Kitabı oku: «Snobby und das Geheimnis der weißen Fee: Die Abenteuer der Koboldbande (Band 7)»
Jork Steffen Negelen
Die Abenteuer der Koboldbande
Siebter Teil:
Snobby und das Geheimnis der weißen Fee
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2017
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Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Die Legende der Alten
Das Tor von Selan
Die Krone der Schattenalp
Die Fallen des Barbaron
Der Bruder des Orakels
Laurus gefährliche Puppen
Die Stimme des Schicksals
Das Schwert des Generals
Auf der Suche nach den Elflingen
Bruder und Schwester
Die magische Hinrichtung
Dämonicons Flucht
Der Ausbruch
Das Geheimnis des schlafenden Tores
Die Jagd der Feenkönigin
Der Wächter des Bannes
Der Feuertempel
Der Hüter des Seelenfinders
Nachwort
Registerverzeichnis
Die Legende der Alten
Der eisige Nordwind wirbelte mit aller Macht den Schnee in den Tälern des Drachengebirges auf. Er trieb ihn gegen die felsigen Wände der Berge. Krachend brach hier und da ein Ast durch die Last der Schneemassen von einem der Bäume, die sich mit aller Kraft gegen die Mächte des Winters stemmten. Das Heulen des Windes vereinte sich mit den Jagdrufen der Wölfe, die hungrig durch die Wälder des Drachengebirges zogen. Sie waren auf der Suche nach Beute. Trotz ihres gewaltigen Hungers mieden sie jedoch die Orte, die ihnen zu unsicher waren.
Einer dieser Orte war die Insel Dragon-Gorum. Da sie von einer tiefen Schlucht umgeben war, durch die sich das eisige Gebirgswasser mit aller Macht seinen Weg bahnte, konnte ein sterbliches Wesen diesen unheiligen Ort nur schwer erreichen. Nicht nur die Schlucht mit dem reißenden Wasser, auch die felsigen Berge mit ihrem finsteren Wald und einem steinernen Labyrinth mussten überwunden werden.
Doch da war noch etwas, das jedes Wesen genau betrachtete, das nach Dragon-Gorum wollte, oder von dort kam. Ein magisches Tor wachte über den unheiligen Ort. Am Ende einer Felsenhöhle wartete es geduldig auf jeden Reisenden. Aufmerksam betrachtete es ihn, wenn er von Dragon-Gorum kam, oder dort hin ging. Und wenn es mit dem Reisenden sprechen wollte, zeigte es sein Gesicht.
Vor diesem Tor standen die Gefährten, die nur wenige Stunden vorher eine Reihe gefährlicher Abenteuer mit Mühe und Not überstanden hatten. Zwei von ihnen waren die Riesen Artem und Tritor. Da dem Fürsten der Nachtaugenriesen die Weinbecher von Albanarius Festtafel zu klein waren, trank er den edlen Rebensaft gleich aus einem der großen Krüge. Der Nekromant füllte sie mit der Hilfe seiner Magie bis zum Rand wieder auf, sobald einer der Krüge geleert war.
Der Waffenmeister Tritor hatte ebenfalls einen Krug in seiner linken Hand. Doch bevor er ihn austrank, schüttete er dem Elfenkrieger Gordal den Becher noch einmal voll. Dann stimmte er in den Lobgesang der Minitrolle ein, die gerade die Kobolde hochleben ließen.
Die weiße Fee Aella sah dem lustigen Treiben der Minitrolle mit einem Lächeln auf den Lippen zu. Sie konnte sich nicht erinnern, schon einmal bei einem so fröhlichen Fest dabei gewesen zu sein.
Aurelia, die Bergnymphe, sah den feiernden Freunden ebenfalls zu. Doch in Gedanken war sie noch immer bei dem Kampf, den sie gemeinsam mit Aella vor wenigen Stunden bestanden hatte.
Die schwarze Fürstin Monga war entkommen. Den Kobolden und den Nekromanten war es zwar gelungen, Mongas dämonische Chimäre zu vernichten, doch Monga würde bestimmt so schnell nicht aufgeben. Irgendetwas würde ihr schon einfallen. Da war sich die Nymphe sicher.
Zwei Freunde fehlten allerdings an der Tafel. Cylor und Orbin hatten es vorgezogen, durch das Tor hindurch in die Höhle zu gehen, die sich hinter dem Tor befand. Sie wollten nachschauen, ob sich noch ein ungebetener Gast in der Nähe aufhielt. Doch es war niemand da, der die Siegesfeier und den Gesang der Minitrolle stören konnte.
Zufrieden kehrten die beiden Nekromanten zu ihren Freunden an die Festtafel zurück. Einen Becher Wein und ein Stück vom Schweinebraten halfen ihnen, sich vor der Kälte zu schützen.
Als die Minitrolle ihr Lied beendeten, sprang ihr König mitten auf die Festtafel. Dann streckte er seine Arme in die Höhe. »Hört zu, meine Freunde!«, rief er ihnen zu. »Wir haben gut gekämpft und wir haben einen Sieg errungen. Jeder von uns, der aus Imperos Reich entkommen konnte, ist heute froh und glücklich. Doch wir sollten uns nichts vormachen. Es werden noch harte Zeiten auf uns zukommen. Deshalb sollten wir unser kleines Fest beenden und zur Drachenhöhle zurückkehren. Dort können wir ja …«
»Nein!«, unterbrach das Gesicht, das sich im Tor zeigte, den kleinen König Barbaron. Es wankte hin und her, bevor es weiter sprach. »Ich bitte um Entschuldigung, mein lieber Barbaron. Doch ich musste dich an dieser Stelle unterbrechen. Ein Schneesturm wird in wenigen Stunden ausbrechen. Er wird eure Reise zu der Drachenhöhle erschweren. Und ich habe euch noch nicht alles erzählt.«
»Ach ja?«, fragte Barbaron und er sah das Gesicht im Tor herausfordernd an. »Wir können ja den Schneesturm abwarten. Doch was willst du uns berichten? Hast du etwa noch ein Geheimnis, das du uns preisgeben willst?«
Das Gesicht im Tor lächelte gütig und betrachtete den kleinen König, der frech und angriffslustig auf dem Tisch stand und das Gesicht herausfordernd ansah. Es nickte und sprach mit sanfter Stimme weiter. »So könnte man es nennen, mein kleiner Freund. Ich möchte euch berichten, wie es vor langer Zeit zum Streit zwischen dem Schöpfer und seinen Söhnen kam.«
Barbaron sprang mit einem kurzen Trollsprung vom Tisch und landete auf der linken Schulter des Fürsten Artem. Der Riese sah den kleinen König grinsend an, doch er sagte kein Wort zu ihm.
Dafür sprach das Gesicht des Tores weiter. »Seht zu mir, meine Freunde. Ich kann auch mit euch reden, wenn ich mein Gesicht nicht zeige. Meine Magie ist groß und ihr könnt in mir sehen, was sich damals alles ereignete.«
Mit einem Blick erfasste das Tor, dass jeder der Gefährten mit voller Aufmerksamkeit zu ihm sah, und so sprach es weiter. »Niemand weiß heute genau, wie lange es schon her ist, als sich die sieben Söhne des Schöpfers mit ihrem Vater überwarfen und das Band zerriss, das sie miteinander verbunden hatte. Doch warum es geschah, das kann ich euch erklären.«
Das Tor stieß einen tiefen Seufzer aus und erzählte weiter. »Die Dämonen lebten damals in unserer Welt friedlich auf der Oberfläche und nicht in einem unterirdischen Reich. Wie in jedem Jahr brachten sie am Ende der Erntezeit ihr Opfer für den Schöpfer dar. Dazu gingen sie in ihre Tempel und sie opferten von dem, was auf ihren Feldern wuchs und in ihren Ställen stand. Vor allem Getreide und das Blut von Schafen, Ziegen und Rindern wurde auf den heiligen Altären dargebracht. So ehrten sie den Schöpfer und sie erfüllten damit den Bund, den sie mit ihm geschlossen hatten. Und dann geschah etwas, dass der Schöpfer nicht beabsichtigt hatte. Auf einer großen Insel, die weit im südlichen Meer liegt, wollte der Schöpfer Riesen und Erz-Elfen ansiedeln. Doch seine Söhne beanspruchten diese Insel für sich. Sie flehten ihren Vater an, ihnen diese Insel zu lassen, denn sie wollten allein auf ihr leben. Doch der Schöpfer blieb bei seiner Entscheidung, denn er meinte, dass auf der Insel für alle genügend Platz sei. Da berieten sich die sieben Söhne und sie schmiedeten einen Plan. Gegen den Willen ihres Vaters erschufen sie selbst zwei Völker. Sie sind euch bekannt, meine lieben Freunde.«
Im Tor waren die übergroßen Söhne des Schöpfers im Schleier einer Nebelwolke zu sehen. Sie verschwanden und eine Horde grünheutiger Wesen tauchte im Nebel auf. Ihnen folgte eine Horde, die gelb aussah und wie den grünen Wesen, wuchs auch ihnen ein Knochenkamm auf den Köpfen.
»Das sind doch die Dragolianer und die Obinarer!«, rief der Hauptmann der Minitrolle aufgebracht.
»Ja, das sind sie tatsächlich«, sprach das Tor weiter. »Sie wurden nicht von unserem Schöpfer erschaffen. Doch er duldet bis heute ihr Dasein, denn er würde niemals selbst in unsere Welt kommen, um zu vernichten, was er nicht haben will. Er entschloss sich viel mehr, die Riesen und die Erz-Elfen im Norden viele Meilen neben dem Reich der Dämonen anzusiedeln. Die beiden Völker wuchsen schnell und sie breiteten sich immer weiter aus. So siedelten sie nach wenigen Jahrhunderten an der Grenze des Dämonenreichs.«
»Und damit kam es zum ersten Grenzstreit!«, rief Barbaron dazwischen.
»Ach wirklich? Woher weißt du das?«, fragte das Gesicht und es sah mit strenger Miene zu dem kleinen König.
»Na das ist doch klar«, antwortete Barbaron. »Ich habe die Chronik des Schöpfers gelesen. Der Zauberer Meerland hat sie geschrieben, so wie sie ihm der Drachenkönig Urgos erzählte.«
»Ach ja …«, seufzte das Gesicht im Tor. »Die Drachen darf ich nicht vergessen. Sie sollten die Streitigkeiten zwischen den Dämonen und den Riesen schlichten. Doch die Söhne des Schöpfers wollten keinen Frieden. Sie sahen sich selbst als die wahren Herrscher unserer Welt. Könige wollten sie sein und sie stellten sich offen gegen den Willen ihres Vaters. Sie verbündeten sich mit den Dämonen und stellten ein gewaltiges Heer auf. Dann zogen sie gegen das Land der Riesen. Den Riesen kamen die Erz-Elfen und die Drachen zu Hilfe. In einer gewaltigen Schlacht wurde das Heer der Söhne geschlagen und der Schöpfer bestrafte sie. Auf ihrer Insel ließ er einen großen Berg aus hartem Felsen wachsen. Mit eisernen Ketten fesselte er seine ungehorsamen Kinder so, dass sie noch heute um diesen Berg herum stehen und sich nicht rühren können. An Händen und Füßen tragen sie ihre Ketten und sie sind im Laufe der Jahrtausende zu Stein erstarrt. Bevor sie erstarrten, gaben sie die schwarze Magie an die Dämonen weiter, die mit ihrer Hilfe noch weitere zwei Mal zur Schlacht antraten. Nachdem die dritte Schlacht verloren war, ereilte sie die endgültige Strafe. Der Schöpfer ließ sie von den siegreichen Erz-Elfen, Riesen und Drachen in eine große Ebene jagen. Die Erde dieser Ebene senkte sich in die Tiefe herab und eine Wand aus Felsen und Bergen wuchs drum herum. Dann bedeckte ein dickes Dach aus hartem Felsen das neue unterirdische Reich der Dämonen. Seit dem leben sie in der Dunkelheit und das Licht der Sonne ist am Tag ihr Feind.«
Das Gesicht machte eine Pause und sah zu Barbaron. Der trank gerade einen Schluck Wein aus Cylors Becher und wischte sich den Mund mit einem Tuch ab. Dann sah der kleine König aller Minitrolle wieder zum Tor. »Das kennen wir schon alles«, erklärte er. »Erzähl uns doch mal was Neues.«
Das Gesicht wankte wieder im Tor hin und her, ehe es weiter sprach. »Bevor die sieben Söhne des Schöpfers zu Stein erstarrten, kam Dämonicon zu ihnen auf die Insel. Die Dragolianer und die Obinarer lebten noch immer auf ihr. Sie hatten für jeden der Söhne einen eigenen Tempel gebaut. Von jedem Tempel führte damals ein Gang in den Berg hinein. Dort, wo sich die Gänge in einer großen Halle mitten im Berg treffen, steht ein Brunnen.«
»Schon wieder ein Brunnen«, stöhnte Barbaron. Das Gesicht sah ihn mit strenger Miene an. »Dämonicon beherrschte schon damals die schwarze Magie sehr gut«, sprach es weiter. »Als er auf die Insel kam und den Brunnen im Berg sah, da war ihm klar, das er den Ort gefunden hatte, der das Schicksal der Söhne des Schöpfers vollenden würde. Er wurde ihr erster Zauberer und die Dragolianer und die Obinarer mussten auch ihm dienen. Die sieben Alten wurden die Söhne des Schöpfers ab dieser Zeit genannt. Langsam wurden sie zu Stein, denn sie gaben immer mehr die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit auf. Der Schöpfer konnte ihnen ihre fürchterlichen Taten nicht vergeben. Dämonicon verschloss alle Eingänge, bis auf einen einzigen. Dann ließ er über den Brunnen ein großes Loch in das Dach des Tempels schlagen. Seit dem scheint der Vollmond immer wieder in den Brunnen hinein.«
»Das ist ja alles sehr schön«, unterbrach Barbaron das Gesicht. »Doch was haben wir mit dieser alten Legende zu tun? Wir sollten uns lieber um unsere Feinde kümmern.«
»Das stimmt«, sprach das Gesicht mit einem gütigen Lächeln weiter. »Dämonicon hat vor vielen Jahrhunderten sieben magische Schlüssel erschaffen. Doch er weiß nicht, wo sie sich befinden. Und er weiß auch nicht, wie sie aussehen. Ich kenne die magischen Schlüssel um so besser und ich glaube, die sieben Kobolde können sich denken, was ich meine.«
»Ja ja, wir wissen, was du meinst«, brummte Artur vor sich hin. »Meine Brüder und ich, wir haben schon längst erfahren, wer uns erschuf und welchem Zweck wir dienen sollen. Doch wir wollen die sieben Alten nicht erwecken. Wir würden damit ein dunkles Zeitalter heraufbeschwören und selbst der Schöpfer könnte uns nicht helfen. Deshalb darf kein Kobold jemals diese verfluchte Insel betreten.«
Das Gesicht betrachtete für einen Moment mit ernster Miene den Anführer der Koboldbande, ehe es weiter sprach. »Ich muss dir widersprechen, mein lieber Artur. Einer deiner Brüder muss zusammen mit Aella zu der Insel reisen. Ich habe Snobby diese gefahrvolle Aufgabe zugedacht. Er ist listig und klug und er hat Mut.«
Das Gesicht sah zu der weißen Fee und zu dem Kobold, der seinen großen Hut auf seinem Kopf zurechtrückte und etwas verlegen in die Runde der Freunde sah.
»Nur zwei Wesen dürfen zu gleich durch das finstere Tor auf der Insel gehen,« erklärte das Gesicht. »Es schläft meist und wir wollen es auf keinen Fall wecken. Es ist bösartig und seine Magie würde unsere Freunde nicht lebend von der Insel der Alten lassen. Für die Kobolde und ihre Freunde habe ich andere Aufgaben. Artem und Tritor sollten schnell nach Ando-Hall zurückkehren. Vagho wird bald seine Krieger schicken. Der König der Schattenalp fürchtet Dämonicons Macht und er wird deshalb alles tun, was der schwarze Prinz von ihm verlangt. Außerdem haben sie den Tod von zwei schwarzen Hexern zu beklagen. Der Verlust von Morwes wird sie nicht weiter kümmern, doch Mauran war für sie ein wichtiger Mann. Sie werden auf Rache sinnen. Ich kann wittern, dass sie deshalb etwas Gemeines planen. Doch ich kann ihre Pläne nicht genau erkennen. Zu dunkel sind die Geheimnisse, so als ob sie von einem schwarzen Nebel verhüllt werden.«
Barbaron stand wieder auf der Festtafel und zeigte mit den Resten einer Hühnerkeule zu dem Gesicht. Hastig schluckte er herunter, was er im Mund hatte. Er brachte mit Mühe eine Frage hervor. »Kannst du dir mit deiner Witterung nicht etwas mehr Mühe geben?«
Mit finsterer Miene sah das Gesicht zu dem kleinen König. »So einfach geht das nicht. Das Wittern ist eine Gabe, die zu weilen etwas unbestimmt ist. Nicht alles kann man so herausbekommen. Gerade bei finsteren Gedanken ist das schwierig.«
»Na, da helfe ich dir doch ein wenig«, sprach Barbaron und er spülte den letzten Brocken Hühnerfleisch mit einem Schluck Wein hinunter. Dann zog er seinen Hauptmann zu sich heran und tippte ihm mit dem abgenagten Hühnerknochen auf die Brust. »Hör gut zu, mein Freund. Du nimmst dir noch zwei Begleiter von unserem Volk und holst mit ihnen den Kompass. Lass dich nicht aufhalten und beeile dich. Ihr springt alle drei von Tal zu Tal, bis ihr an die Drachenhöhle kommt. Dort schnappt ihr euch den Kompass. Von ihm erhaltet ihr die Koordinaten für euren Rücksprung.«
»Sollen wir dir auch deinen blauen Kristall mitbringen?«, fragte der Hauptmann und er erkannte die Antwort am Grinsen seines Königs. »Das ist eine glänzende Idee«, verkündete Barbaron. Er gab seinem Hauptmann einen Kuss auf die Stirn. Mit vor Stolz geschwallter Brust drehte sich der Hauptmann zu den anderen Minitrollen um und winkte zwei von ihnen zu. Noch bevor das Gesicht etwas dazu sagen konnte, war der Hauptmann mit seinen Begleitern durch das Tor hindurchgelaufen.
»Wir werden in einer Stunde mit etwas Glück ein gutes Stück klüger sein«, meinte Barbaron und er zwinkerte dem Gesicht zu. Bedächtig wiegte es sich im Tor hin und her. »Möge der Schöpfer deinem tapferen Volk beistehen, mein lieber kleiner König.«
Obwohl das Gesicht diese Worte leise aussprach, hörte Barbaron sie sehr gut. »Du solltest uns Minitrollen ein wenig mehr zutrauen«, erklärte er, während ihm Cylor seinen Becher wieder füllte. »Wir haben viele gefährliche Abenteuer überstanden. Da kannst du jeden von uns fragen.«
Das Gesicht nickte nur und es sah wieder zu Aella und Snobby. »Ihr beide werdet auf der Insel der Alten viele Dinge sehen, die euch das fürchten lehren werden. Ihr müsst vorsichtig sein, denn die Kreaturen, die ihr dort findet, könnten euch töten, wenn ihr ihnen in die Hände fallt.«
Snobby hatte bei dem Gedanken an das, was ihm und Aella noch bevorstehen würde, seinen Appetit verloren. Lustlos sah er sich die vielen Teller und Schalen an, die Albanarius mit seiner Magie immer wieder auffüllte. Er hörte die Worte des Gesichts, das von den grausamen Wesen sprach, die auf der Insel den Felsen mit den sieben versteinerten Söhnen des Schöpfers bewachten. Sie sollten die Nachfahren der Obinarer und der Dragolianer sein, die auf der Insel von den Alten erschaffen wurden.
»Wieder so eine Legende …«, flüsterte Snobby Aella zu. »Niemand weiß, ob sie wahr ist oder ob sich dahinter noch etwas anders verbirgt.«
»Natürlich ist die Legende der Alten wahr!«, fauchte das Gesicht Snobby an. Es kam dabei erstaunlich weit aus seinem Tor in der Felswand heraus. Erschrocken schwiegen die Gefährten und sahen das Gesicht an. Es schwankte im Tor hin und her und es wechselte dabei mehrmals die Farben. Erst wurde es rot, dann gelb und zum Schluss leuchtete es im hellen Blau auf. »Entschuldigung«, sprach es leise zu den Gefährten. »Ich bin wohl etwas laut geworden.«
»Etwas!«, ereiferte sich Barbaron, noch bevor einer der Freunde ein Wort sagen konnte. »Da untertreibst du wohl etwas«, erklärte der kleine König mit erhobenem Zeigefinger. »Mir sind beinah die Ohren abgefallen.«
Das Gesicht wendete sich Barbaron zu und grinste ihn an. »Och na ja«, sprach es und es zwinkerte dabei mit den Augen. »Sie sind ja noch dran, deine kleinen spitzen Lauscher.«
Der kleine König saß mitten auf dem Tisch und nahm sich noch eine Hühnerkeule von einer der vollen Schalen. Er zog es vor, dem Gesicht nicht zu antworten und seine Gedanken wanderten beim Essen zu seinem Hauptmann und den beiden Begleitern. »Hoffentlich kommen die Drei gut voran«, flüsterte er vor sich hin. Im Winter war es für einen kleinen Minitroll nicht leicht, den hohen Schnee beim Springen zu meiden und sichere Landeplätze zu finden. Sie würden mindestens eine Stunde brauchen, um zur Drachenhöhle zu gelangen. Der Sprung zurück nach Dragon-Gorum würde ein Stück leichter werden. Mit dem Kompass waren größere Sprünge möglich. Doch die Landung war immer ein Risiko. Barbaron erinnerte sich, wie er vor vielen Jahren einmal ausversehen im Schrank eines Elfen gelandet war. Der Kerl war der Koch eines großen Wirtshauses. Sein Schrank war voller Töpfe und Pfannen und zu allem Übel auch noch verschlossen. Der kleine König musste lächeln, als er an das entsetze Gesicht des Kochs dachte. Der hatte Barbarons Lärm gehört, als die Stapel des Kochgeschirrs im Schrank durch die Landung umfielen. Der Elf öffnete damals sofort den Schrank und seiner rechten Hand entglitt vor Schreck die Kelle, mit der er wohl zuschlagen wollte. Barbaron war viel schneller, als der Koch. Er sprang dem Kerl auf den Kopf und dann zum nächsten Fenster hinaus, direkt in einen stinkenden Misthaufen. Bei dem Gedanken an den üblen Geruch lehrte der kleine König noch einmal seinen Weinbecher.
Das Gesicht erzählte noch über eine Stunde lang von der Legende der Alten. Es berichtete von einem geheimnisvollen Orakel, das die Bewohner der Insel erst seit kurzer Zeit hatten und das sie in den Vollmondnächten beschwören konnten. Es sollte auch ein Dutzend schwarzer Priester gegeben haben, die von Dämonicon vor langer Zeit getötet wurden. Ihre Seelen mussten seit dieser Zeit Imperos dienen.
Als dem Gesicht nichts mehr einfiel, was es noch über die Legende berichten konnte, erklärte es Snobby und Aella die bevorstehende Aufgabe. Einige Gefährten, die noch vor einem Augenblick an der Tafel mit der Müdigkeit kämpften, wurden augenblicklich wieder wach. Jeder wollte wissen, was dieses so ungleiche Paar zu erwarteten hatte.
»Sobald ihr auf der Insel seid …«, sprach das Gesicht zu der Fee und dem Kobold, »werdet ihr euch ein Versteck suchen müssen. Schaut euch vorsichtig um und versucht nicht, zu dem Felsen zu gehen, der in der Mitte der Insel steht. Ihr könnt schon von weiten sehen, dass um ihn herum sieben Tempel mit den versteinerten Figuren von beträchtlicher Größe stehen. Diese Figuren sind alle zusammen an Händen und Füßen durch unzerstörbare Ketten verbunden. Die Tempel, die um sie herum gebaut wurden, sind schon längst wieder zerfallen und erneut aufgebaut worden. Doch die Bewohner der Insel sind mit dieser Arbeit noch längst nicht fertig. Sollten die Ketten der sieben Alten jemals fallen, so werden sie auferstehen und unsere Welt wird untergehen. Sie werden den Himmel verdunkeln und die Dämonen kehren zurück an die Oberfläche unserer Welt. Durch die Macht der schwarzen Magie währen sie unaufhaltbar.«
Das Gesicht hatte wieder seine Farbe gewechselt. Ein blasses Grau war zu sehen, das sich langsam in ein helleres Gelb wandelte. Traurig sah es Aella und Snobby an. »Ihr beide seid nicht zu beneiden. Jeder von euch erfüllt dort auf der Insel ein Stück seines Schicksals. Am Rande der Insel findet ihr die Stadt der Inselbewohner und den Tempel mit dem Orakel. Eure Aufgabe ist es, das Orakel zu stehlen. Es handelt sich um ein Wesen, das im Tempel der Stadt gefangen gehalten wird. Am besten wird es sein, ihr bringt der Königin Theodora dieses Wesen unversehrt, noch vor dem nächsten Vollmond. Wenn ihr es nicht schafft, so wird Dämonicon seinem Ziel ein Stück näher kommen. Als Orakel muss es ihm gehorchen. Weicht den Wächtern des Tempels aus, denn sie sind überaus gefährliche Krieger. Außerdem müsst ihr zu dritt durch das Tor der Insel fliehen, wenn ihr alles erledigt habt. Das Tor wird dann erwachen und Dämonicon erfährt, was geschehen ist. Doch das soll uns nicht weiter kümmern. Wenn ihr das Orakel von der Insel nach Bochea zu Theodora bringt, kann Dämonicon es nicht mehr finden. Dafür wird die Königin sorgen, das verspreche ich euch, meine Freunde.«
Ein erneuter Farbwechsel war im Gesicht zu erkennen. »Bei meiner Seele!«, rief es aus und es leuchtete purpurrot auf. Der Hauptmann stand plötzlich zusammen mit seinen Begleitern auf dem Tisch vor Barbaron. Mit ausgestreckten Armen hielt er den Kompass und den blauen Kristall seinem König unter die Nase. Barbaron war darüber hocherfreut und er griff sofort zu. »Na endlich«, jubelte er. »Da sind sie ja, meine drei Lieblinge. Ich danke euch, meine tapferen Krieger. Hoffentlich habt ihr unterwegs keine Schwierigkeiten gehabt.«
»Nein, das hatten wir nicht«, meldete der Hauptmann. »Tabor und sein Vater waren mit Urgos und Tangossa in der Drachenhöhle. Der Drachenjunge hat uns den Kompass und den Kristall gegeben. Sie waren sehr erleichtert, als ich ihnen sagte, dass wir alle wohl auf sind. Doch auf dem Weg zur Höhle haben wir ein Rudel Schattenalps gesehen. Zehn waren es bestimmt und sie hatten es sehr eilig. Woher sie kamen, konnten wir nicht erkennen. Doch sie wollten bestimmt zum Bluthort.«
Barbaron steckte seinen Kristall hastig ein und setzte sich wieder auf den Tisch. »Die besten Tischmanieren hast du ja nicht, mein lieber Freund«, knurrte Gordal leise zu Barbaron.
»Wenn die Zeiten besser sind, gewöhne ich mir die mal an«, antwortete der kleine König. Er hielt seinen Kompass vor sich hin, sodass auch das Gesicht ihn sehen konnte. »Das ist ja nicht zu fassen«, flüsterte es leise vor sich hin. »Dass ich hier auf meine alten Tage einen Hüter der Wege sehen werde, das hätte ich nie für möglich gehalten.«
Barbaron lächelte, als er die Worte des Gesichts hörte. »Ja, mein Freund«, sprach er und er streichelte liebevoll über den Kompass. »Wir Minitrolle sind voller Überraschungen. Doch nun werde ich den Kompass befragen und er wird uns bestimmt zeigen, wo sich unsere Feinde befinden.«
Die Freunde rückten enger zusammen und die Tischplatte füllte sich mit einem Haufen kleiner Minitrolle. Jeder wollte sehen und hören, was nun geschah. Der kleine König aller Minitrolle beschwor seinen heiß geliebten und so lang vermissten Trollkompass. Natürlich wollte Barbaron zuerst wissen, wo sich der gefährlichste aller Feinde befand und wer gerade bei ihm war. Der Kompass zeigte zum allgemeinen Erstaunen an, dass sich Dämonicon an einem weit entfernten Ort befand. »Der Kerl ist in der südlichen Wüste«, sprach Barbaron und ein bedeutungsvolles Raunen fuhr aus den Mündern seines Volkes. »Diesen Ort nannte man früher das Blutfeld von Hardion.«
»Dort war ich schon gewesen«, erklärte Gordal. »Hardion ist ein unheiliger Ort. Die Elfen von Penda haben dort eine Schlacht gewonnen. Doch was wir damals besiegten, das war kein Volk, sondern eine riesige Räuberbande. Dunkle Elfen, Menschen, schwarze Gnome und sogar Zwerge waren in dieser Räuberbande vereint. Hardion ist ein Labyrinth aus unzähligen Schluchten. Dort gibt es viele Verstecke und ich kann mir gut vorstellen, dass der schwarze Zauberer in dieser verfluchten Gegend etwas sucht.«
»Nicht so schnell«, ereiferte sich Barbaron. »Dazu kommen wir gleich. Ich sage euch erstmal, wer alles bei ihm ist.« Der kleine König beschwor wieder seinen Kompass. »Na sieh mal einer an«, sprach er und seine Miene verfinsterte sich. »Da haben wir ja die liebe Frau Mama.«
»Monga!«, entfuhr es Aella und Aurelia gleichzeitig. Die beiden ungleichen Kriegerinnen sahen sich sofort an. »Ich werde sie jagen und töten«, knurrte die Bergnymphe. »Und ich bin mit der Jagd an der Reihe, wenn du versagst«, knurrte die weiße Fee zurück.
Barbaron hatte große Mühe, seinen aufkommenden Zorn zu unterdrücken. »Wenn noch eine von euch Weibern ein Wort sagt, so jage ich euch beide. Und dann geht es quer durch das versteinerte Labyrinth«, zischte er leise, aber gut hörbar vor sich hin. »Der Kompass zeigt mir jetzt, das bei Dämonicon Vagho und Orapius sind«, erklärte Barbaron weiter. Er schaute sich um, darauf lauernd, dass jemand etwas sagte. Doch es war kein Wort zu hören. Zufrieden wendete sich der kleine König aller Minitrolle wieder seinem Kompass zu. Er beschwor ihn erneut und die Antwort kam schnell. »Das ist ja nicht zu fassen«, zischte Barbaron los. »Vagho und Orapius graben die Überreste eines dunklen Elfen aus. Assgho hieß der Kerl, als er noch lebte. Er hatte wohl eine wertvolle Krone bei sich, als er begraben wurde. Hat jemand den Kerl gekannt?«
Der kleine König sah in die Gesichter der Freunde, die ihm am nächsten waren. Die Nekromanten nickten nur und Gordal beugte sich zu Barbaron vor. Er stützte sich mit beiden Händen auf die Tischplatte, sodass sie sich noch ein wenig mehr bog. »Assgho war der letze König der dunklen Elfen von Villbass«, sprach der Elf und er sah den König der Minitrolle genau in die Augen. »Die Menschen haben ihn und sein Volk von der Insel Villbass vertrieben, weil sie von seinen ständigen Überfällen genug hatten.«
»So ist das also«, flüsterte Barbaron und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. »Vagho hat also seinem Nachfolger einen Besuch abgestattet. Ich konnte mich nicht mehr an den Namen erinnern. Doch da fallen mir so einige Geschichten über diese dunklen Elfen wieder ein. War da nicht eine magische Krone im Spiel?« Die Frage richtete der kleine König mit einem forschenden Blick an Albanarius.
Der Nekromant ließ sich mit seiner Antwort etwas Zeit. Erst trank er seinen Becher Wein in aller Ruhe aus und dann sah zu Barbaron, der noch immer auf dem Tisch saß und seinen Kompass in den Händen hielt. »Ja ja«, brummte der Zauberer los. »Der hatte so eine magische Krone auf dem Kopf. Mit ihr konnte er mühelos jedes Schloss öffnen. Selbst wenn es durch Zauberei versiegelt war, gelang es ihm. Nichts war vor ihm sicher und er wusste genau, wo er nach Gold und Edelsteinen suchen musste. Es gab kein Versteck, das er nicht plünderte. Nachdem er Vagho als König von Villbass abgesetzt hatte, ließ er nach dem Gold der weißen Elfen von Illwerin suchen. Doch er hatte keinen Erfolg, denn die Elfen waren klüger als er es sich vorstellen konnte. Sie haben Vagho und Assgho irgendwie überlistet.«
Der Bergboss mischte sich ein. Er stand hinter dem kleinen König und flüsterte ihm etwas zu. »Das weiß er nur, weil er selbst bei der Schlacht um die Stadt der weißen Elfen dabei war.« Barbaron drehte sich zu Bebo um. »Ich erinnere mich. Er hat mir und meinem Hauptmann diese Geschichte auch erzählt.«
Leise flüsterten einige Minitrolle miteinander und schließlich redeten alle durcheinander. Barbaron beschwor noch einmal seinen Kompass und seine Frage, die er danach laut ausrief, ließ jeden verstummen. »Kann mir mal jemand sagen, was ein Elfling ist?!«
Alle Gefährten sahen gleichzeitig zu dem kleinen König, der immer noch auf dem Tisch saß und seinen Kompass betrachtete. »Elflinge …?«,brachten Albanarius, Cylor und Orbin gleichzeitig heraus. Dabei beugte sich Orbin soweit über den Tisch, dass er mit seiner Nase fast den Kompass berührte. »Sagtest du soeben Elflinge?«, hauchte er beinah tonlos seine Frage heraus.
Barbaron beugte sich nun selbst etwas vor, so das seine Stirn gegen die Stirn des Nekromanten drückte. »Ja, mein lieber Orbin, das sagte ich laut und deutlich genug. Oder hast du was in deinen Ohren, was da nicht hinein gehört?«
Barbarons Frage und sein Grinsen waren unmissverständlich. Augenblicklich richtete sich Orbin zu seiner vollen Größe auf und er fing an zu stottern. »Wie … äh … ich meine … äh … wie …«
»Wie ich darauf komme, willst du bestimmt wissen«, erklärte Barbaron mit absolut freundlicher Miene. »Nun, das ist sehr einfach. Ich fragte den Kompass, was Dämonicon und seine Lumpen mit der Hilfe der Krone stehlen wollen. Und der Kompass antwortete mir, dass sie die Elflinge Albi, Membi und Sambo haben wollen. Also ist meine Frage doch durchaus verständlich. Wer oder was sind die drei Elflinge?«
Orbin holte tief Luft, bevor er Barbaron antwortete. »Wie du weißt, ist die Königin Theodora meine Schwester. Was ich dir hier sage, das sollte eigentlich niemand wissen. Sie bekam einst in einer einzigen Nacht drei Knaben. Diese Kinder waren so schön und so rein, dass ihre Liebe zu ihnen unvorstellbar groß war. Es war für Theodora ein furchtbarer Schmerz, als die Kinder sieben Jahre später an einem warmen Sommertag plötzlich erkrankten und in der folgenden Nacht starben. Sie waren von etwas gestochen worden, einem Insekt oder etwas Ähnlichem. Es half kein Gegengift und keine Magie. Sie starben sehr rasch. Theodora warf sich im Tempel von Bochea vor dem Abbild des Schöpfers auf den Boden und flehte ihn um Hilfe an. Der Schöpfer erhörte sie und er schloss mit ihr einen Bund. Er gab den drei Knaben das Leben zurück. Doch sie müssen seit dieser Nacht vor den Blicken der Bewohner von Bochea verborgen bleiben. Neben dem Tempel von Bochea steht ein großes Haus. Nur wenige verschwiegene Diener dürfen da hinein. In diesem Haus leben die Kinder und sie dürfen im Garten spielen, weil er von einer hohen Mauer umgeben ist. Wenn das Volk von Bochea die drei fliegenden Knaben sieht, werden sie die Kinder bestimmt töten wollen.«
»Warum wollen die Bewohner der Stadt das tun?«, fragte der Hauptmann aufgebracht. »Ja, Orbin. Erklär uns das!«
»Ja, erkläre es!«, riefen gleich mehrere Minitrolle.
Orbin hob seine Hände hoch und bat um Ruhe. Dann sprach er weiter. »Das Gift, das nach ihrer Wiederbelebung durch den Schöpfer noch immer in ihren Körpern war, tat etwas Erstaunliches. Es verhinderte, dass sie älter wurden und es ließ ihnen Flügel wachsen. Diese Flügel sehen den Flügeln von Libellen sehr ähnlich und die Elflinge können erstaunlich schnell mit ihnen fliegen. Doch eine Prophezeiung besagt, dass Bochea zerstört wird und alle Bewohner sterben, wenn die drei geflügelten Kinder über die Stadt fliegen. Jeder Bewohner von Bochea kennt diese Prophezeiung. Sieben Nächte vor dem Tod und der Wiedererweckung der Kinder hat Theodora im Schlaf die Prophezeiung selbst verkündet. Ihre Dienerinnen und die Krieger, die ihren Schlaf bewachten, haben sie gehört und weitererzählt. Die Feenkönigin konnte ihre eigenen Worte später nicht zurücknehmen. Seit dieser Zeit lässt sie es nicht mehr zu, das jemand im Schlaf ihre Worte belauschen kann. Es ist bei härtester Strafe verboten und die geschwätzigen Dienerinnen und Wachsoldaten mussten den Tempel verlassen. Ich habe nie wieder gehört, dass ein Geheimnis aus dem Tempel heraus kam. Und das soll auch so bleiben.« Orbin sah zu Barbaron und sein Blick verriet, dass er es ernst meinte.
»Da brauchst du dir keine Sorgen um mich und mein Volk zu machen. Wir sind nicht so geschwätzig. Außerdem kann ich mir denken, wo dich dein nächster Weg hinführen wird. Du willst doch bestimmt dein liebes Schwesterlein in die Arme schließen.«
»Ja, genau«, erklärte Orbin. »Das will ich tun und ich denke mal, dass außer Artem, Tritor, Snobby und Aella alle anderen dabei sein wollen. Ich will dem schwarzen Prinzen das Handwerk legen und Theodora zur Seite stehen.«
»Das wollen wir auch!«, rief der Hauptmann und seine Stimme ging in den Rufen der Freunde unter.
Das Tor von Selan
So wie es das Tor von Dragon-Gorum angekündigt hatte, zog ein mächtiger Sturm auf. Er trieb große Mengen von Schnee und Eis vor sich her und sein Heulen war nicht zu überhören. Als er nach einigen Stunden nachließ, brachen die Gefährten rasch auf. Artem und Tritor hatten es besonders eilig. Für sie war der Weg zurück nach Ando-Hall lang und beschwerlich. Der Sturm hatte den Weg zugeweht und sie würden suchen müssen, um ihn zu finden. Sie verabschiedeten sich und verschwanden durch das Tor.
Die nächsten Gefährten, die aufbrachen, waren die Kobolde, die Minitrolle und die Nekromanten. Artur gab Snobby noch eine Menge guter Ratschläge mit auf dem Weg. Snobby nickte nur und hörte sich geduldig die Worte seines Bruders an.
Aurelia machte Arturs Belehrungen ein Ende. »Lass es gut sein, mein lieber Freund. Snobby ist alt genug und er weiß bestimmt, was er tut.«
»Endlich erkennt das mal jemand«, rief Snobby erfreut aus.
Als Artur noch etwas sagen wollte, packte die Bergnymphe den Kobold am Kragen und zog ihn mit sich zum Tor. »Da geht es hinaus, mein kleiner Freund. Halte deine Flugschale bereit und verliere nicht deine Wolfsfelle. Sonnst frierst du beim Flug nach Bochea an deiner Schale fest. Um Snobby kümmert sich Aella. Die beiden haben ihre Aufgabe auf der Insel Selan zu erfüllen. Du erinnerst dich an die Worte des Tores?«
»Sagtest du Selan?«, fragte Artur verblüfft. »Heist die Insel etwa so?«
»Ja, so nennt man die Insel der Alten«, erklärte Aurelia. »Hast du das etwa nicht gewusst, mein kleiner Artur?«
»Nein, das habe ich noch nicht gewusst. Erinnere mich daran, dass ich es in meine Bücher eintrage, wenn ich mit meinen Brüdern wieder wohlbehalten zu Hause angekommen bin.« Artur sah, wie die Bergnymphe ihm erstaunt ansah. Aurelia ließ seinen Kragen los und sie gingen beide durch das Gesicht hindurch. Es leuchtete in allen Farben des Regenbogens auf und ein gütiges Lächeln umspielte seinen Mund.
»Aurelia will also Monga jagen«, sprach das Gesicht zu Snobby und Aella. Die beiden waren die letzten Gefährten, die noch durch das Tor gehen mussten. »Sie hat den Namen der Insel genannt. Ich selbst kann ihn nicht aussprechen. Das würde das Tor aufwecken, das die Insel der Alten bewacht. Wenn ihr diesen verfluchten Ort betreten habt, so sprecht diesen verdammten Namen niemals laut aus. Das Tor würde erwachen und es gäbe für euch keine Möglichkeit zur Flucht. Selbst eure Flugkünste würden euch nicht helfen. Die Insel ist mit einem Bann umgeben, der euch an einer Flucht hindert. Ihr müsst durch das Tor zurückkehren, wenn es schläft. Prägt euch meine Worte ein. Kommt dem Felsen nicht zu nah und holt euch das Orakel. Es ist ein Wesen aus Fleisch und Blut. Seine Macht ist groß, doch gebunden an den Tempel der Insel dient es Dämonicon und seinem Vater Imperos. Ihr müsst vorsichtig sein und jedes Versteck nutzen, das ihr findet. Mich selbst betrübt es unendlich, dass ich euch zu so einem gefährlichen Ort schicken muss.«
»Das verstehen wir sehr gut«, sprach Snobby. »Du solltest dir aber keine großen Sorgen machen«, fügte Aella hinzu. »Wir können gut auf uns selbst achten und die weiße Magie wird uns helfen.«
»Ich hoffe, dass euch der Schöpfer hilft«, entgegnete das Gesicht. »Die Zeit ist gekommen, um Abschied zu nehmen. Ihr geht durch mich hindurch und ich schicke euch auf die Insel. Seid vorsichtig, meine Freunde und hütet euch vor dem Tempel der sieben Alten, denn nur dann werdet ihr euer Schicksal meistern.«
Der Kobold und die Fee traten an das Tor heran. Das Gesicht leuchtete auf der Felswand in allen Farben auf, als sie hindurchgingen. Es verschwand sofort, als die beiden ungleichen Gefährten die Insel erreichten.
Selan erwies sich als düsterer Ort. Das Tor der Insel stand in einer großen Ebene. Es sah wie ein hoher Bogen aus, den Wind und Wetter aus einem Felsen herausgewaschen hatten. Doch beim näheren Betrachten bemerkten die beiden Reisenden, dass dieses Tor das Werk eines Baumeisters sein musste. In seiner Mitte war ein Gesicht zu erkennen. Es ähnelte dem Tor von Dragon-Gorum ein wenig, doch seine Augen waren geschlossen und es schnarchte fürchterlich.
Aella und Snobby gingen hinter einem der vielen Felsbrocken in Deckung, die in der Nähe des Tores herumlagen. Das Gesicht des Tores hörte plötzlich auf zu schnarchen. Es räusperte sich laut und öffnete die Augen. Dann gab es ein drohendes Brummen von sich. Schließlich schlief es wieder ein und sein Schnarchen dröhnte so laut, das es die Felsen erzittern ließ.
Snobby gab Aella einen Wink und sie schlichen von einem Felsbrocken zum nächsten. Da sie nicht wussten, wo sie sich auf der Insel befanden, wollten sie sich ein Stück vom Tor entfernen. Danach mussten sie nach einem Hinweis suchen. Irgendwo würde es einen Weg geben und am Strand der Insel musste die Stadt sein, von der ihnen das Tor von Dragon-Gorum berichtet hatte. Dort sollte auch der Tempel mit dem Orakel sein.
Das Einfachste war es wohl, einmal um die Insel zu fliegen. Dann kamen sie auf jeden Fall zu der Stadt. Snobbys Gedanken kreisten um diese Stadt und er fragte sich, wie sie wohl aussehen würde. Ihm fiel auf, dass er den Namen der Stadt nicht ein einziges Mal gehört hatte. Er zupfte Aella am Ärmel ihres Mantels. Die Nymphe sah sich gerade die Gegend an.
»Was ist denn?«, flüsterte sie und sie beugte sich zu dem viel kleineren Kobold herunter.
»Ich wollte dich nicht stören«, flüsterte Snobby zurück. »Doch ich kenne den Namen der Stadt nicht, die wir auf dieser öden Insel suchen. Das freundliche Tor hat ihn nicht erwähnt.«
Die Nymphe hockte sich neben Snobby hin. »Du hast recht«, flüsterte sie. »Wir kennen nicht einmal den Namen dieser Stadt. Doch das ist für uns nicht wichtig. Viel wichtiger ist der Weg, der zu ihr führt. Ich konnte noch keine Straße oder einen Weg entdecken. Außerdem ist es hier verdammt warm.«
Dem stimmte der Kobold sofort zu. »Das habe ich auch schon bemerkt. Ich schwitze mächtig und meine Wolfsfelle sind eine große Last. Ich werde meinen Mantel ausziehen und ihn zusammen mit den Fellen in meinem Zylinder verstauen. Da passt alles hinein und durch seine Magie wiegt er nicht mehr als vorher.«
Die Nymphe war erstaunt und sie zog sofort ihren Mantel aus. »Passt der auch noch hinein?«, wollte sie wissen.
»Selbstverständlich kommt das gute Stück in mein geheimes Versteck«, flüsterte Snobby mit einem kleinen Lächeln. Er verstaute alles, was sie nicht unbedingt brauchten, in seinem Zylinder. Danach setzte er ihn wieder auf seinen Kopf. Zufrieden sah er zu Aella, die schon wieder die Gegend betrachtete und dann zum nächsten Felsbrocken schlich.
Der Kobold folgte ihr und so kamen sie nach einer Stunde zu einem großen Stein, der keinem der Felsen ähnelte, die hier in der Gegend herumlagen. Auf ihm hatte vor langer Zeit jemand einige Zeichen hineingeschlagen. Aella strich mit beiden Händen über sie und flüsterte dann dem Kobold zu, was sie auf dem Stein lesen konnte. »Wanderer, gehst du nach Norden, so kommst du zum Heiligtum unserer Ahnen. Gehst du nach Süden, so kommst du zu unserer Stadt und zum großen Wasser, dass die Insel umgibt. Gehst du nach Westen, so führt dich dein Weg zu der Höhle des Wächters und gehst du nach Osten, so wirst du den Tod in die Augen schauen.«
»Na dann ist ja alles klar«, flüsterte Snobby. »Wir gehen selbstverständlich nach Süden. Alle anderen Richtungen wären wohl Quatsch für uns.«
Aella sah zu dem kleinen Kobold mit dem großen Zylinder und sie streckte ihre Armen aus, so als wollte sie in alle Richtungen gleichzeitig zeigen. »Du hast absolut recht, mein kleiner Freund. Doch eine Frage habe ich an dich. Wo ist Süden und wo ist der Weg, der uns zu der Stadt bringt?«
Snobby wollte etwas entgegnen, doch nun fiel ihm auf, dass der Himmel mit düsteren Wolken verhangen war und kein Sonnenstrahl die Insel erreichte. Er sah sich um, doch so weit er auch schaute, ein Weg oder etwas Ähnliches war nicht zu entdecken. Ratlos sah er zu Aella. Er rieb sich mit der linken Hand sein Kinn und schob seinen Zylinder auf seinem Kopf ein wenig nach hinten. »Vielleicht sollten wir es mit fliegen probieren?«, fragte er vorsichtig.
Aella schüttelte heftig den Kopf. Sie hockte sich wieder neben dem Kobold hin und tippte ihn sanft an seiner Nase an. »Damit sollten wir es probieren«, erklärte sie. »Der Himmel ist mit Absicht verdunkelt worden. Man kann am Tage ein gutes Stück von der Insel sehen, doch die Sonne sieht man nicht. Straßen und Wege wurden mit Absicht nicht angelegt, damit sich jeder verirrt, der nicht auf diese verdammte Insel gehört. Doch einen Wegweiser konnte niemand von diesen Inselkreaturen ausschalten. Es sind unsere Nasen, die uns führen werden. Ich kann das Meer riechen, und wenn du dir ein wenig Mühe gibst, dann kannst du es auch.«
Snobby war erstaunt, doch er hielt seine Nase in den Wind, der leicht über die staubige Sandebene strich. Ein feiner Geruch von Salzwasser lag in der Luft und der Wind zeigte ihm die Richtung an. Mit einem breiten Grinsen sah er zu Aella. Seine rechte Hand zielte nach Osten, denn von dort kam der Wind.
»Meine liebe weiße Fee«, sprach er leise zu ihr. »Du hast absolut den richtigen Riecher, wenn ich das so sagen darf.«
Die Fee lächelte und sie zwinkerte dem Kobold zu. »Lass uns keine Zeit verlieren. Wir holen uns das Orakel und verschwinden wieder.«
»Ja«, antwortete Snobby. »Das machen wir.«
Doch so leicht, wie sich das die beiden ungleichen Gefährten dachten, war die Aufgabe nicht zu schaffen. Ein Geräusch schreckte sie auf und sie duckten sich hinter dem Stein mit der Inschrift. Aus der Ferne drang das Rumpeln eines Karrens in die Ohren der Fee und des Koboldes. Dieser Karren kam schnell näher und das Knallen einer Peitsche ließ die Gefährten zusammenzucken. Sie warteten, bis der Karren dicht neben dem großen Stein war.
Eine Stimme wurde laut und die Peitsche knallte wieder. »Zieh, du faules Miststück!«, rief der Kutscher. Ein Knacken war darauf hinzuhören und ein fürchterlicher Fluch folgte. Dem Gefährt war ein Rad von der Achse gesprungen. Der Karren kippte zur rechten Seite weg und der Kutscher flog mit seinem Begleiter in den Dreck. Die Gefährten sahen vorsichtig hinter dem Stein hervor und der Kobold konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Der Karren hatte nur zwei Räder und ein bedauernswerter kleiner Esel musste ihn ziehen. Der Kutscher war ohne jeden Zweifel ein Dragolianer und sein Begleiter ein Obinarer. Waffen hatten sie nicht bei sich. Wegen der Wärme waren sie nur spärlich bekleidet. Der Dragolianer hob den Karren an und der Obinarer steckte das Rad auf die Achse. Dann gönnten sie sich einen Schluck Wasser aus einer Kürbisflasche.
»Das tut gut«, schnaufte der Obinarer. Auf seiner gelben Schuppenhaut war deutlich der Staub zu sehen, den der Karren aufgewirbelt hatte.
»Wir haben den Weg bald geschafft«, erklärte der Dragolianer. Das Orakel wird morgen Nacht sprechen und einer der Priester hat mir versichert, dass es uns sagen wird, wer uns bedroht. Außerdem soll unser Herr bald zurückkommen. Er ist schon längst auferstanden, so wie es der erste Priester vorhergesagte.«
»Da erzählst du mir nichts Neues«, meinte der Obinarer. »Ich war dabei, als er im Frühjahr die Auferstehung Dämonicons vorausgesagt hatte. Niemand kennt das Schicksal so gut, wie der erste Priester. Doch der Iht-Dag meint, dass Orakel wäre noch viel besser. Lass uns die Opfergaben zum Felsen bringen. Dann sind wir rechtzeitig wieder in der Stadt. Platos wird dieses Mal auch im Tempel sein.«
Der Kutscher setzte er sich wieder auf seinen Platz und der Obinarer schob ihn ein Stück an. Danach sprang auch er auf und sie setzten ihre Fahrt fort.
Als die Karre nicht mehr zu hören war, sah Snobby zu Aella. Sie schien über die Worte des Obinarers erschrocken zu sein. »Stimmt etwas nicht?«, fragte der Kobold.
»Nein nein, es ist alles in Ordnung«, antwortete die Fee. »Lass uns der Spur des Karrens folgen. Sie wird uns zur Stadt bringen. Doch wir müssen verdammt vorsichtig sein.«
»Das wollte ich auch vorschlagen«, entgegnete der Kobold. Er sah sich die weiße Fee noch einmal prüfend an. Sie schaute in die Umgebung und deutete zu der Karrenspur, die im Sand gut zu sehen war. Snobby nickte ihr zu und sie schlichen weiter von Felsbrocken zu Felsbrocken.
Nach ungefähr zwei Stunden legten die Gefährten eine Rast ein. Sie hockten sich hinter einem Felsen und teilten sich den Inhalt einer Flasche Wasser. Es schmeckte köstlich und die Hitze des späten Nachmittags verstärkte diesen Eindruck noch. Als sie aufbrechen wollten, hörten sie wieder den Knall einer Peitsche. Der Eselskarren mit dem Dragolianer und dem Obinarer kam vom Felsen der Alten zurück. Sie hatten sich mit der Auslieferung ihrer Opfergaben nicht viel Zeit gelassen und der Esel zog den Karren, so schnell er konnte, zur Stadt zurück.
Als der Karren nicht mehr zu hören und zu sehen war, gingen Aella und Snobby den frischen Spuren nach. Sie führten tatsächlich zu einer Stadt, die an der südlichen Küste der Insel lag. Doch was war das für ein Ort, zu dem die Fee und der Kobold gingen? Das letzte Licht des Tages versuchte noch einmal, die dichten Wolken zu durchdringen, bevor die Sonne im Westen unterging.
Im Schein dieses Lichtes bot die Stadt einen unheimlichen Anblick. Ihre Erbauer hatten sich gründlich auf einen Angriff vorbereitet. Die Mauer, die die Stadt umschloss, war mit großen eisernen Dornen gespickt und ihre Höhe zeigte den beiden Reisenden, welche Furcht ihre Bewohner vor einem Krieg hatten. Es gab wohl für jede Himmelsrichtung ein Stadttor. Jedes Tor wurde von einem Dutzend Kriegern bewacht. Sie kontrollierten jeden Bewohner, der hinaus oder hinein wollte.
Fremde Reisende kamen wohl nie zu diesem Ort. Die Häuser, die hinter der Stadtmauer standen, wirkten dunkel und kein einziges Licht schien durch ihre wenigen Fenster.
Als die Nacht hereinbrach, kamen Snobby und Aella in der Nähe der Stadt zu einer Fischerhütte. Sie war halb verfallen und bot nur wenig Schutz vor dem Wind, der immer stärker wehte. Dieser Wind vertrieb offenbar die Wolken, denn Snobby entdeckte am nächtlichen Horizont einige Sterne. Er machte Aella darauf aufmerksam. Als der Wind nachließ, war das Rauschen des Meers zu hören. Gleichmäßig schlugen seine Wellen gegen das Ufer. Es musste in der Nähe sein, denn die Luft roch angenehm salzig.
Die Fee nahm den Kobold an die Hand und sie zog ihn zum Wasser mit. Das Rauschen wurde lauter und sie sahen, wie sich die Sterne und der Mond in den Wellen spiegelten. In der Nähe war eine Hafenmauer mit einigen Fischerbooten. »Morgen Nacht ist Vollmond«, flüsterte Aella. »Wir sollten uns heute Nacht ein Versteck in der Stadt suchen und uns dann auf die Lauer legen. Wenn wir das Orakel stehlen, haben wir nur einen Versuch. Sicherlich wird es gut bewacht, sodass wir schnell handeln müssen.«
»Da stimme ich dir zu«, antwortete Snobby ebenso leise. »Die beste Gelegenheit haben wir bestimmt im Tempel. Wenn wir da ein sicheres Versteck finden, könnten wir noch vor dem nächsten Abend Erfolg haben.«
Aellas Augen wanderten zu dem Mond, der mit seinem blassen Licht den Strand erhellte. Sie ließ die Hand des Kobolds los und hockte sich vor ihm hin. »Ruhen wir uns noch einen Augenblick aus. Dann schleichen wir uns zur Stadt und erkunden die Mauer, die diesen unheimlichen Ort umgibt. Wenn alle Bewohner schlafen, haben wir es bestimmt viel leichter.«
Snobby sah Aella in die Augen, in denen sich das Licht des Mondes widerspiegelte. »So werden wir es machen«, stimmte er den Worten der Fee zu und er drehte sich zur Stadt um. Wie ein einziger schwarzer Schatten lag sie im Lichtschein des Mondes und ein mulmiges Gefühl machte sich im Bauch des Koboldes breit.
Nur wenige Minuten später schlichen sie zur Stadtmauer. Schon von Weitem konnten sie die Wachen erkennen, die mit Fackeln ihren Weg auf dem Wehrgang erhellten. Immer wieder sah einer dieser Wachen über die Mauer. Für den Kobold war das ständige Kommen und Gehen der bewaffneten Männer beunruhigend. Sein mulmiges Gefühl verstärkte sich in seinem Bauch.
Als es nur noch wenige Schritte waren, ergriff Snobby die rechte Hand der Fee. Er zog sie hinter eines der wenigen Gebüsche, die nahe der Stadtmauer wuchsen.
»Was ist denn?«, zischte die Fee leise zu dem Kobold, als sie sich neben ihm hinhockte.
»Nicht so laut«, flüsterte Snobby. »Die Wachen sind sehr aufmerksam. Wir müssen noch ein wenig warten.«
Eine Stunde verging und die beiden Gefährten bemerkten, dass die Aufmerksamkeit der Wachen nachließ. Irgendetwas musste sie ablenken, denn sie kamen nicht mehr auf den Wehrgang. Snobby packte seine Flugschale aus und vergrößerte sie mit einer Beschwörung. Er setzte sich auf sie und schwebte vor der Fee.
Aella brauchte keine Schale zum Fliegen. Mit Leichtigkeit erhob sie sich in die Luft und flog neben dem Kobold. Gemeinsam erreichten sie den Wehrgang, der auf der Mauer vom Stadttor zum nächsten Wachturm verlief. Das bleiche Mondlicht erhellte die Dächer der Häuser. Dazwischen gab es dunkle Schatten, die Schutz boten und die Gefährten vor unerwünschten Blicken schützten. Sie landeten zwischen den Häusern und duckten sich in die Schatten. Dann sahen sie sich vorsichtig um.
Die Wachen gingen gerade wieder mit ihren Fackeln auf der Mauer entlang. Ihre Waffen klapperten und einer von ihnen fluchte laut vor sich hin. »Die Suppe war früher besser gewesen.«
»Und das Brot war nicht so hart«, stimmte ihm ein anderer Wachmann zu.
»Wir sollten uns mal bei den Köchen in der Küche beschweren«, meinte der Nächste. »Dieses faule Pack strengt sich schon lange nicht mehr an. Nicht einmal Fleisch war in der Suppe drin. Und da soll man seinen Dienst die ganze Nacht verrichten. Anstatt zu schlafen, laufen wir auf dieser öden Mauer herum. Ich habe dazu keine Lust mehr.«
»Ich auch nicht«, stimmte der erste Wachmann zu. »Die Kerle, die den Tempel bewachen, haben es viel besser. Die werden von der Tempelküche versorgt. Die haben fast jeden Tag und jede Nacht Fleisch auf dem Teller.«
»Du hast recht«, fügte der Zweite hinzu. »Und morgen Nacht haben sie es noch viel besser. Da spricht das Orakel und ein Teil der Opfergaben geht an die Wachen des Tempels. Das war schon immer so. Und wir gehen wie immer leer aus.«
Die Wachen gingen schimpfend ihrer nächtlichen Arbeit nach und die beiden Gefährten hockten sich in einer schattigen Ecke zwischen zwei Häusern hin. »Nun wissen wir genug«, flüsterte die Fee.
»Wir brauchen ein sicheres Versteck«, flüsterte der Kobold zurück. »Es muss in der Nähe des Tempels sein und wir müssen unbemerkt hinein und hinauskommen.«
»Das weiß ich selbst«, antwortete Aella, nachdem sie sich noch einmal prüfend umgesehen hatte. »Wir müssen das Orakel aus dem Tempel bringen, bevor es mit seinen Voraussagungen beginnt. Es würde die Priester warnen und den Iht-Dag auf uns aufmerksam machen.«
»Ach ja«, flüsterte Snobby. »Da ist ja noch dieser Platos. Die beiden Dummköpfe, die mit dem Eselskarren zur Stadt wollten, haben sich ja laut genug über ihn unterhalten.«
Der Kobold sah aufmerksam zu Aella und ihm entging nicht, dass sie bei dem Namen des Iht-Dags zusammenzuckte. Ihm beschlich eine unbestimmte Ahnung und eine Frage kam ihn in den Sinn. Was wäre, wenn die Fee den Diener des Dämonicons kannte? Snobby wagte es nicht, die Frage offen auszusprechen. Er sah selbst noch einmal nach den Wachen. Von ihnen war nichts zu sehen oder zu hören.
»Wir sollten hier verschwinden«, flüsterte der Kobold der Fee zu. »In der Nähe der Stadtmauer sind wir nicht sicher.«
Im Schatten der Häuser huschten die beiden Gefährten durch die Nacht. Sie waren schnell und leise, so als wären sie Diebe, die einen großen Beutezug durchführen wollten. Doch in der Nähe des Tempels mussten sie halten. Die Wachen, die diesen Ort beschützten, waren überaus aufmerksam und keiner von ihnen fluchte über das Essen.
Im Schatten eines Hauses sahen sich die Gefährten den Ort an, in dem die Obinarer und die Dragolianer das Orakel wie einen gewaltigen Schatz hüteten. Nach und nach schlichen die Fee und der Kobold von Haus zu Haus. Sie waren auf der Suche nach einem Versteck. Es war schon weit nach Mitternacht, als sie sich für den Dachboden eines Hauses entschieden. Ein kleines Fenster, das einen Spaltbreit offen stand, wirkte auf die Gefährten wie eine Einladung. Sie konnten ihr nicht widerstehen.
Die Krone der Schattenalp
Die Schluchten von Hardion verbargen die Überreste von vielen Kriegern. Vagho war froh, dass er in dem Gewirr dieser Schluchten das Grab von Assgho gefunden hatte. Er war nicht dabei gewesen, als vor langer Zeit der Mann beerdigt wurde, den er zum General machte und der sein Heer in die Schlachten führte, als er noch selbst der König von Villbass war. Der Schattenalp hasste noch immer den toten Assgho, der ihm die Königswürde stahl und ihn aus seiner Heimat vertrieb.
Die Krone, die Assgho mit in sein Grab nahm, stammte vermutlich von einem Zwerg. Wahrscheinlich war dieser Zwerg ein Fürst oder sogar ein König gewesen. Für gewöhnlich hatte Assgho den Besitzer eines wertvollen Dinges getötet, wenn er ihm etwas raubte. In den Ohren des Schattenalps klangen noch immer die Worte seines einstigen Generals. »Wenn du keine Rache fürchten willst, so töte den Feind, denn beim Sterben sind alle gleich.«
Dämonicon stand neben dem König der Schattenalps, als der sich die Krone genauer ansah. Orapius und Monga betrachteten sie ebenfalls. Zwei Krieger von Vagho schaufelten das Grab wieder zu. Sie unterbrachen für einen Moment ihre Arbeit und sahen zu ihrem Herrn, als der sich den goldenen Reif mit den fünf dornartigen Zacken und den funkelnden Edelsteinen auf seinen kahlen Schädel stülpte. Die Krone passte, als wäre sie extra für Vagho von einem Meister der Goldschmiede hergestellt worden. Der König der Schattenalps sah zu den beiden Kriegern, die sich sofort wieder an ihre Arbeit machten.
»Sie steht dir ausgezeichnet, mein Freund«, sprach Dämonicon leise zu Vagho. Seine Stimme ließ die Wände der Schlucht erzittern. Staub und kleine Steine fielen herab und die Krieger sahen sich furchtsam um.
»Was nun geschehen soll, ist etwas komplizierter«, sprach Monga und sie betrachtete noch immer die Krone auf dem Kopf des Schattenalps.
Orapius zog aus einem kleinen Ledersack ein altes Türschloss heraus. Er streckte seine Hände mit dem Schloss Vagho entgegen und seine Stimme erbebte vor Ehrfurcht, als er zu ihm sprach. »Mein Herr und Meister. Spreche die Beschwörung aus, sodass die Krone ihr Werk verrichten kann. Das Schloss wird sich öffnen, so wie es auf dem alten Pergament stand, das ich im Bluthort gefunden habe.«
Vagho betrachtete das Schloss, in dem ein abgebrochener Schlüssel steckte und die verrostete Verriegelung herausschaute. Er bezweifelte, dass dieses Ding noch funktionierte, doch er sprach die Beschwörung aus. Sofort drehte sich der Rest des Schlüssels im Schloss einmal um sich selbst und der Riegel fuhr zurück. Hätte das Schloss eine Tür verschlossen, so wäre sie für jeden Eindringling offen. Erleichtert sah Vagho zu Dämonicon.
»Damit ist es also entschieden«, sprach der schwarze Prinz und Monga stimmte ihrem Sohn zu.
»Wir werden uns die drei Elflinge holen und so Theodora mitten in ihr Herz treffen. Sie wird sich nach ihnen so sehr sehnen, dass sie ihre Kräfte verbraucht und ihre Aura zusammenbricht. Wenn das geschehen ist, werden wir Bochea überrennen und die Stadt dem Erdboden gleichmachen.«
»Ja Mutter«, sprach der schwarze Prinz. »Im Frühjahr werden wir soweit sein. Mein getreuer Diener Platos hat mir einen Boten geschickt. Er herrscht in meinem Namen noch immer über die Insel der Alten. Seine Treue ist groß und er bereitet alles für meine Rückkehr und natürlich auch für die Rückkehr der sieben Alten vor. Sein Orakel wird ihm dabei helfen. So hat es mir sein Bote versichert.«
Vagho rieb sich die Hände und ein hinterhältiges Grinsen war in seinem Gesicht zu sehen. Er spürte die Abenteuerlust und die Gier nach fremden Schätzen. Diese Gier war wie ein Rausch und er gab sich diesem Rauch mit Vergnügen hin. »Wir werden uns diese Elflinge holen und dann lassen wir sie fliegen.«
»Ja mein Herr«, stimmte ihm Orapius zu. »So wird sich die Prophezeiung dieser Feenkönigin doch noch erfüllen.«
Der schwarze Magier packte das Schloss zurück in den Sack. Er warf es achtlos auf das Grab von Assgho. Dann lief er seinem Herrn nach, der sich mit Dämonicon und Monga zu einer Höhle zurückzog.
Die Hitze des Tages wurde immer unerträglicher. In der Höhle, die tief in die Wand der Schlucht führte, beschwor Dämonicon ein schwarzes Portal. Es brachte ihn und seine Begleiter zurück zum großen Festungstor des Bluthortes. Vor dem Tor des alten Gemäuers öffnete sich das Portal und Dämonicon kam zuerst heraus. Die anderen folgten ihm und als der letzte Krieger heraus war, schloss es sich mit einem Knall.
Dämonicon stieß das Tor auf und lief in die große Halle der alten Festung. Dort wartete bereits das Essen auf einen Tisch. Nach einer halben Stunde erklärte er Monga und Vagho, was er vorhatte. »Noch heute werdet ihr nach Bochea reisen. Orapius wird euch begleiten. Ihr holt euch die drei Elflinge und bringt sie mir. Wir sperren sie hier im Bluthort ein, und wenn das Frühjahr gekommen ist, werden wir unsere Pläne verwirklichen. Dieses Mal werden wir über Bochea siegen und Theodora wird sterben.«
»Und was wirst du in der Zwischenzeit machen?« In Mongas Stimme war deutlich zu hören, dass sie mit ihrem Sohn nicht völlig einverstanden war. Sie sah ihn mit einem durchdringenden Blick an.
»Ich reise nach Selan und werde dort die Arbeiten an der Tempelanlage überwachen«, erklärte Dämonicon und seine Stimme ließ die alten Mauern des Bluthortes erzittern. »Vor vielen Jahren hat dort angeblich ein unerklärliches Beben gewütet. Doch es wird wohl eher ein Krieg gewesen sein. Platos Bote konnte, oder wollte mir nichts genaues sagen. Der Bote war noch ein Knabe, den Platos mit Bedacht für seine Aufgabe ausgesucht hatte. Ich will, dass die Bewohner der Insel die sieben Tempel wieder aufbauen und zu einem einzigen Tempel vereinen. Es darf nur einen Zugang geben, der leicht zu bewachen ist. Das ist sehr wichtig für mich. Die versteinerten Söhne des Schöpfers müssen geschützt werden. Kriege und Hungersnöte haben das Volk auf der Insel von ihren Pflichten abgehalten. Ich werde das ändern und auf der Insel für Ordnung sorgen.«
»Na gut«, lenkte Monga ein. »Wir reisen also nach Bochea und holen uns die Kinder der Feenkönigin. Ich hoffe nur, du vergeudest nicht so viel Zeit auf dieser Insel.«
Dämonicons Miene verfinsterte sich, als er zur schwarzen Fürstin sah. »Du wirst doch nicht etwa an mir zweifeln, Mutter? Immerhin verdankst du mir deinen neuen Körper. Mein Vater hätte ihn dir nicht geben können.«
»So habe ich das nicht gemeint«, versuchte Monga ihren Sohn zu beschwichtigen. »Ich will nur … ohne dich ist es viel gefährlicher in Bochea. Dort gibt es nur Feinde.«
Dämonicon nahm sich eine Schweinekeule und roch an ihr. Sie war frisch gebraten und ihr Duft zog ihm in die Nase. Er zeigte mit ihr zu Monga. »Du weißt genau, dass ich euch in Bochea nicht helfen kann. Die Aura der Feenkönigin würde mich sofort verraten. In dieser Stadt ist jede schwarze Magie nutzlos. Deshalb muss ein Meisterdieb wie Vagho dort ans Werk gehen. Ihr sollt ihm helfen, die Kinder sicher hier herzuschaffen. Ist das so schwer zu verstehen, meine liebe Mutter?«
Monga schüttelte den Kopf und ein Bote trat herein. Er beendete mit seiner Meldung das Gespräch. Der Bote trat dicht an Dämonicon heran und grüßte mit einer Verbeugung. Dann trug er seine Botschaft vor. »Ich bin gelaufen, so schnell ich konnte, mein Herr. Ich muss euch berichten, dass die Riesen in Ando-Hall sich zum Kampf gerüstet haben. Sie haben sich von ihren Priestern für einen Krieg segnen lassen. Das konnten wir aus den Gesprächen von zwei Jägern entnehmen, die wir belauscht haben. Es waren weiße Elfen, die in der Nähe von Ando-Hall ihr Jagdgebiet haben. Die Riesen bewachen ihre Stadt und ihren Tempel so gut, dass niemand ungesehen hineinkommt.«
»Verdammt, das habe ich befürchtet!«, fluchte Vagho sofort los, als der Bote seinen Bericht beendete.
»Du musst mehr Geduld haben«, belehrte ihn Dämonicon. »Es findet sich immer wieder eine Möglichkeit, in Ando-Hall einzudringen. Außerdem haben wir in der nächsten Zeit dort nichts Wichtiges zu erledigen. Und die Wand mit der verräterischen Karte im Tempel der Riesen wird auf uns warten müssen. Die werden wir zerstören, wenn wir Ando-Hall dem Erdboden gleichgemacht haben.«
Die Worte des schwarzen Prinzen erinnerten Orapius an seine eigene Karte, die er immer bei sich hatte. Er breitete sie auf einem Tisch aus und tippte mit einem Dolch auf die Stelle, wo Bochea eingezeichnet war. »Wir holen uns zuerst die Elflinge«, sprach er in aller Ruhe zu Vagho. »Dann warten wir einige Tage und sehen, was in Bochea geschieht. Einige Meilen südlich von Bochea gibt es ein gutes Versteck für uns. Es ist ein kleiner, flacher Hügel, auf dem die Reste eines alten Gemäuers stehen. Man nannte früher diesen merkwürdigen Ort den Laurushügel.«
Dämonicon und Monga beugten sich über die Karte und betrachteten sie. Sie bestand aus dünnem Ziegenleder und ihre schwarzen Linien und Buchstaben konnte nur jemand sehen, der ihr Geheimnis kannte. Orapius hatte sie hergestellt und mit einem magischen Schutzzauber versehen. Nur ein Träger der schwarzen Magie konnte ihr Geheimnis lüften. Zufrieden schaute der Magier in die Gesichter von Monga, Vagho und Dämonicon.
»Du hast dir viel Mühe mit dieser Karte gegeben«, lobte ihn die schwarze Fürstin. »Wir sollten noch etwas von den Speisen essen und einen guten Wein dazu trinken. Dann ist es Zeit für den Aufbruch. Selbst auf der Karte sieht der Weg nach Bochea recht weit aus.«
Eine Stunde später brachen Monga, Orapius und Vagho auf. In dicke Felle gehüllt saß die Fürstin auf einem Kriegsschild. Mit diesem Schild flog sie eine Runde um den Bluthort. Vagho und Orapius setzten sich zusammen auf die Flugschale des Königs. Sie schützten sich ebenfalls mit Fellen gegen die eisige Kälte des Winters. Die Flugschale war gerade groß genug für die beiden Schattenalps. Monga flog voraus, denn sie kannte den Weg, der nach Bochea führte.
Dämonicon sah ihnen nach. Als seine Mutter und die beiden Schattenalps nicht mehr zu sehen waren, beschwor er ein schwarzes Portal herauf. Nur einen kleinen Augenblick später war er im Portal verschwunden. Es fiel mit einem Knall in sich zusammen und Dämonicon landete auf der Insel Selan, wo er direkt im Tempel der Stadt ankam.
Für die Fürstin und die beiden Schattenalps dauerte der Weg viel länger. Sie mussten über die kalte Winterlandschaft fliegen. Dabei waren Straßen und Wege kaum zu sehen. Der Wind überdeckte alles gleichmäßig mit einer dicken Schneeschicht. Der Flug dauerte einige Stunden und sie landeten erst, als die Nacht hereinbrach. Ein kleines Gebüsch und eine umgestürzte Eiche waren der einzige Schutz, den die Fürstin und die beiden Schattenalps fanden. Völlig erfroren machten sie sich ein Feuer an und wärmten sich die Hände. Erst dann packten sie ihren Proviant aus.
Das Brot und das Fleisch waren gefroren und so hart wie ein Stein. Sie mussten sich gedulden, doch dank des Feuers war des Essen bald genießbar. Dem starken Wein, den die drei dunklen Gestalten bei sich hatten, konnte die eisige Kälte nichts anhaben. Er war nicht gefroren und er schmeckte ihnen um so besser.
Als sie satt waren, erklärte sich Vagho bereit, die erste Wache zu übernehmen. Er warnte die Fürstin und den schwarzen Magier. Sie sollten lieber nicht so tief schlafen, denn die Wölfe waren bestimmt nicht weit. Selbst das Feuer würde sie nicht schützen, wenn ein hungriges Rudel angriff.
Mit seinem Zauberstab bewaffnet, hockte Vagho hinter der Eiche und er sah in die Nacht hinaus. Dabei wanderten seine Gedanken noch einmal zurück in längst vergangene Zeiten. Ihm kam der Schatz von Illwerin in den Sinn und sein General Assgho, der ihm nach der Eroberung der Stadt mit Vorwürfen überhäufte. Das Gold von Illwerin war verschwunden und die Zahl der gefallenen Krieger war groß.
Eine Weile sah der König der Schattenalp die Bilder längst vergangener Zeiten vor sich, als wäre alles erst soeben geschehen. In Gedanken versunken, grübelte er darüber nach, was geschehen wäre, wenn er den Schatz der weißen Elfen von Illwerin erfolgreich auf seine Insel Villbass gebracht hätte. Ein leises Knacken ließ ihn aufschrecken. Er sah sich um, doch es war nichts zu erkennen. Kein Wolf war in der Nähe und das Knacken kam von dem Lagerfeuer. So wartete er noch einige Stunden ab. Dann weckte er Orapius auf, bevor er sich selbst zum Schlafen neben dem Feuer in seine Felle hüllte.
Der nächste Morgen brach mit einem lauten Donnern an. Monga hatte die letzte Wache übernommen und eine Jagdhorde entdeckt. Ein großer Haufen Nachtaugenriesen näherte sich dem Lager der drei dunklen Gestalten. Die Fürstin hatte sie im letzten Augenblick bemerkt und den Anführer mit einem Donnerschlag niedergestreckt. Seine Begleiter waren so überrascht, dass sie erst begriffen was geschehen war, als Monga einen zweiten Riesen zu Fall brachte. Wütend griffen sie an und die Fürsten flog mit ihrem Kriegsschild eine große Runde. Sie erkannte schnell, dass die Riesen die Verfolgung aufnahmen. Dadurch konnten die beiden Schattenalps ihre Sachen packen und auf Vaghos Flugschale entkommen.
Als Monga zu ihnen zurückkehrte, hatte sie die wütenden Riesen weit hinter sich gelassen. Sie lachte, als sie sich beim Fliegen von Orapius ihre Felle geben ließ.
»Habt ihr das gesehen!?«, rief sie den Schattenalps zu. »Diese närrischen Riesen waren auf der Wolfsjagd. Es waren mindestens zwölf Jäger und ein Priester.«
»Deshalb hatten wir in der Nacht Ruhe vor den Wölfen«, antwortete Vagho. »Die Riesen hatten sie vertrieben. Doch sie werden ihre Jagd bestimmt nicht fortsetzen.«
»Der Meinung bin ich auch«, fügte Orapius hinzu. »Sie werden ihre Toten begraben und in Ando-Hall berichten, dass sie uns gesehen haben.«
Monga flog mit ihrem Schild dicht neben der Flugschale der Schattenalps. Der eisige Wind trieb der Fürstin Tränen in die Augen, doch sie verringerte ihre Geschwindigkeit nicht. »Ich glaube nicht, dass sie tot sind«, rief sie den Schattenalps zu.
»Wie so nicht?« Vaghos Frage klang beinah bedrohlich. Monga hielt sich mit einer Hand am Schild fest und schützte mit der anderen Hand ihren Mund, als sie antwortete. »Ich habe den ersten Riesen am Bein erwischt. Der zweite Kerl war so dick angezogen, dass sein Mantel und seine Ledersachen die Wucht meines Donnerschlags abgebremst haben. So ein Riese ist nicht leicht zu töten. Selbst die Dämonen fürchten noch immer ihre Kräfte.«
Vagho wollte noch etwas sagen, doch Orapius machte ihn auf einen Schwarm Krähen aufmerksam. Sie wichen den Tieren aus und suchten sich eine Stelle zum Landen. In einem kleinen Wäldchen rasteten sie ein wenig später und sie verschlangen hastig die Speisen, die ihnen ein kleines Feuer erwärmte. Da sich die drei dunklen Gestalten nicht sicher fühlten, brachen sie rasch wieder auf. Die Kälte setzte ihnen trotz der Felle und der warmen Ledersachen tüchtig zu. Deshalb waren sie froh, als sie am frühen Abend den Laurushügel erreicht hatten. Sie hofften, zwischen den Mauerresten die auf ihm standen, genügend Schutz zu finden. Doch Schnee und Eis hatten alles bedeckt, was von der Ruine noch übrig war.
Orapius trieb mit einer Beschwörung den Schnee von den uralten Steinen, die von dem einstigen Haus, das hier früher stand, noch zu erkennen waren. Dabei legte er die Reste eines Fußbodens frei, auf dem im Sommer Moos und kleine Büsche wuchsen. Erde und modriges Laub und kleine Steine flogen zu Seite und die Fürstin zeigte zu einer bestimmten Stelle. »Dort ist etwas, dass zu den anderen Steinen des Bodens nicht passt.«
»Oh ja«, flüsterte Vagho und er spürte sofort, wie die Neugierde in ihm aufstieg und jeden Gedanken an die Kälte, die Feinde und die mahnende Vorsicht vergessen ließ. Er zog seinen Zauberstab und ließ mit einer Beschwörung eine große viereckige Steinplatte in der Luft schweben. Behutsam setze er sie neben dem Loch ab, das im Boden zu sehen war. Dann beschwor er seinen Zauberstab und ein Licht erhellte die Umgebung.
»Was für eine tolle Magie«, stellte Monga mit einem überfreundlichen Grinsen fest. »Ein Zauberstab, dessen Kristallspitze leuchtet. Hoffentlich geht der nicht gleich wieder aus.«
»Nur keine Sorge, meine liebe Fürstin«, knurrte Vagho, als er sich das viereckige Loch im Fußboden ansah. »Diese Magie habe ich schon oft genug benutzt. Sie erspart mir das Tragen einer Fackel.«
Im Lichtschein konnte Vagho eine Treppe erkennen, die tief unter den Fußboden in einen Raum führte. Er stieg diese Treppe hinunter und sah sich dem Raum unter dem Fußboden an. Viel gab es nicht zu bestaunen. Die Reste einiger alter Schränke, die von den Holzwürmern schon längst besiegt waren, lagen überall herum. Es war staubig und ein Geruch von Moder lag in der Luft.
In einer Ecke stand eine kleine Truhe, an die sich die Holzwürmer noch nicht herangewagt hatten. Sie sah ungewöhnlich gut erhalten aus. Orapius sah sie zuerst und er versuchte sofort, ihren halbrunden Deckel zu heben. Er spürte einen stechenden Schmerz in beiden Händen. Seine Beine wollten ihm plötzlich nicht mehr gehorchen. Der Magier sackte auf den Boden und die Truhe schien um ihn herum zu tanzen. Eine schallende Ohrfeige seines Herrn brachte ihn wieder ins Bewusstsein, wo er sich gerade befand.
Monga betrachtete die Truhe genauer. Sie spürte, dass ein Schutzbann den Inhalt dieses kleinen Dinges bewachte. »Da werden wir wohl zu etwas stärkeren Mitteln greifen müssen«, sagte sie so, als wollte sie gleich einen gewaltigen Hammer einsetzen.
Vagho half dem Magier auf die Beine und leuchtete ihm mit seinem Zauberstab ins Gesicht. »Geht es wieder, oder brauchst du noch einen Schlag.«
Orapius erkannte das schadenfrohe Grinsen im Gesicht seines Herrn und er schüttelte hastig seinen Kopf. »Nein … ich bin nur etwas … aber das geht gleich wieder … ich meine … was ist denn das für ein Bann? So etwas habe ich noch nicht erlebt. Das kann nur der alte Laurus gewesen sein. Der hat hier gewohnt und wir befinden uns in seinem Keller.«
»Ja ja, der gute alte Laurentius«, spottete Vagho. »Ich werde wohl die Krone des Assgho benutzen müssen.«
»Das solltest du tun, mein Herr und Meister. Doch der Mann, dem diese kleine Truhe einst gehörte, hieß Laurus. Wir können froh sein, dass er nicht mehr lebt. Der Kerl soll unausstehlich gewesen sein. Kurz vor seinem Tod war er völlig verwildert. Und wirr im Kopf war er auch.«
Vagho setzte sich die Krone auf, mit der er die Truhe öffnen wollte. Gespannt sahen ihm Monga und Orapius zu. Er flüsterte eine Beschwörung und ein grünliches Schimmern umgab die Truhe. Das Schimmern löste sich auf und eine zweite Beschwörung ließ einen versteckten Schließmechanismus zurückfahren. Mit einem leisen Klicken gab die Verriegelung den Deckel frei. Der hob sich hoch und Monga und Orapius wollten sofort wissen, was in der Truhe war. Vagho breitete seine Arme aus und hielt sie zurück.
»Was ist los, Vagho?«, fragte die Fürstin.
Der König der Schattenalps starrte auf die Truhe und knurrte wie ein Wolf. »Da gibt es noch eine Kleinigkeit zu bearbeiten. Das grüne Flimmern hat mir verraten, das Gift im Spiel ist. Ich kann so etwas wittern. Meine Erfahrung als Meisterdieb sagt mir, dass wir nach der Quelle des Giftes suchen müssen. Schaut euch genau an, was ihr seht. Es ist wahrscheinlich ein geheimer Mechanismus. Sobald wir die Truhe berühren, wird das Gift freigesetzt.«
Orapius lief die Treppe hoch und kam gleich darauf mit einem Stein zurück. »Soll ich das gute Stück hiermit bewerfen?«, fragte er Vagho.
Der König winkte ab und nahm dem Magier den Stein aus der Hand. »Damit zerstörst du mehr, als wir gewinnen können. Doch ich habe eine bessere Idee. Wir versuchen es noch einmal mit Magie.«
Erneut sprach Vagho eine Beschwörung aus und ein unscheinbares Tuch hob sich in die Höhe. Es hatte ein kleines Fläschchen unter sich versteckt, dass durch einen ebenso kleinen Hammer zerstörte werden konnte. Der Schaft des Hammers war wie eine Feder gespannt und wurde nur von einem dünnen Faden gehalten. Vagho entfernte mit seiner Magie das Giftfläschchen und löste danach den Mechanismus aus. Der Hammer schlug zu, ohne etwas zu treffen und Monga ging langsam auf die Truhe zu.
Vagho und Orapius näherten sich ihr ebenfalls. Außer einer vergilbten Pergamentrolle lag jedoch nichts weiter in der Truhe. Der König nahm sie heraus und beleuchtete sie mit seinem Zauberstab. Er las vor, was auf dem Rolle geschrieben stand.
»Auf diesem Pergament stehen meine letzten Worte. Wer sie liest, der muss ein großer Magier sein. Oder er ist ein gerissener Dieb. Oder beides, ich weiß es nicht. Doch lies, was ich dir zu sagen habe. Die Stadt Bochea anzugreifen war wohl ein Fehler. Ihre Königin ist für mich zu mächtig. Vor meiner Tür lauern ihre Krieger. Selbst die Bauern der Umgebung wollen mich töten. Ich kann schon das Feuer ihrer Fackeln riechen. Doch sie müssen noch ein wenig mit meinem Schutzbann kämpfen. Erst dann können sie mein Haus stürmen und mich umbringen. Diese Narren glauben, dass sie mit ihrer Königin alle Zeiten überstehen werden. Doch ich weiß es besser, denn ich kenne einen geheimen Weg. Also Fremder, ich hoffe, du willst der Königin und ihrer Stadt einen Besuch abstatten und so einiges mitgehen lassen. Suche eine halbe Meile vor der Stadt den alten Wachturm auf. Er steht nördlich des großen Stadttores. Hinter diesem Turm gibt es einen verlassenen Friedhof. Da soll mein Vater bei Vollmond schon als Geist gespukt haben. Meine Mutter sagte mir das. Such das Grab meines Vaters und öffne es. Du wirst dich freuen und eine große Überraschung finden. Die habe ich mir für die Stadt Bochea und ihre Königin ausgedacht. Oh je, sie haben meinen Bann überwunden. Ich bin Laurus der Magier und ich wünsche dir mehr Glück, als ich es habe. Sie kommen, sie sind gleich da und ich muss …«
Mit einem diebischen Grinsen sah Vagho erst zu Monga und dann zu Orapius. »Den alten Narren haben sie hier bestimmt wie einen tollwütigen Hund erschlagen. Doch vorher konnte er noch seine Pergamentrolle im Keller verstecken. Ein Glück für uns, dass die aufgebrachten Krieger und Bauern einfach alles niedergebrannt haben. Da konnten sie sich nicht um den Keller kümmern und diese wertvolle Pergamentrolle blieb uns erhalten.«
Mongas Busen bebte vor Erregung, als sie Vagho die Rolle aus den Händen nahm und noch einmal Laurus letzte Zeilen las. »Das muss ein Wink des Schicksals sein. Es hat uns auserwählt und es wird uns auf jeden Fall weiterhin gewogen sein. Morgen brechen wir auf, und wenn wir den alten Wachturm gefunden haben, dann finden wir auch den Friedhof.«
Orapius rieb sich die Hände, denn er spürte die Kälte, die durch das Loch in der Kellerdecke kroch. »Wir sollten hier den Staub und die Holzreste beseitigen. Dann können wir ein Feuer machen und den Keller als Versteck benutzen. Hier ist es in der Nacht sicherer, als oben im Freien. Außerdem plagt mich der Hunger im Magen.«
Eine halbe Stunde später war der Keller von Laurus einstigem Haus sauber gefegt und ein prasselndes Feuer loderte in der Mitte. Vorsorglich hatte Vagho den Schnee wieder über den Fußboden des Hauses gefegt. Niemand sollte gleich bemerken, dass es noch einmal Gäste im Keller gab.
Die Fallen des Barbaron
Selbst an den dunkelsten Tagen des Winters war der Tempel von Bochea ein hell erleuchteter Ort des Friedens und des Gebets. Alle Wesen, die den Schöpfer verehrten, kamen in der Zeit der Kälte und des Eises in den Tempel der Königin von Bochea. Theodora nahm die vielen Gaben entgegen, die für den Schöpfer als Opfer mitgebracht wurden. Wenn der Abend nahte, leerte sich der Tempel, und die Elfen, Zwerge, Zyklopen und Menschen gingen zurück in ihre Häuser. Dann war die Königin mit ihrem Gefolge und den vielen Wachen allein in dem großen Gebäude. Sie zog sich gern in ihre Gemächer zurück, um mit ihrer Tochter Helena zu speisen. Meist kam der Fürst Silberhand etwas später dazu, denn er kontrollierte am Abend die Wachen.
So war es jeden Winterabend gewesen. Dass der Fürst nicht zum Abendmahl erschien, war deshalb sehr ungewöhnlich. Die beiden Frauen saßen schon seit einer halben Stunde am Tisch und ließen sich das Essen schmecken. Als sie satt waren und der Fürst noch immer nicht erschienen war, beschlossen sie nachzuschauen.
In Begleitung zweier Zyklopenkrieger gingen sie zum großen Saal des Tempels. Dort stand der Feenthron, und dort waren auch die meisten Wachen. Keiner der Wachen salutierte, wie es üblich war, wenn die Königin den großen Saal betrat. Sie lagen überall herum und gaben ein gleichmäßiges Schnarchen von sich. Wütend sah sich die Königin um und das plötzliche Lachen ihrer Tochter vergrößerte ihren Zorn noch mehr.
Helena hatte den Fürsten entdeckt und der Anblick, den er ungewollt darbot, war für sie sehr erheiternd. Der Fürst saß festgebunden auf dem Thron. In seinem Mund steckte ein Stück seines Mantels. Auf seiner rechten Schulter saß Barbaron und auf der linken saß sein Hauptmann. Der Fürst zappelte, als hätte er ein furchtbares Jucken am ganzen Körper. Dabei wollte er sich nur von den Stricken befreien, die ihn am Aufstehen hinderten. Außer einem »Hm … hm …« war von ihm nichts weiter zu hören.
Die Königin war vom Anblick des Fürsten und dem unerwarteten Besuch der Minitrolle so überrascht, dass sie erstaunt den Thron und den Fürsten Silberhand anstarrte. Sie brauchte einen Moment, um die Situation zu begreifen. Langsam machte sich in ihrem Gesicht ein Lächeln breit und sie befreite mit einer Handbewegung und ein wenig Magie den armen Fürsten. Kaum war der auf seinen Beinen, sprangen Barbaron und sein Hauptmann zum Tor, wo sich ihr Volk versammelt hatte. Silberhand stürmte ihnen hinterher, doch er wagte es nicht, die Minitrolle anzugreifen. Barbaron schwebte in der Luft und streckte ihm mit beiden Händen seinen blauen Kristall wie eine Drohung entgegen.
»Es ist genug, Fürst Silberhand!«, rief die Königin. »Lass sie in Ruhe und erkläre mir lieber, was hier geschehen ist.«
Der Fürst stapfte zum Thron und verbeugte sich vor Theodora. »Sie sind hier eingedrungen und haben uns überfallen. Wer weiß, was die hier suchen, diese kleinen Gauner. Vielleicht sind sie ja mit Aramur im Bunde. Dieser bösartige Dieb ist uns vor wenigen Stunden aus dem Kerker entwischt.«
»Das ist doch die Höhe!«, meckerte Barbaron los. »Wir kamen hier mit unserem Trollsprung an und sind gleich von den Wachen angegriffen worden! Mit einem Dieb machen wir keine gemeinsame Sache!«
»Da waren die Krieger wohl ein wenig überrascht gewesen«, versuchte die Königin mit einem bezaubernden Lächeln den kleinen König zu beruhigen.
»Oh ja, dass waren sie«, erklärte Barbaron. »Wir sind als Freunde von hier gegangen, als wir das letzte Mal da waren. Doch kaum statten wir der Stadt Bochea einen erneuten Besuch ab, werden wir wie Feinde behandelt und auch noch als Diebe verdächtigt. Die Wachen, die hier herumliegen und schlafen, die haben uns mit ihren Schwertern und Lanzen angegriffen. Erkennen die uns nicht mehr?«
»Ihr hättet vor der Stadt landen können und …«
»Alles Quatsch!«, unterbrach der Hauptmann den Fürsten. »Das große Stadttor ist längst geschlossen und wir können nicht bis zum nächsten Morgen warten. Wenn wir zu euch kommen, haben wir auch einen wichtigen Grund.«
Theodora rief einige Diener herbei, die sich um die schlafenden Krieger kümmerten. Fackeln wurden gebracht und auf eine große Tafel wurden Speisen und Getränke gestellt. Die Königin forderte das Volk der Minitrolle auf, es sich schmecken zu lassen. Keiner von ihnen ließ sich das zweimal sagen und einen Augenblick später glich die Tafel einem Schlachtfeld. Der Fürst, der bessere Essmanieren gewöhnt war, sah es mit grausen. Doch Theodora und Helena schien der Anblick der Minitrolle zu erheitern.
Barbaron erklärte schließlich, weshalb er mit seinem Volk gekommen war. Die Miene der Königin verfinsterte sich, als sie erfuhr, was Dämonicon und seine Helfer alles planten. Barbaron wischte sich den Mund mit dem Tischtuch ab und flog dann zu Theodora. Er schwebte vor ihr in der Luft und erklärte dann mit absoluter Unschuldsmiene, dass ihm die Wachen leidtäten und er dem Fürsten Silberhand keinen Streich mehr spielen würde.
Die Königin sah dem kleinen König aller Minitrolle in die Augen und sie konnte sich erneut ein Lächeln nicht verwehren. Sie hatte den frechen kleinen Kerl zu sehr in ihr Herz geschlossen, um ihn wirklich böse zu sein.
»Du hast richtig gehandelt, mein kleiner Freund«, hauchte sie Barbaron ihre Worte zu. »Ich lasse die Wachen verstärken, die das Haus der Elflinge bewachen. Die drei Kinder sind schon längst kein Geheimnis mehr. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis einer unserer Feinde auf die Idee kommen würde, die Prophezeiung gegen uns zu verwenden, die ich vor langer Zeit im Schlaf ausgesprochen habe.«
Barbaron setzte sich auf Theodoras Schoss. »Wir sollten uns eine besondere Verteidigung für das Haus der Elflinge ausdenken. Monga, Vagho und Orapius sind verschlagen und zu jeder Schandtat bereit. Sie töten bedenkenlos und sie kennen keine Gnade. Was können wir tun, um sie aufzuhalten?«
»Stellt ihnen doch eine Falle«, mischte sich Helena ein. »Ja, das ist gut«, meinte der Fürst. »Ihr könnt auch mehrere Fallen aufstellen. Wenn eine nicht funktioniert, dann erwischt sie die Nächste.«
Der Hauptmann stellte sich auf die Tafel und rieb sich die Hände. »Denen werden wir es zeigen!«, rief er und er hob seinen Becher in die Höhe. »Wir trinken auf die Königin!«
Vor lauter Begeisterung hielt es Barbaron nicht mehr auf Theodoras Schoss aus. Er schwebte wieder vor ihr, warf ihr eine Kusshand zu und flog dann zur Tafel. Dann ließ er sich von Nummer Acht seinen Becher füllen und hielt ihn in die Höhe. »Auf die Königin«, rief Barbaron und dann trank er den Becher in einem Zug aus.
Der Fürst ging auf die Tafel zu, um dem kleinen König eine Frage zu stellen. Ihm entging nicht, dass die Hände der wachsamen Minitrolle zu ihren Waffen glitten. Ein Lächeln war die Antwort des Fürsten und er stellte Barbaron betont ruhig seine Frage. »Wann werden eure Freunde hier eintreffen?«
Barbaron hielt gerade eine große Gabel mit einem Stück Wildschweinbraten in seinen Händen. Bevor er in das Fleisch biss, gab er dem Fürsten seine Antwort. »Du meinst bestimmt die Nekromanten und die Kobolde. Albanarius, Orbin und Cylor werden kommen. Artur bringt fünf seiner Brüder mit. Nur Snobby fehlt, denn der hat eine andere Aufgabe übernommen. Er ist mit der Fee Aella unterwegs.«
»Sie müssen auf der Insel der Alten etwas sehr Wichtiges erledigen«, fügte der Hauptmann hinzu. Dafür wird ein weißer Elf hier herkommen. Er heißt Gordal und er ist ein verdammt guter Krieger.«
»Gordal …«, flüsterte der Fürst. »Diesen Namen habe ich schon einmal gehört. Doch ich dachte, er wäre schon längst tot. War er nicht der Geliebte der Königin von Penda?«
»Du bist gut informiert, mein lieber Silberhand«, sprach Barbaron und er deutete mit der leeren Gabel zum Fürsten. »Ich erzähle dir später, was wir alles in Penda und Saphira erlebt haben. Wenn wir mit dem Essen fertig sind, sehen wir uns erstmal das Haus der Elflinge an. Danach planen wir, was für Fallen wir dort aufstellen.«
Die Nacht war schon längst hereingebrochen, als Theodora mit Helena, dem Fürsten und ihren Gästen zum Haus der Elflinge ging. Einige Wachen liefen mit Fackeln voran. Das Haus war in der Nähe des Tempels. Von einer hohen Mauer umgeben, waren nur die obersten Etagen und das Dach zu sehen. Ein kleines Tor in der Mauer war der einzige Zugang. Um kein unnötiges Aufsehen zu erregen, standen die Wachen hinter dem verschlossenen Tor. Selbst die Königin musste am Tor anklopfen und ein geheimes Losungswort sagen, sonst würde sie von den Wachen nicht hineingelassen.
Für die Minitrolle war der hohe Schnee, der abseits des Weges lag, ein großes Problem. Sie versanken in ihm, sodass sie überhaupt nicht mehr zu sehen waren. Ein wenig schadenfroh sah sich der Fürst die Sache an.
Die Wachen des Hauses waren über den nächtlichen Besuch sehr überrascht. Sie hatten auf dem kleinen Hof, der hinter dem Eingangstor des Hauses lag, ein Feuer entzündet, um sich zu wärmen. Die große Anzahl der Minitrolle verunsicherte sie und sie schlossen schnell das Tor, nachdem der letzte kleine Gast hindurch war.
Der Anführer der Wachen, ein großer weißer Elfenkrieger, war überhaupt nicht erfreut, als er erfuhr, dass die Elflinge in Gefahr waren. Er zeigte den Minitrollen das gesamte Haus. Nur das Zimmer, in dem die drei Kinder schliefen, blieb verschlossen. Vom Dachboden bis zum Keller sahen sich die Minitrolle alles an. Besonders gut gefiel ihnen die Küche, denn ihre Vorratskammer erwies sich als erfreulich groß. Sie war für den Winter so gut gefüllt, dass die Minitrolle sie bis zum Frühjahr nicht leeren könnten.
Das Haus hatte einen kleinen Saal, den Barbaron sofort für sein Volk beanspruchte. Die Wachen mussten einen Haufen Kerzen herbeischaffen, damit genügend Licht im Saal war. Der Hauptmann besorgte ein großes Tuch von einem der Tische, die im Saal standen. Er breitete es auf dem Boden aus und zeichnete mit einem Stück Holzkohle die Umrisse des Hauses darauf.
Barbaron erklärte der Königin und dem Fürsten, wo sein Volk mit dem Fallenbau beginnen würde. Die Königin und der Fürst Silberhand wussten jedoch nicht genau, was unter einer Bärenkastenfalle oder einer Schweinekopfschlingenfalle zu verstehen war. Helena musste sich das Lachen verkneifen. Sie sah zu, wie die Königin und der Fürst immer wieder zustimmend nickten, wenn Barbaron ihnen seine Fallen erklärte. Er hätte ihnen auch die Herstellung von Brot oder Schmierseife erklären können. Die beiden hatten keine Ahnung, von was der kleine König da redete.
Nachdem Barbaron seinen Plan zum Fallenbau erklärt hatte, sah er die Königin und den Fürsten abwechselnd an. Die beiden lächelten freundlich, und der kleine König begriff, dass sie nichts verstanden hatten.
»Ihr kennt wohl keine Netzfalle für Wildhühner oder eine Köderfalle für Wölfe?« Seine Frage brachte die beiden in Verlegenheit und Theodora erhob beide Hände, so als wollte sie mit ihnen ihr Bedauern ausdrücken.
»Ich gehe niemals auf die Jagd nach wilden Tieren und der Fürst benutzt nur seinen Bogen und seinen Speer«, erklärte die Königin. »Das Fallenstellen ist uns unbekannt und keiner unserer Jäger kennt sich damit aus.«
Barbaron holte tief Luft und stemmte seine Hände in die Hüften. »Du meine Güte, woher soll ich das denn wissen? Ich rede und erkläre hier und ihr versteht nicht ein Stück davon. Doch das wird sich ändern, denn ich werde euch bei bester Gelegenheit eine Lektion in Fallenkunde geben. Das verspreche ich euch und alle meine Minitrolle werden mir dabei helfen.«
»Oh je …«, stöhne der Fürst los. »Hoffentlich muss ich nicht wieder als Opfer herhalten.«
»Warum nicht?«, rief Nummer Zehn. »Ja genau …!«, rief der nächste Minitroll. »Wir haben noch genug von dem langen Strick und …!«
»Ruhe!«, brüllte der Hauptmann los und er sah sich die vorlauten Schreihälse grimmig an. »Ihr habt wohl vergessen, wo wir hier sind. Wir werden uns benehmen und außerdem schlafen die Kinder noch.«
Da war der Hauptmann wohl etwas voreilig. Die große Tür des Saales stand einen Spaltbreit auf. Durch ihn schauten die drei Kinder schon längst herein. Die Wachen, die vor ihrem Schlafgemach standen, hatten sie nicht aufhalten können. Sie waren den beiden Elfenkriegern entwischt.
»Der Kleine da, der mit dem Kohlestück, das ist der Hauptmann«, flüsterte Membi. »Ja, du hast recht«, flüsterte Albi zurück. »Und der daneben, der ist ihr Anführer«, meinte Sambo. »Er heißt Barbaron«, erklärte Membi. »Und er ist ihr König«, flüsterte Albi etwas lauter. »Ja ich weiß«, zischte Sambo los.
Barbaron hatte die drei Kinder gehört, doch er ließ sich nicht gleich etwas anmerken. Er schnippte zweimal mit den Fingern und deutete dann mit seinem Bogen zur Tür. Die Kinder erschraken fürchterlich, als gleich zehn Minitrolle einen Trollsprung machten und hinter ihnen auftauchten.
»Na, so früh schon wach?«, fragte Nummer Zehn mit einem dreisten Grinsen im Gesicht. Mit einem Aufschrei ging die Tür endgültig auf und die Kinder lagen am Boden. Sie sprangen auf ihre Füße und liefen zu ihrer Mutter. Die Königin umarmte sie alle drei und gab jeden einen Kuss.
Da in dieser Nacht an Schlaf nicht mehr zu denken war, beschloss die Königin, im kleinen Saal zu bleiben. Sie ließ sich von den Wachen einen bequemen Sessel an den Kamin stellen, der den Saal mit seinem Feuer erwärmte.
Die Elflinge setzten sich auf einem Bärenfell zu ihren Füßen hin. Helena und der Fürst ließen sich ebenfalls zwei Stühle bringen. »Was für ein Glück, das Luzia nicht in diesem Haus schläft«, brummte er vor sich hin. »Das stimmt«, bestätigte Helena. »Wenn unsere Tochter hier wäre, hätten wir keine Ruhe mehr. Die würde mit den Elflingen durch das Haus toben.«
»Wo ist sie denn?«, fragte Barbaron. »Hütet sie immer noch mit dem Grottenschrat im Tempel das Auge der Zyklopen und den Becher des Schöpfers?«
Bei dem Gedanken an ihre Tochter musste Helena lächeln. »Nein, das muss sie nicht mehr. Die Heiligtümer des Tempels sind wieder sicher. Die Aura der Königin ist stärker als jemals zu vor. Kein Träger der schwarzen Magie kann sich ihnen nähern, ohne Schaden zu nehmen, sobald er seinen schwarzen Zauber ausüben will. Luzia wohnt im Gildehaus der Krieger. Sie findet das überaus spannend und die vielen Krieger, die kommen und gehen, faszinieren sie. Die drei Königskinder, die früher Lumichs genannt wurden, wohnten ebenfalls in dem Gildehaus. Sie sind vor einigen Tagen mit ihren Begleitern nach Banda aufgebrochen um, sich dort die Überreste ihrer alten Heimat anzusehen.«
»Außerdem haben wir einen Lehrer für Luzia gefunden«, erklärte der Fürst. »Der wohnt gleich neben dem Gildehaus und er unterrichtet sie jeden Tag in allen Dingen, die sie wissen muss.«
»So einen Lehrer könnten wir auch ab und zu gebrauchen«, meinte der kleine König. An die Lumichs und die Elfen, die sie begleiteten, hatte er bei den vielen Abenteuern in der letzten Zeit nur selten gedacht. Es war eigentlich schade, dass sie nach Banda aufgebrochen waren. Er sah zu seinem Volk, das sich überall im Saal niedergelassen hatte. Alle Tische und Stühle und selbst der Teppich unter der großen Speisetafel waren von den Minitrollen besetzt worden. Einige saßen sogar auf einem großen Schrank.
Barbaron beantwortete die vielen Fragen, die ihm von Theodora und dem Fürsten noch gestellte wurden. Er berichtete bis zum Morgengrauen von den Kämpfen und der Flucht aus Imperos unterirdischem Reich und er hörte erst auf, als ein Krieger hereinkam und berichtete, dass hoher Besuch im Tempel angekommen sei. Drei Magier wären dabei, außerdem sechs kleine Männer, eine Frau und ein erstaunlich großer Elfenkrieger. Das konnten nur die Freunde sein, die mit ihren Flugschalen nach Bochea fliegen wollten. Theodora erklärte den Wachen, dass sie die Gäste zum Haus bringen sollten. Außerdem sollten die Diener Essen und Wein herbeischaffen.
Nur einen Augenblick später konnte die Königin die halb erfrorenen Gäste begrüßen und ihren Bruder Orbin in die Arme schließen. Das Wiedersehen war überaus herzlich und die Ankömmlinge waren froh, die Wärme des Kamins zu spüren. Die Kälte hatte ihnen beim Flug schmerzhaft zugesetzt. Nachdem sie sich gestärkt hatten und Albanarius sich einen ordentlichen Rülpser nicht verkneifen konnte, berichtete Barbaron, was er sich alles ausgedacht hatte. Er erklärte ausführlich, welche Fallen seiner Meinung nach infrage kamen.
Albanarius strich sich bedächtig über seinen Bart und sah in die Gesichter von Cylor, Orbin und Gordal. Da sie an Barbarons Plan nichts auszusetzen hatten, stimmten sie ihm zu und Albanarius rieb sich die Hände. »So ist es also entschieden«, erklärte er mit seiner tiefen Stimme. »Wir bereiten Monga, Vagho und Orapius einen herzlichen Empfang. Und mit ein wenig Glück schaffen wir es, sie so zu vernichten, dass ihre Seelen nicht mehr in Imperos Reich fliehen können.«
Aurelia hatte sich zu den drei Elflingen gesellt. Sie sah sich die Kinder an, die nicht älter wurden und auf ihren Rücken die Libellenflügel trugen. Was für eine Art Tier konnte ihnen das angetan haben? Und warum hatte der Schöpfer ihnen das Leben noch einmal gegeben? Der Bergnymphe war klar, dass der Schöpfer nichts ohne einen Grund tat. Die außergewöhnlichen Flügel und die ewige Jugend der drei Knaben mussten also für etwas nützlich sein.
Theodora sah Aurelia an, dass sie über ihre Kinder nachdachte. »Alles im Leben hat einen Sinn«, sprach sie zu der Nymphe. »Du brauchst darüber nicht zu grübeln, denn der Schöpfer hat es so bestimmt. Ich nehme das Schicksal meiner Kinder so hin, wie er es will. Denn nach seinem Willen müssen wir leben und handeln.«
»Ja, dass müssen wir«, stimmte Aurelia der Königin zu. »Ich hoffe nur, dass die Aufgaben, die uns der Schöpfer stellt, eines Tages nicht zu schwer werden.«
Sie sah zu Albanarius hoch, der sich mit Cylor und Orbin über die Beschaffenheit von Fallen unterhielt. Sie waren sich einig, dass Barbarons Jagdfallen mit weißer Magie verstärkt werden mussten. Das würde die Erfolgsausichten erhöhen. Der einzige Punkt, über dem sich die Freunde nicht einigen konnten, war die Art der Ankunft der drei Feinde. Orbin und Cylor meinten, dass sie fliegen würden, um Bochea zu erreichen. Für Albanarius kam nur ein Tunnel oder etwas Ähnliches infrage. Die Aura würde sie am Fliegen hindern. Barbaron war der gleichen Meinung. »Es muss irgendwo in der Stadt so etwas wie einen Zugang zu einem Geheimgang geben«, erklärte er. »Den müssen wir finden und dann wissen wir auch, wie diese drei Diebe vorgehen wollen. Finden wir den Zugang nicht, so müssen wir jede Möglichkeit in Betracht ziehen. Und da gibt es so einiges zu bedenken. Am besten ist es, wir fangen gleich mit der Suche an.«
Gordal war nicht derselben Meinung. Er war müde und erschöpft und den Nekromanten und den Kobolden ging es nicht besser. Sie alle hatten beim Fliegen mit der Kälte kämpfen müssen und es war ein weiter Weg gewesen. Das sah der kleine König ein und er beschloss, mit seinem Volk und den Kriegern des Fürsten Silberhand gemeinsam die Suche zu beginnen. Zu allem Übel verriet ihm sein Kompass, dass es ein Wettlauf mit der Zeit werden würde. Die schwarze Fürstin und die zwei Schattenalps waren nur wenige Meilen von der Stadt entfernt. Doch wo war der schwarze Prinz?
Leise flüsterte Barbaron seine Frage vor sich hin. »Wo bist du, Dämonicon?«
An Aramur, dem entflohenen Dieb, dachte niemand.
Der Bruder des Orakels
Die Nacht war noch nicht dem Tag gewichen, da erwachte Snobby aus einem fürchterlichen Traum. Er lag neben Aella auf dem Dachboden und horchte in die Dunkelheit hinein. Es war nichts zu hören und so versuchte er, sich an den Traum zu erinnern. Drei große Steine kamen in seinem Traum vor. Sie waren gleichmäßig rund und lagen in einer Höhle. Er selbst duckte sich hinter den Steinen und Aella versuchte verzweifelt sich an einen Zauberspruch zu erinnern. Irgendetwas stimmte mit den Steinen nicht und eine weitere Gestalt kam auf die Steine zu. Es war ein junger Elf, der die Kleidung eines Bogenschützen trug. Doch dieser Elf sah recht merkwürdig aus. Seine Kleidung hatte Snobby schon einmal gesehen. Er erinnerte sich an ein Bild, dass er in einem der Bücher von Artur gefunden hatte. Doch in welchem Zusammenhang die Steine und der junge Bogenschütze standen, das konnte sich Snobby nicht erklären. Der Traum endete als der Elf die Steine berührte.
Aella hatte ebenfalls keinen guten Schlaf. Sie erwachte mit einem Mal und stand sofort auf. Der Kobold sah, wie sie das kleine Fenster, das an der Wand des Dachbodens war, vorsichtig öffnete und hinausspähte. »Wir sollten uns in den Tempel hineinschleichen«, flüsterte sie vor sich hin. »Ich habe das ungute Gefühl, das wir hier nicht sicher sind.«
Sie drehte sich zu dem Kobold um. »Tu nicht so, als ob du noch schläfst.«
»Woher weißt du, dass ich wach bin?«, flüsterte Snobby zurück.
»Das kann ich wittern, mein kleiner Kobold« erklärte leise die Fee. »Doch ich wittere noch viel mehr. Die Gefahr, entdeckt zu werden, liegt in der Luft. Wir sollten uns in den Tempel schleichen und uns dort etwas umsehen. Wenn der Tag anbricht, haben wir es noch viel schwerer.«
Snobby kroch vorsichtig zum Fenster und schaute ebenfalls heraus. Das riesige Gebäude, das in der Nacht noch unheimlicher wirkte, hatte ein großes Kuppeldach. Zahlreiche gemauerte Bögen trugen dieses Dach und es schien nicht weiter schwierig zu sein, von dort oben in den Tempel hinein zu kommen. Auf die Krieger, die den Tempel von allen Seiten bewachten, mussten die Fee und der Kobold aufpassen. Der Tempel war von innen hell erleuchtet und das Licht schien durch die Kuppelbögen in die Nacht hinein.
Der Kobold sah zu Aella und dann wieder zu dem Tempel. »Wir müssen fliegen und uns von oben in das Gemäuer schleichen. Anders geht es nicht, Aella.«
Die Fee sah, wie Snobby seine Flugschale hervorholte und sie vergrößerte. Er wollte schon starten, das kamen zwei Krieger mit ihren Fackeln am Tempel vorbei. Ihre Rüstungen klapperten bei jedem Schritt.
Als sie sich entfernt hatten, sah Snobby noch einmal zu Aella. »Bist du bereit, für den Flug?«, fragte er sie.
Sie nickte nur und der Kobold stieg auf seine Schale. Er duckte sich und flog aus dem Fenster heraus. So schnell er konnte versuchte er die Kuppel mit den Bögen zu erreichen. Aella folgte ihm und sie waren beide erleichtert, als sie an einem der Bögen ankamen. Von den Bögen aus konnten sie in den Tempel hinein sehen.
Ein kleine Gruppe Priester hatte sich um eine große Steinschale versammelt. In dieser Schale loderte ein Feuer so hoch, dass sein Licht die Kuppel erhellte. Die Priester knieten ringsherum um das Feuer und waren offensichtlich in ihr Gebet vertieft.
»Hoffentlich hat uns noch niemand bemerkt«, raunte die Fee dem Kobold zu. Snobby wollte etwas erwidern, doch ein weiterer Priester zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Er sprach die betenden Priester an, sodass sie sich zu ihm umdrehten. Was er sagte, war nicht zu verstehen. Doch die Priester verließen das Feuer und verschwanden durch eines der Tore, durch die man zu dem großen Gebetsraum gelangen konnte.
»Hast du verstanden, was der Priester gesagt hat?«, fragte Snobby.
»Nicht ein Wort war zu verstehen«, antwortete Aella. »Wir sollten uns lieber ein besseres Versteck suchen und das Orakel finden. Ich sehe mich mal ein wenig um und du passt auf die Priester und die Wachen auf.«
Aella wartete nicht ab, bis der Kobold noch etwas sagte. Sie beugte sich weit über den Bogen hinein in die Kuppel und betrachtete das Innere des Tempels. Das Bauwerk war nicht viel mehr als ein großer viereckiger Kasten aus grob behauenen Steinen und einer runden Kuppel darauf. Doch eine Treppe am Rande des Gebetsraumes und eine kleine Tür erregte die Aufmerksamkeit der Fee. Was war wohl hinter dieser Türe verborgen? Aellas lautlose Frage wurde sehr schnell beantwortet. Sie zog sich sofort zu dem Kobold zurück.
Eine alte Dragolianerin und zwei junge Priester kamen in den Tempel hinein. Die Dragolianerin war wohl so etwas wie eine Dienerin, denn sie hatte einen Korb mit Brot und Fleisch bei sich. Sie ging die Treppe hinunter und verschwand hinter der kleinen Tür. Die Priester mussten im Gebetssaal warten.
Die Fee und der Kobold hörten, wie sich die Priester unterhielten. »Hoffentlich braucht sie nicht wieder so lange«, sprach einer von ihnen.
»Du hast recht«, antwortete der andere. »Gestern hat sie uns viel zu lange warten lassen. Es kann doch nicht so schwer sein, dem Orakel etwas zu Essen und zu Trinken zu bringen.«
»Da bin ich ganz deiner Meinung«, sagte der erste Priester. »Unseren Herrn Platos würde die alte Dienerin nicht so lange warten lassen. Er soll bald in die Stadt kommen und das Orakel auf die kommende Nacht vorbereiten. Einen hohen Gast bringt er auch mit. Sobald der Vollmond aufgeht, wird das Orakel uns die Zukunft deuten und unsere Feinde erkennen. Und unser Herrscher wird auch erscheinen. Das hat das Orakel schon beim letzten Vollmond vorausgesagt.«
Die Dienerin kam mit dem Korb zurück. Sie ging an den Priestern vorbei, ohne sie weiter zu beachten. Sie folgten ihr zum Tempel hinaus und verschwanden mit ihr in der Nacht. Zurück blieben die Fee und der Kobold.
»Da ist es also, das gesuchte Orakel«, flüsterte der Kobold. Er sah zu Aella und bemerkte sofort, dass etwas mit ihr nicht stimmte. »Was ist mit dir los?«, zischte er ihr zu. »Du siehst aus, als hättest du vor etwas Angst.«
»Es ist nichts weiter«, versuchte die Fee den Kobold zu beruhigen. »Manchmal kommen mir alte Erinnerungen in den Kopf. Bilder aus längst vergangenen Zeiten, die mich nicht in Ruhe lassen wollen. Doch darüber sollten wir hier an diesem Ort nicht sprechen.«
Noch bevor der Kobold etwas entgegnen konnte, erregte eine weitere Gestalt ihre Aufmerksamkeit. Zuerst war es nur ein Schatten, den die Beiden sahen. Doch dann erkannten sie, dass ein weißer Elf durch den Tempel schlich. Er versuchte offenbar, ebenfalls zu dem Orakel zu gelangen.
Aella und Snobby beobachteten, wie der Elf die Treppe herunter schlich, die zu dem Orakel führte. Als er die Tür erreichte, kam Lärm im Tempel auf. Ein großer grünhäutiger Krieger ging auf die Schale mit dem Feuer zu. Er stellte sich vor ihr auf und wärmte sich seine Hände an den Flammen. Eine Schar Priester folgte ihm und die alte Dienerin mit dem Korb war ebenfalls zu sehen.
Der Elf saß nun in der Falle, doch er hatte noch ein letztes Mittel, um zu entkommen. Er kannte sich mit der weißen Magie gut genug aus, um sich in einen kaum sichtbaren Nebelschleier zu hüllen. Wie eine kleine Rauchwolke schwebte er schnell davon, ohne dass ihn jemand bemerkte.
Der Kobold und die Fee hatten ihn allerdings bei seinem Rückzug gesehen. Snobby war sich sicher, dass dieser Elf der Bogenschütze aus seinem Traum war. Die blauen Sachen, die er trug und das Wappen mit dem Bogen darauf und den beiden gekreuzten Pfeilen, dass alles verriet dem Kobold, dass dieser Elf nicht zu den üblichen Bewohnern von Selan gekörte.
Der Elf erreichte unbehelligt das Dach des Tempels. Dann ließ die Wirkung seiner Magie nach und der Nebelschleier, der ihn auf das Dach getragen hatte, verschwand. Als er die Fee und den Kobold sah, erschrak er für einen kurzen Augenblick. Er breitete seine Arme nach rechts und links aus und hielt sofort einen Bogen und einen Pfeil in den Händen. Doch ihm wurde schnell klar, dass die beiden so ungleichen Fremden für ihn keine Gefahr waren. Geduckt schlich er zu ihnen hin, um sich neben sie hinzuhocken.
»Habt ihr den Verstand verloren, ihr beiden komischen Gestalten? Ihr habt hier nichts zu suchen«, zischte er sie mit funkelnden Augen an.
»Was soll das heißen?«, zischte Snobby zurück. »Wen hätten sie denn beinah erwischt? Dich oder uns?« Der Elf ließ seine Waffen verschwinden und sah durch einen Steinbogen in den Tempel hinein. Seine magischen Fähigkeiten mussten beachtlich sein, denn er konnte jedes Wort hören, was im Tempel gesprochen wurde.
»Der große grüne Kerl ist der Leibwächter von Platos«, flüsterte er dem Kobold und der Fee zu. »Er sagt, dass sein Herr in wenigen Augenblicken kommen wird. Wenn er da ist, will er mit dem Orakel sprechen. Die Angst vor Dämonicon lässt hier jeden schneller handeln und niemand stellt die Herrschaft des schwarzen Prinzen infrage.«
Aella sah ebenfalls in den Tempel hinein. »Du kennst dich hier gut aus. Sag uns deinen Namen und erkläre uns, was du hier willst.«
Der Elf sah zu Aella und dann zu Snobby. »Mein Name ist Telos und ich bin der Sohn des Fürsten von Tugomar. Und wer seit ihr beiden Lauscher, wenn ich fragen darf?«
Aella flüsterte dem Elfen ihre Namen zu und was sie hier auf der Insel der Alten wollten. Als die Fee noch etwas fragen wollte, kam im Tempel noch einmal Lärm auf. Sie sahen alle drei nach unten zum Feuer und entdeckten in der Schar der Krieger zwei Gestalten, die noch größer als der Leibwächter waren, der immer noch am Feuer stand. Er war der einzige Krieger, der ruhig blieb und sich nicht nach allen Seiten umsah.
Mit lauter Stimme sprach er die Ankömmlinge an. »Mein Herr Platos und mein Herr Virgil. Ich begrüße euch in diesem heiligen Tempel. Ich hätte nicht gedacht, dass heute gleich zwei Iht-Dags hier erscheinen.«
»Hüte deine Zunge!«, herrschte einer der beiden Iht-Dags den Leibwächter an. Es war Virgil, der sich in einen schwarzen Mantel gehüllt hatte und dessen Augen wie glühende Kohlen aus seiner Kapuze heraus sahen. Alles an ihm war schwarz. Sogar die Rüstung, die er unter seinem Mantel trug und der große Stab, den er in seiner rechten Hand hielt. Eine merkwürdige Kälte ging von ihm aus. Der Boden unter seinen Füßen wurde weiß, denn wo er ging oder stand, ließ sein Schatten alles gefrieren.
Platos wirkte dagegen nicht so düster und eisig. Er glich eher einem dunklen Elfenkrieger. Doch er war genauso groß wie Virgil. In seinen Händen hielt er einen Zauberstab, der einem königlichen Zepter glich. Die beiden Iht-Dags hatten jedoch auch etwas gemeinsam. Als Zeichen ihrer Unterwerfung hatte Dämonicon sie mit Ringen aus magischem Eisen am Hals und an den Handgelenken für immer versklavt.
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