Kitabı oku: «Anders ist eine Variation von richtig»
Josephin Lorenz
Anders ist eine Variation von richtig
PEP und Kunsttherapie
bei Autismus
2020

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:
Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)
Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke)
Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)
Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)
Dr. Barbara Heitger (Wien)
Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)
Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)
Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)
Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)
Dr. Roswita Königswieser (Wien)
Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)
Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)
Tom Levold (Köln)
Dr. Kurt Ludewig (Münster)
Dr. Burkhard Peter (München)
Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)
Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)
Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)
Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)
Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)
Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)
Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)
Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)
Jakob R. Schneider (München)
Prof. Dr. Jochen Schweitzer (Heidelberg)
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Dr. Therese Steiner (Embrach)
Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin (Heidelberg)
Karsten Trebesch (Berlin)
Bernhard Trenkle (Rottweil)
Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)
Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)
Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)
Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)
Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)
Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)
Themenreihe »Reden reicht nicht!?«
hrsg. von Michael Bohne, Gunther Schmidt und Bernhard Trenkle
Reihengestaltung: Uwe Göbel
Umschlaggestaltung: Heinrich Eiermann
Umschlagfoto: © elxeneize/PantherMedia
Satz: Verlagsservice Hegele, Heiligkreuzsteinach
Illustrationen: Tim Schilling
Printed in Germany
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck
Erste Auflage, 2020
ISBN 978-3-8497-0360-8 (Printausgabe)
eISBN 978-3-8497-8250-4 (ePub)
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Tel. +49 6221 6438-0 • Fax +49 6221 6438-22
Inhalt
Geleitwort
Vorwort
1»Der will nur nicht!« – autismusspezifische Wahrnehmung
Tiefgreifende Entwicklungsstörung, Wrong-planet-Syndrom oder doch eine Superkraft?
2Unterstützung im Autismus-Spektrum
Stress vermeiden
Anliegen und Auftrag klären
Anliegen der Eltern
Anliegen der Kinder und Jugendlichen
Kontakt aufnehmen
Bedürfnisse ernst nehmen
3Kunstvoll handeln und wandeln
Mit Kreativität Ressourcen aktivieren
Mit PEP Blockaden auflösen
4Anders ist eine Variation von richtig
Fähigkeiten erkennen und wertschätzen
5Das Wüte-Dings
Überforderungen erkennen und beheben
6»Ich bin nichts wert!«
Von Selbstwert-Räubern und Eigensabotage hin zu mehr Selbstwert-Erleben
7»Ich bin ich, weil ich anders nicht sein kann!«
Autistische Vorbilder in unterschiedlichen Bereichen
Handlungsplanung stärken
8Kompetenzen im Alltag steigern
Gelassenheit der Eltern fördern
Geschwister aufklären und stärken
Konflikte zwischen Lehrer und Eltern auflösen
Gut informierte Kindertagesstätten und Schulen
Mit gestärkter Präsenz den Handlungsrahmen erweitern
Gemeinsam gegen Ausgrenzung und Mobbing
9Leichtigkeit und Humor in der täglichen Arbeit
Stressprophylaxe für die Therapeuten
10Und wann ist Schluss?
Therapien beenden
Resümee
Danksagung
Anhang
Arbeitsblätter zu den Big-Five-Lösungsblockaden
Arbeitsblatt Nr. 1: Selbstvorwürfe auflösen
Arbeitsblatt Nr. 2: Fremdvorwürfe auflösen
Arbeitsblatt Nr. 3: Erwartungen bearbeiten
Arbeitsblatt Nr. 4: Altersregression
Arbeitsblatt Nr. 5: Loyalitäten klären
Kommunikation mit Menschen aus dem Autismus-Spektrum
Defizite neurotypischer Menschen
Literatur
Über die Autorin
Geleitwort
Es ist mir eine große Freude, zum vorliegenden Buch Anders ist eine Variation von richtig von Josephin Lorenz ein Geleitwort beisteuern zu können. Dies tue ich u. a. deshalb sehr gerne, weil ich als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie als Ausbilder von nunmehr ca. 3000 Kolleginnen und Kollegen in Prozess- und Embodimentfokussierter Psychotherapie (PEP) das Gefühl nicht loswerde, dass wir alle noch ziemlich große Wissenslücken in puncto Autismus haben. In dieser Hinsicht war meine eigene Lernkurve während der gesamten Lektüre sehr hoch.
Besonders fasziniert hat mich neben Josephin Lorenz’ therapeutischer Unterstützung ihre überraschende, kreative, ressourcenorientierte und zutiefst wertschätzende Sicht auf Menschen mit jener besonderen Wahrnehmung. Die diesem Buch zugrundeliegende Haltung, Autismus nicht per se als Störung zu betrachten, sondern immer klar und deutlich auch auf die vorhandenen Stärken und Fähigkeiten zu fokussieren, öffnet neue Denk- und Fühlräume und scheint mir eine sowohl respektvoll-kreative, als auch sehr menschenwürdige Herangehensweise zu sein. Leben wir doch in einer Zeit, in der von der Norm abweichendes Verhalten und Empfinden schnell mit neuen Diagnosen versehen werden. So entlastend eine Diagnose sein kann, so stigmatisierend und damit ausgrenzend und potenziell schädigend kann sie sein. Diagnosen haben überdies nicht selten etwas von struktureller Gewalt, gerade wenn Menschen mit dieser Diagnose zwangsläufig einer bestimmten sogenannten evidenzbasierten Behandlungsmethode zugeführt werden sollen, die sie so vielleicht gar nicht haben wollen. Da gerät dann schnell aus dem Fokus, was für den einzelnen betroffen Menschen wirklich passend, hilfreich und individuell richtig ist. So aber hat wahre Humanmedizin zu sein.
Als Mitherausgeber der Reihe Reden reicht nicht freut es mich sehr, wie dezidiert die Autorin aufzeigt, dass die Integration des Körpers bei der Veränderung von Emotionen und Glaubenssätzen auch im Autismusfeld unabdingbar ist.
Ganz besonders beeindruckt haben mich auch die ästhetisch ansprechenden Zeichnungen vom Tim, dem »jungen Illustrator mit Autismuskompetenz«.
Ich wünsche dem Buch, dass es möglichst viele Leserinnen und Leser findet und dadurch das Verständnis für diese besonderen Menschen wächst. Menschen, die nicht selten Bereicherndes in die Welt gebracht haben, was so niemand anderes hätte in die Welt bringen können.
Dr. med. Michael Bohne Hannover, im Juli 2020
Vorwort
In meiner langjährigen Praxis mit Kindern und Jugendlichen aus dem Autismus-Spektrum hatte ich viele berührende Begegnungen mit diesen besonderen Menschen. Eine Situation werde ich sicher nie vergessen: Einmal fragte mich der kleine, fünfjährige Albert mit seinen verwuschelten Haaren in einer Therapiestunde, warum Bill, sein Gruppenpartner, so kauzig sei. Dieses Wort »kauzig« aus dem Munde eines kleinen Jungen zu hören war schon besonders. Die Frage erstaunte mich jedoch insofern umso mehr, als mir Albert mit seiner enthusiastischen Art, Schnecken zu sammeln, selbst als sehr skurril und kauzig aufgefallen war.
Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus dem Autismus-Spektrum verarbeiten die Eindrücke aus ihrer Umwelt sehr individuell. Aufgrund einer anderen Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung haben sie besondere Schwierigkeiten in den Bereichen Kommunikation und Sozialverhalten. So führt z. B. ihr wortwörtliches Sprachverständnis im Alltag oft zu Missverständnissen. Ein Teufelskreis von gegenseitiger Ablehnung beginnt. Die Betroffenen kämpfen in der Folge nicht nur mit einem erhöhten Stresslevel, sondern leiden in der Regel auch unter einem geringen Selbstwertgefühl und oft zusätzlich an Depressionen und Ängsten.
Die meisten der bestehenden pädagogischen und therapeutischen Konzepte konzentrieren sich darauf, Unterstützung dahingehend anzubieten, dass diese Menschen an ihren autismusbedingten Schwachstellen gezielt trainieren, um sich so besser anpassen zu können. Demgegenüber erlebe ich immer wieder, wie hilfreich es für meine Klienten ist, dass sie achtsam für ihre autismusspezifischen Bedürfnisse werden. Auch fällt es ihnen meist schwer wahrzunehmen, was ihnen bereits alles gelingt. Zu intensiv haben sie gelernt, dass sie an ihren Schwächen »arbeiten« müssen.
Anders ist eine Variation von richtig nimmt eine neue Sichtweise auf die Unterstützung von Menschen aus dem Autismus-Spektrum ein. Bewusst verzichte ich in diesem Buch auf die Bezeichnung »Autismus-Spektrum-Störung«, wie sie laut der WHO (Weltgesundheitsorganisation) genannt wird. Diesem Buch liegt eine Haltung zugrunde, die Autismus nicht per se als Störung betrachtet. Stärken und Fähigkeiten werden gewürdigt und unterstützt, ohne autismusspezifische Probleme zu vernachlässigen.
Ich schließe mich der Äußerung von Phil Schwarz, Vizepräsident der Asperger’s Association of New England (AANE), an (Schwarz 2020):
»Ich glaube, dass Autismus so ein subtiler Mix von neurologischen Abweichungen von der Norm ist, dass man, wenn man ihn wirklich auf einer genetischen Ebene verhindern wollte, nicht nur die Kombination aus Behinderungen verhindern würde, die daraus entstehen, sondern auch Genius, Humor, Talent und nützliche unterschiedliche Arten zu denken und zu fühlen, Kunst zu schaffen und wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, die ebenfalls aus diesen neurologischen Abweichungen resultieren können. Die meisten autistischen Menschen, die ich kenne, gehören zu den zutiefst menschlichen Personen, die ich kenne. Die Menschheit wäre weit, weit ärmer ohne Leute wie sie.«
Linus Müller, der Gründer von Autismus-Kultur.de schreibt in seinem Blog, dass es viele unterschiedliche autistische Menschen gibt:
»Wir sind alt oder jung, schwul oder transgender, Migrant*innen oder Geflüchtete, schwarz oder jüdisch, lernbehindert oder hochbegabt, depressiv oder obdachlos. Diese Vielfalt muss sich widerspiegeln in der Unterstützung für autistische Menschen.«
Bei so vielen unterschiedlichen Erscheinungsformen von Autismus wird deutlich, wie entscheidend es für eine gelungene Unterstützung ist, dass sie auf den jeweiligen Menschen individuell angepasst wird und Eigendynamiken berücksichtigt werden.
Menschen aus dem Autismus-Spektrum benötigen also unterschiedlichste Hilfen, je nach Grad der individuellen Abweichungen von der Norm. Entscheidend ist, dass man Methoden findet, die ihnen helfen, ihre Potenziale zu entdecken, wertzuschätzen und zum Ausdruck zu bringen. Dementsprechend ist es meine therapeutische Grundhaltung, gemeinsam mit dem Klienten neue Wege zu finden, wenn alte ausgetretene Wege nicht oder nicht mehr hilfreich sind. Entscheidend ist für mich die Erfahrung, dass Kreativität bei jedem anders aussieht und individuelle Zufriedenheit bei jedem auf andere Weise entsteht.
In meiner täglichen Arbeit begleite ich in der Regel Menschen aus dem Autismus-Spektrum, denen die Sprache als Ausdrucksmittel zur Verfügung steht. Eine Methode für solche Klienten ist die Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie, kurz PEP®. Sie ermöglicht eine strukturierte und vorhersehbare Arbeitsweise, die neue Sichtweisen eröffnet. PEP beinhaltet verschiedene Techniken und Interventionsstrategien, die den Umgang mit heftigen Gefühlen oder belastenden Erlebnissen erleichtern und die Bearbeitung hinderlicher Beziehungsmuster, Glaubenssätze und Überzeugungen unterstützen.
Damit PEP wirksam eingesetzt werden kann, ist es wichtig, Vertrauen zu sich und zum Gegenüber aufzubauen. Kreative Angebote eignen sich dafür bei Menschen aus dem Autismus-Spektrum sehr gut. Denn diese Menschen haben zu oft gehört, was sie alles lernen und woran sie »arbeiten« müssen. »Arbeiten« und »müssen« – das klingt nicht nach Lebensfreude und Leichtigkeit. Doch gerade Leichtigkeit, Zuversicht und Humor öffnen Wege, Neues zu entdecken und damit zu experimentieren.
Das gilt nicht nur für die Betroffenen selbst: Auch Eltern, Erzieher, Lehrer oder Therapeuten können die Herausforderungen leichter meistern, wenn sie eigene Ressourcen und Potenziale (wieder-)entdecken und sich von einschränkenden Glaubenssätzen lösen. Das in diesem Buch beschriebene Klopfen aus der PEP ist eine einfach zu erlernende Technik, die jeder selbst anwenden kann, um negative Gefühle und Glaubenssätze zu überwinden sowie Blockaden und Hindernisse für ein leichteres Miteinander aus dem Weg zu räumen.
Natürlich ist PEP keine neue »Wundermethode«. Manchmal ermöglicht sie eine erstaunlich schnelle Entlastung für den Anwender. Wenn sich nicht die gewünschte Entlastung einstellt, ist jedoch auch ein beständiges Anwenden – bei festsitzenden Blockaden auch mit Unterstützung eines darin geschulten Therapeuten – notwendig, um die gewünschte Veränderung herbeizuführen. Wenn sich beim Lesen dieses Buches und beim Anwenden der PEP also nicht gleich die gewünschte Wirkung zeigt, scheuen Sie sich nicht, sich Unterstützung zu holen.1
Die Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie ist eine sehr hilfreiche Methode, um in der Begleitung von Menschen aus dem Autismus-Spektrum neue Wege zu gehen. PEP zusätzlich mit künstlerischen Mitteln zu verknüpfen ist für mich als Kunsttherapeutin, aber auch für viele meiner Klienten, die eher visuell denken, eine weitere Quelle von Kraft. Und davon kann man bekanntlich nie genug haben.
Aber ich durfte auch zehn Jahre lang Künstler aus dem Autismus-Spektrum begleiten, die der Sprache gar nicht oder nur sehr reduziert mächtig waren. Wenn Sprache als Ausdrucksmittel nicht möglich ist, ist Kunst ein wunderbares Medium, um verborgene Potenziale zu entfalten. Kunsttherapeutische Interventionen helfen, die eigene Kreativität zu entdecken, dabei Stärken und Ressourcen zu erkennen und zu lernen, wie man diese wertschätzen kann. Das eigene aktive Handeln und Verwandeln von Farben, Formen und Materialien fördert das Erleben von Selbstwirksamkeit. Denn jeder hat ein noch nicht ausgeschöpftes Potenzial in sich!
Zu diesem Buch
Es werden zunehmend mehr wissenschaftliche Publikationen zu Autismus veröffentlicht. In ihnen werden die Symptomatik, diagnostische Kriterien, Häufigkeit und mögliche Ursachen ausführlich beschrieben und nach wissenschaftlichen Normen belegt und ausgewertet. Auch gibt es schon viele Bücher, in denen die Geschichte der Entdeckung dieser Besonderheiten bis hin zu den unterschiedlichen Therapieansätzen ausführlich geschildert sind. Im vorliegenden Buch stehen persönliche Erfahrungen mit Kindern und Erwachsenen aus diesem Wahrnehmungsspektrum im Vordergrund.
Wenn Sie als Psychotherapeut oder Coach mit Menschen aus dem Autismus-Spektrum arbeiten, erfahren Sie hier, wie hilfreich es für die Betroffenen ist, wenn autismusspezifische Bedürfnisse und Potenziale (wieder) in den Vordergrund rücken.
Vielleicht begleiten Sie auch als Erzieher oder Lehrer Kinder und Jugendliche mit dieser besonderen Wahrnehmung und wollen deren Erleben besser nachvollziehen können? Hier erfahren Sie, wie hilfreich es ist, sich von alten Glaubenssätzen und destruktiven Gedanken zu befreien. Ein Wechsel von der Defizitorientierung zur Potenzialentfaltung und das Nutzbarmachen eigener Ressourcen ist dabei sehr förderlich.
Wenn Sie das Buch gelesen haben, wissen Sie,
•wie Menschen mit und ohne Autismus ihre Selbstbeziehung verbessern und mehr Selbstwirksamkeitserfahrungen machen können und wie Sie als Therapeut beides nachhaltig aktivieren können;
•dass es Muster gibt, die für dysfunktionale Selbstbeziehungen und dysfunktionale Beziehungen zu anderen verantwortlich sind, und wie man diese auflösen kann.
Anhand von zahlreichen Behandlungsbeispielen werden konkrete Vorgehensweisen für unterschiedliche Therapiesituationen dargestellt. In den Kapiteln 1 bis 4 geht es um die Grundhaltung und grundsätzliche Vorgehensweise dieser Art der Unterstützung. Hier lohnt es sich, diese Kapitel in der gegebenen Reihenfolge nacheinander zu lesen.
Ab Kapitel 5 können Sie, wenn Sie gerade ein besonders Anliegen haben – z. B. mehr über den Umgang mit Überforderungen erfahren möchten –, direkt zu dem entsprechenden Kapitel springen.
PEP ist gut zu erlernen und eignet sich als Selbsthilfetechnik für die eigenständige Anwendung. Die Arbeitsblätter am Ende des Buches erleichtern das eigenständige Arbeiten mit dieser Klopftechnik. Zusätzliche Tipps für den Umgang mit neurotypischen Mitmenschen finden sich ebenfalls im Anhang.
Josephin Lorenz Hannover, im April 2020
1Wenn Sie PEP in Ihre professionelle Arbeit als Therapeut, Psychiater oder Lehrer integrieren wollen, ersetzt dieses Buch natürlich nicht die umfassende und detaillierte Ausbildung bei Michael Bohne.
1»Der will nur nicht!« – autismusspezifische Wahrnehmung
Wie oft habe ich diesen Satz von verzweifelten Eltern und Lehrern gehört. Ihr Sohn oder der Schüler wolle partout nicht im Stuhlkreis sitzen, störe die Klasse, werde frech und sei respektlos. Diese Kinder gelten als unerzogen und schwierig. Zuschreibungen wie »starrköpfig«, »unkooperativ« oder »ungehorsam« werden zur Beschreibung autistischer Menschen jeden Alters häufig benutzt. Ihr Verhalten entspricht nicht den gesellschaftlichen Regeln, wirkt befremdlich und löst Unsicherheit oder sogar Ängste bei den Menschen im Umfeld aus. Was dem Verhalten allerdings vorausgeht – nämlich die Schwierigkeit, mit neuen Situationen oder Reizüberflutung zurechtzukommen –, bleibt für die Umgebung unsichtbar.
Oft bekommen Eltern den Rat, man müsse doch nur mal konsequent sein, dann würde dieses Verhalten schon aufhören. Leider wird das unerwünschte Verhalten jedoch durch sogenannte pädagogische Konsequenz oft noch schlimmer.
Was passiert da? Warum kann sich ein autistischer Junge, ein autistisches Mädchen nicht genauso verhalten wie alle anderen auch? Um das zu verstehen, ist es wichtig, die unterschiedlichen Arbeitsweisen unseres Gehirns zu kennen. Reize aus der Umwelt, die wir mit unseren Sinnesorganen aufnehmen, werden bei autistischen Menschen auf andere Art verarbeitet als bei Menschen ohne Autismus-Diagnose – oder wie die Wissenschaftler sagen: den »neurotypischen« Menschen. Mit bildgebenden Verfahren lässt sich manches von diesen Unterschieden sichtbar machen. Betrachten neurotypische Personen Fotos von Gesichtern, sind andere Hirnareale aktiv als bei Menschen mit Autismus. Dadurch, dass die Sinnesreize im Gehirn anders verarbeitet werden, kommt es bei Letzteren oft zu unterschiedlichen Reizempfindlichkeiten, wie z. B. zu
•hoher Empfindlichkeit oder Anfälligkeit für Reizüberflutung im akustischen und visuellen Bereich
•Über- oder Unterempfindlichkeiten gegenüber sensorischen Reizen
•Schwierigkeiten, Reize zu filtern oder zu differenzieren und/oder sensorische Informationen gleichzeitig zu verarbeiten
•gesteigerter Wahrnehmung von körpereigenen Geräuschen
•höherer Empfindlichkeit für leichte oder unerwartete Berührungen.
Auch wenn Autisten – wie alle anderen Menschen auch – einzigartig sind, weisen sie im Allgemeinen einige autismusspezifische Eigenschaften auf wie
•Besonderheiten in den verschiedenen Wahrnehmungsbereichen
•unübliches Lern- und Problemlösungsverhalten
•fokussiertes Denken und Spezialinteressen
•atypische (manchmal repetitive) Bewegungsmuster
•Bedürfnis nach Beständigkeit, Routine und Ordnung
•Schwierigkeiten im Sprachverständnis und -ausdruck
•Schwierigkeiten im Verständnis und Ausdruck typischer sozialer Interaktionen.
Diese Eigenschaften führen jedoch auch zu besonderen Fähigkeiten, die aufgrund der autistischen Wahrnehmung in der Regel ausgeprägter sind als bei Menschen ohne Autismus, z. B.:
•Gegenstände oder Situationen nicht als »Ganzes« zu erfassen, sondern in ihren Details
•eher Unterschiede als Gemeinsamkeiten wahrzunehmen und darauf zu fokussieren
•verborgene oder hintergründige Muster oder Figuren zu erkennen
•visuell-fotorealistisch, gegenständlich und assoziativ zu denken
•Wörter in Bilder umzuwandeln, Bilder zu speichern und wie eine Suchmaschine abzurufen
•visuell-strukturhaft, mathematisch, räumlich und assoziativ zu denken
•Dinge oder Wörter in Muster zu transferieren, zu speichern und abzurufen
•mit unerwarteter Kreativität zu beeindrucken
•eindrucksvolle Spezialinteressen zu entwickeln und in beachtenswerte Leistungen umzusetzen
•Stress oder belastende Situationen durch ein mentales oder physisches »Stimming«2 zu kompensieren bzw. zu bewältigen.
Die Kommunikation mit anderen ist für viele Autisten im Alltag eine Herausforderung, da sie die nonverbalen Signale (Mimik, Gestik) oft nicht so schnell deuten oder Doppeldeutigkeiten nicht erkennen können. Von außen wirkt es so, als hätten Personen aus dem Autismus-Spektrum wenig »Empathie«. Sie können sich nicht (gut) in neurotypische Personen hineinversetzen. Allerdings ist das andersherum genauso: Für viele Menschen ohne Autismus-Diagnose ist es ebenso schwierig, die autistische Wahrnehmung nachzuempfinden. Für Nichtautisten ist es also auch eine Herausforderung, diesen Perspektivwechsel zu vollziehen. Wenn ich von der speziellen autistischen Wahrnehmung erzähle, können Zuhörer ohne Autismus es immer wieder kaum glauben, dass man die Welt auch so anders wahrnehmen kann. Würden wir in diesem Fall dann ebenso von einem »Empathiedefizit» reden?
Bei allen Unterschieden zwischen Menschen mit und ohne Autismus gibt es jedoch eine Gemeinsamkeit: Autistische und nichtautistische Personen reagieren auf Stress. Allerdings geraten autistische Personen wegen ihrer Reizempfindlichkeiten schneller in Stress. So kann zum Beispiel eine einfache Stundenplanänderung im schulischen Alltag das Stresslevel eines autistischen Schülers so extrem ansteigen lassen, dass es in seinem Gehirn zu einem »Absturz« kommt. So erklärte es mir ein Therapiekind: »Wenn das passiert ist, brauche ich 10 Minuten, um meinen ›Computer‹ (damit meinte er sein Gehirn) wieder für das nun stattfindende Fach ›hochzufahren‹!«
Bereits als Kinder haben Autisten wiederkehrende Schwierigkeiten, Beziehungen zu Gleichaltrigen zu knüpfen. Besonders die unausgesprochenen Regeln der menschlichen Kommunikation bereiten ihnen zahllose Schwierigkeiten. Das gesprochene Worte, die Mimik, den Tonfall oder die Körpersprache ihres Gegenübers richtig zu deuten ist eine große Herausforderung – und sie reagieren daher oft auch nicht auf solche nonverbalen Signale. Die eigenen Emotionen über Mimik, Gestik oder Stimmlage so zu transportieren, dass es für Nichtautisten leichter verständlich wäre, ist ihnen kaum möglich.
Eine große Anzahl von Menschen aus dem Autismus-Spektrum können aufgrund ihrer Schwierigkeiten kein eigenständiges Leben führen und sind auf Hilfe, zum Teil auf intensive Betreuung, angewiesen. Manche lernen das Sprechen nie richtig, neigen zu selbstverletzendem Verhalten oder Wutausbrüchen. Andere leiden zusätzlich unter anhaltenden Schlafproblemen, Ess-Störungen oder Phobien.
Es gibt aber auch Autisten, die die gleichen Berufe ausüben wie Nichtautisten und ohne fremde Hilfe ihren Alltag leben. Inzwischen gibt es immer mehr Jugendliche und Erwachsene, die im Internet oder in Büchern über ihr Leben mit Autismus schreiben, bloggen oder die ihre Kunst veröffentlichen. Bei ihnen wird anschaulich, dass sie durch den Begriff »Autist« auf diesen einen Aspekt reduziert werden. Eine passendere Benennung zu finden, die die positiven Seiten im Sinne von autismuskompetenten Menschen betont, wäre hier wünschenswert.
Tiefgreifende Entwicklungsstörung, Wrong-planet-Syndrom oder doch eine Superkraft?
Viele dieser Erwachsenen stören sich sehr an dem Begriff »Autismus-Spektrum-Störung«. Denn für sie ist ihre Wahrnehmung keine falsche, sondern eben eine andere Art der Wahrnehmung. Die Klimaaktivistin Greta Thunberg geht recht offen mit ihrem Asperger-Autismus um. »Ich habe Asperger, und das bedeutet, dass ich manchmal ein wenig anders bin als die Norm«, schrieb sie auf Facebook. »Doch unter den richtigen Umständen ist es eine Superkraft, anders zu sein.«
Für die Weltgesundheitsorganisation ist es eine psychische Krankheit, die Experten sprechen von einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung des Gehirns. Es wird von einer fehlenden »theory of mind« ausgegangen – der Fähigkeit, sich in ein Gegenüber hineinzuversetzen, die autistische Klienten nicht entwickeln. All das klingt für Personen mit Autismus und ihre Eltern erschreckend, düster und abwertend. Denn tatsächlich konzentriert sich die Diagnose auf die Schwächen autistischer Menschen.
Auticon, eine Firma, die sich auf die Anstellung von Menschen aus dem Autismus-Spektrum spezialisiert hat, spricht von:
»Autismus ist kein Systemfehler, sondern ein anderes Betriebssystem.«
Fragt man Betroffene selber, so fühlen sie sich oft wie auf einem fremden Planeten. Den meisten fällt es schwer, zu anderen Menschen Kontakt aufzunehmen. Sie sind überempfindlich gegen Sinneseinflüsse – wie schmerzhaft gleißendes Licht, unerträglich lautes Stimmengewirr oder stechende Gerüche.
Dieses Gefühl, »wie vom anderen Planeten zu kommen«, wird in den meisten Fällen als negativ empfunden. Eigentlich wollen sie so sein wie die anderen und bemühen sich auch, durch ihr Verhalten nicht aufzufallen. Doch das gelingt ihnen meist nicht. Sie treten, wie Robin Schicha (2015) es in seinem Buch Außerirdische Reportagen vom Schulalltag beschreibt, »scheinbar in jedes Fettnäpfchen, das so auf dem Weg bereitsteht«.
Sie müssen sich die sozialen Regeln mühsam aneignen und erlernen sie nicht wie die anderen, intuitiv. Das wiederum löst bei ihnen das Gefühl aus, dass etwas an ihnen falsch sein muss. Denn alle anderen können ja offensichtlich ganz einfach mit diesen Regeln umgehen. Eigene Gefühle und Bedürfnisse werden unterdrückt. Oft haben diese Menschen deswegen nicht nur mit Schamgefühlen zu kämpfen, das zu sein, was sie sind, sondern auch mit der Furcht davor, das zu tun, was sie tun wollen. Es kommt vor, dass sie im Vorfeld eines möglichen Kontakts die Blicke der anderen als gegen sich gerichtet oder sogar als Verachtung interpretieren. Dieses Gefühl des Verachtetwerdens löst in den Betroffenen emotional fast immer eine Selbstentwertung aus – sie verurteilen dann bestimmte Eigenschaften und Bedürfnisse selbst und sehen sie nur noch negativ.
Hinzukommt, dass die Betroffenen sich mit ihrem »Anderssein« oft falsch verstanden fühlen. Ihr individuelles Verhalten wird in der Regel nicht wertschätzend als eine interessante Form der Bewältigung von Stress anerkannt. Im Gegenteil: Oft löst ihr Verhalten in Situationen, denen sie sich sowieso schon nicht gewachsen fühlen, im Umfeld zusätzlich Unfreundlichkeit oder sogar Abwehr aus. Das kann einen Teufelskreis von gegenseitiger Ablehnung und Zurücksetzung auslösen. Wenn ihr Verhalten dann von anderen als befremdlich empfunden und damit nicht anerkannt wird, leidet ihr Selbstwertgefühl enorm.
Donna Williams, Schriftstellerin und Künstlerin aus dem Autismus-Spektrum, beschreibt Autismus in ihrem Buch Wenn du mich liebst, bleibst du mir fern so (Williams 1994):
»Der Autismus ist etwas, das ich nicht sehen kann. Er hält mich davon ab, meine eigenen Wörter zu finden und zu benutzen, wenn ich es möchte. Oder er lässt mich all die Wörter benutzen und die albernen Dinge sagen, die ich nicht sagen will.
Der Autismus lässt mich alles gleichzeitig fühlen, ohne dass ich weiß, was ich fühle. Oder er schneidet mich davon ab, überhaupt etwas zu fühlen.
Der Autismus lässt mich die Wörter anderer Menschen hören, macht mich aber unfähig zu wissen, was die Wörter bedeuten. Oder er lässt mich meine eigenen Wörter sprechen, ohne dass ich weiß, was ich sage oder auch nur denke.«
Temple Grandin, eine führende Tierwissenschaftlerin in den USA, beschreibt ihre eigenen autistischen Wahrnehmungen so (Grandin 1997):
»Als ich klein war, waren auch laute Geräusche ein Problem. Sie fühlten sich oft an, als träfe der Bohrer eines Zahnarztes auf einen Nerv. Sie verursachten tatsächlich Schmerzen. Platzende Ballons erschreckten mich zu Tode, weil sich das Geräusch in meinen Ohren wie eine Detonation anhörte. Geringfügigere Geräusche, welche die meisten Menschen ausblenden können, lenkten mich ab. Als ich im College war, klang der Haartrockner meiner Zimmerkollegin wie ein startender Düsenjet …«
Auch Sean Barron (1998) beschreibt seine Wahrnehmung als Kind sehr eindrücklich:
»Mir ist klar, dass ich fast meine ganze Kindheit hindurch meine Mutter einfach nicht hörte. Ihre Bemühungen, geduldig und lieb zu mir zu sein, drangen einfach nicht bis zu mir durch. Ich schenkte ihren Wörtern genauso wenig Aufmerksamkeit wie dem Geräusch eines Wagens, der die Straße entlangfuhr. Ihre Stimme war lediglich Hintergrundgeräusch. Nur wenn sie anfing zu brüllen oder zu schreien, drang sie zu mir durch und holte mich für kurze Zeit aus meinem Schneckenhaus.«
Ähnliches beobachteten die Gehirnforscher Henry und Kamila Markram. Ihre persönlichen Erfahrungen mit ihrem autistischen Sohn ließen sie so lange forschen, bis sie eine für sie schlüssige Antwort auf die Probleme mit ihrem Sohn fanden. 2007 veröffentlichten sie erstmals ihre »Intense World Theory«. Diese Theorie beschreibt, dass autistische Personen ein überempfindliches Gehirn haben und im Gehirn der Betroffenen eine permanente Reizüberflutung stattfindet. Aus diesem Grund ziehen sich autistische Kinder in bestimmten Phasen der Entwicklung aus dem Sozialleben zurück. Die Konsequenzen sind Schwierigkeiten im Umgang mit den Reizen.
Neurowissenschaftler (Velazquez a. Galán 2013) konnten errechnen, dass die Gehirnaktivität bei autistischen Kindern im Ruhezustand durchschnittlich um 42 % höher liegt als bei den anderen.
Das Wissen, dass Menschen aus dem Autismus-Spektrum die Sinnesreize aus der Umwelt ganz anders verarbeiten, ist für mich als Therapeutin absolut wichtig. Wenn ein Kind extrem überlastet zu mir in die Therapiestunde kommt, mich anschreit, auf Sachen einschlägt oder auch sich selbst verletzt, ist es sehr hilfreich herauszufinden, was diesem Verhalten vorausgegangen ist. Was war los? Warum? Warum schreit, kratzt, beißt er/sie? (Siehe dazu Kapitel 5 »Das Wüte-Dings«)
2»Stimming« wird abgeleitet aus dem Englischen self-stimulating behavior = »sich selbst stimulierendes Verhalten« (s. auch Kap. 5).
2Unterstützung im Autismus-Spektrum
In den letzten Jahren häufte sich die Anzahl von Autismus-Diagnosen. Es wurde nach ADHS als die nächste Modediagnose gesehen. Steve Silberman schreibt in seinem Buch Die geniale Störung jedoch dazu:
»Diese zunehmende Zahl von Autismus-Diagnosen wurde zunächst als Zusammenspiel von genetischer Veranlagung und Risikofaktoren, die sich irgendwo in unserer toxischen modernen Welt verbergen: Luftverschmutzung, maßlosen Videospielen, denaturierte Lebensmittel.
Unsere DNA erzählt eine andere Geschichte. In der letzten Zeit gelangten Forscher zu der Feststellung, dass die meisten Fälle von Autismus keineswegs auf seltene De-novo-Mutationen, also spontane genetische Veränderungen, die erstmalig bei einem Familienglied auftreten und nicht ererbt sind, sondern im Gegenteil auf uralte Gene zurückgehen, die in der Bevölkerung weit verbreitet sind und in manchen Familien lediglich konzentrierter auftreten als in anderen. Was immer Autismus ist – er ist kein singuläres Produkt der modernen Zivilisation, sondern ein eigenartiges Erbe aus ferner Vergangenheit, das durch Millionen Jahre der Evolution weitergegeben wurde.«
Es gab Autismus also schon immer, nur der Umgang mit den betroffenen Menschen hat sich mit der Zeit gewandelt. Je nach Beeinträchtigung wurden sie vielleicht in Heime abgeschoben, waren in ihren Familien als »Eigenbrötler« akzeptiert oder konnten sich bestenfalls auf Berufe spezialisieren, die ihren Fähigkeiten entsprachen. Schon immer gab es eine Bandbreite von Erscheinungsformen des Autismus und davon, wie das Umfeld damit umgegangen ist.
Heute gibt es verschiedene Therapiemöglichkeiten für Menschen aus dem Autismus-Spektrum, um kognitive und sprachliche Fertigkeiten zu entwickeln, die soziale Interaktion und Kommunikation zu trainieren und den Betroffenen somit ein Leben im sozialen Umfeld zu erleichtern. Die bisher etablierten und von der Wissenschaft als effektiv angesehenen Therapieverfahren basieren alle auf verhaltenstherapeutischen und übenden Ansätzen. Zusätzlich kann eine Vermittlung von wissenschaftlich fundiertem Wissen über Autismus den Betroffenen sowie deren Umfeld wie Eltern, Verwandte, Erzieher und Lehrer helfen, das Verständnis von Autismus und den Umgang damit zu verbessern.
In der Regel liegt in der Unterstützung der Betroffenen der Schwerpunkt bislang auf dem Erlernen von Fähigkeiten, die sie noch nicht beherrschen. Die dabei angewendeten Lehrkonzepte können den Menschen mit Autismus unter Umständen schwerfallen und in der Folge Stress auslösen. Je gestresster autistische Menschen sind, desto mehr neigen sie zu unerwarteten Verhaltensweisen. Übrigens ist es bei Menschen ohne Autismus sehr ähnlich: Je gestresster diese Personen sind, desto »verhaltens-origineller« werden sie.
Ein weiteres Phänomen wurde durch eine Studie der Autismus-Forschungs-Kooperation (AFK) deutlich – diese zeigt, dass Personen aus dem Autismus-Spektrum trotz größeren Hilfebedarfs und häufigerer Gedanken an eine ambulante Psychotherapie signifikant weniger Therapien gemacht haben. Laut dieser Studie lehnen Psychotherapeuten sie häufig mit der Begründung ab, sich mit der Diagnose nicht auszukennen. Personen aus dem Autismus-Spektrum haben also oft das Gefühl, dass eine ambulante Psychotherapie für sie schwierig zu bekommen ist. Die meisten Teilnehmer der Studie (85 %) empfanden die Kontaktaufnahme zu einem Psychotherapeuten erschwert (AFK 2015).
Das spricht deutlich für die Notwendigkeit des Wandels zu einer neuen Form der Psychotherapie, die Menschen aus dem Spektrum darin unterstützt, Stress abzubauen und ihre Stärken auszubauen. An dieser Stelle ist PEP für mich als Therapeutin eine wichtige Erweiterung der bisherigen psychotherapeutischen Ansätze. Zusätzlich wäre eine bessere Wissensvermittlung von autismusbedingten Stärken und Schwächen in den psychotherapeutischen Ausbildungen wünschenswert.
Diese Notwendigkeit des Wandels wird zunehmend auch von Fachleuten formuliert. So fordert Georg Theunissen (2014) in seinem Vortrag »Das Autismus-Verständnis im Wandel – von der Tradition zur Innovation« folgende Konsequenzen für die Begleitung von Menschen aus dem Autismus-Spektrum:
•Prävention in Bezug auf Stress oder Situationen, die womöglich Stress erzeugen
•Methoden zur Bewältigung von Stress und Würdigung
•Nutzung von Stärken und Spezialinteressen
Ausführlich hat er seine Standpunkte in dem Buch Menschen im Autismus-Spektrum: Verstehen, Annehmen, Unterstützen beschrieben.
Georg Theunissen folgend ist Prävention in Bezug auf Stress oder Situationen, die Stress erzeugen, ein wichtiger Punkt, der in der Autismus-Therapie zu beachten ist.
Stress vermeiden
Wir alle wissen, wie wichtig es ist, Stress zu vermeiden. Auch ist uns bekannt, dass körperlicher und seelischer Stress auf die Dauer nicht gesund ist. Dennoch fühlen sich heutzutage immer mehr Menschen von Stress belastet. Kinder und Jugendliche haben Stress in der Schule, Studenten an der Uni, Erwachsene im Job. Wichtig ist es, dass Menschen mit und ohne Autismus erst mal erkennen, wo und warum sie Stress erleben, wie sie ihn ggf. reduzieren können oder wie sie mit unvermeidbarem Stress besser umgehen können.
Natürliche Stressreaktionen des Körpers sind eigentlich eine sehr sinnvolle »Erfindung« der Evolution. Geraten wir in eine bedrohliche Lage, reagiert der Organismus mit dem Anstieg von Herzfrequenz und Blutdruck, sodass mehr Sauerstoff und Glukose zu den Muskeln gelangen. Auf diese Weise gewinnen wir Energie für den Kampf oder für die Flucht. Die menschliche Natur ist also so »programmiert«, dass wir ohne unser bewusstes Zutun schnell ausreichend Energien bekommen, um gefährliche Situationen meistern zu können. Dieses »Programm« ist fest installiert und läuft immer noch ab, auch wenn keine echte Lebensgefahr mehr droht. Im Kontakt zu einem cholerischen Mitmenschen oder beim Bearbeiten des dringend zu erledigenden Aufgabenberges wird es heute genauso aktiviert wie früher beim Anblick eines Säbelzahntigers. Wieso aber löst ein unfreundlicher Mitmensch bei der einen Person so viel Angst und Stress aus und bei der anderen überhaupt nicht?
Entscheidend dafür scheint die subjektive Bewertung des Einzelnen zu sein. Stress entsteht, wenn man das Gefühl hat, anstehende Aufgaben und Anforderungen nicht bewältigen zu können. Das bedeutet jedoch, dass in der Regel nicht allein das stresst, womit man konfrontiert wird. Entscheidender ist, ob und wie man seine Ressourcen und Fähigkeiten einsetzen kann, um die Herausforderungen nach den eigenen Bedürfnissen und Möglichkeiten zu lösen. Die eigene Haltung und der Umgang mit stresserzeugenden Situationen können darüber entscheiden, wie gut man damit zurechtkommt.
Immer wieder kommt es vor, dass ich Kinder aus dem Autismus-Spektrum schon im Vorschulalter erlebe, die mit eingefahrenen Glaubenssätzen zu kämpfen haben wie »Ich bin einer, der eben immer ausrastet« oder »So, wie ich bin, bin ich nichts wert!«. Diese Glaubenssätze haben eine toxische Wirkung auf das Selbstwertgefühl. Und natürlich kann so ein geschwächtes Selbstwertgefühl auch aggressiv und kämpferisch machen – vielleicht sogar als eine Art »gesunde« Reaktion auf etwas, was nicht gut ist. Nur kann ein mangelndes Selbstwertgefühl nicht dafür sorgen, dass man die eigenen Fähigkeiten wertschätzt und sich entsprechend seinen Potenzialen entwickelt.
Wenn dann auch in der therapeutischen Begleitung dieser jungen Menschen hauptsächlich Probleme und Defizite im Fokus stehen, ist diese Problemorientierung nicht nur stressauslösend, sondern dient eher der Stabilisierung der Probleme anstatt der Lösung. Analytische Rückblenden sind weniger zielführend als ein zuversichtlicher Blick in die Zukunft durch Kompetenzerweiterung und Potenzialentfaltung.
Auch ist es eher hilfreich, wenn Lösungswege im gemeinsamen therapeutischen Prozess zwischen dem Klienten und dem Berater erarbeitet werden. Diese kooperative Beziehung ist ein wichtiges Element, um beim Klienten, der mit seiner autistischen Wahrnehmung sowieso schon ständig überlastet ist, nicht noch zusätzlichen Stress zu erzeugen.
Meine Grundüberzeugung ist, dass das Wahrnehmen und Fördern der Stärken zu deutlich mehr Selbstwertgefühl und Lebenszufriedenheit führen, als immer nur zu versuchen, die Schwächen zu reduzieren. Das beinhaltet auch, den Klienten Mut und Zuversicht zu geben, dass sie die eigenen Kräfte zur Entspannung aber auch zur Versöhnung mit dem »autistisch sein« aufspüren und nutzen.
Ein wichtiges Ziel in der Unterstützung von Menschen aus dem Autismus-Spektrum ist, dass sich die Betroffenen ihrer individuellen Stärken wieder bewusst werden und ihre vermeintlichen Schwächen als ihre »special effects« wertschätzen können. Im Sinne des Empowerments respektiert die Haltung von Anders ist eine Variation von richtig die eigenen Lebensentwürfe von Menschen aus dem Autismus-Spektrum. Sie unterstützt diese dabei, individuelle Ziele zu verfolgen und die eigenen Stärken zu erweitern. Es gilt, achtsam zu klären, wie sich Grundbedürfnisse nach Verbundenheit und Geborgenheit, aber auch nach Freiheit und Autonomie erkennen und erfüllen lassen. Dabei ist es wichtig, belastende und einschränkende Gefühle zu überwinden, um so neue Energie zu gewinnen. Dazu benötigt jedoch ein Mensch, der felsenfest davon überzeugt ist, dass er ein »Master of Disaster« ist – also einer, der immer ausrastet –, eine geduldige, ressourcenorientierte Haltung von außen, dass er wieder Vertrauen in seine Fähigkeiten fasst.
Wenn Menschen aus dem Autismus-Spektrum nicht mehr nach ihren Defiziten klassifiziert und »behandelt« werden, sondern wenn man sie befähigt, ihre individuellen Kompetenzen zu erweitern und ihr ureigenes Potenzial zu entwickeln, dann hat sich in der Unterstützung dieser Menschen etwas gewandelt.
Diese neue Haltung – also in einem sicheren Rahmen autistische Fähigkeiten zu entdecken, um Kompetenzerweiterung und Potenzialentfaltung zu ermöglichen – erfordert zu Beginn einer Begleitung oder Therapie die genaue Klärung von Anliegen und Auftrag des Klienten, bzw. der Klienten. Denn bei Kindern und Jugendlichen sind ja auch immer die Eltern mitentscheidend für den Erfolg einer gelingenden Unterstützung.
Kernelemente einer erfolgreichen Unterstützung im Autismus-Spektrum:
•Anerkennung der höheren Stressanfälligkeit
•achtsamer Umgang mit sensiblen Bedürfnissen
•Auslöser für Überforderungen erkennen und nach Möglichkeit beheben
•Umgang mit unvermeidbarem Stress erlernen
•genaue Auftragsklärung in Bezug auf Art und Weise einer Unterstützung
•Wahrnehmung und Förderung der Stärken
•Empfinden für eigene Bedeutsamkeit stärken
•individuelle Kompetenzen erweitern
•Potenziale entwickeln
•Selbstwertgefühl und Lebenszufriedenheit stärken
Anliegen und Auftrag klären
Wenn Klienten sich therapeutische Hilfe wünschen, ist es immer wieder hilfreich, genau zu klären, welche Erwartungen an die Unterstützung sie formulieren. Erwachsene Klienten können ihre Wünsche bezüglich einer therapeutischen Begleitung meist klar äußern. In der therapeutischen Begleitung von Kindern und Jugendlichen hingegen merke ich bei der Auftragsklärung immer wieder, dass ganz unterschiedliche Erwartungen formuliert werden – je nachdem, wen ich frage.
Anliegen der Eltern
Die Eltern kommen in der Regel zu mir, weil das Kind in Kindergarten oder Schule solche Probleme hat, dass Eltern und das pädagogische Fachpersonal an ihre Grenzen stoßen. Sie sind besorgt, weil sie spüren, dass ihr Kind überfordert ist und unter der Situation leidet. Sie kommen aber auch, weil sie selbst mit diesen Problemen überlastet sind und nicht mehr wissen, wie sie mit dem Kind umgehen sollen. Sie verstehen das Verhalten des Kindes oftmals nicht und erhoffen sich Unterstützung. Ihre Vorstellung, wie sich das Problem auflösen könnte, ist häufig: Das Kind muss lernen, sich anders zu verhalten.
Von den Institutionen wie Kindergarten oder Schule erwarten sie, dass diese mit den Besonderheiten ihres Kindes besser umgehen können. Dagegen gehen die Institutionen oft davon aus, dass das Kind »nur« falsch erzogen ist, und erwarten, dass Eltern konsequentere Erziehungsarbeit leisten. Dort vertritt man die Ansicht, dass sich das Kind/der Jugendliche in die »Norm« einzufügen hat und sich mit Spaß und Freude an den Gruppenaktivitäten beteiligt oder sich zumindest ruhig und angepasst verhält. Bei Kindern aus dem Autismus-Spektrum wird schnell klar, dass das Kind diese Erwartung nicht erfüllt. Das Kind sondert sich ab, spielt im besten Fall für sich alleine oder zeigt vielleicht aggressives Verhalten gegenüber Gleichaltrigen oder sogar gegenüber den Erwachsenen. Das Kind »stört« also den gewünschten Tagesablauf, und dieser »Fehler« müsse behoben werden. In der Folge erleben die Eltern häufig ein Gefühl von Ohnmacht gegenüber den Institutionen.
Diese Vorstellungen und Erwartungen helfen nur leider in der Regel nicht weiter, um Probleme, mit denen ein autistisches Kind konfrontiert ist, zu lösen. Also gilt es, schon bei der Auftragsklärung mit den Eltern zu besprechen, welche Anliegen sie an die Unterstützung haben.
Anliegen der Familie können sein:
•Informationen über die Diagnose Autismus
•Analyse des individuellen Unterstützungsbedarfs
•autismusspezifisches, alltagsorientiertes Elterncoaching
•Unterstützung in Erziehungsfragen
•Stärkung von Handlungskompetenzen in Konflikt- und Krisensituationen
•Begleitung bei der Auswahl und Installation geeigneter Hilfen
•Teilhabemöglichkeiten für die ganze Familie
Manche Eltern sind über meine Fragen nach Ressourcen und Fähigkeiten ihres Sohns/ihrer Tochter verwundert, aber meistens können alle Eltern auch von Dingen berichten, die richtig gut gelaufen sind. Eine hilfreiche Orientierung bei der Suche nach weiteren Fragen und Lösungen sind für mich die drei Leitsätze, die Insoo Kim Berg und Steve de Shazer in ihrem Konzept der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie entwickelt haben:
1) Repariere nicht, was nicht kaputt ist!
2) Wenn etwas funktioniert, mache mehr davon!
3) Wenn etwas nicht funktioniert, wiederhole es nicht. Mach etwas anderes!
Besonders die Fragen nach dem, was schon funktioniert, oder besser, wann etwas funktioniert hat, sind hilfreich, um zu erforschen, mit welchen Problemen das Kind und seine Eltern zu kämpfen haben. Immer wieder suche ich daher in Beratungen mit Eltern nach Ansätzen, wo etwas schon gut geklappt hat. Das gleicht manchmal einer Detektivarbeit. Geeignet sind Fragen wie:
•Was läuft vielleicht trotz aller Probleme gut?
•Wann war es gut?
•Was war davor?
•Wie sah es dort aus?
•Wie war die Geräuschkulisse?
•Wer war dort?
Die Fragen scheinen manchmal banal, können jedoch Aufschluss darüber geben, wo das eigentliche Problem liegt. So rief mich eine Lehrerin nach den Herbstferien verzweifelt an und berichtete, dass mein Therapiemädchen plötzlich ständig den Unterricht stören würde. Gemeinsam fanden wir im Gespräch heraus, dass das Mädchen wohl durch den Ton der Neonbeleuchtung, die nach den Herbstferien morgens eingeschaltet werden musste, deutlich abgelenkt war. Da das Mädchen eine Schulbegleitung hatte, wurde verabredet, dass die beiden bei Bedarf das Klassenzimmer verlassen können.
Anliegen der Kinder und Jugendlichen
Eltern bzw. Sorgeberechtigte und das soziale Umfeld formulieren ihre Erwartungen, dass sich das Kind/der Jugendliche ändern soll. Interessanterweise haben die meisten Kinder ähnliche Wünsche. Die Erwachsenen sollen sich ändern, und dann sei alles ganz einfach!
Die Lösung für dieses Dilemma sollte nicht darin liegen, dass die Erwachsenen die jungen Klienten übergehen und nur selbst die Ziele definieren, die das Kind erreichen soll. Sie sind ebenso in der Verantwortung, eigene Wünsche und Erwartungen zu reflektieren, um so zu überprüfen, welche Handlungsmöglichkeiten sich in der Gemeinschaft auch für ein autistisches Kind eröffnen können. Und es gilt herauszufinden, was den Kindern und Jugendlichen wichtig ist, und sie mit ihrer Sicht der Dinge und ihren Anliegen dem jeweiligen Alter angemessen an diesem Prozess zu beteiligen.
Was will der junge Klient? Was genau soll sich verbessern? Denn darum »muss« das Kind ja zu mir kommen – weil sich etwas verbessern soll. Die Frage ist nur, wer oder was sich verbessern kann! Kann ein Kind sich vorstellen, was es sich von einer therapeutischen Begleitung wünscht? Kann es das schon in Worte fassen? Je nach Alter und Fähigkeit, sich mit Worten ausdrücken zu können, kann man diese Frage direkt stellen oder im Kontakt über nonverbale Ausdrucksformen (wie zum Beispiel im Spiel, beim Gestalten) klären.
Manchen Kindern fällt es sehr leicht, auf diese Fragen zu antworten. Sie sprudeln dann nur so vor Wünschen, was sich alles ändern soll. In ihren Augen sind es meistens die anderen Menschen, die sich ihnen gegenüber ungerecht verhalten. Sie können sich dann sehr ereifern, wie blöd, gemein und unmöglich diese Menschen sind. Sie fühlen sich unverstanden und wollen, dass sich das ändert. Aus ihrer Sicht müssen sich dazu natürlich die anderen ändern. Es gibt auch immer wieder Kinder, die sich wünschen, dass in der Schule weniger Anforderungen an sie gestellt würden. Und dann gibt es die, denen die Schule zu langweilig ist und die nach mehr intellektuellen Herausforderungen verlangen.
Und es gibt immer wieder junge Klienten, die ihre Wünsche nach Freundschaften oder im Jugendalter nach Partnerschaft und Liebe thematisieren. Die allgemeine Vorstellung, Autisten interessierten sich nur für Gegenstände und deren Eigenschaften und seien nicht an anderen Menschen und sozialem Miteinander interessiert, entspricht also nicht der Realität von Menschen aus dem Autismus-Spektrum. Sicher gibt es viele dieser »Einzelgänger«, aber gerade Jugendliche aus diesem Spektrum thematisieren ihre Suche nach einem Partner/einer Partnerin. Sie wissen schon selbst, dass sie zu schnell zu sozialem Rückzug neigen oder Situationen vermeiden, in denen eine Kontaktaufnahme zu Gleichaltrigen möglich wäre. Sie wünschen sich Unterstützung dabei, wie sie mit der Überforderung und dem Stress umgehen können, der durch ihre besondere Wahrnehmung und Empfindlichkeit ihrer Sinne in sozialen Situationen ausgelöst wird. Dann gilt es, das Chaos menschlicher Gefühle, das durch (Liebes-)Beziehungen entstehen kann, gemeinsam zu sortieren und Strategien zu finden, die Freundschaften und Beziehungen ermöglichen.
Auch bei jungen Klienten ab einem Alter von 8 Jahren ist es wichtig, dass sie von Beginn der Therapie an wissen, dass sie weder passiv »behandelt« werden noch ich als Experte ihnen etwas »überstülpe«. Es geht mir darum, auf beiden Seiten – Klient und Therapeut – Klarheit über die Ziele der Therapie zu erhalten und diese zu benennen.
Je nachdem, wie stark die Haltung beim jungen Klienten ausgeprägt ist, dass die anderen alle doof sind – also auch ich als Therapeutin, muss ich mir etwas einfallen lassen, um mit dem jungen Klienten in Kontakt zu kommen. Die Kontaktaufnahme kann durchaus erst einmal nonverbal stattfinden. Das kann schon bei der Begrüßung anfangen. Eine »normgerechte« Begrüßung mit Handschlag kann für den Klienten schon die erste Überforderung im Kontakt sein. Oft sehe ich da bei meinen jungen Klienten ein erstes Augenleuchten, wenn ich einfach nicht meine Hand ausstrecke und auf einem höflichen Händeschütteln bestehe, sondern sie mit einem entspannten Winken mit der Hand begrüße. Es ist immer wichtig, achtsam zu registrieren, was dem Kind schwerfällt, um nicht etwas zu erwarten, was es nicht kann – wie zum Beispiel Augenkontakt, Stillsitzen oder das Ruhighalten seiner Hände.
Ich richte meine Kontaktaufnahme also auf die spezielle Erlebens- und Funktionsweise meines jungen Klienten aus. Wichtige Elemente für eine solche Kontaktaufnahme sind sicher sprachliche und spielerische Kreativität. Bei mitunter fehlender emotionaler Resonanz kann aber auch eine Haltung von Leichtigkeit oder ärgerlicher Zurückweisung der Beginn gemeinsamen kreativen Handelns sein. Wenn der junge Klient manches noch nicht in Worten ausdrücken kann, wird es dann auf einer nonverbalen Ebene vielleicht schon deutlich.
Mir ist es wichtig, gemeinsam zu erforschen, was hinter dem Wunsch liegt, »die anderen müssen sich ändern«. Meist können auch schon Grundschulkinder erfahrene Ungerechtigkeiten sehr genau formulieren, wenn ihre Ängste und Sorgen uneingeschränkt ernst genommen werden. Dabei geht es mir darum, den jungen Klienten zu unterstützen und sich nicht nur über sein Verhalten klarer zu werden, sondern auch das der anderen besser einordnen zu können. Gemeinsam suchen wir im Laufe der Therapie nicht nur nach möglichen Bewältigungsstrategien, sondern beschäftigen uns auch mit der Frage nach den dahinterliegenden Motiven.
Vor dem Hintergrund von Ergebnissen der Wirksamkeitsforschung, die den Wert des Arbeitsbündnisses in einer Therapie herausstellt, ist es wichtig, dass man die Kinder oder Jugendlichen im Laufe des Therapieprozesses immer wieder auf die verabredeten Ziele anspricht und prüft, ob diese Ziele so noch stimmen. Auf diese Weise erfahren die Klienten schon früh, dass es gut und wichtig ist, ihre autismusbedingten Bedürfnisse achtsam im Blick zu haben und sie wertzuschätzen.
Anliegen dieser jungen Menschen können sein:
•Entdecken von Fähigkeiten, Potenzialen und Ressourcen
•Stärkung von Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl
•Erlernen von Alltagskompetenzen
•Umgang mit den eigenen Besonderheiten und Belastungsgrenzen
•Lernen von Achtsamkeit und Entspannungsverfahren
•Üben von Perspektivwechsel und sozialer Interaktion
•Begleitung in Ablöseprozessen und Krisensituationen
•Suche nach passender Beschulung/Ausbildung/Studium
•Berufseinstieg meistern
Kontakt aufnehmen
Ungewohntes löst bei vielen Menschen – ob mit oder ohne Autismus – anfangs Angst und unangenehme Empfindungen aus. Die Situation, mit einem fremden Menschen Kontakt aufzunehmen – sei es auch mit einem Therapeuten, bei dem man Hilfe sucht –, kann unterschiedliche Emotionen wachrufen. Klienten aus dem Autismus-Spektrum, Erwachsene ebenso wie Kinder und Jugendliche, haben jedoch häufiger Schwierigkeiten, ihre Gefühle passend zum Ausdruck zu bringen. Sie wirken dabei bisweilen förmlicher oder gefühlsärmer, als sie in Wirklichkeit sind. Unverständliches Verhalten wird nachvollziehbar, wenn man es sich erklären lässt. Denn hinter vermeintlichen Provokationen steht oft einfach ein Missverständnis, das es zu klären gilt. Betroffene haben in der Regel nicht die Absicht, andere anzugreifen oder zu verletzen, sondern verstehen einfach nicht, wie sie reagieren sollen.
Die Frage ist dann: Vor welchen Herausforderungen steht der Betroffene gerade? Ist es womöglich das Gefühl, dass es dem Betroffenen wichtig ist, mit mir in Verbindung zu kommen, er aber nicht weiß, wie er das bewerkstelligen kann oder soll?
Der Erfolg einer Behandlung hängt, nach dem Konzept von Insoo Kim Berg und Steve de Shazer, maßgeblich von einer guten Beziehung zwischen Klient und Therapeut ab. Therapieerfolge können sich danach nur einstellen, wenn der Behandler mit dem Klienten kooperiert und dessen Anliegen wirklich ernst nimmt.
Es ist für Therapeuten sehr hilfreich, sich die Art der Beziehung zum Klienten genauer zu betrachten. Denn jeder der im Folgenden beschriebenen drei Interaktionsstile bedarf einer speziellen Haltung. De Shazer beschreibt in seinem lösungsfokussiertem Therapiekonzept drei verschiedene Stile, wie Klienten und Behandler in Beziehung treten können (de Shazer 2008):
1) Interaktion vom Typ des Kunden
2) Interaktion vom Typ des Klagenden
3) Interaktion vom Typ des Besuchers
So ist die Interaktion vom Typ des Kunden geprägt durch konkrete Veränderungswünsche des Klienten. Er leidet in unterschiedlichem Maße unter einem Problem, das er alleine nicht lösen kann. Oder er hat ein Ziel vor Augen, das er trotz seiner Bemühungen bislang noch nicht erreicht hat. Er hat auch schon eine Vorstellung davon, dass er selbst etwas zur Lösung beitragen kann. Aber er hat noch keine konkrete Idee, bzw. ihm fehlt noch die geeignete Methode, wie er sein Problem lösen oder sein Ziel erreichen kann.
Wenn junge Klienten einen konkreten Wunsch an mich herantragen, erkläre ich ihnen die Möglichkeiten, die sich eröffnen, wenn wir mit der Prozess- und Embodimentfokussierten Psychologie, kurz PEP, arbeiten. Bei Kindern, die sich mögliche Lösungen auf gestalterische Art erarbeiten möchten, beginnen wir mit kunsttherapeutischen Angeboten.
Wenn ein junger Klient in einer Interaktion vom Typ des Klagenden vor mir sitzt, benötigt er erst mal eine angemessene Würdigung seines bislang erlebten Leids. Gerade für Klienten mit einer Autismus-Diagnose ist es wichtig, dass der Behandler versteht, welche autismusbedingten Probleme der Klient hat, die von der Umwelt bislang nicht verstanden wurden. Nach meinen Erfahrungen kann sich das Gegenüber für meine Kreativangebote öffnen, wenn derjenige sich in diesem Leid angenommen fühlt. Im kreativen Gestalten kann der Klient in dem therapeutischen Setting dann möglicherweise erste Erfahrungen sammeln, wie er sich selbst als Handelnder erlebt.
Oft stellt eine kreative Gestaltung jedoch schon ein derartig großes Hindernis dar, dass es erst mal hilfreich ist, nach den Interessen des Klienten zu fragen. Die Beschäftigung mit den Spezialinteressen gibt dem Klienten oft die nötige Sicherheit, sich in der ungewohnten Therapiesituation auch neuen Themen zu öffnen. Gerade bei Jugendlichen ist es immer hilfreich, sie bei den Themen »abzuholen«, mit denen sie sich gerade gerne beschäftigen. Sie können sich so entscheiden, mit welchem Thema sie in die Beziehung zum Therapeuten einsteigen. Dieses erste aufkommende Gefühl von Selbstwirksamkeit beim Klienten ist entscheidend, um eine gute Beziehung zwischen Therapeut und Klient aufzubauen.
Bei der Interaktion vom Typ des Besuchers stellt der Beginn eines Beziehungsaufbaus eine größere Herausforderung dar. Dieser Kliententyp scheint ja aus seiner Sicht selbst gar keine Probleme zu haben. Es sind ja die anderen, die »Idioten«, die »bescheuert« oder eben »einfach ätzend« sind. Kinder und Jugendliche sind von Eltern geschickt, oder die Lehrer sind daran schuld, dass man zur Therapie muss. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion ist oft nicht bzw. kaum ausgeprägt. Kreative Angebote werden dann als langweilig, nervig oder sinnlos abgewiesen.
Oft konnte ich jedoch feststellen, dass ein solcher, nach außen zwar cooler, nach innen jedoch eher ängstlicher, abwehrender Klient schnell in einen ruhigeren Zustand wechselt, wenn er in irgendeiner Form Verbundenheit wahrnimmt. Schließlich ist es ein Grundbedürfnis aller Menschen – mit oder ohne Autismus. Dieses Wahrnehmen von Verbundenheit eröffnet dann neue Möglichkeiten für die Kommunikation. So beobachtete ich z. B. bei Dennis3 (14 Jahre) ein Strahlen in den Augen, als ich ihn nach seinem Lieblingsfilm fragte und wir uns wunderbar über die lustigen Szenen im Film austauschen konnten.
Findet man nicht schnell genug eine Gemeinsamkeit, kann die Betonung darauf, wie bemerkenswert es ist, dass sie doch gekommen sind und mit dem Therapeuten reden, ein erster Schritt sein, doch noch in eine wertschätzende Beziehung zu kommen. Haben diese Klienten ein Spezialgebiet, erweist sich das als sehr hilfreich. Bei kleineren Kindern ist immer das Angebot des Spielens wichtig. Wobei es auch da wichtig ist, mit dem autistischen Kind zu kooperieren und dessen ganz eigene »Spielbedürfnisse« wertzuschätzen.
Während, bzw. zum Abschluss des ersten Kennenlernens, erkläre ich auch, dass der junge Klient und seine Eltern sich in Ruhe zu Hause darüber unterhalten können, ob sie sich bei mir verstanden fühlen und der Klient die Therapie aufnehmen möchte. Mit der Möglichkeit, dass sie diese Frage nicht sofort klären müssen, respektiere ich mögliche, autismusspezifische Schwierigkeiten, wie z. B., sich nicht schnell entscheiden zu können. Diese Fragestellung ist meist ein guter Indikator dafür, ob die Beziehungsaufnahme bereits gelungen ist. Wenn sich der Klient schon in der Stunde für den Beginn der Therapie entscheiden kann, ist die Beziehungsaufnahme bereits geglückt. Manchmal ist aber auch genau diese Möglichkeit, sich erst zu einem späteren Zeitpunkt telefonisch oder per Mail melden zu können, das Zeichen für den Klienten, dass hier seine autismusspezifischen Bedürfnisse geachtet werden.
Am Ende des Erstgesprächs verabschiede ich mich sehr wertschätzend, indem ich zusammenfasse, was mir bei dem jungen Klienten und seiner Begleitperson an konstruktiven Eindrücken und besonderen Ressourcen aufgefallen ist und was sie in dieser ersten Stunde bei mir geleistet haben.
»Es hat mich tief beeindruckt, dass du uns so genau beschreiben konntest, wie es dir in der Schule ergangen ist und welche Gefühle das in dir ausgelöst hat.«
»Es ist bemerkenswert für mich, wie du diese fremde Situation hier gemeistert hast!«
Diese wertschätzende Haltung ist nicht nur für den Klienten wichtig. Es ist mir als Therapeutin wichtig, die positiven Fähigkeiten und Ressourcen eines jungen Klienten deutlich wahrzunehmen und zu benennen. Ich bin überzeugt, dass diese Grundhaltung, von Anfang an Potenziale in den Fokus zu nehmen, eine Art »Brücke« zwischen dem Gegenüber und mir bauen kann. Es ist manchmal geradezu rührend zu sehen, wie meine kleinen Klienten vor Stolz übers ganze Gesicht strahlen oder auf einmal ein ganzes Stück größer scheinen.
Zusätzlich kann dieses Wissen später für mich immer wieder zur Leichtigkeit beitragen, wenn autismusspezifische Schwierigkeiten uns in einen »Es-verändert-sich-gar-nichts-Strudel« zu reißen drohen.
Bedürfnisse ernst nehmen
»Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.« Dieses Zitat aus dem wunderschönen Gedicht »Stufen« von Hermann Hesse gilt auch für mich in jeder Therapiestunde mit einem neuen Klienten. Mir ist es wichtig, dass er sich mit seinen Wünschen und Fähigkeiten zeigen kann. Damit er sich öffnen kann, ist es hilfreich, wenn der Therapeut achtsam mit möglichen autismusspezifischen Bedürfnissen umgeht.
Im Vorfeld einer therapeutischen Intervention ist es wichtig zu klären, welche Sinneseindrücke im Therapieraum für den Klienten Stress auslösen können, und sie ggf. zu beheben. Denn tickende Uhren, lauter Autolärm durch ein offenes Fenster oder zu helles/zu dunkles oder zu kaltes/zu warmes Licht beeinflussen seine Befindlichkeit womöglich zusätzlich.
Jeder Klient kommt mit seinen ganz individuellen Wahrnehmungen, Vorstellungen, Bildern und Sichtweisen. Insofern sollte man diese achtsam kennenlernen.
So beschwerte sich zum Beispiel eines meiner Therapiekinder, als ich die Lampe über dem Maltisch auf ein warmes, gelbliches Licht dimmte, dass er doch kein Grillhähnchen sei, das geröstet werden soll! Also stellten wir die Lichtintensität auf sein Bedürfnis ein. Ein Jugendlicher hingegen fühlte sich durch den kühleren Farbton der Lampe an die Arktis erinnert. Wenn diese modernen, verstellbaren Lampen dann kein zusätzliches Geräusch erzeugen, sind sie perfekt für eine angenehme Beleuchtung im Therapieraum.
Es kann natürlich auch passieren, dass man als Therapeut in eine Zwickmühle kommt, da ja jeder Klient unterschiedliche Bedürfnisse haben kann.
Zum Beispiel hat sich ein junger Klient zur Weihnachtszeit bei mir beschwert, dass der Therapieraum ja überhaupt nicht weihnachtlich geschmückt sei. Gemeinsam bastelten wir etwas, das seinen Ansprüchen für Weihnachten genügte, und hängten es, nun beide zufrieden und beruhigt, auf. Der Jugendliche, der im Anschluss kam, war da völlig anderer Meinung. Er war von den vielen Weihnachtsaktivitäten restlos überfordert und drohte nun schon beim Anblick des Weihnachtsschmuckes und der Kerze, in Panik zu geraten. Nun kann man natürlich darauf hinweisen, dass es doch möglich sein muss, unterschiedliche Geschmäcker zu akzeptieren. Doch gerade bei autistischen Menschen kann die Wahrnehmung durch bestimmte Reize so überfordert sein, dass einfach kein Gefühl von Sicherheit aufkommen kann.
Eine für den Klienten angenehme Umgebung bildet auch eine gute Grundlage zur wertvollen Zusammenarbeit. Da die Empfindlichkeiten bei Menschen aus dem Autismus-Spektrum sehr unterschiedlich sind, gilt es hier sensibel nachzufragen bzw. selbst achtsam auf möglicherweise überfordernde Sinneseindrücke zu sein.
Frau Preißmann (2007) beschreibt dies aus ihrer persönlichen Erfahrung:
»Abgelenkt haben mich lange Zeit die Bücher (meiner Therapeutin), die in zwei Regalen stehen. Anfangs hat sie sie oft umgeräumt, was mich immer sehr irritiert hat. Mittlerweile macht sie das zum Glück nur noch selten. Die zwei Bilder, die ich von meinem Sessel aus sehen kann, hängen manchmal schief, was mich ebenfalls irritiert. (…) Wir scheinen oft so sehr in uns versunken, aber wir registrieren sehr genau, was um uns herum geschieht. Viel zu genau vielleicht.«
Viele Kinder und besonders die Jugendlichen kommen mit einem unsicheren Gefühl zur ersten Therapiestunde. Oft steckt eine Angst dahinter, was wohl von ihnen verlangt wird. Auf ihre eigene Art und nach ihren Möglichkeiten suchen auch sie nach einem Gefühl von Verbundenheit. Wenn sie merken, dass ich zum Beispiel ihre Spezialinteressen aufgreife oder auf bestimmte Dinge verzichte, die sie nicht leisten können, nehme ich einen ersten »Funken« von Aufeinander-Zugehen und In-Verbindung-Treten wahr.
Jeder von uns weiß, dass wir in einer unbekannten Umgebung oder Situation innerlich wieder ruhiger werden, wenn wir spüren, dass wir wohlwollend aufgenommen werden. In diesem Zustand wird in unserem Gehirn das Hormon Oxytocin ausgeschüttet. Dieser Botenstoff beruhigt die Amygdala – das Angstzentrum des Gehirns. Anders ausgedrückt: Das Gefühl von Verbundenheit schafft die Voraussetzung für angstfreies, kreativ-entspanntes Handeln. Über das Teilen von positiven Erfahrungen gelingt dann leicht der Einstieg in eine gute Beziehung, die ja als maßgeblich für eine gelingende Therapie angesehen wird.
Ich erkläre daher am Anfang immer, was wir zusammen machen könnten. Über Zeichnen und Malen, Plastizieren, Fotos machen, Filme erstellen oder … oder … oder … – der Kreativität sind bei mir (fast!) keine Grenzen gesetzt. Ich erkläre den Kindern, dass ich es wichtig finde herauszubekommen, worin man wirklich gut ist. Denn nur in dem, was einem Spaß macht, ist man wirklich gut. Meistens löst sich die Spannung dann schon ein wenig. Da ich von Natur aus dazu neige, zu viel zu reden, lege ich das im Erstkontakt auch immer offen und mache den Kindern Mut, mir, wenn ich zu viel rede, bitte ein Zeichen zu geben, dass ich den Mund halten soll. Dabei registriere ich dann meistens ein weiteres entspanntes Ausatmen. Je nach Art des Ausatmens spreche ich das dann schon konkreter an – wie zum Beispiel mit der Frage, ob es dem Kind öfters so geht, dass zu viel geredet wird. Wenn das der Fall ist, schaut es mir vielleicht für Bruchteile von Sekunden in die Augen, und ich sehe ein kleines bejahendes Leuchten in seinen Augen. Wenn ich keine Reaktion auf meine Frage wahrnehmen kann, erzähle ich weiter, dass ich von Natur aus sehr neugierig bin und viele Fragen stelle. Aber dass es mir auch sehr wichtig ist, dass das Kind genau überlegt, ob es mir die Frage beantworten will oder nicht.
Wichtige Aspekte für einen guten Kontakt
•Einfühlungsvermögen und Empathie: Wahrnehmung des emotionalen Zustands einer Person, auch auf manchmal noch subtile Signale, die auf unterschiedliche Grade von Regulation und Fehlregulation hinweisen
•Anliegen genau klären: Wer hat welches Problem? Was wünscht sich das Kind, was kommt von den Eltern? Was ist hilfreich? Berücksichtigung der unterschiedlichen Interaktionen zwischen Klient und Therapeut nach Steve de Shazer (s. o.)
•offene und direkte Kommunikation: klare Sprache verwenden, das heißt, auf Ironie und Floskeln verzichten, bei Verwendung von Metaphern und Redewendungen das Verständnis beim Klienten klären, Nachfragen bei Unklarheiten
•»Warum?«: widerständiges Verhalten nicht einfach als aufsässig etikettieren, sich die Mühe machen herauszufinden, was dem Verhalten zugrunde liegt; Wissen um Zustände autistischer Überlastungen mit einbeziehen
•gemeinsame Kontrolle: Entschleunigung, Zeit geben, Antworten geduldig abwarten, Sie teilen die Kontrolle mit der Person und leiten sie nach Bedarf an. Überlässt man dem autistischen Menschen in vielfältigen Situationen und Settings die Kontrolle, führt das letztlich zu mehr Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und Selbstbestimmung.
•Humor: Nicht jede Überlastungsreaktion wird durch die Katastrophenbrille betrachtet. Viel hilfreicher – sowohl für das Kind als auch die Familie – ist es, wenn die Menschen im Umfeld ihren Sinn für Humor bewahren.
•Vertrauen: Es ist wesentlich, von Beginn an zuzuhören, dem Klienten mit Respekt zu begegnen und gleichzeitig die Familie als Partner anzusehen.
•Flexibilität: Wichtig ist folgende Erkenntnis. Wenn Plan A nicht funktioniert, ist es Zeit, zu Plan B überzugehen.
In der Regel ist das der Moment, wo die Kinder und die meisten Jugendlichen in eine Beziehung zu mir einsteigen können. Ich erkläre, dass ich offen bin für die unterschiedlichsten, gemeinsamen kreativen Ausdrucksformen. Auch erkläre ich gleich zu Beginn, dass ich bestimmte Sachen nicht akzeptiere. Gemalt wird zum Beispiel nicht auf meiner Hose oder auf der weißen Tapete. Möglichst schnell versuche ich, bei den Kindern und Jugendlichen herauszubekommen, welche Talente und Interessen sie mitbringen und in der Therapie zum Ausdruck bringen können oder wollen, was sie gerne machen bzw. mit mir machen möchten.
Natürlich spielen für das Gelingen der Kontaktaufnahme auch persönliche Qualitäten des Therapeuten eine große Rolle. Dabei sind emotionale Wärme, Echtheit, Wertschätzung, Respekt und Akzeptanz auch für Menschen aus dem Autismus-Spektrum wichtige Kriterien. Denn auch sie erkennen sehr genau, ob sie als Persönlichkeit wohlwollend aufgenommen werden.
3Alle Namen in den Fallbeispielen sind geändert.
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