Kitabı oku: «Soldatis und der König der Schattenalp: Die Abenteuer der Koboldbande (Band 5)»

Yazı tipi:

Jork Steffen Negelen


Fünfter Teil:

Soldatis und der König der Schattenalp

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Zweite überarbeitete Auflage

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Der schwarze Kristall

Die Nacht legte sich wie ein riesiger Schatten über das Schlangental. Der eisige Wind fegte durch die Bäume, die den Weg eines Wanderers säumten. Immer wieder blieb dieser Wanderer stehen und er sah zu der Ruine der Schlangenfestung, die sein Ziel war. Vier kräftige Männer folgten ihm. Sie trugen eine schwere Last.

Der Wanderer sah zu den Männern und schüttelte den Kopf. »Setzt die Kiste ab«, befahl er ihnen. »Seid jedoch vorsichtig, sonst zerbrecht ihr das Geschenk. Dämonicon würde euch töten, wenn ihr nicht achtgebt.«

Die Männer setzten die Kiste in den Schnee, der am Tag gefallen war und atmeten erleichtert auf. »Der Weg ist steil, mein König«, sprach einer von ihnen zu dem Wanderer, der ein weiteres Mal zur Ruine sah. »Seitdem wir wieder am Leben sind, haben wir zwar an Kraft gewonnen, doch der Schnee setzt uns trotzdem mächtig zu.«

Ein finsterer Blick des Königs zeigte den Männern, dass solche Worte bei ihm nichts zählten. Hastig trank jeder von ihnen einen Schluck Wein aus einer Flasche, die einer der Männer bei sich hatte. Dann hoben sie die Kiste wieder an und trugen sie auf ihren Schultern weiter zu der Ruine.

Am Fuß dieser Ruine befand sich der Eingang zur Grotte, die Dämonicon als Behausung diente. Von dort sah sich der schwarze Zauberer in aller Ruhe die Schattenalps an, die mit ihrer schweren Kiste nur mühselig vorankamen.

Ein Dutzend Erdtrolle bereitete im hinteren Teil der Grotte eine magische Zeremonie vor. Tantara, ihr Anführer, passte mit strengem Blick auf, dass auch nicht die kleinste Unachtsamkeit geschah. Seine Erdtrolle errichteten einen Sockel aus schwarzem Marmor und stellten dahinter einen steinernen Tisch auf. Als Vagho mit seinen Männern schnaufend die schwere Kiste in die Grotte schleppten, rannten die Erdtrolle zu ihnen und rissen den Schattenalps beinah die Kiste von den Schultern. Es sah schon merkwürdig aus, wie diese Erdtrolle immer wieder ihre Hände zum Laufen benutzten, denn ihre Beine waren zu schwach. Sie trugen die Kiste vorsichtig zu dem Sockel und öffneten sie. Dann umringten sie das hölzerne Ding und staunten.

Dämonicon beugte sich über die Erdtrolle und sah ebenfalls in die Kiste. »Das ist ein schwarzer Kristall aus den tiefen Höhlen des Dämonenreiches. Vagho hat ihn an dem Ort gefunden, an dem ich einst in die Welt trat. Er hat ihn zu mir gebracht, damit er uns dient. Seine Macht ist groß, doch nur ich weiß, wie man ihn beschwört. Mit seiner Hilfe kann ich die Dinge finden, die mir gefährlich werden können …«

»Oder die Dinge, die dir nützen können«, sprach Tantara und verbeugte sich vor Dämonicon.

Der schwarze Zauberer nickte und betrachtete den Kristall. »Ja mein Freund«, sprach er zu Tantara. »Ich kann viele Dinge mit ihm finden, die mir nützlich sind. Doch ich suche etwas Bestimmtes.«

Die Erdtrolle hoben den Kristall aus der Kiste heraus und stellten ihn auf den schwarzen Sockel. Dann zogen sie sich zurück und verbeugten sich immer wieder.

Dämonicon trat lächelnd an den Kristall heran und berührte ihn mit beiden Händen. Sofort zuckten kleine Blitze und glutrote Flammen aus dem Kristall heraus. Sie fuhren in die Hände des schwarzen Zauberers. Doch das störte ihn nicht.

Dämonicon drehte sich zu Vagho und Tantara um und sah sie beide an. »Ihr bildet einen Kreis mit euren Männern und schaut mir zu. Dann werdet ihr sehen, was ich alles von ihm erfahren kann und ihr werdet erkennen, dass die Macht meines Vaters Imperos nicht zu brechen ist.«

Dämonicon stellte sich vor dem Kristall hin, der mit Blitzen und Flammen auf jede seiner Bewegungen reagierte. Die Erdtrolle und die Schattenalps umringten ihn mit gebührendem Abstand. Keiner sprach ein Wort und sie vermieden es, irgendein Geräusch zu machen.

Dämonicon hob beide Arme hoch und ließ sich von den Blitzen und den Flammen einhüllen. Dann sprach er leise immer wieder eine Beschwörung aus. Die Flammen loderten auf und die Blitze schossen in die Decke der Grotte. Sogleich bildeten die Flammen eine Kugel und die Blitze schossen in sie hinein. Leise sprach Dämonicon die feurige Kugel an und streckte seine Hände nach ihr aus. »Komm zu mir, du schönste Hüterin aller Geheimnisse. Ich will, dass du mir etwas zeigst, was für alle Ewigkeiten verborgen bleiben soll.«

Die Feuerkugel schwebte zu Dämonicon und er berührte sie mit seinen Händen. Er hielt sie dicht vor seinem Gesicht und flüsterte ihr leise seinen Wunsch zu. »Zeig mir die drei Kugeln, mit denen ich als Kind bei meinem Vater spielen durfte. Ich nahm sie mit in diese Welt und habe sie im Kampf verloren. Sie sind aus gelben Edelsteinen. In der ersten Kugel ist ein Skorpion, in der zweiten Kugel ist eine Spinne und in der dritten Kugel ist eine Schlange eingeschlossen. Ich will sie wiederhaben, denn sie besitzen eine Macht, die nur mir dienen darf. Zeig mir, wo ich sie finden kann.«

Die Feuerkugel schwebte weg von den Händen des schwarzen Zauberers und wurde schnell größer. In ihr bildeten die Blitze eine Landschaft ab. Dämonicon erkannte schnell, dass die Kugel und die Blitze ihm den Weg verrieten. Sie zeigte ihm zunächst die Stadt Viedana, dann die Sümpfe von Haltara und danach Isagrahl, die zerstörte Hauptstadt der Obinarer. Dann ging es nach Süden zu den Tieflandzwergen und weiter zu den Bergen eines Gebirges. In diesem Gebirge stand auf einem großen Berg eine Stadt. Die Feuerkugel zeigte einen Palast und führte Dämonicons Blick geradewegs in die Schatzkammer des Herrschers dieser Stadt. Dort, in den tiefsten Gewölben stand eine alte Truhe. Ihre Schlösser waren rostig und ihr Holz modrig. Schon lange schenkte niemand mehr dieser Truhe Beachtung.

Die Feuerkugel wurde immer kleiner und verschwand zusammen mit den Blitzen. Triumphierend drehte Dämonicon sich zu Tantara und Vagho um. »Na ihr beiden, was sagt ihr dazu?«

Der Erdhexer und der König waren in der Tat über alle Maßen beeindruckt. Tantara zeigte zu dem schwarzen Kristall und verbeugte sich, wie es schon immer seine Art war. »Dieses wunderbare magische Stück hat uns den Ort verraten, an dem sich die drei Kugeln befinden. Es tat dies auf eine Art, die mich zum Staunen brachte. Sag uns, was wir tun sollen, Herr. Wenn du es wünschst, so brechen wir noch heute auf und bringen dir deine Kugeln.«

Dämonicon verzog sein Gesicht zu einem hässlichen Grinsen und zeigte zu dem Kristall hin. Sofort schossen wieder Blitze und Flammen aus ihm heraus und berührten Dämonicon, ohne ihm etwas anzutun. »Dieser Kristall zeigt uns nur den Weg, doch er kann uns nicht die Gefahren erklären, die auf uns lauern. Nur, wer von euch genau hingesehen hat, der konnte sie erkennen. Habt ihr nicht bemerkt, dass wir keinen einzigen Bewohner in der Stadt gesehen haben?«

Vagho stimmte Dämonicon zu. »Ja mein Herr, du hast recht. Das ist uns bei all der Pracht entgangen. Doch jetzt fällt es auch mir auf.«

Der schwarze Zauberer trat an den König heran und tippte ihn mit seinem Zauberstab auf seine Brust. »Warst du schon einmal in dieser Stadt, mein lieber Vagho?«

Der König nickte zustimmend. »Man nannte diesen Ort einst Saphira, die Perle des Südens. Als ich noch König von Villbass war, habe ich oft daran gedacht, diese Stadt zu plündern. Doch ich habe diesen Gedanken immer wieder verworfen. Es war mir einfach zu gefährlich. Erst viele Jahre später, als ich mein Königreich bereits verloren hatte, erfuhr ich vom Untergang von Saphira. Ein mächtiges Feuer sollte dort alles vernichtet haben. Doch der Kristall hat uns gezeigt, dass dort kein Feuer gewütet haben kann. Es muss eine andere Macht gewesen sein, die alle Bewohner von Saphira vertrieben hat.«

Dämonicon hatte noch immer sein Grinsen im Gesicht, als er Vagho erneut mit seinem Zauberstab auf die Brust tippte. »Du bist ein kluger und umsichtiger Mann, Vagho, König der Schattenalps. Du hast ein großes Heer, das dir bedingungslos ergeben ist. Das brauche ich für die kommende Schlacht. Doch ich will diese Schlacht erst dann wagen, wenn ich eine Waffe habe, die ich gegen die Drachen verwenden kann. Deshalb brauche ich die drei Kugeln. Sie selbst sind nicht weiter wichtig. Doch die Tiere in ihnen sind von großem Wert. Wer auch immer die Kugeln zerstört, der herrscht über diese Tiere und kann sie in die Schlacht führen. Der Skorpion, die Spinne und die Schlange werden zu riesigen Monstern. Sie können nicht fliegen, doch die Spinne kann die Drachen mit ihren Netzen fangen und ihre beiden Freunde können sie mit ihrem Gift töten. Wenn diese drei Tiere ihr Werk getan haben, ist für uns der Weg frei und wir greifen nach der Herrschaft über diese Welt. Niemand wird uns dann noch aufhalten können.«

Voller Ungeduld trat Tantara dicht an Dämonicon heran. »Herr, sag uns, was wir tun sollen und es wird geschehen. Wenn du mich schickst, so hole ich dir diese drei Kugeln so schnell ich kann.«

»Das glaube ich dir gern«, erwiderte der schwarze Zauberer. »Doch du wirst eine andere Aufgabe übernehmen.«

Noch einmal tippte Dämonicon Vagho mit seinem Zauberstab gegen die Brust. »Du, mein Freund Vagho, du wirst mir die drei Kugeln holen. Gehe allein und nimm nur mit, was du auch wirklich brauchst. Und vergiss deinen Zauberstab nicht. Du wirst ihn brauchen, wenn du die Stadt erreicht hast. Bringe auch in Erfahrung, was die Bewohner von Saphira in die Flucht trieb. Vielleicht können wir auch diese Macht verwenden.«

Tantara war über Dämonicons Entscheidung nicht sehr erfreut. »Aber Herr, warum lässt du mich nicht nach Saphira ziehen? Ich hole dir bestimmt deine Kugeln und ich erfahre auch, was sich dort zugetragen hat.«

»Nein«, erklärte Dämonicon dem Erdhexer. »Du würdest dort in der Gegend nur auffallen und das will ich nicht. Saphira war einst eine stolze Stadt der Wüstenzwerge. Sie wohnen noch heute in den Bergen des Silbergebirges. Ein einzelner Schattenalp kann mehr bewirken. Besonders wenn er Vagho heißt. Er ist ein Meisterdieb, ein Giftmörder und ein treuer Freund. Niemand kennt sich besser mit den magischen Fallen aus, die die Zwerge in der Schatzkammer von Saphira vor langer Zeit legten. Vagho wird sie alle überwinden und du, mein Freund Tantara, du wirst dich mit Oxan und Uridon zu den Zentauren begeben. Ihr werdet nachschauen, ob alles in ihrem Lager seine Ordnung hat. Wenn der Winter vorbei ist und das Frühjahr erwacht, dann will ich die Schlacht wagen und meine Feinde vernichten.«

Dämonicon drehte sich um und ging zu einem Tisch, auf dem einer der Erdtrolle sein Essen bereitgestellt hatte. Der Geruch von frischem Brot und einem Hirschbraten stieg ihm in die Nase. Doch da war noch etwas anderes. Es lag wie ein feiner Schleier in der Luft. Vagho kam herbei und er roch es ebenfalls. Doch es war so schnell weg, wie es gekommen war und Dämonicon sah sich ratlos um. Der Schattenalp zog seinen Zauberstab und erhellte mit einem Feuerball die Umgebung. Doch es war nichts zu entdecken.

»Lass es gut sein«, sprach der schwarze Zauberer. »Das kommt bestimmt vom Essen. Für einen Augenblick dachte ich, ein fremdes Wesen wäre in die Grotte eingedrungen. Doch es wird wohl der Braten sein, der unsere Nasen in die Irre geführt hat.«

»So wird es sein, mein Herr«, erwiderte der Schattenalp. Er steckte seinen Zauberstab zurück in seinen Gürtel. Vielleicht hatte Dämonicon recht, doch Vagho blieb misstrauisch. Er schaute immer wieder in alle Ecken, doch es war nichts zu sehen. Deshalb ging er ins Freie und schaute sich vor dem Eingang der Grotte um. Die Spuren seiner Männer waren deutlich im Schnee zu erkennen. Auch seine eigenen Stiefelabdrücke fielen ihm auf. Sonst gab es jedoch nichts zu sehen. Vagho schaute in den mit Wolken bedeckten Himmel und er hörte das Rauschen der Bäume. Der Wind trieb hier und da den Schnee in die Höhe und ließ ihn tanzen. Er dachte an die Stadt Saphira und ihm kam ein alter Freund in den Sinn, der schon längst tot und begraben war. Der hatte ihm einst erzählt, dass die Stadt ihren Namen durch einen Zwerg bekam, der einen großen Saphir gefunden hatte. Es sollte ein faustgroßer Edelstein gewesen sein, der einfach so in der Gegend herumlag und in der Sonne funkelte.

Ob diese Geschichte stimmte, wusste Vagho nicht. Doch ihm fiel auch seine Schwester ein. Als sie beide noch Kinder waren, da hatte Irrsande ein Lied gesungen. Vagho hatte noch immer ihre helle Stimme im Ohr und ohne es zu wollen sang er ihr Lied. »Spiel nicht mit Saphiren, die Steine werden dich verführen. Ihr edler Glanz wird dich blenden und du wirst dich hin zum Feuer wenden. Spiel nicht mit Saphiren …«

Der Bettler von Krell

In Krell, der Hauptstadt des Königreiches Avanura, gab es nur noch ein einziges Thema. Alles drehte sich jetzt um den Wintermarkt. Die Kaufleute kamen, um zu handeln, die Gaukler wollten mit ihren Kunststücken das Volk begeistern und die königlichen Steuereintreiber rieben sich schon seit Tagen die Hände. Doch es waren so viele Schaulustige auf dem Wintermarkt, dass niemand in der Stadt auch nur die geringste Übersicht hatte. Alle Wirtshäuser und Herbergen der Stadt waren brechend voll.

König Core von Avanura hatte den Hüter Dankwart von Arewall zum jährlichen Marktherrn ernannt und ihm somit die Oberaufsicht über das bunte Treiben übergegeben. Böse Zungen behaupteten, der König wollte dem Hüter nur so zum Spaß mit dieser Ernennung einen Streich spielen – was natürlich niemand beweisen konnte. Auf jeden Fall musste jeder der vielen Kaufmannsstände von Dankwart selbst gezählt werden.

Vor einem der zahlreichen Stände stand ein Kobold. Er handelte eifrig mit einem Kaufmann, der viele seltene Edelsteine, Muschelschalen und Perlen anbot. Das alles waren Dinge, die von dem Kobold gebraucht wurden. Doch der Preis für eine ganz besondere Perle war einfach zu hoch. Deshalb winkte der Kobold ab, als der Kaufmann ihm noch ein letztes Angebot machte. Dieser Kobold war Soldatis. Er schulterte seine Keule und verließ den Stand des Kaufmanns.

Leise schimpfte er vor sich hin. »So ein gieriger Kerl, der will doch glatt zehn Goldstücke für eine einzige Perle haben. Da gehe ich doch lieber zu den Fischern im Hafen. Die verkaufen mir eine Perle für ein einziges Goldstück und nicht für zehn.«

Soldatis ging zu einem Weinhändler und ließ sich einen Becher mit süßem Wein reichen. Als er den Becher ausgetrunken hatte und ihn zurückgab, da viel sein Blick auf einen Kartenhändler. Der Mann hielt allerlei Weltkarten hoch. Doch der Kobold sah schnell, dass alle Karten sehr ungenau waren und viele Orte nicht darauf standen. Deshalb zog Soldatis weiter. Er sah sich die vielen Stände an. Oftmals wurde er unsanft zur Seite gedrängt und es gelang ihm nur mit Mühe, sich den nötigen Platz zu verschaffen.

Nach einigen Stunden war der Kobold erschöpft und er verließ den Marktplatz. Etwas abseits saß ein alter Bettler. Er hielt eine Schale hoch. Mit flehendem Blick bat er immer wieder um eine Kupfermünze. Soldatis hatte keine Lust mehr, bei den Fischern nach Perlen zu fragen und er warf achtlos drei Goldstücke auf die Schale des Bettlers. Der Alte traute seinen Augen nicht und biss mit seinen letzten beiden Zähnen auf eines der Goldstücke. Dann steckte er sie schnell weg und lief, auf eine Krücke gestützt, dem Kobold nach.

»Halt, mein Freund«, rief er Soldatis nach. Als er den Kobold eingeholt hatte, zog er die drei Goldstücke aus einer Tasche seines zerlumpten Mantels. Er riss sich auch den löchrigen Filzhut vom Kopf und verneigte sich.

Soldatis sah ihn verwundert an und er wusste nicht gleich, was er sagen sollte. Doch der alte Bettler hielt ihm die Goldstücke unter die Nase und sprach mit brüchiger Stimme. »Das ist zu viel Gold, mein Herr Kobold. Soviel kann ich nicht annehmen. Ich gebe es dir zurück, und wenn du willst, so gib mir eine Kupfermünze. Dann erhältst du meinen Dank und ich schließe dich in meine Gebete ein.«

Soldatis schüttelte den Kopf und drückte die ausgestreckte Hand des Bettlers zur Seite. »Ich habe es dir gegeben, also will ich, dass du es nimmst. Kaufe dir dafür neue Kleider und nimm vorher ein Bad. Du riechst etwas streng.«

Beleidigt sah der Bettler mit finsterer Miene den Kobold an. »Na, wenn das so ist, so werde ich die Goldstücke behalten. Doch ich will sie erst ausgeben, wenn ich sie mir verdient habe. Das bedeutet für dich, dass ich vom heutigen Tage an dein Diener bin.«

Der Bettler zeigte mit dem spitzen Zeigefinger seiner rechten Hand zu Soldatis und grinste ihn frech an. »Na, was sagst du nun, du kleiner Kobold?«

Soldatis grinste zurück und zog seine Flugschale. »Du kannst nur mein Diener sein, wenn du mir folgen kannst. Doch da du das nicht schaffen wirst, musst du hier weiter betteln und ich kehre ohne dich und ohne die drei Goldstücke zurück in mein Tal.«

Der Kobold vergrößerte seine Schale, setzte sich auf sie und hüllte sich in eine Decke ein. Dann schwebte er in die Höhe und ließ den Bettler allein am Rande des Marktplatzes zurück. Zufrieden trieb er seine Flugschale zur Eile an. Ihm wurde kalt und er zog die Decke fester um seinen Körper zusammen. Er kam trotz der eisigen Kälte schnell über das brausende Meer. Bei einem der Fischerdörfer landete er und stieg von der Schale.

Soldatis war so durchgefroren, dass er sich am Lagerfeuer eines Fischers aufwärmen musste. Der Fischer gab ihm eine kräftige Suppe und einen guten Schluck Wein. Das half gegen die Kälte und gab neue Kraft.

Als Soldatis genüsslich den Wein trank, saß der Fischer neben ihm und stocherte mit einem Stock im Feuer herum. Ohne den Kobold anzusehen, stellte er ihm eine Frage. »Wieso fliegst du bei dieser Kälte mit einer Schale in der Luft herum? Hast du denn keinen Verstand?«

Soldatis trank den Becher aus und wischte sich den Wein aus seinem Bart, ehe er antwortete. »Als ich gestern nach Krell flog, da war es noch warm. Die Kälte kam erst in der Nacht und ich habe nicht die richtige Decke mitgenommen. Einen dicken Mantel hätte ich mir auch anziehen sollen. Doch nun muss es wohl ohne dem gehen.«

»Ich habe in einer alten Truhe noch Sachen von meinem Sohn«, sprach der Fischer und er sah den Kobold an. »Die kannst du haben, denn der Junge ist zu groß für seinen alten Wintermantel und die Fellmütze. Einen Schal finde ich bestimmt auch noch. Wenn du weiter in den Norden willst, wird es für dich verdammt eisig werden.«

Soldatis bedankte sich und hielt dem Fischer die Goldmünzen entgegen, die er noch hatte. Doch der lehnte ab und stand auf. Er ging zu seiner Hütte und kam nach einer Weile mit einem Bündel Sachen zurück. »Ich will dir die Sachen schenken, weil du einer der Kobolde bist, die für unseren König gekämpft haben. Kein anständiger Mensch würde von dir ein Goldstück annehmen. Das machen nur die gierigen Kaufleute in der Stadt.«

Soldatis steckte sein Gold wieder ein und bedankte sich. Er probierte den Mantel an und setzte sich die Fellmütze auf. In den Taschen des Mantels fand er einen Schal und zwei dicke Handschuhe.

»Das wird mir beim Fliegen helfen!«, rief er erfreut aus. »Schade, dass ich in der Stadt keine Perle gefunden habe. Ich wollte mir so ein strahlend weißes Schmuckstück kaufen.«

Der Fischer sah ihn verwundert an. »Zu welchem Zweck brauchst du denn so eine Perle?«, fragte er.

Soldatis zog ein Stück Pergament aus einer Tasche und hielt es dem Fischer entgegen. »Das hier ist ein Rezept für einen besonderen Trank. Mir fehlt nur eine Perle, die ich zu Pulver zerstoßen und mit den anderen Zutaten vermischen kann. Der Trank hilft bei vielen Krankheiten und er stärkt den Körper.«

Der Fischer hielt dem Kobold drei Perlen unter die Nase und grinste. »Ich gebe dir diese drei Perlen, wenn du mir einen solchen Trank brauen kannst. Meine Frau ist krank und es will keine Medizin helfen.«

Soldatis willigte ein und zog seinen Zauberbeutel von seinem Gürtel ab. Darin befand sich alles, was ein Kobold zum Brauen eines Trankes brauchte. Der Fischer staunte, wie schnell Soldatis seine Kräuter und Wurzeln auf einem Stein zerrieb und eine der drei Perlen zu Pulver zerstampfte. Dann warf der Kobold alles in einen kleinen Kessel und ließ es aufkochen. Danach füllte er den Sud in eine kleine Flasche und gab sie dem Fischer. »Das musst du deiner Frau gleich zu trinken geben. Sie wird sich bestimmt schnell erholen, denn der Trank ist sehr stark.«

Es dauerte eine Weile, doch als der Fischer wieder aus seiner Hütte kam, da war er überglücklich. »Ich glaube, es wirkt schon«, rief er voller Freude. Dann bedankte er sich für die Hilfe und er wünschte dem Kobold einen glücklichen Heimflug.

Nach drei Stunden kam Soldatis erschöpft und müde im dunklen Tal an. Die Nacht war schon hereingebrochen und er lief schnell durch den geheimen Tunnel. Vor dem Baumhaus fand er seine Brüder und die Minitrolle in heller Aufregung vor. Diese Aufregung vergrößerte sich noch beim Anblick von Soldatis.

»Da bist du ja endlich!«, fauchte ihn Barbaron wie eine Raubkatze an. »Wir warten seit Stunden auf dich und du treibst dich weit weg in Krell herum!«

Da hat mein König verdammt recht!«, rief gleich darauf der Hauptmann. »Dein neuer Diener ist viel schneller hier eingetroffen als du. Dir war wohl ein Wirtshaus im Wege, oder war es gar …!«

»Halt deinen vorlauten Mund!«, schimpfte Artur los. »Soldatis wird uns sicher gleich erklären, was es mit diesem zerlumpten Diener auf sich hat.«

Hinter Artur stand grinsend der Bettler. Er winkte dem staunenden Soldatis zu. Der zerlumpte Kerl trat dicht an ihn heran und begrüßte ihn überschwänglich. »Einen gesegneten Abend wünsche ich meinem Meister. Womit kann ich dir dienen, mein Herr?«

Soldatis traute für einen Moment weder seinen Augen noch seinen Ohren und erst recht nicht seiner Nase, denn der Bettler stank immer noch entsetzlich nach dem Straßendreck von Krell. Zu allem Übel fiel ihm erst in diesem Augenblick auf, dass sein neuer Diener kein Mensch war. Er hatte die spitzen Ohren eines Elfen. Das hätte er gleich sehen müssen, denn er wusste sehr gut, dass ein Elf niemals betteln würde. Bei diesem Kerl stimmte etwas nicht. Soldatis hob seine Keule und streckte sie dem Bettler entgegen. Sofort machten die anderen Kobolde und die Minitrolle Platz, denn sie wussten, dass die magische Keule von Soldatis einen erheblichen Schaden anrichten konnte.

Der Bettler hob beide Arme und versuchte den Kobold zu beschwichtigen. »Schon gut, du brauchst nicht gleich wütend zu werden. Ich erkläre dir und deinen Freunden alles. Damit bist du doch einverstanden, oder?«

»Was gibt es da zu erklären, du Gauner von einem Bettler?!«, brüllte Soldatis los. »Du brauchst ein warmes Lager für den Winter und ich soll nun für dich den Herrn spielen, damit du bei uns deinen Unterschlupf hast. Das ist dir doch glatt mehr wert als drei lumpige Goldstücke. Doch wie hast du überhaupt hier hergefunden, du bettelnder Elf? Das wirst du uns sofort erzählen, oder ich bearbeite dich mit meiner Keule!«

Der Bettler sah in die Gesichter der Kobolde und der Minitrolle und er erkannte gleich, dass von ihnen nicht so schnell Hilfe zu erwarten war. »Kann ich das alles an einem Ort erzählen, der ein wenig wärmer ist als die verschneite Wiese dieses windigen Tals? Mir ist nämlich entsetzlich kalt.«

Artur beendete die wütende Attacke von Soldatis, indem er sich zwischen dem Bettler und seinem Bruder stellte. »Du gehst in unser Baumhaus und legst deine furchtbare Keule weg, mein lieber Soldatis«, erklärte er recht laut. »Um deinen Diener kümmere ich mich.«

»Da helfen wir dir gern!«, rief Barbaron sofort und er rieb sich die Hände. »Dieser stinkende Kerl erhält erst mal in heißes Bad.«

Der König aller Minitrolle wartete Arturs Antwort erst gar nicht ab und rief sofort seinem Volk den nächsten Befehl zu. »An die Arbeit, meine lieben kleinen Minitrolle! Wir brauchen Feuerholz und den großen alten Kessel! Wir stecken den ganzen Kerl in diesen Kessel hinein und schrubben ihn mal ordentlich ab!«

Artur holte tief Luft, doch er konnte nichts mehr sagen. Die Minitrolle rannten sofort los und jeder hatte plötzlich etwas zu tun.

Barbaron stellte sich vor dem Bettler auf und sah ihn prüfend an. »Obwohl ich Rückenwind habe, kann ich dich riechen. Kein Wunder, dass Soldatis dich nicht zum Diener haben wollte. In deiner Nähe würde er kein Stück Brot essen wollen. Lass dir von Artur nach dem Bad neue Kleider geben. Der kann solche Dinge herbeizaubern.«

Artur verschränkte die Arme und sah den kleinen König aller Minitrolle mit funkelnden Augen grimmig an. »Ich wusste überhaupt nicht, dass du hier das große Sagen hast, Freund Barbaron!«

»Das habe ich absolut nicht, Freund Artur«, konterte der kleine König und zwinkerte mit seinem rechten Auge dem Kobold zu. »Doch ich muss leider feststellen, dass ich dir alten Kobold immer wieder auf die Sprünge helfen muss. Aber ich tu es ja gerne. Und überhaupt – zu was hat man denn Freunde? Sag es nur, wenn du Hilfe brauchst. Wir Minitrolle sind immer für dich da.«

Artur platzte fast vor Empörung, doch er konnte diesem frechen König einfach nicht so richtig böse sein. »Na gut!«, rief er und ging wütend zum Baumhaus. »Dann fertige ich schon mal die neuen Kleider für unseren Gast an. Zu was hat man denn Freunde?!« Mit einem lauten Krachen ließ Artur die Tür des Baumhauses hinter sich zufallen.

»Das hätten wir geschafft«, frohlockte Barbaron und er rieb sich erneut die Hände. Der Bettler beugte sich vor und streckte dem kleinen König seine rechte Hand entgegen. »Danke für deine Hilfe, doch das Bad … äh ich meine … das muss doch nicht sein, oder?«

Barbaron trat einen großen Schritt zurück und wedelte mit den Händen. »Doch das muss sein«, erklärte er. »Wenn du so übel riechend in eine Schlacht ziehen würdest, so würdest du sehr schnell allein auf dem Schlachtfeld stehen. Jeder Feind, der dir zu nah kommt, würde sofort das Weite suchen.«

Resignierend zuckte der Bettler mit den Schultern. Er sah den fleißigen Minitrollen bei ihrer Arbeit zu. Barbaron ließ mit seinen Zauberkräften den riesigen Kessel über einem Haufen Feuerholz schweben. Seine Minitrolle stützten ihn mit großen Steinen ab und entzündeten das Feuer.

Nun wurde ein Eimer Wasser nach dem anderen in den Kessel geschüttet und Barbaron prüfte selbst, ob das Wasser schon warm genug war. Er schwebte über dem Kessel und hielt einen Finger ins Wasser.

Dann stellte er sich vor sein versammeltes Volk hin und sein nächster Befehl hallte durch das Tal. »Packt ihn, macht ihn blank und schrubbt ihn ordentlich! Seine Sachen werden am anderen Ende des Tales verbrannt! Und passt auf, dass die Vögel dabei nicht von den Bäumen fallen!«

Mit einem listigen Grinsen betrat Barbaron einen Moment später das Baumhaus, um nach Artur und Soldatis zu sehen. Sein Volk leistete unterdessen an dem ärmsten aller Bettler ganze Arbeit.

Kaum betrat der kleine König Arturs Arbeitszimmer, da meckerte der Kobold auch schon los. »Wir haben Glück, dass die anderen Bewohner unseres Tales alle bei den Drachen in der Drachenhöhle sind. Was würden die wohl sagen, wenn sie den Bettler in dem alten Kessel sehen würden? Stell dir vor, Salia und Tabor wären hier - oder die drei Königskinder. Das wäre eine Blamage.«

Barbaron winkte ab und setzte sich auf einen Hocker. »Die Königskinder würden es für einen Spaß halten und laut lachen. Und der Rest würde mit rotem Kopf davonlaufen. Doch ich sage dir, mein lieber Artur, der Kerl ist nicht zufällig hier. Er sieht so aus, als ob er etwas suchen würde. Deshalb solltest du dir genau überlegen, was du ihn fragen willst.«

Artur stimmte dem kleinen König zu. »Du hast recht, mein Freund. Ich hätte auch eher darauf kommen können, dass du mit diesem Badespaß etwas Bestimmtes beabsichtigst. Es ist mir erst klar geworden, als ich mich auf meinen Stuhl gesetzt habe.«

Artur nahm seinen Zauberstab und schwang ihn über einen Ballen Leinen, ein Stück Leder und drei kostbare Pelze. Sofort verwandelten sich die Dinge in einen Haufen Wäsche. Barbaron war zufrieden und rieb sich schon wieder die Hände. »Jetzt bin ich gespannt, wie dieser Kerl in seinen neuen Kleidern aussieht.«

Eine halbe Stunde später saß der Bettler im Gästehaus an einem Tisch und aß ein dick bestrichenes Schmalzbrot. Dazu trank er einen starken Wein, der ihm allmählich zu Kopf stieg. Zufrieden wischte er sich den Mund mit einem Tuch ab und gab einen lauten Rülpser von sich. Dann streckte er die Arme aus und sah in die Gesichter seiner zahlreichen Gastgeber.

»Ich hoffe doch, du bist satt geworden?«, fragte Soldatis nach und er schaute den Bettler mit ernster Miene an.

»Ja mein Herr, das bin ich in der Tat«, antwortete der Elf und er schaute in den leeren Becher. Soldatis schob ihn einen Krug Wein hin und sah zu, wie der Bettler sich noch einmal einen ordentlichen Schluck eingoss. Doch er trank nicht einen Tropfen.

Er stellte den Becher zurück auf den Tisch und sah Soldatis nachdenklich an. »Ich weiß nicht, wer ich bin und ich weiß auch nicht, wie ich es geschafft habe, vor dir in diesem Tal zu sein. Doch als du mir die drei Goldstücke gegeben hast, da konnte ich deine Gedanken lesen. Du wolltest in dieses Tal zu deinen Brüdern und Freunden. Nirgendwo auf der Welt findet man eine so große Anzahl guter Zauberer, wie hier in diesem Tal. Ich hoffe, einer von euch kann mir helfen und mir mein Gedächtnis wiederbringen. Ich selbst vermag es nicht.«

Soldatis sah zu seinen Brüdern. Er versuchte zu erkennen, was sie davon hielten. Doch sie zuckten nur mit den Schultern.

Barbaron sprang auf den Tisch und stellte sich vor den Bettler mit verschränkten Armen auf. Er beugte sich ein wenig zu ihm vor und schnupperte. »Mein lieber Bettler, du riechst ja wie ein Strauß Blumen, die von einer Jungfrau gepflückt wurden. Mein Volk muss dir ja einen ordentlichen Schuss vom feinsten Duftöl in dein Badewasser gegeben haben. Doch das rettet dich nicht vor den Antworten, die du uns schuldest. Also, wie ist das mit deinem Namen. Kennst du ihn wirklich nicht?«

Der Bettler schüttelte den Kopf. »Nein, ich kenne ihn wirklich nicht. Ich würde ihn euch liebend gern sagen, doch ich habe keine Erinnerung. Ich bin in der Nähe von Krell vor sieben Tagen am Strand aufgewacht und weil ich nicht wusste, wo ich hingehen soll, habe ich mich in die Stadt geschlichen. Dort habe ich am Rande des Wintermarktes gebettelt und versucht, mich an irgendetwas zu erinnern. Doch es will kein klarer Gedanke kommen.«

Artur mischte sich ein. »Vielleicht wäre es klug, wenn wir Orbin und Albanarius benachrichtigen würden. Die kennen sich mit solchen Sachen besser aus.«

Barbaron war jedoch anderer Meinung. »Das schaffen wir selbst, mein lieber Artur. Du solltest ein wenig mehr Vertrauen in unsere Kräfte haben.« Der kleine König sah wieder zu dem Bettler und ihm schoss eine Idee durch den Kopf. »Leg dich doch mal auf den Tisch. Wir schieben dir eine Decke unter deinen Kopf, damit du auch weich liegst. Dann flöße ich dir einen Trank ein, den ich selbst gebraut habe. Der wird dir bestimmt helfen, denn er ist von bester Qualität.«

Erstaunt legte sich der Bettler auf den Tisch und ließ sich eine Decke unter den Kopf schieben. Barbaron setzte sich auf seinen Brustkorb und zog eine Flasche aus seinem Zauberbeutel hervor. Artur sah es mir Schrecken, doch es war schon zu spät. Der Bettler tat den Mund auf und trank, was ihm der kleine König aller Minitrolle in den Rachen goss.

Vor lauter Ekel schüttelte sich Artur und er drehte sich weg. »Das kann ich mir nicht ansehen. Der Kerl wird gleich durch das Dach ins Freie springen und rennen wie ein Hase auf der Flucht.«

Doch Artur irrte sich und als er wieder hinsah, da richtete sich der Bettler langsam auf. Er hatte seine Augen verdreht und stammelte lauter wirres Zeug vor sich hin. Die Minitrolle fanden das komisch und fingen an zu kichern. Doch Soldatis zog Barbaron zur Seite und gab dem Bettler eine schallende Ohrfeige. Sofort schüttelte sich der Kerl und sah Soldatis verständnislos an. »Wer bist du?«, frage er. Dann schaute er sich um. »Das ist nicht mein zu Hause. Wieso bin ich nicht in Solgard? Was wollt ihr von mir?«

Der Bettler sah sich erschrocken um und wurde blass wie ein frisches Laken. Dann sah er wieder zu Soldatis. »Ich bin … äh, ich bin Cylor, ein Nekromant … und … ein Freund von … A … Al …« Weiter kam er nicht, denn der Trank überwältigte ihn. Er schlief auf dem Tisch ein und schnarchte wie ein Bär im Winterschlaf.

Artur schüttelte den Kopf und hob beide Hände in die Höhe. Dann rief er so laut, dass es jeder im Gästehaus hören konnte. »Bei meinem Schöpfer, ich schwöre, dass ich mit dieser Art der Befragung nichts zu tun hatte. Sollte er vom Trank des Barbaron einen Schaden davon tragen, so soll er sich auch von Barbaron heilen lassen.«

Der kleine König aller Minitrolle ließ Cylor im Gästehaus in ein Bett schweben. Dann folgte er Artur in Freie. Vor dem Haus stellten sich die Kobolde auf und sahen zu Barbaron. Doch der grinste wie ein Schelm. »Was wollt ihr denn noch? Es hat doch geholfen und wir haben eine eindeutige Antwort. Wenn er wieder wach ist, so wird er erfreut sein, dass ich ihm helfen konnte.«

Noch bevor jemand etwas sagen konnte, lag ein leises Zischen in der Luft und Artur fing einen Minitroll auf. Ein Zweiter landete in den Armen von Soldatis. Die anderen Brüder fingen an zu lachen und der Bergboss klopfte Artur auf die Schulter. »Ihr habt sie beide ja gut gefangen. Nun nehmt ihr sie auch mit ins Baumhaus. Dort können uns diese beiden Späher berichten, was sie über Dämonicon erfahren haben.«

Artur zog die kalte Winterluft hörbar durch seine lange Nase ein, doch er sagte kein Wort. Er stellte lieber den kleinen Späher, den er aufgefangen hatte, auf seine Füße und schupste ihn sanft zur Tür des Baumhauses.

In dem Baumhaus wurde es schnell brechend voll, denn auch der kleinste Minitroll wollte sofort wissen, was die beiden Späher in Dämonicons Grotte hören und sehen konnten.

Die Legende von Saphira

Als die beiden kleinen Minitrolle ihren Bericht beendeten, war es im Baumhaus für einen Augenblick absolut leise. Artur holte ein Tuch aus einer seiner zahlreichen Taschen und schnäuzte sich lautstark. Dann griff er zu einem Buch und blätterte so lange, bis er an eine bestimmte Stelle kam. »Ah, da habe ich es ja gefunden. In meinem Buch über die alten Städte der Zwerge habe ich einen Eintrag. Er ist nicht all zu lang, aber bestimmt sehr hilfreich.«

Die Kobolde, die hinter ihrem Bruder Artur standen, versuchten in das Buch zu schauen und Snobby wollte Ohle etwas zuflüstern. Doch die Minitrolle zischten empört dazwischen und Barbaron knurrte ihn leise wie ein bissiger Wolf an. Sofort kehrte wieder Ruhe ein und Artur erklärte, was in dem Buch über Saphira stand. »Hört gut zu, meine Freunde. Hier steht geschrieben, wie die Zwerge einst im Silbergebirge ihre größte Stadt bauten und warum sie den Ort wieder verließen.«

Artur nahm einen Schluck Wein aus einem Becher und las aus dem Buch vor. »Vor mehr als dreitausend Jahren fand der Wüstenzwerg Wenzel, als er mit einer Herde Schafe durch das Silbergebirge nach Norden zog, einen großen Saphir auf einer Wiese. Er merkte sich die Stelle und kehrte zu seiner Familie in die südliche Wüste zurück. Als er ihnen den Edelstein zeigte, da wollten sie alle zu der Wiese eilen. Tatsächlich fanden sie nur wenige Tage später auf der Wiese weitere Saphire. So blieben sie im Silbergebirge und erbauten ihre Stadt und unter der Stadt legten sie ein Bergwerk an. Sie nannten diese Stadt Saphira, denn sie wurden durch die Edelsteine, die sie gefunden hatten, sehr reich und mächtig. Bald arbeiteten viele Sklaven in dem Bergwerk der Stadt und Wenzel wurde zum König gekrönt. Er herrschte noch hundert Jahre, bevor er von einem seiner Söhne ermordet wurde. König Wenzels Erben regierten in der Stadt fast tausend Jahre, doch sie brachten sich regelmäßig gegenseitig um. So starb Wenzels königliche Familie nach tausend Jahren aus und ein neuer König wurde vom Volk gewählt. Er hieß Dunkerich und er herrschte nur sieben Jahre. Seine Gier nach den Schätzen der Welt war noch größer, als die jedes anderen Königs. So ließ er zu, dass einer seiner Kaufleute einen sonderbaren Fund in die Stadt brachte. Dieser Kaufmann ließ in die Schatzkammer des Königs eine Kiste mit drei Gorgoden bringen. Diese Gorgoden sind Bernsteinkugeln und in ihnen sind drei dunkle Kreaturen gefangen. Ihre finstere Macht stellen sie nur dem Zauberer zur Verfügung, der sie aus dem Bernstein befreit. Sie können dann jede andere Kreatur töten, selbst Drachen und Riesen sind nicht vor ihnen sicher.«

Unruhe machte sich sofort im Baumhaus breit und einer der Minitrolle rief aus, was alle Anwesenden dachten. »Wir sollten uns diese drei Gorgoden holen!« »Genau, das sollten wir!«, rief ein zweiter Minitroll. Nun brach beinah ein Tumult aus und Artur konnte nur mit Mühe seine Brüder und die Minitrolle beruhigen.

Als wieder Stille in das Baumhaus einkehrte und die erhitzten Gemüter sich ein wenig mit Wein abkühlten, setzte sich Artur wieder auf seinen Stuhl und schaute in sein Buch.

In dem Buch stand noch etwas über die drei Gorgoden, dass er den Freunden unbedingt vorlesen wollte. »Ein finsterer Fluch zog mit den drei Kreaturen in Saphira ein. Die Zwerge wurden nach und nach um ihren Verstand gebracht. Sie misstrauten einander immer mehr und bildeten zwei große Lager, die sich gegenseitig in der Stadt bekämpften. Die eine Seite war dem König treu ergeben. Die andere Seite wollte einen neuen König wählen. Ein fremder Zauberer war zu allem Übel auch noch in die Stadt gekommen. Er hetzte die Zwerge gegeneinander auf und entfachte so einen Bruderkrieg. Der Zauberer, der auch ein Wüstenzwerg war, erschlug Dunkerich im Zweikampf. Doch er war selbst so schwer verletzt, dass er zu Boden sank und die Nacht nicht überlebte. So konnte er die Gorgoden nicht mehr benutzen. Die Kämpfe gingen bis zum nächsten Morgen weiter. Als die Sonne aufging, da schlossen die überlebenden Wüstenzwerge Frieden und verließen ihre Stadt Saphira. Sie setzten als Hüterin aller Schätze Opyhra, die Königin von Penda ein. Ihr fliegendes Volk lässt seitdem niemanden in die Stadt Saphira hinein.«

Barbaron war plötzlich mit einem Trollsprung auf Arturs Arbeitstisch gelandet und drehte das Buch mit der Magie seines blauen Kristalls so um, dass er selbst hineinschauen konnte. »Tatsächlich!«, rief der kleine König laut aus und er schaute grimmig in das Buch. »Hier steht es ganz deutlich. Opyhra bewacht also die Stadt und niemand kann hinein. Das wird Dämonicon nicht gerade erfreuen. Meine Späher sagten doch, dass er diesen Bastard Vagho schicken will, um in Saphira die drei Gorgoden zu holen.«

»Weißt du etwas über diese Königin?«, fragte Knurr und er sah den kleinen König aller Minitrolle abwartend an. Barbaron nickte und er schwebte plötzlich über Arturs Arbeitstisch. »Ja, mein lieber Knurr. Ich kenne die werte Dame. Sie ist so etwas wie eine alte Bekannte von uns. Glücklicherweise sind wir ihr am Tage begegnet. In der Nacht hätte sie uns sicherlich alle zum Fressen gern gehabt. Opyhra ist die Königin der fliegenden Janus-Elfen.«

Artur beugte sich zu dem schwebenden Barbaron vor und sah ihn erstaunt an. »Ihr habt tatsächlich diese mörderische Königin und ihr Volk kennengelernt? Das ist ja nicht zu fassen. Warum hast du uns das nicht schon längst erzählt? So etwas ist doch verdammt wichtig.«

»Ach was, so richtig wichtig ist das also für dich?«, wunderte sich Barbaron scheinheilig. Er landete wieder grinsend auf dem Arbeitstisch. »Mich hat bis zum heutigen Tag noch keiner nach dieser Königin gefragt und wir Minitrolle haben alle Hände voll mit Arbeit gehabt. Außerdem war es ja nur eine kurze Begegnung. Opyhra und zwei ihrer Begleiterinnen holten in der Nähe von Saphira Wasser aus einer Bergquelle. Wir haben dort ein Jagdlager gehabt und uns ein wenig mit ihnen unterhalten. Sie kamen in unser Lager, als wir gerade dabei waren, unsere Beute zu zerlegen.«

Am Kichern einiger Minitrolle konnte Artur genau erkennen, dass Barbaron ihm etwas Wichtiges verschwieg. Mit ernster Miene sah er zu dem kleinen König. Er drückte ihm seinen Zauberstab gegen den Bauch. »An deiner Geschichte stimmt doch etwas nicht. Also, mein Freund Barbaron, was ist an jenem Tag wirklich geschehen? Ich will alles wissen.«

Der kleine König sah etwas verlegen in Arturs finster aussehende Augen und er holte mit beiden Armen weit aus. »Wir hatten einen riesigen Keiler erlegt. Das war ein prächtiger Bursche. Da kam dieses Weib mit zwei ihrer Freundinnen angerannt und sie behaupteten gleich, wir hätten ihnen die Beute vor der Nase weggeschnappt. Wir sollten ihnen den Keiler überlassen und sofort verschwinden. Doch das wollten wir nicht.«

Soldatis mischte sich ein. Er trat dicht an den Tisch heran und sah Barbaron mit funkelnden Augen an. »Lass mich raten, mein alter Freund. Ihr habt euch mit ihnen angelegt und sie vertrieben.«

Der kleine König lächelte und wiegte seinen Kopf hin und her. »Na ja, ganz so war es nicht. Wir haben die drei hübschen Puppen erst mal schlafen gelegt und uns in aller Ruhe um den Keiler gekümmert. Als diese drei Tanten wieder aufwachten, da war von dem Keiler nur noch das löchrige Fell, die Knochen und der Kopf übrig. Wir waren da schon verschwunden und sie haben uns bis heute noch nicht erwischt.«

Honigsüß lächelnd hob Barbaron beide Hände in die Höhe und tat, als wäre er die einzig wahre Unschuld im Baumhaus. Artur winkte ab und zog dem kleinen König das Buch unter den Füßen weg. Er schlug es zu und stellte es in sein Regal zurück. »Das sind ja gute Aussichten. Wir wollen drei gefährliche Kugeln holen, die man als Gorgoden bezeichnet. Die werden von den Janus-Elfen bewacht. Sie sind am Tage harmlos und in der Nacht wachsen ihnen wahrscheinlich Flügel, lange Zähne und riesige Krallen.«

Ohle zog ein anderes Buch aus dem Regal und warf es auf den Tisch. Er schlug es auf und fand sofort die passende Seite. Dann stellte er sich auf Arturs Stuhl und las aus dem Buch vor. »Man höre und staune. Die Janus-Elfen sind alle nur Frauen. Sie gehörten früher zu den weißen Elfen. Ein Zauberer hat sie alle verflucht, weil Opyhra ihm etwas stahl, was sie ihm nicht wiedergeben kann. So steht es hier geschrieben.«

Barbaron schwebte über dem Buch und betrachtete das Bild, das neben der Schrift war. »Genau so hat sie ausgesehen«, sprach er und lächelte vor sich hin. »Ich möchte zu gern wissen, was sie diesem Zauberer genommen hat. Es muss bestimmt sehr wertvoll sein, denn sonst hätte dieser Zauberer nicht einen so bösen Fluch ausgesprochen.«

Artur nahm das Buch vom Tisch und stellte es ebenfalls in das Regal zurück. Dann sah er sich um. »Keiner von uns weiß, wer dieser Zauberer war und im Buch steht auch nichts über ihn. Doch das ist jetzt nicht so wichtig. Wir sollten uns beraten und klären, was wir als Nächstes tun sollten.«

»Mein lieber Bruder«, sprach Soldatis und er rückte sich seine Mütze auf seinem Kopf zurecht. »Es geht doch nicht mehr darum, was wir machen sollten. Es geht nur noch darum, wie wir es machen sollten. Für uns alle ist es doch klar, dass wir uns diese drei Kugeln holen. In den Händen unseres Erzfeindes Dämonicon sind sie eine gefährliche Waffe. Sie können unseren Freunden, den Drachen gefährlich werden. Das sollten wir auf jeden Fall verhindern. Deshalb bin ich dafür, dass ihr mich schickt, um die Sache zu klären. Außerdem stellt der schwarze Kristall von Dämonicon eine Bedrohung für uns alle dar. Auch ihn müssen wir beseitigen.«

Artur sah Soldatis in die Augen und schüttelte den Kopf. »Dass dieser Kristall beseitigt werden muss, das ist uns allen klar. Doch wer sagt dir denn, dass wir diese Aufgabe übernehmen müssen?«

Soldatis war erstaunt. »Was hast du vor, mein lieber Artur? Du brütest doch sicher schon wieder einen deiner genialen Pläne aus.«

Artur lächelte und tippte Soldatis mit seinem Zauberstab an den Kopf. »Da, unter deiner kleinen komischen Mütze, ist genügend Klugheit vorhanden, um selbst darauf zu kommen. Sorge dich lieber darum, wie du die Gorgoden aus Saphira herausbringen willst. Ich vermute mal, dass es ein hartes Stück Arbeit werden wird. Sobald dein sogenannter Diener wieder bei Kräften ist, werde ich dafür sorgen, dass Albanarius, Jabo und Orbin ihren alten Freund in die Arme schließen können.«

Die Minitrolle kicherten wieder, als hätten sie gerade eine lustige Geschichte gehört. Soldatis sah sich um und entdeckte den Grund für ihre Belustigung. Draußen am Fenster stand Albanarius und sah in Arturs Arbeitszimmer hinein.

Es dauerte nur einen Augenblick und vor dem Baumhaus war wieder mal ein großer Tumult entstanden. Jeder wolle den Zauberer begrüßen und ihm berichten, was sich alles ereignet hatte. Artur bekam in das allgemeine Durcheinander weder Ruhe noch Ordnung hinein. Er gab es auf und versuchte erst gar nicht, die Minitrolle lautstark zu ermahnen.

Erst als Barbaron energisch eingriff und eine Zählung seines kleinen Volkes befahl, kam wieder Ruhe in das Tal der Kobolde. Der Hauptmann zählte wie gewöhnlich das kleine Völkchen durch und machte dann Barbaron wie immer eine zackige Meldung. Er stellte sich vor dem König auf und salutierte, in dem er seine rechte Hand auf seine linke Brustseite schlug. Dann brüllte er los, so laut er konnte. »Mein König, wir sind wie immer mit siebenundsiebzig Minitrollen angetreten! Uns beide habe ich schon dazugezählt, mein König!«

Barbaron nickte und sah sich sein Volk an. Dann brüllte er selbst los. »Ich würde mich gern mit unserem Freund Albanarius unterhalten und ich denke mal, die Kobolde wollen das auch! Also lautet mein Befehl an euch alle – Klappe halten! Habt ihr diesen Befehl verstanden!?«

Ein schallendes »Ja mein König!«, war die Antwort. Zufrieden mit sich und seinem Volk winkte der kleine König Barbaron lässig seinem Hauptmann zu und drehte sich dann zu Albanarius um. Während sich das Volk der Minitrolle einfach in den Schnee setzte, stand Albanarius gütig lächelnd mit verschränkten Armen da. Barbaron nutze wieder einmal die magischen Kräfte seines blauen Kristalls und schwebte dicht vor dem Gesicht von Albanarius. Dann begrüßte er ihn auf seine ganz eigene Art. Er küsste die knollige Nase des Zauberers, während er sich an seinem Bart festhielt. Albanarius lachte laut auf und rief. »Lass das sein, du alter Gauner. Ich bin von der Reise erschöpft und hungrig!«

»Dann lass uns zu deinem alten Freund Cylor gehen«, sprach Barbaron. »Er ist im Gästehaus und schläft dort tief und fest. Da kannst du essen und trinken und wir können uns unterhalten. Du wirst uns bestimmt mehr über diesen wunderlichen Kerl berichten können.«

Nachdem der Zauberer im Gästehaus Cylor schlafend vorgefunden hatte, aß er ein großes Stück Braten, Brot und Schmalz. Mit einem kräftigen Schluck Wein spülte er alles hinunter und antwortete dann auf die vielen Fragen und die Berichte von Artur und Barbaron. Er hatte sich beim Essen alles angehört, was ihm seine Freunde Wichtiges zu berichten hatten. Die Koboldbande und alle Minitrolle waren im Gästehaus versammelt und sie lauschten nun den Worten des alten Nekromanten.

Albanarius wischte sich mit einem Tuch umständlich den Wein aus seinem Bart und schaute in die erwartungsvollen Gesichter seiner Freunde. In einer Ecke stand das Bett, auf dem sein alter Freund Cylor schlief. Sein gleichmäßiges Schnarchen zeigte jedem, dass er sich von niemandem stören ließ.

Der Zauberer steckte sein Tuch weg und schenkte sich einen weiteren Becher Wein ein. Dann erzählte er, was er über das Verschwinden seines Freundes Cylor noch wusste. »Dieser alte Zauberer, der uns hier die Ohren vollschnarcht, ist ein Meister der Flugschale gewesen. Niemand kann so schnell fliegen, wie er. Doch er kannte noch viele andere magische Künste. Er war groß, stark und mutig. Das machte ihn allerdings auch schnell leichtsinnig. Er hat sich auf einen Zweikampf mit Dämonicon eingelassen. Sie flogen beide über dem Meer und in der Nähe von Villbass begann ihre magische Schlacht. Cylor wehrte zunächst Dämonicons Angriffe verdammt gut ab. Aber dann ließen seine Kräfte nach und Dämonicon verbannte ihn auf den Grund des Meeres. Dort muss er wohl vor einigen Tagen durch eine Erschütterung der Magie von diesem Bannfluch erlöst worden sein. Vielleicht ist auch ein Schiff gesunken und hat ihn geweckt. Das kann uns nur er selbst sagen. Auf jeden Fall sind wir Nekromanten jetzt wieder vier an der Zahl. Das bedeutet, dass Dämonicon sich noch mehr vorsehen muss. Er wird im Winter keine Schlacht wagen und er fürchtet zu Recht die Kraft der Drachen. Deshalb braucht er diese drei Gorgoden. Sie können ihn zuverlässig vor den Drachen schützen.«

Soldatis drängte sich an seinen Brüdern vorbei und stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch. Er sah den Nekromanten herausfordernd an und seine Worte klangen wie das Bellen eines wütenden Hundes. »Barbarons Späher haben uns berichtet, dass der schwarze Zauberer nur den Schattenalp Vagho schicken will, um die Gorgoden aus Saphira zu holen. Er ist bestimmt schon unterwegs. Glaubst du, dass dieser Kerl es allein schaffen kann?«

Albanarius zuckte mit den Schultern. »Ich kann dir deine Frage nicht beantworten. Doch wenn das so ist, so muss er sich mit den Janus-Elfen herumschlagen. Die haben sich in der letzten Zeit noch weiter verschlimmert. Der Fluch, der sie einst getroffen hat, der wirkt seit über hundert Jahren auch am Tage. Jabo hat mir das erst vor wenigen Tagen berichtet. Sie halten sich deshalb in Saphira und in der näheren Umgebung der Stadt verborgen und zeigen sich nur, wenn sie töten wollen. Ich glaube, man kann die Gorgoden nur bekommen, wenn man Opyhra und ihr Gefolge überlisten kann. Außerdem braucht man den Schlüssel für die Truhe, in der sich die Kugeln befinden. Und man braucht einen bestimmten Zauberstab, um diese Gorgoden zu vernichten. Die Wesen, die in diesen Kugeln eingeschlossen wurden, sind dämonische Bestien. Wir sollten uns lieber auf alles genau vorbereiten.«

Barbaron sprang auf den Tisch und wollte etwas sagen, doch Soldatis schnappte sich den kleinen König, klemmte ihn sich unter seinen linken Arm und hielt ihn den Mund zu. Der Minitroll zappelte wie ein Fisch im Netz, doch Soldatis stellte Albanarius unbeirrt eine weitere Frage. »Auf was sollen wir uns vorbereiten, du großer Zauberer?«

Der Nekromant beugte sich über den Tisch und befreite den armen Barbaron. Der schimpfte sofort los. »Hast du das gesehen, Albanarius? Das ist doch unerhört! Ich könnte ihn …!«

Weiter kam der kleine König nicht, denn Albanarius hielt ihm den vorlauten Mund zu. »Sei still und hör mir zu. Ich denke, wir sollten uns alle aufteilen. Ich suche mit Cylor nach dem Zauberstab. Artur und seine Brüder werden mit uns gehen und ihr Minitrolle überlegt euch, ob ihr etwas gegen Opyhra und ihr Gefolge unternehmen könnt. Soldatis wird euch begleiten, denn er hat dich auf jeden Fall gut im Griff, mein kleiner Freund. Ihr werdet nach dem Schlüssel und den Gorgoden suchen.«

Barbaron befreite sich aus den Händen des Zauberers und flog hoch über den Köpfen seiner Freunde und seines Volkes. Er sah kampflustig zu Soldatis und grinste plötzlich wie ein Schelm, denn er hatte auf einmal eine Idee. Der kleine König landete auf dem Tisch und zog seinen Trollkompass. Er legte ihn vor sich auf einen Teller und rieb sich die Hände. »Nun Freunde gebt gut acht, denn wir befragen den Kompass mitten in der Nacht.«

Sofort war der Tisch von allen Kobolden und Minitrollen umringt und Barbaron war wieder einmal ganz in seinem Element. Er beschwor seinen Kompass und ließ ihn nach dem Zauberstab für die Truhe suchen. Zum Erstaunen aller zeigte der Kompass an, dass sich dieser Zauberstab in Penda, der einstigen Heimatstadt der Janus-Elfen, befand. Barbaron fragte sogleich nach dem Schlüssel. Der befand sich in Saphira. Nun fragte der kleine König nach den Gorgoden. Wie erwartet waren sie ebenfalls noch immer in Saphira. Die letzte Antwort war jedoch für Barbaron sehr erstaunlich. Er fragte den Kompass nach dem Aufenthaltsort von Vagho. Der Kompass zeigte ihm an, dass Vagho sich immer noch in der Nähe der alten Schlangenfestung aufhielt. »Dieser Kerl lässt sich viel Zeit«, meinte der kleine König. »Das könnte uns einen guten Vorsprung verschaffen. Den sollten wir auf jeden Fall nutzen.«

Albanarius stimmte mit einem Nicken zu und griff nach seinem Becher. Doch der war leer und das verlegene Lächeln des Hauptmanns zeigte ihm, dass der Minitroll schneller war, als er selbst. Er goss sich den Becher wieder voll und trank ihn sogleich aus. Dann sah er zu Artur und seinen Brüdern.

Die Kobolde flüsterten schnell einige Worte miteinander und Snobby erklärte anschließend dem Zauberer ihre Entscheidung. »Wir machen es so, wie du es vorgeschlagen hast. Soldatis und die Minitrolle sollten jedoch versuchen, den Fluch von den Janus-Elfen zu nehmen. Dann wären sie nicht mehr so gefährlich und wir hätten es alle ein wenig leichter. Außerdem müssen sie sich um diesen Vagho kümmern.«

Albanarius griff zur Weinkanne und füllte sich noch einmal seinen Becher. »Opyhra hat vor langer Zeit dem Zauberer Meerland das Herz gebrochen. Dieser weiße Zauberer hat sie geliebt und sie hat ihn verraten. Ich weiß nicht mehr genau, was damals alles geschah, doch Meerland war so wütend, dass er sich nicht mehr beherrschen konnte. Opyhra hatte ihm einen Brief zukommen lassen. Noch am selben Tag brach Meerland mit einem sehr starken Zauberstab auf und ging nach Penda. Dort hat er die Frau, die er über alles liebte, mit ihrem Gefolge verflucht und gebannt. Den neuen Liebhaber dieser Frau hat er zu Stein erstarren lassen. Noch heute wird er in seinen Händen Meerlands Zauberstab halten. Welch ein glücklicher Zufall, dass Cylor diesen Zauberstab ebenfalls beherrscht. Er hatte ihn Meerland einst geschenkt. Die größte Schwierigkeit ist der Schlüssel, den wir finden müssen. Nur mit seiner Hilfe können wir die Truhe öffnen und mit ein wenig Glück gelingt es Cylor, Meerlands Fluch von den Janus-Elfen zu nehmen. Dazu muss er Meerlands Zauberstab aus den steinernen Händen von Opyhras Liebhaber ziehen. Sie könnte es zu jeder Zeit selbst machen, doch dann würde sie mit ansehen, wie das Standbild ihres Liebsten zu Staub zerfällt und das würde ihr das Herz brechen. So habe ich jedenfalls diese Geschichte noch im Kopf behalten. Deshalb bleibt das Standbild, was es ist. Darüber ist sie bestimmt selbst sehr wütend und sie wird Meerland jeden Tag und jede Nacht verfluchen.«

Soldatis nahm seine Keule und streckte sie Albanarius entgegen. »Morgen früh weckst du deinen alten Freund und sorgst für sein Wohlbefinden. Es wäre sehr gut, wenn er sich an seine einstigen Kräfte erinnern könnte. Sobald alle Vorbereitungen getroffen sind, brechen wir auf. Die Minitrolle werden bestimmt sehr schnell im Silbergebirge ankommen. Dort sollten sie sich erst mal verstecken und nach allen möglichen Feinden spähen. Ich werde wohl erst am zweiten Tag nach meinem Abflug eintreffen. Wir werden nach dem Schlüssel und den Gorgoden suchen und ihr findet hoffentlich den Zauberstab.

Albanarius hob seinen Becher und trank ihn mit einem Zug aus. »Dann lasst uns schnell zur Ruhe kommen«, meinte er und stellte den Becher auf den Tisch. »Der morgige Tag wird uns zu zwei gefährlichen Orten in das Silbergebirge führen. Da sollte man gut ausgeschlafen sein.«

Nun hielten sich die Minitrolle nicht länger zurück. Aufgeregt schwatzten sie alle durcheinander und auch der Kleinste von ihnen meinte, gerade er hätte noch etwas Wichtiges zu bedenken und zu fragen. Doch sie fanden auch in dieser, wie in jeder Nacht, alle ihren wohlverdienten Schlaf.

Die Geister der Sklaven

Vagho brach am folgenden Morgen sehr zeitig auf. Er nahm ein kräftiges Frühstück zu sich und ging dann zu Dämonicon. Der schwarze Zauberer schärfte ihm noch einmal ein, wie wichtig für ihn die drei Gorgoden waren. Dann ließ er Vagho zur Stadt Saphira ziehen.

Der Schattenalp stieg vor dem Eingang der Grotte auf seine Flugschale und erreichte schnell eine ordentliche Höhe. In dicke Felle gehüllt, spürte er die Kälte nicht so schnell. Vagho hoffte, dass es bald wärmer würde, wenn er das Drachengebirge erst einmal hinter sich gelassen hatte. Tatsächlich war in der Ebene von Banda der Wind nicht mehr so eisig. Trotzdem musste der Schattenalp in der Nähe eines Baches landen, denn seine Glieder waren völlig steif. Außerdem hatte er Angst, dass er sich nicht mehr lange auf seiner Flugschale halten konnte. Ein Sturz aus großer Höhe wäre sein Tod gewesen.

Nachdem es ihm gelungen war, ein Feuer zu entfachen und ein Stück geräuchertes Fleisch aufzutauen, aß er es hastig auf. Dabei schaute er sich immer wieder um, denn das Heulen eines Wolfes zeigte ihm die Gefahr an, die bereits auf ihn lauerte.

Vagho trank noch einen Schluck aus seiner Kürbisflasche und löschte dann das Feuer. Für den Wolf war dies wohl das Zeichen zum Angriff. Doch Vagho hatte keine Lust, dem grimmigen Tier mit seinem Zauberstab Manieren beizubringen. Er setzte sich auf seine Flugschale, hüllte sich in seine Felle und stieg schnell in eine sichere Höhe auf.

Ohne sich noch einmal umzusehen, flog der Schattenalp davon und der Wolf sah ihm erstaunt hinterher. Der Flug ging weiter zu dem Fluss Brag, der die Ebene von Braganda in zwei Teile spaltete. Um den Flug über das raue Meer zu vermeiden, flog Vagho im weiten Bogen zu der alten Festung Zandum. Er hielt einen großen Abstand zu diesem Ort, damit ihn die Wachen des Königs Core nicht entdecken konnten.

Nach dem der Schattenalp eine zweite Rast in den Wäldern des Tieflandes eingelegt hatte, flog er geradewegs nach Süden. Hinter den Wäldern des Tieflandes empfing ihn ein wohltuend warmer Wind. Vagho streifte seine Felle ab und band sie zu einem Bündel zusammen, das er sich auf den Rücken binden konnte. Dann hielt er nach den Bergen des Silbergebirges Ausschau.

Die Sonne ging jedoch langsam unter und so musste der Schattenalp seine dritte Rast einlegen. Zu seinem Glück fand er in dem weiten und flachen Steppenland, das nördlich des Silbergebirges lag, einen großen Baum. Vagho überlegte nicht lange und kletterte einfach auf einen seiner dicken Äste. Er war nicht sehr bequem, doch er bot genügend Schutz gegen die Wölfe und andere Jäger der Nacht. Mit einem festen Seil konnte sich der Schattenalp so an den Baum binden, dass er im Schlaf nicht herunterfiel.

Die Nacht war jedoch von den Schreien der Eulen und Käuze erfüllt und die Wölfe jaulten so laut, dass Vagho kaum ein Auge zubekam. Immer wieder sah er sich um und seine rechte Hand fuhr mehr als einmal zu seinem Zauberstab. Doch er brauchte ihn nicht aus seinem Gürtel ziehen. Die Tiere griffen ihn nicht an. Als er am nächsten Morgen doch noch ein wenig Schlaf fand, da kamen ihm im Traum die Zentauren entgegen. Sie zerrten an ihren Sklavenhalsbändern und schrien ihn an. Er konnte sie nicht verstehen, doch er sah ihre Waffen. Sie drohten ihm und Vagho wollte immer weiter zurückweichen. Doch er konnte es nicht und er schrie vor Angst auf.

Der Schattenalp erwachte und sah in das Licht der Sonne. Sie war schon längst aufgegangen und Vagho brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass er nur geträumt hatte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und löste das Seil vom Baum. Bevor er herunterkletterte, sah er sich die nähere Umgebung an. Es war weder ein Feind noch ein Tier zu sehen und so schaute der Schattenalp nach Süden. Dort standen in all ihrer majestätischen Schönheit die Berge des Silbergebirges.

Vagho stand auf dem dicken Ast des Baumes, hielt sich an der rauen Borke des Stammes fest und betrachtete für einen Moment diese Berge. Sie waren wirklich so beeindruckend, wie er es schon so oft gehört hatte. Der Schnee, der selbst im Sommer auf den höchsten Gipfeln lag, glänzte im Schein der Sonne wie reines Silber.

Vagho kletterte geschickt vom Baum und suchte sich ein wenig Holz für ein Feuer. Er bereitete sich ein Frühstück vor und aß es dieses Mal in aller Ruhe auf. Nach dem der Schattenalp sich noch einmal umgesehen hatte, holte er seine Flugschale hervor und flog weiter nach Süden.

Die Landschaft veränderte sich schnell und Vagho betrachtete sie mit größter Aufmerksamkeit. Wie immer, wenn er einen gefährlichen Auftrag zu erfüllen hatte, musste er sich auch dieses Mal zu Ruhe zwingen. Der Schattenalp wollte nicht, dass der Reiz des gefährlichen Abenteuers ihm zu Kopf stieg.

Als die Hügel, die am nördlichen Rande des Silbergebirges lagen, immer größer wurden, entdeckte Vagho eine alte Straße. Er folgte ihr eine halbe Stunde, denn er ahnte gleich, dass sie ihn ein gutes Stück zu seinem Ziel führen würde.

Die Berge wurden immer höher und Vagho stieg mit seiner Flugschale immer weiter auf. Doch die Straße, die sich zwischen den Bergen wie ein Band hindurchschlängelte, führte ihn in die Nähe der Stadt Saphira. Immer wieder blockierten große Haufen von Steinen und Geröll diesen alten Weg der Wüstenzwerge. Hier und da war kaum noch etwas zu erkennen, doch als Vagho die erstaunlich gut erhaltenen Türme und die Stadtmauer von Saphira sah, da schlug ihm das Herz bis zum Hals hinauf. In seinen Ohren dröhnte jeder einzelne Schlag.

Eine halbe Meile vor dem großen Stadttor landete der Schattenalp. Er sah sich sogleich die nähere Umgebung an. Die Stadt lag vor ihm auf einer erstaunlich weiten Hochebene. In großem Abstand umsäumten riesige Berge ihre Mauern und das Sonnenlicht konnte die meiste Zeit des Tages auf die löchrigen Dächer der verlassenen Häuser fallen. Nirgendwo stand ein Baum und nur wenige Büsche wuchsen auf dem Boden vor der Stadt. Selbst das Gras war nur spärlich vorhanden. Ein kühler Wind zog von der Stadt zu dem Schattenalp.

Vagho war ein Meisterdieb und er konnte sehr leicht wittern, wenn sich ihm jemand näherte. Er hielt die Nase in den Wind und er bemerkte sofort, dass eine große Gefahr in der Stadt lauerte. Der Geruch war eine unerklärliche Mischung aus Magie und den Tränen der Wut und Verzweiflung.

Hinter einem großen Felsen, der irgendwann von den Bergen ins Tal gestürzt war, versteckte sich der Schattenalp. Er hatte beschlossen, die Dunkelheit der Nacht zu nutzen. Doch das schaurige Schauspiel, das sich ihm im nächsten Augenblick bot, musste er sich ansehen.

Mit einem fürchterlichen Rumpeln und Quietschen öffneten sich langsam die beiden mächtigen Torflügel des Stadttores. Eine Horde Janus-Elfen kam heraus und ihre krächzenden Schreie jagten dem sonst so hart gesottenen Schattenalp einen eiskalten Schauer über den Rücken. Er duckte sich unwillkürlich noch dichter an den Felsen und schien mit ihm verschmelzen zu wollen.

Was er nun sah, übertraf seine schlimmsten Befürchtungen. Die Janus-Elfen sahen in ihren zerlumpten Kleidern schon sehr heruntergekommen aus. Doch die langen Krallen an ihren Händen, die großen Zähne und ihr grimmiger Blick zeigten Vagho, das mit ihnen nicht zu spaßen war.

Auf einer alten Kutsche, die schon längst keine Räder mehr hatte, flog eine unerwartet schöne Frau durch das Tor. Sie hatte drei ihrer hässlichen Dienerinnen davor gespannt und trieb sie mit einer Peitsche unbarmherzig zu Eile an. Die Schreie dieser Dienerinnen ließen Vagho das Blut in den Adern gefrieren. Sie selbst glich eher einer weißen Elfe, ohne die langen Krallen und die großen Zähne. Doch ihre zerrissenen Kleider zeigten dem Schattenalp, dass sie seit langer Zeit die Königin der Janus-Elfen war. Sie musste die sagenhafte Opyhra sein. Von ihr hatte Vagho schon so viele Geschichten gehört, doch er hatte niemals geglaubt, dieser Frau und ihren Dienerinnen zu begegnen.

Langsam flogen die Janus-Elfen an dem Felsen vorbei, hinter dem sich der Schattenalp versteckte. Immer wieder stießen diese Kreaturen ihre Schreie aus, und Vagho wagte es nicht mehr, zu atmen. In ihrer Mitte stand stolz die Königin auf der Kutsche und schwang die Peitsche. Bei jedem Knall, den die Peitsche machte, zuckte der Schattenalp zusammen.

Als sich der schaurige Tross entfernt hatte, kam Vagho langsam hinter dem Felsen hervor. Er atmete tief durch und sah, wie die Janus-Elfen in der Ferne verschwanden. Ein Haufen Gedanken jagte durch seinen Kopf und ihm war klar, dass er sich niemals mit der Königin Opyhra und ihrem Gefolge anlegen durfte. Das wäre sein Ende gewesen und der Schattenalp wollte noch ein Weilchen leben.

Er sah zu dem Stadttor, das sich langsam wieder schloss. Er wusste nicht warum, aber eine Idee schoss durch seinen Kopf und er holte seine Flugschale hervor. Vagho sprang auf und flog auf das Tor zu. Er hätte auch versuchen können, über das Tor zu hinwegfliegen, doch irgendetwas sagte ihm, dass er lieber durch das Tor fliegen sollte. Der Schattenalp schaffte es gerade so, zwischen den beiden hölzernen Torflügeln hindurchzuschlüpfen. Dann schloss sich das Tor und ein riesiger Balken schob sich in zwei eiserne Ringe, die an den beiden Torflügeln angebracht worden waren.

Vagho schaute sich um und versuchte zu wittern, ob sich jemand in seiner Nähe befand. Der Wind strich sanft über den großen Platz, der hinter dem Tor war. Er trieb einen Knäul trockener Grashalme vor sich hin und der Schattenalp konnte wittern, dass er im Augenblick allein in der Stadt war. Er schaute zum Tor und zu der Mauer, die rechts und links vom Tor wegführte. Nun wurde ihm klar, warum er plötzlich die Idee zum Flug durch das Tor hatte. Über der Stadt lag ein magischer Fluch. Wer über die Mauern kam, dem würde etwas Schreckliches widerfahren. Vagho konnte die Magie dieses Fluches wittern. Er kannte diese Elfenmagie nur zu gut. Sie war so alt, wie es die Elfen selbst waren.

Eine Tür, die eben noch weit offen stand, wurde plötzlich vom Wind zugeschlagen. Vagho sah zu ihr und er zog sofort seinen Zauberstab. Doch niemand griff ihn an und er hörte sein Herz in seiner Brust schlagen. Langsam sah er sich um und ging auf ein bestimmtes Haus zu, es war größer als die Häuser, die rechts und links danebenstanden. Vorsichtig ging der Schattenalp die Stufen hoch, die zum großen Portal des Hauses führten. Er versuchte, die Tür zu öffnen, doch sie war fest verschlossen. Vagho trat einen Schritt zurück und schaute nach oben. Über der Tür war eine Reihe Fenster, die alle mit hölzernen Fensterläden verschlossen waren.

Der Schattenalp holte seine Flugschale hervor und umkreiste langsam mit ihr das Haus. Es musste einst einem reichen und mächtigen Wüstenzwerg gehört haben, denn es war noch immer prächtig anzuschauen. Im Dach zeigte sich ein großes Loch, durch das Vagho mit Leichtigkeit eindringen konnte. Er landete auf dem Dachboden und sah sich um. Der Staub von Jahrhunderten lag dick auf den Dielen und er überdeckte auch eine Menge Kisten und Truhen. Überall lagen zerrissene Säcke und zerbrochene Krüge herum. Das war ein sicheres Zeichen, dass hier jemand etwas gesucht hatte.

Vagho öffnete die einzige Tür, die er fand. Ein hässliches Quietschen war zu hören und er zog wieder seinen Zauberstab. Mit ihm konnte er die nähere Umgebung gut erhellen. Hinter der Tür war eine Treppe, die in das Stockwerk unter dem Dachboden führte. Vorsichtig schlich der Schattenalp diese Treppe hinunter. Dann sah er sich in dem Stockwerk um. Er befand sich nun in einem geräumigen Flur. Vier Türen und eine weitere Treppe waren im Lichtschein des Zauberstabs zu erkennen.

Vagho öffnete die erste Tür und sah in das Zimmer hinein. Er fand ein Schlafgemach vor, so wie es sich nur wohlhabende Kaufleute leisten konnten. Die Verzierungen an den Schränken und an dem großen Bett, das in der Mitte des Raumes stand, zeigten deutlich den einstigen Reichtum eines Kaufmanns. Der Schattenalp verließ das Gemach und sah in das zweite Zimmer hinein. Das war für ihn schon viel interessanter, denn er hatte das Arbeitszimmer des Kaufmanns gefunden. In der Mitte dieses Zimmers stand ein mit Pergamenten überhäufter Tisch. Daneben lag ein umgestoßener Stuhl. Noch immer war an dem abgeschabten Lederpolster gut zu erkennen, dass hier ein Zwerg viel Zeit mit seinen Briefen und Rechnungen verbracht hatte. Er musste viele Tage und Nächte an diesem Tisch gearbeitet haben.

An der Wand, rechts neben dem Tisch befand sich eine große eingerahmte Karte der Stadt und der näheren Umgebung. Sie war vergilbt und hatte einige Löcher von den Holzwürmern, die sich überall durch die Balken und die Möbel fraßen. Doch es war noch gut zu erkennen, wo sich der einstige Sitz des Königs befand. Deutlich war auf der Karte das Abbild einer Burg zu sehen, die auf einem Felsen stand. Darunter war ein Tor eingezeichnet und daneben stand etwas geschrieben. Vagho sah sich die Schrift genauer an und las sie sich vor. »Das Bergwerk von Saphira ist unser heiligster Besitz. Es befindet sich unter dem Thron unseres geliebten Königs. Lang möge er leben, sodass wir ihm dienen können.«

Der Schattenalp lächelte vor sich hin. Bestimmt gab es da noch etwas für ihn, das sich lohnen würde. Er drehte sich zum Tisch um und sah sich die Pergamente an, die auf ihm lagen. Bei all dem Durcheinander war ihm sofort klar, dass auch hier schon jemand vor ihm nach etwas bestimmten gesucht hatte. Die meisten Schriften erwiesen sich als Rechnungen und Bestellungen. Langweilige Briefe und Berichte waren auch dabei und Vagho verlor bei der Durchsicht der Pergamente schnell das Interesse. Doch ein Brief erregte seine Aufmerksamkeit. Er war nicht in der üblichen Schriftform verfasst und las sich eher wie eine flüchtige Notiz.

Leise flüsterte der Schattenalp die Worte vor sich hin, die auf dem Brief standen. »Mein Freund Anzel. Ich habe ihn versteckt und man kann ihn nicht so leicht finden. Er ist in unserem geheiligten Bergwerk. Er wird bewacht und sie ruhen nie – die Wachen, die ich rief. Wir werden wiederkommen und nur wir können ihn nehmen. Nur mit ihm kann man die Truhe öffnen. Wir werden die Kreaturen beherrschen und ihre Kraft wird unsere Feinde zerschmettern. Ich versichere Dir, mein Freund, wir werden dann über unsere Feinde herrschen. Dein Freund Saltar.«

Obwohl das Wort ‚Schlüssel‘ in diesem Brief nicht stand, konnte sich Vagho denken, dass nur so etwas gemeint sein konnte. Ihm war auch sofort klar, dass er in diesem Bergwerk den Schlüssel finden musste, wenn er die Gorgoden haben wollte.

Der Schattenalp sah sich ein wenig um, doch es gab nichts Wichtiges zu entdecken. Er wollte das Zimmer schon wieder verlassen, da fiel sein Blick auf ein Buch. Es lag unter dem Tisch und war völlig verstaubt. Vorsichtig hob Vagho das Buch vom Boden auf und legte es auf den Tisch. Dann schlug er es auf und las die erste Seite durch. Er hatte das Tagebuch des Kaufmanns Anzel gefunden. Die meisten Eintragungen, die darin standen, waren für den Schattenalp nicht weiter wichtig. In seinem Tagebuch beschrieb Anzel, wie er seine Geschäfte erledigte und seine Kunden belieferte. Einige von ihnen musste dieser Anzel ordentlich über den Tisch gezogen haben, denn er verlieh auch Geld zu erstaunlich hohen Zinsen. Die letzten Seiten waren jedoch sehr interessant. Anzel beschrieb, wie er sich mit dem Magier Saltar verbündete. Sie hatten die Absicht gehabt, die Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen und das alte Königtum wieder aufzubauen.

Vagho las sich die letzte Seite leise vor. »Saltar hat also den Schlüssel in unserem heiligen Bergwerk versteckt. Die Sklaven, die ich gekauft habe, sind alle an diesem Ort umgekommen. Wie hat dieser Magier das nur geschafft? Jetzt tanzen ihre Seelen als Geister durch unser Heiligtum und bewachen den größten Schatz, den wir je besaßen. Nur dieser Magier und ich, wir beide wissen, wie man sich den Schlüssel holen kann. Es war nur ein Zufall, dass wir die wahre Bedeutung der Gorgoden erkannten. Jedoch wird es kein Zufall sein, wenn wir sie einsetzen. Saltar weiß, wie man sie beschwört, diese drei wunderbaren Bestien. Ich hoffe nur, das mein neuer Trick mit der Tinte …«

Vagho sah sich das letzte Wort erstaunt an und rieb sich mit der linken Hand das Kinn. Mit der rechten Hand hielt er immer noch seinen Zauberstab und beleuchtete mit ihm die Seiten des Buches. Die Gedanken rasten durch seinen Kopf und er versuchte, sie zu ordnen. Irgendetwas oder irgendjemand hatte den Kaufmann am Weiterschreiben gehindert. Auf dem unteren Teil der letzten Seite war ein Fleck. Die vielen Jahre hatten ihn dunkel werden lassen, doch der Schattenalp konnte sich denken, dass es Blut war. Jemand musste Anzel mit Gewalt gehindert haben. Doch was für einen Trick hatte er mit der Tinte angestellt?

Vagho sah sich das Buch genauer an und prüfte mit seinem Zauberstab die leeren Seiten des Tagebuchs. Auf der letzten Seite zeichnete sich tatsächlich im Schein des Zauberstabs eine Karte des Bergwerks ab. Am Rand dieser Karte standen einige Worte. Der Schattenalp flüsterte sie sich mit einem hässlichen Grinsen zu. »Die Sklaven erbauten den Altar im Bergwerk. Verneige dich vor dem Schöpfer und du findest den Schlüssel.«

Ein Geräusch ließ Vagho in die Höhe fahren. Hastig riss er die letzte Seite aus dem Buch und das Licht seines Zauberstabs verschwand. Ihm war sofort klar, dass er nicht mehr allein war. Ein leises Rauschen zog an der Tür des Arbeitszimmers vorbei und der Schattenalp konnte deutlich den Geruch einer Janus-Elfe wahrnehmen. Langsam entfernte sie sich wieder und Vagho atmete erleichtert auf. Er wusste nicht, ob er einen Kampf gegen eine einzige dieser Kreaturen überhaupt gewinnen konnte und er wollte es auch nicht herausfinden. Doch er würde sich mit allen Kräften wehren, wenn er angegriffen würde.

Die Ruhe kehrte zurück und Vagho öffnete leise die Tür. Auf dem Flur war es so finster, dass er kaum etwas erkennen konnte. Der Geruch der Janus-Elfe lag immer noch in der Luft und der Schattenalp tastete sich zur Treppe hin. Als er auf dem Dachboden ankam, holte er seine Flugschale heraus und sah zu dem Loch im Dach, durch das er in das Haus gekommen war. Ihm fiel der Fluch ein, der die Mauern von Saphira umgab und ihn hindern würde, die Stadt mit der Flugschale zu verlassen. Er musste wieder durch das Tor kommen, oder einen anderen Weg finden. Doch vorher musste er seine Aufgabe erledigen.

Der Tag neigte sich dem Ende entgegen und die langen Schatten der Berge fielen auf die ersten Häuser von Saphira. Vorsichtig flog Vagho durch das Loch im Dach. Er landete hinter dem Haus, zwischen einem Haufen alter Fässer. Die Luft war auch hier mit dem Geruch der Janus-Elfen erfüllt. Doch es war keine von ihnen zu sehen oder zu hören. Leise schlich der Schattenalp von den Fässern weg. Er musste einen Weg in das Bergwerk finden.

Jede Deckung nutzend, schlich Vagho vorsichtig zur Burg. Überall lagen alte Möbel herum, die jemand vor langer Zeit auf die Straße geworfen hatte. Ab und zu bot ein Fass oder eine Kiste dem Schattenalp Schutz vor Entdeckung, denn die Janus-Elfen schwebten immer wieder an ihm vorbei. Wie lange Schleier zogen sie dabei ihre Kleider über den Erdboden. Zu seinem Glück entdeckte ihn keine dieser Kreaturen.

Vagho kam unbehelligt zu den Häusern, die dem Felsen am nächsten waren, auf dem die Burg stand. Am Fuße dieses Felsens hatten die Zwerge einst ein tiefes Loch hineingetrieben. Wenn die Karte aus dem Tagebuch des Kaufmanns Anzel stimmte, so musste dieses Loch der Eingang zum Bergwerk sein. In der Burg, die von den Wüstenzwergen auf dem Felsen gebaut worden war, musste die Truhe stehen. In ihr waren die Gorgoden, die Dämonicon so dringend brauchte.

Bei all seinen Gedanken vergaß der Schattenalp nicht, den Eingang zu beobachten. Ihm fiel auf, dass die Janus-Elfen sich plötzlich zurückzogen. Was hatte das zu bedeuten? Warum wollten diese Wesen plötzlich das Bergwerk nicht mehr bewachen? Vagho sah zwischen zwei Kisten immer wieder zu dem Eingang und wartete geduldig ab.

Die Nacht brach schnell herein und in der Dunkelheit war für einen Moment nichts zu sehen. Doch dann geschah etwas, was den Plänen des Schattenalps schaden konnte. Zuerst sah er nur ein schwaches Leuchten. Doch dann flogen langsam zwei Kreaturen auf und ab, die Vagho als Geister bezeichnen konnte. Ihre Statur ähnelte den großen und kräftigen Bergtrollen.

Vagho wusste aus den Erzählungen der Tieflandzwerge, dass auch sie diese Bergtrolle früher als Sklaven gehalten hatten. Die Wüstenzwerge hatten sie also in dem Bergwerk von Saphira zur Arbeit gezwungen. Es erschien ihm logisch, dass der Magier Saltar sie dann irgendwie umgebracht hatte, damit sie ihm als Geister dienten und das Bergwerk bewachten. Sicherlich war die Magie von Saltar sehr schwer zu brechen. Aber was wäre Vagho für ein Schattenalp, wenn er es nicht probieren würde? Und er musste es probieren, denn er hatte schon längst keine Wahl mehr.

Langsam zog er seinen Zauberstab aus seinem Gürtel und seine Augen verfolgten jede Bewegung der beiden Geister, die vor dem Bergwerk Wache hielten. Er wollte sie gerade mit einem Trick ablenken, um unbemerkt den Eingang zu erreichen, da zuckte ein Blitz durch den nächtlichen Himmel. Für einen kurzen Augenblick war die Umgebung vor dem Eingang taghell erleuchtet. Doch außer den beiden Geistern war niemand zu sehen. Wieder zuckte ein Blitz zum Himmel und Vagho duckte sich hinter den Kisten. Als er wieder zum Eingang sah, zogen sich die beiden Geister gerade in das Bergwerk zurück und das schaurige Lachen der Janus-Elfen war zu hören.

Der Schattenalp zögerte nicht länger und sprang hinter den beiden Kisten hervor. Er rannte zum Eingang des Bergwerks und sah hinein. Ein dritter Blitz folgte und Vagho stand plötzlich mitten im Licht. Er huschte schnell in die Dunkelheit des Bergwerkes und drückte sich an die nächste Wand. Da er nun im Schatten stand, konnten ihn die Geister nicht sofort sehen. Ein gutes Dutzend zog an dem Schattenalp vorbei, ohne den Eindringling zu bemerken. Ihre Aufmerksamkeit galt nur den Blitzen, die weiter durch die Nacht zuckten.

Vagho verstand nicht, was sich die Geister zuraunten. Doch sie versammelten sich alle kurz vor dem Eingang und ihre Stimmen klangen wie das Brummen eines wild gewordenen Bienenschwarms. Das nutze der Schattenalp aus, denn er konnte sich nun ungestört ein wenig umsehen.

Der lange Stollen, den die Zwerge einst als Eingang schräg nach unten in den Felsen getrieben hatten, endete in einer größeren Höhle. Hier hatten sie offenbar früher ihre Gerätschaften gelagert. Ein Dutzend zerbrochene Kisten und einige rostige Werkzeuge lagen noch herum.

Vagho holte die Karte hervor und betrachtete sie. Er brauchte seinen Zauberstab nicht, um sie zu beleuchten. Die Wüstenzwerge, die vor langer Zeit dieses Bergwerk angelegt hatten, kannten sich in magischen Dingen gut aus. Sie wussten, wie man an dunklen Orten dauerhaft Licht machte. Überall glänzten Kristalle an den Wänden und gaben der Höhle ein seltsam trübes Licht. Das reichte dem Schattenalp zur Orientierung.

Auf der Karte war deutlich ein weiterer Stollen zu sehen. Der führte in das Innere des Bergwerkes. Das Versteck des Schlüssels war jedoch nicht eingetragen worden. Vagho musste über alte Holzbalken, Kisten und rostiges Werkzeug klettern, um zu dem nächsten Stollen zu gelangen. Er war recht lang und führte schräg nach unten zu einer weiteren Höhle. Von hier aus führten drei Stollen ab.

Ein Schlüssel war nirgendwo zu entdecken, dafür lagen hier überall die Knochen der Bergtrolle herum. Der Schattenalp stolperte über einen ihrer Schädel. Ärgerlich stieß er ihn mit dem Fuß zur Seite, ohne zu bedenken, dass er damit die Geister rief. Er wusste nicht, was sie alles anstellen konnten. Doch als er ihr wütendes Geheule hörte, da war ihm klar, dass er soeben eine Dummheit begangen hatte. Ohne weiter zu überlegen rannte er in den ersten Stollen hinein und versuchte ein Versteck zu finden.

Das Heulen der Geister blieb ihm jedoch in den Ohren. Der Stollen endete in einer unerwartet großen Höhle. Sie war beinah so groß, wie die Grotte, die Dämonicon als Behausung nutzte. An der gegenüberliegenden Wand stürzte ein Wasserfall in ein senkrecht nach unten führendes Loch. Wie ein feiner Nebelschleier hingen die Wassertröpfchen in der Luft. Sie legten sich langsam auf alles, was sich in der näheren Umgebung des Wasserfalles befand.

Vagho sah sich um, doch er konnte kein Versteck entdecken. Mit dem Zauberstab in seiner rechten Hand blieb er in der Mitte der Höhle stehen und erwartete die Geister. Die ließen nicht lange auf sich warten. Mit ohrenbetäubendem Geheule kamen sie alle aus dem Stollen heraus und umkreisten den Schattenalp. Doch sie griffen ihn nicht an, denn der Zauberstab ihres unerwarteten Besuchers hatte eine starke magische Kraft. Sie konnten diese Kraft spüren und sie sahen in Vaghos Gesicht die Entschlossenheit zum Kampf.

Immer langsamer wurde der Flug der Geister. Einer nach dem anderen blieb schließlich vor Vagho stehen. Der Letzte von ihnen, der mit den Umkreisen des Schattenalps nicht aufhören wollte, wurde etwas unsanft von einem besonders großen Geist mit einer Handbewegung aus seiner Flugbahn katapultiert. Er landete mit einem fürchterlichen Geschrei im Wasserfall. Das schien ihn nicht weiter zu stören, denn er wuchs sogleich neben dem großen Geist aus dem Boden.

Vagho erkannte sogleich die neue Situation und er zog mit seinem Zauberstab einen Schutzbann um sich. Wie ein glühender Kreis aus feuriger Lava umgab ihn dieser Bann. Er konnte den ersten Angriff der Geister abhalten, bevor er zusammenbrach. Doch die Geister griffen nicht an. Ihr Anführer kam bis zu dem Schutzbann heran und betrachtete den Schattenalp.

Mit verschränkten Armen stand Vagho da und ein spöttisches Lächeln lag auf seinen Lippen. Offenbar hatte er die Geister beeindruckt. Der Anführer sah ihn an und schüttelte den Kopf. Dann sprach er mit einer unerwartet tiefen Stimme, die durch das ganze Bergwerk widerhallte. »Du bist der erste Schatzjäger, der bis zu uns durchgekommen ist. Jeder andere Narr, der vor dir in die Stadt gekommen ist, wurde von den Janus-Elfen vernichtet. Sie haben ihre Feinde zum Fressen gern, doch wie ich sehe, ist an dir nicht viel dran. Nur dein Zauberstab ist für uns eine Gefahr, du selbst bist nur ein schmächtiger dunkler Elf. Ein Krieger bist du nicht, das sehe ich dir an.«

Vagho drehte seinen Zauberstab in seiner Hand hin und her. Dabei sah er den Geist mit seinem spöttischem Lächeln von unten nach oben an. »Größe und Kraft sind nicht die stärksten Waffen eines Kriegers«, sprach er zu dem Geist. »Oft sind List und Strategie wichtiger als starke Muskeln. Mein Zauberstab ist stärker als die meisten Schwerter der Menschen und Elfen. Hätte ich nur ein einfaches Schwert in der Hand, so wäre ich schon längst tot. Doch ich will noch nicht sterben, denn ich lebe gern in dieser Welt. Was muss ich also tun, damit ich nicht gegen euch kämpfen muss und trotzdem an mein Ziel komme?«

Der Anführer der Geister sah ihn verwundert an. Obwohl seine Gestalt nur aus der magischen Energie seiner Seele mit Licht gespeist wurde, konnte der Schattenalp genau seine Gesichtszüge erkennen. »Ich bin Turlog, der Anführer von all den Geistern, die du hier in diesem verfluchten Bergwerk siehst. Wir waren einst stolze Bergtrolle, die in diesem Gebirge allein lebten. Als die Zwerge kamen, da vertrieben sie uns von unseren heiligen Plätzen. Wir führten zuletzt einen erbarmungslosen Krieg, den wir verloren. Die Wüstenzwerge hatten mächtige Zauberer und ihre Heerführer hatten viel mehr Erfahrung als wir. Ich war der letzte Häuptling, der sich gewehrt hatte. Zur Strafe wurden wir versklavt und in dieses Bergwerk gesperrt. Wir sollten die edlen Steine und Kristalle finden.«

Vagho trat näher an Turlog heran. »Und warum seid ihr hier als Geister an diesem Ort gebunden? Ihr Trolle habt doch ein Seelenreich, wo ihr nach eurem Tod hinübergeht. Was hindert euch daran?«

Der Häuptling wirkte auf einmal recht niedergeschlagen. Er ließ seinen Kopf hängen und zeigte zu einer Ecke, in der ein alter Kupferkessel stand. »Jeden Morgen und jeden Abend bekamen wir in diesem Gefäß unser Essen. Meistens war es nur eine dünne Suppe. Sie gaben uns hartes Brot dazu und trieben uns mit ihren Peitschen zur Arbeit an. Doch eines Tages war alles anders. Einer ihrer Magier kam zu uns und brachte uns Fleisch und Wein mit. In unserem Kessel war plötzlich Schweinefleisch mit dicker Suppe und das Brot war frisch und zart. Der Wein schmeckte köstlich und wir dachten schon, dass die Wüstenzwerge sich besonnen hätten und es nun gut mit uns meinten. Doch es war nur eine neue List. Das Fleisch war vergiftet worden und der Wein hatte eine unerwartet magische Wirkung bei uns Bergtrollen. Wir versuchten zu entkommen und schlugen die Aufseher tot. Doch wir konnten dem Gift nichts entgegensetzen und wir starben nach drei Stunden Kampf. Unsere Seelen konnten diesen verfluchten Ort nicht verlassen und der Magier kam wieder zu uns. Er brachte uns einen Schlüssel und erklärte uns, dass wir als Geister an diesen Ort gebunden wären und nun für alle Zeiten eine andere Aufgabe hätten. Wir sollten den Schlüssel bewachen und jeden töten, der lebend in dieses Bergwerk kommt. Wir können uns nicht lange gegen den Befehl dieses Magiers wehren, doch solange du in deinem feurigen Schutzbann bleibst, werden wir dich nicht angreifen. Erst wenn die zwölfte Stunde kommt, müssen wir über dich herfallen und dir das Leben nehmen. Dein Zauberstab wird uns nicht lange aufhalten, denn die Magie des Zwergenmagiers Saltar ist einfach zu groß.«

Vagho nickte, denn er konnte sich denken, dass die Geister lieber in ihr Seelenreich gezogen wären, als mit ihm zu kämpfen. »Was kann ich für euch tun?«, fragte er den Häuptling Turlog. »Wenn ich euch helfen kann, dann sagt es mir. Eure Freunde und eure Familien erwarten euch doch schon längst im Seelenreich der Trolle. Und ich bin mir sicher, dass ihr alle dort hin wollt.«

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23 aralık 2023
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9783960083641
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