Kitabı oku: «Österreich im Jahre 2020»

Am 13. Juli 2020 begeben sich zwei Amerikaner auf eine Reise durch ein exotisches und rätselhaftes Land in der Staatenunion Europas: Österreich. Das Land hat keine Armee und in Wien stehen nur noch drei Kirchen. Es gibt kein Geld und keinen Privatbesitz mehr, es herrscht Wohlstand. Die Gütergemeinschaft ist friedlich und sanft. Kaiser und Adel sind glitzernde Statisten einer klassenlosen Gesellschaft. In Österreich herrscht utopischer Kommunismus mit Monarchie. Die beiden Amerikaner kommen aus dem Staunen nicht heraus.
Die Reisenden, ihre wechselnden Reiseleiter und Urlaubsbekanntschaften machen Ausflüge in der Umgebung Wiens, durchstreifen Stadt und Natur, besuchen Feste, Kultur- und Sportereignisse, und lassen sich Schritt für Schritt Österreich erklären. Wir erhalten Einblicke in eine datumsgenau jetzige und völlig fremde Welt. Die Rolle der Frau, die Aufgabe des Künstlers, das Leben und der Wert der Menschen überhaupt – das Panorama, das sich entfaltet, ist so skurril, umständlich und schrullig, wie sonst nur die Wirklichkeit selbst. Und eine plüschig-schmalzige Liebesgeschichte fehlt in diesem Buch natürlich auch nicht. Josef von Neupauers Roman Österreich im Jahre 2020 erschien 1893 im Verlag E. Pierson, Dresden und Leipzig. Eine bizarre Entdeckung, die an der Zeit ist.
JOSEF VON NEUPAUER wurde zur Mitte des 19. Jahrhunderts geboren und wirkte als Anwalt in Wien. Sein Roman Österreich im Jahre 2020 erschien 1893 im Verlag von E. Pierson, Leipzig und Dresden. Dieser Ausgabe folgt das vorliegende Buch; lediglich die Orthographie des Textes wurde behutsam modernisiert, aber die Schrulle nach Möglichkeit beibehalten.
Josef von Neupauer starb 1914 in Innsbruck.
TOBIAS ROTH, * 1985 in München, nach Studien in Freiburg und Berlin lebt er wieder in seiner Heimatstadt. Er debütierte 2013 mit dem Gedichtband Aus Waben (Verlagshaus Berlin) und legte seither über zwei Dutzend eigene Titel, Herausgaben und Übersetzungen vor. Er ist Gründungsgesellschafter des Verlags Das Kulturelle Gedächtnis, dessen erstes Programm 2017 erschien und der 2020 mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet wurde.
daskulturellegedaechtnis.de
Josef von Neupauer
Österreich im Jahre 2020
Roman
Herausgegeben von Tobias Roth


© Luftschacht Verlag – Wien
luftschacht.com
Alle Rechte an der Ausgabe vorbehalten
1. Auflage Juli 2020
Der Verlag dankt:
Tobias Roth für die Entdeckung dieses Textes zur rechten Zeit und seine kompetente, begeisterte und begeisternde Herausgebertätigkeit;
Moritz Müller-Schwefe für die Kontaktherstellung zwischen Herausgeber und Verlag und sein generell großes Wohlwollen uns gegenüber;
Tim Johannsen für seine Recherchen, Textadaptierungen und Korrekturen, die den Text ein Stück weiter nach Österreich im Jahre 2020 gebracht haben.
Umschlaggestaltung: Matthias Kronfuß – matthiaskronfuss.at
Coverfoto: @loravisuals/Unsplash
Satz: Luftschacht
gesetzt aus der Metric, der Noe, der Diversa und der Zapf Dingbats
Druck und Herstellung: Finidr s.r.o.
Papier: Munken Print Cream 100 g/m2, Surbalin glatt 115 g/m2,
f.color glatt 125 g/m2
Portraitphoto Josef von Neupauer: Verlag Richard Lincke.
ISBN: 978-3-903081-50-5
ISBN E-Book: 978-3-903081-79-6

Motto: It is better to fight for the good, than to rail at the ill.
Inhalt
VORWORT
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
NACHWORT
VORWORT
Österreich im Jahre 2020 ist eine klassenlose, kommunistische Gesellschaft, in der es kein Geld und keine Armee gibt, aber dafür einen Habsburger Kaiser, der nicht unangenehm auffällt. Das Land ist eingebettet in einen europäischen Staatenbund, an dem England nicht teilnimmt, und organisiert von einem perfekten, allgegenwärtigen, interesselosen Verwaltungsapparat. Europa bildet einen gemeinsamen Sanitätsbezirk, was die Einschleppung von Krankheiten unmöglich macht. Österreich im Jahre 2020 ist eine Reise in eine längst vergangene Zukunft.
Österreich im Jahre 2020 ist eine Erfindung des späten 19. Jahrhunderts. Das Buch kommt 1893 im Verlag Edgar Pierson, Dresden und Leipzig, heraus. Dort ist 1889 mit Bertha von Suttners Roman Die Waffen nieder! ein österreichischer Klassiker der pazifistischen Literatur erschienen. Auf den Jahreswechsel 1888/89, genau in den Tagen, als Friedrich Nietzsche in Turin ein Pferd umarmt, findet der Einigungsparteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs in Hainfeld statt.
Wer Österreich im Jahre 2020 hervorgebracht hat, ist gar nicht so einfach zu sagen. Josef Ritter von Neupauer, Doktor der Rechte, hat kaum Spuren in der Überlieferung hinterlassen. Sein Geburtsdatum ist nicht zu ermitteln, aber die Portraitphotographie, die auch dieses Buch ziert und seinem Großwerk Der Kollektivismus und die soziale Monarchie (ausdrücklich die technisch detaillierte, komplettierende Abhandlung zu seinem Roman) von 1909 entnommen ist, lässt an einen Jahrgang der 1840er-Jahre denken. Ab 1906, bereits im Ruhestand, ist Neupauer in Innsbruck belegt, wohnhaft Universitätsstraße Nr. 3/11. Dort vermutlich ist er auch gestorben, zwischen dem 1. Dezember 1913 und dem 1. Dezember 1914. (Ein herzlicher Dank an Thomas Bach von der Universität Jena und Nikolaus Bliem von der Bibliothek des Ferdinandeum, Innsbruck!)
Österreich im Jahre 2020 aber kommt nicht aus dem Nichts. Seinerzeit in Wien erfreut sich Doktor von Neupauer einiger Notorietät. Ein namentlich nicht genannter Autor schreibt in seiner Rezension zu Österreich im Jahre 2020 im Neuen Wiener Tagblatt am 3. Juli 1893: „Der Verfasser dieses Buches, Hof- und Gerichtsadvokat Dr. von Neupauer, ist eine in weiten Kreisen Wiens bekannte Persönlichkeit. Mit aufrichtiger Begeisterung für alles Gute, Edle, Schöne, allerdings in seiner Art, ausgestattet, versäumt er es nicht, sobald irgend eine neue Vereinsgründung in Sicht ist, dem werdenden Unternehmen seine Kraft zur Verfügung zu stellen, wobei es ihm auf tiefgehende Unterschiede von Parteien und Prinzipien nicht sehr ankommt. Das wäre ja sehr löblich, denn neben den Interessen der Menschheit verschwinden ja die Fraktionen und Grundsätze, aber man kommt da oft in Widerspruch mit gewissen hergebrachten Anschauungen und Begriffen, und das passiert Herrn Doktor Neupauer umso häufiger, als seine sehr positiv gemeinten Vorschläge der mehr oder minder nüchternen Auffassung seiner Zuhörer meistens nicht recht verständlich sind. So stellte sich der genannte Herr einer eben in Gründung begriffenen Gesellschaft, welche ein hohes, humanitäres Ziel verfolgt, zur Verfügung, indem er sich ohneweiters zur Herbeischaffung von zehn Millionen Mitgliedern anheischig machte. Als die Gründer der Gesellschaft sich behufs eingehender Beratung dieses sehr verlockenden, aber scheinbar schwer zu verwirklichenden Vorschlages eine dreitägige Bedenkzeit erbaten, entzog der Tiefgekränkte der guten Sache seine Mitwirkung für immer.“
Österreich im Jahre 2020 konfrontiert uns mit der Frage nach der Gegenwart und nach der Zukunft. Wie stellen wir uns die Zukunft vor, wie wollen wir sie haben? Was wird sich verändert haben, bis sie Gegenwart geworden ist? Ohne ein Dokument wie diesen Roman wären diese Fragen ununterscheidbar. Unbeantwortbar sowieso. Josef von Neupauer spricht mit sich selbst, aber er meint uns. Uns im allerweitesten Sinne der Zeitgenossenschaft. Österreich im Jahre 2020 spricht mit dir: Es redet exakt über dich und es redet so sehr an dir vorbei, wie es nur geht. Alles könnte anders sein.
Österreich im Jahre 2020 ist in gewisser Weise die Fortsetzung einer anderen Utopie: Edward Bellamys Roman Looking Backward: 2000–1887 aus dem Jahr 1888. Bellamys Protagonist Julian West, ein junger Mann aus Boston, Massachusetts, ist 1887 in einen überlangen Schlaf gefallen, aus dem er erst im Jahr 2000 erwacht. So berichtet er seinen vergangenen Zeitgenossen aus einer besseren, sozialistischen Zukunft. Bellamys Roman löst eine Flut von Antworten, Gegenentwürfen, Sequels, Prequels, Satiren, Bekräftigungen und Polemiken aus: Es entbrennt ein Romankampf, der in den Zukünften des 21. Jahrhunderts ausgetragen wird. In dieser Legion findet sich auch der Roman Looking Further Forward: An Answer to „Looking Backward“ by Edward Bellamy von Richard C. Michaelis aus dem Jahr 1890. Die Zukunft ist nun Dystopie, ist sozialistischer Horror geworden. An die Seite von Julian West, inzwischen konsequenterweise Historiker von Beruf, tritt die Figur des Mr. Forest, des Antikommunisten. Die beiden bleiben ihrem Format als Beobachterfiguren treu. Unvermittelt werden wir, heute, in diese mit Romanen geführte Debatte um eine bessere Welt und Gesellschaftsform hineingezogen: Mr. West und Mr. Forest erhalten eine Einladung aus Europa und treten am 13. Juli 2020 ihre Reise durch Österreich an. In Österreich liegen auch die Bücher von Bellamy und Michaelis vor und werden mit den zwei Amerikanern diskutiert.
In Österreich im Jahre 2020 herrscht utopischer Kommunismus, die zentralisierte Verwaltung durchdringt alles, entspannt alles, lässt alles zu allen kommen. Der Klassenkampf hat sich in seinem Wärmetod gelöst. Die Gütergemeinschaft ist friedlich und sanft wie bei Platon oder Morus. Der Mangel hat aufgehört und mit ihm sind Wettbewerb, Verteilungskampf, Geltungssucht und ähnliche Gewalt verschwunden. Dennoch gibt es Adel und Kaiser, dessen Juwelen, Allgemeineigentum versteht sich, gerne zu besonderen Anlässen getragen werden.
In Österreich im Jahre 2020 sind die Städte geschrumpft. Wien ist eine Hauptstadt ohne Türme, in der nur drei Kirchen aus Sentimentalität stehengeblieben sind; die Bevölkerung indes ist stupend bibelfest. Die pneumatische Tram gleitet durch die Gärten, die überall angelegt sind. Fahrrad und Pferd, Garten und Handwerk. Dem Pfarrer und Arbeiterseelsorger Rudolf Eichhorn, der über Die weißen Sklaven der Wiener Tramway-Gesellschaft (1885) und Die Sklavennot der Fabriksarbeiterschaft von Floridsdorf (1886) geschrieben hat, sind Denkmäler errichtet. Karl Lueger taucht auf, denn sein Urenkel, der statt eines Vornamens den Titel Professor führt, ist eine Nebenfigur. In diesem 2020 weiß man aber nichts mehr vom alten Lueger und seinen Kollegen, auch ist er nie Bürgermeister von Wien geworden und nurmehr „Chroniken und Spottlieder seiner Gegner“ erinnern an ihn. Im Zentrum der Hauptstadt steht eine Säule aus Gold, die die Wertlosigkeit dieses Metalls und der alten Ordnung demonstriert.
In Österreich im Jahre 2020 herrscht eine groteske Sittlichkeit und Sexualmoral, begleitet von eugenischen Wahnvorstellungen, restriktiver Familien- und Bevölkerungspolitik und Paragraph gewordener Neurose. In einem flüchtigen Nebensatz, als wäre es ein Versehen, wird plötzlich eine Nebenfigur interniert. Dennoch blüht Österreich im Jahre 2020 auf, wenn es um schmalzige Liebesgeschichten, strenggeregelten Hochzeitskitsch und Körperkult geht. Die Welt dieser Zukunft ist nicht aus Glas und Stahl, sondern aus Bronze und Plüsch.
Österreich im Jahre 2020 hat seine eigene Vergangenheit. Daten, die für uns etwas ganz Bestimmtes bedeuten, bedeuten hier etwas anderes. Als 1943 das Denkmal über die Wertlosigkeit des Goldes aufgestellt wird, herrscht kein Krieg, und 1985 ist der beste Weinjahrgang aller Zeit (was mich persönlich besonders freut). Die Welt von Österreich im Jahre 2020 hat die Konflikte und Krisen, hat die Kriege und Verwüstungen des uns bekannten 20. Jahrhunderts nicht erlebt. Aber Österreich im Jahre 2020 birgt seine eigenen erschreckenden und unerklärten Abgründe. Ein großer Krieg hat die Bevölkerung dezimiert und die Metamorphose der Gesellschaft erzwungen, aber über seinen Grund, Verlauf und seine sonstigen Folgen entsteht keinerlei Klarheit. Dass Salzburg nur mehr 1.500 Einwohner hat, wird nebenbei erwähnt. Es bleibt, als eine der unzähligen Irritationen, einfach stehen.
Österreich im Jahre 2020 repräsentiert nicht die seltsamste Gesellschaftsform, die die Menschheit je gesehen hat. Auch wenn man lange suchen kann, bis man eine andere kommunistische Monarchie gefunden hat.
Österreich im Jahre 2020 enthält keinerlei Prophetie. Sich über die politische Brauchbarkeit so mancher Anregungen oder Ideen, über ihren Widerspruch mit gewissen hergebrachten Anschauungen und Begriffen eine kleine Phantasie auszumalen und abzuwägen, ist aber an sich aufschlussreich. Hier zeigt sich etwas Grundlegendes über das Politische, über die Verfügbarkeit und die Vielfalt der Formen, in denen eine Gesellschaft zusammenleben kann: Sie sind veränderlich, sie sind Verhandlungssache. Zu dieser Verhandlung ist keine Einladung nötig, sie findet beständig statt. Utopie, nicht mehr und nicht weniger: Es könnte sein ist etwas anderes als Es war einmal. Österreich im Jahre 2020 wird unsere Perspektiven auf und für Österreich im Jahre 2020 bereichern.
Österreich im Jahre 2020 scheint seinerseits keine Zukunft zu haben.
Tobias Roth, München im Juli 2020

1
Ich habe die Ehre, mich zum dritten Mal einem verehrungswürdigen Publikum vorzustellen. Ich nenne mich Julian West und habe bekanntlich 113 Jahre, von 1887 bis 2000 nach Christi Geburt, verschlafen, erwachte in Boston in Dr. Leetes Hause, wo ich die wunderbaren Veränderungen anstaunte, welche die Erneuerung der Gesellschaftsordnung im 20. Jahrhunderte in meinem Vaterlande bewirkt hatte, und träumte mich dann in einer wüsten Nacht wieder in das Boston vom Jahre 1887 zurück.
Mit diesen Eindrücken hat mich ein gewisser Edward Bellamy seinen Lesern vorgeführt und mich gegen gutes Honorar meine Erlebnisse erzählen lassen.
Dann wachte ich wieder im verjüngten Boston auf, wurde als Professor der Geschichte am Shawmut-College dort angestellt, sollte meine Zuhörer mit Hass gegen die Periode des Wettbewerbs erfüllen, was mir nicht gelingen wollte, da jedermann mit der Gegenwart unzufrieden war, und lernte nach Beendigung meiner ersten Vorlesung einen Mr. Forest kennen, der von allen der Unzufriedenste war, weil man ihn vom Professor der Geschichte zum Pedell degradiert hatte, und wurden mir von diesem die Augen geöffnet über die abscheulichen Zustände, die der Kommunismus in den Vereinigten Staaten gezeitigt hatte, und er belehrte mich nicht nur über die Mängel des Kommunismus, sondern er unterwies mich auch, wie wir den Mängeln unserer ehemaligen Gesellschaftsordnung hätten abhelfen können, ohne sie ganz zu untergraben.
Ich habe Herrn Forest ebenso gläubig zugehört wie früher dem Dr. Leete; und wurde ich dann von einem gewissen Richard Michaelis in Chicago neuerdings mit Honorar angestellt und demselben Publikum vorgeführt, das ich das erste Mal zu unterhalten die Ehre hatte, wobei ich bemüht war, die gänzliche Haltlosigkeit meiner früheren Auffassung klar zu machen. Ich endete meinen damaligen Bericht mit der Darstellung, wie Dr. Leete erschlagen, seine Tochter vergewaltigt und Mr. Forest in Verteidigung seines Gegners Dr. Leete geschlachtet wurde, womit ich auf Wunsch des Mr. Richard Michaelis schlagend bewies, dass die Klagen, die Mr. Forest vorbrachte, gerecht waren; denn wie hätte ein ungerechter Mann es über sich vermocht, seinen Feind zu verteidigen, der durch die Hand eines Dritten fallen sollte!
Ich war nun ebenso überzeugt, dass der Kommunismus die erbärmlichste Einrichtung sei, als ich vorher für denselben geschwärmt hatte, und ich bedauerte, dass Mr. Forest im Kampfe gefallen war, da ich Arm in Arm mit ihm das 21. Jahrhundert gerne hätte in die Schranken fordern mögen.
Nun ereignete sich aber das Verwunderliche, dass Mr. Forest sich doch erholte und langsam von seinen furchtbaren Wunden genas. Ich pflegte ihn wie meinen Bruder und las ihm Bücher und Briefe vor, um ihm seine Lage zu erleichtern. So auch einen Brief aus Tulln, einem unbekannten kleinen Orte in Österreich, den wir auf keiner Karte finden konnten.
In diesem Briefe sprach ein gewisser Zwirner den Wunsch aus, Mr. Forest kennen zu lernen, da er in einer alten Zeitung, „Boston Gazette“, einen Vortrag abgedruckt gelesen hatte, den Mr. Forest, als er noch Professor war, über die Kultur des 19. Jahrhunderts gehalten hatte, und es ihn interessiert hätte, sich mit dem gelehrten Manne zu unterhalten. Er begreife zwar nicht seinen Hass gegen den Kommunismus, eine Gesellschaftsform, die ihn vollkommen befriedige, denn auch Österreich sei längst dazu übergegangen, aber geschichtliche Forschung böte viel Interesse und er selbst befasse sich mit der Aufhellung der ein wenig in Vergessenheit geratenen Kultur des 19. Jahrhunderts. Er habe Vieles, was sich darauf bezog, aus den europäischen Bibliotheken ermittelt, aber er wünsche, sein Material mit jenem des Mr. Forest zu vergleichen, und meine, Mr. Forest könnte seine Sommerferien zu einem Besuche in Österreich benützen. Als Professor müsse ihm der Staat die Mittel zu einer Reise nach Europa zu wissenschaftlichen Zwecken anweisen, während er selbst, der nur ein junger Landmann sei und keinen Namen unter den Gelehrten sich erwerben konnte, weder so langen Urlaub, noch die Mittel zur Reise beanspruchen dürfe.
Der Arme glaubte Mr. Forest noch im Besitze einer fetten Professur und hatte nicht gelesen, dass derselbe längst war abgesetzt worden.
Indessen gefiel dem Rekonvaleszenten der Vorschlag, da er Europa noch nicht besucht hatte und es ihm nicht ohne Interesse war, dem zufriedenen Österreicher ebenso die Augen zu öffnen, wie er mir getan, und er beauftragte mich, bei der Regierung um Ausfolgung der Mittel einzuschreiten, welche ihm und mir, den er mitnehmen wollte, die Reise nach Österreich ermöglichen sollten. Man musste sich mit Reisegeld versehen, da zwischen Amerika und Europa keine Reziprozität für den Reiseverkehr bestand, wie sie die Kontinentalstaaten in Europa untereinander vereinbart hatten. Ich bezweifelte, dass die Regierung uns das Reisegeld anweisen würde. Aber unserem Wunsche wurde entsprochen, denn Mr. Forest war wieder in Gunst, weil er Dr. Leete, ein einflussreiches Mitglied der Regierungspartei, verteidigt hatte, und was mich betrifft, so dachte man längst, mich von meiner Stelle am Shawmut-College zu entfernen, weil ich nicht mehr mit der anfänglichen Parteilichkeit für den Kommunismus dozierte, andererseits aber das Auditorium sich größtenteils verlaufen hatte. Zudem hatten wir unser Gesuch für die Ferienmonate eingebracht und so bezahlte uns die Staatskasse 3.000 Dollar Reisegeld und beurlaubte uns die Regierung für die beiden Monate Juli und August 2020 zur Reise nach Europa.
Um in einem deutschen Lande reisen zu können, suchten wir uns einige Kenntnis der deutschen Sprache vorher anzueignen und verkehrten viel mit eingewanderten Deutschen, die in Boston lebten, und mit 1. Juli 2020 verließen wir Boston und Amerika, um nach glücklicher Überfahrt am 13. Juli 2020 die österreichische Grenze bei Salzburg zu überschreiten.

2
Ich übergehe die Erlebnisse auf der Reise bis Salzburg, welche für den Leser kein Interesse hätten, weil es sich nur um unsere Beobachtungen in Österreich handelt.
Wir kamen am 13. Juli 2020 abends 6 Uhr in Salzburg, einer reizend gelegenen Kreisstadt, an, welche einmal ziemlich volkreich war und gegenwärtig nur etwa 1.500 bleibende Einwohner zählt, aber immer an 2.500 bis 3.000 Fremde beherbergt. Es haben in solchen Städten viele Pensionisten ihren Wohnsitz, die ihn aber, durch keine Berufspflichten gebunden, jederzeit beliebig mit einem anderen Wohnorte vertauschen können, daher sie nicht eigentlich Einheimische genannt werden können.
Die beurlaubten Bürger, welche ihren Urlaub zu einer Reise benützen, halten sich meist einige Tage in diesen Städten auf, um einigen Theatervorstellungen beizuwohnen und die Merkwürdigkeiten zu besehen. Reisende Ausländer, welche die Reisetaxe dritter Klasse bezahlen oder solchen gleichgehalten werden, haben das Recht, in den Kreisstädten abzusteigen und liefern auch ein großes Kontingent der wechselnden Bewohnerschaft der Kreisstädte. Auch die Heilanstalten höherer Ordnung und die Mittelschulen für Technik, Landwirtschaft und Gewerbe führen manche Kranke und Schüler in die Kreisstädte, wo in früherer Zeit, als die stehenden Heere noch nötig waren, auch meist drei Bataillone Militär garnisonierten. Die stabile Bevölkerung betreibt Gärtnerei, Industrie, Hauswirtschaft, Krankenpflege und Unterricht. Es ist ferner an jedem Kreisorte je ein Staatsbeamter für die Angelegenheiten der Gemeinde, des Bezirkes und des Kreises ansässig und hat der Kreisbeamte einige Hilfsbeamte nach Bedürfnisse zur Seite. Jedem der drei Staatsbeamten ist ein vom Volke gewählter sogenannter Tribun oder Volksbeamter zur Seite gesetzt, der die Interessen der Einzelnen, Gemeinden, Bezirke und des Kreises wahrzunehmen hat. Ebenso ist an jedem Kreisorte je ein Pädagoge und je ein Arzt für die Angelegenheiten der Gemeinde, des Bezirkes und des Kreises bestellt und zerfallen die Kreise in beiläufig zwanzig Bezirke und jeder Bezirk in etwa zwanzig Gemeinden. – Dazu kommen ein ziemlich zahlreicher Lehrkörper, einige weibliche Ärzte und viele Spezialisten des ärztlichen Standes, so besonders Operateure, welche im Verbande der Kreisregierung stehen, aber, wenn es sich um Kranke handelt, die nicht oder nicht schnell genug nach der Kreisstadt gebracht werden können, an den Wohnort des Kranken abgehen müssen und welchen die schnellsten Beförderungsmittel jederzeit zur Verfügung stehen.
Am Kreisorte ist eine permanente Bühne mit meist wechselndem Personale und, als wir dort ankamen, war eben eine Operngesellschaft in Salzburg, welche mehrere berühmte Sänger und Sängerinnen zählte.
Beiläufig will ich hier noch bemerken, dass am Kreisorte die Trauungen gefeiert werden, dass dort häufig die Versammlungen der Verwaltungsbeamten, Ärzte und Lehrer tagen und jede Woche irgendein Wettbewerb nach Art der olympischen Spiele abgehalten wird, wobei man sich um die Palme in den verschiedensten Künsten und Geschicklichkeit bewirbt. Der Kreisort beherbergt eine permanente Ausstellung der industriellen und landwirtschaftlichen Produkte und ein historisches Museum, welches die Fortschritte seit 50 Jahren veranschaulicht.
Wir wurden zuerst dem Staatsbeamten für die Gemeindeangelegenheiten vorgestellt, der unsere Papiere prüfte und sich erkundigte, nach welcher Klasse wir reisen wollten. Es richte sich danach die Kategorie der Städte, in welchen wir Aufenthalt nehmen dürfen, die Beherbergung, Verpflegung und die Verkehrsmittel, deren wir uns bedienen können. Wir erhielten einen gedruckten Prospekt zu unserer Orientierung und entschieden uns für die erste und reichste Klasse, welche uns überall Zutritt eröffnete und wofür wir 25 Mark in Geld pro Tag zu erlegen hatten. Wir bezahlten für 20 Tage 1.000 Mark zusammen und wurden ersucht, unsere sonstige Barschaft in Verwahrung zu geben, da im ganzen Lande niemand berechtigt sei, Geld anzunehmen oder etwas zu verkaufen. In die uns ausgestellte Aufenthaltskarte wurde eingetragen, dass wir 1.000 Mark Reisegebühr erlegt und außerdem 9.000 Mark in Gold deponiert hätten und berechtigt seien, bis 2. August 2020 abends 6 Uhr als Reisende erster Klasse in Österreich uns aufzuhalten, vorbehaltlich einer etwaigen Verlängerung, die wir mit der Staatsverwaltung vereinbaren könnten. – Wir erhielten sodann eine gedruckte Belehrung in deutscher und englischer Sprache, wie wir uns in Österreich zu benehmen hätten, um nicht gegen Gesetz und Sitte zu verstoßen, wie auch die gesetzlichen Folgen, welche Kontraventionen nach sich ziehen würden, daraus entnommen werden konnten, und wurden uns dann zwei prachtvolle Zimmer in den Wohngebäuden angewiesen, welche eine berückende Aussicht gegen die Berge boten.
Nachdem wir uns gereinigt und mit einem Bade erfrischt hatten, erhielten wir die Einladung des Kreisbeamten, seinem Empfange nach der Oper beizuwohnen. Wir stärkten uns mit einem Imbiss im Gemeindehause, wohnten einer Oper von Mozart bei, der in Salzburg noch im 21. Jahrhundert als berühmtester Landsmann verehrt wird, und wurden nach Beendigung der Oper, die vor dichtgefülltem Hause aufgeführt wurde, von dem Personale des Hauses nach den Empfangssälen des Kreisbeamten gewiesen, die in einem Gebäude nahe der Oper, zu welchem man durch einen gedeckten Gang gelangen konnte, gelegen waren. – Ich will nicht bei der Schönheit dieses Baues und der Empfangsräume verweilen, noch die Menge der Besucher erwähnen, da ich mir näheres für später vorbehalte, wo die Hilfsquellen zur Sprache kommen werden, über die Österreich im 21. Jahrhundert verfügt. Nur will ich sagen, dass wir verwundert waren, die ersten Sängerinnen nach der Oper mit funkelnden Steinen an Brust und Hals am Arme höflicher Herren beim Kreisbeamten erscheinen zu sehen, was wir damals mit der kommunistischen Gesellschaftsordnung nicht zu vereinbaren wussten.
Als wir zur Ruhe gingen, machte man uns aufmerksam, dass die Züge in der Richtung nach Wien um 6 Uhr und um 9 Uhr morgens von Salzburg abfahren, und wählten wir den zweiten Zug.
Am nächsten Morgen warfen wir von unseren Fenstern einen Blick über die herrliche Gegend und sahen überall auf Feldern und Wiesen rüstig arbeiten, Lieder erklangen von den Gefilden und schien ein gewisser Wetteifer alle zu beleben. Wir frühstückten im Speisesaale, wo uns ein allerliebstes Mädchen mit dem Nötigen versorgte, unternahmen einen Spaziergang in die ihrer Schönheit wegen berühmte Umgebung der Stadt und reisten um 9 Uhr ab, nachdem uns eine freundliche Hausgenossin, welche das Geschäft einer Aufwärterin im Fremdenpalaste besorgte, noch einen Gruß des Kreisbeamten und des Gemeindebeamten gemeldet hatte.
Man darf aber nicht glauben, dass wir uns irgendwelche Freiheiten gegen dieses „Kammerkätzchen“ oder eine geringschätzige Behandlung hätten erlauben dürfen. Unsere gedruckte Belehrung bedrohte uns für einen solchen Fall mit unverzüglicher Entfernung aus Österreich, wie uns auch kundgetan war, dass jedes Mädchen und jede Frau in Österreich ohne Rücksicht auf deren Beruf Anspruch auf ritterliche Höflichkeit erhebt.
Bahnhof, Waggons, Dienstuniformen des Eisenbahnpersonals zeigten edle Einfachheit und feinen Geschmack. Nach Vorweisung unserer Aufenthaltskarte wurden wir vom Oberschaffner nach dem besten Coupé gewiesen, in welchem wir einige Professoren fanden, die ihre Ferienreise machten. Der Zug war voll besetzt mit Leuten jeden Berufes, die kürzere und längere Strecken zurücklegten, wozu ihnen eine Reiselegitimation des Beamten ihrer Heimat das Recht gewährte. Einige Mal war der Andrang von Reisenden etwas zu groß und dann mussten jüngere Leute ohne Rang sich begnügen, in den Gängen und zwischen den Sitzen zu stehen, aber es wurde wieder Platz und so dauerte die Unbequemlichkeit nicht lange. Wer sich nicht fügen wollte, hatte die Wahl, auszusteigen und zurückzubleiben, was nichts auf sich hatte, weil man überall angenehm wohnt und mit allem gut versorgt ist und man ja doch nur zum Vergnügen reist. Die wenigen Personen, die im Dienste reisen, haben allerdings Anspruch auf alle erdenklichen Bequemlichkeiten und unaufgehaltene Beförderung.
Wir hatten unterwegs zweimal kalten Imbiss mit Erfrischungen nach unserer Wahl, erhielten auf unseren Wunsch, da wir uns scheuten, mit den Reisenden Deutsch zu konversieren, englische Bücher und Zeitungen aus der fahrenden Bibliothek zum Gebrauche und kamen um 4 Uhr über die St. Pöltener Zweiglinie nach Tulln, wo uns der Schaffner einem am Bahnhofe anwesenden Herrn als die beiden Amerikaner vorstellte. Es war Herr Zwirner, der, obwohl er Englisch an Mr. Forest geschrieben, doch nur Deutsch mit uns sprechen wollte und uns zu unserer Aufklärung mitteilte, der Schaffner, der uns schon in Wels um das nächste Ziel unserer Reise gefragt und erfahren hatte, dass wir noch heute zu Herrn Zwirner in Tulln wollten, habe, wie das immer geschehe, wenn es sich um Fremde handelt, von Linz aus den Kreisbeamten in St. Pölten und dieser den Bezirksbeamten in Tulln telegraphisch von unserer Ankunft und dem Zwecke unseres Besuches verständigt. Demnach sei er, Zwirner, der in den nahegelegenen Bergen arbeitete, rechtzeitig von unserer Ankunft benachrichtigt worden, damit die Fremden den Zweck ihrer Reise ohne Umwege erreichen sollten.
Wir begaben uns nach unseren Zimmern, die in gastfreundlicher Absicht so gewählt waren, dass wir die Aussicht über die Donau und den Tullnerboden mit den angrenzenden waldbewachsenen Höhen genießen und sehen konnten, dass das ganze Land wie ein Garten bebaut ist. Zwirner wollte uns gleich mit dem Landstriche, der vor uns lag, bekannt machen. Das Gebiet zwischen der linker Hand strömenden Donau und den Bergen, die sich rechter Hand in sanften Bogen bis meilenweit vor uns nach Osten erstreckten, nennt man den Tullnerboden. Er ist flach, wie eine Tenne und unendlich fruchtbar. Links, jenseits der Donau, sieht man ausgedehnte Auen und weiterhin anmutige Berge, die sich weit hinaus im Osten mit den diesseitigen Bergen zu kreuzen scheinen. Doch windet sich dort die Donau, deren Lauf man nicht mehr verfolgen kann, in südöstlicher Richtung zwischen den Bergreihen durch. Unsere Bergkette ist von einem scharf abfallenden Berge abgeschlossen. „Auf diesem Berge“, sagte Zwirner, „steht die alte Ruine Greifenstein, zwei volle deutsche Meilen von hier, und links davon, noch eine Viertelmeile weiter und schon jenseits der Donau gelegen, seht ihr den mächtigen Bau des Schlosses Kreuzenstein, vormals gräflich Wilczekscher Besitz und jetzt, wie alle alten Burgen und Schlösser, zur Zivilliste geschlagen. Der Kaiser lässt sich aber dort von altersher von einem Mitgliede der Familie Wilczek vertreten.“ – Zwirner nannte uns die Ortschaften, die vor uns lagen. Die Straße rechter Hand führe nach Staasdorf, das wir nahe vor uns sahen, und nach Ried, das wir nicht sehen könnten, im Gebirge. Am Saum der Gebirge, von Staasdorf nach Osten vor uns, nannte er uns die Ortschaften Chorherrn, Tulbing, Königstetten und näher zu uns liegen in dieser Richtung Frauenhofen und Nietzing, an der Donau stromabwärts Langlebarn, Muckendorf, Zeiselmauer, dann im fernen Osten Wördern und St. Andrä, welches sich wieder an die Berge lehnt; von da zurück, halbwegs nach Königstetten, Wolfpassing. – Tulln sei Bezirksvorort und alle diese Ortschaften, ein großer Teil des rechtsseitigen Waldgebietes und viele Ortschaften nach Süden und Westen, die von unseren Fenstern aus nicht zu sehen waren, gehörten zu diesem Bezirke. Jenseits im Osten beginne der Klosterneuburger Bezirk. Wir sahen keine Kirchtürme, aber die aus mächtigen, kastellartigen Gebäuden bestehenden Dörfer waren wohlgepflegt, mit Ziergärten, Parkanlagen und Obstgärten eingerahmt und von großen Wirtschaftsgebäuden begleitet, die überall abseits angelegt waren. Eigentlicher Wald war auf dem Tullner Boden nicht zu sehen, aber die Berge waren herrlich bewaldet. Von den Bergkuppen nannte uns Zwirner nur den Tulbinger Kogel zwischen Tulbing und Königstetten, den wir näher kennen lernen sollten. In Königstetten sahen wir auch ein großes Schloss mit weit ausgedehnten Gärten und Park, das nach Zwirners Mitteilungen zur Zivilliste gehörig sei und wo heuer ein Fürst Hochberg Hof halte.
Zwirner verließ uns und wir machten uns für den Mittagstisch bereit, stürzten uns vorher noch in ein Schwimmbecken, um uns nach dem heißen Tage etwas abzukühlen, und gingen um 5 Uhr mit Zwirner zu Tische. Er führte uns in den mächtigen Speisesaal des Gemeindepalastes, der an 1.500 Quadratmeter fassen mochte und wie sich einer in jeder Gemeinde und jedem Quartier findet. Dort stellte uns Zwirner dem Beamten vor, der in diesem Saale, in welchem sich die ganze Gemeinde zur Mahlzeit versammeln kann und auch, bei der Hauptmahlzeit meist zu zwei Dritteln versammelt ist, präsidierte, und dieser verkündete dann mit lauter Stimme, dass die Herren Julian West und N. Forest aus Boston in Amerika zu Besuch hier seien, was nicht übergroße Verwunderung erregte, wohl aber von einigen mit einem freundlichen „Cheer“ beantwortet wurde.
Zwirner führte uns an seinen Tisch, an dem nur unverheiratete junge Leute saßen, mit welchen wir uns bald im Gespräche befanden, da man uns ermunterte, von Amerika zu erzählen. Nach dem Essen geleitete uns Zwirner in den Park, der die Wohnhäuser umgibt, und bot uns Zigarren an, die wir gerne annahmen. Wir sprachen unsere Verwunderung aus, dass Zwirner nicht selbst auch rauchte, worauf er sagte: „Die Österreicher rauchen nicht.“
Da stieß mich Mr. Forest mit dem Ellenbogen: „Da hat man die Freiheit; den Österreichern verbietet die wohlweise Regierung das Rauchen, als ob sie kleine Kinder wären.“ Zwirner verstand nicht, was Mr. Forest englisch zu mir sagte, aber er erbat sich lächelnd Aufklärung, da er meine, etwas von „Austria“ vernommen zu haben, und fügte zugleich bei, er wolle nicht annehmen, dass wir von etwas gesprochen hätten, was Mr. Forest zu verbergen wünsche, da dies in Österreich als ungesellig gelte und man wohl in Amerika nicht anders denken dürfte. Ich gestand ihm, dass wir Gegner des Kommunismus seien und im Rauchverbot eine unerhörte Bevormundung erblickten.
„Ihr irrt, liebe Freunde!“, sagte hierauf Zwirner, „in Österreich lebt ein freies Volk, und niemand kann uns das Rauchen verbieten.“ – „Weshalb wagt ihr aber dann nicht zu rauchen?“, war meine Frage. – „Das mag einer Erklärung bedürfen“, sagte Zwirner. „Österreich war einstens das gesegnete Land der Raucher; die österreichische Regierung hatte das Tabakmonopol im Lande und erzeugte ungeheure Mengen von Zigarren, Rauch- und Schnupftabak im Jahre. Sie begünstigte das Rauchen, weil damals, vor 150 Jahren, das Tabakmonopol große Summen abwarf. Als dann nach und nach die Gemeinwirtschaft eingeführt wurde, hatte die Regierung Mittel genug zur Verfügung, um alle staatlichen Bedürfnisse zu befriedigen, und es wurde die Frage aufgeworfen, ob denn das Rauchen ein wirkliches oder eingebildetes Bedürfnisse sei. Man stritt hin und her und es gab Provinzen, die für das Rauchen waren, und andere wollten es abschaffen. Die Regierung wollte nichts von Gewalt wissen und meinte, nur der Jugend könne der Genuss von Tabak verwehrt werden, wenn man das für zweckdienlich halte.
Da sich, wie gesagt, einige Provinzen für das Rauchen, andere dagegen ausgesprochen, schlug die Regierung vor, dass man das Rauchen zwar den Erwachsenen freigeben, aber eine besondere Krankheits- und Mortalitätsstatistik für Raucher und Nichtraucher führen solle. So geschah es und wurden die Nichtraucher für die Ersparnisse an Rauchtabak mit anderen Genüssen entschädigt. Es stellte sich nun klar heraus, dass das Rauchen manche spezifische Krankheiten im Gefolge habe und dass der Raucher jährlich 3-8 Tage seines Lebens zusetze, je nach der Menge und Stärke des verbrauchten Tabaks und der Widerstandsfähigkeit der Konstitution. – Da verminderte sich nach und nach die Zahl der Raucher, den jungen Leuten verwehrte man den Tabak ganz und gar, und es fand sich, dass die Leute nicht nur gesünder waren, als vorher, sondern auch jährlich das Dreifache jenes Aufwandes in Ersparung gebracht wurde, den die Versorgung des Volkes mit neuen Büchern und die gesamte Bibliotheksverwaltung verursacht.“
„Nun aber, wie kommt es, dass wir doch mit Zigarren bewirtet werden?“, fragte ich.
„Wir sind gastfreundlich und sehen jährlich 400.000 Ausländer in unseren Grenzen. Wir suchen jedem Fremden die Annehmlichkeiten seiner Heimat zu bieten und nur für Fremde haben wir Tabak.“
Mr. Forest schwieg für diesmal und hoffte auf eine bessere Gelegenheit, über die kommunistische Sache zu triumphieren.
Zwirner schlug nun vor, einen Plan für die nächsten Tage zu entwerfen. „Wir haben“, sagte er, „Dienstag, den 14. Juli 2020 und, da wir mitten in der Ernte sind, kann ich mich nicht beurlauben lassen. Für nächsten Sonntag stehe ich euch ganz zur Verfügung, aber an Wochentagen muss ich mich bis 4 Uhr meinem Berufe widmen. Da wir günstiges Wetter haben, schlage ich euch für morgen einen Ausflug auf das Kahlengebirge vor und am Donnerstag findet im Prater ein Kreiswettrennen statt, welches in den Nachmittagsstunden abgehalten wird, und damit ließe sich ein Besuch der Rotunde verbinden. Für später können wir dann weitere Pläne machen. Am Kahlenberge könnte ich euch morgen nachmittags abholen.“
Wir gingen auf den Plan ein und Zwirner verließ uns, um das Nötige im Gemeindepalaste zu besorgen. Man stellte uns nämlich Karten aus, womit wir wegen unserer Verpflegung für Mittwoch und Donnerstag an die Verwaltung der Wirtschaften am Kahlenberge und im Prater angewiesen wurden, da es gebräuchlich sei, dass jeder dort seine Mahlzeiten einnehme, wo er beherbergt wird.
Nun führte uns Zwirner in sein Wohnzimmer, um dort in Ruhe mit uns Gedanken auszutauschen über das, was uns hauptsächlich beschäftigte. Seine Stube war einfach, aber hell, rein, gut gelüftet und für die jetzige Jahreszeit angenehm kühl. Das Mobiliar schien sehr spärlich und einfach, aber es fehlte nichts, was zur Bequemlichkeit dient. Die Stube lag im dritten Stockwerke nach einer Seite, wo besondere Ruhe herrschte, und Zwirner hatte diese Lage gewählt, weil er beschaulich war und gerne seine Muße mit Studien verbrachte. Wir sahen eine ungeheure Menge von Büchern aufgestapelt, viele auch in englischer Sprache, dann viele Jahrgänge alter Zeitungen und Fachschriften, welche Aufschluss geben über den Stand der Sozialwissenschaft im 19. Jahrhundert, über die Statistik damaliger Zeit und über die Bewegung, die damals durch alle Völker ging, und wie ein Wetterleuchten das Nahen eines erfrischenden Gewitters verkündete. Zwirner klärte uns darüber auf, wie er in den Besitz des Materials gelangt sei. Er sagte, dass niemand Privateigentum habe und alle Bücher in öffentlichen Bibliotheken verwahrt würden. Wien habe zehn große öffentliche Bibliotheken, jede mit Millionen von Bänden, da dort nach und nach alle Privatbibliotheken Aufnahme fanden und seit Einführung der Gemeinwirtschaft alljährlich eine halbe Million Bände den Zentralbibliotheken zuwüchsen.
Die Wiener Bibliotheken umfassten unter anderem alle Unica und bezögen seit Jahren alles, was auf dem ganzen Erdkreise jährlich erschienen, ohne einen Unterschied der Sprache. Mit allen kommunistischen Staaten stehe die Regierung im Büchertausche und beziehe auf diesem Wege alljährlich viele Tausende von Werken, da beispielsweise Deutschland allein jährlich 12.000 Werke herausgebe gegen etwa 7.000 Werke im 19. Jahrhundert.
Gemeiniglich sende man sich nur ein Probeexemplar zu, finde aber die Reichsbibliotheksverwaltung, dass das Volk an etwas Interesse nehmen dürfte oder dass die Verbreitung eines Werkes nützlich sei, so bestelle man eine große Anzahl von Exemplaren, auch bis zu hundert, so dass jeder Kreis mit einem Exemplar versorgt werden könne. Am Schlusse des Jahres verrechne man sich wechselseitig und rechne man gemeiniglich Band für Band, den Band zu 500 Seiten, die Seite zu 250 Worten. Den inneren Wert eines Werkes ziehe man nicht in Betracht, weil es sich ja doch nur um einen Abdruck handle und die Staaten untereinander den Grundsatz beobachten, dass Wissenschaft und Kunst international seien.
„Und die Schriftsteller erhalten auch kein Honorar?“, warf ich ein.
„Diese erhalten natürlich kein Honorar in Geld, da die Geldwirtschaft abgeschafft ist, aber man hat von alter Zeit her den Gebrauch, für geistige Arbeit von höherem Werte besondere Vorteile und Begünstigungen einzuräumen.“
„Wie bemisst man aber diese und wer schätzt den Wert der Arbeit ab?“
„Den Wert der Arbeit schätzt die Regierung ab, wie man im 19. Jahrhundert die Verdienste eines Staatsbeamten abschätzte und entlohnte, teils durch Beförderung, teils durch Auszeichnungen, teils doch auch durch Prämien!“
„Da kann man sich die Protektionswirtschaft vorstellen“, fluchte Mr. Forest, „und wer gegen die Regierung schreibt oder den Ministern nicht den Hof macht, wird natürlich umsonst auf Belohnung warten.“
„Man schreibt in Österreich nicht für und nicht gegen die Regierung, denn, nachdem der Klassenstaat durch Verstaatlichung des Besitzes sich in einen Volksstaat verwandelt hat, haben alle politischen Fragen an Bedeutung verloren und es kann höchstens Verdienst oder Verschulden Einzelner in Frage kommen, wobei Wissenschaft und Kunst nicht beteiligt sind. Allerdings ist bei der Bewertung geistiger Arbeit ein sicheres Urteil nicht zu gewinnen, aber es wird damit folgendermaßen gehalten. Man unterscheidet in der Literatur Wissenschaft und Kunst.
In der Wissenschaft handelt es sich um Forschung und Mitteilung ihrer Ergebnisse oder um bloße Tradition. Erstere veröffentlicht der Forscher in den Fachblättern oder in selbstständigen Werken. Gehört er dem offiziellen Verbande der wissenschaftlichen Körperschaften, also einer Akademie, einer Hochschule oder einem vom Staate eingerichteten wissenschaftlichen Institute an, so gilt das Ergebnis seiner Forschung als geistiges Eigentum des Staates, der ihm Unterhalt gewährt und alle Forschungsbehelfe zur Verfügung stellt. Das schließt aber nicht aus, dass für epochemachende Entdeckungen besondere Entlohnungen in munifizenter Weise bewilligt werden, wie es überhaupt mit der Belohnung besonderer Verdienste gehalten wird.“
„Wie kann das doch mit den kommunistischen Prinzipien in Übereinstimmung gebracht werden und wie stimmt das mit der Forderung der Gleichheit?“, fragte Forest.
„Wir halten Gleichheit nicht für eine Forderung des Kommunismus in dem Sinne, dass Mann für Mann dasselbe genießt. Wir verstehen unter Gleichheit einmal die Festhaltung der gleichen Würde für jeden Menschen. Jeder ist Mensch und das ist der höchste Adelsbrief. Gleichheit herrscht ferner darin, dass jeder eine vollkommene Erziehung und eine vollkommene Ausbildung erhält, so dass alle seine geistigen und leiblichen Anlagen zur vollen Entfaltung gelangen, gleichviel, wer sein Vater oder seine Mutter wäre. Wir verstehen ferner unter Gleichheit, dass jedem in seinem Berufe alle jene Erleichterungen gewährt werden, die ihn in den Stand setzen, das Höchste zu leisten. Nur durch höhere Leistungen kann sich der Mensch noch ein wenig über seine Mitmenschen erheben. Die Geburtsvorrechte wurden eben deshalb abgeschafft, damit jeder nach Verdienst geehrt und entlohnt werden kann. Das heißt, damit die natürliche Ungleichheit zu voller Entfaltung soll gelangen können hat man alle künstliche und aus der Knechtung entstandene Ungleichheit abgeschafft.
Wir sind ferners der Überzeugung, dass, wenn man jedem die gleiche Gelegenheit bietet, das Höchste zu leisten, wozu ihn die Natur befähigt hat, darin allein auch wieder der angemessene Lohn liegt; denn, wenn man einem Manne, der zweimal so stark ist, als sein Nebenmann und daher zweimal so große Lasten bewegt, auch zweimal so viel Nahrung gibt, so ist das eher gleich, als wenn man diesen verschiedenen Leuten genau gleichviel Nahrung zumessen wollte. Keinesfalls bewirkt das eine soziale Ungleichheit und so wenig man daran denken könnte, einer hundertpferdigen Dampfmaschine genau so viele Kohlen zuzuführen, wie einer einpferdigen, ebenso wenig könnte man jedem Arbeiter genau und mechanisch dieselbe und gleichviel Nahrung zumessen.
Erwägen wir aber genauer, welcher Art die Güter sind, auf welche hervorragende Künstler, Forscher und Erfinder vorzugsweise Anspruch erheben werden, so werden sie wohl unter den Begriff geistiger Nahrung fallen. Das Volk also, der Abnehmer aller geistigen und materiellen Werte, die durch Menschenarbeit geschaffen werden, hat selbst ein Interesse daran, dass höheres Verdienst auch höheren Lohn findet. Er stellt sich nämlich als produktive Auslage dar.
Unsere verhältnismäßige Gleichheit folgt weit genauer dem Verdienste, als die Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts, die Milliarden des Jahresproduktes an Leute verschwendete, welche überhaupt gar nichts leisteten. Aber wir meinen, dass jeder Arbeiter, schaffe er mit den Händen oder mit dem Kopfe oder mit den Nerven, wo z. B. gespannte Aufmerksamkeit notwendig ist, sich einigermaßen aufreibt, einen Teil seines Lebens einsetzt, und das eben in verschiedenem Maße, nach Art und Menge seiner Leistung, und nach diesem Verhältnisse muss der Lohn abgestuft werden. Wie man dem Acker selbst wiedergibt, was man ihm in der Landwirtschaft entzieht, wie man den Ackergaul selbst verschieden füttert, je nachdem er mehr oder weniger angestrengt arbeitet.“
Da unterbrach ihn das Glockenzeichen, das zur Abendmahlzeit rief, und wir pilgerten, ehe wir noch erfahren hatten, wie es mit der Kunst in der Literatur gehalten wird, nach dem großen Speisesaale. Unser Weg führte am Schwimmbecken vorüber, in dem sich noch Jung und Alt beiderlei Geschlechts tummelte, und durch den Blumengarten, der den Zwischenraum der Häuser ausfüllt. Wir fanden den Speisesaal hell erleuchtet und kaum zur Hälfte gefüllt. Man kam und ging und die hübschesten jungen Mädchen dienten als Heben von Tisch zu Tisch.

3
Wir wollen nun mit wenigen Worten der beiden nächsten Tage gedenken, wo wir uns mehr überlassen waren, weil Zwirner sehr hart arbeiten musste. Wir fuhren den nächsten Tag auf den Kahlenberg, wohin die Eisenbahn und eine Zahnradbahn, die vor 150 Jahren erbaut, seither aber sehr verbessert worden war, führt und von wo wir zuerst Wien, mit viel weniger Türmen, als im 19. Jahrhundert, geschmückt und nicht erweitert, wie man damals dachte, sondern eher zusammengerückt – so lehrten Bilder an den Wänden des Speisesaales – sahen, und wir waren verwundert, überall Grünes zwischen die Häusergruppen gemengt zu sehen, mehr als das sonst in einer Großstadt der Fall ist. Von einer großen Terrasse sahen wir hinab auf die schimmernde Stadt und die umliegenden Weingärten, links die Donau mit dem fruchtbaren Marchfelde und blauen Gebirgen in weiter Ferne und rechts, vom Bergrücken ausgehend, auf dem wir standen, wohl in zwanzig Farbentönen, immer duftiger und blauer werdend, abgestuft, ein herrliches Gewoge bewaldeter Berge, die, zu immer mächtigerer Höhe ansteigend, sich bis weit nach Süden hinziehen, wo der berühmte Schneeberg deutlich sichtbar ist. Es sind weitläufige Wohngebäude und Wirtschaften auf dem Kahlenberge zu sehen; eine alte Kirche, die da gestanden haben soll, ist nicht mehr erhalten und führen Waldwege im Bogen nach einer zweiten Bergkuppe, zwischen uns und der Donau gelegen, welche Leopoldsberg genannt wird und auch bewohnt ist. Die Wohnhäuser dienen alten Leuten, die Gefallen daran haben, Winter und Sommer zum Aufenthalte und werden oft Tausende von Besuchern hinaufgeführt, die sich einige Stunden erlustigen, auch wohl bis spät in die Nacht bleiben und nicht selten im großen Saale sich mit Musik und Tanz vergnügen, wie auch sehr oft Männergesang ertönt, zur Übung oder zur eigenen Lust oder um fremde Besucher zu ehren, die sich eben in Wien befinden und eine Einladung auf diesen Berg annehmen. Dass alles für Staatsrechnung geht, ist selbstverständlich.
Die weiten Wälder, von Wiesen unterbrochen, bieten Tausenden genussreiche Gelegenheit, sich zu ergehen und dem Ballspiel, Cricket oder Lawn-Tennis zu huldigen, wozu die Erfordernisse reichlich vorhanden sind. Es ist ein Aussichtsturm hier und in einer Stunde etwa kann man auf herrlichen Wegen den Hermannskogel erreichen, auf welchem auch ein uralter Turm steht, dessen Entstehungsgeschichte der Kastellan erzählt. Wir legitimierten uns in der Wirtschaft auf dem Kahlenberge mit der Anweisung des Tullner Beamten und wurden mit allem versorgt. Wir ließen Zwirner telefonisch benachrichtigen, dass wir gleich nach dem Mittagstisch nach Payerbach fahren wollten, um die herrliche Nacht auf dem Schneeberg zu verbringen. Man versah uns, als wir aufbrachen, mit einer Tasche, in der wir die nötigsten Reiseerfordernisse und Mundvorrat mitnahmen, und wurden ersucht, Tasche und Reiserequisiten in Tulln abzugeben, von wo sie wieder gelegentlich zurückgebracht würden.
Ein Amerikaner, den wir zufällig trafen, schloss sich an und über die Zahnradbahn, Franz-Josefs-Bahn und Südbahn kamen wir um zehn Uhr nach Payerbach, wanderten im Mondschein nach Reichenau und von da auf den Schneeberg, wo wir ein wenig ruhten und zum Aufgang der Sonne geweckt wurden. Mit vielen anderen Besuchern genossen wir das erhebende Naturschauspiel, ruhten dann wieder und kamen gegen Mittag nach Payerbach, um direkt in den Prater zu fahren. Dort kamen wir eben gegen Ende des Wettrennens an, das ebenso verlief, wie anderwärts und zu anderer Zeit, nur durfte nicht gewettet werden und die zahllosen Frauen und Mädchen waren nicht demi-reputation.
Nun waren wir doch froh, zu unserem verspäteten Mittagessen zu kommen, das uns angewiesen war, denn unser Mundvorrat war verbraucht und wir wollten nicht, was wir recht wohl hätten tun können, uns in einen beliebigen Speisesaal begeben, da wir Abweisung fürchteten. Recht müde kamen wir gegen neun Uhr nach Tulln und ließen uns das Abendbrot schmecken. Zwirner gab uns das Versprechen, die Rückstellung der Reiseeffekten zu veranlassen, was ja sehr leicht sei, da kaum ein Tag vergehe, dass nicht jemand mindestens nach Nußdorf ginge, und von dort nähmen dergleichen die Schaffner der Zahnradbahn mit.
Wir wunderten uns, dass da Ordnung möglich sei, und Zwirner sagte, wenn die Sachen in drei Tagen nicht kämen, würde man gewiss nach Tulln telefonieren, und wo könnte denn ein Reisender die Sachen, welche offenbar nicht ihm gehören, hinschaffen? Sie würden ihm abgenommen werden und sicher immer wieder an ihren Ort kommen, denn die Zentralstellen vermitteln alle Anfragen und Kommunikationen.
Zwirner erklärte uns das Fernsprechwesen. Es seien schon ursprünglich alle Ortschaften mit den Bezirksvororten, diese mit den Kreisvororten und diese mit den Provinzstädten durch Fernsprechleitungen verbunden worden. In Wien liefen alle Leitungen zusammen und die Kreisstädte hätten auch telegraphische Verbindung mit den Provinzstädten und diese mit Wien. Die Leitung führe überall von Kanzlei zu Kanzlei, könne aber auch von den Einzelnen benützt werden. Eigenes Bedienungspersonal sei nicht notwendig, da die Telefone überall dort angebracht seien, wo das Anrufen von irgendjemand gehört werden muss.

4
Es war ein heller Nachmittag und ein Gewitter hatte die Luft abgekühlt.
Ich sagte, dass ich den amerikanischen Gesandten besuchen müsse, da ich sein Landsmann sei, und Zwirner erwiderte darauf, dass er sich erkundigen wolle, ob der amerikanische Gesandte Abendempfang habe. Er begab sich nach dem Gemeindepalaste und kam bald mit der Nachricht zurück, der amerikanische Gesandte habe sich für den Abend beim Fürsten Hochberg zum Besuche angesagt und er werde sich übrigens freuen, mit seinen Mitbürgern Messrs. West und Forest dort zusammenzutreffen. Zwirner habe nun beim Fürsten Hochberg, wo übrigens seine Schwester Hausgenossin sei, angefragt, ob es angenehm wäre, wenn er mit den Herren West und Forest aus Boston dort den Abend zubringen würde, hauptsächlich in der Absicht, den amerikanischen Gesandten dort zu begrüßen. Der Fürst habe zustimmend geantwortet.
Zwirner bemerkte, dass wir nicht begriffen, was ein Fürst in einem kommunistischen Staate zu suchen habe und wie sich diese geselligen Verhältnisse erklären ließen, und sagte: „Die Stellung des Adels werde ich euch ein andermal erklären, aber es ist ganz natürlich, dass wir den amerikanischen Gesandten aufsuchen, wo er eben seinen Abend zubringt, und dass wir uns beim Fürsten Hochberg zu diesem Zwecke einladen. Hat man nicht eben geschäftliche oder, wie wir sagen, dienstliche Besprechungen mit jemand zu pflegen, so sucht man sich abends zu treffen, weil der Abend im ganzen Reiche für gesellige Zusammenkünfte bestimmt ist. Die Last, Empfangsabende zu halten, fällt überall dem Verwaltungsbeamten zu, aber in Wien empfängt der Kaiser oder sein Vertreter täglich und ebenso empfangen die Minister, einige Volkstribunen und der Adel. Wir haben 200 adelige Familien, deren Oberhäupter diese Repräsentationspflichten erfüllen müssen und so gewissermaßen kleine Sukkursalen des kaiserlichen Hofes vorstellen. Es hat zwar jedes städtische Quartier seinen Palast, wo jedermann seinen Abend angenehm verbringen kann, aber in Wien strömen berühmte Menschen aus aller Herren Länder zu vielen Tausenden zusammen, und will man Berühmtheiten treffen, so ist es am besten, man geht zu Hofe oder in diese kleineren adeligen Zirkel. Bei Hofe ist das Gewühl der Besucher betäubend und man geht gerne einmal, aber sehr ungern zweimal hin. Dagegen sind die Empfänge des Adels außerordentlich angenehm. In dem Palaste eines solchen Magnaten können sich nur etwa zweihundert Personen versammeln. Man verliert sich nicht, jedermann kann beachtet werden, sich aber auch, wenn es ihm beliebt, der Beschaulichkeit hingeben, man findet die schönsten Frauen, deren wir jetzt eine Legion haben, und die interessantesten Männer, viele Künstler und Gelehrte und niemand beklagt sich, er habe je dort einen Abend verloren. Ich muss beim Fürsten Hochberg ebenso aufgenommen werden, wie jeder andere Bewohner des Reiches oder Fremde, aber man sagt sich immer vorher an, weil die Räume nicht besonders groß sind und man dort ungemütliches Gedränge vermeiden will. Das Haus des Fürsten Hochberg ist übrigens auch mein Haus, die Erfrischungen, die in seinem Hause herumgereicht werden, bestreitet das gesamte Volk und ich bin bei Hochberg ebenso zu Hause, wie in Tulln oder sonstwo im weiten Reiche. Unter der Anfrage, ob mein Besuch angenehm wäre, ist nichts Anderes zu verstehen, als eine Erkundigung, ob die Zahl der angemeldeten Besucher eine bestimmte Grenze nicht schon überschritten hat. In früheren Zeiten allerdings konnte eine abschlägige Antwort auch aus anderen Gründen erfolgen. Als die neue Gesellschaftsordnung begründet wurde und man mit der degradierten Bevölkerung aus dem 19. Jahrhunderte zu rechnen hatte, besaß der Adel das heute kaum je mehr ausgeübte Recht, allen jenen den Zutritt zu verwehren, welche einer solchen Gesellschaft nicht hätten zur Zierde gereichen können. In drei Generationen seit 1930 ist aber der Charakter des Volkes so verändert worden, dass der Adel wohl jeden Einheimischen in seinen Zirkeln zulassen kann.“
„Wie hält man es aber mit den Fremden?“
„Wenn ein verdächtiger Fremde sich bei Hochberg zu Besuch melden würde, so würde der Fürst sich beim Quartierbeamten vorher Belehrung einholen und man würde den Mann etwa mit einer Ausrede und einem Theaterbillet auf andere Gedanken bringen. Für uns hat sich längst ein natürliches Gefühl der Schicklichkeit herausgebildet, welches uns lehrt, Störungen aus dem Wege zu gehen und Empfindlichkeiten zu schonen. So gibt es Leute, welche wegen zwischen ihnen bestehender Abneigung nirgends zusammentreffen dürfen, da sie nur zu leicht in Streit geraten oder doch mindestens nebeneinander des geselligen Abends nicht froh werden könnten. Dem Zusammentreffen solcher Personen wird immer geschickt ausgewichen und ist der Fernsprecher für uns eine wahre Wohltat, weil sich die verantwortlichen Beamten jederzeit davon unterrichtet halten, welche Gefahren etwa zu besorgen sind.“
Eben fuhr ein schmucker Junge eine Kutsche, mit zwei Pferden bespannt, vor und wir stiegen ein, um uns zu Hochberg zu begeben. Der junge Pferdelenker hatte sich die Begünstigung ausgebeten, so oft als möglich mit der Lenkung der Pferde betraut zu werden, weil ihm das besonderes Vergnügen bereite. Er war der Sohn des Arztes und man sagte uns, dass er mit den Pferden, die diese Tage nicht waren eingespannt worden, nachdem er uns zu Hochberg gebracht haben würde, spazieren fahren wolle und dann werde er uns wieder abholen, da der Empfang um 11 Uhr zu Ende sei.
Die Fahrt ging nicht nach dem Stadtpalast der Hochbergs, da der Hof und der Adel bereits seit anfangs Mai die Landhäuser und Schlösser bezogen hatten, und der Fürst Hochberg hatte auf Wunsch des kaiserlichen Obersthofmeisteramtes die Repräsentation im kaiserlichen Lustschlosse zu Königstetten übernommen, wo auch einige Künstler und Gelehrte, gewesene Minister und einige Berühmtheiten aus dem deutschen Reiche Gäste des Kaisers waren. Es ging dort lustig zu und abends versammelte sich eine täglich wechselnde Gesellschaft von Fremden, die von Wien auf Besuch herauskamen, und von Beamten und Ärzten aus der Nachbarschaft, die sich gerade einen Abend frei machen konnten. Daher fuhren auf derselben Straße auch mehrere Wagen, die beinahe zugleich mit uns gegen 7 Uhr in der Einfahrtshalle des Schlosses hielten.
Das Schloss war im 19. Jahrhunderte Eigentum eines Grafen Bray und dann von der Zivilliste übernommen und neu aufgebaut worden. Es war damals ein jämmerliches Haus, zwischen Hütten eingekeilt. Jetzt steht es prächtig und frei da und der Blumenteppich an dessen Vorderseite ist ebenso herrlich, als der weitausgedehnte Park, der sich rückwärts zum Teile den Berg hinan zieht. Auch das Dorf war im 19. Jahrhunderte armselig und die kaum 1.200 Seelen zählende Gemeinde in mehr als zweihundert elenden Hütten verteilt, zwischen welchen schmutzige Straßen liefen.
Im ersten Empfangssaale eilte der Fürst Hochberg auf uns zu, uns zu begrüßen und willkommen zu heißen, nachdem ein Student, der die Ferien im Schlosse zubringt und eine Art von Sekretariat führt, um dem Fürsten die Repräsentationspflichten etwas zu erleichtern, ihm unsere Namen genannt und den Zweck unseres Besuches in Österreich, wie auch den Hauptzweck unseres Erscheinens bei diesem Empfangsabende gemeldet hatte. „Very glad to see you here; the Ambassadeur will be here this moment. In the mean while my daughter will keep you company and I shall have a talk with you afterwards.“ Damit enteilte der Fürst anderen gemeldeten Besuchern entgegen. Die Tochter des Fürsten, Lori Hochberg, lud uns zu sich in eine Fensternische, wo wir Platz nahmen, und nachdem die junge Dame einige Worte Englisch mit uns gesprochen, streifte ihr Blick unseren Freund Zwirner und sie richtete an ihn die Frage: „Werden wir Englisch konversieren?“ Darauf sagte Zwirner, dass er nicht Englisch verstehe, dass wir uns aber ganz gut in deutscher Sprache verständlich machen könnten. Darauf sagte die Prinzessin, sich der deutschen Sprache bedienend: „Ihr müsst wissen, dass wir in Österreich in einem wahren Babel leben. Als unser Land die neue Gesellschaftsordnung annahm, waren vier Hauptsprachstämme im Reiche vertreten, und acht Sprachen wurden gesprochen. Man einigte sich unter Franz Josef dem Standhaften, die deutsche Sprache als allgemeines Verständigungsmittel mindestens für die Gebildeten gelten zu lassen, was übrigens damals viel bestritten wurde. Seither hat sich ganz Österreich mit Vorliebe auf Sprachstudien geworfen und ist niemand im Lande, der nicht wenigstens zwei Sprachen geläufig spräche, viele sprechen aber an fünf und sechs lebende Sprachen, wie uns auch die Geschichte überliefert, dass Franz Josef der Standhafte mit jedem Bürger seines Reiches in der Sprache verkehrte, die diesem geläufig war, und als er einmal bei einem offiziellen Anlasse eine kroatische Ansprache mit einer deutschen Rede beantwortete, soll es einen Sturm im Wasserglase gegeben haben und der damalige Ministerpräsident für die Länder der ungarischen Krone musste Rede stehen.“
Diese jetzt zu einer Nationaltugend gewordene Polyglottie sei der Hauptgrund, weshalb seit 40 Jahren die Fremden aus allen Weltteilen Österreich und gerade Wien mit Vorliebe aufsuchten und die 30 Hochschulen in Wien, worunter auch an mehreren Vorlesungen in fremden Sprachen gehalten würden, von Studierenden aus Australien ebenso, wie Kolonien in Ostafrika besucht würden.
Wir waren noch nicht zu Worte gekommen, was uns recht lieb war, denn wir wurden überall überschüttet mit Aufklärungen und Freundlichkeiten und fürchteten, recht ungeschickte Dinge zu sagen, aber jetzt erlaubte ich mir doch, einzuwerfen, dass wir verwundert gewesen seien, dass Zwirner nicht Englisch verstehe, da er uns doch in englischer Sprache geschrieben habe. – Das erkläre sich wohl leicht, sagte Zwirner. Er habe gewiss ebenso viel Sprachentalent als irgendein anderer Österreicher, aber, da sein Beruf der eines landwirtschaftlichen Arbeiters sei, habe er sich die englische Sprache nicht für seine Berufsausbildung eigen machen müssen, sondern seine Privatstudien hätten ihn darauf geführt. Der Volksunterricht führe jeden in alle Zweige menschlichen Wissens so weit ein, dass er auf autodidaktischem Wege sein Wissen bereichern könne, wie es ihm gutdünkt. Da er sich nun mit dem Studium des Standes der sozialen Frage im neunzehnten Jahrhunderte zu seinem Vergnügen befasse, habe er die Notwendigkeit empfunden, die Zeitungen, Pamphlete und sozialpolitischen Werke Englands und Amerikas aus jener Zeit zu durchforschen, und dazu sei ihm die Kenntnis der englischen Sprache, aber nur insofern notwendig gewesen, dass er fließend lesen und schreiben lernen musste, was ihm nach jahrelangen Bemühungen auch gelungen sei.
Mit dem romanischen Sprachenstamme sei er vertraut, da er sich als zweite Landessprache die italienische Sprache gewählt habe, und nachdem die englische Sprache eine Mischung von deutschen und romanischen Wörtern und Formen sei, habe er sich mit Hilfe der Grammatiken und Wörterbücher in der Gemeindebibliothek von Tulln und durch jahrelanges Lesen von englischen Büchern eine vollkommene Vertrautheit mit dieser Sprache erworben. Da er aber niemals jemand habe Englisch sprechen hören, verstehe er kaum ein einziges englisches Wort, das man zu ihm spricht.
„Das ist erstaunlich Prinzessin!“, wendete ich mich an diese, die darauf bemerkte: „Ihr dürft mich nicht Prinzessin heißen, denn die Töchter der adeligen Geschlechter gehören nicht dem Adel an und vermählen sich auch niemals mit Adeligen.“ Dabei streifte sie wieder unseren Freund Zwirner mit einem temperamentvollen Blicke, der mir schon mehrmals aufgefallen war. „Nennt mich also Lori Hochberg“, schloss das schöne Mädchen. Lori war eine imposante Erscheinung; lange kastanienbraune Flechten hingen über den Rücken herab, die funkelnden Augen und der schwellende Mund verrieten das zur Liebe geschaffene Weib und als ich jetzt meine Augen auch mit Wohlgefallen auf Zwirner ruhen ließ, ward es mir klar, dass das ein prächtiges Paar geben würde. Zwirner war ein schöner Mann von wahrer Hünengestalt und edler Haltung und nichts deutete auf seinen Beruf, als etwas starke und große Hände, die übrigens heute in Stulphandschuhen staken. Seine Tracht erinnerte an altdeutsche Bilder und war aus kurzgeschorenem Samt von verschiedenen Farben zusammengesetzt; die Beine waren bis zu den Knien mit Gamaschen aus feinem Leder bekleidet und den breitkrempigen Hut zierten Federn von verschiedenem Wildgeflügel.
Auch Zwirner schien seine Augen gerne über die schöne Gestalt Loris gleiten zu lassen, die er zum ersten Male sah. Aber er war durch Loris Benehmen nicht beunruhigt; im Gegenteile schwebte auf seinen Lippen immer ein Anflug von ganz leiser Ironie, die aber nichts Verletzendes hatte.
„Ich hatte noch nicht Zeit“, sagte er, „unsere amerikanischen Freunde über die Stellung unseres Adels, die Umgangsformen in Österreich und über unsere Auffassung von der Gleichheit der Menschen vollständig aufzuklären. Das will ich besorgen und deine Bemerkungen ergänzen. Doch bitte ich dich, liebe Freundin, den Gästen Aufschluss zu geben, welche Besuche heute erwartet werden, die ihnen interessant sein könnten.“
Wir wurden wieder ins Gespräch gezogen und da wir Lori unseren Beifall zu erkennen gaben, dass man in Österreich so verschiedenartige und geschmackvolle Trachten zu Gesicht bekomme, was sie wieder mit einem lächelnden Blicke auf Zwirners Prachtgestalt beantwortete, nahm sie eine Mappe von dem Tischchen, neben welchem sie Platz genommen hatte, und sagte: „Vergleicht nur einmal diese Trachten aus dem 19. Jahrhunderte und das verkrüppelte Menschengeschlecht jener Tage mit unseren heutigen Volkstypen.“ – Zwirner war damit vollkommen vertraut, da ihn seine Studien längst darauf geführt hatten, und er erzählte übrigens, dass man sich damals selbst über die zeitgenössische Tracht lustig machte und dass man die ungeschlachten zylinderförmigen Hüte „Ofenröhren“ nannte und die lächerlich verschnittenen Röcke „Frack“. –
Mittlerweile waren viele Besucher vorgefahren und obwohl alle durch unseren Saal verkehrten, hatte man uns nicht gestört, weil Lori niemand ermunterte, sich uns zu nähern, und die Besucher suchten daher den Fürsten in den nächsten Sälen auf, wo sich lautes Gespräch vernehmen ließ. Als aber der amerikanische Gesandte, ein verdrießlich aussehender Diplomat in lächerlicher Uniform, mit Miss Flower, seiner bleichsüchtigen Tochter, am Arme eintrat, erhob sich Lori, um uns bekannt zu machen. Die Begegnung war nur eine flüchtige und endete nach einigen Worten damit, dass die Flowers weiter pilgerten und wir unsere früheren Sitze wieder einnahmen.
Die Fenster waren geöffnet und eine balsamische Luft strömte von den weitläufigen Gärten herein, über die sich Dämmerung zu verbreiten anfing. Jetzt erklangen die Geigen im Tanzsaale und mit den Worten: „Die Zigeuner“, erhob sich Lori, was Zwirner nicht anders verstehen konnte, als dass er sie zum Tanze führen könne. Während sie seinen Arm nahm, rief sie uns freundlich zu: „Werft einen Blick in den Tanzsaal oder streift durch die Gärten, wir werden nur zum Schein zum Tanze antreten, der an einem Sommerabende nicht ernst genommen werden kann.“
Wir folgten dem schönen Paare und bewunderten den Tanzsaal, der, mit weißem Stuck ausgelegt und ohne Aufdringlichkeit mit Vergoldungen verziert, im elektrischen Lichte strahlte und nicht übermäßig heiß war, weil alle Fenster nach dem Parke offen standen. Wir entzogen uns bald dem Gewühle, um Loris Rate zu folgen und uns in den Gärten zu ergehen, in welchen Glühlichter in den Bäumen und Gesträuchen funkelten, Kaskaden und Springbrunnen plätscherten und einzelne Gruppen von Besuchern plaudernd lustwandelten.
Da wir uns nach dem Schlosse zurückwandten und unter den säulengetragenen Vorbau traten, dessen Boden mit schönem Mosaik, – man nennt das in Österreich Terrazzo – bekleidet war, kamen uns Lori und Zwirner entgegen, die, ein wenig vom Tanze erhitzt, sich noch etwas nähergekommen schienen. Ein vorübergehender junger Freund der Familie wurde gebeten, nachzusehen, ob unser Wagen schon vorgefahren sei, und als er mit der Nachricht zurückkam, der junge Stirner, – so der Name unseres Rosselenkers –, erwarte uns mit Ungeduld, weil die Pferde nicht stillstehen wollten, verabschiedeten wir uns von Lori mit der Bitte, uns dem Fürsten zu empfehlen, dessen Gastfreundschaft wir genossen. „So ist es wohl nicht“, entgegnete Lori lachend, „Herr in diesem Hause sind die Völker Österreichs, aber ich werde den Vater in eurem Namen grüßen.“ Zwirner schüttelte sie herzlich die Hand, nicht ohne ihm lächelnd ins Auge zu blicken, uns winkte sie freundlich zu und schon war sie nach dem Garten verschwunden. Wir stiegen in den Wagen und auf der Heimfahrt in einer köstlichen Sommernacht stellten wir Zwirner zur Rede über sein Verhältnis zu Lori. Er sagte, er habe Lori heute zum ersten Male gesehen, und, da beide unvermählt seien und heiraten könnten, wäre eine Vermählung nur davon abhängig, dass sie sich liebgewännen. „Lori zeigte mir so viel Wohlgefallen, als schicklicherweise geschehen konnte, und ohne solche Aufmunterung würde kein junger Mann es wagen, einem Mädchen seine Liebe zu gestehen. Aber so entzückend ich auch Lori finde, so ist es doch allgemeine Sitte nur langsam sich zu nähern und sich nicht vom ersten Anblicke ganz gefangen nehmen zu lassen. Die Ehe wird bei uns ernst genommen, soviel man auch unverheirateten und verwitweten Leuten durch die Finger sieht. Davon aber ein andermal, denn das Thema können wir heute nicht erschöpfen.“
Eben fuhren wir vor unserem Wohnhause vor und da es schon Mitternacht war und wir statt des Abendbrotes bei Hochberg mit etwas Tee und Aufschnitt waren versorgt worden, gingen wir zu Bette, ohne noch in den Speisesaal zu gehen, wo wir noch Licht sahen.

5
Am anderen Morgen, Samstag, schliefen wir etwas länger und da die Fremdenzimmer in dem Flügel der Wohnhäuser untergebracht sind, in welchem die alten Leute wohnen, welche Ruhe haben wollen, so hörten wir nicht den Schall der Gongs, womit sonst überall Jung und Alt allmorgendlich um 5 Uhr spätestens aus den Federn gejagt wird.
Der Morgen war heiter und wir gingen, nachdem wir das Wohnhaus verlassen hatten, schwimmen, kamen aber schon um 7 Uhr in den Speisesaal, wo ein Dutzend hübscher Mädchen den Dienst versahen und jenen das Frühstück brachten, die sich verspätet hatten. Da wir an Zwirners Tische Platz nehmen wollten, kam ein alter Herr zu uns, nannte sich Dr. Kolb und entbot uns einen Gruß von Freund Zwirner, der schon längst über Feld gefahren sei und uns heute nicht mehr sehen könne, da er abends zu Hochberg wolle und uns eine Wiederholung des Besuches dort nicht zumuten könne.
Während wir uns an das Frühstück machten, sagte Dr. Kolb, er wolle uns Gesellschaft leisten, was der Hauptberuf der alten Herren den Fremden gegenüber sei, und er bäte, aus dem Metropolitananzeiger, der nur für Wien und Umgebung herausgegeben werde, uns zu informieren, was uns von den abendlichen Genüssen am meisten Vergnügen bereiten könne. Er habe gehört, dass wir Geschichtsforscher seien und wenn uns ein halb wissenschaftlicher Vortrag Interesse bieten könne, so empfehle er die Rubrik: „Wissenschaftliche Vorträge“ zu studieren. Der Vorschlag gefiel uns und wir nahmen jeder ein Heft zur Hand, um nach einiger Beratung einen Vortrag des Professors Lueger über Franz Josef den Standhaften und seine Zeit im alten Universitätsgebäude am Franzensring zu wählen. Dr. Kolb zollte dem Vorschlage Beifall und empfahl uns, in seiner Begleitung nach Wien zu fahren und einmal eine erste Rundfahrt zu unternehmen, da wir dieser Stadt viele Tage würden widmen müssen. Da ferners der Vortrag um sieben Uhr abends beginne und kaum vor halb zehn Uhr geschlossen würde, so wolle er uns ein Quartier in der Stadt besorgen, wo wir die Nacht zubringen könnten. Er wolle sich uns ganz widmen und uns am nächsten Morgen, sonntags, zurückbringen. Das war uns angenehm und Dr. Kolb entfernte sich auf kurze Zeit, um bald darauf mit der Nachricht zurückzukommen, Wien sei einer bevorstehenden Regatta wegen überfüllt, und er habe uns daher nicht in den der Universität zunächst gelegenen Quartieren Herberge verschaffen können, aber im Dritten Gumpendorfer Quartier hätte er drei Schlafzimmer belegt. Solche Festlichkeiten lockten immer viele Menschen nach Wien, aber trotzdem würde in den Sommermonaten Platz genug sein, da Hof und Adel, Studenten und Lehrkräfte, ja auch viele Pensionisten fortzögen, um heim zu eilen oder in den Bergen kühle Wohnungen aufzusuchen. Diese Zeit aber benütze man doch wieder, um junge Leute aus allen Teilen des Reiches nach Wien zu bringen. Man halte es für bildend, die Jugend mit der Weltstadt bekannt zu machen; es gebe das auch Gelegenheit, Fleiß zu belohnen und Unfleiß zu bestrafen, da jede Gemeinde einen Teil der zur Wiener Reise bestimmten Altersklasse strafweise ausschließe, und in Vielen werde ein wahrer Feuereifer für die Schule wachgerufen, wenn sie das herrliche Wien zum ersten Mal schauen und hören, dass die besten Schüler an die Hochschule kämen und dann fünf Jahre in der Hauptstadt zubringen könnten.
Die Eisenbahn brachte uns bald nach dem Franz-Josefs-Bahnhofe und Dr. Kolb riet uns, die Straßenbahn, und nicht die Stadtbahn zu benützen, die man am Ausgange des 19. Jahrhunderts gebaut, aber dann wieder teilweise verlegt habe, um die Störungen zu beseitigen, welche dadurch in die harmonischen Veduten waren gebracht worden. Wir folgten seinem Rate und bestiegen einen Straßenbahnwagen, der den Weg von dort zum Schottenring, dann im Kreise um den ganzen Ring machte und wieder zu seinem Ausgangspunkte zurückkehrte. Solche Wagen gingen von jedem äußeren Bahnhofe aus, weil sich die Gepflogenheit herausgebildet hatte, dass jeder Ankömmling seinen ersten Besuch mit dieser Rundfahrt einleite; denn es war eine über den ganzen Erdkreis verbreitete Legende, dass man nichts Schöneres sehen könne.
Wir nahmen auf der Imperiale des Wagens Platz, der weder mit Pferden bespannt war, noch von einer barbarischen, qualmenden Straßenlokomotive bewegt, sondern pneumatisch betrieben wurde, indem der neben dem Kutscher angebrachte Windkessel an jeder Haltstelle aus den pneumatischen Röhren mit Druckluft versorgt wurde.
Wir bemerkten, dass die Stadt beinahe aus gleichen Quartieren zusammengesetzt war; sie glichen in ihrer Hauptanlage Tulln und anderen kleinen Gemeinden. Vier große Wohngebäude umschlossen immer einen Palast, der für Verwaltung, Lese- und Speisesäle bestimmt war; dazwischen liefen Gartenanlagen mit Schwimmbassins und nur zwei oder drei Flügel der äußeren Gebäude reichten bis zu den Straßen, die zum großen Teile mit Straßenbahnwagen befahren wurden. Lastwagen fuhren nirgends auf der Straße und Equipagen schossen nur zuweilen an uns vorüber, wie auch einige Radfahrer lautlos vorbeiglitten. Nur die Ringstraße bildete, wie in alter Zeit, eine breite gepflasterte Fläche. Sonst waren überall schmale Trottoirs angebracht und in vielen Straßen, welche von Equipagen gar nicht befahren werden durften, war nur eine ununterbrochene Gartenanlage zu sehen. Es fielen die Straßenbahnschienen, die in die Wiesenplätze gelegt waren und die Schlangenwege kreuzten, kaum auf. Um diesen Betrieb zu ermöglichen, liefen vor den Rädern Schienenräumer einher, welche nicht nur Steinchen auswarfen, sondern auch Gräser und Halme beiseiteschoben. Die Wechsel konnte der Wagenlenker während des Fahrens von seinem Sitze aus stellen, da vor jeder Weiche ein Riegel zwischen den Schienen angebracht war, der durch vom Sitze aus verstellbare, am Wagen angebrachte Bolzen nach rechts oder links geschoben werden konnte.
Als wir in die Ringstraße einbogen, sahen wir uns gegenüber das schöne ehemalige Börsengebäude, von Theophil Hansen erbaut, unverwittert in roter Farbe leuchten und da man schon seit mehr als hundert Jahren dort nicht mehr schacherte, war das Haus in ein Unterrichtsgebäude verwandelt worden, wie das ehemalige Polizeigebäude rechter Hand jetzt als Studentenherberge dient. Dr. Kolb machte uns auf die Balustrade aufmerksam, welche die ehemalige Börse krönt, und sagte, wir hätten bei Leibe nicht zu fürchten, dass die Säulchen brächen und den Vorübergehenden auf die Köpfe fielen, denn man baue in Wien für die Ewigkeit. Er deutete auf das ehemalige Polizeigebäude gegenüber und erzählte, dort stände aus alter Zeit im Hofe ein grün gestrichener Wagen mit Gittern und Zellenwänden, dessen Bestimmung man sich nicht klar machen könne; man vermute, dass er zum Transporte von Tieren gedient habe. Es sei ein Ausschreiben ergangen, dieses historische Rätsel zu lösen. Er belehrte uns übrigens, dass von den Wohngebäuden, die im 19. Jahrhunderte an der Ringstraße standen, nur mehr wenige vorhanden wären, da viele Häuser reicher Bürger längst niedergerissen und öffentliche Gebäude an deren Stelle errichtet worden seien. Eine Ausnahme bildete das Sühnhaus, übrigens ein Stiftungshaus zur Erinnerung an den schrecklichen Brand eines Theaters, das an derselben Stelle stand. Das Sühnhaus ist ein schöner Bau, entworfen von Meister Schmidt, dem Dombaumeister des 19. Jahrhunderts. „Hier seht ihr die Votivkirche, vom Architekten Ferstel entworfen. Dieser Bau wurde vom nachmaligen Kaiser Max, von welchem ihr wohl heute Abend in der Vorlesung hören werdet, gegründet zur Erinnerung an die Errettung des Kaisers Franz Josef, den ein politischer Schwärmer mit Mordwaffen angefallen hatte, und hier steht schon die gleichfalls vom Baumeister Ferstel stammende älteste deutsche Universität dieser Stadt, in der man neben wirklichen Wissenschaften nur mehr Geschichte der Theologie und Geschichte der Jurisprudenz vorträgt, weil diese angeblichen Wissenschaften nur Requisite des Klassenstaates waren. Die Rampe beweist deutlich, dass die Studenten des 19. Jahrhunderts mit Bieren in die Vorlesung fuhren.“
„Wie haltet ihr es jetzt mit der Religion?“, wollte Mr. Forest fragen; aber Dr. Kolb bat uns, ihn nicht zu unterbrechen, weil es gelte, die Wandelbilder zu erläutern.
„Hier links das sogenannte Burgtheater, von Meister Hasenauer, – man nannte diese Herren im verrückten 19. Jahrhunderte alle Barone oder Freiherren. Der junge Mann, der dort hoch oben auf der Mauer sitzt, als wäre er von des Nachbars Garten herübergestiegen, wo er Kirschen gestohlen, ist der Gott Apollo, und da wir zu nahe am Theater vorüberfahren, entgehen euch kostbare Merkwürdigkeiten, die auf dem Dache angebracht sind. Nämlich ein allerliebstes Lusthäuschen, um das sich ein munterer Blasengel dreht, der im Übereifer immer dorthin bläst, wohin ohnedies der Wind zieht. Ferners stehen auf zwei Dachreitern je zwei waghalsige Genien, welche Kränze zum Kaufe auszubieten scheinen, aber nicht herabsteigen, sondern uns hinauflocken wollen. Im Hintergrunde des Parkes rechter Hand steht das ehemalige Rathaus mit dem Reiterbild Franz Josef des Standhaften über dem Portal und dem kupfernen Wächter auf der Turmspitze. Auch vom Gemeinderate und Bürgermeister jener entschwundenen Epoche weiß man nichts mehr. Die Archive aber erzählen wunderliche Dinge über die städtische Verwaltung und die kleinlichen Geschäfte, welche von einer Unzahl von Magistratsräten, Sekretären und Praktikanten besorgt werden mussten. Der Ratssaal ist noch erhalten und die Kastellane zeigen den Sitz, von dem aus Dr. Karl Lueger, ein Ahne unseres Professors, gegen den damaligen Bürgermeister, Dr. Johann Nepomuk Prix, der auch als Baron gestorben sein soll, donnerte, aber vergeblich, denn Dr. Karl Lueger war immer Führer einer Minorität, die er sich unter den verschiedensten Bezeichnungen zusammenzutrommeln wusste. Da er aber weder im Rathause auf den Bürgermeisterstuhl, noch im Abgeordnetenhause, das wir hier sehen, auf die Ministerbank kommen konnte, hat er in alten Tagen alle Mandate eigensinnig von sich gewiesen. – Das Abgeordnetenhaus ist auch von Theophil Hansen erbaut, den ich euch als Erbauer des ehemaligen Börsengebäudes nannte. Im ehemaligen Rathause wohnen heute die obersten Volkstribunen mit ihren Sekretären und das Abgeordnetenhaus dient zuweilen zu parlamentarischen Versammlungen, wenn das Volk über größere technische Projekte nicht durch gemeindeweise Abstimmung entscheiden will und aus jedem Kreise drei Abgeordnete mit Vollmacht entsendet.
Sonst tagen unausgesetzt gelehrte Versammlungen und europäische Kongresse in diesem Bau, weil die Sitzungssäle und Konferenzzimmer dazu geeignet sind. Man erzählt sich übrigens, dass die Sitzungssäle im vorigen Jahrhunderte gänzlich umgebaut werden mussten, weil eine Spezialität dieses Hauses die war, dass man in jenen Sälen sein eigenes Wort nicht verstand, geschweige denn einer längeren Rede hätte folgen können. Auch das ehemalige Abgeordnetenhaus ist von vorzüglichem Material erbaut und ihr müsst nicht glauben, dass die Stufen, die da hinanführen, oder die Postamente etwa dem Wetter nicht trotzen könnten oder gar große Stücke herausfielen und hässliche Löcher entstünden, wenn es friert. Allerdings wird das meiste im Winter in warme Decken gehüllt und mit Brettern bedeckt, was aber auch einen reizenden Anblick gewährt. Der Bau hat auch eine meteorologische Bestimmung, denn inmitten der Marmorbildsäulen, die um den Rand des Daches herumstehen, hat man eine gewaltige Esse angebracht, aus der immer dicker Rauch hervorqualmt, den der Wind der einen oder der anderen Statuenkolonne in den Rücken weht. Daran kann sich der Wiener an den Fingern abzählen, woher der Wind weht, und schlägt der Wind dann um, so steigen die Hauswärter hinauf und machen die Statuen wieder blank. Hier links schimmert durch die Bäume des Volksgartens die Statue des Dichters Grillparzer herüber, etwas sonderbar von einem Ofenschirm begleitet, mit dem man sich aber gerne aussöhnt, wenn man die herrlichen Hautreliefs darauf von Meister Weyr betrachtet. Und nun kommen wir zur Hofburg, in welcher der Kaiser residiert, mit dem Forum, den Museen, und im Hintergrunde, an der Stelle des ehemaligen Hofstallgebäudes, seht ihr den Zentralregierungspalast. Die Museen hat der berühmte Baumeister Semper entworfen und auch teilweise gebaut, den Bau aber nach seinem Tode Meister Hasenauer beendet. Von diesem wahrscheinlich, dessen Phantasie immer das Beste auf den Dächern anzubringen wusste, stammen die großen Kuppeln, die je von vier reizenden Kindern begleitet sind, welche wahrscheinlich die Aufgabe haben, sich zu großen Kuppeln auszuwachsen und dann der Reihe nach einzurücken, wenn die großen einstürzen. Statuen sieht man überall. Entweder sind sie als Säulenheilige auf ungeheuren Postamenten angebracht und legen rühmliche Proben von Schwindelfreiheit ab, oder sie stehen knapp hinter der Dachrinne am Rande der Dächer und sehen neugierig auf die kleinen Leute herunter, welche auf der Straße herumlaufen. Es ist das gewissermaßen ökonomisch, denn man erspart die Tafel, auf welche man zu schreiben pflegt: ‚Man bittet, die Statuen nicht zu berühren und ihnen nicht mit den Schirmen die Nasen abzustoßen.‘ Die Anordnung der Statuen hatte im 19. Jahrhundert offenbar einen militärischen Charakter. Auf dem Abgeordnetenhause sind sie in Linien ausgezogen und man meint, den Major anreiten zu sehen, der mit dem Säbel winkt, der Flügelmann solle das Knie und der dritte Mann dort die rechte Hand hereinnehmen. Bei der Votivkirche stehen die Heiligen und Apostel eingepresst nebeneinander, als gälte es ein Carré zu bilden, um gegen eine berittene Legion Teufel Stand zu halten. Das wird aber, ich zweifle nicht, in den Gesetzen der Schönheit vollkommen begründet sein.
Übrigens, Freunde“, sagte Dr. Kolb lachend, „wir lieben unser Wien und wenn wir einiges daran tadeln, hoffen wir, dass unsere Gäste die Schönheiten nicht übersehen werden, von welchen zu sprechen uns nicht zusteht. Wir haben in Wien zwar eine böse Zunge, aber ein gutes Herz und in bösen Zeiten haben sich die Wiener oft mit einem Scherz über großes Unglück hinweggeholfen.
Wie ihr seht, ist das ganze ungeheure Forum, das früher durch Mauern und ein monumentales Tor abgeteilt war, mit Reiterstatuen und mit den Bildsäulen berühmter Männer besetzt, die im Wettstreit ihre Nebenbuhler besiegt und erste Preise davongetragen haben. Es regt das nicht wenig den Ehrgeiz an. Lasset euch nicht die herrlichen und weltberühmten Mosaiken entgehen, die die ganze Fläche dieses Riesenraumes durchziehen und an welchen fünfzig Jahre gearbeitet wurde.“
Nun zeigte uns Dr. Kolb auf einem polychromen Kunstblatte die Abbildungen der Mosaiken, die wir später auf unserer Fußwanderung näher in Augenschein nehmen sollten, und wir fuhren an der alten Oper, einem nicht sehr geschmackvollen großen Baue, und vielen neu errichteten öffentlichen Bauten vorbei, die einen viel großartigeren Charakter zeigten, als die Bauten der älteren Periode, dann den Donaukanal entlang wieder zur alten Börse zurück, um nun auszusteigen und im nächstgelegenen Quartier, wo wir uns legitimierten, das zweite Frühstück einzunehmen. Dann pilgerten wir zu Fuß nach der Votivkirche, besahen den Hofraum der Universität mit den zahllosen Standbildern und Büsten berühmter Lehrer, erfreuten uns im Rathausparke an den Spielen der Kinder, die da zu tollen pflegen, betraten das alte Rathaus und den Sitzungssaal, wo auf dem Pulte des Dr. Lueger die letzte Rede dieses Mannes, der sich seinerzeit als Volksredner und durch unermüdliche parlamentarische Tätigkeit großes Ansehen erworben hatte, angeheftet zu lesen war, und hörten in einem Beratungssaale des alten Abgeordnetenhauses von der Galerie aus den Verhandlungen eines hygienischen Kongresses zu, zu welchem einem Anschlage zufolge nur Männer Zutritt hatten, um dann das Forum in Augenschein zu nehmen. Dr. Kolb führte uns vor eine in der Mitte des Forums aufgestellte im Sonnenlichte spiegelnde Säule und sagte: „Das ist die Schandsäule der begrabenen Wirtschaftsordnung, die auf Privatbesitz und Handel aufgebaut war.“ – Diese Säule hat einen Durchmesser von einem Meter1 und eine Höhe von 9,23475 Meter und ist aus purem Golde. Die Inschrift lautet:
„Diesen wertlosen Goldklumpen hat Österreich im Jahre 1893 aus Frankreich und England bezogen und sich dafür zu einem Jahrestribut an Nahrungsmitteln für 50.000 Menschen verpflichtet.
Diese Säule, deren Bewachung im 19. Jahrhunderte eine Armee erfordert hätte, steht unangefochten und unbewacht seit dem Jahre 1943 auf dieser Stelle. Am Fuße dieser Säule hat jeder Regent bei Antritt der Regierung vor versammeltem Volke den Schwur zu leisten, dass er die Rückkehr zur alten Wirtschaftsordnung verhindern und nach keinem persönlichen Eigentume streben wolle.“
Wir wunderten uns, dass man das Gold nicht doch ausmünze, um Waren aus Amerika oder China zu beziehen, wo noch Gold im internationalen Handel verwendet wird, aber Dr. Kolb belehrte uns darüber, dass nunmehr auch das Gold, wie ehemals das Silber nur in beschränktem Maße ausgemünzt werde und demnach auch das Gold als Metall keinen erheblichen Wert mehr habe. Würden aber die europäischen Staaten ihre alten Goldvorräte auf den Markt bringen, so müsste das Metall auch im Welthandel auf ein Fünftel herabsinken. Man behalte sich also vor, das vorhandene Gold zu Schmuck und Geräten zu verarbeiten, aber vorläufig tue es bessere Dienste in der greifbaren Demonstrierung seiner Wertlosigkeit.
Es war nahezu 5 Uhr, als wir mit dieser Besichtigung zu Ende gekommen waren, und als wir den Straßenbahnwagen besteigen wollten, händigte uns ein Fremdenführer, deren es überall auf der Straße gibt und die angesehene Leute sind, welche in Pension stehen und für die Erlaubnisse, sich in Wien niederzulassen, kleine Nebendienste verrichten, je ein Prachtalbum mit der Aufschrift: „Erinnerung an Wien“ ein, in welchem herrliche Bilder aus Wien, besonders die polychromen Darstellungen der Mosaiken des Forums, enthalten sind. Auf dem Album war der Tag unseres dortigen Besuches eingetragen und mit der Unterschrift der obersten Staatsverwaltung beglaubigt, dass dieses Album dem fremden Gaste, – dessen Namen einzutragen freistand, – am Tage seines Besuches auf dem Forum war ausgehändigt worden.
Wir fuhren in unser Quartier, wo wir viele Amerikaner trafen, speisten, badeten und dann ein wenig auf unseren Zimmern ruhten, um nach halb sieben Uhr wieder den Waggon zu besteigen und nach der alten Universität zu fahren. Wir kamen durch die berühmte Säulenhalle, welche glänzend erleuchtet war, über die rechtsseitige Stiege mit den breiten Absätzen und bronzenen Kandelabern in einen Korridor, wo Fürst Hochberg grüßend an uns vorüberhuschte, der die venia legendi hatte und von Königstetten hereingefahren war, um einen Vortrag über Buddhaismus zu halten, und lenkten unsere Schritte nach dem Saale XXXIX, wohin eben viele Besucher strömten. Die Sitzplätze, etwa hundert, füllten sich rasch und lautlos, denn es war keine Vorlesung für Studierende, sondern für das große Publikum, und mit dem Schlage sieben Uhr trat Professor Lueger eilends ein und bestieg sein Pult an der Schmalwand, wohin scharfes Licht fiel, während im selben Augenblicke der Saal sich verfinsterte.
Der Professor begann:
„Geehrte Zuhörer! Ich habe heute einen Vortrag über Franz Josef den Standhaften zu halten, der über 70 Jahre, vom Jahre 1848 bis tief in das 20. Jahrhundert hinein, regierte und als 18jähriger Jüngling die Regierung unseres Reiches übernahm. Er war vom besten Willen beseelt, ritterlich gesinnt und, da er das Reich in größter Unordnung vorfand und selbes aus einer beinahe mittelalterlichen Verfassung in eine ganz veränderte Gestaltung hinüberzuführen hatte, nahm er den Wahlspruch an: ‚Viribus unitis.‘ – Wie ihr sehen werdet, behielt er, was er sich vorgesetzt hatte, zwar unverrückt im Auge, aber das Ziel schien lange unerreichbar und viele verzweifelten an dem Unternehmen, mitten unter Staaten, die nach dem damaligen Zuge der Zeit sich national abrundeten, ein Reich zu kitten, das ein Endchen Italien, ein Stück Deutschland und ein großes Stück Slavien umfasste und ein ugrofinnisches Reich eingeschlossen umfing, welches zwar keine zentrifugale Tendenz haben konnte, aber allen Verschmelzungsversuchen einen störrischen Nacken entgegensetzte und auf seinem Territorium Deutsche und Slaven minorisierte, wie man damals ironisch sagte, nämlich den Willen der geringeren Zahl einer uneinigen Mehrheit auf konstitutionellem Wege tyrannisch aufzwang. Wir lachen heute über die politischen Winkelzüge von damals, da wir gelernt haben, über die nationalen Unterschiede hinwegzukommen; aber es ist ein psychologisch merkwürdiges Bild, dieser zähe und gleichmütige Fürst im Kampfe mit so vielen Nationen und Natiönchen, die alle nach der Hegemonie trachteten oder eifersüchtig darauf waren, dem Übergewichte anderer zu entgehen, und wie der Schiffer oft, um die Ladung zu retten, Ballast auswerfen muss, hat Kaiser Franz Josef I., der wegen seines Sieges über unglaubliche Schwierigkeiten nach seinem Tode mit dem geschichtlichen Namen ‚der Standhafte‘ ausgezeichnet wurde, oft Opfer bringen müssen, nicht ohne mehr als einmal am Rande von Klippen in stürmischer Zeit vorüberzusegeln, die ihm das Steuer brachen, während die Masten über Bord fielen.“
Nach dieser Einleitung entwickelte der Professor die Geschichte Österreichs bis zum Regierungsantritte des Kaisers Franz Ferdinand, der bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein regierte und der vierte Vorfahr des gegenwärtig regierenden und im Jahre 1980 geborenen Kaisers Rudolf Max war. Der Redner schilderte den Sieg Franz Josefs über die italienische und ungarische Insurrektion und den vorübergehenden Sieg über die Politik der Hohenzollern, ging dann zur Vermählung des Kaisers Franz Josef mit der bairischen Prinzessin Elisabet über, zergliederte die Politik des Ministers Bach, der zuerst vergöttert wurde und nach seinem Sturze in völlige Vergessenheit geriet, zeigte die Oktroyierung, dann Aufhebung der ersten Gesamtverfassung, den grollenden Widerstand der ungarischen Nation, erwähnte den Mordanfall des Ungarn Libeny, der Anlass bot, die Entstehung der nahegelegenen Votivkirche zu erwähnen, die man vom Hörsaale aus im Abendlicht träumerisch stehen sah, und sagte dann, dass die Regierung bis zum Jahre 1859 erfolgreich schien, als Sardinien im Vereine mit Frankreich, das der verschmitzte Napoleon III. regierte, in Waffen aufstand und Kaiser Franz Josef, nachdem er mit der Schlacht bei Solferino den Feldzug verloren glaubte, mit Verlust einer Provinz Frieden schloss. Wir hörten dann die ersten Versuche schildern, zu konstitutionellen Formen wirklich überzugehen, den Trotz der Ungarn, die ihre alte Sonderverfassung begehrten, die Sistierung der Verfassung, den unglücklichen Feldzug gegen Italien und Preußen und dann wieder die erneuerte Aufnahme der bis dahin erfolglosen Bestrebungen. Daran knüpften sich einige höchst dramatische Episoden aus dem Leben des Kaisers und aus der Geschichte seiner Familie, die Verbrennung einer Prinzessin aus der Familie des Erzherzogs Albrecht, das verunglückte Unternehmen des Erzherzogs Ferdinand Max, der auszog, ein Reich in Amerika zu gründen, und, als Aufwiegler verurteilt, bei Queretaro den Ehrgeiz mit dem Leben bezahlte, die Figur der Kaiserin Charlotte, welche ihr Leben im Wahnsinn endete, den plötzlichen und nie ganz aufgeklärten Tod des hoffnungsvollen Kronprinzen Rudolf, wodurch der Kaiser um den einzigen direkten männlichen Erben gebracht wurde, und wir sahen den berühmten Habsburger unter all diesen Stürmen ungebrochen auf dem hin- und hergeworfenen Schiffe ausharren, über seiner Pflicht seines unermesslichen persönlichen Leids vergessend, bis ihn neue Keulenschläge des Schicksals trafen, als er, großmütig seinen nicht schuldlosen Gegnern die Hand zum Bunde reichend, in den fürchterlichsten Krieg verwickelt wurde, den die Welt gesehen, und wie er, obwohl er am Schlusse wieder siegreich seine Stellung behauptete, mit blutendem Herzen sehen musste, wie russische Reiterscharen im gesegneten Österreich hausten, ganze Provinzen verwüstet wurden, rauchende Trümmer ganz Polen und halb Ungarn bedeckten und die Bevölkerung des eben wieder aufblühenden Reiches dezimiert wurde, so dass Österreich erst zu Anfang des 21. Jahrhunderts wieder die Bevölkerungsziffer vom Jahre 1890 erreichte. Während dieses letzten Sturmes, der auch Deutschland, Frankreich und Italien an den Rand des Abgrundes brachte und die Torheit der Österreich feindlichen Politik ein zweites Mal erwies, war Österreich so erschöpft worden, dass die alte Gesellschaftsordnung sich nicht mehr halten ließ und eine neue eingeleitet werden musste, die dem Staate unerschöpfliche Hilfsquellen eröffnete, weil sie dem Selbsterhaltungstriebe der Staaten alle jene wirtschaftliche Macht verlieh, welche vordem in den Händen einer tollen Plutokratie dazu diente, kindische Privatlaunen zu befriedigen.
Die fesselnde Schilderung dieser merkwürdigen Regierungsepoche verfolgte das Auditorium mit ungeteilter Aufmerksamkeit, und nachdem die ganz natürliche Veränderung der Gesellschaftsordnung in ihrer Entstehung, ihrem Fortschritte und ihrer schließlich siegreichen Durchführung dargelegt worden war, folgte eine psychologische Skizze des Monarchen jener Epoche die als ein philosophisches Kabinettstück zu betrachten war und frenetischen Beifall entfesselte. Der Vortragende zeigte die Ursachen, warum dieser merkwürdige Fürst solange und am meisten in Österreich verkannt wurde und welche Charakterstärke und welches antike Pflichtgefühl dazu gehörte, unter solchen Verhältnissen auszuharren. So groß auch nach dem Urteile aller Zeitgenossen und dem Zeugnisse aller, die mit dem Kaiser arbeiteten, seine vielseitigen Talente und seine politische Begabung waren, so war doch sein Charakter noch weit mehr anzustaunen. Die unerreichte Selbstbeherrschung und die Versöhnlichkeit dieses Monarchen, wodurch mehr als ein boshafter Gegner überwunden wurde, sowie die Arbeitskraft und Ausdauer, die Franz Josef I. in persönlichen und öffentlichen Angelegenheiten bewies, haben ihm den Beinamen des Standhaften erworben.
Zum Schlusse erwähnte Professor Lueger, wie wir von Dr. Kolb wissen, ein Urenkel des Dr. Karl Lueger, dessen Andenken uns Chroniken und Spottlieder seiner Gegner erhalten haben, einer Legende über das Haus Habsburg. Er sagte, man behaupte, dass schon Kaiser Josef II. und nach seinem Beispiele Kaiser Franz Josef I. eine geheime Geschichte ihrer Regierung und der damit zusammenhängenden politischen Ereignisse und Familienerlebnisse schrieben, die niemand als dem jeweilig regierenden Familienoberhaupte zugänglich war. Sie wurde mit dem umfassendsten Urkundenmateriale belegt und der regierende Fürst suchte in den begleitenden Memoiren sich selbst auf das gewissenhafteste klar zu machen und den Nachfolgern zu überliefern, inwieweit Irrtum, Übereilung und Leidenschaft des Regenten Anteil hatten an den Unglücksfällen, die das Reich und das Haus trafen. So bildete sich die Dynastie selbst und erzog sich zu einem Amte, das an Schwierigkeit seines gleichen nicht hatte auf dem ganzen Erdenrunde und seit Entstehung des Menschengeschlechtes. Die beschränkten Zeitgenossen des Monarchen hatten aber diese Schwierigkeiten niemals in Rechnung gezogen, sondern Erfolg an Erfolg gemessen, als ob jede Aufgabe gleich schwierig wäre.
Take it all in all, he was a man!
Der Professor schloss und verabschiedete sich mit einer freundlichen Handbewegung; der Saal erglänzte wieder in strahlendem Lichte und wir wollten eben über die Rampe nach einem Straßenbahnwagen eilen, als wir vom Hauspersonale benachrichtigt wurden, dass ein heftiger Regen niederprassle und wir über Stiege VI den Ausgang nach der Universitätsstraße nehmen möchten, wo die Waggons unter einer gedeckten Vorhalle anfuhren. Es waren über fünfzig bereit, welche alle Besucher der Abendvorlesungen, an tausend Fahrgäste, aufnehmen konnten, und wir teilten uns nach einem sinnreichen Verfahren in Gruppen nach Quartieren, wozu anwesende Ordner die Anleitung gaben. Als die Gumpendorfer Quartiere an die Reihe kamen, nahmen wir Platz, um heimzufahren. In der Mitte der Gumpendorfer Quartiere hielten wir unter einer gedeckten Halle aus Eisen und Glas und kamen durch eine unterirdische gedeckte Verbindung nach unserem Quartier. Man sagte uns, dass man von jedem Hause nach jedem Hause, auch zu den Palästen in der ehemaligen inneren Stadt, dem jetzigen Adelsviertel, bei schlechtem Wetter trockenen Fußes kommen könne und dass die Straßenbahnwagen Zeit der Empfänge Wagen genug aufgestellt seien, welche die Gäste von den Aussteigehallen nach der Burg oder den Palästen der Adeligen beförderten. Es sei das zwar eine nicht geringe Arbeit, da oft an 50.000 Menschen zu befördern wären, aber es seien über 1.000 Wagen zur Verfügung und sie hätten nur kurze Strecken zurückzulegen. Übrigens gehe man daran, die Tramway durch dieses Viertel, das nur ein großer, mit Palästen gezierter Park sei, zu führen, da man die Erfahrung gemacht habe, dass dieses Verkehrsmittel pneumatisch betrieben und die Schienen durch Gärten geführt werden könnten, ohne diese zu verunstalten.
Nach dem Abendmahle stiegen wir über eine der hohen Treppen in das erste Stockwerk, wo wir uns leicht zurecht fanden, weil der Grundriss aller dieser öffentlichen Gebäude ähnlich ist, und gelangten in den Bibliothekssaal, der die Mitte des ersten Stockwerkes einnimmt und von kleineren Sälen umgeben ist, welche in den Gemeinden größtenteils als Schulzimmer benützt werden, aber in den hauptstädtischen Quartieren als Spielzimmer, kleinere Lesekabinette und zu Vorlesungen vor kleinem Auditorium dienen. Der Bibliothekssaal, der seinem eigentlichen Zwecke nur entzogen wird, wenn wichtige politische Versammlungen der ganzen Gemeinde oder Schlussabstimmungen stattfinden, ist hoch hinauf mit Bücherschränken bekleidet, in welchen sich auch Repositorien für Karten und Stiche befinden, und der in diesem Saale angestellte Ordner zeigte uns, dass die Bibliothek schon 10136 Bände zähle. Wir nahmen einige amerikanische Zeitungen und Bücher, womit wir uns in ein leerstehendes Nebengemach zurückzogen, um zu lesen. Es erregte unsere Aufmerksamkeit, dass dieser kleine Saal, zu dem nur eine einzige Türe führte, eine kleine Bibliothek enthielt, und in den Kästen sich nur blau gebundene Werke befanden. Dr. Kolb sagte uns, dass alle Bücher, die etwas enthalten, was vor Kindern und jungen Leuten geheimgehalten werden müsse, in blauen Bänden zur Aufstellung käme und dass auch solche Zeichnungen und dergleichen auf dieselbe Art kennbar gemacht würden. Solche Bücher, Zeichnungen, Modelle etc. würden in der kleinen Bibliothek verwahrt, zu welcher die jüngeren Leute und Kinder keinen Zutritt hätten, und es könne aus dieser Bibliothek nur an zuverlässige Personen etwas verliehen werden. Die Frauen wieder bänden ihre Geheimliteratur rot und in ihren Privatlesesaal hätten auch Männer keinen Zutritt. Übrigens stehe der Antrag in Verhandlung, Kindern gegenüber größere Offenheit walten zu lassen, da man erwarte, dass sich auch da die Vernünftigkeit eines Abhärtungssystemes erweisen werde, vorausgesetzt, dass es schon vor Eintritt der Pubertät zur Geltung kommt.
Wir gerieten nach einer Weile wieder in ein Gespräch mit Dr. Kolb, der uns Aufschluss über das Bibliothekswesen und den Bücherverlag gab. Er sagte, die Reichszentralbibliotheksverwaltung zähle 300 ständige Beamte. Diese könnten aber natürlich nicht die unermessliche Menge der immer aus dem Auslande zuströmenden Werke lesen und sich so auf dem Laufenden erhalten, dass sie jedermann Aufschluss geben könnten, der sich über einen Zweig der Wissenschaft oder Literatur orientieren wolle. Sie hätten genug mit der Katalogisierung und alljährlichen Ergänzung der gedruckten Kataloge und deren Neuherausgabe, welche alle 10 Jahre stattfindet, zu tun, auch liege ihnen die Bücherversendung aus den Zentralbibliotheken und die Oberaufsicht über die Provinzbibliotheksverwaltungen ob, die wieder in einem ähnlichen Verhältnisse zu den Kreisbibliotheken stünden. Die Kataloge seien gedruckt, umfassten viele Bände und würden in jedem Lesesaale aufgestellt. Wie Gemeinde-, Bezirks-, Kreis- und Provinzbibliotheken zu dotieren sind, ergebe sich von selbst aus bibliothekstechnischen Grundsätzen und würden übrigens aus jeder Bibliothek Bücher versendet, wenn sie entbehrt werden können. In Wien sei ein Röhrensystem errichtet, wodurch es möglich wird, in kürzester Zeit Bücher aus den Hauptbibliotheken in die Lesesäle der Quartiere zu befördern. Dazu bediene man sich der Pneumatik. Die Menschenarbeit bestehe nur darin, die Bücher in die Wagen zu legen und diese in die Mündung der Röhren einzuführen. Jede Zentralbibliothek habe 35 Lesesäle zu bedienen. In den Gebäuden der Zentralbibliotheken selbst seien zahlreiche Arbeitszellen errichtet, in welchen Gelehrte, Künstler und auch andere Personen sich eine Handbibliothek zusammenstellen lassen können, um ungestört arbeiten zu können.
Wir berechneten, wie viele Bücher Österreich brauche, wenn mehr als 40.000 Lesesäle, die Österreich besitzt, mit so großen Mengen von Büchern dotiert sind, und noch so bedeutende Reservoirs in großen Zentralbibliotheken bestehen, aber Dr. Kolb sagte, dass die Landgemeinden durchaus einen geringeren Bibliotheksstand hätten und nur die Bezirksbibliotheken, deren es 2.000 gäbe, reichhaltig ausgestattet seien. – Zwirner habe ihm übrigens erzählt, dass nach seinen Forschungen schon im 19. Jahrhunderte Deutschland allein jährlich über 6.000 Werke von oft vielen Bänden und großen Auflagen druckte und man also wohl auf eine Jahresproduktion von 10 Millionen Bänden jährlich in Deutschland für jene Epoche schließen könne. Die vergleichsweise Bücherarmut jener Zeit sei nur daraus erklärlich, dass die Bücher meist jahrelang bei Buchhändlern müßig standen, dann kaum einmal gelesen wurden und wieder in Privatbücherregalen verstaubten, während jetzt jeder Band aus der Buchbinderei in die Bibliothek wandert. Die Jahresproduktion betrage jetzt in Österreich alljährlich 40 Millionen Bände, also etwa viermal so viel, als im 19. Jahrhunderte in Deutschland, und etwa 20 Millionen Bände würden jährlich ausgemustert und wieder in die Papierfabriken geliefert, daher der Jahreszuwachs 20 Millionen Bände beiläufig betrage, und da dieser Zuwachs in den letzten 20 Jahren konstant blieb, so ergebe das allein für diese Jahre 400 Millionen Bände und erhöhe sich die Mannigfaltigkeit der Werke erstaunlich durch den internationalen Tausch, beziehungsweise internationalen Buchhandel, der meist 5 Millionen Bände im Jahre betrage. Es belaufe sich die Zahl der jährlich aufgestellten inländischen und ausländischen Werke auf 50.000. – Außerordentlich verschieden allerdings sei die Zahl der Exemplare, da man von manchen Werken 45.000 Exemplare auflege, von vielen ausländischen Werken aber nur ein einziges beziehe. Wir bestritten die Möglichkeit, die Jahreskataloge im Drucke zu veröffentlichen, aber Dr. Kolb versicherte, er habe bei Zwirner einen Warenkatalog von einem gewissen Rix in Wien aus dem 19. Jahrhunderte gesehen, worin Kinderspielwaren und anderer Tand bis zu einem Preise von 5 Kreuzern verzeichnet waren. Viel mehr als das könne man für die Literatur tun. Übrigens werden chinesische, japanische und andere Werke der fremdesten Literaturen meist nur summarisch der Zahl und dem Gegenstande nach am Schlusse des Katalogs erwähnt.
Wir glaubten, eine Jahresproduktion von 40 Millionen Bänden müsste die nationalen Papiervorräte erschöpfen, aber auch das widerlegte Dr. Kolb, indem er darauf verwies, dass man den Papierverbrauch in Österreich schon im Jahre 1890 auf 3-1/2-Kilogramm per Kopf der Bevölkerung berechnete und jetzt betrage er 5 Kilogramm per Kopf. Da nun der Papierverbrauch per Band durchschnittlich nicht einmal ein halbes Kilogramm betrage, sei es leicht ausführbar, für jeden Kopf der Bevölkerung einen Band jährlich zu präliminieren.
Das führte uns noch einmal auf das Verlagswesen, worüber uns Zwirner erschöpfende Mitteilungen nicht gemacht hatte. Dr. Kolb sagte, es seien für den öffentlichen Verlag 3.000 Werke mit 40 Millionen Einzelbänden jährlich präliminiert und sei das Verlagsrecht gewissermaßen budgetmäßig auf Zivilliste, Reich, Provinzen, Kreise aufgeteilt und könne sogar jede Gemeinde nach einem 40-jährigen Turnus einen Band auf Rechnung des öffentlichen Verlags in 1.000 Exemplaren drucken lassen. Der Verfasser reiche also das Manuskript der Zentralregierung ein, welche die ausgestoßenen Manuskripte an die Provinzverwaltungen gebe und so weiter. Aber der Verfasser könne sich auch direkt an die Zivilliste oder einen Kreis, eine Gemeinde &c. wenden. Wer seit fünf Jahren Mitglied des literarischen Vereines sei, könne 1.000 Exemplare eines einbändigen Werkes auch in Druck legen, ohne jemandes Erlaubnisse einzuholen.
Das verhalte sich so. Wie schon erwähnt, können die Bibliotheken ihre Arbeit unmöglich vollkommen bewältigen. Sie würden zwar von Professoren und Studenten unterstützt, aber auch das genüge nicht und man habe daher einen literarischen Verein gegründet, der jetzt weit über 50.000 Mitglieder in allen Teilen des Reiches zähle und sich nach Sprachen Wissenschaften und Literaturzweigen in Sektionen und Unterabteilungen gliedere.
Die Regierung stelle dem Vereine ein Zentralbüro, das sich derzeit in St. Pölten befinde, eine Druckerei und Buchbinderei und jährlich eine bestimmte Menge Druckpapier zur Verfügung und könne der Verein einmal jährlich 100 Werke auswählen, die auf Rechnung des öffentlichen Verlages gedruckt werden, er könne aber auch selbst Werke drucken. Letztere Werke müssten die Mitglieder, welche sie verfasst haben, selbst setzen und es machten daher nicht viele von dem Verlagsrechte Gebrauch.
Der Verein habe dagegen der Regierung gewisse Dienste zu leisten. Sie weise den Mitgliedern Manuskripte zur Begutachtung und die ausländischen Werke zur Bearbeitung für die Bibliothekszwecke zu. Alle Vereinstätigkeit sei aber freie Wirksamkeit und könne in die geregelte Arbeitsleistung nicht eingerechnet werden.
Es war Mitternacht und wir ergingen uns noch im Mondscheine im Garten und Dr. Kolb, der als alter Herr aufstehen kann, wann es ihm gefällt, war so gut, uns noch Gesellschaft zu leisten, wobei er uns auf die Straße führte und zeigte, dass eben jetzt der Lastenverkehr beginne, der Waren und Vorräte von den Bahnhöfen in die Quartiere bringe und dann den Unrat wegschaffe, was täglich geschehe. Der letztere Dienst gehe nur junge Leute der bestimmten Altersklassen an, aber die meisten hauptstädtischen Dienstleistungen würden, wie wir schon gehört hatten, von den alten Herren des Arbeiterberufes besorgt. Es lebten an 60-70.000 solcher Pensionisten in Wien, welche aber meist wieder nach einigen Jahren auf diese Art von Pfründe verzichteten, weil die Österreicher es nicht lange in einer Großstadt aushielten. Von jenen Pensionisten hätte jeden Tag in der Woche der siebente Teil Dienst, trüge gewisse Abzeichen und besorge neben der Aufsicht auf den Straßen und in den öffentlichen Gebäuden manche hauswirtschaftliche Arbeiten, den Briefdienst u.s.w., insbesondere auch die Schneesäuberung und die Lenkung der Wagen und Pferde. Jeder Ältere wähle sich den Standort, der ihm gefällt, und die Jüngeren müssten die zugewiesenen Arbeiten übernehmen.
Eben waren die Unratsgefäße weggefahren worden und die jüngeren Männer, die den Dienst hatten, entstiegen den unterirdischen Kanälen. Dr. Kolb regte den Gedanken an, dass wir uns die Kanäle besehen sollten. Einer der jungen Männer stieg wieder hinab und wir folgten auf einer eisernen Leiter. Die durch das ganze Quartier verzweigten Kanäle sind mehr als mannshoch, ganz trocken betoniert, können mit Glühlampen erleuchtet werden und, was uns verwunderte, es war merklich übler Geruch kaum wahrzunehmen. Die Kanäle stehen nämlich mit mächtigen Essen in Verbindung, in welchen immer Feuer unterhalten wird, und außerdem setzt man vor dem Abstieg in den Kanal einen mächtigen Ventilator in Bewegung.
Dr. Kolb empfahl sich jetzt und sagte, er müsse am nächsten Tage früh nach Tulln zur Vorbereitung der Regatta fahren, und es stehe uns frei, mitzufahren oder uns an eine andere Begleitung weisen zu lassen oder auf eigene Faust zu flanieren. Letzteres wollten wir wagen und Mr. Forest sagte leise zu mir, er hätte längst gewünscht, die Begleitung los zu werden, die uns offenbar jeden Einblick in die Gebrechen der Zustände entziehe.

6
Es war Sonntagmorgen und wir hatten uns vorgesetzt, in Wien zu wandern, um verlässliche Informationen einzuholen, und zum Mittagessen nach Tulln zu fahren, weil abends die interessante Regatta stattfinden sollte. Wir fanden auch am Sonntag alles in Bewegung, alle öffentlichen Säle und Gebäude vom frühesten Morgen an geöffnet, denn Wien war die Stadt geworden, in der man sich nicht langweilen wollte. Obgleich wir recht müde waren, pilgerten wir doch nach den Museen. Die Ordner auf den Straßen gaben uns genau die Richtung an und da sie sahen, wir seien Fremde und rauchten nicht, fragte uns ein alter Herr, ob wir denn keine Zigarren hätten. Mr. Forest witterte einen Versuch, ein Trinkgeld zu ergattern, aber eingedenk der Vorschriften, die wir gedruckt in der Tasche hatten, wagte er sich doch nicht mit einem Versprechen hervor und sagte nur, wir hätten keinen Vorrat mehr. Der Alte bat sich die Aufenthaltskarten aus und sagte dann, damit könnten wir in jedem Speisesaale Zigarren beziehen, da man ja wisse, dass die Fremden rauchten. Wir meinten, wir seien in Tulln im regelmäßigen Aufenthalte, aber man beruhigte uns, man nehme es nicht so genau, sonst wäre es ja nicht gemütlich. So wandten wir uns zum nächstgelegenen Speisesaale und erhielten richtig Zigarren für den Tag, nachdem die Daten der Aufenthaltskarte waren notiert worden. Das war uns sehr lieb, wir mussten aber jetzt im Freien bleiben, denn in den Gebäuden ist das Rauchen verboten, es wäre denn in der eigenen Wohnstube. Als wir unsere Zigarren geraucht hatten, besuchten wir die Museen, in denen sich viele Tausende drängten, weil an Sonntagen auch Leute von den benachbarten Dörfern in die Stadt strömen, und wir bewunderten nicht nur die reichhaltigen Sammlungen, sondern auch die herrlichen altersgrauen Gebäude mit den Kuppelsälen und Deckengemälden. Wir forderten einen Katalog, der uns bereitwillig mit der Bitte verabfolgt wurde, ihn beim Weggehen zurückzustellen, weil er nicht zum Verkaufe bestimmt sei. Wollten wir jedoch einen Katalog mit nach Hause nehmen, was wohl der Mühe wert wäre, weil auch interessante Abbildungen und Farbendrucke darin enthalten seien, so müssten wir uns an die Hausverwaltung wenden. Wir verlangten aber für heute nicht danach, denn es drängte die Zeit und wir wollten lieber früher nach Tulln kommen. Auch waren wir betäubt und hatten uns bisher zu wenig Ruhe gegönnt. Unsere Anfragen bei diesem und jenem, ob man hier zufrieden sei, hatten zu nichts geführt und obwohl Mr. Forest immer Furcht vor Spionen und verkappten Oberbeamten witterte, konnte ich doch an den heiteren Gesichtern und dem ganzen Getümmel erkennen, dass es da Unzufriedene wirklich nicht gebe.
Wir bestiegen einen Straßenwagen, kamen auf den Franz-Josefs-Bahnhof und gelangten ziemlich früh nach Tulln. Nach dem Lunch gingen wir, da wir noch zwei Stunden bis zum Mittagstisch hatten, nach dem Zentralrudersporthause, das von der eisernen Brücke etwas stromabwärts dastand, ein schöner Bau mit Empfangssälen, Beratungszimmern und Archiven, an den Wänden Trophäen mit den Namen der einzelnen Sieger und der preisgekrönten Ortschaften. Wir fanden da Zwirner und Dr. Kolb, die alle Hände voll zu tun hatten und uns nur flüchtig begrüßen konnten.
Ruderer in allen Farben, mit bloßem Halse und Armen, hatten hin und her zu laufen und zu ordnen und wurden unzählige Boote ins Wasser gelassen, Ruder eingeseift, Wimpel aufgesteckt und man sah in der Ferne den Rauch von Dampfern, welche Gäste aus Wien brachten, die den Ruderern zur Seite fahren wollten.
Ein kräftiger Junge, selbst Ruderer, belehrte uns über die Farben. Es wäre hier, wie bei Wettrennen, Bicyclefahren &c. jeder Kreis, ja jeder Bezirk erkennbar. Einheimische seien mit den Farben vollkommen vertraut, Fremden gebe man eine Karte mit Provinzen und Kreisen, woraus man die Farben entnehme. Der Knabe hatte eine dunkelrote Mütze, hellrotes Wams und eine dunkelorangefarbige Schärpe. Er sagte, die Farben seien von dunkelrot beginnend nach dem Prisma geordnet und zwar: dunkelrot, hellrot, dunkelorange, hellorange, dunkelgelb usf., dann endlich weiß und schwarz, insgesamt vierzehn Farben. Dann kämen in derselben Ordnung zwei aufeinanderfolgende Farben, als dunkelrot-hellrot, hellrot-dunkelorange, usw. bis zu schwarzrot wieder 14 Farben. Da nun Niederösterreich die erste Provinz des Reiches sei, sei die Kappe dunkelrot und da St. Pölten der zweite Kreis sei, – Wien bilde den ersten, – sei das Wams hellrot, nachdem Tulln der dritte Bezirk im Kreise St. Pölten sei, sei die Schärpe dunkelorangefarbig. So sei der Bezirk außer Zweifel. Das genüge den meisten, aber das letzte Abzeichen zeige sogar die Gemeinde an, nämlich das Band, das von den Schultern flattert.
Da Alles vorbereitet war, luden Zwirner und Dr. Kolb die ganze Menge von Gästen zum gemeinsamen Mahle auf dem großen Wiesenplane vor dem Gemeindepalaste.
Da kamen Kinder, Mädchen und Frauen zur Begrüßung, der Bezirksbeamte hielt eine Ansprache, mit einem Hurra ging’s zu Tische und da fehlte es nicht an Jubel und Trinksprüchen aller Art, wobei vor allen Zwirner gefeiert wurde, dem man zutraute, dass er im Einzelkampfe den Meisterpreis erringen werde. Die erschienenen Ruderer waren alle Meister in der Kunst, wohl trainiert und hatten bei kleineren Wettkämpfen Preise errungen, und nur die fünf tüchtigsten Vereine waren zum Start erschienen. Es sollte das Clubwettfahren von der Eisenbahnbrücke bis Greifenstein gehen, wo die ersten Tribünen errichtet waren, und nach einiger Rast sollten drei Matadore, worunter Zwirner, von der Krümmung, die die Donau bei dem ehemaligen und längst verfallenen Dorfe Höflein beschreibt, bis zur neuen Donaubrücke bei Klosterneuburg um die Wette rudern. Beim Clubruderwettfahren kam es nicht darauf an, welchem Club das erste Boot angehörte, sondern welcher Club im Durchschnitte siegte, was schwierig zu bestimmen war, daher gewiegte Schiedsrichter aufgestellt waren. Sie nahmen übrigens Momentphotographien auf, wodurch die Beurteilung erleichtert wurde.
An vielen Punkten an der Donau waren optische Signale aufgestellt, die sich bis zum Tullner Gemeindepalaste fortpflanzten, um den Verlauf telegraphisch nach St. Pölten und von dort über Wien weiter in die Provinzvororte zu melden; die Provinzvororte gaben die einlaufenden Nachrichten an die Kreise weiter und so fort, so dass man im ganzen Reiche Nachrichten hatte, und hieß es bald: „Graz hat Vorsprung“, dann: „Linz kommt heran“, und „Pest überholt alle“, bis zuletzt Tulln, wie erwartet, von den Schiedsrichtern als Sieger erklärt wurde. Zwirner stieg aus dem Boote und eilte die Treppe der Frauentribüne hinan, um den Seinigen den Frauendank zu bringen, den eine Erzherzogin überreichte.
Aber das Interessanteste stand uns bevor, denn wir wussten, dass der Sieger im Einzelkampfe den Preis aus der Hand der Lori Hochberg empfangen solle, und wir waren froh, dass unser Dampfer das rechte Ufer entlangfuhr, weil wir gerade vor der Tribüne anhalten sollten. Zwirner siegte um zwei Bootlängen und kam vor unseren Augen zur Tribünentreppe, um von Lori einen Kranz von goldenen Lorbeerblättern zu empfangen, wofür ihm die Sitte gestattete, die Hand der krönenden Dame zu küssen. Mit donnerndem Bravorufen von den Booten und Schiffen, der Brücke, die dicht voll Menschen war, den Ufern und Tribünen wurde der Sieger gefeiert, der noch seine Anordnungen wegen vorläufiger Bergung der Boote traf und dann mit den Genossen und uns Begleitern den Zug bestieg, der ihn erwartete.
Wir zweifelten nicht, dass der Lorbeerkranz, der übrigens in den Trophäensaal wanderte, für Zwirner mehr bedeute, als nur eben einen Siegespreis.

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