Kitabı oku: «Picasso sehen und sterben»
Jost Baum
Picasso sehen und sterben
Provence-Krimi mit Rezepten

Jost Baum
Picasso sehen
und sterben
Provence-Krimi mit Rezepten

Haftungsausschluss: Die Rezepte dieses Buchs wurden von
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© 2007 Oktober Verlag, Münster
Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung des
Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster
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Alle Rechte vorbehalten
Satz: Claudia Rüthschilling
Umschlag: Tom van Endert
Umschlagfoto: Franz R. / www.panthermedia.de
Rezepte: Roland Tauber
Herstellung: Monsenstein und Vannerdat
ISBN: 978-3-938568-40-8
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
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Eins
Die Hydropneumatik des Citroën ließ Kommissar Arnoult vergessen, daß er eine holprige schmale Straße der dritten Ordnung gewählt hatte, die unter einem malvenfarbenen Himmel parallel zur Küste durch schroffes Gebirge verlief, dessen Konturen wie geschmolzenes Glas in der Glut der Nachmittagshitze des 12. Juli funkelten. Rechts und links der Straße war der Boden karg und trocken. Übermannshohe Macchia mit Stein- und buschigen Kermeseichen, Ginster, Myrten und Mastix übernahm das Regiment, bis nur noch der blanke weiße Felsen in die flirrende Hitze emporragte. Besorgt blickte er immer wieder in den Rückspiegel und starrte auf die feuerrote Narbe, die in einer dünnen Schlangenlinie wie ein Kainsmal auf seiner schweißnassen Stirn prangte.
Es ist der Mistral, der mich immer so in Rage bringt, dachte Arnoult wütend und fuhr sich mit der Hand über sein krauses Haar, um einige Tollen dazu zu bewegen, diesen blutroten Striemen zu bedecken. Der trockene Wind aus den Cevennen war in starken Böen über das Land hinweggetobt und hatte feinen Staub wie Patina über das Gebirge des Massif de St. Beaume gelegt und die Seelen der Menschen aufgewühlt, die durch das Tosen des Windes und den heftigen Temperatursturz nächtelang nicht schlafen konnten und nun müde und überreizt ihrer Arbeit nachgingen, in der Hoffnung, während der Mittagssiesta im Schatten einer Platane oder unter der Markise eines Bistros ein wenig des verlorenen Schlafes nachzuholen. Arnoult bremste, parkte den ID 19 in einer Nische zwischen zwei hoch aufragenden Felsen, kurbelte die Scheibe hoch und griff nach der Landkarte, die er im Handschuhfach deponiert hatte. Er vergewisserte sich, daß er nur noch wenige Kilometer zu fahren hatte, bis er die D 66 in Höhe von St. Louis/Les Lecques verlassen und eine kurvenreiche Straße wählen konnte, die ihn in halsbrecherischen Serpentinen bis zu der zerklüfteten buchtenreichen Felsenküste mit den handtuchschmalen Kiesstränden hinunterbrachte, die sich von St. Cyr-sur-mer im Osten bis Bandol im Westen erstreckt. Die Villa St. Fleurie war bereits von der Straße aus zu sehen. Das ockerfarbene zweigeschossige Gebäude lag am Ende eines Feldweges, der rechts und links von hundertjährigen Palmen gesäumt war, umgeben von verdorrten Weinfeldern, deren knorrige Rebstöcke wie anklagende Finger aus dem staubtrockenen Boden ragten. Grüne verwitterte Schlagläden, die geschlossen waren, ließen das Anwesen kahl und verlassen aussehen. Arnoult parkte den Citroën zwischen dem blauen Renault der Präfektur und einem weißen Peugeot 306, der vermutlich Inspektor Roubaix gehörte. Im Schatten einer Akazie stand ein silbergrauer Alfa Romeo Twin Spark. Wem auch immer dieser Wagen gehörte, er hatte einen Sinn für Form und Farbe, entschied Kommissar Arnoult. Er erinnerte sich wehmütig daran, daß er vor seinem Unfall, der Suzanne das Leben gekostet und ihm diese Narbe wie einen zornigen Gott der Rache bescherte, mit dem Gedanken spielte, sich ein sportliches Coupé zuzulegen. Arnoult seufzte müde, straffte dann aber seine Schultern und ging mit festen Schritten auf das Haus zu.
Ein Polizist in schwarzglänzenden Stiefeln, Breeches und einem breiten Ledergürtel stand stumm wie einen Statue auf der letzten Stufe einer Steintreppe und bewachte den Eingang.
Er nickte kurz mit dem Kopf und öffnete die eine Hälfte eines schweren Portals, als Arnoult seinen Dienstausweis zeigte. Arnoult trat ein. Ein vielarmiger Kristallüster hing unter einer Stuckdecke und tauchte die Szenerie in ein gespenstisches Licht. Am Fuße einer geschwungenen Steintreppe, die in den ersten Stock führte, war mit Kreide der Umriss eines Körpers auf den braunen Bodenfliesen markiert. Aus dem Halbschatten einer Säule, die einen Gipsengel trug, löste sich ein drahtiger junger Mann mit pechschwarzen Haaren, die er geölt und nach hinten gekämmt hatte. Er trug Jeans und ein T-Shirt unter dem verwaschenen Leinensakko. Seine nackten Füße steckten in italienischen Lederslippern.
Inspektor Roubaix, murmelte er zwischen zwei Zügen aus seiner Zigarette. Alors, sie müssen Kommissar Arnoult sein, schön, daß sie schon da sind, grinste er ironisch und ließ die Gitanes von einem Mundwinkel in den anderen wandern. Biejeng, lassen sie uns beginnen, knurrte er dann in dem Tonfall der Provenzalen, bei dem die Nasale wegfallen, was bien auf hochfranzösisch heißen sollte und gut bedeutete. Arnoult, der aus Paris stammte und wegen des betörenden Lichts der Provence zum Kunststudium nach Marseille gekommen war, hatte sich immer noch nicht an den einheimischen Dialekt gewöhnt, bei dem Avignon wie Awinjong und quatrevingt wie kattreweng klang. Arnoult nickte beiläufig und betrachtete interessiert die Gemälde, die an den Wänden der Eingangshalle hingen. Bis auf das Portrait eines streng blickenden älteren Herrn in einer Uniform aus der Ära Napoleons des IV, waren die anderen Bilder der Französischen Schule um Henri Eugene Augustine Le Sidaner zuzuordnen. Eines der Ölgemälde, das zwischen zwei Stilleben aus dem 18. Jahrhundert zu sehen war, zeigte eine gedeckte Kaffeetafel im Garten einer mit Efeu bewachsenen Villa. Nichts wirklich Wertvolles, konstatierte Arnoult im Stillen. Er wunderte sich allerdings über einen schmalen Schlitz im Putz der Wand, der neben den Bildern gestemmt worden war, in dem ein rotes Elektrokabel lag, das bis zur Stuckdecke verlief und oben in einem kleinen Loch verschwand.
Wenn sie mir bitte folgen wollen, Monsieur Arnoult, murmelte Roubaix, während er mit schnellen Schritten die geschwungene Steintreppe hinaufstieg, wobei Arnoult Mühe hatte, dem jungen Inspektor zu folgen. Als sie den ersten Stock erreicht hatten, standen sie in einem Flur, in dem auf beiden Seiten jeweils drei Türen zu sehen waren. Hier links in den drei Zimmern wohnen Madame und Monsieur Bertrand, das Hausmeisterehepaar. Die Umrisse der Leiche Monsieurs Bertrands haben sie bereits am Fuße der Treppe gesehen. Schräg gegenüber, am Ende des Flurs, hat Patrique, der dreißigjährige Sohn Bertrands, sein Zimmer. Patrique hat gestern Nacht im Yachthafen von St. Cyr gekellnert. Die beiden anderen Zimmer auf der rechten Seite sind laut Aussage von Madame Bertrand seit dem Tod des alten Monsieur Heroult, der vor einer Woche gestorben ist, unbewohnt. Kommissar Arnoult folgte Roubaix, der den Flur entlang ging und vor einer großen Doppeltür stehen blieb, die mit einem elektrisch betriebenen Zylinderschloß gesichert war, aber nun offen stand.
Voilà, die Gemäldesammlung der Heroults, grinste Roubaix und trat ein. Die Gendarmerie hatte zwei riesige Scheinwerfer installiert, die den fensterlosen Saal in ein grelles Licht tauchten.
Die Tür läßt sich nur öffnen, wenn man eine Zahlenkombination in diesen Kasten eingibt. Roubaix zeigte auf eine Art Tastentelefon, das an der Wand hing.
Der Strom ist allerdings ausgeschaltet, genauso wie heute Nacht, als hier jemand eingestiegen ist. Außerdem ist das Schloß unversehrt, was auch immer das heißen mag … So, und jetzt kommen wir zum Wesentlichen, erklärte Roubaix und deutete auf eine leere leicht vergilbte Fläche an der gegenüberliegenden Wand, etwa einen Quadratmeter groß. Hier hing einmal ein Picasso im Wert von ca. 1,5 Millionen Euro. Wer behauptet das? Arnoult zog die Augenbrauen hoch.
Der junge Heroult, bisheriger Alleinerbe des gesamten Vermögens des verstorbenen Seniors!
Was heißt das?
Tja, es gibt wohl noch einen unehelichen Sohn, Professor Pirez aus Buenos Aires, der seit zwei Tagen hier im Haus lebt und behauptet, daß ihm ebenfalls ein Stück des Kuchens gehört.
Aha …, brummte Arnoult und starrte gebannt auf das Hygrometer, ein Gerät mit einem Papierband, das kontinuierlich die Luftfeuchtigkeit aufzeichnete. Er ging in die Hocke und nestelte eine Lesebrille aus der Brusttasche seines beigefarbenen Leinensakkos.
Da haben wir’s! Exakt um drei Uhr morgens stehengeblieben. Ist das die Zeit, die der Pathologe als Todesstunde bekanntgegeben hat? fragte er triumphierend, froh über seinen kleinen Sieg.
Inspektor Roubaix schluckte.
Tja, soweit sind wir noch nicht gekommen, erwiderte er mürrisch. Links neben dem leeren Fleck, den der Picasso bedeckt haben sollte, hing ein Bild von Renée Solaire, einem Künstler aus Aix-en-Provence, der in Anlehnung an ein Gemälde von Matisse reife saftige Zitronen vor einem Hintergrund aus stilisierten Lilien gemalt hatte. Hübsch, aber nicht umwerfend, dachte Arnoult. Die beiden Bilder auf der rechten Seite des Raumes waren allerdings bemerkenswerter. Zwei Aquarelle von Fotinsky. »La prostituée à Marseille« zeigte ein Mädchen in der Rückansicht, in der Eingangstür der Bar America stehend, das andere Bild, »Port du Midi«, bot dem Betrachter Fischerboote im Stil des Kubismus vor Häusern mit roten Dächern und weißen Fassaden.
Ein echter Kunstkenner hätte sicherlich auch die beiden Fotinskys mitgehen lassen, es sei denn, er wäre beim Raub gestört worden, sinnierte Arnoult. In der Mitte des Raumes entdeckte er eine Bronzeskulptur von Renata Senzo, ein männlicher Bronzekopf, dessen Lippen zu einem Kuß geformt waren.
Arnoult hatte die Künstlerin in der Galerie »Les Arcenauts« anläßlich seiner eigenen Vernissage kennengelernt, auf der seine Landschaftsaquarelle aus dem dunklen wild zerklüfteten Gebirge des Luberon und die Bilder der violetten Lavendelfelder des kargen Plateaus de Vaucluse ausgestellt waren. »Les Arcenauts« gehörte Monsieur Desnoyer, einem Kunst-mäzen und Antiquitätenhändler. Der alte Mann mit dem listigen Lächeln eines Fuchses hatte die Ausstellung für ihn organisiert, ein langjähriger Freund und Förderer, der dafür sorgte, daß sein Talent über die Grenzen Marseilles hinaus bekannt wurde. Die Galerie am Cours d’Estienne d’Orves, einen Steinwurf vom Alten Hafen in Marseille gelegen, war für Arnoult nach dem Tod von Suzanne zur zweiten Heimat geworden, in der er sich oft mit Künstlern seines Genres traf.
Unter den Aquarellen von Fotinsky stand eine Louis Quatorze Kommode, deren Schublade halb geöffnet war. Roubaix bemerkte den Blick Arnoults.
Es fehlt ein silbernes Besteck aus dem 18. Jahrhundert. Im Vergleich zu dem Picasso nicht der Rede wert, sagte er, bevor er einen tiefen Zug aus der Zigarette nahm.
Doch, ist es, erwiderte Arnoult. Es sieht so aus, als hätte hier jemand mehr oder weniger wahllos zugegriffen. Gibt es Fingerabdrücke?
Nein, nur die der Hausbewohner, das heißt von Madame und Monsieur Bertrand, die hier ab und zu einmal saubergemacht haben, von ihrem Sohn Patrique, der seinen Eltern gelegentlich zur Hand geht, und natürlich von den Heroults. Von dem verstorbenen Senior ebenso wie von seinem Sohn, dem schließlich nun alles gehört!
Den beiden weiblichen Akten, holzschnitzartig, schwarz auf ockerfarbigem Hintergrund mit Ölfarben von einem nordafrikanischen Künstler namens M’Bhoto gemalt, die auf der rechten Seite des Saales hingen, schenkte Arnoult keine Beachtung. Auch die Plastik aus Polynesien, eine mit Perlenketten und Kaurimuscheln behängte Maske, interessierte ihn nicht. Bringen sie mich bitte zu Madame Bertrand, bat er leise und wandte sich kopfschüttelnd um.
Zwei
Hey Margoux, laß uns die Kleine da vorne vernaschen! Lannier zeigte auf eine schwarzhaarige Nutte mit großen Brüsten und langen Beinen, die in ihrem gewagten Top mit Minirock, Netzstrümpfen und hochhackigen Pumps neben einem hellblauen Peugeot 206 Cabrio stand, der am Rande einer Lichtung geparkt war, und den Daumen herausstreckte. Margoux gab Gas. Der Motor des weißen Renault Rapid heulte auf und zwang das Auto mit quietschenden Reifen um die nächste Kurve der Serpentinen, die von der Küste hinauf in die Berge des Massif de St. Beaume führten. Heroult, ihr neuer Brötchengeber, hatte ihnen gesagt, sie sollten verschwinden und die restlichen Arbeiten an der Alarmanlage der Villa St. Fleurie zu Ende führen, wenn der Picasso wieder aufgetaucht sei.
Du Idiot, wir haben verdammt noch mal andere Sorgen, als die nächstbeste Tussi flach zu legen! Hör zu, hast du den Alten umgebracht?
Sag mal, spinnst du? Wie bist du denn drauf? Ich weiß gar nicht, wovon du redest? Lannier schob die Sonnenbrille, die bis dahin auf seinen Haaren gethront hatte, auf die Nase und verschränkte die Arme vor seiner Brust. Weißt du was, Margoux, du kannst mich mal!
Du mich auch, und jetzt laß uns vernünftig miteinander reden. Wo warst du gestern Nacht, sagen wir zwischen zwölf Uhr und vier Uhr morgens?
Bist du ein Bulle oder was?
Kapierst du nicht? Die werden uns in Verdacht haben. Wir haben schließlich die Alarmanlage montiert und wissen, wie sie funktioniert! Blödsinn, bei den anderen Brüchen, die wir gemacht haben, ist doch auch kein Mensch auf die Idee gekommen, daß wir die Elektriker waren, die das Ding montiert haben, das dann doch nicht funktionierte!
Ja, aber da waren schon ein paar Wochen vergangen, bevor wir da eingestiegen sind. Da erinnerte sich niemand mehr daran, daß wir die Villen jemals betreten haben. Wir sind doch nichts anderes als zwei kleine Handwerker, die die Drecksarbeit machen und ein bißchen Knete dafür kriegen. Aber jetzt?
Das ist dein schlechtes Gewissen, das dich plagt, du solltest cooler werden.Wer soll denn auf die Idee kommen, daß wir einen Einbruch vorhatten? Bisher lief doch alles supergut! Vielleicht gibt’s inzwischen andere, die es auf die gleiche Tour wie wir probieren. Nachahmer … hey cool, wir sind die Lehrmeister für diese Arschlöcher!
Margoux bremste und lenkte den Renault in eine kleine Einfahrt zwischen zwei Pinien. Er ließ den Wagen rollen und stoppte abrupt ab.
Aber das ist doch genau das, was ich sagen will! Kapierst du das denn nicht? Es gibt jemanden, der uns auf die Schliche gekommen ist. Wer auch immer es ist, er weiß, wie wir arbeiten. Er weiß oder ahnt zumindest, daß wir die Häuser bei unserer Arbeit auskundschaften, und dann nach ein paar Wochen, wenn wir vergessen sind, zuschlagen.
Kapier ich nicht. Dann hätte er doch warten müssen, bis wir fertig sind, erwiderte Lannier und runzelte die Stirn.
Ich sag’ doch, daß du ein Vollidot bist! Der will uns das Ding in die Schuhe schieben. Scheiße Mann, wir sind reif!
Du vielleicht, ich nicht … ich hab’ immer Handschuhe an, wenn ich ein Ding drehe!
Toll und die Fußabdrücke, Kratzspuren von Werkzeugen, was weiß ich. Was ist damit?
Wir waren immer vorsichtig. Sogar Gesichtsmasken haben wir getragen, obwohl uns niemand sehen konnte. Haben alle tief und fest gepennt. Weißt du noch, als der Alte nach seiner Brille gekramt hat, als wir in seinem Schlafzimmer waren und seine Rolex vom Nachttisch geklaut haben, während er wach wurde? Lannier kicherte und schlug sich auf die Schenkel. Na gut, vielleicht hast du Recht! Margoux lenkte ein. Aber wir müssen vorsichtig sein, dürfen jetzt keine Fehler machen, vor allen Dingen nicht auffallen, wenn wir Geld ausgeben. Wir müssen die Kohle weiter bunkern, den Schmuck, die Kreditkarten und das ganze Zeug rühren wir für eine Weile nicht an.
Bist du bescheuert? Ich hab’ Schulden, Mann … Was meinst du, warum ich bei der Sache mitmache. Mir steht das Wasser bis zum Hals. Rosaline und die Kinder wollen jeden Monat Bares sehen. Das Jugendamt hat mich am Arsch und dann dieser Kredit für den BMW … Nee, nee, so läuft das nicht, Margoux … Ich brauche das Geld und zwar dringend und sofort! Margoux schwieg. Er dachte nach, dabei trommelte er mit den Fingerspitzen auf das Lenkrad.
Paß auf, ich hab’ einen Käufer für die Rolex. Ich werd’ dir das Geld vorstrecken. Irgendwann hole ich mir meinen Anteil wieder, okay?
Na gut, knurrte Lannier. Fahr endlich weiter, ich brauch’ ein Bier und was zwischen die Kiemen.
Drei
Roubaix klopfte an die Tür und wartete nicht, bis sich jemand meldete. Er trat ein, dicht gefolgt von Arnoult, der überrascht schien, wie hell und freundlich der Wohnungsflur war, im Gegensatz zum Treppenhaus der Villa.
Kommen Sie! drängte Roubaix, der den Gang entlang eilte und die Tür zur Küche aufstieß. Madame Bertrand, eine etwa sechzigjährige, grauhaarige, stämmige Frau mit breiten Hüften und dicken Oberarmen, stand, ganz in schwarz gekleidet, an einem schweren Küchentisch aus Eiche, übergoß ein Kaninchen, das in einer Casserolle lag, mit einem kräftigen Rotwein aus Bandol und garnierte es mit einem Tymianzweig. Arnoult sog den Geruch nach Knoblauch, Kräutern und Gewürzen ein und bekam Appetit auf einen deftigen Braten, als er die Kupfertöpfe- und pfannen betrachtete, die nebeneinander aufgereiht über dem Kamin hingen. Gegenüber von Madame Bertrand saß ein junger Mann vor einer Schale mit Kaffee, in die er von Zeit zu Zeit ein Baguette tunkte.
Seinem wachsbleichen Gesicht und den teigigen, aufgedunsenen Gesichtszügen sah man die regelmäßige Nachtarbeit an.
Darf ich vorstellen, Monsieur Arnoult, Mordkommission Marseille, Madame und Patrique Bertrand.
Der junge Mann nickte geistesabwesend in Richtung Arnoult, biß von seinem Baguette ab und spülte den Happen mit einem Schluck Kaffee hinunter.
Ich hab’ schon alles gesagt, erklärte Madame Bertrand mit weinerlicher Stimme und wischte sich mit dem Handrücken eine Träne aus dem rechten Auge.
Wenn sie bitte so freundlich wären …, murmelte Arnoult.
Madame Bertrand hob resigniert ihre Schultern und ließ sie fallen, als wäre alle Kraft aus ihr gewichen.
Wann ist es passiert?
Heute morgen um drei Uhr, entgegnete Madame Bertrand mit leiser Stimme. Mein Mann ist zuerst wach geworden, wenig später auch ich. Wir hatten ein Geräusch gehört und ich habe auf die Uhr geschaut. Mein Mann ist aufgestanden und wollte das Licht anmachen, aber das funktionierte nicht. Er hat dann eine Taschenlampe aus der Kommode im Flur geholt, die er für solche Fälle dort aufbewahrt. Dann hat er die Tür aufgemacht und wollte in den Keller gehen, um nach der Hauptsicherung zu sehen. Vorher hat er noch den Schlüsselbund vom Haken genommen, an dem auch der Schlüssel für den Sicherungskasten hing. Wenig später habe ich einen Schrei gehört. Ich hatte plötzlich furchtbare Angst. Schließlich bin ich doch aufgestanden und hinter meinem Mann hergegangen. Er lag unten am Fuß der Treppe, die Taschenlampe und die Schlüssel neben sich. Ich dachte zuerst, er sei gestürzt. Ich habe mir den Schlüsselbund geschnappt und bin dann schnell in den Keller gerannt, um die Sicherung einzuschalten. Der Sicherungskasten stand offen und ich konnte das Ding dann wieder einschalten. Ich weiß nicht, wer den Kasten offen gelassen hat. Als ich wieder oben ankam, sah ich, daß mein Mann aus einer Kopfwunde blutete. Neben ihm lag ein eiserner Schürhaken, den wir im Winter benutzen, um den Kamin im Wohnzimmer anzuheizen. Jemand hat ihm damit den Schädel eingeschlagen, schluchzte sie mit erstickter Stimme. Ich habe eine Zeit lang gebraucht, um mich zu fassen, bevor ich die Kraft hatte, die Polizei anzurufen. Das ist alles …
Arnoult wandte sich an Patrique Bertrand: Was ist mit ihnen, wann haben sie vom Tod ihres Vaters erfahren?
Es ist genug, sie sehen doch, daß meine Mutter …!
Na schön, wenn sie jetzt nicht antworten wollen, muß ich sie für heute abend auf die Gendarmerie vorladen, erwiderte Arnoult ungerührt. Er wunderte sich, daß er die Untersuchung bis jetzt ohne weitere Komplikationen über die Bühne gebracht hatte. Sein Wundmal hatte sich nicht bemerkbar gemacht und seine Stimme war fest geblieben.
Patrique Bertrand schwieg eine Weile. Er nestelte eine Gitanes Maïs aus der Packung, zündete sich die filterlose Zigarette an und nahm einen tiefen Zug, bevor er anwortete.
Ich bin Kellner im Yachtclub von St. Cyr. Gestern abend gab es eine heiße Party anläßlich einer Regatta im Clubhaus. Monsieur Heroult und seine Freundin waren auch dabei. Wir haben bis heute morgen vier, fünf gefeiert, bis die Polizei uns endlich gefunden hatte. Niemand hat bei dem ganzen Lärm, den die Partygäste veranstalteten, das Telefon gehört, als meine Mutter versucht hat, mich anzurufen. Irgend ein Sergeant hat mich angesprochen und mir mitgeteilt, daß mein Vater ermordet wurde. Monsieur Heroult und seine Freundin wollten mich in ihrem Alfa mitnehmen, aber ich bin lieber mit meinem eigenen Wagen hierher gefahren. Und jetzt lassen sie uns bitte in Ruhe …, schloß Patrique Bertrand mürrisch.
Sicher, aber wir sehen uns noch, erwiderte Arnoult gelassen und trat zusammen mit Roubaix den Rückzug an.
Nachdem sie die Wohnung verlassen hatten, nahm Roubaix den Kommissar beiseite. Einer unserer Gendarmen hat den jungen Bertrand, seine Freundin Monique und Heroult samt Begleitung, eine Filmschauspielerin aus Paris, auf dessen Yacht im Hafen von St. Cyr angetroffen. Was auch immer die vier dort getrieben haben, sie scheinen zur Tatzeit dort gewesen zu sein, grinste Roubaix anzüglich.
Na schön, lassen wir das, seufzte Arnoult. Knöpfen wir uns den jungen Erben vor!
Vier
Die Tür des Büros, das im Erdgeschoß des Westflügels der Villa lag, stand weit offen. Heroult winkte die beiden Polizisten herein, als er sie im Foyer erblickte. Er war hoch gewachsen, hatte eine sportliche, durchtrainierte Figur, war Anfang vierzig, braungebrannt und trug ein Polohemd zu einer Designerjeans. An seinem rechten Armgelenk glänzte eine goldene Rolex Submariner Date mit blauem Ziffernblatt. Heroult stand vor einem Stahlschrank, dem er einen Aktenordner entnommen hatte, in dem er blätterte. Er lächelte geschäftsmäßig, als er Arnoult und Roubaix Stühle vor seinem Schreibtisch und Getränke anbot.
Ein Schluck Wein, einen Pastis, Cognac, Cassis, was darf es sein?
Sind wir schon beim Aperitif, grinste Arnoult, als er an den angebotenen Cassis dachte, den Likör aus schwarzen Johannisbeeren aus der gleichnamigen Küstenstadt, die nur wenige Kilometer entfernt lag. Der Likör hatte sich in den letzten Jahren zu einem Exportschlager entwickelt, sodaß er inzwischen in ganz Frankreich kopiert wurde. Ganz zum Ärger Arnoults, der nur das Original trank, am liebsten nach einem guten Essen.
Er schwieg und musterte die Urkunden an den Wänden links und rechts des Schreibtisches. Trophäen aus längst vergangenen Zeiten. Goldmedaillen für den Rosé der Domaine St. Fleurie aus den Jahren 1954, ’59 und ’64. Zwei Silbermedaillen für den Rotwein aus den Siebzigern.
Nein danke, ich möchte nichts …, entschied Arnoult zerstreut, als er sich setzte. Er blickte zu Roubaix hinüber, dem man ansah, daß er einen Cognac gut vertragen konnte. Mein Name ist Arnoult, ich bin Kommissar beim Morddezernat in Marseille. Ich würde gerne wissen, wo sie sich in der letzten Nacht zwischen drei Uhr und fünf Uhr morgens aufgehalten haben. Das sagte ich Inspektor Roubaix bereits. Ich war zuerst im Clubhaus, später an Bord meiner Yacht Petite Fleur, die im Hafen von St. Cyr vor Anker liegt. Für beides gibt es Zeugen. Mademoiselle Clavine, eine Schauspielerin aus Paris, sowie mein Hausangestellter Patrique Bertrand und dessen Freundin Monique waren sowohl im Clubhaus als auch an Bord der Yacht.
Wußten sie, daß der Sicherungskasten im Keller an diesem Abend nicht verschlossen war?
Das ist mir neu …, erwiderte Heroult stirnrunzelnd. Ich habe eine Firma mit der Installation eines umfangreichen Sicherungssystems beauftragt, daß mich bis jetzt schon eine Stange Geld gekostet hat. Die Versicherungsgesellschaft hat darauf bestanden, bevor sie die Police für die Bilder in meiner Galerie ausgestellt hat.
Wer ist im Besitz der Schlüssel für den Kasten?
Lassen sie mich überlegen … da ist zunächst Monsieur Bertrand, dann die Firma selbst, schließlich habe ich selbst ein Exemplar, das ich hier in diesem Safe aufbewahre. Heroult deutete auf einen grauen Kasten, der unter den Urkunden an der Wand stand.
Und ist der Schlüssel dort noch vorhanden?
Da brauchen wir gar nicht nachzusehen, sagte Heroult mit fester Stimme, den habe ich, seitdem ich ihn bekommen und dort hingehängt habe, nicht mehr angerührt!
Kommissar Arnoult runzelte die Stirn. Sein Gesicht sah aus wie ein einziges Fragezeichen. Seine Narbe begann heftig zu zucken und er beschloß das Thema zu wechseln.
Wie ich hörte, ist ihr Vater kürzlich verstorben … mein herzliches Beileid … sind sie der Alleinerbe dieses Anwesens? Meines Erachtens schon, es gibt allerdings noch einen unehelichen Halbbruder, Monsieur Pirez, der zur Beerdigung meines Vaters aus Argentinien angereist ist. Aristide behauptet, daß ihm ein Teil des Erbes meines Vaters zusteht. Ich habe ihm ein Gästezimmer zur Verfügung gestellt. Er darf so lange dort bleiben, bis die Erbstreitigkeiten geschlichtet sind. Ich habe meinen Rechtsanwalt damit beauftragt …, erwiderte Heroult äußerlich gelassen, doch Arnoult spürte, daß ihn dieser Mitkonkurrent um das Erbe nicht kalt ließ.
Was haben sie bisher beruflich gemacht, Monsieur Heroult? Ich habe für meinen Vater die Geschäfte in Paris geführt. Wir betreiben einen international erfolgreichen Weinhandel. Mein Vater hat klugerweise vor zwanzig Jahren unsere Weinfelder verkauft und sich statt dessen ganz auf den Handel verlegt. Ich selbst habe einen Teil meines Privatvermögens in eine Filmproduktionsgesellschaft investiert, die abendfüllende Serien für verschiedene Sender produziert. Übrigens ein sehr lukratives Geschäft.
Mademoiselle … wie war doch gleich ihr Name?
Clavine, ergänzte Heroult.
Wo treffe ich sie an?
Françoise hat sich in ihr Hotelzimmer zurückgezogen. Diese schrecklichen Ereignisse haben sie sehr mitgenommen. Wir haben uns für heute abend so gegen acht im Yachtclub zum Essen verabredet.
Und das Kaninchen in der Casserolle, das Madame Bertrand vorbereitet? Roubaix zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Das ist für Monsieur Pirez und seine Gattin. Heroult bemühte sich, nicht abschätzig zu klingen.
Gut, Monsieur Heroult, ich will sie nicht länger aufhalten. Trotzdem möchte ich sie bitten, St. Cyr in den nächsten Tagen nicht zu verlassen.
Stehe ich etwa unter Mordverdacht? lächelte Heroult süffisant.
Wie so ziemlich jeder hier in der Villa St. Fleurie. Arnoult verabschiedete sich mit einem Kopfnicken.
Fünf
Sie haben bestimmt noch etwas vor, Roubaix, lassen sie mich alleine mit den Eheleuten Pirez reden.
Arnoult, ich denke, daß das alles nichts bringt, was wir hier betreiben. Es gibt eine Serie von Einbrüchen in Villen, die alle hier in der Region Var stattfanden. Es muß Spezialisten geben, die das Terrain erkunden und dann zuschlagen. Hier ist zum ersten Mal ein Mord passiert, vermutlich weil Monsieur Bertrand den oder die Einbrecher überrascht hat. Ich werde in die Präfektur fahren und die Akten mit diesem Einbruch hier vergleichen. Möglicherweise ergibt sich so etwas wie ein Muster.
Tun sie, was sie nicht lassen können. So gegen 23 Uhr werde ich sie in ihrer Klause besuchen kommen, dann können wir darüber reden, was wir herausgefunden haben.
Ich werde da sein, knirschte Roubaix, und übrigens viel Erfolg, fügte er mit einem ironischen Grinsen an, bevor er sich abwandte und eilig die Villa verließ.
Kommissar Arnoult stieg erneut die Treppe zum ersten Stock hinauf, wobei er diesmal eingehend die Ahnengalerie betrachtete, die im matten Licht des Kristallüsters glänzte.
Jean Phillip Heroult, 1862-1923, war auf einem Messingschild auf einem schweren vergoldeten Rahmen eines Ölgemäldes zu lesen, das einen streng blickenden Herrn im besten Alter mit Backenbart und Nickelbrille zeigte, der einen Jagdanzug trug und eine doppelläufige Flinte in der Hand hielt.
Der Großvater der zukünftigen Erben des gestohlenen Picassos, grinste Arnoult im Stillen.
Vom gleichen Kaliber, aber entsprechend älter, war der Gründer des Reichtums, Pierre Auguste Heroult, in Öl auf einem Bild verewigt, das einige Stufen höher hing. Er saß in der Uniform eines napoleonischen Kavallerieoffiziers auf einem Stuhl, dessen Lehne reich verziert war und blickte den Portraitisten durch ein Monokel an, das ihm einen mokanten Gesichtsausdruck verlieh. Zu seinen Füßen lag ein schwarzer Labrador, der einen Fasan verschlang.
Das ist schon richtig, daß ein argentinischer Bastard nicht in diese Erbfolge paßt, überlegte Arnoult und grinste innerlich, als er an der Tür des Gästezimmers klopfte.
Es dauerte eine Weile, bis er eine gedämpfte müde Stimme hörte, die in gebrochenem Französisch fragte: Wer ist da? Kommissar Arnoult.
Einen Augenblick später öffnete sich die Tür und er stand einer Frau von Anfang sechzig gegenüber, die ein mit roten Rosen verziertes Armani-Kleid trug, das ihre stattliche Figur betonte. Ihr wallendes schwarzes Haar war nur von wenigen grauen Strähnen durchzogen. Große goldene Ohrringe betonten das Gesicht einer Aztekin, das streng und herbe wie aus Stein gemeißelt wirkte. Ihre Stimme klang rauh und schleppend wie bei einer mechanischen Puppe, als sie ihn in das Zimmer bat.
Mein Mann, Professor Pirez, hat gerade geschlafen. Er ist herzkrank und braucht noch ein wenig Zeit, bis er sich angekleidet hat. Setzen sie sich doch bitte. Sie deutete auf einen Korbsessel, der unter dem Fenster stand, das geöffnet war, um den kalten, karg möblierten Raum zu lüften. Arnoult trat an das geöffnete Fenster und sog den Duft von Thymian und Salbei ein, den eine sanfte Brise in das Zimmer wehte, bevor er sich umwandte und mit dem Rücken an die Fensterbrüstung lehnte. Die Einrichtung des Zimmers bestand aus antik gebeizten Weichholzmöbeln, einem Tisch und vier wackeligen Stühlen mit Sitzflächen aus geflochtenem Bast. Die Sorte Möbel, wie man sie in jedem Hypermarché findet. Nichts für die Ewigkeit.
Setzen sie sich doch, bat eine brüchige Stimme. Professor Pirez stand im Morgenmantel vor ihm und deutete mit einem Stock auf den Sessel. Er selbst ließ sich ächzend auf einen der Bauernstühle nieder und gähnte herzhaft. Pirez war unrasiert und die grauen Stoppeln auf seinem aufgedunsenen Gesicht ließen ihn alt und krank aussehen.
Was wollen sie von uns wissen, Kommissar Arnoult? Wir haben diesem jungen Inspektor, wie heißt er doch gleich …? Er wandte sich hilfesuchend an seine Frau, die sich an einer Anrichte zu schaffen machte und sich einen Cognac eingoß. Roubaix, murmelte sie, und nahm einen tiefen Schluck aus dem Cognacschwenker.
… also diesem Roubaix doch alles gesagt, fuhr Aristide Pirez müde und gereizt fort.
Wo waren sie gestern nacht zwischen ein Uhr und drei Uhr morgens? Arnoult wirkte ungerührt.
Hah, sie sind lustig, wenn ich meine Herztabletten mit einem Glas Milch zu mir genommen habe, schlafe ich wie ein Murmeltier.
Wann ist das?
Na, zum Abendessen, so zwischen zwanzig und einundzwanzig Uhr. Madame Bertrand versorgt uns ausgezeichnet, sie bringt uns die Mahlzeiten und liest uns jeden Wunsch von den Augen ab. Ganz im Gegensatz zu meinem Halbbruder, der sich standhaft weigert, mir meinen Erbanteil auszuzahlen, brüllte Pirez und hieb mit der Faust auf den Tisch. Dabei atmete er so heftig wie ein Blasebalg, und sein Gesicht lief rot an.
Du sollst dich nicht aufregen, Aristide, sagte Madame Pirez ruhig, nachdem sie an ihrem Cognac genippt hatte.
Wie kommt es, daß sie mit Heroult verwandt sind? fragte Arnoult freundlich lächelnd.
Meine Mutter ist eine französische Jüdin, die während des Vichyregimes nach Südfrankreich geflohen ist. Sie hatte ein Verhältnis mit Julian Heroult, meinem Vater, der vor einer Woche verstorben ist. Wir haben uns sofort auf den Weg gemacht, nachdem wir von seinem Tod erfahren haben. Pirez bemühte sich mit bitterer Miene, nicht wieder aus der Haut zu fahren.
Sind sie offiziell als dessen Sohn anerkannt worden?
Meine Mutter hat ihre Flucht aus Frankreich mit einem Gemälde von Picasso bezahlt. Dasselbe gute Stück, das gestern nacht gestohlen wurde. Heute ist das Meisterwerk Millionen wert, damals hat sie nur ein paar Franc dafür bekommen. Aber das ist noch nicht alles. Sie mußte mit diesem Weinbauern ins Bett, damit er ihr abnahm, daß es ein echter Picasso ist. Er hat ihr ein Almosen in die Hand gedrückt und sie nach Marseille abgeschoben. Bei einem dieser Tête-à-tête bin ich wohl gezeugt worden. Der Alte hat mich nie offiziell adoptiert, aber meiner Mutter hin und wieder Geld bis zu ihrem Tod vor zwei Jahren geschickt. Dann hörte ich nichts mehr von ihm, bis die Todesnachricht samt Testament kam. Mein Vater will mich mit hundertausend Euro abspeisen und hinterläßt seinem zweiten Kind Millionen, endete Pirez und schüttelte resigniert den Kopf.
Gibt es eine Korrespondenz zwischen dem alten Heroult und ihrer Mutter?
Aber sicher, Kommissar Arnoult. Ich war bis vor drei Jahren Professor für Romanistik in Buenos Aires, bis ich zwei Herzinfarkte kurz hintereinander bekam. Man hat mir einen Bypass eingesetzt. Von dieser Operation habe ich mich bis heute nicht richtig erholt. Aber das nur nebenbei …, murmelte Pirez in Gedanken versunken. Ich habe die Briefe meiner Mutter zum Anlaß genommen, mich mit dem Schicksal französischer jüdischer Exilanten auseinanderzusetzen. Dabei sind mehrere beachtliche wissenschaftliche Publikationen entstanden, die dazu geführt haben, daß ich eine Professur an der Universität von Buenos Aires erhielt, fügte er stolz hinzu.
Wie sind sie an die Briefe gekommen?
Es gibt hier eine inzwischen uralte Zimmergenossin meiner Mutter, Madame Esterell, die betreibt seit Jahrzehnten einen Kunsthandel in der Rue Quattre Septembre, unten im Städtchen. Als junger Mann war ich schon einmal hier …, seufzte Professor Pirez und starrte aus dem Fenster. Das war keine gute Erfahrung, die ich damals gemacht habe. Mein Vater hat mich damals nicht einmal empfangen. Er wollte nichts von mir wissen. Er schluckte, als säße ihm ein Kloß im Hals.
Und die Briefe?
Ich habe dann Madame Esterell gebeten, mir die Briefe auszuhändigen. Ich mußte ihr allerdings hoch und heilig versprechen, die Korrespondenz zurückzugeben. Pirez wandte sich an Kommissar Arnoult. Sie lebt in ihren Erinnerungen, wissen sie, sagte er lächelnd.
Beweisen diese Unterlagen ihre Identität als Sohn des alten Heroult?
Aber ja doch! Professor Pirez nickte heftig. Meine Mutter hat ihn nie unter Druck gesetzt. Sie hat ihr Leben lang als Zeichenlehrerin gearbeitet und ihr eigenes Geld verdient. Wir waren arm, aber wir haben nie betteln müssen. Es war kein Mitleid, daß der Alte uns ab und zu etwas Geld schickte, sondern sein schlechtes Gewissen! Madame Esterell lebte als junges Mädchen mit Maman in Paris zusammen und kann ihnen bestätigen, was ich ihnen erzählt habe. Soll ich ihnen die Adresse noch einmal nennen?
Lassen Sie nur, Professor, ich habe es mir schon notiert. Arnoult ließ das kleine rote Notizbuch wieder in seiner Jackentasche verschwinden. Das Problem ist, ich ermittele in einem Mordfall, Monsieur Pirez, und nicht in einer Erbangelegenheit. Ich fürchte, daß das die Gerichte klären müssen … Ach übrigens, haben Sie die Briefe eigentlich schon einmal einem Rechtsanwalt vorgelegt?
Ja sicher, 1974 … damals galten sie als nicht rechtsgültig, in den Augen der Justiz bewiesen sie gar nichts. Mein Bruder hat irgend einen Winkeladvokaten mit der Wahrung seiner Rechte beauftragt. Ich denke, daß ich nicht umhin kommen werde, erneut einen Rechtsbeistand einzuschalten, erwiderte Pirez leise.
Wie auch immer, ich werde sie jetzt alleine lassen und gegebenenfalls auf sie zurückkommen. Guten Abend, Monsieur … Madame, verabschiedete sich Arnoult und verließ das Zimmer, das trotz der milden Brise immer noch nach Medikamenten und Alter roch.
Auf dem Flur griff Arnoult in die Brusttasche seines Leinenjackets und holte die Photographie hervor, die ihm Roubaix gegeben hatte. Es war ein Photo, das anläßlich der Aufführung der Madame Bouvary in St. Etienne aufgenommen worden war. Die Schauspielerin Françoise Clavine war rot umrandet und kaum zu erkennen, zumal sie ein Kleid aus der Jahrhundertwende trug. Trotzdem ließ das Bild seinen Atem stocken. Françoise Clavine erinnerte ihn an Suzanne.
Sechs
Arnoult verließ die Villa und ging zu seinem Wagen. Der ID 19 war zwar mehr als dreißig Jahre alt, aber immer noch gut in Schuß. Arnoult blickte auf die Uhr. 18:20. Das Clubhaus lag direkt am Yachthafen von St. Cyr, gar nicht zu verfehlen. Er startete den Motor des Citroën und gab Gas. Er wendete und prügelte den Wagen über die holprige Einfahrt. Die Hydropneumatik schluckte die Schlaglöcher und hielt den Oldtimer in der Spur. Vor jeder Biegung bremste er hart und zwang den Wagen mit dem einspeichigen Lenkrad in die Kurve. Links der schmalen asphaltierten Straße ging es steil bergab. Rechts von ihm säumten Pinien den Weg. Sie warfen lange Schatten und schluckten das fahle Abendlicht. Es war angenehm kühl und Arnoult kurbelte mit einer Hand die Scheibe herunter. Die orangefarbene Tachonadel kletterte in den Geraden auf hundertzwanzig. Das Getriebe krachte, wenn Arnoult mit der Krückstockschaltung den dritten Gang einlegte.
Plötzlich brach Arnoult in Schweiß aus. Er trat auf die Bremse, riß das Lenkrad herum, bog in einen Feldweg ein und kam nach wenigen Metern zum Stehen. Arnoult schloß die Augen und sah Suzannes Leichnam, wie ihn die Rettungskräfte aus dem brennenden Wrack zerrten. Er zitterte am ganzen Körper, fuhr sich mit beiden Händen durch das Gesicht, berührte die brennend heiße Narbe und versuchte tief durchzuatmen. Es dauerte ein paar Minuten, bis sich sein Puls beruhigt hatte und seine Hände nicht mehr zitterten.
Ganz ruhig, es ist nichts passiert, du lebst noch, du bist nur für den Rest deines Lebens gezeichnet, aber du hast auch niemanden vorsätzlich umgebracht. Es war ein Unfall, flüsterte er immer wieder wie ein Mantra. Dabei spürte er die Spiegelscherbe, die wie eine heiße Nadel seine Stirn zerfurcht und ihm diese Wundnarbe zugefügt hatte. Als der imaginäre Schmerz abgeklungen war, atmete er erleichtert auf. Es war mal wieder gut gegangen, er hatte sich noch einmal gefangen. Arnoult ließ den Motor an, manövrierte den Citroën zurück auf die Straße und hielt sich die restliche Strecke peinlich genau an die vorgeschriebene Geschwindigkeitsbegrenzung. Nach genau fünfundzwanzig Minuten und elf Sekunden brachte Arnoult den Citroën in einer prasselnden Wolke aus Kieselsteinen und Staub zum Stehen.
Ein Alfa Romeo Twin Spark mit einem geschickten Fahrer ohne Albträume wird die Strecke sicherlich noch schneller schaffen, spottete Arnoult, als er die Scheibe hochkurbelte, ausstieg und die Wagentür zuschlug. Das Abschließen konnte er sich sparen. Das Schloß hatte vor etwas mehr als vier Wochen den Geist aufgegeben und er hatte es bis jetzt nicht geschafft, den Wagen zu Monsieur Perrilard in die Werkstatt zu bringen.
Das eingeschossige Gebäude des Yachtclubs lag einen Steinwurf weit von der Hafenmole entfernt und hatte eine verglaste Front, die zum Wasser zeigte. Die Abendsonne ließ die Aluminiumrahmen der Fenster aufblitzen, als Arnoult sich seinen Weg zwischen Tischen und Stühlen hindurch über die Terrasse zur Eingangstür bahnte, die sich automatisch öffnete, als Arnoult unter die Kamera trat, die das Gebäude bewachte. Die Tür schloß sich hinter ihm und das klackernde Geräusch der Takelage der Segelboote, die in der leichten Brise an die Masten schlug, war verschwunden. Arnoult blickte sich um. Neben einem Tresen aus Teakholz, in der Form eines Bootsrumpfes, stand eine Bühne, auf der zwei Männer arbeiteten, die Lautsprecherboxen, Verstärkeranlagen und Mikrofonständer in große Aluminiumkisten verstauten, auf denen in fetten roten Buchstaben »The Hot Samba Trio« zu lesen war. Vor der Bühne gab es eine Tanzfläche, dahinter etwa zwanzig runde Caféhaustische, um die jeweils drei Stühle gruppiert waren.
Hinter dem Tresen machte sich Patrique Bertrand an einigen Gläsern zu schaffen, die er sorgfältig spülte und abtrocknete. Er würdigte Arnoult keines Blickes. Außer drei Männern im mittleren Alter, die braungebrannt und in Segleroutfit an einem der Tische hockten und lautstark über die nächste Regatta debattierten, und einer jungen Frau, die am Fenster saß, gab es keine Gäste. Arnoult schätzte die Frau auf Anfang dreißig. Sie trug eine dunkle Sonnenbrille und nippte an einem Weinglas, in dem sich Mineralwasser befand.
Arnoult trat neben sie: Entschuldigen Sie, Madame, wissen Sie vielleicht, wo ich Françoise Clavine treffen kann?
Sie blickte erstaunt zu ihm hoch. Obwohl sie blaß und ungeschminkt war, fand Arnoult ihre zarten Gesichtszüge mehr als attraktiv.
Sie müssen Kommissar Arnoult sein, lächelte die Frau, reichte ihm die Hand und stellte sich vor. Angenehm, Sie kennenzulernen. Ich bin die Gesuchte. Monsieur Heroult hat mich angerufen und mir erklärt, daß sie mich vernehmen wollen. Nehmen sie Platz, ich höre … seufzte sie ergeben und deutete auf den Korbsessel, der neben ihr stand. Sie müssen entschuldigen, daß ich die Sonnenbrille trage, aber ich hatte heute Morgen einen Migräneanfall und halte mich nur mit einer Aspirin senkrecht, fügte sie mit einem gequälten Lächeln an.
Wo waren sie diese Nacht zwischen ein Uhr und drei Uhr morgens?
Warten sie mal … die Salsaband spielte bis Mitternacht, danach haben wir noch etwas getrunken und sind dann zum Boot gegangen.
Wir?
Monsieur Heroult, Patrique Bertrand, seine Freundin Monique und ich … Hören Sie, es ist mir peinlich, merken sie das nicht? Sie kicherte nervös.
Ich bin wie ein Beichtvater, ich kann schweigen wie ein Grab. Arnoult lächelte freundlich.
Wissen sie, ich bin seit Januar ohne Engagement, meine Ersparnisse neigen sich dem Ende zu. Monsieur Heroult war so nett und hat mir eine Rolle in einer Abendserie für Tele 1 angeboten. Aha, nickte Arnoult gleichmütig.
Na ja, ich soll eine verheiratete Frau spielen, die mit ihrer Familie aus der Provinz nach Paris zieht. Ihr Mann hat eine gut dotierte Stellung in einem großen Unternehmen gefunden. Die gemeinsame Tochter ist fast erwachsen und geht ihre eigenen Wege. Die Frau ist oft einsam. Ihr Mann ist geschäftlich viel unterwegs und die Tochter weiht sie nicht in ihre kleinen Geheimnisse ein. Die Frau sucht eine neue Identität, dabei lernt sie einen anderen, jüngeren Mann kennen, der ihr zeigt, wie attraktiv sie noch ist …
Das klingt ja wirklich spannend, erwiderte Arnoult scheinbar interessiert, aber das beantwortet noch lange nicht die Frage, womit sie sich auf dem Boot die Zeit vertrieben haben.
Es ist so, ich brauche den Job wirklich, seufzte Françoise. Und dann ist man zu Dingen bereit, die man sonst vielleicht nicht machen würde, meinen sie das?
Ja, danke … so ungefähr. Wissen sie, wir haben Strippoker und Flaschendrehen gespielt. Bevor es ernst wurde, kam die Polizei und hat uns vom Tod Monsieur Bertrands benachrichtigt. Meine Güte, ich schäme mich so, stammelte Françoise.
Und das soll ich ihnen glauben?
Aber ja, fragen sie Monique, sie ist in der Küche und hilft beim Kochen, soll ich sie holen?
Tun sie das. Arnoult nickte und blickte hinter ihr her.
Eine Figur wie ein junges Mädchen, intelligent, hübsch und keine Arbeit? Er schüttelte den Kopf. Wieder machte sich ein Ziehen auf seiner Stirn bemerkbar. Bitte nicht jetzt, murmelte Arnoult und blickte zu der Schauspielerin hinüber, die an dem Tresen irgendwelche Verhandlungen führte. Françoise Clavine wechselte ein paar Worte mit Patrique Bertrand und wartete einen Augenblick, bis ein Mädchen von Anfang zwanzig, mit schwarzem Bubikopf und einem silbernen Nasenpiercing, aus der Küche kam und ihren weißen Kittel auszog. Zum Vorschein kam ein Minirock samt Top, das den Blick auf einen gepircten Bauchnabel freigab, in dem ein kleiner Straßstein glitzerte. Sie trug Netzstrümpfe und hochhackige Sandaletten, die ihre langen schlanken Beine betonten.
Hi, ich bin Monique, darf ich mich setzen? Sie nahm im letzten freien Korbsessel am Tisch Platz, schlug ihre Beine übereinander, wobei für einen kurzen Augenblick ihr weißer Slip hervorblitzte, verschränkte die Arme vor ihrer vorwitzigen kleinen Brust und starrte Arnoult herausfordernd an. Womit verdienen sie ihren Lebensunterhalt, Mademoiselle Monique? Arnoult atmete tief durch und räusperte sich.
Ich bin Kellnerin und Küchenhilfe … aber nicht mehr lange … Patrique und ich wollen heiraten und ein eigenes Lokal aufmachen, verkündete sie stolz.
Und der hat nichts dagegen, wenn seine Freundin beim Strippoker und Flaschendrehen mitspielt? Langsam aber sicher wurde er müde. Er haßte es, ein Verhör zu führen und gleichzeitig seine Narbe unter Kontrolle zu halten. Das Wundmal war wie eine Polizeisirene. Wenn er nicht aufpasste, spiegelte sich jede noch so kleine Gefühlsregung in der Farbe dieses häßlichen Striemens.
Ach was, der ist doch kein Kind von Traurigkeit, wir sind jung und noch nicht verheiratet. Andere Mütter haben auch hübsche Söhne und Christophe Heroult, oh làlà, den würde ich nicht von der Bettkante schubsen. Außerdem läßt der immer ordentlich was springen und das kann ich gut gebrauchen. Das heißt, sie waren tatsächlich zu viert auf dem Boot und wollten sich die Zeit ein bißchen miteinander vertreiben, habe ich sie da richtig verstanden?
Aber ja doch, was ist daran so schlimm? tat Monique erstaunt.
Nun gut, sie können wieder an ihre Arbeit gehen, entließ sie Arnoult mit einem Schulterzucken und wandte sich stattdessen wieder Françoise Clavine zu. Hm, hm … brummte er.
Kommissar Arnoult, bevor sie einen schlechten Eindruck von mir bekommen, möchte ich sie im Auftrag von Christophe zu einer Bootstour auf seiner Yacht in die Calanques einladen. Was soll ich da? Arnoult blaffte sie mürrisch an.
Ich denke, er möchte ihnen ein wenig über seinen Halbbruder und den verschwundenen Picasso erzählen. Christophe würde ungern auf die Präfektur kommen und er hatte den Eindruck, beim letzten Gespräch mit ihm seien sie so kurz angebunden gewesen. Bitte tun sie ihm den Gefallen, mir zuliebe, flehte Françoise fast.
Na schön, wann soll es losgehen? Arnoult seufzte müde und erschöpft.
Wenn es ihnen nichts ausmacht, erwarten wir sie morgen gegen elf Uhr am Hafen. Das Schiff heißt Petite Fleur und ist eine weiße vierzig Fuß lange Yacht. Sie liegt dort drüben zwischen dem Zweimaster und diesem doppelstöckigen Kabinenkreuzer. Françoise deutete vage in Richtung der Hafeneinfahrt.
Ich werde sie schon finden, wenn sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen, verabschiedete sich Arnoult, stand auf und ging, ohne sich noch einmal umzublicken, zu seinem Wagen. Er öffnete die Tür, ließ sich ächzend hinter das Lenkrad in den Sitz fallen, tastete nach der Flasche Evian, die er unter dem Beifahrersitz fand und nahm einen tiefen Schluck, bevor er den Strohhut ins Gesicht schob. Jetzt hieß es warten und sich entspannen. Fünf Minuten später verließ Françoise Clavine das Clubhaus. Sie sah trotz ihres Migräneanfalls blendend aus in ihrem knielangen Sommerkleid, der schlanken Figur, den langen Beinen und den Riemchensandalen mit dem halbhohen Absatz. Sie öffnete die Tür des weißen Renault Clio, der etwa zwanzig Meter entfernt im Schatten einer Platane geparkt war, startete den Motor, gab Gas und verließ den Parkplatz in einer Staubwolke. Arnoult stieg aus, ging zu dem Clubhaus und fand wenig später den Hintereingang, den er gesucht hatte. Die schwere Eisentür war unverschlossen und öffnete sich zu einem Lagerraum, in dem Weinkartons, Kisten mit Thunfisch- und Tomatendosen, Säcke mit Zwiebeln und Knoblauchbündel in eisernen Regalen, die die Mauern entlang liefen, gestapelt waren. Die nächste Tür führte ihn in einen Flur, der hinter der Bar lag. Aus der Küche, die links von ihm lag, hörte er, wie Monique mit jemandem lachte und schäkerte. Von dort war nicht zu befürchten, daß man ihn entdeckte. Er wandte sich nach rechts und schlich den Flur entlang.
Patrique Bertrand war immer noch mit seinen Gläsern beschäftigt und bemerkte ihn nicht, als er lautlos hinter ihn trat.
Kann es sein, daß sie ihre Freundin auf den Strich schicken? Arnoult flüsterte und stieß ihm gleichzeitig den Zeigefinger wie einen Pistolenlauf in die Rippen. Bertrand zuckte zusammen und ließ das Glas fallen, das in den Ausguß fiel und in tausend kleine Stücke zersprang.
Kommissar Arnoult, was fällt ihnen ein, sind sie wahnsinnig? Bertrand war wachsbleich und seine Stimme zitterte.
Oder kann es sein, daß sie sich von Françoise Clavine eine kleine sexuelle Gegenleistung erhofften? Arnoult blieb ungerührt. Bertrand faßte in die Brusttasche seines weißen Hemdes und fingerte eine Packung Gauloise hervor, nahm ein Bic-Feuerzeug vom Tresen, steckte die Zigarette an und nahm einen tiefen Zug, bevor er antwortete.
Selbst wenn es so wäre, was geht sie das an?
Da haben sie sicherlich recht, Bertrand, trotzdem haben sie meine Frage noch nicht beantwortet.
Monique ist ein süßes kleines Ding, das gerne zeigt, was sie hat, zumal, wenn sie ein bißchen Geld dafür bekommt. Hören sie, Monsieur, Heroult ist kein Kind von Traurigkeit und hat ein paar Flaschen Champagner springen lassen. Immer wenn Monique beim Strippoker verloren hat, mußte sie mit einem Kleidungsstück bezahlen, während Heroult und Mademoiselle Clavine sich freigekauft haben.
Wie waren sie denn an dem Spiel beteiligt? Na, was ein Kellner so macht, füllt die Gläser, mischt die Karten, sammelt das Geld ein, grinste Bertrand anzüglich. So, und jetzt muß ich mich an die Arbeit machen, wenn sie mich bitte entschuldigen wollen, knurrte Bertrand und wandte sich wieder seinen Gläsern zu.
Ich hoffe, der Abend hat sich für sie gelohnt. Wir sehen uns noch, Bertrand, höhnte Arnoult, drehte sich um und verließ die Bar auf demselben Weg, den er gekommen war.
Sieben
Der Tag hatte gut begonnen. Sie hatten sich im azurblauen Licht eines frühen Septembermorgens geliebt und dann beschlossen, eine Auszeit von den Schrecknissen dieser Welt in Gordes zu nehmen. Ein Nest, das sich in die Terassen eines Bergsporns am Rande des Plateau des Vaucluse klammert. Gordes wurde in den Sechzigern von Künstlern und Malern entdeckt. In der Mitte des Dorfes schlummert ein von Efeu überwuchertes Renaissanceschloß, das Victor Vasarely für den symbolischen Preis von einem Franc für 55 Jahre pachtete und für sich selbst renovierte. Der aus Ungarn stammende Op Art-Künstler war längst in Frankreich heimisch geworden und richtete dort ein Museum ein. Bald siedelten sich Kunsthandwerker, Restaurants und Andenkenläden an, die schnell zu einem Touristenmagnet wurden.
Die Häuser Südfrankreichs haben mir eine in sich widerspruchsvolle Perspektive aufgezeigt. Niemals gelingt es dort dem Auge, Schatten und festes Mauerwerk klar zu unterscheiden. Flächen und Räume, Formen und Hintergründe vermischen sich, wechseln einander ab, werden zu Abstraktionen und beginnen ihr eigenständiges Leben … schrieb der Maler einst an einen Freund in einem Brief, den Arnoult während seines Studiums gelesen hatte. Wenn er in der schwirrenden Mittagshitze vor seiner Staffelei saß und die Formen sich auflösten, sodaß der Betrachter denkt, daß die Dinge schweben, hatte Arnoult erkannt, das Vaserely recht hatte und ihm im Stillen zu der exakten Beschreibung der Phänomene gratuliert.
Suzanne sagte ihre Veranstaltung über die Frühchristlichen Symbole bei den Kelten ab, die sie im historischen Seminar der Universität von Aix-en-Provence halten sollte und Arnoult rief seinen Chef an und behauptete, daß er einen Außentermin habe, der ihn bis in die späten Abendstunden beschäftigen würde. Sie waren sich wie zwei Pennäler vorgekommen, die die Schule schwänzten. Arnoult ließ das Verdeck des Peugeot Cabrio herunter, setzte eine Ray Ban-Sonnenbrille auf, schaltete das Radio ein, öffnete Suzanne die Tür, die in ihrem dünnen Sommerkleid verführerisch wie eine griechische Göttin aussah und startete mit quietschenden Reifen in ihre heimliche Vergnügungstour. Sie verließen Marseille, folgten der Küstenstraße, die sich parallel zur Route National vorbei an kahlen Felsen schlängelte, und bogen in Höhe von La Bourdonniere in Richtung des Pilon du Roi ab, als plötzlich ein Lastwagen vor ihnen, vollgeladen mit Tomatenkisten, ächzend und stöhnend die holprige Piste entlang fuhr. Arnoult gab Gas, schaltete zurück in den dritten Gang, beschleunigte und setzte sich neben den LKW. Zu spät bemerkte er den Citroën, der direkt auf ihn zukam. Wie in Trance riß Arnoult das Lenkrad herum. Dann ging alles sehr schnell. Das Cabrio raste in den Straßengraben, überschlug sich mehrmals, rammte einen Felsblock und ging in Flammen auf.
Arnoult schreckte hoch. Er war schweißgebadet. Wie in einem immer wiederkehrenden Film sah er er den blutüberströmten Körper Suzannes und ihre weit aufgerissenen Augen, die ihn anzuklagen schienen.
Niemals, niemals wieder wird alles so sein wie früher, stöhnte Arnoult, fuhr sich mit den Händen durch das Gesicht, spürte das Flammenschwert der Narbe und wälzte sich aus dem Bett.
Er versuchte sich zu orientieren. Dann erkannte er das Zimmer wieder. Er war im Quatre Poisson, einem Hotel am Place du Marché in St. Cyr abgestiegen. Madame Bousset, die Wirtin, eine kleine dralle Person mit hochtoupierten blonden Haaren und einer überdimensionalen Brille, die mit Glitzer verziert war, hatte ihm diese Bleibe zugewiesen. Todmüde hatte er sich auf das Bett fallen lassen und war sofort eingeschlafen. Warum hatte er zweimal am Tag denselben Albtraum gehabt? Ein Jahr lang war es ihm gelungen, die Dämonen der Vergangenheit zu bannen. Lag es daran, daß Françoise Clavine ihn an Suzanne erinnerte? Die gleichen fließenden Bewegungen. Er hatte sie beobachtet, wie sie in ihren weißen Clio einstieg. Die lässige Art, wie sie ihre Sonnenbrille in die Haare schob, selbstbewußt aber auch verletzlich. Françoise Clavine hatte seinen Eispanzer berührt, den er sich nach dem Tod von Suzanne zugelegt hatte. Er selbst hatte sich diesen Unfall nie verziehen. Er war für den Tod seiner Frau verantwortlich. Wochenlang vernachlässigte er seine Arbeit als Polizist. Arnoult trank mehr als ihm gut tat und kam oft zu spät oder gar nicht zum Dienst. Sein Chef mahnte ihn ab und schickte ihn zu einem Polizeipsychologen. Antoine Marmand, ein graubärtiger Riese, blätterte in seiner Personalakte und fand heraus, daß Arnoult einige Semester Malerei studiert hatte, bevor er auf die Polizeiakademie wechselte. Marmand riet ihm, sich wieder seinen Studien zuzuwenden. Arnoult zog in ein Atelier auf dem Boulevard Boille und versuchte, Suzanne zu vergessen. Die einzigen Gefühle, die Arnoult seitdem zuließ, waren die Eindrücke während seiner stundenlangen Spaziergänge durch den Luberon, auf denen er seine Skizzenbücher füllte, die die Grundlage für seine Bilder waren, die er nachts in seinem Atelier malte.
Arnoult blickte auf seine Uhr. Es war kurz vor zehn und er beschloß, die trübsinnigen Gedanken beiseite zu schieben und sich wieder seinen Ermittlungen zu widmen.
Acht
Arnoult biß ein Stück von der Tartine ab, die ihm Madame Bousset auf einem Teller angerichtet hatte. Dazu trank er einen Schluck des inzwischen kalt gewordenen Tisane. Dann öffnete er die Reisetasche und entnahm ihr eine Jeans und ein blaues Sweatshirt. Arnoult kleidete sich an, wählte zum Schluß ein Paar Nike-Turnschuhe und schaute dann, mit sich und der Welt wieder zufrieden, in den Spiegel des wackligen Kleiderschranks. Sein eisgrauer Bart, das borstige grauschwarze Haar und die wettergegerbte Haut, mit den vielen Falten und Runzeln, ließen ihn wie einen Weltumsegler aussehen, wenn da nicht die Narbe gewesen wäre. Jetzt sah sie aus wie eine wachsbleiche Schlange, die auf seiner Stirn prangte und seinem Gesicht einen irritierenden, verletzlichen Ausdruck verlieh. Niemand käme auf die Idee, in dem Mann mit der Baseballkappe der Los Angeles Lakers, die er jetzt tief in die Stirn zog, damit sie das Wundmal verdeckte, einen Polizisten zu vermuten.
Arnoult ging mit ausladenden Schritten, die Hände in den Jeanstaschen versteckt, die Taschenlampe fest umklammert, pfeifend über den Place du Marché, eine enge Gasse hinunter und stand nach wenigen Augenblicken am Hafenbecken von St. Cyr. Zwei Ausflugsboote, die tagsüber die Touristen in die Calanques von Cassis und Bandol brachten, dümpelten träge auf dem blauschwarzen Wasser, in dem das Mondlicht glitzerte. Eine sanfte Brise wehte über dem Hafen, Passanten streiften ihre Wolljacken über und Arnoult zog die Lakerskappe noch tiefer ins Gesicht. Er blickt sich um. Von den Caféhausbesuchern, die lachend und scherzend an den Tischen direkt hinter der Mole saßen und die laue Nachtluft genossen, hatte er nichts zu befürchten. Er konnte die Petite Fleur mit blo-ßen Augen erkennen. Die Positionslampe einer Yacht, die mit leise tuckerndem Motor den Hafen verließ, beleuchtete den schlanken weißen Rumpf des Schiffes, das immer noch neben dem Kabinenkreuzer vor Anker lag. Arnoult ging mit festen Schritten eine Steintreppe hinunter, die ihn auf einen metallenen Gittersteg führte, der wie ein H geformt war und das Hafenbecken in vier Segmente aufteilte. Am äußersten nördlichen Rand war die Petite Fleur festgemacht. Zielstrebig lief Arnoult den Mittelsteg entlang, wobei seine Nikes keinerlei Geräusch verursachten. Als er sich dem Kabinenkreuzer näherte, hörte er, wie Musik aus dem Rumpf des Schiffes drang. Vorsichtig schlich er zu dem Boot und linste durch eines der Bullaugen. Eine Blondine mit üppigem Busen hatte ihre Beine um die Hüften eines grauhaarigen Seemannes geschlungen, dessen faltiger Hintern im Rhythmus der Musik auf und nieder hüpfte. Der Blondine schien das zu gefallen. Sie hatte die Augen geschlossen und krallte ihre rotlackierten Fingernägel in den Achtersteven des Mannes und half ihm dabei, nicht aus dem Takt zu kommen.
Arnoult grinste. Die beiden hatten noch jede Menge zu tun und würden ihn nicht stören, wenn er die Petite Fleur untersuchte. Behende wie eine Katze sprang er auf das Dach des Schiffes. Arnoult hatte Latexhandschuhe übergestreift, drehte an dem Türgriff zur Kajüte, und zu seiner Verwunderung sprang die Türe auf. Kalter Zigarettenhauch hing in der Luft. Arnoult knipste die Taschenlampe an und kletterte die Holzstiege hinunter. Rings um die mahagonigetäfelte Kajüte verlief eine gepolsterte Bank. Vor Kopf entdeckte Arnoult einen Gaskocher und eine Spüle mit einem Unterschrank. Auf der Marmorplatte eines kleinen Tisches standen vier Gläser, in denen noch die Reste des Champagners zu erkennen waren. Moët Chardonnay, die Flasche lag auf dem Tisch und zeigte in Richtung der Tür.
Wer da wohl gesessen hatte? Monique, die sich gerade ihres Slips entledigte? Neben der Tür war eine Ministereoanlage in einem Regal installiert. Auf dem Tapedeck stand ein Aschenbecher, der von Zigarettenkippen überquoll. Arnoult schaltete das Gerät ein. Als die Displays aufflammten, drückte er die Open Taste des CD-Players. Das Fach öffnete sich und eine silberne Scheibe mit dem Bolero von Ravel kam zum Vorschein.
Wie geschmacklos, sinnierte Arnoult, als er die CD wieder im Player verschwinden ließ. Arnoult schaltete das Gerät aus, verließ die Kajüte und zog die Tür sanft hinter sich ins Schloß.
Neun
Arnoult schob den Ärmel seines Sweatshirts hoch und blickte auf seine Uhr. Fast Mitternacht, trotzdem zeigte das Thermometer im Schaufenster der Pharmacie Julien noch 30°. Die Mauern und das Pflaster der kleinen Stadt hatten die Hitze des Tages gespeichert und gaben sie jetzt ab. Arnoult wandte sich um und stieg gedankenverloren die Rue Baptiste Texier hinauf, eine kleine Gasse, die auf den Place du 4. Septembre führte. Hier lag das Hotel de Ville, in dem die Präfektur untergebracht war. Die Fenster im Erdgeschoß des ockerfarbenen Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert waren vergittert. Kein Lufthauch regte sich. Die Trikoloren, die rechts und links des Eingangs an Fahnenstangen befestigt waren, hingen schlaff herunter. Es war totenstill, als Arnoult die Tür zum Dienstzimmer öffnete. Er stand in einem großen Raum, grell von Neonlampen beleuchtet, an dessen Wänden graue Aktenschränke aufgereiht waren. Auf den beiden Schreibtischen, die in der Mitte standen, türmten sich Monitore, Telefone und ein Haufen unerledigter Papierstapel. Über dem Aktenschrank entdeckte Arnoult großformatige Photos von Tourenrennwagen, aufgenommen auf dem Circuit Paul Ricard. Die Betonpiste, auf der im Sommer auch Formel 3-Rennen ausgetragen wurden, lag versteckt hinter Pininenwäldern auf einem Hochplateau, mitten in den Bergen von Le Castellet, keine dreißig Kilometer von St. Cyr entfernt.
Roubaix saß an einem der Schreibtische, gähnte herzhaft, nahm einen Schluck aus einem Pappbecher und steckte sich eine Zigarette an, bevor er auf einen kleinen gedrungenen Mann deutete, dessen Polizeiuniform in der Wäsche eingelaufen sein mußte, denn die Jacke spannte sich über dem Bauch, der sich über einen schmalen Ledergürtel wölbte. Die Uniformhose hatte Hochwasser, sodaß es zwei graue Socken zu entdecken gab, die in blank gewienerten schwarzen Halbschuhen steckten.
Darf ich vorstellen, Sergeant Verlaine, Kommissar Arnoult, sagte Roubaix, wobei er mit einer weitausholenden Geste jeweils auf die Beamten deutete.
Angenehm, nickte Arnoult.
Kommissar, erwiderte Verlaine, wobei er für einen kurzen Moment Haltung annahm.
Sergeant Verlaine ist derjenige, der die Todesnachricht überbracht hat. Roubaix nahm einen tiefen Zug von der Zigarette.
Und, hatten sie alle die Hosen runter gelassen? spottete Arnoult.
Nein, Monsieur, ich hörte Musik, als ich die Yacht endlich gefunden hatte. Ich klopfte an die Kajütentür und wartete nicht, bis man mir aufmachte. Diese Monique tanzte auf dem Tisch, sie war gerade dabei ihre Bluse aufzuknöpfen … Auf der Stirn des Sergeants hatten sich kleine Schweißperlen gebildet. Er war nervös und stützte sich mit einer Hand an der Schreibtischkante ab.
Und die anderen?
Ich weiß nicht mehr so genau … Monsieur Heroult saß zusammen mit der Schauspielerin auf der Bank. Sie hatte ein kurzes Sommerkleid an, daß verdammt viel Bein zeigte. Soweit ich mich erinnern kann, trug sie hochhackige Riemchensandalen, aber nackt war sie nicht, stotterte Verlaine.
Und die beiden Männer?
Heroult hatte ein T-Shirt und Boxershorts an, der junge Bertrand war vollständig bekleidet. Er füllte, glaube ich, gerade die Gläser nach.
Was passierte dann? Arnoult gähnte herzhaft hinter der vorgehaltenen Hand und sehnte sich nach einem Kaffee.
Als Heroult meine Uniform sah, hat er die Musik abgestellt und seine Hose wieder angezogen. Nachdem ich ihm erzählt hatte, daß wir den alten Bertrand tot aufgefunden haben, ist Monique vom Tisch gestiegen und hat Patrique in den Arm genommen. Der hat ganz schön gezittert. Mademoiselle Clavine hat sich eine Zigarette angesteckt, ist aufgestanden und hat sich schnell verabschiedet. Die drei anderen sind mit dem Polizeiwagen zur Villa gefahren. Während der Fahrt hat keiner von ihnen etwas gesagt.
Haben sie eigentlich Spielkarten in der Kajüte bemerkt? Nein … nicht das ich wüßte, überlegte Verlaine. Kann aber sein, daß ich sie in der Aufregung und der Eile übersehen habe. Danke Verlaine, sie können gehen. Wenn ich sie noch einmal brauche, lasse ich es sie durch Inspektor Roubaix wissen. Verlaine nickte erleichtert. Er verabschiedete sich schnell und ging hinaus.
Was halten sie denn von dieser Geschichte mit dem Strippoker, Roubaix?
Warum nicht? Die Leute sind heute sehr freizügig. Ich will ihnen mal was erzählen. Vor vier Wochen habe ich am Strand von St. Cyr ein Mädchen kennen gelernt. Sehr hübsch. Sie erzählte mir, daß sie Studentin in Marseille sei und daß sie hier ihre Cousine besuchen würde. Ich fand sie sehr nett und habe abends mit ihr in einer Discothek in Bandol getanzt. Den Rest können sie sich sicher denken. Als ich sie am nächsten Morgen fragte, ob ich sie noch einmal wiedertreffen kann, da schlug sie doch tatsächlich vor, daß ich sie im Internet besuchen könnte. Sie sei ein Webcamgirl, zwei Euro fündundneunzig die Minute! Was sagen sie dazu?
Und haben sie ihre Dienste im Netz in Anspruch genommen? grinste Arnoult.
Ach Blödsinn … natürlich nicht! Ich kam mir wirklich dämlich vor. Aber so sind sie die jungen Dinger. Sex gegen Geld ist heute kein Problem mehr, erwiderte Roubaix ärgerlich.
Na schön … und, sind sie bei ihren Recherchen fündig geworden? Arnoult lenkte ein.
Ja, mir scheint, da hat unsere Bande wieder zugeschlagen. Sehen sie hier. Roubaix hielt triumphierend den Var Matin hoch. Dabei deutete er auf ein Photo, das eine Villa zeigte, die in den Bergen oberhalb von Bandol lag. Der Einbruch dort ist letzte Woche passiert. Zwei weitere vor einem Monat in Cassis. Alle nach dem gleichen Muster. Die Besitzer sind nicht da, die Alarmanlage ist entweder nicht vorhanden oder abgeschaltet. Die Diebe nehmen soviel Wertvolles mit, wie sie tragen können. Meist Schmuck, Tafelsilber, herumliegendes Bargeld, Kreditkarten und – wie hier in Bandol – einen kleinen Matisse.
Haben sie schon eine Spur? Arnoult hatte Mühe, interessiert zu wirken.
Nein, aber ich gehe davon aus, daß die Typen hier aus der Gegend stammen, sich gut auskennen und die Villen vorher ausgekundschaftet haben, bevor sie losschlugen. Ein Mord ist dabei allerdings noch nie passiert. Ich vermute, daß sie überrascht wurden und dann aus lauter Panik den alten Bertrand erschlagen haben.
Gut, Roubaix, kümmern sie sich um die Obduktion und um die Ergebnisse der Spurensicherung … Ach ja, und überprüfen sie, wer noch alles einen Schlüssel zu diesem Sicherheitsschrank hatte. Ich selbst gehe morgen auf große Fahrt.
Wie bitte? Roubaix spürte, wie ihm die Galle hochkam.
Tja, ich bin von Heroult und seiner Freundin zu einem Ausflug mit der Petite Fleur eingeladen worden. Mal sehen, welche Märchen mir die beiden noch auftischen werden.
Zehn
Obwohl er fünf Minuten unter dem kalten Strahl der Dusche gestanden hatte, fühlte sich Kommissar Arnoult immer noch müde und zerschlagen, als er T-Shirt und Turnschuhe wieder anzog und seine schütteren Haare mit der Lakerskappe bedeckte, um seine Kopfhaut vor der sengenden Sonne des Südens zu schützen. In seinen Träumen hatte er Suzanne umarmt und sie an sich geschmiegt, um sie zu trösten. Vor genau drei Jahren hatte sie eine Fehlgeburt in der vierten Schwangerschaftswoche gehabt. Sie hatten sich danach nie mehr richtig wohl und unbeschwert gefühlt. Sex war nicht mehr etwas, um sich zu entspannen, sondern um eine Familie zu gründen. Sie schliefen seitdem fast täglich miteinander, aber es wollte und wollte nicht klappen. Der Gynäkologe, den Suzanne regelmäßig konsultierte, führte ihrer beiden Unfruchtbarkeit auf den Streß zurück, den sie sich selbst bereiteten, um endlich Eltern zu werden. Suzanne war achtunddreißig, ihre biologische Uhr tickte, wann war es endlich soweit, daß sie Mutter wurde? An jenem Morgen, kurz vor dem Unfall, hatten sie zum ersten Mal seit Monaten unbeschwert miteinander geschlafen.
Wer weiß, vielleicht wäre ich jetzt Vater, wenn ich nicht so einen Mist gebaut hätte, sinnierte Arnoult niedergeschlagen. Er hatte jetzt keine Zeit für trübselige Gedanken, entschied er und gab sich einen Ruck.
Arnoult trank einen Café in der Hotelbar, aß ein Croissant, klemmte seine Staffelei samt Skizzenblock unter den Arm und schlenderte den kurzen Weg zum Hafen hinunter. Christophe Heroult wickelte das Nylonseil zwischen Ellenbogen und Handspange auf, sicherte die Rolle mit einem halben Schlag und winkte Arnoult zu, der vorsichtig mit einem großen Schritt das Deck betrat.
Na, Kommissar, sind sie sonst eine Landratte? grinste Heroult spöttisch und rief in Richtung Kajüte.
Hey, Schatz, komm’ mal her, unser Passagier ist an Bord! Es dauerte ein paar Sekunden, bis Françoise Clavine die Holzstiege hinaufgeklettert kam. Sie trug einen schwarzen Bikinislip und ein T-Shirt. Erst jetzt bemerkte Arnoult, daß sie braungebrannt und durchtrainiert war.
Was darf ich ihnen bringen? Ein eisgekühltes Bier, Orangensaft, oder bevorzugen sie etwas härteres? Sie lächelte schelmisch, wobei sie gekonnt die Augen aufschlug.
Ein Mineralwasser wäre mir recht, erwiderte Arnoult. Wo kann ich meine Sachen hinstellen, fragte er und deutete auf seine Malutensilien.
In diesem Moment startete Heroult den Schiffsdiesel. Er löste die Leine, mit der das Schiff an einem Poller festgemacht war, ging zum Steuerrad zurück, gab Gas und manövrierte das Boot in die Fahrrinne, wobei er eine Lücke zwischen dem Leuchtturm und dem Felsen anpeilte, die die Hafeneinfahrt bildete.
Oh, das ist kein Problem. Kommen sie doch hier herunter und stellen es in die Kajüte, winkte sie ihm zu. Als Arnoult in den Schiffsrumpf geklettert war, schnupperte er und stellte dabei fest, daß sich die Gerüche der Orgie, wenn es denn eine gewesen war, verflüchtigt hatten. Der Aschenbecher war geleert, ein Bullauge war zum Lüften geöffnet worden und die Sektkelche samt Champagnerflasche waren verschwunden. Nichts deutete auf eine ausgedehnte Party mit Stripeinlage hin. Arnoult setzte sich und stellte die Staffelei ab.
Hier haben sie also gefeiert …
Ja … das ist richtig, erwiderte Françoise vorsichtig. Aber das ist jetzt nicht mehr wichtig, ich glaube, ich werde nie mehr bei so etwas mitmachen, fügte sie hastig an.
Der Polizist, der hier war, um sie abzuholen, hat erzählt, daß sie noch bekleidet waren …
Stimmt, ich hatte Glück, ich habe eben ein paar mal gewonnen und deshalb …
Und Monique war die Verliererin?
Nicht unbedingt, schließlich hat Christophe ihr etwas zugesteckt, damit sie mitmacht.
Wieviel?
Ich weiß nicht … dreihundert Euro vielleicht. Françoise Clavine zuckte mit den Schultern. Sie öffnete die Kühlschranktür und nahm eine Flasche Perrier heraus. Sie schraubte den Verschluß ab und goß ein Glas randvoll, bevor sie es Arnoult gab. Haben sie denn vorher so etwas schon gemacht?
Gott bewahre … nein … das war das erste und letzte Mal … Oh, hören sie. Der Motor ist aus, wir segeln. Ist das nicht himmlisch. Sie berührte seinen Arm. Ganz leicht nur, aber es fühlte sich gut an. Nicht nach Berechnung, sondern wie die Geste einer Freundin, die ihre Begeisterung mit jemandem teilen möchte.
Lassen sie uns an Deck gehen. Ich weiß nicht, ob ich seefest bin. Frische Luft wäre mir lieber. Arnoult trank das Glas leer und stapfte hinter ihr die Stiege hinauf, wobei er ihr wohlgeformtes Hinterteil direkt vor seiner Nase hatte.
Wohin geht die Reise? Er beobachtete Heroult, der am Steuerrad stand, eine Sonnenbrille trug und einen prüfenden Blick auf das perfekt geblähte Segel warf. Die Petite Fleur tauchte kurz in die Wellen ein und kam sofort wieder hoch. Wie ein bockiges Pferd, das auf einem Parcours tänzelte und nur auf den energischen Schenkeldruck seines Reiters reagierte.
Lassen sie sich überraschen. Ich kenne eine Bucht, westlich von St. Cyr, etwa drei Seemeilen entfernt. Dort werden wir vor Anker gehen. Das Wasser ist flach und der Strand nur von See aus zu erreichen. Wir sind dort ungestört. Ich lade sie zu einem Picknick ein. Sie werden sehen, es wird ihnen gefallen.
Und warum das alles? Arnoult hockte sich backbord neben Heroult auf einen umgedrehten Eimer.
Sehen sie, Kommissar Arnoult, ich weiß ja nicht, was ihnen mein Stiefbruder erzählt hat, aber … nach dem Tod meines Vaters führe ich die Geschäfte alleinverantwortlich. Ich habe erst seit kurzem einen kompletten Überblick über unseren Kontostand. Wir haben noch einige Verbindlichkeiten gegenüber unseren Lieferanten. Wenn wir diese beglichen haben, ist das Konto auf Null. Null gleich Null, wenn sie wissen, was ich meine. Die Villa ist unser Geschäftssitz, den können wir nicht so einfach veräußern, um Monsieur Pirez auszuzahlen.
Und der Picasso? Arnoult blickte zu ihm hoch.
Der Picasso ist sicherlich einiges wert. Ich hatte vor, das Kunstwerk zu verkaufen. Mit dem Erlös wollte ich die Serie vorfinanzieren, in der Mademoiselle Clavine mitspielt.
Wie hoch ist die Versicherungssumme ?
Etwa 1,5 Millionen Euro. Heroult starrte auf das Meer. Haben sie ihren Bruder vorher schon einmal gesehen? Nein, ich bin zwanzig Jahre jünger. Meine Mutter hat Vater in Paris bei einem Theaterbesuch kennen gelernt. Sie hat sich in St. Cyr nie richtig wohl gefühlt. Als mein Vater vorschlug, einmal nach Buenos Aires zu fahren, damit ich meinen Stiefbruder kennenlerne, hat sie ihm mit Scheidung gedroht. Mutter ist vor vier Jahren an Krebs gestorben. Sie hat den Namen Pirez nie erwähnt. Für sie gab es nur mich und meinen Vater. Sie war eine herzensgute Frau und ich habe sie sehr geliebt.
Wissen sie, ob ihr Vater trotzdem versuchte, Kontakt mit seinem Erstgeborenen aufzunehmen?
Ja, er hat mit Annette Pirez, dieser Mätresse, heimlich telefoniert. Ich habe ihn in seinem Arbeitszimmer belauscht. Wenn Maman schlief, und er sicher war, daß ihn niemand beobachtet, hat er sich an seinen Schreibtisch gesetzt, eine Zigarre angesteckt, die Füße hochgelegt, etwas, das ihm meine Mutter nie gestattet hätte, und stundenlang mit diesem Flittchen telefoniert. Ich fand es nicht richtig, schließlich war er mit meiner Mutter verheiratet.
Schön, aber warum hat er dann seinen Erstgeborenen in seinem Testament nicht besser bedacht?
Meine Mutter hat ihn bedrängt. Sie wollte Aristide, diesen Bastard, wie sie sich ausdrückte, am liebsten ganz leer ausgehen lassen. Ich glaube, Vater hat sehr darunter gelitten.
Haben Sie gewußt, daß ihr Halbbruder 1974 versucht hat, Kontakt mit ihrem Vater aufzunehmen und persönlich in St. Cyr war?
Hat er das tatsächlich? Ich weiß davon nichts! Bestimmt wieder einer dieser verdrehten Ideen unseres Professors, erwiderte Heroult spöttisch.
Françoise Clavine war an Deck geklettert und hatte sich auf die Planken zum Sonnen gelegt. Nach einer Weile zog sie ihr T-Shirt aus. Darunter trug sie einen knappen Bikini, dessen Oberteil ihre kleinen festen Brüste kaum bedeckten. Sie war wirklich eine provenzalische Schönheit, mit einem im Fitneßstudio gestählten Körper, der avec un peu fair de la régime in Form gehalten wurde und im schummrigen Licht einer Bühnenbeleuchtung sicherlich erheblich jünger wirkte. Arnoult hatte sie im Clubhaus auf Ende dreißig geschätzt. Jetzt, wo sie sich in ihrem Bikini in der Sonne aalte, hätte sie mancher Zwanzigjährigen die Show gestohlen. Arnoult hatte Mühe, sich auf das zu konzentrieren, was Heroult von sich gab. Er wollte sie nicht anstarren und dadurch sein Interesse an ihr bekunden. Suzanne und sie hätten Zwillingsschwestern sein können. Wie oft war er mit seiner Frau sonntags zum Baden ans Meer gefahren. Manchmal hatten sie es nicht mal bis nach Hause geschafft, um sich zu lieben, sondern sich mit einer Decke unter dem Arm auf eine schattige Lichtung verzogen, hoch oben über Marseille.
Wissen sie was, Heroult? Ich glaube ihnen kein Wort! Arnoult starrte auf das aufgewühlte Meer, dessen weiße Schaumkronen im grellen Licht der Mittagssonne glitzerten. Er dachte an Françoise, deren zarte Berührung bei ihm etwas ausgelöst hatte, das nicht sein durfte. Nicht hier und nicht jetzt. Zum ersten Mal seit dem Tod von Suzanne fühlte er sich wieder zu einer Frau hingezogen. Er schluckte und setzte erneut an, nachdem er sich geräuspert hatte.
Gibt es irgend jemanden, den sie mir nennen können, der dieses ganze Drama, das sie da beschreiben, bestätigen kann? Doch, doch, das entspricht alles der Wahrheit. Sie können das nachprüfen. In St. Cyr gibt es eine alte Dame, Madame Esterell, zugegeben ein bißchen verwirrt, über achtzig, aber die kennt unsere Familie und vor allen Dingen Annette Pirez seit undenklichen Zeiten. Sie hat mit der Mutter meines Stiefbruders in Paris gelebt. Soweit ich mich erinnere, weiß sie auch, wie der Picasso in unseren Besitz geraten ist.
Heroult steuerte die Petite Fleur auf das Ufer zu. Der weiße Sandstrand öffnete sich zu einer schmalen Fahrrinne, rechts und links eingezwängt von hoch aufragenden schroffen Felsen, die das gleißende Licht schluckten, als das Boot an ihnen vorbeiglitt. Das Surren eines Elektromotors war zu hören und wie von Geisterhand wurde das Großsegel gerefft. Die Petite Fleur verlor an Fahrt und dümpelte schließlich wie ein Korken auf dem blau leuchenden Wasser dem Ufer zu. Heroult stand am Bug des Schiffes und warf einen kleinen Metallanker über Bord. Das Schiff swoite herum, sodaß es mit dem Heck etwa zwanzig Meter vom weißen Sandstrand entfernt zur Ruhe kam. Heroult streifte seine Jeans ab und zog sein T-Shirt aus. Sein braungebrannter muskulöser Oberkörper glänzte in der Sonne, als er mit einem Hechtsprung ins Wasser sprang. Françoise stand auf und ging zum Heck des Schiffes, an dem ein Schlauchboot mit einem Außenbordmotor festgemacht war.
Helfen sie mir, Arnoult?
Aber ja doch.
In der Kajüte habe ich einen Picknickkorb und einen Sack mit Grillkohle bereitgestellt. Können sie mir den bringen? Ach ja, und im Kühlschrank sind die tiefgefrorenen Evian-Wasserfla-schen, die nehmen wir statt Kühlakkus. Wenn sie aufgetaut sind, haben wir herrlich frisches Trinkwasser. Sie ließ sich behende wie eine Katze in das Schlauchboot gleiten.
Arnoult kletterte die kleine Stiege hinunter und fand einen prall gefüllten Korb samt der Grillkohle auf dem Tisch bereit gestellt. Nachdem auch seine Malutensilien und die Wasserflaschen an Bord verstaut waren, warf Françoise den Außenborder an und manövrierte das Schlauchboot zum Ufer der kleinen Bucht.
Heroult hatte inzwischen einige größere Steine zu einem Kreis angeordnet und trockene Pinienzweige gesammelt, die er anzündete, nachdem er sie in dem provisorischen Grill gestapelt hatte. Als das Feuer brannte, schüttete er Kohle in die Glut und legte ein mitgebrachtes Metallrost auf die Steine. Während drei gefüllte Doraden, die in Aluminiumfolie gewickelt waren, auf dem Grill garten, hatte sich Arnoult mit dem Skizzenblock auf den Knien in den Sand gesetzt und begonnen, die Petite Fleur zu zeichnen, wie sie vor der Bergkulisse auf den blauen Wellen schaukelte.
Kommen sie ins Wasser! Françoise lachte und winkte ihm zu.
Ich bin ein schlechter Schwimmer!
Das glaube ich nicht! Vermutlich hat ihre Frau ihnen verboten, mit mir zusammen zu baden, neckte sie ihn, wobei sie auf ihn zugeschwommen kam.
Sie wird sich bestimmt nicht im Grabe umdrehen, wenn ich hier mit ihnen planschen würde, erwiderte Arnoult eine Spur zu scharf.
Ohhh … das wollte ich nicht … Ich wußte gar nicht, daß ihre Frau tot ist, antwortete Françoise verwirrt, wobei sie aus dem Wasser stieg und sich neben ihm in den Sand fallen ließ.
Es ist angerichtet, hörten sie Heroult rufen, der die gegrillten Fische auf Tellern serviert und mit Zitronenscheiben garniert hatte.
Sie aßen schweigend.
Wissen sie was, Kommissar Arnoult? Sie werden die Typen schon schnappen, die meinen Picasso gestohlen und den armen Bertrand erschlagen haben. Und ich schwöre bei Gott, daß mein Halbbruder, dieser Erbschleicher, nur den Anteil erhält, der ihm nach dem Testament zusteht. Heroult leckte sich die fettriefenden Finger ab.
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