Kitabı oku: «Knurr und das Amulett des Dämonenfürsten: Die Abenteuer der Koboldbande Band 6)»

Yazı tipi:

Jork Steffen Negelen


Sechster Teil:

Knurr und das Amulett des Dämonenfürsten

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Zweite überarbeitete Auflage

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016

Die Chronik des Schöpfers

Schwarze Schatten jagten durch die Träume des kleinen Königs. Immer wieder kamen sie auf ihn zu und er versuchte, sie abzuwehren. Doch es wollte ihm nicht gelingen. Sie flüsterten ihm ihre unheimlichen Worte zu und sie ließen ihn im Schlaf aufschreien. Barbaron schüttelte sich, und versuchte aufzustehen. Aber die Schatten hielten ihn fest und zwangen ihn, ihren Worten zuzuhören.

Doch mit einem Mal war der Traum vorbei und der Minitroll erwachte. Nach Luft ringend sah er sich um. Er lag auf einem Bett, das für ihn viel zu groß war und die weichen Wolfsfelle, die ihm wärmen sollten, lagen verstreut auf dem Fußboden.

Knurr, der einzige Kobold, der dem schwarzen Prinzen entkommen war, beugte sich über den kleinen König und tupfte ihm die nasse Stirn behutsam mit einem Tuch ab.

»Ich habe wieder diese Träume gehabt«, flüsterte Barbaron. »Es ist so, als ob sie mir etwas sagen wollten. Doch ich wollte es nicht hören und ich konnte ihnen nicht entkommen. Diese Schatten sehen so fürchterlich aus und ihre Stimmen dringen in meinen Kopf ein. Ich kann es nicht verhindern.«

»Das war nur ein Traum«, versuchte Knurr den kleinen Freund zu beruhigen. »Träume kommen und gehen. Ob sie uns die Wahrheit zeigen, oder nur Trugbilder – das musst du selbst entscheiden.«

Der Kobold legte sein Tuch zur Seite und nahm vorsichtig den Verband von Barbarons Bauch. Die Wunde, die der schwarze Prinz Dämonicon dem König aller Minitrolle auf der Insel des Nebelgrundes zugefügt hatte, sah schon viel besser aus. Knurr lächelte und zeigte auf einen Haufen Bücher, die er aus dem Baumhaus geholt hatte.

Barbarons Interesse war sofort erwacht. Die Bücher, die der Kobold auf einem kleinen Tisch gestapelt hatte, konnten so manches Geheimnis verraten. Besonders eines von ihnen wollte der Minitroll unbedingt ergründen. Es handelte sich bei diesem Buch um eine Chronik, die niemand lesen durfte. Artur, der älteste der Koboldbande, hatte es vor vielen Jahren verboten. Als Knurr dem verwundeten Barbaron vor zwei Tagen berichtete, dass in dieser Chronik etwas über die Ankunft Dämonicons in der Welt der weißen Magie geschrieben stand, war die Neugier des kleinen Königs sofort geweckt. Jetzt wollte der Minitroll am liebsten gleich mit dem Lesen beginnen.

Doch der Zauberer Orbin kam mit Artem, dem Prinzen der Nachtaugenriesen und einem kräftigen Frühstück dazwischen. »Ich bringe Eier mit Speck, frisches Brot dazu, und einen Krug vom besten Wein«, rief der Zauberer. Er hielt dem Minitroll ein großes Tablett mit den duftenden Köstlichkeiten unter die Nase. »Lass es dir schmecken, mein Freund«, sprach er und seine Stimme hallte durch die Drachenhöhle.

Die Schmerzen der letzten drei Tage schienen mit einem Mal vergessen zu sein. Barbaron rieb sich die Hände und Orbin ließ das Tablett langsam auf das Bett sinken. Als Knurr den Minitroll essen sah, war er sichtlich erleichtert. »Heute ist wohl dein Appetit zu dir zurückgekehrt«, sagte er. »Vor drei Tagen, als wir hier in der Drachenhöhle ankamen, dachte ich schon, du würdest den nächsten Tag nicht mehr erleben. Doch nun sieht deine Wunde nicht mehr so böse aus und du hast wieder Hunger.«

Schmatzend und kauend sah Barbaron zu dem Kobold. Dann zeigte er mit einem Messer zu den Büchern. »Ich habe nicht nur Hunger«, erklärte er. »Ich habe auch noch verdammt viel vor. Wenn wir in diesen alten Schwarten einen Hinweis finden, der uns nützt, werden wir uns auf den Weg machen. Wir müssen unsere Freunde befreien und diesem aufgeblasenen schwarzen Zauberer Dämonicon eine Lektion erteilen, die er nie wieder vergisst. Der glaubt doch nicht im Ernst, dass er schon gewonnen hat.«

Orbin und Artem schüttelten die Köpfe und ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Jetzt mischte sich Tangossa, die Königin der Drachen, in das Gespräch ein. Sie bewachte Tag und Nacht die Drachenwiege. Dies war der große Stein, dessen obere Seite wie eine Mulde geformt war. In ihr kam Tabor der Drachenjunge vor einigen Jahren auf die Welt. Obwohl die Höhle recht groß war, musste Tangossa aufpassen, dass sie mit ihrem Kopf nirgends anstieß. Ihre drei Sprösslinge schauten über den Rand der Wiege und die Königin kam langsam dem Minitroll und seinem Bett näher. »Reiche mir deinen Becher«, sprach sie mit sanfter Stimme und Barbarons Bett erbebte. Mit einem Ruck hielt der Minitroll der Drachenkönigin seinen Becher hin und er sah gespannt zu, wie sie ihren massigen Kopf etwas zur Seite neigte. Eine einzige Träne tropfte aus ihrem linken Auge. Sie fiel in Barbarons Becher und vermischte sich mit dem Wein.

»Trink, mein kleiner Freund«, hauchte die Königin Barbaron zu und das Bett erbebte erneut. Der Minitroll sah in den Becher und prostete Tangossa zu. »Zum Wohl Frau Königin!«, rief er. Dann trank er den vollen Becher aus. Ein Rülpser war das Nächste, was Barbaron von sich gab. Doch er spürte sofort, dass in ihm eine Kraft war, die ihm schnell auf die Beine helfen würde.

Artem beugte sich über das Krankenlager des kleinen Königs. »Eine Drachenträne haben nur wenige Kreaturen in dieser Welt erhalten«, brummte der Prinz.

»Das ist mir bekannt«, erwiderte Barbaron und er stellte sich auf sein Bett. Er reckte sich und schwebte plötzlich vor der Drachenkönigin. Dann küsste er ihre Stirn und bedankte sich. »Meine liebe Tangossa, diese Träne ist eine tolle Medizin. Mir geht es gleich viel besser.«

Die Königin drückte den kleinen Minitroll vorsichtig mit ihrer Nase zurück auf das Bett. »Du solltest noch ein wenig ruhen«, belehrte sie ihn. »Bald wirst du alle deine Kräfte brauchen. Die Befreiung deines Volkes und unserer Freunde wird von dir alles fordern. Nur wenn du stark genug für diese Aufgabe bist, wird dir der Schöpfer zur Seite stehen.«

Barbaron nickte und sah zu Orbin und Knurr. Der Zauberer zog aus dem Haufen Bücher das größte und dickste Stück heraus. Er legte es dem kleinen König auf sein Bett. Dabei lächelte er Barbaron zu und tippte mit seinem Zauberstab auf den rissigen Ledereinband des Buches. »Knurr hat es vom Staub befreit und Artem hat zugesehen. Sieben Mal musste der Prinz niesen, als ihm der uralte Dreck in die Nase fuhr.« Orbin schlug das Buch auf und strich die erste Seite glatt. »Ich hoffe, diese sieben Nieser sind ein gutes Zeichen«, brummte er weiter. »Wir können jedes gute Zeichen gebrauchen.«

Barbaron achtete nicht weiter auf die Worte des Zauberers. Erstaunt sah er auf die erste Seite des Buches. Ein Drache war darauf zu erkennen, und ein Dämon, der unter den Füßen des Drachens lag. Über den Drachen waren Wolken zu erkennen. Sie wurden von einem Blitz geteilt. Der Minitroll strich zärtlich über das Bild des Drachens. In seinen Augen war deutlich seine Bewunderung zu sehen. Nun hatte er sie endlich vor sich – die Chronik des Schöpfers.

Eine Stunde später war Barbaron so in das Lesen vertieft, dass er die Ankunft von Jabo nicht bemerkte. Erst ein lautes Räuspern des Nekromanten ließ den kleinen König vom Buch aufblicken. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. »Du kommst mir gerade recht«, rief er erfreut aus und er zeigte auf die Chronik. »Hier steht einiges drin, dass ich nicht verstehe. Mein lieber Jabo, du wirst mir helfen müssen. Da kommst du nicht drum herum.«

Der Nekromant lächelte und trat an Barbarons Bett. »Auch ich wünsche dir einen gesegneten Tag, mein lieber Freund«, sprach Jabo und er hielt dem Minitroll seine rechte Hand unter die Nase. Barbaron ergriff sie mit beiden Händen und versuchte, sie zu schütteln. Dann zeigte er wieder zu dem Buch. »In dieser Chronik ist die Erschaffung unserer Welt niedergeschrieben worden. Mich würde mal interessieren, wer das gemacht hat und woher der Schreiber der Chronik das alles wusste.«

Jabo nickte und setzte sich auf einen Stuhl, der neben dem Bett stand. »Ich erkläre es dir gleich. Doch vorher möchte ich gern wissen, wo Orbin, Knurr und der Prinz Artem abgeblieben sind. Tabor und sein Vater sind auch nicht da. Selbst die Königskinder und die Elfen, die auf sie aufpassen sollten, lassen sich nicht finden. Bei meinem Flug hierher habe ich sie alle nicht gesehen.«

Barbaron winkte ab und schaute schon wieder in die Chronik. »Die Königskinder sind mit den Elfen bei Theodora in Bochea. Der Rest ist im Wald«, antwortete er. »Sie wollten irgendetwas sammeln oder suchen. Ich habe es nicht genau verstanden. Die alten Schriften haben mich wohl abgelenkt. Nur Tangossa ist da. Sie schläft neben der Drachenwiege.«

»Na gut«, brummte Jabo verdrießlich. »Dann warte ich hier und ich erkläre dir, was ich über die Chronik weiß.«

Jabo ergriff die Kanne mit dem Wein und nahm sich einen Becher. Nachdem er getrunken hatte, sah er zu Barbaron. »Dann hör mal gut zu, mein kleiner Freund«, begann er zu erzählen. »Alles, was ich über die Schöpfung und die Dämonen weiß, das habe ich von meinem alten Freund und Lehrer Meerland gelernt. Er hat die Chronik geschrieben, die vor deiner Nase liegt. Urgos, der König der Drachen, hat ihm vor langer Zeit alles über die Entstehung unserer Welt berichtet. Die Drachen vererben ihr gesamtes Wissen an ihre Nachkommen. Sie sind die einzigen Geschöpfe, die so etwas können. Und da sie nie etwas vergessen, auch wenn sie das manchmal behaupten, konnte Meerland alles über die Schöpfung und die Dämonen erfahren.«

Für einen kleinen Augenblick stand Barbaron der Mund offen. Staunend sah er Jabo an und er kratzte sich mit seiner linken Hand auf seinem kahlen Schädel. Doch er fasste sich schnell und stellte dem Nekromanten eine für ihn wichtige Frage. »Hast du sie schon einmal gelesen, diese Chronik?«

Jabo nickte und schenkte sich erneut einen Becher Wein ein. »Zwei Mal musste ich sie sogar abschreiben, die Chronik des Schöpfers. Als ich noch Meerlands Schüler war, bekam ich diese Arbeit als Strafe für meinen Ungehorsam und für die Streiche, die ich den Leuten in Bochea gespielt habe. Ich war ein wilder Bursche und Meerland war ein strenger Meister. Ach ja, das waren noch Zeiten. Damals waren die Sitten noch streng und die alten Bräuche noch heilig. Heutzutage wird doch alles dem Bach des ewigen Vergessens runter gespült. Die Angst regiert und jedes Wesen schaut sich furchtsam um.«

Barbaron sah zu, wie Jabo seinen Becher leer trank und zeigte dann wieder zu der Chronik. »Hier steht geschrieben, dass die Dämonen ebenfalls von unserem Schöpfer erschaffen worden sind. Warum hat er das gemacht?«

Jabo stellte den leeren Becher neben die Weinkanne auf den Tisch und holte tief Luft, ehe er antwortete. »Pass gut auf, mein kleiner Freund. Ich erkläre dir, was damals geschehen ist. Nach dem die Welt entstanden war, waren nicht nur Wasser, Wind und die Sonne da. Es gab auch die Pflanzen und die Tiere. Doch dem Schöpfer war das noch nicht genug. Er wollte auch Wesen haben, die sprechen, lachen und singen konnten. So kamen die Dämonen in unsere Welt. Sie waren Wesen des Lichts und glaubten an die Gesetze, die sie vom Schöpfer bekommen hatten. Doch die sieben Söhne des Schöpfers, die ihm immer geholfen hatten, wurden im Laufe der Zeit eifersüchtig und sie schmiedeten finstere Pläne. Sie wollten als Könige über die Welt herrschen und forderten ihren Vater heraus. So schuf sich der Schöpfer andere Wesen, die ihm im Kampf zur Seite standen. Die Drachen wurden als Hüter der Gesetze in die Welt geschickt. Zu ihnen kamen die Erzelfen, die Riesen und viele andere Völker. Die sieben Söhne des Schöpfers verbündeten sich mit den Dämonen. Der Vater von Dämonicon war damals schon der mächtigste der neun Fürsten. Imperos war gierig nach Macht und Reichtum. Die Söhne des Schöpfers hatten ihn verführt und in seinem Herzen ging eine finstere Saat auf. Er wollte sich die gesamte Magie zunutze machen. Doch die Söhne gaben ihm nur die schwarze Seite der Magie, denn auch sie wussten, dass der ehrgeizige Fürst ihnen sonst zu mächtig wurde. In drei großen Schlachten traten die gewaltigen Heere gegeneinander an. Der Schöpfer bezwang seine eigenen Söhne und fesselte sie mit unzerstörbaren Ketten an einen Felsen, der in der Mitte eines tobenden Meeres stand. Die Dämonen wurden von den Drachen und den Erzelfen in ein großes Tal getrieben. So waren sie von den sieben Söhnen getrennt. Damit das so blieb, baute der Schöpfer für die finstere Dämonenbrut ein riesiges unterirdisches Gefängnis. Um das Tal herum wuchsen unüberwindbare Felsen. Das Tal selbst versank in der schwarzen Unendlichkeit der Tiefe und ein Dach aus Felsen und Steinen wuchs über dem Tal. Die Sonne konnte die Dämonen nicht mehr erreichen und in ihrem neuen Reich herrscht seit jener Zeit die Dunkelheit. Der Schöpfer machte die Sonne selbst zum Hüter über die weiße Magie. Sie bekam die Macht, jeden schwarzen Dämon und jeden schwarzen Geist zu vernichten. Auch alle Arten von untoten Wesen sollten nicht verschont werden. Deshalb haben Magier und Hexen, die sich der schwarzen Magie bedienen, Angst vor dem Verlust ihrer Seele. Das macht sie zu Untoten und die Sonne verbrennt sie.«

Barbaron hörte gespannt zu, doch eine Frage ließ ihm keine Ruhe. »Wieso kann dann Ihlo, dieser flatternde Mönchsdämon, hier so einfach in unserer Welt herumfliegen?«

Mit diesem Einwand hätte Jabo eigentlich rechnen müssen. »Das ist ganz einfach«, erklärte er. »Die Mönchsdämonen benutzen ihre schwarzen Kutten als Schutz vor der Sonne. Der Stoff, aus dem diese Kutten bestehen, ist so dicht gewebt, dass kein Strahl der Sonne ihn durchdringen kann. Sie haben außerdem die Gabe, mit der Hilfe ihrer Dämonenspiegel überallhin zu gelangen. Das ist ein Rest von dem, was sie früher einmal an Macht und Magie besaßen. Ich bin mir sicher, dass Ihlo einst zu einem Volk gehörte, dass die Dämonen im Kampf gegen den Schöpfer unterstützte. Außerdem gab es da noch einige schwarze Priester, die nur die Söhne des Schöpfers verehrten. Es kann sein, dass Ihlo zu ihnen gehörte.«

Der kleine König aller Minitrolle nickte nur. Er betrachtete staunend eine bestimmte Buchseite. Jabo stand auf und schaute ebenfalls in die Chronik. Barbaron hatte eine Seite aufgeschlagen, auf der ein schwarzer Brunnen abgebildet war.

»Da musst du hingelangen«, flüsterte der Nekromant dem Minitroll ins Ohr. »Der schwarze Brunnen soll der einzige Weg sein, den du gehen kannst, wenn du in dem Reich der Dämonen etwas suchst. Doch ich beneide dich nicht um diese Aufgabe. Soll ich dich wirklich nicht begleiten? Die Gefahren in Imperos dunklem Reich sind nicht berechenbar.«

Barbaron schüttelte den Kopf. Er sah weiter in die Chronik, als er Jabo antwortete. »Orbin und Artem wollten uns auch begleiten. Doch ich habe mich mit Knurr und Tangossa beraten. Nur der Kobold und ich – wir gehen allein in den Brunnen. Und wir kommen erst wieder heraus, wenn wir unsere Aufgabe erledigt haben. Artem wird uns mit Orbin zum Brunnen führen. Doch vorher muss er den Rat der Riesen aufsuchen. Ich weiß nicht genau, warum der Prinz das machen will. Es muss für ihn jedoch verdammt wichtig sein.

Sonst hätte er nicht darauf bestanden. Er hat sich gestern Abend mit Knurr darüber gestritten. Sie wollten wohl nur flüstern, doch zum Schluss haben sie sich beinah angebrüllt und Tangossa musste sie beruhigen. Der Kobold hat es verdammt eilig. Er will, so schnell es geht, zum schwarzen Brunnen.«

Jabo schenkte sich wieder vom Wein ein und setze sich auf Barbarons Bett. Dann betrachtete er das Abbild des schwarzen Brunnens und er las laut den Text vor, der darunter stand. »So es nun der Plan des Schöpfers war, dem unheiligen Treiben der Fürstin Monga Einhalt zu gebieten, wurde sie also von ihrem Schicksal eingeholt und vernichtet. Es war die Nymphe Aurelia, die auf der Insel Dragon-Gorum gegen die schwarze Fürstin zum Kampf antrat. Die entsetzlichen Mächte der Magie, die in diesem Kampf genutzt wurden, veränderten für immer das Aussehen von Dragon-Gorum. Der tiefe Graben, der einst die Insel vom übrigen Land trennte, lief mit den Wassern der Bäche voll. Die Bäume flüstern seit jenem Kampf den Namen der siegreichen Nymphe und der Nebel, der aus dem Wasser steigt, bringt einsame Wanderer um den Verstand. Er soll die Rache der schwarzen Fürstin sein.«

Barbaron sah Jabo in die Augen und sein abschätzender Blick verriet nur zu gut, was er soeben dachte.

Der Nekromant lächelte vor sich hin und blätterte die Seite um. »Du brauchst mich nicht so anzusehen«, brummte er leise. »Ich gebe ja zu, das Meerland hier und da etwas dick aufgetragen hat, als er die Chronik schrieb. Aber dieser Ort Dragon-Gorum ist wirklich eine unheimliche Gegend. Da gibt es bestimmt viele Gefahren und ich bin froh, dass euch Artem bis dort hin begleiten will. Außerdem hat mir mein alter Meister einst erzählt, dass die Nymphe Aurelia sich in viele Gestalten verwandeln kann. Sie hätte sogar ihn verführt. Doch das glaube ich nicht. Als Meerland mir diese Geschichte erzählte, saßen wir betrunken in einer Schenke von Bochea.«

Ein lautes Poltern beendete plötzlich das Gespräch. Jabo stellte den Becher auf den Tisch und lief leicht verärgert zum Eingang der Drachenhöhle. Dort traf er Artem und Orbin an, die sich unbekümmert den Schnee von den Stiefeln klopften. Sie zogen frische Äste und einen Sack Heu in die Höhle und kümmerten sich so um das Futter der Drachenkönigin.

Jabo sagte nichts dazu, doch seine finstere Miene verriet den Ankömmlingen, dass sie zu laut waren. Tangossa erwachte und hob ihren Kopf. Sie konnte nicht wie die anderen Drachen in die Wälder ziehen, um zu fressen. Deshalb freute sie sich, dass Orbin und Artem ihr immer wieder etwas mitbrachten.

Ohne auf den verärgerten Jabo zu achten, bedankte sie sich. Dann verschlang sie das Heu und die Äste. Ein lautes Krachen und Knacken hallte durch die Höhle.

Barbaron las unbekümmert weiter und er erfuhr, dass ein Bannfluch über Dragon-Gorum lag. Er verhinderte, dass der Trollkompass diesen Ort fand und er sollte die Suche jedes Wanderers erschweren. Als Orbin und Artem mit ihrer Arbeit fertig waren, kamen sie zum Krankenbett des kleinen Königs. Sie wollten wissen, was er alles gelesen hatte. Es dauerte nicht lange, und eine rege Diskussion entstand. Orbin erklärte dem Minitroll, dass er alle seine magischen Dinge in der Drachenhöhle lassen sollte. Es war einfach zu gefährlich, sie in das Reich der Dämonen mitzunehmen.

Nur widerwillig gab Barbaron nach. Doch auf seine Waffen wollte er nicht verzichten. »Es ist mir egal, was ihr davon haltet«, schimpfte er los. »Meine Waffen nehme ich mit. Ohne Speer und ohne Pfeil und Bogen fühle ich mich nackt. Daran werdet auch ihr nichts ändern. Und wenn ihr weiter meine Freunde sein wollt, so sagt ihr mir gleich, wann wir endlich nach Dragon-Gorum reisen. Die Ältesten der Nachtaugenriesen sollen doch den Weg kennen.«

Artem räusperte sich verlegen, als sich alle Augen auf ihn richteten. Sogar die Drachenkönigin sah zu ihm hin und wartete auf seine Antwort.

»Die Sache ist so«, begann der Prinz zu sprechen. »Wir haben einen Tempel, der von unseren Priestern vor langer Zeit dem Schöpfer geweiht wurde. Dort befindet sich an einer Wand eine Karte. Auf ihr wird der Weg nach Dragon-Gorum beschrieben. Doch ich darf den Tempel erst betreten, wenn ich von den Priestern zum Fürsten ausgerufen wurde. Das Problem ist nur, dass ich einen Widersacher habe.«

»Nun sag bloß noch, dass ein anderer Riese aus deiner Sippe Fürst werden will«, sprach Orbin reichlich grimmig und seine Miene verfinsterte sich sofort. Artem nickte und er hob seine Hände in die Höhe. »Ich habe gestern Abend schon versucht, Knurr die Sache mit dem Erbe meines Vaters zu erklären. Mein Onkel Cromber, der jüngere Bruder meines Vaters, will selbst Fürst werden. Unsere Gesetzte sagen, dass ein Streit um den Titel nur im Zweikampf ausgetragen werden darf. Dies sei der Wille des Schöpfers und niemand darf sich gegen diesen Willen stellen. Ich muss also noch vor dem Ende des Jahres nach Ando-Hall reisen. Dort muss ich die Prüfung bestehen, die mir mein machtgieriger Onkel auferlegt hat. Möge der Schöpfer mit mir sein.«

Tangossa rückte noch ein Stück näher an die Freunde heran. Da niemand etwas sagte, begann sie leise zu sprechen. »Es gibt einen anderen Weg. Du musst nicht gegen deinen Onkel kämpfen.«

Erstaunt sahen die Freunde zu der Drachenkönigin und Artems Mund entfuhr sogleich eine Frage. »Was soll das für ein Weg sein?«

Tangossa berührte beinah mit ihrem Kopf die Höhlendecke, als sie sich ein wenig aufrichtete und dann ihren Kopf bis zu dem Prinzen hinstreckte. »Wir Drachen kennen ebenfalls den Weg. Er führt euch weit nach Westen. Dort wo die Flüsse immer enger werden und die Schluchten tiefer, dort erstreckt sich das Tal von Dragon-Gorum. In der Mitte eines Flusses, der durch das Tal fließt, erhebt sich eine Insel. Dort müsst ihr nach dem Brunnen suchen. Aber ich muss euch warnen, denn die Insel ist ein Werk der schwarzen Magie. Ihr könnt an diesem Ort niemanden trauen und niemand wird euch trauen.«

Der Prinz sah in die Augen der Drachenkönigin und er erkannte in ihnen sein eigenes Spiegelbild. »Wir sollen niemandem vertrauen?«, fragte Artem. »Das wäre für uns nicht gut. Nur mit einem heiligen Mann können wir an diesen verfluchten Ort gelangen und diesem Mann müssen wir vertrauen. Ein Priester oder ein Waffenmeister, würde mir jedoch nur dann folgen, wenn ich ein Fürst der Riesen wäre. Doch ich bin nur ein Prinz und mein Onkel würde eine solch gefährliche Reise niemals zulassen.«

»Willst du ihn deshalb töten?«, fragte Tangossa und die grüne Farbe ihres Kopfes verdunkelte sich, als sie ihn in die Höhe hob.

»Ich habe keine Wahl«, flüsterte Artem und er senkte seinen Blick. »Diesem Kampf kann ich nicht ausweichen. Niemand würde mir folgen oder mich achten, wenn ich vor dem Kampf zurückschrecke. Meine Ehre wäre verloren, und der neue Fürst würde mich so lange jagen lassen, bis ihm jemand meinen Kopf und mein Herz in einem Sack überreichen würde.«

Die Drachenkönigin senkte wieder ihr Haupt und sah traurig zu dem Prinz. »So musst du also deinen eigenen Verwandten töten, oder du stirbst durch seinen Willen. So viel Dummheit verstehe ich nicht.«

Artem ging zum Tisch und sah in den Weinkrug. Jabo hatte ihn geleert und nicht wieder aufgefüllt. Der Prinz stellte ihn zurück auf den Tisch und versuchte dann, die Gesetze seines Volkes zu erklären. »Seit der Zeit der großen Schlachten sind wir Riesen auf starke Anführer angewiesen. Ohne unsere Fürsten verlieren wir unsere Einigkeit. Wir würden uns alle gegenseitig im Streit erschlagen oder uns einfach aus dem Weg gehen. Viele Feinde würden uns dann Schaden zufügen und wir wären bald nicht mehr in dieser Welt. Deshalb gilt unser Gesetz für jeden von uns und der Fürst hat die Macht, es durchzusetzen. Wenn ich nicht kämpfen würde, so wäre Cromber gezwungen, mir seine Krieger zu schicken. Sie müssten mich töten und meinen Kopf und mein Herz dem neuen Fürsten überreichen. Schickt er die Krieger nicht, um mich töten zu lassen, so würden wir beide sterben und die Priester würden einen neuen Fürsten wählen.«

Eine winzigkleine Flamme züngelte aus Tangossas linkem Nasenloch. Sie verschwand sofort wieder und die Königin schüttelte sich. Sofort kam ein Grollen und Donnern in der Höhle auf. Doch es legte sich gleich wieder und Tangossa atmete erleichtert auf. Das Kribbeln in ihrer Nase hätte zu einem ordentlichen Niesen und damit zu einer Katastrophe führen können. Ihr feuriger Atem hätte alles und jeden in Brand gesteckt. Sie sah zu dem leeren Weinkrug und dann zu dem Riesen. »Reiche mir den Krug«, flüsterte sie. »Ich will auch dir ein Geschenk geben. Es soll dir die Kraft verleihen, deinen Kampf zu gewinnen. Doch merke dir meine Worte, bevor du meine Träne trinkst. Dem Feind das Leben nehmen, das kann jeder Krieger, doch nur ein wahrhaft großer Herrscher vermag das Leben zurückzugeben.«

Die Drachenkönigin ließ eine Träne in den Krug fallen. Sie war so groß, dass sie den Krug ausfüllte. Der Prinz trank und setzte den Krug erst ab, als er leer war. Er stellte das Gefäß zurück auf den Tisch und nickte Tangossa zu. »Ich werde die mahnenden Worte immer in meinem Herzen tragen. Und für die Träne bedanke ich mich.«

Barbaron sah zu dem Prinzen und zur Drachenkönigin. Er hatte die Arme verschränkt und sein Blick war eine einzige Herausforderung. »Da wäre noch eine Frage zu klären«, polterte er los. »Wann brechen wir auf? Ich habe die ewige Warterei satt. Mein Volk und meine Freunde warten auf mich.«

»Noch nicht«, knurrte Orbin den kleinen König aller Minitrolle an. »Ich werde dir erst ein Kräuterpflaster verpassen. Und wenn du morgen keine Schmerzen hast, können wir über die Reise reden. Geduld sollte also deine stärkste Waffe sein, mein kleiner Freund.«

Barbaron setzte sich murrend auf sein Bett und ballte seine kleinen Fäuste. »Ein Kräuterpflaster will er mir verpassen«, knurrte er so leise, dass nur er selbst seine Worte hörte. »Wer will schon ein Kräuterpflaster haben? Ich will zu diesem Brunnen reisen und das Dämonenreich in Angst und Schrecken versetzten.«

Barbaron sah grimmig zu Orbin, der gerade mit Jabo redete. Er schlug sich mit der rechten Faust in die linke Hand und flüsterte leise vor sich hin. »Genau das will ich tun. Diese Dämonen sollen mich fürchten lernen. Diese Bastarde … diese …«

Der Überfall

Am nächsten Morgen stand Orbin zeitig auf und schaute vor der Drachenhöhle nach dem Wetter. Es war bitterkalt und ein eisiger Wind wirbelte den Schnee auf. »Das ist kein gutes Reisewetter«, schimpfte der Zauberer vor sich hin. Er ging zu einem großen Kessel, unter dem noch eine kleine Glut war.

Nur wenig später hatte Orbin mit einigen dicken Holzscheiten ein Feuer unter dem Kessel entfacht und frisches Wasser hineingefüllt. Bald brodelte es im Kessel und der Zauberer konnte das Kräuterpflaster vorbereiten, das er Barbaron auf seine Wunde legen wollte. Doch als der Minitroll ihm seinen Bauch zeigte, war die Wunde zum Erstaunen aller Anwesenden schon fast verheilt. Tangossas Träne und seine Medizin hatten wohl wahre Wunder bewirkt. Orbin bestand trotzdem darauf, dass Barbaron noch ein letztes Mal ein Pflaster bekam. Da halfen kein Protest und kein Trollsprung. Orbin setzte sich mit der Hilfe seiner Magie durch und fing den kleinen König aller Minitrolle mit einem Bannspruch ein. Erst als das Kräuterpflaster auf seinem Bauch klebte, kam Barbaron wieder frei.

»Wehe du reißt es dir von deinem Bauch ab!«, drohte der Nekromant. Er hielt Barbaron seinen Zauberstab unter die Nase. Artem beendete das komische Drama, das Jabo und Knurr beim Lachen die Tränen in die Augen trieb.

Der Prinz mahnte zur Eile. »Wir sollten bald aufbrechen und uns von dem Wetter nicht abhalten lassen. Der Weg ist weit und das Jahr neigt sich dem Ende zu.«

»Du hast wohl Sehnsucht nach deinem Onkel Cromber?«, fragte Knurr. Dabei schaute er hungrig in Orbins Kessel. In ihm brodelte eine köstlich riechende Suppe.

Artem betrachtete nachdenklich den Kobold, bevor er antwortete. »Cromber ist listig und verschlagen. Es wäre ihm nur recht, wenn ich Ando-Hall nicht lebend erreichen würde. Wir müssen mit allem rechnen.«

»Dann ist das Wetter ja überhaupt nicht schlecht«, entgegnete Knurr. »Wenn wir im Schneetreiben vom Weg abkommen, findet uns keiner von den Kriegern deiner Verwandtschaft.«

Nur wenige Augenblicke später brach die recht ungleiche Reisegesellschaft auf. Prinz Artem ging voran. Ihm folgte Orbin, der auf seiner rechten Schulter Barbaron trug. Knurr bildete den Schluss, und da er nicht laufen wollte, saß er auf seiner Flugschale. Mit ihr schwebte er den Freunden einfach hinterher.

Jabo blieb bei Tangossa. Er musste sich um sie und ihren Nachwuchs kümmern. Eigentlich wollte auch er zum schwarzen Brunnen reisen. Doch Orbin hatte es ihm ausgeredet, und da Jabo als Nekromant und Zirkelmagier jünger war, musste er dem älteren Orbin gehorchen. Traurig sah Jabo den Freunden nach und Tangossa, die ihren massigen Kopf aus der Höhle streckte, flüsterte leise. »Schon der Weg ist gefährlich, und wenn der Kobold und der Minitroll den Brunnen erreicht haben, so kann ihnen niemand mehr helfen.«

Jabo schaute zu der Drachenkönigin auf und ging zurück in die Höhle. Als er an dem Bett ankam, in dem Barbaron am frühen Morgen erwachte, fiel sein Blick auf eine kleine Truhe. In ihr befanden sich die magischen Dinge, die der kleine König und der Kobold zurückgelassen hatten. Der Nekromant hob den Deckel der Truhe hoch. Der Trollkompass und der blaue Kristall lagen darin. Barbaron konnte sich nur schwer von diesen Dingen trennen. Von Knurr war nur ein kleiner goldener Löffel zu finden. Nur der Kobold wusste, was man mit ihm anstellen konnte. Die magische Aura dieses Löffels konnte Jabo jedoch deutlich spüren. Niemand hatte ihm gesagt, warum das so war und der Magier entschloss sich, in den Büchern eine Antwort zu finden.

Zu seinem Glück war Knurr einer jener Zauberer, die nicht auf einen Zauberstab oder einen Kristall angewiesen waren. Sein magisches Geschick verdankte er seinem Willen und seinen Händen. Ein Wink mit der rechten Hand genügte, um einen starken Baum in seiner Mitte zu brechen. Da er bei seinen Brüdern als Eigenbrötler galt und er stets mit einem finsteren Blick umher lief, ließen ihn selbst die vielen Minitrolle in Ruhe. Warum das so war, konnte keiner der Kobolde sagen. Doch es war nicht immer so gewesen. Vor einigen Hundert Jahren war das Gemüt von Knurr viel fröhlicher. Doch im Laufe der Zeit hatte sich der Kobold verändert. Er war zu jenem brummigen Kauz geworden, dem jeder aus dem Weg ging.

Die vier ungleichen Reisenden kamen trotz des Schneetreibens, das noch immer herrschte, gut voran. Knurr hatte sich ein wärmendes Fell auf seine Flugschale gelegt, ein Mantel und eine Wolldecke schützten ihn vor der Kälte. Artem und Orbin hatten ebenfalls dicke Mäntel an und sie trotzten mit Handschuhen und Fellmützen dem eisigen Winter. Nur Barbaron sah so aus, als wäre gerade der Hochsommer ausgebrochen. Kein Mantel, keine Schuhe und auch keine Decke schützten ihn. Er spürte die Kälte nicht, denn er war ja ein Minitroll. Vergnügt saß er auf Orbins Schulter. Dabei betrachtete der kleine König die Bäume und Sträucher, an denen die Freunde vorbei zogen.

Knurr zauberte sich dagegen immer wieder ein kleines Feuer herbei. Er ließ die Flammen dicht über seinen Händen tanzen und betrachtete sie. Auf den Weg achtete er kaum. Orbin war groß genug, um einfach hinter ihm herzuschweben. Beinah stieß er mit dem Hinterteil des Nekromanten zusammen, als Artem seine Lanze in die Höhe streckte und anhielt. Der Riese drehte sich um und zeigte mit seiner Waffe auf den Weg, der durch den Schnee nur schlecht zu erkennen war. Die Spur eines anderen Riesen war gerade noch zu erkennen. Der Schnee hatte sie schon fast wieder verdeckt.

»Wir sind nicht allein«, flüsterte Artem Orbin zu. »Ich hätte doch meinen Kompass und den Kristall mitnehmen sollen«, antwortete Barbaron ebenso leise, noch bevor der Nekromant etwas sagen konnte.

Die kleine Gruppe stand für einen Moment still auf dem Weg und jeder sah sich um. Barbaron spannte seinen Bogen und wartete auf ein Zeichen von Artem. Doch der konnte mit seinen drei Augen nicht einen einzigen Gegner erkennen und er schüttelte seinen Kopf. »Nicht einmal mein Nachtauge kann dieses Schneetreiben durchdringen«, flüsterte er wieder. »Ich kann keine lebende Seele erkennen.«

»Wir sind noch keine Stunde unterwegs«, brummte Knurr und er schwebte sogleich vor dem Kopf des Riesen. »Doch die Gefahren begleiten uns schon zum Anfang unserer Reise und ich frage mich, wie das noch enden soll. Lasst uns vorsichtig weiter ziehen und macht keinen Lärm. Ich bin noch nicht in Kampflaune.«

»Oh, mein Freund«, flüsterte Barbaron. »Ich bin immer in Kampflaune. Doch ohne meinen Kristall bin ich ein lausiger Gegner.«

Orbin wollte noch etwas sagen, doch das Knacken eines Astes und der Schrei einer Eule ließen die vier Freunde aufhorchen. Artem nickte den Gefährten zu und zeigte mit seiner Lanze in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Der Nekromant hob seinen Zauberstab und flüsterte einen Zauberspruch. Er wiederholte ihn noch zwei Mal und ein Kreis aus weißem Licht umgab die kleine Gruppe. Der Schutzbann glitzerte im Schnee und strahlte hell wie die Sonne. Er nahm den Freunden beinah die Sicht auf die nähere Umgebung.

Neben dem Weg, auf dem die kleine Gruppe stand, ragten die Berge rechts und links hoch auf. Sie waren mit dichtem Wald bedeckt und der Schnee hüllte alles in einen eisigen Mantel. Aus diesem eisigen Mantel erhob sich langsam ein großer dunkler Schatten. Er kam auf die Gruppe zu und blieb ein Stück vor dem Schutzbann stehen. Artem erkannte ihn sofort und er streckte seine Lanze in seine Richtung.

»Wer ist das?«, fragte Knurr leise. Er schwebte mit seiner Flugschale vor den Freunden. »Ich weiß nicht, wie der Kerl heißt«, antwortete Artem. »Doch ich habe ihn schon einmal gesehen. Er gehört zu einer der Familien, die meinem Onkel dienen. Cromber hat ihn sicher geschickt, damit er mich aus dem Weg räumt.«

Hinter dem fremden Riesen tauchten noch weitere Krieger auf. Sie kamen langsam näher und sie schienen auf etwas zu warten, denn sie blieben hinter ihrem Anführer stehen. Für einen Augenblick war es absolut ruhig und Barbaron meinte, die Schläge der Herzen der feindlichen Riesen zu hören, obwohl diese grimmig aussehenden Krieger etwa hundert Schritte weit weg auf dem Weg nach Ando-Hall standen.

»Nur zehn Männer hat Cromber geschickt«, sprach Artem und seine tiefe Stimme dröhnte seinen Gefährten in den Ohren.

»Auf was warten die?«, entgegnete Knurr. »Ich komme langsam in Kampflaune. Und wenn diese Kerle uns noch lange den Weg versperren, zeige ich ihnen, was ich mit Feuer und Blitzen alles anstellen kann.«

Der Kobold brauchte nicht länger zu warten. Mit einem fürchterlichen Brüllen stürmten die Riesen den vier Gefährten entgegen. Ihre Lanzen, die sie meist nur zur Jagd auf Bären und Wölfe benutzten, flogen im hohen Bogen durch die Luft und prallten an Orbins Schutzbann ab. Sie zerbrachen und landeten im Schnee, ohne ihr Ziel erreicht zu haben. Ein Donner hallte sofort durch die Wälder und sein Echo schwang sich von Berg zu Berg. Die Blitze von Knurr und Orbin zuckten den Angreifern entgegen und rissen zwei von ihnen um. Die anderen Krieger versuchten, mit Äxten und Keulen den Schutzbann zu zerschlagen. Doch ihre Kräfte schwanden immer mehr und sie sanken schließlich in den Schnee. Nur der Anführer blieb auf seinen Beinen. Als er sah, was mit seinen Kriegern geschah, konnte er es kaum fassen. Erschrocken wich der Anführer zurück.

Barbaron sprang von Orbins Schulter herunter und hüpfte geschickt von einem Krieger zum anderen. Dabei zog er seine Pfeile aus ihren Armen und Beinen heraus. Dann stellte er sich vor dem Anführer hin und spannte seinen Bogen. »Möchtest du auch ein wenig schlafen?«, fragte er den riesigen Kerl. »Du siehst so müde aus und ich würde dir gern eine Mütze voll Schlaf verpassen.«

»Nein! Nein … ich will nicht!«, rief der Krieger und er warf seine Axt in den Schnee. Dann drehte er sich um und rannte davon, so schnell ihn seine Beine trugen. Kopfschüttelnd sah Artem sich an, wie ein Mann, der so groß und so stark wie eine nordische Eiche war, vor einem winzigen Minitroll davon lief.

Orbin lachte und selbst der sonst so brummige Knurr konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Artem machte dem Spaß ein jähes Ende und er rief Barbaron zurück. »Lass es gut sein, mein kleiner Freund. Er wird zu Cromber eilen und ihm berichten wollen.«

Doch der Prinz irrte sich, denn eine große Menge Krieger rückte jetzt auf dem Weg gegen die Gefährten vor. An ihren ledernen Rüstungen und den Wappen auf ihren Schilden erkannte Artem, dass die Feinde, die ihnen entgegen zogen, von der Sippe seines Onkels Cromber waren. Mit diesen Kriegern konnte er nicht reden. Sie waren schon immer gegen seinen Vater gewesen und sie würden ihn sofort töten, nur um ihren Herrn zum Fürsten zu machen. Ando-Hall war noch weit weg und der Prinz befürchtete, dass diese Krieger nicht das letzte Hindernis auf dem Weg dorthin waren.

Orbin stellte sich vor Artem hin und streckte seinen Zauberstab den etwa fünfzig Kriegern entgegen, die schnell näher kamen. »Ich habe da so eine Idee«, erklärte er. »Mal sehen, ob diese kräftigen Kerle auch mit Bäumen kämpfen können.«

»Was du da vorhast, ist ein gefährlicher Zauber«, rief Knurr und er gesellte sich rasch neben den Nekromanten. »Ich werde dich ein wenig unterstützen und Barbaron wird die Berghänge beobachten.«

»Na klar, das werde ich tun«, fauchte der kleine König los. »Wenn ich meinen Kristall bei mir hätte, so würde ich Crombers Strolche durch den Wald jagen. Da könntet ihr sicher sein, meine lieben Freunde. Aber so bin ich ja nur ein Beobachter, ein …«

»Halt die Klappe«, zischte Orbin Barbaron an und er hielt ihm den Mund zu. »Ich muss mich ein wenig konzentrieren, denn der Zauber, den ich anwenden will, ist etwas schwierig.«

Der kleine König drückte die Hand des Nekromanten von sich weg und brüllte ihm eine Frage ins Ohr. »Wirst du mit deinem Zauber auch die Krieger treffen, die sich gerade an unserer rechten Flanke befinden?«

Orbin drehte seinen Kopf nur ein wenig nach rechts und fluchte leise los. »Diese Dummköpfe versauen uns den Tag, noch bevor die Sonne am höchsten steht. Bei unserem Schöpfer schwöre ich, dass sie ihren Überfall noch bitter bereuen werden.«

Von allen Seiten wurde die kleine Gruppe eingekreist. Immer mehr Krieger kamen langsam auf sie zu. Sie streckten ihre Lanzen Artem und seinen Freunden entgegen und nichts schien sie aufhalten zu können.

Doch der Ruf eines mächtigen Herrschers hallte plötzlich durch den Wald und er ließ die feindlichen Riesen aufhorchen. Das Brüllen des Drachenkönigs Urgos ließ die Bäume erzittern und das Drachenhorn von Tabor verkündete, dass der Herrscher der Lüfte nicht mehr weit weg war. Ein Rauschen war als Nächstes zu hören und ein riesiger Schatten bedeckte die kleine Gruppe. Neben ihnen landete mit kräftigem Flügelschlag der König der Drachen und auf ihm saß Tabor. Er hielt in seinen Händen das Horn, mit dem er die Drachen im Drachenhort erlöst hatte.

Der Knabe sprang vom Rücken des Drachenkönigs herunter und lief zu Artem und seinen Freunden. Urgos schlug mit seinen Flügeln und jagte eine Feuersäule in den Himmel. Die Riesen senkten sofort ihre Lanzen und sahen sich furchtsam um. Doch es war kein weiterer Drache zu entdecken.

Artem beugte sich vor und hob Tabor in die Höhe. Er setzte ihn behutsam auf seine rechte Hand und sah ihn mit seinen drei Augen an. »Du bist der tapferste Drachenjunge, den ich je gesehen habe«, sprach er und seine Stimme dröhnte so tief wie das Schnarchen eines schlafenden Bären.

»Das ist nicht weiter verwunderlich«, erklärte Tabor und seine glockenhelle Stimme erklang für den Prinzen wie Musik in seinen Ohren. »Ich bin ja der einzige Drachenjunge, den ihr Riesen jemals gesehen habt. Doch nun lasst uns keine Zeit verlieren. Ich habe Urgos überredet, euch zu helfen und euch alle sicher zum Tempel von Ando-Hall zu bringen. Cromber will sich schon heute Abend zum neuen Fürsten wählen lassen und nur wenige Sippen wagen es, sich offen gegen ihn zu stellen. Er hat etwas vor und niemand kennt seine Pläne. Doch es kann nichts Gutes sein. Selbst die Höhlentrolle und die Waldnymphen sprechen furchtsam von den finsteren Plänen des Cromber und ein gefährlicher schwarzer Hexer soll sich in der Nähe des heiligen Tempels von Ando-Hall herumtreiben.«

Urgos sah sich die Riesen an, die noch immer ihn und die kleine Gruppe umringt hatten. Sie rückten nicht näher vor, doch sie wollten auch nicht zurückweichen. »Wer ist euer Anführer!?«, brüllte der Drachenkönig und eine kleine Flamme fuhr ihm aus seinem Maul.

Einer der Krieger trat zögernd vor und ging auf Urgos zu. Artem und seine Freunde stellten sich neben ihren mächtigen Verbündeten und der Drachenjunge kletterte wieder auf den Rücken des Drachenkönigs. Ein magischer Schuppenpanzer bedeckte sofort seinen Körper und der Junge schien mit dem Drachen unlösbar zu verschmelzen. Über Artems breites Gesicht huschte ein Lächeln, als er Tabor so auf dem Rücken seines Freundes Urgos sah.

Langsam kam der Krieger näher, der mit mehr als hundert Riesen durch die Wälder zog, um Artem zu überfallen. »Ich bin Roger, und ich führe die Krieger an, die ihr hier seht. Mein Herr Cromber, der neue Fürst der Nachtaugenriesen, hat mich geschickt, um dem Verräter Artem das fürstliche Urteil unseres Herrn zu verkünden. Er darf nie wieder unser Land betreten und ist für alle Zeit verbannt.«

Urgos streckte dem Krieger seinen massigen Kopf entgegen und knurrte leise. Er zog kurz die Luft in seine Nase ein uns sah den Krieger grimmig an. »Nicht der Prinz ist der Verräter«, sprach er und seine Worte dröhnten in allen Ohren. »Cromber war schon immer ein machtgieriger Mann. Doch er ist noch kein Fürst und er kann deshalb auch kein Urteil fällen. Wenn er ein Fürst werden will, so muss er im Zweikampf mit Prinz Artem siegen. Es sieht jedoch so aus, als ob dein Herr vor diesem Kampf Angst hat. Deshalb schickt er dich und deine hundert Verräter. Ihr sollt ihm den Weg zur Herrschaft ebnen.«

Artem trat dicht an Roger heran. »Der Drachenkönig hat recht«, sprach der Prinz. »Du weißt es selbst sehr gut. Kein Riese darf mir den Weg nach Ando-Hall versperren. Doch Cromber bricht die Gesetzte unseres Volkes. Und ihr alle macht euch mitschuldig an dem Verrat meines Onkels.«

Roger sah sich unsicher um und seine Verlegenheit war nicht zu übersehen. Er nickte schließlich und warf seine Lanze vor Artems Füße. »Eigentlich sollte die Zeremonie für die Fürstenweihe erst in sieben Tagen sein. Doch Cromber hat den obersten Priester Kalon gezwungen, die Weihe sieben Tage eher abzuhalten. Er bedroht ihn mit der Vernichtung seiner Familie. Du wirst also nicht rechtzeitig vor dem Tempel erscheinen, um Cromber herauszufordern. Und wenn wir dich nicht von deiner Reise abhalten, so wird der neue Fürst unsere Familien ausstoßen und die Krieger, die du hier siehst, töten lassen. Er ist sehr mächtig geworden und er will unbedingt der nächste Fürst sein.«

Urgos schüttelte seinen Kopf und stieß eine Dampfwolke aus seinen Nasenlöchern aus. Dann sprach er leise zu Roger und seine Worte dröhnten dem Krieger erneut in den Ohren. »Der Prinz wird rechtzeitig in Ando-Hall erscheinen. Ich werde dafür sorgen. Und ich werde darauf achten, dass der Zweikampf auf ehrliche Art geführt wird. So will es das Gesetz der Riesen und Cromber muss sich diesem Gesetz beugen.«

Roger sah den Drachenkönig erstaunt an. »Ihr Drachen habt doch vor langer Zeit dem Schöpfer geschworen, euch nicht in die Angelegenheiten der Völker einzumischen. Warum tust du es auf einmal? Gibt es dafür einen Grund, den wir Riesen wissen sollten?«

Urgos wiegte bedächtig seinen Kopf hin und her. Dann antwortete er und seine Worte erstaunten nicht nur Roger. »Ich habe den Verdacht, dass sich jemand für euch interessiert, der sich mit der schwarzen Magie auskennt. Willst du, dass ein schwarzer Hexer euch Riesen in seinen Bann zieht, und ihr für eine Sache kämpft, die gegen den Willen des Schöpfers ist? Tabor, der Drachenjunge hörte die Reden der Waldnymphen und der Höhlentrolle. Sie sprechen über den schwarzen Hexer, der in der Nähe eures Tempels gesehen wurde. Wenn er es schafft, euer Heiligtum zu betreten, so droht euch Riesen große Gefahr. Ich will das Gleichgewicht der Magie erhalten. Deshalb mische ich mich ein.«

Roger sah kurz zu seinen Kriegern und dann zu Artem. Er hob seine Lanze wieder auf und hielt sie in beiden Händen. »Ich werde mit den Kriegern nach Ando-Hall zurückkehren. Dich und deine Freunde greifen wir nicht an und ich hoffe, dass du dein Schicksal erfüllst, mein junger Prinz.«

Roger drehte sich um und winkte seinen Kriegern zu. Die Riesen sammelten sich bei einer alten Buche, deren Äste schon längst keine Blätter und keine Früchte mehr trugen. Leise unterhielten sie sich und einige sahen mit bösen Blicken zu Roger, der ihnen entgegen kam. Noch bevor er die Krieger erreichte, ertönte ein lauter Schrei und ein Blitz schlug in der Brust von Roger ein. Er sank tödlich getroffen zu Boden und mit einem zweiten Schrei flatterte eine schwarze Gestalt von den Bäumen auf, die in der Nähe standen. Diese Gestalt verschwand rasch und ein hässliches Lachen war zu hören.

Artem lief durch den hohen Schnee zu Roger und sah mit entsetzen, dass in der Brust des Kriegers ein rauchendes Loch war. Der Prinz hätte seine Faust hineinstecken können.

»Du hattest recht …«, röchelte Roger mit letzter Kraft. »Ein schwarzer Hexer … er wird …« Der Kopf des Kriegers sank zur Seite und sein rotes Blut bedeckte den Schnee. Ratlos standen die Krieger um ihren Anführer herum und die Furcht war in ihren Augen zu sehen.

»Begrabt ihn mit allen Ehren«, sprach Artem zu ihnen. Dann strich er dem toten Roger über die Augen. »Zieht danach rasch zum Tempel und verweigert Cromber den Dienst. Er hat sich mit den finsteren Mächten eingelassen. Das ist gegen unser Gesetz und dafür muss mein Onkel seine gerechte Strafe erhalten. Ich werde Roger rächen, das bin ich ihm und euch allen schuldig. Und vergesst eure zehn Freunde nicht, die auf dem Weg liegen und schlafen. Ihr werdet ihnen helfen müssen.«

Die Krieger nickten zustimmend und hoben ihren toten Anführer auf. Schnell fertigten sie aus Lederriemen und Lanzen einige Tragen. Artem sah ihnen einen Augenblick nach und ging dann zu seinen Freunden zurück, als die Krieger mit ihren schlafenden Freunden und ihrem toten Anführer im Wald zwischen den Bäumen verschwanden.

Urgos peitschte unruhig mit seinem mächtigen Schwanz den Schnee hinter sich. »Steig auf meinen Rücken«, rief er Artem zu. »Die Zeit wird knapp für dich werden. Der Hexer wird Cromber berichten wollen, dass du noch heute kommen wirst. Wir sollten ihm keine Zeit lassen und verhindern, dass er sich vorbereiten kann.«

Der Prinz sah noch einmal zu dem großen Blutfleck, der im Schnee schon von Weitem zu sehen war. Dann kletterte er auf Urgos Rücken. Er setzte sich hinter Tabor und hielt sich an einer Kette fest, die der Drache um seinen Hals trug. »Hoffentlich wird es dir nicht zu eisig«, rief der Drachenjunge. »Die Kälte kann dich in großer Höhe in einen Eisklumpen verwandeln.«

»Ich bin ein Nachtaugenriese«, antwortete Artem. »Ich fürchte die Kälte nicht, denn der Schöpfer hat meinem Volk vor langer Zeit die Kraft gegeben, dem Eis zu widerstehen. Mein Herz gibt mir die Wärme, die ich brauche.« Trotz seiner Worte hüllte der Prinz sich noch fester in seinen dicken Mantel ein.

Langsam erhob sich der Drachenkönig nach einem kurzen Anlauf. Orbin saß auf seiner Flugschale und folgte Urgos mit einigem Abstand. Knurr flog neben dem Nekromanten und der kleine König aller Minitrolle saß bei ihm und schaute über den Rand der Flugschale. Er sah sich noch einmal um, doch der schwarze Hexer war nicht mehr zu entdecken. Wer hatte diesen Mörder nur geschickt? Die Frage ging Barbaron durch den Kopf und sie ließ ihm keine Ruhe.

Der Herr des schwarzen Blutes

Zur gleichen Zeit beobachtete eine finstere Gestalt das, was so eben geschehen war, mit allerhöchstem Interesse. Diese Gestalt war der Herrscher der Dämonenwelt, der höchste Fürst der Dämonen. Aufmerksam schaute er in ein großes rundes Becken, das sich bis zum Rand mit schwarzen Blut füllte. Es war das Blut jener schwarzen Kreaturen, die vor unendlich langer Zeit im Kampf gegen den Schöpfer und seine Heerscharen auf dem Schlachtfeld fielen. Die Magie dieses Blutes wurde vom Dämonenfürst Imperos immer wieder beschworen und sie zeigte ihm das, was der Herrscher sehen wollte.

Glatt wie ein Spiegel wurde dann die Oberfläche und Imperos betrachtete die Orte, die für ihn unerreichbar waren. Doch für seinen schwarzen Hexer war es leicht, überall hinzufliegen. Durch die Augen des Hexers sah der Dämonenfürst, was gerade geschah. Er hatte den Hexer unter der Bedingung freigelassen, ihm zu dienen und alles zu tun, was er von ihm verlangte. Mit seiner Hilfe konnte Imperos den Nachtaugenriesen Cromber unter seine Kontrolle bringen und ihn gegen den Prinzen Artem aufwiegeln. Durch seine Gedanken war der Hexer außerdem mit Imperos verbunden. Und so konnte der Fürst dem Hexer befehlen, Roger zu töten, als dieser versagte.

Der finstere Raum, in dem sich der Fürst befand, wurde nur durch die Glut einer Lavablase erhellt. Sie blubberte unaufhörlich in einer Ecke und verbreitete außer ihrem matten Licht auch noch einen fürchterlichen Gestank. Doch der Fürst achtete schon längst nicht mehr darauf.

Quietschend öffnete sich eine eiserne Tür und die schlanke Gestalt einer schwarzen Nymphe trat ein. Es war Aella, die von Dämonicon auf der Insel des Nebelgrundes durch das schwarze Portal geschickt wurde. Jetzt konnte sie nicht mehr so einfach gegen den Willen des Dämonenfürsten zurück und sie musste dem höchsten Fürsten der Dämonen dienen. Sie verbeugte sich vor Imperos und sprach ihn mit sanfter Stimme an. »Mein Herr und Meister. Die Gefangenen sind in die große Halle geführt worden. Willst du sie in dieser Stunde sehen? Oder sollen sie auf den Augenblick ihrer Vernichtung noch ein wenig warten?«

Imperos drehte sich um und sah verärgert zu der Nymphe. »Du dummes Ding«, fuhr er sie an. »Wer sagt dir denn, dass ich sie vernichten will? Der Tod der Gefangenen bringt mir nicht viel. Doch ihr Wissen ist groß und sie werden es mit mir teilen. Das versichere ich dir, meine schöne Aella.«

Imperos wendete sich wieder seinem magischen Becken zu und strich mit beiden Händen beinah zärtlich über die Oberfläche des Blutes.

»Schau es dir an«, sprach er zu der Nymphe und seine Stimme klang unerwartet leise. »Das Kostbarste, das ein Krieger in der Schlacht opfern kann, ist sein Leben. Doch dieses Leben wird durch das Blut gespeist, und wenn es auf dem Schlachtfeld vergossen wird, so fließt das Blut mit dem Leben davon. Ich bin einst über alle Schlachtfelder gegangen, auf denen meine dämonischen Krieger zu Tausenden starben. Ich habe ihr Blut gesammelt und ihnen im Augenblick ihres Todes in die Augen gesehen.«

Der Fürst drehte sich mit einem Ruck zu Aella um. Dann beugte er sich über sie, sodass er ihr in die Augen sehen konnte. Leise sprach er weiter. »Selbst der unwürdigste Dämon hat eine Seele und ich konnte sehen, wie sie alle im Augenblick des Todes aus den Kriegern heraus stiegen und mich verwundert ansahen.«

Aella wich unwillkürlich einen Schritt zurück, als der viel größere Fürst noch näher rückte und mit seiner rechten Hand über ihre Wangen strich. »Sie wussten nicht sofort, wo sie waren«, flüsterte Imperos und ein hässliches Grinsen huschte über seinen Mund. »Da habe ich beschlossen, ihre Magie für mich zu nutzen und ihre Seelen zu fangen. Sie dienen mir seit dem als Geister und sie werden niemals frei sein. Durch die Seelen und durch das Blut der gefallenen Dämonenkrieger wurde ich noch mächtiger und selbst der Schöpfer kann mir diese Macht nicht nehmen.«

Aella kannte diese Macht nur zu gut. Ihre eigene schwarze Magie hatte sie durch die Macht des Dämonenfürsten erlangt, und jedes Mal, wenn sie diese Magie anwendete, zahlte sie einen hohen Preis. So wurde sie eine schwarze Nymphe, die ihre Lebensenergie Stück für Stück an die Dämonen verlor. Vor allem Imperos war es durch diesen Handel gelungen, außerhalb seines Reiches viele Wesen zu seinen Dienern zu machen. Der schwarze Hexer, der für ihn den Riesen Roger getötet hatte, war einer dieser Diener.

Die Nymphe stieß die Tür auf, als sie sah, dass sich der Dämonenfürst zu ihr umdrehte und nach einem großen Stab griff. Dieser Stab schien aus einem glänzenden Kristall gefertigt worden zu sein. Er änderte seine Farbe, wenn Imperos ihn berührte. Seine schwarze Haut glänzte sofort, denn der Stab erstrahlte für einen Moment und sein Licht erhellte dem Fürsten den Weg. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verließ er den düsteren Raum mit dem Blutbecken und ging den breiten und hohen Gang entlang, der ihn zu einer großen Halle führte. Dort stand sein Thron aus schwarzem Marmor und dort warteten auch die Gefangenen.

Aella eilte voraus und rief den Dämonenkriegern zu, die vor der großen Halle Wache hielten, das sie das Tor zur Halle weit öffnen sollten. Imperos betrat diese Halle mit schnellen Schritten und setzte sich mit einer Leichtigkeit auf seinen Thron, die ihm seine Gefangenen bestimmt nicht zugetraut hätten. Er betrachtete die fremden Wesen, die vor ihm standen und es vermieden, ihn anzusehen. Die Gestalt des Fürsten sah furchterregend aus. Sein Körper schien nur aus Muskeln zu bestehen und der lange Rock, den er trug, konnte nur schlecht die stark behaarten Beine verbergen. Der Kopf des Fürsten wirkte kantig und der Anfang seiner langen gebogenen Nase ragte zwischen den beiden finsteren Augen hervor. Auf diesem Kopf wuchsen neun Hörner von beachtlicher Größe. Jeder wusste, was das zu bedeuten hatte. Es war das Zeichen von Imperos Machtanspruch. Er war der oberste der neun Dämonenfürsten.

Aella stellte sich neben den Thron hin. Sie zeigte mit einem kleinen Stock auf einen der Gefangenen. »Dieser Kerl heißt Albanarius«, erklärte sie dem Fürsten. »Er ist ein gefährlicher Magier und der Anführer des Zirkels der Nekromanten. Sein Wissen über die weiße Magie ist enorm.«

Imperos sah sich den Magier mit finsterer Miene an. Er gab ihn einen Wink und als Albanarius einfach stehen blieb, trieben ihn zwei Dämonenkrieger mit ihren Peitschen bis zum Thron ihres Herrn. Der Magier fiel durch die Wucht der Schläge auf die Knie, doch er wollte sich gleich wieder erheben. Aella packte ihn mit einer Hand am Bart und zerrte ihn wieder nach unten. »Bleib auf deinen Knien«, fauchte sie Albanarius an. »Du stinkender Nekromant hast kein Recht, vor dem zukünftigen Herrn der Welt zu stehen.«

Stöhnend sackte der Magier auf seine Knie zurück. Die schwarze Nymphe schien diesen Anblick zu genießen und sie sah triumphierend zu Imperos. Dann ließ sie Albanarius los und stellte sich wieder neben den Thron hin.

Der Fürst beugte sich ein wenig vor und sprach mit ruhiger Stimme. »Es war nicht meine Absicht, euch als meine Gäste hier, in meinem Reich zu begrüßen. Doch mein Sohn Dämonicon war wohl der Meinung, dass ich mich ein wenig langweile. Nun, wie dem auch sei, ihr seid nicht freiwillig hier. Und deshalb darf ich euch wohl als meine Gefangenen betrachten. Meine Dienerin Aella wird euch persönlich bewachen und ich werde mich nach und nach mit jedem von euch unterhalten. Ihr kennt viele Geheimnisse und ihr werdet sie bald mit mir teilen. Das verspreche ich euch allen. Selbst der Kleinste von euch wird mir erzählen, was er alles über die weiße Magie und die magischen Orte der Welt weiß.«

Albanarius versuchte, den stechenden Augen des Dämonenfürsten standzuhalten. Doch er spürte, wie die schwarze Magie von Imperos langsam in seinem Kopf eindrang und ihm eine Frage stellte, die er nicht beantworten wollte. Eine unheimliche Stimme wurde im Kopf des Magiers immer lauter und ein stechender Schmerz fuhr ihm durch den ganzen Körper.

»Sagst du es mir?«, fragte die Stimme. »Wie kann ein Dämon einen Drachen töten? Sagst du es mir?« Laut stöhnend brach Albanarius zusammen und er blieb leblos vor dem Thron liegen.

»Schafft sie weg!«, herrschte der Fürst seine Dämonenkrieger an. »Ich werde mich später um dieses Pack kümmern!« Obwohl Imperos nicht mit einem schnellen Erfolg gerechnet hatte, war er über Albanarius Widerstand verärgert. Für einen Moment sah er zu, wie die Krieger ihre Peitschen schwangen.

»Es ist so, wie du es mir schon bei deiner Ankunft gesagt hast«, sprach er zu der Nymphe, als die Gefangenen den Saal verlassen hatten und in ihren Kerker zurückgetrieben wurden. »Sie wollen mir nicht freiwillig helfen und dieser alte Magier ist ein zäher Mann. Ich konnte in seinen Kopf eindringen, doch er hatte seine Gedanken vor mir verborgen. Selbst die größten Schmerzen wird er ertragen, nur um mir sein Wissen zu verweigern.«

Aella stimmte Imperos Worten zu. »Die Träger der weißen Magie sind stark und in vielen Kämpfen erprobt. Es wird einige Zeit dauern, bis wir sie zermürbt haben. Doch sie werden reden, denn sie wollen leben. Ich habe die Wachen angewiesen, ihnen nur das Nötigste an Nahrung zu geben. Der Hunger ist eine Waffe, die für uns kämpfen wird. Wenn ihre Gier nach Brot größer ist als ihr Kampfgeist, werden wir sie besiegen.«

Imperos erhob sich von seinem Thron und strich sich über seine breite Brust. Aella bemerkte, dass der Fürst ein Band aus Dämonenleder um seinen Hals trug. An diesem Band hing ein Wolfskopf aus schwarzem Marmor. Die Nymphe war erstaunt, dass Imperos sein mächtigstes Amulett angelegt hatte. Sie hatte es noch nie zuvor an seinem Hals gesehen, doch sie wusste, dass es ein Geschenk war. »Was machen wir nun mit diesem Pack?«, fragte sie den Fürsten und sie sah ihn abwartend an.

»Wir gehen zurück zu meinem Blutbecken. Ich will unbedingt wissen, ob mein Hexer seine Aufgaben erfüllt. Morwes ist ein vorzüglicher Diener und er hat einige Eigenschaften, die ich an ihm schätze.«

Aella folgte dem Fürsten zum Blutbecken. Die Neugier war in ihr erwacht und sie wollte wissen, was es in dem Becken zu sehen gab. Zugleich trieben die Dämonenkrieger ihre Gefangenen zurück in den Kerker. Für Gordal war der Weg am schwersten. Er musste den leblosen Albanarius tragen. Da er den schweren Mann nicht so einfach heben konnte, zog und zerrte er ihn hinter sich her. Dabei musste er selbst rückwärtsgehen und bekam immer wieder die Peitschen der Krieger zu spüren. Völlig erschöpft kam er mit dem Magier als Letzter im Kerker an. Dieses Gefängnis war nicht mehr als eine riesige Grotte. Ein kleines Bächlein, das aus den rissigen Wänden hervor sprudelte, spendete Wasser und stillte so wenigstens den Durst der Gefangenen. Doch der Hunger blieb, auch wenn die Dämonenkrieger ab und zu etwas hartes Brot und einen Topf mit dünner Suppe brachten.

Mitten in der Grotte ragte ein schwarzer Kristall aus dem Boden. Er spendete ein mattes Licht, sodass die Gefangenen in seiner Nähe etwas sehen konnten. Berühren durfte ihn niemand, denn die finstere Magie des Kristalls würde jeden zurückschleudern und ihm große Schmerzen zufügen. Einer der Minitrolle war zu neugierig gewesen und hatte es gewagt. Noch immer spürte Nummer Elf die Kraft der Magie und den heftigen Aufprall auf den harten Boden der Grotte.

Artur beträufelte das Gesicht von Albanarius mit dem Wasser des Bächleins und stellte mit Erleichterung fest, dass der Nekromant wieder zu sich kam. Als er die Augen aufschlug, huschte ein Lächeln über das Gesicht des Koboldes. Alle gefangenen Freunde standen um Albanarius und Artur herum und bei jedem war die Erleichterung groß.

»Dein Widerstand hat dir viel Kraft gekostet«, sprach der Kobold. Einige der Minitrolle nickten eifrig und der Bergboss reichte dem Nekromanten seinen Helm. Der war mit Wasser gefüllt und das belebte Albanarius sofort.

»Wie kann es sein, dass an einem so finsteren Ort ein so leckeres Wasser zu finden ist?«, rief der Nekromant. Er wischte sich mit dem linken Ärmel seines Mantels den Bart ab. Die Frage des Magiers war wohl nicht sehr ernst gemeint und einige Minitrolle kicherten auch. Er gab dem Bergboss seinen Helm zurück und versuchte aufzustehen. Das gelang ihm nur mit viel Mühe und Gordals Unterstützung.

Als es dem Nekromanten ein wenig besser ging, rief er alle Gefangenen zusammen. Er ließ sich auf dem felsigen Boden nieder und sah in die Gesichter seiner Freunde, die sich rings um ihn herumsetzten. Sie waren schmutzig und die Kleidung einiger Kobolde zeigte schon die ersten Löcher.

»Es fällt mir immer mehr auf, dass niemand von uns hier im Dämonenreich die weiße Magie benutzen kann«, begann er zu sprechen. »Wir sind schmutzig -wir haben Löcher in den Sachen und Hunger in den Bäuchen. Das alles war früher kein Problem. Ich konnte noch nie mit einer Nähnadel umgehen und zur Jagd bin ich nicht gut zu gebrauchen. Jedes Wildschwein würde sich über mich totlachen, wenn ich meinen Zauberstab vergessen hätte.«

Hier und da kicherte einer der Minitrolle leise, doch dann war es sofort wieder still und Albanarius sprach weiter. »Wir befinden uns hier in einer trostlosen Lage. Ich kann mir gut vorstellen, was bald geschehen wird. Imperos wird uns der Reihe nach holen lassen. Er kann in jeden Kopf eindringen und niemand kann sich dagegen wehren. Von mir wollte er heute wissen, wie er die Drachen töten kann.«

Sofort war es mit der Ruhe vorbei. Plötzlich redeten alle durcheinander und Flüche und Verwünschungen wurden laut. Artur sprach schließlich die Frage aus, die jedem der Freunde brennend interessierte. »Wie um alles in der Welt kommen wir aus diesem Loch heraus? Es muss doch einen Weg geben, den wir alle gehen können.«

»Er hat absolut recht!«, rief der Hauptmann der Minitrolle. »Dieser Mistkerl Dämonicon ist doch auch von hier abgehauen! Er ist seinem Vater entwischt und zu uns in die Welt gekommen. Das sollte uns auch gelingen, und ich bin mir sicher, dass wir es auch ohne Magie schaffen werden.«

Den Worten ihres Hauptmanns stimmten die Minitrolle sofort zu. Gordal verschaffte sich mit lauter Stimme Gehör und bat um Ruhe. Dann zeigte er zu Ohle, dem kleinsten und jüngsten der Koboldbande und er stellte ihm eine Frage. »Als sie uns hier bei unserer Ankunft alle magischen Dinge und unsere Waffen abgenommen haben, da sagtest du zu mir, dass du deine Laterne bald wiedersehen wirst. Wie willst du das schaffen, mein kleiner Freund?«

Ohle erhob sich und lächelte, wie es seine Art war. Dann antwortete er, indem er seine Arme ausbreitete und seine Laterne herbeirief. »Du schönstes aller Lichter, komm herbei, ich rufe dich.«

Ein Raunen wurde bei den Minitrollen laut, als tatsächlich Ohles Laterne erschien und er sie in seine Hände nahm. Glücklich lächelnd sah er zu Albanarius und hielt ihm das leuchtende Stück vor die Nase. »Ich weiß nicht, ob euch das mit euren Sachen auch gelingt, doch ihr solltet es versuchen. Ansonsten wäre da noch ein kleines Loch in der Wand. Es ist ganz hinten in einer der dunklen Ecken. Die Mäuse nutzen es, und wenn ihr es ein wenig vergrößert, so passt bestimmt schon bald der dickste Minitroll hindurch. Und wenn die Herren Magier, die sich so gern mit ihren Zauberstäben schmücken, sich ab heute in der Handzauberei üben würden, so könnten sie schnell die schwarze Magie übertölpeln.«

Zähneknirschend gab Albanarius dem kleinen Ohle recht. »Es stimmt schon – wir Nekromanten verlassen uns lieber auf die Kraft unserer Zauberstäbe. Doch um deinen guten Rat anzunehmen, mein lieber Ohle, ist es vielleicht noch nicht zu spät. Ich hatte da mal vor vielen Hundert Jahren ein schönes Zauberbuch vom großen Magier Meerland in den Händen. Das habe ich gelesen und Meerland hat darin aufgeschrieben …«

»Ach ne, was hat er denn aufgeschrieben?«, fuhr der Hauptmann den Nekromanten an. »Du hast doch bestimmt schon längst die Hälfte vergessen. Ohle, Bebo und Vinus sind jedenfalls absolut gute Handmagier und sie haben einen entscheidenden Vorteil.«

»Soso, und welcher Vorteil wäre das?«, fragte Albanarius und er beugte sich zu dem kleinen Hauptmann herunter. Er sah den Minitroll mit funkelnden Augen an und zog seine Augenbrauen eng zusammen, wie er es oft tat, wenn seine gute Laune dahin war.

»Na das liegt doch auf der Hand«, erklärte der Hauptmann unbekümmert. »Sie leben noch und sie sind unsere Freunde. Also solltest du die Handmagie von ihnen lernen, du eingebildeter Hohlkopf.«

»Was sagst du da?!«, ereiferte sich Albanarius »Ich bin also für dich nur ein Hohlkopf, du frecher …!«

»Schluss jetzt!«, beendete Gordal mit lautem Ton die Unterhaltung der beiden ungleichen Freunde. »Wir haben noch eine Menge Arbeit zu erledigen. Da sollten wir zusammenhalten und uns nicht streiten.« Der Elf stellte sich vor Albanarius auf und sah in grimmig an. »Ich werde gleich mit der Vergrößerung des Mäuselochs beginnen. Es wäre sehr gut, wenn du dir überlegst, wie wir aus diesem unterirdischen Reich herauskommen. Und wir sollten unseren Freund Cylor nicht vergessen.«

»Ja genau, den sollten wir auch noch suchen«, mischte sich Snobby ein. Der Kobold fuchtelte wild mit den Händen herum und schimpfte laut los. »Er ist wohl bei seiner Ankunft hier irgendwo falsch abgebogen. In diesen blöden Höhlen muss der Kerl irgendwo stecken. Der kann sich doch nicht so einfach in Luft aufgelöst haben. Was wir brauchen, ist eine Karte von dem Reich der Dämonen. Und eine Sache interessiert mich außerdem noch brennend.«

Snobby rückte seinen Zylinder zurecht und breitete dann die Arme aus, als er seine Frage stellte. »Wo sind denn die anderen acht Dämonenfürsten abgeblieben? Ich habe nur den Imperos gesehen. Der Rest der Sippschaft ist wohl gerade in der Küche abgeblieben?«

Der Nekromant sah den aufgebrachten Snobby verdutzt an. »Du weißt es also noch gar nicht«, begann er zu erzählen. »Als die Dämonen ihre letzte Schlacht gegen den Schöpfer und seine Heerscharen verloren hatten, wurde das Dämonenreich mit Felsen und Steinen eingeschlossen. Nie wieder sollte ein Dämon in die Welt der weißen Magie eindringen. Imperos war vorsichtig genug, um der Versuchung zu widerstehen, denn er wagte nie einen Ausbruch. Doch die anderen acht Fürsten wollten den Aufstand gegen den Schöpfer fortsetzen. Also suchten sie sich einen Weg, um ihr Reich zu verlassen. Sie fanden den Schacht eines Brunnens, der so tief war, dass er bis in ihr Reich gelangte. Damit sie in unsere Welt kommen konnten, begingen sie eine furchtbare Tat. Sie erschlugen alle Dämonen, die in der letzten Schlacht vor den Drachen und den Riesen zurückgewichen waren. Sie beschuldigten diese Krieger der Feigheit und erklärten, dass durch sie die Schlacht verloren wurde. Mit dem Blut dieser Dämonen füllten sie dann den Brunnenschacht. Ihre schwarze Magie verhindert seit dem, dass dieses Blut den Brunnen verlassen kann. Als Imperos davon erfuhr, hat er die acht Fürsten, die ohne ihn weiter kämpfen wollten, hart bestraft. Er nahm ihnen ihre Macht, indem er ihnen ihre Hörner aus ihren Köpfen riss und sie in ein besonderes Verlies brachte. Dort hören sie seit dieser Zeit immer wieder die Schreie und die Verwünschungen der Dämonen, die sie selbst getötet haben. An magische Ketten gefesselt warten sie auf den Augenblick ihrer Freiheit. Dazu muss Imperos ihnen ihre Hörner wiedergeben. Doch das wird er erst tun, wenn er selbst in unsere Welt eindringen will. Vorher muss er sich noch mit den sieben Söhnen des Schöpfers verbünden. Und dafür braucht er wahrscheinlich seinen Sohn Dämonicon.«

Snobby rückte sich wieder seinen Zylinder zurecht. »Ich verstehe«, sprach er leise, so als wollte er nur zu sich selbst reden. »Dämonicon hat mit diesen Söhnen des Schöpfers schon einmal ein unheilvolles Bündnis geschmiedet.

Doch dann haben die sieben Alten den Kampf aufgegeben und sind verschwunden. Und wir stecken nun mitten drin, in diesem Kampf um Macht und Magie. Und das auch noch in einem Reich, in dem der oberste Fürst sogar über das Blut seiner Untertanen herrscht.«

»Genau so ist es«, fügte der Hauptmann hinzu. »Und damit wir weiter kämpfen können, müssen wir aus diesem Verlies heraus kommen. Gordal ist schon zu dem Mäuseloch gegangen und deine Brüder versuchen gerade, die Handmagie hier im Dämonenreich anzuwenden. Sie wollen einen Blitz herbeizaubern.«

Snobby nickte nur und ging ebenfalls zu dem kleinen Loch, durch das wirklich nur die Mäuse passten. Gordal kniete davor und wollte mit einem großen Stein das Loch so erweitern, dass wenigstens einer der Minitrolle durchschlüpfen konnte.

Snobby tippte den Elf an der Schulter an und nahm seinen Zylinder vom Kopf. »Mit dem Stein schaffst du es nie«, erklärte er Gordal. Der Fels ist so hart, dass du hier in hundert Jahren noch hämmerst und klopfst. Geh zur Seite und schau dir an, was man alles mit einem Hut alles machen kann.«

Der Elf stand auf und trat verwundert zu Seite. Mit staunen sah er zu, wie Snobby seinen Zylinder beschwor. Kleine Blitze schossen aus ihm heraus und fuhren in den Felsen hinein. Ein einzelner Blitz wirkte nicht besonders stark, doch ihre Anzahl war es, die nach und nach den Felsen bröckeln ließen und so das Mäuseloch vergrößerten.

»Meine Magie steckt in meinem Spazierstöckchen und in meinem Hut«, erklärte Snobby dem begeistert dreinschauenden Elf. »Sie haben nur die Hälfte meiner Kräfte erwischt, als mir die Dämonen mein Stöckchen nahmen.«

Gordal rieb sich die Hände und sah zu dem kleinen Hauptmann. »Noch einen kleinen Augenblick. Dann seid ihr Minitrolle an der Reihe. Ihr müsst unsere Sachen finden und unseren Freund Cylor. Doch seid vorsichtig, wenn ihr in den vielen Gängen umherschleicht. Hier sind die Krieger wachsam, denn sie schlafen niemals.«

Der Hauptmann sah sich das Loch an und grinste frech wie immer, als er sich zu dem Elf umdrehte. »Für uns Minitrolle ist es gerade groß genug. Ich schicke die vier besten Späher, um unsere Flucht vorzubereiten«, erklärte er. »Sie sind wahre Meister, das verspreche ich dir.«

Die Augen des Hexers

Der Riese Kalon, der höchste Priester von Ando-Hall, ging zu später Stunde mit einer Fackel in seiner rechten Hand durch die Hallen seines Tempels. Zwei weitere Priester begleiteten ihn. Als sie in der größten Halle vor den Altar traten, der nicht viel mehr als ein großer flacher Stein war, knieten sie nieder. Auf diesem Altar stand eine Tafel, die für die Riesen ein überaus wertvolles Heiligtum darstellte. In großen Buchstaben waren auf ihr die wichtigsten Gebote des Schöpfers eingemeißelt, und kein Riese wagte es, sich gegen diese Gebote aufzulehnen.

Doch es gab seit kurzer Zeit eine Ausnahme. Cromber, der Bruder des toten Fürsten Taurus, beanspruchte die fürstliche Macht für sich. Kalon konnte sich nicht gegen diesen Anspruch auflehnen, auch wenn ihm Prinz Artem als Fürst tausend Mal lieber wäre. Cromber hatte mit den Kriegern seiner Sippe und einigen weiteren verbündeten Riesen Ando-Hall besetzt. Seit dem erwartete Kalon mit Sorge die Ankunft von Artem. Der Priester wusste, dass Cromber dem Prinzen die Reise zum heiligen Tempel erschweren würde. Doch er war sich sicher, dass Artem einen Weg nach Ando-Hall fand. Am nächsten Tag wollte sich Cromber zum Fürsten ausrufen lassen und seinen eigenen Neffen zum Verräter erklären. Damit durfte jeder andere Riese den Prinzen töten und Cromber musste sich selbst die Hände nicht mehr mit dem Blut des Sohnes seines toten Bruders besudeln.

Ein schwarzer Schatten flog durch die Hallen der wahrhaft großen Tempelanlage von Ando-Hall. Die Stadt, die um den Tempel erbaut worden war, lag in tiefem Schlaf und niemand störte den finsteren Eindringling. Er flog zu dem nur spärlich beleuchteten Altar, wo er sich hinter einer der vielen weißen Marmorsäulen verbarg, die in dem Tempel stand, und das steinerne Dach stützte.

Von seinem Platz aus konnte der Hexer die drei Priester gut belauschen. Obwohl sie nur flüsterten, fiel es ihnen schwer, ihren Zorn über die neuesten Nachrichten zu unterdrücken. Der Hexer verstand jedes einzelne Wort.

»Er hat es gewagt«, zischte Kalon leise, ohne den Blick von den heiligen Geboten der Altartafel zu nehmen.

»Ja, das hat er«, zischte einer der beiden anderen zurück. »Ein Teil der Nachricht ist jedoch gut für uns«, raunte der dritte Priester und er faltete seine Hände.

»Wir ziehen uns lieber zum Gebet in unsere Kammern zurück«, entschied Kalon. »Hier können wir nicht ungestört reden, denn die Wände haben überall Ohren.«

Die Priester standen auf und verneigten sich noch einmal vor dem Altar. Als sie gegangen waren, näherte sich der Hexer dem Heiligtum. Eine unerklärliche magische Aura drückte ihn jedoch immer wieder zum Ausgang der Halle zurück. Er kam einfach nicht nah genug an den Altar heran. Ihn interessierten weder die Tafel noch der große flache Stein. Er wollte zur Wand, die sich hinter dem Altar befand. Die Priester hatten sie mit einem Tuch verdeckt. Doch es wusste jeder Riese, was an an der Wand unter dem Tuch zu sehen war. Es war die Karte, die den Weg nach Dragon-Gorum zeigte.

Auf einmal hallten Schritte durch den Tempel und der Hexer zog sich in die Dunkelheit der Schatten zurück, die die Säulen in die Tempelhalle warfen. Ein klapperndes Geräusch verriet ihm, dass der Riese, der die Halle betrat, eine Rüstung und Waffen trug.

»Morwes …« erklang leise die Stimme des Riesen. »Komm aus deinem Versteck und zeige dich«, rief der Riese nun erheblich lauter. Der Hexer kam hinter einer der Säulen hervor, die hinter dem Riesen standen.

»Du hast mich gerufen, Cromber?«, fragte Morwes. Der Riese erschrak und drehte sich um. »Ja, ich habe dich gerufen«, flüsterte er und er sah furchtsam nach allen Seiten. »Du hast es bestimmt schon gehört«, flüsterte Cromber weiter und er wischte sich den Schweiß von seiner Stirn. »Artem wird bald mit dem Drachenkönig eintreffen. Er soll noch andere überaus mächtige Gefährten bei sich haben.«

Der Hexer spürte sofort die Angst des Riesen. Er streckte ihm seine Hände entgegen und drang mit der Hilfe seiner schwarzen Magie tief in das Bewusstsein von Cromber ein. Der Hexer wusste genau, was er wollte, denn er tat es schon einmal. Es dauerte nur den Bruchteil eines Augenblicks und er hatte den ängstlichen Kraftprotz wieder in seiner magischen Gewalt.

Mit hoch erhobenem Haupt und vor Stolz geschwellter Brust stand der Riese vor dem viel kleineren Hexer und er hörte sich seine Worte an. »Die Jagdadler deiner Krieger verbreiten die Nachricht, dass dein Feind bald kommen wird und das er starke Freunde bei sich hat. Doch sei ohne Furcht, mein heldenhafter Cromber. Sie können dich nicht bezwingen, denn das Recht deiner Ahnen ist auf deiner Seite. Artem kann nur zum Fürsten ausgerufen werden, wenn er dich besiegt. Und diesen Sieg wird er nie erringen, denn ich werde dir etwas geben, dass dir helfen wird.«

Morwes schwebte plötzlich dicht vor Crombers Kopf und er sah ihm tief in die Augen. Der Hexer öffnete seinen Mund und hauchte eine kleine schwarze Wolke heraus. Cromber zog sie mit seinem nächsten Atemzug in sich hinein. Nun drangen aus den Augen des Hexers zwei Blitze, die in den Kopf des Riesen hinein fuhren. Cromber schwankte ein wenig, doch die Kraft seines Körpers ließ ihn nicht im Stich.

»Der Geist, der nun in dir steckt, wird dir helfen«, erklärte Morwes. »Du kannst im Kampf nicht mehr versagen, denn deine Furcht wird dich nicht mehr hindern. Die kleine schwarze Wolke, die soeben in deinem Kopf gefahren ist, wird dich zu jeder Zeit an den Pakt erinnern, den du mit mir eingegangen bist. Solltest du dennoch versagen, wirst du sterben.«

Der Hexer sah dem Riesen in die Augen. Er erkannte schnell, dass Cromber den letzten Rest seines eigenen Willens verloren hatte und der kleine schwarze Geist in seinem Kopf herrschte. Noch einmal schossen zwei kleine Blitze aus Morwes Augen und fuhren in den Kopf des Riesen. Doch dieses Mal schwankte Cromber nicht mehr.

Wieder ertönten Schritte, die aus den angrenzenden Räumen zu hören waren. Der Hexer sah sich hastig um und zischte den Riesen leise noch etwas zu, bevor er sich wieder hinter den Säulen in den Schatten verbarg. »Das sind bestimmt deine Wachen, die dich bereits suchen. Lass dir nichts anmerken und sieh dich vor deinen Priestern vor. Sie sind dir nicht gutgesinnt und sie würden dir einen Dolch von hinten in dein Herz jagen, wenn sie nur könnten.«

Cromber nickte nur und sah zu, wie der Hexer verschwand. Tatsächlich kamen ihm zwei seiner Krieger entgegen. Sie deuteten eine Verbeugung an und sahen besorgt zu ihrem Anführer.

»Geht es dir gut, mein Herr?«, fragte einer der Krieger. Cromber wirkte, als hätte er die Frage nicht gehört. »Ich habe Durst«, sagte er und er holte tief Luft. Sein Körper straffte sich und er betrachtete die beiden Krieger, die ratlos vor ihm standen. Seine Miene verfinsterte sich und er streckte seinen Kopf in die Höhe. »Was schaut ihr mich so an?«, knurrte er mit tiefer Stimme. »Ich werde in meinem Gemach noch einen Becher Wein trinken und ihr zwei seht euch vor Kalon und seinen Priestern vor. Ich traue ihnen nicht über den Weg.«

Hastig nickten die beiden Krieger. Sie sahen Cromber nach, wie er langsam mit hoch erhobenem Haupt und vor Stolz geschwelter Brust die große Halle durchschritt und im Schatten der Nacht verschwand. Die Krieger sahen sich an und einer von ihnen brummte leise vor sich hin, was er gerade dachte. »Er wird immer merkwürdiger. Vor wenigen Wochen wollte er noch nicht einmal daran denken, dem Prinzen die Stirn zu bieten. Und morgen will er sich zum Fürsten ausrufen lassen. Woher nimmt er auf einmal diesen Mut.«

»Das ist eine gute Frage«, antwortete der zweite Krieger. »Ich denke mal, dass es etwas mit der Gier nach der Macht zu tun hat. Wenn ich Fürst werden wollte, so würde ich jede Angst vergessen und meinen Feinden entgegen treten.«

Etwas nachdenklich rieb sich der erste Krieger sein Kinn. »Du würdest so handeln, weil du den Mut in deinen Knochen hast. Doch Cromber ist bisher jedem Kampf ausgewichen. Er hat sich in keinem Zweikampf bewährt und unser alter Fürst, der sein eigener Bruder war, hat ihn dafür nur verhöhnt und verspottet. Cromber hat nie den Mut gehabt, sich gegen Taurus aufzulehnen. Und jetzt will er selbst Fürst werden.«

Der zweite Krieger packte seinen Kameraden am Kragen seines Mantels und sah sich vorsichtig um. Dann flüsterte er so leise, dass es Morwes trotzdem in seinem Versteck hören konnte. »Man erzählt sich vieles in letzter Zeit. Vorhin habe ich gehört, dass morgen der Prinz Artem mit einigen mächtigen Freunden hier eintreffen wird. Außerdem soll sich in Ando-Hall ein schwarzes Wesen herumtreiben. Mit seinen Augen soll dieses Wesen jeden in seinen Bann ziehen können, der sich gegen ihn stellt. Kalon, der oberste Priester hat es einem der anderen Sippenältesten heimlich anvertraut. Ich habe sie belauscht und du kannst mir glauben. Mir ist bei diesem Gespräch heiß und kalt zur gleichen Zeit gewesen.«

Der erste Krieger sah sich bei diesen Worten furchtsam im Tempel um. »Ich weiß, was du meinst«, flüsterte er und der Schweiß trat auf seine Stirn. »Bei unserer letzten Runde habe ich etwas gesehen.«

Er sah zum Altar, so als wollte er sich vergewissern, dass selbst der Schöpfer ihn nicht hören konnte. »Eine schwarze Gestalt – sie sah wie ein fliegender Kleiderfetzen aus – flog zwischen den Säulen herum. Doch Kalon und zwei seiner Priester kamen und gingen zum Altar. Da wollte ich nichts sagen, denn ich mache mich nicht gern lächerlich. Doch nun bin ich mir nicht mehr sicher, ob wir es doch verschweigen sollten.«

Die Blicke des zweiten Kriegers wanderten rasch durch die Halle. Er gab seinem Kameraden mit dem Kopf einen unmissverständlichen Wink. »Los, wir gehen zu Kalon. Der soll sich anhören, was wir zu melden haben. Er weiß viel besser als wir, was nun zu tun ist.«

»Du hast recht«, stimmte der erste Krieger zu. »Danach gehen wir zu den anderen Kriegern, die in der großen Trinkhalle sind. Wir sollten sie warnen und ihnen erklären, dass niemand Cromber dienen soll. Ich habe seit Tagen über diesen Kerl nachgedacht und ich bin mir sicher, dass er die Fürstenwürde niemals im ehrlichen Zweikampf erringen kann.«

Die beiden Krieger wendeten sich zum Ausgang der heiligen Halle. Doch der schwarze Hexer folgte ihnen und holte sie kurz vor dem Tor ein. Er schwebte plötzlich vor ihnen und sah sie mit glühenden Augen an. Dann streckte er seine Hände in die Höhe und ein Schwall kleiner Blitze fuhr vor den beiden Kriegern in den Boden. Erschrocken wichen sie zurück und sahen mit Entsetzen in die rot glühenden Augen von Morwes. Der schwebte mit seinem flatternden schwarzen Gewand über ihnen und ließ seine Blitze auf sie herab regnen. Die Krieger konnten sich nicht mehr rühren und wurden immer kleiner. Langsam nahmen sie die Gestalten von steinernen Figuren an. Mit der Kraft seiner schwarzen Magie zerschlug der Hexer die Figuren, sodass nur zwei Häufchen Staub übrig blieben. Zufrieden sah sich Morwes sein Werk an.

Leise flüsterte er etwas vor sich hin, und seine boshafte Schadenfreude schwang in seiner Stimme mit. »Diese beiden Narren werden niemanden warnen. Der Kraft meiner Augen konnte noch kein sterbliches Wesen widerstehen. Wenn Cromber erstmal der Fürst aller Nachtaugenriesen ist, werden sie sich niemals wieder mit dem Schöpfer verbünden. Sie werden sich vor der Macht der schwarzen Magie verbeugen und für meinen Herrn in die Schlacht ziehen.« Der schwarze Hexer rieb sich die Hände und kicherte. »Ha ha, das wird Imperos erfreuen - da bin ich mir sicher.«

Auf Leben und Tod

Es war noch früh am Morgen, als die Signalhörner der Stadtwachen die Ankunft des Prinzen Artem und seiner Freunde ankündigten. Im majestätischen Flug schwang der Drachenkönig seine riesigen Flügel, als er das große Tor der Stadt der Nachtaugenriesen erreichte. Er überflog es, ohne zu zögern, und landete direkt vor dem Tempel von Ando-Hall. Ihm folgten Orbin, Knurr und Barbaron auf ihren zwei Flugschalen. Tabor sprang als Erster vom Rücken des Drachen. Er landete auf einem Haufen Schnee, den die Priester des Tempels zusammengefegt hatten. Sie wollten wohl nicht, dass ihn jemand festtrat, und er so glatt wurde, wie das Eis eines zugefrorenen Sees. Das hätte selbst die Landung eines Drachenkönigs erschwert.

Gestützt auf einem großen Stab stand der oberste Priester Kalon vor dem Tempel und betrachtete mit einem kaum erkennbaren Lächeln den Drachen. Auch der Zauberer und der Kobold mit ihren Flugschalen entgingen nicht seiner Aufmerksamkeit. Was dieses fremdartige kleine Wesen war, dass der Kobold bei sich hatte, konnte er sich nicht denken. So einen kleinen Troll hatte Kalon noch nie gesehen. In seinem weißen Mantel und in seiner Kapuze hatte sich der Wind ein wenig verfangen. Er schien den Priester zu dem Prinzen zu schieben. Doch Kalon blieb trotz des Windes steif wie eine Säule stehen und erwartete Artem auf der obersten Stufe der Treppe, die zum Tor des Tempels führte. Seine Miene verriet in diesem Augenblick niemandem, was er gerade dachte.

Langsam schritt der Prinz allein die sieben Treppenstufen zum Eingang empor. Vor dem Priester blieb er stehen und verneigte sich. Mit gebührendem Abstand zu dem Drachen und den anderen Freunden des Prinzen versammelten sich die Riesen in großer Zahl vor dem Tempelplatz. Jeder wollte Artem sehen und die meisten von ihnen bestaunten die Größe von Urgos. Der Drache richtete sich auf seine Hinterbeine auf und schlug noch einmal mit seinen Flügeln. Dann sah er sich grimmig um, und als er sah, dass seine beeindruckende Gestalt bei den Riesen die erhoffte Wirkung zeigte, wendete er seinen Kopf zurück zu dem, was vor dem Tempel geschah. Tabor kletterte auf seinen Rücken und gab ihm einen freundschaftlichen Klaps.

Barbaron hatte sich auf Orbins linke Schulter gesetzt und sah kurz zum Himmel. Da oben war es immer noch finster und der kommende Tag hatte Mühe, sich mit seiner Helligkeit zu zeigen. Die Wolken hatten sich dicht zusammengezogen und es schien so, als ob es jeden Augenblick einen dichten Schneefall geben würde. Knurr hatte der Flug hier her nach Ando-Hall am meisten zugesetzt. Er reckte sich und versuchte so, seine steifen Glieder zu dehnen. Ein seltsamer Geruch lag in der Luft und er sah sich sofort aufmerksam um.

Auch Orbin schien diesen Geruch bemerkt zu haben, denn er hatte plötzlich seinen Zauberstab in seiner rechten Hand. »Bleib ruhig auf meiner Schulter sitzen, doch achte auf alles, was sich hier tut«, flüsterte er dem kleinen König aller Minitrolle zu.

»Du hast es also auch bemerkt«, raunte Barbaron dem Nekromanten ins Ohr. »Es stinkt ein kleines Bisschen nach modrigem Lumpen und schwarzer Magie. Da ist wohl so ein dreister Hexer in der Nähe.«

Orbin nickte nur und sah zu Artem, der gerade von den Priestern mit Brot und Salz und einem überaus freundlichen Willkommensgruß geehrt wurde.

Aus der großen Trinkhalle trat jetzt auch Cromber ins Freie. Er hatte bis zum frühen Morgen mit einigen Kriegern seiner Sippe gefeiert, bevor ihn der Schlaf überkam und ihn seine Saufkumpane einfach auf den Tisch gelegt hatten. Der Rausch des süßen Weines, der eben noch in seinem Schädel alles zum Drehen brachte, verzog sich schnell in der Morgenluft. Langsam ging er zum Tempel, wo Artem gerade ein Stück Brot mit Salz in seinen Mund stopfte und den Gruß des Priesters erwiderte.

Ohne den Drachen weiter zu beachten, der vor der Treppe des Tempels stand, ging Cromber auf Artem zu. Sein finsterer Blick ließ Kalon zurückweichen, als er sich vor dem Sohn seines toten Bruders breitbeinig hinstellte und ihn an der Schulter berührte. »Du wagst es also tatsächlich, mich herauszufordern«, sprach Cromber. Er stellte sich dicht vor Artem auf, sodass sich ihre Nasen beinah berührten.

»Es ist lange her, Onkel, dass wir uns gesehen haben«, antwortete Artem. »Damals warst du ein freundlicher Mann, den jeder Riese für seine Klugheit und seine Friedfertigkeit ehrte und respektierte. Mein Vater, der dein Bruder war, fragte dich oft um Rat. Du hast ihn nie enttäuscht und immer gewusst, was richtig und was falsch war. Wo ist deine Weisheit geblieben, Onkel? Sag mir, was mit dir geschehen ist.«

»Was mit mir geschehen ist, willst du wissen!?« Cromber stieß den Prinzen ein Stück von sich weg und ballte die Fäuste. »Ich bin aufgewacht, mein lieber Neffe! Dein Vater und du – ihr wolltet mich schon früher von der fürstlichen Macht fernhalten! Doch ich will nicht mehr zusehen, wie jemand aus meiner Familie herrscht und ich übergangen werde!«

Artem wurde bei diesen Worten selbst wütend und er stellte sich dicht vor Cromber hin. Seine geballten Fäuste knackten und seine Muskeln spannten sich unter seiner dicken Haut. »Niemand übergeht dich, Onkel!«, brüllte er los. »Wir haben dich alle geachtet, auch wenn du kein so großer Krieger bist, wie es unser toter Fürst einst war! Er hat dich mehr geliebt, als jeden anderen und er hat dir immer vertraut!«

Auch Cromber ballte seine Fäuste und Artem atmete tief durch, ehe er weiter sprach. »Sag hier an diesem heiligen Ort nichts anderes Onkel, und versuche nicht, mir mit Gewalt mein Erbe zu nehmen. Das Gesetz der Nachtaugenriesen sagt, dass das Amt des Fürsten immer vom Vater auf den Sohn übergeht.«

Kalon hatte noch immer das Brot und das Salz in seinen Händen, als er unwillkürlich dem Prinzen zustimmte. »Er hat recht, Cromber. Du bist der Herr deiner Sippe und Artem wird unser Fürst werden. So will es das Gesetz unserer Ahnen. Wenn dir das nicht gefällt, so musst du ihn auf Leben und Tod herausfordern.«

Wütend schlug Cromber dem zitternden Priester das Brot mit dem Salz aus den Händen. Dann brüllte er los. »So soll es sein! Ich bin Cromber! Ich bin selbst der Sohn eines Fürsten, so wie es mein älterer Bruder war! Und deshalb fordere ich Artem zum Kampf heraus!« Mit Hass in den Augen sah Cromber den Prinzen an und er streckte ihm seine rechte Hand entgegen. »Wir beide sind Todfeinde!«, rief er aus. »Wenn der heutige Tag seine erste Mittagsstunde hat, so werden wir uns hier vor dem Tempel treffen, und wenn es Nacht wird, so ist einer von uns tot und der Andere ist der neue Fürst aller Nachtaugenriesen. Solltest du nicht pünktlich erscheinen, so lasse ich dich jagen und töten, so wie ich den Wolf jagen und töten lasse, der meine Schafe reist!«

Artem war, als hätte ihm jemand mit einem Brett auf dem Kopf geschlagen. Der Hass seines Onkels war ihm unerklärlich. »Ich werde zur Mittagsstunde hier vor dem Tempel sein«, sprach er mit erstickender Stimme. Dann drehte er sich um und ging zu dem Drachenkönig.

»Ein böses Unheil hat sich in den Mauern eurer Stadt versteckt«, raunte Urgos Artem zu. Der Prinz nickte nur und sah zu einer großen Gruppe Riesen, die auf ihn zukamen. Sie umringten ihn und begrüßten ihn freudig. Nicht alle Riesen waren für Cromber und seine Machtansprüche. In Ando-Hall gab es viele alte Familien, die dem toten Fürst Taurus treu ergeben waren und nun seinem Sohn halfen.

Nicht weit vom Eingang des Tempels stand eines der größten Häuser der Stadt. Daneben befand sich ein großer Hof, der von einer hohen Mauer umgeben war. Dorthin, in das Haus eines alten Freundes von Artem, zogen sich die Ankömmlinge und die Freunde des Prinzen zurück. Es gab noch so einiges, was besprochen werden musste und Artem wollte sich noch ein wenig ausruhen, bevor er vor dem Tempel noch einmal seinem Onkel gegenübertrat.

Das Haus und der Hof, durch dessen großes Tor Urgos gerade so durchpasste, gehörte dem Riesen Tritor. Er diente schon Taurus als Waffenmeister und er war Artem ein treuer Freund. Für die Riesen war ein Waffenmeister ein heiliger Mann. Der Prinz bekam sofort in einem riesigen Bottich ein heißes Bad. Anschließend wurde er von einigen Dienerinnen in neue Kleider gehüllt. Dann musste er sich in die Empfangshalle des Hauses begeben, wo schon seine Freunde warteten. Nun bekam er einen kräftigen Schweinebraten vorgesetzt und Tritor stand von seinem Platz auf. Alle anderen Riesen erhoben sich ebenfalls und hielten ihre Becher in den Händen.

»Wir trinken auf die Heimkehr unseres Prinzen!«, rief der Waffenmeister aus. »Auf den Prinzen!«, schallte es durch die Halle. »Auf Artem, dem einzigen und rechtmäßigen Fürsten!«

Die Becher wurden in einem Zug geleert und krachend auf den großen Tisch zurückgestellt, der für Tritors Freunde und Gäste aufgestellt worden war. Sofort machte sich eine überschwängliche Freude bei den Riesen breit. Mehrfach erhoben sie ihre Becher und ließen den Prinzen hochleben.

Tritor bemerkte das mit wachsendem Unmut. Als er genug von den Jubelrufen hatte, schlug er mit beiden Fäusten auf den Tisch, sodass alle Teller und Becher in die Höhe sprangen. »Ich sag es dir hier vor allen deinen versammelten Freunden!«, erklärte der Waffenmeister lautstark. Er beugte sich mit finsterer Miene weit zu Artem über den Tisch. Dabei stützte er sich mit beiden Händen auf die groben Eichenbohlen, aus denen der Tisch bestand. »Du warst viel zu lange fort, und du hast es versäumt, die zahlreichen Feinde in den eigenen Reihen zu bekämpfen.«

Wenn Barbaron einen Mantel angehabt hätte, so würde ihm nun in diesem Augenblick bestimmt der Kragen platzen. Er sprang wütend von Orbins Schulter herunter und landete genau vor Tritors Kopf auf dem Tisch. Noch bevor jemand etwas sagen oder tun konnte, antwortete der kleine König dem Waffenmeister. »Ich bin in deinem Haus nur einer deiner Gäste! Doch du bist mir ein großes Stück zu vorlaut! Du schuldest deinem zukünftigen Fürsten erheblich mehr Respekt!«

Grinsend stand der Prinz auf und sah den erstaunten Tritor in die Augen. In ihnen war nichts mehr vom Zorn zu sehen und die Verwunderung des Waffenmeisters löste bei einigen der Gäste ein verhaltenes Kichern aus.

»Dieser kleine Freund heißt Barbaron«, erklärte Artem. »Er ist der König aller Minitrolle und er kann selbst dich im Kampf besiegen. Das hat er schon mehr als einmal bewiesen.«

Der Prinz setzte sich wieder, als Tritor seine Verwunderung überwand und sich ebenfalls auf seinen Stuhl niederließ.

»Ich bin nicht nur wegen Cromber hier«, sprach Artem weiter. »Hier, in Ando-Hall, geschehen merkwürdige Dinge. Ein schwarzer Hexer treibt in den ehrwürdigen Mauern unseres Heiligtums sein Unwesen. Er hat bestimmt die Gedanken meines Onkels beeinflusst und es geschafft, ihn mit seiner schwarzen Magie zu bannen. Ich muss also nicht nur Cromber besiegen. Es muss auch ein Wesen bezwungen werden, dass so boshaft wie eine heimtückische Schlange ist. Ich weiß, dass du es eben nur gut gemeint hast, als du mich an meine fürstlichen Pflichten erinnern wolltest.«

Der Waffenmeister sah für einen Moment etwas kleinlaut in seinen leeren Becher. »Seit Tagen bin ich fast krank vor Sorge um dich«, sprach er mit bebender Stimme. »Immer wieder habe ich versucht, die anderen Sippen von einem Bündnis mit Cromber abzuhalten. Doch es ist mir bei vielen der Ältesten nicht gelungen. Die meisten Anführer werden dir erst wieder folgen, wenn du deinen Onkel besiegt hast.«

Tritor sah zu Artem hin und seine Gestalt straffte sich. »Sei ohne Furcht, mein Prinz. Ich weiß, was Cromber vorhat. Er ist kein guter Kämpfer, wenn er ein Schwert oder eine Keule in seinen Händen hält. Deshalb wird er gegen dich ohne Schild mit einer großen Streitaxt kämpfen. Diese Axt ist wahrlich ein mit zwei Händen zu führender Schädelspalter. Mit dieser Waffe kann er sehr gut umgehen. Ich habe dir deshalb eine Rüstung anfertigen lassen, die leicht wie eine Feder ist und dich nicht behindert. Dein Vorteil wird deine Schnelligkeit sein.«

Artem sah zu, wie einige Diener neben dem Tisch ein großes Arsenal an Waffen und Rüstungen ausbreiteten. Er hob eine Keule auf, die mit eisernen Dornen bespickt war, und betrachtete sie. Tritor und die Freunde umringten den Prinzen und Urgos steckte seinen Kopf durch eine der Türen, die zum Hof führte.

Artem sah zu Orbin und Knurr. »Ich werde auf dem Platz vor unserem heiligen Tempel gegen Cromber kämpfen und ihr werdet den Hexer jagen. Wenn ihr ihn vernichtet habt, so wird es an Cromber selbst liegen, ob einer von uns das Blut des anderen vergießt. Mit meinen Gebeten kann ich den Schöpfer nur bitten, es zu verhindern.«

Als die erste Mittagsstunde anbrach, versammelten sich die Sippenältesten der Riesen mit ihren Familien vor dem Tempel. Selbst die Frauen und Kinder wollten sich den Zweikampf nicht entgehen lassen. Der Platz, der vor dem Tempel lag, wurde noch einmal von den Priestern gefegt und mit feinem Sand bestreut. Keiner der beiden Kämpfer sollte ausrutschen und so den Kampf verlieren. Der Sieg musste in den Augen aller Riesen ehrlich errungen sein.

Das große Hoftor des Waffenmeisters Tritor öffnete sich langsam mit einem unangenehmen Quietschen. Als die Riesen, die vor dem Tor standen und warteten, den Prinzen Artem und sein Gefolge erblickten, bildeten sie eine Gasse. Ungehindert gelangte Artem so auf den Platz vor dem Tempel. Dort schlug einer der Priester mit beiden Händen auf eine große Pauke ein. Daraufhin öffnete sich das Tor des Tempels und Cromber ging langsam die Stufen der Treppe hinab. Er ging mit seinem Gefolge bis zum Rand des Platzes und er beachtete den Prinzen zunächst nicht.

Als die Pauke schwieg und die Riesen einen undurchdringlichen Kreis um den Kampfplatz gebildet hatten, trat Kalon in die Mitte und sah sich mit strengem Blick in alle Richtungen um. Er bemerkte gleich, dass der Drache und die anderen Freunde des Prinzen nicht zu sehen waren. Das beruhigte ihn ein wenig, denn er hatte befürchtet, dass einer von ihnen den Kampf mit Magie beeinflussen könnte. Und da sich die meisten Riesen denken konnten, dass er, der höchste Priester von Ando-Hall heimlich zu Artem hielt, würden einige der feindlich gesonnenen Ältesten ihn verantwortlich für alles machen. Auch dann, wenn er selbst keine Magie beherrschte. Das Orbin, Knurr und Barbaron bereits im Tempel waren und nach dem Hexer suchten, das konnte sich Kalon natürlich nicht vorstellen.

Mit einer großen Lanze bewaffnet, stand der Priester in der Mitte des Kampfplatzes. Er winkte die beiden Gegner zu sich. Cromber hielt, so wie es Tritor vorausgesagt hatte, eine große Streitaxt in seinen Händen. Artem vertraute dagegen einer mächtigen Keule. Sie trafen sich in der Mitte und sahen sich in die Augen. Cromber wirkte überaus entschlossen und Artem bemerkte kein Zögern in seinen Bewegungen. Sie trugen beide eiserne Helme und lederne Brustpanzer, die mit verzierten Eisenschuppen beschlagen waren.

Kalon rammte die Lanze in den Boden und schaute dann abwechselnd zu beiden Kämpfern. Dann stellte er ihnen die entscheidende Frage. »Wollt ihr hier an diesem heiligen Ort einen ehrlichen Zweikampf austragen, bis einer von euch aufgibt oder sein Leben lässt?«

»Das wollen wir«, erklärten beide Kämpfer zugleich. Kalon sah sie noch einmal mit seiner strengen Miene an und sprach weiter. »So soll der Sieger dieses Zweikampfes noch heute von mir zum Fürsten ausgerufen werden. Jeder Riese soll sich vor ihm verbeugen und ihn als seinen rechtmäßigen Herrn anerkennen. So will es das Gesetz und so soll es geschehen.«

Kalon drehte sich um und ging an den Rand des Platzes. Dort standen seine Priester mit ihren Lanzen. Sie waren bereit, jeden zu töten, der die Gesetzte des Zweikampfs missachtete. Es durfte niemand in den Kampf eingreifen. Wer tödlich getroffen war, der hatte keine Hilfe und keine Gnade zu erwarten.

Das wussten auch Artems Freunde, als sie sich in das Heiligtum der Riesen hinein geschlichen hatten. Barbaron war mit einem Trollsprung auf dem Dach des Tempels angekommen. Er hielt Ausschau nach dem schwarzen Hexer. Ihm entging nicht, dass plötzlich die Wolken aufrissen und die Sonne ihre Strahlen zum Kampfplatz schickte. Er sah, wie die blank geputzten Rüstungen von Artem und Cromber sich spiegelten und wie sie beide aufeinander zurasten. Sie prallten mit lautem Knall zusammen, ohne das einer von ihnen seine Waffe benutzen konnte. Sofort drückten sie sich gegenseitig weg und versuchten mit Axt und Keule mächtige Hiebe auszuteilen. Die Waffen prallten aufeinander und ein zähes Ringen begann.

Knurr erschien ebenfalls auf dem Dach und fauchte Barbaron an. »Du sollst dir nicht den Kampf anschauen! Such lieber den Hexer! Das ist unsere Aufgabe!« Barbaron sah verärgert zu dem Kobold und er wollte schon etwas Passendes erwidern, doch ein Raunen ging durch die Menge der Riesen und er drehte sich zum Kampfplatz um. Dort erhob sich gerade der Prinz vom sandigen Boden und drängte mit einigen Keulenschlägen Cromber zurück. Der Minitroll sah zurück zu Knurr, und dabei bemerkte er Morwes. Der Hexer hatte den Kobold und den Minitroll schon längst gesehen und sich in die Schatten der Säulen zurückgezogen, die neben dem offenen Tor des Tempels standen. Doch sein zerlumpter Mantel flatterte im Wind und verriet ihn so.

Sofort sprang Barbaron zu Knurr und landete auf seiner Schulter. »Ich glaube, ich habe ihn entdeckt. Siehst du die Säulen, die rechts neben dem Tor stehen?«, fragte er flüsternd den Kobold und er zeigte in die Richtung des Tores. Knurr sah angestrengt zu diesen Säulen, doch die Sonne blendete ihn so, dass er die schwarze Gestalt nicht erkennen konnte. »Ich bin mir nicht sicher, Barbaron. Wir sollten uns mit Orbin treffen. Der ist in der großen Halle und sucht dort in der Nähe des Altars nach unserem hässlichen Hexer.«

Sie verließen das Dach und trafen vor dem Altar den Nekromanten an. In der Zwischenzeit ging der Kampf mit absoluter Härte weiter. Cromber hatte den Prinzen an der linken Schulter verletzt. Die Wunde war nicht tief, doch sie blutete stark. Er selbst war von Artems Keule am rechten Bein getroffen worden. Zwei Stacheln der Keule waren tief in seinen Oberschenkel eingedrungen und auch Cromber blutete. Sie rangen beide nach Luft und standen sich für einen Moment lauernd gegenüber. »Verdammt noch mal, so weit hätte es nicht kommen müssen!«, fluchte Artem.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
291 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783960086222
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar