Kitabı oku: «Geschichte Südtirols erleben»


Josef Rohrer
Geschichte Südtirols erleben

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Abteilung Deutsche Kultur der Autonomen Provinz Bozen – Südtirol

© Folio Verlag, Wien – Bozen 2021
Lektorat: Hermann Gummerer
Wissenschaftliche Beratung: Hans Heiss
Korrektur: Joe Rabl
Grafik und Illustrationen: no.parking, Vicenza
Druckvorstufe: Typoplus, Frangart
Printed in Italy
ISBN 978-3-85256-843-0
eISBN 978-3-99037-125-1
www.folioverlag.com
Inhalt

Vorwort
Wo kommen all die Berge her?
Tod eines Grenzgängers
Wenn fast alle nur Bahnhof verstehen
Drusus, Augustus und der Fußball
Leben in der Falllinie
Wie Tirol zu Tirol wurde
Land der Klöster, Land des Weins
Ein Wirt als Volksheld
Und plötzlich bei Italien
Mussolini und die Bilderstürmer
Land der Bunker
Als fast alle gehen wollten
Südtirol und seine Schutzmacht
Ein Marsch, dann Bomben
Ein Land geteilt durch drei
Absurdes Theater in zwei Sprachen
Diesseits und jenseits des Grabens
Arme Brüder, reiches Land
Wie in der Piefke-Saga
Marienkäfer, flieg
Heilige Kühe im Grünen
Über den Brenner
Tiroler sind
Disagio
Und tschüss

Vorwort

Südtirols Geschichte gäbe natürlich sehr viel mehr her als 25 kurze Kapitel. In diesem Landstrich am strategisch wichtigen Alpenübergang, wo der deutsche und italienische Kulturraum ineinander übergehen und eine Grenzänderung bis heute spürbare Nachwehen auslöste, war immer einiges los. Die Bücher darüber füllen lange Regale.
Die Reduktion auf 25 Betrachtungen ist der Versuch, mit wenigen groben Strichen ein Bild dieser Geschichte und von uns Südtirolerinnen und Südtirolern zu zeichnen. Die Auswahl der Themen ist bewusst subjektiv: Ich wollte über das schreiben, was mich selbst an diesem, meinem Land besonders interessiert. Die Texte aber wollte ich möglichst objektiv halten, jedenfalls frei von der ideologischen Schwere, die auf der Südtiroler Geschichte oft lastet.
Die Kapitel sind zwar chronologisch angeordnet. Jedes steht aber für sich und erzählt eine eigene Geschichte. Jede sollte, das war eines der Kriterien, von Ereignissen oder Erscheinungen handeln, die man im Land auch wahrnehmen kann. Zudem sollten sie einen Bogen spannen, der möglichst bis ins Heute reicht.
Und so erzählt dieses Buch nicht nur von der Geschichte Südtirols, sondern auch einiges über seine Gegenwart.
Josef Rohrer

Schlern (2563 m)
Geoparc Bletterbach, Aldein. Die 400 m tiefe Bletterbach-Schlucht zeigt wie ein Schnitt viele der Gesteinsschichten, aus denen die südlichen Dolomiten bestehen. In einem Besucherzentrum am Einstieg zur Schlucht gibt es eine informative Ausstellung. Die anspruchsvolle Wanderung durch die Schlucht dauert ca. vier Stunden. Zu empfehlen: von Geologen geführte Touren. www.bletterbach.info
Rosengarten (2981 m)
Sellagruppe. Höchster Gipfel ist der Piz Boè (3152 m).
Latemar (2842 m)
Naturparkhaus Toblach. Eine Ausstellung über das UNESCO-Weltnaturerbe versucht, die Entstehung der Dolomiten zu erklären. Das Naturparkhaus befindet sich im ehemaligen Südbahnhotel. Es wurde 1878 von der österreichischen Südbahngesellschaft gebaut, die den Rothschilds gehörte. Sie betrieb unter anderem die Pustertalbahn, die Franzensfeste an der Brennerlinie mit Maribor auf der Linie Wien–Triest verband. 1939 stellte das Hotel den Betrieb ein, heute ist der ausgedehnte Bau ein Kulturzentrum. https://naturparks.provinz.bz.it/drei-zinnen/naturparkhaus.asp
Drei Zinnen (2973, 2999 und 2857 m)
Wo kommen all die Berge her?

Der Schlern
ist zwar nur 2563 Meter hoch, hat es aber doch zum Südtiroler Wahrzeichen gebracht. Wegen seiner markanten Form – ein flacher Rücken mit zwei vorgesetzten Felsspitzen – und der Mythen und Hexengeschichten, die sich um diesen Berg ranken. Noch spannender ist, wo der Schlern früher stand.
Vor rund 280 Millionen Jahren befand sich seine unterste Schicht ungefähr dort, wo heute das Horn von Afrika in den Indischen Ozean ragt. Sie war Teil der uralten Erdkruste des Superkontinents Pangäa. Als dieser von Osten her zu zerbrechen begann, traten an einer der Bruchstellen gewaltige Mengen Lava aus. Sie erstarrte zu jenem Porphyr, der im Etschtal zwischen Bozen und Meran gut zu erkennen ist und sich weit unter die Dolomiten hinein fortsetzt.
Unter dem Gewicht des neuen Gesteins senkte sich die Erdkruste, wurde vom Meer überflutet, Sedimente der Erosion füllten die Mulden mit einer ersten Schicht aus Sandstein. Während sich der Riss immer weiter öffnete und Pangäa im Lauf von einigen Millionen Jahren in die heutigen Kontinente zerbrach, setzte sich ein kleineres Bruchstück mit dem Porphyr ab und machte sich auf eine Reise durch Raum und Zeit.
Als Teil der Adriatischen Platte driftete es geschätzte zwei Zentimeter pro Jahr Richtung Norden. Mal ragte es für einige hunderttausend Jahre aus dem Meer, mal lag es unter Wasser. Und mit jedem Auf und Ab bildete sich eine weitere Schicht aus Sedimenten. In der spektakulären Bletterbach-Schlucht
sind diese Schichten besonders gut zu sehen.
Als einige Stellen wieder einmal knapp bis unter den Meeresspiegel angehoben wurden, setzten sich dort Korallen fest und bauten nach und nach einen Archipel aus Atollen. Während der folgenden, lange andauernden Phasen der Absenkung mussten die Korallen immer höher bauen, um nahe am Sonnenlicht zu bleiben. So entstanden rund tausend Meter hohe Riffe. Der Rosengarten
, die Gebirgsstöcke von Sella
und Latemar
und eben auch der Schlern sind Überbleibsel dieser Atolle. Wer heute dort wandert, bewegt sich auf ehemaligen Tiefseebecken zwischen Korallenriffen.
Ungefähr auf der Höhe des heutigen Mittelmeers stellten die Korallen ihr Wachstum ein. Aus den Riffen gespülte Kalkpartikel füllten allmählich die Becken auf, das einst tropische Meer wurde zum Watt. Da die Erdplatte immer noch weiter sank, überdeckten die Sedimente mit der Zeit auch die Atolle, zuletzt mit einer tausend Meter dicken Schicht aus gepresstem Schlamm. Er ist heute zu Kalkstein und Dolomit verwandelt.
Die Fortsetzung dürfte aus dem Geografieunterricht bekannt sein. Die Afrikanische Platte schob sich in die Eurasische, der Druck faltete den Alpenbogen auf. Er wächst noch immer um rund fünf Millimeter pro Jahr. Hätte nicht gleichzeitig die Erosion eingesetzt, wäre der Ortler, mit 3905 Metern der höchste der Südtiroler Berge, mittlerweile ein Achttausender.
Eingeklemmt zwischen Afrikanischer und Eurasischer Erdplatte, türmte sich ein Teil der Adriatischen zu den Dolomiten auf. Deren Zacken und bizarre Formen – Star-Architekt Le Corbusier nannte die Dolomiten die schönste Architektur der Welt – sind gewissermaßen eine Momentaufnahme. Die Erosion hat sie aus den einstigen Schichten des Watts herausgefräst und fräst immer weiter. Was abgetragen wurde, liegt bis in die Adria hinein verstreut. Was von den Dolomiten heute noch steht, wird irgendwann auch dort landen. Wegen der einzigartigen Geschichte dieses Gebirges hat es die UNESCO 2009 zum Weltnaturerbe
erklärt.
Mindestens einmal in der jüngeren Erdgeschichte waren viele der Berge übrigens für eine Weile verborgen. Auf dem Höhepunkt der letzten Kaltzeit vor ca. 15.000 Jahren – im erdgeschichtlichen Zeitmaß also gerade eben – füllte Eis fast alle Alpentäler aus, nur die höchsten Spitzen ragten heraus. Über dem heutigen Etschtal war es rund 2000 Meter dick.
In den westlichen Dolomiten trug die Erosion inzwischen die oberste Schicht aus gepressten Sedimenten fast vollständig ab und schälte darunter die früheren Riffe frei: die Steilwände von Schlern und Rosengarten. Die Drei Zinnen
, 60 Kilometer weiter östlich gelegen, haben das noch vor sich. Weil die einst abgebrochene Erdplatte leicht nach Osten abfällt, ihr östlicher Teil deshalb später an die Oberfläche kam und die Erosion dort noch nicht so lange wirksam war, ist von der obersten Schicht aus Kalkstein noch einiges erhalten. Die 500 Meter hohen Wände der Drei Zinnen bestehen aus jenem Kalkgestein, das einst auch auf den Schlern draufgepackt war. In seiner heutigen Form ist der Schlern den Drei Zinnen schlicht um einige Millionen Jährchen voraus.


Similaun (3599 m). Die Gletschermumie Ötzi lag etwas unterhalb des Gipfels, auf dem 3208 m hohen Tisenjoch.
Ganglegg liegt auf einem kleinen Hügel oberhalb von Schluderns. In Schluderns stellt ein kleines Museum unter anderem die Funde aus der gut erforschten prähistorischen Siedlung Ganglegg aus. www.vintschgermuseum.com
Archeoparc in Unser Frau in Schnals. Das Freilichtmuseum zeigt eine auch für Kinder konzipierte Rekonstruktion von Ötzis Lebensraum und von einer Siedlung seiner Zeit. www.archeoparc.it
Burgruine Hauenstein bei Seis. In der Burg aus dem 12. Jahrhundert wohnte um 1420 der für sein abenteuerlustiges Leben bekannte Minnesänger Oswald von Wolkenstein. Das sogenannte Hauensteiner Schwert wird im Stadtmuseum Bozen verwahrt, vgl. S. 20.
Südtiroler Archäologiemuseum Bozen. Die Funde, die ein Archäologiemuseum gemeinhin zeigt, sind ins Depot verbannt. Ötzi und die Ergebnisse der Forschung nehmen das gesamte Museum in Beschlag. Ein eigenes Gebäude für ihn, seit Jahren im Gespräch, scheiterte bislang an der Frage, wo es gebaut werden soll. www.iceman.it
Tod eines Grenzgängers

Über den Mord ist inzwischen einiges bekannt. Das Opfer war ein rund 45 Jahre alter, drahtiger Mann. Seinem Zahnschmelz nach zu schließen stammte er aus der Gegend. Seine Gelenke sind nur wenig abgenützt, ein Zeichen, dass er nicht schwer arbeiten musste. Vielleicht jemand von besserem Stand. Dafür sind seine Bandscheiben nicht mehr die besten, und Gallensteine deuten auf einen hohen Cholesterinspiegel hin. Möglicherweise die Folge einer fleischlastigen Kost. Etwa eine Stunde vor seinem Tod gönnte er sich noch eine ordentliche Mahlzeit: Brot sowie ein Stück Steinbock und Hirsch. Der ungefähre Todeszeitpunkt: Frühling, zwischen 3359 und 3105 v. Chr.
Seit Ötzi 1991 hoch über dem Schnalstal aus dem Gletscher taute, machen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vieler Disziplinen an ihm rum. Trotz des hohen Alters der Mumie finden sie erstaunlich viel über den „Mann aus dem Eis“ und seine Zeit heraus: über sein Y-Chromosom eine entfernte Verwandtschaft mit jenem Schlag, der heute in Korsika und Sardinien zu Hause ist; dass sich mit seinen Pfeilen und dem selbstgebauten Bogen ein Reh noch aus 50 Metern Entfernung erlegen lässt; dass sein Kupferbeil aus einem Erz der südlichen Toskana geschmolzen wurde.
Doch was wollte er so hoch oben am Similaun
, am Übergang ins Ötztal? Und wer hat ihm jenen Pfeil mit einer Spitze aus Feuerstein in den Rücken geschossen, an dem er schließlich starb? Trotz aller Forschung ist über die frühen Menschen im heutigen Tirol noch vieles Spekulation.
Die allerersten, die sich hier herumtrieben, waren wohl Neandertaler – vor vielleicht 120.000 Jahren, als zwischen einer Kaltzeit und der anderen das Klima für eine Weile erträglicher war. Die ersten noch vorhandenen menschlichen Spuren sind ca. 30.000 Jahre alte Reste von Wurfspeeren aus Bärenknochen. Sie sind bereits ein Werk des Homo sapiens. Er dürfte in einer erneuten Warmphase von Süden her in die Alpen vorgedrungen sein, bis ihn die vorerst letzte Kaltzeit wieder vertrieb.
Sie endete vor rund 12.000 Jahren. Die Gletscher zogen sich in größere Höhen zurück, Flora und Fauna breiteten sich wieder aus, und irgendwann war auch Homo sapiens wieder da. Vorerst als Jäger in kleinen Gruppen, mit inzwischen besseren Waffen: mit Speerspitzen und Dolchen aus messerscharfem Feuerstein, wie auch Ötzi noch einen bei sich trug.
Zu seiner Zeit, am Übergang von der Stein- zur Kupferzeit, hatten die Menschen auch im Alpenraum begonnen, sesshaft zu werden und Ackerbau zu betreiben (ohne je ganz von der Jagd zu lassen; noch heute gibt es in Südtirol über 6000 Jäger, mehr als Weinbauern). An sonnigen Hügeln entstanden erste Siedlungen. Ganglegg
im Vinschgau zum Beispiel, wo ungefähr zu Ötzis Lebzeiten erste Siedler Hütten bauten und sich an Nutzpflanzen versuchten. Forschungen an diesen prähistorischen Siedlungen und an Ötzi selbst, an seiner im Eis konservierten Kleidung, seinen 61 Tätowierungen, seinen Waffen und seinem Feuerzeug ermöglichen eine ungefähre Rekonstruktion
des Lebens in dieser Epoche.
Aus Resten von Mauerwerk, aus Werkzeugen und Schmuck ist zu schließen, dass es dann in der Bronzezeit schon recht viele Siedlungen gab – bewohnt von einzelnen Stämmen, die man später als Räter bezeichnete. Allein auf dem bewaldeten Plateau an der Westseite des Schlern, zwischen den heutigen Ortschaften Völs und Kastelruth, gab es ein halbes Dutzend Siedlungen. Die Bewohner trafen sich oben auf dem Schlern zu Festen und rituellen Opfern. Das jedenfalls wollen Archäologinnen und Archäologen aus Knochenresten, Aschen und Keramikscherben herausgelesen haben. Und am Fuß des Schlern, bei Hauenstein
, hat jemand ein verziertes Bronzeschwert liegen lassen, vielleicht ebenfalls ein ritueller Akt. Das alles ist natürlich kein Vergleich zum sensationell gut erhaltenen Ötzi. An die 300.000 Besucherinnen und Besucher kommen Jahr für Jahr in sein Museum
in Bozen, um ihn durch ein kleines Fenster in seiner Tiefkühlkammer zu bestaunen.
Oben am Similaun lag Ötzi nur 92,56 Meter vor der Grenze zu Österreich. Zum Glück für Südtirol und sein Tourismusmarketing spannte der Mörder seinen Bogen nicht etwas später. Einige Schritte weiter, und Ötzi wäre jenseits der Demarkationslinie umgefallen, die seit 1919 die Staatsgrenze zwischen Italien und Österreich markiert. Dann wäre die älteste bekannte Mumie der Welt heute im Besitz von Nordtirol und läge nicht in Bozen, sondern in Innsbruck. Nicht auszudenken.


Gröden
Gadertal
Museum Ladin, St. Martin in Thurn. Das Museum in einem mittelalterlichen Schloss erzählt in einer sehenswerten Ausstellung die Geschichte der Dolomiten-Ladiner und beleuchtet ihre heutige Rolle in Südtirol. In einer Außenstelle in St. Kassian sind Knochenfunde des Höhlenbären Ursus ladinicus zu sehen, eingefügt in eine Ausstellung über die Entstehung der Dolomiten. www.museumladin.it
Wenn fast alle nur Bahnhof verstehen

Desparé. Das ist Ladinisch, vier Prozent der Bevölkerung in Südtirol sprechen es im Alltag, immerhin gut 20.000. Und schuld sind die Römer.
Um 20 v. Chr. waren sie wieder mal auf Eroberung aus. Ein Stiefsohn von Kaiser Augustus, Nero Claudius Drusus, drang mit einem Heer von der Po-Ebene über Reschen- und Brennerpass bis an die Donau vor. In den folgenden fast 500 Jahren reichte das Imperium Romanum über die Alpen bis weit in das Land der Germanen hinein.
Der Vorstoß überrollte die verstreut in den Alpen lebenden Völker – Räter, wie die Römer sie alle der Einfachheit halber nannten. Deren Gebiet erstreckte sich von der heutigen Zentralschweiz bis Venetien, von Oberbayern bis zu den südlichen Ausläufern der Alpen. Spuren ihrer Siedlungen sind noch zu finden, auch in Stein geritzte Schriftzeichen. Ob die Räter allerdings eine gemeinsame Sprache hatten, ist umstritten. Sicher ist: Sie arrangierten sich zwangsläufig mit den Besatzern der römischen Staatsmacht und fügten deren Vulgärlatein in ihre eigenen Idiome ein. So entstand mit der Zeit eine neue Sprache. Rätoromanisch dürfte in den Zentral- und Ostalpen samt dem Vorland verbreitet gewesen sein, allerdings mit großen regionalen Unterschieden.
Nach dem Zerfall des Weströmischen Reichs drangen nach und nach bajuwarische und alemannische Stämme ins heutige Südtirol vor. Sie setzten sich zunächst in den Tälern von Eisack und Etsch fest, dann auch in höheren Lagen. Ihre germanischen Dialekte verdrängten die Sprache der Räter („Deutsch seit 1200 Jahren“ prahlen deutschtümelnde Aufkleber auf den Autos einiger Südtiroler) und von Süden her setzte ihr das neue Italienisch zu.
Am Ende blieben dem Rätoromanischen nur einige Sprachinseln: in der Ostschweiz, im Friaul und in sechs Dolomitentälern, davon zwei – Gherdëina (Gröden
) und Val Badia (Gadertal
) – in Südtirol. In Gröden und im Gadertal sprechen noch heute 90 Prozent der Talbewohner untereinander Ladin, wie das Rätoromanische in den Dolomiten heißt. Die Deutsch- und Italienischsprachigen verstehen dann nur Bahnhof.
Der italienische Nationalismus des 20. Jahrhunderts hatte für das Ladinische trotz seiner romanischen Wurzeln wenig übrig. Erst die für Südtirol erkämpfte Autonomie von 1972 sah Minderheitenrechte auch für die hier lebenden Ladiner vor. In ihren beiden Tälern besuchen sie ladinische Schulen, Ladinisch ist als Amtssprache anerkannt, RAI Ladinia sendet täglich in Radio und Fernsehen, und wenn die öffentliche Verwaltung Arbeitskräfte einstellt, ist nach dem Proporzsystem ein Kontingent der ladinischen Sprachgruppe vorbehalten. Sie hat auch ein eigenes Museum
. Während viele andere Minderheiten in der Welt verschwinden, können sich die Ladiner Südtirols gut behaupten. 1981 gaben 4,2 Prozent der Bevölkerung Südtirols an, ladinisch zu sein, inzwischen sind es 4,5 Prozent. In Venetien und im Friaul hingegen, wo die Ladinerinnen und Ladiner diesen Schutz nicht genießen, sinken die Zahlen.
Die regionalen Unterschiede aus der Römerzeit haben sich über die Jahrhunderte noch verstärkt. Je kleiner die Sprachinseln und je loser der Kontakt untereinander, umso eigenständiger entwickelten sich Wortschatz und Aussprache. Heute klingen für die Engadiner andere Varianten des nahen Bündner-Rumantsch ähnlich fremd wie das fernere Dolomiten-Ladinisch. Und selbst Grödner und Gadertaler sprechen ein unterschiedliches Ladin und verstehen einander oft schwer, obwohl nur ein Pass, das Grödner Joch, sie trennt.
In den 1980ern hat ein Professor in Zürich zwar das Ladin dolomitan entwickelt, eine gemeinsame Schriftsprache für alle Dolomiten-Ladiner. Aber durchsetzen konnte sie sich noch nicht, auch weil es sie im Mündlichen nicht gibt. So bleibt jedes Tal bei seinem Idiom. Auch RAI Ladinia sendet mal auf Grödnerisch, mal auf Gadertalerisch – wer eben gerade am Mikrofon ist.
Desparé ist übrigens Gadertalerisch und bedeutet Schnee schaufeln. Auf Grödnerisch heißt es palé. Aber wenn es schneit, wissen sie in Ladinien eh, was zu tun ist.


Stadtmuseum Bozen. Außer dem römischen Meilenstein hätte das Museum viel zu bieten. Etwa das verzierte Hauensteiner Schwert aus Bronze (vgl. S. 13). Aber das Museum wartet seit vielen Jahren auf eine immer wieder verschobene Neukonzeption und nur ein Teil ist geöffnet. www.gemeinde.bozen.it >Kultur >Museen >Stadtmuseum
Ritten (ca. 800–1300 m)
Mansio Sebatum, St. Lorenzen. Das Museum erzählt lebendig die Siedlungsgeschichte der römischen Straßenstation und gibt einen Überblick über die Römerzeit im heutigen Südtirol. www.mansio-sebatum.it
Drusus-Stadion Bozen. Nach einem 2018 begonnenen Umbau stieg die Zahl der Sitzplätze von 3100 auf über 5000. Sportliche Erfolge des FC Südtirol vorausgesetzt, soll das Stadion irgendwann auf 10.000 Besucher erweitert werden. Teile der Außenfassade mit Halbsäulen und Architrav stehen als Beispiel für den monumentalen Baustil der 1930er unter Denkmalschutz.
Drusus, Augustus und der Fußball

Was ist uns im heutigen Südtirol von den Römern geblieben – außer dem Rätoromanischen, ein paar Legenden und sicher einigen Genen?
Da wäre das Bruchstück einer 70 Zentimeter dicken Marmorsäule mit eingravierter Schrift, ein Meilenstein. Dieses seltene Exemplar gibt allerdings keine Entfernung an, sondern erzählt von einem gewaltigen Projekt. Kaiser Claudius Augustus habe „die Via Claudia Augusta, die sein Vater Drusus nach Öffnung der Alpen durch Krieg hatte trassieren lassen, ausgebaut vom Fluss Po bis zum Fluss Donau auf einer Länge von 350 Meilen“.
Die Via Claudia Augusta führte von Trient, wo sich die Straßen aus der Lagune von Venedig und aus Ostiglia bei Mantua trafen, durch das Etschtal über Meran, den Reschen- und Fernpass bis nach Augsburg. An der Talenge bei Töll westlich von Meran, wo der Vinschgau beginnt, befand sich wohl eine Zollstation, ein teloneum, daher der Name Töll. Dort dürfte der Meilenstein
gestanden und nach dem Zusammenbruch des Imperium Romanum verschüttet worden sein. Um 1550 legte ihn ein Hochwasser frei.
Wo sich heute Meran ausbreitet, haben die Römer wohl einen Stützpunkt unterhalten. Das Castrum Majense war, je nach Überlieferung, ein kleines Fort oder eine ganze Garnisonsstadt. Letzteres wäre durchaus plausibel, mussten doch das eroberte Gebiet der Räter und die wichtige Straße zum Reschenpass gesichert werden. Nur: Reste dieses Castrums wurden nie gefunden, und so ist manche Geschichte davon nur Legende.
Die Via Claudia Augusta dürfte eine der wichtigsten Römerstraßen überhaupt gewesen sein. Dem Meilenstein zufolge hat Drusus, der junge Kommandant des bei Verona stationierten Nordheers, die Straße anlegen lassen, als er um 15 v. Chr. das Gebiet der Räter überrannte und die Grenzen des Römischen Reichs bis an die Donau verschob. Sein Sohn Claudius Augustus hat sie dann, als er Kaiser war, zur „Schnellstraße“ ausbauen lassen, auf der sogar vierrädrige Karren über die Alpen fahren konnten. Erstaunlich, waren doch die Alpen später im Mittelalter und noch lange danach ein nur schwer zu überwindendes Hindernis.
Im 2. Jahrhundert bauten die Römer mit der Via Raetia noch eine zweite Straße in den Norden. Sie zweigte bei Bozen von der Via Claudia Augusta ab. Da die Eisack-Schlucht noch als unpassierbar galt, nahm sie den Umweg über den 900 Meter höher gelegenen Bergrücken des Ritten
, führte 20 Kilometer weiter nördlich wieder hinunter an den Eisack und weiter über den Brenner nach Partenkirchen. Trotz des Umwegs über den Ritten verkürzte die Via Raetia die Reisezeit zwischen Augsburg und Verona um ein bis zwei Tage. Eine Abzweigung bei Brixen führte durch das Pustertal nach Osten in die römische Provinz Noricum.
Ausgrabungen bei Bruneck legten Reste einer Raststation namens Sebatum
frei, die müde Reisende mit einigem Komfort erwartete. Es gab eine Gaststätte, Ställe und auch wohltemperierte Bäder – dank einer Fußbodenheizung, auf deren Bau sich die Römer bekanntlich verstanden. Eine solche Mansio dürfte es etwa alle 40 Kilometer gegeben haben, aus vielen entwickelte sich mit der Zeit ein Dorf. Im Fall von Sebatum das heutige St. Lorenzen.
Römische Überbleibsel tauchen in Südtirol – wenig überraschend in einem Land mit eifriger Bautätigkeit – immer wieder auf: da ein Sockel, dort ein Stück Mauer, auch Münzen. Gleich ein halbes Kilo soll im Hohlraum einer Trockenmauer gefunden worden sein, die man in den 1980ern auf der Seiser Alm beim Bau eines großen Hotels freilegte. Nur acht Münzen wurden später sichergestellt. Von den vielfältigen Funden landeten Einzelstücke in Tal- und Heimatmuseen oder im Südtiroler Archäologiemuseum – dort aber im Depot, seit die Gletschermumie Ötzi das gesamte Gebäude in Beschlag genommen hat. Mauerreste wurden, ebenfalls kaum überraschend, im Lauf der Zeit als Baumaterial verwendet. Oder, als es bereits einen strengeren Denkmalschutz gab, schnell wieder verbuddelt, damit es ja nicht zu langwierigen archäologischen Untersuchungen und Arbeitsunterbrechungen kommt.
Schließlich wäre da noch das Drusus-Stadion
in Südtirols Hauptstadt. Bozen war zur Römerzeit nur eine kleine Militärstation namens Pons Drusi (Brücke des Drusus) und lag in einem Sumpfgebiet. Das Drusus-Stadion ist freilich keine römische Arena, sondern ein kleines Fußballstadion, 1934 in der Zeit des Faschismus eingeweiht und in Erinnerung an eine angeblich glorreiche Zeit nach einem glorreichen Römer benannt. Zuletzt mühte sich darin die Profimannschaft des FC Südtirol, endlich in die zweithöchste italienische Fußball-Liga aufzusteigen. Bisher – Stand 2021 – immer erfolglos.


Muthöfe. Die Höfegruppe hoch über Schloss Tirol liegt auf ca. 1100 bis 1500 m Meereshöhe. Zum höchsten Hof, Hochmuth, führt ab Dorf Tirol eine öffentliche Seilbahn in fünf Minuten; mühsamer auf steilem Fußweg in ca. zwei Stunden. Hochmuth liegt am Meraner Höhenweg, der in sechs Tagesetappen den Naturpark Texelgruppe umrundet. www.seilbahn-hochmuth.it
Stiftskirche Innichen. Vom ursprünglichen Kloster steht nichts mehr. Die im 13. Jahrhundert nach einem Brand neu gebaute Kirche des Stifts gilt jedoch als bedeutendster romanischer Sakralbau der Ostalpen. Das Stiftsmuseum unweit der Kirche enthält einen Teil des Kunstbestandes, der bei den zahlreichen Umbauten der Kirche ausgeräumt wurde. www.1250.bz.it/de/stiftsmuseum
Dietenheim ist das Südtiroler Volkskundemuseum. Einen vagen Eindruck vom bäuerlichen Leben in früheren Jahrhunderten geben die ca. 60.000 Objekte, die das Museum inzwischen gesammelt hat. Die ältesten stammen aus dem 15. Jahrhundert. Das Museum erstreckt sich über mehr als 20 Gebäude auf drei Hektar. www.volkskundemuseum.it
Leben in der Falllinie

Die Muthöfe
hoch über Meran gehören zu den steilsten Bauernhöfen im Land. Der sarkastische Rat an Bergbauern in Extremlagen, sie sollten ihre Kinder festbinden, damit sie nicht zu Tal kollern, könnte hier erfunden worden sein. Warum bloß ließen sich Menschen an solch einem „Hurenort“ (vulgärtirolerisch für ein besonders widriges Gelände) nieder?
Die Römer und davor die Räter hatten noch keine Platzprobleme. Später aber, in der sogenannten Völkerwanderung, ließen sich immer mehr Siedler nieder. Im heutigen Tirol waren es vor allem bajuwarische und alemannische Stämme, um ca. 800 bewohnten sie bereits viele der leicht zugänglichen Niederungen. Noch gab es dort genügend Wald zu roden. So ließ der bayerische Herzog Tassilo III. bei Innichen
im Pustertal ein Rodungskloster anlegen, um die Lehre Christi zu verbreiten und nebenbei Acker- und Weideland zu schaffen. Da der Ackerbau insgesamt gute Fortschritte machte und die Bevölkerung wuchs, stieg der Landbedarf kontinuierlich.
Könige übten die angeblich von Gott verliehene Verfügungsgewalt über Grund und Boden aus. Sie festigten ihre Macht, indem sie Kirche, Adel und sonstige Clans mit Ländereien bedachten. Diese Grundherren ließen Bauern als meist rechtlose Leibeigene für sich schuften. Wie aber brachte man sie dazu, auch steile und abgelegene Wälder urbar zu machen und dort oben nutzbringend Landwirtschaft zu betreiben?
Der Köder war das Konzept der sogenannten Schwaighöfe. Die Bauern nahmen die Mühe der Rodung auf sich, bauten Stall und Stadel und für sich eine Hütte. Als Starthilfe überließ ihnen der Grundherr etwas Vieh und kassierte einen jährlichen Zins in Form von Naturalien, meist Käse. Eine Win-win-Situation, denn die Bauern durften den so geschaffenen Hof als ihr Eigen betrachten und sogar vererben. Im Vergleich mit den Leibeigenen ein Privileg.
Wann und wo im heutigen Südtirol die ersten Schwaighöfe angelegt wurden, wissen wir nicht. Wohl deutlich vor 1285, als ein Dokument die Muthöfe zum ersten Mal als Schwaigen erwähnte. Was wir auch nicht wissen: Wurden den Bauern die Flächen zum Roden zugewiesen oder durften sie sich den Platz selbst aussuchen? Waren es eher die Ausgegrenzten, die sich auf das Wagnis einließen? Und waren die, die besonders weit nach oben zogen, besondere Eigenbrötler? Gesichert ist nur, dass Schwaighöfe mit der Zeit bis zur Waldgrenze auf 2000 Metern zu finden waren – Einsiedeleien, fern der Welt.
Um ca. 1500 verloren die Schwaigen ihr Sonderrolle, als auch den Bauern in tieferen Lagen eine Art von Nutz- und Eigentumsrecht zugestanden wurde. Sie mussten zwar weiterhin den Grundherren einen Teil der Ernte als Pachtzins abliefern oder einen Gegenwert in Geld. Aber nun durften auch sie das Nutzrecht des Hofs vererben. Damit entwickelten die Bauern in Tirol früh ein Standesbewusstsein. Das Revolutionsjahr 1848 beseitigte schließlich die letzten Bindungen an die Grundherren – nicht ohne dass diese für die sogenannte Grundentlastung noch einmal kassierten.
Wer danach fragt, warum die steilsten und höchstgelegenen Bauernhöfe auch danach noch bewohnt und bewirtschaftet wurden, bekommt von der Fachliteratur oder in Dietenheim
viele Antworten. Weil dort oben nie so viel übrig blieb, um herunten ein besseres Stück Land zu kaufen; weil es lange keine Industrie mit ihrem großen Bedarf an Arbeitskräften gab, und als diese kam, waren es zunächst italienische Staatskonzerne und die Zeit des Faschismus, die deutschsprachige Südtiroler ausgrenzte; weil Südtirolerinnen und Südtiroler eine besonders starke Bindung zu ihrer Heimat, ihrer „Scholle“, haben – als gäbe es dafür ein besonderes Gen. Die Landflucht, die andere alpine Landschaften prägt, blieb hier jedenfalls aus.
Wer bis vor rund 50 Jahren nicht von „dort oben“ geflüchtet ist, hat heute noch weniger Grund dazu. Inzwischen ist kaum ein Berghof ohne eine asphaltierte Zufahrt, der Schülertransport funktioniert bis weit hinauf, Funkbrücken führen in ein schnelles Internet, der Tourismus bringt so manchen Extra-Euro. Es gibt Höhenzulagen (acht von zehn Höfen liegen über 1000 Meter), Erschwerniszulagen (jeder fünfte Hof hat eine Hangneigung von über 50 Prozent), und auch sonst fließen die Subventionen für Bergbauern reichlich – wie die vielen neuen Ställe, Scheunen, Maschinen und schmucken Wohnhäuser zeigen.
Und herunten im Tal ist auch nicht alles Gold, was man von oben glänzen sieht.


Schloss Tirol. Die um 1100 entstandene Burganlage zerfiel, nachdem die Habsburger 1420 den Regierungssitz der Grafschaft Tirol nach Innsbruck verlegt hatten. Erst als die Stadt Meran im späten 19. Jahrhundert die Burg dem Kaiser in Wien schenkte, gab dieser eine gründliche Renovierung in Auftrag. Der markante Turm ist eine freie Rekonstruktion aus dem Jahr 1902. Im Turm zeigt eine chronologische Ausstellung die Geschichte Südtirols im 20. Jahrhundert. In anderen Teilen der Burganlage gibt es jährlich wechselnde Sonderausstellungen. www.schlosstirol.it
Meran. Mit 390 m ist die Laubengasse in Meran um genau 100 m länger als jene von Bozen. Als Landesfürst Meinhard II. sie um 1280 anlegen ließ, um Meran gegen Westen zu erweitern, setzte er damit ein Zeichen gegen das von seinen Trienter Gegnern kontrollierte Bozen. In den Gewölben der beiden Häuserzeilen in Meran hatten Handwerker jahrhundertelang ihre Werkstätten. Heute dominieren das Chrom und das Glas schicker Läden.
Wie Tirol zu Tirol wurde

Tirols Geburt war großes Theater. Es wirkten mit: ein gerissener Graf, eine unglückliche Gräfin und reihenweise Könige. Jene des Heiligen Römischen Reichs herrschten ab dem 11. Jahrhundert über das riesige Gebiet von der Nordsee bis Rom. Noch verfügten sie nicht über einen straffen Staatsapparat und brauchten daher lokale Herrschaftsträger, die ihre Macht vor Ort durchsetzten: Fürsten, Herzöge, im späteren Tirol auch die Bischöfe von Brixen und Trient. Deren Bistümer am strategisch wichtigen Korridor über die Alpen reichten von Rovereto bis Kufstein.
Allein konnten die Kirchenmänner ihren Anspruch nicht sichern. Also spannten sie die Albertiner ein, eine aus dem Bayerischen stammende Adelsfamilie. Sie kontrollierte das Eisack- und Etschtal, für das bis Meran reichende Bistum Chur auch den Vinschgau und das Unterengadin. Ende des 11. Jahrhunderts hatten die Albertiner eine derart starke Position erreicht, dass sie oberhalb von Meran eine Burg
bauen und sich Grafen von Tirol nennen konnten. Der Name dürfte auf eine rätoromanische Abwandlung des lateinischen terra zurückgehen.
1253 starb Albert III., ohne einen legitimen männlichen Erben zu hinterlassen. Die noch zerstückelte Grafschaft Tirol fiel an seinen Schwiegersohn, den schillernden Meinhard von Görz. Wichtiger für Tirol wurde aber dessen Sohn Meinhard II. Weitsichtig und machtbewusst heiratete er, kaum zwanzig, die um zehn Jahre ältere Elisabeth von Bayern, Witwe des römisch-deutschen Königs Konrad IV. Als deren Sohn Konradin sich anschickte, 16-jährig selbst König zu werden, unterstützte Meinhard den Stiefsohn nur halbherzig. Vielleicht, weil er Böses ahnte. Konradin fehlte eine starke Hausmacht, auf dem Weg zur Krönung in Rom wurde er in einer Schlacht gefangen genommen und später in Neapel hingerichtet. Im Interregnum, der Phase ohne allgemein anerkannten Monarchen, schlug Meinhard sich rechtzeitig auf die Seite des Habsburgers Rudolf I. und – bingo: In den folgenden 18 Jahren saß dieser auf dem Königsthron. Meinhard verheiratete zudem noch seine Tochter Elisabeth mit Rudolfs ältestem Sohn Albrecht, was sie zur Stammmutter aller späteren Habsburger machte und Meinhard viele Türen öffnete.
Er ließ nun keine Gelegenheit aus, sein Herrschaftsgebiet auf Kosten der Nachbarn und der Bischöfe von Brixen und Trient auszudehnen. Auch mit Gewalt, wo er im Guten nicht weiterkam. Seine Grafschaft Tirol wurde so zur regionalen Macht. Sie reichte von Trient bis Bayern und umfasste auch Teile Vorarlbergs. Meinhard führte eine für die Zeit hochmoderne Verwaltung ein, mit bezahlten Beamten und straffem Steuerrecht. Seine Münzstätte in Meran
lieferte ihm viel Bares.
Als Vater teilte Meinhard II. das Los vieler erfolgreicher Männer. Er kam zu einer ganzen Schar außerehelicher Kinder, aber die Söhne aus der Ehe waren eher Nieten. In Regierungsgeschäften glücklos, lebten sie auf großem Fuß und blieben obendrein ohne männliche Erben. Aber es gelang das Unglaubliche: Für einmal wurde die männliche Erbfolge ausgesetzt, eine Frau kam zum Zuge. Meinhards Enkelin Margarete hatte nun die Bürde einer Gräfin von Tirol zu tragen.
Im Alter von zwölf verheiratete man sie mit dem erst achtjährigen Johann von Luxemburg. Die beiden konnten sich nicht leiden und vollzogen nach eigenen Angaben auch nie die Ehe. Eines Nachts sperrte die inzwischen erwachsene Margarete ihren Angetrauten kurzerhand von Schloss Tirol aus. In der Bevölkerung verhasst, blieb ihm nur die Flucht. Der aufseiten der Luxemburger stehende Papst Clemens VI. verweigerte lange die Annullierung der Ehe. Und als Margarete ein zweites Mal heiratete, diesmal einen Brandenburger, belegte der Papst ganz Tirol für 16 Jahre mit einem Interdikt – dem Verbot von religiösen Zeremonien und Messen. Das gläubige Volk machte nun die Landesfürstin für jegliches Unglück verantwortlich, für Unwetter, Missernten und die um 1350 wütende Pest. Lange danach dichtete man ihr auch einen männermordenden Lebenswandel an sowie ein hässliches Gesicht. Daher der böse Übername „Maultasch“.
Als ihr zweiter Mann und kurz darauf ihr einziger Sohn starben, dankte Margarete 1363 ab. Die Tiroler hatten erst mal genug von Theater und nahmen dankbar an, dass ihre Grafschaft wegen Margaretes Großmutter an die Habsburger fiel. Diese behielten das Land mit kurzen Unterbrechungen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Für viele obrigkeits- und kaisertreue Tiroler hätte die Regentschaft der Habsburger ruhig noch länger dauern können.


Kloster Marienberg. Ein neues Museum erzählt die wechselvolle Geschichte des Klosters und gibt Einblicke ins Leben der Mönche. www.marienberg.it
Kloster Neustift. Das noch aktive Chorherrenstift ist ein Publikumsmagnet. Sehenswert: die im Stil des Spätbarocks dekorierte Stiftskirche und die Bibliothek. www.kloster-neustift.it
Marlinger Waal. Die Kartäusermönche von Schnals ließen Mitte des 18. Jahrhunderts von der Etsch bei Töll einen offenen Kanal (Waal) bis nach Marling anlegen, um dort ihre Weinberge zu bewässern. Heute reichen der Waal und der daneben verlaufende Wanderweg bis Lana, mit ca. 12 km ist er einer der längsten Südtirols.
Säben. Die große Klosteranlage thront auf einem Felsen hoch über Klausen. 2021 wurde das Kloster der Benediktinerinnen nach 335 Jahren aufgegeben. Zuletzt lebten darin nur noch drei Nonnen.
Karthaus im Schnalstal. In die ehemaligen Zellen der 1790 aufgelassenen Kartause Allerengelberg zogen arme Talbewohner ein. So entstand mit der Zeit aus dem Kloster das Dorf Karthaus. Teile des Kreuzgangs sind noch erhalten. www.kulturverein-schnals.it
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.