Kitabı oku: «Ein Laib Brot, ein Krug Milch»
Josef Friedrich Perkonig
Ein Laib Brot, ein Krug Milch

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ISBN 3-85365-195-X
eISBN 9783-85365-312-8
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© Copyright by V. F. SAMMLER, Graz 2003
Printed in Austria
Layout: Klaudia Aschbacher, A-8101 Gratkorn
Gesamtherstellung: Druckerei Theiss GmbH, A-9431 St. Stefan
Inhalt
Vorwort
Zur Biographie Josef Friedrich Perkonig
Auszeichnungen und Preise
Werkverzeichnis
Zur Auswahl des vorliegenden Bandes
Erzählungen
Ein Laib Brot, ein Krug Milch
Der Heilige Abend
Das Liebespaar
Webstuhl der Väter
Christian fährt übers Eis
Das Paar im Jauk
Die Wallfahrt nach Berg Florion
Der Glockenwolf
Der Hirte Vuk
Der Steinbock
Rosental – Ferlach – Südkärntner Leben
Mich selbst im Spiegel gesehen
Die Büchsenmacher
Die Drahtzieher
Die Sänger
Merkwürdige Leute
An stillen Quellen
Die alte Drau
Mit zwei Zungen
Der Kärntner Slowene
Gedichte
Die Büchsenmacher
An Kärnten
Mein Vater
Josef Friedrich Perkonig-Gesellschaft
Veröffentlichungen
Eine Auswahl von Namen der Schriftsteller und Referenten der Literaturabende
VORWORT
Josef Friedrich Perkonig, der sich selbst zu den Menschen zählte, „die von Zeit zu Zeit sich zu den Bäumen und zur Stille unter dem Himmel“ flüchten, bezeichnete seinen Band „Ein Laib Brot, ein Krug Milch“, 1960, im Untertitel als „Ländliche Novellen“. Bereits 1953 waren seine Ich-Erzählungen „Vom Glück des ländlichen Lebens“ erschienen. Als erster Kärntner Erzähler im 20. Jahrhundert zeichnet Josef Friedrich Perkonig ein Pandämonium des Dorfes: Realistisch in der Darstellung erfaßt der Autor die bäuerliche Umwelt, zeichnet den Bauern in unverfälschter Echtheit im Denken, Fühlen, Glauben und Aberglauben, beim Arbeiten und Feste Feiern.
Zur Biographie Josef Friedrich Perkonig
Am dritten August 1890 in Ferlach im Rosental als Sohn einer Glantaler Bauerntochter und eines Ferlacher Graveurs und Büchsenmachers geboren, wuchs er im gemischtsprachigen Südkärnten auf, besuchte die Volksschule in Ferlach, die Bürgerschule und die Lehrerbildungsanstalt in der Landeshauptstadt Klagenfurt. Nach der Matura unterrichtete er in Obervellach (22. Juli – 20. November 1909) – dort fand er beim Bau der Tauerneisenbahn Anregung für seinen ersten Roman „Tagebuch des Lehrers Peter Blum“. In St. Johann am Brückl (20. November 1909 – 1. November 1912) lernte er als Junglehrer die Arbeiterkinder der dortigen Ketten- und Chlorkalkfabrik kennen. In Viktring (1. Jänner 1912 – 15. September 1919) begegnete er im Umfeld des Zisterzienserstiftes und der damals wichtigen Lodenfabrik der Familie Moro Sophie von Moro, „der seltenen begnadeten Frau“, die dem jungen Lehrer Perkonig eine Reise nach Venedig, Florenz und in die Toskana ermöglichte.
Am 30. Dezember 1918 heiratete Josef Friedrich Perkonig Anny Sanitzer, die Tochter eines Klagenfurter Kaufmannes. Das Haus Paradeisergasse Nummer 3 in Klagenfurt wurde sein dauernder Wohnsitz.
In den Jahren 1919–20 nahm er als Journalist, Chronist und Dramatiker am Kärntner Abwehrkampf und an der Volksabstimmung teil, literarisch verarbeitet im Prosaepos „Patrioten“ und in „Heimat in Not“.
Von 1922 bis 1951 unterrichtete er als Professor an der Lehrerbildungsanstalt in Klagenfurt. Freundschaften verbanden ihn mit dem Kärntner Mundartdichter Hugo Moro (1865–1954), mit den Lyrikern Johannes Lindner (1896–1985) und Emil Lorenz (1889–1962), dem Schriftsteller und Politiker Guido Zernatto (1903–1943), Alexander Lernet-Holenia (1897–1976) und Josef Weinheber (1892–1945). Briefwechsel wurden geführt mit den Schriftstellern Anton Wildgans, Max Mell, Franz Karl Ginzkey, Paul Anton Keller, Peter Rosegger, Hermann Bahr u.a. In dieser Zeit entstanden seine zahlreichen Romane, Novellen und Erzählungen. Er war in erster Linie ein Heimatdichter, nahm seine Stoffe vorzugsweise aus Kärnten, benützte im Dialog auch die Mundart, lobte das einfache Leben und schilderte die Atmosphäre der Kärntner Landschaft. Perkonigs Gestalten stammen aus der bäuerlichen Welt, z.B. der Roman „Bergsegen“ oder „Der Schinderhannes zieht übers Gebirg“. Skurrile Außenseiter der Gesellschaft, Landstreicher, Scherenschleifer, Heimatlose und Besitzlose spielen eine wichtige Rolle z.B. „Gregor Rausch“ oder „Nikolaus Tschinderle, Räuberhauptmann“.
Eines der fesselndsten und heute noch aktuellsten Bücher Perkonigs ist der Roman „Mensch wie du und ich“, er erzählt realistisch in Sprache und Darstellung die Schicksale nach Kärnten verschlagener russischer Kriegsgefangener im ersten Weltkrieg. 1935 erhielt der Autor dafür den Großen Österreichischen Staatspreis, 1942 wurde dieser Roman verboten. Perkonig befaßte sich auffallend oft mit dem Motiv der Gefangenschaft.
Zwischen 1925 und 1942 reiste der Schriftsteller nach Jugoslawien, Opatija (Abbazia) und Dubrovnik (Ragusa). Die Insel Lopud wird zum Schauplatz des Romans „Lopud, Insel der Helden“.
Zitat: „Ich bin in erster Linie ein Dichter und dann erst ein Mensch des öffentlichen Lebens“. Als Obmann des Kärntner Heimatbundes förderte Josef Friedrich Perkonig das Lied, das Brauchtum, die Mundart und den volkstümlichen Tanz.
Er wirkte als volkspolitischer Referent in der Kärntner Landesleitung der Vaterländischen Front. Seine politische Entwicklung läßt sich an seiner Einstellung zu den Kärntner Slowenen ablesen: Seinem Vater war in der kritischen Zeit, 1919–20, während des Kärntner Abwehrkampfes, übel mitgespielt worden. Von diesem Feindbild führte Perkonigs Entwicklung zur Erkenntnis, daß der durch die Grenzlage Kärntens gegebene Kontakt mit einem Nachbarvolk eine außerordentliche Bereicherung sein kann. Auf seinen Jugoslawien-Reisen entdeckte er Verwandtes, den vertrauten Sprachklang. Im Zweiten Weltkrieg setze er sich für die von der Aussiedlung betroffenen Kärntner Slowenen ein, bekannte sich manchmal demonstrativ zum eigenen slowenischen Erbe – dies führte zu seiner später viel gerühmten Toleranz. In seinen Kindheitserinnerungen „Im Morgenlicht“ findet man den viel zitierten Essay „Der Kärntner Slowene“.
Josef Friedrich Perkonig bemühte sich unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg um die Übersetzung slowenischer Literatur: Ivan Cankar, Ivan Tavcar, Fran Milcinski. Wegen seiner Übersetzertätigkeit und seinen kulturpolitischen Bemühungen wurde der Schriftsteller und Pädagoge offiziell nach Ljubljana (Laibach) eingeladen, er knüpfte persönliche Kontakte zu slowenischen Dichtern – dies führte zur Übersetzung seines Romans „Honigraub“ durch Drago Druskovic, 1960.
In den letzten Lebensjahren trug Perkonig im deutschen und österreichischen Rundfunk aus seinen Werken vor: Märchen, Novellen und Essays. Seine lebendige Art zu sprechen und zu erzählen wird heute noch von seinen Freunden, Schülern und Schülerinnen hervorgehoben. Der Sender Klagenfurt brachte alle Hörspiele, viele Erzählungen und heimatkundliche Sendungen.
Früh erkannte der Schriftsteller die Magie des Films. So verfaßte er die Drehbücher für „Krambambuli“, Uraufführung 10. Mai 1940 in Wien, und „Im Schatten des Berges“, Hauptrolle Attila Hörbiger. 1950 entstand der historische Heimatfilm „Erzherzog Johanns große Liebe“, 1951 arbeitete er gemeinsam mit dem Regisseur Luis Trenker in Bozen. Es entstanden die Kulturfilme: „Die Männer von Kaprun“, „Das Haus der heiligen Hemma“ (Der Dom zu Gurk), „Die Abtei im Paradies“ (Stift St. Paul im Lavanttal), „Die Büchsenmacher von Ferlach“, „Die Stadt Noreja wird gesucht“. Die letztgenannten Filme befinden sich im Besitz der Josef Friedrich Perkonig-Gesellschaft im Kärntner Landesarchiv.
Josef Friedrich Perkonig verstarb am 8. Februar 1959 in Klagenfurt. Für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts – vor der Ära Ingeborg Bachmann, Peter Handke, Peter Turrini und Josef Winkler – bleibt er die zentrale Persönlichkeit des Bundeslandes Kärnten. Mit genauem Blick stellt er die beharrenden Kräfte im Dreieck von deutscher, slawischer und romanischer Welt dar. Der Kärntner Autor muß als Produkt seiner Zeit und seiner Generation gesehen werden. Das vorliegende Buch trägt dazu bei, diesen Schriftsteller wieder kennen zu lernen und lesen zu können.
Auszeichnungen und Preise
| 1935: | Großer Österreichischer Staatspreis |
| 1950: | Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Ferlach und der Landeshauptstadt Klagenfurt |
Werk:
| 1965–68: | Gesamtausgabe in acht Bänden, Hrsg Josef Friedrich Perkonig-Gesellschaft, Verlag Johannes Heyn, Klagenfurt |
| 1914: | Das Tagebuch des Lehrers Peter Blum |
| 1923: | Siebenruh |
| 1928: | Die stillen Königreiche. Roman |
| 1920: | Trio in Toskana. Roman |
| 1921: | Heimat in Not. Bericht |
| 1923: | Heimsuchung. Tragödie in Kärnten. Zweiakter Liebe, Leid und Tod. Novellen |
| 1924–25: | Landschaft um den Wörthersee. Essays |
| 1925: | Das Volk steht auf. Wie Kärnten um seine Freiheit rang. Bericht |
| 1926: | Dorf am Acker. Novellen |
| 1928: | Ingrid Pan. NovelleBergsegen. Roman |
| 1932: | Mensch wie du und ich. Roman |
| 1934: | Lopud, Insel der Helden. RomanDer Schinderhannes zieht übers Gebirg. Novelle |
| 1935: | Honigraub oder Der Hügel St. Joseph.Roman – slowenische Übersetzung „Ugrabljena strd“ 1960 durch Drago DruškovičGuslaspieler. ErzählungGlück im Hause Beauregard. ErzählungDas Zauberbründl. SagensammlungKärnten, Deutscher Süden. Essays |
| 1936: | Deutsche OstmarkNikolaus Tschinderle, Räuberhauptmann, Übersetzungen ins Tschechische und Schwedische |
| 1937: | Mein Herz ist im Hochland. Landschaftsbuch |
| 1940: | Die Fischer. Novellen |
| 1942: | Ländliches Leben. Anhandlung |
| 1947: | Fröhlicher Sommer. RomanfragmentKärnten, sonniges Bergland. Essays |
| 1948: | Im Morgenlicht. Lebenserinnerungen |
| 1949: | Erweckung des Don Juan. Roman |
| 1950: | Patrioten. Roman |
| 1951: | Maturanten. Roman |
| 1952: | Ev und Christopher. Roman |
| 1953: | Vom Glück des ländlichen Lebens. Erzählungen |
| 1960: | Ein Laib Brot, ein Krug Milch. Ländliche Novellen. |
Zur Auswahl des vorliegenden Bandes
In der Titelnovelle „Ein Laib Brot, ein Krug Milch“ leben uralter Sonnenkult und heilige Verbundenheit von Mensch und Natur. Im ersten Abschnitt der „Ländlichen Novellen“ wird das Dorf zum Spiegel der Welt: Der Autor zeichnet in realistischer Darstellung das Bauernleben in unverfälschter Echtheit: Tod, Geburt und Hochzeit sind wichtige Metaphern, ebenso Arbeit und Feste. Betrachtungen über den Glauben und Aberglauben, das Mythisch-Bäuerliche, Christlich Heidnische spielen eine wichtige Rolle: ein geschlossenes Bild des bäuerlichen Lebens, das zum größten Teil der Vergangenheit angehört.
Im zweiten Abschnitt „Rosental – Ferlach – Südkärntner Leben“ ist die nationale Zweiheit, der deutsch slawische Dualismus wichtig. Der Autor stellt sich und sein Werk in den Abhandlungen „Mich selbst im Spiegel gesehen“ und „Heimat und Heimatkunst“ vor. Das ehemalige Leben der Klein- und Industriestadt Ferlach im Rosental wird lebendig. Gekürzt wiedergegeben sind die Essays „Der Kärntner Slowene“ und „Mit zwei Zungen“. Josef Friedrich Perkonig als Lyriker wird abschließend in drei Gedichten vorgestellt.
Dr. Helgard Kraigher
Vorsitzende der Josef Friedrich
Perkonig-Gesellschaft
ERZÄHLUNGEN
Ein Laib Brot, ein Krug Milch
Am zwölften März um die Mittagszeit springt die Sonne aus dem Berg, gerade nur für ein paar Augenblicke, daß man sie wieder sehen kann; ausgelöscht ist sie also in vier Monaten hinter dem Gebirge nicht, sie macht ein paar winzige Schritte in den freien Himmel hinein, daß man sie leuchten und glänzen sieht und daß die steinalte Sonnenuhr auf der Hauswand in der Rauth schnell die Mittagstunde schlagen kann, dann ist sie auch schon wieder dahin, in den anderen grauen Kalkberg hinein. Der Stundenschlag der Sonnenuhr geht über steiniges Feld und dürre Wiese hin, bis hinauf in den steilen Wald des Ainetter, aber auch nicht ein Haar über seine Marchen hinaus, und genau so weit hören sie auch, wie das goldene Sonnenlicht rauscht, da es zwischen zwei Felszinken für ein paar Augenblicke seine Macht wieder errungen hat.
An den ersten Sonnensprung am zwölften März denken die Ainetterischen seit anno Schnee einen Winter lang immer wieder; wird die Sonne ein roter Kürbis sein und ein gutes Jahr verheißen, oder ein blasser Eidotter und einen dürftigen Sommer anzeigen, oder wird sie sich gar hinter Gewölk verstecken und die Leute in der Rauth um ihre Feier bringen?

In der Rauchküche. Vater, Tochter und zwei Söhne saßen auf dem Herd, von der Flamme angeglüht, und die Bäurin kochte das Abendmahl. Die fünf müden Menschen schwiegen, aber es redete für sie alle der Herd; er war so alt wie das lärchene Haus, und um sein Feuer waren alle Geschlechter gesessen, die darin wohnten, und jedes hatte denselben ehrwürdigen Namen; der währte an diesem Herde nun schon beinahe vierhundert Jahre lang.
(Mein Herz ist im Hochland)

Alle Jahre am zwölften März geschieht das nämliche: die Ainetterleute stehen, angetan wie am Sonntag, um den Tisch herum und warten andächtig, bis die Sonne aus dem Berge kommt, dann wird sie dort durch das kleine tiefe Fenster scheinen, der Glanz wird sich auf die wurmstichige Tischplatte legen, gerade nur auf sie und sonst nirgendshin in der Stube, es ist ein dickes Sonnenlicht, so dick, daß es das Fenster genau ausfüllt. Es stürzt sich herrisch auf den Tisch, die Sonne ist hinter den Bergen hungrig geworden, kein Wunder, wenn sie beinahe vier Monate lang hat fasten müssen, aber der Tisch ist gedeckt, wie zu Zeiten des ersten Ainetter, der schon die Sonne gefüttert hat.
Ein Laib Brot, ein Krug Milch, es ist immer dieselbe Zehrung, die man ihr hinstellt auf den Tisch, davon sie essen und trinken wird bei ihrer kurzen Einkehr; es ist noch immer der grünliche, bauchige Tonkrug des ersten Ainetter, der die Sonnenuhr an die Hauswand sinniert hat, nicht einmal der Henkel ist abgebrochen.
Der jetzige Ainetter ist erst zu Lichtmeß aus dem Kriege heimgekehrt und hat ein hölzernes Bein und ein steinernes Herz mitgebracht.
„Wir haben in dem Jahr zu wenig Brot“, sagte er in den ersten Märztagen, „und es sind nicht die Zeiten für verschimmelte Bräuche.“
Die Ainetterin blickt ihn mit großen Augen stumm an, als so die kranke Welt aus ihm redet.
Es ist wahr, die letzte Gerste wird bald vermahlen sein, und sie essen wochenweise Erdäpfel statt Brot; die Sonne im vorigen Jahr war nicht umsonst wie eine weiße Topfenkugel. Am zwölften März aber bringt die Bäuerin den Brotlaib, sie drückt ihn an den Bauch und wischt mit der Blaudruckschürze die graue, schwarz durchsprengelte Asche von ihm ab; dann legt sie ihn auf den Tisch.
„Es ist an dem Brot genug“, meint der Ainetter finster, denn die eine Kuh ist im Herbst am Milchfieber eingegangen, er hat sie nicht mehr angetroffen; die andere hat sich an der früh aperen Wiese eine Kolik an den Leib gefressen, und er mußte sie selber schlagen; und die dritte hat noch das Kalb. Es ist also keine Milch beim Haus, und hie und da muß man sie vom Bödner in der Äußeren Rauth ausleihen. Wenn der Krug nur nicht so groß wäre!
Die Ainetterin geht aus der Stube und kommt mit dem vollen Krug, sie wischt mit der Schürze den Rand ab, daß jemand rein zu trinken hat, und stellt ihn neben den Brotlaib hin. Und jetzt kann die Sonne kommen, sie findet Speise und Trank vor.
Die Ainetterin schaut hinauf zu dem Berg, schon hat er auf der einen Seite, wo die Sonne aus ihm springen wird, einen silbernen Rand, sie weiß es von anderen Jahren her, daß es nun nicht mehr lange währen wird; gleich darauf ist der Rand dunkler und wird bald wie Kupfer sein.
Jetzt ist es nahe an dem heiligen Augenblick, und man darf die Sonne nicht versäumen, es wäre ein nie begangener Frevel, auf den göttlichen Gast nicht zu achten, der sich schon angekündigt hat und gleich durch das Fenster eintreten wird.
Und nun gilt es, die ganze Familie beisammen zu haben, sonntäglich gewandet sind die drei Knaben schon seit dem frühen Vormittag, aber noch schwärmen sie draußen herum. Der Großvater, ja, der ist in der Stube, er sitzt steif und still auf der Ofenbank seit dem Morgengrauen, es leidet ihn die halben Nächte nicht im Bett, und er zieht mühsam die Luft ein, gegen Mittag nimmt das Asthma zu, wie alles mit dem Tage aufsteigt, das Wasser im Leib, der Brand in der Wunde; er ist blau im Gesicht und netzt die Lippen mit der Zunge. Die Ainetterin weiß, er möchte einen Schluck Milch.
Zwei Buben hat sie schnell herinnen. Stephan, der Älteste, tritt hin zum Tisch und verlangt von dem seltenen Brot, gerade die vergangene Woche haben sie es alle wieder nicht gehabt. Da besinnt er sich, für wen der Brotlaib gerichtet ist, erschrickt ein wenig und berührt ihn nur mit dem Zeigefinger behutsam; den Finger aber leckt er ab.
„Die verdammte Sonne“, neidet er; für einen vierzehnjährigen Knaben ist es schon ein furchtbarer Fluch.
Der Ainetterin stockt der zornige Verweis im Munde, denn der Mann ist eingetreten, und sie möchte ihn nicht zum Helfer für Stephan machen. Er hat kein Sonntagsgewand an, das Holzbein ist hoch hinauf schmutzig vom Stallmist, als hätte er mit ihm absichtlich darin herumgerührt, aber er ist noch zur rechten Zeit gekommen. Wohl tut er, als suche er etwas in der Stube, aber sie weiß, daß er nichts finden will.
Gleich hinter ihm schreitet Franz, der Mittlere, durch den Hausflur herein. Was für eine Trompete so eine fünfjährige Stimme schon sein kann! Er stößt die Tür mit dem Fuß auf und reckt eine blutige Hand vor sich her. Rührt das von einem Messer, einer Glasscherbe, einem Draht, die Mutter kann es jetzt nicht erfragen, sie kann auch nicht die Leinwand aus der Truhe droben holen und einen Fleck davon abschneiden, die Hand soll bluten, die Hand muß bluten, jetzt, da die Sonne in jedem Augenblick aus dem Berge springen kann.
Florian, der Jüngste, mag schon mit drei Jahren kein Blut sehen; es würgt ihn zuerst ein paarmal, dann tritt er von einem Fuß auf den anderen und fängt an zu weinen. Die Ainetterin weiß, was es zu bedeuten hat, aber sie kann den zappelnden Florian jetzt nicht zum hohen Schierling hinausführen, wo er eigensinnig immer zu hocken wünscht, und sie läßt das kleine große Unglück geschehen.
Haben sich vier Mannsleute, zwei laute und zwei stille, gegen sie verschworen, die von dem Hausgeist in ihrer Treue bestärkt worden ist, warum sollte es nicht auch das fünfte Mannsbild tun? Sie wirft einen Blick auf den Großvater, er ist violett im Gesicht, zwischen den Lippen stehen ein paar kleine Blasen, er reckt den Kopf hoch aus dem Hals; und wenn er jetzt in den letzten Zügen läge, sie könnte nichts anderes tun, als ihm zu heißen, mit dem Sterben zu warten.
Zuerst muß die Sonne zu Besuch gewesen sein … jetzt … jetzt blitzt ein Strahl über den Tisch … und noch einer … noch einer … wie drei lange, leuchtende Messerklingen, sie schneiden den Brotlaib an, sie tauchen in die Milch. Und dann fällt die ganze Sonne über die Gaben her; oh, hat die hungrige Sonne eine Gier, sie hat nur ein paar Augenblicke Zeit, sich zu sättigen, es ist ein wildes Gerausch von dem Licht in der Stube, sie hören es alle, bis zu dem Büblein mit der Rotzglocke unter der Nase hinab, und einen Sonnensprung lang setzt ihr Leben aus.
Auf einmal ist es kirchenstill in der Stube, ein dünner Strahl greift noch an den Tischrand, es ist ein blinder Strahl, er findet nicht mehr zu Brotlaib und Milchkrug hin. Der andere Bergrand oben ist noch Kupfer, bald wird er Silber sein und zuletzt nur noch ein eisgrauer Fels.
Und nun wird Blut wieder Blut und Ungemach wieder Ungemach, ein finsterer Mann geht aus der Stube, als müßte er anderswo im Haus suchen, was ihm hier nicht unter die Augen gekommen ist. Der Großvater sinkt in sich zusammen, die Brust hat wieder Luft, und Stephan möchte von dem Brotlaib mit den Fingern ein Stück schwarzbraune Rinde abbrechen.
„Es ist steinhart“, sagt die Ainetterin ruhig, als höre sie das Zetern und Winseln der jüngeren Knaben nicht, „seit Heiligen-dreikönig aufgespart.“
Sie trägt den Brotlaib wie eine riesige dunkle Hostie vor sich zum Herd und legt ihn in das Feuer; er beginnt bläulich zu brennen und bald schlagen an manchen Stellen winzige gelbe Flämmchen aus ihm.
„Wir müssen es der Sonne nachschicken“, sagt sie geheimnisvoll, und alle drei Knaben schweigen plötzlich am Herde, bis der Brotlaib dunkelrot glüht wie ein Holzscheit.
Aber sie fangen wieder an zu jammern, zu schreien, zu winseln, als die Ainetterin den Krug holt. Sie sieht wohl, wie sich der alte Ainetter die blauen Lippen leckt und der Milch nachstarrt.
„Die Sonne ist durstig“, sagt sie draußen im Flur zu den drei wieder verstummenden Knaben, die sie begleiten, „wir dürfen sie nicht verkürzen.“
Und sie vergessen Hunger, Schmerz und Unbehagen, während die Mutter die Milch dahin gießt, wo sie am Zaun in sieben Wochen die Sonnenblumen pflanzen wird. Der Ainetter schaut ihr vom Stall aus zu und wendet sich finster ab.
Die Ainetterin lächelt ein wenig, soweit ihr ernstes Gesicht überhaupt lächeln kann. Fünf merkwürdige Mächte haben ihr in diesem Jahr etwas verwehren wollen, was nicht aufhören darf. Und die Sonne hat doch ihren Laib Brot, hat doch ihren Krug Milch!
Der Heilige Abend
Der Bauer Cüraß lag gelähmt im hochgetürmten Bette; der bunte Kattun blähte sich über seinem ohnmächtigen Leibe. Die Krankheit hatte vor fünf Jahren begonnen, als er in einem Frühherbst, getrieben von der Sorge des Bauers, der viel Vieh besitzt, auch das sauere Gras mähte und dabei nach einem Regen, der durch fünf Tage die Gewässer auskühlte und im Gebirge schon zu Schnee wurde, einige Stunden lang bis hoch über die Knöchel im kalten Wiesensumpf stand. Zuerst rieselte es ameisenhaft in den Zehen, dann entschwand ihnen das Gefühl, später stieg die Lähmung in den Beinen immer höher und höher; der Gang wurde unsicher und tölpisch, und eines Tages konnte der Bauer Cüraß überhaupt nicht mehr gehen.
Er wollte es zunächst, auf den Tod erschreckt, selbst nicht glauben, aber jeder Versuch, der sich gegen die furchtbare Erkenntnis aufbäumte, endete damit, daß der unbeholfene Leib hinfiel wie ein Stück lebloses Holz. Als es dann so weit war, daß der Cüraß sein grausames Unglück vor sich selber nicht mehr verleugnen konnte, weigerte er sich, das Bett zu verlassen. Bei dem regungslosen Liegen oder Hocken blieb ihm stets noch die Hoffnung, er sei in den vielen Wochen, die er so verbrachte, allmählich gesünder geworden, ihm selber unbewußt, und er könne nun gehen, wenn er nur wieder wolle.
Der einzige Sohn war an der Auszehrung* gestorben; wenn die Kuckucke schreien und der Jauk** aus dem Süden daherweht, endet oft diese Krankheit der dumpfen Stuben und der müden Geschlechter. Die einzige Magd wanderte zu Michaeli fort, sie wollte nicht bei einer unheimlichen Bäuerin bleiben, die irr sprach und irr tat.
Die Nachbarn, denen die eigenen Sorgen genug Mühe machten, merkten zwar nichts von der hintersinnigen Art der Frau, doch die Magd hatte oft beteuert, die Bäuerin rede manchmal zu sich selber, gehe wie verloren herum und habe ihr einmal unter greulichem Lachen befohlen, die Hacke in den Holzblock zu schlagen und den Stiel zu melken.
Das Korn war schon überreif und halb ausgefallen, als es spät von der Magd mühsam mit der Sichel geschnitten wurde; der Buchweizen wurde auf dem Acker des Cüraß in diesem Jahr nicht gesät, die Kürbisse faulten draußen im Türkenstroh*, soweit man sie nicht gestohlen hatte, die Rüben holte überhaupt niemand, sie froren unter dem Schnee ein.
Beinahe an jedem Abend schrie der Bauer im Bett mit heiserem Zorn nach der Bäuerin, wenn das hungrige Vieh plärrte, dem sie wieder das Futter zu geben vergessen hatte. Denn mit der Dämmerung bekam etwas Seltsames Gewalt über sie; am Morgen und zu Mittag erhielten die Tiere, was ihnen gebührte, da blieben sie auch ruhig.
Mit den beiden Leuten sollte die Sippe der Cüraß aussterben. Er lag mit seinen wenigen Verwandten in trotzigem Zerwürfnis; über der Familie des Weibes aber hing unseliges Geschick. An Menschen verkam alles auf unnatürliche Weise: ein Bruder war bei einer grausigen Wirtshausrauferei, von der noch jahrelang später die weite Gegend redete, erstochen worden; der zweite ertrank im Rausch in einem ganz seichten Bache; die Schwester geriet in der Stadt auf Abwege, begann als Dienstmädchen, wurde verdorben und verscholl; ein verarmter Onkel wanderte aus, Sturm spülte ihn ins Meer, noch ehe er das Land seiner Hoffnung erreicht hatte; ein anderer, der Mesner und Organist war, ritzte sich, als er die Orgelpfeifen putzte, an einem Finger und starb qualvoll an der winzigen Wunde.
Der Cüraß sah sich zuletzt rundum mit der Bäuerin allein. An einem trüben Oktobernachmittag, als der griesgrämige Wind den gelben Nußbaum vor dem Fenster zauste, schrieb der hergebetene Lehrer für ihn das Testament; zwei Nachbarn kamen als Zeugen, aber erst, als dem Bettlägerigen halb und halb einleuchtete, daß die Schrift ohne derartige Zeugenschaft ungültig sei.
Wenn der Name Cüraß schließlich mit Mann und Weib ausgelöscht sein würde, sollte der Hof der Gemeinde gehören, Äcker, Wiesen und Wald sollten zur Nutznießung aufgeteilt werden.
Seitdem die Nachbarn solchen Zuwachs erwarten durften, schlich manchmal am Abend ein scheuer Schatten am Fenster vorüber. Die Bauern erkundeten heimlich, wie ihre Aussichten standen, das reife Holz gedachte der eine bald zu schlagen, das Kleefeld paßte dem anderen, und ein dritter brauchte gerade noch eine Wiese; der Cüraß hatte einen gut gedüngten Boden, und in seinem Stall war noch nie die Klauenseuche gewesen.
Aber die scheltende und rufende Stimme war an jedem Abend gleich stark. Die Lungensucht, die das Leben ausbläst, wie der Wind das Licht, nagte nicht an ihr. Und sonst? Das Bett zehrte und zehrte auch nicht. Den Kranewetter hatte mit sechzig Jahren der Schlag hingeworfen, er lag bis an die neunzig Jahre. Der Cüraß konnte vielleicht auch von solcher zähen Zucht sein. Und die lauernden Bauern gingen mürrisch vom Fenster oder vom Stall, in dem sie die Bäuerin laut zu den Tieren reden hörten.
Nicht so aber gingen die Vagabunden vom Hofe, die Zigeuner, die Fechtbrüder, die Wandermusikanten; sie molken die Kühe, nahmen ein Huhn mit oder stahlen Honig; die verwegensten von ihnen brachen wohl auch in das hilflose Haus ein.
Nicht so mied auch das Bauernunglück den Hof: Schweine gingen am Rotlauf ein; eine geblähte Kuh, die sich an Rüben überfressen hatte, mußte gestochen werden, die Wunde verschmutzte, und das Rind kam um; das Pferd verhungerte elend an der Maulsperre.
Der geschlagene Bauer jammerte und fluchte auf seinen Zustand, auf die Nachbarn, die ihm nicht halfen, und auf Gott, der ihm alles geschickt hatte. Das Weib hörte kaum auf ihn, es grübelte nur stumpfsinnig in sich hinein.
In der Dämmerung des Heiligen Abends schob die Bäuerin Glut aus dem Kachelofen auf eine alte blecherne Kehrichtschaufel und legte Weihrauch, Speik und ein Föhrenzweiglein dazu. Dicker grauer Rauch stieg auf und umqualmte ihren Kopf. In dem Flur mengte sich der wohlduftende Rauch mit der kalten Luft, in der auch der Hauch des Atems sichtbar wurde. Das wachsende Eis des Teiches tönte dumpf und melancholisch in das Haus herein.
Die Bäuerin schritt langsam; von ihren Lippen tröpfelten die Gebete. Es fröstelte sie, als sie, das Gesicht rot von dem Widerschein der Holzglut, aus dem Stalle zurück zum Hause ging. Den Türriegel schob sie vor und stieg die Treppe hinauf. Oben in den kalten Stuben, wo es nach Äpfeln und gewaschener Leinwand roch und wo in dem steinalten Gebälk vornehmlich der Holzwurm bohrte, schlug der räuchernden Frau die Schwermut unbewohnter Zimmer entgegen.
Der Mann, der unten im Dunkel lag, hörte die Frau mit vorsichtigen Schritten droben über den schadhaften Fußboden gehen, und er wußte wohl zu deuten, warum sie so achtsam ging; kein Bröcklein Glut durfte ihr entfallen, denn sonst kam Hungersnot ins Haus; fiel die Glut im Stalle auf den Boden, kam die Viehseuche, auf dem Dachboden bedeutete es Feuer, in der Stube gar den Tod.
Und der Cüraß wünschte inbrünstig, daß die Bäuerin jetzt auf dem Räuchergang klaren Kopfes bleiben möge.
Die kleinen Fenster in den dicken Mauern waren graue viereckige Augen, die den liegenden Mann anstarrten. Bald hörte er das Geräusch der Tritte über sich nicht mehr; das Weib war wohl auf den Dachboden gestiegen. Die hölzerne Decke krachte einige Male, die Luft war heiß wie in einer Backstube, wahrscheinlich hatte die Bäuerin wieder zuviel Holz in den Kachelofen gelegt. Der Cüraß zerrte die Tuchent mühsam von seinem Leibe fort, die Füße lagen wie zwei Bleiklumpen weitab von ihm, der Hals war ihm auf einmal ganz dünn geworden, er bekam zu wenig Luft.
Der feierliche Rauch, der aus dem Flure durch die Türritzen drang, brachte einen lauen, süßlichen Duft bis zum Bett. Es war dem Bauer plötzlich unheimlich zumut, er wollte nach der Bäuerin rufen, unterließ es aber doch, denn er besann sich, daß sie auf ihrem Gange betete und er sie nicht mit seiner Stimme erschrecken dürfe. Da zog er die schwere Tuchent wieder an sich.
Die Frau vertrat sich an den schadhaften Stufen, sie taumelte ein paar Augenblicke lang, und dabei fiel Glut über die Stiege in den Flur hinab. Die Bäuerin zuckte zusammen; wie betäubt von dem dicken Rauche war sie gegangen, nun, da sie unachtsam gewesen war, wachte sie erschreckt auf. Schmerzhaft wurde es ihr plötzlich bewußt: die verstreute Glut in dem Flur bedeutete Wandern.
Mit den bloßen Fingern, so leise, daß es der Cüraß nicht hören konnte, hob die Bäuerin die glimmenden Stückchen wieder auf die Schaufel. Von dem großen Tische in der Vorhausecke, wo in der warmen Zeit der früheren glücklichen Jahre Bauer, Bäuerin, Sohn und Magd um die Schüssel gesessen waren, vor jedem Mahle Gott anmurmelnd, nahm sie aus einem zusammengedrehten Papier einige Körner Weihrauch; mit leisem Knistern antwortete die beschenkte Glut, dichter wurde der aufwallende Rauch.
Das Weib drückte mit dem einen Ellenbogen die Klinke nieder und stieß mit dem Fuß die Türe der Stube auf, wo der Mann sein qualvolles Lager hatte, wo sie in den wenigen Viertelstunden, die wie schmale Späne von den vielen Stunden der Arbeit fielen, gewohnt hatten, als ihrer noch mehr beim Hause gewesen waren.
Mit dem Rauche war Weihnachten in der Stube.
Der Bauer bekreuzte sich und begann ein dumpfes Vaterunser zu beten. Aber bevor er noch um das tägliche Brot bat, stockte er; Zorn würgte ihn, denn die Bäuerin war in der Türe stehengeblieben und blickte starren Auges zum Tische hin. Wie sehr der Mann auch schrie, kein Laut schien ihr Ohr zu erreichen. Denn durch den weißen Rauch, der von ihrem Gesichte aufstieg, sah sie die vier unvermuteten Gäste um den Tisch sitzen. Sie bewegten sich nicht und schauten ihr stumm entgegen.
„Von wo kommt das Gesindel am Heiligen Abend?“ verwunderte sie sich laut und rührte mit einem dünnen Ast in der Glut auf der Schaufel, daß der Qualm wieder hochdampfte.
„Wer?“ fragte der Bauer.
„Die beim Tisch sitzen“, erwiderte sie und reckte die Schaufel wie zur Abwehr tiefer in die Stube.
„Rauch in die Winkel, Rauch übers Bett!“ forderte er.
Das Weib aber ging hinaus und prüfte neugierig den Riegel am Haustor; er war noch immer vorgeschoben, wie sie ihn gelassen hatte.
„Durch die Haustür sind sie nicht gekommen“, sagte die Bäuerin.
„Wer?“
„Die beim Tisch sitzen“, wiederholte sie.
„Beim Tisch sitzt niemand“, zürnte er.
Ein lautloses Lachen verzog ihr Gesicht, das der weiße Dampf gespenstisch beschien. Sie hörte nicht auf den Mann, sie sah nicht zu dem Bette hin. Mit langsamen Schritten, die Kehrichtschaufel, die jetzt eine Räucherpfanne war, wie zum Schutze vor sich hinhaltend, ging sie auf den Tisch zu und fragte die stummen Vier:
„Hat euch der Bauer aufgemacht?“
Keine von den Gestalten, die das Weib durch die Dämmerung des Rauches nicht erkannte, gab eine Antwort.
Der Bauer schalt und drohte, doch seine laute Stimme verrieselte allmählich in ein Gemurmel. Er saß aufrecht und zog die Tuchent fröstelnd bis an den Hals. Wie war es auf einmal in der heißen Stube kalt geworden; von dem Tisch ging ein Wehen aus wie von Eis. Hatte nicht die Bäuerin den Frost in den Kleidern vom Dachboden und aus dem Freien mitgebracht? Angst schüttelte ihn, denn das Weib redete mit jemandem, und es war außer ihnen doch niemand im Hause.
Wieder wurde ihm der Hals eng, und die trockene Zunge schwoll im Munde an.
Die Glut zerfiel, und die Gestalten wurden Schatten. Da holte die Frau den gerippten Wachsstock, der auf einem Brett vor der Türe stand, gerade über dem B des Dreikönigszeichens C + M + B, zündete ihn an, hielt die hohle Hand um die Flamme, daß sie nicht verlöschte, stellte das Licht mitten auf den Tisch und schaute nun die Besucher an. Da merkte sie, daß es gar keine Menschen waren, die rund um das zitternde Licht des Wachs-stockes saßen und auf ihre Anrede warteten.
„Wer bist denn du?“ fragte die Bäuerin das Wesen zu ihrer rechten Hand, das schön und freundlich aussah.
„Ich bin das Salkweib und wohne in eurem Wald. Heuer lagen viele Ähren auf eurem Feld, ich werde nicht hungern.“
„Und wer bist dann du?“ fragte die Bäuerin das ungefüge Weib in zerrissenen Kleidern mit zerzaustem Haar.
„Kennst du die Pechtra nicht?“ grollte es.
Jetzt hörte die Cüraßin die Kuhglocke auf dem Rücken des Weibes und sah die Ofengabel an der Wand lehnen.
„Ich fürchte mich nicht vor dem Herrgottswinkel“, kicherte unter dem Kruzifix ein dicker pustender Mann mit nassen Haaren, „Christus ist über das Meer gegangen, und Petrus hat darin gefischt.“
Da wußte die Bäuerin, daß es der Wassermann war.
„Bist du aus dem Teich gekommen?“ fragte sie ihn.
Da er nickte, staunte sie, denn der Teich war ganz zugefroren. Sie nahm sich vor, am frühesten Morgen, wenn noch niemand sie überraschen konnte, nachzusehen, wo sich der Wassermann das Loch im Eise aufgebrochen hatte.
„Ich bin die Trud“, sagte zur linken Hand die Frau mit den grauenhaft langen Fingern; ihre tiefe Stimme war ernst wie die Nacht. Die Cüraßin drehte sich erschreckt zu ihr hin. Zwei große, dunkle Augen brannten ihr aus einem gelben, faltigen Gesicht entgegen.
„Warum räucherst du im Haus?“ fragte traurig das Salkweib.
Schon wollte die Bäuerin antworten: „Damit die bösen Geister draußen bleiben“, aber sie besann sich, daß sie ja trotzdem eben solchen Besuch empfangen hatte. So half also der Rauch nicht gegen die Geister, und auch nicht das uralte Zeichen von Kaspar, Melchior, Balthasar an der Türe. Und sie lachte darüber vor sich hin.
„Wir sind müde“, sagte die Pechtra.
„Die Menschen hetzen uns“, klagte leise das Salkweib.
„Ich bin noch immer stärker als sie“, höhnte die Trud.
„Du drückst sie im Schlaf“, spottete der Wassermann; die Trud sah ihn böse an, aber die Cüraßin mahnte:
„Streitet nicht, es ist Heiliger Abend.“
Da lachten alle vier durcheinander, weil die Bäuerin nicht bedachte, daß sie ja Geister waren, schon tausende Jahre vor dem auf der Welt, der sie verbannt hatte. Und der Heilige Abend war für sie ein Abend wie jeder andere.
„Lachet nicht“, sagte die Bäuerin mild, wie man Verirrte bekehrt, „in dieser Nacht leuchtete der Stern den Hirten und den Königen, und sie beteten ein Kind an.“
Da schwiegen die vier fremden Gäste und wurden sehr traurig.
Aber auf einmal kicherte der Wassermann wieder. Er zeigte drohend zu dem Gelähmten hin, der mit weit aufgerissenen Augen die Bäuerin anstarrte.
„Das ist dein Mann“, sagte der mit den nassen Haaren.
„Das ist mein Mann“, wiederholte die Bäuerin und nickte.
Der Wassermann bekam plötzlich böse Augen; er erhob sich hinter dem Tische und schimpfte:
„Er hat einen toten, stinkenden Hund in meinen Teich geworfen.“
Die Trud reckte sich und sagte:
„Er hat jedes Jahr das Trudenkreuz auf die Tür gezeichnet.“
Die Pechtra erinnerte sich:
„Er war geizig und hat mir in meiner Nacht auf Dreikönig nie eine Milch hingestellt.“
Die Kuhglocke auf ihrem Rücken läutete leise.
Das Salkweib aber sagte vor sich hin:
„Er hat mir auf seinen Feldern immer Korn zurückgelassen.“
„Weil er keine Leute zum Ährenklauben hatte“, mißgönnte ihr der Wassermann die Güte.
Die Cüraßin aber ging eilig zum Bette hin, drehte dem Manne den Rücken zu und breitete ihre Arme aus, als müßte sie es den dreien, die ihn eines Frevels geziehen hatten, verwehren, daß sie näher zum Lager traten.
„Laßt ihn, er ist geschlagen genug, er liegt drei Jahre lahm“, sagte sie mitleidig, fast weinerlich.
Und da der Wassermann wieder boshaft meckerte, schalt ihn die Bäuerin:
„Schäm dich, dein verfluchtes Wasser ist schuld daran.“
„So, ist es schuld?“ freute er sich.
Der Bauer, jetzt knapp hinter dem Weibe, wollte in seinem Entsetzen reden, doch es kam nur ein heiseres Lallen aus seiner engen Kehle; er vermochte auch nicht die Hand zu rühren, um die Frau anzufassen.
Die Cüraßin ging wieder zum Tisch zurück. Die Schaufel, von der immer noch ein dünner Schleier aufstieg, stellte sie auf ein Fensterbrett; auch streifte sie vom Wachsstock eine neue Windung ab, bog sie gerade und richtete sie steil auf.
Dann gedachte sie plötzlich des Gastrechtes und verließ eilig die Stube; hinter ihr blieb das Grauen des Mannes zurück. Sie hörte nicht seine Rufe, die bald ein Winseln wurden und zuletzt erstarben. Sie holte aus der Speisekammer eine Schüssel voll Milch und einen Laib Brot; ihr Fuß stieß im Dunkeln an eine klirrende Mausfalle.
Als aber die Bäuerin Milch und Brot auf den Tisch stellte, sagte die Trud:
„Wir essen nicht.“
Die Pechtra warf einen gierigen Blick auf die Milch, das Salkweib einen traurigen auf das Brot, aber sie standen alle auf; die Pechtra nahm die Ofengabel, ihre Glocke schepperte bei jeder Bewegung. Der Wassermann nickte vertraulich zum Christus am Kreuz hinauf.
Jetzt erst sah die Bäuerin, wie riesig die Pechtra und wie klein die Trud war.
Die Cüraßin nahm von einem Fensterbrett die Laterne, die rostigen Angeln des kleinen Türleins knarrten, der Kerzendocht empfing die Flamme nur widerwillig. Die Cüraßin schob den Riegel am Haustor zurück und leuchtete in die kalte Nacht hinaus, gleich kam der Frost in den Flur herein.
Die vier Schatten sprachen nun nichts mehr, stumm gingen sie an der Bäuerin vorüber, und ihr wurde deshalb das Herz seltsam schwer.
Auf einmal war nur die Nacht und der viereckige Laternenschein vor der Tür; die Kuhglocke klang noch von ferne, und der Teich, auf dem das Eis wuchs, heulte leise.
Das Weib vergaß, die Türe zu schließen.
Am Christmorgen plärrte das Vieh des Cüraß erbärmlich. Die Nachbarn, deren frühwache Ohren es bald vernahmen, gingen verwundert durch die offene Haustür. Sie fanden den Cüraß tot, mit weit aufgerissenen, gebrochenen Augen, aufrecht im Bett sitzend, gegen die Cüraßin gewendet, die am Tische saß, den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt, als sei sie nur ein wenig eingenickt.
Als ein Nachbar sie durch eine Berührung aufscheuchte, klagte sie:
„Hab ich sie verjagt? Warum haben sie nicht mehr geredet?“
„Wer?“ fragten die Nachbarn, Männer und Weiber, durcheinander.
„Das Salkweib, die Pechtra, der Wassermann, die Trud.“
Diese Antwort vertrieb sie vom Hofe, man brachte sie in ein Irrenhaus. Der Cüraß wurde verscharrt; Haus, Stall, Scheuer, Äcker, Wiesen, Wälder zerfielen an die lauernde Gemeinde.
*Tubertulose
** Föhn
*Mais
Das Liebespaar
Der Wind riß die gelben Nadeln von den Lärchen und trug sie weit hinunter in die Tiefe; er lief wie ein unsichtbares Tier um den einschichtigen Hof auf dem Berge. Da sah der uralte Großvater nach der Sonne und spannte den Ochsen vor den leichten Wagen; es war hohe Zeit, er mußte sich beeilen, der Wind blies den Herbst von den Bergen fort, der erste Schnee hing schon in der Luft.
Drunten im Dorfe wartete der Tischler auf den alten Türkh, er hatte an einem Sonntag im vergangenen Sommer Maß von ihm genommen und nun einen Sommer, einen Herbst lang Zeit gehabt, die Totentruhe für ihn zu tischlern. Es war soweit, daß man sie vorrätig haben mußte, der Tod konnte jeden Tag an die Türe klopfen. Im Frühjahr, Sommer und Herbst, da gelüstete es einen Bauern nicht zu sterben, jetzt aber kam der Winter, seine kurzen Tage waren unendlich lang, da konnte man sich wohl für die große Reise zurechtmachen. Wenn man sich dann eines Tages hinlegte, mußte die Totentruhe im Hause sein.
Der alte Türkh hatte es ohnedies lange anstehen lassen, siebenundachtzig Jahre hatte er alt werden müssen, um sich endlich darauf zu besinnen, daß er ein letztes kleines Haus brauchte und daß die Fichtenbretter dafür beim Tischler schon auf den Hobel warteten.
Der Vater der Türkhbäuerin, der andere Großvater, der auf dem Hofe gelebt hatte, wie war der ängstlich gewesen. Von seinem achtzigsten Jahre an stand die schwarze Truhe mit dem silbernen Kreuz auf dem Dachboden, zehn Jahre lang, bis er sie im letzten Winter endlich gebraucht hatte.
So holte denn der alte Türkh seinen Sarg ab und ging dann neben dem holpernden Wagen her. Die schwarze Truhe war notdürftig mit hellbraunen Kornsäcken bedeckt, aber es waren tiefer im Gebirge keine neugierigen Augen unterwegs.
Ein paar Tage später fiel der erste Schnee, und es schneite schon drei Tage und drei Nächte, als der alte Türkh die geisterhaften Tritte überall im Hause zu hören vermeinte, bald kamen sie aus dem Keller herauf, bald vom Dachboden herunter, aber es knarrte keine Türangel, und es knackte kein Türschloß. Der Mann lag völlig angekleidet in seinen schweren Schuhen auf dem Bett, als sei er für einen Gang in den Schnee hinaus gerüstet; seine Augen blickten unverwandt in das Flockengestöber hinaus.
Es ging mit ihm nun wahrhaftig zu Ende, in der ungewohnten Ruhe waren die Glieder innerhalb weniger Tage müde und steif geworden.
Der Totenwurm bohrte in dem Uhrkasten, das leise Schaben und Klopfen war deutlich zu hören.
Die Schwiegertochter hatte den Wachsstock entzündet und neben den Alten gestellt. Wenn man allein in der Stube verblieb, mußte man für das Sterben gerichtet sein. Seit einer Stunde waren alle Hausleute im Stall: Sohn, Schwiegertochter, Enkel, Enkelin, Knecht und Magd.
Manchmal zitterte das Licht neben ihm; das geschah dann, wenn draußen in dem Flur jemand fest auftrat. Niemand hatte ihm verraten, was geschehen war, vielleicht wollten sie ihn nicht erschrecken. Doch er war lange genug als Bauer auf dieser Hube gesessen und wußte, wie tückisch manchmal ein Unglück in den Stall einbrach. Sie bannten draußen wahrscheinlich ein Unheil, eine Tierkrankheit war gekommen oder war im Anzug.
Er versuchte zu beten, aber seine Gedanken verwirrten sich, er mußte immer an die elende Seuche denken.
Es schmerzte ihn, daß er seinen Leuten nicht beistehen durfte; er sah sich als Sterbender ausgeschlossen aus der Familie. Sie konnten freilich nicht bei ihm wachen, während draußen das Vieh verkam, doch er mußte wenigstens wissen, was sich begeben hatte; es litt ihn nicht auf dem Bette. Langsam und ungeheuer mühsam rutschte er herunter, es wurde ihm schwarz vor den Augen. Dann tastete er längs der Mauer dahin bis zur Tür. Als er sie öffnete, stand davor der Enkel, selber schon ein Mann, der die Magd in den Armen hielt. Jedes von ihnen trug in der einen Hand einen Holzeimer, wahrscheinlich waren sie in das Haus gekommen, um heißes Wasser zu holen. Der Großvater sah sie starren Auges an und verstand ihren kurzen Aufenthalt im Flure wohl; es war ihnen, als hätte er genickt. Ehe er aber noch eine Frage tun konnte, fiel er in der Tür um, wie ein Baum des Waldes umsinkt.
Das erschreckte Paar trug ihn auf sein Bett, und dort drückten sie ihm die halboffenen Augen zu. Dann brachte der Sohn den Leuten im Stalle die trübselige Botschaft.
Was der Großvater, der nun tot da drinnen auf der Bahre lag, in den letzten Augenblicken seines Lebens gesehen hatte, war nur ein halbes Geheimnis der beiden Menschen; denn die übrigen ahnten es alle, und jeder zürnte dem Paare auf seine Weise.
Der Vater wollte den Sohn im Frühjahr auf Brautschau schikken, die Mutter war eben die Mutter, noch keine hat sich im letzten heimlichen Herzenswinkel gefreut, wenn ihr der Sohn von einer fremden Frau genommen wurde; der Schwester hatte Bitternis der Untreue das Herz verhärtet, und sie zankte häufig mit der Magd, und der junge Knecht wollte etwas, was nach seiner Meinung ihm gebührte, nicht dem Herrn überlassen. So war das Paar von lauernden Menschen umgeben, und sie mußten sich vor ihnen hüten und ihr Herz verbergen. Sie gingen stumm aneinander vorüber, weil immer wieder ein Auge durch eine Lücke oder ein Fenster nach ihnen spähen konnte; wie die andern hielten sie beim Mahle die Augen in die Schüssel gesenkt, die in der Mitte des Tisches stand. Sie redeten wenig miteinander, aber sie suchten heimlich Gelegenheiten, um einige Augenblicke gemeinsam zu haben.
Wenn sie sich zufällig am Brunnen trafen oder sich auf einem der kurzen Wege begegneten, den alle Hausleute vom Haus zu Stall und Tenne ausgeschaufelt hatten und auch jetzt beinahe stündlich von dem neuen Schnee befreiten, dann verharrten sie keinen Augenblick länger, als es unbedingt notwendig war.
Doch es gab manche Zeiten am Tage, so dachten sie anfangs, da sie an gewissen Orten unbemerkt beisammen sein konnten.
Etwa am frühesten Morgen in der Küche, wenn die Magd das Frühstück kochte; aber da kam bald die Mutter, und der Sohn mußte tun, als habe er eben Holz zum gemauerten Herde gebracht.
Dann beim Melken, aber der Vater ließ sich auch schon im Stall vernehmen, und der Sohn mußte sich in einem dunklen, feuchten Winkel verstecken.
Auf der Tenne hatte er sich einmal in das Heu verkrochen, und ein anderes Mal war er in den hohen Schnee hinabgesprungen; er hatte Stimme und Schritte des Knechtes gehört.

Verschneiter Zaun
(Mein Herz ist im Hochland)

Nicht zu reden von der Schwester, die war die ärgste. Ein Bräutigam hatte sie verlassen, nun neidete sie jedem Weibsbild den Mann.
Und der Schnee hielt sie alle auf dem Hofe gefangen, es gab keinen weiteren Weg, auf dem man sich hätte ein wenig entfernen können, nirgendshin. Immer noch fielen die Flocken, der Himmel war grau, und es regte sich keine Luft.
Der Tote lag drei Tage hindurch aufgebahrt, wie es der Brauch verlangte.
Das Bett war in die Mitte der Stube gerückt und mit Brettern bedeckt worden, daß es eine hohe Liegestatt war. Darauf stand der Sarg, und darin streckte sich der tote Großvater aus, in seinem grauen lodenen Gewande, das er sich vor einem Menschenalter angeschafft hatte. Zwischen die Finger der wächsernen Hände war der Rosenkranz geflochten.
Fremde Leute konnten nicht zu dem Gestorbenen kommen, denn auch die Nachbarn waren eingeschneit. Immer einer der Menschen des Hofes hielt bei dem Toten Wache, aber die anderen feierten deshalb nicht, die Arbeit hatte ihren sonstigen Gang, wenn es auch stiller in dem Hause war. Sie dämpften die Geräusche und sprachen um einen Ton leiser, sie grauten sich vor der Leiche nicht, aber sie blickten doch nur mit ein paar schnellen scheuen Blicken zu dem Toten hin.
Neben ihm brannte der vielgewundene Wachsstock. Wer am Tage bei ihm saß, schaute durch die Fenster hinaus in den Schneefall, in der Nacht aber war jeder sich selbst überlassen; die Frauen beteten, die Männer grübelten.
Am dritten Tage dann wäre zu anderen Zeiten das Begräbnis gewesen. Da wäre der Pfarrer aus dem Kirchdorfe heraufgekommen oder hätte weiter unten bei einem Wegkreuz gewartet, bis sie den Toten auf dem niederen Berglerwagen brachten. Doch in diesem Schnee gab es keine Wege.
Der Vater vernagelte die Totentruhe seines Vaters, die Bäuerin besprengte sie mit Weihwasser, und alle beteten gemeinsam einige Vaterunser. Dann trugen Sohn und Knecht den Sarg aus der Stube; nicht auf den Schultern, denn die Türe war zu niedrig.
Über die Stiege hinauf mußten sie langsam und vorsichtig gehen. Es war auch nicht leicht, mit dem langen Sarg um die Ecken zu biegen, sie mußten ihn mehrmals halb aufstellen und so weitertragen. Auf dem Dachboden legten sie ihn behutsam auf den Estrich hin.
Hier unter den Schindeln, zwiefach erstarrt in Tod und Kälte, sollte der Tote warten, bis der Weg in den Friedhof hinab gangbar geworden war.
So blieb der Ahn auch nach seinem Tode noch unter einem Dache mit den Hausleuten; zum Abschied auf immer war ihm noch eine Gnadenfrist gegeben.
Zehn Tage später war Weihnachten. Am Heiligen Abend hielten sich die Leute vom frühen Nachmittag an in der Stube auf.
Es hatte zu schneien aufgehört, und eine kalte Sonne lag auf dem Schnee; die Stube war übermäßig hell davon.
Nur langsam kam die Dämmerung; des Feierns ungewohnt, schien es den Menschen am Hofe, die Zeit wäre stehengeblieben.
Die Bäuerin hatte alle Dinge für die Räucherung bereitgestellt. Als es dunkel wurde, legte sie Herdglut auf die zwei Kehrichtschaufeln und warf ein paar Harzbrocken hinein.
Einer der Hausleute räucherte in die Räume, der andere hinter ihm sprengte das Weihwasser mit einer dünnen kornlosen Ähre aus der Kaffeeschale. Die Tochter und der Knecht sollten es im Stall und auf der Tenne tun. Der Sohn und die Magd im Hause, also immer einer der Familie mit einem der Dienstboten.
Als sie aus dem dämmrigen Zimmer, in dem der leuchtende Schnee auch noch am Abend einen sanften Schimmer zurückließ, in den Flur traten und sich hier trennten, setzten sich der Bauer und die Bäuerin zum Tisch und beteten.
Die jungen Leute aber stießen die Türen auf; sie räucherten und sprengten den Segen für das künftige Jahr überallhin.
Der Sohn und die Magd stiegen auch auf den Dachboden hinauf, wo der tote Großvater lag. Im trüben Schein der Glut sahen sie die unheimlich große Truhe, und da fuhr ein Gedanke wie ein Pfeil durch sie beide. An diesem Orte würde sie niemand stören, denn solange der Ahn auf dem Dachboden ruhte, führte hierher kein Weg zu irgendeiner Arbeit.
Schon am nächsten Tag schlichen sie nacheinander die Stiege empor, zuerst der Sohn, dann die Magd. Das Dach war dort, wo der Sarg hingestellt worden war, ganz nahe, und der Mann stieß mit dem Kopf an die Schindeln. Die zwei jungen Menschen sahen sich in dem Halbdämmern zunächst ratlos an, dann zog der Sohn die Magd neben sich nieder auf die Totentruhe.
So saßen sie über dem toten Großvater und redeten vom Leben. Sie glaubten sich rein von Schuld, denn der Alte hatte ihnen ja freundlich zugenickt, ehe er starb.
Eines Tages erschraken sie wohl sehr, doch das seltsame Geräusch dort in der tiefdunkeln Ecke war entstanden, weil der Nußhaufen plötzlich auseinanderrieselte.
Mitten im Jänner fiel ein ungewöhnliches Tauwetter ein, der Jauk, der warme Wind, fraß den Schnee.
Eines Tages war es dann soweit, daß die Bauern von den einschichtigen Höfen einen schmalen Steig in das Tal hinab auspflügen konnten. Sie vollbrachten es gemeinsam, und unten bei dem Wegkreuz, wo ein anderer, schon betretener Weg vorüberführte, atmeten sie erleichtert auf; jetzt hatten sie wieder ihren Auslauf in die Welt hinaus. In der Sternennacht stiegen sie wie erlöst wieder zu ihren Huben hinauf.
Nun war auch der Tag gekommen, an dem sie den toten Großvater in die Erde legen konnten. Sohn und Knecht holten den Sarg vom Dachboden und hoben ihn auf den Schlitten in das Stroh. Dann banden sie ihn mit Stricken fest, damit er auf dem abschüssigen Wege nicht nach vorwärts ins Gleiten käme, und so brachten sie ihn zum Wegkreuz, wo der bestellte Pfarrer wartete und den Toten einsegnete. Sie hatten dann immer noch einige Stunden zu gehen, bis sie zum Friedhof hinab kamen.
Als die Hausleute am Abend dieses Tages um den Tisch beisammensaßen, war es ihnen, als seien sie nicht mehr vollzählig, als habe sie jemand verlassen.
Am Tage nach dem Begräbnis erwartete der Sohn die Magd wieder auf dem Dachboden, aber er war ihnen auf einmal fremd und unheimlich geworden. Plötzlich hörten sie Schritte auf der Stiege. Sie drängten sich dicht in den finstersten Winkel zwischen Hausmauer und Dach.
Der Bauer kam, um nach dem Nußhaufen zu sehen; die zwei Versteckten vernahmen, wie er die Nüsse aus dem kleinen Hügel schöpfte und sie dann wieder niederfallen ließ. Zwei Tage später zur nämlichen Stunde kam die Bäuerin und spannte einige Stricke im Dachgestühl, um die Wäsche aufzuhängen. Sohn und Magd mußten in ihrem engen Versteck lange lautlos verharren.
Es war den beiden plötzlich gewiß, daß nun einmal der Knecht kommen würde, um irgend etwas zu tun, und ein anderes Mal die Tochter, um nach der Wäsche zu sehen. Sohn und Magd wagten es nicht mehr, sich auch von diesen stören zu lassen; sie verrichteten schweigend nebeneinander die Arbeit. Nur einmal am Brunnen, als sie die Wäsche auswand und er das Pferd tränkte, sagte die Magd:
„Es ist nur schad, daß der Vater der Bäuerin schon im vorigen Jahr gestorben ist. Es wird wieder schneien.“
Webstuhl der Väter
John Leeds kam eines Tages aus Amerika in das Dorf tief in den Bergen, von wo sein Urgroßvater ausgewandert war, ein Weber, der in seinem Hause einen Webstuhl stehen hatte und ihn schweren Herzens verlassen hatte. Ein riesiges, seltsames Möbel, das jetzt in seinen ungeölten Scharnieren knarrte und knackte, denn hundert Jahre lang oder vielleicht noch länger war kein Mensch auf der Bank davor gesessen. John Leeds hob den Rahmen mit einem beiläufigen Handgriff, er vollbrachte es so, als geschähe es in tiefen Gedanken, nicht anders als die Berührung des grünen Kachelofens, der sich kühl und fremd anfühlte. Aber man mußte sich mit den Gegenständen vertraut machen, wenn man als Urenkel, Enkel und Sohn heimkehrte zu dem Webstuhl, an dem der uralte John Leeds gesessen war und den Loden gewebt hatte, wie seine Urahnen schon, wenn sie nicht gerade den Pflug geführt, das Heu gewendet oder den Roggen geschnitten hatten. Von diesem Webstuhl also und von diesem Kachelofen war der Urgroßvater ausgewandert, aber er hatte davon immer seinem Sohne erzählt, und dieser wieder seinem Sohn, bis es auf ihn kam, den letzten John Leeds, der seinem Blute nach eigentlich Johann Loder hieß, so war es wenigstens in dem Taufbuch von dem ersten Weber verzeichnet, und vielleicht waren die großen grünen Augen des Kachelofens nur deshalb so feindlich auf ihn gerichtet, weil er sich selber so fremd gemacht hatte.
Aber John Leeds sah die grünen Halbkugeln des Kachelofens, die ihn wie Basiliskenaugen anstarrten, nicht, nur einen einzigen flüchtigen Blick hatte er zu dem seltsamen Ofen hingeworfen, in Amerika gab es bessere und praktischere Öfen, nicht so unförmige, fast unheimliche Hügel, und wenn er auch gespürt hätte, daß dieser Steinhaufen dort in der Ecke nicht nur ein Ofen sei, den Blick der runden grünen Augen hätte er, ein so sehr verspäteter Enkel der alten Weberfamilie Loder, der sich jetzt obendrein Leeds nannte, doch nicht mehr verstanden. Aber er schaute nicht hin, er sah nur den alten merkwürdigen Webstuhl, das graue, von zwei Jahrhunderten gebleichte Holz, es hatte winzige, kreisrunde Löcher. John Leeds wußte nicht, daß sie von den Holzwürmern herrührten, wie sollte es ein Amerikaner wissen, der wohl Beton, Stahl und Glas kannte, das Holz aber gewöhnlich nur als gemasertes, gebeiztes, poliertes Furnier. Die großen Weberschiffchen lagen noch links und rechts in den Rinnen, schlafend wie unbekleidete Puppen. Das ganze Gestell zitterte, wenn man nur fest auf den Boden trat.
War es denn möglich, daß auf diesem Webstuhl jemals ein Mensch gewebt haben sollte, jenes unzerreißbare Zeug, das man hier auch heute noch Loden nannte, genauso wie zu Großvaters Zeiten? Man bewahrte daheim mit einigen anderen Dingen auch so einen Fetzen Loden auf. An diesem Webstuhl sollte er gewebt worden sein? Es war so unwahrscheinlich wie die ganze Geschichte der Herkunft der Familie.
Aus diesem niedrigen Hause, das noch immer mit Holz gedeckt war, mit schmalen, dünnen Brettchen, sollten die Leeds gekommen sein? Auf diesen kleinen Feldern, die man mit einigen hundert Schritten umwandern konnte, sollten sie ihr Getreide geernten haben? War es denn möglich, daß so ein elendes Bauernhaus die Wiege eines großen amerikanischen Hauses: John Leeds und Söhne, Leinen, Tuch und Seide, war? Es mußte wohl so sein, denn sonst stünde er, Herr des Hauses, auf einer Europareise begriffen, auf der er an dem Dorfe der Ahnen nicht vorüberreisen wollte, ohne das sagenhafte Bauernhaus betreten zu haben, nicht hier in dieser Stube, in der die abgestandene Luft einen sonderbar bedrückenden Geruch hatte und wo er sich wie in einem Käfig wähnte, weil die Fenster geschlossen waren. Und alles Verwundern über diese merkwürdige Umgebung, über die ungewöhnliche Heimkehr, Zweifel und Freude, sie wurden zu einer ungewohnten Rührung, und diese Rührung ließ plötzlich einen sonderbaren Wunsch entstehen.
Man hatte diesen alten Webstuhl ja von Bildern her gekannt, man hatte ihn als junger Mensch in der Fachschule sogar gezeichnet. Und auch dieses besondere Stück, das hier in der Ecke stand, vom Boden bis zur niederen Decke hinaufreichte und ein Greis war – ein Menschengreis war ein Jüngling dagegen –, kannte man von Erzählungen her. Aber es war doch etwas anderes, davon zu hören oder es mit eigenen Augen zu sehen. Hier hatte die Familiengeschichte greifbare Gestalt angenommen, ihm also war es vergönnt, an dem leibhaftigen Werkzeug zu stehen, an dem so viele Erinnerungen und – wie er mit Bestimmtheit wußte – manches Heimweh haftete. Nicht sein Heimweh, nein, der letzte John Leeds, der er war, dachte nur an Leinen, Tuch und Seide, doch aus irgendeinem Tropfen Blut kam die Sehnsucht der Vorfahren, die in ihm freilich nur mehr zu einem plötzlich erwachenden, ihn selbst verwundernden Wunsche reichte.
Die jetzigen Besitzer des Bauernhauses mochten jedenfalls arme Leute sein, man merkte es schon im Flure, man las es von dem Gesichte des Mädchens, das den Fremden in die Stube geleitet hatte. Seit Menschenaltern hatte niemand mehr den Webstuhl benützt. Er war ein überflüssiges Stück, das wahrscheinlich nur der Trägheit des Herzens diesen Platz im Winkel verdankte; die Leute wollten vermutlich das Gesicht des Hauses, in das sie hineingeboren waren, nicht gewaltsam verändern. Vielleicht waren sie dankbar, wenn man sie davon befreite, wenn man ihnen half, einem heimlichen Gedanken wirkliches Leben zu geben. Und mit seinem englisch gefärbten Deutsch, in dem nichts mehr von dem Winde war, der draußen die Halme des Kornes bewegte, nichts mehr von dem behutsamen Gesange des Laubes in der Linde, deren Duft schon der erste des Geschlechtes gerochen hatte, sagte er:
„Ich möchte kaufen den Webstuhl.“
„Wir verkaufen ihn nicht“, sagte die Frau einfach; das Feuer beleuchtete ihr Gesicht, es schien in heiliger Wildheit zu glühen.
„Weiber“, dachte sich John Leeds, „überall gleich, ob Amerika, ob Europa.“
Und er ging vor das Haus, legte den Schatten der Hand über die Augen und schaute durch den Wind auf die Felder. Der Bauer stand draußen im Maisacker und häufelte die Erde.
„Ich werde kaufen den Webstuhl“, sagte er ihm über die Entfernung von einigen Schritten hin. Nicht mehr „Ich möchte!“ oder „Ich will!“, jetzt schon „Ich werde!“
Der Bauer, später Urenkel auch so alter Familie, wischte mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirne und Schläfen und sagte:
„Er ist nicht zu haben, Herr.“
Seine Stimme war grau und fest wie die Erde, in der er mit bloßen Füßen stand.
„Ich will ihn nicht haben umsonst, ich will ihn bezahlen.“
„Ich brauche kein Geld.“
John Leeds sah sich hochmütig um, mit einem einzigen Blick umfaßte er den spärlichen Besitz des Mannes, Hof und Boden und die paar Kühe auf einer ausgedörrten Weide. Der Bauer bückte sich schweigend wieder zu seiner Arbeit hinab; er wollte die lässige Bewegung der fremden Hand nicht bis zu Ende sehen.
„Sie weben nicht auf dem Stuhl?“ fragte der Amerikaner.
„Ich bin ein Bauer. Kein Weber.“
„Was wollen Sie mit dem alten Stuhl?“
„Er soll stehen, wo er steht.“
„Er nimmt nur Platz. Sie können dorthin stellen einen großen Tisch.“
„Meine Familie ist klein, ich brauche keinen großen Tisch.“
John Leeds spürte deutlich, wie der Mut des Mannes müde geworden war, auf die Dauer konnte er den altväterischen Webstuhl nicht verteidigen. Weil dieser John Leeds, der sich auf Menschen zu verstehen glaubte, einem stummen Papier, war es nur richtig bedruckt, mehr Macht zutraute als einem lauten Handel, hielt er dem Bauer eine Banknote dicht vor die Augen. Als wäre sie aber durchsichtig und behindere nicht den Blick auf das Werkzeug, hieb der Bauer weiter in die Erde. So etwas war John Leeds noch nicht widerfahren; gut, auch andere Leute hatten Geld verachtet, doch sie sahen es wenigstens an. Du willst also einen Wettlauf, Bauer? Gut, laufen wir!
„Wissen Sie, wieviel wert ist der Webstuhl?“
„Ich weiß nichts.“
„Was wollen Sie dann?“
„Meine Wiege ist neben dem Webstuhl gestanden, Herr … und auch die Wiege meines Vaters … und …“
Das ist eine hohe Hürde, John Leeds, die mußt du mit einem gewaltigen Sprung nehmen. Er gab noch zwei Banknoten zu der einen. Der Bauer streckte den Rücken und rückte die Faust in das Kreuz, als könnte er sich dadurch rascher und leichter aufrichten. Er hatte die Augen abgewendet und schaute noch immer nicht auf das Geld.
„Er gehört zum Haus, Herr … Es ist hier so Brauch … wenn ein Knecht oder eine Magd alt wird … sie bleiben beim Haus…“
Du redest zuviel, Bauer, dir wird bei dem Wettlauf der Atem ausgehen. Und John Leeds legte noch ein Blättchen des verfluchten bräunlichen Papiers zu den übrigen; es sind jetzt ihrer vier, und er hält sie gefächert wie ein Spiel Karten. Alles kommt vom Teufel, was wie ein Fächer in der Hand ausgebreitet ist. Wie soll so ein hagerer, barhäuptiger Mensch, der mit nackten Füßen in der Furche steht, der seine paar armseligen Groschen am hellichten Tage mit der Laterne suchen muß, einmal bei einigen Kannen Milch, ein anderes Mal bei einem Korb voll Obst, einigen Brotlaiben, ein drittes Mal bei Hühnern, Honig oder einem Kalb, wie soll so ein Kleinhäusler den gleisnerischen Schein, der von einem Häuflein Reichtum ausgeht, von den Augen abwehren? Man könnte mit dem Geld neue Schindeln auf Haus und Scheune legen, man könnte die Bienenhütte bauen. Der Himmel wird es schließlich verzeihen, daß er mit der einen Hand nach dem Gelde greift, weil er doch mit der andern eine Träne von der Wimper wischt.
So kam John Leeds mit sanfter Gewalt in den Besitz des Webstuhls der Väter. Ja, Bauer, du warst zu langsam in diesem Wettlauf, das Geld war schneller. Jetzt führe den neuen Herrn in die Stube, er will sich seines Sieges über die drei Hausleute freuen.
Was zuerst nur Laune war, wurde nun beflissener Ernst; John Leeds betrachtete jetzt mit anderen Augen das graue Ungetüm, das die Decke berührte, das die dämmernde Ecke ausfüllte.
Von hier mußt du fortwandern, dachte sich der Urenkel jenes Webers, der zuerst auf der schmalen Bank gesessen war. Er wollte den Webstuhl im Triumph heimbringen, niemand drüben über dem Wasser konnte sich solcher merkwürdigen, kostbaren Beute rühmen. Gab es nicht Anlaß zu einem Fest mit großer Anrede, die nachher alle Zeitungen abdruckten: Sehet, vor diesem Möbel haben die John Leeds, Leinen Tuch und Seide, angefangen! Er sah nicht, daß der Webstuhl ihn mit verborgenen Augen hochmütig maß. Niemals würde ein Mensch von der Sorte dieses John Leeds die heimlichen Augen finden, ja, er würde wahrscheinlich gar nicht glauben, daß es solche Augen gibt. Er hatte andere Dinge im Kopf, sie waren ihm heftig aufgefallen, denn so ist es wieder Gewohnheit dieser Leute: sie machen nichts halb.
Da stehen Bäuerin und Tochter stumm hinter ihm, aber sie haben einen sonderbaren Blick. Man wird auch seiner Herr werden, wie man den widerspenstigen Bauer zu Boden gebracht hat. Wartet ihr vielleicht schadenfroh darauf, daß jemand den Webstuhl zerlegt, und niemand kann dann seine Teile wieder zusammensetzen? Oder meint ihr, die paar Schrauben und Nieten machen es nicht, und es lebt niemand mehr, der so einem uralten Webstuhl gewachsen ist? Kunstvolle Maschinen, ja, die wissen die Mechaniker zu behandeln, aber so ein ureinfacher Webstuhl, der geht über ihren Verstand. Meint ihr das? Schon möglich, daß es so ist, aber glaubt ihr denn, John Leeds wüßte nicht, wie er den Webstuhl heil und unversehrt nach Amerika liefern kann? Niemand ahnt, wessen John Leeds fähig ist. Sein Geld gibt den Wettlauf nicht so bald auf.
Das Unglaubliche geschah, noch Jahre später sollte der Mund der Gegend voll davon sein, wozu so ein verrückter Amerikaner imstande ist! John Leeds sicherte sich zuerst den Eisenbahnwagen, auf dem das alte graue Ungetüm, so wie es war, zum Schiff geführt werden konnte, dann bestellte er für einen gewissen Tag den Lastwagen, der den Webstuhl zur Eisenbahn bringen sollte, überdies ließ er ihn eigens mit neuem Gummi bereifen, dann warb er für eine Stunde die halben Leute des nahen Dorfes an, sie sollten den Webstuhl auf einem Gestell, das einige Tischler schon zimmerten, aus dem Hause rollen, und der Webstuhl wurde nicht zerlegt, nein, wozu war man John Leeds?
Glaubt es oder glaubt es nicht, Maurer brachen eine ganze Wand aus, das Haus bekam eine riesige, staubende Wunde, und durch das ausgebrochene Loch konnte man den Webstuhl sehen. Es gab aber nur wenige, die zu bemerken meinten, daß er sich ängstlich und trotzig tiefer in die dunkelnde Ecke drückte. An dem neuen Tore, das zusehends größer wurde, denn die Arbeiter brachen hier, wo es seltsam zuging, die Steine gern aus, auch war ihnen ein besonderer Lohn verheißen worden, stand der Mann, von dem alle glaubten, er wäre verrückt.
Und dann kam schließlich die große Stunde, die Stunde, in der die Mauer so weit abgetragen war, daß der würdige Herr Webstuhl durch die Türe, die nur für ihn geöffnet worden war, ins Freie treten sollte, zuerst auf das Gestell, daß so wunderbar geschickt erfunden war, daß sich die Tischler in ihrem Ruhme blähten, es mußte dieses Gestell ja eine schwere Last auf die Erde niederbringen und sie dann wieder auf den Wagen hochheben. Und alle Leute hielten, als man, immer unter erregter Anleitung des Amerikaners, den Webstuhl von seinem Platze fortrückte und Zoll um Zoll näher zur kostspieligen Öffnung brachte, den Atem an; so viele angestrengte Aufwendung, sie konnte nicht vergeblich gewesen sein, sie machte sich schon durch die stumme Bewunderung aller Zeugen bezahlt. Sehet nur, liebe Leute, was für ein unheimlicher Herr das Geld ist, jetzt schnauft es sich nach seinem Wettlauf gehörig aus! Und gegen diesen Herrn hat ein alter Webstuhl sich aufzulehnen vermessen, indem er in den Hausleuten Helfer zu haben meinte.
Jetzt wird er gleich den Kerker verlassen haben, jetzt wird er, behutsam geschoben – schon knarren leise die Rollen unter ihm – die hölzerne Bahn berühren, die ihm zur Straße hinab gebaut worden ist. Wie sollte sich, meinst du, ein einzelnes Geschöpf, um das so viel Mühe aufgewendet wird, der zehn Hände, oder sind es gar zwanzig oder dreißig, erwehren? Webstuhl der Väter, gewaltsam wirst du zum Auswanderer gemacht!
Es gibt treuherzige Berichte, die erzählen, wie sich Menschen bis zum letzten Augenblick an ein Stückchen Erde, an irgendein Ding oder aber auch an einen anderen Menschen klammern und dann, wenn sie sich von ihnen doch trennen müssen, in Verzweiflung vergehen. Sollte solche trotzige Treue etwa nur ein Vorrecht der Menschen sein? Oder nimmt zu gewissen Zeiten ein Gegenstand, den sie stets leblos nannten, der irgendwo in einer stummen, dämmerigen Verborgenheit seiner Stunde harrte, wie dieser vergessene, verlassene Webstuhl, der aus den Tiefen eines früheren Jahrhunderts in dieses herüberragte, wie die erhabene Gestalt einer merkwürdigen Sage, nimmt so ein lebloser Gegenstand nicht plötzlich die Art von Menschen an, deren Schicksal ähnlich war dem seinen? Ist das jetzt nicht das Seufzen eines müden Greises, der von seinem Platze verdrängt wird, auf dem er dem Tode entgegenzuträumen pflegte; jene, die Hand an ihn gelegt haben, sie hören es nicht, sie sind zu laut, sie eifern sich an, sie befehlen und gehorchen, sie sind klug und geschickt, sie alle vermehren Anstrengung und Erregung zu einem wahren Aufruhr. Viel Ehre für so einen ausgedienten Webstuhl!
Doch er will es ja nicht, er möchte in seiner Ecke ruhen, auch für ihn wäre dort einmal die letzte Stunde gekommen. Aber sie schoben ihn nun, nachdem sie viel behutsame Mühe aufwenden müssen, vollends an das Tageslicht, und da schwankte er denn zuerst wie ein Greis, den die Luft unter einem Lindenbaum ein wenig schwindelig gemacht hat, und dann schwankte er noch einmal stärker, ohne daß einer der Männer oder Burschen ungeschickt gewesen wäre, neigte sich, wie es ein Sterbender tut, und starb in den Armen der vielen Menschen, starb auf seine Weise, indem er in sich zusammenfiel und nur noch ein Haufen verworrenen grauen Holzes war. Da standen noch einige Arme, die ihn vorhin gehalten hatten, wie vor Schreck erstarrt in die Luft, da wagten sich mehrere leise Stimmen zu John Leeds hin und meinten, der Holzwurm habe den Webstuhl zernagt; sie zeigten auf das feine Holzmehl, das hochgestäubt war.
John Leeds zuckte die Achseln, er glaubte natürlich auch an den Holzwurm; was sollte er auch sonst glauben?
Christian fährt übers Eis
Es begann nicht erst in dieser schwarzen Mitternacht vor dem Wirtshaus, wo der junge Knecht Christian stand, schon in seinen Pelz vermummt, den Kragen aus gekraustem Schaffell so hoch geschlagen, daß der Kopf darin verschwand und das Gesicht nur eine mattschimmernde Fläche war; in dieser Nacht wurde vielmehr hinter eine heimliche Geschichte, von der niemand etwas wußte, ja, kaum dieses flaumbärtige Knechtlein selbst, ein Punkt gesetzt, der noch schwärzer sein sollte als diese dunkle Nacht. Einzelne große Schneeflocken fielen nieder, wurden im Lichte sichtbar, verschwanden wieder, und der Knecht stand, von einem Fuß auf den andern tretend, denn der Frost hatte beträchtlich zugenommen, vor dem Wirtshause. Licht fiel heraus auf den Schnee, die grünen Fensterläden dämpften es kaum, und es kam auch die Hochzeitsmusik heraus in die Nacht, diese verdammte Blasmusik, gemischt mit dem schmierigen Ton der Geige und Baßgeige und dem jaulenden Ton einer Klarinette, die stärker war als alle anderen Instrumente.
In einer stillen Nacht warten müssen, in der nur manchmal der Schellenkranz um den Hals des Pferdes aufrauscht oder eine Schlittenkufe auf dem gefrorenen Schnee knirscht, gut, das ist zu ertragen, aber warten müssen, bis die Musik da drinnen verstummen wird, bis das Haus plötzlich vom Lärm zersprengt ist, weil die Brautleute aufgebrochen sind, denn sie müssen über den See zur Eisenbahn hinüber, die Hochzeit ist aus, und der Bräutigam ist ein Stadtherr, der morgen wieder an seinem Schreibtisch sein muß, gerade soviel Urlaub hat er sich genommen, so erzählen wenigstens die Mägde, daß er Hochzeit halten kann in der Kirche und nachher im Gasthaus ein wenig über die Mitternacht hinaus, aber nicht länger, denn bald nach ein Uhr geht dort der Zug. Solches Warten auf ein Paar, das man im Schlitten über den gefrorenen See führen soll, ist furchtbar, wenn man Christian heißt und wenn es einem wie Siegelwachs auf dem Herzen brennt, daß da drinnen hinter den grünen Vorhängen jetzt die Helen lachend den letzten Tanz mit dem Kranzelführer tanzt, die schöne Helen. Ganz helle Haare hat sie über einer braunen Stirn, dunkle Brauen wie Raupen über ganz helle Augen; in der weiten Gegend bis ins hinterste Gebirg hinein gibt es kein solches Mädchen mehr, und sie wird jetzt totenleer sein, wenn die Helen fortgeheiratet hat. Aber man muß warten, man ist nur ein Knecht, und der Wirt, der Brautvater, dem Schlitten und Pferde gehören und dem deswegen auch der Knecht gehört, hat einem früher geheißen einzuspannen, es sei an der Zeit.
Ja, es ist höchste Zeit, und da tun sich auch schon die Türen auf, noch mehr Licht kommt heraus in die pechschwarze Nacht, und ein paar lustige Töne der Trompete kommen mit dem Lichte hinter einem Schock von Menschen, ein Knäuel von Lärm und Lachen sind sie, und sie schieben an der Spitze ein Paar vor sich, es steckt ebenfalls in Pelzen. Mit der letzten Musik hat man sie dareingehüllt, während der Brautvater mit der Brautmutter den Kehraus getanzt hat. Sie schieben also dieses Paar in den niederen Schlitten, und das verschlafene Pferd zieht, sobald es die Last spürt, mit einem plötzlichen Ruck an, daß die Braut, vom Glück und Wein leicht berauscht, in die Schlittendecke zurücksinkt, und ihr kurzes Lachen wird ein Gekreisch. Aber der Knecht, für die geblendeten Augen ganz versteckt in der Finsternis und in seinen Pelzen, ist darin noch nicht so weit fort. Das eine Ohr hat er irgendwo über den Rand des Kragens geschoben, damit er dieses Lachen hören kann. Es ist ihre Stimme, die er seit langem in seinen Ohren aufbewahrt, und das kleine, fast fremde Lachen kommt zu dem übrigen, das da schon angesammelt ist. Er hört noch einiges Durcheinander am Schlitten, viel Gelächter und wohl auch einiges Weinen, wie es bei dem Abschied einer Braut aus dem Hause, wo sie groß wurde, gebräuchlich ist. Aber ein Knecht hört nicht darauf, ein Knecht setzt sich vorne auf den Kutschbock zurecht, nimmt die Leitriemen in die Hand, wickelt sie um die Finger und schnalzt mit der Zunge, oder war es ein heimliches Wort, das er dem Pferd zurief; mit einem Verschworenen redet man so leise.
Über den gefrorenen See führt der Schlittenweg, längst ist er mit dem Schneepflug ausgehobelt, so daß jetzt links und rechts die niedrigen Schneewülste liegen; wer möchte schon, damit er immer an dem Ufer bliebe, den See auf einem langen Umweg umfahren? Seit Bauern hier an der Südseite des Sees angesiedelt sind, baut ihnen und den Pferden das Eis eine sichere Brükke über das Wasser. Drei Ellen dick ist es jetzt wohl, und es wächst immer noch, das hört man an dem dunklen Heulen in der Nacht; ja, auch der See hat seine guten und bösen Stimmen. Doch ein Brautpaar in warmen Decken, bestehend nicht aus zwei Menschen, sondern nur ein Wesen, hört kaum das dumpfe Heulen des Sees. Wie könnte es seine Sinne auch dem traurigen, wilden Gesang der Nacht offenhalten, da es noch die Glocken der Messe in den Ohren hat, die Predigt des Pfarrers, die Wünsche der Leute, die Musik und das Ja des anderen Geliebten. Es erschrickt kaum unter dem Schuß, der plötzlich über das Eis kracht, es ist, als zerspränge dickes Glas gerade unter dem Schlitten. Die Braut kennt es seit ihrer Kindheit, wie der Sprung im Eise donnert, und für den Mann ist jetzt ihr leisestes Wort mächtiger als der erhabene Laut der Natur. Nur einmal, als die Schlittenkufen zum erstenmal auf dem Eiswege hinschleifen, beugte er sich aus der glücklichen Vermummung etwas vor und sagte mehr zu sich selbst und zu der selig Schweigenden als zu dem Kutscher: „Das Eis wächst“, und es war eigentlich eine verhehlte Angst vor dem ungewohnten Wege über das Eis; doch der Kutscher gab ihm keine Antwort. Er sieht nach vorn in das Dunkel, er sieht die Schatten, die dem Pferde zur Seite laufen, sieht auch den sanften Schein der beiden Laternen links und rechts vom Kutscherbock; wohl wie zwei große gelbrote Augen kommen sie durch die Nacht. Und er horcht auf den hohlen Klagelaut des Sees, auf dem sie nun dahinfahren, unter sich die schwarze Tiefe des gefangenen Wassers, über sich die Finsternis. Und noch einmal spricht der Bräutigam ein paar Worte. „Es ist gut, das Eis ist dick“, sagt er.
Er sagt es diesmal lauter, als wollte er es von dem Kutscher bestätigt haben; wenigstens ein Brummen hinter dem Pelz erwartete er. Doch er wartete vergebens. Wie kann er auch wissen, was es heißt, vor der schönen, hellhaarigen Helen zu sitzen und sich nicht mehr nach ihr umdrehen zu dürfen, wenn man der junge Knecht Christian ist. Sie hat vergessen, daß man im letzten Fasching mit ihr im Munde der Leute war, weil man so oft mit ihr tanzte. Sie denkt gewiß nicht mehr daran, daß man ihr am Kirtag ein lebzeltenes Herz brachte, ein großes Herz, auf einer Seite mit grellroter Farbe angestrichen, mit Blumen und Figuren aus weißem Zucker. Und mitten darin ein schöner Vers von Liebe und Treue; weiß sie es nimmer, daß sie da Herz an einer Schnur um den Hals trug, einen halben Vormittag lang, vom letzten Meßläuten bis zum Mittagläuten. Nein, sie weiß es nicht mehr, denn man hat kein Haus, in das man sie führen könnte, wie der da hinten, man ist nur der Knecht Christian, neben dem Pferde vor den Schlitten gespannt, wie man damals dem Mädchen vorgespannt war, und es hatte eine Peitsche in der Hand, die man wohl nicht sah; aber immer wieder trieb es ihn mit ihr an.
Jetzt wird der Schlitten noch eine kleine Viertelstunde über das Eis dahinfahren, auf der brav ausgepflügten Straße, die auch ein blinder Gaul nicht verfehlen könnte, und dann wird es auf einmal unter den Kufen knirschen, vielleicht wird man auch einige Funken sehen. Der Schlitten wird auf Erde und Stein aufgefahren sein, dort, wo das Ufer leicht abschüssig zum See herabkommt; die Lichter des Bahnhofs sind da, und dann ist alles zu Ende. Dann kannst du wieder über den finsteren, heulenden See zurückfahren, junger Knecht Christian, wirst die Rosse tränken und ihnen Häcksel schneiden, wirst Hafer streuen, das Leder glänzen, die Laternen putzen, und der Winter wird überhaupt nicht mehr vergehen, immer noch wird neuer Schnee fallen und Frost einbrechen, die Amseln werden schon traurig zu rufen anfangen, und es wird sein, als wäre die Helen überhaupt nie gewesen. Oder doch, manchmal darfst du in der Wirtsküche sitzen und dir die blauen Finger wärmen, die Kälte ist hinter die Nägel gekommen, daß sie schmerzen, und so bei einem Glase Wein und einem halbvollen Teller, den sie dir außer der Zeit gutmütig hingestellt haben, wirst du, während die Wirtin dort am Herd eine Pfanne von den Ringen hochhebt, ein Ei aufschlägt oder das Fleisch klopft, hören, daß die Helen noch lebt, irgendwo in einer Stadt, und sie ist eine glückliche Frau geworden, und dies und das, und einmal wird sie wahrscheinlich auch wiederkommen, und wer soll sie dann von der Bahn abholen, wenn nicht der Christian?
Es wird Sommer sein, wenn sie kommt, oder doch Frühling, und man kann nicht mehr im Schlitten über den See fahren und ihr den Rücken zukehren wie jetzt dem Brautpaar. Es wird heller Tag sein, und man muß das Boot von dem andern Ufer herüberrudern, man wird ihr gegenüber sitzen, ganz nahe. Mein Gott, so ein Boot ist klein, man kann nicht bis an das andere Ende der Welt von ihr fortrücken, wie man es gerne tun möchte, und die Augen können sie auch nicht immer meiden, und wahrscheinlich wird sie etwas reden, daß man sie dabei anschauen muß. „Wie geht es dir Christian?“ wird sie fragen, und man muß etwas darauf antworten. „Gut“, wird man sagen, wenn es auch gelogen ist, und man wird nicht ersticken an der Lüge. „Weißt du noch …?“ Da macht sie eine kleine Pause und holt ein wenig Luft, und er wird bis auf den Tod erschrecken vor Freude, denn nun kommt das mit dem lebzeltenen Herzen, an der Schnur hat sie es über dem eigenen Herzen getragen; natürlich weiß er es noch. Wie kann sie glauben, daß er so etwas vergessen könnte? „Weißt du noch …“, fängt sie noch einmal an, „wie du uns im Winter über das Eis geführt hast?“ – Nein, davon will er nichts mehr wissen, und er zieht die Ruder mit einem scharfen Ruck an, damit er nicht zu antworten braucht. Wie breit ist der See für so ein kleines Boot, doch wenigstens über die Breite des Wassers gehört Helen ihm. Auf der andern Seite dann wird sie vor ihm herlaufen, sie wird ihn nicht mehr fragen, und auf einmal wird sie das Tor des Wirtshauses – Schwalben fliegen dort aus und ein – aufgenommen haben. Und der Knecht Christian hat sie wieder einmal brav heimgebracht.
Immer wird es so sein, er wird sie im Boot, im Wagen, im Schlitten irgendwohin bringen, unterwegs wird sie ihn vielleicht manchmal das eine und andere fragen, damit es auf dem Wege kurzweiliger ist. Oder sie will aus seinem Munde noch früher erfahren, was ihr dann im Gasthause die Weiber zuschnattern werden. Aber kaum ist das Haus in Sicht oder der Bahnhof, zu dem sie geführt sein will, gleich ist er nur mehr der Knecht. Und das soll so fortgehen die vielen Jahre hin, wenn er nicht aus der Gegend fortziehen oder irgendwo im Gebirge einen anderen Dienst annehmen will, damit er diesen verfluchten See vergißt. Wie aber könnte er diese Gegend verlassen, wo er der Helen doch noch manchmal begegnen wird. Zöge er fort, dann wäre sie für ihn fast so gut wie gestorben. Nein, er mußte der Knecht im Wirtshaus bleiben, der Knecht, dem manchmal befohlen sein wird, im Boot oder Schlitten auf die Tochter zu warten, und er wird das plätschernde Schaufeln der Ruder hören oder das helle Rauschen des Schellenkranzes am Halse des Pferdes. Aber nie mehr wird sie von ihm ein lebzeltenes Herz annehmen oder einen Reiter oder eine Puppe. Oh, eine Puppe, jetzt fängt das Herz erst recht zu brennen an. Nein, für den jungen Knecht Christian, der da in seinem dicken Pelz eine unförmige Gestalt ist, und ist doch nur ein schmächtiges Bürschchen, noch nicht einmal großjährig geworden, gibt es keine Flucht in das tiefe Gebirge; ewig wird er an diesem verdammten See bleiben müssen. Wie ein Pferd an dem Göpel, so ist hier der Knecht vor seine schmerzhaften Gedanken gespannt; immer treibt es ihn im Kreise herum.
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