Kitabı oku: «Kulturkampf»

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Mit Beiträgen haben das Buchprojekt unterstützt:

Kanton Aargau, Swisslos-Fonds

Koch-Berner-Stiftung

Fondation Emmy Ineichen


Dieses Buch ist nach den aktuellen Rechtschreibregeln verfasst. Quellenzitate werden jedoch in originaler Schreibweise wiedergegeben. Hinzufügungen sind in [eckigen Klammern] eingeschlossen, Auslassungen mit […] gekennzeichnet.

Lektorat: Rachel Camina, Hier und Jetzt

Gestaltung und Satz: Christine Hirzel, Hier und Jetzt

© 2016 Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte GmbH, Baden

www.hierundjetzt.ch

ISBN Druckausgabe 978-3-03919-398-1

ISBN E-Book 978-3-03919-919-8

Ein Essay von Josef Lang

Keine Streitfrage hat die Eidgenossenschaft und die Schweiz seit der Französischen Revolution derart heftig aufgewühlt und derart stark geprägt wie die des Verhältnisses zwischen Tradition und Fortschritt, Glauben und Vernunft, Religion und Gemeinwesen, Konfessionen und Nation. Der Kulturkampf des 19. Jahrhunderts dauerte einiges länger als «die Episode der 1870er-Jahre», die gemäss dem Historiker Herbert Lüthy «nur noch Epilog» war. Der Katholizismusforscher Urs Altermatt, der diesen Begriff aufnimmt, spricht deshalb von einem «Kulturkampf avant la lettre», der «in den dreissiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts einen ersten Höhepunkt» erreichte – insbesondere mit der Aargauer Klosteraufhebung 1841 und dem «Jesuitensturm» 1844–1847. Im Sinne von Lüthy und Altermatt wird in diesem Essay der Begriff Kulturkampf angewendet auf das halbe Jahrhundert zwischen den frühen 1830er- und den frühen 1880er-Jahren, wobei das Schwergewicht auf die entscheidendere und dramatischere Regenerationszeit gelegt wird. Das die Schlussphase des langen Kulturkampfs relativierende Wort «Epilog» stimmt hinsichtlich der kirchenpolitischen, aber nicht der bürgerrechtlichen und weltanschaulichen Auseinandersetzungen. Die Schlüsselfrage des Kulturkampfs im jungen Bundesstaat lautete: christlicher oder säkularer Staat? Deshalb wird auf die Judenemanzipation, die Krone des Kulturkampfs, besonderes Gewicht gelegt.

Über die damaligen Auseinandersetzungen schrieb der französische Historiker René Rémond in seinem Buch Religion und Gesellschaft in Europa: «In der ganzen Zeitgeschichte gibt es wahrscheinlich keine Debatte, in der die Ideologie eine entscheidendere Rolle gespielt hätte.» Auch in der Schweiz war der Kulturkampf trotz ihrer zwei starken Konfessionen etwas ganz anderes als eine blosse Fortsetzung der alten Glaubenskämpfe. Der Historiker Ferdinand Strobel hielt in seinem Standardwerk über die Jesuiten und die Schweiz fest: «Der eigentliche Charakter der Auseinandersetzung war […] weltanschaulich-ideologischer Art.» Dem fügte der konservative Jesuitenpater bei: «Es hiesse deshalb die schweizerische Entwicklung vor 1848 völlig verkennen, wenn man […] im Sonderbundskrieg einen rein politischen oder konfessionellen Krieg sehen wollte.» Im europäischen Sammelband Culture Wars schreibt Heidi Bossard-Borner über die Schweiz, dass «nicht konfessionelle Spaltung zwischen Protestanten und Katholiken, sondern eher die ideologische Spaltung zwischen Konservativismus und Liberalismus oder Radikalismus» zu Kulturkämpfen führte.1

Innerkatholischer Konflikt

Die zwei ideologischen Blöcke, die in der Schweiz zusammenstiessen, wurden von den beiden mächtigsten sozialen Bewegungen getragen, die es in unserem Land – abgesehen von der Arbeiterbewegung des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts – gegeben hat. Auf der Linken kämpfte ein überkonfessioneller Liberalismus, der sich nach dem Zürcher Straussenputsch 1839 radikalisierte, für «Aufklärung» und gegen «Finsternis». Auf der Rechten kämpfte der katholische Ultramontanismus, der sich an dem jenseits der Berge gelegenen Papsttum orientierte und ab den 1840er-Jahren immer fundamentalistischer wurde, für die «Bewahrung und Rettung tiefreligiöser und kirchlicher […] Grundlagen», so Strobel.

In seinem Kern war der schweizerische Kulturkampf eine innerkatholische Auseinandersetzung: Papstkritische Priester stritten mit papsttreuen, radikale Politiker mit reaktionären, fortschrittsgläubige Bürger mit traditionsgebundenen. Die wichtigsten Debatten um Religions- und Kirchenfragen liefen sowohl in den Kantonen als auch in der Tagsatzung und später im National- und Ständerat mehrheitlich zwischen freisinnigen und konservativen Katholiken ab. Die entscheidenden politischen Kampagnen, beispielsweise die gegen die Klöster sowie den Jesuitenorden in den 1840er-Jahren oder die für die Totalrevision der Bundesverfassung 1874, wurden von katholischen Radikalen angerissen und geprägt. Sie lieferten dem Freisinn auch das geistige Rüstzeug, das sie aus der katholischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts schöpften und das den protestantischen Radikalen weniger vertraut war. So liegt die historische Bedeutung des «Züriputsches» von 1839, des wichtigsten innerprotestantischen Zusammenstosses während des ganzen Kulturkampfs, in dessen Wirkung auf die beiden katholischen Lager.

Die zentrale Rolle der freisinnigen und der ultramontanen Katholiken im schweizerischen Kulturkampf hat mit den drei Kernfragen zu tun, welche den Katholizismus stärker herausforderten als den Protestantismus: Welches sind die «Quellen der Wahrheit» und die «legitimen» Grundlagen einer «richtigen Ordnung»: das Vernunftwissen und der mündige Citoyen oder die Bibel, das Lehramt und seine Dogmen? Wie schaffen wir in einer konfessionell tief gespaltenen Eidgenossenschaft ein zeitgemässes und lebensfähiges Gemeinwesen: durch die Gründung eines überkonfessionellen Bundesstaates oder über deren Trennung in zwei lose verbundene konfessionelle Staatenbünde? Welche Rolle spielt insbesondere die katholische Kirche: die einer demokratisch organisierten Institution, die sich als Teil der Republik versteht oder die einer hierarchischen Einrichtung, deren Machtzentrum in Rom liegt?

Die politische Schlüsselfrage bis 1848 war die zweite, die der Nationalstaatlichkeit. Das grösste Hindernis, welches das Nation Building in der Schweiz zu überwinden hatte, war nicht der Kantönligeist, sondern die konfessionelle Zweiteilung, die schwierigste Erbschaft aus der Alten Eidgenossenschaft. Der letzte Konfessionskrieg in Europa hatte 1712 in Villmergen, 64 Jahre nach dem Westfälischen Frieden, stattgefunden. Als fünf Jahrzehnte später im Rahmen der Aufklärung die Helvetische Gesellschaft gegründet wurde, gehörte das Bauen von überkonfessionellen Brücken, die Auflösung der beiden politischen Körper, des Corpus Catholicum und des Corpus Evangelicum, zu deren Hauptanliegen. Den Vorkämpfern eines gemeinsamen «Vaterlands» war klar, dass ein solches nur in einem Rahmen möglich war, der weder katholisch noch protestantisch war. Dies bedeutete gleichzeitig, dass die Religion als Grundlage eines gemeinsamen Staates nicht infrage kam. Deshalb konnte die Schweiz nur ein Werk des Liberalismus sein, der im Unterschied zum Konservativismus die staatsbürgerliche Zugehörigkeit von der konfessionellen trennte. Aber dieses «patriotische» Werk konnte nur gelingen, wenn der Liberalismus von Angehörigen beider Konfessionen getragen wurde.

Gegen die Gründung eines solchen überkonfessionellen Gemeinwesens gab es Widerstand aus beiden Kirchen und Konfessionen. Der aus der katholischen Kirche war besonders stark, weil diese gegenüber den staatlichen Behörden unabhängiger war, weil der traditionelle Glaube mit seiner barocken Kultur in ihrer Basis tiefer verwurzelt war, weil sie hierarchischer und zentralistischer war als das mit dem Liberalismus verträglichere reformierte Landeskirchentum und weil sie mit dem Papst über eine geistige und geistliche Autorität und Führung verfügte, die gerade in bewegten Zeiten und in ideologischen Auseinandersetzungen von grosser Bedeutung ist. Wenn der religiöse Aufbruch im Laufe des 19. Jahrhunderts im Katholizismus zu einer Vereinheitlichung und im Protestantismus zu einer Zersplitterung führte, hat das auch mit der Existenz beziehungsweise dem Fehlen eines autoritativen Zentrums zu tun.2

Freisinnige Geistliche

Der durch die Restauration (1813–1830) gebremste, aber nicht gestoppte Prozess der Säkularisierung, Liberalisierung und Demokratisierung konterte die katholische Kirche, die durch Aufklärung und Revolution an Macht und Geschlossenheit verloren hatte, mit ihrer Ultramontanisierung. Diese bedeutete neben Dogmatisierung und Zentralisierung auch Wiederbelebung und Integration der barocken Volksfrömmigkeit. Der ganze Prozess wurde ebenso stark von unten gestossen wie von oben gezogen. Das erste Ziel des Ultramontanismus war die Homogenisierung und Disziplinierung des klerikalen Kaders, insbesondere der Weltpriester. Deren ideelle Vielfalt und reformerische Eifer waren in der Schweiz der 1830er- und 1840er-Jahre besonders breit und stark. Während der Regenerationszeit dürfte der Anteil dissidenter Geistlicher im Luzernischen und im St. Gallischen etwa ein Drittel betragen haben. Beachtliche liberale und radikale Minderheiten gab es auch in den Kantonen Solothurn, Tessin, Aargau, insbesondere im Fricktal und in Baden, im basellandschaftlichen Birseck, sogar im Freiburgischen und im Unterwallis. Aus Obwalden erzählte der Berner Freisinnige Rudolf Schneider, der im Auftrag der Tagsatzung die erste Landsgemeinde nach dem Sonderbundskrieg besucht hatte, von einem alten, jesuitenfeindlichen Geistlichen, der ihn eingeladen hatte, seine «versteckte Bibliothek» zu besuchen. Hier befänden sich «Voltaire und Rousseau», sie wären auch «seine liebsten Schriftsteller». Die aufgeschlossenen Priester engagierten sich nicht nur für die Kirchen-, sondern auch für die Bundesreform. Zu den interessantesten Ideen, die für diese je gemacht wurden, gehören die 226 «Vorschläge für eine Bundesverfassung» des Rapperswiler Geistlichen Alois Fuchs aus dem Jahre 1833. Am meisten Entsetzen auf der ultramontanen Gegenseite löste dessen Doppelforderung Gleichberechtigung der Juden und Bau einer Synagoge in der neuen Bundeshauptstadt aus.

Die wichtigsten Referenzen der fortschrittlichen Kleriker waren Ignaz Heinrich von Wessenberg (1774–1860), ehemaliger Generalvikar des Bistums Konstanz, und Alois Vock (1785–1857), erster Rektor des katholischen Gymnasiums St. Gallen und erster Pfarrer der neu gegründeten Gemeinde in Aarau. Wessenberg, dessen Bistum bis 1814 ein Grossteil der Deutschschweiz angehört hatte und der von Rom kaltgestellt worden war, pflegte zeitlebens mit vielen Schweizer Liberalen einen engen Kontakt. Auch wenn er methodisch gemässigter war als die meisten seiner Verehrer, teilte er ihre inhaltliche Gegnerschaft zum «Aberglauben», zu den Klöstern und vor allem zum Jesuitenorden. Der aus dem Freiämter Bauerndorf Sarmenstorf stammende Vock hat 1816 anonym ein Buch herausgegeben, das eine Brücke bildete zwischen katholischer Aufklärung und Kulturkampf: Der Kampf zwischen Katholizismus und Papsttum im 15. Jahrhundert. Seine Hauptthese lautete, dass der Hauptgegensatz innerhalb einer «verunstalteten Kirche» nicht zwischen den Konfessionen, sondern zwischen der wahren katholischen Tradition und den Machtansprüchen Roms gelegen hatte. Es war Vock, der 1821 den ebenfalls in Sarmenstorf aufgewachsenen Augustin Keller zwecks Vorbereitung auf die Kantonsschule an das vom liberalen Priester Christophor Fuchs geleitete Gymnasium im Toggenburg vermittelt hatte. Mit Wessenberg hatte Vock einen regen Briefkontakt, in dem mit Vorliebe gegen die Jesuiten gewettert wurde.

Wie tief die Geistlichkeit gerade in dieser Frage gespalten war, beschreibt der Luzerner Jungkonservative Philipp Anton von Segesser Ende 1844 in einem Brief an den Berner Gesinnungsfreund Eduard Blösch: «Die beiden Fraktionen derselben befeindeten sich ohne Rücksicht auf ihre gemeinsame Bestimmung seelsorglichen Wirkens auf die unsinnigste Weise.» Im gleichen Schreiben erklärt Segesser die Jesuitenberufung mit der priesterlichen Dissidenz: «Ursprünglich ging die Anregung der Frage meines Erachtens aus einem, ich möchte sagen, instinktartigen Gefühl, dass man heterodoxer Tendenzen unter einem Teile unserer Geistlichkeit nicht Meister zu werden vermöge, hervor.» Dass die Freisinnigen an der Schicksalsabstimmung vom 2. Mai 1847 im st. gallischen Bezirk Gaster auch deshalb erfolgreich waren, weil ihr Einzug in die Landsgemeinde von drei regional verankerten Priestern angeführt wurde, hatte sowohl reale wie symbolische Bedeutung. Dank dem für viele überraschenden Sieg gewannen die Radikalen die Mehrheit im St. Galler Grossrat und damit die nötige zwölfte Standesstimme zur Auflösung des Sonderbunds. Und: Wäre der katholische Klerus vor 1848 ebenso geschlossen ultramontan gewesen, wie er es nach der päpstlichen Unfehlbarkeitserklärung 1871 geworden ist, wäre es kaum zur Gründung eines Schweizer Nationalstaats gekommen. Die Chance, die der Völkerfrühling von 1848 bot, hat sich kein zweites Mal ergeben.3

Katholische Radikale

Eng verbunden mit den überdurchschnittlich gebildeten und belesenen freisinnigen Geistlichen waren deren katholische Gesinnungsgenossen in den Behörden und Bewegungen. Die katholischen Radikalen stellten während des langen Kulturkampfs in Solothurn ununterbrochen und im Tessin während der längsten Zeit die politische Führung, in St. Gallen und im Aargau dessen Mehrheit. Auffällig stark war auch die katholische Präsenz in den freisinnigen Führungsorganen der Kantone Baselland und Thurgau. Der Hauptgründer des radikalsten aller Kantone, des grossmehrheitlich protestantischen Basellands, war der Birsecker Stephan Gutzwiller, der den Kanton später im Nationalrat vertrat. 1851 konnten protestantische Kreise im letzten Moment verhindern, dass alle drei, selbstverständlich freisinnigen, Bundessitze an Katholiken fielen. Der nationalrätliche Hauptsprecher der Totalrevision der Bundesverfassung während des Jahres 1873 war der Thurgauer Josef Fridolin Anderwert, der 1876 Bundesrat wurde. Sogar im Kanton Luzern stellten radikalliberale Katholiken die Mehrheit der politischen Kader der 1830er-, 1850er- und 1860er-Jahre. Und in klerikal beherrschten Gegenden wie dem Freiamt und dem Jura waren die weltlichen Gebildeten mehrheitlich liberal und radikal.

Die Grösse und Stärke der freisinnig-katholischen Elite sind umso erstaunlicher, als deren Gebiete gegenüber den protestantischen mit einem erheblichen Bildungsrückstand ins 19. Jahrhundert eingetreten waren. Das innerkatholische Bildungsgefälle zwischen liberalen und konservativen Politikern, das noch grösser war als beim Klerus, fand einen Ausdruck im Umstand, dass vier der intellektuellen Köpfe des ultramontanen Sonderbunds bis tief ins Erwachsenenalter Radikal-Liberale (Konstantin Siegwart-Müller, Gallus Jakob Baumgartner, Christophor Fuchs) oder Liberale (Bernhard Meyer) gewesen waren.

Die Mehrheit der katholischen Freisinnigen der Regenerationszeit und des jungen Bundesstaates stammte aus bescheidenen Verhältnissen und aus ehemaligen Untertanengebieten und wurde in ihrer Jugend von den Ideen der Aufklärung, des Idealismus und des Liberalismus nachhaltig geprägt. Die meisten haben ihre Studien in den 1820er- und 1830er-Jahren an aufgeschlossenen Universitäten wie Tübingen, Freiburg, Würzburg, Jena, Breslau absolviert. Fast alle waren in ihrer Jugend religiös sehr aktiv gewesen, etliche wollten zuerst Priester werden, die meisten sind dank fortschrittlichen Geistlichen mit der Aufklärung in Kontakt gekommen. So hatte der spätere Freischarenführer und Nationalratspräsident Robert Jakob Steiger seine politische Laufbahn begonnen mit der «Bibelverbreitung» im Luzernischen, einer «umfangreichen Aktion» mit antijesuitischer Stossrichtung. Für Augustin Keller, den wohl bedeutendsten Kulturkämpfer, bildete die Konstanzer «Wallfahrt», die ihn als 16-Jährigen gemeinsam mit seinem Griechischlehrer Christophor Fuchs zu Wessenberg, in den Konzilssaal und an die Todesstätte von Johannes Hus führte, zu seinen prägendsten Jugenderlebnissen. Derselbe Keller hat ein paar Jahre später den gängigen Vorwurf, die Reformkatholiken seien «reformierte Namenskatholiken» mit folgendem Bekenntnis gekontert: «Denn ich muss gestehen, so sehr ich den Aberglauben und die Bilderverehrung hasse, so bin ich doch noch so gut katholisch, dass ich die ganz kahlen Kirchen um den Tod nicht leiden kann, und oft stundenlang vor einem bescheidenen Seitenaltare andächtig stehe, wenn mich ein seelenvolles Gemälde so eigentlich anspricht.» Josef Munzinger, der Kopf des Solothurner Freisinns, hatte drei Tanten, die in aargauischen Klöstern Nonnen waren.4

Liberal-katholische Basis

Im 19. Jahrhundert hatte ein knappes Drittel der Katholiken, in den meisten Städten deren Mehrheit, eine liberale Gesinnung. Gemäss dem Parteiforscher Erich Gruner fand die «freisinnige Linke» im jungen Bundesstaat in ihren «Hauptvertretungsgebieten» durchschnittlich 34,4 Prozent Katholiken und 65 Prozent Protestanten vor. Selbst wenn der katholische Anteil in der «freisinnigen Grossfamilie» (samt «demokratischer Linken» und «liberaler Mitte») etwas tiefer liegen dürfte, ist die Abweichung vom Bevölkerungsdurchschnitt von 41 Prozent Katholiken und 59 Prozent Protestanten viel geringer als gemeinhin angenommen wird. Was die freisinnigen von den konservativen Katholiken abgesehen von einer gegensätzlichen Weltanschauung unterschieden hat, ist schwach erforscht. Zuerst einmal spielen bei ideologischen Fragen persönliche Haltungen eine viel stärkere Rolle als bei materiellen. So erklärt sich, dass viele Familien in Liberale und Konservative gespalten waren. Julius Salzmann, der Führer des ersten Freischarenzugs, war Neffe des amtierenden Bischofs Joseph Anton Salzmann. Karl Joseph Pankraz Morel, einer der zahlreichen katholischen Köpfe des St. Galler Radikalismus, war Neffe des ultramontanen Einsiedler Stiftsbibliothekars P. Gall Morel. Die Führer der beiden Birsecker Katholizismen im jungen Bundesstaat waren die zwei Brüder Feigenwinter, der freisinnige Niklaus und der ultramontane Xaver.

Auffällig stark waren die freisinnigen Katholiken in den neuen aus Untertanengebieten entstandenen Kantonen Tessin, St. Gallen, Aargau, Thurgau, Baselland. Allein aus der Untertanenschaft lässt sich das nicht erklären, waren doch das Freiamt, das Schwarzbubenland, das Luzerner Hinterland oder der Jura sehr konservativ. Ein Grund für die freisinnige Stärke in den neuen Kantonen liegt im Fehlen einer historisch verwurzelten Elite, was den Sturz der Restaurationsregimes um 1830 einfacher machte. Diese Schwäche betraf auch die Kirche, die ihre Stärke aus der Nähe zu den weltlichen Herrschaften bezogen hatte. Die prekären Machtverhältnisse trafen sich mit provisorischen Kirchenorganisationen. So war St. Gallen 1823 gegen den Willen praktisch aller Katholiken vom Papst mit dem Bistum Chur vereinigt worden, was den Liberalen viel Stoff für Kritik, nicht zuletzt an Rom, lieferte. Das Bistum Basel war 1828 nur mit Hilfe der Kantonsregierungen von Solothurn, Aargau, Luzern, Zug, Thurgau, Basel und Bern zustande gekommen. Das eröffnete den späteren liberalen und radikalen Behörden einen erheblichen kirchenpolitischen Spielraum. Das Tessin gehörte gegen den eigenen Willen den Bistümern Mailand und Como an, was umso brisanter war, als diese in die österreich-habsburgische Herrschaft eingebunden waren. Im Tessin und in Genf, wo die Mehrheit der Katholiken die Radikalen gegen das kalvinistische Establishment unterstützte, hatte die italienische Nationalbewegung einen erheblichen Einfluss. Eine Besonderheit der neuen Kantone Aargau, St. Gallen, Thurgau und Baselland war, dass sie konfessionell gemischt waren. Das hatte für die freisinnigen Katholiken zwei Vorteile. Erstens konnten sie hier ihr Bundesziel eines überkonfessionellen Gemeinwesens konkret verfolgen, beispielsweise indem sie jegliche konfessionelle Trennung bekämpften. Und zweitens hatten sie in den protestantischen Freisinnigen, die innerhalb ihrer Konfession meistens in der Mehrheit waren, eine oft entscheidende Unterstützung.5

Welche Rolle spielten Wirtschafts- und Sozialstrukturen für die Schwäche oder Stärke des katholischen Freisinns? Vor 1848 gab es – im Unterschied zur protestantischen Schweiz – kein katholisches Gebiet, das breiter industrialisiert und proletarisiert war. Auch Solothurn stand erst vor seinem grossen Sprung nach vorn. Allerdings waren die wenigen Orte, in denen es Industrie gab, liberal, selbst wenn sie sich wie das Freiämter Strohindustrie-Dorf Wohlen oder das zugerische Unterägeri mit seinen Spinnereien in klerikal geprägter Umgebung befanden.

Zwei Beobachtungen über die Kantone Luzern und Solothurn, eine soziogeografische und eine sozioprofessionelle, bestätigen einen aufschlussreichen Befund aus Frankreich, der hier eingangs vorgestellt werden soll. Das ländliche Frankreich zerfiel bei den Parlamentswahlen 1849 in «weisse», eher nördliche, und «rote», eher südliche Regionen, die sich bis in die 1960er-Jahre – unabhängig von allen zwischenzeitlichen Veränderungen – treu bleiben sollten. Der Süden unterschied sich vom Norden durch zwei Faktoren: Das Machtgefälle unter den Bauern war kleiner und die gesellschaftliche Vernetzung dichter. Christoph Dipper schreibt in einem Beitrag zu «Europa 1848»: «Das Frankreich der eng beieinander liegenden Dörfer und Kleinstädte, wo die Verkehrsbeziehungen seit jeher besonders dicht waren und sich eine spezifische Soziabilität herausgebildet hat», wählte «republikanisch». Die kleinen Leute des Südens wagten etwas, wovor die isolierteren des Nordens zurückschreckten: sich loszusagen «von ihren traditionellen Sprechern, Notabeln und Klerus».

Zu dieser Beobachtung passt eine Luzerner Abstimmung über ein fortschrittliches Zehntengesetz der liberalen Regierung im Jahr 1854, gegen das die Konservativen mit klerikaler Unterstützung eine Volksabstimmung erwirkt hatten. Heidi Bossard-Borner stellt in ihrer ebenso umfassenden wie hervorragenden Luzerner Geschichte Im Spannungsfeld von Politik und Religion Folgendes fest: «Bemerkenswert ist, wie sich politische und ökonomische Geographie überschnitten. Die konservativen Hochburgen […] gehörten mehrheitlich zur Feldgraszone, in der grosse Einzelhöfe die landwirtschaftliche Struktur prägten und wohlhabende Bauern in Politik und Wirtschaft den Ton angaben.» Hier stimmten «die zahlreichen Kleinbesitzer» gegen das in ihrem Interesse erlassene Gesetz, weil sie sich von der Angstmacherei der Grossbauern, die ihre Grundlasten längst losgekauft hatten, und von der Kampagne der Kirche, die das «altbekannte Gespenst der ‹Religionsgefahr› aufgescheucht» hatte, beeindrucken liessen. «In den Gemeinden des nördlichen Dreizelgengebietes dagegen […] deckte sich der liberale Parteistandpunkt mit den Interessen der zahlreichen Kleinbesitzer.» Hier war das soziale Gefälle geringer, die soziale Dichte höher und der Mut zu einer eigenständigen Position grösser. Verstärkt wurden diese Faktoren, wenn eine dichte soziale Vernetzung über die Konfessionsgrenze hinausging. Hier dürfte der Grund liegen, dass die an die Kantone Bern und Aargau grenzenden Dörfer Wikon, Reiden und Triengen zuverlässigere Bastionen des Freisinns waren als Luzern und Willisau-Stadt.

Der Solothurner Historiker Remo Ankli hat aufgrund von erhalten gebliebenen Unterschriftenbogen aus dem Jahre 1873 zugunsten der klosterfeindlichen Pläne der freisinnigen Regierung das berufliche Profil von Land-Freisinnigen untersucht. Er hat von den 22 Gemeindelisten der zwei Bezirke Dorneck und Thierstein jeweils die 10 Erstunterzeichner, also die überzeugtesten Parteigänger, ausgewählt. Da das Schwarzbubenland die einzige Solothurner Region mit konservativer Mehrheit war, konnte der Autor davon ausgehen, dass der Anteil von Opportunisten und Karrieristen bei den Untersuchten tief war. Von den 194 leserlichen Unterschriften sind 68 Landmänner, was Landwirt oder Landarbeiter heissen kann. Damit liegen die liberalen Bauern etwa zehn Prozent unter dem Bevölkerungsanteil ihres Wirtschaftszweigs. Übervertreten sind Kleinhändler, Wirte, Handwerker, Lehrer und Beamte. All diese Berufsleute haben gemeinsam, dass ihr soziales Netz dichter und weiter ist als das der anderen Bürger. Besonders stark trifft das auf die Beizen und Spelunken zu, in denen häufig die Parteizeitung auflag. Rudolf Braun hat bereits für die Helvetik festgestellt, dass Gasthäuser politische Orte und Wirte häufig liberale Kader waren. Laut seinem Professoren-Kollegen Hansjörg Siegenthaler galt das für «die neue Profession der regenerierten Lehrerschaft», die «wohl erstmals in der Geschichte […] den Pfarrherren» entgegentrat, erst recht.6

Regeneration und Sonderbünde

Die Regeneration, die 1830 die Hälfte der Kantone und zwei Drittel der Bevölkerung erfasste, wurde nicht nur durch die französische Juli-Revolution ausgelöst. Einen erheblichen Einfluss hatte die vorausgegangene Umwälzung im Tessin. Deren intellektueller und politischer Kopf war der ehemalige Priesterseminarist und spätere Bundesrat Stefano Franscini. Auch in anderen Kantonen spielten radikal-liberale Katholiken eine Schlüsselrolle. In St. Gallen war es Gallus Jakob Baumgartner, in Luzern Kasimir Pfyffer, in Solothurn Munzinger und im 1833 gegründeten Baselland Gutzwiller. Einen anfänglich grossen Einfluss übten weiter der Jurassier Xavier Stockmar, der im Aargau lebende und lehrende Luzerner Philosoph Ignaz Paul Vital Troxler und der Zuger Landammann Georg Joseph Sidler aus.

Da die katholischen Landsgemeindekantone sich weigerten, die eidgenössische Gewährleistung der liberal-demokratischen Kantonsverfassungen auszusprechen, in Neuenburg ein Volksaufstand niedergeschlagen wurde, in der Stadt Bern Aristokraten einen Komplott gegen die liberale Kantonsregierung schmiedeten und die Bestrebungen für eine Regeneration des Bundes insbesondere im Klerus auf grossen Widerstand stiessen, schlossen die Vororte Luzern, Zürich und Bern mit den vier anderen regenerierten Deutschschweizer Kantonen Solothurn, St. Gallen, Aargau und Thurgau im März 1832 das sogenannte Siebnerkonkordat. Das unter der Leitung von Kasimir Pfyffer entstandene «Condordat über Garantie der Verfassungen» beinhaltete das Versprechen, sich notfalls mit Waffengewalt «Schutz und Schirm zu leisten». Auch wenn das Siebnerkonkordat im Unterschied zu dem elf Jahre später gegründeten katholischkonservativen Sonderbund keine gemeinsame Militärführung hatte, war es ein erster – liberal-säkularer – Sonderbund.

Die Urkantone Uri, Unterwalden und das «alte» Inner-Schwyz, von dem sich im April 1832 das «neue» Ausser-Schwyz abgespalten hatte, und die beiden Stände Neuenburg und Basel, das um Baselland kämpfte, gründeten kurz darauf in Sarnen den ersten konservativen Sonderbund. Der sogenannte Sarnerbund, der bereits Ende 1831 vorbereitet worden war, ging einen Schritt weiter als der liberale. Er boykottierte die Tagsatzung und führte eigene Gegen-Tagsatzungen durch, was laut Edgar Bonjour «die Gesamteidgenossenschaft zu sprengen drohte». Das Bündnis aus katholischen Landsgemeinden und protestantischen Patriziaten hatte zwei Kernziele: Verhinderung der Kantonstrennungen in Basel und Schwyz und Bewahrung des Bundesvertrags von 1815. Dieser hatte aus den Kantonen wieder eigenständige Staaten gemacht, was zur Folge hatte, dass er nur mit der Einwilligung jedes einzelnen Mitglieds revidiert werden konnte. Gleichzeitig hatte der päpstliche Nuntius 1814 eine Bestimmung durchgesetzt, die den Klöstern ihre Existenz garantierte. Da der fragliche Artikel 12 dem Prinzip der Kantonssouveränität widersprach, bildete er das schwächste Glied in der restaurativen Kette von 1815.

Aufschlussreich ist, dass bereits die Basler und Schwyzer Trennungswirren die Eidgenossenschaft unabhängig von der Konfessionsfrage in eine neue und eine alte Schweiz gespalten hatten. Der verbalradikalste Gegner von Basel-Stadt und Freund von Baselland war der St. Galler Landammann Baumgartner: «Delenda est Carthago – Im Interesse des Vaterlands» lautete seine Parole. Basel-Stadt wurde besonders stark von der konservativ-protestantischen Neuen Aargauer Zeitung und von dem in der Einsiedler Klosterdruckerei produzierten Waldstätter Boten unterstützt.

Bei der Schwyzer Spaltung spielte die Klosterfrage eine zentrale Rolle. Der im liberalen Ausser-Schwyz gelegene Benediktinerstift wehrte sich für die konservativen Alt-Schwyzer, unter anderem weil die Neu-Schwyzer die Klöster unter die Oberaufsicht des Staates stellen, sie zur Bezahlung von Beiträgen verpflichten, deren Schule für alle öffnen und der Aufsicht des Erziehungsrats unterstellen wollten. Der Klosterabt liess in den von seinen Mönchen betreuten Pfarreien das Volk vor der Annahme der neuen Ausser-Schwyzer Verfassung warnen. Wenn die schweizerischen Katholisch-Konservativen den neuen «Kanton Schwyz äusseres Land» als «antiklösterliche Allianz» betrachteten, lagen sie nicht ganz falsch. Einer der geistlichen Hauptgegner des Klosters in Einsiedeln selbst war der freisinnige Priester Robert Kälin, ein aktives Mitglied der Helvetischen Gesellschaft. Nach dem Ende des liberalen Ausser-Schwyz wurde er Pfarrer an der Zürcher Augustinerkirche. Diese Stellung benützte er zwölf Jahre später zugunsten der Befreiung des zum Tode verurteilten Steiger aus dem Luzerner Kesselturm.7

Sönderung in St. Gallen

Neben der Sonderbundsfrage prägten auch die mit dieser verknüpften Religions- und Kirchenfragen die Regeneration praktisch von Beginn an. Dass deren «Anfänge» von der «Konfessionalisierung» noch nicht betroffen gewesen seien, wie es auch Peter Stadler in seinem Standardwerk Der Kulturkampf in der Schweiz schreibt, ist deshalb doppelt falsch. Erstens ging es, wie eingangs erklärt, nicht um konfessionelle, sondern um ideologische Konflikte. Und zweitens stiessen, wie die St. Galler Verfassungsdebatte vom Frühjahr 1831 deutlich zeigt, die beiden katholischen Lager in den Kirchen- und Religionsfragen sofort und heftig zusammen. Am umstrittensten war die 1814 erfolgte Teilung des 1803 als Rechtsnachfolger des fürstäbtischen Stifts entstandenen Kantons in zwei autonome Konfessionsverwaltungen. Die sogenannte Sönderung hatte auch eine materielle Basis, weil ein Teil des Stiftsvermögens den Katholiken als konfessionelles Gut zugesprochen worden war. Da es nicht, wie ursprünglich gefordert, zur Förderung der Primarschulen den Gemeinden verteilt worden war, blieb es zusammen. Dies machte den zuständigen katholischen Administrationsrat laut Baumgartner zu einem «Staat im Staat», der den Kanton «zu einem ohnmächtigen Scheinstaat herabgedrückt» habe.

In seinem im Oktober 1830 nach einer Volksversammlung verfassten Reformprogramm forderte der Kopf der St. Galler Regeneration die «Wiedervereinigung beider Konfessionen zu einem Ganzen, unter einem und demselben Staatsoberhaupt, dem Gr. Rat, und einer ungeteilten vollziehenden und administrativen Gewalt im Kl. Rat». Kurz zuvor hatte der einer einfachen Bauern- und Handwerkerfamilie im Rheintal entstammende Baumgartner seinem Luzerner Gesinnungsgenossen Kasimir Pfyffer bezüglich der Verfassungsrevision geschrieben: «Die Sönderung beider Konfessionen und die Parität muss niedergedrückt werden; das ist das Wesentliche, für Anderes gebe ich nicht viel, und jenes ist wirklich eine schwierige Aufgabe.»

Für die Lösung dieser Aufgabe holte sich Baumgartner vor allem bei Geistlichen Rat. Die wichtigsten beiden waren Josef Anton Sebastian Federer und Felix Helbling. Federer war 1821 vom Administrationsrat als Leiter des katholischen Gymnasiums St. Gallen entlassen worden und wirkte nun in ähnlicher Funktion im liberalen Baden. Der aus Rapperswil stammende Helbling gehörte dem reformerischen Priesterkapitel Uznach an und hatte zusammen mit Joseph Anton Henne, einem weltlichen Liberal-Katholiken, die Bildung des Verfassungsrats durchgesetzt. In diesem kämpften die beiden gemeinsam mit Baumgartner für die Übertragung aller konfessionellen Fonds an den Kanton und die Aufhebung der «Sönderung». Allerdings blieben die Liberalen chancenlos, weil die neue dritte Kraft, die (Direkt-)Demokraten, die Konservativen unterstützten, obwohl die paritätische Wahl des Parlaments oder die konfessionell getrennte Verwaltung des Ehe- und Schulwesens der Volkssouveränität widersprach. Felix Kolumban Diogg, gemeinsam mit Henne Vater des schweizweit ersten Volksvetos, war dagegen, die «Souveränität» des Volkes «über die Kirche, über die göttliche, geoffenbarte Religion» auszudehnen. Baumgartner entgegnete, das Volk sei zwar nicht über die Kirche Gottes, die für ihn etwas Geistiges war, aber über die menschlich-kirchlichen Behörden souverän.

Für die von Henne vorgeschlagene und am wortreichsten von Helbling unterstützte Religionsfreiheit auch für Nichtchristen, insbesondere Juden, stimmten nur 20 Verfassungsräte, mehrheitlich Radikal-Liberale. Regierungsrat Dominik Gmür, Kopf der Katholisch-Konservativen, warnte vor allerlei Übeln wie «ganz sonderbare Sekten», «Vielweiberei und andere Greuel» sowie eine «völlige Religionsgleichgültigkeit». Allerdings war der liberale Bundesstaat 17 Jahre später auch nicht fähig, die Glaubens- und Kultusfreiheit auf Nichtchristen auszuweiten. Henne, Autor des berühmten Liedtextes «Lueget vo Bärg und Tal», brachte immerhin das Recht auf Mischehe durch. Der Konservativismus wurde noch nicht vom Ultramontanismus dominiert. Da die Liberalen eine Reihe weiterer Ziele wie Rechtsgleichheit, die Presse-, Gewerbe- und Niederlassungsfreiheit erreichten, setzten sie sich – trotz der Niederlage in der «wesentlichsten» und «schwierigsten» Frage – im März 1831 in der ersten Volksabstimmung in der Geschichte des Kantons erfolgreich für die neue Verfassung ein.8

Folgenreiche Reformpredigt

Wenn St. Gallen in der ersten Hälfte der 1830er-Jahre gemeinsam mit Luzern die bundespolitische Avantgarde-Rolle spielte, lag das wesentlich am Priesterkapitel Uznach mit seinem Zentrum Rapperswil. Der Rückschlag im Verfassungsrat bei den Religionsfragen, für den Baumgartner den konservativen Teil des Klerus verantwortlich machte, stachelte das von radikal-liberalen Geistlichen angeführte Gremium zu einer Grossoffensive an. Zu deren folgenreichem Höhepunkt wurde eine Reformpredigt des Rapperswiler Spitalpfarrers und Professors Alois Fuchs, die dieser auf Einladung des Stadtpfarrers Christophor Fuchs im Mai 1832 gehalten hat. Darin fasste Fuchs, der mit Wessenberg eng verbunden war, das, was katholische Aufklärung in der Schweiz der 1830er-Jahre bedeutete, zusammen. Unter dem Titel Ohne Christus ist für die Menschheit kein Heil in der Kirche und im Staate stellte er die «republikanischen» Werte der «Freiheit und Gleichheit» als die «ewige Grundlage» des Christentums vor. Aber nun drohte die Kirche zur «schalen, toten Form» zu werden. Ein Grund lag im Verschwinden der Synoden und Konzilien «aus Regierungssucht von einer Seite und aus serviler Kriecherei und unverzeihlicher Schlaffheit auf der anderen Seite». Damit waren das Papsttum und die Bischöfe gemeint. In Anlehnung an die politische Regeneration plädierte Fuchs für die Wiedereinführung von Diözesan- und Nationalsynoden sowie ökumenischer Konzilien. Weiter prangerte Fuchs den Pflichtzölibat an und kritisierte das «geistlose Formelwesen» und die «mechanische Abrichtung» in der Liturgie und bei den Prozessionen.

Genau wie die Kirche einen «Mittelpunkt» brauche, um nicht «in hundert Theile zu zerfallen», wie das den «andern Konfessionen» passiert, brauche auch die Schweiz einen «Centralpunkt». Solange sie «keine Republik» sei, gäbe es «in der Schweiz keine Schweiz», solange «werden wir nie Schweizer, nie glücklich» sein. Diesem patriotischen Bekenntnis folgt eine saftige Polemik gegen «Geistliche, die bei einer Bundesregierung Religion und Kirche, Freiheit und Vaterland in Gefahr glauben». Diese «kennen nicht die ewigen Forderungen der Vernunft und des Christentums, die am Ende […] sich doch realisieren werden und müssen. Und wenn sie zum Bürgerkrieg auffordern […], so begehen sie ein Verbrechen, das durch ihre Verblendung denn doch nie hinlänglich entschuldigt werden kann».

Die Predigt ist unter dem zahlreich erschienenen Publikum nicht bei allen gut angekommen. Fuchs wurde denunziert und Grossrat Diogg reichte bei der zuständigen Staats- und Kirchenstelle unverzüglich Klage ein. Vor allem zwei Zitate aus der Predigt, die Diogg selbst nicht gehört hatte, gerieten diesem in den falschen Hals: «Bald werden Lutheraner, Katholiken und Reformierte einig sein.» Und: «Das Cölibat soll aufgehoben werden.» Um den ersten Satz zu dementieren und um die Argumente zu vertiefen, wurde die Reformpredigt, angereichert mit vier umfassenden Beilagen, als Broschüre veröffentlicht.

Die umfassendste Gegenschrift mit dem Titel Der Grosse Abfall stammte vom Einsiedler Mönch Pirmin Pfister. Sie wurde über den ganzen Sommer 1832 von den Konservativen massiv verbreitet. Mit dem Titel meinte Pfister die Französische Revolution und alle ihr folgenden Umwälzungen, welche die «Ankunft des Antichrist» ankündigen. Auch die Grundlagen der Regeneration bestehen darin, «dass alle Rechte und Gewalten nicht von Gott, sondern nur vom Volk ausgehen». Ganz unbegreiflich ist dem apokalyptisch gestimmten Mönch «die Blindheit katholisch sein wollender Geistlichen, die in der gegenwärtigen Verkehrung aller Begriffe des Rechts die Morgenröte glücklicher Tage sehen wollen».

Alois Fuchs antwortete im November mit der Broschüre Der grosse Abfall vom Vaterland und die Rückkehr zu ihm. Darin warb er insbesondere gegenüber den Urschweizern für eine Bundesverfassung und ein schweizerisches Erzbistum. Ein besonderes Augenmerk widmete der in Schwyz aufgewachsene Fuchs den «Heimatlosen», den «von einem Kanton in den andern gejagten Mitmenschen und Ebenbildern Gottes». Von den vielen positiven Reaktionen, die Fuchs erhielt, sticht die von Siegwart-Müller, damals noch Landesfürsprech in Altdorf, heraus. Dem Angebot, ein Dutzend Exemplare im Urnerland zu verkaufen, fügte dieser die Aussage bei: «Die Pfaffheit erstickt jedes Erwachen des Geistes und des Gemüts. Uri wird und muss eine rohe Herde werden. Die Moralität ist durchaus verfallen.»

Kurz nach Fuchsens Predigt und nach Pfisters Antwort veröffentlichte der neue Papst Gregor XVI. am 15. August 1832 seine Antritts-Enzyklika Mirari vos. Das zu einem Klassiker der Gegenaufklärung gewordene Dokument, das alle modernen Grundsätze wie die Pressefreiheit, die Volkssouveränität und das Völkerrecht verdammte, die Gewissensfreiheit als «Delirium» anprangerte, die Bücherverbrennungen lobend erwähnte und die Einheit von Thron und Altar beschwor, richtete sich primär gegen liberale Priester. Wessenberg machte in einer 1833 anonym erschienenen Schrift die Feststellung, der Papst müsse so von den um ihre Freiheit ringenden Völkern «als ein Verbündeter des Absolutismus» angesehen werden.

Ein Jahr nach der Enzyklika verurteilte und verbot der Papst in einem Breve die Predigt von Alois Fuchs und Vocks neu aufgelegte Schrift über den «Kampf zwischen Papsttum und Katholizismus». Die beiden späteren Ultramontanen Baumgartner und Siegwart-Müller reagierten auf die Indexierung mit «Los-von-Rom»-Losungen. Der St. Galler Politiker schrieb dem Zürcher Bürgermeister Johann Jakob Hess: «Wer klug ist, wird wissen, dass es eigentlich nie anders werden kann, bis man sich von Rom auf gut zwinglisch lossagt.» Und Siegwart-Müller teilte Alois Fuchs mit, dass die kirchliche Freiheit in der Schweiz «auf romanischer Grundlage nie gedeihen» werde.

Zwischenzeitlich hatte die bischöfliche Kurie gegen Fuchs ein Inquisitionsverfahren eröffnet und Anfang 1833 acht Stellen der Reformpredigt als «häretisch» verurteilt. Deren Verbreitung wurde «um gegen weitere Gefahr von Irrlehre und Verführung schuldigst zu wachen» verboten. Fuchs erhielt ein doppeltes Berufsverbot, als Priester und als Lehrer. Er fand später eine neue Stelle als Stiftsbibliothekar von St. Gallen.9

Fuchsenhandel in der Tagsatzung

Die Repression gegen Fuchs löste im Frühjahr 1833 heftige Reaktionen aus, zuallererst in Rapperswil. 88 Konservative, unter ihnen der Demokrat Diogg, gelobten der Inquisitionsbehörde, «dass wir als katholische Christen zutrauungsvoll ihre gerechten Beschlüsse immer achten» wollen. Einen Tag später legten 128 Rapperswiler Laien mit ihrer Unterschrift «Zeugnis für Herrn Prof. Fuchs» ab. Der Anstoss für diese Aktion war von Baumgartner gekommen, der von Fuchsens Priesterkollegen an der Tagsatzung in Zürich aufgesucht worden war.

Die gesamtschweizerische Solidaritätsbewegung mit Fuchs war überwältigend, insbesondere seitens der liberalen Geistlichkeit. Was die Laien-Petitionen betrifft, stammte die gewichtigste aus dem Kanton Luzern. 120 Persönlichkeiten, unter ihnen Grossrat Steiger und der damalige Deutsch- und Lateinlehrer sowie spätere Klosteraufheber Augustin Keller, hatten ihre Unterschrift unter eine von Siegwart-Müller verfasste Erklärung gesetzt. Der kurz zuvor von Altdorf nach Luzern gezogene Staatsschreiber hatte geschrieben, dass «jenes Verdammungsurteil […] das erwachende Volk in die Fesseln des Aberglaubens und der Knechtschaft zu schmieden sucht».

Aber auch protestantische Freisinnige meldeten sich zu Wort. Eine gut gemeinte Reaktion löste allerdings eine geharnischte Reaktion von fortschrittlich-katholischer Seite aus. Der Zürcher Johann Jakob Reithard, Herausgeber des in der Gessnerschen Buchhandlung erscheinenden Republikaner-Kalenders, hatte angekündigt, in der Nummer für das Jahr 1834 Alois Fuchs als «Luther der Schweiz» zu würdigen. In der radikalen Monatsschrift Schweizerblätter protestierte dessen Freund Henne heftig dagegen: «Keiner, der das katholische Volk vorwärts bringen will und weiss, wie viel Sorge dies kostet, wird so was gutheissen.» Das sei «wirklich das sicherste Mittel, diesen Märtyrer im Auge des katholischen Landmannes für immer wirkungslos und verloren zu machen». Im Republikaner-Kalender erschien dann eine Karikatur von Martin Disteli mit dem Titel «Prof. A. Fuchs vor dem Ketzergericht». Es war die erste bedeutende Zeichnung des katholischen Radikalen aus Olten.

Ein besonderes Gewicht fand die vom St. Galler Federer in seinem Badener Exil verfasste und von Aargauer Geistlichen unterzeichnete Petition, weil sie an der Tagsatzung vom 15. April thematisiert wurde. Die Bittschrift bezeichnete «des Professors Fuchs Verdammung» als einen «aus vielen Versuchen», die Schweiz wieder zu einem «Untertanenland der Nuntiatur» zu machen. Die Schlussworte passen bestens zur Rapperswiler Reformpredigt: «Unterzeichnete nennen sich Katholiken aus Überzeugung, huldigen aber einem reinen Katholizismus. […] Wir sind in der Zeitenwende angelangt, wo die Mündiggewordenen der zivilisierten Völker einsehen, dass ohne Emanzipation vom veralteten Formenwesen der christlichen Kirchen die bürgerliche Freiheit nicht behauptet werden kann.» In der Tagsatzungsdebatte zum sogenannten Fuchsenhandel legten sich der Fricktaler Joseph Anton Fetzer, Kasimir Pfyffers Bruder Eduard und Gutzwiller besonders ins Zeug. Der Basellandschäftler gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass die freie Umgestaltung der Schweiz auch eine Erneuerung der kirchlichen Verhältnisse hervorrufen werde.

Bei den folgenden St. Galler Grossratswahlen vom 5. Mai 1833 errangen die Liberalen, insbesondere die Radikalen, einen überwältigenden Erfolg. Laut Baumgartner war sein Wahlsieg auf die monatelange Agitation gegen Kurie und Konservative zurückzuführen. Eine Folge war, dass der ultramontane Gmür in der Exekutive durch den katholischen Radikalen Helbling ersetzt wurde. Der kurz zuvor ebenfalls aus dem (kirchlich dominierten) Schuldienst entlassene Priester war, wie der Schweizerische Republikaner am 11. Juni 1833 stolz verkündete, «der erste und einzige katholische Geistliche in einer Regierung der deutschen Schweiz». Für die überkantonale Kirchenpolitik gewannen die St. Galler Wahlen eine grosse Bedeutung, weil sie den radikal-liberalen Politikern und Priestern den Mut zu jener Badener Konferenz verlieh, deren Artikel sich als übermütig erweisen sollten. Der St. Galler Wahlsieg auch in der katholischen Bevölkerung hatte die Hoffnung genährt, deren Mehrheit sei nachhaltig für den Liberalismus zu gewinnen.10

Konservativer Klerus gegen Bundesreform

Die wichtigsten Gegner der freisinnigen Geistlichen waren die konservativen Amtsbrüder. Ihren ersten grossen Einfluss auf überkantonaler Ebene entfaltete der reaktionäre Klerus im Kampf gegen die Bundesreform in den Jahren 1832 und 1833. Der ursprüngliche Anstoss zur Verwirklichung dieses liberalen Herzensanliegens war aus der Versammlung der Helvetischen Gesellschaft vom Mai 1831 gekommen. Dort hatten der Zuger Sidler, der Luzerner Kasimir Pfyffer, der Solothurner Munzinger und der Zürcher Ludwig Keller beschlossen, dafür zu sorgen, «dass bei nächster Tagsatzung die Verbesserung des Bundesvertrags zur Sprache gebracht werde». Nachdem ein erster Entwurf Baumgartners abgelehnt worden war, wurde der Genfer Pellegrino Rossi, der die zuständige Tagsatzungskommission präsidierte, beauftragt, einen zweiten zu verfassen. Der gebürtige Italiener Rossi, der in Genf Asyl gefunden hatte, war seit der Reformation der erste Katholik gewesen, der in der Kalvinstadt Römisches Recht und Strafrecht dozieren durfte. Aus dem «Rossi-Plan» machte die Tagsatzung im Frühjahr 1833 die «Bundesurkunde».

Die «Bundesurkunde», die auch von Radikalen wie Troxler oder Henne bekämpft wurde, weil sie ihnen zu wenig weit ging, wurde letztlich vom ultramontanen Klerus gebodigt. Besonders aufschlussreich war die Auseinandersetzung im Kanton Zug, wo die tonangebenden Konservativen gemässigt waren und die Liberalen mit Sidler über eine Persönlichkeit verfügten, die mindestens in Bundesangelegenheiten ihre Minderheitenstellung zu kompensieren vermochte. Diesmal aber war Sidler erstmals mit der organisierten Macht der Geistlichkeit konfrontiert. Und diese war im Unterschied zu den Nachbarkantonen Luzern und Aargau praktisch geschlossen antiliberal. Nachdem die Stimmung im Kanton Zug laut Neue Zürcher Zeitung (NZZ) bis Ende 1832 die «günstigste» für die Bundesreform war, startete das kantonale Landkapitel eine Gegenkampagne. Es lancierte eine Petition an den Landrat, die von mehr als der Hälfte der Stimmberechtigten unterzeichnet wurde. Auch die Kanzel und die seelsorgerischen Mittel wie die Beichte wurden für die Bodigung der Bundesreform eingesetzt. Kurz darauf beschloss das Kantonsparlament, auf die Revision nicht einzutreten. Sidler selbst wurde darauf von der Landsgemeinde nach 33-jähriger Tätigkeit als eidgenössischer Gesandter abgewählt und ein Jahr später als Landammann – was er seit 1818 abwechselnd gewesen war – nicht mehr gewählt. Nach dem Absturz der Bundesreform schrieb er dem Luzerner Staatsrat Eduard Pfyffer: «Wir haben in der Mehrzahl eine gefährliche Priesterschaft, und die Nähe des Klosters Einsiedeln und Muri wirkt der Verbreitung des Lichts auch hinderlich.»

Was warf der Zuger Klerus der von einem Katholiken verfassten «Bundesurkunde» vor? Zuerst einmal etwas Weltanschauliches: dass es ihr «unwidersprechlich an jener christlichen Grundlage und jenem ächt religiösen Sinn und Geist gebricht, welche einzig dem Staate Dauer und Haltung, Ruhe und Sicherheit gewähren». Dann etwas Moralisches: Der Wegzug der Rekruten in andere Gebiete bedrohe «den religiösen Sinn und die Moralität unserer heranwachsenden Landesverteidiger». Schliesslich etwas Staatspolitisches: Das freie Niederlassungsrecht ermögliche die unerwünschte Einwanderung von Reformierten und Juden. Dies wiederum stelle das «römisch-katholische Glaubensbekenntnis» als «Religion des Kantons Zug» infrage. Bereits zuvor hatte die Priesterschaft die Forderung gestellt, «dass zu keiner Zeit eine akatholische Kirche, noch eine akatholische Schule im Kanton Zug eingeführt werden dürfe». 1844 sollte sich im Kanton Zug das gleiche Szenario wie 1833 wiederholen. Noch im Sommer 1843 lehnten die gemässigt konservativen Regierungsmitglieder das Mitmachen an der Geheimkonferenz von Bad Rothen, wo der Sonderbund beschlossen wurde, ab. Im Januar 1844 lancierte das Landkapitel eine Petition, in der die Politiker «dringend» gebeten wurden, sich zur Wahrung der «Gnadenquellen und Segnungen des heiligen Glaubens» den «katholischen Schweizerkantonen» anzuschliessen. Ein paar Tage später stimmten die meisten Konservativen im Landrat für den Beitritt zum Sonderbund. In seinem letzten Kampf, den Sidler in einem Zuger Rat geführt hatte, warf er der Geistlichkeit vor, mit ihrer «Einmischung ins Politische den religiösen Fanatismus anzuzünden».11

Katholische Badener Konferenz

Die Verfolgung der dissidenten Priester und die Bodigung der Bundesreform durch den konservativen Klerus waren die beiden Hauptanlässe für die kirchenpolitische Badener Konferenz, die vom 20. bis zum 27. Januar 1834 dauerte. Dessen geistiger Vater war mit Federer ein Geistlicher und zugleich engster Berater Baumgartners. Die anderen Vordenker waren Alois und Christophor Fuchs, der als «Hoftheologe» von Kasimir Pfyffer galt. Die drei St. Galler Priester hatten sich im Mai 1833 an der in Schinznach stattfindenden Versammlung der Helvetischen Gesellschaft mit etwa 20 weiteren Priestern, davon die Hälfte Solothurner, durch die gemeinsame Unterzeichnung einer «Vereinigungsurkunde» zusammengeschlossen. Darin haben sie sich gegenseitig versprochen, gemeinsam «die Priesterrechte zu schützen» und «ganz besonders aber in den Behörden das kirchliche Interesse zu wecken». Um die Politiker anzuregen und anzutreiben, arbeiteten die beiden Fuchs und Federer für sie je ein Reformprogramm aus.

An der Konferenz, zu welcher der Vorortskanton Luzern eingeladen hatte, waren die sieben teilnehmenden Kantonsregierungen ausschliesslich durch Katholiken vertreten. Zürich schloss sich erst nach der Konferenz deren Beschlüssen an. Der Delegierte von Baselland, das es bei der Gründung der Siebnerkonferenz noch nicht gegeben hatte, war Gutzwiller, der von Bern der Jurassier Franz Vautrey. Die restlichen fünf Kantone hatten je zwei Abgeordnete. Die bekanntesten Köpfe waren neben Baumgartner und Pfyffer der Solothurner Ludwig von Roll, der Aargauer Eduard Dorer, ein Schüler Federers, und der Thurgauer Joseph Anderwert. In seiner Eröffnungsrede erklärte der Schultheiss Eduard Pfyffer, es sei nun der Augenblick gekommen, «wie in politischen so auch in kirchlichen Dingen vorwärts zu schreiten».

Das Ergebnis der Konferenz, die 14 Badener Artikel, ging gegen die kirchliche Hierarchie weniger weit als die priesterlichen Spiritus Rectores vorgeschlagen hatten. Die Hauptforderungen waren die Schaffung eines erzbischöflichen Stuhls in der Schweiz, um so die direkte Verbindung der Bischöfe zu Rom zu kappen. Diesem Ziel diente auch die kantonale Förderung von Synoden. Das «Placet der Staatsbehörden» gegenüber kirchlichen Verlautbarungen bezweckte die liberale Kontrolle über die Kanzel, das damals wohl wichtigste Medium. Aufgrund der Repression gegen dissidente Priester wurde die staatliche Bewilligungspflicht auf kirchliche Urteile ausgeweitet. Weiter ging es um das Recht auf Mischehe, die Verminderung der zahlreichen Feier- und Fasttage, die Aufsicht über die Priesterseminarien, die Besetzung von Pfarrerstellen und die Verwendung der Klöster für soziale Zwecke. Deren Unterstellung unter die Jurisdiktion des Bischofs sollte ebenfalls dazu dienen, die Macht der Kurie über die schweizerische Kirche zu schwächen. Die Abschaffung des kirchlichen Einspracherechts gegen die Besetzung von Lehrstellen bezweckte die Emanzipation des Schulwesens und den Schutz liberaler Lehrkräfte. In den letzten beiden Artikeln garantierten sich die Kantone wechselseitig das Recht, von den Geistlichen den Treueid zu verlangen. Sie versprachen sich, im Konfliktfall gegenseitige Hilfe zu leisten.

Die Badener Artikel waren eine Kombination von josephinischem Staatskirchentum aus dem 18. Jahrhundert, moderner Ausweitung der Individualrechte sowie nationaler Verteidigung gegen Rom. Hinter allem steckte die Hoffnung, den mehrheitlich widerspenstigen Teil der Katholiken doch noch für die Regeneration von Kantonen, Bund und Kirche zu gewinnen. Was der Kirchenhistoriker Victor Conzemius bezüglich der Badener Konferenz schreibt, gilt allgemein für die katholischen Liberalen wie auch Radikalen: «Glaubensfragen wurden nicht berührt.» Auch deshalb stiessen die Artikel anfänglich auf wenig Widerstand. Das zeigt deren deutliche Annahme zuerst im katholischen Grossratskollegium und danach im Grossrat St. Gallen. Auch im Luzerner Parlament wurden sie mit 63 zu 19 Stimmen gutgeheissen. Die Luzerner Geistlichkeit war gespalten. Aufgrund einer konservativen Gegenkampagne wandten sich 48 liberale Priester an den Bischof, dafür zu sorgen, dass die Kirche «in keiner Hinsicht und in keinem Fall hinter den Forderungen der Zeit» zurückbleibe. Darauf bekannten sich 95 Geistliche zum «unerschütterlichen Festhalten» an der «ewigen Wahrheit» der Kirche. In diesen innerklerikalen Streit platzte eine päpstliche Enzyklika, welche die Badener Artikel verurteilte. Die Luzerner Regierung reagierte, indem sie durch den zweiten Staatsschreiber Siegwart-Müller eine umfassende Rechtfertigung der Badener Beschlüsse verfassen liess. Diese wurde vom Papst prompt auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Dessen diplomatischer Vertreter, der Nuntius, verlegte seine Residenz demonstrativ von Luzern nach Schwyz.

Der deutliche Fingerzeig aus dem Vatikan, der für die Mehrheit des Klerus wegweisend war und auch die Bischöfe aus der Reserve lockte, hatte zur Folge, dass Ende 1834 die Badener Artikel in St. Gallen am Volksveto scheiterten. Nachdem der Aargauer Grossrat die Badener Artikel ratifiziert hatte, begann es im Freiamt zu gären, und Ende 1835 wurde es zur Verhinderung von Unruhen militärisch besetzt. In Solothurn liessen sich gemässigte Liberale von der vehementen Opposition aus einem Teil der Bevölkerung derart beeindrucken, dass eine knappe Mehrheit die Badener Beschlüsse desavouierte. In Baselland, das die Badener Beschlüsse unter dem Tempodiktat Gutzwillers Mitte März 1834 als erstes anerkannte, waren die katholischen Parlamentarier hälftig gespalten. Ähnlich war es im Thurgau und in Bern, wo die protestantischen Mehrheiten allein schon deshalb keine Mühe hatten, weil der staatliche Einfluss in ihrer Kirche gang und gäbe war. Allerdings nahm im Kanton Bern der Grossrat unter der Drohung des französischen Königs Louis Philipp, in den Jura einzumarschieren, im Juli 1836 die vier Monate zuvor gefassten Beschlüsse wieder zurück.

Bei den St. Galler Wahlen vom Mai 1835 verloren die Liberalen und Radikalen, was sie zwei Jahre zuvor gewonnen hatten. Es zeigte sich, dass die Kirchenkritiker gewinnen, wenn die Kirche gegen sie wie beim Fuchsenhandel zu hart vorgeht und dass sie verlieren, wenn sie selbst gegen die Kirche zu stürmisch «vorwärts schreiten». Mit dem Scheitern der Badener Konferenz gerieten auch die Siebnerkonferenz und der Liberalismus in eine tiefe Krise.12

Troxler, die Nation und der Kulturkampf

Allerdings zeigten die Mobilisierungen zur Verteidigung des Asylrechts gegen den Druck der ausländischen Mächte in den Jahren 1836 bis 1838, dass die Politisierung und Radikalisierung der liberalen Basis der regenerierten Kantone weiterging. So demonstrierten im Sommer 1836 schweizweit über 50 000 Bürger gegen die unwürdige und anpässlerische Haltung der Tagsatzung. Die grösste und wichtigste aller Versammlungen, die Flawiler, zu der elf St. Galler Freisinnige aufgerufen hatten, forderte gleichzeitig die Schaffung eines schweizerischen Verfassungsrats. Hinter diesem Postulat stand die Schlüsselperson der Asyl- und Nationalbewegung: Ignaz Paul Vital Troxler. In den «Volksgemeinden» für das Asylrecht sah er «das Auftreten einer Nation, die sich selbst konstituiert und organisiert».

Um diese Dynamik in die Zukunft zu retten, gründete Troxler vorzüglich mit ehemaligen Schülern wie den St. Gallern Henne und Curti und dem Aargauer Augustin Keller 1837 eine Kommission zur Ausarbeitung einer Bundesverfassung. Allerdings misslang auch dieser Versuch, eine nachhaltige, die kantonalen Grenzen sprengende Nationalbewegung zu schaffen. Keller wird ein paar Jahre später die Schlüssel für die Lösung des Problems finden: Klosteraufhebung und Jesuitenausweisung. Troxler machte da allerdings nicht mit. Obwohl er ein harter Antiklerikaler war und wie alle auf geklärten Katholiken den Klöstern kritisch und dem Jesuitenorden feindlich gegenüber stand und zudem den Bundesvertrag von 1815 verachtete wie kein anderer, lehnte er den Kulturkampf ab. So hat er als Aargauer Grossrat die Badener Artikel bekämpft und 1839 sogar den konservativ-protestantischen Volksaufstand in Zürich unterstützt.

Troxlers Haltung findet ihre Erklärung in seiner Überzeugung, dass es die Schweiz als Nation im 14. Jahrhundert schon mal gegeben hat und dass es im 19. Jahrhundert bloss um ihre «Wiedergeburt» geht. Deshalb überschätzt er das nationale Bewusstsein, insbesondere das in den Urkantonen. Weil er die spalterischen Folgen der konfessionellen Zweiteilung der Alten Eidgenossenschaft wie auch deren Verschärfung durch den Aufstieg des Ultramontanismus unterschätzt, macht er die Kulturkämpfer für den konservativen Widerstand gegen die Bildung eines Nationalstaats verantwortlich. Die organische Verknüpfung der christlich-eidgenössischen Gründerzeit mit der Regenerations-Schweiz und mit dem christlichen Bundesstaat, die Troxler zum Gegner des Kulturkampfs machte, liess ihn 1865/66 gegen die Judenemanzipation antreten.13

Der protestantische Straussenputsch

Die Krise der Regeneration führte zu einer Stärkung der beiden Konservativismen, des protestantischen und des katholischen. So gab es im Frühling 1839 bei den Tessiner und St. Galler Wahlen einen Rechtsrutsch und im Luzerner Freisinn eine Spaltung. In der liberalen Hochburg Zürich entstand unter Führung eines «Glaubenskomitees» eine mächtige Bewegung gegen die Berufung eines aufklärerischen Theologen an die Universität. Der rationalistische Bibelinterpret David Friedrich Strauss sollte laut dem Zürcher Bürgermeister Conrad Melchior Hirzel mithelfen, über eine «zweite Reformation» die Bevölkerung von «Aberglauben» und «Mystizismus» zu befreien. Die Grundthese Strauss’ berühmten Buches Das Leben Jesu lautete, dass zwischen dem historischen Jesus, der anders war als die Evangelien schildern, und dem trotzdem gültigen Christus-Glauben zu unterscheiden sei. Verschärft wurde der theologisch-politische Skandal durch die sozialen Folgen einer im Kanton Zürich rücksichtslos vorangetriebenen Industrialisierung.

Dem Glaubenskomitee, dessen beide Schlüsselpersonen der Fabrikant Johann Jakob Hürlimann-Landis und der Geistliche Bernhard Hirzel waren, gelang es, an Kirchgemeindeversammlungen fast 40 000 Unterschriften, was 80 Prozent der Stimmberechtigten entsprach, zu sammeln. Der prompte Rückzieher des Grossen Rats, der den neu gewählten Professor pensionierte, heizte die Bewegung noch mehr an. Der «Aufstand des Gebets», wie sie sich nannte, verlangte den Schutz des traditionellen Glaubens und die geistliche Kontrolle über das Erziehungswesen. Ins Visier geriet insbesondere Ignaz Thomas Scherr, Direktor des 1831 gegründeten Lehrerseminars von Küsnacht. Der aus dem süddeutschen Katholizismus stammende und in Zürich zum Protestantismus übergetretene Pädagoge war bei den Konservativen wegen der von ihm geförderten Emanzipation der Schule von der Kirche und bei den Industriellen wegen seinem Kampf gegen die Kinderarbeit verhasst. Aufgrund des falschen Gerüchts, die Regierung habe das Siebnerkonkordat um militärische Hilfe angerufen, riefen die Kirchenglocken des Zürcher Oberlandes am 6. September 1839 zum Sturm nach Zürich. Nach einem kurzen Gefecht, das 15 Personen das Leben kostete, traten die Regierung und das Parlament zurück. Der «Züri»- oder «Straussenputsch», der das Mundartwort «Putsch» zu einem verbreiteten Begriff machte, hatte die mächtigste Bastion des Schweizer Liberalismus geschleift.

Der Zufall wollte es, dass in jenen Tagen die Tagsatzung im damaligen Vorort Zürich versammelt war. Deshalb wurden vier Schlüsselfiguren des liberalen Siebnerkonkordats, Pfyffer, Munzinger, Baumgartner und der Berner Charles Neuhaus, direkte Augenzeugen des konservativen Umsturzes. Tatsächlich hatten sie zuvor der Zürcher Regierung militärische Hilfe angeboten, worauf diese aber nicht geantwortet hatte. Die auswärtigen Liberalen, vor allem Pfyffer und Munzinger, waren entsetzt über die schwache Gegenwehr der Zürcher Regierung.

Kein Zufall ist es, waren die katholischen Freisinnigen am stärksten schockiert über den Sieg der Zürcher Geistlichkeit. Wenn das in einem protestantischen Kanton möglich war, wie gross war die Gefahr in den katholischen Orten und Gebieten? Die Aussichten waren umso düsterer, als im Aargau, in Luzern und in Solothurn die zu Beginn der Regeneration beschlossene Möglichkeit, die Verfassungen in ihrem zehnten Jahr zu revidieren, anstand. Munzinger schrieb dem Solothurner-Blatt: «Die blutige Saat ist gesät, wir stehen auf einem Vulkan!» Und die Redaktion fügte dem am 10. September 1839 bei: «[…] und alles aus Religion, mit Religion, für Religion, durch Religion!»14

Freisinnig-katholische Gegenoffensive

Es kann deshalb nicht verwundern, waren es katholische Freisinnige, die nach dem Straussenputsch am entschlossensten in die Gegenoffensive gingen. Dabei waren wie schon 1830 die Tessiner die ersten. Als deren klerikal-konservative Behörden nach den Zürcher Ereignissen beschlossen, die Schützengesellschaften zu verbieten, die Pressefreiheit zu beschränken und Truppen aufzubieten, organisierte sich unter dem späteren Tatsatzungsgesandten Giacomo Luvini-Perseghini am 6. Dezember 1839 ein bewaffneter Aufstand, der ohne Blutvergiessen innerhalb von wenigen Stunden die Regierung stürzte. Bevor die Radikalen am folgenden Tag in Locarno mit einer Landsgemeinde das Datum für die Neuwahlen festsetzten, liessen sie eine Messe zelebrieren. Am nächsten Tag wiederholten sie in Lugano das Szenario: Zuerst feierten sie den Gottesdienst, dann führten sie die Volksversammlung durch. Der neue Grosse Rat, den die Freisinnigen bis in die 1860er-Jahre beherrschen sollten, wählte Luvini zu seinem Präsidenten und Franscini zum Regierungschef. Im Juli 1841, als die Gemüter wegen der Aargauer Klosteraufhebung erhitzt waren, sollte es zu einem konservativen Aufstandsversuch kommen, der 20 Opfer forderte. Als Folge davon wurde dessen Führer Giuseppe Nessi standrechtlich erschossen, was den Tessiner Liberalen auch von eigenen Leuten lange nicht verziehen wurde.

Die zweite Gegenoffensive ging von liberalen Unterwallisern aus. Diesen war es im Sommer 1838 endlich gelungen, eine Verfassungsreform einzuleiten, welche die Vorrechte der Kirche abbaute und die des Oberwallis beendete. Weil sich dieses – mit der Unterstützung des mächtigen Bischofs von Sitten – von den Verhandlungen zurückzog, kam es zu einer faktischen Zweiteilung des Kantons mit zwei Verfassungen und zwei Regierungen. Nachdem die eidgenössische Vermittlung die Ausarbeitung einer neuen Verfassung, die dem Oberwallis und dem Klerus entgegenkam, durchgesetzt hatte, machten diese nach dem konservativen Straussenputsch wieder rechtsumkehrt. Und so kam es im April 1841 zu militärischen Gefechten, in denen sich die viel entschlosseneren Unterwalliser durchsetzten. Allerdings verloren die Liberalen in den folgenden Jahren ihre bisherige Hegemonie im unteren Kantonsteil, nicht zuletzt wegen den hier durchgeführten «Volksmissionen» der Jesuiten. Gemäss deren Provinz-Chronik zum Jahre 1843 fanden «nicht wenige, die durch die List der Gottlosen getäuscht worden, zur Religion und zur Partei der Guten» zurück, «wie es bald nachher bei den Grossratswahlen offenbar wurde». Die Spaltung des Liberalismus in Gemässigte und in radikale «Jungschweizer» erleichterte es dem Bischof, die Hauptorganisation der Freisinnigen, «La Jeune Suisse», 1843 zu exkommunizieren. Als am 24. Mai 1844 die Konservativen in einem ungleichen Gefecht 24 Radikale an der Brücke des Trientbachs erschossen, sahen die meisten Freisinnigen einen Zusammenhang zwischen dem Massaker und der kirchlichen Ausgrenzung. Das «Blutbad am Trient», das die liberale Schweiz aufwühlte, wurde dann zum Startzeichen für die Kampagne gegen den Jesuitenorden, obwohl diesem keine direkte Mitverantwortung nachzuweisen war. Was das liberale Wallis, so weit es nicht exiliert war, bis zum Sonderbundskrieg erlebte, nennt der Historiker Gérald Arlettaz eine «dictature populaire et théocratique».15

Schicksalsmonat Januar 1841

Die beiden wichtigsten Gegenoffensiven in Solothurn und im Aargau fanden ihre Höhepunkte praktisch zeitgleich im Frühjahr 1841. Am 6. Januar liess Munzinger das konservativ-klerikale «Mariasteiner Komitee», das die Freisinnigen an das Zürcher Glaubenskomitee erinnerte, und die ultramontane Führung verhaften. Vier Tage später stimmten 58 Prozent der Männer der revidierten Verfassung zu. Im Aargau wurde am 5. Januar, ebenfalls mit 58 Prozent Jastimmen, eine neue Verfassung angenommen, deren wichtigste Änderung die Aufhebung der konfessionellen Parität war. Am 11. Januar unternahmen konservative Freiämtler nach dem Vorbild der Zürcher Oberländer einen bewaffneten Zug Richtung Aarau. In einem kurzen Gefecht in Villmergen, das neun Personen das Leben kostete, wurden sie von den Regierungstruppen gestoppt. Am 13. Januar hielt Augustin Keller die berühmte, schon länger vorbereitete Klosterrede. Noch an der gleichen Sitzung beschloss der Grossrat die Aufhebung der acht Aargauer Klöster.

Was der Züriputsch für die Solothurner Ultramontanen bedeutete, illustrierte Theodor Scherer am 12. Februar 1840 in seiner «Schildwache am Jura» ziemlich unverblümt: «Bereits ist die Morgenröte eines schöneren Tages angebrochen und ein frischer Wind scheucht die Nebel des Radikalismus weit vor sich. Wie ein Mann erhob sich das Volk von Zürich und kämpfte mit entschlossenem Willen für sein bedrohtes Heiligtum.» Die Freisinnigen nahmen diesen Aufruf zu einem Solothurner «Putsch» sehr ernst, auch weil Scherer ein «Politisches Korrespondenzenbüro» betrieb, dem konservative Geistliche und Politiker aus den meisten Schweizer Kantonen angehörten und das über Verbindungen nach Rom, Paris und weitere Hauptorte verfügte. Insbesondere die engen Kontakte der Solothurner Scherer, von Haller und von Sury mit den Luzerner und den Aargauer Konservativen liessen die Radikalen an ein ultramontanes Komplott glauben. So schrieb der von Steiger redigierte Eidgenosse am 11. Januar 1841: «Es scheint ein geheimer Bund durch die Kantone Aargau, Solothurn und Luzern zu ziehen, welcher […] nur einen Ausganspunkt hat, nämlich die Jesuiten.» Diese Verschwörungstheorie ähnelt der der Ultramontanen, die hinter der Stärke des Liberalismus die Freimaurer und die Flüchtlinge wähnten.

Aber das, was in Solothurn ablief, hatte sehr wohl Ähnlichkeiten mit Zürich. Konservative und Mönche bildeten in Mariastein ein gemeinsames Nein-Komitee. In grosser Auflage wird ein «Aufruf zum Gebet» verteilt. Am Stephanstag 1840, also zwei Wochen vor der Abstimmung über die Verfassung, veröffentlicht Scherer einen Leitartikel, in dem er einen möglichen Aufstand ins Spiel bringt. Wie beim Straussenputsch versuchen die Solothurner Klerikalkonservativen die soziale Unzufriedenheit unter den Handwerkern, die erfolglos die Einschränkung der Gewerbefreiheit verlangt haben, auszunützen. Munzinger verlegt deshalb am Neujahrstag 1841 den Regierungssitz in die Kaserne, lässt das Zeughaus durch die radikalen Langendörfer Schützen, seine «persönliche Leibgarde», besetzen, alarmiert den Aargau, Baselland und Bern und schreitet ein paar Tage später aufgrund einer bekannt gewordenen Geheimsitzung zu den erwähnten Verhaftungen. Aus der hohen Stimmbeteiligung von gut 69 Prozent lässt sich schliessen, dass der Solothurner Freisinn auch ohne diesen rechtlich fragwürdigen Akt der Repression die Abstimmung gewonnen, aber nicht dieselbe Entschlossenheit gezeigt hätte. Angesichts der schwachen Beweislage kamen die meisten Verhafteten mit ein paar Tagen Gefängnis davon, zur Höchststrafe von elf Monaten wurden fünf Personen, unter ihnen ein Mariasteiner Pater und Scherer verurteilt. Dieser zog nach seiner Freilassung in den Kanton Luzern, wo er Kabinettssekretär von Müller-Siegwart und damit des Sonderbunds wurde.

In einem Rückblick vom 13. Dezember 1843 verteidigte Regierungsrat Peter Felber, Texter der Disteli-Kalender und ab 1849 Chefredaktor der NZZ, das damalige Durchgreifen des Solothurner Freisinns in seinem Solothurner-Blatt: «Jenes Auftreten hat aber nicht nur seinen Erfolg im eigenen Kanton gehabt, sondern seinen Einfluss auf die Schweizerpolitik geäussert, so dass es in den Volksversammlungen und Ratssälen und namentlich von den ersten Männern von Zürich anerkannt worden, dass Solothurns Regierung wieder gewonnen hat, was die Zürcher verspielt hatten.» Munzinger selbst schrieb am 6. Januar 1853 seinem Sohn Werner, dem späteren «Pascha», folgende «Erinnerungen» aus Bern: «Der siegreichen Reaktion von 1839 wurde die Spitze gebrochen. Der Wendepunkt war eingetreten. Wie ganz anders hätte sich die Sache gestaltet, wenn Solothurn dem Sonderbund verfallen wäre. Welch grosses Weh ist durch entschlossenes Auftreten dem Kanton und der Schweiz erspart worden.»

Während der protestantische Zürcher Liberalismus im September 1839 unfähig war, die klerikal-konservative Rechtswende zu verhindern, leitete der katholische Solothurner Freisinn im Januar 1841 die radikal-liberale Linkswende ein. Widerlegen nicht allein diese beiden Ereignisse den Diskurs über «Konfessionalisierung», die Interpretation des Sonderbundkriegs als Dritten Villmergerkrieg, die Gleichsetzung von Bund und Protestantismus, Sonderbund und Katholizismus? Wäre für Historiker die folgende Frage nicht viel relevanter: Warum waren die katholischen Radikalen entschlossener und schneller als die protestantischen?

Ihre ganze Wucht gewinnt diese Frage, wenn wir im Schicksalsmonat Januar 1841 bleiben und in den Kanton Aargau wechseln. Nicht nur die Solothurner und Aargauer Ultramontanen, auch die Radikalen waren in jenen Tagen engstens miteinander verbunden. Der aus dem Freiämter Dorf Eggenwil stammende Regierungsrat Franz Waller hatte sich am 7. Januar in Solothurn aufgehalten, um Munzinger persönlich die notfalls militärische Unterstützung durch die Aargauer Regierung mitzuteilen. Dort besuchte er auch jene Langendorfer Schützen, die er knapp vier Jahre später auf dem Ersten Freischarenzug Richtung Luzern wieder treffen sollte. Ein paar Tage nach seinem Solothurner Aufenthalt erklärte er am 12. Januar im Aargauer Grossrat: «Ich entschloss mich bei der Heimreise noch auf dem solothurnischen Territorium, kräftig, aber human gegen das drohende Unglück in unserem Kanton aufzutreten.»

«Unglück» bedeutete auch für Waller: Züriputsch im Aargau. Nachdem im Oktober 1840 eine erste stark durch die konservativen Protestanten geprägte Verfassungsrevision mit einem Nein-Anteil von 84 Prozent in allen Bezirken abgestürzt war, ergriffen die katholischen Konservativen unter Führung des Murianer Klosterarztes Johann Baptiste Baur gleich die Initiative. Mit den Solothurner Grössen von Haller und von Sury führten sie in Mellingen eine Volksversammlung durch, die das Vetorecht und die konfessionelle Trennung forderte. Die freisinnigen Katholiken in Baden konterten mit der Gründung eines Schutzvereins. Die Fricktaler erklärten an einer Gegenveranstaltung in Stein, dass sie es vorziehen, wieder einen eigenen Kanton zu bilden als mit dem Freiamt zusammen einen katholischen zu gründen.16

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