Kitabı oku: «Anstoß in Rom»
So war das mit dem Konzil
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2. Auflage 2012
© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
Umschlaggestaltung, Zeichnungen im Innenteil sowie am Titel: Mag. Alois Jesner, Linz (Jesner Design)
Lektorat: Mag. Klaus Gasperi, A-6835 Muntlix
Layout und digitale Gestaltung: Tyrolia-Verlag
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ISBN 978-3-7022-3169-9 (gedrucktes Buch)
ISBN 978-3-7022-3226-9 (E-Book)
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Überraschung in Rom
Wie es zu diesem Konzil kam
Der 11. Oktober des Jahres 1962 war ein Donnerstag. An diesem Tag erlebte die Welt ein Schauspiel besonderer Art. Es fand in Rom statt. Das Fernsehen war live dabei. Eine imposante Schar bewegte sich in feierlichem Schritt auf den Petersdom zu. 2850 geistliche Würdenträger zogen von der Scala Regia hinunter in den Dom von Sankt Peter.
Streng geordnet nach ihrer Rangfolge sah man zuerst die Äbte und Prälaten, sodann die Bischöfe und Erzbischöfe, schließlich die Patriarchen und sämtliche Kardinäle der römischkatholischen Kirche. Diese Männer waren die so genannten „Konzilsväter“, die sich an diesem Tag zum ersten Mal trafen, um mit ihren Beratungen zu beginnen. Der damals amtierende Papst hatte nämlich eine Kirchenversammlung einberufen – ein Konzil, das in der langen Reihe der „Ökumenischen Konzile“ das zweite war, das im Vatikan tagte, und daher unter dem Namen „Zweites Vatikanisches Konzil“ in die Geschichte einging.
Ein Schauspiel besonderer Art
Die Sendekameras der Fernsehanstalten machten das, was in der Stadt Rom geschah, für den ganzen Erdkreis sichtbar. Freilich nur in Schwarz-Weiß, da Farbfernsehen nach damaligem technischen Standard noch nicht möglich war. In voller Länge wurden die Eröffnungsfeierlichkeiten übertragen, die sich den ganzen Vormittag hinzogen. Unzählige Fernsehzuschauer verfolgten den Ablauf der Ereignisse zu Hause am Bildschirm.
Während sich die Peterskirche, die zur „Konzilsaula“ umgebaut worden war, nach und nach füllte, wurde ein altehrwürdiger lateinischer Hymnus gesungen, das „Veni, Creator Spiritus“, eine feierliche Anrufung des Heiligen Geistes verbunden mit der Bitte um seinen Beistand.
Alle Konzilsväter gingen zu Fuß. Nur einer nicht: Papst Johannes XXIII. Der Pontifex Maximus wurde auf der so genannten „Sedia gestatoria“, einer Art Sänfte, in die Peterskirche getragen. Dieser traditionelle Tragsessel fand auch sonst bei Audienzen und anderen öffentlichen Auftritten des kirchlichen Oberhaupts Verwendung, und man hatte ihn seinerzeit nicht etwa deshalb eingeführt, damit es der jeweilige Papst – meist schon ein älterer Herr – etwas bequemer habe, sondern damit er von der Menschenmenge besser gesehen werden konnte. Schließlich waren die Rompilger oft von weit her in die Ewige Stadt gekommen. So sollten sie nun wenigstens einmal in ihrem Leben einen Blick auf den Heiligen Vater werfen können.
Als Johannes XXIII. an jenem 11. Oktober 1962 im Innern der Kirche angekommen war, setzte er ganz bewusst ein Zeichen. Er stieg von der Sedia gestatoria herunter und ging nun ebenfalls zu Fuß zwischen den links und rechts aufgebauten langen Sitzreihen der Bischöfe hindurch. Dabei trug er als Kopfbedeckung nicht die „Tiara“, jene feierlich geschmückte, dreifache Papstkrone, die damals üblich war und die auch sein Nachfolger, Papst Paul VI., am Beginn seines Pontifikats noch mit der größten Selbstverständlichkeit getragen hat. Statt der Tiara hatte Johannes XXIII. bei der Eröffnung des Zweiten Vatikanums eine einfache Bischofsmütze auf dem Kopf, die „Mitra“, so wie sie alle anderen Konzilsteilnehmer im Bischofsrang ebenfalls trugen. Auch das war eine symbolische Geste, mit der jener Papst, der sich gern als „Bischof von Rom“ bezeichnete, die Kollegialität unterstreichen wollte, die zwischen ihm und seinen Mitbrüdern im Bischofsamt bestand.
In der Mitte der Peterskirche befand sich auf einem eigens dafür vorbereiteten Tisch ein kostbares Exemplar der Heiligen Schrift – eine Bibelhandschrift aus frühchristlicher Zeit. Es war einer der Schätze, die in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt werden. Dieses Buch war ein symbolischer Ausdruck dafür, dass das Wort Gottes – insbesondere die Frohbotschaft des Evangeliums – das Fundament darstellt, auf dem die Kirche ruht, und dass es auch das Fundament der hier stattfindenden Beratungen bilden sollte.
Ein Jahrhundertereignis
Fragen wir einen katholischen Christen nach dem wichtigsten kirchlichen Ereignis in seinem Leben, so wird die Antwort, die er uns gibt, ganz entscheidend davon abhängen, wie alt die betreffende Person ist. Ein „gut katholisch erzogenes“ Schulkind wird vielleicht seine Erstkommunion nennen oder es wird die Firmung des Bruders oder der Schwester als einen „richtig tollen Event“ in Erinnerung haben. Junge Leute zwischen 20 und 25 werden möglicherweise von einem Weltjugendtreffen schwärmen und sie werden mit glänzenden Augen von den Erlebnissen erzählen, die sie damals hatten. Andere, schon etwas Ältere werden sich vielleicht an einen Besuch in Taizé erinnern, an eine Wallfahrt nach Assisi, an eine Begegnung mit Mutter Teresa oder mit Papst Johannes Paul II., oder sie werden einen Besuch in einer Basisgemeinde in Lateinamerika als jenes Ereignis bezeichnen, bei dem es ihnen ging wie den Emmausjüngern, von denen die Bibel erzählt, dass sie hinterher zueinander sagten: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust?“ (Lk 24,32). Von Katholiken, die sich wohl oder übel bereits in jener Lebensphase befinden, die man früher ehrfürchtig das „Greisenalter“ zu nennen pflegte, wird man häufig zu hören bekommen: „Das bedeutendste kirchliche Ereignis in meinem Leben war das Zweite Vatikanische Konzil.“
Kardinal Franz König war einer von ihnen. Jener legendäre Erzbischof von Wien hat immer wieder davon gesprochen, wie wichtig und prägend das Konzil für ihn war. Auch und gerade in seinen letzten Lebensjahren, also in jener Zeit, als die Witterungslage in der Kirche umschlug und nach dem frühlingshaften Aufwind des Konzils jene „winterlichen Zeiten“ anbrachen, die der Theologe Karl Rahner hellsichtig vorausgesagt hatte, erinnerte Kardinal König beharrlich an das Konzil. Er wurde nicht müde, immer wieder auf die Bedeutung jenes epochalen Ereignisses hinzuweisen. So hat er dies etwa auch am 15. Dezember 1995 mit eindrucksvollen Worten in Prag getan. Da hielt der greise Wiener Kardinal vor der versammelten tschechischen Bischofskonferenz in Gegenwart des päpstlichen Nuntius einen Vortrag über den Weg der Kirche ins dritte Jahrtausend.
„Ich erinnere mich heute noch so, als wäre es gestern gewesen“, sagte König. „Ich werde jenen 11. Oktober 1962 nie vergessen. Die Spannung, die Hoffnung und Skepsis zugleich, mit der die öffentliche Meinung der Eröffnung des Zweiten Vatikanums entgegenging, löste sich in eine große, freudige Überraschung auf.“
Das Zweite Vatikanische Konzil war ein Jahrhundertereignis. Und dies nicht etwa deshalb, weil es immer noch paar alte Haudegen gibt, die dieser Meinung sind – ein kleines Häuflein begeisterter Konzils-Veteranen, das freilich aus biologischen Gründen von Jahr zu Jahr immer kleiner wird; ein Verein unverbesserlicher Optimisten, die leider nicht bemerkt haben, dass die Zeit weiter geschritten ist; realitätsblinde Fossilien, die einfach nicht wahrhaben können, dass in ihrer ehemals heiß geliebten katholischen Kirche schon lange nicht mehr jener Herz erfrischende Geist eines Johannes XXIII. den Ton angibt, sondern dass in dieser Kirche die beharrenden Kräfte die Oberhand gewonnen haben, sodass da plötzlich längst überwunden geglaubte Positionen aus der Mottenkiste geholt werden. Statt dass aus dem Zweiten Vatikanum endlich einmal jene Konsequenzen gezogen würden, die man längst hätte ziehen müssen! – Nein, keineswegs. Das Zweite Vatikanum ist nicht deswegen ein Jahrhundertereignis, weil es aufrechten Idealisten als ein solches erscheint, sondern weil es in der Tat ein Jahrhundertereignis gewesen ist. Denn selbst deklarierte Gegner des Konzils können nicht bestreiten, dass das Zweite Vatikanische Konzil schon deshalb als ein Jahrhundertereignis bezeichnet werden darf, weil es rein statistisch betrachtet eines ist. Eine kleine Quizfrage für Liebhaber des „Gehirn-Jogging“: Wie viele Ökumenische Konzilien kennt die Kirchengeschichte? – Richtige Antwort: 21! Und da wir derzeit im 21. Jahrhundert leben, ergibt das also nach Adam Riese im Schnitt ein Konzil pro Jahrhundert. Demnach steht fest: Dieses Konzil war ein Jahrhundertereignis. So oder so.
Die Vorgeschichte
Das Zweite Vatikanum ist nicht vom Himmel gefallen, sondern es war historisch notwendig. Wäre es Papst Johannes XXIII. nicht spontan eingefallen, ein solches Konzil einzuberufen, man hätte es erfinden müssen. Verstehen, wieso das Zweite Vatikanische Konzil notwendig war, heißt verstehen, was dieses Konzil bedeutet. Nur wenn man begriffen hat, wie es dazu gekommen ist, kann man begreifen, warum gerade jene Dinge auf dem Konzil verhandelt wurden, die dort verhandelt wurden, und warum sie gerade so und nicht anders verhandelt wurden.
Das vorletzte Konzil, das Erste Vatikanum, einberufen durch Papst Pius IX., fand in den Jahren 1869 und 1870 statt – leider Gottes unter ein wenig ungünstigen Umständen. Wegen des Deutsch-Französischen Krieges konnten die Konzilsväter das vorgesehene Pensum nicht wie geplant zu Ende bringen und mussten ihre Beratungen vorzeitig abbrechen. Das Erste Vatikanische Konzil wurde vertagt und ist in der Folge nicht mehr fortgesetzt worden. Am 20. September 1870 wurde die Stadt Rom von piemontesischen Truppen besetzt. Damit war das Ende des Kirchenstaates gekommen. Papst Pius IX. erklärte sich zum „Gefangenen des Vatikans“, und ein neues Kapitel der Kirchengeschichte begann.
Das nach außen hin spektakulärste Ergebnis, welches diese Kirchenversammlung erbracht hat, nämlich die Dogmatisierung der Lehre von der päpstlichen Unfehlbarkeit, war leider kein Ereignis, über welches ein aufrechter Christenmensch ungeteilten Herzens froh sein kann. Die Entscheidung für das Unfehlbarkeitsdogma hatte nämlich eine Kirchenspaltung zur Folge. Es war keineswegs so, dass dieses Dogma einfach ein über alle Zweifel erhabenes Glaubensgut der Kirche gewesen wäre. Ganz im Gegenteil: Diese Materie war höchst umstritten, und die Definition, zu der es letztlich kam, konnte eigentlich nur durchgeboxt werden, weil es eine erkleckliche Anzahl von anders denkenden Bischöfen gab, die aus Loyalität zum Papst beschlossen, der Abstimmung fern zu bleiben.
Die Zahlen sprechen für sich. Bei der Abstimmung am 17. Juli 1870 hatten sich noch 88 Bischöfe ausdrücklich gegen die geplante Lehrentscheidung ausgesprochen. Eine Woche später, als dann über den endgültigen Wortlaut des Dogmas abgestimmt wurde, gab es nur noch zwei Gegenstimmen! Die Mehrzahl der anders denkenden Bischöfe war gar nicht erst zur Abstimmung erschienen, sondern bereits abgereist.
Ein anderer Teil des kritisch gesinnten Episkopats konnte sich allerdings nicht zu diesem loyalen Gehorsam entschließen. Diese Bischöfe waren nicht bereit, das Dogma von der „Infallibilität“ des obersten Hirten der Kirche in Glaubens- und Sittenfragen wenigstens um des lieben Friedens willen anzunehmen. In ihren Augen handelte es sich hier keineswegs um eine Glaubensüberzeugung, die die Kirche „schon immer“ gehabt und „seit den Tagen der Aposteln treu bewahrt“ hätte, sondern für sie war das eine „neumodische“ Lehre, die Pius IX. anscheinend um jeden Preis durchdrücken wollte. Sie blieben lieber in bewährter alter Weise katholisch. Und ab sofort wurde das Spektrum der christlichen Konfessionen um eine weitere Konfession bereichert: Die „altkatholische Kirche“ war geboren.
Dass ausgerechnet jene Kirche, die sich für ihre Art, katholisch zu sein, das Markenzeichen „alt“ reservierte, sich dann in der Folge binnen kürzester Zeit viel heftiger und gründlicher reformierte als die beim Ersten Vatikanum scheinbar progressiv mit „neumodischen“ Lehren voranpreschende römisch-katholische Kirche, ist ein Treppenwitz der Geschichte. Man kann tatsächlich sagen: Die Altkatholiken haben gleichsam in einem eiligen Nachholverfahren alle Reformen verwirklicht, wie sie in anderen abgespaltenen Fraktionen – unter Luther, Calvin und Zwingli – längst stattgefunden hatten: Gottesdienst in der Muttersprache, Laienkelch, verheiratete Priester undsoweiter.
Wer hier die sprichwörtliche Nachtigall „trapsen“ hört, der hört völlig richtig. Bleibt nur zu fragen, wie er das Lied der Nachtigall interpretiert. Eher konservativ eingestellte Katholiken, werden sagen: „Da sieht man eben, wes Geistes Kind diese Leute gewesen sind; sie nannten sich „alt-katholisch“, doch in Wirklichkeit waren sie verkappte Ketzer, Protestanten reinsten Geblüts!“ Und die anderen, die eher aus jenem Holz geschnitzt sind, aus dem auch Johannes XXIII. geschnitzt war, werden sagen: „Da sieht man eben, wohin der Weg der katholischen Kirche schon viel früher hätte führen können; diese Leute zeigen uns, welche Reformen die Kirche längst hätte verwirklichen sollen!“
Noch in der Ära der beiden Piuspäpste, unter Pius XI. und Pius XII., waren nicht wenige Katholiken ernsthaft der Meinung, nach dem Ersten Vatikanum werde es gar kein Konzil mehr geben. Es könne keines mehr geben, denn es sei völlig überflüssig, da der Papst nun ohnehin imstande war, kraft seines Jurisdiktionsprimats und seiner dogmatisch verbrieften Unfehlbarkeit alles im Alleingang zu entscheiden. Außerdem meinte man noch aus einem weiteren Grund, dass die Zeit der Konzilien zu Ende sei: Es waren ja sowieso schon alle Glaubenssätze definiert! Höchstens im Bereich der Mariologie schien es noch die eine oder andere Lücke zu geben. Allerdings war die von einigen Katholiken vertretene Auffassung, dass Maria am Erlösungswerk Jesu Christi beteiligt sei und ihr der Rang einer „Miterlöserin“ zukomme, eine noch viel umstrittenere Lehre als die päpstliche Unfehlbarkeit. Und selbst in diesem Fall, so meinte man, würde es für eine eventuelle Dogmatisierung vollauf genügen, wenn der Papst „ex cathedra“ sprach. Jedenfalls wäre es verlorene Liebesmüh, so viele Bischöfe aus der ganzen Welt zusammenzutrommeln, nur damit sie dann in Rom dabei sind, um mit dem Kopf zu den Entscheidungen des Papstes zu nicken.
Die Vertreter dieser blauäugigen Ansicht wurden spätestens am 25. Januar 1959 eines Besseren belehrt, als Papst Johannes XXIII. zum Abschluss der Gebetswoche für die Einheit der Christen in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern völlig unerwartet erklärte, er plane drei Dinge: erstens eine Diözesansynode der Stadt Rom; zweitens ein Ökumenisches Konzil – und drittens die Modernisierung des Kirchenrechts. Nach der spontanen Ankündigung durch den Papst brach keineswegs einhellige Begeisterung aus. Viele waren skeptisch. Ein Konzil, wie sollte denn dies geschehen? Und ob das wohl gut gehen konnte?
Wie organisiert man ein Konzil?
Schon allein die gigantische Zahl der Konzilsväter stellte eine organisatorische Herausforderung dar, die so groß war, dass sie kaum zu bewältigen schien. Seit dem Ersten Vatikanum hatte sich die Zahl der Bischöfe verfünffacht. Damals im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts waren rund 500 Bischöfe in Rom, nun aber, 90 Jahre später, gab es bereits 2500 Bischöfe auf der Welt.
Die Pessimisten meinten: „Das wird garantiert ein Fiasko!“ Die Optimisten meinten: „Das schaffen wir schon.“ Und so war es dann auch: Sie schafften es schon. Wo ein Wille war, war auch ein Weg. Würde heute ein Konzil einberufen, dann wären zwar viele Dinge, die in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts noch große Probleme darstellten, dank der modernen Technik gleichsam ein Kinderspiel. Aber die logistischen Probleme, die angesichts der Größenordung der Teilnehmer auf die Organisatoren zukämen, wären enorm. In den paar Jahrzehnten seit dem Zweiten Vatikanum hat sich die Zahl der Bischöfe nämlich verdoppelt. Ein Drittes Vatikanum hätte im Moment etwa zehnmal so viele Konzilsväter wie das Erste: Fünftausend statt fünfhundert!
Von der Kutsche zum Flugzeug
Falls das „Guinness Buch der Rekorde“ Lust gehabt hätte, Rekorde, die von Konzilien aufgestellt wurden, aufzulisten, dann hätte es schon beim Ersten Vatikanum die imposante Tatsache notieren können, dass damals so viele Bischöfe versammelt waren, wie bei keinem Konzil vorher. Das lag vor allem an den verbesserten Verkehrsverbindungen. Rom war leichter und schneller zu erreichen als in früheren Jahrhunderten. Es lag aber keineswegs daran, dass es plötzlich so viel mehr Bischöfe gegeben hätte. Die große Bischofsvermehrung mit einer immer steiler werdenden Wachstumskurve setzte erst später ein, nämlich im 20. Jahrhundert, als die „West-Kirche zur Weltkirche wurde“, wie der Schweizer Theologe Walbert Bühlmann so treffend formulierte. Das Antlitz der Kirche hat sich gewandelt. Es ist mehrheitlich kein europäisches Antlitz mehr. Weltweit immer mehr Diözesen, das bedeutet weltweit immer mehr Bischöfe: Diözesanbischöfe, Weihbischöfe, Nuntien im Bischofsrang, Altbischöfe, Titularbischöfe und so weiter und so weiter.
Anders als für ihre Amtskollegen im 19. Jahrhundert gab es für die Konzilsväter des Zweiten Vatikanums bereits den internationalen Flugverkehr. Zur Zeit der Dogmatisierung der Unfehlbarkeit waren wenigstens schon das Dampfschiff und die Eisenbahn erfunden. In früheren Jahrhunderten, als das vornehmste Verkehrsmittel die Pferdekutsche war, waren weite Reisen nicht nur beschwerlich, sondern teilweise auch unerschwinglich. Es gab Bischöfe, die so bettelarm waren, dass sie sich den Luxus einer Reise ins Land, wo die Zitronen blühen, nicht leisten konnten. Ein irischer Bischof zum Beispiel konnte 1179 nicht am Dritten Laterankonzil teilnehmen, bei welchem die Zweidrittelmehrheit bei der Papstwahl beschlossen wurde. Er war nämlich nicht in der Lage, für die Reisekosten aufzukommen. Drei Milchkühe waren der ganze Besitz dieses katholischen Oberhirten. Davon musste er seinen Lebensunterhalt bestreiten. Solche und andere interessante Details kann man in der „Kleinen Konziliengeschichte“ von Hubert Jedin nachlesen, der man anmerkt, dass sie der renommierte Bonner Kirchenhistoriker auf Grund akribischer Quellenstudien im Vatikanischen Archiv verfasst hat.

Landeplatz Vatikan
Der Heilige Geist muss Schwerarbeit leisten, um die Kirche in Bewegung zu halten.
Das Ende eines Diktators
Wie bereits erwähnt, bin ich persönlich fest davon überzeugt, dass das Zweite Vatikanische Konzil nicht vom Himmel gefallen ist wie ein Platzregen aus heiterem Himmel, sondern dass sich dieses Jahrhundertereignis angebahnt hat und einfach passieren musste, weil es notwendig war. Da nicht anzunehmen ist, dass mir jeder Leser in diesem Punkt spontan beipflichten wird, möchte ich an einem einleuchtenden Beispiel zeigen, wieso ich zu dieser Einschätzung komme und was genau ich damit eigentlich meine. Dazu ist es allerdings notwendig, sich ein wenig in die Vergangenheit zu versetzen. Nicht sehr viel, sondern nur einige wenige Jahre …
Am 30. Dezember 2006 starb Saddam Hussein. Es war kein natürlicher Tod. Der ehemalige Staats-Chef starb durch den Strang. Eine Zeit lang hatte sich der vom amerikanischen Militär emsig Gesuchte in einem Erdloch verstecken können, doch dann wurde er festgenommen und vor Gericht gestellt. Am Ende des Prozesses wurde ein Todesurteil gefällt.
Die Richter fanden, dass in diesem Fall keine andere Strafe angemessen sei als die vom Gesetz vorgesehene Höchststrafe. Schließlich und endlich war dieser Diktator, vor dessen Willkür ein ganzes Volk zittern musste, ein veritabler Massenmörder, der unzählige Menschenleben auf dem Gewissen hatte. Die überwältigende Mehrheit des irakischen Volkes sah es ebenso: Ein Verbrecher erlitt ein Ende, das er verdient hatte. Doch dieses Todesurteil, verhängt nach irakischem Recht, löste in der internationalen Politik unterschiedliche Reaktionen aus.
Eine der Fragen, die gestellt wurden, lautete: Ist die Todesstrafe ein geeignetes Mittel, um Recht walten zu lassen? Der Pressesprecher der Regierung Bush, Tony Snow, meinte, das Urteil sei gerecht, Saddam habe Hunderttausende ermorden lassen. Vatikansprecher Federico Lombardi sagte: Tötung ist der falsche Weg zu Gerechtigkeit und Versöhnung. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon meinte, jedes Land müsse selber entscheiden, ob es die Todesstrafe anwende.
So weit der kleine Ausflug in die Vergangenheit. Was mag er wohl mit den Fragen zu tun haben, die uns beschäftigen? Die Antwort ist ganz einfach: Am Vorabend des Zweiten Vatikanischen Konzils sind genau die gleichen Fragen mit genau der gleichen Heftigkeit und Leidenschaft diskutiert worden: Todesstrafe – ja oder nein? Ist es gerecht oder auch nur sinnvoll, Menschen als Strafe für irgendwelche Verbrechen, die sie begangen haben, vom Leben zum Tod zu befördern?
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.
