort. Moen schnitt ihm den Weg ab: »Haben Sie eine Waffe da drinnen?«
In der nächsten Sekunde wusste Moen, dass der Angriff kommen würde. Der Mann beugte sich vor, hob das rechte Bein an und schlug mit der linken Hand zu. Reflexartig sprang Moen zur Seite, und aus dem Augenwinkel sah er, wie Odd Sørli sich nach vorne warf. Der Angreifer hatte kaum den rechten Fuß wieder auf den Boden gesetzt, als der Polizeibeamte ihm von hinten in die Kniekehle trat, sodass er auf den Boden fiel. Als er sich aufzurichten versuchte, packte Sørli ihn mit dem Polizeigriff und hielt ihn am Hals umklammert fest. Plötzlich erschienen zwei uniformierte Polizisten auf dem Acker. Als Sørli sah, dass Handschellen zum Einsatz kommen sollten, verlor er für einen Augenblick die Konzentration. Sein Griff löste sich und der Festgenommene stand in einem Kreis von Polizeibeamten. Er stolperte herum, und in seiner scheinbar nicht zu bremsenden Aggression drehte er sich zu Jenny hin, die Hüften vorgeschoben, und machte mit der Hand eine lang gezogene, obszöne Geste.
»Bist du ’ne Lesbe, oder fickst du mit Ausländern?«
Im nächsten Moment überwältigten ihn die beiden Beamten aus Gjøvik und fesselten seine Arme auf dem Rücken.
Moen stand im Keller des kleinen Häuschens. Das geschlachtete Reh hing von der Decke herab. Die Eingeweide lagen in einem alten Zinkkübel vor der Tür, doch der Tierkörper war noch nicht gehäutet. Auf dem Rand eines Steinbeckens stand eine leere Colaflasche. Moen schnüffelte vorsichtig daran. Der Alkoholgeruch war stechend. Die Flasche war offenbar für Schwarzgebrannten wiederverwendet worden. Im Becken lag ein großes samisches Messer, das ungesäubert war, obwohl Reinigungsmittel auf dem Rand des Waschbeckens standen. Moen hielt nach einer Messerscheide Ausschau, doch die oberflächliche Suche führte zu keinem Ergebnis. In der Ecke fand er einen schmutzigen Lappen mit etwas darauf, das nach Blut aussah. Er schüttelte sich beim Anblick der Pumpgun hinter der Tür, dann trat er wieder ins Licht hinaus. Der Angreifer lag immer noch mit der Nase am Boden und spuckte Gift und Galle. Jenny fragte, ob sie ihn nicht knebeln könnten. Moen tätschelte ihren Unterarm, ging die Stufen hinauf und betrat das Haus.
Es gab zwei offene Türen in dem kleinen Vorbau. Geradeaus, in einer kleinen Kammer, stand ein ungemachtes Bett. Links war die Küche. Moen verschaffte sich einen raschen Überblick. In dem kleinen Raum roch es verbrannt, der Geruch kam von einem kleinen Ofen an der Tür. Ohne Umschweife füllte er ein schmutziges Küchenglas mit Wasser aus dem Hahn und öffnete die Ofentür. Er schaute hinein, bevor er das Wasser in den Ofen schüttete. Undeutlich hatte er erkannt, dass es dem Ärmel eines Pullovers zu gleichen schien, was da im Ofen verkohlt war. Als er das Glas zurück auf die Arbeitsplatte stellte, entdeckte er ein schweres amerikanisches Bowiemesser. Es lag blitzrein und glänzend auf einem Holzbrett, das schon lange kein Wasser und keine Seife mehr gesehen hatte.
Die Tür zum letzten Zimmer war angelehnt, und Moen schob sie mit dem Zeigefinger auf. Im Wohnzimmer war für eine Party gedeckt worden. Das dominierende Möbelstück war ein Esstisch, übersät mit leeren Bierdosen und Colaflaschen. Er schnupperte an einer Colaflasche. Sein Blick fiel auf eine Tablettenschachtel. Er schob ein paar Dinge zur Seite und las auf der Schachtel: Rohypnol. Er legte sie auf den Tisch, und als er den Kopf hob, sah er in der Ecke ein Bündel liegen. Er lief hinaus und winkte Sørli herbei.
Auf dem Sofa lag ein junger Typ. Er trug kurze enge Hosen und eine schwarze Bomberjacke, die mindestens vier Nummern zu groß für ihn war. Er hatte eine große blaue Schwellung an der Schläfe. Sørli blickte Moen erschrocken an. Eine Hand hielt das Funkgerät, mit der anderen fuhr er sich über die Kehle. Das internationale Zeichen für plötzlichen Tod. Es knackte im Funkgerät, Sørli drückte auf den Knopf und sagte lakonisch: »Wir haben hier wieder etwas.«
»Wieder« war das richtige Wort, dachte Moen, während er sich davon überzeugte, dass der Mann tot war. Es war nicht nur der Schlag an der Schläfe. Er hatte auch eine Verletzung am Hinterkopf. Das Sofakissen war voller Blut.
»Rettungswagen und Arzt sind unterwegs«, sagte Sørli, »aber das ist wohl nur eine Formalität. Hoffentlich ist es nicht derselbe Arzt, der bei Anne war.« Sørli trat einen Schritt näher. »Ich glaub, ich weiß, wer der Typ ist. Er wohnt in einer Einrichtung außerhalb von Kolbu. Der ist so dumm, dass er nicht strafmündig ist. Wurde unzählige Male bei Einbrüchen in Kindergärten und anderen Einrichtungen erwischt. Er klaut die Kaffeekasse der Betreuer.« Sørli schüttelte resigniert den Kopf und ging zur Tür. Moen, der in seinen existenziellen Betrachtungen unterbrochen worden war, blieb zurück und knirschte mit den Zähnen, und wie immer, wenn er nicht wirklich wusste, was er machen sollte, zündete er sich eine Zigarette an, dann setzte er sich auf die Treppe.
Auf dem Boden vor ihm drehte Sørli den Festgenommenen auf den Rücken. Moen blickte zu seinen Kollegen. Wenn sie an Ort und Stelle eine Abstimmung über ein Todesurteil gefällt hätten, wäre sie einstimmig ausgefallen. Vielleicht begriff der Mann auf dem Boden das, denn er schwieg, als Sørli sich quer auf seine Brust setzte.
»Da liegt ein toter Mann im Haus. Du wirst mindestens eines Mordes verdächtigt.«
»Er lebte, als ich heute Morgen weggefahren bin.«
»Jetzt ist er tot.«
»Ich war es nicht.«
»Wer sollte so jemandem wie dir schon glauben?«
Moen verfolgte den Auftritt wie einen Film.
»Wenn du es nicht warst, wer war es dann?«
»Die Lesbe hat ihn umgebracht.«
»Von welcher Lesbe schwätzt du jetzt?«
»Du kennst sie gut.«
»Redest du von meiner Cousine?« Sørli packte den Mann am Kragen seines Overalls. Der öffnete den Mund und lachte.
Sørlis Kollegen schielten unsicher zu Moen, doch er rauchte einfach weiter.
Der Festgenommene kniff fröhlich die Augen zusammen. »Sie hat ihm den Kopf eingeschlagen. Jetzt ist er tot.« Er lachte wieder, und Sørli gab ihm einen kurzen Kinnhaken mitten ins Gesicht. Der Mann öffnete die Augen. Es kam nicht ein Laut über seine Lippen, obwohl das Blut herabströmte wie ein Bach. Er raunte Sørli etwas zu, was Moen nicht verstand. Sørli hob die Faust, um noch einmal zuzuschlagen. Moen erhob sich von der Treppe und kommandierte: »Es reicht.«
6
Moen ließ die Schultern herabsinken. Es saß in der Internatsküche mit einer Tasse dünnem Kaffee zwischen den Händen und fantasierte von Elchsteaks und Aquavit. Sein Gastgeber an diesem ersten Urlaubstag, Asbjørn Gihle, unterbrach die Stille.
»Ich bin dir zu großem Dank verpflichtet, Knut, aber bist du ganz sicher, dass wir den Täter haben?«
»Seine Äußerungen im Zusammenhang mit der Festnahme waren genauso gut wie ein Geständnis. Ich habe Schrauben und einen Schraubenzieher in seiner Hosentasche gefunden, außerdem zwei große Messer. Eines davon war blutig.«
Moen massierte seine steifen Kiefergelenke.
»Wenn die Presse fragte, könnte ich das so nicht sagen, aber ich glaube an eine rasche Aufklärung. Wie heißt er noch mal, sagst du?«
Gihle sah auf seinen Zettel.
»Tore Hakksveen. Was meintest du damit, seine Äußerungen seien wie ein Geständnis?«
»Er sagte, es war Selbstverteidigung, aber er war so zugedröhnt, dass es nicht möglich war, etwas Vernünftiges aus ihm herauszubekommen. Er sagte, Anne Sørli habe seinem Kumpel den Kopf eingeschlagen.«
Gihle nickte.
»Dann hat also der Junge nicht zugestochen. Ist ja fast eine Erleichterung. So ein bedauerlicher kleiner Vogel.«
Moen dachte ein wenig an den bedauerlichen kleinen Vogel, bevor er antwortete. Dass jemand so sehr in seinem eigenen Kopf leben konnte, war eine neue Erfahrung für ihn.
»Es sieht am ehesten so aus, dass die Nachtwache sie überrascht hat, als sie gerade das Diebesgut hinaustrugen. Wahrscheinlich hat sie den Kleinen getreten oder geschlagen, sodass er hinfiel und sich den Kopf aufschlug, und der andere Typ hat sie dann während der Rangelei erstochen. Wahrscheinlich war der Kleine noch am Leben, als er zurück ins Haus kam. Solche Kopfverletzungen sind unberechenbar. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass Hakksveen ihn erledigt hat.« Moen breitete die Hände aus. »Ich betone, dass das Spekulationen sind. Die Leute aus Gjøvik werden für Hakksveens Haus Zeit brauchen, und meine Leute werden hier die ganze Abteilung durchkämmen. Das ist doppelt so viel Arbeit wie gedacht. Es gibt Spuren an zwei Tatorten, und es wird Tage und Wochen dauern, bis die analysiert sind. Auf der anderen Seite: Unsere beiden Drogenfreunde haben wenig getan, um ihre Spuren zu verwischen.«
»Was glaubst du, was hat der Junge mit der ganzen Geschichte hier zu tun?«
»Der Junge sagte, er wurde in seinem Zimmer eingeschlossen, als Olsby zusammen mit Anne Sørli hier war, doch dass die Tür wieder aufgeschlossen wurde, als Olsby ging. Es war irgendwas mit den Brandschutzvorschriften. Das Problem ist, irgendwer hat die Tür wieder abgeschlossen.«
»Aber wie ist er dann die Treppe hinuntergekommen, wo Reidar Olsby ihn fand?«
Moen zuckte mit den Schultern.
»Das Fenster im Zimmer war offen. Das Erdgeschoss auf der Eingangsseite ist erhöht. Der Eingang zum Keller liegt auf der anderen Seite.«
Gihles Gesicht legte sich in Sorgenfalten:
»Was machen wir mit dem Jungen? Der arme Lehrer sitzt immer noch mit ihm da drinnen.« Gihle schwieg einen Moment, doch fuhr dann fort: »Müssen wir ihn in Untersuchungshaft nehmen? Der Abteilungsleiter ist vorhin da gewesen, als du weg warst. Er hat mit Olsby gesprochen und ist davon ausgegangen, dass die Polizei für Per Erik Henriksen zuständig ist.«
»Was für ein Typ ist dieser Abteilungsleiter?«
»Er heißt Mannsåker. Kjell Mannsåker. Er war nicht sonderlich kooperationsbereit. Tauchte zur gleichen Zeit auf wie deine Leute aus Oslo. Ihm ging es hauptsächlich darum, in sein Büro zu kommen, und da hat er sich dann mit der Einsatzgruppe gestritten. Mannsåker hat als Einziger Schlüssel für das ganze Haus, und der Einsatzleiter hat sie sofort beschlagnahmt. Ich dachte schon, sie müssten Gewalt anwenden, als er sein Büro nicht betreten durfte. Einer von deinen Leuten musste ihn beinahe bis zum Verwaltungsgebäude eskortieren, und das Gespräch über Per Erik verlief dabei im Sand.«
Gihle wurde von seinem Handy unterbrochen. Kommentarlos hörte er zu und antwortete kurz: »In Ordnung.« Er legte das Handy auf den Tisch und blickte aus dem Fenster. »Das war Harald, mein Bruder. Die Heimleitung ist oben im Hauptgebäude versammelt. Sie wollen wissen, wie sie sich jetzt in dieser Situation verhalten sollen. Ich glaube, ich muss wohl selbst mit den Angehörigen von Anne Sørli sprechen – oder möchtest du tauschen?«
Die Sonne stand tief im Westen. Ihre kraftlosen Strahlen erhellten gerade noch die schmutzig gelben Holzwände des Dienstgebäudes, das die Verwaltung der Einrichtung beherbergte. Moen warf einen Blick hinauf in die erste Etage. Zwei Fenster waren erhellt. Hinter einem standen Per Erik Henriksen und sein Lehrer. Moen stieg die Treppe hinauf und kam in einen Flur. Geradeaus gab es eine Doppelschwingtür, rechts und links waren Bürotüren. Auf der einen stand Verwaltung, auf der anderen Konferenzraum. Moen nahm die Tür zur Verwaltung, doch war sie verschlossen. Er probierte die andere, sie öffnete sich.
Moen ging hinein und baute sich auf, breitbeinig und mit verschränkten Armen. Am anderen Ende des Raums, über die Seiten eines langen Konferenztisches verteilt, saßen vier Personen. Ein Mann und eine Frau in den Dreißigern links, auf der rechten Seite Reidar Olsby. Moen nickte ihm zu, konzentrierte seine Aufmerksamkeit jedoch auf den Mann, der vor Kopf saß, ein rotgesichtiger Mann in einer Tweedjacke. Seine Augen lagen hinter Falten versteckt, und er betrachtete Moen, als sei er ein Haar in der Suppe.
»Was können wir für Sie tun?«
»Ich habe es eher so verstanden, dass ich etwas für Sie tun kann.«
»Wer sind Sie?«
Moen fühlte Unmut in sich aufsteigen. Sein Blutzucker war niedrig und der Kaffee schwappte durch sein System.
»Ich könnte Sie eigentlich dasselbe fragen.«
Olsby warf ein: »Das ist der Mann von der Kripo.«
Für einen Augenblick wurde es still, und die drei anderen starrten Moen an. Der Mann am Tischende verwandelte seinen Gesichtsausdruck in etwas, was einem jovialen Lächeln ähnelte.
»Tut mir leid. Ich heiße Arve Nerseth und arbeite für den Gesundheitsbezirk Ost. Wir diskutieren die Maßnahmen vor dem Hintergrund der entstandenen Situation. Wir hätten ein paar Fragen an ...?«
»Knut Moen, Einsatzleiter der Kriminalpolizei. Wer sind die anderen?«
»Olsby kennen Sie ja.« Er deutete auf die Frau. »Das ist Marita Mæhlum, Psychologin und fachverantwortlich für die Behandlung, und Kjell Mannsåker, Leiter der Abteilung, in der der Mord geschah.«
Moen registrierte knapp zwei steife weiße Gesichter, die ihn anstarrten, und Nerseth fuhr fort: »Wir sind hier in einer schwierigen Situation. Sie wissen vielleicht nicht, dass die Leiterin der Einrichtung einen Zusammenbruch hatte. In einer Stunde kommen die Jugendlichen von einem Ausflug zurück, in eine Abteilung, die von der Polizei besetzt ist. Zu meiner Verwunderung muss ich auch feststellen, dass der Schüler, der den Mord gestanden hat, ohne Aufsicht der Polizei in der ersten Etage sitzt.«
»Das waren jetzt mindestens drei Probleme, die in Ihrer Verantwortung liegen, nicht in meiner«, sagte Moen.
»Die Polizei hat die halbe Einrichtung geschlossen. Wir können ja wohl eine Antwort erwarten, wie wir damit umgehen sollen und wie lange diese Situation andauern wird.« Es war die Psychologin, die sich äußerte.
Moen erwiderte ruhig:
»Die Abteilung bleibt so lange geschlossen, wie die Untersuchungen der Polizei es erfordern. Die Abteilung wird versiegelt und bewacht. Es wird ein paar Tage dauern, vielleicht eine Woche.« Er versuchte, etwas versöhnlicher aufzutreten, und fügte hinzu: »Wir sind uns der Unannehmlichkeiten bewusst, doch Gesetz und Ermittlung lassen uns keine andere Wahl.« Der Abteilungsleiter hob den Arm als wäre er in einer Schulklasse. Er hatte zurückgekämmtes, lockiges Haar und lächelte sardonisch mit ebenmäßigen, weißen Zähnen. Arve Nerseth nickte.
»Ja, Kjell.«
»Ist es wirklich wahr, dass ich nicht in mein eigenes Büro gehen kann, um Dinge zu holen, die ich in den nächsten Tagen hier für meine Arbeit brauche? Nicht einmal in Begleitung?«
»Ja. So ist es.«
»Das Büro war abgeschlossen, als ich es zuletzt verlassen habe, und niemand sonst hat Schlüssel. Das hat mit dem Fall doch nichts zu tun.«
»Das wissen weder Sie noch ich, und hier gilt es Regeln zu folgen, nicht dem, was Sie oder ich denken.«
»Das kann ich schlichtweg nicht akzeptieren.« Der Abteilungsleiter appellierte an Arve Nerseth.
Moen hatte sich während dieser Unterhaltung hingesetzt, stand aber wieder auf. »Wir haben wohl alle ein paar Dinge, um die wir uns kümmern müssen. Auf Sie wartet eine Busladung mit Jugendlichen, und ich muss eine umfassende Untersuchung leiten.«
Moen sah Reidar Olsby an. Er starrte verdrießlich auf seine Hände.
Arve Nerseth stand auf, streckte die Arme aus, ließ sie aber wieder herabsinken:
»Bitte setzen Sie sich einen Moment. Ich muss mich für uns alle entschuldigen, wir sind erschüttert und etwas ratlos. Eins müssen Sie uns beantworten. Was sollen wir mit Per Erik Henriksen machen? Reidar sagt, er habe den Mord gestanden. Stimmt das?«
»Was Reidar Olsby sagt oder meint, möchte ich nicht kommentieren. Die Polizei hat eine verdächtige Person, die sich nun in Untersuchungshaft befindet. Mehr kann ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht sagen.«
Am Tisch wurde es still. Die Überraschung stand ihnen in die Gesichter geschrieben, nicht zuletzt Reidar Olsby.
»Persönlich bin ich ziemlich überzeugt davon, dass Per Erik Henriksen ein verstörter junger Mann ist, und überlasse ihn Ihrer fachkundigen Obhut.«
Draußen auf dem Wirtschaftshof war es feucht und kalt. Unten am Hügel strahlte der Tatort wie ein Weihnachtsbaum in der Oktobernacht. Moen steckte Reidar Olsbys Schlüssel in die Tasche und bereute für einen Moment seine Arroganz. Er musste aufpassen, dass sich die Verbitterung über den abgebrochenen Urlaub nicht auf die Untersuchung auswirkte, aber er war und blieb allergisch gegenüber dem Abschieben von Verantwortung. Ein Volkswagen-Transporter brauste mit eingeschaltetem Fernlicht auf den Hof, und durch die Autofenster starrten ihn weiße Gesichter an. Gleich dahinter folgte ein älterer Ford Transit. Er eilte weiter in Richtung Abteilung, öffnete mit Olsbys Schlüssel und verschloss die Tür hinter sich.
In der Küche saß Asbjørn Gihle, tief versunken über einem Teller Tomatensuppe mit Makkaroni. Er sah auf, als Moen hereinkam. Er deutete auf den Teller. »Kriegsbeute. Bedien dich. Du musst ja völlig ausgehungert sein.«
Moen plumpste auf einen Stuhl und Gihle stand auf, um die Suppe zu servieren. Er stellte sie vor Moen hin.
»Du siehst nicht gut aus«, sagte Gihle. »Iss eine Kleinigkeit.« Moen blickte ihn an:
»Du siehst auch nicht besonders glücklich aus. Hast du mit den Eltern gesprochen?«
»Ja, hab ich.«
»Was für Leute sind Anne Sørlis Eltern?«
»Bauern. Sie haben einen mittelgroßen Hof in Vestre Toten.«
»Wohnte sie zu Hause?«
»Ja, sie bewohnt das Altenteil.«
Moen probierte einen Löffel voll Suppe. Sie schmeckte, und er nahm noch einen.
Als er wieder aufblickte, hatte Gihle das Gesicht in den Händen verborgen.
»Wirklich, gar nicht mal so schlecht.«
»Sie war ihr einziges Kind.«
»Wir müssen wohl bald an die Presse.«
Was Moen den Journalisten zu erzählen hatte, war nicht viel. Es war der erste Tag der Untersuchung, und wenn es nach Moen gegangen wäre, hätte er kein einziges Wort gesagt. Sein Publikum kannte das und war daran gewöhnt. Eine weibliche Nachtwache in einer psychiatrischen Einrichtung für Jugendliche war am Morgen ermordet aufgefunden worden, im Zusammenhang mit einem Einbruch.
Ein einunddreißigjähriger Mann, vorbestraft wegen Körperverletzung, Beschaffungskriminalität und Drogenbesitz, war in seinem Haus ungefähr fünfhundert Meter vom Tatort entfernt festgenommen worden. Dort hatte man einen weiteren Toten gefunden, doch die Umstände dieses Todesfalls waren noch ungeklärt.
Natürlich gab es Nachfragen vom Presselager. Die weniger Erfahrenen stellten ihm Fragen, die er selbstverständlich nicht beantworten wollte. Wie sie umgebracht worden war und so weiter. Die Geschickteren wollten, dass er eventuelle »Quellen« preisgab. Wer hatte die Verstorbene gefunden? Wie viele waren im Haus? Moen gelang es auszuweichen, indem er darauf hinwies, dass die Abteilung wegen eines Ausflugs »praktisch« leer gewesen war und dass er beim gegenwärtigen Stand der Ermittlungen nichts hinzuzufügen habe. Die Nachfragen erstarben alsbald, denn die Journalisten wussten, dass es nun an ihnen selbst lag, Leute auszugraben, die reden wollten, wie zum Beispiel das Personal der Einrichtung oder – was Gott verhindern mochte – Moens eigene Kollegen. Als Moen ging, kreisten bereits die Journalisten von den großen Zeitungen um ihre Kollegen von den Lokalblättern, die hier einen Vorsprung hatten: Sie kannten die örtlichen Verhältnisse. Ein paar von ihnen hatten noch weitere Vorteile. Sie waren jung, sie waren Frauen, und sie waren blond.
Draußen wartete Asbjørn Gihle mit dem Wagen. Er hatte die Einquartierung der Mannschaft beordert. Es war dunkel wie in einem Sack und so kalt, dass Moen die Hände in die Taschen seiner Feldjacke stecken musste. Dort fand er etwas zu rauchen und zündete sich eine Zigarette an. Eine Weile zog er gierig daran, bis Gihle sagte:
»Du kannst im Auto rauchen.«
Es war dreiundzwanzig Uhr, als Gihle Knut Moen und seine Truppe in der kleinen Pension an der Landstraße außerhalb von Lena, Østre Toten verließ. Es war die einzig freie Unterbringungsmöglichkeit, abgesehen von den üblichen Rica/Clarion/Quality/Choice-Kästen in Gjøvik, und lag am nächsten. Moen hatte geglaubt, ein Zimmer in der ersten Etage zu bekommen, doch da wohnten die Wirtsleute, und er war etwas verdutzt, als er sah, dass die Zimmer unter dem Dach für eine einfache Unterbringung konzipiert waren. Schließlich wählte er ein Zimmer mit Doppelbett und eigenem Bad.
Seine Laune wurde etwas besser, als er herunterkam. Die Wirtsleute hatten versprochen, die Reste von einer Geburtstagsfeier zum Siebzigsten aufzutischen. Es gab nicht weniger als Elchsteak mit allem, was dazugehört. Die Einsatzgruppe aus Oslo setzte sich an den Tisch und blickte verstohlen zu Moen hinüber, als die Wirtin – vorsichtig – fragte, ob sie zusätzlich noch etwas haben wollten. Auf dem Tisch stand Wasser.
»Ein Bier vielleicht?«, fragte Moen die anderen. Alle nickten und lächelten einer wie der andere.
Dann sagte die Wirtin, ohne eine Miene zu verziehen: »Soll es außerdem noch was sein? Sie sehen aus, als ob Sie etwas Scharfes brauchen könnten.«
Die komplette Gruppe lächelte lautlos in sich hinein. Ja, das stimmte wohl. Sie brauchten einen Schnaps, und der kam auf den Tisch. Einige Minuten genossen sie ihr Glück in aller Stille, bevor die unumgängliche Nachbesprechung kam. Sie fiel kurz aus.
»Habt ihr etwas in seinem Zimmer gefunden?«
»Ein Kollege aus Gjøvik hat das gemacht. Wir haben die Sachen, die er gefunden hat, nur zur Dienststelle des Lensmanns gebracht.«
»Ihr habt nicht nachgehört, was es war?«
»Es ging alles etwas schnell.«
»Alles ist verschlossen und versiegelt?«
»Alles verschlossen und plombiert.«
»Auch bei Hakksveen?«
»Ich glaube, alles, was für die Untersuchung von Bedeutung ist, wurde weggebracht.«
»Und das ist auch alles verschlossen und plombiert?«
»Ay, ay, Boss.«
Die Wirtin trug den Tisch ab.
»Es ist spät, meine Herren, aber ich darf Sie fragen: Soll es noch etwas sein, bevor wir schließen?«
7
Knut Moen saß vor Kopf am Tisch des Konferenzraums in der Dienststelle des Lensmanns. Immerhin verfügte er über die größte Erfahrung als taktischer Fahnder in Der nationalen Einheit für die Bekämpfung organisierter und anderer schwerwiegender Kriminalität, was ein witziger Bursche einmal zu Dneboask verkürzt hatte, von den Behörden in ihrer Weisheit jedoch als Kripo bezeichnet worden war, da sich die Welt in ihrer Eigensinnigkeit geweigert hatte, den neuen Namen ernst zu nehmen, und das Tier bei seinem alten Namen nannte. Sein Hauptgebiet war allerdings weniger das prestigeträchtige Feld der organisierten Kriminalität oder eines der anderen Gebiete, welche zu jeder Zeit die besondere Aufmerksamkeit der Medien, der Politiker und der Bürokratie genossen. Seine Spezialität war der gute alte norwegische Mord. In nüchterner Prosa hatte es Die nationale Einheit für die Bekämpfung organisierter und anderer schwerwiegender Kriminalität im Rahmen ihres Jahresberichts so ausgedrückt: »Wie schon früher ist der typische norwegische Täter ein Mann im Alter zwischen einundzwanzig und dreißig Jahren, der keiner geregelten Arbeit nachgeht und das Opfer kennt. Die meisten Morde werden infolge einer Streiterei am Wohnort des Opfers oder des Täters verübt, wobei häufig Rauschmittel im Spiel sind. Das Messer ist immer noch die üblichste Mordwaffe in Norwegen.«
So wie er es beurteilte und ausgehend vom Kenntnisstand der Polizei zum momentanen Zeitpunkt, passte diese Sache gut in den Rahmen. Der Verdächtige, Tore Hakksveen, verfügte zusätzlich zu seinen Drogenproblemen über einen langen kriminellen Lebenslauf. Er war einunddreißig Jahre alt und als Sechzehnjähriger zum ersten Mal verurteilt worden. Die meisten Jahre zwischen seinem zwanzigsten und dreißigsten Geburtstag hatte er wegen zahlreicher Delikte im Bereich der Drogen- und Beschaffungskriminalität sowie aufgrund einer Verurteilung wegen Vergewaltigung im Gefängnis zugebracht. Sein verstorbener Kumpel, Arvid Jakobsen, genannt »Mini«, hatte sich, sofern überhaupt möglich, aufgrund noch viel mehr Straftaten zu verantworten. Die meisten betrafen Mundraub, Ladendiebstähle und Einbrüche, doch er war niemals verurteilt worden. Jakobsen wurde als vollzugsuntauglich eingestuft und als derart geistig zurückgeblieben beurteilt, dass man ihn so gut wie überhaupt nicht für seine Taten zur Verantwortung ziehen konnte. Er hatte seine Karriere in der Jugendhilfe begonnen und in einem Jugendheim gewohnt. Beide waren also in den polizeilichen Archiven vermerkt, mit Bildern und Fingerabdrücken. Von den gefundenen Messern kam mindestens eines als Mordwaffe infrage, eines wies Blutspuren auf. Viele hätten den Fall als aufgeklärt betrachtet.
Genau deswegen und nicht zuletzt auch, weil er einen schlechten Start gehabt hatte, war Knut Moen alles noch einmal in Ruhe durchgegangen. Selbst wenn der Mörder anscheinend gefasst war, gab es mehrere Umstände, die die Ermittler berücksichtigen mussten. Die Gewalt war gegen eine Außenstehende gerichtet worden, wie so oft, und ein Elternpaar hatte sein einziges Kind verloren. Die Sache würde in den Medien große Aufmerksamkeit erregen. Daher würde sie auch versierte Verteidiger anziehen, die alle Schwächen der Ermittlung aufdeckten. Drittens waren die Anklagevertretung und die Justizbehörde durch mehrere Fälle erschüttert worden, bei denen die Polizei ihren Verdacht und ihre Ermittlungen auf Personen konzentriert hatte, die bereits im polizeilichen Suchscheinwerferlicht standen und derer man sich so bei dieser günstigen Gelegenheit entledigt hatte, wobei sich jedoch nach Absitzen der Strafe herausstellte, dass sie unschuldig waren. Sowohl der vorsitzende Richter als auch die Beisitzer würden sehr auf der Hut sein. Kämen Zweifel auf, würden sie leicht den Beschuldigten zugutekommen. Mit anderen Worten, man brauchte eine hieb- und stichfeste Beweisführung, und es war Moens Aufgabe, genau diese zu liefern.
Was Zeugen und Geständnisse betraf, war die Situation nicht sehr verheißungsvoll. Sie hatten ein von einem psychiatrischen Patienten abgelegtes Geständnis, ohne Verankerung in den Gegebenheiten des Tatorts. Man konnte unmöglich wissen, was aus dem Jungen, der fast psychotisch wirkte, herauszubringen war. Tore Hakksveen war vollkommen zugedröhnt, als er eingeliefert wurde, und das erste Anzeichen eines Geständnisses ergab lediglich, dass er am Tatort gewesen war. Arvid Jakobsen war tot. Anne Sørli war tot. Zwei der vier Personen, die sich in der Mordnacht am Tatort befunden hatten, waren tot und die anderen beiden nahezu unzurechnungsfähig und als Tatzeugen vollkommen unglaubwürdig. Die Königin der Beweise, das Geständnis, hatte ein Zipfelchen ihres Gesichts gezeigt und es wieder zugedeckt.
Moen konzentrierte seine Aufmerksamkeit daher auf das, was eigentlich nicht seine Domäne war, die technische Untersuchung. Er war tatsächlich so weit gegangen, die versammelte Truppe zu ermahnen, mit der Arbeit am Tatort nicht nachlässig umzugehen. Nicht nur das. Er hatte darauf bestanden, Techniker aus dem Labor in Oslo sowie von der Abteilung für Fingerabdrücke zu bekommen. Sie sollten mit ihm zusammen das Material von den Tatorten durchgehen und abschätzen, was an Ort und Stelle erledigt werden könnte und was nach Oslo geschickt werden sollte. So wollte er sichergehen, eine hieb- und stichfeste Kette technischer Beweise zu erhalten oder besser gesagt: Er hatte große Hoffnungen, genau dies zu erreichen, als er das Meeting beendete und sich erhob. Er blieb stehen, als die Polizisten zur Tür hinauszogen und sich an ihren jeweiligen Tatort begaben. Einen der Polizisten aus Gjøvik hielt er zurück.
»Waren Sie es, der das Zimmer des Jungen untersucht hat?« Ein Raum in der Dienststelle des Lensmanns war für die am Tatort gefundenen Gegenstände eingerichtet worden, das heißt für diejenigen, die bis jetzt geordnet und katalogisiert waren. Das Neonlicht glänzte auf all den durchsichtigen Plastiktüten mit erklärendem Text auf den Etiketten. In der Ecke stand das angebliche Diebesgut. Der Polizist aus Gjøvik ging zu einem Tisch am Fenster und zeigte darauf.
»War das alles?«, fragte Moen.
»Der arme Junge. Fast alle Kleider waren entweder abgetragen oder schmutzig. Außerdem hatte er Essen zwischen diesen Fetzen versteckt. Ein langweiliger Kleiderschrank. Das Einzige, was ein wenig Interesse hervorrufen könnte, waren diese Gegenstände. In den anderen Tüten sind die Kleider und Schuhe, die er gestern Nacht anhatte.«
»Und sonst im Zimmer?«
»Schulsachen, ein paar Magazine und ein PC etwas älteren Jahrgangs.«
»Ist er hier?«
»Ich war mir nicht sicher, was wir damit machen sollten. Was meinen Sie?«
»Ich denke darüber nach.«
Moen zog ein Paar Einmalhandschuhe über und nahm die Sachen aus der kleinsten Tüte. Er erschrak leicht beim ersten Gegenstand, einem ungewöhnlich dicken Schlüsselbund. Er zog das andere hervor, das beim Abteilungsleiter beschlagnahmt worden war, und verglich sie miteinander. Viele der Schlüssel waren identisch, soweit Moen es sehen konnte. Die anderen Gegenstände waren ein kleines Gemüsemesser mit schwarzem Plastikgriff, eine kleine Plastiktüte mit ein paar Tabletten sowie ein Mobiltelefon. In dem angeblichen Geständnis hatte der Junge angegeben, er hätte ein kleines Küchenmesser verwendet. Es gab also einen Kern von Wahrheit. Er habe ein Messer versteckt. Moen wandte sich an den anderen:
»Die Tabletten. Haben Sie eine Ahnung, was das sein kann?«
»Die sehen genauso aus wie ein paar Tabletten, die wir vor einigen Wochen in Gjøvik beschlagnahmt haben. Das war Amphetamin.«
Moen nahm das Handy und betrachtete es.
»Waren diese Sachen am selben Ort versteckt?«
»Die Schlüssel lagen für sich allein ganz unten im Schrank, in einer alten Skisocke. Die anderen Sachen waren an der Rückwand hinter den Unterhosen.«
Moen nahm das Handy, das mit seinem eigenen Modell identisch war. Er drückte auf den Knopf mit dem grünen Telefonhörer und rief die Liste mit den zuletzt angerufenen Nummern auf. Am Tag zuvor war dreimal dieselbe Nummer angerufen worden. Das letzte Mal um 00:12. Die beiden anderen Gespräche hatten früh am Nachmittag stattgefunden. Unten in der Liste tauchten ein paar Vornamen auf, die aus einem Adressbuch stammen mussten. Er wählte »Kontakte«, drückte auf »Namen« und las sie durch. Er hatte den vagen Eindruck, dass das Handy einem älteren Menschen gehörte, vielleicht einem Rentner. Es gab viele Einträge von Ärzten, Apotheken und Ähnlichem.
Zum Schluss drückte Moen auf die »letzte angerufene Nummer«. Kaum eine Sekunde später klingelte ein anderes Handy im Raum. Die beiden Polizisten sahen sich verwundert an und suchten in ihren Taschen. Es war der Standardklingelton eines der größten Mobiltelefonhersteller, und beide dachten, es sei ihr eigenes. Nachdem sich ihre Überraschung gelegt hatte, lokalisierte Moen den Klingelton. Er kam aus einer der Tüten am anderen Ende des Zimmers, dort, wo die Sachen von Tore Hakksveen und »Mini« Jakobsen lagen. Moen fand das Handy in einer der geräumigen Innentaschen von Jakobsens Bomberjacke, die außerdem kurioserweise noch zwei vakuumverpackte geräucherte Würstchen aufwiesen. Moen zog Jakobsens Handy hervor, drückte auf den grünen Knopf und sagte: »Hallo!«
Das Hallo wurde an Moens anderem Ohr wiedergegeben, an das er das Handy von Per Erik Henriksen hielt. Es gab gar keinen Zweifel. Die beiden hatten in der Mordnacht miteinander telefoniert.
»Shit!«, entfuhr es Moen. Diese jugendliche Ausdrucksweise hatte er vor einigen Jahren angenommen. Der Polizist aus Gjøvik sah ihn fragend an. Er hatte zwei tiefe Furchen in der Stirn, und zum ersten Mal bemerkte Moen sein Haar, das rabenschwarz und zurückgekämmt war. Moen war bemüht, sich von seiner Überraschung zu erholen, und als Erstes legte er die beiden Telefone zurück an ihren Platz.
»Der Junge hat den verstorbenen Jakobsen kurz vor dem Mord angerufen. Ich habe ihn zu früh abgeschrieben«, konstatierte Moen, mehr zu sich selbst. Er dachte an seine eigenen Ermahnungen während der morgendlichen Zusammenkunft und schüttelte lächelnd den Kopf. Leicht desorientiert, erwiderte der Polizist aus Gjøvik vorsichtig sein Lächeln.
»Wie heißen Sie eigentlich? Ich hab mein Benehmen wohl zu Hause gelassen«, sagte Moen und streckte die Hand aus.
»Svein Solvold. Wir sind uns schon mal begegnet, aber daran erinnern Sie sich bestimmt nicht.«
»Ach ja? Wo denn?«
»Das ist lange her. In Hadeland. Eine Bäuerin war in den Fluss gegangen. Ich war bei der Suche dabei.«
Moen nickte nachdenklich.
»Ja, das ist lange her.«
»Damals hab ich mich entschieden, Polizist zu werden.«
»Und Sie haben es nicht bereut?«
Solvold zuckte mit den Schultern und blickte zu Boden.
»Sieht nicht so aus.«
Plötzlich klingelte Moens Handy. Solvold holte seins auch hervor, doch Moen fühlte die Vibration in der Tasche. Er sah, dass es der Leiter des Teams in Lundby war.
»Moen hier.«
»In der Nacht hat es am Tatort einen Einbruch gegeben.«
8
Asbjørn Gihle fuhr, Moen saß auf dem Beifahrersitz und Svein Solvold schweigend auf der Rückbank. Der kommissarische Polizeidirektor des Polizeibezirks Vestoppland hatte ihn gerade eben mit der Bemerkung »Scharf wie ein Rasiermesser, aber nicht unbedingt ein Teamworker« an Moen »ausgeliehen«. Moen hatte sein Augenmerk auf das Rasiermesser gerichtet. Solvold hatte nur stumm genickt, als er den Bescheid bekam. Jetzt wandte sich Moen an Gihle:
»Ich muss deine Mitarbeiterin haben, Asbjørn. Wie hieß sie noch gleich? Elvestuen?«
»Kammerstuen. Jenny. Sie und Sørli sind in Kapp. Ein größerer Diebstahl von Baumaterialien. Wie du weißt, konnten wir uns gestern nicht darum kümmern.«
»Lass sie sofort kommen. Sie soll rausfinden, wo sich der Junge aufhält. Stellt ihn unter Polizeiarrest, mit Foto und Fingerabdruck. Volles Paket.«
»Das wird wohl kaum nötig sein.« Gihle hielt das Steuer mit der linken Hand und zeigte mit der rechten. »Dort steht er«, sagte er, »auf der Schultreppe.«
Ganz richtig. Auf der Schultreppe saß Stein Hovelsrud und rauchte. Reidar Olsby zeigte Per Erik Henriksen gerade etwas, das einem Ringergriff ähnelte.
»Wollen wir ihn nicht gleich mitnehmen?«
»Fahr zum Tatort und mach es so, wie ich sage. Versuch, sie über Funk zu erreichen.«
Mit einem Ruck hielt der Wagen an, und Moen stieg gemeinsam mit Svein Solvold aus, der noch immer kein Wort gesagt hatte. Gihle machte sich am Funkgerät zu schaffen.
An der Tür wurden sie vom Leiter des Teams in Empfang genommen. Er vollführte die uralte Armbewegung »Folgt mir, Jungs« und trottete voran. Wortlos zeigte er auf die Tür zum Wachraum. Moen verstand zunächst nicht, was der Mann ihnen zeigen wollte, daher trat er näher und starrte angestrengt auf die Tür. Es war nicht so einfach, den Riss im Klebeband gleich beim ersten Hinschauen zu erkennen, doch bei näherer Betrachtung war er unverkennbar. Er überprüfte die Versiegelung am Büro des Abteilungsleiters, sie war intakt.
»Was ist mit dem Zimmer des Jungen und all den anderen Türen?«
»Alles in Ordnung. Es ist nur dieser Raum und die Tür unten. Wer immer auch hier war, hat einen Schlüssel benutzt. Der Wachraum und die Tür unten waren abgeschlossen, als wir herkamen. Es muss jemand von den Angestellten sein.«
»Sie haben Handschuhe an. Schließen Sie bitte die Tür auf.«
Der Teamleiter tat, worum er gebeten wurde, und Moen ging hinüber zu dem Tisch, an dem er Per Erik Henriksen erstmals vernommen hatte. Zu seiner Erleichterung stand Anne Sørlis Handtasche an ihrem Platz, doch irgendetwas fehlte. Wie als Antwort auf die unausgesprochene Frage sagte der Teamleiter: »Einer meiner Leute meint, dass ein Notebook fehlt. Ein weißer Mac. Er glaubt aber nicht, dass noch was anderes verschwunden ist.«
»Das können wir leider nicht mit Sicherheit sagen«, antwortete Moen lakonisch, »wir können nur hoffen. Was passiert ist, ist womöglich schon schlimm genug. Es muss ja gar nichts mit dem Mord zu tun haben. Wir wissen ja nicht mal, wem er gehört. Das hier ist eine ernsthafte Sache, und ich mache mir Vorwürfe, dass wir nicht genug aufgepasst haben. Das ist nicht mein erster Fehler. Es sieht so aus, als ob Per Henrik Henriksen in weitaus größerem Maß in den Fall verwickelt ist, als wir gestern Abend dachten. Er muss festgenommen werden.« Moen verließ den Raum, als er das sagte. »Asbjørn!«, rief er in die Küche hinein. »Ist diese Kampestuen endlich da?«
»Nein, Kampestuen ist nicht da, aber Kammerstuen kommt jeden Augenblick. Der Junge ist immer noch draußen auf dem Hof.«
Asbjørn Gihle erhob sich. »Ich habe mit Anne Sørlis Vater gesprochen. Er fragt nach seinem Auto. Anne hatte es in der Mordnacht geliehen, und ohne Auto ist es schwierig, dort, wo sie wohnen. Es soll sich um einen flaschengrünen Hyundai Accent handeln.«
Alle blickten sich fragend an.
»Sie hat ihn wohl für gewöhnlich versteckt, sodass man ihr nicht die Luft aus den Reifen lassen konnte«, setzte Gihle fort.
»Das ist anscheinend mehrmals passiert.«
Moen ging zusammen mit Svein Solvold über den Wirtschaftshof von Store Lundby. Asbjørn Gihle war nach Gjøvik gefahren, um die Untersuchungshaft von Tore Hakksveen unter Dach und Fach zu bringen. Das Laub lag kreisförmig um den Hofbaum. Die Sonne schien, doch die Kälte der Nacht war noch zu spüren. Vor der Schule und dem Verwaltungsgebäude war es leer, doch hinter den Fenstern im Erdgeschoss und der ersten Etage brannte Licht.
Genau wie beim ersten Mal war das Büro verschlossen, doch nun war Moen klar, wo er hingehen musste. Er öffnete die Tür zum Konferenzraum, und dieses Mal war der Saal vollgepackt.
Kjell Mannsåker saß ganz hinten am Ende des Tisches und stand auf, als Moen und Solvold den Raum betraten.
»Wir sind mitten in einer wichtigen Besprechung. Könnten Sie vielleicht eine Stunde warten?«
»Was ist das für eine Versammlung?«, fragte Moen.
»Das ist das Personal von Lillebo.«
»Lillebo?«
»Die Abteilung, die Sie geschlossen haben. Sie verstehen sicher, dass wir hier Dinge zu regeln haben.« Mannsåker setzte sich wieder.
Moen betrachtete die Versammlung. Es waren zehn Leute. Ganz vorn saß Reidar Olsby, der kurz nickte und lächelte, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf Mannsåker richtete. »Dann möchte ich doch die Gelegenheit nutzen, die Versammelten daran zu erinnern, dass Ihre Kollegin Anne Sørli Freitagnacht im Keller ihrer Arbeitsstelle ermordet wurde, falls Sie es noch nicht getan haben.«
Mannsåker lächelte, oder vielmehr bleckte er die Zähne, ein perfektes Gebiss. An seine Kollegen gerichtet, schüttelte er den Kopf und breitete resigniert die Hände aus.
»Wir sind es, die einen Verlust erlitten haben, nicht Sie. Nichtsdestotrotz haben wir noch vier Jugendliche in der Abteilung. Die sind genauso schockiert wie wir und außerdem mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Sie müssen untergebracht werden und ihre Behandlung bekommen. Ich selbst bin seit gestern Abend kommissarischer Leiter der gesamten Einrichtung, und Lillebo hat eine neue Abteilungsleiterin. Da müssen wir doch wohl nicht um Entschuldigung bitten, wenn wir hier zusammensitzen?«
»Nein, das müssen Sie nicht. Aber der Grund, warum ich hier bin, ist nicht minder ernst. Jemand ist heute Nacht am Tatort eingebrochen und hat die Siegel der Polizei gebrochen. Das Vorgehen weist auf die Angestellten der Abteilung hin.« Moen ließ seine Worte nachklingen, während er die Versammlung betrachtete. »Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass es einen Zusammenhang zwischen der Tat in der vorigen Nacht und diesem Einbruch gibt, aber wir müssen alle Unklarheiten beseitigen. Falls also jemand aus dieser Versammlung sich aus Gründen, die nichts mit dem Mord zu tun haben, heute Nacht Zugang zum Tatort verschafft hat, so würde uns der Betreffende einen großen Gefallen tun, wenn er sich meldet. So wie die Lage jetzt ist, muss ich jeden Einzelnen von Ihnen vernehmen. Möchte jemand von Ihnen bezüglich des Geschehens eine Erklärung abgeben?«
»Sie wissen ja selbst, wo meine Schlüssel sind«, antwortete Mannsåker.
»Man kann sich die Schlüssel von anderen ausleihen«, erwiderte Moen. »Ich fasse die Situation so auf, dass die Versammlung es vorzieht, sich in Vertraulichkeit zu äußern, unter vier Augen mit der Polizei. Ich respektiere das.« Er deutete auf Svein Solvold und stellte ihn der Versammlung vor. »Wir lassen eine Liste herumgehen, auf der Sie Namen, Adresse und Telefonnummer notieren können. Kjell Mannsåker wird hier im Erdgeschoss einen geeigneten Raum für uns finden, und Solvold wird die Erklärung der Anwesenden in alphabetischer Reihenfolge aufnehmen. Auf diese Weise kann die Versammlung ihre gemeinnützige Arbeit fortsetzen. Haben Sie irgendwelche Einwände?«
Die Frage war an Mannsåker gerichtet. Solvold stand über Reidar Olsby gebeugt, der schon damit beschäftigt war, sich auf der Liste einzutragen.
»Spielt es überhaupt irgendeine Rolle, welcher Meinung ich bin?«
»Eigentlich nicht, wenn ich ehrlich bin. Von unserer Seite betrachtet, haben wir keine andere Wahl. Es tut mir leid, wenn ich etwas unwirsch bin. Ich verstehe gut, dass Sie in der Klemme sitzen und einen schwierigen Job haben, aber ich möchte auch gerne unterstreichen, dass nicht wir diese Situation geschaffen haben. Ich nehme an, dass Sie, so wie wir, eine schnellstmögliche Aufklärung der Angelegenheit wünschen.«
Alle Augen waren auf Moen gerichtet, als er dies sagte.
Viele murmelten in sich hinein und nickten. Ebenso Mannsåker. Moen griff zur Türklinke.
»Haben Sie vielen Dank.« Er lächelte Solvold zu, der mit ernstem Gesicht zurücknickte, dann schloss er die Tür hinter sich.
»Ich fürchte, dass Ihr Schüler mehr in diese Sache verwickelt ist, als wir angenommen haben. Ich kann nicht sagen, auf welche Weise, aber Sie wissen bestimmt schon, dass wir ihn festnehmen mussten, trotz seines Alters und seiner Situation. Es tut mir wirklich leid.«
Stein Hovelsrud zuckte mit den Schultern.
»Heute war er in erbärmlicher Verfassung, ganz gewalttätig. Da werden Sie Probleme bekommen. In letzter Zeit war er eigentlich viel ruhiger und besonnener, doch heute war er fast so wie bei der Aufnahme. Er wird in der Zelle rotieren wie eine Wespe im Herbst.«
»Wie hat er die Festnahme aufgenommen?«
»Ach wissen Sie, er fand es total klasse mit den Handschellen, als alle Schulkameraden am Fenster standen und zusahen, aber das wird wohl nicht lange andauern. Was wollten Sie eigentlich von mir?«
»Ich hab mit der Direktorin gesprochen. Sie befreit Sie vom Unterricht. Sie sollen Per Erik bei den kommenden Vernehmungen zur Seite stehen, wenn das für Sie in Ordnung ist. Sein Vater hat zugestimmt.«
Hovelsrud studierte seine Schuhspitzen.
»Ich finde, das ist eine ziemlich schwere Verantwortung. Gibt es denn da keine andere Lösung?«
»Dann müssen wir warten, bis die Mutter nach Hause kommt. Sie wohnt übrigens weit weg von hier.«
Hovelsrud ließ ein kleines Lächeln erkennen.
»Ja, schon gut. Dann machen wir es so. Was soll ich tun?«
»Wohnen Sie sehr weit weg von der Dienststelle des Lensmanns?«
»Ich wohne in Starum. Ungefähr eine Viertelstunde.«
»Bleiben Sie zu Hause und halten Sie sich zur Verfügung. Bekomme ich Ihre Handynummer? Schreiben Sie sie hier auf.« Moen gab ihm seinen Notizblock und einen Kugelschreiber. Hovelsrud schrieb die Nummer auf und Moens Blick folgte dem Lehrer, während dieser auf den Parkplatz zuging.
Im Schatten des Hofbaums wurde ihm kalt. Moen trat in die Sonne hinaus, fühlte die warmen Strahlen und wünschte sich, er hätte am Abend zuvor einen Mann auf dem Sofa im Wachraum postiert. Die Schultermuskeln schmerzten ihn, und er hob und senkte die Schultern ein paarmal. Auf dem Weg zurück zur Abteilung sah Moen zwei Männer in weißen Overalls nahe einem kleinen Waldstück zwischen dem Garten von Lillebo und der Auffahrt nach Store Lundby. Er entdeckte das Auto, als er auf sie zulief. Es war grün. Seine Kollegen deuteten über das Dach des Wagens hinweg. Moen ging herum und schaute nach. Die Scheibe der Hecktür war wie pulverisiert, als wenn man einen Nothammer benutzt hätte.
»Ich weiß, dass es eine dumme Frage ist, aber das ist wohl nicht der Wagen von Anne Sørlis Vater?«
»Das ist der Wagen von Anne Sørlis Vater. Ein Hyundai Accent mit dem Kennzeichen JC 23551.«
9
»Es sind zwei Leute vom psychiatrischen Gesundheitsdienst bei ihm. Er ist furchtbar unruhig. In Store Lundby haben sie den Distriktsarzt gerufen. Er ist auf dem Weg von Gjøvik hierher.«
Jenny Kammerstuen schüttelte resigniert den Kopf.
»Ist es überhaupt möglich, ein Gespräch mit ihm zu führen? Na, meinetwegen. Ich rufe Stein Hovelsrud an, dann können wir’s ja mal versuchen.«
In der Dienststelle des Lensmanns ging Moen zur Arrestzelle. Die beiden aus dem Gesundheitsteam hatten sich rechts und links von Per Erik Henriksen postiert und hielten ihn in einem soliden Griff fest. Einer der Pfleger blickte Moen mürrisch an.
»Er ist in schlechter Verfassung und hat heute Nacht nicht geschlafen, sagt er zumindest. Ihn hierzubehalten ist genauso schlimm wie Folter. Er sollte in die Klinik eingeliefert werden.«
»Tja, wenn Sie meinen. Wo denn? Haben Sie einen Akutplatz zur Verfügung, wo er rund um die Uhr beaufsichtigt werden kann?«
Der Blick des Pflegers wich Moen aus.
»Wir könnten ihm zumindest etwas geben, damit er schläft, aber das wird ihn für eine Weile außer Gefecht setzen.«
»Sollten wir nicht auf den Arzt warten?«
»Das können wir ihm auch ohne Genehmigung des Arztes verabreichen.«
Moen kannte das Mittel gut, das mit dem gängigen Namen »Psychofessel« bezeichnet wurde. Er blickte Per Erik Henriksen an. Er hing zwischen den Pflegern wie ein Boxer in den Seilen und starrte apathisch vor sich hin. Seine Unruhe manifestierte sich in den weit aufgesperrten Augen, die kaum blinzelten. Moen bezweifelte, dass er etwas anderes sah als seine eigenen Gedanken.
»Ich glaube, wir können auf den Arzt warten. Ich komme zurück, wenn er da ist.«
»Ich habe Medizin in meinem Zimmer. Sie könnten mich doch dorthin fahren.« Per Erik Henriksen starrte Knut Moen an. Erst jetzt registrierte er seine Anwesenheit im Raum.
»Was für eine Medizin?« Moen dachte an die Tabletten, die sie in seinem Schrank gefunden hatten und die Svein Solvold für Amphetamin hielt.
»Na, so Tabletten, die mich ruhiger machen.«
»Wie heißen die Tabletten?«
»Weiß nicht.«
»Von wem hast du sie bekommen?«
»Distriktsarzt.«
»Er kommt jeden Moment. Bist du sicher, dass er das bestätigen kann?«
Per Erik Henriksens Blick wurde unsicher und er nickte energisch.
»Ein bisschen seltsam, dass du dich nicht an den Namen des Medikaments erinnerst. Kannst du zumindest die Packung beschreiben?«
Per Erik Henriksen starrte auf den Fußboden.
»Sie liegen in einer Plastiktüte.«
»Wo denn?«
»Im Kleiderschrank in meinem Zimmer.«
Moen juckte es in den Fingern, weiterzumachen, doch Hovelsrud war nicht dabei. Genau in diesem Augenblick konnte er das Gespräch nur rechtfertigen, wenn er den Gesundheitszustand des Verdächtigen berücksichtigte. Dass Per Erik Henriksen die Aufmerksamkeit auf seinen Kleiderschrank lenkte, unterstrich nur den naiven oder verwirrten Eindruck, den der Junge von Anfang an gemacht hatte.
»Hallo, Per Erik!« Ein blonder junger Mann mit hohem Haaransatz und randloser Brille steckte den Kopf zur Zellentür herein. Moen ging hinaus und schob den Mann vor sich her.
»Sind Sie der Distriktsarzt?«
»Erik Ramberg«, erwiderte der Mann und streckte die Hand aus. »Ich bin schon über das Geschehen informiert worden.« Moen schüttelte Ramberg kräftig die Hand und ging in den nächsten Raum. Dort saßen Stein Hovelsrud, Odd Sørli und Jenny Kammerstuen. Alle wollten sofort mit ihm sprechen. Moen legte einen Finger auf den Mund und sagte zu Jenny Kammerstuen:
»Erklären Sie dem Arzt die Situation.«
Jenny gab dem Arzt eine anschauliche Beschreibung von Per Eriks Verhalten in der Zelle. Ramberg hörte die Darlegung geduldig an, ohne zwischendurch etwas zu fragen oder zu kommentieren. »Glauben Sie, es liegt daran, dass er eingesperrt ist?« Jenny Kammerstuen blickte den Arzt mit ihren großen grauen Augen an. Er lächelte und schüttelte den Kopf.
»Das glaube ich nicht. Er ist daran gewöhnt, eingesperrt zu sein. Das hört sich vielleicht seltsam an, aber so ist es. Es liegt wohl eher daran, dass er ein ziemlich verstörter junger Mann ist, manchmal an der Grenze zur Psychose.«
»Er sagt, er hätte eine beruhigende Medizin von Ihnen bekommen. Was für ein Präparat ist das?«
»Es ist noch nicht entschieden, welche Medikation er bekommen soll oder ob überhaupt. Das wird noch untersucht.«
»Dann haben Sie ihm also keine Medikamente verschrieben?«
»Wie gesagt: Er wird noch untersucht.«
»Ich frage deshalb, weil wir eine Tüte mit Tabletten bei dem Jungen gefunden haben. Ein Polizist aus Gjøvik glaubt, es könnte sich um Amphetamin handeln. Ich weiß nicht, was solche Mittel, die das zentrale Nervensystem anregen, bei so einem Jungen ausrichten, doch sein Lehrer sagt, er sei seit Langem nicht mehr so ruhig gewesen.«
Der Arzt schaute Moen aufmerksam an.
»Er wird auf ADHD hin untersucht. Ihm fehlt die Impulskontrolle.«
Die Polizeibeamten sahen den Arzt fragend an.
»Hyperaktivität, wie man es für gewöhnlich nennt. Er macht so einen Eindruck, doch es kann andere Ursachen haben. Wir warten auf das Ergebnis einiger Untersuchungen. Wenn er ADHD hat, dann wirken Amphetaminpräparate paradoxerweise beruhigend. Dann bekommt er ein Medikament namens Ritalin verschrieben und wird es unter genauer medizinischer Aufsicht einnehmen. Wenn es Amphetamin ist, was er sich da besorgt hat, und es beruhigend auf ihn wirkt, so ist das an sich eine Indikation für eine ADHD-Diagnose.«
Kammerstuen und Sørli sahen ihn geradezu ungläubig an, da ihre Erfahrung mit Amphetaminkonsumenten so völlig anders war. Der Arzt lächelte:
»Normalerweise werden Leute von der Droge, sagen wir mal stimuliert, doch bei einigen Menschen regt die Droge die Stopper beziehungsweise die Impulskontrolle an. Sie werden ruhiger und besonnener, können sich besser konzentrieren. Einige finden es für sich selbst heraus und besorgen sich Präparate auf dem Schwarzmarkt. Leider führt dies häufig zu Missbrauch und zu Kontakt mit ernst zu nehmenden Kriminellen. So wie ich es verstehe, kann das hier so passiert sein, wenn es denn Amphetamin war.«
Moen nickte. Der Arzt hatte hier unbestreitbar den Kern der Sache getroffen.
»Wenn der Junge zugibt, Amphetamin genommen zu haben und wenn er davon ruhiger wird, dann haben Sie doch wahrscheinlich die Berechtigung, dieses Arzneimittel Ritalin zu verschreiben?«
»Gerade weil die Droge im Prinzip nicht erlaubt ist und auf dem Schwarzmarkt gehandelt wird, ist das Verfahren streng geregelt. Ich muss auf die Ergebnisse der Untersuchung warten.«
»Wie lange wird das dauern?«
»Ein paar Wochen vielleicht.«
»Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass die Diagnose ADHD lautet?«
»Sehr hoch, aber der Junge hatte außerdem eine ziemlich schlimme Kindheit. Man kann auch von so etwas unruhig werden. Wenn er außerdem noch an ADHD leidet, hat er ziemlich viel Pech gehabt.«
»Ja, er hat ziemlich viel Pech gehabt. Deshalb möchte ich Sie fragen, ob Sie ein kontrolliertes Experiment mit Ihrem Medikament durchführen können. Sagen wir eine Woche, wenn er bestätigt, dass er Amphetamin genommen hat und es eine positive Wirkung hatte.«
»Das möchte ich lieber nicht, denn damit riskiere ich meine Zulassung.«
»Wie lange dauert es, bis die Wirkung der Droge einsetzt?«
»Das geschieht unmittelbar, vorausgesetzt die Diagnose stimmt.«
»Dann wäre ein Test also Teil der Diagnostizierung?«
»Ja, könnte man sagen«, erwiderte der Arzt zögernd.
Moen deutete auf Stein Hovelsrud.
»Das ist sein Lehrer, der momentan die Vormundschaft über den Jungen hat. Würden Sie in einen kontrollierten Versuch über, sagen wir mal, drei Tage bis eine Woche einwilligen?«
»Das könnte ich ohne Weiteres.«
»Ist eigentlich ein Risiko damit verbunden?« Moen breitete die Arme aus. »Wenn es Amphetamin war, das er genommen hat? Sie sind sein Arzt. Sie haben einen Rezeptblock.«
Ramberg sah zu Boden und überlegte.
»Lassen Sie mich erst mit ihm reden.«
Hovelsrud erhob sich mit einem Lächeln.
»Dann komme ich mal mit.«
Knut Moen und Odd Sørli teilten sich ein paar belegte Brötchen. Sørli trauerte noch immer um seine Cousine. Das helle, stattliche Jungengesicht spannte sich über den Wangenknochen, und er hatte dunkle Ringe unter den Augen.
»Wollen Sie mich nicht bei der Ermittlung dabeihaben, weil sie und ich verwandt waren?«
»Ich möchte Sie von den Verdächtigen fernhalten. Sie wissen ja selbst, wie es mit Hakksveen lief.«
»Gibt es etwas, das ich tun kann?«
»Das will ich meinen, es gibt mehr als genug Arbeit für uns alle.«
»Darf ich Sie nach dem Stand der Ermittlungen fragen?«
»Bitte sehr.«
»Ist es wahr, dass es letzte Nacht einen Einbruch am Tatort gegeben hat?«
»Ja. Jemand ist in den Wachraum eingedrungen, wo unter anderem Anne Sørlis Sachen standen, aber ihre Handtasche blieb anscheinend unberührt. Wir wissen nur, dass ein weißes Notebook fehlt.«
»Ich glaube, das könnte vielleicht Anne gehören. Sie hat so eins überall mit sich herumgeschleppt. Sie war doch ziemlich modern.« Er schlug sich mit der Hand auf den Schenkel. »Ich hab ihn doch gesehen, als wir gestern mit dem Jungen im Wachraum saßen. Da hätte ich es wohl sagen sollen, aber so weit habe ich gar nicht gedacht.«
»Machen Sie sich keine Gedanken. Das hätte keinen Unterschied gemacht. Es hat auch einen Einbruch in dem Auto gegeben, das sie fuhr. Die Frage ist nur, was jemanden daran hätte interessieren können.«
Odd Sørli starrte Moen mit offenem Mund an.
»Hat das etwas mit dem Mord zu tun?«
»Nicht unbedingt.«
»Wissen Sie, wann im Auto eingebrochen wurde? In der Mordnacht oder in der Nacht zu heute?«
»Das eben wissen wir nicht. Das Auto wurde heute gefunden. Sie kennen das Mädchen. Gab es etwas anderes, das sie immer bei sich hatte, etwas Wertvolles oder etwas, was jemanden vielleicht interessiert hätte?«
Sørli kratzte sich am Kopf. Moen hörte, wie es knirschte.
»Ich muss mal nachdenken. Haben Sie eine Kamera im Wachraum gesehen? Ich kann mich nicht daran erinnern.«
Moen überlegte, schaffte es aber nicht, sich das Bild klar genug vor Augen zu rufen. Er schüttelte den Kopf.
»Anne hat in ihrem Leben viele verschiedene Dinge gemacht, aber sie war immer begeistert von Fotografie, schon seit sie ein kleines Mädchen war. Ich meine, ihr Vater habe etwas von einer Ausrüstung für über hunderttausend Kronen gesagt. Alles ganz neu, wissen Sie. Digitale Kameras und das ganze Paket. Ich glaube, er wollte wissen, wo eigentlich das ganze Geld dafür herkam.«
»Gab es einen Grund, sich das zu fragen?«
»Nein, nein. Anne war überaus tüchtig und arbeitsam und hat alleine gelebt. Es ist wohl eher mein Onkel, der etwas knickrig mit dem Geld ist.«
»Sie sagten, Anne habe viele komische Dinge gemacht. Was meinten Sie damit?«
Odd Sørli überlegte eine Weile.
»Ich bin auf dem Hof zusammen mit ihr aufgewachsen, auch wenn ich etwas älter bin. Schon als sie noch ein kleines Mädchen war, gab es irgendetwas Besonderes an ihr. Sie hatte eine unglaubliche Motorik und Reaktionsfähigkeit. Mir schlug oft genug das Herz bis zum Hals, wenn ich sah, wie sie Purzelbäume schlug und herumtobte, aber sie ist immer sicher auf den Beinen gelandet. Es gibt nicht eine einzige Sportart hier in Toten, die sie nicht getrieben hat, und alle haben ihr eine glänzende Zukunft vorausgesagt. Handballmannschaft immerhin, aber sie wollte sich nie richtig entscheiden. Man muss ja ziemlich diszipliniert und angepasst sein, um heutzutage eine sportliche Karriere einzuschlagen. Es sind ja beinahe nur solche BI-Typen, die da weiterkommen. Anne war so frei und spontan. Gab es etwas Neues, das sie ausprobieren wollte, dann hat sie es einfach getan.«
Sørli machte eine Geste mit der Hand und erzählte, dass es nicht allen gefallen habe. Er selbst meinte, dass Anne ein ziemlich tolles Mädchen war, aber nicht alle hätten ihren direkten Stil geschätzt. Gab es etwas, das sie nicht mochte, hatte sie es klar und deutlich ausgesprochen. Sie hatte tagsüber als Sozialtherapeutin gearbeitet, war aber zu den Nachtschichten gewechselt, weil sie sich mit einigen Kollegen nicht verstand. »Sie hatte auf einem Familienfest davon erzählt. Den wenigsten gefällt es, als Furzklemme oder perverse Sau bezeichnet zu werden. So ist nun mal die Welt.« Sørli gelang es, ein wenig zu lachen, als er dies sagte, und wiederholte, dass Anne immer ganz ordentlich und niemals ordinär gewesen sei. Sie sei gut mit Kindern und Tieren und mit alten Leuten zurechtgekommen, aber manchmal vielleicht etwas ungeduldig mit Leuten gleichen Alters gewesen.
»Hatte sie zurzeit noch andere Interessen als Fotografie? Jemand sagte, sie hätte Kampfsport betrieben.«
»Sie ist im Kudo-Institut in Gjøvik aktiv.« Sørli dachte nach.
»Und dann sitzt sie noch im Vorstand vom Motorradklub Vestre Toten.«
»Das sind ja ganz maskuline Züge, die Sie da beschreiben. Wissen Sie, ob sie ein Liebesleben hatte? Ein Verhältnis?«
Sørli lächelte verlegen. Er wusste nicht so viel darüber. Sie hatte ein paar Freunde gehabt. Anne selbst hatte gesagt, dass ihr kein Mann das Wasser reichen könne. Wenn Moen herausfinden wolle, ob sie noch andere Interessen hatte, könne er ja vorsichtig bei Jenny nachfragen und dabei möglichst nicht erwähnen, dass er das gesagt hatte.
»Ich hätte es gerne, dass Sie zu ihren Eltern fahren und ihre Wohnung untersuchen und sie dann absperren. Schaffen Sie das? Halten Sie nach einer Kamera und einem Notebook Ausschau.«
»Ich wollte sowieso heute Abend dahin, mit Mutter und Vater. Jetzt muss ich wohl den Hof übernehmen«, sagte er und stand auf.
Es war sechs Uhr am Abend. Eine Leuchtstoffröhre flackerte über Moens Kopf, und die Fensterscheiben starrten ihn dunkel an. Asbjørn Gihle trat mit einer Tasse Kaffee in jeder Hand hinzu und ließ sich auf der anderen Seite des Tisches schwer auf einen Stuhl fallen. Er war beim Untersuchungsgericht in Gjøvik gewesen, wo Tore Hakksveen vier Wochen Untersuchungshaft mit Brief- und Besuchsverbot bekommen hatte.
Und das nicht, weil Tore Hakksveen irgendetwas zugegeben hatte. Nicht einmal den Einbruch. Wie Arvid »Mini« Jakobsen ums Leben gekommen war – dazu hatte er keine Meinung. Als der Staatsanwalt seine zahlreichen Beweisstücke vorgelegt hatte – Schrauben, Schraubenzieher, Fußabdruck, Diebesgut vom Tatort, ein blutbeschmiertes Messer, Drogen, schwarzgebrannten Schnaps und eine Leiche im Wohnzimmer –, hatte der vorsitzende Richter nicht viel Zeit gebraucht. Asbjørn Gihle grinste, als er den Richter zitierte:
»Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache!«
Moen sollte sich an diese Worte noch erinnern, doch jetzt war er hauptsächlich erleichtert darüber, dass sich der Polizeidirektor in Vestoppland und Asbjørn Gihle für diesen Tag der Presse angenommen hatten. Sie hatten die Show aus Anlass von Hakksveens Verhandlung nach Gjøvik verlegt. Aus irgendeinem seltsamen Grund hatte die Presse von Per Erik Henriksen noch keinen Wind bekommen.
»Das ist eine richtig kleine Idylle da drinnen. Bald werden wir wohl ein paar vernünftige Antworten aus dem Jungen herauskriegen.« Gihle deutete mit dem Daumen auf die Tür hinter Moen.
Moen stand auf und schaute in den angrenzenden Raum hinein. Am Tisch saßen Jenny Kammerstuen, der Lehrer Hovelsrud und Per Erik Henriksen. Auf dem Tisch vor ihnen standen die Reste einer üppigen Burger-Mahlzeit sowie ein Laptop, der einen Film zeigte. Alle drei blickten wie hypnotisiert auf den Schirm. Moen ging herüber und sah nach. Ein Segelschiff feuerte eine Breitseite ab, und die Fetzen flogen über das ganze Bild. Jenny Kammerstuen erhob sich.
»Kann ich jetzt kurz mit Ihnen reden?«
»Asbjørn! Kannst du dich zwei Minuten hier reinsetzen?«, sagte Moen durch die Türöffnung. Asbjørn Gihle und Jenny Kammerstuen wechselten den Raum, und Moen schloss die Tür.
»Muss ich hier das Kindermädchen spielen, weil ich eine Frau bin?«
Moen war etwas sprachlos. Er musste überlegen.
»Eher umgekehrt. Normalerweise würde Sørli da drinnen sitzen, aber der ist ja nicht zu gebrauchen, weil er mit der Verstorbenen verwandt ist. Sie erinnern sich doch noch, wie er auf Hakksveen losgegangen ist.«
Jenny Kammerstuens Gesichtszüge entspannten sich etwas.
»Okay, das kauf ich Ihnen ab.«
»Zum Ausgleich können Sie dabei sein, wenn wir den Jungen vernehmen. Sind Sie damit zufrieden?«
»Ja. Ich wollte auch nicht so ungehalten sein, aber ich bin jetzt hier für diesen Fall eingeteilt und möchte gerne an der Ermittlung mitwirken, nicht nur die Gefängnisaufseherin spielen.« Moen lächelte versöhnlich und sagte ohne zu zögern, dass er es verstehe. Dann fügte er hinzu: »Wo wir schon mal miteinander sprechen. Kannten Sie Anne Sørli?«
»Nein. Warum fragen Sie danach?«
»Sie sind ja hier aus der Gegend, da dachte ich, dass Sie sich vielleicht in irgendeinem Zusammenhang mal begegnet sind.«
»Nein, sind wir nicht. Außerdem bin ich aus Elverum. Möchten Sie noch etwas wissen oder kann ich wieder reingehen?«
Alle waren bereit, den Abend zu nutzen. Die Spurensicherung hatte alle Funde des Tages zusammengetragen und geordnet, als Odd Sørli anrief und durchgab, dass Anne Sørlis weißer Mac und die Kameratasche bei ihr zu Hause nicht zu finden seien.
Der Leiter des Spurensicherungsteams, Svein Solvold und Moen setzten sich mit den Bildern vom Tatort zusammen. Der Mann von der Spurensicherung blätterte zurück zu drei Bildern, die im Wachraum von Lillebo aufgenommen waren, am Abend vor dem Einbruch. Eine Kameratasche war nicht zu sehen, und Moen und Sørli, die beide an diesem Tag im Raum gewesen waren, konnten sich auch nicht erinnern, etwas Ähnliches bemerkt zu haben. Moen, der über ein außergewöhnliches fotografisches Gedächtnis verfügte, war nahezu bombensicher, dass sie nicht da gewesen war. Somit bestand eine große Wahrscheinlichkeit, dass sie in dem Auto gewesen war, das Anne Sørli am Abend ihrer Ermordung benutzt hatte, um zur Arbeit zu fahren, und in das ebenfalls eingebrochen worden war. Der Leiter der Spurensicherung war ein wenig skeptisch, dass sich die Kamera im Auto befunden haben sollte, da die junge Frau über eine teure Profiausstattung verfügte. Nur Amateure ließen teure Geräte im Auto liegen.
»Eine Sache muss ich Ihnen noch zeigen.«
Der Mann von der Spurensicherung klickte seine Bilder mit der Maus an. Er vergrößerte die Aufnahme einer geöffneten Schreibtischschublade. Sie war voller Messer. Moen erinnerte sich an Olsbys »Möchten Sie meine Messersammlung sehen«. Olsbys Sammlung war in der Tat beeindruckend. Das Schlimmste war ein Klappmesser mit einem schlagringartig geformten Schaft. Moen schüttelte sich. Es gab Rambo-Messer, Leatherman’s Tools, Schnitzmesser jeder Art, Gemüsemesser, ein Brotmesser und inmitten all dessen thronte die leere Scheide eines großen samischen Messers.
»Das liegt hier im Wachraum?« Moen legte die Hände über den Mund.
»Die Initialen des Besitzers sind auf der Rückseite eingebrannt.«
Der Mann von der Spurensicherung machte eine dramatische Pause, bevor er zum nächsten Bild klickte, auf dem die Rückseite der Scheide zu sehen war. Ganz richtig, dort standen drei große Buchstaben. Noch ein Klick, eine Nahaufnahme. Dort stand PEH.
10
Es war halb sieben am Montagmorgen. Draußen vor dem Fenster im Speisesaal war es stockdunkel. Knut Moen und Svein Solvold beugten sich über ihre Kaffeetassen. Der neue Tag lag schwer über Moen. Heute sollte er mit dem Verdächtigen Nummer zwei vor das Untersuchungsgericht. Der Richter würde bestimmt unruhig werden – insbesondere da der Junge erst fünfzehn Jahre alt und psychisch krank war. Der Ansturm der Presse würde sich verstärken. Für Hakksveen interessierten sich die Journalisten nicht besonders. So wie sich die Sache am Tag zuvor angehört hatte, waren es die Eltern sowie Familie und Freunde von Anne Sørli, die sie sich vornehmen würden.
Dann gab es noch diese Einbrüche im Wachraum und im Auto der Verstorbenen. Weder Tore Hakksveen noch Per Erik Henriksen konnten sie begangen haben, da sie in Untersuchungshaft saßen oder unter Aufsicht standen. Es waren Gegenstände der Ermordeten gestohlen worden, und damit war eine verdächtige dritte Person ins Spiel gekommen. Das war nicht nur verwirrend, sondern geradezu beunruhigend. Er hoffte, dass Svein Solvold eine Erklärung für das Phänomen hatte, doch die Hoffnung schwand schnell.
»Erstens: Niemand hat den Einbruch gestanden. Zweitens: Alle haben ihre Schlüssel abgegeben. Zwei Schlüssel hatten wir schon länger. Der eine gehörte Reidar Olsby, der andere Kjell Mannsåker, dem Abteilungsleiter. Alle anderen, oder fast alle, legten ihre Schlüssel gleichzeitig auf den Tisch. Es fehlte der Schlüssel eines Sozialtherapeuten, der in einer Dienstwohnung in der Gegend wohnt. Er ging nach Hause und holte den Schlüssel. Ich bin ihm natürlich gefolgt. Er hatte nichts dagegen, mich in sein möbliertes Zimmer hereinzulassen. Es dauerte fünf Minuten.« Svein Solvold blickte Moen fragend an. Moen sagte:
»Und drittens?«
»Drittens gab es niemanden, der seine Schlüssel ausgeliehen hatte oder darum gebeten wurde. So steht es auf alle Fälle im Protokoll.«
»Was heißt auf alle Fälle? Ist da irgendwas faul?«
»Nein, eigentlich nicht. Es war nur so eine seltsame Versammlung oder einfach etwas anders, als ich sie an einem solchen Ort erwartet hätte.«
»Fahren Sie fort!«
Solvold begann gewissermaßen, ein kleines Porträt des Personals abzugeben. In der Mordnacht waren vier der Angestellten mit der Abteilung auf Reisen, abzüglich Per Erik Henriksen. Sie hatten sich in Torsby in Schweden aufgehalten und die Nacht in zwei Campinghütten außerhalb der Stadt verbracht. Das Personal hatte sich aus einer Sozialpädagogin in den Dreißigern, die nun kommissarische Leiterin der Abteilung war, einem Musiker, der sich als Sozialtherapeut durchschlug, und einer männlich wirkenden Sozialarbeiterin in den Fünfzigern zusammengesetzt. Und dann noch die Hausmutter, ein freundliches Dickerchen Ende vierzig. So beschrieb Solvold sie.
Die fünf, die nicht mitfuhren, waren Reidar Olsby, Abteilungsleiter Kjell Mannsåker, Anne Sørli und Nachtwache Nr. 2, die gemäß Solvold »ein Hundenarr aus Lensbygda« war. Der Fünfte und Letzte war ein Mann und der Einzige der regulären Sozialtherapeuten, der nicht mit auf der Reise war, »ein abgestumpfter Typ mit langen Haaren« Anfang vierzig.
Er war derjenige, der seinen Schlüssel holen musste. Der Einzige, der keinerlei Alibi für die Nacht hatte, in der Anne Sørli getötet wurde, war Nachtwache Nr. 2, der allein mit seinen Hunden oben in Lensbygda wohnte. Auf Solvold hatte es gewirkt, als ob er völlig abseits allen Geschehens im Internat stand. Insgesamt neun Personen und neun Schlüssel.
»Reidar Olsby und Kjell Mannsåker haben ein Alibi und werden nicht verdächtigt«, fasste Solvold zusammen, »ebenso der Sozialtherapeut. Er war auf Sauftour in Gjøvik und hat bei einem Freund auf dem Sofa geschlafen. So viel zur Mordnacht. Irgendwelche Fragen?«
»Wo war Mannsåker?«
Solvold lächelte.
»Sie mögen ihn wohl auch nicht?«
Moen erwiderte nichts und Solvold fuhr fort:
»Er wohnte in einem Hotel in Oslo. Er sagt, er habe früh am Morgen einen Termin gehabt und tags zuvor Dinge in der Stadt erledigt.«
»Ich denke, das sollten Sie überprüfen.«
Solvold lächelte wieder.
»Das habe ich natürlich schon getan. Er wohnte im Hotel Opera am Hauptbahnhof. Daran gibt es keinen Zweifel. Soll ich gleich zum Einbruch kommen?«
Moen nickte.
»Welches Alibi hatte Olsby? Er war doch ziemlich nah am Geschehen.«
»Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Kam an beiden Tagen wie verabredet nach Hause, gemäß seiner Frau. Sie hat weder gezögert, noch war sie unsicher, hat ganz direkt geantwortet. Die Personen, für die sich in der Nacht zu Samstag niemand verbürgen kann, sind Kjell Mannsåker, der abgestumpfte Langhaarige und die Traktorlesbe. Kein Wunder, schließlich leben alle drei alleine. Sie wohnen auch alle in Dienstwohnungen hier in der Gegend.«
Mannsåker war bei einem Abendessen anlässlich seines Aufstiegs zum Leiter der Einrichtung bei Arve Nerseth und Marita Mæhlum in Lena gewesen. Er war um ein Uhr zu Hause, fuhr mit dem Auto. Gewissenhaft hatte er hinzugefügt, Abstinenzler zu sein.
»Was ist mit Harald Gihle? Hat er nicht die Schlüssel für die gesamte Einrichtung?«
»Er war zu Hause bei seiner Frau, die wohl damit beschäftigt ist, sich bewusstlos zu trinken, wenn ich das richtig verstanden habe. Ich habe ihn zu dem Schlüsselbund befragt, das wir im Schrank des Jungen fanden. Es war sein Schlüsselbund, es ist genau vierzehn Tage vor dem Mord verschwunden. Er konnte sich gut daran erinnern. Er hatte es versehentlich auf dem Tisch an der Tür im Vorzimmer zum Leitungsbüro liegen lassen. Die Vorzimmerdame war nicht an ihrem Platz und er ist kurz auf die Toilette gegangen. Als er zurückkam, war der Schlüssel verschwunden. Leider war er nicht so geistesgegenwärtig, seine Frau drinnen im Büro zu fragen, wer gekommen und gegangen war.«
»Wie konnte er so sicher sein, dass es sein Schlüsselbund war?«
»Es waren insgesamt nur zwei komplette Schlüsselsätze in Gebrauch. Sissel Gihle hatte den anderen. Als Gihles Bund verschwand, übernahm er die Schlüssel seiner Frau und sie bekam einen einfachen Satz für die Verwaltungsräume. Genau genommen brauchte sie auch nicht mehr. Heute Morgen hat Kjell Mannsåker diesen Satz bekommen.«
»Wer verwaltet hier überhaupt die Schlüssel?«
»Das macht Harald Gihle. Er hat sein Büro und seine Werkstatt im Wirtschaftsgebäude. Ich habe seine Sammlung überprüft. Es gibt fünf Kästen: Abteilung 1, Abteilung 2, Verwaltung, Schule und Außengebäude. Er führt auch Protokoll über die verteilten und zurückerhaltenen Schlüssel. Ich habe es mitgenommen.«
»Die Praktikantin?«
»Sie hat ihre Schlüssel am letzten Freitag abgegeben und fuhr nach Oslo, wo sie wohnt. Ich habe ihre Adresse.«
Die anderen Ermittler trudelten zum Frühstück ein, und Moen blickte sich um.
»Was denken Sie, inwieweit ist das Personal mit Computertechnologie vertraut?«
»Die Einrichtung arbeitet mit Windows der letzten Generation. Und das ist nicht gerade sehr avanciert. Die meisten kennen sich mit dem Internet aus und haben es zu Hause, doch häufig ist das so ein Familiending, wobei die Kinder mehr interessiert sind als die Eltern. Nur die Hausmutter hat noch keinen Anschluss, doch die meisten benutzen das Internet wie die Gelben Seiten, das heißt, sie suchen nach Verbraucherinformationen oder vielleicht ab und zu nach Nachrichten. Nur der Typ, dem ich nach Hause gefolgt bin, erwies sich als eine Art Computerexperte. Bestimmt ist er es, der die Computerausrüstung der Abteilung in Ordnung hält. Er kam von der Tour zurück und wollte das Datensystem durchgehen, aber wegen der Sauferei ist er noch nicht so weit gekommen. Ich bin ihm nach Hause gefolgt und hab ein bisschen spioniert. Sein Computer war überhaupt nicht moderner als die in der Abteilung. Und ganz typisch haben weder Mannsåker noch die andere Frau, die in einer Dienstwohnung wohnt, einen Computer zu Hause. Sie benutzen bestimmt die Computer in der Abteilung und sparen so Geld.«
Solvold beendete seinen Vortrag und schob die Papiere zur Seite.
»Was denken Sie?«
»Ausgezeichnete Arbeit. Vielen Dank.«
»Sollen wir das weiterverfolgen? Gibt es eine Verbindung zum Mord?«
»Was denken Sie denn?«
»Erstens steht zweifellos fest, dass irgendjemand die Absperrung der Polizei durchbrochen hat, zweitens hat der oder die Betreffende Schlüssel für die Abteilung, und drittens ging es um ganz bestimmte Objekte, die dem Mordopfer gehörten. Abgesehen davon ist das Ganze an sich ein Verbrechen und sollte aufgenommen und als solches untersucht werden.«
»Das ist richtig, und ich finde, dass Sie ein Verfahren einleiten sollten. Ich möchte auch, dass Sie die Ermittlungen übernehmen. Ich ziehe es vor, die beiden Ermittlungen als getrennte Fälle zu behandeln. Ab vierzehn Uhr heute Nachmittag haben wir zwei verdächtige Personen in Untersuchungshaft und eine überwältigende Anzahl an technischen Spuren, die keine Verbindung zu dem Einbruch in der anderen Nacht haben. Und dabei muss ich Sie einsetzen können, wie ich möchte. Sind Sie einverstanden oder beurteilen Sie die Situation anders?«
»Kann ich an dieser Sache in der Zeit arbeiten, die mir dann noch zur Verfügung bleibt?«
»Selbstverständlich.«
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